22 — Nr. 30. Gießen, Sonntag, den 23. Juli 1899. 6. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 285 Mitteldeutsche Auntags⸗Zeitung. Redaktions schluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 2 Ab onnemeutspreis: 9 Weltpolitik. V. Es giebt Weltpolitik und Weltpolitik. Was man bisher so nannte, das war die Poli— lik der Welteroberung und der Weltausraubung. Die massenmordenden Despoten des Alter— tums und Mittelalters: die Cyrus, Alexander, Cäsar,— die Tamerlan und Dschingiskan baren große Weltpolitiker. Zu Anfang dieses Jahrhunderts war Napoleon Weltpolitiker. Und Weltpolitik ist Jahrhundertelang betrieben worden von dem Römerreich, das davon berfault ist, und wird in der Gegenwart be— krieben von zwei Staaten: England und sußland. Allerdings von beiden in entgegen⸗ 1 175 Geist, mit entgesetzten Zielen. In ußland die Weltpolitik des Despotis⸗ mus, sich stützend auf die Knechtschaft des Volkes, wie das Römerreich auf die Sklaverei und darum die gleichen Folgen schon zeigend: die Symptome der Zersetzung. Das erinnert uns an ein anderes Weltreich, das über ein Jahrhundert geblüht hat, und dann, nach jahr⸗ undertelangem Siechtum, vor unseren Augen usammengebrochen ist: Spanien, dieses stagischste Opfer der Weltpolitik, das, von der fatkur und vom Glück begünstigt wie kein weites Reich der neueren Geschichte, deshalb zu e„ N N r bun runde gehen mußte, weil es nicht begriff, daß lieber s nur zwei gesunde Grundlagen der Staaten 1 siebt: Freiheit und Arbeit. rf. Das zweite der beiden Weltreiche der Gegen⸗ er ch] bart hat diese beiden Grundlagen. In keinem perl⸗ bande der Welt herrscht mehr politische Frei⸗ dual] seit, in wenigen so viel. Und das englische Weltreich ist nicht im en in] Fberfall— wie seine Feinde, voran die deutsche n zunkergesellschaft, uns Tag für Tag vorreden. ** England ist ein Weltreich, und muß als alches eine Weltpolitik haben. Allein dieses de- Geltreich ist in eine innere Krise geraten. Seit ˖ mem Menschenalter und mehr drängen die lat. berhältnisse zu dem logischen Schluß, daß die fügt, a Froberung das schlechteste Mittel ist zur Ge⸗ hneide binnung von Macht und Reichtum, daß 3. B. dea e Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika mer 9 kngland hundertmal mehr Vorteile bringen, abu als weiland die englischen Kolonien von Nord⸗ merika— und daß die beste Weltpolitik ist: „ ßreiheit im Innern und Friede nach — lußen. Wohl hat dieser Gedanke noch nicht en Sieg erfochten, er gewinnt jedoch stets heitere Kreise und ist bereits ein Faktor, mit N sem die englische Regierungspolitik zu rechnen ö hat 5 MWMWas sich in Deutschland die„Weltpoli⸗ it“ nennt, ist die reine Kinderei! 5 bu, Wir bauen Schiffe, fahren Volldampf vor⸗ Nachf. us! ins blaue Meer, suchen teleskopisch und Uikroskopisch nach Inselsplittern, die noch nicht Altdeckt sind, ziehen die deutsche Flagge über Sümpfen und Sandwüsten auf, die kein Mensch put haben will, und schreien triumphierend in le Welt: wir sind Weltpolitiker— wir haben ll ine Kolonialpolitik! ö Was diese Weltpolitik der ug des lünderraubes oder Länderkaufes in Wirklichkeit fl. was sie für die Menschheit, für die Kultur z leisten vermag— das lehrt uns der Hokus⸗ kus, welchen die Herrn Weltpolitiker uns seit tigen Monaten im Haag verspielen. Nicht — 1 Pfund Bestelluugen einmal auf dem Papier haben sie den uralten Plan vom Schiedsgericht in präsentable Gestalt bringen können. Ein Schiedsgericht, dem sich nur der zu fügen hat, der von vornherein keinen Krieg führen will oder kann— das Lichten⸗ bergsche Messer ohne Stiel und Klinge. Wahr⸗ haftig, wenn der schwedische Staatsmann Oxenstierna seinem Sohne in einer besonderen Lektion hätte veranschaulichen wollen, mit wie wenig Verstand regiert wird, er hätte nichts Besseres thun können, als diesen Haager Friedenskongreß zu veranstalten. So klar ist die Unfähigkeit der Staatsregierer-Zunft den Völkern niemals gemacht worden! Während die Weltpolitik der Welt- politiker sich im Haag theorrtisch und in allen Teilen der Welt praktisch als unfähig zum Guten und fähig mir zum Schlechten bekundet, treibt das internationale und sozialdemokratische Proletariat praktische und theoretische Weltpolitik, die das Gegenteil ist von dem, was man heutzutage Weltpolitik nennt. Ueberall in allen Ländern die gleiche Politik: Politik des Friedens und der Freiheit. In England wo ein Teil der regierenden Sippe jetzt einen schmählichen Krieg zu entzünden bemüht ist, fällt die Weltpolitik der Aberter den Verbrechern in die Arme. Mächtig erhebt sich der Protest des englischen Proletariats gegen den Kriegs⸗ spekulanten Chamberlain; und unser Londoner Partei⸗Organ, die„Justice“, hat recht: fügt Chamberlain sich nicht gutwillig, so wird der Volkszorn ihn zwingen. Das bischen Protest der liberalen Bürger will nichts besagen; den Millionen der englischen Arbeiter läßt sich nicht ungestraft trotzen. Und schon vor 40 Jahren, als die englische Oligarchie — die bevorrechteten oberen Zehntausend— mit den vereinigten Staaten zur Erhaltung der Sklaverei Krieg anfangen wollte, war es der zornige Protest der englischen Arbeiter, der den Krieg verhinderte, wie Marx in einer seiner Denkschriften für die Internationale Arbeiter⸗ association so beredt dargelegt hat. Das war schon Weltpolitik— Weltpolitik des Proletariats. Als vor einigen Monaten derselbe Chamber⸗ lain zum Krieg mit Frankreich hetzte, waren es die sozialdemokratischen Arbeiter Frankreichs und Englands, die durch ihren Massenprotest dem Krieg vorbeugten. Das war Weltpolitik der Proletariats. Und die Arbeiter Deutschlands und Italiens, die sich der sogenannten Kolon ial⸗ politik mit aller Kraft widersetzen und dadurch für die Erhaltung des Friedens unter den Völkern wirken— sie treiben Weltpolitik. Und die Arbeiter Oesterreichs, die das zerfallende buntscheckige Reich auf dem Bo den der Freiheit und Gleichberechtigung aller Natio nen und aller Staatsangehörigen zu verjüngen und 1 zu begründen streben— sie treiben Welt⸗ olitik. 0 Und welche von beiden Weltpolitiken ist die bessere? Welche weitsichtiger und schöpferischer? Welche von beiden bringt der Welt den Krieg? Und welche den Frieden? Welche dient der Barbarei? Und welche fördert die Kultur? Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. ch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33 s½% und bei 2 Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung“ kostet durch unseres nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt dur die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bei mindeste ns mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Die pfäffischen und nicht pfäffischen Zeloten aber, die der internationalen Sozialdemokratie vorwerfen, sie wolle alles zerstören, was der Menschheit heilig und wert sei, erinnern wir au das stolze Wort, das der Canadier unseres Seume aussprach: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen.“ politische Nundschau. Gießen, den 21. Juli. Die Vielumworbenen. Unsere Parteigenossen in Bayern sahen sich in der kritischen Lage, heiß umworben zu werden von all den Parteien, von denen sie sonst als Ausgeburten der Hölle verdammt werden. Während noch die Liberalen gegen das Zentrum wüteten, weil es mit der Sozialdemo⸗ kratie bei den Landtagswahlen einen Bund ge— schlossen habe, mußten sie an ihren eigenen Parteileuten dasselbe Fürchterliche erleben. Im Wahlkreise Zweibrücken-Pirmasens stauden 101 Zentrumswahlmänner 102 liberalen Wahl⸗ männern gegenüber und nur zehn sozial⸗ demokratische Wahlmänner gaben den Aus⸗ schlag. Das Zentrum sieht sich nun genötigt, unserer Partei von den drei Mandaten eines zu überlassen. Was sollen die Liber alen beginnen? Da findet sich im„Pirmasenser An⸗ zeiger“ folgender Aufruf: „Ein Handelsgeschäft macht das Zentrum mit den Sozialdemokraten, indem es ein Mandat den„Roten“ zugesteht und zwei „schwarze“ Mandate erobert. Resultat: Ver⸗ mehrung der Zentrumsmajorität im Land⸗ tag um zwei Sitze. Wie wäre es nun, wenn die Liberalen das Handelsgeschäft mit den Sozialdemokraten machen würden? Sie müßten natürlich mehr bieten, also zwei rote Mandate und ein liberales. Resultat: Vermin derung der Zentrumsmajorität im Landtag um zwei Sitze. Wir empfehlen den liberalen Wahl⸗ männern dieses einfache Rechenexempel zur Ueberlegung. Gefühlspolitik ist keine Politik. Man muß im politischen Handwerk mit den gegebenen Thatsachen rechnen. Die Sozial- demokraten find nun einmal leider nach dem Ausfall der Urwahlen das Zünglein an der 5 TTVTTVTT—..——̃̃— Diesen Gestell-Zettel bitten wir entweder an einen unserer Austräger abzugeben oder an die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, einzu enden. Ich bestelle hiermit die Mittel deutsche Sonntags-Zeitung. —.] ³r rr% ˙⅛mÜm-ůpa. ̃ ͤ æEP m 2 5 g Neu hinzutretenden Abonnenten liefern wir den Anfang d. Erzählung„Michael Kohlhaas“ nach. erer re ee 0 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 30. Wage. Die Situation steht fest. Lamentieren hilft nichts. Es handelt sich nur nach darum, aus der Situation die nötigen Konsequenzen zu ziehen und demgemäß zu handeln. Besser zwei Sozialdemokraten und einen Liberalen, als einen Sozialdemokraten und zwei Zen⸗ trumsmänner! Von zwei Uebeln soll man das kleinere wählen.“ Aber auch das konservativ gerichtete Bündlerblatt des Kreises Fürth⸗Erlangen, die „Südd. Landespost“, muß sich bequemen, für die Wahl eines Sozialdemokraten einzutreten, um nicht leer auszugehen. Das Blatt schreibt: „Was vor der Wahl noch ging, das geht heute nicht mehr! Soweit wir die Stimmung kennen, bleibt es bei der Forderung: zwei bauern freundliche Abgeordnete, der dritte mag der Partei angehören, welche den Bauern zu ihrem Rechte verhilft.“ Die Partei, die dieses konservativ-bünd⸗ lerische Lob erfährt, ist die Sozialdemo⸗ kratie. So rächt sich ein widerwärtiges Wahlsystem an seinen eigenen Verteidigern, in⸗ dem sie gezwungen werden, ihre schärfsten poli⸗ tischen Gegner zur Wahl zu empfehlen, denen sie sonst gern die Gleichberechtigung und jede Existenzberechtigung bestreiten. Die bayerischen Wahlen. Der Ausfall der am Montag vollzogenen Wahlen hat ergeben: Von den 159 Mandaten erhielten das Zentrum 83, die Liberalen 45, die Konservativen 4, der Bauernbund mit seinen verschiedenen Schattierungen(südbayerische 6, unterfränkische 2, mittelfränkische 5) zusammen 13, die Sozialdemokraten 11, die Demo⸗ kraten 1 Mandat, außerdem 2 Wilde. In der alten Kammer hatten die Fraktionen folgende Stärke: Zentrum 74, Liberale 67, Bauernbund 7, Sozialdemokraten 5, Konservative 4, Volkspartei 1 und 1 Wilder. Das Zentrum hat also gewonnen 9 Mandate und damit die Mehrheit; die Liberalen haben verloren 22 Sitze, die eigentlichen Bauernbünd ler verloren 2, die Agrarier im preußischen Sinne eroberten von den Liberalen 8 Mandate. Der Gewinn der Sozialdemokratie beträgt 6 Sitze.— Von Interesse ist das Urteil des Dr. Sigl vom„Bgr. Vaterland“ über die Bauern⸗ bündler, weil gerade diese den Dr. Sigl oft zitieren. Sigl schreibt: „Die kläglichste Rolle werden die Bauernbündler spielen Sie werden ganz bedeutungslos sein, weil sie die Meinung von ihrer Unfähigkeit nicht nur bestätigt, sondern noch weit übertroffen haben. Mit ihnen wird der kommende Land⸗ tag nint mehr rechnen.“ Die bayerischen Bauernbündler haben sich ebenso unfähig im Parlament erwiesen, wie ihre hessischen Gesinnungsgenossen. Schimpfen konnen sie hüben und drüben, damit ist aber im Parlament nichts für die Bauern zu erreichen. Sachkenntnis, Intelligenz und Fleiß sind unent⸗ behrlich in den Landtagen. Davon ist aber bei den antisemitischen Blechschwätzern selbst bei Zuhilfenahme von Röntgenstrahlen nichts zu entdecken. — 0 Ueberall Freunde erwirbt sich die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstand und Herz des Lesers— im Gegensatz zu den kraft- und saft⸗ losen gegnerischen Blättern, die sich entweder nach „oben“ richten müssen oder direkt auf die Dumm⸗ heit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren Jedermann aus dem Volke ist im Stande, sich durch das Lesen der„Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung“ auf dem Laufenden zu erhalten. Frei von allem unnützen Ballast, bringt die „Mitteld. Sonntags⸗Zeitung“ nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Interesse ist und was jedermann wissen muß. Dr, rr: ̃¶ĩ˙.] g Erhebungen über die Sozialdemokratie. In der preußischen Monarchie sind kürzlich wieder Erhebungen über den Umfang der Sozial⸗ demokratie auf dem platten Lande veran⸗ staltet worden. Die Gemeindevorsteher hatten zu diesem Zweck bestimmte Fragen über die Beteiligung der Einwohner an der sozialdemo⸗ kratischen Partei, ihren Versammlungen, ihren Vereinen ꝛc. zu beantworten. Zu unserer großen Freude haben dann wohl die Gemeindevorsteher in den Gießen benachbarten preußischen Orten Gleiberg, Krofdorf, Launsbach und Wißmar berichten müssen, daß die Sozialdemokratie riesige Fortschritte macht. Kein Schandgesetz. Das Münchener Schöffengericht hat mehrere Sozialdemokraten wegen groben Unfugs zu je 20 Mark Geldstrafe verurteilt, weil sie in Versammlungen die Zuchthausvorlage ein Schandgesetz nannten. Das Gericht sagt ausdrücklich, man müßte ein besonderes Ge⸗ setz schaffen, um eine derartige Beschimpfung gesetzgebender Faktoren bestrafen zu können, wenn man nicht dem Grobe Unfug-Paragraphen die weitgehende Auslegung gäbe. Das ist, so meint die„Frkf. Ztg.“, eine richterliche Auf⸗ fassung, gegen die protestiert werden muß. Da⸗ nach soll der Paragraph extensiv ausgelegt werden, um etwas bestrafen zu können, was vom Gesetz nicht unter Strafe ge— stellt ist. Das ist eine Sache, die den Richter absolut nichts angeht. Er hat nichts weiter zu thun, als das bevorstehende Gesetz anzu⸗ wenden. Ob das Gesetz eine Lücke enthält oder nicht, hat ihn als fungierenden Richter gar nicht zu tangieren. Damit kann er sich als Staatsbürger beschäftigen. Der Richter hat nur nach dem Thatsächlichen zu erkennen. Wo⸗ hin kommen wir, wenn die Richter Gesetzgeber spielen? Das Argument des Münchener Schöffengerichts beruht auf dem Streben, um⸗ zuschauen, wo und wie man strafen kann. Das ist das Ideal einer Rechtspflege nicht. Die Konsequenz des Münchener Urteils ist einfach das Verbot jeder scharfen Kritik und Polemik gegen gesetzgeberische Pläne. Als ob die letzteren nur für die Regierungen und nicht in erster Linie für das Volk von Bedeutung wären. Das Münchener Urteil geht wohl von der An⸗ schauung aus, daß, indem man eine Vorlage d. h. ein vorläufiges Elaborat ein Schand⸗ gesetz nennt, Leute beunruhigt werden können. Aber warum spricht es nicht von der Beunruhigung, in die Millionen von Deutschen durch die Vorlage selbst ver⸗ setzt worden find? Warum beachtet es nicht, daß das scharfe Wort„Schandgesetz“ von dieser Beunruhigung diktiert und eine Abwehr dieser Beunruhigung ist? Dieser Gegensatz allein zeigt schon, daß eine Anschauung, wie sie das Münchener Urteil bekundet, eine Verirrung be— deutet! Sozialistische Polizei. Bürgermeister Buls aus Brüssel hat den vernünftigen Plan gefaßt, bei Straßenaufzügen und Volksdemonstrationen der Arbeiter der sozialdemokratischen Partei die Sorge für die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu überlassen. Darob ee unserer Sozialistenfresser. Die Sozialisten als Ord— nungspartei anerkannt! Das ist unseren Um⸗ stürzlern von oben natürlich ein undenkbarer Gedanke. Herr Buls ist aber durch das Zeter⸗ geschrei nicht irre gemacht worden. Wie der „Peuble“, unser Brüsseler Parteiorgan, berichtet, finden förmliche Verhandlungen statt und die Angelegenheit befindet sich auf dem Wege end— gültiger Regelung. In Amerika ist beiläufig wiegerholt schon die sozialistische Partei bet öffentlichen Aufzügen, Arbeiter-Manifestationen u. s. w. von der Polizei zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingeladen worden. Wird es unseren Recke und Puttkamer nicht rot vor den Augen? a Auf einem toten Punkt ist nach Herrn Liebermann von Sonnenberg, der es doch wissen muß, die antisemitische Bewegung angekommen. Er schreibt in den deutschsozialen Blättern:„Es unterliegt keinem Zweifel, und es wäre thöricht, wenn man sich in unseren Parteikreisen darüber einer Selbst⸗ täuschung hingeben wollte, daß die große natio⸗ nale antisemitische Bewegung im deutschen Reiche augenblicklich auf einem toten Punkte angekommen ist, der überwunden werden muß.“ Diesem sachkundigen Urteile wird man nur den Wunsch hinzufügen können: Sie ruhe sanft! Die bezahlten Agitatoren spielten seit jeher in dem Hetz⸗ und Schimpf⸗ resister unserer modernen Innungsschwärmer eine große Rolle, wenn es galt, den Organi⸗ sa ionen der Arbeiter eins am Zeuge zu flicken. Um so interessanter ist es, die Herrn Innungs⸗ Agitatoren an der Hand ihrer eigenen Kassen⸗ berichte auf ihre„uneigennützige“ Thätigkeit für die Innungen, aufmerksam zu machen. Vor uns liegt der Rechenschaftsbericht der Tischler⸗ Innung zu Berlin, welche zur Zeit einen Mit⸗ gliederbestand von 1124 Meistern und 233 Witwen hat. Nach dem Bericht über das Etats⸗ jahr 1898—99 bezogen die beiden Obermeister der Innung eine„Entschädigung“ von 1600 Mark, der erste Obermeister ferner eine Miets⸗ entschädigung von 300 Mark, die Kassierer eine Tantieme von 439.64 Mark, der erste Ober⸗ meister für Ausschreibung der„Lehrbriefe“ 86.50 Mark, die Prüfungskommission eine Ent⸗ schädigung von 1258.86 Mark, der erste Ober- meister und erste Schriftführer ferner eine „Gratifikation“ von zusammen 650 Mark. Endlich weist der Bericht nach, daß an die Vorstandsmitalieder„für Agitation zur Zwangs⸗ Innung“ 1387 Mark, an Repräsentationskosten beim Tischlertag 375 Mark und für„Recher⸗ chieren der Lehrlinge“ 285.50 Mark ausgezahlt worden sind. Das ergiebt zusammen an Ent⸗ schädigungen, Gratifikation, Tantiemen, Re⸗ präsentations- und Agitationskosten ꝛc. eine Ausgabe von 6383.50 Mark. Es entfallen so⸗ mit von diesen persönlichen Unkosten auf jeden der 1124 Innungsmeister 5.57 Mark. Dabei betrug die Gesamteinnahme der Innung im Be⸗ richtsjahre 12.099.98 Mark, die Gesamtausgabe 11.662.70 Mark. Weit über die Hälfte aller Einnahmen sind demnach für persönliche Ent— schädigungen an die Agitatoren der Innung ge⸗ zahlt worden. Ganz beachtliches Agitations— material. Gegen die Gewerbegerichte. Vernünftiger- und berechtigterweise hatte das Berliner Gewerbegericht— Arbeitgeber und Arbeitnehmer— sich gegen die Zuchtlausvorlage ausgesprochen. Das paßt natürlich dem König Stumm nicht und seine Redakteure in der„Post“ müssen nun gegen die Gewerbegerichte hetzen. Sie verlangen eine Einschränkung ihrer Zu⸗ ständigkeit und ein nach rückwärts zu revidieren⸗ des Wahlverfahren. Die Bescheidenheit selber! Aus dem Junkerparadies. Wenn wir behaupten, daß es hauptsächlich die brutale, menschenunwürdige Behandlung ist, die die Landarbeiter aus Ostelbien wegtreibt, dann bezeichnen das die Agrarier und ihre antisemitischen Söldlinge in den Zeitungen als sozialdemokratische Lüge und Uebertreibung. Ja, lelbst ein freisinniger Abgeordneter, der Gutsbe⸗ sitzer Bräsicke, der den Kreis Tilsit im Reichs⸗ tag vertritt, nahm dort Gelegenheit, den Agra⸗ riern in dieser Frage beizupflichten, was ihm das Lob des bekannten Herrn von Klinkowström einbrachte. Sicherlich hat ja der Leutemangel dazu beigetragen, daß an einzelnen Stellen die Arbeiter jetzt etwas besser behandelt werden als früher, aber meist kommen da auch nur die jungen Leute in Betracht, von denen man fürchtet, daß sie fortgehen könnten. Die alten Leute aber, die nicht mehr fortgehen können, behandelt man nach wie vor mit der größten Rücksichts⸗ losigkeit, man läßt es sie bei jeder Gelegen⸗ heit fühlen, daß sie dem Gut eine Last sind. Sie sind daher noch am meisten den Rohheiten ihrer Gebieter ausgesetzt. So wird unserem ostpreußischen Bruderblatt ein Vorfall, der sich in Nesselbeck, Kreis Königsberg, abspielte, berichtet, der beweist, welchen Brutalitäten ein alter Landarbeiter ausgesetzt ist. Dort hatte der 64 jährige Kuhhirk mit anderen den Auftrag erhalten, das Vieh erst trocken, dann In d fesozald rates Sghulbor und des Gemein Nehalb he zur karten u. eindera willigen. Zur Er weist die daß die schwingh bekannte beitawil Besichti der in. nommen gereinigt Lohn, d. freier E Winter! schwingt über de Kalserbe licht ge. damalig hin erstt 3 Di 4 utgtsez dl sintere itte belt seulise beit f dieselbe gramm worin er den eil Uberst uf das Nitswil Auel keinen sceiden, Die lacht er borlage „ 0 Nene len, ü dul, 1 meiste N 1600 e Miete ker eint te Oher briefe ine En e Ober. er eint Mal an die Zwang nö kosten „Recher⸗ gezahl an Est en, R N. eie allen so⸗ uf jeden Dale im B ausgabe te aller he Ent) fung ge⸗ itations-“ hatte du ber 1 vorlag m Kön 1„Poe e hetel rer 3, bidierel t selbe . lung pegtleil und ie N für 1 behunde ptsählh, 906% Nr. 30. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. mit frisch von der Weide hereingebrachtem Futter zu füttern, was er auch ausführte. Mittag kam der Inspektor Böhnke nach Hause und war mit dem Füttern höchst unzufrieden. Als ihm der alte Hirt dann sagte, daß er doch selbst diese Art des Fütterns bestimmt habe, geriet er in Wut und schlug den alten Mann mit einem schweren, eisenbe⸗ schlagenen Stock unzählige Hiebe über Kopf und Arme, so daß dem Mißhandelten die Arme bluteten und dick aufschwollen. Da⸗ mit aber nicht genug; der rohe Patron zog auch noch einen Revolver und schoß auf den alten, schwer mißhandelten Mann 4 Schüsse ab, von welchen 3 Kugeln trafen. Der Bedauerns⸗ werte wurde nach Königsberg in die städtische Krankenanstalt gebracht, wo er gegenwärtig noch schwer krank darniederliegt. Der schießlustige Inspektor läuft heute noch frei herum und waltet in altgewohnter Weise seines Amtes. Diese schrecklichen Roten. In dem Orte Langenberg bei Gera will die sozialdemokratische Mehrheit des Gemeinde- rates nicht, daß die Konferenzzimmer des Schulvorstandes mit den Bildnissen des Kaisers und des Fürsten Bismark auf Kosten der Gemeinde geschmückt werden. Sie lehnte deshalb ab, Mittel hierzu aus der Gemeinde— kasse zur Verfügung zu stellen. Für gute Land⸗ karten und sonstige Lehrmittel würde der Ge⸗ meinderat gerne die erforderlichen Mittel be⸗ willigen. Zur Entstehung der Zuchthaus vorlage weist die Bielefelder„Volkswacht“ darauf hin, daß die Aeußerung des Pastors von Bodel— schwingh, welche dem Kaiser Anlaß gab zu den bekannten Aeußerungen über den Schutz der Ar— beitswilligen, seiner Zeit gefallen ist bei der Besichtigung des Ofens, in welchem die Kleider der in Wilhelmsdorf als Arbeiter aufge— nommenen Handwerksburschen vom Ungeziefer gereinigt werden. Als da der Kaiser nach dem Lohn, den diese erhielten(derselbe betrug bei freier Station täglich im Sommer 30, im Winter 20 Pf.), fragte, lenkte Herr von Bodel⸗ schwingh in seiner Antwort ab und sprach über den Bielefelder Streik. Bei dem Kaiserbesuch in Bethel dagegen sei überhaupt nicht gearbeitet worden, während anderseits der damalige Maurerstreik sich nicht bis nach Bethel hin erstreckt hat. Zur Zuchthausvorlage. *Die Einwirkungen zu Gunsten der Zucht⸗ hausvorlage werden mit allen erdenklichen Mitteln fortgesetzt. Die Kreisblätter bringen besondere Flugblätter als Beilagen, und es wäre nicht uninteressant, zu erfahren, aus welchen Mitteln wohl diese besonderen Aufwendungen bezahlt werden. Außerdem wird hinter den Koulissen gearbeitet, um die Nationalliberalen, soweit sie noch nicht für die Vorlage sind, für dieselbe zu gewinnen. Daß auch das Tele⸗ gramm des Kaisers an Geheimrat Hintzpeter, worin er seinen„unbeugsamen Willen“ kundgab, „den einmal als richtig erkannten Weg allem Widerstand und Trotz unbeirrt weiterzugehen“, auf das sogenannte Gesetz zum Schutz der Ar⸗ beitswilligen Bezug hat, wird nicht mehr in Zweifel gezogen. Die Arbeiter dürfen deshalb keinen Augenblick versäumen, sich ihre be⸗ scheidenen Rechte zu wahren. Dieser Tage hat wieder die„Frkf. Ztg.“ recht energisch Stellung gegen die Zuchthaus⸗ vorlage genommen. Sie schrieb: „... Man erspare sich doch alle die schönen Redensarten, daß man nicht die Koalitionsfreiheit an⸗ tasten, sondern nur dem Koalitionszwang zu Leibe gehen wolle, und man sei vor allem vorsichtiger in der Be⸗ hauptung, daß Arbeitgeber und Arbeiter mit gleichem Maße gemessen werden sollen. Denn damit steht nicht nur die Fassung der Vorlage in Widerspruch, sondern auch die bisherige Anwendung der Gesetze. Mit den strengsten Strafen sind alle Ueber⸗ griffe geahndet worden, welche sich Streikende oder die für sie eintretenden Preßorgane behufs Fernhaltung von Zuzug zu den gesperrten Arbeitsftellen zu Schulden kommen ließen. Uns ist aber kein Vorgehen bekannt geworden gegen Arbeitgeber, welche streikenden Arbeitern ein Unterkommen im ganzen Reiche unmöglich gemacht haben, wir haben von keiner Bestrafung solcher Unter⸗ nehmer gehört, welche Arbeiter und sonstige Angestellte, die von ihnen fortgingen, um anderwärts bessere Arbeits⸗ gelegenheit zu finden, aus ihren Stellen durch Androhung von Zwangsmaßnahmen gegen die neuen Acbeitgeber vertrieben. Wo ist denn hier die Gerechtigkeit? Und diese Gegensätze werden durch das Zuchthausgesetz nicht etwa gemildert, sonder noch verschärft. Das Berliner Landgericht J hat vor kurzem den Beweis der Wahrheit für die Behauptung als ge⸗ führt erachtet, daß das Oberlandesgericht in Dresden oft und ohne Umschweife die Sozialdemokraten als minderen Rechts erklärt habe. Während jede Bedrohung und Beschimpfung von Arbeits⸗ willigen durch Streikende streng bestraft wird und nach dem Regierungsentwurf fast als ein todeswürdiges Verbrechen gilt, melden sozialdemokratische Blätter aus Sachsen, ohne daß bisher eine Richtigstellung erfolgt ist, daß dort die Streikenden von Polizeibeamten direkt verhöhnt werden. In Zwickau ist gegenwärtig ein Maurerstreik ausgebrochen, der anscheinend die Unter⸗ nehmer in große Verlegenheit gebracht hat. Die Polizei ist hier sehr eifrig mit Verhaftungen und Anklagen. Sie scheint aber auch eine besondere Art zu haben, den Streikenden gut zuzureden; denn wie die„Sächs. Arbeiterztg.“ berichtet, wurden streikende Maurer von einem Gensdarmen mit Ausdrücken wie„Lumpengesindel, Vagabunden mit zerrissenen Hosen und schiefgelatschten Stiefeln“ bedacht. Der Gensdarm waltet nach wie vor seines Amtes, während kurz vorher ein Maurer, der einen Arbeitswilligen mit einem als Bedrohung aufge⸗ faßten Kraftausdruck bedacht hatte, in Dresden zu zwei Monate Gefängnis verurteilt worden war. Aber noch mehr! Die Zuchthausvorlage stellt unter besonders schwere Strafe das Streikpostenstehen, und schon jetzt verfolgen es manche Gerichte unter Anwendung des Groben Unfug⸗Paragraphen als angebliche Belästigung des Publikums, auch wenn die Streikposten sich darauf beschränken, die zureisenden Arbeiter von dem Ausbruch eines Streiks in Kenntnis zu setzen. In Zwickau aber ist die Polizei, wie der„Vorwärts“ zutreffend be⸗ richtet, umgekehrt dazu übergegangen, auf dem Bahnhof ankommende Maurer daraufhin anzureden, daß sie Arbeit annehmen möchten, während gleichzeitig die früher zugelassenen Streikposten vom Bahnhof und dessen Nähe fortgewiesen worden sind.“ Jetzt kann von wirklicher Koalitions⸗ freiheit schon gar keine Rede sein. Nach An⸗ nahme der Zuchthausvorlage wären die Arbeiter thatsächlich vogelfrei! Es ist fast unglaublich, daß es noch Arbeiter giebt, die angesichts der heutigen Zustände in Deutschland gleichgültig bei Seite stehen. Man sollte annehmen, daß die Reichsregierung, die im Sinne Stumms geniale Sozialpolitik treibt, mit der Zuchthaus⸗ vorlage auch den denkfaulsten und gleichgültig⸗ sten Arbeiter in das Lager der Sozialdemokratie getrieben hätte. Hessischer Landtag. Feuerbestattung. Das Gesetz über die Feuerbestattung ist am Montag auch von der Ersten Kammer angenommen worden. Der Prälat Habicht versuchte aus religiösen Gründen gegen das Gesetz Stimmung zu machen, erzielte jedoch damit keinen Erfolg. Da das Gesetz auch die Zustimmung der Regierung hat, so steht der Benutzung des vor einigen Jahren mit großen Kosten erbauten Offenbacher Crematoriums(Leichenverbrennofen) nichts mehr im Wege. Trotz der vielen„Fälle“ in Hessen brauchen wir uns also doch nicht begraben, sondern können uns verbrennen lassen. Neue Eisenbahnen in Oberhessen. Bei Erledigung verschiedener Eisenbahnfragen macht Ministerialrat Ewald die Mitteilung, daß die preußische Regierung sich für Beibehaltung der zuerst projektirten Linien Lauterbach-Gedern und Stockheim⸗ Frankfurt entschieden habe. Vorbehaltlich der Ge⸗ nehmigung einer Nachtragsforderung durch den hessischen Landtag werden diese Linien also gebaut werden. Die Steuerreform. Bei der Beratung der Steuervorlage erklärt Mini⸗ sterialrat Deisler Namens des Finanzministers, daß es der Regierung sehr schwer geworden sei, in eine Pro⸗ gression der Einkommensteuer bis zu 5 pCt. zu willigen. Nur im Interesse des Zustandekommens der Steuervor⸗ lage habe sich der Finanzminister zum Nachgeben ent⸗ schlossen. Die Abgeordneten Dr. Schmitt(Centrum), Dr. Osann(natlib.), Köhler(Antis.), Weidner (christl.⸗soz.) geben kurze Zustimmungserklärungen zur Vorlage ab. Gen. Ulrich führte u. a. aus: Wir Sozial⸗ demokraten werden für die Reform stim⸗ men, da nunmehr der Ausschuß sich für die Erleichterung der unteren Klassen der Ein⸗ kommensteuer habe gewinnen lassen. Seine prinzipiellen Bedenken beständen weiter, doch wolle er daran die Reform nicht schei— tern lassen. So lange seine Partei in dem Hause vertreten sei, werde immer und immer wieder die Progression in der Vermögens- steuer angestrebt werden. Er sei der Ansicht, daß zwar die jetzige Regierung für die letzthin enthüllten Schäden nicht die Schuld trage, aber sie habe für deren Beseitigung zu sorgen und sei der Kammer Rechenschaft schuldig. Die Steuerreform wurde dann glücklich unter Dach und Fach gebracht. Der Großherzog hat das Recht, das Gesetz zu erlassen.— Am Dienstag fand noch eine Nachmittagssitzung statt, über die wir an anderer Stelle berichten.— Am Mitt⸗ woch hat der Großherzog den Landtag geschlossen. „55 Von Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Das Reptilchen übergeschnappt. * Das Gießener Reptilchen scheint über⸗ geschnappt zu sein. Auf unsere Feststellung, daß es zwar sehr gewissenhaft über Dreyfus, aber sehr ungewissenhaft über die Aufsehen er⸗ regenden hessischen„Fälle“ Dettweiler, Küchler und Schiller berichtete, schreibt das Reptilchen in seiner Dienstagsnummer im Briefkasten: Philippikus. Wie wir uns zum Fall Schiller stellen?— Einstweilen abwartend. Vorurteilsfreie Kreise sind über das verspätete Vorgehen mindestens geteilter Meinung. Solange nicht der Beweis erbracht ist, daß hier sachliche Beweggründe die persön⸗ lichen überwiegen, vermögen uns selbst zünftige Brand⸗ reden nicht zu bestimmen, unsere Zurückhaltung auf⸗ zugeben. Eile mit Weile gilt in jedem Falle als vernünftig; darum lasse man der Gerechtigkeit ihren Lauf. Das Fegefeuer der Zweiten Kammer mag aufs neue seine Wirkung erproben. Ja, bildet sich denn das Reptilchen wirklich ein, daß von ihm jemand verlangt, es solle Stellung nehmen in den erwähnten Fällen? Das verlangt von ihm kein Mensch. Denn wer Stellung zu irgend einer Frage nehmen soll, muß zunächst unabhängig sein und außerdem die nötige Urteilsfähigkeit besitzen. Weder das eine noch das andere trifft beim Reptilchen zu. Was aber von jeder Zeitung, also auch vom Gießener Aemterorgan, verlangt werden kann, ist eine gewissenhafte Berichterstattung, keinem zu Lieb und keinem zu Leid. Dann sagt Reptilchen pfiffig:„Eile mit Weile gilt in jedem Falle als vernünftig.“ Famos! Aber warum hat man denn in der Schulstraße nicht nach diesem Grundsatz gehandelt bei der Bericht⸗ erstattung über den Einzug des Kaisers in Konstantinopel? Damals ging es nicht„Eile mit Weile“, denn der„G. Anz.“ wußte zum großen Gaudium aller Witzblätter Deutschlands schon zu berichten, daß die Muselmänner beim Einzug des Kaisers ganz aus dem Häuschen gewesen wären, als Wilhelm II. noch mehrere Tagereisen von der türkischen Hauptstadt entfernt war! Die schnoddrige Bemerkung über „zünftige Brandreden“ schenken wir dem Reptil, das weder„zünftig“ reden noch schreiben kann. Das Gefühl der Verachtung, das Herrn Prof. Schiller wohl beherrschte, als er die Z w eifel des Reptils an seinen ganz zweifellos sachlichen Beweggründen las, kann nicht größer gewesen sein als der Ekel, der uns jedesmal überkommt, wenn wir uns aus journalistischer Gewissen⸗ haftigkeit mit dem Reptil beschäftigen müssen. Gegen Schulbetteleien. Gegen Geldsammlungen des berühmten Bielefelder Pastors Bodelschwingh für ostafri⸗ kanische Kirchenbauten, die namentlich in den kleinen Städten und auf dem Lande eifrigst in den Schulen aller Konfessionen betrieben wurden, richtet sich eine soeben erlassene Ver⸗ fügung der Kreisschulinspektion in Brieg. Sie lautet:„Es ist zur Kenntniß gekommen, daß an die Lehrer des Bezirks gedruckte Auf⸗ rufe ergangen sind, in den Schulen zu Abhilfe von Notständen in Deutsch⸗Ostafrika Geld ein⸗ Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 30. zusammeln. Da Geldsammlungen unter Schul⸗ kindern durchaus unzulässig sind, wird die Verfügung der Kgl. Regieruug vom 30. April 1875 in Erinnerung gebracht. Diese führt aus: es ist neuerdings uns zur Anzeige gebracht worden, daß in einzelnen Schulen für religöse Vereine von den Kindern Geldbeiträge gesammelt werden. In Folge dessen nehmen wir Veran⸗ lassung, die Vornahme von Sammlungen unter Schulkindern, zu was immer für einem Zweck, strengstens zu untersagen. Abgesehen davon, daß diese Sammlungen unter den Vorgenannten zu unangenehmen Belästigungen der Eltern 1 sind sie öfter die Ursache zur Befriedigung er Eitelkeit und des Hochmuts, indem solche Schulkinder, welche höhere Beiträge leisten, nur zu leicht Anspruch auf besondere Bevorzugung erheben zu dürfen glauben. Andererseits kann es als sicher angenommen werden, daß diejenigen, welche weniger oder gar nichts zahlen, den Druck ihrer Armuth um so tiefer empfinden.“ Das Gleiche sollte nun aber auch für jede Art von Sammlungsunfug unter den Schul⸗ kindern gelten, u. A. auch für die Flottensamm⸗ lungen. Aus dem Arizona ⸗Kicker des Abg. Köhler. * Nachdem wir kürzlich wieder einmal die antisemitischen Dummheiten gebührend in humo⸗ ristischer Weise gewürdigt haben, wird jetzt im Arizona⸗Kicker des großh. Bürgermeisters und Postagenten Köhler wieder eine Dreckschippe voll geistreicher Schmeicheleien abgeladen. Hier eine Probe: 5 „.. Da wir das edle Organ— die M. S. Ztg. ist gemeint, die als Schabbes⸗ zeitung bezeichnet wird— selbst nicht mehr halten, so sind wir auf gelegentliche Zusen⸗ dungen angewiesen und freut es uns regel⸗ mäßig, wenn wir aus dem Blättchen ent⸗ nehmen können, daß das Subjekt, das darin sein Wesen treibt, noch wohlauf ist und seinem Metier als gewerbsmäßige Ver⸗ leumder Ehre macht. Wir konnten dies auch aus der vorliegenden Nr. mit Freuden feststellen. Dieses Mal reißt er sich eine Schleimhaut von seiner brandigroten Jam merseele, weil wir das Treiben der Sozialdemokratie rücksichtslos brandmarken. Dies geht ihm gar sehr wieder den Strich und unser Freund zieht alle Töne der Ver— leumdung und Verdächtigung vom Register. De Soldschytber. u. s. w.“ Das hat uns wohl gethan! Wer von der Gesellschaft in dieser Weise gehaßt wird, braucht sich seiner Thäligkeit im Interesse der Kleinen in Stadt und Land nicht zu schämen. Herr Köhler verdankt sein Reichstagsmandat der Wahlhilfe gebildeter Professoren und wohl⸗ erzogener Fabrikanten. Es geschieht denen von „Bildung und Besitz“ recht daß sie von Herrn Köhler vertreten werden. Aus Marburg. g. In der am Sonnabend, den 15. Juli abgehaltenen Partei-Versammlung legte der bis— herige Vertrauensmann Euler sein Amt nieder und wurde an seine Stelle Gen. Gg. Härtling gewählt. Es ist bedauerlich, daß es wieder persönliche Streitigkeiten waren, die diesen Wechsel herbeigeführt haben, dadurch wird die Bewegung auf keinen Fall gefördert, eher werden noch nicht sattelfeste Genossen abgestoßen. Der 2. Punkt der Tagesordnung erledigte sich dahin, daß der bisherige Kolporteur sein Amt weiter⸗ behält unter anderer Einteilung der Geschäfte. Aus Löhnberg. * Merkwürdiger Weise giebt's immer noch Leute, die es den Sozialdemokraten verübeln, wenn sie einmal ein kerniges Wort gegenüber schoflen Gegnern gebrauchen. Wer nicht nur einseitig unterrichtet ist und Zeitungen der ver⸗ schiedenen Parteien liest, wird wahrheitsgemäß zugestehen müssen, daß die Sozialdemokraten, die von allen Seiten mit den ordinärsten Mitteln „bekämpft“, d. h. verleumdet und beschimpft werden, sich einer weit anständigeren und sach⸗ licheren Sprache zu bedienen pflegen, als die meisten sonstigen Parteien. Jeder Hans wurst, der genau weiß, daß es oben immer ange⸗ nehm berührt, wenn man auf die Sozialdemo⸗ kratie schimpft, jeder karriere⸗ und ordenslüsterne Streber glaubt seine Zwecke am leichtesten er⸗ reichen zu können, wenn er auf die verhaßte Sozialdemokratie schimpft. Wir könnten in jeder Nummer die schäbigsten Verleumdungen fest⸗ nageln. Da wir für diese Nummer so wie so verschiedene Liebenswürdigkeiten dumm geborener Gegner, die leider auch nichts hinzugelernt haben, zusammenstellten, wollen wir auch ein Weilburger Blatt nicht vergessen, dem ein leider nicht er⸗ kennbarer Berichterstatter aus Löhnberg einen Artikel über das dort abgehaltene Kriegerfest geschickt hat. Es wird der Verlauf des Festes geschildert, die Festrede abgedruckt und zum Schluß gesagt:„Der Verein... bleibe was er sein soll: Ein festes Bollwerk gegen die auch leider in unserem Orte sich bemerkbar machende, von Buben geleitete Bewegung derer, welche dem Grundsatz folgen: Ohne Gott, gegen König und Vaterland!“ Dieser Satz— feig aus dem Hinterhalt los⸗ gelassen— ist ebenso gemein, wie dumm. Wir wollen ihn auch lediglich hier unsern Lesern unterbreiten, damit sie sich nicht wundern, wenn eines schönen Tages aus Löhuberg die Mit⸗ teilung kommt, daß ein an Rotkoller unheilbar erkrankter Schwachkopf in die Provinzial-Irren⸗ anstalt eingeliefert ist. Die Wut des Artikel⸗ schreibers erklärt sich sehr leicht aus dem letzten Wahlresultat. Es wurden am 16. Juni 1898 Stimmen abgegeben: 73 sozialdemokratische, 64 nationalliberale, 9 freisinnige und 4 Centrum. Wenn der Mitarbeiter des Weilburger Blattes die arbeitende Bevölkerung, die sich vernünftiger⸗ weise der Sozialdemokratie anschloß, auch in Zukunft in der oben geschilderten Weise an⸗ flegelt, so ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß bei den nächsten Wahlen die Sozialdemokratie in Löhnberg die doppelte Stimmenzahl auf⸗ weisen kann. Hirschel und Köhler als Schadchen. * Im Arizona⸗Kicker des Abg. Köhler, den der frühere Abg. Hirschel verantwortlich redi⸗ giert, finden wir folgendes „Ernstgemeinte Heiratsgesuch. Ein Wittwer in den 30ger Jahren, in einem wohlhabenden Ort Oberhessens sucht eine Ge⸗ hülfin reiner antisemitischer Gesinnung, welche Haus⸗ und Feldarbeit gut versteht. Etwas Vermögen erwünscht. Nähere Auskunft er⸗ teilt die Hess. Druckerei und Verlagsanstalt in Offenbach a. M. 5 Vielleicht haben die Herren Hirschel und Köhler als Schadchen mehr Erfolge aufzu— weisen, wie als Politiker. Mittelalterliches aus Waldeck. k. Wunderbar schön berichtet in der„Cor— bacher Zeitung“ Nr. 62 ein noch aus dem Mittelalter übrig gebliebener Berichterstatter über die Kirmes in Strothe u. a.:„Da saßen sie friedlich beisammen: Freie und Knechte, Juden und Christen und er— warteten sehnsuchtsvoll eine Portion saftigen Schinken“ u. s. w. Das„Deutsche Adelsblatt“ sollte sich den Mummelgreis, der diesen Blöd⸗ sinn schrieb, für seine Redaktion sichern, er dürfte den Geist junkerlichen Dünkels in hoher Vollendung zum Ausdruck bringen. Zum Fall Küchler. * Es verlautet, daß gegen den Landgerichts- direktor in Pension Küchler nunmehr wegen Vergehens gegen§ 211 der Konkursordnung das Strafverfahren eingeleitet worden ist. Küchler hatte sich mit dem wegen betrügerischen Bankerotts zu 2½ Jahren Gefängnis verurteilten Korkstopfenfabrikanten Rapp in bedenkliche Geld⸗ manipulationen eingelassen. In der Kammer wurde die gerichtliche Untersuchung von unserm Genossen Abg. Ulrich schon vor Wochen ge⸗ gefordert.— Krieg dem Edikt von 1820. * Ob es viele Leute giebt, die eine Ahnung von der Existenz des weiter unten im„Fall Schiller“ geschilderten Artikel 13 des Edikts von 1820 hatten? Wir bezweifeln es. Unser Offenbacher Bruderblatt bezweifelt sogar, daß die Regierung den Artikel 13 bis kurz vor dem Fall Schiller gekannt hat. Denn wie leicht hätte sie ihn sonst in den Fällen Dettweiler und Soldan zur Anwendung bringen können! Welch' ein Hochgefühl für die Dozenten der Gießener Hochschule, zu wissen, daß die Re⸗ gierung jeder Zeit ihrer Thätigkeit ein Ende machen kann! Durch die Anwendung des Art. 13 im Fall Schiller hat letzterer selbst eine hochpolitische Bedeutung erhalten und wird nicht erst von der Tagesordnung verschwinden, bis das vorsintflutliche Edikt beseitigt ist. So lange dieses Edikt besteht, ist kein nichtrichter⸗ licher Staarsbeamter— sei er Sekretär oder Regierungsrat, Elementarlehrer oder Unter⸗ richtsprofessor— sicher, durch Art. 13 kalt⸗ gestellt zu werden. Und diese Gefahr wird größer mit der zunehmenden Verpreußung unseres Hessenlandes. Man muß Herrn Schiller dankbar sein, daß er der Mitwelt Kunde ge⸗ geben hat von dem charakteristischen Ausspruch des früheren hessischen Schulallgewaltigen Herrn von Knorr:„Wir warten, Gewehr bei Fuß, auf das, was in Preußen gemacht wird!“ Harmlose Studentenscherze. Verhaftet wurden in Limbach in den letzten Tagen mehrere Schüler des Tech— nikums, die in der Nacht zum 2. Juni groben Unfug und Sachbeschädigungen verübten und verdächtig erscheinen, in dieser Nacht auch die zum Rittergute gehörige, in der Nähe des Bahnhofs errichtete Luftscheune, welche mit Stroh, Heu und anderen leicht brennbaren Vor⸗ räten angefüllt war, vorsätzlich in Brand gesteckt zu haben. Drei der Schüler wurden inzwischen wieder entlassen, während zwei, ein gewisser Nickel aus Erimmitschau und ein ge⸗ wisser Claise aus Breslau, von denen der eine die That verübte und der andere die Streich⸗ hölzer lieferte, in Untersuchungshaft genommen wurden. Der damalige Brand hat den Tod eines Menschen verursacht. In frag⸗ licher Nacht hat der von der Polizei gesuchte Arbeiter Freitag aus Oberlungwitz in der Luft⸗ scheune genächtigt und bei dem Brande so schwere Wunden davongetragen, daß er tags darauf im dortigen Krankenhause verstarb. Kleine Mitteilungen. Gießen. In der Nacht vom Montag auf Dienstag ist die große Festhalle auf dem Trieb niedergebrannt. Vermutlich liegt Brandstiftung vor. Die Halle war versichert. Ein wertvoller Jagdhund, der angekettet war, ist mitverbrannt. — Am Dienstag ist der frühere Schlachthaus verwalter Möhl aus der Untersuchungshaft ent⸗ lassen worden. 5 — In der Nacht vom Dienstag auf Mitt⸗ woch haben sich im Seltersweg wieder Korps⸗ studenten—„die Blüte der studierenden Jugend“ — auf das Flegelhafteste betragen. Wenn man den radaulustigen Gesellen energischer zu Leibe gehen würde, nähmen sie wohl eher Raison an. Strafzettel erregen bei den buntbemützten Herr⸗ chen nur Heiterkeit und werden„mit einer Hand“ bezahlt.— Nicht einmal Kinder sind vor den gebildeten Burschen sicher. Am Dienstag Abend belästigte, wie der Polizeibericht meldet, ein Student ein 13 jähriges Mädchen, das am Bahnhof seinen Vater erwartete. Hoffentlich wird keine Rücksicht auf die Carrière des Laus⸗ buben genommen. Cassel. Hier ist ein Aerztestreik aus⸗ gebrochen. Die Augenärzte der allgemeinen Orts- krankenkasse haben wegen Herabsetzung der Be⸗ handlungssätze die weitere Behandlung der Kranken abgelehnt Die übrigen Aerzte haben sich ihnen angeschlosseu. Auf der Frankfurter und Bettenhauser Chaussee stehen Streikposten, um Zuzug fernzuhalten. Gut, das die Zucht⸗ hausvorlage noch nicht angenommen ist. Arbeiterbewegung. Die Glasergesellen in Gießen stehen immer noch im Streik und zwar jetzt seit vier Wochen. Ihre Forderungen lauteten: 10 stündige Arbeitszeit, Abschaffung der Akkordarbeit und 15% Lohnerhöhung. Nachdem die Glasermeister in den ersten drei Wochen es gar nicht der Mühe wert hielten, den Gesellen eine schristliche Antwort zu geben, schlagen sie jetzt vor: 10 stündige Arbeitszeit und 5% Lohnerhöhung. Damit sind jedoch die Gesellen nicht einverstanden. c heute, und na M. S. entgege 0 * * Zweiten Vormitt 1. Geh. 2 hessich sicht g leitete zur stt . greifen Schult fübren Da! gechlosser unseres eile bee kufen. 7 tüte Bra Magierun dem gan ccfolgt au bes Edikt hilmnise Atilkels Heamten Ob ein betde, f Vblezselben betsttätz⸗ die Lohr Lungen filgung iu Schul Im lehr die Anga ber unte don 17. Damn, e . Ech nit dem habe, U bberal E wird ung Schiller de ge ippruch Herrn i duß d 0 in den Tech, groben n und uch die he des che nit l Vor⸗ rand wurden hei, ein ein ge⸗ er eine treit ommen fat den u frag- gesuchte 1 Luft⸗ schwere Auf in ag auf Trich tlftung ktbollet brannt. bthaus⸗ aft eil f Mit Korpe⸗ gend“ n mal 1 Leibe son al, f Herk⸗ Hand“ or del. Abend et, eil 3 10 ffentll 1 ik au f Ol her B. del che 1 boote, 15 sehel eit biet Nr 30. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Abgesehen davon, daß ihre Forderung bezüglich Abschaffung der Akkordarbeit gar nicht beantwortet wurde, halten sie eine nur 5 prozentige Lohn⸗ erhöhung angesichts der heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse für ungenügend. Um jedoch zu beweisen, daß sie gerne gewillt sind, den Meistern entgegenzukommen, wollen sie 5% von ihrer Forderung streichen und verlangen nur noch 10% Lohnaufbesserung, Die Meister handelten klug, wenn sie jetzt die bescheidenen Forderungen ihrer Gesellen bewilligten. Die letzteren sind sich einig, gut organisiert und brauchen nicht zu fürchen, daß von Auswärts Zuzug kommt. Kurz vor Drucklegung des Blattes wird uns berichtet, daß die Glasermeister— ausge⸗ nommen die Firma Jakobi— die Forderungen der Gesellen bewilligt haben. Die dänischen Unternehmer haben die Hälfte aller in der Industrie beschäftigten Arbeiter ausgesper rt. 40000 Arbeiter, mit Frauen und Kinder zusammen 120000 Menschen, nagen am Hungertuch. Diese Aussperrung dauert jetzt schon 8 resp. 11 Wochen. Das Unternehmertum ver- folgt mit der Aussperrung den ausgesprochenen Zweck, die Arberorganisationen zu vernichten. In allen Nachbarländern Dänemarks, so in Schweden, Norwegen und Deutschland wird kein in Dänemark ausgesperrter Arbeiter ange⸗ nommen. Die internationale Solidarität des Unternehmertums bethätigt sich hier glänzend. Jetzt muß die internationale Solidarität der Arbeiter sich in bestem Lichte zeigen. Trage jeder sein Scherflein bei, um den dänischen Brüdern in der Not zu helfen. Was ihnen heute, kann uns morgen passieren. Helft schnell und nach besten Kräften. Beiträge nimmt die M. S.⸗Z. und A. Bock, Gießen, Dammstraße, entgegen. Zum Fall Schiller. * Unser Parteigenosse Dr. David hatte in der Zweiten Kammer bei deren Zusammentritt am Dienstag Vormittag folgende Interpellation eingebracht: 1. Aus welchen Gründen ist die Pensionierung des Geh. Oberschulrat Prosfessor Dr. Schiller erfolgt? 2. Ist die event. Wiederanstellung dieses um das hessische Schulwesen so hoch verdienten Mannes in Aus- sicht genommen in dem Fall, daß das gegen ihn einge— leitete Disziplinarverfahren einen zureichenden Grund zur strafweisen Pensionierung nicht ergibt? 3. Welche Maßregeln gedenkt die Regierung zu er⸗ greifen, um die blosgelegten Schäden unseres höheren Schulwesens einer gründlichen Heilung entgegen zu fübren? Da bereits feststand, daß am Mittwoch der Landtag geschlossen werden sollte, wurde auf das Verlangen unseres Genossen, den Fall Schiller noch zu besprechen, eine besondere Nachmittagssitzung für Dienstag einbe— rufen. Der Staatsminister Rothe und die Ministerial⸗ räte Braun und Eisenhuth vertheidigten die von der Regierung getroffenen Maßregeln. Dieselben wären nach dem ganzen Vorgehen Schillers notwendig gewesen und erfolgt auf Grund des noch zu Recht bestehenden Art. 13 des Edikts von 1320 über die öffentlichen Dienstver⸗ hältnisse der Civil-Staatsbeamten. Auf Grund dieses Artikels habe die Regierung das Recht, jeden Staats⸗ beamten zu jeder Zeit in den Ruhestand zu versetzen. Ob ein Disciplinarverfahren gegen Schiller eingeleitet werde, sei noch nicht bestimmt, eine Wiederanstellung desselben ausgeschlossen. Derselbe bleibe auch als Uni⸗ versitäts⸗Lehrer pensioniert. Lediglich mit Rücksicht auf die Lehrziele der Universität habe man die weiteren Vor⸗ lesungen Schillers gestattet. Ueber Maßregeln zur Be⸗ seitigung etwaiger Mängel(das klingt ausgezeichnet!) im Schulwesen sei sich die Regierung noch nicht schlüssig. Im Uebrigen bestreiten die Herren von der Regierung die Angaben Schillers. Namentlich auch die Richtigkeit der unten abgedruckten Erklärung in der„Frankf. Ztg.“ vom 17. Juli d. J.— Die Nationalliberalen Osann, Schmeel und Jöckel, der Centrums ma un Dr. Schmitt, sowie der Antisemit Bär erklären sich mit dem Vorgehen der Regierung einverstanden. Osann versicherte in erregtester Weise, schon der Umstand, daß Schiller die demokratische„Frankf. Ztg.“ benützt habe, rechtfertige seine Pensionierung. Echt national⸗ liberal! 0. a Lediglich unser Genosse Dr. David trat im Ein⸗ verständnis mit seinen Parteifreunden für Schiller ein und bekämpfte das Verhalten der Regierung auf das Entschiedenste. Es sei recht bezeichnend, daß man sich auf einen leider noch gültigen Artikel aus dem Jahr 1820 berufe. Dieser Artikel müsse so schnell als möglich beseitigt werden. Nicht immer habe die Regierung sich so schneidig benommen, er erinnere nur an die Fälle Dettweiler, Soldan und Küchler. Schiller habe den wirksamsten Weg eingeschlagen, indem er sich an die Presse wendete. Er habe die Wege gewiesen, die zur Heilung führen könnten, das sei ein Verdienst, kein Vergehen. Der Verlust des Pädagogen Schiller sei für das Land ein unermeßlicher Schaden. Schillers Fehler bestehe höchstens darin, daß er in der Form ein wenig über's Ziel geschossen habe. Das rechtfertige das Vor⸗ gehen gegen ihn nicht. David ging dann ausführlich auf alle die von Schiller bloßgelegten Mißstände ein und kam zu dem Schluß, daß nicht rücksichtsloses Vor⸗ gehen, sondern die Kraft, keine Kritik zu scheuen, wahre Stärke bezeuge. a * Die oben erwähnte Erklärung Prof. Schillers im Abendblatt der„Frkf. Ztg.“ vom 17. Juli hat folgen⸗ den Wortlaut: 1) Ich habe dem Herrn Staatsminister Rothe(in der Audienz am 26. Juni. Red. d.„M. S.⸗Z.“) nicht nur Mittheilung von den im 1. Artikel enthaltenen Thatsachen gemacht, sondern auch von solchen, die im 2. und 3. Artikel enthalten sind. 2) Ich habe ihm auch andere schwere Thatsachen mitgeteilt, die ich„im Interesse des Dienstes“, weil nähmlich die Betheiligten noch im Amte sind, nicht ver⸗ öffentlich habe. 3) Es wurde festgestellt, daß der Herr Staatsminister von keiner einzigen dieser Thatsachen je Kenntniß erhalten hatte. 4) Der Herr Staatsminister hat mir nicht nur die Veröffentlichung der Artikel nicht widerraten, oder untersagt, sondern er sagte,„wenn ich die Wahrheit aufdecken wolle, werde er mich unterstützen.“ 5) Ich mußte erwarten, daß der Staatsminister, nachdem ich ihm das schwerbelastende Material mitgetheilt hatte, etwa sagen würde:„Ich habe nun gesehen, daß Sie in der That Grund zu schweren Anklagen haben; wollen Sie mir das Material in den Artikeln nicht über⸗ lassen, damit ich von Amtswegen Wandel schaffe?“ Natürlich hätte ich ihm sofort die Zusage erteilt, in diesem Falle von einer Veröffentlichung abzusehen, wenn ich Garantien erhielte, daß die Ausmerzung der Schäden erfolgen werde. 6) Ich konnte nur annehmen, der Herr Staats minister erkenne das, was alle Leute die urtheilsfähig sind, er⸗ kennen, daß durch eine solche Klarstellung die von ihm herbeigeführte Entfernung des Ministerialrats Soldan als gerechtfertigt erscheinen und die Thätigkeit der neuen Männer erleichtert werden würde. Uebrigens waren die Artikel seit dem 23. Juni in den Händen der Redaktion der„Frankf. Ztg.“ Professor Dr. Herman Schiller. * * * Die von uns oben skizzierte Kammerverhandlung hat das eine wieder klipp und klar gezeigt: daß die Sozialdemokratie die einzige Partei ist, der es um die Freiheit der Wissenschaft Ernst ist. Nationalliberale, Centrum und Antisemiten einträchtlich beieinander auf der Seite der Re⸗ gierung, die einen Gelehrten maßregelte;— auf der anderen Seite einzig und allein die Sozialdemo⸗ kratie, die für den Gemaßregelten und damit für die Freiheit der Wissenschaft eintritt, denn nicht um die Person Schillers handelt es sich in diesem Fall, sondern um ein Prinzip. Daß sich Prof. Schiller an die demokratische „Frankf. Ztg.“ und nicht etwa an ein Organ der Partei Drehscheibe gewandt hatte, genügt für den national⸗ liberalen Abg. Osann, die oberste Leuchte des hessi⸗ schen Kammerliberalismus, Schiller in Grund und Boden zu verdammen.„Die Benützung der„Frankf. Ztg.“ allein schon rechtfertigt die Pensionierung Schillers!“ polterte der nationalliberale Rechts anwalt und die ultramontanen Dunkelmänner und die antisemitischen Geistesriesen zubelten ihm zu,— die Freisinnigen aber hüllten sich in vorsichtiges Schweigen. Ein Schauspiel für Götter und Sozialdemokraten! Und erst die glückliche Regierung! Sie hat das formelle Recht auf ihrer Seite und sie besteht wie Shylock auf ihrem Schein. Sie hat nach heißem Be⸗ mühen einen 80 jährigen Paragraphen aufgespürt, dem⸗ zufolge die Regierung jeden Staatsbeamten jeder⸗ zeit pensionieren kann. Ein Paragraph aus 1820! Wer denkt nicht mit Entrüstung an jene Zeit, in welcher der die hessische Regierung jetzt deckende„Art. 13“ ent⸗ stand! Das Volk, das im„Freiheitskrieg“ den Fürsten die Freiheit erkämpft hatte, wurde selbst um die ihm verheißenen Freiheiten und Rechte betrogen. Unter dem System Metternich wurden alle freiheitlichen Regungen gewaltsam unterdrückt. 1817 demonstrierten die Stu⸗ denten— damals aus anderm Holz als heute— auf der Wartburg gegen das Unterdrückungssystem. 1819 ermordete der Burschenschafter Sand den russischen Spion Kotzebue, unerhörte Studentenverfolgungen wurden in⸗ szeniert, die Demagogenriecherei blühte und im Herbst 1819 wurden die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse ge⸗ faßt. Ein schmachvoller Zustand herrschte in Deutsch⸗ land. Und in jener Zeit entstand der famose„Art. 13.“ Die Träger des revolutionären Gedankens waren damals die„Liberalen“, von denen keiner sicher war, zu jeder beliebigen Stunde eingesperrt zu werden. Und jetzt jubeln die„Liberalen“ der Regierung zu, die von dem 80 jährigen Paraphen aus der Zeit der Karlsbader Beschlüsse Gebrauch macht, Gebrauch macht einem hervor⸗ ragenden Mann der Wissenschaft gegenüber, der gewagt hat, wider den Stachel zu löcken, der das todeswürdige Verbrechen begangen hat, seine Anklagen gegen die Re⸗ gierung in einer demokratischen Zeitung zu ver⸗ öffentlichen.— Wir Sozialdemokraten sind weit Schlimmeres gewöhnt als den Fall Schiller. Verleumdet, beschimpft und gehetzt, waren wir zwölf Jahre lang unter einem brutalen Ausnahmegesetz vogelfrei, und nach dem Fall des Ausnahmegesetzes sind wir noch für „minderen Rechts“ erklärt worden! Aber alles vergeblich— das Proletariat kennt sein Ziel und giebt den Kampf gegen die Ungerechtigkeit keinen Tag auf. Das Heer des handarbeitenden Volkes gehört der Sozialdemokratie in seiner großen Mehrheit an, daß uns durch Erscheinungen wie den Fall Schiller neue Mitkämpfer aus den Kreisen der Kopfarbeiter und des Beamtenstandes zugeführt werden, ist klar. Sie sollen uns willkommen sein. Platz ist für Alle in den Reihen der Sozialdemokratie, deren Herz für Wahrheit und Gerechtigkeit schlägt, die helfen wollen, das Elend zu bekämpfen, um Allen wirtschaftliche Wohl— fahrt zu sichern. Der Erde Glück, der Sonne Pracht, Des Geistes Licht, des Wissens Macht, Dem ganzen Volke sei's gegeben. Das ist das Ziel, das wir erstreben. ** * Der„Gieß. Anz.“ berichtet in seiner Freitags⸗ Nummer zum zweiten Male über die Verhandlungen des Landtags im Fall Schiller, nachdem er vorher be⸗ reits einen die Affaire in einseitigster und ge⸗ hässigster Weise behandelnden Artikel der„N. H. Vbl.“ abgedruckt hatte. Dagegen hat der Gieß. Anz. seinen Lesern weder den geringsten Hinweis auf Schillers Artikel gegeben, noch dessen Erklärung aus der Frkft. Ztg. ab⸗ gedruckt, auf die in der Kammer wiederholt hingewlesen wurde. Der Gieß. Anz. ist abhängig und geht stets mit der Regierung durch Dick und Dünn. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag. den 22. Juli: Gießener Wahlverein bei Orbig. Arb.⸗B.⸗V. Heuchelheim. Abends 9 Uhr, bei Wirt Ferd. Kröck. Sonntag, den 23. Juli: Friedberg⸗Büdingeu. Kreiswahlverein. Nach⸗ mittags 2 Uhr im Gasthaus zur Lilie in Vilbel Gene⸗ ralversammlung. Tagesordnung: 1. Halbjährliche Ab⸗ rechnung; 2. Vorstandswahl; 3. Verschiedenes. Die Genossen werden ersucht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Briefkasten der Redaktion. W. E., C. B., A. M. und andere in Mar⸗ burg. Ich danke für die angebotene Zeugenschaft, von der ich jedoch keinen Gebrauch machen will. Herr Erd⸗ mannsdörffer hat den bewundernswerten Heldenmut, zu bestreiten, daß er zu mir gekommen ist, um mich zu bitten, nicht unr, wie es in voriger Nummer hieß, mir„nahe zu legen, die Antisemiten gehörig vorzu⸗ nehmen.“ Er bestreitet weiter, daß er in Gemeinschaft mit dem vorsitzenden Pfarramtskandidaten die Redner⸗ liste, die durch Vereinbarung zwischen den Herren Dr. Häberlin, Studiosus Harmony und mir endgiltig festgestellt war, geändert zu haben. Er hat weiter die Stirn, zu behaupten, die Aenderung sei auf meinen dem Bureau gegenüber geäußerten Wunsch geschehen. In Wahrheit habe ich das Bureau nicht mehr betreten, nachdem die oben genannten Herren es gleichzeitig mit mir verlassen hatten. Hoffentlich hat der national-⸗soziale Pfarramtskandidat, der in jener Versammlung den Vor⸗ sitz führte, ein besseres Gedächtnis als Herr Erdmanns⸗ dörffer und redet diesem ins Gewissen. Ich bin fertig mit dem Verfasser der Broschüre: Die Juden und die Cholera. Jede ihm noch gewidmete Zeile wäre unsern Lesern gegenüber eine un verantwortliche Raumverschwen⸗ dung. Mit Herrn Erdmannsbdörffer beschäftige ich mich nur noch einmal und zwar in der ersten Volksversamm⸗ lung, in der ich ihn erwischen kann. Dann wird Fraktur gesprochen. Beste Grüße! Ph. Sch. F.⸗G. Besten Dank! Wie Sie sehen, sehr will⸗ kommen. Vivat sequens. Gruß! E.⸗N. Die Generalversammlung der Zentral⸗ Krankenkasse der Tischler tagt seit Montag in Nürn⸗ berg. Gen. Orbig ist Delegierter. Spediteure! ae e vorliegenden Nummer Exemplare zur Werbung neuer Abonnenten. mehr zugehenden —— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 20. Seite 6. * 22 ee 2 DLL K Anterhaltungs⸗Ceil. N Geistes⸗Schlacht. In einem wildbewegten Kampfe schlagen Die Geister eine Schlacht in diesen Tagen, Von der man reden wird, so lang die Welt Nicht ganz und gar in Schutt und Trümmer fällt. Die Waffen klirren und die Schwerter blitzen! Und wer ein Herz in seinem Busen trägt, Das mit dem Puls der Seiten sich bewegt, Mag gern in solchem Kampf sein Blut verspritzen. Nur der Philister bleibt, was er gewesen. Fern der Gefahr, hält seine feige Nand Die Steine, die im Schmutz er aufgelesen, Und von des Hergebrachten sichrem Stand Faßt er mit ekler Waffe Jene an, Die sein Gehirnchen nicht begreifen kann. Dr. L. Büchner. Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. (2. Fortsetzung.) Nun denn, fragte Kohlhaas, warum also in aller Welt jagte man dich fort?— Herr, ich sag's euch, versetzte der Knecht, weil man meiner los sein wollte. Weil sie die Pferde, so lang ich dabei war, nicht zu Grunde richten konnten. Ueberall schnitten sie mir im Hofe und in der Gesindestube widerwärtige Gesichter; und weil ich dachte, zieht ihr die Mäuler, daß sie ver⸗ renken, so brachen sie die Gelegenheit vom Zaune, und warfen mich vom Hofe herunter.— Aber die Veranlassung! rief Kohlhaas. Sie werden doch irgend eine Veranlassung gehabt haben!— O allerdings, antwortete Herse, und die aller⸗ gerechteste. Ich nahm, am Abend des zweiten Tages, den ich im Schweinekoben zugebracht, die Pferde, die sich darin doch zugesudelt hatten, und wollte sie zur Schwemme reiten. Und da ich eben unter dem Schloßthor bin, und mich wenden will, hör' ich den Voigt und den Ver⸗ walter, mit Knechten, Hunden und Prügeln, aus der Gesindestube hinter mir herstürzen, und: halt, den Spitzbuben! rufen: halt den Galgen⸗ strick! als ob sie besessen wären. Der Thor⸗ wächter tritt mir in den Weg; und da ich ihn und den rasenden Haufen, der auf mich anläuft, frage was auch gibts? Was es gibt? antwortete der Schloßvoigt; und greift meinen beiden Rappen in den Zügel. Wo will er hin mit den Pferden? fragt er, und packt mich an die Brust, Ich sage, wo ich hin will? Himmeldonner! Zur Schwemme? will ich reiten. Denkt er, daß ich— 2 Zur Schwemme! ruft der Schloß⸗ voigt. Ich will dich, Gauner, auf der Heer⸗ straße, nach Kohlhaasenbrück schwimmen lehren! und schmeißt mich mit einem hämischen Mord— zug, er und der Verwalter, der mir das Bein gefaßt hat, vom Pferd herunter, daß ich mich, lang wie ich bin, in dem Koth messe. Mord! Hagel! ruf, ich, Sielzeug und Decken liegen, und ein Bündel Wäsche von mir, im Stall; doch er und die Knechte, indessen der Verwalter die Pferde wegführt, mit Füßen und Peitschen und Prügeln über mich her, daß ich halbtodt hinter dem Schloßthor niedersinke. Und da ich sage: die Raubhunde! Wo führen sie mir die Pferde hin? und mich erhebe: heraus aus dem Schloßhof! schreit der Voigt, und: hetz, Kaiser! hetz, Jäger! erhallt es, und: hetz, Spitz! und eine Koppel von mehr denn zwölf Hunden fällt über mich her. Darauf brech ich, war es eine Latte, ich weiß nicht was, vom Zaune, und drei Hunde streck ich tot neben mir nieder; doch da ich von, jämmerlichen Zerfleischungen gequält, weichen muß: Flüt! gellt eine Pfeife; die Hunde in den Hof, die Thorflügel zusammen, der Riegel vor: und auf der Straße ohnmächtig sink' ich nieder.—. Kohlhaas sagte, bleich im Gesicht, mit er⸗ zwungener Schelmerei: hast du auch nicht ent⸗ weichen wollen, Herse? Und da dieser, mit dunkler Röte, vor sich niedersah: gesteh' mir's, sagte er; es gefiel dir im Schweinekoben nicht; du dachtest, im Stall zu Kohlhaasenbrück ist's doch besser.— Himmelschlag! rief Herse: Siel⸗ zeug und Decken ließ ich ja, und einen Bündel Wäsche, im Schweinekoben zurück. Würd. ich drei Reichsgülden nicht zu mir gesteckt haben, die ich im rotseidnen Halstuch hinter der Krippe versteckt hatte? Blitz, Höll' und Teufel! Wenn ihr so sprecht, so möcht ich nur gleich den Schwefel⸗ faden, den ich wegwarf, wieder anzünden! Nun, nun! sagte der Roßhändler; es war eben nicht böse gemeint! Was du gesagt hast, schau, Wort für Wort, ich glaub es dir; und das Abend⸗ mahl, wenn es zur Sprache kommt, will ich selbst nun darauf nehmen. Es thut mir leid, daß es dir in meinen Diensten nicht besser er⸗ gangen ist; geh, Herse, geh zu Bett, laß dir eine Flasche Wein geben, und tröste dich; dir soll Gerechtigkeit widerfahren! Und damit stand er auf, fertigte ein Verzeichniß der Sachen an, die der Großknecht im Schweinekoben zurückge⸗ lassen; specificirte den Wert derselben, fragte ihn auch, wie hoch er die Kurkosten ausschlage; und ließ ihn, nachdem er ihm noch einmal die Hand gereicht, abtreten. Hierauf erzählte er Lisbeth, seiner Frau, den ganzen Verlauf und inneren Zusammen⸗ hang der Geschichte, erklärte ihr, wie er entschlossen sei die öffentliche Gerechtigkeit für sich aufzu⸗ fordern, und hatte die Freude, zu sehen, daß sie ihn in diesem Vorsatz aus voller Seele bestärkte. Denn sie sagte, daß noch mancher andere Reisende, vielleicht minder duldsam, als er, über jene Burg ziehen würde; daß es ein Werk Gottes wäre, Unordnungen, gleich diesen, Ein⸗ halt zu thun; und daß sie die Kosten, die ihm die Führung des Processes verursachen würde, schon beitreiben wolle. Kohlhaas nannte sie sein wacke⸗ res Weib, erfreute sich diesen und deu folgenden Tag in ihrer und seiner Kinder Mitte, und brach, sobald es seine Geschäfte irgend zuließen, nach Dresden auf, um seine Klage vor Gericht zu bringen. f Hier vefaßte er mit Hülfe eines Rechtsgelehrten, den er kannte, eine Beschwerde, in welcher er nach einer umständlichen Schilderung des Frevels, den der Junker Wenzel von Tronka, an ihm sowohl als an- seinem Knecht Herse, verübt hatte, auf gesetzmäßige Bestrafung desselben, Wieder⸗ stellung der Pferde in den vorigen Stand, und auf Ersatz des Schadens antrug, den er sowohl als sein Knecht dadurch erlitten hatten. Die Rechtssache war in der That klar. Der Umstand, daß die Pferde gesetzwidriger Weise festgehalten worden waren, warf ein entscheidendes Licht auf alles Uebrige; und selbst wenn man hätte an⸗ nehmen wollen, daß die Pferde durch einen bloßen Zufall erkrankt wären, so würde die Forderung des Roßkamms, sie ihm gesund wieder zuzustellen, noch gerecht gewesen sein. Es fehlte Kohlhaas auch während er sich in der Residenz umsah, keineswegs an Freunden, die seine Sache lebhaft zu unterstützen versprachen; der ausgebrei⸗ tete Handel, den er mit Pferden trieb, hatte ihm die Vekanntschaft, und die Redlichkeit, mit welcher er dabei zu Werke ging, ihm das Wohlwollen der bedeutendsten Manner des Landes verschafft. Er speisete bei seinem Advocaten, der selbst ein ansehnlicher Mann war, mehrere Mal heiter zu Tisch; legte eine Summe Geldes zur Bestreitung der Proceßkosten bei mir nieder; und kehrte nach Verlauf einiger Wochen, völlig von dem⸗ selben über den Ausgang seiner Rechtssache beruhigt, zu Lisbeth, seinem Weibe, nach Kohl⸗ haasenbrück zurück. Gleichwohl vergingen Monate, und das Jahr war daran abzuschließen, bevor er von Sachsen aus auch nur eine Erklärung über die Klage, die er daselbst anhängig gemacht hatte, geschweige denn die Resolution selbst, er⸗ hielt. Er fragte, nachdem er mehrere Male von neuem bei dem Tribunal eingekommen war, seinen Rechtsgehülfen in einem vertrauten Briefe, was eine so übergroße Verzögerung verursache; und erfuhr, daß die Klage, auf eine höhere Insinuation bei dem Dresdner Gerichtshofe gänzlich niedergeschlagen worden sei. Auf die befremdente Rückschrift des Roßkamms, worin dies seinen Grund habe, meldete ihm jener: daß der Junker Wenzel von Tronka mit zwei Jungherren, Hinz und Kunz von Tronka, ver⸗ wandt sei, deren Einer bei der Person des Herrn Mundschenk, der Andre gar Kämmerer sei.— Er rieth ihm noch, er möchte ohne weitere Be⸗ mühungen bei der Rechtsiustanz, seiner auf der Tronkenburg befindlichen Pferde wieder habhaft zu werden suchen; gab ihm zu verstehen, daß der Junker, der sich jetzt in der Hauptstadt aufhalte, seine Leute angewiesen zu haben scheine, sie ihm auszuliefern; und schloß mit dem Gesuch, ihn wenigstens, falls er sich hiermit nicht beruhigen wolle, mit ferneren Aufträgen in dieser Sache zu verschonen. N Kohlhaas befand fich um diese Zeit gerade in Brandenburg, wo der Stadthauptmann, Heinrich von Geusau, unter dessen Regierungs, bezirk Kohlhaasenbrück gehörte, eben beschäftigt war, aus einem beträchtlichen Fonds, der der Stadt zugefallen, mehrere wohlthatige Anstalten für Kranke und Arme einzurichten. Besonders war er bemüht, einen mineralischen Quell, der auf einem Dorf in der Gegend sprang, und von dessen Heilkräften man sich mehr, als die Zukunft nachher bewährte, versprach, für den Gebrauch der Preßhaften einzurichten; und da Kohlhaas ihm wegen manchen Verkehrs, in dem er zur Zeit seines Aufenthals am Hofe mit demselben gestanden hatte, bekannt war, so er⸗ laubte er Hersen, dem Großknecht, dem ein Schmerz beim Athemholen über der Brust, seit jenem schlimmen Tage auf der Tronkenburg zurückgeblieben war, die Wirkung der kleinen, mit Dach und Einfassung versehenen, Heilquelle zu versuchen. Es traf sich, daß der Stadthauptmann eben, am Rande des Kessels, in welchen Kohl⸗ haas den Herse gelegt hatte, gegenwärtig war, um einige Anordnungen zu treffen, als jener durch einen Boten, den ihm seine Frau nach⸗ schickte, den niederschlagenden Brief seines Rechts⸗ gehülfen aus Dresden empfing. Der Stadthaupt⸗ mann, der, während er mit dem Arzt sprach, bemerkte, daß Kohlhaas eine Thräne auf den Brief, den er bekommen und eröffnet hatte, fallen ließ, näherte sich ihar auf eine freundliche und herz⸗ liche Weise, und fragte ihn, was für ein Un⸗ fall ihn betroffen; und da der Roßhändler ihm, ohne zu antworten, den Brief überreichte: so klopfte dieser würdige Mann, dem die abscheuliche Ungerechtigkeit, die man auf der Tronkenburg an ihm verübt hatte, an deren Folgen Herse eben, vielleicht auf die Lebenszeit, krank darnieder lag, bekannt war, auf die Schulter, und sagte ihm: er solle nicht mutlos sein; er werde ihm zu seiner Genugthuung verhelfen! Am Abend, da sich der Roßkamm, seinem Befehl gemäß, zu ihm auf's Schloß begeben hatte, sagte er ihm, daß er nur eine Supplik mit einer kurzen Darstellung des Vorfalls, an den Kurfürsten von Brandenburg aufsetzen, den Brief des Advocaten beilegen, und wegen der Gewaltthätig⸗ keit, die man sich auf sächsischem Gebiet gegen ihn erlaubt, den landesherrlichen Schutz aufrufen möchte. Er versprach ihm, die Bittschrift unter einem andern Packet, das schon bereit liege, in die Hände des Kurfürsten zu bringen, der seinet⸗ halb unfehlbar, wenn es die Verhaltnisse zu⸗ ließen, bei dem Kurfürsten von Sachsen ein⸗ kommen würde; und mehr als eines solchen Schrittes bedürfe es nicht, um ihm bei dem Tribunal in Dresden, den Künsten des Junkers und seines Anhanges zum Trotz, Gerechtigkeit zu verschaffen. Kohlhaas, lebhaft erfreut, dankte dem Stadthauptmaun für diesen neuen Beweis seiner Gewogenheit auf's herzlichste, sagte, es thue ihm nur leid, daß er nicht ohne irgend Schritte in Dresden zu thun seine Sache gleich in Berlin anhängig gemacht habe; und nachdem er in der Schreiberei des Stadtgerichts die Beschwer de ganz den Forderungen gemäß verfaßt, und dem Stadthauptmann übergeben hatte, kehrte er be⸗ ruhigter über den Ausgang seiner Geschichte als je nach Kohlhaasenbrück zurück. Er hatte aber schon in wenig Wochen den Kummer, durch einen Gerichtsherrn, der in Ge⸗ schäften des Stadthauptmanns nach Potsdam ging, zu erfahren, daß der Kurfürst die Supplik seinem Kanzler dem Grafen Kallheim übergeben habe, und daß dieser nicht unmittelbar, wie es zweckmäßig schien, bei dem Hofe zu Dresden Etadth 1 bed sortzuse ltere geworse dem 9 fei. an fein Taum d rüber! und ga Verlauf Linder mit el Schreib 65 thue fun fo Jesolat die Pfe vieder z laf lach d ein Ui. die Pf auf kei. schicken stens solle; solchen Kl thun! Wenn Haas fing. hören! seine Thorn Und ih die Pf zustelle seine! lichts, bat. einen daß di bor,.. auf de butch ungehe innere Hunme Ant 1 0 lurch Grund achde kr für Sächst Bogen Löbet Eie u dien elche Nang Halel Napie De ausah bring er er seinen con ein;! Verg Erw fete ahm 1 inen anf 50. 175 0 an . 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Er fügte nur noch hinzu: Der Stadthauptmann ließe ihm sagen, er möchte sich in Geduld fassen; schien bedrängt seine Reise fortzusetzen; und erst am Schluß der kurzen Unterredung errieth Kohlhaas, aus einigen hin⸗ geworfenen Worten, daß der Graf Kallheim mit dem Hause Derer von Tronka verschwägert sei.— Kohlhaas, der keine Freude mehr, weder an seiner Pserdezucht, noch an Haus und Hof, kaum an Weib und Kind hatte, durchharrte in drüber Ahndung der Zukunft den nächsten Mond; und ganz seiner Erwartung gemäß kam nach Verlauf dieser Zeit Herse, dem das Bad einige Linderung verschaft hatte, von Brandenburg mit einem ein größeres Rescript begleitenden Schreiben des Stadthauptmanns, des Inhalts: es thue ihm leid, daß er nichts in seiner Sache thun könne; er schicke ihm eine an ihn ergangene Resolution der Staatskanzlei, und rate ihm, die Pferde, die in der Tronkenburg zurückgelassen, wieder abführen und die Sache übrigens ruhen zu lassen.— Die Resolution lautete:„er sei, nach dem Bericht des Tribunals in[Dresden, ein unützer Querulaut; der Junker, bei dem er die Pferde zurückgelassen, halte ihm dieselben auf keine Weise zurück; er möchte nach der Burg schicken und sie holen, oder dem Junker wenig⸗ stens wissen lassen, wohin er sie ihm senden solle; die Staatskanzlei aber auf jeden Fall mit solchen Plackereien und Stänkereien verschonen.“ Kohlhaas, dem es nicht um die Pferde zu thun war— er hätte gleichen Schmerz empfunden, wenn es ein Paar Hunde geholt hätte— Kohl⸗ haas schäumte vor Wuth, als er diesen Brief em⸗ pfing. Er sah, so oft sich ein Geräusch im Hofe hören ließ, mit der widerwärtigsten Erwartung, die seine Brust jemals bewegt hatte, nach dem Thorwege, ob die Leute des Jungherren erscheinen, und ihm vielleicht gar mit einer Entschuldigung die Pferde abgehungert und abgehärmt wieder zustellen würden; der einzige Fall, in welchem seine von der Welt wohlerzogene Seele auf nichts, das ihrem Gefühl völlig entsprach, gefaßt war. Er hörte aber in kurzer Zeit schon durch einen Bekannten, der die Straße gereiset war, daß die Gäule auf der Tronkeaburg, nach wie vor, wie die übrigen Pferde des Landjunkers auf dem Felde gebraucht würden; und mitten durch den Schmerz, die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken, zuckte die innere Zufriedenheit empor, seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen. Er lud einen Amtmann, seinen Nachbar, zu sich, der längst mit dem Glan umgegangen war, seine Besitzungen durch den Ankauf der ihre Grenze berührenden Grundstücke zu vergrößern, und fragte ihn, nachdem sich derselbe bei ihm niedergelassen, was er für seine Besitzungen im Brandenburgischen Sächsischen, Haus und Hof, in Pausch und Bogen, es sei nagelfest oder nicht, geben wolle? Lisbeth sein Weib erblaßte bei seinen Worten. Sie wandte sich und hob ihr fünstes auf, das hinter ihr auf dem Boden spielte, Blicke, in welchen sich der Tod malte, bei den roten Wangen des Knaben vorbei, der mit ihren Halsbändern spielte, auf den Roßkamm und ein Papier werfend, das er in der Hand hielt. Der Amtmann fragte, indem er ihn befremdet ansah, was ihn plötzlich auf solche Gedanken bringe; worauf jener mit so viel Heiterkeit als er erzwingen konnte erwiderte: der Gedanke, seinen Maierhof an den Ufern der Havel zu verkaufen sei nicht allzuneu; sie hätten beide schon oft über diesen Gegenstand verhandelt; sein Haus in der Vorstadt von Dresden sei im Vergleich damit ein bloßer Anhang der nicht in Erwägung komme; und kurz, wenn er ihm seinen Willen thun und beide Grundstücke über⸗ nehmen wolle, so sei er bereit, den Contract da⸗ rüber mit ihm abzuschließen. Er setzte mit einem etwas erzwungenen Scherz hinzu, Kohl⸗ haasenbrück sei ja nicht die Welt; es könne Zwecke geben, in Vergleich mit welchen seinem Hauswesen als ein ordentlicher Vater vorzustehen, untergeordnet und nichtswürdig sei: und kurz, seine Seele, müsse er ihm sagen, sei auf große Dinge gestellt, von welchen er vielleicht bald hören werde. Der Amtmann durch diese Worte beruhigt, sagte auf eine lustige Art zur Frau, die das Kind einmal über das andere küßte: er werde doch nicht gleich Bezahlung verlangen? legte Hut und Stock, die er zwischen den Knieen gehalten hatte, auf den Tisch, und nahm das Blatt, das der Roßkamm in der Hand hielt, um es durchzulesen. Kohlhaas, indem er dem- selben näher rückte, erklärte ihm, daß es ein von ihm aufgesetzter eventuell in vier Wochen verfallener Kaufcontract sei; zeigte ihm, daß darin nichts fehle als die Unterschrift und die Einrückung der Summen, sowohl was den Kaufpreis selbst, als auch den Reukauf d. h. die Leistung betreffe, zu der er sich, falls er binnen vier Wochen zurückträte, verstehen wolle; und forderte ihn noch einmal munter auf, ein entsprechendes Gebot zu thun, indem er ihn versicherte, daß er billig sein und keine großen Umstände machen würde. Die Frau ging in der Stube auf und ab; ihre Brust flog, daß das Tuch, an welchem der Knabe gezupft hatte, ihr völlig von der Schulter herabzufallen drohte. Der Amtmann sagte, daß er ja den Wert der Besitzung in Dresden keineswegs benrtheilen könne; worauf ihm Kohlhaas Briefe, die bei ihrem Ankauf gewechselt worden waren, hin⸗ schiebend, antwortete: daß er sie zu 100 Gold⸗ gülden anschlage; obschon daraus hervorging, daß sie ihn fast um die Hälfte mehe gekostet hatte.(Fortsetzung folgt.) Was kost't de Welt, ich will se koof'n! Der bekannte sächsische Weltpolitiker Bieder⸗ meier schreibt an den Südd. Postillon, der durch die Expedition der M. S.⸗Z. bezogen werden kann: Mei liewer Bostilljohn! Nee, das wurde ooch weeßknebbch'n de heechste Zeit, daß unser Vaderland wieder e Häbbch'n greeßer ge— word'n is unn daß m'r wieder e baar neie Karlin'n f'r unsern Kolonial-Harem gekooft hamm, denn wodermit sollt'n m'r denn schbäder de nei'n Flott'nforderungen begrind'n, wenn keene nei'n Kollenien mehr zu beschützen sinn? Kollenien miss'n sein— unn wenn mirsche koof'n sollt'n! Das verlangt schon de Welt— machtsbolledick. Also von d'r gebansert'n Faust sein m'r nu glicklich schon bis off's volle Borde⸗ manneh gekomm'n unn der alde scheene Schbruch:„Was kost't de Welt, ich will se koof'n!“ is nu boch in d'r Bolledick eingefiehrt. Ich gloowe, daß ich mich nich im Geringst'n deisch'n duhe, wenn ich ahnnehme, daß des schon e Einfluß von d'r groß'n Friedenskonferenz in Holland is. Zu was soll m'r denn erscht e baar Mißjohnare dodschlag'n lass'n, wenn m'r blos in de Dasche zu greif'n braucht, um boch an's Ziel seiner Winsche zu komm'n? Awer freilich, die sibbz'n Milljohn'r, die die Karlin'n kost'n duhn, die dauern mich schon e bissel, denn dad'rvor hätt m'r ja weeßknebbch'n e baar neie Kriegsschiffe koof'n kenn! Am best'n wärsch, m'r dähd'n enne neie Lodderie mach'n, wie da⸗ mals bei d'r Schloßfreiheet; da dähd sich so gans sacht'ch'n e Fong zusamm'nläbbern, wo m'r d'rmit eene Insel unn eene Kollenie nach d'r andern koof'n kennt'n, unn wenn nachert keene Kollenien und keene Inseln mehr zu hamm wär'n, wenn gans Afrika unn Ahs'ch'n unn Amehrika unser wärn, nachert dähd'n m'r bei Eiroba anfangen unn dähd'n de Großmächte koof'n, z'rerscht nadierlich Frankreich unn Eng⸗ land, unn nachert de andern; unn Auschtrahl'ch'n dähd'n m'r boch koof'n, unn d'n Nordbohl, unn— unn—— kurz unn gud: de ganse Weld dähd'n m'r koofen! Unn wer sich etwan nich verkoof'n lass'n wollte, der wirde geanek⸗ dierd unn sei Geld wirde konfiszirt, unn dader⸗ von kooft'n wir wieder neie Länder— bis nischt mehr da wäre. Nachert erscht wär'n m'r be⸗ friedigt, unn der deitsche Michel kennte sein'n Schild off d'n Bod'n schtell'n unn sich off de faule Bär'nhaud leg'n, womit ich verbleiwe Dei gedreier Biedermeier. Humoristisches. Einfache Lösung. Chef:„Sagten Sie nicht neulich, Sie kämen mit Ihrem Gehalt nicht aus, Maier?“ — Kommis:„Allerdings; es reicht gerade für Mittag⸗ und Abendbrot!“— Chef:„Hm, hm, ich habe mir die Sache überlegt... Da könnten wir ja in Zukunft die Frühstückspause wegfallen lassen!“ * Verschnappt. Herr(im Konzertsaal):„Wann tritt denn der fünfjährige Klaviervirtuose auf?“ Diener:„In der nächsten Nummer... er wird, eben rasiert!“— — Professors Mittagstisch. Sie:„Nun, Männ⸗ chen, die Suppe schmeckt schön?“ Er:„Kind, schön' ist ein Begriff aus der Aesthetik.“ Sie:„Na, sie schmeckt doch gut?“ Er:„Gut' ist ein Begriff— aus der Ethik——“ Sie:„Na, dann schmeckt sie hundsmiserabel Du Begriffsjäger!“— * Variante.„Mein Sohn will Taucher werden.“ —„Also liegt seine Zukunft unter dem Wasser.“— (Meggend. hum. Bl.) * — Druckfehlerteufel.(Aus einem Roman.) „Schüchtern, mit hochwogendem Besen trat sie ihm ent⸗ gegen, während er mit vor Erregung zitternder Hand ihr eine weiße duftende Hose reichte.“—(Lust. Bl.) e Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor. Einen neuen Tendenzroman beginnt die im Verlag der Buchhandlung„Vorwärts“ soeben ein neues Abonnement eröffnende Illustrierte Romanbibliothel In freien Stunden, die in Wochenheften zu je 10 Pfg. 24 Seiten Romantext und 2 Seiten Kleines Feuilleton bringt. Der neue Roman: Unter den Dolomiten von Konrad Telmann ist ein Tendenz⸗ roman, der nicht bloß seiner spannenden Handlung und freiheitlichen Tendenz wegen Beifall finden wird, sondern der auch seines Inhalt wegen heute besonders zeitgemäß ist, wo die Religion wieder den Deckmantel für alle reaktionären Bestrebungen bilden soll. Mit schonungs⸗ losem Freimut werden die herz- und sittenlose Ausbeutung der Kirche, die Geistesknechtung, die schleichende jesuitische Niedertracht bloßgelegt. Auf dem Boden eines abge— legenen Gebirgsdorfes in den Dolomiten schildert der Dichter die allmähliche Selbstbefreiung eines katholischen Priesters aus den Banden des tötenden Buchstaben⸗ glaubens im Umgang mit einer freigesinnten Frau, die er bekehren soll, um der Kirche das reiche Erbe zu sichern; das Erwachen der Liebe in seiner Brust, der Kampf zwischen Priesterpflicht und Mannesehre, das Milieu der durch den Buchstabenglauben sittlich ver⸗ wahrlosten Dorfbevölkerung und die Herzensrohheit der im Alter fromm gewordenen Gräfin, die in dem Priester plötzlich den Zeugen ihres Fehltrittes erblickt— man kann es begreifen, daß das Zelotentum bei Erscheinen dieses Romans über Volksverführung und Lästerung der „heiligsten Güter der Nation aufschäumte und Polizei und Staatsanwalt in Bewegung setzte. In dem Münchener Maler J. Damberger hat der Dichter einen Illustrator gefunden, der nicht bloß die Figuren in voller Lebens⸗ wahrheit, sondern auch die Gebirgswelt in ihrer ganzen erhabenen Schönheit erfaßt und in künstlerischer Vollendung wiedergegeben hat. Wir können unseren Lesern die Freien Stunden bestens empfehlen.“ Die Unfallversicherung. Die Berufsgenossen⸗ schaften und ihre Vertrauensärzte. Geschildert nach den eigenen Erfahrungen von Karl Hofstädt, ergänzt v. Joh. Rein. Selbstverlag. Preis 15 Pfennig. wegen unregel⸗ Beschwerden wanne. stellung der„M. S.⸗Ztg.“ bitten wir an die Expedition, Sonnenstraße 25,(Buchhandlung) zu richten. In Gießen muß die„M. S.⸗Ztg.“ bis spätestens Samstag Abend in den Händen unserer Abonnenten sein, da die Drucklegung und Ausgabe an unsere Austräger bereits Freitag Nachmittag erfolgt. Seite 8. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 30. I 7 Arbeiter Bekleidung! Zwirn⸗Hosen 1.50 M. dieselben, schwer 2.—„ Leder⸗Hosen in wunderbar schön. 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