Seeed, K ͤ * 2 — nen l, al⸗ lus⸗ er ges rk, ren, 1 ssen. ab T. Nr. 17. Gießen, Sonntag, den 23. April 1899. 6. Jahrg. 5 Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 4 Mitteldeutsche Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr N SonntagsZeitung. Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche SonntagsZeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Auf zur Maifeier! Arbeiter, Parteigenossen! Das Fest der Arbeit, der 1. Mai rückt eran! Freunde! Rüstet zum Feste, gestaltet den Ehrentag der Arbeit zu einer glänzenden Demon— stration des arbeitenden Volkes. Das Maifest ist ein Kulturfest, es gilt der Propaganda wirklicher Kultursorderungen. Ver⸗ nünftige soziale Reform, entschiedenen Arbeiter⸗ schutz fordert das Proletariat. Und als oberstes Arbeiterschutzpostulat heischt das arbeitende Volk den achtstündigen Arbeitstag. Aus sozialen und ökonomischen Gründen fordert das Proletariat den Achtstundentag. Mit kurzer Arbeitszeit geht hoher Lohn Hand in Hand. Hohe Löhne aber verbürgen in erster Linie eine günstige wirtschaftliche Konjunktur und nationalen Wohlstand. Deshalb fordern wir Acht Stunden Arbeit! Wir fordern den Achtstundentag aber auch aus hygieinischen Gründen. Denn acht Stunden Arbeit ist das Maximum dessen, was ein Ar⸗ beiter leisten kann, wenn anders er nicht seinen Kräftezustand hinausgeben und körperlich zu Grunde gehen soll. Um seinen Körper gesund zu erhalten, braucht er Acht Stunden Schlaf! Und wir fordern den Achtstundentag auch aus ethischen Gründen. Neben Arbeit und Schlaf braucht der Arbeiter auch freie Zeit, umk sich als Kulturmensch bethätigen zu können. Als dritten Grund für die Forderung des Acht⸗ stundentages führen wir deshalb an die Forderung Acht Stunden Muße! Das ist die verständige Dreiteilung des Ar⸗ beitstages, wie sie schon vor mehreren Jahr⸗ hunderten einer der größten Volkserzieher aller Zeiten, der Pädagog Comenius, forderte. Acht Stunden Arbeit! Acht[Stunden Schlaf! Acht Stunden Muße Neben dieser obersten Arbeiterschutzforderung, der Forderung des achtstündigen Arbeitstages, hat der internationale Arbeiterkongreß in Paris 1889, der den Beschluß faßte, den 1. Mai zum Demonstrationstag für die Arbeiter der ganzen Welt einzusetzen— neben dieser obersten Arbeiter⸗ schutzforderung hat der erste internationale Ar⸗ beiterkongreß in Paris eine Reihe Forderungen n zum Schutze der Arbeit, namentlich er Frauen und Kinder. All diesen Forderungen soll das arbeitende Voll am 1. Mai Ausdruck geben, indem dies, soweit es die Verhältnisse gestatten, die Arbeit ruhen läßt und Teil nimmt an der gemeinsamen! Demonstration zum Schutze der Arbeit! Arbeiter, Parteigenossen! Zum zehntenmal begehen wir das Maifest der Arbeit. Diese zehnte Maifeier muß imposanter werden, wie nur je eine Maifeier. 1 Deshalb agitiert für das Fest, trefft eifrig alle Vorbereitungen! In der Zeit des Arbeiter- trutzes, in der Zeit des Zuchthauskurses muß den Feinden des arbeitenden Volkes klar Macht werden, daß das Volk der Arbeit eine Macht Bestellungen ist, die sich mit keinen Mitteln, durch keine Ge⸗ walt unterdrücken läßt. Auf zum Protest gegen alle den Arbeitern feindlichen Bestrebungen, auf zur Demonstration für die elementarsten Forderungen zum Schutze der Arbeit, für die ersten Forderungen einer wirklichen Sozialreform! Unsere Losung ist: Schutz der Arbeit durch internationale Regelung, entschiedene Sozialreform, 40 0 Einführung des Achtstunden⸗ age Hoch die Arbeit! Hoch der Arbeiterschutz! BEEFEFEFEFEAA ECC ²˙·˙: ̃—ter Zur Agrarfrage. IV. Der Schutz der Land wirtschaft.“ Zu den Maßnahmen zum Schutze der Land⸗ wirtschaft gehört die Beseitigung der Ueberreste aus der Feudalzeit: der Fideikommisse und des Anerbenrechts, ferner die Aufhebung der Guts⸗ bezirke und deren Einverleibung in die Land⸗ gemeinden. Im Osten Preußens haben die Großgrundbesitzer das Recht, ihre Besitzungen als selbständige Gutsbezirke aus den Laud⸗ gemeinden auszuscheiden, und können auf diese Weise ihren Anteil an den Lasten der Gemeinde fast ganz dieser aufhalsen. Sie benutzen die Straßen und Wege der Gemeinde, die Arbeiter der Gutsbezirke schicken ihre Kinder in die Schule der Gemeinde, allein zur Tragung der daraus entspringenden Lasten find die Guts⸗ besitzer vielfach gar nicht oder nur in ver⸗ schwindendem Maße verpflichtet. Als weitere Forderung, die wir stellen, gilt die Aufhebung der Jagdbezirke des großen Grundbesitzes und ihre Einverleibung in die Landgemeinden. Die Raubtiere und Raubvögel schädigen den Land⸗ mann nur wenig, sie sind ihm sogar durch die ee e der Mäuse und anderer Nager i nützlich. el schädlicher sind die pflanzen⸗ fressenden Wildarten. Der Wildschadenersatz ist ganz unzulänglich. Für manche Tiere, z. B. Hasen, ist der Jagdpächter oder Jagdherr über⸗ haupt von jeder Schadenersatzpflicht völlig befreit; der Reichstag hat im bürgerlichen Gesetzbuch die Freßfreiheit der Hasen ausdrücklich an⸗ erkannt. Wäre dies nicht geschehen, so hätten die Junker gegen das bürgerliche Gesetzbuch gestimmt. Wirksam kann dem nur entgegen⸗ getreten werden, wenn das Privilegium des Großgrundbesitzes, eigene Jagdbezirke zu bilden, aufhört. Die Jagdbezirke sind den Gemeinden oder Kreisen einzuverleiben, und die Verfügung über die Jagd im Walde des Großgrundbesitzes wie die Jagd auf dem Felde des Bauern muß der Gemeinde⸗ oder Kreisvertretung zugestanden werden. Die Zersplitterung des Bodens steht seiner intensiven Bearbeitung hinderlich im Wege. Die Zusammenlegung der jedem einzelnen Grund⸗ besitzer gehörenden Parzellen liegt daher im Interesse aller Beteiligten, sie ermöglicht, daß viel mehr als vorher geerntet wird, daß be⸗ * Siehe Nr. 8, 11 und 14 der M. S.⸗Ztg. In dem in Nr. 14 abgedruckten Artikel blieb leider ein Druckfehler stehen. Auf Seite 2 sollte es in der 25. Zeile der ersten Spalte heißen: preußische Volks⸗ schulzustände, nicht„polnische“. 1 Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Expedition tn Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Schloßg. 13, sowie j de Postanstalt und] 4 mal. Bestellung gewäbren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 4312.) 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt ———— 22 7 ˖—+1im᷑t cc p p p Bei mindestens deutende Flächen unbenutzten Landes ertrags⸗ fähig gemacht werden und die vielen Ränder, Hecken und Raine verschwinden. Natürlich darf die Zusammenlegung nicht zu einer Benach⸗ teiligung des kleinen Bauern gegenüber den großen und mittleren führen, die Aufhebung der Hutweiden, des Waldstreubezugs u. s. w. darf nicht zu einer Konfiskation werden, sie ist durch entsprechende Entschädigung, z. B. Ge⸗ währung von Landanteilen, wett zu machen. Zur Durchführung der großen Bodenver⸗ besserungen, der sogenannten Landesknltur: der Ausführung von Entwässerungs- und Bewässe⸗ rungsanlagen, der Trockenlegung von Sümpfen, der Gewinnung von Land durch Eindeichungen usw., fordern wir, wenn nötig, staatlichen Zwang, sobald ein Teil der Beteiligten sie verlangt und das Projekt sich als zweckmäßig erweist. Die Kosten hätten die Grundbesitzer, in deren Interesse die Verbessungen vorgenommen werden, zu tragen. Staatshilfe wäre nur da zu ge⸗ währen, wo öffentliche Interessen mit in Frage kommen. Von hervorragender Wichtigkeit ist die Be⸗ kämpfung der Schädlinge, welche die Kultur⸗ tiere und Kulturpflanzen bedrohen. Sie muß an allen bedrohten Punkten entschieden und sachgemäß, wenn nicht anders, mit staatlichem Zwang erfolgen. Denn, wenn z. B. ein Vieh⸗ besitzer seinen verseuchten Stall nicht desinfiziert, oder ein Weinbergbesitzer der Reblaus nicht zu Leibe rückt, so sind die Bemühungen der übri⸗ gen vergeblich. Die Kosten für die Durch⸗ führung der Maßregeln wären von der Gesamt⸗ heit der beteiligten Kreise zu tragen. Bei ge⸗ wissen Seuchenkrankheiten wäre den Besitzern für den Fall der Tötung, bezw. für den Fall eines nach erfolgter Anzeige eingetretenen Ver⸗ lustes eine Entschädigung zuzuerkennen, ein Verfahren, das einer Versicherung gleichkäme. Diese Versicherung des Viehes gegen Seuchen⸗ gefahr muß eine staatliche sein, weil sie ein Stück der Seuchenpolizei bildet. Daneben kommt noch die Versicherung des Viehes gegen Todesfälle in Betracht. Sie ist für die vieh⸗ haltenden Kleinbetriebe von größter Bedeutung. Stirbt dem kleinen Bauern eine Kuh, so erleidet er einen sehr empfindlichen Schaden. Seine Einnahmen sind zu dürftig, um daraus regel⸗ mäßig einen Amortisationsfonds seines Viehbe⸗ standes zurücklegen zu können. Einzelne Unfälle können sein Vieh hinwegraffen, ehe es noch seine Zeit gedient hat. In solchen Fällen muß der Unversicherte Kleinbauer den Kredit des Vieh⸗ händlers beanspruchen, der so die Gelegenheit bekommt, als Händler und Wucherer den Bauer in der wirksamsten Weise auszubeuten. Bisher ist die Viehversicherung im allgemeinen nicht über kleine lokale Vereinigungen hinaus⸗ gekommen. Das hat gewisse Vorteile. Die Teilhaber kennen einander genau, die Kontrolle ist dadurch leicht und einfach und Schädigungen der Gesamtheit durch Nachlässigkeit oder gar Betrug des Einzelnen sind möglichst erschwert. Nachteilig ist die Kleinheit des Kreises der Ver⸗ sicherten, die bei einer lokalen Häufung von Viehunfällen die ganze Versicherung hinfällig macht. Hier hat der Staat einzugreifen, indem er entweder die einzelnen Ortsvereine zusammen bringt und dadurch zeitweilige besonders schwere Belastungen eines Vereins mit tragen läßt, oder indem er die einzelnen Viehbesitzer zwingt, — —— 3 — — — Seite 2. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 17. den Vereinen beizutreten, und auf diese Weise den Kreis der Versicherten erweitert. Die Hagelversicherung ist staatlich zu organi⸗ sieren, wie es in Bayern und Baden schon in gewissem Maße eingeführt ist. Die staatliche Organisation ist erforderlich, weil Oertlichkeiten, die besonders vom Hagelwetter heimgesucht werden, unter den hohen Prämien, welche sich die Privatgesellschaften zahlen lassen, zu leiden haben. Staatlicher Versicherungszwang beugt bei einem verheerenden Hagelschlag der Not— wendigkeit vor, daß der Staat zur Linderung der allgemeinen Not herangezogen werden muß, was, wie bei den letzten Hochwasserschäden, in nur ganz unzureichendem Umfange geschieht. Weil die Privatversicherung in Fällen der Not versagt, ist die staatliche Hilfeleistung gerecht⸗ fertigt, denn sie nimmt dem Staat die Kosten der außerordentlichen Hilfsaktion ab. Dem landwirtschaftlichen Genossenschafts⸗ wesen steht die Sozialdemokratie sympathisch gegenüber, denn es ist ein kräft ges Mittel der ökonomischen Entwickelung. Die gleiche Stellung nimmt sie gegenüber der fachlichen Bildung ein. Es gilt die lag e nd Bildung über das Maß der Volks⸗ und Fortbildungsschule hinaus in jeder Weise zu fördern durch Ein⸗ führung und Verbesserung der landwirtschaft⸗ lichen Mittel⸗ und Hochschulen, der landwirt⸗ schaftlichen Laboratorien und Versuchsstationen, durch Anlegung von Musterwirtschaften und dergleichen mehr. Elenchus. — Politische Rundschau. Gießen, den 21. April. Komödie in Permanenz. Auf der Abrüstungs konferenz soll, wie dem„Berl. Tagebl.“ aus Petersburg berichtet wird, russischerseits der Vorschlag gemacht wer⸗ den, die Friedenskonferenz als cinen offiziellen „Friedenskongreß“ alle zwei oder drei Jahre in einer der europäischen Residenzen zusammen⸗ treten zu lassen, bis man sich über eine feste internationale Gesetzgebung gegen den Krieg eeinigt haben werde.— Mit dem einen sicheren Fiasko in Haag werden voraussichtlich alle Teile genug haben. Die Samoa⸗Hetze ist aus. Die„alldeutschen“ Hanswürste und die junkerlichen Nimmersatte habe wieder eine Hoff⸗ nung zu Grabe tragen müssen. Wie hübsch hatten die letzteren doch kalkuliert: Gerät Deutschland mit den Vereinigten Staaten wegen der Samoainseln in Krieg, so würde zwar bei der Uebermacht der amerikanischen Flotte die deutsche Flotte, auch wenn England nicht auf Seiten Amerikas stände, den Kürzeren ziehen, Deutschlands Seehandel würde lahmgelegt sein, aber die Kornpreise würden steigen, enorm steigen, denn zur See würde kein Korn mehr nach Deutschland hereinkommen, die Zu⸗ fuhr aus Osteuropa könnte nur schwer den Ausfall ersetzen und die Agrarier könnten Monopolpreise für ihre Produkte festsetzen. Eine solche Aussicht auf glänzende Profite wäre diesen Edelsten der Nation, diesen Patrioten mit Ar und Halm schon die schwere Schädigung alles sonstigen Wirtschaftslebens in Deutschland wert. Und nun wird's nichts mit dem Krieg trotz der famosen Rede des Reichstagsabgeord⸗ neten Dr. Lehr, der Ende voriger Woche im Reichsiag seine Parteigenossen, die Nationalliberalen, unsterblich blamierte. Dr. Lehr, der nationalliberale„Alldeutsche“, begründete die von allen Parteien— mit Aus⸗ nahme der Sozialdemokratie, welche so alberne Kinde eien grundsätzlich nicht mitmacht— untel⸗ Fe Anfrage an die Regierung über die Zorgänge in Samoa. Er redete dabei so ein⸗ ger und dummes Zeug, daß ihn ein bier⸗ eliger Student des ersten Semesters schwerlich hätte übertreffen können. Während der un⸗ geschickte Dr. Lehr redete, soll seinen national⸗ liberalen Parteifreunden der Angstschweiß aus⸗ gebrochen sein. Herr v. Bülow, der Staatssekrekär des Auswärtigen, kühlte den Dy. Lehr gebvörig ab, er legte die Dinge, welche sich auf Samoa ab⸗ gespielt haben, klar und gab seiner Ueberzeugung dahin Ausdruck, daß es im schlimmsten Grade ruchlos wäre, wenn drei große gesittete Na⸗ tionen wegen einiger Inseln iu der Südsee, die von zusammen 30000„Wilden“ und 1500 Europäern bewohnt sind, einen Krieg beginnen würden. Alle nachfolgenden Redner schüttelten den Kriegstrompeter Lehr ab. Für unsere Partei besorgte das in gründlicher Weise Gen. Liebknecht. Der zerzauste Nationalliberale. Sogar die nationalliberale„Kölnische Ztg.“ mißbilligt aufs schärfste die Samoa⸗Rede des Abg. Dr. Lehr und macht für dessen Auf⸗ treten auch die nationalliberale Fraktion, wie folgt, verantwortlich:„Das schlimmste Urteil aber fällten gegen ihn seine eigenen Partei⸗ freunde, die Nationalliberalen, die sehr zahlreich zur Stelle waren und aus deren Reihen nicht ein einziger sich veranlaßt sah, dem so arg zerzausten Fraktionskollegen zu Hilfe zu eilen. Wir halten es im Interesse der Fraktion, in dieser Hinsicht mit unserer Meinung nicht zurückzuhalten. Die schwere Nieder- lage, die sich Dr. Lehr heute zugezogen hat, fällt leider auch auf die Fraktion zurück, sie hatte genug erfahrene und ruhigere Wort⸗ führer ins Feld zu senden, und wenn sie mit dieser wichtigen Aufgabe einen Neuling beauf⸗ tragte, von dem Ausschreitungen von vorn⸗ herein vorausgesehen werden konnten, so hat sie damit einen Mangel an Vorsicht und Voraussicht bekundet, von dem wir dringend wünschen, daß er sich nicht wieder erneuern möchte.“ i Derartige Notizen druckt das Gießener Rep⸗ tilchen dem großen Reptil am Rhein nicht nach. Anders wäre es, wenn es sich um eine Bomben⸗ schwindelnottz aus Afrika, um eine Schwindel⸗ notiz über„sozialdemokratische“ Konsumveretne oder ähnliche Dinge handelte. Ein Kulturwerk. Das preußische Abgeordnetenhaus hat sich fünf Tage lang mit der großen Kanal⸗ vorlage beschäftigt, die einen Wasserweg zwischen Rhein und Elbe herznstellen be⸗ zweckt. Schon seit Monaten haben die Agrarier in ihrer Presse die heftigste Agitation gegen die Vorlage entfaltet, die Herren, die ja einen sehr feinen Instinkt haben, wenn ihre Interessen bedroht find, fürchten, daß der Kanal infolge der billigen Frachten eine Verbilligung der Lebensmittel herbeiführen wird, und da das allgemeine Interesse ihnen nichts gilt, da sie stets und ständig nur darauf bedacht sind, ihre eigenen Taschen auf Kosten der Bevöl⸗ kerung zu füllen, so haben sie natürlich von diesem Standpunkt aus alle Veranlassung, gegen die Kanalvorlage Stellung zu nehmen. Anderer⸗ seits sind die Nationalliberalen, als Vertreter des Großkapitals, eifrig darauf bedacht, das Projekt zu fördern, und so ist es denn bei diesem Widerstreit der Interessen zu heftigen Debatten zwischen den beiden Parteien gekom en, die das Nationalgefühl in Erbpacht genommen zu haben glauben.— War die Rede des Ministers Thielen, der die Vorlage mit dem Hinweis darauf empfahl, daß die Eisenbahnen zur Be⸗ wältigung des gesteigerten Verkehrs nicht aus⸗ reichen, rein sachlich gehalten, so verstieg sich der erste Redner des Hauses, Graf Kanitz, zu einem heftigen Angriff gegen die Reglerung, die es wagt, einmal ein Kulturwerk zu errichten. Dem Herrn Grafen ist selbst die jetzige Re⸗ gierung nicht agrarisch genug gesinnt, er jammerte in bekannter Manier um die Not der Land⸗ wirtschaft, die Leutenot und namentlich die Handelsverträge, und verlangte rundweg die Ablehnung der Vorlage, obgleich der Regierungs⸗ vertreter ausdrücklich erklärt hätte, daß seit der Verstaatlichung der Eisenbahnen kein Gesetz⸗ entwurf von solcher Tragweite dem Haufe zu⸗ gegangen sei. Die Vorlage wurde einer Kom⸗ mission von 28 Mitgliedern überwiesen. Wahr⸗ scheinlich wird sie dort ein stilles Begräbnis finden, handelt es sich doch um ein Kultur⸗ werk, nicht um Mordwaffen oder Liebesgaben für die Greß pundbestber. Die Provinz Berlin. Unser Zentralorgan, der„Vorwärts“, be. richtet: Es ist nicht etwa eine scherzhafte Er⸗ findung, sondern Thatsache, daß man in Botschafter⸗Kreisen als unbedingte Wahrheit erzählt, daß der Oberbürgermeister Kirschner die kaiserliche Bestätigung überhaupt nicht er⸗ 1 Der Kaiser habe die Absicht halten werde. ausgesprochen, aus Berlin und dem gesamten Vorortgebiet eine besondere Provinz zu machen. Alsdann solle ein Oberpräsident an die Spitze des ganzen Gebietes gestellt werden, während jedem einzelnen Distrikt ein Regie⸗ rungsrat als Oberhaupt beigegeben würde. Zur Verwirklichung dieses Planes bedürfe es natür⸗ lich der Zustimmung des Landtages und des⸗ halb solle eine dementsprechende Vorlage dem Landtag noch in dieser Session zugehen. Man glaube an maßgebender Stelle, daß der Landtag für eine derartige Vorlage jetzt reif sei. Berlin als„Provinz“— das hieße: die Selbstverwaltung der Reichshauptstadt aufgeben und die Oberleitung einem von der Regierung ernannten und auch abhängigen Oberpräsidenten übergeben. Das könnte gut werden, wenn die Millionenstadt einem Herrn von Köller oder von Puttkamer ausgeliefert würde.— Die Scharfmacherorgane finden an dem Plane gar nichts schlimmes und daß das preußische Ab⸗ geordnetenhaus der Regierung etwas ablehnen würde, wenn sie ernstlich darauf besteht, ist ganz ausgeschlossen. Die„freie“ Wissenschaft. Nachdem die Vorverhaudlungen abgeschlossen sind, soll nach einer Meldung der„Kreuz⸗ zeitung“ das Disziplinarverfahren gegen den sozialdemokratischen Privatdozenten Dr. Arons unter einstweiliger Suspension der Erlaubnis zum Halten von Vorlesungen an der Berliner Universität eröffnet worden sein. Dr. Arons liest über die schwierigsten Probleme der Physik. Bezeichnend für den bisherigen Gang des Verfahrens ist es, daß dem Verfolgten keine Gelegenheit gegeben worden ist, sich zu äußern. Unterrichtsminister und Fakultät haben über das Opfer verhandelt, ohne es zu hören; und plötz⸗ lich erfährt dann Arons durch die Zeitung, daß das Disciplinarverfahren gegen ihn einge⸗ leitet worden ist. Was ist nun inzwischen geschehen? Wie ist die Gefährlichkeit der Vorlesungen des Berliner Gelehrten über Pyysik begründet worden? Wie vor allem hat das Gutachten der philosophischen Fakulät gelautet, die vor Einleitung des Ver⸗ fahrens gehört werden muß? Hier liegt für den weiteren Verlauf der Sache das interessanteste Moment der ganzen Angelegenheit. Hat bisher eine philosophische Fakultät in Deutschland sich dazu hergegeben, einem Kultusminister von den Qualitäten des Herru Bosse im Kampfe gegen die Lehrfreiheit Dienste zu leisten? Zu fürchten ist, daß sie es beteits gethan hat. Wird sse nun weiterhin als erste Justanz ihr Erkenntnis gegen die Lehrfreiheit abgeben? Zu fürchten ist, daß sie auch dies thun wird. Die Mitglieder der philosophischen Fakultät der ersten deutschen Universität haben nun Ge⸗ legenheit, zu zeigen, ob 1 Rückgrat genug be⸗ sitzen, sich gegen den Geist zu wehren, der ihre Lehrfreiheit völlig zu vernichten droht. Fällt ihr Urteil im Sinne des Herrn Bosse aus, dann erweist sich alles professorale Gerede von Wah⸗ rung der Lehrfreiheit als leeres Gewäsch. Dann erniedrigt sich die Berliner Fakultät zur Sklavin der schwärzesten Reaktion. Die bürgerlichen„Sozialreformer“ haben an einige Mitglieder der sozialdemokra⸗ tischen Fraktion und einzelne hervorragende Parteigenossen Einladungen zu einer Konferenz gesandt, die sich mit der Gründung eiter inter⸗ nationalen Gesellschaft für den Fortschritt der Arbeiterschutzgesetzgebung beschäftigen soll. Die Einladung ist unterzeichnet von dem ehemaligen Minister Berlepsch und einer Anzahl katheder⸗ sozialistischer Professoren. Die Fraktion hat dazu Stellung genommen und beschlossen, von einer Befolgung der Einladung abzusehen und den Nichtbesuch zu empfehlen. Wir begrüßen diesen Beschluß. Die Sozialdemokraten aller zivilisierten Länder sind einig in der Forderung 2 alte, wurd 10 dort f! To Ler„ folgendes: in Martine seuch folg Ihren kann die weil die, Iubalidi Leträge notdürft sonen müssen. Aus monatlich macht da soll Wohn werden. heturteilt ii 38 J er dann bertletene Mbidende, Der Vielhab fag gewalt schon dur feichste Hofgeis hiederge Der Kl deb Regie bun den felen, ge hielten 9 sbgegeben ahlbere 444 Pro Velho e wurde dessen W. Halli; d det. ge den Mm undtag er di ufgebe gierum ident enn die L oder N ile gar he Ab. lehnen t gan chlossg rel en de Arostz aubnit zerlinet Aron Phhst, ig dal n keile iußerß, ber dab d plot tung, inge Wie il Berlin 12 Mi phisch 5 Br für hel ante“ biahel 7 ind sih hon del e gegdh fürchten bitd fe ehutuis fürchte un Ge Aug, b der iht 1 r 8 Nr. 1 1 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. internationaler Arbeiterschutzgesetze. Die Sozial⸗ demokratie ist auch die einzige Partei, die in allen Parlamenten, in denen sie vertreten ist, den Arbeiterschutz verlangt und energisch dafür kämpft. Für uns liegt also kein Grund vor, mit einigen Leuten, die niemand hinter sich haben, noch besonders zu paktieren. Wenn es den Kathedersozialisten mit ihren Forderungen im Interesse der urbeiter ernst ist, dann mögen sie zu uns kommen. Eine„internationale Gesellschaft“ braucht ni nt erst begründet zu werden. Die ist schon da. Am 1. Mai können sich die Herren überzeugen. Rechtsprechung. Wegen Beleidigung von Magdeburger Be— hörden und Gerichten wurde der verantwortliche Redakteur des„Vorwärts“, Genosse Jakoby, zu 300 Mk. Geldstrafe verurteilt und zwar von einem Berliner Gericht. „Der Verantwortliche unseres Magdeburger Parteiblattes, der denselben Artikel veröffentlicht hatte, wurde in Magdeburg vor Gericht gestellt und dort freigesprochen. Soziales aus Oberschlesien. Der„Bresl. Morg.⸗Ztg.“ entnehmen wir folgendes: Dem Invaliden Franz Przybilski in Martinsschacht ist auf ein Unterstützungs— gesuch folgende Antwort zuteil geworden: Ihrem Unterstützungsgesuch vom 17. d. M. kann diesseits keine Folge gegeben werden, weil die aus der Pensionskasse und aus der Invaliditätsversicherung Ihnen zufließenden Beträge von 34,70 Mk. monatlich zum notdürftigen Unterhalt von drei Per- sonen als ausreichend erachtet werden müssen. Schles. Akt.⸗Gesellsch. f. Bergb. u. Zink⸗Hütteu⸗Betr. Remy. Ausreichend sollen für drei Personen monatlich 34 Mk. 70 Pfg. sein! Pro Kopf macht das täglich etwa 38 Pfg. Und davon soll Wohnung, Kleidung und Nahrung bestritten werden. Der Verfasser obigen Briefes sollte verurteilt werden, einmal vier Wochen lang mit 38 Pfg. täglich zu leben. Vielleicht käme er dann zu anderen Ansichten. Die von ihm vertretene Gesellschaft verteilte 1898 15 Prozent Dividende. Reichstagsnach wahl. Der antisemitische Rechtsanwalt Dr. Vielhaben, der am Dienstag noch im Reichs⸗ tag gewaltig Blech schwätzte, teilte am Mittwoch schon durch Rundschreiben mit, daß er sein Reichstags mandat für den Kreis Rinteln⸗ Hofgeismar„aus Gesundheitsrücksichten“ niedergelegt. Der Kreis Neintelu⸗Hofgeismar(1. Wahlkreis des Regierungsbezirkes Kassel) wurde 1898 von den Antisemiten, auf die 6035 Stimmen fielen, gewonnen. Die Sozialdemokraten er⸗ hielten 2762 Stimmen. Die Gefamtzahl der abgegebenen Stimmen betrug 9384, die der Wahlberechtigten 21357; es haben also nur 44,1 Prozent der Wahlberechtigten gewählt. Vielhaben vertritt den Kreis seit April 1895; er wurde damals an Stelle Dr. König gewählt, dessen Wahl für ungültig erklärt worden war. Matthäi am letzten. Mit der antisemitischen Partei geht es in Sachsen immer schneller bergab; das kommt vor allem im Stand der antisemitischen Presse zum Ausdruck. Das in Dresden erscheinende Organ„Die Wacht“, Direktor ist Herr Oswald Zimmermann, hat einen Geschäftsverlust von 186 938 Mk. zu verzeichneu. Und das, trotzdem an Gehältern, Redaktionskosten ꝛc. bis aufs n gegen früher gespart worden ist. Der Abonnentenschwund ist seit drei Jahren chronisch, die Abonnementsgelder sind von 65 000 Mk. auf 49000 Mk. gefallen. Man hat zwar be⸗ schlossen, noch eine Weile sortzuwursteln. Nach Lage der Sache ist das Eingehen der„Wacht“ aber nur noch eine Frage kurzer Zeit. Damit haben dann die Antisemiten als Partei in Sachsen völlig abgedankt. Rote Innungen. Zu den Mitteln, mit denen man das Hand⸗ werk retten und gleichzeitig der Sozialdemokratie eins versetzen wollte, gehören auch die im Mittel⸗ alter am Platze gewesenen Innungen, die in die heutige Zeit passen, wie der Zar als Friedens— apostel. Aber nicht einmal sozialistensicher er— weisen sich die vorsündflutlichen Zunftorgani⸗ sationen. Zu der Schuhmacherinnung in Lübeck, in der die Beteiligung am Maifest-Zuge erwogen wurde, gesellt sich jetzt die Zwangs⸗ innung der Schuhmacher in Freiburg i. Br. Sie wird den braven„Freunden des Hand— werks“ noch größere Schmerzen bereiten, wie die entartete Lübecker Zwangsinnung. Hat sie doch etwas Umstürzlerisches nicht nur erwogen, sondern sogar gethan: sie hat sich als Oher⸗ meister— man falle nicht in Ohnmacht!— den ersten Vorsitzenden der sozial- demokratischen Landesorganisation, Genossen Friedrich Haug, erwählt. Da werden die sozialpolstischen Flickschuster, die in anti⸗ semitischen und konservativen Kreisen eine Rolle spielen, verzweifelt die Köpfe schütteln. Ist denn kein Schlosser da? Eine heitere Episode unterbrach am Dienstag die langweiligen Verhandlungen des Reichstags. Dernationalliberale Abgeordnete Börner erhielt unvermutet das Wort und wußte nicht, was er zu sagen hatte. Der Unglückliche hatte nämlich das Material zu seiner Rede in seiner Reichstagsmappe verschlossen und suchte hilflos nach seinem Schlüssel. Er fand ihn nicht, und Singer rief in Abänderung der neuesten Berliner Redensart: Ist denn kein Schlosser da? Das Haus amüsierte sich sehr über die Verlegenheit des nationalliberalen Kollegen, der schließlich in seiner Verzweiflung unter der Assistenz hilfsbereiter Freunde das Schloß gewaltsam sprengte, um zu seiner Rede zu gelangen. Die Nationalliberalen haben ja in letzer Zeit schauderhaftes Pech. Aus dem Reichstag. Fleischschaugesetz. Der Reichstag begann am Montag die erste Be ratung des Fleischschaugesetzes. Die agrarischen Redner aus den Reihen des Zentrums und der Konser⸗ vativen Gerstenberger und Graf Klinckowström, sowie auch der nationalliberale Agrarier Sieg wandten sich gegen die Bestimmung der Vorlage hin⸗ sichtlich der Behandlung ausländischen Fleisches und ausländischer Fleischfabrikate. Graf Klinckowström, der den amerikanischen Fleischwaren allerlei Schlimmes nachsagt, machte dem Bundesrat den Vorwurf, daß er sich von der Leitung des Auswärtigen Amtes habe be⸗ stimmen lassen, die agrarischen Interessen hintanzusetzen. Staatssekretär Graf Posadowsky führte aus, zur Untersuchung ausländischer Fleischpräparate in Büchsen gebe es keine brauchbare Methode. Ein gänz⸗ liches Verbot der Einfuhr sei unthunlich aus politischen Gründen und im Interesse der Volksernährung. Die deutsche Landwirtschaft sei nicht im Stande, den Bedarf an Fleisch zu decken Genosse Wurm führte u. A. aus: Eine Kontrolle muß durchgeführt werden, da dies im gesundheitlichen Interesse der gesamten Bevölkerung liegt. Weil wir aber diese Fleischbeschau für sozial notwendig halten, so nehmen wir keinen Anstand, zu erklären, daß die Unkosteu, die durch eine solche Untersuchung entstehen, der Gesamtheit auferlegt werden(Sehr richtig!), d. h. daß das Reich die Unkosten der Fleisch⸗ beschau übernimmt, gerade so wie heute schon auf allen Gebieten der allgemeinen sozialen Hygiene der Staat resp. die Provinzen, Gemeinden ꝛc. die Unkosten übernehmen. Damit sind dann die Hauptschwierigkeiten gehoben, die geltend gemacht wurden. Wir sind nicht der Meinung, daß man irgend eine Ausnahme von der Fleischbeschau zulassen könne. Dem Besitzer des Viehes muß die Möglichkeit gegeben sein, ohne Schädigung seiner Interessen dafür zu sorgen, daß sein Vieh, wenn es krank ist, auch beseitigt wird. Dazu gehört die obligatorische staatliche Vieh versicherung, die für das ganze Reich einheitlich zu regeln ist. Wir sind keineswegs etwa Schwärmer dafür, daß unbedingt alle Zollgrenzen geöffnet werden, damit das Ausland alles, was es will, uns herüberschicken könne. Wir verlangen gerade im Juteresse der Arbeiterklasse, daß vom Ausland kommendes Vieh untersucht wird. Der Herr Staatssekretär meinte freilich, daß dann die Ein⸗ fuhr ausländischen Fleisches überhaupt aufhören müßte. Ich glaube das nicht, denn ich bin überzeugt, daß das Ausland ein großes geschäftliches Interesse daran hat, seine Waren hierher zu senden, und infolgedessen sich unseren Bedingungen fügen muß. Wenn wir 3. B. sagen: Euere Atteste haben für uns keine Gültig⸗ keit, wir können in sie kein Vertrauen setzen, dann wird das Ausland von selbst zu uns sagen: Seid doch so gut und schickt uns diejenigen Beamten, die Ihr für zuverlässig erachtet, wir werden sie bezahlen! Etwas Aehnliches existiert ja bereits für die Prüfung der deutschen Waren durch die amerikanische Zollbehörde, wo auch deutsche Beamte zugezogen werden. Die deutsche Regierung müßte sofort die anderen Staaten, speziell Amerika, auffordern, internationale Verein- barungen über die Fleischbeschau und den Fleisch⸗ import zu treffen. Wir können ja eventuell das Aus⸗ land vollständig von unseren Grenzen absperren. Natür⸗ lich wünschen wir Sozialdemokraten das keineswegs, da das Bedürfnis nach Auslandsprodukten vorhanden ist. Da ist es eben Aufgabe der Regierung, für Deckung des Fleischbedarfs der Bevölkerung zu sorgen, indem mit den ausländischen Regierungen Vereinbarungen ge⸗ troffen werden, die ein vernünftiges und friedliches Nebeneinanderbestehen ermöglichen. Daß man auf agrarischer Seite dazu nicht geneigt ist, das glaube ich freilich. Von jener Seite hat man ja kein Hehl daraus gemacht, daß die Hauptsache die Preissteigerung des Viehes sei und nicht der Schutz gegen Seuchen— gefahr. Wem es aber Ernst damit ist, der Bevölkerung das Fleisch so billig wie möglich zu verschaffen und sie andererseits vor Erkrankung zu bewahren, der muß dafür sorgen, daß im Ausland bereits diejenigen Unter⸗ suchungen vorgenommen werden, die im Inlande nicht mehr vorgenommen werden können. Die Bauern werden schon nichts dagegen haben, daß man sie selber gegen Erkankung schützt, wenn sie keine Kosten davon haben. Hier muß eben die Gesamtheit für alle eintreten, der Bundesrat oder das Reich muß die Kosten für die Fleischschau tragen. Das liegt auch gerade im Interesse der kleinen Landwirte, die sonst in der Konkurrenz mit den großen immer mehr zurückgedrängt werden. Am Freitag wurde die erste Beratung des Fleisch⸗ schaugesetzes beendet und die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliebern verwiesen. Die Agrarier aus den Reihen der Antisemiten und Konservativen, insbesondere die Abg. Dr. Vielhaben und Frhr. v. Wangen⸗ heim, denen sich auch der nationalliberale Agrarier Fitz anschloß, erklärten, die Vorlage wegen angeblicher Begünstigung des Auslandes für unannehmbar. Gewerbeordnungsflickschusterei. Am Mittwoch wurde wieder eine Gewerbe— ordnungsnovelle beraten. Die Vorlage enthält u. a. die Festsetzung der Konzessionspflicht für das Ge⸗ werbe der Stellenvermittler und Gesindevermieter, ferner Bestimmungen zum Schutz der in der Konfektionsbran che beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, sowie der An⸗ gestellten in kaufmännischen Betrieben mit offenen Läden. Auf Antrag von zwei Dritteln der Ladenbesitzer einer Gemeinde soll ein einheitlicher Ladenschluß von der Be⸗ hörde festgesetzt werden können. In Verbindung damit wurde der Antrag des Nationalliberalen Freiherrn Heyl zu Herrnsheim beraten, der Bestimmungen über den Arbeiterschutz in Werkstätten der Hausgewerbetreibende n enthält mit besonderer Berücksichtigung der Konfektions⸗ branche und der Antrag des Nationalliberalen Basser⸗ mann, welcher auch für Privatbeamte, insbesondere für Werkmeister, Techniker u. s. w. die Bestimmungen des neuen Handelsgesetzbuchs über die Vereinbarung von Kündigungsfristen einführen will. Die Antragsteller be⸗ fürworteten ihre Anträge. Der Staatssekretär v. Po sa⸗ dowsky erklärte, eine einheitliche Regelung des Laden⸗ schlusses sei wegen der örtlichen Verschledenheiten und auch wegen der verschiedenartigen Arbeit in den einzelnen Geschäften undurchführbar. Der Antrag des Frhrn. Heyl zu Herrnsheim gehe viel zu weit. Abg. Frhr. v. Stumm wandte sich scharf gegen die Ausdehnung der Arbeiterschutzgesetzgebung auf die Hausindustrie. Unser Genosse Pfannkuch führte aus: Die Vorlage ist höchstens eine Abschlagszahlung auf die Wünsche der Arbeiter. Wir haben die Auffassung, daß die fortwährende Flick⸗ arbeit systematisch betrieben wird, um den Anschuldigungen, daß die Arbeiterschutzgesetzgebung still stehe, begegnen zu können. Die Gewerbeaufsicht muß auch auf das Handwerk und die Heimarbeit en ausgedehnt wer⸗ den. Die Vorschläge, die von unserer Fraktion in den 80 er Jahren in dieser Hinsicht gemacht sind, müssen wieder aufgenommen werden. In der Schweiz muß die Ueberarbeit mit 25 pCt. Aufschlag bezahlt werden; diese Bestimmung ist auch für Deutschland wünschenswert. Ich bin der Meinung, daß die frühere Einbringung der Novelle wünschenswert gewesen wäre. Man möge nötigen⸗ falls die Session vertagen, statt sie zu schließen, damit nicht für den Papierkorb gearbeitet wird. Wir werden nicht ruhen, bis wir die Gleichberechtigung der Arbeitnehmer mit den Arbeitgebern erreicht haben. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Nachdem sich der konservative Abg. Jacobskötter namens seiner Partei im Wesentlichen zustimmend zu der Vorlage geäußert hatte, aber den Antrag Heyl zu Herrnsheim scharf bekämpft hatte, worin sich ihm der wildkonservative Abg. Pauli anschloß, wurde die Beratung vertagt. — 2—— — —— —ñ 8—— — Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 17. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sino jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich i Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Lokalnachrichten. P.-B. Am Samstag Nachmittag stürzte das 6jährige Söhnchen des Maurers Andreas Krug, wohnhaft Asterweg Nr. 7 aus dem Fenster des 3. Stockes innerhalb der Hofraithe in einen Winkel und zog sich hierbei einen Schädelbruch und Oberschenkelbruch zu. — Im Hofe eines Fabrikanten in der Dammstraße dahier verunglückte am Sams⸗ tag ein Maurer, indem demselben eine Leiter auf den Kopf fiel, sodaß bei demselben eine schwere Gehirnerschütterung festgestellt wurde. — Ein französischer Student hat die üble Angewohnheit, ab und zu mehr zu trinken, als er vertragen kann. Er ist dann in Bezug auf ein Nachtlager sehr wenig wählerisch und kleidet sich bald auf diesem, bald auf jenem Hofe aus, um seinen Rausch auszuschlafen. Dabei hat der Mann ein seltenes Glück, denn obwohl er hier die goldene Uhr, dort den Hut u. s. w. zurückläßt, kommt er immer wieder in den Besitz seiner Sachen. Als er dieser Tage wieder schlaf⸗ und alkoholtrunken auf einem Hofe ein Nachtlager suchte, ließ ihn der Hausbesttzer auf die Polizeiwache bringen. — Aus der Gießener Lesehalle schreibt man uns:„Im Monat März wies die Be⸗ nutzung der Lese- und Bücherhalle wiederum eine nennenswerte Steigerung auf. Es wurden insgesamt verliehen 1471 Bände gegen 1329 im Februar. Auf die einzelnen Berufsklassen verteilten sich die Entleihungen wie folgt: a) an Männer: Handwerker 530, Arbeiter 230, Kaufleute 150, Schüler und Studenten 140, Beamte 90, ohne Standesangabe 31 Bände (Summe 1171); b) an Frauen: Hausfrauen und Töchter 238, Gewerbetreibende 32, Arbeiter innen und Dienstmädchen 20, Lehrerinnen 10 Bände(Summe 300). Nach auswärts wurden 72 Bände verliehen. Was die Beteiligung der Frauen betrifft, so ist festzustellen, daß die dem weiblichen Geschlecht angeborene Schüchternheit manche derselben immer noch von der Benutzung abzuhalten scheint. Möchten sich doch recht viele überzeugen, daß gar kein Grund zur Scheu vor der Entleihung eines Buches vorliegt. Auch eine regere Beteiligung der Arbeiter wäre sehr erwünscht. Wir bemerken, daß unter der Bezeichnung„Handwerker“ alle diejenigen verstanden sind, die ein Handwerk als ihren Beruf angegeben haben. Also auch Schlosser⸗, Schreiner- und Schneider⸗Gesellen und Lehr⸗ linge. Als„Arbeiter“ werden Fabrikarbeiter, Straßenarbeiter u. s. w., d. h. solche, deren Beruf eine eigentliche Lehrzeit und Vorkenntnisse nicht erfordert, geführt.“ — Herr Oberbürgermeister Gnauth hat einen Ruf nach Stuttgart erhalten. Der dortige Oberbürgermeister Rümelin ist bekannt⸗ lich vor einiger Zeit gestorben. Es ist begründete 1 85 vorhanden, daß Herr Gnauth in Gießen leibt. — Eine Schwindlerin verhaftet. Am Donnerstag wurde von verschiedenen Seiten bei dem Polizeiamt die Anzeige gemacht, daß eine Frauensperson in raffinierter Weise ver— sucht, höhere Geldbeträge zu erschwindeln. Der Polizei ist es gelungen, die Schwindlerin in der Person einer hiesigen unter sittenpolizeilicher Kortrolle stehenden Frau zu verhaften. — Ein Fahnenjunker des 89. Infanterie⸗ regiments in Schwerin, welcher in einem hiesigen Hotel logierte, schoß sich eine Revolverkugel in die Brust, sodaß er schwer verletzt in das Garnisonlazarett gebracht werden mußte. Weißbinder⸗ Versammlung. * Am Sonntag Nachmittag fand in Gießen eine gut besuchte Versammlung der Weißbinder von Gießen und Umgegend statt. Kollege Gerold aus Frankfurt sprach über die Lage im Gewerbe und den Wrrt der Organisation. Es schlossen sich dem Weißbinderverband 96 neue Mitglieder an. Unlauterer Wettbewerb? p. Der Kaufmann Henneberg in Marburg war wegen Vergehens gegen das Gesetz betr. den unlauteren Wettbewerb angeklagt, aber vom Schöffengericht freigesprochen worden. Er sollte zum Schaden seiner Konkurrenten an⸗ gekündigt haben, er verkaufe zu Engrospreisen im Kleinhandel, habe aber höhere Preise ge— nommen, als er seiner Ankündigung gemäß hätte nehmen dürfen. Diese letztere Meinung vertraten auch in der Berufungsinstanz einige als Sachverständige vernommene Kauf— leute. Die Sachverständigen Berdux, Baudorff und Bückiig waren hingegen anderer Ansicht. Der Begriff„Engrospreise“ sei von dehnbarer Natur und durchaus nicht feststehend. Was man heute als Detailpreis bezeichne, könne morgen schon ein Engrospreis sein, namentlich bei Kaffee, dessen Preise außerordentlich schwanken. Das Urteil der Strafkammer lautete unter Auf— hebung des erstinstanzlichen Erkenntnisses auf eine Geldstrafe von 50 Mark. Eine rätselhafte Weingeschichte. Ueber einen Prozeß gegen den Weingroßhändler Zinßer in Gießen wird der„H. L.“ berichtet: Die Bürgermeistereien Heuchelheim und Langgöns hatten Ende 1895 in ihren Gemeinden je eine Flasche Oppenheimer bei Wirten kaufen lassen, die das Nahrungsmittel-Untersuchungs⸗ amt Gießen als stark mit Salyzil durch- setzt erklärte. Polizeiliche Nachforschungen er— gaben, daß beide Flaschen aus den Zinßer⸗ schen Kellereien herrührten. Eine von der Firma Adolf Zinßer entnommene Flasche Niersteiner erwies sich bei der chemischen Untersuchung ebenfalls als salyzilhaltig. Hierauf wurden Zinßer, dessen Küfer und der Küferbursche verantwortlich vernommen und alle Drei erklärten, daß im Zinßerschen Ge⸗ schäft nichts in den Wein gemischt werde. Später, als man die Küfer unter Eid ver⸗ nahm, gaben diese jedoch zu, daß ihnen von ihrem Chef häufig eine grüne Flasche ge⸗ geben sei, in der sich aber angeblich eine Taninlösung befunden habe und daß diese Lösung den Weinen zur Konservirung zugesetzt worden sei. Vor der Strafkammer erklärte der Angeklagte Zinßer, er habe den Salfzilzusatz zu den Weinen nicht gemacht, dieser müsse schon im Wein gewesen sein, als er ihn aus der Pfalz erhalten habe. Wer die Weinlieferanten gewesen seien, will der Angeklagte nicht wissen. Er habe die billigen Weine aus mehreren Sorten zusammengesetzt, diese Mischung als Niersteiner und auch als Oppenheimer verkauft.(Nun weiß man doch, wo der „Niersteiner“ und„Oppenheimer“„wächst“. M. S.⸗3.) Richtig sei, daß er häufig den Weinen einen geringen Zusatz von Tanin, in Spiritus aufgelöst, um die Weine haltbarer zu machen, gegeben habe. Gefragt, woher er denn das Tanin bezogen habe, giebt der Angeklagte an, daß er dies nicht mehr wisse, er habe vor 20 uid mehr Jahren ein Mal ein größeres Quantum bezogen und dies habe bis jetzt, da er nur kleine Quantitäten verwendet habe, aus— gelaugt. Die Beweisaufnahme ergab, daß Zinßer die angebliche Taninlösung in einer grünen Flasche seinem Küfer gegeben habe, um diese auf ein Stückfaß von 1200 Liter Weiß zun ichen Staatsanwalt Zimmermann, der die Anklage vertrat, ist der Ansicht, der Angeklagte habe bewußt das Salyzil in den von ihm vertriebenen Wein gemischt, was nach dem Gesetz von 1892 verboten sei.... Sehr verdächtig sei es, daß der Angeklagte so⸗ wohl wie dessen Küfer bei ihrer ersten verant⸗ wortlichen Vernehmung durch die Polizei kein Wort gesagt hätten, daß Tanin in den Wein geschüttet worden wäre. Erst als man die Leute des Angeklagten unter Eid vernahm, da be— kundeten sie übereinstimmend mit ihrem Chef: „Ja, wir thun Tanin dazu.“ Ganz merk⸗ würdig sei es aber, daß dieses angebliche Tanin, als es von der Polizei beschlagnahmt werden sollte, vergriffen sein sollte. Belastend für den Angeklagten sei auch, daß dieser nicht anzugeben in der Lage sein will, wo er die Weine, von denen er behauptet, sie müßten schon in der Pfalz mit dem verbotenen Salfzilzusatz ver— sehen sein, herbezogen hat. Es unterliege keinem Zweifel, daß Zinßer mindestens verur⸗ teilt werden müsse wegen fahrlässigen Ver⸗ gehens, denn er habe die Pflicht gehabt, zu prüfen, ob die Ware dem Gesetz entspreche. Der bewußt gegen das Gesetz verstoßen habe. Es Geldstrafe von 400 Mark zu verurteilen. Nach der Verteidigungsrede des Rechtsanwalts Grünewald sprach der Gerichtshof den Wein⸗ händler Zinßer frei, da es an zwingenden Beweisen fehle. a Keine Arbeitskammer in Hessen. * Behufs besserer Geltendmachung der Wünsche und Interessen der Arbeiter- schaft war von der sozialdemokratischen Land⸗ tags⸗Fraktion der Antrag eingebracht worden, „die Organisation der Arbeiterschaft mit direkter Vertretung im Ministerium ähnlich der Vertretung der Landwirtschaft und des Gewerbes“, in die Wege zu leiten. Dazu hat die Regierung in einem Schreiben an den I. Ausschuß nunmehr Stellung genommen. Sie erklärt sich zur Zeit außer stande, dem An⸗ trag näher zu treten, weil die Angelegenheit aufs engste mit der im Reichstag angeregten Schaffung von Arbeiter kammern zusammen⸗ hänge und es nicht ratsam sei, einer reichsge⸗ setzlichen Regelung der ganzen Materie vorzu⸗ greifen. Daß Hessen von sich aus die Arbeiter⸗ kammernfrage nicht endgültig lösen kann, wollen wir zugeben. Gleichwohl halten wir die Er⸗ richtung einer Zentralstelle für Arbeiterange⸗ legenheiten im Bereich des Großherzogtums un⸗ beschadet einer späteren reichsgesetzlichen Regelung für wohl angebracht. In jedem Falle aber werden unsere Genossen bei der Verhandlung in der Kammer die Regierung dringend ersuchen, ihren Einfluß im Bundesrat energisch zu Gunsten der Errichtung von Arbeiterkammern geltend zu machen. Landtagsmandat erledigt. Infolge des Todes des Landtagsabgeord— neten Neeb zu Windhausen ist das Mandat für den 8. Wahlbezirk der Provinz Oberhessen, der den Bezirk des Amtsgerichts Alsfeld und Teile des Amtsgerichtsbezirks Ulrichstein um⸗ faßt, erledigt. Neeb gehörte der freisinnigen Partei an. Flottenvereine für Hessen. * Nach einem Vortrag, den der Sozialisten⸗ fresser Victor Schweinburg aus Berlin vor Ministern u. sonstigen hohen Herren in Darmstadt hielt, ist der von uns schon angekündigte Flottenverein begründet worden. Dieser Nachricht fügt die„Hessische Landeszeitung“ in Marburg hinzu: „Der Absicht dieses Vereins gehört unsere volle Sympathie; nur mußte man die Sache populärer machen, indem man nicht nur„studierte“ Leute heranzieht, zudem solche, welche nur der nationalliberalen Partei an⸗ gehören.“ Wie schade, daß die feudalen Flottenmänner in Darmstadt nicht einen Vertreter des Mar⸗ burger Organs für national-soziale Steifleinene eingeladen haben. Wie hübsch hätte der Schrift⸗ setzer Scheibe, der in Gießen die„Hessische Landeszeitung“ repräsentiert, dieselbe auch in Darmstadt vertreten können.“ Aus Alsfeld. W. Eine für vorigen Sonntag einberufene Parteiversammlung für den Wahlkreis Als⸗ feld⸗Lauterbach-Schotten, welche bei Gastwirt Hch. Kemmer in Alsfeld tagte, be⸗ schloß, die diesjährige Maifeier in würdiger Weise in Lauterbach zu begehen. Leider war aus Schotten wieder, wie gewöhnlich, kein Genosse erschienen. — Am 15. April brannte die 10 Minuten von der Stadt gelegene Kallenbach'sche Ziegelei teilweise nieder. Der Abgebrannte ist nicht versichert. Aus Wetzlar. f. Die Wahlprüfungskommission des Reichs- 1 Staatsanwalt ist der Ueberzeugung, die Beweis⸗. aufnahme habe dargethan, daß der Angeklagte 1 liegen 2 Fälle des Vergehens vor, und er be⸗ antrage den Angeklagten für jeden Fall zu einer 1 hammer lau 0 nere Pre — Lieb. D. zu Erd here R leidigt, Diesem Urte ijuriöser Vurseher 9 gewesen zu — Ach! stzern der! kanten B. gegen die perbeordm jugendliche lüglich bes genügende Altteil dere Geldstrafe. Die N gangen wer Dorfeier im Montag M sunmlung. bird, dafür dur gewer ———— 8 tags hat beschlossen, den Reichskanzler zu er⸗ Land⸗ den, haft rium t und Dazu den men. n An⸗ enheit egten en- chöge⸗ orzu⸗ eiter⸗ vollen Er⸗ ange⸗ ö un⸗ lung aber dung chen, isten tend eord⸗ dat esen, und un- nigen isten⸗ bor stadt digte dieser “ in isere die licht lche, i al inner. Mar⸗ nene srift⸗ sisge 0 in Ufelle Als⸗ hei be⸗ diger ider kein fte egele ict Nr. 17. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. suchen, Erhebungen anstellen zu lassen, ob einzelne Behauptungen des von den Antisemiten eingereichten Wahlprotestes auf Wahrheit be— ruhen. Es handelt sich namentlich um die Thätigkeit des hiesigen Landrats und zahlreicher Bürgermeister während der Wahlkampagne. Die Antisemiten, welche bei einer etwaigen Nachwahl mit den Christlich⸗-Sozialen zusammen gegen den Nationalliberalen Krämer gehen würden, scheinen schon Morgenluft zu wittern. Der ehemalige Dresdener Reichstagsabgeordnete und„Wacht“⸗Direktor Zimmermann kündigt bereits im antisemitischen Arizona-Kicker des Abg. Köhler für Wetzlar und Altenkirchen Ver⸗ sammlungen an. Herr Zimmermann, den die Dresdener Arbeiter im vorigen Jahre aus dem Reichstag hinaus gewählt haben, möchte gar zu gern wieder Reichsbote werden. Im Wetzlar— Altenkirchener Kreis wird's nicht gelingen. An⸗ gesichts der großen Mehrheit, die für den Abg. Krämer an die Wahlurne gehen mußte, ist es sehr zweifelhaft, ob es zu einer Nachwahl kommt. Unter allen Umständen thun aber unsere Genossen gut, ihre Vorbereitungen zu treffen. Unsere Presse verbreiten und Gelder flüssig machen, ist die erste Vorbedingung. — Liebe deinen Nächsten! Der Pfarrer D. zu Erda hat den dortigen Vorsteher durch mehrere„Redensarten injuriöser Art“ be⸗ leidigt. Das Urteil der Wetzlarer Straf⸗ kammer lautet auf eine Geldstrafe von 50 Mk. Diesem Urteile nach scheinen die„Redensarten injuriöser Art“, die der Herr Pfarrer dem Vorsteher gewidmet hat, nicht allzu glimpflich gewesen zu sein. — Achtung vor dem Gesetz. Den Be⸗ sitzern der Minervahütte bei Haiger, den Fabri⸗ kanten B. und Kl., werden mehrere Verstöße gegen die Arbeiterschutzbestimmungen der Ge⸗ werbeordnung zur Last gelegt. Sie haben jugendliche Arbeiter länger als zehn Stunden täglich beschäftigt und denselben auch nicht die genügende Frühstücks⸗ und Mittagspause gewährt. Urteil der Strafkammer: B. 200, Kl. 100 Mk. Geldstrafe. Aus Eschwege. Die Maifeier wird hier wie folgt be. angen werden: Sonntag, den 30. April zur 5 im Garten bei R. Heinemann Konzert. Montag Morgen Ausflug und Abends Ver— sammlung. Daß die Feier eine imposante werden wird, dafür zu sorgen ist in erster Linie Pflicht der Gewerkschaften, aber auch jeder einzelne Genosse, jeder organisirte Arbeiter muß dafür sorgen! Heiteres in eruster Zeit. Die antisemitische„Staatsbürgerztg.“ schreibt über den Ausfall der Berliner Wahl: „Ein Gutes aber hat das Wahlresulat trotz allem: Es wird Klarheit schaffen und denen, die noch sehen wollen, die Augen öffnen. Nur der antisemitische Gedanke vermag die nationalgesinnte Berliner Wählerschaft zu einigen; nur durch ihn wird sie siegen.“ Man darf nicht vergessen: der Abgott der Staatsbürgerin, der antisemitische Dreschgraf Pückler, kandidierte höchstselbst und der in ihm vereinigte antisemitische Gedanke verdichtete sich in— 140 Stimmen. Bei den Antisemiten sind nur zwei Dinge wirklich groß: der Dalles und das Maul. Zuckersaft giebt Muskelkraft. In der Frage der Zuckerernährung der Sodaten ist nach der„Kreuzztg.“ jetzt höheren Ortes angeordnet worden, daß je zwei Kom⸗ pagnien von zwei Regimentern eines jeden Armeekorps jetzt und besonders im Sommer längere Uebungsmärsche ausführen sollen, auf denen von den intelligenteren Mannschaften dieser Kompagnien Versuche mit reinem Zucker und mit Pastillen aus Zucker mit Kaffee⸗ oder Citronenzusatz, in Wasser in mitgeführten Blech⸗ bechern aufgelöst, angestellt werden, um fest⸗ zustellen, ob sich dadurch Strapazen leichter ertragen lassen. Arbeiterbewegung. Der Frankfurter Brauerstreik dauert fort. Also: Kein Frankfurter Bier trinken! Ein Streik der Weißbinder in Frank⸗ furt ist siegreich beendet. Die Zahl der Streikenden betrug über 1000. Mindestlohn für jugendliche Arbeiter ist jetzt 36 Pfg., für ältere Arbeiter 42 Pfg. pro Stunde. Die Weißbinder können auf diesen Erfolg, den sie ihrer erst jungen Organisation danken, stolz seiu. sssicht nach Frankfurt! In Gießen sucht ein Mann Brauerei⸗ arbeiter nach Frankfurt zu werben! Wer wäre geneigt, den reichen Brauereibesitzern zu Hilfe zu eilen, um dadurch den um bessere Lebens— bedingungen kämpfenden Brauereiarbeitern in den Rücken zu fallen? Wir hoffen: Niemand! Err/ Hessischer Landtag. Wahlreform. Am Dienstag hat der Landtag seine Sitzungen wieder aufgenommen. Auf der Tagesordnung stand der Antrag der Abg. Wasserburg und Genossen, die Ein⸗ führung direkter Wahlen zum Landtag betreffend, sowie Antrag der Abg. Schmitt und Genossen, den Erlaß einer Vorlage über Wahlvorschriften betreffend. Auf Antrag unseres Genossen Ulrich werden die Anträge des Abg. David und Genossen, die Wahlen zur Zweiten Ständekammer an Sonntagen und die Vermehrung der Wahlbezirke betreffend, in die Debatte hineingezogen. Abg. Frenay spricht für die Einführung der direkten Wahlen und hofft, daß die Regierung demnächst eine diesbezügliche Vorlage dem Hause machen werde. Die Geheimhaltung der Wahl könne nur durch Einführung amtlicher Wahlkouverts gesichert werden. Er stehe auf dem Boden der Wahlpflicht und halte die Propor⸗ tionalwahl für das gerechteste System. Staatsminister Rothe: Der Frage des Ersatzes der indirekten Wahlen durch direkte werde die Regierung nicht(11) nähertreten. Eine Revision des Wahlgesetzes könne aber nicht ausbleiben. Die Landtagswahlen könnten ruhig weiter an Werktagen stattfinden. Abg. Schröder(national⸗liberal!) erklärt im Namen eines großen Teils seiner Parteifreunde, daß sie für die Erhaltung des indirekten Wahlsystems für den Landtag eintreten würden. Das Volk sei nach ihrer Ansicht für das allgemeine direkte Wahlrecht noch nicht reif genug. Genosse Ulrich meint, wenn das Volk politisch noch nicht reifer sei, so trügen gerade die Nationalliberalen, die ja Jahr⸗ zehnte lang die Herrschaft ausgeübt und Gelegenheit zur politischen Heranbildung des Volkes gehabt hätten, die größte Schuld daran. Aber die Annahme treffe gar nicht zu, für die sozialdemokratischen Wähler wenigstens nicht. Der Redner tritt ein für die Abschaffung der ersten Kammer, Einführung der Sonntagswahl und der Wahlpflicht. Er halte ein sicheres Proporttonalwahlsystem für das vernünftigste und gerechteste. Eine andere Eintheilung der Wahl⸗ kreise sei durch die Verschiebung der Bevölkerungs-Ver⸗ hältnisse bedingt. Abg. Reinhart(nl.) gibt im Namen einer Minorität seiner Partei und des Präsidenten Haas die Erklärung ab, daß sie für die Einführung der direkten Wahl unter Voraussetzung der Wahlpflicht stimmen würden. Abg. Köhler-Langsdorf tritt für direkte Wahl, Wahlpflicht und Sonntags wahlen ein. In der Mittwoch sitzung wurde die Wahlrechts⸗ frage noch lebhaft besprochen, aber nicht erledigt. Die Gesetzentwürfe über die freiwillige Gerichtsbar— keit werden dem Hause nach einer Mitteilung der Re⸗ rierung in Kürze zugehen. Der Bau der Lumda⸗ thalbahn wird diesen Sommer begonnen und soll spätestens in 1¼ Jahren fertiggestellt sein. Arbeiter im Eisenbahndienst. In scharfer Weise geißelten unsere Genossen Ulrich und Cramer verschiedene Zustände in dem Betriebe der Main⸗Neckar⸗Bahn. Die Art der Entlohnung bedürfe entschieden der Besserung. Daß Arbeiter, die über 40 Jahre alt sind, nicht mehr angenommen würden laut Werkstätteordnung rufe die größte Entrüstung her⸗ vor. Der Oberfinanzrat Ewald bestritt die geschilderten Zustände, mußte sich aber nachweisen lassen, daß er schlecht unterrichtet war, Hoffentlich nützt das Eintreten unsern Genossen. Nach dreitägiger Verhandlung nahm die 2. Kammer in namentlicher Abstimmung mit allen gegen 8 Stim⸗ men den Antrag an, die Regierung zu ersucheu, bei den Landtagswahlen das direkte Wahlrecht einzu⸗ führen. Das an die Regierung gerichtete Ersuchen wegen Beseitigung der bestehenden Beschränkung in Be⸗ treff der Steuerzahlung, sowie bezüglich der Einführung von Wahlkouverts fand ebenfalls Annahme. Dagegen wurde ein Antrag des Genossen Dr. David, die Wahlen am Sonntag vorzunehmen, abgelehnt. —— 2 Partei⸗Nachrichten. Alsfeld. Eingegangen beim Kreisvertrauensmann zu Agitationszwecken: Mk. 2.13 durch Versteigerung einer Zigarre auf der Pfefferhöhe. Für die Angehörigen der Dresdener Ver⸗ urteilten sind beim Parteikassirer Gerisch nachträglich noch M. 12 629,32 eingegangen. Dieser Betrag wurde, entsprechend der Bekanntmachung des Parteivorstandes in Nr. 67 des„Vorwärts“, dem Unterstützungs⸗ fonds der sozialdemokratischen Partei überwiesen. Dem Löbtauer Fonds sind noch M. 126,25 aus dem Aus⸗ land zugeflossen, so daß ein Gesammt-Betrag von M. 88 247,68 verbleibt. Das Mannheimer Gewerkschaftskartell wählte den Genossen Simon Katzenstein, der zur Zeit in Zürich ist, zum Arbeitersekretär des neu zu errichtenden Arbeiter⸗ sekretariats. Wir wünschen unserm Landsmann besten Erfolg in Mannheim. Briefkasten der Redaktion. Dichter C. E. Ihr Gedicht ist nicht druckreif.— „Thut fließen“ das ist doch nicht zu genießen! Und: „Die Erde trägt Frucht“ für den,„der Anspruch sucht?“ — Ei verflucht! Briefkasten der Expedition. Marburg. Wegen Raummangel mußten wir den Artikel über den zahm⸗radikal⸗demokratisch⸗national⸗ sozialen Herrn Scheibe zurückstellen. Quittungen. Fr. Gbg. 3.40. Rg, Ltbch. 28.60. N. The. 1.80. Wzl. Egdf. 3.20. Kft. Wsmr. 3.60. Sch. Wkpl. 2.—. M. Obsch. 4.80. Rbch. Albsh. 4.80. Sch. Verb. Ins. 1.—. Frt. Gbg. H. Kft.—.40. 3.40. Hbr. Dbzn. 8.40. Abg. G. 8.—. K. W. R. 1.—. Wtzl. Wtzh. 18.—. Schm. Hchhm. 26.40. cht. Gbg. 6.20. Flgh. R. 2.30. O. Altona 1.—. F. Wtzlr. 25.—. Kch. Kefd. 43.20. Schpf. Alldf. 2.40. Mek. Nbtbch. 1.75. J. Ekh. 4.40. Schm. Wbg. 1.—. M. Bdgn. 11.65. Dgs. Blchbch. 8.—. B. G. 3.—. A. B. G. 18.—. H. Sch. G. 12.—. K. C. A. 15.—. W. Aff. Der hentigen Nummer liegt ein Prospekt des Waarenhanses von Adolf Baer, Gießen, Schulstra ße 6 bei, auf den wir hiermit hinweisen. EE ͤVT—TT—T0T00C0CTC—T0TTTT—TTVT—VTV—T———— CCE ieee Antergaltungs⸗ Teil. —— 8 1 14 4 * Die Dichtkunst. O heil'ge Dichtkunst, wie wirst du entweihet! Wie treten nieder deine hohe Würde Die Unverständigen! Und dann am meisten, Wenn sie am schönsten dich erheben wollen. So sagen Deine ungeweihten Priester: Die Dichtkunst gleichet einem prächt'gen Saale, Mit reichem, herrschaftlichem Schmuck verzieret. Da darf man nur mit fein lackierten Schuhen, Mit Anstand und mit Sierlichkeit eintreten.— Schweigt! Unwahr ist ein jedes eurer Worte! Nicht gleicht die Dichtkunst dem Gesellschaftssaale, Wo, um zu schwatzen, hin geputztes Volk kommt— Das auserles'ne Unkraut der Gesellschaft—— Die Dichtkunst ist viel mehr! ein hehr' Gebäude, Geöffnet jedem, der zu beten kommet, Gleich für des Glückes, wie des Unglücks Kinder; Mit einem Wort: sie ist ein Gottestempel! Dahin darf jeder kommen nach Belieben, Auch in Pantoffeln, selbst mit bloßen Füßen. Alexander Petöfi. vom Stamm gerissen. Roman von E. Lauger. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Als Valeska sich abends in dem schneeweißen, nach Lavendel duftenden Bette ausstreckte, und Frau Braun, welche nachsehen kam, ob ihre Einwohnerin gut läge und alles hätte, was ste brauchte, dies und jenes noch im Zimmer ordnete, wobei ihre Bewegungen so sauft und leise wie ihre Stimme waren, da kam es Valeska vor, als sei sie wieder daheim bei der guten teuren Mutter. Es war ein wohliges und schmerzliches Gefühl zugleich. Fortgetrieben aus dem Elternhause, war sie in den Strudel des Lebens gerissen worden, es half kein 161 — 3 —— — — 23 ————— Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 17. Stemmen und Wehren dagegen, sie mußte mit, sie konnte nicht in den Hafen zurück, aus dem sie gefahren, andere neue Ufer lagen vor ihr, die zu gewinnen waren. Wie süß ruhte es sich daher in der stillen Bucht, in die ein mitleidiger Windstoß sie für den Augenblick getrieben! Als Frau Braun Valeska eine gute Nacht wünschte, reichte ihr diese die Hand und zog sie an ihr Bett, und die Frau, die einmal eine Tochter besessen, sie aber früh verloren und nie ein so schönes junges weibliches Wesen in der Nähe betrachtet hatte, konnte sich nicht satt sehen an den feinen Händen, dem vollen zarten Arm und Busen, dem schmalen, unter dem Halbdunkel des Betthimmels fast kindlichen Köpfchen mit den prächtigen, ausdrucksvollen Augen. Ach, sie hatte gar keinen Begriff ge⸗ habt, welchen Liebreiz ein schönes junges Weib besäße, und sie konnte sich nicht enthalten, die Hände und das Haar der neuen Hausgenossin liebkosend zu streicheln. Ihren Bräutigam hatte Valeska nur einmal nach vielen Bemühungen ihres Rechtsanwalts sehen dürfen und natürlich in Gegenwart eines Beamten. Es war ein trauriges Wiedersehen. Oettinger bewohnte jetzt allerdings eine an⸗ ständige Zelle, nachdem er eine Zeit lang mit mehreren Vagabonden ein und denselben Raum hatte teilen müssen, und auch über die Behand⸗ lung seitens der Gefängnisbeamten konnte er nicht klagen. Sie bewiesen ihm sogar einen gewissen Respekt. Daß er bessere Kost erhielt, dafür hatte Valeska sofort Sorge getragen, indem sie durch Herrn Ehrlich das nötige Geld einzahlen ließ. Allein für Oettinger waren das alles unerhebliche Dinge. Wenn auf einen, so paßte auf ihn das Wort Goethes in seinem Nachruf an Schiller: s „Und hinter ihm, im wesenlosen Scheine, Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.“ Er konnte leben wie ein Anachoret, ohne daß er es fühlte, trotzdem er keineswegs für die feineren materiellen Genüsse unempfäng lich war. Sein Reich war aber der Gedanke, und dieser idealen Richtung entsprach der Stoizis⸗ mus, mit dem er alle äußeren Leiden ertrug. Selbst die Fahrt mit den gefesselten Hän den hatte seinen Gleichmut nicht erschüttert. Er hatte sich ganz ruhig mit dem Gendarm und dem Knecht, der sie fuhr, über solche Dinge unterhalten, die den Leuten am nächsten lageu. Dabei waren sie natürlich aufs soziale Gebiet gekommen, und da hatten ihm die Leute ihre Leiden anvertraut, über deren allgemeine Ursache er sie belehrte. Als sie in M. ankamen, waren seine Gefährten ihm so zugethan, daß sie ihm am liebsten zur Flucht ee hätten. Es war ihnen schrecklich, ihn abliefern zu müssen. Nie war dem Gen darm sein Schergenanit so schwer gefallen und mit unterdrückten Thränen sagte er Lebewohl.. Im Gefängnis nahm man ihm zwar die Ketten ab, aber die Gemeinschaft mit den Vagabonden, die er drei Tage lang auszustehen hatte, war eine viel größere Prüfung für ihn. In seinen Mantel gehüllt, saß er die ganze Zeit auf seiner Pritsche, das Gesicht in den Händen vergraben. Nach dem ersten Verhör wußte er, was ihm bevorstand— eine lange Untersuchungshaft und schließliche Verurteilung, ob Kries mit dem Leben davon kam oder nicht. Er hatte offenkundige Gegner zu Richtern, die die Gelegenheit benutzen würden, einen von der bestgehaßten Partei ihre Macht fühlen zu lassen. Die eigene Zelle und ein Zettel von Valeska, den er durch Vermittelung ihres Rechtsanwalts erhielt und aus dem er ihre Anwesenheit in M. erfuhr, richteten unseren Philosophen jedoch gleich wieder auf, und Valeska fand ihn bei ihrer ersten Begegnung so ruhig und gefaßt, daß sie zur Bewunderung hingerissen wurde. „Auch sie war auf Begehr ihres Rechts, beistandes vernommen worden, da sie indessen Oettinger so nahe stand und nur zu seinen Gunsten aussagen konnte, so behandelte man ihr Zeugnis als von keinem Belang. Alles, hieß es, käme auf die Aussagen des Schwer⸗ verletzten an, dessen Genesung abgewartet werden müßte. So standen die Sachen gegen Ende April. Valeska hatte gleich nach ihrer Ankunft in M. nachhause geschrieben und ihren veränderten Aufenthalt, sowie die Ursache desselben ange⸗ geben, zugleich mit dem bestimmten Entschluß, den Ausgang der Sache daselbst abzuwarten. „Der Vater hat mich aus dem Hause geschickt und mich damit mündig gesprochen“, schrieb sie. „Ich habe jetzt mein Leben selbst in die Hand genommen. Ich fordere die Selbstbestimmung als mein gutes Recht.“ Aber diese trotzigen Worte galten dem Vater, der scharf bearbeitet sein wollte. Für die Mutter hatte sie einen weicheren Ton; da sprach das Herz des liebenden Weibes. das an ein anderes liebendes Herz appellierte. Herr Stern war anfangs wie ein donnernder Jupiter.„Sie soll zurück. Sie muß zurück“, schrie er, als er nur die ersten Zeilen gelesen hatte. Aber je weiter er las, je stiller wurde er, und endlich brach er in ein lautes Gelächter aus. Seine Frau und Tussy begriffen nicht, was ihn so erheitern konnte, denn sie hatten den Brief schon vorher gelesen und nur höchst Betrübendes darin gefunden. Aber sie waren eben Frauenzimmer, wie Herr Stern sagte, die keine Freude haben konnten an der famosen Szene zwischen Oettinger und Herrn von Kries. Der geohrfeigte Junker machte ihm tausend Spaß und die männliche Haltung Oettingers flößte ihm förmlich Respekt ein. Zudem war die ganze Geschichte ein Stück Romantik, es schmeichelte ihm beinahe, daß Valeska eine Rolle darin gespielt hatte. Er war stolz auf sie, stolz auf Oettinger. Auch war er Menschenkenner genug, um das plötzliche Erscheinen des Guts⸗ herrn in der Inspektorwohnung auf die richtige Ursache zurückzuführen, auf Verliebtheit und Eifersucht, es war ihm also recht geschehen, und alles zusammen stimmte ihn für Valeskas Plan, in M. auszuharren, immer günstiger. Er, von dem sie den größten Widerstand gefürchtet hatte, redete ihr bei der Mutter das Wort. Diese sah sich jetzt ganz verloren. Sie hatte im Stillen auf den Machtspruch des Vaters gehofft, denn sie wußte, daß all ihre Bitten heimzukehren, Valeska nicht dazu bewegen würden. O, diese unselige Liebe, sie hatte ihr ihr Kind auf immer entrissen! „Mutter“, sagte Tussy ernst, indem sich ihre Wangen höher färbten,„ich denke, Valeska thut recht. Wenn man einen liebt, muß man in der Not zu ihm stehen. In der Bibel steht: Die Frau soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen.“ „Dummes Kind, das Du bist! Was weißt Du von der Liebe? Und in der Bibel steht gerade das Gegenteil: Der Mann soll Vater und Mutter verlassen, und das ist auch das Richtige. Der braucht die Eltern nicht. Aber ein junges Mädchen und so schön wie unsere Valeska, ganz allein an einem fremden Ort!“ „)Sie ist ja bei der guten Frau Braun, die für sie—“ „Schweig mir!“ rief die Mutter aufgebracht. „Gott im Himmel, auch Du bist gegen mich. Die erste, beste Frau Braun oder Frau Schwarz kann also nach Deiner Meinung die Mutter ersetzen? Lohnt es da wohl der Mühe, Kinder zu erziehen?“ Sie brach in ein hysterisches Weinen aus. Frau Stern hatte den ganzen Winter ge⸗ kränkelt. Die jahrelangen Sorgen und Ent⸗ behrungen, der ewige, offene und heimliche, eheliche Krieg rächten sich an ihrer Gesundheit, deren Zerrüttung der Gram um Valeska voll⸗ endete. Unter solchen Umständen war es entschuld⸗ bar, daß sie diesem neuen Mißgeschick keinen moralischen Widerstand entgegen zu setzen hatte. Sie ergab sich endlich in Valeskas Willen, allein so, wie sich das welke Blatt der Gewalt des Sturmes überläßt. Die Lebenskraft war gebrochen, der Lebensmut dahin. Tussy, trotz⸗ dem sie die Mutter mit unendlicher Liebe und Geduld pflegte, ahnte noch nichts von deren wahrem Zustand. Sie hatte noch keinen Men⸗ schen hinwelken sehen und hoffte mit dem Ver⸗ trauen der Jugend, daß mit der besseren Jahres⸗ zeit die Mutter auch wieder zu Kräften kommen würde. In ihren Briefen an die Schwester, die sie zugleich im Namen der Mutter schrieb, während diese nur hin und wieder ein paar dem wir geboren sind. erreicht den Boden desselben. Verwunderung darüber ausdrückte, daß der Körper des Zeilen hinzufügte, hatte sie der Sache auch keine große Bedeutung beigelegt, vielleicht sie absichtlich als eine geringe Unpäßlichkeit be⸗ handelt, um Valeska Angst und Unruhe zu ersparen. Valeska war, sobald sie sich häuslich ein⸗ gerichtet hatte, daran gegangen, sich um Schüler⸗ innen za bemühen. Sie mußte ihren Unterhalt verdienen, den Rechtsanwalt und die Gefängnis⸗ kosten bestreiten und womöglich für einen kleinen Reservefonds sorgen, den sie Oettinger, wenn er aus der Haft entlassen wurde, einhändigen konnte. Die Aufgabe, für den Geliebten zu arbeiten, erhob und beseligte sie. Es gelang ihr über Erwarten schnell, Schülerinnen zu finden. Die Neugierde trug viel dazu bei, denn die Geschichte, in der sie eine Rolle gespielt, hatte angefangen, gewaltigen Lärm zu machen. Der Ruf ihrer Schönheit, Liebenswürdigkeit und ihres musikalischen Ta⸗ lentes verbreitete sich rasch, und das Interesse für ihr Schicksal und ihren Liebesmut umgaben sie für den weiblichen Teil der Bewohner M.“8 bald mit einem romantischen Nimbus. Jedes junge Mädchen wünschte sich einen Geliebten, der es wert wäre, daß man sich für ihn, wie Valeska für den ihrigen opfere, und jedes einigermaßen stimmbegabte wollte wenigstens des Gesangsunterrichtes dieses interessanten Wesens teilhaftig werden. Ihre übrigen Fähig⸗ keiten machten weniger Eindruck auf die Klein⸗ städterinnen. Klavier spielte jede, wie überall in Deutschland, und die Lehrer und Lehrerinnen rissen sich gegenseitig das Brot vom Munde. Französisch und englisch radebrechte auch so ziemlich die ganze weibliche Jugend, aber der Gesang wurde wenig gepflegt. Es mangelte die Gelegenheit. So kam es, daß Valeska einen förmlichen Zulauf hatte und bald keine Schülerinnen mehr annehmen konnte. Da sie kein Klavier besaß, lief sie nun den ganzen Tag bei Wind und Wetter umher, und um allen an sie gerichteten Bitten gerecht werden zu können, mußte sie sich entschließen, noch für den Sonntag eine Chorstunde einzurichten. (Fortsetzung folgt.) Sprüche zur Lebensweisheit. Niemand hat es noch vermocht, seinen Nach⸗ folger zu töten. Das gilt auch von Zuständen und großen Institutionen. Alles was im Geiste und in der Wahrheit als Träger der Zukunft, gelten dürfte, hat noch immer schließlich den Sieg über die Vertheidiger einer zum Hinstechen verurteilten Vergangenheit davon getragen. * Die thätige Vaterlandsliebe besteht nicht im Schreien darüber, sondern in thätiger Teil⸗ nahme am Wohle und Wehe des Landes, in Jean Paul. Humoristisches. Ein Schlaukopf. Ein Irländer übernahm kon⸗ traktlich die Verpflichtung, einen Brunnen zu graben. Als er ca. 25 Fuß gegraben hatte, kam er eines Morgens zur Arbeit und fand, daß der Brunnen eingestürzt und daß das Bohrloch bis zum Rande mlt Erde gefüllt war. Der Irländer schaut sich vorsichtig um, und als er be⸗ merkt, daß niemand in der Nähe, nimmt er seinen Rock und Hut und wirft diese Sachen zwischen die Erdschollen, verkriecht sich ins nahe Gebüsch und harrt der Dinge, die da kommen sollen Nicht lange währt's und Passanten entdecken, daß der Brunnen eingestürzt. ist und da sie die Kleider des Iren sehen, vermuten sie, dieser sei verunglückt und liege auf dem Grunde des Brunnens Mehrere Stunden harter Arbeit ent⸗ fernen die Erdschollen aus dem Brunnen und man Gerade als man seine Iren nicht zu finden, näherte sich dieser seinen„Rettern“ und dankte ihnen dafür daß sie ihm die unangenehme Arbeit abgenommen. * Schnell gefaßt. Schiller denn lauter getrocknete Blumen?“ „Ach, sie sind von meiner ersten und einzigen Jugend⸗ liebe; wir lasen mit einander„Wallenstein“ und pflückten Veilchen dabei!“ „Aber das hier sind ja lauter Schneeglöckchen!“ „So— dann war das die anderel“ SSsesssesess —— DN „Warum liegen in Deinem 3 8 D — — r . Nr. 17. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zettung. Seite 7. 1 1 8888289898885 t hee 87 0 e 1 Mitte April 8 0 e e e e No. 17, Eeke Rittergasse, in dem für diesen Zwec 175 er- U 41 5 grosses Sortiments-Geschäft digen 5 1 958 sämtliche Manufaktur-, Modewaren, Konfektion, Kurz-, Weiss, cl Wollwaren, Wäsche, Putz etc. etc. n b Verkauf zu konkurrenzlosen Preisen. 10. 80 gl 5 Kaufhaus F. Leitzow& Co, Giessen. 10 5 e 883039998 Seeed iahten, 1 Konfirmanden Anzüge 0 Sens esse in Tuch, Buckskin und Bammgarn 10 e 6 e r 0 von 9 bis 25 Mark. 2 Deka 1 innen 8 5 NN a A 5 Markus Paucr i.—— 6. 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Und ohe Au Bei größeren Abnahmen billiger; Preise verstehen sich ab ter und gegen Nachnahme; Ver— shelb⸗ in Trohe. 0 egen Nachnahme; 115 Tagesordnung: ackkan e in Steinberg. f Die Bedeutung des 1. Mai. Rudolf Arnemann Tagesordnung: Die Bedeutung des 1. Mai. en! Referent: Redakteur Scheidemann in Gloßen. Marburg a. 2. Reduer: Georg Beckmann in Gtesen. Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 17. Stroh⸗Hüte ungarn. für Damen 43, 65, 75, 98 Pfg. dc. garnirte für Damen 98, 148, 190 Pfg. ꝛc. Bahnhoffstraße 1. Montag, den 1. Mai, Abends pünktlich 9 Uhr: Volks-Versammlung im Orbig'schen Saale. Tagesordnung: Die Bedeutung des 1. Mai. Redner: Stadtv. Carl Orbig. Sonntag, den 7. Mai: Großes Waldfest im Gießener Stadtwald. Näheres wird in nächster Nummer bekannt gemacht. Sonntag, den 30. April, Nachm. von 3 Uhr ab: 2 Glds886 Maffeier bei Gastwirt B. Wacker in Wieseck. — Konzert.— Tanz. Um 5 Uhr: FES TRE DLE eines auswärtigen Referenten. Emi! 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