92 0. 9 (0 e. de. — = . 2 — N Hülfs mitteln: Nr. 21. Gießen, Sonntag, den 21. Mai 1899. 6. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. —— Sonnt Mitteldeutsche s ⸗Ze Redaktions schluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr 8 itung. Abonnementspreis: Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt dur die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Pfingsten. „Sie sind voll süßen Weines!“ höhnten die sskeptisch⸗zungläubigen Sadduzäer zu Jerusalem wor tausendachthundert und einigen sechszig Jahren, als die armen Fischer aus Galiläa von dem Reiche des Friedens und der Eintracht zu predigen begannen, welches sie erstrebten, und sie dünkten sich dabei wunder wie auf⸗ geklärt.„Sie sind voll süßen Weines!“ spöttel⸗ ten die fettig⸗frommen Pharisüer mit gleisnerisch⸗ mildem Augenaufschlag, als sie die heilige Begeisterung sahen und die flammende Beredt⸗ e. der bis dahin unbeachteten Proletarier hörten. Aber der Hohn und Spott verging ihnen, als sie die machtvolle Ausbreitung der neuen Heilslehre merkten. Und nicht nur die palä⸗ stinischen Juden, sondern auch die herrschende römische Staatsgewalt zogen alsbald andere Saiten gegen die unermüdlichen Agitatsren des aufstrebenden Christentums auf. Mit blutigem Haß und ingrimmigem Eifer wurden die unbequemen Neuerer verfolgt. Mit der ganzen Macht der damals im Zenith seines Weltglanzes stehenden Staatsautorität zog das stolze Römerreich gegen das Häuflein der un⸗ erschrockenen Agitatoren zu Felde, die weder Kerker noch Tod an den endlichen Sieg ihrer guten Sache irre machen konnte. Und was geschah? Selbst der weltbezwingende Kaiser Konstantin auf dem stolzen Thron der römischen Cäsaren mußte endlich mit der bitter gehaßten und blutig verfolgten neuen Lehre sich aussöhnen und er selber trat aus Gründen der Staats⸗ klugheit zum Christentum über. Andere Zeiten— andere Sitten. Das Christentum hat heute den Zenith seiner Ausbreitung längst überschritten und alle Mittel von Staat und Kirche sind nicht mehr imstande, der immer weiter um sich greifenden Entfremdung der Geister von dem mit zelo⸗ tischem Eifer verteidigten Buchstabenglauben wirkungsvoll zu steuern. Mag der Staat noch so viele und noch so prächtige Kirchen bauen, mögen glaubenseifrige Priester noch so unver⸗ drossen alle Register ihrer Beredtsamkeit spielen lassen— eine neue Kulturbewegung heischt mit gebieterischer Gewalt Einlaß in die Herzen der Menschheit. Die Sozialdemokratie schickt sich an, ihr geschichtliches Erbe anzutreten! Und auch hier sehen wir dieselben Vorgänge sich in wenig veränderter Form wiederholen, wie im alten Römerreiche. Zuerst wurden die Bekenner des Sozialismus als überspannte Tröpfe von der herrschenden Klasse verlacht und verspottet und dann kam der Haß. Freilich: im neunzehnten Jahrhundert hängt man niemand mehr ans Kreuz und stellt auch keinen auf den Scheiterhaufen. Am aller⸗ wenigsten wirft man im neunzehnten Jahrhundert die freimütigen Bekenner der Heilslehre des Sozialismus in öffentlicher Arena den halb⸗ bverhungerten wilden Bestien zum Fraße vor. Beileibe nicht!. Das neunzehnte Jahrhundert nennt sich mit Stolz das Jahrhundert der Humanität und es wehrt sich krampfhaft gegen die siegreich an⸗ stürmende Sozial demokratie mit„humanen“ ein Ausnahmegesetz jagte in Kraft der starke Baum des Bestellun gen Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. ch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und] 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung Bei mindeste ns jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33¼8% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Deutschland mehr als ein volles Jahrzehnt die kühnen Vertreter der neuen Weltanschauung wie die Tiere des Waldes von Ort zu Ort, von Land zu Land. Endlose Kerkerstrafen treffen seit Jahrzehnten jeden, der es nicht ver⸗ steht, seine Kritik mit der Auslegung der Straf⸗ gesetze in Uebereinstimmung zu bringen. Wieviel ungemessenes Elend, wieviel bittere Thränen— wieviel Eheglück und Familien⸗ frieden sah unser„humanes“ Jahrhundert nicht bereits dem schweren Dienste des Völkerglückes geweiht! Auch all' diese bittere Saat ist Märtyrer⸗ samen und aus ihm sproßt mit unaufhaltsamer internationalen Sozialismus, in dessen Schatten schon heute Millionen geplagter Menschenkinder der besseren Zulunft jauchzend entgegenharren. Sie alle, die zu der roten Fahne des siegen⸗ den Sozialismus schwören, sie feiern das Pfingst⸗ fest heute in anderem Sinne, als es die Buch⸗ stabengläubigen thun. Ihnen sind es Stunden der Ruhe von harter Frohn, Stunden heiteren Lebens⸗ und Naturgenusses nach Wochen bitterer Knechtschaft im Dienste des Kapitalismus, aber auch Stunden stiller Einkehr und Sammlung zu weiterer unermüdlicher und unerschrockener Aufklärungsarbeit in dem heiligen Dienste der sozialistischen Idee. Und mögen heute auch noch die Schergen des Klassenstaates triumphieren: wir wissen es alle, daß der Tag kommt, an welchem auf der letzten Frohnveste des Kapitalismus das leuch⸗ tende Banner der völkerbefreienden Sozialdemo⸗ kratie stegreich im Winde flattert. Dann feiern wir das Welt⸗Pfingstfest der Erfüllung und dann wird auch das Leben eitel Freude sein und die Arbeit eine Lust. In dieser frohen Zuversicht:„Fröhliche Pfingsten!“ r Politische Rundschau. Gießen, den 19. Mai. Vom neuen Klebegesetz. Nur eine der wichtigsten Bestimmungen der Novelle betr. das Juvaliditäts⸗ und Altersver— sicherungs⸗Gesetz wollen wir hier zum Abdruck bringen, damit sich unsere Leser eine bessere Vorstellung machen können von der unverant⸗ wortlichen Haltung des Reichstags, dessen Mehr— heit sich bereit erklärte, das ganz ungenügend vorbereitete Gesetz auf— Wunsch der Regierung so schnell als möglich durchzupeitschen.(Siehe unter: Reichstag.) Nach§ 20 und 96 des Inv.⸗ u. Alt.⸗Vers.⸗ G. bestanden bisher 4 Lohnklassen mit einem durchschnittlichen Beitrag von 22 Pfg. pro Woche und Mitglied. Nach den Kommissionsbeschlüssen giebt es künftig 5 Klassen mit einem durch⸗ schnittlichen Beitrag von 24,8 Pfg. oder durch⸗ schnittlich 258 Pfg. mehr pro Woche und Mitglied, wie bisher. Nehmen wir das Jahr nur mit 36 Arbeitswochen an, so macht dies pro Jahr und Mitglied 1 Mk. an Beitrag oder bei 15 Millionen Versicherten im ganzen Reiche eine Mehreinnahme von 15 Millionen Mark. Davon bezahlen 7¼ Millionen die Arbeiter und 7 Millionen die Arbeitgeber. Da nun heute schon mehr als 500 Millionen Jersten Reservefond im Besitze der Invaliditäts⸗ und Altersversicherung sind, deren Zinsen allein 15 Millionen Mark jährlich betragen, so ist doch kaum ein Grund vorhanden, diese enorme Ein⸗ nahmen nochmals auf Kosten des Volkes um 15 Millionen zu vergrößern. Angeblich ist diese neue Lohnklasse mit 36 Pfg. Beitrag geschaffen für besser gelohnte Arbeiter, welche 1150 Mk. und mehr pro Jahr verdienen. Bisher hatte der Versicherte mit einem Jahresver dienst von 850 bis 1200 Mk. pro Woche 30 Pfg. zu zahlen. In 8 22 des Gesetzes ist in Bezug auf den Jahresverdienst auf die Krankenkassen verwiesen, welche als Maßstab dienen sollen. Das Kranken⸗ versicherungsgesetz enthält aber in§ 20 gerade die Bestimmung, daß der Verdienst von über 4 Mk. täglich oder 1200 Mk. jährlich außer Ansatz bleibt, d. h. nicht berücksichtigt werden darf. Es giebt also künftig eine neue Klasse (Y für einen Verdienst von 1151 bis 1200 Mark, die künftig mehr zahlt, aber nicht mehr erhält, ja sogar weniger. Und ein solch stümperhaft ausgearbeiteter Entwurf soll Hals über Kopf Gesetz werden. Anstatt Verbesserungen schließlich noch ganz be⸗ deutende Verschlechterungen! Millionen über Millionen werden zum Reservefonds ge— schlagen, die zur Erhöhung der Leistungen für invalide und altersschwache Arbeiter verwendet werden sollten. Und dann giebt's noch kapita⸗ listische Lobredner, die von Sozialreform schwafeln und mit heuchlerischem Augenverdrehen den Sozialdemokraten vorwerfen, daß sie gegen diese sogenannten sozialpolitischen Gesetze ge⸗ stimmt haben. Auf neue Marinevorlagen richtet sich nach dem„Vorw.“ die Kruppsche Germaniawerft in Kiel ein. Sie soll durch weitere Grundstücksankäufe in dem Maße ver⸗ größert werden, daß mindestens 7000 Arbeiter, etwa die dreifache Zahl der gegenwärtig dort Arbeitenden, beschäftigt werden können.— Da⸗ her also in dem neuen Kruppschen Organ, den„Berl. Neuest. Nachr.“, das fortgesetzte Drängen auf Beschleunigung der Ausführung des Flottengesetzes! Je mehr den deutschen Steuerzahlern aus den Taschen herausgemiquelt wird für kulturwidrige Zwecke, um so besser blüht der Weizen der Kanonenkönige und Schiffs- bauern. Michel, wache auf! Ein Kulturwerk abgelehnt. Der geplante Mittellandkan l(eine Wasser⸗ straße Rhein⸗Ems⸗Weser⸗Elbe) ist im preußischen Dreiklassenhaus von den Agrariern zu Fall ge⸗ bracht. Mit 17 gegen 11 Stimmen sind die Paragraphen der Vorlage abgelehnt. Für Kulturwerke ist diese sogenannte Volksver⸗ tretung nicht zu haben. Sozialdemokratie und Arbeiterschutz. Die Absage der sozialdemokratischen Reichs— tagsfraktion an die Sozialreformer um Berlepsch hat wieder eine ganze Anzahl bürgerliche Federn in Bewegung gesetzt.„Seht Ihr,“ tönt es jubelnd aus dem Blätterwalde,„da habt Ihr wieder den Beweis, daß die Sozialdemokraten nichts vom Arbeiterschutz wissen wollen!“ Thörichte und vergeßliche Menschen! Vor 15 Jahren schon brachte die sozialdemokratische Fraktion einen vollständig ausgearbeit ten Ar— beiterschutzgesetzentwurf ein, und vor 10 Jahren * D———— — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 21. diente der Pariser internationale Kongreß fast nur dem internationalen Arbeiterschuz. Was wir heute an Arbeiterschutz haben, ist dem Drängen der Sozialdemokratie zuzuschreiben. Und da wagt man, mit jenem blöden Wahlstichwort der unehrlichsten Reaktionäre zu kommen, weil die Partei nicht einer obskuren Schöpfung bürger⸗ licher Sozialpolitiker, die Niemanden hinter sich haben, zu unverdientem Ansehen verhelfen will. Ungültig es Mandat. Die Wahlprüfungs⸗Kommission des Reichs⸗ tags hat die Wahl des Abg. Lotze(deutsch⸗ soziale Reformpartei 8. Sachsen⸗Pirna) für ungültig erklärt.— 1898 wurden bei 30442 Wahlberechtigten 10007 sozialdemokratische, 11 118 antisemitische, 652 freisinnige Stimmen abgegeben. Der Antisemit siegte mit knapper Majorität im ersten Wahlgang. Lotze wurde gegen unseren Genossen Fräßdorf und den frei⸗ finnigen Gegenkandidaten mit 219 Stimmen Mehrheit gewählt. Bei der Wahl wurde in der bekannten sächsischen Manier das Versamm⸗ lungsrecht für unsere Genossen einfach aufge⸗ hoben. Unsere sächsischen Genossen hoffen, in der Nachwahl den Kreis zu erobern. Göhre über die Nationalsozialen. In der Harden'schen Zukunft spricht sich der ehemalige Pfarrer Paul Göhre des Näheren über seine Trennung von den Nationalso zialen aus. Er legt in einem Rückblick auf die Ge⸗ schichte der nationalsozialen Bewegung dar, daß ihn und die andern„Jungen“ unter den Evangelisch⸗Sozialen— dazu gehörte auch Naumann— Anfang der neunziger Jahre „zeitweilig der Gedanke stark beschäftigte, in die Sozialdemokratie einzutreten“, daß dies aber unterblieb, da sie damals„stärker als alle spätere Zeit eine unbedingte nationale und monarchische Stimmung beherrschte“. Göhre persönlich hat den nationalsozialen Verein „gewissermaßen nur als ein Provisorium“ angesehen, ihm ist das Aufgehen in die Sozialdemokratie schon damals„als gar kein so schreckliches, vielmehr als ein in der That sehr wohl mögliches, ja wünschens⸗ wertes Schicksal“ erschienen. Aus dem Auf⸗ treten der Nationalsozialen bei den letzten Reichs⸗ tags⸗Stichwahlen, aus dem Verhalten gegenüber der Oeynhausener Rede, aus dem Enthusias⸗ mus über die Palästinafahrt und der auffälligen Anteilnahme an auswärtigen Fragen folgert Göhre,„daß die Mehrzahl der heutigen Nationalsozialen im Grunde in das bürgerliche Lager hinein gehört“, daß die Partei „jedenfalls keine proletarisch-sozialistische, sondern eine bürgerlich-nationalistische Gruppe“ ist, der„proletarischer Sozialismus fremd ist“. Sie vertrete wohl Reformen zu Gunsten des Arbeiterstandes, aber nur Reformen, die„zuletzt doch auf eine Stärkung und Erhaltung der heutigen Gesellschaftsformen hinarbeiten“. Göhre bestätigt damit nur, was wir immer behauptet haben. Verjüngung der Armee. Seit dem 1. April wurden in der deutschen Armee wieder 88 Offiziere pensioniert. Das verursacht jährlich 330000 Mk. Pensionskosten. Wie die Zahl der jedesmal Pensionierten und die dafür nötig werdende Summe mit der Jahreszeit beschleunigt wächst, mögen die That⸗ sachen beweisen, daß vom 1. Januar bis Mitte Februar 48 Offiziere mit einem Kostenaufwand von 135 000 Mk., vom letzteren Zeitpunkt bis 1. April 71 Offiziere mit einem Aufwand von 240000 Mk. und nun 88 Offiziere mit einer jährlichen Ausgabe von 330000 Mk. verab⸗ schiedet wurden. Somit verschlang„die Ver⸗ jüngung der Armee“ in dem kurzen Zeitraum von 3/ Monaten 705000 Mk. und 207 Offiziere. Rechnet man zu den letzteren auch noch die ohne Pension entlassenen Lieutenants, so ergiebt sich ein Gesamtverbrauch von 256 Offizieren. Glaubenswechsel. In ihren Pfingstartikeln werden die„gutge⸗ sinnten“ Blätter wieder Betrachungen anstellen über das Thema von der zunehmenden Kirchen⸗ feindlichkeit der Massen. Natürlich wird man wieder verleum derischerweise die Sozial- demokratie dafür verantwortlich machen. Für alle diejenigen, die da immer sagen: Dem Volke muß die Religion erhalten werden, drucken wir folgende Notiz ab, die gegenwärtig die Runde durch die Presse macht: „Zur besseren Einsicht gekommen ist wieder eine deutsche Prinzessin. Die Braut des Erbprinzen Danilo von Montenegro, die Herzogin Jutta, Tochter des Erbherzogs von Mecklenburg⸗Strelitz wird auf Anregung des Bräutigams zur griechisch-katholischen Kirche übertreten.“ Wieviel deutsche Prinzessinnen haben wohl schon einen anderen Glauben angenommen, wenn sie sich verheirateten? Wo ist der Geist⸗ liche, der diese Frage einmal mannesmutig im „Darmst. Evangl. Sonntagsbl.“ beantwortet? Sozialdemokraten verleumden ist allerdings un⸗ gefährlicher. Strafe für einen Mord. Lieutenant Döring zu Koblenz vom 68. Infanterie⸗Regiment, der im Zweikampf, also nach reiflicher Ueberlegung und unter Beobachtung bestimmter Regeln, den stug. phil. Klövekorn, erschoß, ist vom Kriegsgericht zu 2½ Jahren Festungshaft verurteilt worden. In Löbtau wurden 9 Arbeiter, die einen Bauunternehmer, der sie durch Revolverschüsse gereizt hatte, in der Trunkenheit und unüberlegt durchprügelten, verurteilt zu 53 Jahren Zucht⸗ haus, 8 Jahren Gefängnis und 70 Jahren Ehr⸗ verlust. Rechtsprechung. Das Reichsgericht in Leipzig verhandelte am Samstag über die Reviston des Redakteurs der„Magdeburger Volksstimme“, Genosse Müller, welcher am 9. Januar ds. Js. von der Magdeburger Strafkammer wegen Maje⸗ stätsbeleidigung zu 4 Jahren Gefäng⸗ nis verurteilt wurde. Die Revision wurde verworfen! Genosse Müller muß also die furchtbare Strafe verbüßen, obwohl er an der ganzen Affaire vollständig unschuldig ist, da er an dem Tag, an dem der Artikel erschien, die Redaktion gar nicht mehr führte und sein Name blos aus Verseheu stehen geblieben war. Auch die Selbstanzeige des wirklichen Thäters, des Reichstagsabgeordneten Albert Schmidt, hat danach an der Sache nur das zu ändern vermocht, daß nun auch noch gegen Schmidt Anklage erhoben ist, und er jedenfalls auch eine strenge Strafe zu gewärtigen hat. Hoffentlich gelingt der Versuch, im Fall Müller das Wiederaufnahmeverfahren durchzusetzen. Keine Aufreizung zum Klassenhaß! Der Prozeß gegen den antisemitischen Grafen Pückler zu Kl.⸗Tschirne wegen Auf⸗ reizung zum Klassenhaß wurde vor der Glogauer Strafkammer verhandelt. Graf Pückler hat in einem Vortrage, der an hetzerischen Ausfällen gegen das Judentum das möglichste leistete, u. a. die Aufforderung ausgesprochen, den Juden „die Jacke vollzuhauen, daß die Knochen krachen“, und dieser Vortrag wurde darauf gedruckt und in einigen tausend Exemplaren verbreitet. Vor Gericht gab sich Graf Pückler nach der „Irkf. Ztg.“ als ein überaus harmloses Gemüt; er habe nicht zu Gewaltthätigkeiten aufreizen wollen, sondern sich nur bildlich ausgedrückt und eine geschäftliche und gesellschaftliche Isolierung der Juden gemeint. Sein Verteidiger meinte, in den ungebildeten Kreisen, zu denen Graf Pückler gesprochen habe, würde eine andere Sprache gar nicht verstanden werden. Der Ge⸗ richtshof schenkte der Auffassung von der Harm⸗ losigkeit des Grafen Pückler Glauben, obwohl dieser die Gerichts⸗Verhandlung abermals zu einer Hetzrede benutzte und die Anmaßung hatte, seine Person mit der Ehre des deutschen Volkes zu identifizieren. Objektiv betrachtet, so besagt die Urteitsbegründuna, liege zwar eine öffentliche Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten vor. Der Angeklagte sei aber als ein Mann bekannt, der sich leicht von seinen Gefühlen hinreißen lasse und deshalb in seinen Ausdrücken nicht gerade wählerisch sei, er sei aber andererseits von idealen Zielen erfüllt und wolle nur das Gute. Der Gerichtshof habe daher nicht die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß der Angeklagte auch nur das Bewußtsein hatte, es könnte der öffent⸗ liche Friede gestört werden. Mit dieser wohl einzig dastehenden Begrün⸗ dung, an die noch oft zu erinnern sein wird, wurde Graf Pückler freigesprochen. Ans dem Junkerparadies. Behörde und Arbeitgeber in einer Person sind in Ostpreußen eine große Zahl von Guts⸗ besitzern. Die Amtsvorsteher werden fast ausnahmslos aus den Kreisen der größten Be⸗ sitzer gewählt. Dieses Verhältnis ist für die Arbeiter oft außerordentlich schädlich. Bei Streitigkeiten wegen des Arbeitsverhältnisses hat sich der Landarbeiter zuerst an den Amts⸗ vorsteher zu wenden. Das hat aber nicht immer den gewünschten Erfolg, wenn dieser Amtsvor⸗ steher der Arbeitgeber selbst ist. Im ostpreußischen Ort Neuendorf war bei dem Amtsvorsteher und Gutsbesitzer Abrahm ein Knecht aus dem Dienst getreten. Der Mann hatte aus Unkenntnis der gesetzlichen Bestimmungen nicht rechtzeitig gekündigt. Sein bisheriger Arbeitgeber erklärte ausdrücklich, daß er den Knecht deswegen nicht ziehen lassen wolle, weil er ein ordentlicher, brauchbarer Arbeiter sei. Der Knecht wollte aber auf keinen Fall ein weiteres Jahr bleiben. Wegen unbe⸗ rechtigten Verlassens der Arbeit hatte er erst in seinem Wohnort Plauen drei Tage Haft abzusitzen. Da das nicht fruchtete, muße er eine zweite Strafe von 7 Tagen im Amtsbe⸗ reich seines früheren Arbeitgebers verbüßen. In der im Spritzenschuppen befindlichen Zelle befand sich als Lager eine Schütte Stroh. Während der ganzen Zeit kam der Gefangene nicht ein einziges Mal an die frische Luft, ferner erhielt er, wie er behauptet, keine Decke, so daß er in den sieben Nächten in den Kleidern schlafen mußte. Da der Mann auch jetzt noch nicht ge⸗ neigt war, in den Dienst zurückzukehren, mußte er am 15. März eine dritte Haftstrafe von 14 Tagen antreten. Als der Gefangene drei Tage auf dem Stroh wieder ohne Decke zuge⸗ bracht hatte, forderte er von seiner Aufseherin, der Frau des Nachtwächters, daß sie ihn dem Amtsvorsteher vorführe. Als der Amtsvorsteher von der Frau hörte, daß der Gefangene eine Decke fordern wolle, erklärte er! Das ist immer so gewesen und wird auch so bleiben. Der eingesperrte Knecht mußte sich bescheiden und blieb abermals während der 14 Tage in den Kleidern. Die Arrestzelle im Spritzen⸗ schuppen ist mit Ziegeln gepflastert und war auch nicht warm genug. Mit, bis zum Knie geschwollenen Beinen kam der Knecht aus dem Loch und mußte eine Woche lang krank das Bett hüten. Auf eine von ihm eingereichte Be⸗ schwerde wegen der Behandlung im Gefängnis ist bis jetzt keine Antwort eingetroffen. Der Amtsvorsteher und Arbeitgeber Abrahm gab sich aber auch nun noch nicht zufrieden. Am 29. April ließ er in dem jetzigen Wohnorte des Knechtes einen Ukas bekannt machen, daß Schimmelpfennig„wegen Verlassen seines polizeilich durch Zwangsmaßregeln zur Fort⸗ setzung seines Dienstes an ehalten wird“, daher nicht das Recht habe, sich anderweitig zu ver⸗ mieten oder Arbeit anzunehmen“. Zum Schluß wird in dem Schriftstück jedem eine Belohnung von 3 Mk. in Aussicht gestellt, der dem Abrahm einen Arbeitgeber anzeigt, der den Knecht be⸗ schäftigt. Mit größerer Ausdauer wir der Gutsbesitzer Abrahm seinem Knecht, konnte ein Sklavenhalter einem entlaufenen Sklaven kaum nachstellen. Das Ende der Leidenszeit des jungen Mannes ist nicht abzusehen. arbeiter eine Gegend verlassen, wo derartig mit ihnen verfahren wird? 1 Benütze jeder die Pfingst-Feiertage zur Werbung neuer Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. —“ A N 1 ö 1 richt e 115 400 2. He Malk Ma antigen sinet Lie 3. 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Wangenheim bezahlte 16 000 Mark Maischbottichsteuer, hatte ein Spiritus— kontingent von über 80000 Litern— entspricht einer Liebesgabe von über 16000 Mark. 3. Herr v. Wangenheim hat ein Gut von 767 Hektar mit einem Grundsteuer⸗Reiner⸗ ertrag von 2628 Mark. Es ist nach alledem höchst interessant, daß dieser reiche Mann, der doch in seinen Reden so unermüdlich für die Interessen des Vater⸗ landes eintritt, bis zum 1. April d. J. keine Einkommensteuer bezahlt hat. Hessische Proletarier, sofern sie nur das gesetzliche Minimum von 500 Mk. verdienen, bezahlen prompt ihre Einkommensteuer, sonst holt sie der Gerichtsvollzieher. Grabschändende Mäuse. Die Grabschändung in Dresden(siehe Nr. 20 der M. S.⸗Z.) wird jetzt von dem dortigen Amtsblatte zu erklären versucht als die That umsturzfeindlicher Mäuse! Mäuse sollen die 296 Tul penzwiebeln rattenkahl gefressen haben und es wird entschieden in Abrede gestellt, daß irgend ein behördlicher Akt vorliege.— Ist von niemand behauptet worden! Daß aber diese Mäufe eine sehr staatserhaltende Wirkung hatten, geht aus dem Umstande hervor, daß sie die zahlreichen Tulpen auf nich t revolutionären Gräbern unberührt ließen. Hand in Hand mit den gutgesinnten Mäusen sorgte auch die Be⸗ hörde für die Staatserhaltung, indem sie sogar eine von der freisinnigen Volkspartei gespendete schwarz⸗weiß⸗rote Schleife konfiszierte. Vielleicht handelt es sich in Dresden um dieselben Mäuse, die an dem Wahlrecht nagen und die Wurzeln des Koalitionsrechts an⸗ gefressen haben. Treffliche Worte. Den Delegierten des Gewerkschaftskongresses zu Ehren hatten die Frankfurter Arbeiter einen Kommers veranstaltet, auf dem unser Partei⸗ genosse Greulich⸗Zürich eine zündende An⸗ prache hielt. Der alte Kämpe der schweizerischen rbeiterbewegung sprach mit jugendlichem Feuer und Begeisterung, mit so überzeugender Kraft von dem Gelingen der großen Aufgabe der Arbeiterbewegung, daß er bei seinen Zuhörern eradezu eine stürmische Beifallskundgebung ent⸗ esselte. Nach einem kurzen Skizzieren der chweizerischen Gewerkschaften geht Redner auf ie deutschen Verhältnisse ein und zeigte das Unsinnige jener Verfolgungssucht der herrschenden Klassen gegen die Arbeiterbewegung. Wären unsere Gegner nicht so einsichtslos, dann müßten ie ihrem Gott auf den Knien danken, daß eine rbeiterbewegung besteht, die bestrebt ist, die Bevölkerung auf eine höhere Kulturstufe zu heben. Redner streift im Laufe der weiteren Ausführungen die von Bernstein hervorgerufene Diskussion und bemerkt: Fällen Sie keine Ketzerurteile. Lassen sie den Most gähren, der nach Klarheit ringt. Schließen sie ihm aber nicht das Faß, es tonnte gesprengt werden. Eins muß uns zusammenhalten, das ist die Begeisterung für die Zukunft, die die Arbeiter— klasse zu erringen hat. Der Bombenschwindel in Alerandrien. ist am 13. Mai vor dem Schwurgericht in Ancona gesühnt worden. Der italienische Polizeispitzel Maria Bazzani ist wegen fascher Auschuldigung zu 7 Jahren 6 Monaren Zuchthaus und dreijähriger Stellung unter Polizeiaufsicht verurteilt worden; gleichzeitig wurde ihm auf Lebenszeit die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter abgesprochen. Bazzani war angeklagt, ein Komplott erfunden und den Gerichtsbehörden angezeigt und den Glauben an die Fabrikation von zwei Bomben erweckt zu haben. Gerichtlich ist also erwiesen, daß die Ver⸗ schwörung in Aegypten ein Schwindel war. Der preußische Polizeiminister v. d. Recke hat so eine nicht geringe Schlappe, nicht die erste und nicht die letzte, davongetragen; er eilt ja als erleuchteter Staatsmann des Zickzackkurses von Fiasko zu Fiasko. Als er bei der Etats— beratung im Abgeordnetenhause gefragt wurde, was es denn eigentlich mit den unheimlichen Nachrichten der Regierungsblätter über ein gegen den Kaiser geplantes Attentat für eine Bewandtnis habe, erwidert: er, er müsse„leider hier konstatieren, daß dieser Angelegenheit ein sehr ernstes Faktum zugrunde liege!“ Das „ernste Faktum“ ist die Spitzelgeschichte des Bazzani. r Aus dem Reichstag. Pfuscharbeit. Am Mittwoch ist der Reichstag gegen den leb⸗ haften Protest der Sozialdemokraten in die zweite Be⸗ ratung der Novelle(Abänderungen) zum Invaliditäts⸗ und Altersversicherungsgesetz eingetreten. Der zur Beratung von der Kommission vorgelegte Entwurf ist ganz unfertige Pfuscharbeit. Außerdem aber war es gar nicht möglich, daß die Mitglieder des Reichstags sich mit dem Gesetzentwurf bekannt machen konnten, da sie ihn kaum in Händen hatten, als auch die Beratung schon beginnen sollte. Genosse Singer legte namens unserer Fraktion Protest ein gegen die geplante Durchpeitschung dieses für die Arbeiter so wichtigen Gesetzes. Wenn die Re⸗ gierung so viel Wert darauf legte, daß das Gesetz noch vor Pfingsten unter Dach und Fach kommen soll, dann hätte sie den Reichstag früher einberufen sollen.— Mit Ausnahme der freisinnigen Volkspartei erklärten sich alle Parteien damit einverstanden, daß mit der Durch⸗ peitschuug der Pfuschvorlage sofort begonnen werde. Genosse Molkenbuhr erklärte diese Bereitwilligkeit des Reichstags damit, daß es sich nur um ein Gesetz für arme Leute handelte.— Es wurde in die Verhandlung eingetreten, die gleich in der ersten Sitzung zu einer großen Ab⸗ rechnung der Sozialdemokraten mit den ostelbischen Junkern führte. Nach dem Entwurf sollen die aus⸗ län dischen Arbeiter von der Versicherungspflicht be⸗ freit sein. Dagegen wenden sich unsere Genossen ganz entschiedeen. Gen. Molkenbuhr stellt fest, daß das für die ostpreußischen Junker eine Prämie bedeute, die für Beschäftigung ansländischer Arbeiter gezahlt werde. Auf die Einwendung des Konservativen von Loebell, daß sie— die Gutsbesitzer im Osten— auf ausländische Arbeiter angewiesen wären, erklärt Molkenbuhr, die Junker sollten ihre Arbeiter ordent⸗ lich bezahlen, behandeln und menschenwürdig einlogieren, dann würden sie nicht davonlaufen. Um die Arbeiterverhältnisse drehte sich dann der Kampf zwei Tage lang. Unsererseits sprachen Molkenbuhr (als Kommissionsmitglied wiederholt), Haase, Stadt⸗ hagen und Bebel. Unsere Genossen wuschen den Junkern von Klinkowström, von Levetzow, von Loebell, von Staudy, von Jazdzewski, von Kardorff ganz gründlich die Köpfe. Auch die Junkertrabanten, die ihren übel zugerichteten Protektoren zu Hilfe kommen wollten, der Junkerblattredakteur Oertel und der Junker⸗ bundsbeamte Karl Lucke, wurden gehörig heimgeschickt. Wir müssen leider darauf verzichten, von den trefflichen Reden unserer Genossen hier ausführlicher zu berichten. Welche Zustände dort, wo die Junker residieren, herrschen, mögen unsere Leser aus der Notiz:„Aus dem Junker⸗ paradi⸗s“ unter Pol. Rundschau ersehen. Mit bewundernswertem Eifer arbeiten unsere Ge⸗ nossen, um möglichst Vorteilhaftes für die Arbeiter zu erlangen. Es wird ihnen kaum gelingen, etwas durchzusetzen.„Fertig werden“ mit diesem„sozialpoliti⸗ schen“ Kram, denkt die Mehrheit des Reichstags. Was liegt den Kraut⸗ und Schlotjunkern daran, ob die Ar⸗ beiter im Augenblick der Not vor dem Aeußersten ge⸗ schützt sind. Ja, wenn es sich um Liebesgaben für sie handelte! Aber so kommt ja nur in Betracht ein Gesetz für arme Leute! Vom Gewerkschaftskongreß. * Die Delegierten zum dritten deutschen Gewerkschaftskongreß haben fleißig arbeiten müssen, um das vorgeschriebene Pensum bewäl— tigen zu können. Aber nicht nur fleißig, sondern auch gut hat der Kongreß gearbeitet. Bei jedem Punkt wurde gewissenhaft das Für und Wider erwogen. Und wenn fast alle Beschlüsse mit überwältigenden Mehrheiten oder gar Ein⸗ stimmigkeit gefaßt wurden, so ist das ein Beweis dafür, daß innerhalb der deutschen Arbeiterschaft Klarheit und Uebereinstimmung bezüglich der Aufgaben der zentralisierten Gewerkschafts⸗ organisationen herrscht. Nach einem glänzenden Referat Legiens über das Koalitionsrecht protestierte der Kongreß gegen den Zuchthauskurs und verlangte wirkliche Koalitionsfreiheit.— Ueber die Ge⸗ werbeinspektion sprach Dr. Quarck, einer der besten Kenner auf diesem Gebiete. Die von ihm eingebrachte Resolution wurde ein⸗ stimmig angenommen. Dieselbe empfiehlt die Bildung besonderer Beschwerde-Kommissionen, deren Vorsitzende mit den Gewerbeinspektionen Verkehr pflegen sollen: „Der Kongreß verhehle sich allerdings nicht, daß eine einigermaßen befriedigende Verbindung der Arbeiter mit der Gewerbeinspektion und die wirkliche Nutzbarmachung der staatlichen Aufsicht für die Arbeiterschaft erst möglich werden wird durch weitgehende Reformen der Gewerbeinspektion selbst, nämlich durch Ausdehnung derselben auf Handwerk, sowie Klein⸗ und Hausindustrie, Handel, Transport und Verkehr, Zentralisierung in eine Rechts⸗ inspektion, Vermehrung der Beamten durch Gehilfen und Gehilfinnen aus Arbeiter- und Angestelltenkreisen, sowie Ausstattung der Beamten mit Vollzugsrecht und voller Un— abhängigkeit. Deswegen fordert der Kongreß alle Arbeiter und Arbeitervertreter auf, mit aller Energie dahin zu wirken, daß diese Reformen, durch welche die Gewerbeinspektion erst wirklich nutz⸗ bringend für die Arbeiterschast gestaltet wird, zur Durchführung gelangen.“ Ueber den Wert von Tarifgemeinschaften sprach Döblin, der Vorsitzende des Buch⸗ druckerverbandes. Die große Mehrheit des Kongresses stimmt mit dem Referenten der Tarifgemeinschaft zwischen Unternehmern und Arbeitern unter bestimmten Voraussetzungen zu. Segitz referierte über die Arbeiter⸗ sekretartate in ausführlicher Weise. Segitz war bekanntlich der erste Arbeitersekretär in Deutschland. Das von ihm geleitete Sekretariat in Nürnberg ist bis auf den heutigen Tag für alle Städte vorbildlich gewesen. Redner em⸗ pfiehlt eine Resolution, in der es u. a. heißt: „Der Gewerkschaftskongreß erblickt in den Arbeitersekretariaten einen bedeutsamen Fort⸗ schritt der Arbeiterorganisationen und spricht diesen Einrichtungen seine volle Sympathie aus. Gleichwohl warnt der Kongreß vor Ueberstürzung bei Gründung von Arbeitersekretariaten und empfiehlt den örtlichen Gewerkschaftskartellen, Arbeitersekretariate erst dann zu errichten, wenn die finanzielle Grundlage gesichert erscheint.“ Diese Resolution wird angenommen. Die Punkte:„Arbeitsvermittelung“ und„Gewerkschafts-Kartelle“ werden gleichfalls vom Kongreß eingehend diskutiert und die übereinstimmende Meinung in Resolu⸗ tionen zum Ausdruck gebracht. Die Vertretung der Gewerkschafts⸗Kartelle auf den Kongressen wurde abgelehnt, ebenso die der Arbeitersekre⸗ tariate. In die Generalkommission wer⸗ den gewählt: Legien, Roeske, Sabatth, Strom⸗ berg, Demuth, Bringmann und Päplow. Am Samstag Nachmittag wurde der Kon⸗ greß geschlossen. Der Vorsitzende Bömelburg warf einen Rückblick auf die Arbeiten des Kon⸗ gresses und verglich diesen mit seinen Vorgängern; er verwies auf die sachlichen Debalten und er⸗ klärte die Leidenschaftslosigkeit mit dem fort⸗ schreitenden Verständnis der Arbeiterschaft für ihre Interessen. Diejenigen, die immer und immer wieder glauben, einen Gegensatz zwi⸗ schen der Gewerkschaftsbewegung und der sozialdemokratischen Partei konsta⸗ tieren zu dürfen, sind stark auf dem Irrwege. Die deutschen Gewerkschaften sind un⸗ politisch, aber ihre Mitglieder sind fast ausnahmslos Sozialdemokraten. Die Gewerksch after wissen, daß die Not der Arbeiter- klasse nicht eher aufhören wird, als bis die gegenwärtige Produktionsweise durch eine ge— nossenschaftliche ersetzt ist. Die deutschen Arbeiter bleiben die alten, trotz Zuchthauskucs. ä— 9—— Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 21. Von Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find, jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— ir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Lokalnachrichten. P.-B. Die Polizei berichtet neben anderen Bagatellsachen von zahlreichen zur Anzeige ge⸗ brachten„Sonntagsradfahrern“ und eingeschla— genen Fensterscheiben. Ein Kind, das in den Schoorgraben und ein junger Mann, der aus einem Grönländer in die Lahn gefallen war, konnten mit Not gerettet werden. Ein Rad⸗ fahrer wurde in der Licher Straße von dem großen Hund eines Restaurateurs angefallen und dadurch zu Fall gebracht. Radler und Rad erlitten nicht unerhebliche Verletzungen. Der Hund soll wiederholt Radfahrer angefallen und sein Herr dann die Beschwerde führenden Stahlroßreiter jedesmal„nicht glimpflich“ ab⸗ gefertigt haben. Eine Staatsstütze verkracht. * Seit dem Himmelfahrtstag ist der Gießener Schlachthausverwalter Julius Möhl vom Schauplatze seiner langjährigen unrühmlichen Thätigkeit verschwunden. Für Gießen ist dieser „Fall Möhl“ thatsächlich ein Ereignis. Ab⸗ gesehen von einzelnen Streberkreisen war Möhl wegen seiner größenwahnsinuigen Brutalität und Unverschämtheit wohl der gehaßteste Mann in der oberhessischen Provinzialhauptstadt. In ganz unverantwortlicher Weise hat Möhl die Metzger und Viehhändler geschuhriegelt. Ich, der große Julius Möhl, Ich, der ehemalige Feuerwehrhauptmann, Ich, der Schlachthaus⸗ verwalter, Ich, der Krieger mit der orden⸗ geschmückten Heldenbrust, Ich bin der Herr im Schlachthaus und wehe dem, der sich muckst! Nach diesem Rezept hat der Patriot Möhl im Gießener Schlachthaus jahrelang fortgewurstelt. Und Glück hatte der Mann in seinen Kämpfen mit den Metzgern. Wie von unsichtbarer, ge— heimnisvoller Macht geschützt, ging er aus zahl⸗ reichen, mit Metzgermeistern geführten Prozessen unbesiegt hervor. In dem Bewußtsein:„Mir kann Keiner!“ steigerte sich die Unleidlichkeit dieses Menschen bis ins Ungemessene. Und nun hat er freiwillig den Schauplatz seiner Heldenthaten verlassen. Warum? Anscheinend wegen einer Bagatelle. Er soll den Wasen⸗ meister um ein Geringes bei den Abrechnungen geschädigt haben. Irgend etwas Authentisches ist noch nicht veröffentlicht worden, obwohl es unseres Erachtens im Interesse der Stadt Gießen läge, wenn die Bürgermeisterei, soweit sie dazu imstande und berechtigt ist, die auf den Abon⸗ nentenfang berechneten sensationellen Berichte in auswärtigen Blättern auf ihren wahren Wert zurückführte. Spieß bürgerliche Helden. * So ein echter Vollblutspießer ist ein geradezu ekelhaftes Geschöpf. Jetzt, wo der Schlachthaus verwalter Möhl weit vom Schuß ist, haben selbst die größten Angstmeier Helden⸗ mut. Leute, rie den Hut nicht tief genug vor Möhl ziehen konnten, die vor Glück strahlten, wenn der mächtige Mann sie gnädig anlächelte, oder ihnen zutrank, verurteilen den nunmehr Unschädlichen in Grund und Boden. Alle Ach⸗ tung vor den Männern, die jahrelang gegen Möhl offen gekämpft haben, aber ein Pfui den feigen Burschen, die vor Möhl katzbuckelten und jetzt jedes Glas Sekt aufzählen, das die verkrachte Staatsstütze je getrunken, jeden Bissen Braten wiederkauen, den der Feinschmecker je in Restaurationen gegessen haben soll. Antisemitische Arbeiterfürsorge. U heber eine Landtagsverhandlung lesen wir im Organ des Abg. Köhler: „Bei Art. 260(Gesinde-Ordnung) beantragt der Sozialdemokrat David die Be⸗ stimmungen für die gewerblichen Arbeiter u. s. w. auf die Dienstboten auszu⸗ dehnen, was der Landtag vernünftiger— weise ablehnt.“ Die bescheidenen Rechte, deren sich die ge⸗ werblichen Arbeiter erfreuen, gönnen Herr Köhler und seine Parteigenossen den Knechten und Mägden, den städtischen und ländlichen Dienstboten nicht! Diese sollen als Men⸗ schen zweiter Klasse unter der Gesinde— Ordnung verbleiben. Vergeßt's nicht, ihr ländlichen Tagelöhner und Knechte! National⸗soziale Tapferkeit. * Das Marburger Organ für Wasserpolitik hat spaltenlange Artikel über den„Fall Bernstein“ veröffentlicht. Um die Klippe„Göhre“ drückt sich die Fregatte aber mit folgenden paar Zeilen herum: „* Pfarrer Göhre spricht sich in der „Zukunft“ über seine Trennung von den National⸗Sozialen aus. Nachdem wir den Artikel gelesen haben, sind wir zu der Ueber⸗ zeugung gekommen: es ist am besten so. Göhre konnte nicht bleiben, weil er nie so recht zu uns gehört hat.“ Eine verflixt pfiffige Gesellschaft! Es stimmt übrigens, daß Pastor Göhre, ein ehrlich prole⸗ tarisch⸗sozialistischer Politiker, nicht mehr in jene Partei paßt. Wenn aber in dem Mar⸗ burger Blatt gesagt wird:„Göhre konnte nicht bleiben, weil er nie so recht zu uns gehört hat“, so ist das wirklich köstlich.„Nie zu uns“— das schreibt derselbe Herr Erdmanns⸗ dörffer, der sich noch vor wenigen Jahren im Lager des Antisemiten Liebermann v. Sonnen⸗ berg befand, den er selbst in seiner Schrift einen Herrn„mit ostpreußisch⸗aristokratischen Allüren“ nennt. Herr Göhre paßt in der That nicht„zu uns“, den Sohme, Lorenz und Erd⸗ mannsdörffer. Volksgericht? * Schwurgerichte sind angeblich Volks⸗ gerichte. Als Hauptgeschworene für das am 5. Juni in Gießen beginnende Schwurgericht wurden ausgelost: 15 Landwirte, Pächter und Gutsbesitzer, 7 Kaufleute, 3 Rentner, 2 Gemeinde-Einnehmer, 1 Beigeordneter, 1 Metzgermeister, 1 Gastwirt. Zum Volke gehören aber auch kleine Bauern, Industrie- und Landarbeiter, Handwerker u. s. w. u. s. w. Solange nicht auch diese Schichten im Schwurgericht vertreten sind— selbstverständlich gegen Entschädigung ihrer Zeitverluste—, solange sind die Schwur⸗ gerichte keine Volksgerichte. Zur hessischen Steuerreform. » Die von den Freunden der Wein⸗ steuer bei deren Ablehnung in Aussicht gestellte und vielleicht auch hie und da gewünschte Folge, der Fall der ganzen Steuerreform, ist nicht eingetreten. Der Finanzminister hat in Würdigung des Willens der Volksvertretung die Konsequenzen gezogen und wird demnächst Ersatzvorschläge machen. Diese gehen da⸗ hin, die Erbschaftssteuer, unter Ausscheidung der Geschwister, um 2 pCt. zu erhöhen, woraus ein Mehrergebnis von etwa 100 000 entstehen würde und eine Lizenzsteuer für alle Gastwirte einzuführen, deren Ergebnis auf etwa 250 000 M. veranschlagt wird. Der Rest der aus der Weinsteuer erwarteten 500 000 Mark wird aus den Mehrergebnissen der Staatslotterie eingestellt, für die man ein Mehr von etwa 130 000 Mk. annimmt. Die Beratung der Steuervorlage wird nach den Pfingstferien, die bis zum 30. Mai dauern, beginnen.— Die Sozialdemokraten sind für die Lizenzsteuer, die weiter nichts ist, als eine Gewerbesteuer nur für Wirte, nicht zu haben, denn in dem Augenblick, wo man die Gewerbesteuer für Alle abschafft, bedeutet diese Lizenzsteuer nichts anderes als eine Aus nahmebesteuerung der Gastwirte. Fromme Augenverdreher. * Das„Evangelische Sonntags-Blatt“ kann ebenso wenig das Lügen und Verleumden lassen, wie die Katze das Mausen. Zahlreiche Pastoren wollen deshalb von dem Blatt nichts wissen, andere wieder geben sich allerdings zu Agenten desselben her. Wer wäre imstande festzustellen, wie viele Menschen durch diese sogenannten frommen Blätter schon der Kirche entfremdet worden sind? Von der sozialdemokratischen Maifeier lügt das Blatt, der Weltfeiertag am 1. Mai sei proklamiert worden, damit dadurch alle anderen Feste hinfällig würden und es sollte damit der„Untergang des Christentums“ angezeigt werden u. s.w.— Gegen die frommen Augenverdreher, die sich berufen fühlen, im Darmstädter„Evangel. Sonntagsblatt“ zur höheren Ehre des Kapitalistenprofits die Ar⸗ beiterbewegung zu verleumden, waren die Phari⸗ säer zu Zeiten des großen Nazareners wahre Idealmenschen. Aus Wetzlar. * Am Sonntag, den 30. April, sprach hier der ehemalige Reichstagsabg. Zimmermann⸗ Dresden, der im hiesigen Kreise kandidieren will, wenn eine Nachwahl stattfinden sollte. Die Versammlung nahm einen recht interessanten Verlauf, da dem Vortrag Zimmermanns eine lebhafte Diskussion folgte. Von sozialdemo⸗ kratischer Seite sprach Genosse R. Opifizius⸗ Frankfurt, von nationalliberaler Seite Lehrer Martell-Frankfurt. Von dem antisemitischen Vorsitzenden wurde festgestellt, daß die deutsch⸗ sozialen Konfusionsräte und die christlich⸗sozialen Unsinnsmänner sich in Zukunft„wo möglich nie mehr feindlich gegenüberstehen werden. Ueber die Zugehörigkeit der einzelnen Wahlkreise sei eine Einigung zustande gekommen und der Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen hierbei der deutsch⸗sozialen Reformpartei zugefallen?“ Zu⸗ gefallen ist gut. Die christlich- und deutsch⸗ sozialen Reformer verschachern Wahlkreise, wie die von ihnen so verhaßten hebräischen Hosen⸗ trödler alte Buxen. Ist das freiteutsch oder treuteutsch? — Wetzlarer Steaftam;; Bürgermeister Landwirt Wilhelm D. von Mandeln ist wegen falscher Beurkundung unter Anklage gestellt. Er soll am 17. Dezember vorigen Jahres bei vier Kaufnotuln attestiert haben, daß die an den Käufen beteiligten Per⸗ sonen die Kaufakte in gemeinschaftlicher Zu⸗ sammenkunft in seiner Wohnung vollzogen hätten, während thatsächlich jeder einzelne für sich unterschrieben habe. Auch bei der Ein⸗ tragung des Verkäufers soll nicht korrekt ver⸗ fahren worden sein. Das Urteil lautet auf Freisprechung. Der Gerichtshof nimmt an, daß dem Angeklagten das Bewußtsein von der Rechtswidrigkeit seines Thuns gefehlt habe. — Der„W. A.“ berichtet: Am Abend des 29. Januar hatten der stud. med. C., der stud. med. Sch., der Steueraccessist Pfl. und der Gerichtsaccessist H., alle aus Gießen, mit einer Anzahl anderer junger Leute, meistens Stu⸗ denten, im„Röm. Kaiser“ hierselbst kneipend beisammen gesessen. Nachdem in vorgerückter Stunde die Stimmung sehr fidel geworden war, hatten sich die Qbengenannten auf die Straße verfügt und die vor dem Hause stehenden Kinder zum Wettlaufen veranlaßt, auch Geld unter die Kinder geworfen. Hierbei waren sie nicht nur selbst sehr laut gewesen, sondern es war auch durch ihr Vorgehen ein beträchtlicher Spektakel durch die Kinder u. s. w. hervorgerufen worden. Dieser Spektakel hatte bekanntlich den Gendar⸗ men Gl. zu einem Einschreiten veranlaßt, wobei es später auch Hiebe mit der blanken Waffe absetzte. Für heute steht nur die Ver⸗ handlung wegen Ruhestörung gegen die 4 An⸗ geklagten zur Verhandlung. Auf Grund der Zeugenaussagen gelangt das Wetzlarer Schöffen⸗ gericht zu der Ueberzeugung, daß C., Sch. und H. schuldig sind. Jeder von ihnen erhält 15 Mk. tnagelung, 10 man alt sundelt hal l 9 — Ein em Gewitt agschlag Aösclag uuf zungen, Mädche 0 Bäumen 0 U butde sofort ge lähmt und f utveruch Bürgern eutgarter Ge uahl den R. siten. Die! Ibnalen Gan bur bonservat literung sie gericht Stutt, shöpfer des A eicher Sozio S. * JU an die M kungen. e sezwungen, Lie gaben ihre Wünse fertigten. ue außer barlagten Geldstr fe ev. 3 Tage Haft. Accessist Pfl. da⸗ 1 gegen wird freigesprochen.— Von einer Ver⸗ handlung gegen den Glaus haben wir bisher noch nichts gehört. Der Kaiser und die Preisrichter. Aus Cassel berichteten kürzlich die Zei⸗ tungen:„Vom Ortsausschuß für den Wettstreit deutscher Männergesangvereine war eine Konkur⸗ renz für Erlangung eines künstlerischen Plakats ausgeschricben worden. Von den 20 eingegange⸗ nen Arbeiten war der Preis dem Entwurfe des Lehrers an hiesiger königlicher Kunstakademie Adolf Wagner einstimmig zuerkannt worden. Zur Vervielfältigung gelangt der preisgekrönte Entwurf indes nicht, weil der Kaiser den Entwurf des Malers Doepler jun.⸗Berlin zur Ausführung bestimmte.“ N Das heißt zu deutsch, meint der„Kunstwart““, den betreffenden Herren kam zu Ohren, das dem Kaiser ein anderer Entwurf besser gefiel, schlagfertigen Gendarmen Damit hat Etkeich ge licht nur Halichtsber ahl S schleichen ler die S. de Gesele lchleit im Fundtücher her unter r in der „Bei ‚• gl zu neter S lurden iy solnet. esters U — in 00 lr hari⸗ ahre hier iun⸗ eren ollte, Inten eine emo⸗ ius. chrer schen ilsch⸗ jalen b nie leber e sei der der U⸗ uch; Wie bsen⸗ Oder Der bon dung amber estiert Per⸗ J zogen ie für Ein⸗ t ber⸗ t auf nt an, bon habe. d des Stud. d der einer Stu⸗ eipend rückter U Wal, Straße inder er die t nur auch ektakel orden. endar⸗ wobel ankel e Vel⸗ 4 N nd der Höffel⸗ . und 5 Ml. fl. do⸗ K Vel⸗ armeß ort. er. E Zh ett toll da Nr. 21. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. als der, welchen die Sachverständigen 1 . 5 1 einstimmig für den besten erklärt hatten, darauf rutschte ihr Mannesstolz vom Herzen abwärts, ihrem Haupte aber ging die Erleuchtung auf, daß der Kaiser auch ein Sachverständiger sei und zwar einer, dessen Sachverständnis das des ganzen übrigen Sachverständigen-Kollegii über⸗ rage. So liegt die Sache, denn zur Ausführung zu bestimmen hatte der Kaiser schwerlich etwas, da die preußische Staats- und die deutsche Reichs⸗ verfassung bei den kaiserlichen und königlichen Hoheitsrechten vom edlen deutschen Männersang und seinen Plakaten leider nicht reden. Dieses kleine Beispiel des Servilismus ist aber einer Festnagelung in unserem Blatte deshalb wert, weil man aus Ergebenheitsdrang pflichtwid⸗ rig gegen die am Wettbewerb Beteiligten gehandelt hat. Kleine Mitteilungen. — Ein gefährlicher Blitzschlag. Unter starkem Gewitter und Sturm ging am 15. Mai ein Hagelschlag in der kurhessischen Gegend nieder. Ein Blitzschlag traf bei Lichtenau eine Gruppe von 10 jungen Mädchen, die im Walde gearbeitet und unter den Bäumen Schutz gesucht hatten. Eins der Mädchen wurde sofort getötet, die anderen wurden betäubt, mehrere gelähmt und schwer verletzt. Die angewandten Wieder⸗ lebungsversuche waren bei den Betäubten erfolgreich. Bürgermeisterwahl in Stuttgart. Unsere Stuttgarter Genossen beschlossen, bei der Stadtschultheißen⸗ wahl den Rechtsanwalt Lautenschlager zu unter⸗ stützen. Die Demokraten dagegen gehen für den National⸗ liberalen Ganß ins Zeug! Als Vorwandt dient, daß sonst der konservative Kandidat Morthof wegen Stimmenzer⸗ splitterung siegen würde. Lautenschlager ist vom Gewerbe⸗ gericht Stuttgart her als trefflicher Vorsitzender, Mit⸗ schöpfer des Arbeitsamts und freiheitlich denkender, kenntnis⸗ reicher Sozialpolitiker bekannt. e Saubere Bäckereien. * In Würzburg stellten die Bäckergesellen an die Meister einige recht bescheidene Forde— rungen. Sie wurden abgewiesen und dadurch gezwungen, zu schärferen Maßnahmen zu greifen. Sie gaben ein Flugblatt heraus, in dem sie ihre Wünsche dem Publikum gegenüber recht⸗ fertigten. Diese Frevelthat empörte die Meister aufs äußerste. Sie fühlten sich beleidigt und verklagten die Herausgeber der Flugschrift. Damit hatten sie aber einen recht dummen Streich gemacht, denn die Gesellen wurden nicht nur freigesprochen, sondern in der Gerichtsverhandlung wurden auch eine große Anzahl Schweinereien zutage gefördert, die zahlreichen Meistern den Zorn, den Gesellen aber die Sympathien des Publikums eintrugen. Die Gesellen hatten nämlich u. a. mehr Rein⸗ lichkeit im allgemeinen, reine Betten, saubere Handtücher u. s. w. gefordert. Hören wir einige der unter Eid gemachten Zeugenaussagen, die wir in der„D. Bäcker⸗Ztg.“ finden: „Bei dem Bäcker Pf. wurde das Fußboden— mehl zu Brot verbacken.“„Bei dem Bäcker⸗ meister Sch., Vorsitzender der Bäckerinnung, wurden in der Backstube Kinderwindeln ge— trocknet.“„Das Dienstmädchen des Bäcker⸗ meisters W. benützte einen Eimer, in dem Milch und Wasser zu Backzwecken zusammengemacht und auch die Hände in demselben gewaschen wurden, zum Aufwaschen von Böden ꝛc. ꝛc.“ „Bei dem Bäckermeister R. hat der Handwasser⸗ kübel derart gestunken, daß sich der Gehilfe ekelte, das Gesicht darinnen zu waschen. Dieser wusch sich sodann im Backkübel; auch mußten hier zwei Mann in einem Bett kampieren.“ „Bei K. schlief ein mit Läusen behafteter Bursche mit einem andern zusammen. K., von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt, that aber nichts zur Abstellung der Schweinerei, sondern beschäf⸗ tigte den Burschen ruhig weiter. Bei K. wurde im Vierteljahr einmal das Bett frisch über⸗ zogen.“„In Ermangelung einer gerade zur Hand stehenden Bürste ließ sich die Frau des Bäckermeisters St. von einem Gehilfen, der gerade mit dem Putzen von Backgefäßen be⸗ schäftigt war, dessen hierzu benützte Bürste geben und fegte damit den Nachttopf.“„In dem Betriebe des Bäckermeisters S. lief das Abort⸗ rohr direkt über den Backtrog. Das Rohr tropfte und die saftige Flüssigkeit ergoß sich in den Backtrog, der zur Brotbereitung diente.“ 1 „Das Wasserschiff in der Backstube des Bäcker⸗ meisters H. schwamm voll Russen und Schwaben. Trotzdem wurde das Wasser zur Brotbereitung „Bei dem Bäckermeister Z. stand verwendet.“ der Mehlkasten in direkter Nähe der Abortröhre. Diese fror zu und platzte in der höheren Etage. Durch die Decke rann die schmutzige Masse im Verein mit der an den Wänden ablaufenden in den gefüllten Mehlkasten, sodaß hier ein ganzer Brei entstand. Nachdem die„Batzen“ entfernt waren, wurde Brot aus dem verekelten Zeug gebacken.“ Wir wollen es hiermit genug sein lassen. Es ist bekannt, daß ähnliche Schweinereien in vielen anderen Städten vorgekommen sind und es ist kein Geheimnis, daß sie in zahlreichen Städten noch vorkommen. Gerade die Bäckereien sollten von den Herren Gewerbeinspektoren ganz besonders scharf aufs Korn genommen werden. Das Publikum kann verlangen, daß in den Betrieben, die sich mit der Herstellung der un⸗ entbehrlichsten Lebensmittel beschäftigen, die peinlichste Sauberkeit herrscht. —— Hessischer Landtag. Gelegentlich der Weiterberatung des Ausführungs⸗ gesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch kam es bei§ 109 betr. die religiöse Erziehung der Kinder zu lebhaftereren Auseinandersetzungen. Genosse Dr. David erklärte, daß er nicht mit dem Ausschuß⸗ vorschlag einverstanden ist. Der Standpunkt der Sozial⸗ demokratie gehe dahin, daß das religiöse Bekenntnis eine rein private Handlung ist; das erkenne auch die Regierung an. Das garantiere auch die Verfassung und nun will man trotzdem der Mutter das Recht nehmen, das Kind so zu erziehen, wie sie es für gut findet. Die Regierung sagt, wir müssen das Recht des todten Vaters gegen die lebende Mutter schützen, umgekehrt fällt es der Regierung gar nicht ein, der todten Mutter ein Recht einzuräumen gegen den lebenden Vater, der die Kinder nach seinem Belieben umtaufen lassen kann. Nach den Bestimmungen, die uns vorliegen, werden alle Frauen ohne Ausnahme als unselbstständige Geschöpfe be⸗ trachtet, während die Männer unbeschränkte Herrschaft haben. Mit allen gegen die 5 Stimmen der Sozial⸗ demokraten wurde schließlich die Compromisfassung des Ausschusses angenommen. Danach hat der todte Vater mehr Rechte über seine Kinder, wie die lebende Mutter. Der Darmstädter Schulskandal. Am Dienstag kam in der Kammer die Inter⸗ pellation(Anfrage) unseres Genossen Dr. Da vid wegen der Vorkommnisse am Ludwig-Georgs⸗ Gymnasium zu Darmstadt zur Verhandlung. Staatsminister Rothe giebt die Erklärung ab, daß am 21. April d. J. gegen den Gymnasiallehrer Dr. Ahlheim wegen ungerechter Bevorzugung des Gymnasiasten Gustav Dettweiler, Sohn des Oberschulrates Dettweiler, Anzeige eingereicht wurde, die alsbald eingeleitete Unter⸗ suchung führte zu einem Verweis für Ahlheim und einer Verwarnung für den Oberschulrat Dettweiler. Da seitdem in der Presse weitere Anklagen gegen den Ober⸗ schulrat Dettweiler erhoben wurden, sei ein erneutes Disziplinarverfahren beim Staatsministerium beantragt und genehmigt worden, die Untersuchung sei im Gange. Ministerialrat Soldan sucht das Vorgehen Ahlheims und Dettweilers aus den Prinzipien der neuen Unter⸗ richtsmethode zu entschuldigen(1!) Die ganze Angelegen⸗ heit sei durch das taktlose Auftreten des Sohnes Dett⸗ weilers, der nachweislich in drei Fällen seinen Präpa⸗ rationszettel(Vorbereitungszettel, die vom Dr. Ahlheim stammten und die Lösung der gestellten Schulaufgaben enthielten) verkauft habe, erst anstößig geworden. Er, Soldan, habe aus der Untersuchung nicht die Ueberzeugung gewonnen, daß die erlaubte Grenze im Verkehr zwischen Lehrer und Schüler überschritten sei. Daß er, Soldan, Ahlheim gewissermaßen entschuldigt und dessen Benehmen gebilligt habe, sei unrichtig. Dr. Ahlheim habe auf ernstes Vorhalten Soldans eingesehen, daß seine Versetzung an einen anderen Platz notwendig sei und daß er dieselbe am besten selbst fordere. Eine Strafversetzung(nach Gießen) im eigentlichen Sinne sei das nicht, sondern eine Versetzung im Interesse des Dienstes. Genosse Dr. David: Die Art der Vorbereitung, die der junge Dettweiler von Dr. Ahlheim empfing, sei ein Hohn auf die modernen pädagogischen Grundsätze, welche die private Ginzelvorbereitung verwürfen. Nicht Unklugheit und Verfehlung, sondern ein großer Verstoß gegen das Gerechtigkeitsgefühl der übrigen Schüler liege in dieser privaten Vorbereitung, die ein Vorzug gewesen sei und sich durchaus nicht nur auf das in der Klasse Vorgekommene beschränkt habe. Das gehe schon aus dem Umstand hervor, daß der junge Dettweiler mit seinen Präparationen habe Handel treiben können. Es handle sich um eine direkte Begünstigung des Sohnes des Oberschulrats zu Ungunsten der übrigen Schüler. Der Entschuldigungsbrief, den Ahleim bei dem einmaligen Ausbleiben seiner Mitteilungen(ö) an das Oberschulratssöhnchen dem Oberschulrat geschrieben, sei zugegeben worden. Die erste Untersuchung der Affäre habe den Eindruck hervorgerufen, als wolle man die Sache ohne Weiteres aus der Welt schaffen, indem man sie mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bedeckt. Das gehe nicht an. Es müsse durch strengste Bestrafung der Schuldigen für die Zukunft die Gewähr geboten werden, daß derartige Vorkommnisse, die jedem Gerechtig⸗ keitsgefühl Hohn sprächen und nicht mit pädagogischen Rücksichten gerechtfertigt werden könnten, nicht wieder vorkämen. Schon in Bensheim sei das Verhalten des Oberschulrats Dettweiler sehr bedenklich gewesen.— Die Besprechung der Interpellation unserer Genossen nahm auch die ganze Mittwochssitzung in Anspruch, ohne wesentlich neues zu Tage zu fördern. Staatsminister Rothe meinte, zu einer Entfernung Dettweilers aus dem Amte liege keine Veranlassung vor(121) Der Abg. Friedrich(natl.) verurteilte das Verhalten Dettweilers und Ahlheims scharf und verlangt gleich unserem Gen. David strenge Sühne. Die Versetzung Dr. Ahlheims nach Gießen sei geradezu eine Belohnung gewesen. Ministerialrat Sold an sucht nach neuen Entschuldigungs⸗ gründen und meint, eine Verfehlung, eine Unvorsichtig⸗ keit Dettweilers liege vor, aber nur eine solche, die durch eine Ordnungsstrafe hinreichend gesühnt worden sei. Abg. Metz(freis.) ist der merkwürdigen Ansicht, solange nicht im Wege der Disziplin aruntersuchung Thatsachen ermittelt würden, halte er die Erklärungen vom Re⸗ gierungstisch für maßgebend(1) Man möge das eingeleitete neue Disziplinarverfahren darüber entscheiden lassen, was recht und unrecht sei.— Dem tritt aber Genosse Uleich sehr energisch entgegen. Es handle sich lediglich darum, festzustellen, was von den Be⸗ schuldigungen gegen die Beteiligten wahr sei und was nicht. Die gerügten Mißstände im Ludwigs⸗Georggym⸗ nastum seien erwiesen. Ein Gerichtshof sei der Landtag nicht, aber als Vertreter des Volkes hätten die Abgeordneten die Pflicht, darüber zu wachen, daß die Führer und Leiter der künftigen Generation nach ehren⸗ haften Prinzipien erzogen würden.— Damit ist die Interpellation erledigt. Es bleibt abzuwarten, was die Regierung nunmehr thun wird. Die Kammer vertagte sich bis zum 30. Mai. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 27. Mai: Gießener Wahlverein abends pünktlich 9 Uhr bei Orbig. Tagesordnung: 1. Vortrag des Gen. Ed. Krumm über: Die Marxsche Theorie. 2. Vortrag des Gen. Ph. Scheidemann über: Ed. Vernsteins Kritik des Marxismus. 3. Diskusion.— Die beiden Vorträge mußten von der Tagesordnung der letzten Versammlung abgesetzt werden wegen Behinderung des Gen. Krumm. Es ist dringend erforderlich, daß die Genossen in dieser und den weiter folgenden Versammlungen zahlreich zur Stelle sind. Letzte Nachrichten. Die Abrüstungskonferenz trat am Donnerstag, am Geburtstage des Zaren Nikolat, zusammen. Die Posse, die im Haag gespielt wird, ist von der unabhängigen Kritik so gründ- lich schon beleuchtet worden, daß mehr zu sagen kaum noch übrig bleibt. Die Beauftragten der in Waffen starrenden, bis an die Zähne ge⸗ wappneten Militärstaaten, die sich über den Weltfrieden unterhalten, gleichen den Füchsen, die den Hühnern predigen. Militarismus und Klassenstaat wachsen auf demselben Grunde, und einer kommt nicht aus ohne den anderen. Wer wird den Teufel bei seiner Großmutter verklagen? Einig sind die Vertreter der Militärmächte nur in ihrer Stellung gegenüber der klassenbewußten Arbeiter- schaft, gegen den„inneren Feind“, der in allen Kulturländer für den Weltfrieden wirkt und demonstriert. Gegen diese Kulturbewegung sind alle Mittel genehm, und vielleicht heckt der Scharfsinn der Friedens⸗Pfeifen⸗Klub⸗Besucher irgend eine Teufelei aus, die aber versagen 0 0 der Einsicht und Festigkeit des Prole— tariats. 3 nene . Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 21. 0.— 5e———— LILIU Unterhaltune As-CTeil. N Auf Pfingsten. So kurz, so kurz die Blumenstrecken Voll Sonnenschein und Friedenston, So lang die Bahn voll Nacht und Schrecken, Durch welche zog die Menschheit schon! O Weltgeist, was sind deine Siele d Führst du zur Freiheit und zum Cicht, So sei es drum!— Sonst aber spiele So grausam mit dem Menschen nicht! Caß es des Elends und der Sähren, Ach, wen'ger sein, sie sind zu groß! Kannst du kein volles Glück gewähren, Versag' uns kein erträglich Los! Wir wollen dir nicht ebenbürtig Als staubgeborne Menschen sein; Wir wollen uns nur menschenwürdig Der kurzen Lebensspanne freu'n. Wir wollen uns nicht überheben, Auf Engel leisten wir Verzicht! Jedoch als arme Teufel leben, Auch dies ist uns're Absicht nicht! Den Himmel schon auf Erden wollen, Fällt uns nicht ein, wir sind schon froh, Daß wir ihn einst erlangen sollen Im Jenseits. Doch pressiert's nicht so! Es geht uns zwar nicht gut auf Erden, Wir haben es schon weit gebracht,— Jedoch es kann noch schlechter werden, Denn guter Rat kommt über Nacht. Wer etwa Morgenlüfte wittert Und einen Freiheitshauch verspürt, Und wen ein Lenzesnah'n durchzittert, Der sag's!— Wir lauschen ihm gerührt. Gott gab der Welt den freien Willen Zu guter und zu schlimmer That,— Und führt sie auf den rechten Pfad. Dir, Weltgeist, lasse uns vertrauen, Verzweifeln soll die Menschheit nicht; Gott führt uns oft durch Nacht und Grauen, Doch führt er uns nicht hinter's Licht. Sein heil'ger Geist ist ausgegossen, Und so verderbt ist nicht die Welt, Daß ihm ein jedes Herz verschlossen, Und er in keine Seele fällt; Undzwenn er nur in eine fiele, So ist's ein gottgeweihter Ort, Dies eine Herz, zum höchsten Siele Reißt's dann die ganze Menschheit fort! Friedrich Stoltze. r vom Stamm gerissen. 20] Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Die Luft in Oettingers Stube war trotz der milden Witterung dumpf und kalt. Er ver⸗ suchte, sich ein Feuer im Kamin anzuzünden, kam aber damit nicht gut zustande. Das Holz mochte nicht ganz trocken sein. Es knallte und chwelte, und der Rauch schlug in die Stube. ls echter Philosoph zur Resignation geneigt, in kleinen wie in großen Dingen, gab er den Versuch, es sich behaglicher zu machen, auf, öffnete Thür und Fenster, um den Qualm sich verziehen zu lassen, und setzte sich, um einen Brief zu lesen, den er bei seiner Rückkehr ge⸗ funden hatte. Derselbe war von seinem Ver⸗ leger, der ihm über sein erstes größeres sozial⸗ wissenschaftliches Werk Komplimente machte. Mitten in der Lektüre wurde er plötzlich auf das Stimmchen der kleinen Jeanette, der jüngsten Tochter des Brauers, aufmerksam, die neben einem anderen Schritt die Treppe herauf— getrippelt kam. „C'est ici, Mademoiselle, Monsieur Oetting est chez lui. La porte est grandement ouverte, entrez seulement.— Oh alors, qu'est ce qu'il a fait? C'est tout plein de fumée!“ Oettinger ließ die Hand mit dem Vriefe sinken und sah erwartungsvoll nach der Thür. Nicht lange, so erschien eine Dame in dem Rahmen derselben. Befremdet erhob er sich und schritt ihr langsam entgegen. Sie war eingetreten und hatte die Thür vor der Nase der kleinen Jeanette, die mit dem Finger im Munde neugierig stehen geblieben war, hinter sich geschlossen. Jetzt hob sie den Schleier. „Tussy“, rief er und streckte ihr beide Hände entgegen, in die sie die ihrigen mit einem un⸗ beschreiblichen, aus Freude, Wehmut und lieb— licher Verwirrung gemischten Blick legte. Kurt schüttelte sie ihr immer und immer wieder, und sah sie dabei mit tiefer Ergriffenheit an. Reden konnte er aber ebeuso wenig wie sie, und als ihr nun die Thränen über die Wangen stürzten, hielt auch er sich nicht länger. Von einander abgewandt, suchte jedes sich zu fassen. Kurt gelang es zuerst.„Liebe, liebe Tussy“, sagte er, indem er wieder ihre Hand ergriff, und sie nach dem Stuhle vor seinem Schreibtisch, dem einzigen, etwas be⸗ quemen Sitz der sehr einfach eingerichteten Stube führte.„Wie komme ich zu dem unverhofften Glück, Sie hier in der Fremde zu sehen? Was führt Sie her?“ „Ich bin als Reisebegleiterin einer Dame hier“, erwiderte Tussy, ihre Thränen gewaltsam bezwingend.„Wir logieren unten am See, im Hotel Beau Rivage. Frau Malm, so heißt die Dame, konnte sich aber nicht entschließen, so hoch zu steigen“, setzte sie, wie zur Entschul⸗ digung ihrer Kühnheit, ihn allein aufgesucht zu haben, hinzu.„Ich mußte Sie aber sehen, das hat mir der Vater auf die Seele gebunden.“ „Nun, Tussy, ich hoffe, Sie sind nicht nur des Vaters wegen gekommen“, sagte Kurt mit leisem Vorwurf im Ton. „Gewiß nicht“, versetzte sie schnell, und fuhr dann einlenkend fort:„Aber wie entlegen wohnen Sie hier? Gut, daß Frau Malm nicht mitkam; mit der hätte ich meine liebe Not gehabt. Sie kann gar nicht gehen, sie ist so zart und verwöhnt und auch ein wenig kindisch“, lächelte Tussy mit köstlicher Ueberlegenheit,„aber so gut, wirklich herzensgut“, setzte sie schnell hinzu.„Sie erwartet, daß Sie mich heute zum Diner um sieben Uhr zurückbegleiten. Bis dahin bin ich frei.“ „Ach, das ist ja herrlich, köstlich!“ jubelte Oettinger.„Da führe ich Sie in meinem Paradies herum, bis hinauf auf das Signal, den höchsten Punkt über Lausanne. Dort ist eine Aussicht! Oder wollen Sie die Kathedrale sehen?— Aber ich bin ganz kopflos vor Freude. Zunächst müssen Sie sich erquicken.“ Und als Tussy ihm wehren wollte, fuhr er, mit scherz⸗ hafter Heimlichkeit sich zu ihr niederbeugend, fort:„Sie wissen, ich wohne hier in einer Brauerei; da giebt es einen köstlichen Trunk. Entschuldigen Sie mich, in zwei Minuten bin ich wieder hier.“ Damit eilte er hinaus und elastischen Schrittes die Treppe hinab. Tussy saß sinnend ein Weilchen da. Dann aber fing sie an, sich in der Stube umzusehen. Ihr Blick begegnete vielem, was ihrem weib⸗ lichen Ordnungssinn nicht gefiel, und schnell erhob sie sich, legte Hut und Handschuh ab und begann Ordnung zu schaffen. Das noch immer schwelende Holz im Kamin hatte sie schon vor⸗ hin zum Nachhelfen gereizt. Jetzt kniete sie nieder, ergriff den kleinen Blasebalg und blies die glimmenden Holzstückchen erst sachte und dann immer kräftiger an, bis eine schöne helle Flamme aufschlug. Als Kurt mit einer Karaffe schäumenden Bieres zurückkehrte, brannte es lustig im Kamin, und Tussy war gerade dabei, einige herumliegende Kleidungsstücke aufzuhängen. Er blieb betroffen auf der Schwelle stehen. Der Anblick des häuslich geschäftigen Mädchens, dessen schwellende Formen ihm jetzt erst auf⸗ fielen, erfüllte seine vereinsamte Seele mit einem ganz eigenen Wohlgefühl, und setzte ihn doch zugleich ein wenig in Verlegenheit. Indessen scherzte er so unbefangen wie möglich über den Graus einer Junggesellenwirtschaft, die eine wahre Autitese des Ewigweiblichen sei. Tussy errötete ein wenig, ging aber munter auf seine Scherze ein, während sie für die Ka⸗ raffe ein kleines Tischchen abräumte und vor den Kamin stellte. Oettinger war seelenvergnügt über diese Anordnung und freute sich über das helle Feuer wie ein Kind, das er in seinem Herzen war, schob für Tussy seinen Lehnstuhl heran und lief der Magd entgegen, um ihr Gläser, Brot und Käse abzunehmen, die er die Wirtin gebeten hatte, ihm auf seine Stube zu schicken. Es war ein sehr frugales Mahl, welches er der lieben Landsmännin zu bieten hatte, aber in der Stimmung, in der beide waren, schmeckte das schöne schweizer Weizenbrot und der echte Emmenthaler Käse, mit dem kräftigen Doppelbier befeuchtet, besser als die schönsten Delikatessen. Und Tussy fühlte erst jetzt, daß ihr der Weg einen tüchtigen Appetit gemacht hatte. Sie griff wacker zu. „Und nun erzählen Sie, liebe Tussy, wie ist es gekommen, daß Sie Ihre Stellung als wohlbestallte Schullehrerin aufgaben und Reise⸗ begleiterin geworden sind?“ Tussy spielte mit den Brotkrümchen auf der Tischplatte. Dann sagte sie:„Ehrlich ge⸗ standen, meine Thätigkeit befriedigte mich nicht. Dies ewige Grammatik-Pauken, ich hatte es nach anderthalb Jahren so satt! Und dann auch sehnte ich mich hinaus aus der Enge meines Lebens. Ich wollte auch einmal etwas von der Welt sehen, all' die trüben Erinne⸗ rungen hinter mir lassen.“ „Nur zu begreiflich!“ nickte Oettinger ernst, indem ein Seufzer seiner Brust entstieg. „Da las ich die Anzeige von Frau Malm und meldete mich. Sie bot mir soviel, wie mein Gehalt an der Schule betrug, und ich schlug ein.“ f „Malm, der Name kommt mir bekannt vor.“ „O, gewiß haben Sie ihn gehört. Die Malms sind eine reiche begüterte Familie bei Königsberg. Frau Malm ist Witwe, sie hei⸗ ratete ganz jung einen schon bejahrten Mann, der sie auf Händen getragen haben soll, ihr auch ein bedeutendes Vermögen hinterlassen hat. Aber glücklich scheint die Ehe nicht gewesen zu sein, wenigstens merkt man ihr keine Trauer um ihren„lieben Alten“ an, wie sie ihn immer nennt. Ach, sie ist so drollig! Nun, Sie werden sie kennen lernen!“ lächelte Tussy, als ob sie etwas besonderes für ihren Freund in petto hätte.„Sie muß sehr schön gewesen sein, ist es noch“, setzte sie mit einem wichtigen Kopf⸗ nicken hinzu. „Und wie lange sind Sie nun auf Reisen?“ „Seit dem Herbst. Zuerst gingen wir nach Wiesbaden, dann nach e und end⸗ lich nach Vevey, von wo wir kommen.“ 1 „Also so lange sind Sie schon in meiner Nähe! Und ich keine Ahnung davon zu haben! Warum schrieben Sie mir nicht?“ fragte er voll Bedauern, indem er seine Hand leicht auf ihren Arm legte. Sie schwieg und er fuhr fort:„Aber der Vater, was macht der nun ganz allein?“ „O, der Vater war damit völlig einver⸗ standen. Er kann sich ohne mich viel billiger einrichten. Sie wissen, daß er sein Geschäft aufgegeben hat— wie, Sie wissen es nicht? Er hat Ihnen doch geschrieben?“ „Ja, aber das muß noch vorher gewesen sein. Er klagte nur über das miserable Leben, und daß das Geschäft nichts einbrächte.“ „Nun ja. Etwa vor einem Jahr hatte er wieder einen„Mann.— Sie wissen, er hat immer einen Mann, auf den er schwört“, schaltete sie lächelnd ein.„Diesmal aber einen, der ihm wirklich von Nutzen war. Es war ein Leihbibliothekar, der einen Gehülfen brauchte, und dem Vater die Stelle mit einem Gehalt anbot, das für seine geringen Bedürfnisse aus⸗ reichte. Vater nicht geben, und ich riet ihm sehr, es anzunehmen. Die Waren wurden verauktioniert, und Vater lebt nun von morgens bis abends unter Büchern, in seinem eigentlichen Element. Nur vertieft er sich bisweilen zu sehr darin, sodaß die Leute, welche Bücher wechseln kommen, ihn erst in die Gegenwart zurückrufen müssen. Einmal wäre er beinahe von der Leiter, auf der er hoch oben lesend saß, beim Anruf eines Kunden heruntergestürzt.“ Oettinger konnte sich bei dieser Schilderung nicht enthalten, laut aufzulachen und Tussy stimmte lustig ein. Etwas passenderes konnte es für den lch das 1 den Ar — iin unde fuld. Nun wo um Dämm uchenstäm och unbela sölag uf fand wie h ——— suldnen 6 lag der S bon den bi den im Se linien des überragt in zwel B führende mit der! berbindet, Nach allen dem junge auf dem b. üͤtfalteten Schwingen. Wie m das an di Farblosigke bak. Tuf i diesem; Aetegen, f ltr aus g ren Ent Am Re an ber ft i bertraul budende! r sch 5. dulläftun dan mal enn sie 1 Oie ha sch 00 der Stun Maln „ wie d ich bol.“ Die lle bei e hei⸗ Mann, l, iht n hat. sen zu rauer immet „Sie , als ind in i sein, Kopf⸗ isen? nach d end⸗ meinet haben! gte el c auf r fut r nun einber⸗ billiger geschäft fichte gewesen Leben, ate el 11 alle 0 del ar ein sauchte, Gehalt . a für del emelle dall, ommel, müssel, . uf el f eile⸗ Terull Tuss Nr. 21. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite J. „Das Uebrige erzählen Sie mir auf unserem Spaziergang, wenn Sie nicht zu ermüdet sind, um auszugehen.“ Tussy zeigte sich sofort bereit. So wanderten nun die Zwei in die knospende, junge Frühlingswelt hinein, auf dem bald breiteren, bald schmäleren Fußpfad, der sich der westlichen Thalwand entlang in allmählicher Steigerung nach dem höchsten Punkte des Pla⸗ teaus, dem sogenannten„Signal“, hinaufwand. Waren es schon früher Oettingers schönste Stunden gewesen, wenn er seiner Pflichten los und ledig hier herumstreifen konnte, ganz der Natur hingegeben, die für seine noch immer nicht verharschten Wunden heilender Balsam war, wie viel wonniger empfand er heute den Zauber dieser frühlingsgrünen Einsamkeit, da ihm zur Seite ein so liebes, holdes Wesen ging, das tausend teure Erinnerungen mit seinem Leben verknüpften. Tussy schritt leicht wie eine Elfe bald vor, bald neben ihm, je nachdem der Weg es er⸗ laubte, überstreut von dem Sonnengold, das durch das flimmernde, junge Birkenlaub fiel. Ihr den Arm zu bieten, wagte Oettinger nicht — 5 undefinierbares Etwas hielt ihn davon zurück. Nun war die Höhe erreicht. Als sie aus dem Dämmer, das droben zwischen den alten Buchenstämmen herrschte, trotzdem ihre Kronen noch unbelaubt waren, ins Freie hinaustraten, schlug Tussy entzückt die Hände zusammen und stand wie bezaubert da. Vor ihnen, von dem goldnen Glanz der Mittagssonne überflutet, lag der See in seinem Kranze von Gebirgen, von den vielparigen waadtländer Alpen bis zu den im Sonnennebel verschwimmenden Wellen⸗ linien des Jura, und zu ihren Füßen die Stadt, überragt von der herrlichen Kathedrale. Die in zwei Bogenreihen über das Thal des Ilon führende grandiose Brücke, welche die Stadt mit der weltberühmten Promenade Monbenon verbindet, leuchtete in der Sonne wie Marmor. Nach allen Seiten waren weiße Villen zwischen dem jungen Grün der Bäume zerstreut, und auf dem bläulich glitzernden Spiegel des Sees entfalteten lateinische Segel ihre vogelähnlichen Schwingen. Wie mußte diese Pracht ein Auge entzücken, das an die vergleichsweise Formenanmut und Farblosigkeit der norddeutschen Ebene gewöhnt war. Tussy lebte nun zwar schon einige Zeit in diesem Paradiese, aber sie war nie so hoch gestiegen, hatte alle Schönheit immer nur vom Ufer aus geschaut. Oettinger weidete sich an ihrem Entzücken. Am Rande des Gehölzes stand eine Bank, auf der sich beide niederließen. Hier saßen sie in vertraulichem Gespräch, bis die immer weicher werdende Nachmittagsstimmung der Landschaft, der sich vertiefende bläuliche Schatten in den Einklüftungen der savoyer Alpen drüben sie daran mahnte, daß es Zeit sei, aufzubrechen, wenn sie um sieben Uhr in Ouchy sein wollten. Sie hatten einen ziemlich weiten Weg vor sich, aber beide waren gut zu Fuß, und nach einer Stunde tüchtigen Zuschreitens, wobei es durch die auf⸗ und absteichenden Straßen der Stadt ging, langten sie an dem Ufer des Sees an, über dessen tiefblauer Flut ein rosiger Flor sich zu breiten begann. Oettinger nahm eine Barke, um Tussy nach dem nahegelegenen Hotel zu rudern und dann umzukehren. Es war nicht seine Absicht, gleich heute Frau Malms Einladung zu folgen. Morgen, wenn er seine Stunden im Pensionat absolviert hatte, wollte er sich ihr in aller Form vorstellen. Tussy war damit einverstanden. Als sie an der Debarkadere des Hotels hielten, hörten sie über sich eine Stimme rufen: „Gott sei Dank, da sind Sie endlich. Ich habe schon schreckliche Langeweile gehabt.“ Emporschauend sah Oettinger eine noch jugendliche dunkeläugige Blondine, ganz in schwarzen Atlas gekleidet, die sich unter fort⸗ währendem Geplauder mit heiterer Miene über das Geländer beugte, bis die Ankömmlinge oben waren und die Vorstellung vor sich ging. Frau Malm, die, als sie nun aufgerichtet da⸗ stand, eine majestätische Erscheinung war, aber das leutseligste Gesicht von der Welt hatte, reichte Oettinger sogleich die Hand und wollte durchaus nichts davon hören, daß er wieder umkehre. „Lieber, goldener Herr Oettinger“, rief sie mit ostpreußischer Zutraulichkeit,„das können Sie mir nicht anthun, nachdem ich um Ihret⸗ willen den ganzen Tag wie in einer Wüste zu⸗ gebracht habe. Mit diesen Leuten ist ja hier nicht zu reden. Die einen gurgeln englisch, die andern näseln französisch und die dritten glauben zwar deutsch zu sprechen, es ist aber nur ihr abscheuliches Schwizerditsch, das kein anständiger Mensch verstehen kann. Nein, nein, ich habe mich so auf Sie gefreut, ich lasse Sie nicht los. Den Kahn?— ach den schicken wir durch einen Knecht aus dem Hotel zurück.— Und Sie, Kleine“, wandte sie sich an Tussy, deren Hand sie mittlerweile in der ihrigen ge⸗ halten hatte.„Sie machen jetzt eiligst zu Tisch Toilette, Sie haben höchstens uoch eine Viertel⸗ stunde Zeit. Ih gehe mit Herrn Oettinger nach der Terrasse, dort finden Sie uns. Und, hören Sie, Tußchen“, rief sie der Davoneilenden nach,„daß Sie sich hübsch machen! Das blaue Kleid mit der Sammettaille und dem breiten Spitzenkragen, Sie wissen. Ich will heute mit Ihnen Staat machen. Da sind so ein paar aufgeblasene Engländerinnen angekommen“, wandte sie sich erklärend an Oettinger,„die müssen wir ausstechen, das habe ich wir fest vorgenommen.“ Dabei ballte sie ihre milch⸗ weißen Händchen und schlug damit wie ein schadenfrohes Kind aufeinander. So schritt sie mit Oettinger, den ihr Geplauder höchlichst er⸗ götzte, die Kieswege zwischen den Blumenstöcken zu dem höher gelegenen Hotel hinan, auf dessen prächtiger, von farbigen Marmorsäulen ge⸗ tragenen Veranda die versammelten Gäste der Ankündigung des Diners harrten. Als die beiden sich umkehrten, strahlte die ganze Kette der savoyer Alpen in durchsichtigem Rosenrot. „Oh, que c'est beau, que c'est beau!“ tönte es begeistert von allen Seiten und dazwischen 958 sich hier und dort ein bedächtiges„beautiful“ ören. Tussy kam gerade noch zum Schluß des herrlichen Schauspiels. Oettinger hatte sie noch nie so elegant gekleidet gesehen und war von ihrer Erscheinung wirklich überrascht. Der dunkelblaue Sammet, der ihren zierlichen Wuchs eng umspannte, machte sie zwar etwas bleich, aber es war eine weiche, liebliche Blässe, die, wie von innerer Erregung stammend, den Augen e höhten Glanz verlieh. Frau Malm drückte ihre Zufriedenheit mit Tussys Toilette aus, zupfte an dem Spitzen⸗ kragen und den Stirnlöckchen, die jene auf ihren Wunsch jetzt trug, hier und da noch etwas zurecht, und legte, als die Glocke zum Diner ertönte, ohne viel Umstände ihre zarte kleine Hand in Oettingers Arm, um sich von ihm zu Tisch führen zu lassen. Sie hatte die Plätze am oberen Ende des Tisches belegt und nahm an der schmalen Seite Platz, während Oettinger rechts und Tussy links von ihr saßen. Das Mahl verlief in der heitersten Stim⸗ mung, Dank dem ungenierten naiven Geplauder von Frau Malm, die in ihrem wirklichen oder eingebildeten Triumph über jene Engländerinnen schwelgte und mit Oettinger so vertraut that, als hätte sie ihn von Kindheit an gekannt. Am Schluß machte sie den Vorschlag, morgen zusammen nach Genf zu gehen. Sie kenne das waadtländische Ufer nun schon aus⸗ und in⸗ wendig und hätte eine Abwechselung dringend nötig. Oettinger bedauerte indessen, die Damen nicht begleiten zu können, da seine Pflichten ihn in Lausanne zurückhielten. Die veränderungssüchtige schöne Frau war zwar untröstlich darüber, meinte aber doch, die Fahrt nicht aufschieben zu können; übermorgen sei ja Sonnabend, da rechne sie bestimmt darauf, daß er am Nachmittag nachkäme und den Sonn⸗ tag mit ihnen in Genf zubrächte. Ihr Bleiben hinge ganz davon ab, wie es ihr in Genf gefiele. Oettinger war plötzlich alle Freude vergällt. Er hatte darauf gerechnet, Tussy längere Zeit in der Nähe zu behalten. So sehr ihm Frau Malm gefallen hatte, sie erschien ihm jetzt als eine schlimme Egoistin. Er gab kein bestimmtes Versprechen, und traurig nahm er vorläufig Abschied, um den Heimweg anzutreten. (Schluß folgt.) eee eee, Der Lieblings ⸗Frosch. (Mit Benutzung des„Tierfreundes“.) Von all' dem Froschgetier, welches unsere Gärten, Wiesen, Wälder, Sümpfe, Teiche ꝛc. belebt, hat sich nur der Laubfrosch zu einem Liebling der Menschen, wenn auch durchaus nicht aller, zu machen gewußt. Es giebt eben noch heutzutage Leute genug, welchen Tiere, die man nicht essen, zu Pelzen, Hutschmuck oder sonstwie nützlich verwenden kann, in die Seele hinein verhaßt sind, und die deshalb den schenkel⸗ spendenden Gras⸗ und Wasserfrosch eher zum „Fressen“ lieb haben. Seine schöne grüne Färbung und seine wenngleich nicht ganz ein⸗ wandfreie Gabe der Wetterprophezeiung haben ihm neben dem Goldfische ein Plätzchen auf dem Fensterbrett, als Haustier zweiten Ranges gesichert. Er genießt bei seinen Pflegern wohl stets gute Behandlung, wird reichlich gefüttert — freilich glauben viele Personen heute noch, daß der Laubfrosch Gras frißt und daher seine schöne grüne Farbe hat, nach welcher Ansicht allerdings auch die Kuh und der Hase grün sein müßten— und freut sich seines Lebens, dessen Hauptbedürfnisse viel Fliegen und Mehl⸗ würmer, Gras oder Blätter und ein Schälchen reinen Wassers zum Baden sind. Hitze verträgt er aber nicht und stirbt, der Sommersonne aus⸗ gesetzt, sehr bald, wenn er sich nicht in Gras oder Laub tief verkriechen kann. Jede Gelegen⸗ heit, zu entschlüpfen, benützt er, und es ist oft wunderbar, wie plötzlich er verschwindet; tage⸗ lang sitzt er in den Vorhängen, die ihn bergen ehe ihm die Gelegenheit günstig ist und er durch das offene Fenster den Sprung in die Freiheit wagt. Humoristisches. Er weiß sich zu helfen. Der Direktor des Sadttheaters in Ssamara erließ anfangs Januar eine Anzeige des Inhalts, daß er für einen bestimmten Abend die Preise erhöhen müsse. Das Publikum, das in letzter Zeit das Theater ziemlich vernachlässigt hatte, konnte sich den Grund dieser Maßregel nicht erklären und nahm an, daß etwas Besonderes zu erwarten sei. Noch vor Eröffnung der Abendkasse war das Theater ausverkauft. Nach Schluß der Vorstellung erfuhr man endlich, daß einige Tage früher aus der Garderobe ein Pelz gestohlen worden war, den der Direktor ersetzen mußte, und zu diesem Zwecke hatte er die Preise er höht. * Amtsstil. Verteidiger: Die von dem Herrn Staatsanwalt mehrfach angezogenen Damenstrümpfe kann man unmöglich meinem Klienten in die Schuhe schieben, da er, wie aus dem Sachverhalt hervorgeht, berechtigt war, diese Damenstrümpfe als herrenlos anzusehen. * Motivierung. Kadett:„Hören Sie mal, warum verlangen Sie denn von mir für's Rasieren um 20 Pfennig mehr als von Ihren andern Kunden?“— Barbier:„Ja, wissen Sie, Herr Kadett, bei Ihnen kommt halt noch der Finderlohn dazu!“ * Ein Unterofsizier redete die neuen Rekruten al so an:„So, Ihr seid jetzt Soldaten, und wer Euch beschimpft, beschimpft mit Euch des Königs Rock. Ihr dürft Euch also auf keinen Fall von jemand beleidigen lassen.— Was macht denn der Saukerl da im zweiten Glied für ein Gesicht. Ich glaube gar, das Rhinozeros will in der Front zu lachen anfangen. Das Rindvieh...“ * Der Predigtamtskandidat. Jo sephine: „Ach, Herr Kandidat, lassen Sie mich; ich muß in die Küche, sonst brennt mir meine Gans an!“—„Josephine, sei unbesorgt; so lange Du bei mir bist, steht deine Gans in Gottes Hand!“ f Was ist der Gipfel der Unverfrorenheit?— In einem Schirmladen warten, bis es aufhört zu regnen, Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor. 3 hübsche Ansichtspostkarten sind im Ver⸗ lage des„Wahren Jakob“(J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart) erschienen. 4 Karten sind einfarbig(blau⸗ schwarz) gedruckt, 4 in Buntdruck hergestellt. Die Sujets sind teils humoristischen, teils politischen Inhalts. — — Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 21. Alen rät eröllnel! Iweig⸗Geschaft der Cölner Consum⸗Anstalt C. F. Hackenberg Gutes und billiges Kauf haus für Lebensmittel. (Sell& Heppeler) sämtlicher Druc unter Zusicherung geschmach- b. Ottmann luckese GIESSEN. er 3 empfiehlt sich bei billigster Preisberechnung zur Herstellung Karbeiten ollster Ausführung. Auf nach Wißmar!! Dort ist am 2. Pfingstfeiertag gutbesetzte Tanzmusil H. Abel,. und Netzgermeisler. NB. Für gute Speisen und Getränke ist bestens Sorge getragen. Se ssssssesten Wieseck. Am 2. Pfingstfeiertag: Gutbesetzte Tanzmusik bei B. Wacker. Für gute Speisen und Getränke ist bestens Sorge getragen. 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