77* * 1 „„—j eee —— 2 22 5 N J r' lichten, imerien Fach eine he tikel zu den 220 a 1% cviot ompl. A u Preiseh — 1 . egenosse at ani Jork 1¹ ng. Bier. düche. euung · voll Lühn⸗ — ahl f ahne ssegen, ider, be 25. — 22 229220 Nr. 34. Gießen, Sonntag, den 20 August 1899. 5. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 17 22 8 0 5 f Mitteldeutsche Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 U * Abounementspreis: Beste lungen 1 Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch Druckerei, Schloßg. 18, sowie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33/% und bei Durch eigene Arbeit wird man nicht reich. O Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, d. h. unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise, kann man durch eigene Arbeit nicht mehr, als das zum Leben Not⸗ wendige verdienen. Ein Blick in die Ein⸗ kommen⸗Statistik beweist dies. Wer in Preußen unter 900 Mk. jährlich verdient, bleibt steuerfrei. Von denjenigen, welche ein Einkommen von mehr als 900 Mk. haben, wurden 1896/7 in Preußen 2321424 Zensiten mit 9003000 Mk. Einkommen gezählt, während nur 331091 Per⸗ sonen ein jährliches Einkommen von mehr als 3000 Mk. aufzuweisen hatten. Die große Masse des arbeitenden Volkes in Preußen bezieht ent⸗ weder ein Einkommen, das überhaupt nicht sieuerpflichtig ist, weil es hinter 900 Mk. zurück⸗ bleibt, oder es hat nur ein Einkommen bis zu 3000 Mk., ein Betrag, der, unter Berücksichti⸗ gung der sozialen Lage der Steuerpflichtigen (der kleinen Kaufleute, Gewerbetreibenden, Be⸗ amten u. s. w.) lediglich zur Deckung der Kosten für die erforderlichen Lebens bedürfnisse reicht. Ausgaben für Luxus gestattet ein solches Ein⸗ kommen nicht. Nur die rund 300000 Menschen in Preußen mit höherem Einkommen genießen die Annehm— lichkeiten des Lebens; unter ihnen die Millionäre mit ihren Riesenvermögen. Da finden wir Rothschild in Frankfurt a. M. mit einem Ver⸗ mögen von 215 Millionen, Krupp mit 128 Mil⸗ lionen. Rothschilds jährliches Einkommen be⸗ trägt über 6 bis 7 Millionen, Krupp„verdient“ durch seine 41750 Arbeiter über? bis 8 Millionen, König Stumm„verdient“ jährlich 2 bis 3 Millionen Mark. Man sieht, will man Geld verdienen, dann genügt die eigene Arbeitskraft nicht. Sie ge⸗ währt nur soviel, um das Leben zu fristen. Man muß andere Leute„beschäftigen“, d. h. ausbeuten. Je mehr Leute man ausbeutet, um so größer der„Verdienst“. Alle die großen Einnahmen der Kapitalisten sind das Produkt der Arbeit Anderer, und zwar derjenigen, welche mit des Lebens Notdurft zu kämpfen haben. Was auf dem Wege der In- dustrie, des Handels, der Spekulation und der Finanzoperation angesammelt wird, ist das Produkt der Arbeitskraft Anderer. Zins, Profit, Grundrente und Spekulationsgewinn sind nicht das Produkt der Arbeit derjenigen, welche solches Einkommen genießen, sondern das Produkt von anderer Leute Arbeit. Und so muß und wird es bleiben, so lange das gegenwärtige wirt— schaftliche System, die Ausbeutung der arbei⸗ tenden Klasse, nicht beseitigt wird. Gewiß giebt es viele, welchen Ausdrücke wie „Ausbeutung der Arbeit“ Verdruß bereiten. „Arbeite ich nicht schwer?“ wird der reiche Kaufmann fragen.„Ist meine Arbeit keine Arbeit?“ ruft der vielbeschäftigte Advokat ent⸗ rüstet. Ja, sie mögen schwer arbeiten, aber vom volks wirtschaftlichen Standpunkt kann blos notwendige Arbeit als nützliche Arbeit angesehen werden, d. h. Arbeit, welche für die Allgemein⸗ heit notwendig ist. Wenn der Schuhmacher einen Schuh macht, so ist ein Schuh mehr 1 Schuh durch ein Dutzend Hände von Zwischen⸗ händlern geht, so bleibt es immer derselbe Schuh, und nichts Neues wird durch Kauf und Verkauf geschaffen, welchen Nutzen auch ein Einzelner dabei haben mag. Wenn ein Reisender einem Händler 10 Dutzend Schuhe verkauft, so be⸗ deutet das blos, daß ein Anderer sie nicht verkauft hat, aber es bedeutet nicht, daß im großen Ganzen 10 Dutzend Schuhe mehr ge⸗ fertigt urd verbraucht werden. Die Arbeit des Advokaten ist nutzlos für die menschliche Gesell⸗ schaft, denn sie dient zum großen Teil nur zur Schlichtung von Streitigkeiten, welche die Gesell⸗ schaft nichts angehen und bei einem besseren Gesellschaftssystem nicht vorkommen würden. Die Arbeit des Arztes dagegen ist nützlich, denn körperliche Gesundheit der Einzelnen kommt der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft zu Nutze. Diese Beispiele ließen sich beliebig ver⸗ mehren. Alle auf Spekulation verwandte Arbeit ist unter dem zersplitterten Privatwirtschafts⸗ system der Gegenwart zwar erklärlich, aber nutzlos, denn sie erzeugt und leistet nichts, sondern spielt nur Fangball mit den vorhandenen Werten. 1495 Nun ist es unter der Herrschaft des Kapi⸗ talismus, d. h. bei der Art und Weise, wie produziert wird und wie der Austausch der Produkte stattfindet, nicht nur der Fall, daß ungeheure Mengen von Arbeit geradezu ver⸗ geudet, nutzlos zum Fenster hinaus geworfen werden, sondern es ist thatsächlich so, daß die nützliche Arbeit von der nutzlosen ausgebeutet wird. Die wirklich nützliche, weil notwendige Arbeit, wird schlecht bezahlt, und die nutzlose Arbeit lohnt sich am besten. Auf die Dauer würde dieses System die ganze Kultur in Frage stellen, die arbeitende Menschheit hätte, ohne Aussicht, jemals ihre Lage verbessern zu können, für alle Zeiten im Interesse einer kleinen Minder⸗ heit zu frohnden. Wenn unsere Gegner, Konservative, Anti⸗ semiten, Liberale u. s. w., behaupten, daß die gegenwärtige Gesellschafts-Ordnung bleibenden Bestand haben werde, so heißt das nichts anderes, als daß sie keinen anderen Zustand sich denken können und haben wollen, als denjenigen, welcher für die Mehrzahl der Menschen stete Armut und Lohnsklaverei bedeutet. Die Sozialdemokratie hat es sich aber zur Aufgabe gemacht, das Klassenbewußtsein des Proletariats zu wecken, ihm klar zu machen, daß nur es selbst sein alleiniger Erlöser sein kann, und daß es von allen anderen Parteien nichts zu erwarten hat, weil diese an der Erhaltung der gegenwärtigen Zustände interessiert sind. Das Volk soll unter einem steten Drucke gehalten werden, damit es nicht zur Besinnung kommt; es soll ihm nicht zum Bewußtsein kommen, daß es von der Teil⸗ nahme an allen Genüssen der Kultur, die es selbst unablässig schafft, ausgeschlossen ist. Dieser Kulturgenüsse wird es aber erst teilhaftig werden, wenn es in den Besitz der sie erzeugenden Produktionsmittel gelangt ist. Wir erstreben daher die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln in ge⸗ sellschaftliches Eigentum und, um dieses Ziel zu erreichen, wollen und müssen wir zunächst in den Besitz der politischen Macht gelangen. mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Politische Rundschau. Gießen, den 18. August. Nach 30 Jahren! Am 7. August waren es genau dreißig Jahre, daß in Eisenach der erste deutsche sozialdemokratische Arbeiterkongreß stattfand, dem die deutsche sozial demokratische Partei ihren Namen, ihre Organisation, ihr erstes Programm zu verdanken hat. Dreißig Jahre! Welche Un⸗ summen von Arbeit sind in diesem Zeitraum für die Arbeitersache geleistet worden, wie viel. Tausende von aufopferungsfreudigen Arbeitern haben in dem Kampfe um die Befreiung des Proletariats aus der Knechtschaft des Kapitals ihr Alles, Gut und Gesundheit eingesetzt und verlore! Welcher Entwicklungsgang liegt hinter uns! Etwa 100000 Arbeiter hielten damals in Deutschland zur sozialdemokratischen Sache, heute sind es dreißigmal so viel. Damals hatte man außer dem„Volksstaat“ noch den„Sozial- demokrat“ in Berlin, also zwei politische Blätter, die zudem noch nicht einmal täglich er⸗ schienen, heute zählt man deren 72. Damals von einer gewerkschaftlichen Organisation au⸗ Spuren, heute 500 000 organisierte Arbeiter und 55 Gewerkschaftsblätter. Damals zwei Abge⸗ ordnete im Parlament, heute 57, ohne die Ver⸗ treter in den Einzellandtagen, in den Gemeinde— räten, Gewerbegerichten u. s. w. Ein Blick auf die Entwicklung muß einen Jeden mit freudigem Stolze erfüllen. Eine Sa te, die trotz aller Anfeindungen, Schmähungen, Verleumdungen und Unterdrückungen solche Fortschritte gemacht, eine Sache, für die so gekämpft worden ist, muß siegen. Der beste Friedenskongreß. Vor etwa 14 Tagen hat der Kaiser in Kiel das amerikanische Kongreßmitglied für Chicago, Foß, in Begleitung des amerikani⸗ schen Marine⸗Attaches Beehler an Bord deer „Hohenzollern“ empfangen und in einer drei⸗ viertelstündigen Unterredung folgendes Flotten⸗ programm entwickelt: g „Früher war es die starke deutsche Land⸗ macht, welche die hauptsächlichste Stütze des europäischen Friedens war. Die Zukunft der Nationen liegt jedoch auf dem Ocean, und eine jede Macht muß dauach trachten, auf dem Ocean so stark zu werden, daß sie ihre Interessen dort gebührend wahr—⸗ nehmen kann. Die Vermehrung der deutschen Flotte bedeutet durchaus keine Bedrohung irgend einer anderen Nation. Denn je stärker eine Nation zur See ist, um so mehr wird sich jede andere Nation bedenken, ehe sie zu Feindseligkeiten übergeht. Eine Vermeh⸗ rung der Flotte ist al so in Wirklichkeit der beste Friedenskongreß.“ So, wenn auch nicht wortgetren, so doch siungemäß, lautete nach dem„Berl. Tagebl.“ die Aeußerung des Kaisers. Diese kaiserliche Kritik der Haager Friedenskonferenz reiht sich den übrigen Epilogen, die deutsche Delegierte und deutsche Offiziöse zu der Friedenskonferenz geliefert haben, an. Warum aber hat sich denn Deutschland überhaupt an der Abrüstungs⸗ konferenz beteiligt, wenn an den maßgebensten Stellen die Ueberzeugung vorherrscht, daß die weitere Flottenvermehrung, also die Weiter⸗ rüstung die beste Abrüstung ist? Seite 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 31. Der Marine ⸗Levy. Von den Flottenschwärmern und Weltmachts— konfusionären wurde kürzlich die Ernennung eines Dr. Ernst von Halle zum sogenannten Marineprofessor an der Berliner Universität lebhaft begrüßt. Jetzt ist aber die Freude um einige Grad gesunken. Es hat sich nämlich herausg stellt, daß dieser in Marineenthusiasmus machende Herr gar nicht„von Halle“ heißt, sondern Levy!! Na, uud ein Levy kann den feudalen Judenfressern, die für Heer, Flotte und Ueberseepolitit schwärmen, natürlich nicht impo— nieren. Der arme Levy, der so eifrig zu be— weisen suchte, daß unsere Zukunft auf dem Wasser liegt, liegt nun schon im Wasser. Der gute Mann also heißt in Wirklichkeit Levy. Ein solcher Name ist heutzutage für einen streb— samen karrierelustigen Mann keine besonders gute Empfehlung. Levy taufte sich also um. Er schrieb seine Flotteneplstel als Hallenser Privatdozent zunächst als„Ernst Levy in Halle“, dann als„Ernst Levy-Halle“, dann als„Ernst Levy von Halle“ und zu guterletzt war er auf einmal der„Ernst von Halle“, er war der Ueberzeugung, daß es auch ganz gut ohne das „Levy“ ging. Ach und nun ist alles an den Tag gekommen. Nun hat der arme Flotten— Levy in— das Fettnäpfchen getreten. Ganze Arbeit. Die katholische„Märkische Volkszeitung“ ieht die logischen Folgerungen aus den An⸗ den des preußischen Kultus ministers Bosse und seiner journalistischen Helfershelfer. Sie meint, wenn man es schon nicht dulde, daß ein sozialdemokratischer Privatdozent außerhalb seines Berufes als bloßer Privatmann seine Gesinnung bethätigt, wie muß man erst mit den Professoren verfahren, die sogar auf dem Katheder selbst ihre umstürz— lerischen Lehren propagieren! Sie schreibt: „Wie steht es aber mit den Anarchisten, die an den Universitäten nicht nur unbehelligt ihre Lehren vortragen, sondern dafür vom Staate auch noch hohe Gehälter beziehen— mit den Anarchisten, welche die höchste, die göttliche Autorität zu zerstören suchen? Werden die besorgten Verfechter der Staatsautorität und der„nationalen“ Jugenderziehung auch über diese sich entrüsten und deren Entfernung aus ihren Aemtern fordern? Seit Jahren ist die Welt Zeuge, wie vom Staate angestellte und bezahlte Professoren, darunter sogar solche der protestantischen„Gottes gelahrtheit“, an den Hochschulen der deulschen Jugend systematisch den Glauben an einen persönlichen, allmäch⸗ tigen Gott aus dem Herzen reißen, die ge⸗ offenbarten Glaubenswahrheiten als Menschenwerk, als Formelkram und Ammenmärchen hinstellen, die allenfalls noch Kindern und„Ungebildeten“ vorge— tragen werden könnten, für die aber der„Gebildete“ nur noch ein mitleidiges Lächehn haben könne. Ver⸗ geblich aber wartet man darauf, daß die Blätter, die jetzt in dem Fall Arons als die berufenen Wäckter der Staatsautorität sich aufspielen, die Entfernung solcher Anarchisten, gegenüber denen die Sozialdemokraten die harmlosesten Waisen⸗ knaben sind, aus ihren Aemtern fordern.“ Die„Märkische Volks-Zeitung“ hat voll— kommen recht. Herr Bosse ist verpflichtet, den Fall Arons nur als ein kleines Vorgericht zu betrachten. Das Hauptmahl beginnt erst. All die materialistischen Aerzte, die Darwinistischen Naturforscher, die rationalistischen Philosophen, die philologischen Lehrer des klassischen Heiden— tums, die gottlosen Nationalökonomen, die un— gläubigen Geschichtsforscher und schließlich und scheußlich die liberalen Theologen— sie alle müssen gemaßregelt, wenn möglich gebraten werden. Sie alle bethätigen ihre Gesinnung, nicht blos als Privatmänner außerhalb ihres Berufs, sondern sogar auf demselben Katheder, den ihnen der Staat errichtet hat. Wohlan, die Scheiterhaufen geschichtet, das große Reine— machen hebt an!— Um den Kanal. Der Kaiser hat den Dortmund-Ems-Kaual eingeweiht, und dabei ausgeführt, er hoffe be— stimmt, daß noch in diesem Jahre der Mittel— landkanal angefangen werden könne. Nun ist Holland in Not bei den Agrariern, die von diesen Kanalbauten nichts wissen wollen. Es steht alerdings wohl außer Zweifel, daß der Kaiser seinen Willen durchsetzt, denn kein Mensch wird ernstlich glauben, daß die im preußischen Landtag sitzenden Junker und Landräte gegen den Willen des Kaisers opponieren werden. Es handelt sich bei diesem Kanal übrigens um ein Kulturwerk ersten Ranges. Der Staat ist in Gefahr. Nach dem erfolgten Verbot der gemein— samen demokratischen und sozialdemokratischen Gedenkfeier für die Opfer der Reaktion von 1840 in Baden hatten die Sozialdemokraten die Abhaltung einer geschlossenen Vereins⸗ feier zu dem gleichen Zweck beabsichtigt. Auf die entsprechende Anzeige erhielt der Vorsitzende des sozialdemokratischen Vereins vom Bezirks— amt die umgehende Mitteilung, daß auch diese Veranstaltung, ebenso wie„ein etwaiger Aufzug nach dem Friedhofe, sowie jede Ansammlung am Denkmal der Erschossenen verboten sei.“— Vor 50 Jahren wurden die Freiheitskämpfer niederkardätscht, jetzt wird die Versamm— lungsfreiheit unterdrückt. Auch ein Fortschritt seit einem halben Jahrhundert. Sächsisches. Ueber einen polizeilichen Uebergriff berichtet die„Sächs. Arbeiterztg.“ Danach wurde ein Fräulein Imle, das sich in Dresden aufhält, auf die Polizei geführt, und hier wurden ihr nicht nur alle möglichen Fragen über die anarchistische Bewegung vorgelegt— sie steht bei der Polizei im Verdacht der anarchistischen Gesinnung— sondern zuguterletzt wurde sie noch, nachdem ihr eine Nummer an der Brust be⸗ festigt war, photographiert. Hier haben wir also wieder ein Beispiel zwangsweiser Photographierung, die unseres Erachtens nur gegen Verbrecher zulässig ist. Die Ueberflüssigkeit der Zuchthaus⸗ vorlage ist indirekt anerkannt worden durch ein Ge— richt in Mannheim. Es sprach drei Zim— merleute, die angeklagt waren, sich bei Gelegen— heit des dortigen Zimmererstreiks gegen§ 153 der Gewerbe-Ordnung vergangen zu haben, mit der Begründung frei, daß in dem Verhalten der Angeklagten keine Drohung im Sinne des Gesetzes sei. In dem Urteil wurde hervor— gehoben, daß der Gesetzgeber durch die hohe Strafe, die für ein verhältnismäßig geringes Vergehen in der Gewerbeordnung vorgesehen sei, den Gerichten die Pflicht auferlegt habe, derartige Fälle besonders genau zu prüfen und sich bei der Aburteilung in scharsen Grenzen zu halten. Wir und alle einsichtigen Sozialpolitiker haben stets darauf hingewiesen, daß die Arbeiter durch§ 153 der Gewerbeordnung schon unter ein Ausnahme⸗ gesetz gestellt und Handlungen mit hoher Strafe bedroht sind, die bei anderen Personen über— haupt nicht als strafbar gelten. Für um so unberechtigter mußten wir es erklären, daß man versucht, durch ein neues Ausnahmegesetz nicht nur neue Aubeiterstrafthaten zu konstruieren, sondern auch noch höhere und gar entehrende Strafen festzusetzen.— Es ist erfreulich, daß auch ein Gericht dieser Meinung unverhohlen Ausdruck giebt. Freilich sind die Gerichte zu zählen, die nach der Oeynhauser Rede den§ 153 nicht zum Anlaß schwerster Strafen nehmen. Der blasse Neid. Die„Kreuzzeitung“ teilt ihren feudalen Lesern mit, daß unser Geuosse Dr. Leo Arons, der sonst regelmäßig mit Bebel und Singer jeden Monat 50 Mark für die sozialdemokratische Parteikasse spendete, im Juli 100 Mark ge⸗ geben hat. Wie muß das den Neid konser— vativer Parteigänger erregen! Ob wohl einer der junkerlichen Millionäre so viel in die kouser— vative Parteikasse stiftet?— Wir wollen übrigens feststellen, daß es sich bei den von Bebel und Singer regelmäßig monatlich abgeführten 50 Mk. um deren„Gehälter“ als Parteivorsitzende handelt. Sie sind gezwungen, diese„Ge— hälter“ anzunehmen, geben sie aber der Partei als regelmäßigen monatlichen Beitrag zurück. Schule und Militarismus. Weil für drei zum Militär einberufene Lehrer Stellvertreter nicht beschafft werden konnten, meldet eine Notiz aus Liebertwolkwitz kurz aber vielsagend, so muß der Unterricht in hiesiger Volksschule, der am Montag wieder seinen Anfang genommen hat, wesentlich be— schränkt werden und zwar so, daß für einzelne Klassen der Unterricht an einem Tage der Woche für die Dauer des Monats August ausfällt. Besser können die segensvollen Wirkungen des Militarismus den Schulkindern jedenfalls nicht demonstriert werden.— Die Flunkersozialen. Am 2. Oktober halten die um Naumann ihren sogenannten Parteitag in Göttingen ab. Das Programm enthält folgende Punkte: Ge⸗ schäftsbericht: Politischer Jahresbericht; Die Entwickelung des Staatsgedankens in Deutsch⸗ land; Der Schutz des gewerblichen Arbeits— verhältuisses; Das nationalsoziale Kommunal⸗ programm. Referenten sind: Fabrikant Koppel⸗ mann, Lehrer Damaschke, Pastor Wenck, Pastor Naumann, Professor Brentano und Professor Sohm. Nun fehlen noch einige Assessoren, Kalkulatoren, Registratoren und Choleratoren, dann ist die„Partei“ komplett, die die Sozial⸗ demokratie„ablösen“ will. Frankreich. In Paris und mehreren Vororten sind zahl reiche Verhaftungen solcher Personen vorge- nommen worden, von denen festzustehen scheint, daß sie gegen die Republik einen Handschlag versuchen wollten Es handelt sich um Mit⸗ glieder der Patriotenliga und der Antisemitenliga. Der Dreyfus Prozeß. Allem Anschein nach steht die Sache des Dreyfus gut. In dem nun seit zwei Wochen andauernden Prozeß in Rennes ist auch nicht eine einzige Thatsache festgestellt worden, die für Dreyfus belastend war. Diejenigen Zeugen, auf die die Revisionsgegner— das sind die antisemitischen Hauswürste um Déroulede, die „königlich gesinnte Jugend“, die Generalstäbler⸗ klique und die Jesuiten— ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, haben kläglich abgeschnitten. Die Wut der Feinde der Republik ist daher grenzen los. Und als am Montag dieser Woche einer der Verteid ger des Dreyfus, der Advokat Laborit meuchlings angeschossen wurde, da war alle Welt überzeugt, daß es sich um ein Werk der Revisiousfelude handelte, die selbst vor dem Meuchelmord nicht zurückschrecken. Ueber das Attentat auf Labori wurde fol⸗ gendes am vorigen Moautag aus Rennes be— richtet: Labori wollte mit seiner Frau das Lyceum betreten, als Schüsse sielen, von denen einer ihn traf. Der Atten⸗ täter, der noch unbekannt ist, entfloh. Labori, von seiner Frau unterstützt, mußte sich auf dem Boden niederlassen. Die Schüsse zogen Publikum aus dem Sitzungssaal herbei, darunter die Polizei⸗Kommissare Viguie und Hennion; sie fanden Labort auf dem Boden ausgestreckt und von seiner Frau gehütet. Man bestürmte sie allseits mit Fragen; Frau Laborie erzählt das Vor⸗ gefallene in kurzen Sätzen.— Labori sagte:„Ich habe eine Kugel in den Rücken erhalten.“ Die Umstehenden äußerten ihre Entrüstung und Mitgefühl. Laboci ant⸗ wortete:„Das macht nichts, sie sind zu feige, um zum Ziel zu gelangen.“ Da verließ ihn das Bewußtein. Dieser Schuß eines feigen Meuchelmörders kennzeichnet die Situation in Frunkreich mehr als alles andere, was in diesen Tagen geschehen ist. Daß die Wahrheit nicht an den Tag komme, hat die Fälscherbande jahrelang alle Hebel in Bewegung gesetzt. Nun, da die Zeit gekommen scheint, wo der Wahrheit zum Siege verholfen wird, wo die Verhandlungen in Rennes immer deutlicher zeigen, daß das ganze Lügen.: gebäude der Generalstäbler zusammeubrechen müsse und die Fälscher die Strafe erreichen werde— jetzt, wo die Mittel des Lugs und Trugs nicht mehr ausreichen, wird zur Pistole gegriffen und ein fanattssierter Schurke schießt den Verteidiger nieder, damit der um seine Freiheit Kämpfende ohne den Schuß eines Rechtsanwalts dastehe. Was Fälschungen nicht vermochten: den Gang der Gerechtigkeit aufzu⸗ halten, das soll jetzt die Pistole erreichen, der Meuchelmord.— 9 Noch ist nichts über die Persönlichkeit des Thäters bekannt; nicht einmal das weiß der Telegraph zu melden, ob der Meuchelmörder festgenommen ist. Die Verantwortung aber für das Verbrechen tragen die gewissenlosen Subjekte, 7 * sche! Ich geht 1 sülgent Ju galset unter gegen Streit Unter ullsere in den soch der Ei der S der de lecht beim. von gab e Neini Gespr den sein Kalse fteul stimm schw halte bon nötig los, Anl. übe licher berla Bestr aus „Zu, schied tore konnt nehm 2 blick Urse Bodel Abel der! Spar bes Weg lüihm 9 elner Nag eh kumn in d halt in def ofen Dell geger dies siud zahl N borge⸗ i scheist, andschlag DD r — um Mie nitenlig. Bache de 1 Wochen luch nich , die fit Zeuges, sind de lede, hy alstäbler Hoffnung ken. 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Die Gemeinheit der Ge— sinnung, die die Fälscherbande beseelt, konnte nicht schändlicher zu Tage treten als in diesem Verbrechen.— Der Ursprung zur Zuchthaus ⸗ Vorlage. *Es ist kürzlich erzählt worden, daß eine gelegent⸗ liche Aeußerung des Bielefelder Pastors v. Bodel— schwingh die Zuchthaus vorlage angeregt haben soll. Jetzt teilt nun Herr von Bodelschwingh in der„Hilfe“ folgendes mit: In der That tobte in jenem Frühling(zur Zeit des Kaiserbesuches in Bielefeld eine heftige Streikbewegung unter den Bauhandwerkern, die insofern auch speziell gegen uns gerichtet war, als in einer öffentlichen Streik⸗Versammlung der Beschluß gefaßt wurde, es dürfe unter keinen Umständen ein Vereinshaussaal, den wir für unsere Kranken bauten, fertig gestellt werden, weil, wir in demselben unser Kaiserpaar empfangen wollten. Den⸗ noch wurde durch wenige treue Leute, die zu uns hielten, der Saal fertig. Ich gebe zu, daß die Tyrannei seitens der Streikenden härter war, als der gesetzliche Schutz, der den Arbeitswilligen gewährt wurde oder auch viel⸗ leicht gewährt werden konnte. Doch habe ich darüber beim Kaiser keine Klage geführt. Vielleicht ist es aber von anderer Seite geschehen. In Wilhelmsdorf gab es dann vor der Thür des Desinfektionsofens zur Reinigung der Kleider der Arbeiter ein etwas lebhaftes Gespräch, das ungefähr so verlief: Einer der anwesen⸗ den Herren äußerte sich dahin, daß der richtige Strolch sein Ungeziefer wohl gar nicht los werden will. Der Kaiser ergriff die Gegenpartei und sprach sich durchaus freundlich im Sinne der arbeitslosen Wanderer aus. Ich stimmte ihm bei und ließ hierbei in Erinnerung der schweren Not, die wir die letzen Wochen durchgemacht hatten, die Bemerkung fallen, daß viele Arbeiter von Herzen gern arbeiten möchten, wenn ihnen nur der nötige Schutz gewährt würde. Es ist wohl zweifel⸗ los, daß aus diesen Worten der Kaiser seinen Anlaß zu der Sparenberger Rede genommen hat, die übrigens in ihrem Zusammenhange viel arbeiterfreund⸗ licher geklungen hat, als sie später aus gedeutet ist. Er verlangte Schutz für alle nationale Arbeit und strenge Bestrafung aller derer, die solche Arbeit störten. Daß aus diesen meinen hingeworfenen Worten das sogenannte „Zuchthausgesetz“ entstanden sein soll, muß ich ent⸗ schieden bezweifeln. Hier müssen ander Fak⸗ toren mitgewirkt haben. Das Wort des Kaisers konnte ebensogut für und wider Arbeitgeber wie Arbeit⸗ nehmer gedeutet werden.“— Die Darstellung gewährt einen sehr lehrreichen Ein⸗ blick in das Getriebe unserer Politik, in der kleine Ursachen immer große Wirkungen haben. Pastor Bodelschwingh hat das Stichwort vom Schutze der Arbeits willigen in flüchtigem Gespräch ausgegeben, der Kalser griff es sofort in seiner Rede auf dem Sparenberg auf, und seitdem ist die ganze innere Politik des Reiches durch diese Versuche, auf gesetzgeberischen Wege Streiks unmöglich zu machen, bestimmt und ge⸗ lähmt.— Im übrigen irrt sich Pastor v. Bodelschwing iu seinen Erinnerungen ganz gewaltig. Er glaubt keine Klage beim Kaiser über die„Tyrannei der Streikenden“ geführt zu haben. Unser Bielefelder Parteiorgan kommt seinem Gedächtnis zur Hilfe. Er selbst hat in der Neuen Westfälischen Volks⸗Zeitung den Sachver⸗ halt folgendermaßen geschildert:„Wir standen hier gerade in dem Waschhause von Wilhelmsdorf vor dem Reinigungs⸗ ofen der Wanderarmen, dem Se. Majestät besondere Teilnahme zuwandte. Der Kaiser sprach gegenüber einer gegenteiligen Ansicht seine Ueberzeugung aus, daß schon dies eine große Barmherzigkeit sei und den Mut zur Arbeit wieder neu beleben müßte, wenn ein solch armer Wanderer, von Ungeziefer gründlich gereinigt, in reinen neuen Kleider sich fühle, und fragte, wie lange es dauere, bis solche neue Kleider zu verdienen seien. Ich sprach von der großen Schwierigkeit unserer Lage, die rechte Mitte zu treffen, um nicht zu viel und zu wenig zu gewähren, und daß wir mit der Barmherzigkeit auch stramme Zucht verbinden müssen— ohne Zucht und stramme Ordnung sei keine Barmherzigkeit möglich. Namentlich sei es auch Pficht der Gesetzgebung, daß der nationalen Arbeit voller Schutz gewährt werden müsse gegen die Tyrannei derjenigen, welche den freien Mann, der arbeiten will, durch Drohungen an seiner freien Arbeit hindern!“ Und dabei herrschte in Bielefeld nur eine Stimme, daß der Streik der Maue rer und Zimmerer in must er⸗ hafter Ordnung verlief. Streikversammlung gefaßten Beschluß, es dürfe unter keinen Umständen ein Vereinshaussaal, den wir für unsere Kranken bauten, fertig gestellt werden, weil wir in demselben unser Kaiserpaar empfangen wollten, hat Pastor v. Bodelschwingh von A bis Z selbst ersonnen. Ein solcher Beschluß ist niemals gefaßt, ein solcher Antrag niemals gestellt worden. Er war dies auch gar nicht möglich, weil der Streik sich gar niemals auf die Anstalt Bethel erstreckt hat. Die Forderungen der Streikenden sind bei den Baumeistern der Anstalt gar nicht erst eingereicht worden, weil es doch total nutzlos gewesen wäre. Pastor v. Bodelschwingh wird alt, wir wollen ihm dies zu gute halten und nur konstatieren, daß er die damals von ihm selbst gegebenen Schilderungen in der Hilfe gegenwärtig anders darge— stellt hat.— Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Goethes 150. Geburtstag. Wir machen unsere Leser ganz besonders auf die im Feuilleton unserer heutigen Nummer beginnende Artikel-Serie über Goethe auf— merksam. Versäume Niemand, die lehrreichen 9060 5 über Deutschlands größten Dichter zu esen. Gedächtnisschwäche? * Der Verfasser der Broschüre:„Die Juden und die Cholera“, der frühere Judenfresser und jetzige Antisemitentöter Erdmannsdörffer in Marburg, verantwortlicher Redakteur der „Hessischen Landeszeitung“, bezichtigt den anti⸗ semitischen Reichstags⸗ Abgeordneten Werner öffentlich der Lüge. Das würde uns gänzlich kalt lassen, denn wir haben keine Lust, uns in die Ehrenhändel der beiden ehemaligen Partei⸗ Freunde zu mischen. Was uns veranlaßt, uns nochmals mit dem Verfasser der Juden-Cholera⸗ Broschüre zu beschäftigen, ist der Umstand, daß Herr Erdmannsdörffer in einer Polemik gegen die„Deutsch⸗Sozialen Blätter“ des Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg neuerdings aber— mals die Thatsache leugnet, daß er— Erdmannsdörffer— in einer Volksversamm— lung zu Marburg den Sozialdemokrat Scheidemann gebeten hat,„die Anti⸗ semiten gehörig vorzunehmen“ und daß zu diesem Zweck sogar die Rednerliste gefälscht wurde. Wir sind natürlich nicht so unhöflich, wie der gebildete Herr Erdmannsdörffer und sprechen nicht, wie er es seinem ehemaligen Partei⸗ freund Werner gegenüber thut, von Lügen. Wir fangen vielmehr jetzt an, dem Verfasser der Juden-Cholera-Broschüre mildernde Um- stände zuzubilligen, da es ja immerhin möglich ist, daß sein Gedächtnis nicht das beste ist. Um hierüber Gewißheit zu erlangen, fordern wir Herrn Erdmannsdörffer auf, öffent⸗ lich zu erklären, was er seiner Erinnerung nach bei dem Sozialdemokraten Scheidemann gewollt und was er diesem gesagt hat, als er ihn nach der Beendigung des Referats in⸗ mitten des Saals, angesichts der ganzen Versammlung besucht hat. Nun strengen Sie mal Ihr Gedächtnis an, Herr Erdmannsdörffer. Alles Weitere findet sich später, wenn wir uns vor versammeltem Volk gegenüberstehen. Schlechte Dienstboten. * Welche Unverschämtheiten man sich Dieust⸗ boten gegenüber erlaubt, dafür lieferte eine Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht in Dresden, wie man von dort berichtet, einen Beweis. Die 38 Jahre alte„Tochter des Hauses“ einer dort wohnenden feinen Familie war wegen Erpressung angeklagt, weil sie — die Haustochter führt das Regiment im Hause— das Dienstmädchen durch Drohung genötigt haben soll, einen Zettel zu unter⸗ schreiben, nach welchem diese nach Ablauf des von ihr selbst gekündigten Dienstverhältnisses auf den ihr rechtmäßig zustehenden Lohn verzichtete. Diese Thatsache wurde nun vor Gericht auch erwiesen, nur erachtete das Gericht nicht völlig ans dem Dienst wegzukommen. Es erfolgte daher Freisprechung. Zur Sprache kam aber durch eine Reihe Zeugenaussagen die ge— radezu niederträchtige Behandlung des Dienstmädchens. Es wurde fortwährend mit den gemeinsten Schimpfworten bedacht, ihm vorgeworfen, daß es im Schweinestall erzogen sei, wohin es gehöre. Die Kost war ungenügend und schlecht. Man verlangte von dem Mädchen, daß es früh zwei bis drei Stunden arbeite, bevor es einen Bissen zu essen bekam, und solcher Dinge mehr. So ist es auch nicht zu ver— wundern, daß die Dienstboten dieser sauberen „Herrschaft“ alle Augenblicke wieder davon— laufen und lieber den Lohn fahren lassen, als zu bleiben. Daß solche Herrschaften dann ein großes Klagelied über den Dienstboten— mangel und„schlechte Dienstboten“ anstimmen, ist sehr begreiflich, hat aber meistens den Grund in solch unwürdiger Behandlung. Schulhumor. Der Ernst der Pädagogik wird für unsere Lehrer durch den köstlichen Humor unterbrochen, der sich oft in den Schulaufsätzen der Schüler und Schülerinnen, manchmal aber auch in den Zuschriften der Eltern kundgiebt. So schreibt beispielsweise in Berlin die kleine Martha über die Katze:„Das Fell lägt sich mein Vater, nachdem ihn der Kopf abgeschnitten ist auf der Brust, damit ihm das Reissen in den Beinen gehalven wird.“ Ein Bürschchen soll nach der Erzählung des Lehrers etwas über die Wiese schreiben und entledigt sich dieser Aufgabe wie folgt:„Die Wiese ist grün. Darauf laufen Ochsen und Kühe herum, der Hirdhe auch. Die Ochsen und Käͤͤhe schlafen in den Stall. Der Hirdhe auch. Früh Morgens stehen die Kühe und Ochseu auf und werden gemelkt, der Hirdhe auch.“ Wie Adolf, der Sohn eines Schlachters, die Ferien verlebt, ist höchst possierlich zu lesen:„Wenn sie in die Werkstatt Schlaͤchtwurst machen, darf ich dabei sein, bei dem Schweineschlachten aber nich, weil Vater immer sagt, Kinder thut das Schlachten nicht gut, aber nach die Laube naus darf ich mitgehen, da gibbt es Kartoffel Ratieschen und Schnapps, wenn alles getrunken ist, gehen wir nach Hause.“ Der Entschuldigungsbrief einer Waschfrau für das mehrtägige Fehlen ihres Sohnes lautet:„Geährder Herr Lehrer! Da mein Sohn August was in ihrer Schule ist, nich gekommen war thut mich leit, aber ich hatte viel Wesche und brauchte ihn zum auf⸗ hängen, trocknen und rollen.“— Ein Arbeiter ist mit der Behandlung seines Sprößlings in der Schule nicht einverstanden, und in seinem Brief an den Rektor heißt es:„Als wir noch Jungens waren haben wir ville mehr Priegel gekrickt als jetzt, Sie behandeln die Jungen ja wie die Fürschten von Marogo, haun Sie Ihnen doch an den Kobb, das er nicht immer der Lättste is. Wir und meine Frau sind eine sehr gebildete Familie, aber der Junge is ein Range was uns nicht past, darum nehmen Sie keene Rücksicht nich, haun sie ihm und denken Sie dabei an seine Eltern, die ihn dankbar davor sind.“ Antisemitischer Nachrichten⸗Schacher. * Der Redakteur Erdmannsdörffer in Mar⸗ burg wiederholt in aller Form gegenüber dem antisemitischen Abgeordneten Werner den Vorwurf, daß letzterer an jüdische Parla⸗ ments⸗Journalisten Notizen über die Reichstags⸗ kommissions⸗Verhandlungen verkauft hat. Du ahnst es nicht! Ein in der Hamburgerstraße in Barmbek wohnender Arbeiter, der unter Mitnahme seiner sämmtlichen Sachen seine Wohnung heimlich verlassen hat,„erfreute“ den Hauswirt durch nachfolgenden poetischen Erguß, den er auf die a in der verlassenen Wohnung nieder⸗ egte: So leb' denn wohl, du liebes Haus, Ich zog mit großem Dalles aus. Ich zieh vergnügt und fröhlich fort, Du ahnst es nicht, nach welchem Ort. — 5 5 Sctte 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeliung. Nr. 31. Küßt nie auf die Angen! Eine Warnung vor dem Küssen auf die Augen liefert ein trauriger Krankheitsfall, den Prof. Dr. Uthoff, der Direktor der Universitäts⸗ Augenklinik in Breslau, in seiner Vorlesung zur Sprache brachte. Die„N. Fr. Pr.“ berichtet darüber: Vor einiger Zeit wurde die seit zwei Jahren in glücklicher Ehe lebende junge Frau eines Rittergutsbesitzers aus der Umgegend von Breslau mit einer heftigen Augenentzündung in die Privatklinik des genannten Professors auf. genommen. Lange war man im Zweifel da⸗ rüber, welcher Ursache die bösartige Erkrankung zuzuschreiben sei, bis die Patientin schließlich auf Befragen mitteilte, daß ihr Gatte die Gewohnheit habe, sie häufig auf die Augen zu küssen. Es wurde nunmehr zur mikroskopischen Untersuchung des Auswurfs des Mannes ge⸗ schriten, und diese ergab, daß in demselben zahlreiche Pneumokokken enthalten waren. Es sind dies die Erreger der Lungenentzündung. Die nunmehr bei der Patientin eingeleitete Be⸗ handlung durch Auswaschungen mit ätzenden Flüssigkeiten vermochte zwar dem weiteren Um⸗ sichgreifen der Entzündung Einhalt zu thun, es waren aber bereits in der Hornhaut so starke, nicht wieder zu beseitigende Trübungen entstanden, daß die Sehkraft beider Aagen fast vollständig verloren war. Da das Vorkommen von Pneu⸗ mokokken im Munde nichts Außergewöhnliches ist, so bildet dieser Vorfall eine ernste Warnung, zumal sich der Verlauf der Entzündung bei deren Vernachlässigung auch noch schlimmer ge⸗ stalten kann. Die Pneumokokken, rufen ins Auge elangt, zunächst eine Bindehaut⸗Entzündung 2995 die dann im weiteren Verlauf auf die Hornhaut übergeht, dort Trübungen verursacht und so das Sehvermögen beeinträchtigt oder ganz vernichtet. In besonders schweren Fällen kann sich die Entzündung auch durch die Horn⸗ haut ins Innere des Auges fortpflanzen, womit dann fast immer der Verlust des ganzen Auges verunden wäre. Originelle Justiz. Von einer originellen Justiz wissen ver⸗ schiedene Blätter aus Vandsburg(Westpreußen) zu berichten. Dort hatte eine Frau Holz ge⸗ stohlen und sollte dafur 1.20 Mark Strafe zahlen oder einen Tag Haft verbüßen. Zahlung erfolgte nicht, und die Zwangsvollstreckung fiel fruchtlos aus. Daher mußte die Frau dem Gericht vorgeführt werden, da sie nicht gut⸗ willig ging. Der Gemeindediener wurde be— auftragt, die Frau(es war seine eigene) zur Abbüßung der Strafe vorzuführen. Dies geschah. Dafür ließ sich der Mann 1.50 Mark Transportkosten zahlen; von diesem Betrag zahlte er nun jene 1.20 Mark, so daß noch 30 Pfg. übrig blieben. Die Umgangssprache der Agrarier. In Nr. 92 der hinterpommerschen„Kamminer Kreisztg.“ vom Dienstag, 7. August 1899, be⸗ findet sich folgendes Inserat:„Suche 20 Arbeits⸗ leute für die Dreschmaschine, Tagelohn 3 Mark, Soff und Fraß frei. Franz Krüger in Pribberow.“— Wenn die Arbeiter schon öffent⸗ lich mit Schweinen auf eine Stufe gestellt werdeu, so kann man sich die spätere Behandlung der— selben denken. Daß unter diesen Umständen auf dem Lande Arbeitermangel herrscht, ist be— greiflich. Kostenfreie Telegramme. Bei vergessenen Gegenständen auf den Bahnen. Auf Anordnung des preußischen Eisenbahn— ministersums hat fortab der Passagier, der irgend einen Gegeustand im Koupee vergessen hat, diesen nachher von welcher Station immer reklamiert, nicht mehr wie bisher die auflaufenden Tele⸗ grammspesen zu zahlen. Die Passagiere sind in solchem Falle von jeder Bezahlung enthoben, selbst für den Fall, daß mehrere Telegramme zwischen zwei Eisenbahnstationen notwendig wer— den sollten. Abkommandierte Soldaten. Einer Notiz im„Wetzl. Anz.“ aus Groß⸗ Rechtenbach zufolge sind 20 Soldaten nach dort vom 116. Regiment in Gießen zu Ernte— arbeiten abkommandiert worden. Wieder ein Beweis, daß die Dienstzeit viel zu lang — ist. Man befolge den sozialdemokratischen Vor⸗ schlag, die Dienstzeit ganz bedeutend herab⸗ zusetzen, dann kommen dic Bauern zur Ernte⸗ zeit nicht wegen Arbeitskräften in Verlegenheit. Gekränkte Patrioten. Patriotischen Sangesbrüdern in Solingen, die es sich durckaus nicht nehmen lassen wollten, ihre treuen Unterthanengefühle in rauschenden Akkorden zum Himmel zu schreien, ist dabei et⸗ was passiert, das zu den unvergeßlichsten Erinnerungen ihres Lebens zählen wird. Die dortigen Gesangvereine hatten gleich vielen andern zu Ehren des Kaisers, der von der Kanaleinweihung in Dortmund kommend, auch Solingen besuchte, manches schöne Lied ein⸗ studiert; natürlich, um sie dem Kaiser vorzusingen. Des Kaisers Ohren hatten aber an diesem Tage schon zu viel Reden, Toaste, Hurras, Hochs, Musikgeschmetter und Kanonendonner ertragen müssen, daß der Monarch den begreiflichen Wunsch hatte, diese Genüsse auf das pysisch er⸗ trägliche Maß reduziert zu sehen. Als die Sänger eines oder zwei Lieder heraus hatten aus der patriotisch geschwellten Brust, bat der Kaiser um Schonung. Dem Dirigenten wurde das mit⸗ getheilt. Doch der war nicht zu halten. Immer aufs neue gab er in seiner Gefühle Ueberschwang das Zeichen zum Singen. Und sie sangen! Eben soll es wieder losgehen, da fällt dem todesmutigen Dirigenten der Ver⸗ treter der Polizeibehörde in dem Arm und ruft, unserem Elberfelder Parteiblatt zufolge: Wenn Sie jetzt noch nicht hören und das Singen nicht sein lassen, dann lasse ich Sie mitsamt ihren Sängern verhaften! Das war radikal, aber wirksam; der Ton im Halse blieb den Armen stecken und soll bis heut noch keinen Ausweg gefunden haben. Wenn der verhaltene Patriotismus nur nicht nach innen ins Geblüt tritt und Vergiftungserscheinungen hervorruft!— Zur Gewerkschaftsbewegung. In Mainz fand die Konstituirung einer Spar- und Konsum-Produktionsge⸗ nossenschaft auf Grundlage der von einer Kommission ausgearbeiten und vom Gewerk— schaftskartell revidirten Statuten statt. In der nächsten Mitgliederversammlung soll die Wahl des Vorstands und Aufsichtsrats vorgenommen werden, worauf die Eintragung der Genossen— schaft beim Amtsgericht erfolgen wird. Zusammenkunft auf dem Staufenberg. * Die organisierten Buchdrucker von Mar— burg und Gießen haben am Sonntag, den 20. August auf dem Staufenberg eine gesellige Zu— sammenkunft mit Familie. Alle früheren der⸗ artigen Veranstaltungen nahmen den schöusten Verlauf. Wir wünschen den Jüngern der schwarzen Kunst auch diesmal recht vergnügte Stunden. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Das Gewerkschaftsfest, welches am vorigen Sonntag im Café Leib abgehalten wurde, war sehr gut besucht, so daß wohl ein namhafter Betrag an die Ausge⸗ sperrten in Dänemark abgeführt werden kann. — Der Aussichtsturm auf der Hochwart ist nunmehr fertiggestellt. Ein Besuch des⸗ selben ist sehr lohnend, da die sich vom Thurm aus bietende Aussicht wirklich großartig ist.— Auf dem Dünsberg wurde am Sonntag in feierlicher Weise der Grundstein zu dem neuen Aussichtsthurm gelegt.— * Alten buseck. Furchtbar verletzt wurde dahier ein junger Mann von Burkhardsfelden, der an der Dreschmaschine beschäftigt war. Der Verletzte war beim Oelen von dem Getriebe erfaßt worden und mußte sofort nach Gießen in die Klinik geschafft werden.— Bad Nauheim. Noble Kurgäste. Der Fürst von Bulgarien, der bekannte Coburger, ist hier bereits eingetroffen. Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland werden demnächst in Friedberg ihren Wohnsitz nehmen, um hier die Kur zu gebrauchen. Welche Ehre für uns Oberhessen! Maiuz, 16. Aug. Heute Abend um 8 Uhr entstand in der oberhalb Weisenau liegenden Mannheimer Portland-Cementfabrik Groß- feuer, das im Ringofen ausbrach und in einigen Stunden die ganze Fabrikanlage nebst dem nebenanliegen Bahnwärterhaus in einen Schutthaufen verwandelte. 1000 Arbeiter sind durch den Brand brodlos geworden. Die Bahnstrecke Weisenau⸗ Worms wurde die ganze Nacht über durch Fackelträger erhellt und es konnten die Bahnzüge nur ganz langsam an dem brennenden Fabrikgebäude vorüberfahren. Bei der Vorüberfahrt mußten die Passagiere vorher aussteigen. — Radfahrer in Notwehr. Nach einer Gerichtsentscheidung ist ein Radfahrer, der von einem Hunde angefallen wird, nicht strafbar, wenn er den Hund tötet. Das Gericht ging bei seinem Urteil von der Ansicht aus, daß der Radfahrer, als er den Hund nach mehrmaligen e Verscheuchungsversuchen mit seinem a handelt habe. Arbeiterbewegung. Die Aussperrung der dänischen Arbeiter. Am Sonnabend hat der Vorstand des dänischen Arbeitgebervereins beschlossen, so⸗ bald als möglich und zwar spätestens am 21. August die Aussperrung auf mehrere Fachver⸗ bände, die gegen 15000 Arbeiter umfassen, auszudehnen. Es war in den letzten Tagen ein neuer Versuch gemacht worden, den Frieden herbeizuführen. Eine lange Verhandlung im Vorstand des Arbeitgebervereins zeigte, daß die Unternehmer in zwei Lager gespalten sind, daß aber vorläufig noch die Kriegs partei die Ober⸗ hand hat. Eine bestimmte Enkscheidung darüber, welche Gewerke von der weiteren Aussperrung betroffen werden sollen, wurde noch nicht gefaßt. Dem dänischen Genossen Abg. Olsen ist auch in den braunschweigischen Landen das Reden verboten worden. In Braunschweig sollte Olsen am Samstag reden. Ueber 3000 Personen beiderlei Geschlechts waren im„Hoffjäger“; jedoch durfte Olsen nicht neden. Vom Bureau wurden Sammellisten ausgegeben. Schaaren⸗ weise strömten die Arbeiter dem Podium zu und verlangten stürmisch Sammellisten, deren über 500 verabfolgt wurden. Massen elektrisiert.— So arbeitet uns die Polizei in die Hände. Aus Schleswig⸗Holstein, wo Herr v. Köller residiert, wurde Olsen direkt ausgewiesen. Deutsche Gewerkschaften im Jahre 1898. Die Zahl der in Zentralverbänden organi⸗ sirten Arbeiter betrug im vorjährigen Jahres⸗ durchnitt 493 724, worunter sich 13 481 weib⸗ liche Mitglieder befinden. Da zu dieser Anzahl noch 17 500 in Lokalvereinen Organisirte treten, ist im Jahre 1898 die halbe Million über⸗ schritten, wir haben in Deutschland 511242 organisirte Arbeiter, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen. Diese Zahl würde sich erhöhen, wenn der Jahresschluß als Zähltermin gewählt wäre; sie hat sich bis zum Soumer 1899 wieder bedeutend gesteigert. Insgesammt haben 43 Gewerkschaften eine Zunahme von rund 84 000 Mitgliedern zu ver⸗ zeichnen. Neu erscheinen in der Aufstellung die Buchdruckereihilfsarbeiter mit 1333 und die Formenstecher mit 233 Mitgliedern. Das Ge⸗ sammtresultat ist eine Zunahme der Gewerk⸗ schaften um 79879 Mitglieder im Jahre 1898, ein überaus erfreuliches Zeichen des Wachs⸗ tums, das überdies mit jedem Tage sich günstiger gestaltet. Die Genugthuung wird aber noch bedeutend gesteigert durch einen Blick auf die Kassenge⸗ bahrung der deutschen Gewerkschaften. Ueber 5½ Millionen Mark, genau 5508 667.64 Mk. Jahres⸗Einahme und über 4 Millionen Mark, genau 4279 726.19 Mark Jahres-⸗Ausgabe, haben die 57 Gewerkschaften er ziehlt, und mit den vorhandenen Beständen behielten sie am Schlusse ds Jahres in der Truhe über 4 Mil⸗ lionen Mark, 3880092.47 Mark in den Haupt⸗ kassen und 493 220.89 Mark in den Lokal⸗ kassen; mithin zusammen 4373 313.36 Mk. chenrevolver niederschoß, in Notwehr ge⸗ Das Verhot hat die 9 11 1 atlon l Gehälter gonsetel Generall⸗ Porte Eonflige Schuld Len Jil Verwe zpeige Mil der Ar Bedürf Aämpfe lindert Wie Sumn gereine Gesell Di tion setz w deut lande, erwiese Zucht solger Mbeit Pe N Son. Ker ene f helnnic Ualche sch in Du Landtag Von H dom Ve 90 deen Infert schen Irstand sen, so⸗ am 21. saͤchber⸗ fassen, Tagen Frieden ung in daß die E Ober⸗ rüber, perrung gefaßt. ist auch Reden e Olsen ersonen jäger“ Bureau haaren zu und n über hat die ins die , Köller n. n im 1——— —— 1 1 Nr. 34. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Von diesem Kapital besitzt allerdings fast die Hälfte der große deutsche Buchdrucker verband, aber auch ohne ihn bleiben Deutschlands Ge⸗ werkschaften etzt„mehrfacher Millionär“. Die Ausgaben der deutschen Gewerkschaften verteilen sich auf die einzelnen Unterstützungs⸗ und Verwaltungszweige und für Belehrung (Zeitungen, Bibliotheken) wie folgt: Streikunterstützung. 1 073 290 Mk. Krankenunterstützung 491 634„ Reiseunterstützunn g 288267„ Arbeitslosenunterstützung 5 275 404„ Invalidenunterstützung in 79.587„ Umzugskosten nnd Beihilfe in Sterbe⸗ Nottsnle n, eme 78419„ C 3 48 78„ Gemaßregeltenunterstützung. e Stellenvermittelung 3 826„ Verbandszeitungen 518 949„ Verwaltungsmaterial(Kassenbücher, Mitgliedsbücher ꝛc)** 165 926„ Agitatlon(zur Gewinnung neuer ann e ne e 186 229„ Gehälter(in 57 Verbänden) 140 423„ Konferenzen u. Generalversammlungen 68 693„ Generalkommissiunngn᷑ss 41 665„ Prozeßkosten 6 674„ Sonstige Ausgaben(zürückgezahlte Schulden, Internationales ꝛc. ꝛc.). 107759 Den Filialen verblieben(für örtliche Verwaltung, lokale Unterstützungs⸗ zweige ꝛc.)) ns 723 101 M. Millionen sind dahingegeben aus den Taschen der Armen für Arbeitslose, Reisende, Kranke, Bedürftige, für die um ihre Existenzverbesserung kämpfenden Brüder! Wie viel Not ist hier ge⸗ lindert worden, wie viel Sorgen verscheucht? Wie kleinlich nehmen sich gegenüber diesen Summen die Leistungen der Pseudo⸗ Arbeiter- vereine, der Hirsch⸗Dunker vereine, der katholischen Gesellen und evangelischen Jünglinge, aus! Die deutschen Gewerkschaften habe eine Posi⸗ tion errungen, aus der sie kein Zuchthausge⸗ setz wird mehr werfen können. Sie haben der deutschen Arbeiterschaft, sie haben dem Vater⸗ lande, das sie unterdrückt, unnennbare Dienste erwiesen. Das Jahr 1899, das Jahr der Zuchthausvorlage, es sei ein würdiger Nach⸗ folger von 1898, ein Ehrenjahr für die deutsche Arbeiterschaft! i Partei ⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 20. August, Nachm. 3 Uhr. Kreis Alsfeld. Versammlung zwecks Gründung eines sozialdemokratischen Wahlvereins bei Heinrich Trier in Schlitz. Es werden alle Arbeiter, welche Interesse an unserer Sache haben, aufgefordert, sich in dem betreffenden Lokale einzufinden. Der Einberufer. Quittung. Von Lollar auf Liste 78 für die Landtagswahlen M 10.10. Der Vertrauensmann— Von Heuchelheim für die dänischen Arbeiter Mk. 10.—, vom Vertrauensmann der Steinhauer Mk. 3.—. Das Kartell. Sonntag, den 3. September, im großen Wein rich'schen Saale in Lollar Kreis Konferenz für den Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. Tages⸗Ordnung: 1) Kassen⸗ u. Geschäftsbericht des Kreis⸗Vertrauens⸗ manns. 2) Neuwahl des Vorstandes für den Kreis⸗Wahl⸗ Verein. 3) Die Thätigkeit des hessischen Landtags und die bevorstehende Neuwahl im Gießener Landkreis. Referent: Gen. Scheidemann. 4) Der deutsche Parteitag in Hannover. Referent: Gen. Krumm. Wir fordern hiermit die Parteigenossen im 1. hessi⸗ chen Reichstags wahlkreis auf, Stellung zur Kreis⸗ Angesichts der bevorstehenden Landtagswahl ist es dringend erforderlich, daß die Kreiskonferenz gut be⸗ sucht wird. Der Der Kreis Vertrauensmann: Vorsitzende des Kr.⸗W.⸗V.: A. Bock. Ph. Scheidemann. Sonntag, den 10. September: Landes- Konfereuz in Mainz. Restauration„Zur Wanz.“ Tagesordnung siehe Nr. 33 der M. S.⸗Ztg. Die Delegirten werden freundl. gebeten, dem Unter⸗ zeichneten nach ihrer Wahl umgehend Mittheilung zu⸗ gehen zu lassen, gleichzeitig mit dem Bemerken, ob ge⸗ meinschaftlicher Mittagstisch erwünscht ist oder nicht. Ferner sind alle auf die Konferenz bezügl. Briefe ꝛc an den Unterzeichneten zu richten. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Mainz. J. A.: Val. Liebmann, Boppstr. 14. Zur Landeskonferenz. Die Kreis⸗Vertrauens⸗ männer bezw. die Vorstände der Organisationen wollen sich behufs Erlangung der Mandatsformulare an Gen. C. Orbig, Gießen, Rittergasse 17, wenden. Der alte Daßbach in Hanau ist am Sonntag 70 Jahre alt geworden. Aus ganz Deutschland gingen die Glückwunschschreiben und Telegramme ein. Eine vorbereitete Feier im engeren Kreise mußte leider wegen des schlechten Gesundheitszustandes unseres Genossen verschoben werden. Hoffentlich erholt sich der Unver⸗ wüstliche bald wieder. Aufruf! An alle Vertrauensmänner der Partei und Freunde der Sangeskunst! Wie Ihnen durch die Presse bekannt sein dürfte, gründete sich im vergangenen Frühjahr der Arbeiter⸗ Sängerbund für den Rhein⸗ und Maingau, der sich zur Aufgabe gestellt hat, das freie Lied in immer weitere Kreise zu tragen. Dem Bunde gehören bereits 40 Vereine mit einer Mitgliederzahl von 2300 Sängern an. Die Zahl ist somit verhältnißmäßig noch eine sehr geringe, wenn man ihn Betracht zieht, daß in den an⸗ nähernd 1000 Ortschaften genannten Bezirkes fast überall Gesangvereine bestehen! Und aus welchen Leuten rekrutiren sich die Vereine? Zum weitaus größten Theil aus Ar⸗ beitern. Unsere ausgesprochenen Parteigenossen können es über sich ergehen lassen, daß man ihnen„den Stuhl vor die Thüre setzt“, daß sie in Vereinen sind, die dem deutschen Sängerbunde angehören, der bekanntlich auf seinem letzten Verbandstag in Stuttgart im August 1896 einen Beschluß dahingehend gefaßt hat, daß für Sozial⸗ demokraten kein Platz in den Reihen des deutschen Sängerbundes sei. Zunächst diese Vereine für uns zu gewinnen, die zum größten Theil aus uns gleichgesinnten Arbeitern bestehen, hat fich der Vorstand zur nächsten Aufgabe gestellt. Da uns jedoch keine Adressen zur Verfügung stehen, so ersuchen wir alle Frennde unserer Sache, uns Vereine namhaft zu machen, die event. für den Bund zu gewinnen wären. Adressen find zu senden an den Vorsitzenden des Bundes G. Fladung, Hausen bei Frankfurt a. M. Briefkasten der Redaktion. Schriftsetzer Scheibe. Ihre Berichtigung, die dem von Ihnen ganz überflüssiger Weise angezogenen § 11 des Preßgesetzes nicht entspricht, kam für diese Nummer zu spät. Dieselbe wird in nächster Nummer Aufnahme finden, wenn Sie bereit sind, die entstehenden Kosten— konf.§ 11 al. 3 des Pr.⸗Ges.— zu zahlen. Wollen Sie das nicht, dann schicken Sie eine„Berich⸗ tigung“, die dem Gesetz, auf das Sie sich berufen, wenigstens einigermaßen entspricht. Letzte Nachrichten. Berlin, 17. August. In namentlicher Ab⸗ stimmung, an welcher sich 422 Mitglieder be⸗ theiligen und von denen einer sich der Stimm⸗ abgabe enthielt, wurde der Dort m und⸗ Rheinkanal mit 212 gegen 209 Stimmen abgelehnt. Es folgte die namentliche Ab⸗ stimmung über den Mittellandkanal. Derselbe wurde ebenfalls abgelehnt. Es be teiligten sich an der Abstimmung 419 Abgeordnete, von denen sich 65 der Stimmabgabe enthalten. Von den übrigen stimmen 126 mit Ja und 228 mit Nein. Wie der„Frkf. Ztg.“ berichtet wird, soll„an maßgebender Stelle eine sehr ernste und entschlossene Stimmung herrschen“. Der Rücktritt Miquels würde, wie die Stim⸗ mung jetzt ist, nicht die einzige Folge des Scheiterns der Kanalvorlage sein. onferenz zu nehmen und Delegierte zu wählen. — 2 AJ 5 2 See Uunterhaltungs⸗Teil. 1 3 Seesen U Generalbeichte. Von Goethe. Casset heut im edeln Kreis Meine Warnung gelten! Nehmt die ernste Stimmung wahr, Denn sie kommt so selten. Manches habt ihr vorgenommen, Manches ist euch schlecht bekommen, Und ich muß euch schelten. Neue soll man doch einmal In der Welt empfinden; So bekennt, vertraut und fromm, Eure größten Sünden! Aus des Irrtums falschen Weiten Sammelt euch und sucht bei Seiten Euch zurecht zu finden. Ja, wir haben, sei's bekannt, Wachend oft geträumet, Nicht geleert das frische Glas, Wenn der Wein geschäumet; Manche rasche Schäferstunde, Flücht'gen Kuß vom lieben Munde Naben wir versäumet. Still und maulfaul saßen wir, Wenn Philister schwätzten, Ueber göttlichen Gesang Ihr Geklatsche schätzten, Wegen glücklicher Momente, Deren man sich rühmen könnte, Uns zur Rede setzten. Willst du Absolution Deinen Treuen geben, Wollen wir nach deinem Wink Unablässig streben, Uns vom Halben zu entwöhnen Und im Ganzen, Guten, Schönen Resolut zu leben; Den Philistern allzumal Wohlgemut zu schnippen, Jenen Perlenschaum des Weins Nicht nur flach zu nippen, Nicht zu lieben leis mit Augen, Sondern fest uns anzusaugen An geliebte Lippen. Goethe. Zur 150. Wiederkehr seines Geburtstages. Von Eleutherophilos. Schiller und Goethe— unsere beiden großen Volksdichter! Wie oft hört man dies stolze Wort! Ist es auch richtig? Werden sie von unserem Volke wirklich gelesen, ver⸗ standen und gewürdigt? Bei Schiller mag es zur Not zutreffen, daß manche seiner Dichtungen auch den„gemeinen Mann“ in Stadt und Land erfreuen und erheben. Aber Goethe— wie viele aus der Masse des Volkes haben von dem etwas gehört? Und der sogenannte gebildete Mittelstand, der vielleicht die Werke des Dichters in Goldschnitteinband hinter dem Glasfenster des Bücherschrankes stehen hat, kennt der Goethe? Mit nichten. Goethe haben allezeit nur wenige, wirklich Gebildete gelesen, sie haben in ihm den höchsten Genuß, die eigentliche Würze ihres inneren Lebens gefunden. Und ein so schwer verständlicher, so wenigen wirklich zugänglicher Dichter soll trotzdem ein Volksdichter sein? Ist das nicht ein innerer Widerspruch, eine offen⸗ kundige Unwahrheit? Ja und nein, je nach der Auffassung. Ja, wenn man sieht, wie gering Goethes Einfluß bis jetzt auf unser Volk gewesen ist, und wie gering er nach dem Zustande, in dem es lebt, auch nur sein konnte. Nein, wenn man bedenkt, was Goethe vermöge des in ihm liegenden Bildungsgehaltes unserem Volke noch sein kann und hoffentlich sein wird. Um Goethe verstehen zu lernen und mit seinem Verständnisse Anteil an dem Reichtum seiner Person zu ge⸗ winnen, bedarf es derjenigen Lebenserhöhung, um die die großen Schichten des arbeitenden Volkes gerade in unserer Zeit ihren schweren Kampf kämpfen. Erstreitet euch eine gerechtere Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 34. Verteilung der Lebenslasten, damit gewinnt ihr zugleich Zeit und Stimmung für die höheren Lebensgenüsse, und die eigentlichen Lebensfreuden, die Teilnahme an den materiellen Gütern der menschlichen Kulturthätigkeit sowohl wie an den geistigen. die die wahre Bildung gewährt, werden euch zufließen und schmackhaft werden. Goethe bezeichnet einen bisher in der deutschen, ja in der allgemeinen menschlichen Geisteskultur unerreichten Höhepunkt. Ohne Bildung also kein Bedürfnis nach und kein Verständnis für Goethe! Nun liegt aber alle wahre Kultur, also auch die durch die dichterische Thätigkeit Goethes geschaffene, in der Richtung auf Fortschritt und Freiheit hin. Daher wird der große Dichter noch auf unabsehbare Zeit hinaus eine erfreuliche Wirkung ausüben, zumal seine bedeutenden Dichtungen alle unmittelbar zum Herzen sprechen und den Stimmungen und Gefühlen Wiederhall geben, die in allen Menschen auch abgesehen von ihrem Bildungsgrade zu Zeiten rege sind. Wer wirklich ein frischer, lebendiger Mensch ist, bringt als solcher eine Verwandtschaft, eine innere Be⸗ ziehung zu Goethe mit, und Goethe wird ihm ein Quell gemütlicher Labung und geistiger An⸗ regung sein, wofern er nur zu der immer größer werdenden Gemeinde derjenigen gehört, die den Wert wahrer Bildung erkennen und ihr zu⸗ streben. Aechter Bildungsdrang bethätigt sich einzig im bewußten Fortschritt zu äußerer und iunerer Freiheit. Zu welchen Zielen dies frei⸗ heitliche Fortschreiten führt, sagt der Dichter selbst, indem er seinem Freunde Schiller in's Grab nachruft: „Indessen schritt sein Geist gewaltig fort In's Ewige des Wahren, Guten, Schönen.“ Ein solcher Streiter für's Ewige, d. h. die unvergänglichen Güter des Lebens: für die Wahrheit— ihr Grundgedanke ruht in dem Worte Schillers:„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei“—, für die Gerechtigkeit— sie ist das höchste menschliche Gut—, und für die Schön— heit— die Erfüllung von wahrer Ordnung und Sitte, von Harmonie auf Erden— war auch Goethe, und zwar einer der besten, den die Menschheit besessen.(Fortsetzung folgt.) Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. (6. Fortsetzung.) Luther mit einem verdrießlichen Gesicht warf die Papiere, die auf seinem Tische lagen, über⸗ einander, und schwieg. Die trotzige Stellung, die dieser seltsame Mensch im Staat einnahm, verdroß ihn; und den Rechtsschluß, den er von Kohlhaasenbrück aus an den Junker erlassen, er— wägend, fragte er: was er denn von dem Tribunal zu Dresden verlange? Kohlhaas antwortete: Bestrafung des Junkers, den Gesetzen gemäß; Wiederherstellung der Pferde in den vorigen Stand, und Ersatz des Schadens, den ich so— wohl, als mein bei Mühlberg gefallener Knecht Herse durch die Gewaltthat, die man an uns verübte, erlitten.— Luther rief: Ersatz des Schadens! Summen zu Tausenden, bei Juden und Christen, auf Wechseln und Pfändern, hast du zur Bestreitung deiner wilden Selbstrache aufgenommen. Wirst du den Wert auch, auf der Rechnung, wenn es zur Nachfrage kommt, ansetzen?— Gott behüte! erwiderte Kohlhaas. Haus und Hof, und den Wohlstand, den ich be⸗ sessen, fordere ich nicht zurück, so wenig als die Kosten des Begräbnisses meiner Frau! Hersens alte Mutter wird eine Berechnung der Heilkosten und eine Specifikation dessen, was ihr Sohn in der Tronkenburg eingebüßt, beibringen, und den Schaden, den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen erlitten, mag die Regierung durch einen Sach⸗ verständigen abschätzen lassen.— Luther sagte: rasender, unbegreiflicher und entsetzlicher Mensch! und sah ihn an. Nachdem dein Schwert sich an dem Junker Rache, die grimmigste genommen, die sich erdenken läßt; was treibt dich auf ein Erkenntniß gegen ihn zu bestehen, dessen Schärfe, wenn es zuletzt fällt, ihn mit einem Gewicht von so geringer Erheblichkeit nur trifft?— Kohlhaas erwiderte, indem ihm eine Thräne über die Wange rollte: hochwürdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet; Kohlhaas will der Welt zeigen, daß sie in keinem ungerechten Handel umgekommen ist. Fügt euch in meinen Willen, und laßt den Gerichtshof sprechen; in allem Andern, was sonst noch streitig sein mag, füge ich mich euch.— Luther sagte: schau her, was du forderst, wenn anders die Umstände so sind, wie die öffentliche Stimme hören läßt, ist gerecht; und hättest du den Streit, bevor du eigenmächtig zur Selbstrache geschritten zu des Landesherrn Entscheidung zu bringen gewußt, so wäre dir deine Forderung, zweifle ich nicht, Punkt vor Punkt bewilligt worden. Doch hättest du nicht, Alles wohl erwogen, besser gethan, du hättest, um deines Erlösers willen dem Junker vergeben, die Rappen dürre und abgehärmt wie sie waren, bei der Hand genommen, dich aufge⸗ setzt, und zur Dickfütterung in deinen Stall nach Kohlhaasenbrück heimgeritten?— Kohlhaas antwortet: kann sein! indem er an's Fenster trat: kann sein, auch nicht! Hätte ich gewußt, daß ich sie mit Blut aus dem Herzen meiner lieben Frau würde auf die Beine bringen müssen: kann sein, ich hätte gethan, wie ihr gesagt, hochwürdiger Herr, und einen Scheffel Hafer nicht gescheut! Doch, weil sie mir einmal so teuer zu stehen gekommen sind, so habe es denn, meine ich, seinen Lauf: laßt das Erkenntniß, wie es mir zukommt, sprechen und den Junker mir die Rappen auffüttern.—— Luther sagte, indem er unter mancherlei Gedanken wieder zu seinen Papieren griff: er wolle mit dem Kurfürsten seinethalben in Unter⸗ handlung treten. Inzwischen möchte er sich auf dem Schlosse zu Lützen still halten; wenn der Herr ihm freies Geleit bewillige, so werde man es ihm auf dem Wege öffentlicher Anplackung bekannt machen.— Zwar, fuhr er fort, da Kohlhaas sich herabbog, um seine Hand zu küssen: ob der Kurfürst Gnade für Recht er⸗ gehen lassen wird, weiß ich nicht; denn einen Heerhaufen, vernehm' ich, zog er zusammen, und steht im Begriff dich im Schlosse zu Lützen auf⸗ zuheben; inzwischen, wie ich dir schon gesagt hab, an meinem Bemühen soll es nicht liegen. Und damit stand er auf, und machte Anstalt ihn zu entlassen. Kohlhaas meinte, daß seine Fürsprache ihn über diesen Punkt völlig beruhige; worauf Luther ihn mit der Hand grüßte, jener aber plötzlich ein Knie vor ihm senkte und sprach: er habe noch eine Bitte auf seinem Herzen. Zu Pfingsten nämlich, wo er an den Tisch des Herrn zu gehen pflege, habe er die Kirche dieser seiner kriegerischen Unternehmung wegen ver⸗ säumt; ob er die Gewogenheit haben wolle, ohne weitere Vorbereitung seine Beicht zu em⸗ pfangen, und ihm zur Auswechselung dagegen die Wohlthat des heiligen Sakraments zu er⸗ theilen? Luther, nach einer kurzen Besinnung, indem er ihn scharf ansah, sagte: ja, Kohlhaas das will ich thun! Der Herr aber, dessen Leib du begehrst, vergab seinem Feind.— Willst du, setzte er, da jener ihn betreten ansah, hinzu, dem Junker, der dich beleidigt hat, gleichfalls vergeben, nach der Tronkenburg gehen, dich auf deine Rappen setzen, und sie zur Dickfütterung nach Kohlhaasenbrück heimreiten?—„Hrech⸗ würdiger Herr“, sagte Kohlhaas errötend, in— dem er seine Hand ergriff,— nun?—„der Herr auch vergab allen seinen Feinden nicht. Laßt mich den Kurfürsten, meinen beiden Herren, dem Schloßvoigt und Verwalter, den Herren Hinz und Kunz, und wer mich sonst in dieser Sache gekränkt haben mag, vergeben: den Junker aber, wenn es sein kann, nötigen, daß er mir die Rappen wieder dick füttere.“— Bei diesen Worten kehrte ihm Luther mit einem mißvergnügten Blick den Rücken zu, und zog die Klingel. Kohlhaas, während dadurch herbeigerufen ein Famulus sich mit Licht in dem Vorsaal meldete, stand betreten, indem er sich die Augen trocknete, vom Boden auf; und da der Famulus vergebens, weil der Riegel vorgeschoben war, an der Thür wirkte, Luther aber sich wieder zu seinen Papieren niedergesetzt hatte: so machte Kohlhaas dem Mann die Thür auf. Luther, mit einem kurzen, auf den fremden Mann gerichteten Seitenblick, sagte dem Famulus: leuchte! worauf dieser, über den Besuch den er erblickte ein wenig befremdet, den Hausschlüssel von der Wand nahm, und sich, auf die Entfernung desselben wartend, unter die halb offene Thür des Zimmers zurückbegab.— Kohlhaas sprach, indem er seinen Hut bewegt zwischen beide Hände nahm; und so kann ich, hochwürdigster Herr, der Wohlthat versöhnt zu werden, die ich mir von euch erbat, nicht theilhaftig werden? Luther antwortete kurz: deinem Heiland: nein! dem Landesherrn,— das bleibt einem Versuch, wie ich dir versprach, vorbehalten! Und damit winkte er dem Famulus, das Geschäft, das er ihm aufgetragen, ohne weiteren Aufschub abzu⸗ machen. Kohlhaas legte, mit dem Ausdruck schmerzlicher Empfindung seine beiden Händen auf die Brust; folgte dem Mann, der ihm die Treppe hinunter leuchtete, und verschwand. Am andern Morgen erließ Luther ein Send⸗ schreiben an den Kurfürsten von Sachsen, worin er nach einem bitteren Seitenblick auf die seine Person umgebenden Herren Hinz und Kunz, Kämmerer und Mundschenk von Tronka, welche die Klage, wie allgemein bekaunt war, unter⸗ geschlagen hatten, dem Herren mit der Frei⸗ mütigkeit, die ihm eigen war, eröffnete, daß bei so ärgerlichen Umständen nichts anderes zu thun übrig sei, als den Vorschlag des Roßhandlers anzunehmen, und ihm des Vorgefallenen wegen, zur Erneuerung eines Prozesses, Amnestie zu erteilen. Die öffentliche Meinung, bemerkie er, sei auf eine höchst gefährliche Weise auf dieses Mannes Seite, dergestalt, daß selbst in dem dreimal von ihm eingeäscherten Wittenberg eine Stimme zu seinem Vorteil spreche; und da er sein Anerbieten, falls er damit abgewiesen werden sollte, unfehlbar unter gehässigen Bemerkungen zur Wissenschaft des Volks bringen würde, so könne dasselbe leicht in dem Grade verführt, werden, daß mit der Staatsgewalt gar nichts mehr gegen ihn auszurichten sei. Er schloß, daß man in diesem Fall über die Bedenklich⸗ keit, mit einem Staatsbürger, der die Waffen ergriffen, in Unterhandlung zu treten, hinweg⸗ gehen müsse; daß derselbe in der That durch das Verfahren, das man gegen in beobachtet, auf gewisse Weise außer der Staatsverbindung gesetzt worden sei; und kurz, daß man ihn, um aus dem Handel zu kommen, mehr als fremde in das Land gefallene Macht, wozu er sich auch, da er ein Ausländer sei, gewissermaßen qualifizire, denn als einen Rebellen, der sich gegen Thron, auflehne, betrachten müsse.— Der Kurfürst erhielt diesen Brief eben, als der Prinz Christiern von Meißen, Generalissimus des Reichs, Oheim des bei Mühlberg geschlagenen und an seinen Wunden noch darniederliegenden Prinzen Friedrich von Meißen, der Großkanzler des Tribunals, Graf Wrede, Graf Kallheim, Präsident der Staatskanzlei, und die beiden Herren Hinz und Kunz von Tronka, dieser Kämmerer, jener Mundschenk, die Jugendfreunde und Vertrauten des Herrn, in dem Schlosse gegenwärtig waren. Der Kämmerer, Herr Kunz, der in der Qualität eines Geheimenrats des Herrn geheime Correspondenz, mit der Befug⸗ niß sich seines Namens und Wappens zu bedienen, besorgte, nahm zuerst das Wort, und nachdem er noch einmal weitläufig aus einander gelegt hatte, daß er die Klage, die der Roßhändler gegen den Junker, seinen Vetter, bei dem Tribunal eingereicht, nimmermehr durch eine eigenmächtige Verfügung niedergeschlagen haben würde, wenn er sie nicht durch falche Angaben verführt für eine völlig grundlose und nichtsnutzige Plackerei gehalten hätte, kam er auf die gegenwärtige Lage der Dinge. Er bemerkte, daß weder nach göttlichen noch menschlichen Gesetzen der Roß⸗ kamm, um dieses Mißgriffs willen befugt ge— wesen wäre, eine so ungeheure Selbstrache als er sich erlaubt auszuüben; schilderte den Glanz, der durch eine Verhandlung mit demselben, als einer rechtlichen Kriegsgewalt, auf sein gottver⸗ dammtes Haupt falle, und die Schmach, die 1 dadurch auf die geheiligte Person des Kurfürsten zurückspringe, schien ihm so unerträglich, daß er, im Feuer der Beredtsamkeit, lieber das Aeu⸗ ßerste erleben, den Rechtsschluß des rasenden Rebellen erfüllt, und den Junker, seinen Vetter, zur Dickfütterung der Rappen nach Kohlhaasen⸗ brück abgefüht sehen, als den Vorschlag, den überein Ihle fi ansah, hätte f berbun ellen 100 ertlich Denn! bor def über ei bie sie elbe 0 gelt alaßt; und T des N0 wie bel Schwe eben. De Putter über L 5 De Raue die 9 er ten „daß du zu thun handler n wege, lestie nerkle, if diese in den berg ehh id da e n Werde erkungen ürde, berfühn Ir nicht T schloß edenkligh⸗ Waffe hintoeg t durch obachteh bindung ihn, un. r frenih sich duc lalifist, f Thlos bel, l alisim lagen liegend o5tone Kallhü, i bell d, dil ibfeu Schl“ err Kü, nale M 1 Belt 0 1 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Nr. 34. 1 Luther gemacht, angenommen wissen wollte. Der Großkanzler des Tribunals, Graf Wrede, äußerste, halb zu ihm gewandt, sein Bedauern, daß eine so zarte Sorgfalt, als er bei der Auf— lösung dieser allerdings mißlichen Sache für den Ruhm des Herrn zeige, ihn nicht bei der ersten Veranlassung derselben erfüllt hätte. Er stellte dem Kurfürsten sein Bedenken vor, die Staats— gewalt zur Durchsetzung einer offenbar unrecht— ichen Maßregel in Anspruch zu nehmen; be⸗ merkte mit einem bedeutenden Blick auf den 3 den der Roßhändler fortdauernd im ande fand, daß der Faden der Frevelthaten sich auf diese Weise in's Unendliche fortzuspinnen drohe, und erklärte, daß nur ein schlichtes Recht⸗ tun, indem man unmittelbar und rücksichtslos den Fehltritt, den man sich zu schulden kommen lassen, wieder aut machte, ihn abreißen und die Regierung glücklich aus diesem häßlichen Handel herausziehen könne. Der Prinz Christiern von Meißen, auf die Frage des Herrn, was er davon halte? äußerte, mit Verehrung gegen den Großkanzler gewandt: die Denkungsart, die er an den Tag lege, er⸗ fülle ihn zwar mit dem größten Respect; indem er aber dem Kohlhaas zu seinem Recht verhelfen wolle, bedenke er nicht, daß er Wittenberg und Leipzig, und das ganze durch ihn mißhandelte Land in seinem gerechten Anspruch auf Schaden⸗ ersatz oder wenigstens Bestrafung beeinträchtige. Die Ordnung des Staats sei, in Beziehung auf diesen Mann, so verrückt, daß man sie schwerlich durch einen Grundsatz aus der Wissenschaft des Rechts entlehnt, werde einrenken können. Daher stimmte er, nach der Meinung des Kämmerers, dafür, das Mittel, das für solche Fälle eingesetzt sei, in's Spiel zu ziehen: einen Kriegshaufen von hinreichender Größe usammenzuraffen, und den Roßhändler, der in Lützen aufgepflanzt sei, damit aufzuheben oder zu erdrücken. Der Kämmerer, indem er für ihn und den Kurfürsten Stühle von der Wand nahm, und auf eine verbindliche Weise in's Zimmer setzte, sagte: er freue sich, daß ein Mann von seiner Rechtschaffenheit und Einsicht mit ihm in dem Mittel diese Sache zweideutiger Art beizulegen übereinstimme. Der Prinz, indem er den Stuhl, ohne sich zu setzen in der Hand hielt und ihn ansah, versicherte ihn: daß er gar nicht Ursache hätte sich deshalb zu freuen, indem die damit verbundenen Maßregel notwendig die wäre, einen Verhaftsbefehl vorher gegen ihn zu er⸗ lassen, und ihm wegen Mißbrauchs des landes— herrlichen Namens den Prozeß zu machen. Denn wenn Notwendigkeit erfordere, den Schleier vor dem Thron der Gerechtigkeit niederzulassen, über eire Reihe von Frevelthaten, die unabsehbar wie sie sich forterzeugt, vor den Schranken des⸗ selben zu erscheinen nicht mehr Raum fänden, jo gelte das nicht von der ersten, die sie ver⸗ aulaßt; und allererst seine Anklage auf Leben und Tod könne den Staat zur Zermalmung des Roßhändlers bevollmächtigen, dessen Sache, wie bekannt, sehr gerecht sei, und dem man das Schwert, das er führe, selbst in die Hand ge⸗ geben. 5 Der Kurfürst, den der Junker bei diesen Worten betroffen ansah, wandte sich, indem er über das ganze Gesichte rot ward, und trat an's Fenster. Der Graf Kallheim, nach einer verlegnen Pause von allen Seiten, sagte, daß man auf diese Weise aus dem Zauberkreise, in dem man befangen, nicht herauskäme. Mit demselben Rechte könne seinem Neffen, dem Prinzen Fried— rich, der Prozeß gemacht werden; denn auch er hätte, auf dem Streifzug sonderbarer Art, den er gegen Kohlhacs unternommen, seine Justruc⸗ tion auf mancherlei Weise überschritten; derge⸗ stalt, daß wenn man nach der weitläufigen Schaar derjenigen frage, die die Verlegenheit, in welcher man sich befinde, veranlaßt, er gleich- falls unter die Zahl derselben würde benannt, und von dem Landesherrn wegen dessen was bei Mühlberg vorgefallen, zur Rechenschaft ge— zogen werden müssen. f Der Mundschenk, Herr Hinz von Tronka, während der Kurfürst mit ungewissen Blicken an seinen Tisch trat, nahm das Wort und sagte: er begriffe nicht, wie der Staatsbeschluß der zu fassen sei, Männer von solcher Weisheit, als hier versammelt wären, entgehen könne. Der Roßhändler habe, seines Wissens, gegen bloß freies Geleit nach Dresden und erneuerte Unter⸗ suchung seiner Sache, versprochen den Haufen mit dem er in's Land gefallen, auseinander gehen zu lassen. Daraus aber folge nicht, daß man ihm, wegen dieser frevelhaften Selbstrache, Amnestie erteilen müsse: zwei Rechtsbegriffe, die der Doctor Luther sowohl, als auch der Staatsrath zu verwechseln scheine. Wenn, fuhr er fort, indem er den Finger an die Nase legte, bei dem Tribunal zu Dresden, gleichviel wie, das Erkenntniß der Rappen wegen gefallen ist; so hindert nichts, den Kohlhaas auf den Grund seiner Mordbrennereien und Räubereien einzu⸗ stecken: eine staatskluge Wendung. die die Vor⸗ teile der Ansichten beider Staatsmänner vereinigt, fl. des Beifalls der Welt und Nachwelt gewiß ist.— Der Kurfürst, da der Prinz sowohl als der Großkanzler dem Mundschenk, Herrn Hinz, auf diese Rede mit einem bloßen Vlick antworteten, und die Verhandlung mithin geschlossen schien, sagte: daß er die verschiednen Meinungen, die sie ihm vorgetragen, bis zur nächsten Sitzung des Staats rats bei sich selbst überlegen würde. — Es schien, die Präliminar⸗Maßregel, deren der Prinz gedacht, hatte seinem für Freund⸗ schaft sehr empfänglichen Herzen die Lust be⸗ nommen, den Heereszug gegen den Kohlhaas, zu welchem schon Alles vorbereitet war, auszu⸗ führen. Wenigstens behielt er den Großkanzler, Grafen Wrede, dessen Meinung ihm die zweck⸗ mäßigste schien, bei sich zurück; und da dieser ihm Briefe vorzeigte, aus welchen hervorging, daß der Roßhändler in der That schon zu einer Stärke von vierhundert Mann herangewachsen sei, ja, bei der allgemeinen Unzufriedenheit, die wegen der Unziemlichkeiten des Kämmerers im Lande herrschte, in kurzem auf eine doppelte und dreifache Stärke rechnen könne: so entschloß sich der Kurfürst ohne weiteren Anstand den Rat, den ihm der Doctor Luther ertheilt, an— zunehmen. Dem gemäß übergab er dem Grafen Wrede die ganze Leitung der Kohlhaasischen Sache; und schon nach wenigen Tagen erschien ein Plakat, das wir dem Hauptinhalt nach folgendermaßen mitteilen: „Wir ꝛc. ꝛc. Kurfürst von Sachsen ertheilen „in besonders gnädiger Rücksicht auf die an „Uns ergangene Fürsprache des Doctor Martin „Luther, dem Michael Kohlhaas, Roßhändler aus „dem Brandenburgischen, unter der Bedingung, „binnen drei Tagen nach Sicht die Waffen, „die er ergriffen, niederzulegen, behufs einer „erneuerten Untersuchung seiner Sache, freies „Geleit nach Dresden; dergestalt zwar, daß „wenn derselbe, wie nicht zu erwarten, bei dem „Tribunal zu Dresden mit seiner Klage der „Rappen wegen abgewiesen werden sollte, gegen „ihn, seines eigenmächtigen Unternehmens wegen „sich selbst Recht zu verschaffen mit der ganzen „Strenge des Gesetzes verfahren werden solle; „im entgegengesetzen Fall aber, ihm mit seinem „ganzen Haufen Gnade für Recht bewilligt, „und völlige Amnestie, seiner in Sachsen aus— „geübten Gewaltthätigkeiten wegen, zugestanden „sein solle.“ Kohlhaas hatte nicht sobald durch den Doctor Luther ein Exemplar dieses in allen Plätzen des Landes angeschlagenen Plakats er— halten, als er, so bedingungsweise auch die darin geführte Sprache war, seinen ganzen Haufen schon, mit Geschenken, Danksagungen und zweckmäßigen Ermahnungen auseinander gehen ließ. Er legte Alles, was er an Geld, Waffen und Gerätschaften erbeutet haben mochte, bei den Gerichten zu Lützen, als kurfürstliches Eigenthum nieder; und nachdem er den Wald⸗ mann mit Briefen, wegen Wiederkaufs seiner Maierei, wenn es möglich sei, an den Amtmann nach Kohlhaasenbrück, und den Sternbald zur Abholung seiner Kinder, die er wieder bei sich zu haben wünschte, nach Schwerin geschickt hatte, verließ er daß Schloß zu Lützen, und ging unerkannt mit dem Rest seines kleinen Vermögens, das er in Papieren bei sich trug nach Dresden. (Fortsetzung folgt.) Das Mittagessen im Hof. Aus Hebels Schatzkästlein Man klagt häufig darüber, wie schwer und unmöglich es sei, mit manchen Menschen auszu⸗ kommen. Das mag denn freilich auch wahr sein. Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur wunderlich, und wenn man ste nur immer recht kennte, inwendig und auswendig, und recht mit ihnen umzugehen wüßte, nie zu eigensinnig und nie zu nachgebend, so wäre mancher wohl und leicht zur Besinnung zu bringen. Das ist doch einem Bedienten mit seinem Herrn gelungen. Dem konnte er manch⸗ mal gar Nichts recht machen, und mußte Vieles entgelten, woran er unschuldig war, wie es oft geht. So kam einmal der Herr sehr verdrieß⸗ lich nach Hause, und setzte sich zum Mittagessen. Da war die Suppe zu heiß oder zu kalt, oder keines von beiden; aber genug, der Herr war verdrießlich. Er faßte daher die Schüssel mit dem, was darinnen war, und warf sie durch das offne Fenster in den Hof hinab. Was that der Diener? Kurz besonnen warf er das Fleisch, welches er eben auf den Tisch stellen wollte, mir Nichts, dir Nichts, der Suppe nach, auch in den Hof hinab, dann das Brod, dann den Wein, und endlich das Tischtuch mit Allem, was noch darauf war, auch in den Hof hinab. „Verwegner, was soll das sein?“ fragte der i und fuhr mit drohendem Zorn von dem essel auf. Aber der Bediente erwiderte kalt und ruhig:„Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihre Meinung nicht errathen habe. Ich glaubte nicht anders, als Sie wollten heute in dem Hofe speisen. Die Luft ist so heiter, der Himmel so blau, und sehen Sie nur, wie lieb⸗ lich der Apfelbaum blüht, und wie fröhlich die Bienen ihren Mittag halten!“— Diesmal die Suppe hinabgeworfen, und nimmer! Der Herr erkannte seinen Fehler, heiterte sich im Anblick des schönen Frühlingshimmels auf, lächelte heimlich über den schnellen Einfall seines Aufwärters und dankte ihm im Herzen für die gute Lehre. —— Sprüche zur Lebensweisheit. Von Wolfgang Goethe. Ich bin der Geist der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was besteht, Ist wert, daß es zu Grunde geht. * Entbehren sollst du, sollst entbehren, Das ist der ewige Gesang, Der jedem an die Ohren klingt, Den, unser ganzes Leben lang, Uns heiser jede Stunde singt. * Es erben sich Gesetz und Rechte Wie eine ew'ge Krankheit fort. * Vom Rechte, das mit uns geboren, Von dem ist leider nie die Rede. Es war die Art zu allen Zeiten, Durch Drei und Eins, und Eins und Drei Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten. So schwätzt und lehrt man ungestört; Wer will sich mit den Narrn befassen? Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen. * Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. * Ich hab' es öfter rühmen hören, Ein Komödiant könnt' einen Pfaffen lehren. * Der Teufel ist ein Egoist Und thut nicht leicht um Gottes Willen, Was einem andern nützlich ist. * Die Kirche hat einen guten Magen Hat ganze Länder aufgefressen, Und doch noch nie sich übergessen. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 3214. Seite 8. Gesch äftsverlegung S e, * 2 1 5* 7 AE 25 0 N Einem geehrten Publikum zur gefl. Kenntnisnahme, 2 F. ahklurter Fchnhlagen 2 daß ich jetzt in meinem neuen Anwesen 5 3 3 16 Grünbergerstrasse 0 2. Reiss 2 wohne. 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Verschiedenes.(Die Landtagswahl im Bezirk Vilbel.) Die Parteigenossen werden ersucht, alsbald die Wahl von Dele⸗ gierten vorzunehmen. Etwaige Anträge bitte ich womöglich schon In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung ist das Erscheinen aller Vertrauensmänner dringend erwünscht. Der Kreisvertrauensmann Heinr. Busold. CCC Sonntag, den 27. und Montag, den 28. d. M.: Kirchweihfest Zi! Altenbuseck wozu ergebenst einladen Die Festwirte: HKasvar Rau.„Zum Adler“. Louis Rabenau,„Zum Schwanen“. Wilm. Becker,„Zum Ritter“. Für gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. Gut besetzte Tanzmusik. Sonntag, den 27. und Montag, den 28. August: Kirchweihfest zu Lollar wozu ergebenst einladen g 1 Die Festwirte: Ludwig Bierau, „Zum Schwanen“. Friedr. Weinrich, „Zur Traube“. Für prima Getränke und Speisen sowie ausgezeichnete Tanzmusik ist bestens gesorgt. Lichweinfest u Naunbeim Sonntag, den 20. und Montag, den 21. Aug ust. 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Krumm), Gießen. Verantwortl. Redakteur Ph. Scheidemann, Gießen. Druck von A. Heppeler in Gießen. — N * 1 71 auf den 0 laut, letzten schaften in dem sichet! glückt iu Bet helsiche feigen sflichti Ablauf ledigli beträg unglü für d zu zal Ef überhe Deutse übung Legt! Zahlen rufsger Han b 1 a Anfälle lieben fad f im Bet liessten er Ve belanse