8 — = . Nr. 47. Gießen, Sonntag, den 19. November 1899. 6. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. aunt 8 1 7 6 8 Mitteldeutsche Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr f D Abonnementspreis: 4 die„Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch Bestelluu gen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 2 Juserate finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 33½ 0% und bei Bei mindestens mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Die Uational-Sozialen und das Proletariat. 1255 gm.„Harmonieduseler“ nannten wir die Herren Nationalsozialen auf sozial em Gebiet. Gehen wir damit nicht zu weit und thun ihnen Unrecht? Sehen wir zu! Herr Naumann definierte in seiner Begrüßungs⸗ ansprache„das Soziale“ als den Gedanken v des Schutzes, des Rechtes und der Freiheit r over, 0 Pg. r Talil er Partei, über den harteitage ung bet⸗ vicklungs⸗ ibend id. köfübrlc e wieder ⸗ hes Such ⸗ es Prot de, Fil n geifigen arte Ju- icgsährge tbehr⸗ — ! N . da stadt 70 seviot Impl. Ar“ I 700 5 101940 1 3. else, e 3.00 J jedes Staatsangehörigen“.(S. 24.) Vortreff⸗ liche Worte, falls der rechte Inhalt ihnen zu grunde läge! Aber redet nicht Herr Eugen Richter auch gelegentlich von„Freiheit und Recht der Staatsangehörigen“? Kennt er nicht auch das Wörtlein„Schutz“, nämlich den Schutz seiner Heiligkeit des Eigentums? Mit jenen Worten an sich ist gar nichts gesagt. Aber Herr Naumann läßt uns nicht im Dunkeln und die Seinen auch nicht.— Notgedrungener Weise muß sein„Jahresbericht“ sich ja auch mit dem Austritt des Pfarrers Paul Göhre beschäftigen. Neben dem einen Grund für den Austritt Göhres, dem Chauvinismus der Na⸗ tionalsozialen, war der zweite der, daß die Herren nicht„proletarischen“ olso rechten— Sozialismus betrieben.— Herr Naumann setzt sich demgegenüber aufs hohe Pferd und belehrt uns herrlich,„daß es einen einheitlichen Begriff„Proletariat“ nicht giebt.(1!) Es handelt sich um ein Aufsteigen, ein schichtenweises Heben der Arbeiter⸗Klasse. Die obersten werden dabei in das Bürgertum hineinsteigen(1), sodaß eine reinliche Scheidungs⸗ linie nach oben sich keineswegs ziehen läßt. (Oh, oh!) Dann kann man wohl anerkennen, daß eine Menge großer Differenzen zwischen „Proletariat“ und„Bürgertum“ bestehen, man darf aber nicht daraus einen Klassenbegriff „proletarisch“ ableiten, nach welchem das Prole⸗ tariat eine völlig andere Welt ist als alles Bürgerliche“.——— Das sind äußerst dankenswerte Ausführungen. So ungefähr fanden wir das auch schon gesagt bei Herrn Frederik Bastiat in seinen„Oekonomischen Harmonien“, bei dem biederen Schultze aus Delitzsch, bei Herrn Eugen Richter— nur mit ein„bischen anderen Worten“.— Und längst hat schon Ferdinand Lassalle diesen Harmonieblödsinn zusammengedroschen, daß es krachte, um von Karl Marx weiter nicht viel zu reden— Dieser idyllische Herr Naumann pflegte in den ersten Jahren, da er die„Hilfe“ herausgab, auf die Anfrage, was zum Studium des„Sozialen“ am besten sei, zu antworten:„Jesus und Marx“.— Nun, wer sich wirklich ernsthaft mit Marx beschäf⸗ tigt hat— es giebt Nationalsoziale, die donnern in Leitartikeln den Marxismus in Grund und Boden, ohne eine Seite von Marx gelesen zu haben—, wer ihn mit einigem Verständnis auch nur gelesen und zugleich seine Augen offen behalten hat für das, was vorgeht, der schreibt solchen Unsinn nicht mehr, daß es deshalb kein Proletariat gebe, weil einzelne Prole⸗ ktarier als Konsu menten in die Reihe des „Bürgertums“ steigen können, während alle übrigen, die ungeheure Mehrzaht, als Produzenten Lohnsklaven des Kapitals bleiben, expropriiert und ausgebeutet und daher allerdings prinzipiell geschieden, eine Klasse für sich, die zahlreichste von allen, die nicht von ungefähr, sondern naturgemäß vom Bewußt sein ihrer Klassenexistenz er⸗ füllt worden ist.— Doch Herr Naumann habe wieder das Wort! Bernstein und die Bernsteintianer, Vollmar, Schippel, Heine, sie bekommen volles Lob. Freilich,„sie ge⸗ hören nicht zu uns, aber sie wirken günstig“.(S. 37.)— Gewiß thun sie das, aber nur nicht im— nationalsozialen, sondern im sozialdemokratischen Sinne, so, wie Voll⸗ mar das in dem von ihm verfaßten„Handbuch für bayerische Landtagswähler“ S. 104 sagt: „Die Sozialdemokratie will ein neues Prinzip, eine neue Ordnung an Stelle der jetzt giltigen, sich überlebenden und niedergehenden im Gesellschaftsleben durchführen. Und von diesem Gesichtspunkt wird unsere Bewegung mit Recht als revolutionär, d. h. grund⸗ umgestaltend bezeichnet.“— Will etwa Pfarrer Naumann auch so„günstig“ wirken, so trete er doch ein in die— Sozialdemokratie gleich Göhre und wer es sonst ist. Aber erst muß er dann jenen Bastiat⸗Schultzeschen Standpunkt fahren lassen.— Aber, wird er erzürnt ausrufen, haben wir denn nicht gegen das Zuchthausgesetz protestiert? Ge⸗ wiß, liebe Herren, das habt Ihr, und Prof. Brentanos Rede ist das beste, was in Göt⸗ tingen gesagt wurde, obgleich auch diese Rede an einigen Stellen anfechtbar ist. Es würde uns aber zu weit führen, nebensächliche Punkte hier zu erörtern. Jedenfalls kann man doch mit dieser Stellungnahme zum Zuchthausgesetz sich nicht brüsten. Ihr Unterbleiben wäre Selbstmord für das nationalsoziale Häuflein gewesen. Und der Herr Korreferent, Schrift⸗ setzer KRuhlmann⸗Hamburg,; der„Elite⸗ arbeiter“ der nat.⸗soz.„Hessischen Landes⸗ zeitung“, verdient noch etwas kritische Aufmerk⸗ samkeit. Er spielt die Gewerkschaftsbewegung gegen die Sozialdemokratie aus. Sie beweise „die Lehre von der Selbsthülfe in der Gegenwart“.(S. 81.) Er weist triumphie⸗ rend darauf hin, daß der„Korrespondent für Buchdrucker“ die Theorie über die Verelendung u. s. w. preisgegeben habe und nenut als seinen Kronzeugeu neben unserem Genossen Dr. David Herrn— Raphael May, denselben, den Dr. Mehring in der„Neuen Zeit“ jüngst so total zu Boden geschmettert hat, und verdreht u. E. völlig einen Ausspruch Legiens Zu gunsten des eventuell-mal möglichen Anschlusses der Gewerkschaften an die— Nationalsozialen!! — Ein hervorragend— umnebelter Kopf, dieser „Elitearbeiter“, wie auch der Satz noch beweist: „Die Arbeiterbewegung in ihren Grund⸗ ideen zielt darauf hin, dem Arbeiter das in Wirklichkeit zu verschaffen, was ihm durch den Stand unseres Rechts schon gewährt ist, nämlich das Recht, frei über seine Arbeitskraft zu verfügen und sie zu seinen eigenen Be⸗ dingungen zu verkaufen“.(S. 81/82.)— Ge⸗ wiß thut die„Arbeiterbewegung“ das, aber nur das? Entweder versteht dieser national⸗ soziale„Elitearbeiter“ das Ziel der Arbeiter⸗ bewegung, die Arbeiter von der Lohn⸗ sklaverei zu befreien, nicht oder er. polizeiwidrig bescheiden, wie es sich für einen — Naumannen allerdings gebührt.— Wir haben erfreulicherweise andere„Elitearbeiter“ aufzuweisen, das ist die große Menge aller derer, die sich um die Sozialdemokratie geschart haben, um begeistert den Emauzipations⸗ kampf des Proletariats zu kämpfen. Wir wollen zum Schlusse kommen. Was sind die Nationalsozialen nach alledem? Zur Beantwortung dieser Frage geben wir noch einem von ihnen selbst das Wort, dem Pfarrer Kötzschke, der, ohne Wider⸗ spruch zu finden, ausführte, die National⸗ sozialen„seien eine loyale Oppositions⸗ partei und hätten zunächst als Fortsetzung des Liberalismus dem Bürgertum den Rücken zu stärken, damit es seinen politischen Einfluß behält.(S. 52.) In der Einsicht sind auch wir durch die Göttinger Verhandlungen bestärkt worden. Ihr deut⸗ schen Arbeiter, merkt's Euch aber be⸗ sonders, die Naumannen sind nach eigenem Eingeständnis nichts als eine Hülfstruppe der Bourgeoisie, die ihr, nicht Euch dienen wollen.— Werbt deshalb, ihr deutschen Arbeiter, immer mehr für die Partei, die allein geradeweg und folgerecht voll energischen Mutes Eure Inter⸗ essen als Proletariat vertritt, der deutschen Sozialdemokratie! Politische Rundschau. Gießen, 17. November. Der Reichstag. Das Reichsparlament, in dem viele, viele Männer sitzen, die nicht hineingehören, ist nach fünfmonatlicher Pause wieder eröffnet worden. Die bis zu den Weihnachtsferien erübrigenden Wochen werden kaum ausreichen, um die zweite und dritte Beratung des Postgesetzes, der Fern⸗ sprechgebührenordnung, der Gewerbenovelle und der Zuchthaus vorlage und die erste Be⸗ ratung des Reichshaushaltsetats zu erledigen. Für die Zeit nach Neujahr bleiben alsdann noch die zweite und dritte Beratung des Un⸗ sittlichkeitsgesetzes(lex Heinze), die Novellen zum Gerichtsverfassungsgesetz und zur Straf⸗ prozeßordnung. Das neue Telegraphengesetz steckt noch in der Kommission. Eben daselbst befindet sich auch das Fleischschaugesetz. Ueber eine Reichsschulenordnung hat erst die dritte Beratung stattgefunden. Die Vorlage des Flottengesetzes ist für den Januar ange⸗ kündigt. Die vorbezeichneten Gegenstände und die Erledigung des Reichshaushaltsetats sind schon mehr als ausreichend, die Zeit bis zu den Osterferien auszufüllen. Nun sind aber noch angekündigt eine Reihe schwerwiegender neuer Gesetzes vor⸗ lagen, ein ganzes Bündel von sechs Gesetzen zur Reform der Unfallversicherung, ein neues Weingesetz, eine Reform des Urheberrechts, eine Novelle zum Münzgesetz, ein Gesetz über die Privatversicherungsanstalten, eine neue See⸗ mannsordnung und ein Gesetz über die Be⸗ schäftigung weiblicher Personen in Fabriken. Alles dies zu erledigen bis zum Sommer, ist um so weniger möglich, meint die„Freis. Ztg.“, je mehr die Stimmung durch Vorlagen wie die e ee e eee ee Seite 2. Mitieldeutsche Sonntags⸗Zeitung 1 r. — Nr. 47. Zuchthausvorlage und das Flottengesetz erregt und die Aufmerksamkeit von anderen weniger hochpolitischen Vorlagen abgezogen wird. Die Reichstagsersatzwahl im elsässischen Wahlkreis Schlettstadt hat mit dem Siege des klerikalen Kandidaten Von⸗ denscheer geendet, der 6680 Stimmen erhielt. Der auf eigene Faust kandidierende Liberale Dirion erhielt 1957 Stimmen. Der Protest⸗ kandidat Kornmann vereinigte 637 Stimmen auf sich. Die Sozialdemokratie, die bei der Hauptwahl im vorigen Jahre ca. 1000 Stimmen erhielt, hat es auf 1806 Stimmen gebracht. Da noch mehrere Orte ausstehen, so kaun man wohl sagen, daß sich die sozial⸗ demokratischen Stimmen im„schwarzen“ Schlett⸗ stadt im Laufe eines Jahres nahezu verdop⸗ pelt haben. Gewiß ein schöner Erfolg! Vom Flottenrummel. Die offiziösen Zutreiber der Schiffslieferanten sind jetzt wieder auf eine andere Fangart dressiert. Während Liedersänger wie Herr Neander das Reich durchziehen und die Herr⸗ lichkeiten der internationalen Ränkepolitik ver⸗ künden, versucht es der Krupp-Agent Schwein⸗ burg mit dem Pathos. Man höre: „Ermanne dich, deutsches Volk. Wirf von dir deine Gleichgültigkeit, deine Parteiung, deine Nörgelsucht, verschließ dein Ohr vor den falschen Propheten und schare dich Mann für Mann, ohne Unterschied des Standes oder Gewerbes, der Neigungen oder Gewöhnungen, der politischen oder sozialen Umgebung um deinen Kaiser! Folge seiner Führung, höre seinen Rat und halte dir stets gegenwärtig, daß nur die Nation im Rate der Völker zu Worte kommt, im Wettkampf der Völker ihren Platz behauptet, welche ihrem Willen den er— forderlichen Nachdruck zu gewähren vermag. Wir brauchen Ellenbogenfreiheit zur See; gutwillig gesteht uns die aber niemand zu, also erzwingen wir, was unser gutes Recht ist, d. h. bauen wir uns eine Flotte, die stark enug ist, Feinde und Neider in Respekt zu halten und uns die Freunde auszusuchen, die uns passen, denn jeder wird dann unser Freund sein wollen, und uns steht die Wahl frei. Was jetzt an schwimmendem Material unsere Kriegsflagge trägt, ist zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.“ Bei den Offiziösen gilt solcher blödsinniger Schwulst als volkstümliche Schreibweise. Dazu gehört auch der Schweinburgsche Rückfall ins alte Testament. Wird die Flottenvorlage nicht angenommen, so wird Deutschland„an seinen Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden bis ins dritte und vierte Glied“. Farbige Lichtbilder, Konzerte, Bierkommerse, Jahrmarktsverse und bombastische Phrasen, das sind die Mittel, mit denen das deutsche Volk für seine eigene Schröpfung begeistert werden soll. Daß die Männer, welche vor zwei Jahren das Sextenat so sachverstandig begründeten, dadurch als lächerliche Tölpel hingestellt werden, schädet ihnen weiter nichts. In Deutschland tötet das Lächerliche nicht! Die erste Urteilsrevision. Dem Genossen Albert Schmidt-Magde⸗ burg waren neben der hohen Strafe von drei Jahren Gefängnis auch die Mandate zum Reichstag und zur Stadtverordnetenversamm⸗ lung aberkannt worden. Warum? Wegen Majestätsbeleidigung. Jetzt hat das Magde— burger arbeitende Volk eine Revision des Urteils vorgenommen, indem es Schmidt mit großer Mehrheit wieder zum Stadtverordneten wählte. Binnen kurzer Zeit findet die zweite Reviston statt, indem die Wähler im Wahlkreis Calbe⸗ Aschersleben Schmidt wieder zum Reichstags⸗ abgeordneten wählen. Das deutsche Volk urteilt eben anders, wie die deutschen Richter. Nix zu handeln? Wie der Bund der Landwirte sich als Retter des Mittelstanbes und als wahrer Freund der kleinen Kaufleute bewährt, dafür bringt ein Inserat erneut den Beweis, das augenblicklich durch die Blätter läuft; es lautet: Weihnachtsgeschenke unseren Mitgliedern, billige, solide Fahrräder, Nähmaschinen, Waschmaschinen, Acetylenlaternen für Haus, Stall, für Fahrrad, Wagen. Feuer⸗ feste Bücher- und Geldschränke. Gleichzeiti machen wir wiederholt darauf aufmerksam, da wir jede Maschine, die gewünscht wird, liefern. Bei Anlage industrieller Anlagen stehen wir mit Rat und kostenlosen Anschlägen fofort gern zu Diensten. Verkaufsstelle des Bundes der Landwirte. Abteilung für Maschinen. Die Mittelstandsfreunde aus dem ff, diese Manschettenbauernbündler. Antisemitisches Durcheinander. Als kürzlich die Reichstags⸗Ersatzwahl in Pirna stattfand, fiel es auf, daß das große Mundwerk des Herrn Liebermann v. Sonnen⸗ berg nicht in Thätigkeit trat. Herr Liebermann giebt jetzt in seinen„Deutschsozialen Blättern“ Aufklärung über das Wunder seiner Schweig⸗ samkeit: „Kurz nach der Abstimmung im Reichstag über die sogenannte Zuchthaus vorlage war ein hervor⸗ ragender sächsischer Parteigenosse an den Leiter der „Deutschen Tageszeitung“ mit der Bitte herangetreten, er möge in seiner Zeitung erklären, die sächsischen Reformer teilten nicht den Standpunkt der Fraktion bezüglich des betreffenden Gesetzes. Loyalerweise befragte der erwähnte Leiter der„Deutschen Tageszeitung“ erst den Abgeordneten v. Liebermann über diese Angelegenheit und brachte auf dessen Wunsch die betreffende Notiz nicht.— Einige Wochen später las man in der „Deutschen Tageszeitung“ gelegentlich eines Stimmungs⸗ bildes von dem Wahlkampfe in Pirna eine Bemerkung des Inhalts, daß unter den Fabrikanten die Stimmung für die Kandidatur Lotze unter der Stellung der Fraktion der deutsch⸗sozialen Reformpartei zur Zuchthausvorlage etwas litte. Man nahm aber an, daß Herr Lotze, der bei der Abstimmung nicht mehr im Reichstage ge⸗ wesen sei, eine abweichende Stellung in dieser Frage einnehme.— Wenn Herr v. Liebermann nun im Wahlkreise Versammlungen abgehalten hätte, so würde er unfehlbar sowohl von den Sozialdemokraten und Freisinnigen einerseits, als auch von den Nationallibe⸗ rasen und Konservativen andererseits über die Stellung der Partei zu jenem Gesetz befragt sein und die daran anknüpfenden Erörterungen hätten der Kandidatur Lotze unter allen Umständen schaden müssen!“ Der Antisemit Lotze, dessen Kandidatur von der Gnade der zuchthauslüsternen Konser⸗ vativen abhing, mußte also gegen die An⸗ schauungen seiner Partei die Wähler nas⸗ führen. Worüber freilich sich kein Mensch wundert, denn die Herren„Reformer“ haben alle Gesinnungen, die ihnen einen Haufen Wähler einbringen können, und in jedem Wahl⸗ kreise andere als im benachbarten. Abwarten! Eine nationalliberale Korrespondenz teilt mit, die Regierung werde zwar die Zuchthaus⸗ vorlage nicht zurückziehen, aber sie habe nichts dawider, wenn sie bei der zweiten Lesung gänzlich beseitigt und„in den Akten der un⸗ zulänglichen Versuche beigesetzt sein wird“. Auch das Zentrum werde durch die von ihm angekündigten Anträge diesen Gang der Dinge nicht aufhalten; Dr. Lieber werde vielmehr die Zentrumsanträge gar nicht zur Beratung der Zuchthausvorlage einbringen, sendern der ge⸗ werbepolitischen Kommission des Reichstages überlassen.— Wir verzeichnen diese Mitteilung, ohne ihr Glauben zu schenken. Bisher haben die Nationalliberalen selbst nicht auf ihre Ab⸗ sicht, die Zuchthausvorlage„zu verbessern“, verzichtet. Unser Pfalzgraf. Einen Ordnungsruf hat der in allen Partei- kreisen wegen seines trefflichen Humors bestens bekannte Genosse Ehrhart in der Freitags⸗ sitzung der bayerischen Kammer erhalten, und das ging so zu: Bei der Generaldebatte über das Ministerium des Aeußern sagte der Zen— trumsabgeordnete Reisert, man könne und dürfe das Ministerium nicht stürzen, das wäre Rebellion gegen die Krone. Wir haben dieses Ministerium lieb, denn es ist als Berg zu uns gekommen“. Als nun Ehrhart daran kam, um auf die Angriffe der anderen Parteien gegen die Sozialdemokratie zu ant. worten und die Aeußerungen der Minister, namentlich über den Flottenplan, sowie die Finanzpolitik des Finanzministers zu kritisieren, meinte er, der Abg. Reitsert habe sich gegen das Ministerium wie ein verliebter Kater gezeigt. Dafür wurde er zur Ord⸗ nung gerufen.— Es ist aber auch arg, einen frommen Zentrumsmann mit einem verliebten Kater zu vergleichen. So etwas verdient Strafe. Unser Pfalzgraf wird sich wegen des i keine grauen Haare wachsen lassen. Wenn zwei dasselbe thun. In staatstreuen Blättern macht jetzt eine der„Nord⸗Ostsee⸗Zeitung“ sehr verlockenden Versprechungen zum Eintritt in die engliche Armee und zum Kampfe gegen die Boeren zu verführen gesucht habe. Wört⸗ lich wird dann berichte: „Der Schauermann, dem schon während dieser Aufforderung die Zornesröte ins Ge⸗ sicht gestiegen war, packte den Fremden, als dieser geendet, beim Kragen, gab ihm eine schallende Ohrfeige, bearbeitete ihn dann noch gehörig mit den Fäusten und ent⸗ fernte sich mit den Worten:„So wie Du vun mi Wichs kregen hest, so sölt de Eng⸗ lenners vun de Buren Keile kriegen!“ Die konservativen Blätter bezeichnen diese Abfertigung als einen„verdienten Denk⸗ zettel“. Sie mögen recht haben. Es ist ge⸗ wiß unsittlich, wenn ein Deutscher die in Afrika um ihre Selbständigkeit kämpfenden Stammes⸗ genossen um eines augenblicklichen Vorteils willen schnöde bekämpfte— fast ebenso unsitt⸗ lich, als wenn ein Arbeiter seine mit dem Unternehmertum im Kampfe liegenden Ge— nossen durch die verabscheuungswür⸗— dige That der Streikbrecherei in den Rücken zu fallen sucht. Während aber der Arbeiter, der den Eng— länder ob seines Ansinnens derbe geprügelt hat, in der nationalen Presse wegen solcher Handlung belobt wird, fordert dieselbe Presse für Arbeiter, die einen Streikbrecher nur schief anblicken, das Zuchthausgesetz. Das ist national⸗kapitalistische Konsequenz. Auf den Scheiterhaufen! Der Pastor Weingart in Osnabrück ist von dem starr orthodoxen lutherischen Landes⸗ konsistorium in Hannover in der Berufungs⸗ instanz gemaßregelt worden(Amtsenthebung mit Ruhegehalt), weil er über Dogmenfragen anders dachte als die Eiferer des Konsistoriums. Weingart hat die Auferstehung Jesus anderz aufgefaßt, als es das Konsistorium haben will. Als Weingart, der in seiner Gemeinde sehr beliebt ist, am 9. November aus Hannover nach Osnabrück zurückkehrte, wurden ihm stürmische Ovationen bereitet. In den nächsten Tagen sollen Einspruchskundgebungen veran⸗ staltet werden. Für unsere Frommen. Ein schweizerischer Arzt, Dr. Sonderagger, ein sehr christlicher Mann, spricht sich, wie der„Grütlianer“ mitteilt, in Christentum: „Ich sah viel Armut und Elend, und wenn ich von Krankenbetten zurückkehrte, an denen sogar das fehlte, was ein anständiger Mann seinem Tiere gewährt, und dabei hörte, wie die Sonntagsglocken von allen Seiten feierlich erklangen: dann wurde ich nicht andächtig, sondern zornig, und was man so Staat und Kirche nannte, erschien mir eine Heuchelei. Wir verehren Gott in Wort und Bild, wenn er aber selber zu uns kommt, nur in Lumpen anstatt im Talar, dann geben wir ihm einen Fußtritt. Der„christliche Staat ist eine Ironie, thatsächlich herrscht nur der Stärkste, wie bei den Büffeln der Prairien. Das Interesse einzelner Personen und einzelner Gruppen, nicht der Patriotismus führt in der Regel das große Wort in den Parlamenten. entnommene Ge⸗ schichte die Runde, wonach ein Werber aus England einen Hafenarbeiter in Altona unter einer seiner Schriften wie folgt aus über unser Heuchel- gell 15 de litel, Del Pfarte origel ihn zul demokr Dann 0 mus denn Mill Ih vol aufs zu! Got Di töpfen sind, weil f fürchte Pastol ah U an 0 fetzt ei ene Ge. eber auß la unte Eintih fe gm öl, währen den, al ihm ei ihn dan und ei wie A. l nen dich 1 Denß 5s ist in Afri. Stammes Vorteil sso unt, mit den den Ge isbn in den hen Eng geprügel n solch lbe Pres cher un etz. onseguen 1 ic ist du Lande, erufung enthebüh menfral sitoru 15 ande haben U a0 0 Hanna rden d., n nüchl N en bell ö 0 nderolh sch ner fel Heut 1 1 7 und d. 1 an iger N. 1 0 L, 6% ( 1 10 6 0 bun, 0 fill 0 U 1 0 1 Nr. 47. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Wie lange haben wir Schweizer nicht debattiert über den Dreizehntelliter und den Vierzehntel⸗ liter, über Jagdgesetze, über gemalte Scheiben und Ofenkacheln, während wir die großen Fragen der Krankenkassen, der Bundesbank und der Eisenbahnen liegen ließen, weil wir zu engherzig und zu uneinig waren, sie aufzufassen! Es giebt ja ganz gewiß ein persönliches Christen⸗ tum, eine millionenfache und aufopfernde Nächsten⸗ liebe, gleichmäßig verteilt unter alle Konfesstonen, Juden und Parsen nicht ausgenommen, aber der Staat ist noch oft eine Heide, und wer an seine innere und äußere Politik den Maßstab eines gebildeten und ehrlichen Menschen anlegen will: der gilt als ein Narr.“ Das gilt auch für andere Staaten. Sozialdemokratischer Pfarrer. Der zur Sozialdemokratie übergetretene Pfarrer Blumhardt erklärte in einer Rede am vorigen Sonntag, daß die Zuchthausvorlage ihn zum öffentlichen Bekenntnis seiner sozial⸗ demokratischen Ueberzeugung veranlaßt habe. Dann sagte er: „Es heißt immer, die Sozialdemokratie müsse ausgerottet werden. Ja, was heißt denn das? Wohin wollt Ihr denn die Millionen von Sozialdemokraten thun? Wollt Ihr sie hinmorden? Nun, wenn Ihr das wollt, dann nehmet mich zuerst! Wenn's aufs Schafott gehen soll, ich bin bereit, greift zu! Ich gehe voran im Namen meines Gottes!“ Die Pastoren, die weislich bei den Fleisch⸗ töpfen der herrschenden Klasse sitzen geblieben sind, sind über diese Bekehrung stark erregt, weil sie die Wirkung auf religiöse Volkskretse fürchten. So predigt der„Reichsbote“, das Pastorenblatt: f „Es muß schon ein hoher Grad persönlicher Verirrung vorhanden sein, wenn ein Geist⸗ licher so sehr die christlich⸗ sittliche An⸗ schauung, daß alle wahre Besserung nur durch sittliche Antriebe hervorgerufen werden kann, so sehr vergessen hat, daß er dem Wahne verfallen kann, die Uebelstände der Zeit würden durch die Umwandlung der be⸗ stehenden Gesellschaft in eine sozialistische be— seitigt werden.“ Und das Pastorenorgan tröstet sich mit dem Gedanken, daß Blumhardts Christentum noch mehr verduften werde, wenn er erst bei den Sozialdemokraten warm geworden.— Das leere Christentum der amtlich Angestellten des Christentums, gewiß; das braucht nicht einmal erst zu verduften, denn es müßte zuvor überwunden sein, ehe sich der Geistliche zur Sozialdemokratie bekannte. Die Notleidenden. Eine interessante Tischkarte lenkt gegen⸗ wärtig in einem Schaufenster Unter den Linden in Berlin die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Diese Tischkarte ist nach der„Br. Ztg.“ geziert mit dem Bildnis des bis vor kurzem noch von der Einkommensteuer befreiten Großgrundbesitzers Frhrn. Konrad v. Wangen⸗ heim, des Vorsitzenden des„Bundes der Landwirte“; der Text lautet: Bund der Landwirte. Provinz Pom⸗ mern. Berlin, den 13. Februar 1899. Speisenfolge: Ochsenschwanzsuppe. Kraft⸗ brühe mit Rindermark. Frischer Hummer mit Remoulade. Hammelrücken, garniert auf königliche Art. Rinderbrust mit Meer⸗ rettig. Pastete auf Toulouser Art. Hasel⸗ huhn in Kasserole. Franz. Poularde. Salat und Kompot. Prinz Pückler⸗Bombe. Käse. Früchte. Die armen Teufel, wie sich die durchhungern müssen. Es ist wahrhaftig die höchste eit, daß man die Zucker⸗ und Schnapsliebesgaben erhöht. Die feitlebenden Taglöhner, Industrie⸗ und Landarbeiter, die Arbeitsbauern, die täg⸗ lich in Pellkartoffeln und Häringen oder in Limburger Käse schwelgen, können ganz gut noch ein bischen mit Steuern belastet werden, Der Krieg in Südafrika. Nichts neues aus Afrika lautet nach wie vor die Antwort auf die Frage nach der er⸗ warteten, entscheidenden Wendung auf dem Kriegsschauplatze. Die Engländer ah dafür fort, die Zeitungen mit Nachrichten über die Entsendung neuer Hilfstruppen nach Südafrika zu versorgen. Seit vorigem Donnerstag sind 12 Transportschiffe mit insgesamt etwa 15 000 Mann Verstärkungen am Kap angekommen. Aus dem Reichstag. Am Dienstag hat der Neichstag seine Arbeiten wieder aufgenommen. Das Haus war nicht schlecht besucht. Ueber hundert Abgeordnete hatten fich gleich bei Eröffnung der Sitz ung eingefunden. Auch Herr v. Stumm war gesundet und bereit, seine Kraft in den Dienst der Zuchthaus vorlage zu stellen. Bald wird die zweite Beratung dieses Ge⸗ setzes beginnen. Vor Beginn der Sitzung hat heute der Seniorenkonvent beschlossen, die Zuchthaus vor— lage als erstes und eigentliches Stück der Beratungen vor Weihnachten zu erledigen. Die Verlegenheits-Tagesordnung, Petitionen und Wahlprüfungen, die der Präsident für Dienstag zurecht gemacht hatte, nahm längere Zeit in Anspruch, als erwartet werden konnte. Da war zunächst die Wohnungsfrage, die durch eine Petition des Pastors von Bodelschwingh ange⸗ schnitten wurde. Pastor von Bodelschwingh verlangt gemeinsam mit dem bekannten christlichsozialen Licenttaten Weber den Erlaß eines Reichswohnungsgesetzes. Die Petitionskommisfion schlug Uebergang zur Tagesordnung vor, weil sie der Ansicht war, daß die Regelung der Wohnungsfrage Sache der Landesgesetzgebung sei. Hiergegen richtete sich die Debatte, in die von unserer Seite die Genossen Schmidt⸗Frankfurt a. M. und Wurm eingriffen; sie unterließen nicht, mit allem Nachdruck auf den reaktio⸗ nären Pferdefuß hinzuweisen, der aus allen christlich⸗ sozialen Arbeiterwohnungsanträgen hervorguckt, die Fesse⸗ lung der Industriearbeiter an die Scholle. Treffend führte Schmidt aus, daß das einzige Mittel zur Be⸗ seitigung der Wohnungsnot die Hebung der Lebens- lage der unteren Klassen sei. Genosse Wurm unterstützte einen Antrag Schrader, zunächst eine besondere Kommission zu wählen, die Er⸗ hebungen über die Wohnnngsnot anstellen soll. Dieser Antrag wurde angenommen.— Gegen die Trunksucht sollen Gesetze gemacht werden, so verlangten mehrere Petitionen. Dagegen nahm uuser Gen. Wurm das Wort, um sich gegen ein derartiges Gesetz auszusprechen. Er führte aus: Die Trunksucht tritt überall am stärksten auf, wo die sozialen Verhältnisse die Bevölke⸗ rung veranlassen, sich durch betäube de Mittel über ihr Elend hinwegzuhelfen. Bessern Sie die soziale Lage des Arbeiters, dann schwindet die Trunksucht von selbst. Wenn der Arbeiter auskömmlichen Verdienst hat, dann ist er kein Trinker mehr. Wenn der industrielle Arbeiter gegen Ausbeutung geschützt wird, so hilft das mehr als alle Strafgesetze gegen die Trunksucht. Gewiß wird die Trunksucht auch durch den Mangel an Selbsterziehung mit verschuldet, wer aber ist Schuld daran, wenn der jugendliche Ar⸗ beiter vorzeitig industriell thätig sein muß und sich geistig nicht ausbilden kann? Wer schafft denn die schlechten Schulen und wer läßt die Schüler Formelkram sinnlos auswendig lernen? Merkwürdig ist übrigens, daß die Herren Agrarier sich als solche Gegner des Alkohols aufspielen. Schnapstrinken ist ein Verbrechen, wer aber Schnaps brennt, bekommt Staatsprämien. (Große Heiterkeii.) Viel wäre schon gewonnen, wenn an Stelle des absolut schädlichen Schnapses das harm⸗ losere Bier tritt. Das ist aber nur bei sozialer Besserstellung des arbeitenden Volkes möglich. Ein Polizeigesetz gegen die Trunksucht wäre der Pol i⸗ zeibehörde nur noch größere Möglichkeit gegeben, einzelne Gastwirte zu schikanieren und die Arbeiterlokale noch ungünstiger als bisher zu behandeln. Schon jetzt sind die Arbeiterlokale auf Polizeistunde gesetzt, obwohl keine Excesse dort passieren, während solche Beschränkungen für die Lokale, in denen andere Bevölkerungskreise verkehren, nicht vor⸗ handen sind, obwohl in manchen dieser bürgerlichen Lokale neben dem Bacchus und Gambrinus noch anderen Gottheiten gehuldigt wird.(Oeiterkeit.) Das Uebel der Trunksucht kann mit solchen scheinbaren sozialen Gesetzen nicht erfolgreich bekämpft werden. Das vermag allein die soziale Besserstellung der Arbeiterklasse. damit sich die„großen“ Notleidenden wenigstens anständig satt essen können. r Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strens ste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— ir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Die Urwahl in Gießen⸗Land. * Sozialdemokratische Wahlmänner wurden gewählt in: Alten⸗Buseck 2, Daubringen 1, Großen⸗ Buseck 3, Hausen 1, Rödgen und Trohe 1, Watzenborn⸗Steinberg 3, Wieseck 5, zusammen 16. Heuchelheim, das 3 Wahlmänner zu stellen hat, ging verloren, trotzdem wir bei der letzten Reichstagswahl dort 281, alle Gegner zusammen nur 73 Stimmen aufbrachten. Wir sind mit 34 Stimmen unterlegen. Das wäre nicht ge⸗ schehen, wenn nicht viele Arbeiter, die keine Minute versäumen wollten und deshalb bis sechs Uhr in Gießen arbeiteten, erst wenige Minuten vor sieben Uhr am Wahllokal erschienen wären, das bekanntlich zehn Minuten zu früh Aae wurde, weil der Sohn des kranken irchendieners die Uhr vorgerückt hatte. Antisemitische Wahlmänner wurden ge— wählt in: Lang⸗Göns 3, Leihgestern 2(Antis. erzielte 96, wir 84 Stimmen), Klein⸗Linden 2, Mainz⸗ lar 1, Annerod 1, Lollar 1(9), Staufenberg 1, zusammen 10—11. Für die versteckt national⸗liberale Undings⸗ Kandidatur wurden Wahlmänner gewählt in: Großen⸗Linden 3, Heuchelheim 3, Rutters⸗ hausen 2, Allendorf a. d. L. 1, Oppenrod 1, Lollar 1, zusammen 10. In allen angeführten, zum Wahlkreise ge⸗ hörigen Orten wurden bei der vorjährigen Reichstagswahl abgegeben: 1827 sozialdemokratische Stimmen, 900 antisemitische Stimmen, 548 Kuddelmuddel⸗-Stimmen. Die Sozialdemokratie zählte fast 400 Stim⸗ men mehr, als die gegnerischen Parteien zu⸗ sammen. Und doch wird jetzt zunächst als „Sieger“ der Kandidat derjenigen Parteien in den Landtag einziehen, die am schwächsten im Kreise vertreten sind. f Das Wahlergebnis in Gießen⸗Land wird bei den kommenden Verhandlungen im Landtag über die Einführung direkter Wahlen nicht ohne Erwähnung bleiben. Zeigt es doch mit aller Deutlichkeit, daß es höchste Zeit ist, auf⸗ zuräumen mit einem Wahlsystem, das„Volks⸗ vertretungen“ zustande bringt, die den Willen des Volkes wiederspiegeln, wie der Hohl⸗ spiegel in einem Lachkabinett das Gesicht des Hineinblickenden: zur Unkenntlichkeit ver⸗ zerrt! Was wir gebrauchen und verlangen ist die direkte Wahl am Sonntag! Gestern noch auf stolzen Rossen. * In seiner letzten Sonntagsnummer, die drei Tage nach stattgehabter Urwahl erschien, nahm Herr Hirschel seinen Mund wieder ge⸗ hörig voll. Jubelnd trompetete er die„Nieder⸗ lage“ der Sozialdemokraten und den glänzenden „Sieg“ der Autisemiten aus: „21 Stimmen haben sich auf uns(also auf den Hirschel) vereinigt, während die Sozial⸗ demokraten es nur auf 16 brachten.. Das war im Großen gehirschelt; für den sozialdemokratischen Kandidaten waren aller⸗ dings 16 Wahlmänner gewählt, aber für den Hirschel nicht 21, sondern höchstens 11111 10 Stimmen vereinigte Herr Leun auf sich, der in so bewundernswerter Manier dem Hirschel ein Bein gestellt hatte. Aber das machte den tapferen Hirschel nicht irre. Zunächst posaunte er in der ihm zur zweiten Natur gewordenen Weise„Sieg“ in die Welt, genau so wie die Engländer ihre„Siege“ über die Buren hinaus⸗ telegraphieren. Und laut klang durch die Straßen Offenbachs das liebliche Stimmchen des„Siegers“ Hirschel: Immer noch auf stolzen Rossen! Heute durch die Brust geschossen. * Zwischen dem„gestern“, wo Herr Hirschel noch auf stolzen Rossen saß, und dem„heute“, wo er abgeworfen im Graben klagt, liegt eine fürchterliche Nacht. Die 21 Hirschelmänner lee rere e —— SS und nun auch die Oberhessen! Seite. 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 47. schrumpften immer mehr zusammen, bis aus der 2 eine 1 und so aus der 21 eine 11 ge⸗ worden war. Na, der Katzenfammer! Und still klagend schloß sich der gestern noch so Stolze in sein stilles Kämmerlein und nun klang es durch die Nacht leise, und immer leiser: Heute durch die Brust geschossen! Morgen in das kühle Grab. * Im Todeskampf kamen dem Architekten Hirschel die wunderbarsten Gedanken: Kaum ein Jahr, daß dich die Odenwälder heimschickten Eine verfluchte Geschichte! Ja, hättest du doch wenigstens nicht den Mund so voll genommen. O, Ottochen, hättest du das geahnt, dann wärest du gewiß nicht von Bürgermeister zu Bürgermeister kutschiert, du hättest gewiß nicht im geheimen, hinter verschlossenen Thüren„agitiert“, du wärst hübsch in Offenbach geblieben, hättest Sieges⸗ nachrichten für deinen Arizonakicker fabriziert und dir eine furchtbare Blamage erspart. O, es ist schauderhaft! Ich, der große Otto, gestern noch auf so stolzen Rossen und heute, schon in die Brust geschossen. Und morgen geht's ins kühle Grab.— Ja, nun ist er anz tot, der große Hirschel. Er erklärt in feinem Blatt, daß er zu gunsten des Kandidaten Leun zu rücktritt, um einen Sieg der Sozial⸗ demokratie zu verhindern. Volksvertretung auf Abbruch. * Der Großen-Lindener Bürgermeister Leun, der es sich vor kurzem zwar verbat, mit dem „Unding“ einer dritten Kandidatur in Gießen⸗ Land in Verbindung gebracht zu werden, dann aber plötzlich im letzten Augenblick doch auf der Bildfläche erschien und im antisemitischen Lager eine wahre Revolution hervorrief, wird vorläufig Abgeordneter des Kreises Gießen⸗ Land werden, da Herr Hirschel von seiner Kan⸗ didatur zu gunsten Leuns zurückgetreten ist. Letzterer selbst bezeichnete seine eventuelle dritte Kandidatur für ein„Unding“. In unseren Augen trifft diese Bezeichnung noch viel mehr auf das von Herrn Leun„eroberte“ Ab⸗ gebrdneten⸗Mandat zu. Er verdankt dasselbe dem Buben des Heuchelheimer Kirchendieners. Herr Leun wird gewisser⸗ maßen nur Volksvertreter„auf Abbruch“. Nach seiner Wahl geht an den Landtag sofort Protest ab und der Landtag wird keinen Ver⸗ treter in seiner Mitte dulden, der auf so merk⸗ würdige Weise„gesiegt“ hat. Die Wahl der Heuchelheimer Wahlmänner und damit die Wahl des Herrn Leun müssen vom Landtag für ungültig erklärt werden. Dann werden unsere Genossen in Heuchelheim die Scharte, die ihnen von den Lennianern in der hinter⸗ listigsten Weise beigebracht wurde, auswetzen, dessen sind wir gewiß. Mit den Heuchelheimer drei Wahlmännern verfügen wir über die ab⸗ solute Mehrheit und dann wird Herr Leun, der jetzt auf freisinnig⸗nationalliberal⸗antisemi⸗ tischen Kirchendienersbuben⸗Krücken in den Land⸗ tag humpelt, wieder ausziehen müssen, um einem Vertreter der weitaus stärksten Partei in Gießen-Land Platz zu machen. Herrn Hirschel mag diese Ansicht nicht in letzter Linie bewogen haben, auf die Mitwirkung in des Trauerspiels letztem Akt Verzicht zu leisten und die Rolle des„Helden“, der erst in der letzten Szene fällt, großmütig Herrn Leun zu überlassen. Zu früh gefreut. * Daß den Sozialdemokraten zur absol uten Wahlmänner⸗Mehrheit in Gießen⸗Land nur drei Stimmen fehlen und daß diese drei Stim⸗ men höchst wahrscheinlich bald in Heuchelheim für uns gewonnen werden, hat verschiedenen Meuschen arge Kopfschmerzen bereitet. Groß war deshalb die Freude, als es hieß, irgend ein Schlaukopf habe herausgekriegt, daß unser Großen⸗Busecker Wahlmann Dambmann nicht als Wahlmann anerkannt werden könne. Er versteuere zwar anstatt der erforderlichen 80 Mark Normalsteuerkapital sogar mehr als 110 Mark, aber das Steuerkapital werde bei ihm zum weit größten Teil nicht, wie es das Gesetz verlange, aus Grund- oder Kapitalrenten ge⸗ bildet. Das war allerdings eine grund⸗ falsche Auffassung der gesetzlichen Be⸗ stimmung, aber der Wahlkommissar, Re⸗ gierungsrat Dr. Wagner, hielt sie für richtig und ordnete für Donnerstag Vormittag eine Ersatzwahl für Dambmann in Großen⸗Buseck an. Gen. Scheidemann intervenierte am Dienstag Vormittag bei dem Regierungsrat, leider vergeblich. Nun reiste er sofort nach Offenbach, um vom Gen. Ulrich das nötige Beweismaterial herbeizuschaffen, daß die ange⸗ ordnete Neuwahl ungültig sein würde, laut früheren Kammerbeschlüssen. Am Mitt⸗ woch früh wieder Intervention beim Regie⸗ rungsrat, dessen Auffassung doch nun so weit erschüttert wurde, daß er um Instruktion an das Staatsministerum telegraphierte. Gen. Scheidemann wurde auf den Nachmittag noch⸗ mals bestellt, die Antwort aus Darmstadt blieb aber aus. Aus eigener Machtbefugnis wollte Regierungsrat Wagner die von ihm an⸗ geordnete Neuwahl nicht wieder inhibieren. Das Arbeiter⸗Wahlkomitee ließ noch am Mitt⸗ woch Abend eine Flugschrift für die Großen⸗ Busecker Arbeiter drucken, in der diese auf⸗ gefordert wurden, nicht zur Wahl zu gehen, weil Dambmann rechtmäßig gewählter Wahl⸗ mann sei und bleibe, daran könne niemand etwas ändern. Kein Arbeiter wählte daraufhin. Die Antisemiten aber schleppten wieder alle ihre Leute an die Urne. Und als dann die Stimmen gezählt wurden und der„neue“ Wahl⸗ mann so gut wie einstimmig gewählt war, da kam aus Gießen eine Depesche, die wie eine Bombe wirkte. Sie wird wohl ungefähr ge⸗ lautet haben: Neue Wahl ungültig. Damb⸗ mann rechtmäßiger Wahlmann!— Na, die langen Gesichter! Aus Lollar. * Man schreibt uns aus Lollar: Es werden sich viele Leute, die in unsere Verhältnisse nicht eingeweiht sind, wundern, daß in einem In⸗ dustrieort wie Lollar keine sozialdemokratischen Wahlmänner gewählt worden sind. Es fällt hierbei besonders ins Gewicht, daß gut die Hälfte der hiesigen Arbeiter, die teils 10—20 Jahre in Lollar wohnen, nicht wählen durften, weil sie keine geborene Hessen sind. Hätten sich dieselben naturalisieren lassen, so wäre uns der Sieg trotz verzweifelter Anstrengung der Gegner sicher gewesen. Die nächsten Wahlen werden zeigen, daß wir in Lollar nicht zurück;, sondern vorwärts schreiten. Es war am Wahl⸗ tage eine Aufregung im Dorfe, wie sie nie vorher dagewesen. Alles, was noch trans⸗ portabel war, wurde von den Gegnern an die Urne geschleppt. Dabei handelte es sich bei den Gegnern nicht um die Wahl eines Land⸗ tagsabgeordneten, sondern darum, zwei„Großen“ im Dorfe die„Ehre“ anzuthun“, sie zu Wahl⸗ männern zu wählen. Herr Hirschel hat sich sehr getäuscht, wenn er die Wahlmänner für sich reklamierte. Der eine Wahlmann wenig⸗ stens, der Rechner, hat öffentlich erklärt, daß 5 kein Antisemit sei und Leun wählen würde. Aus Marburg. h. Am Samstag Abend fand eine öffent⸗ liche Parteiversammlung statt, in der Genosse Scheidemann⸗Gießen über den hannoverschen Parteitag Bericht erstattete. Nach kurzer Dis⸗ kussion erklärte sich die Versammlung einstimmig mi den Parteitagsbeschlüssen einverstanden.— Im ferneren Verlauf der Versammlung wurde dem früheren Vertrauensmann Genossen Euler einstimmig Decharge erteilt, ebenfalls der Kol⸗ portagekommission auf Antrag der Revisoren. — Gen. Härtling wurde sodann einstimmig als Vertrauensmann wieder gewählt. Zum Schlusse gedachte der zweite Vorsitzende unseres verstorbenen Genossen Müller in Aschaffen⸗ burg. Die Versammlung ehrte das Andenken des Verstorbenen, der mehr als 80 Jahre in Marburg gelebt hat, durch Erheben von den Sitzen.— Am Samstag über acht Tage hält der Parteigenosse Albert Meyer einen Vor⸗ trag über das kommunistische Manifest und das Erfurter Programm. Wir machen schon heute auf diesen Vortrag aufmerksam und bitten um zahlreichen Besuch. a Wie die Naumänner ablösen. * Die National⸗Sozialen tragen sich be⸗ kanntlich mit der menschenfreundlichen Absicht, die Sozialdemokratie„abzulösen“. Vorläufig allerdings brauchen wir uns wohl keiner allzu⸗ großen Sorge dieserhalb hinzugeben. Es wird noch einige Zeit ins Land gehen, bis uns die Naumänner mit Haut und Haaren vertilgt haben. Einstweilen scheinen wir noch die Naumänner„abzulösen“. Nach Pastor Göhre hat jetzt ein weiterer Theologe, Albert Meyer, der eines Gehörfehlers wegen auf die seel⸗ sorgerische Thätigkeit Verzicht leisten mußte und dann als alter Anhänger Naumanns in die Redaktion der dem Herrn von Gerlach ge⸗ hörigen„Hessischen Landeszeitung“ in Marburg eintrat, seinen Abschied von den National⸗ Sozialen genommen. Meyer ist„nach ernster Arbeit zu der Einsicht von der Wahrheit des demokratischen marxistischen Sozialismus ge⸗ kommen“ und hat die Konsequenzen seiner Ueberzeugung gezogen. Er hat seinen Aus⸗ tritt aus dem nationalsozialen Verein erklärt und ist der sozialdemokratischen Partei beigetreten. Herr Naumann wird die große„Ablösung“ noch ein wenig vertagen müssen. Ein prächtiges Weihnachtsgeschenk hat die„Buchhandlung Vorwärts“ in Form zweier Kunstblätter in Kupfer⸗Radirung auf chinesischem Papier, die die lebensgroßen Port⸗ raits von Marx und Engels darstellen, auf den Markt gebracht. Diese Kunstblätter, deren Größe 85465 Centimeter, sind von einem der ersten Radirkünstler gestochen worden und stellen eingerahmt einen künstlerischen Wand⸗ Schmuck dar, wie man ihn in den Wohnungen der Arbeiter nicht angetroffen hat. Die Kunst⸗ blätter, die im Kunsthandel mindestens 15 bis 20 Mark kosten würden, werden zum Preis von 4 Mark für ein Bild und 7 Mark für die beiden Bilder geliefert werden. Gleichzeitig hat die„Buchhandlung Vorwärts“ geschmackvolle Rahmen mit Prima⸗Glas zu den Kunstblättern zum billigen Preis von 5,50 Mk., 7,50 Mk., 9 Mk. und 11 Mk. anfertigen lassen, die nach auswärts einen Aufschlag von etwa 1 Mark pro Stück für Fracht und Verpackung erfahren dürften. Die Herausgabe dieser Kunst⸗ blätter soll nicht dem Gewinn dienen, sondern ist lediglich erfolgt, um den künstlerischen Geschmack der Massen zu bilden. Allen Genossen, die einen Wert darauf legen, ihr Heim künstlerisch zu schmücken, können wir den Erwerb dieser Kunstblätter, deren niedrigen Preis es auch dem Minder⸗Bemittelten erlaubt, sich in den Besitz eines wahrhaft künstlerischen Wandschmucks zu setzen, bestens empfehlen. Im Laden des Genossen Schneider, Sonnenstraße 25, sind die Bilder zur Ansicht ausgestellt. Der brüllende Löwe. Man schreibt aus Köln: Folgender kleine Vorfall ist nicht etwa als Karnevals⸗Ulk aus⸗ gedacht, sondern hat sich genau in der ange⸗ gebenen Weise zugetragen: Ein elegant geklei⸗ deter junger Mann betrat in den letzten Tagen einen hiesigen stark besuchten Münchener Bier⸗ palast und bestellte einen Krug Münchener. Nachdem der Kellner ihm das Gewünschte ge⸗ bracht hatte, öffnete der Gast den Deckel des Kruges und begann dann so fürchterlich zu brüllen, daß die Gäste bestürzt auf⸗ sprangen und die Damen sich ängstlich in die Ecken drückten. Bald darauf trat der Inhaber des Ausschanks herzu und fragte mit teil⸗ nehmenden Worten den unausgesetzt Brüllenden, ob er plötzlich krank geworden sei und ob vielleicht schnell zu einem Arzt geschickt werden solle. Der Brüllende hielt nun einen Augen⸗ blick inne, verzog das Gesicht zu einem Lächeln und zeigte auf einen Sinnspruch an der Wand hin, der also lautete: „Brülle, wie der Löwe brüllt, Wenn der Krug nicht ganz gefüllt!“ „Und hier überzeugen Sie sich“, sagte der Herr dann lächelnd,„es fehlen noch zwei Ouer⸗ finger unter dem Aichstrich in meinem Kruge! in b! e Nn wandte dem An de We ehr el dere Ernste Aus G. dag ett Kubitst Abend legung Kranke erzählt er Mol fe Schle sondert Noch! stiue erklärt der Ko komme straße waffnu vartet Die st holfen Kinde kuligt, Al I. Mold Meeh einem berbi chuse süchti Tera währ ehen bon 9 ist m Akkob auf Wie gleich del Veke bersa fa losse Not Ager elfol kom dem ber fünf ewe N her, sell⸗ 8 in burg ional⸗ nter it des 3 ge⸗ seinen Aus⸗* erein schen ung“ f enk Form 9 auf Port⸗ 1, auf deren m der un) Wand- ungen Kun ⸗ 18 15 1 zun Mark erden. särts“ zu den Mk., lassen, ewa! aug Kunst⸗ ondern ichen Alen , iht hir del. edrigel laub, erischen l. In tra l. T lente lt aul al gelle Tage 1 Vlel⸗ chte g el terlit it. 00 I. gh 1 nuße 9 9 Nr. 17. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Der Weltuntergang in Berlin. Der Weltuntergang, der für den 13. No⸗ vember angesetzt war, ist in der Reichshaupt⸗ stadt und wahrscheinlich auch anderswo, nicht ganz ohne Folgen geblieben. Davon berichtet der lokale Teil Berliner Blätter. Bereits am Samstag wurden von verschiedenen Vereinen „Abschiedsfeierlichkeiten“ veranstaltet, bei denen es recht lustig zuging. Manche Klubs waren mit Erfolg bemüht, das Vereinsgeld noch rasch in Form von Getränken„kleiu“ zumachen. In der Nacht zum Sonntag fand in der Ger⸗ traudtenstraße eine Schlägerei statt, die von dem Angreifer damit begründet wurde, daß ja die Welt untergehe und eine Strafe ihn nicht mehr ereilen könne. Ein Schutzmann war aber anderer Ansicht und nahm den Maun fest. Ernsthafter zu nehmen ist ein weiterer Fall: Aus Furcht vor dem Weltuntergang hat sich das etwas schwachsiunige Dienstmädchen Anna Kubitschek aus der Köpenickerstraße am Samstag Abend die Pulsadern durchschnitten. Nach An⸗ legung eines Notverbandes wurde sie ins Krankenhaus gebracht.— Ein Charlottenburger erzählt der„Tgl. R.“ folgendes Erlebniß, das er Montag früh in seiner Familie gehabt: Der siebenjährige„Buwi“ will heute nicht zur Schule gehen, weil er nicht mit dem Lehrer, sondern mit der Mama„untergehen“ will. Nach längerem Hin⸗ und Herreden nimmt ihn seine zehnjährige Schwester auf die Seite und erklärt ihm, er brauche keine Angst zu haben, der Komet, ein Stern so groß wie ein Mann, komme allerdings, er werde aber in der Berliner⸗ straße von zehn starken Männern, die als Be⸗ waffnung große— große Stangen haben, er⸗ wartet und diese würden ihn wieder verjagen. Die strengen Worte des Vater haben nicht ge⸗ holfen— die Phantasie eines Kindes war dem Kinde aber zugänglich, und„Buwi“ ging be⸗ ruhigt mit seinen Schwestern zur Schule. Alkoholismus als Ehehindernis. Immer lebhafter wird in allen Staaten Nordamerikas die Volksbewegung gegen die Verehelichung von Personen, die mit irgend einem schweren Gebrechen behaftet sind. Bereits verbieten die Staaten Pennsylvanien und Massa⸗ chusets die Heirath unter Syphilitischen, Trunk⸗ süchtigen, Epileptischen und Schwindsüchtigen. Texas schließt nur die Epileptischen aus, während Ohio und Maryland im Begriff stehen, Phthisische, Alkoholiker und Syyphilitische von der Verheiratung ausschließen. In Amerika ist man also bereits auf dem Standpunkt, daß Alkoholismus iu Bezug auf Vererbung und auf Austeckung den gefaͤhrlichsten Volksseuchen, wie Lungenschwinsucht, Syphilis u. A. m., gleichzustellen ist. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Gortrag.) Am Sonntag, den 26. November, wird der Arb.-Bildungs⸗ Verein(Gewerkschafts⸗Kartell) seine General— versammlung abhalten. Auf der Tagesordnung steht unter anderem ein Vortrag des Parteige⸗ nossen Albert Meyer⸗ Marburg. Siehe die Notiz:„Wie die Naumänner ablösen“ in heu⸗ tiger Nummer.) * Gießen.(Stadttheater.) Ein sehr erfolgreiches Gastspiel hat der bekannte Charakter- komiker C. W. Büller hier absolviert. Außer dem großen künstlerischen Erfolg sicherte Büller der Direktion auch volle Häuser. Bisher sind fünf Volksvorstellungen gegeben worden, davon waren die vier letzten Lustspiele. Es dürfte sich nunmehr empfehlen, auch einmal etwas anderes zu spielen. * Abgeordnetenwahl. Die Wahl der Abgeordneten durch die Wahlmänner soll am Samstag stattfinden. Für den Kreis Gießen⸗ Land findet die Wahl im Burgsaal auf dem Staufenberg statt. 1 * Marburg. In der Asbsicht, die „Oberhessische Zeitung“ auf den Leim zu locken hatte das hiesige nationalsoziale Blatt in zwei Exemplaren ihrer Nummer vom 4. März d. J. eine Nachricht eingeschoben, in welcher von einem angeblichen Morde auf einer Mühle Mitteilung gemacht wurde. Die Folge davon 8 war eine Klage des Müllers Saenger gegen den Berichterstatter J. Becker, der die Verant⸗ wortung für die betr. Notiz übernommen hatte. Becker wurde der verleumderischen Beleidigung schuldig gesprochen und zu 14 Tagen Gefäng⸗ nis verurteilt. — Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, 19. No vember: Wieseck. Tabakarbeiterversammlung nachm. 3 Uhr bei Wacker. Friedberg. Wahlverein bei Gastwirt Ihl zur „Stadt Newyork“ um 10 Uhr. Marktbericht. Gießen, 11. Nov.(Marktbericht.) Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.90.— bis 1.00 Mk., Hühnereier p. St. 7—9, 2 St. 00- 00Pfg., Enteneier 1 St. 0—0 Pfg., Gänseeier p. St. 00 bis 00 Pfg., Käse 2 St. 5—8 Pfg., Käsematte 2 St 5— 6 Pfg., Erbsen p. Ltr. 18 Pfg., Linsen p. Ltr. 29 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.70— 0.80, Hühner per Stück Mk. 1.00— 1.10, Hahnen per Stück Mk. 0.60— 1.00, Enten per Stück Mk. 1.50— 2.40, Gänse per Pfund Mk. 0.48— 0.60, Ochsenfleisch per Pfund 68— 74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62 64 Pfg., Schweine⸗ fleisch per Pfd. 66—74 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 78 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 64 bis 66 Pfg., Hammelfleisch ver Pfd. 50—60 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 4.00— 0.00, Weißkraut per St. 00—00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 5.00— 6.00, Milch p. Liter 16 Pfg., Zwetschen per Ctr. 00 00. Mk. Letzte Nachrichten. Landtagswahlen in Baden. Es wurden vier Sozialdemokraten gewählt: Dreesbach und Geiß in Mannheim, Opifizius in Pforzheim und Fendrich in Durlach. In Karlsruhe ging der ganze Mischmasch gegen uns und so unterlag Gen. Lutz mit 74 Stimmen gegen den Konservativen Stockhorner, der 97 Stimmen erhielt. Schiffsbrand. Der deutsche Dampfer „Patria“ ist auf der Reise von Amerika nach Hamburg in Brand geraten. Die Passagiere wurden von einem anderen Schiff gerettet und in England gelandet. Vom afrikanischen Kriegsschau⸗ platz. Ladysmith, ein gut befestigter und wichtiger Stützpunkt der Engländer, hat sich nach 14 tägiger Belagerung den Buren er⸗ geben. Es sind somit die Hoffnungen der Engländer auf Entsatz dieses Waffenplatzes durch die am Kap eingetroffenen neuen Truppen zu nichte gemacht worden. b iessesn Stacttheates Sonntag, den 19. Nov., nachm. 4 Uhr: Kinder vorstellung. Hönig Tussendschön. Abends 8 Uhr: Die wilde Katze. Dienstag, den 21. Nov.: Im weissen Rössl. Lustspiel in drei Akten. Mittwoch, den 22. Nov.: Sechste Volksvorstellung: Der Hüttenbesitzer. Schauspiel in vier Akten. Freitag, 17. Nov.: Das Opferlamm. Lustspiel⸗Novität von Walter und Stein. Sonntag, den 26. Nov.: Marianne, ein Weib aus dem Volke. Schauspiel von Drexler- Manfred. FFB 9 2— e Ba 2 2 Unterhaltungs⸗Teil. * Mannessinn. Drei Dinge will ich preisen, So lang ich singen kann, Uud keine Macht der Erden Raubt mir den Glauben dran. Das erste thut mir schüchtern Ein zart Geheimnis kund, Das ist in weichen Armen Ein Kuß von liebem Mund. Das andre klingt und jubelt, Hell auf in lauter Lust, Das ist im Freundeskreise Ein Lied aus froher Brust. Das dritte braust wie Wetter And trifft mit Blitzeskraft, Das ist im Menschenleben Die That, die Rechtes schafft. Der Kuß erstirbt im Kusse, Das Lied verweht die Seit: Die That des Mannesmutes Gehört der Ewigkeit. Glückselig, wem die Liebe, Und wem die Muse lacht! Doch selig, dreifach selig, Wer eine That vollbracht! (Aus E. Bormanns humoristischem Hausschatz.) Warum? Skizze von Fritz v. Schönfeld. „... Ja richtig, noch etwas wollte ich Ihnen sagen, bevor Sie gehen! Dieser Karger, der da in ihrer Abteilung arbeitet, hat gestern in einer Parteiversammlung— wie diese Auf⸗ wiegler es nennen— wieder einen großmäch⸗ tigen Lärm gemacht über die Unterdrückung der Arbeiter in meiner Fabrik... Der Kerl macht Propaganda für Unzufriedenheit und Ungehorsam unter den Leuten... Lassen Sie ihm heute Abend nach Arbeitsschluß seinen Lohn auszahlen. Mag der Halunke hingehen, wohin er will;... soche Leute mache ich schon noch kirre, denn, gottlob, noch sind wir die Herren! „Herr Baumann, es wäre vielleicht doch etwas voreilig, wenn man den Mann so Knall und Fall entläßt“, gab der Aufseher seinem Chef, dem Besitzer der großen Spinnerei, zur Antwort;„Karger ist einer der besten Arbeiter und beliebt bei seinen Kameraden.. Es könnte böses Blut...“ „Was?... Wollen Sie vielleicht auch noch diesen Lumpen in Schutz nehmen und mich belehren, was ich zu thun habe?... Sie .. nehmen Sie sich in Acht!... Ich habe jetzt überhaupt schon öfters bemerkt, daß Sie viel zu nachsichtig sind gegen die Leute!.. Und jetzt wollen Sie gar noch so einen noto⸗ rischen Hetzer verteidigen?...“ „Der Mann hat ein krankes Weib und drei kleine Kinder zu ernähren“, wagte der Aufseher bescheiden einzuwenden.„Herr Baumann, ich bitte Sie für ihn um Nachsicht. Wenn Karger von hier entlassen wird, so ist er brotlos— und so arg meint er es ja nicht mit dem, was er spricht, es ist nur das Elend, die Not, die ihm vielleicht etwas schärfere Worte in den Mund legen...“ „.. Jetzt habe ich aber genug davon!“ brauste der Fabrikherr auf;„noch ein Wort und Sie sind ebenfalls entlassen!.. Das fehlte mir noch!... Schweigen Sie... kein Wort mehr... es bleibt bei dem, was ich angeordnet habe.. So... und jetzt können Sie wieder gehen... Gott befohlen!“ ** * „Der Mann, über dessen Haupt das Ver⸗ hängnis lauernd kreist, steht unterdessen ahnungs⸗ los vor dem Spinnstuhl, der mit monotoner Regelmäßigkeit auf⸗ und abläuft Auf n PD erer 2——— Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 47. seiner tiefgefurchten Stirn liegt ein düsterer Schatten von Kummer und Weh. Er hat heute die 1 Arbeitslust ver⸗ loren!... Sein Weib wird immer kränker, schwächer— und die hungrigen Kinder schreien nach Brot... Den kärglichen Lohn haben die Auslagen für Arzt und Apotheker längst aufgezehrt... Hunger und Not pochen an die Thür... Und er selber Immer nur freudlos sich rackern und plagen für die Andern— für die Reichen... um ein paar elende Groschen... Um den Sklavenlohn! ... Immer dastehen, von früh bis abends, vor den flimmernden, surrenden Rädchen und Spindeln, die abgerissenen Fäden wieder knüpfen, mit der schwielenbedeckten Hand... Gänz⸗ licher Stillstand der Gedanken, die die Auf⸗ merksamkeit ablenken könnten... eine Maschine unter Maschinen!. ... Da läßt sich die Stimme des Auf⸗ sehers hinter ihm vernehmen:„Karger, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, der Herr hat Sie entlassen; abends nach der Arbeit sollen Sie sich den Lohn holen... Sie wissen ja, wegen gestern, in der Versammlung. 5 ... Als hätte der Blitz vor ihm ein⸗ geschlagen, steht der Arbeiter da... Entlassen! „. Brotlos!... Das schleichende Gespenst des Elends, mit hohlen Wangen, reckt die knochigen Arme nach ihm und den Seinen. Er wird ein Arbeitsloser sein, jetzt im Winter ohne Obdach, ohne Brot!... Allmächtiger! ... Und die kleinen, unschuldigen Würmer sollen dafür büßen, daß sie arm geboren wur⸗ den?... Wo sollte er jetzt Arbeit finden?! ... Ertsetzlich! Bleich wie der Tod steht er vor dem Spinn⸗ stuhl. Er sieht nur ein wirres Durcheinander pon Fäden und Rädern... Sterben— blitzt es ihm durch den Kopf— erlöst sein von all' der Mühsal, allen Sorgen!— Nichts mehr hören und sehen von dem gräßlichen Elend, das in allen Ecken kauert!. Ja— das ist es, was er sich wünscht: Sterben! Und wie zur Antwort tönt es aus dem Motor entgegen: Sterben!... Sterben— schnurren die klappernden Rädchen, keuchen die hastenden Riemen... Sterben, sterhen! Es zieht ihn mit unbezwingbarer Gewalt hin zu der brausenden Maschine, die mit rapider Schnelligkeit ihre Arbeit verrichtet Jetzt neigt er langsam den Kopf nach vorn.. dann, ein plötzlicher Ruck... ein entsetzlicher Schrei gellt durch den Arbeitsraum... und hoch oben im Schwungrad hängt ein blutender, verstümmelter Körper.. ... Friedlich und summend spinnen die Rädchen, zittern die Fäden... die Spinn⸗ stühle klappen auf und zu... als ob nicht eben ein blühendes Menschenleben für immer zerstört worden wäre. ** * „... Was wollen Sie denn schon wieder? ... Kann ich denn keinen Moment Ruhe haben?... Also rasch... ich habe keine ei „Herr Baumann, ich wollte nur melden, daß ein Unglück geschehen ist. Der Karger ist in die Maschine gekommen— wie, das wissen wir nicht... und wurde von ihr getötet...“ „So?... Und das hat solche Eile.. Hoffentlich bin ich doch nicht schuld daran! ... Oder soll ich ihn vielleicht wieder lebendig machen?... Wahrscheinlich hat der Kerl noch einen Rausch gehabt von gestern. Natür⸗ lich, jetzt werden diese Hetzer wieder ein Geschrei erheben... das paßt ihnen gerade.. Und diese Scherereien, die man wegen so eines Menschen noch hat... hundertmal zur Polizei und zum Gericht laufen!... Na, lassen Sie Lager in L. Süss Neparaturen gut und billig. Sehr billig und doch gut! Ein Posten Arbeitskleider Anzüge, Joppen, Ueberzieher, weiße und bunte Hemden empfehlen Kuder& Sonneborn Marktstr. 25 u. Neuenweg 17. 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Ringsumher die Trauernden, in achtungs⸗ voller Scheu vor der Majestät des Unglücks, stille Gebete murmelnd. ... Dann kehren ste heim in die ärmlichen Behausungen... in Gedanken erwägend, wer von ihnen wohl der Nächste sein wird in der Reihe der Opfer schonungsloser, gieriger Aus⸗ beutung Neu eingelaufene Schriften. Das Protokoll des hannöverischen Par⸗ teitages ist erschienen und zum Preise von 50 Pfg. durch jede Buchhandlung zu beziehen. Es weist gegen das vorjährige eine erhebliche Verstärkung auf, da es volle 19 Bogen(304 Seiten) umfaßt, was auf die ausführliche Wiedergabe der umfangreichen Debatte über die Grundanschauungen der Partei zurückzuführen ist. In der Ausstattung gleicht es den früheren.— Die Verhandlungen in Hannover waren so wichtig und lehrreich, daß wir die Anschaffung des Protokolls jedem Parteigenossen auf das angelegentlichste empfehlen. ——— Schuhlager Giessen Reichste Auswahl in Arbeitschuhen chaftstiefeln U. S. W. 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