2 2 ii e f * Nr. 29. Gießen, Sonntag, den 16. Juli 1899. 5. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, eee Sonnt Mitteldeutsche kit gs Redaltionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 7 8 Ab ounementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in 1 Sonnenstraße 25, die Direkt durch[Druckerei, Schloßg. 13, die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Hessen. -d- Für den Spießbürger ist jeder Hand— werksbursche schlechtweg ein Faullenzer, ein Landstreicher. Denn, so argumentieren sie: wer arbeiten will, findet immer Arbeit. Unsere Leser wissen, daß es dem arbeitslosen Hand— schuhmacher nichts nützt, wenn Schuhmacher ver— langt werden, daß dem arbeitslosen Bauhand⸗ werker nicht damit gedient ist, wenn ein Buch⸗ druckereibesitzer Schriftsetzer sucht. Bei der heutigen kapitalistischen Wirtschafts⸗ weise wird es immer Arbeitslose geben, selbst wenn, wie es seit Jahren in Deutschland der Fall, die Industrie in üppiger Blüte steht. Je nich der Blüte oder dem Darniederliegen der Industrie ist die Zahl der Arbeitslosen eine größere oder kleinere. Ein Blick in die hessische Statistik beweist uns, wie sehr die Bettelei steigt und fällt mit dem jeweiligen Stand der Industrie. Seit Mitte der 90er Jahre hat sich die Geschäfts⸗ lage dauernd gehoben und im selben Tempo ist die Zahl der in Hessen wegen Bettelei Be⸗ straften gesunken. Folgende Ziffern aus den letzen 5 Jahren mögen das des Näheren beweisen. Es wurden wegen Bettelns im Großherzog— tum Hessen bestraft: in gg ies e Sor sg: Starkenburg 1179 972 857 806 671 Oberhessen 389 453 390 202 368 Rheinbessen 1178 1158 997 860 713 Zusammen: 2746 2583 2214 1968 1658 Wenn dieses Beispiel noch nicht genügt, der sehe sich folgende Ziffern an: Es wurden wegen Bettelns in Hessen be⸗ straft vom 1. Dezember 1897 bis dahin 1898: Winter(Dezember— Februar) 676 Frühling(März—- Mai) 379 Sommer(Juni— August) 300 Herbst een e er 368 Je schlechter die Arbeitsgelegenheit, je größer die Zahl der Bestraften. Hätten die Spießbürger Recht mit ihren Behauptungen von der Faul⸗ lenzerei und Landstreicherei, so müßten die zuletzt angeführten Ziffernachweise(nach Jahreszeiten) das gegenteilige Bild zeigen. Gewiß würden dann in den schönen Sommermonaten die meisten„Faullenzer“ zu finden sein, während sich in den unwirtlichen Wintermonaten jeder unter Dach und Fach zu bringen suchen würde.— Steht nun aber fest, daß die Arbeitslosen als Opfer der heutigen Verhältnisse zu betrachten sind— und für keinen einsichtigen Menschen steht das in Frage— so müssen die Strafbe— stimmungen für die bei der Bettelei abgefaßten Personen, besonders aber der§ 362 R.⸗St.⸗G.⸗B. als ganz unverhältnismäßig hart bezeichnet werden. Der 8 362 lautet in seinem zweiten Abschnitt: „Bei der Verurteilung zur Haft kann zu⸗ gleich erkannt werden, daß die verurteilte Person nach verbüßter Strafe der Landespolizeibehörde zu überwiesen sei. Die Landespolizeibehörde er⸗ hält dadurch die Befugnis, die verurteilte Person entweder bis zu zwei Jahren in ein Arbeitshaus unterzubringen oder zu gemeinnützigen Arbeiten zu verwenden.“ Bettler und Landstreicher in Bestellun gen sowie jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) Diesen mug Bestimmungen kann jeder zum Opfer fallen, der innerhalb drei Jahren auch nur zwei Mal beim Betteln abgefaßt wird. Und das sind leider ziemlich viel. In Hessen wurden 1898 auf Grund des § 362 nicht weniger als 274 Fersoßen der Landespolizeibehörde überwiesen. Für 227 giebt die Statistik nur die Strafdauer an. Es wurden „untergebracht“: für die Dauer von 3 Monaten und weniger 8 mehr als 3 bis zu 6 Mongteenngn 88 mehr als 6 Monaten bis zu 2 Jahren 78 57 7% 2 Jahren auf unbestimmte Beit 3 14 Für ihr ganzes Leben sin d diese 2 100 lücklichen Opfer gebrandmarkt. Ihr Vergehen bestand darin, daß sie aus Not ein Stück Brod bettelten Arbeit konnte ihnen Niemand geben. Wir wollen zugeben, daß sich unter ihnen auch einzelne wirkliche Stromer befanden. Aber wodurch sind sie zu Stromern geworden? Durch die heutige anarchistische Produktionsweise. Unsere Leser werden im Handwerksburschen nicht allgemein den Landstreicher seyen, sondern das vom Mißgeschick verfolgte Opfer der gegen⸗ wärtigen Mißwirtschaft. Die heutige Gesellschaft kann wohl ihre unglücklichen Opfer bestrafen, sie ins Gefängnis bringen, aber ste ist nicht im Stande, die Arbeitslosigkeit selbst zu beseitigen. Das kann nur der Sozialismus, dem wir zum Sieg verhelfen wollen! Politische Rundschau. Gießen, den 14. Juli. Wahlsiege in Bayern. Unsere Genossen in Bayern haben am Montag einen glänzenden Sieg davon getragen. In verdoppelter Anzahl werden die Vertreter des Proletariats in den bayerischen Landtag ein⸗ ziehen. Die Liberalen, die bisherige Regierungs⸗ par ei, sind kräftig aufs Haupt geschlagen. Von den Schlägen die sie gestern erhielten, werden sie sich nimmer erholen. Vergebens auch, daß die löbliche Münchener Polizei am Vorabend der Wahl unser Münchener Parteiorgan konfis⸗ zierte, vergebens, daß sie ein Strafverfahren gegen eine Anzahl Genossen wegen groben Un⸗ fugs eialeitete, alle diese alten Polizeipraktiken konnten die Niederlage der Regierungspartei nicht aufhalten. Der Sieg unserer bayerischen Ge⸗ nossen bei den Urwahlen zum Landtage ist um so bedeutungsvoller, weil die Wahl indirekt und die Wahlberechtigung in Bayern an die Be— dingung der Entrichtung direkter Staatssteuern geknüpft ist, wodurch ein erheblicher Teil unserer Anhänger von vornherein von der Wahl aus⸗ geschlossen ist. Der bayerische Landtag ist eine Klassenvertretung bester Sorte. Seine Rechte sind nur gering. Aber trotzdem haben es unsere 5 Genossen verstanden, nachdrücklichst und ent⸗ schieden in dieser reaktionären Körperschaft die Interessen des Proletariats zu vertreten. Der Erfolg ist denn auch nicht ausgeblieben, das be⸗ weisen die Wahlen. Die Klassenherrschaft der Liberalen ist gebrochen. Das Zentrum erhält die Mehrheit in der Kammer, die Sozial⸗ demokraten 1011 Mandate. Welche Riesen⸗ „ 7 5 1 fortschritte unsere Partei gemacht hat, 2 JInserate finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die Sgespalt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Bei mindestens bei 6mal. Bestellung Rabatt. zeigt folgende Nachricht aus Nürnberg: Eiuschließlich der Nachwahlen wurden im Stadtbezirk Nürnberg 162 sozialistische und 58 nichtsozialistische Wahlmänner(1893: 135 und 91) gewählt, mit dem Landbezirk sind es wahr⸗ scheinlich 170 sozialistische, 91 liberale und 6 konservative. Im Stadibezirk wurden 17700 sozialistische, 8900 liberale und 620 zünftlerische Stimmen abgegeben(1893: 12 300 sozialistische und 8300 nichtsozialistische). In München gingen von 86 zu wählenden Wahlmännern 83 sozialdemokratische als Sieger hervor, gegen nur 48 im Jahr 1893. Ein Bravo! unseren Genossen in Bayern. Rechisprechung. Unsere Leser erinnern sich des Berichts über die Rohheiten, die in den Pfingsttagen in Jena einige Korpsstudenten verübt hatten, indem sie das Mobiliar einer ganzen Hoteletage demolierten und auf die Straße warfen, den Staatsbeamten, die dem Uafug ein Ende machen wollten, schärfsten Widerstand leisteten, mehrere Polizeibeamte verletzten, große Menschenansammlungen veranlaßten und stundenlang die Nachtruhe des friedlichen Jenas in der tollsten Weise störten. 1121 Jurist war darüber im Zweifel, daß hier alle Merkmale der Körperverletzung, des Widerstands gegen die e und des schweren Landfriedens⸗ bruchs vorlagen. Natürlich wurden die Herrn verhaftet und sofort unter Anklage gestellt, wird der naive Leser meinen. Kein Gedanke! So gehen die Behörden nur gegen Arbeiter vor; unsere Studenten blieben auf freiem Fuß, einige von ihnen erhielten Strafmandate von je 50 Mark und es wird gegen sie eine Anklage überhaupt nicht erhoben werden. Ihre Karriere ist nicht gestört und in wenigen Jahren werden dieselben Herren als Richter brave Ar— beiter, die sich, von den edelsten Motiven beseelt nach schwerster Provokation zu Un ibesonnen iheiten hinreißen lassen— wie ihre Dresdner Kollegen zu 53 Jahren Zuchthaus, 8 Jahren Gefängnis und 70 Jahren Ehrverlust— verurteilen. Zwei Urteile. Das Schöffengericht in Fürth fällte zwei Urteile unmittelbar aufeinander, die in dieser Gegenüberstellung sehr drastisch wirken. Im ersten Falle waren angeklagt die Fabri⸗ kanten G. und M. Bernhardt, bei denen die Holzarbeiter seit Wochen 1 und die Ar⸗ beiter Pfeiffer und Zucker, zwei Arbeits⸗ willige, wegen Körperverletzung. Die beiden Brüder trafen in der Nacht zum 12. Mai den streikenden Politurarbeiter Hopfengärtner, mit dem sie in Streit gerieten und den sie dann in Gemeinschaft mit den herzueilenden Arbeits— willigen ordentlich verprügelten, wobei H. zwei blutende Kopfwunden und eine zerschundene Nase davontrug. M. Bernhardt, der die ganze Hauerei an⸗ gestiftet hatte, erhielt 20 Mark Geldstrafe, eben⸗ soviel der Arbeitswillige Zucker, weil er die kräftigste Klinge geführt hatte. G. Bernhardt wurde mit 10 Mark und der andere Arbeits- willige Pfeiffer mit 5 Mk. bestraft. Nach der Verkündigung des Urteils wurde der Fall des Schreiners IJ. Weimann aukge⸗ rufen, in dem es sich um ein angebliches Ver— gehen wider den berüchtigten§S 153 der Ge⸗ Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. werbe⸗Ordnung handelte. Im Streik der Firma Sommer hatte der Maschinenarbeiter Hafen⸗ meister den Arbeitswilligen gespielt. Trotzdem besaß er die Dreistigkeit, am Maifeste der Fürther Arbeiterschaft, als der Streik noch im Gange war, einen Verkaufsstand mit Zucker⸗ waren ꝛc. auf dem Festplatze aufzustellen. Weimann entdeckte das„Geschäft“ und „empfahl“ es bei den Festteilnehmern auf das angelegentlichste, wobei er sich auch des Wortes „Streikbrecher“ bedient haben soll. Die Folge war eine Anklage auf Grund des§ 153 und W. wurde, obwohl nicht festgestellt ist, daß das Wort Streikbrecher fiel und der Angeklagte dies auch in Abrede stellte, zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Man behalte im Auge: Dort zwei Unter- nehmer die mit einem Streikenden wegen des Streiks einen Streit provozieren und dann in Gemeinschaft mit Arcbeitswilligen über den einzelnen herfallen und ihn blutig schlagen — sie erhalten wegen einfacher Körperverletzung geringe Geldstrafen. Hier ein Streikender, der sich nur bemüht hat, zu verhindern, daß ein „Arbeitswilliger“die Groschen der klassenbewußten Arbeiter nach Hause trage— er muß 14 Tage ins Gefängnis! Des Kaisers Schwager, Ernst Günther, Herzog von Schleswig-Holstein, hat im Dezember 1897 eine nicht für die Oeffentlichkeit bestimmte Broschüre geschrieben, in der er den Wert eines geordneten Arbeits- Nachweises und wohlorganisierter Arbeits-Ver⸗ mittelung bespricht. Jetzt ist die„Leipz. Volks⸗ zeitung“, unser Bruderorgan, in den Besitz einer solchen Broschüre gekommen und spricht sich sehr anerkennend darüber aus. Sie empfiehlt der Regierung die Arbeit des Schwagers des deutschen Kaisers, der die Rede zu Oeynhausen hielt und den Zuchthausgesetzentwurf sanktio⸗ nierte, auf das wärmste! Sie werde zwar kein Material zu irgendwelchen„Denkschriften“ oder dergleichen kulturfeindlichen Scherzen liefern, aber ihr immerhin zeigen, daß es auch in den höchsten Regionen noch eine Person ohne den Geist der Scharfmacher giebt;— leider aber werde sie uns mit Recht entgegenhalten können, daß eine Schwalbe noch keinen Sommer mache. Ahlwardt über die Antisemiten. Der grrroße Ahlwardt schreibt in seinem „Deutschen Schwert“, daß an den Mißerfolgen der„herrlichen Bewegung“, die vor sechs Jahren einzig und allein durch sein Zuthun das ganze deutsche Volk ergriffen habe und für die er drei Mal im Strafgefängnis, zwei Mal im Unter— suchungsgefängnis sitzen durfte, nicht die Juden schuld sind: „Nein, Deutsche sind es, die diese Arbeit verrichtet haben, die aus selbstsüchtigen Gründen die herrliche Bewegung zertrüm— merten, den eigentlichen Kämpfern in den Rücken fielen, um sich ein ungestörtes Aus— beuten der judengegnerischen Bewegung zu sichern. Den großen Weltbrand suchten sie auseinander zu reißen, um ein kleines Feuerchen zu haben, an dem sie sich ein kräf⸗ tiges Süpplein kochen konnten. Heimtücke, Verrat und falsches Spiel der angeblichen Freunde haben meine Lebensarbeit fast all r— wegen vernichtet und diese sogenannten Antisemiten bildeten daher eine bessere Judenschutztruppe als alle übrigen Juden⸗ schutztruppen zusammengenommen.“ Also die Böckel, Liebermann, Köhler u. s. w. Mitglieder der besten Judenschutztruppe. Auch nicht übel. Daher der Marinekoller. Zahlreiche Zeitungen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis teils Behörden, teils mächtigen Privatpersonen gegenüber. Selbstver⸗ ständlich müssen diese Blätter so tanzen, wie ihre Herren pfeifen. Warum z. B. eines der sich am marinetollsten gebärdenden Zeitungen, die„Berl. Neueste Nachr.“ ganz aus dem Häus— chen sind in Bezug auf die Flottenfrage wird sehr verständlich, wenn man erfährt, daß in das Gesellschaftsregister eingetragen sind als Besitzer der„Berliner Neuesten Nachrichten“ die Herren Graf Guido Henkel von Donnersmark zu Neudeck, Geh. Kommerzienrat Julius van der Zypen in Köln, Krupp in Essen, der Besitzer mächtiger Schiffswerften, jeder mit einem Anteil von 134000 Mark. Geschäftsführer ist der Chef⸗ redakteur Viktor Schweinburg, der„be⸗ rühmte“ Galizier, der aus seinem Neben amte, der täglichen Beschimpfung der Arbeiter in den offiziösen Berliner„Pol. Nachr.“ vom Zentralverband der Industriellen jährlich die Kleinigkeit von 12000 Mark bezieht. Dieses Namensverzeichnis giebt die Erklärung für die Begeisterung, mit der die Berliner„Neuesten Nachrichten“ in fast jeder Nummer für immer neue Schiffsbauten eintreten. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns noch zu derselben Sache: Herr Schweinburg, welcher neben seiner Commisstelle bei oben ge— nanntem Verband, auch noch Commis bei Herrn Krupp geworden ist, ist einer der Hauptmacher des sogenannten„Flottenvereins“ und es ist gewiß nur reiner Zufall, daß die außergewöhn— liche Begeisterung dieses sehr mangelhaft ge— tauften Galiziers für„Deutschlands Seemacht“, für seinen Chef, Herrn Krupp, welcher Kriegs- schiffe baut, so außerordentlich vorteilhaft ist. Die Arbeiter wollen aber wohl beachten, in welch engem Verhältnis Patriotismus und Geschäft manchmal, wie gesagt, nur rein zufällig stehen; auf alle Fälle empfehlen wir aber bei allen diesen„begeisterten“ Reise⸗ aposteln für Flottenvermehrung einen nicht zu kleinen Prozentsatz vom Conto„Patriotismus“ auf das Conto„Rebbach“ zu übertragen, wie auch nachstehende Auslassung der gewiß unver— dächtigen hochkonservativen„Keeuzzeitung“ zeigt: „Wer ein wenig hinter die Koulissen sieht, der ge⸗ wahrt, daß den Schiffsbau-Interessenten in Deutschlaud schon jetzt bange um die Zukunft wird. Sie fürchten, dem blanken Nichts gegenüberzustehen, sobald die nach dem festgelegten Flottenplan in Auftrag gegebenen Kriegs- schiffe vom Stapel gelaufen sind, da neue Aufträge nicht in naher Aussicht stehen. Mit fieberhaftem Eifer suchen sie deshalb im Volke und im Parlamente Stimmung zu machen für eine im jetzigen Tempo anhaltende Vermehrung unserer Kriegsflotte. Der Mittellandkanal, wenn er be⸗ willigt wird, kann den großen Schiffswerften natürlich keinen Ersatz bieten, da er nur kleiner Schlepper und einfacher Lastkähne bedarf. Soviel wir sehen, herrscht aber in maßgebenden Kreisen vorläufig wenig Neigung, unseren Werften neue Aufträge über das von den Ver— bündeten Regierungen verlangte Maß hinaus zu erwirken.“ Der Majestäts verbrecher Quarck hat nunmehr mit der reichsgerichtlichen Urteils- begründung die Aufforderung erhalten, in wenigen Tagen für vier Monate im Preunges⸗ heimer Staatsgefängnis seine Strafe anzutreten. Unser bekannter Frankfurter Genosse soll die Majestätsbeleidigung begangen haben durch eine Besprechung der Thron rede. Das Urteil der Frankfurter Strafkammer erregte damals gerade so großes Aufsehen, wie es jetzt die reichs— gerichtliche Entscheidung thut. Festgestellt ist von den Gerichten nichts als die zu Gunsten des Angeklagten sprechende Thatsache, daß in dem unter Anklage gestellten Artikel die Person des Kaisers gänzlich unerwähnt ge— blieben ist. Die Verurteilung unseres Genossen Quarck ist unseres Erachtens eine durchaus rechtsirrtümliche, weil die Richter die Anschauung vertreten, daß in der Thronrede wenigsteus teil— weise die persönlichen Meinungen des Kaisers zum Ausdruck kommen. Neulich sprach im Reichstag noch ein Minister das Wort: Deutsch— land ist das Land der vollendeten Rechts— garantien. Millionen denken anders über unsere Rechtszustände. Möge unser wackerer Genosse Quarck die ihm zudtiktierten vier Monate gut überstehen. Der deutsche Kaiser hat kürzlich ein französisches Kriegsschiff, das er auf seiner gegenwärtigen Nordlandsreise an⸗ traf, besucht. Er schickte dem französischen Präsi— denten ein Begrüßungstelegramm, das dieser wieder ebenso freundlich beantwortete. Dazu schreibt der russisch-offiziöse Petersburger Herold: Noch vor zwei Jahren hätte die Pariser Presse beim Empfange einer solchen Nachricht Verrat geschrien, heute wird die Mehrzahl der Blätter darin nichts Ungewöhaliches und ein Teil vielleicht die Vorbereitung für den Besuch der Weltausstellung durch den Kaiser sehen, wobei bemerkt werden muß, daß von einem solchen Besuch zuerst in Paris und nicht in Berlin gesprochen worden ist. Des Kaisers Antwort. Nachdem das Herrenhaus gegen die Behand— lung der Zuchthaus vorlage protestiert, hat jetzt auch der Kaiser Stellung zum Reichs⸗ tag genommen. Das amtliche Telegraphen⸗ bureau verbreitet die Nachricht, daß der Kaiser an Geheimrat Hinzpeter, der ihm über das Anbringen einer Erinnerungstafel an der Sparrenburg Mitteilung gemacht hatte, folgendes Telegramm gesandt: „Von der hervorragend gelungenen Statue des Großen Kurfürsten für die Siegeshalle beabsichtige ich eine Reproduktion in Bronze der Stadt Bielefeld zu scherken und auf dem Sparrenberge im Burggarten aufzustellen. Sie soll ein Zeichen sein dankbarer Erinnerung für die Aufnahme seitens der Stadt und ein Mahnzeichen bleib en, daß gleich wie in diesem Ahn auch in mir ein unbeugsamer Wille ist, den einmal als richtig er⸗ kannten Weg allem Widerstand zum Trotz unbeirrt weiterzugehen. Wilhelm I. R.“ Der Große Kurfürst hatte es in dieser Be— ziehung allerdings leichter: zu seiner Zeit gab es noch keinen Reichstag, nicht einmal einen Bundesrat. Der„Vorwärts“ bemerkt zu dem neuen Kaisertelegramm: Das Volk weiß nun, daß wir nicht am Ende des Kampfes gegen die Zuchthaus vorlage stehen, sondern an seinem Anfang. Nicht minder wird der Reichstag — trotz der Fälschung des Stenogramms,— die kaiserliche Meinung an seinem eigenen Willen und Denken messen. Die Zuchthaus vorlage wird in ihrem die Zuchthausstrafe enthaltenden § 8 schon von der Post preisgegeben. In einer Polemik gegen den Abg. Bassermann, der gerade in diesem Paragraphen eine Bedrohung der Koalitionsfreiheit erblickt, schreibt das Herrn v. Stumm gehörende Organ: Diese Auffassung ist nicht einwandsfrei, sicher aber ist, daß, wie die Erklärungen des Dr. Arendt im Reichstage und die Rede des Herrn v. Levetzow zu dem Antrage Mirbach im Herrenhause beweisen, gerade dieser Teil der Vorlage von keiner Seite verteitigt wird und daher die Beseitigung dieses ohne⸗ hin mit den übrigen Teilen der Vorlage nur in losem Zusammenhange stehenden Satzes völlig außer Zweifel ist. Die Zuchthaus strafe will Stumm also fahren lassen, um die übrigen Paragraphen, die die Koalititionsfreiheit gründlich ver⸗ nichten würden, um so sicherer zu retten. Der Plan ist einfach. Es ist Sache der Arbeiterschaft Deutschlands, den Entwurf auch ohne den§ 8 zu vernichten. Nationalliberal. Bekanntlich hat ein großer Teil der National⸗ liberalen im Reichstag unter Führung von Bassermann gegen die Kommissionsberatung der Zuchthausvorlage gestimmt. Im preußischen Herrenhaus, in dem Herr von Mirbach eine Zustimmungserklärung zur Zuchthansvorlage eingebracht hatte, die auch mit großer Mehrheit angenommen wurde, führte der nattonalliberale Oberbürgermeister von Köln, Abg. Becker, aus: „Ich habe namens meiner Fraktion eine kurze Erklärung abzugeben: Die große Mehrzahl derselben ist ein verstanden mit den Ten⸗ denzen des Gesetzentwurfs(Zuchthausvorlage). auf welchen sich der Antrag Graf Mirbach be— zieht. Wir wünschen die ee gesetz⸗ lich zu schützen, so weit dazu ein Bedürfnis nachgewiesen ist, ohne uns damit für die Einzel⸗ heiten des Entwurfs aussprechen zu wollen, über den wir ja als Mitglieder des Herrenhauses nicht zu beschließen haben und dessen Grund⸗ lagen wir nicht kennen. Aber die Gesamt⸗ heit meiner Fraktion ist der Auffassung, daß für den Antrag Mirbach zur Zeit ein Grund nicht vorliegt; sie hält ihn nicht für zeit⸗ gemäß. Der Antragsteller hat selbst betont, daß die Regierung ihre Stimme im Bundesrat 9 solche Verfa nur je 6 Pellol walte mal e wird tuti! prak er nu 0 einen einge We sich üb Der Bäcke. die Här Am Di kratisch Führer Jetzt soziald diesem sich die spiel. zwei haust an der Walofe ration an der Nilit e Oberbi die W. scimp ds. Iterp Straß Heldun die Srl nter urge de f einde kunger tenden iner, gerade 9 der rn b. onal⸗ 9 bol f del ischen 0 eile orlage chrheit sberalt „aus. kult U a0 l Tes⸗ 10 1 9 e Nr. 29. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. für den Entwurf abgegeben hat, und es fehlt an einem Grunde zu der Annahme, daß sie ihre Stellung geändert hätte, oder ändern wollte. Auf der anderen Seite aber sind wir der Ueber⸗ zeugung, daß die Wirkungen des Antrages Mirbach auf den Reichstag voraussichtlich die umgekehrten sein werden, als es die Freunde des Antrags wünschen. Aus diesem Grunde werden wir gegen den An⸗ trag stimmen.“— Seid wachsam, ihr deutschen Arbeiter. Die Zuchthaus-Vorlage ist nur scheintot! Revolution von oben. Die konservative„Kreuz⸗Zeitung“ empfiehlt in kaum verhüllter Form, nach italienischem Muster mittels des Staatsstreichs die Zuchthaus vorlage durchzusetzen. Es ist da in einem Artikel, der in bewußter Zwei⸗ deutigkeit„Ein Vorbild für uns“ überschrieben ist— es soll im Unklaren bleiben, ob der citierte Artikel eines italienischen Blattes oder das Vor⸗ gehen der italienischen Regierung für uns vor⸗ bildlich sein soll— folgendes zu lesen: „Im italienischen Parlament sitzen genau solche Doktrinäre wie bei uns, die vor lauter Verfassungs⸗Bedenken zu nichts kommen und nur jeder Regierung Schwierigkeiten machen. „Das Land wird aufatmen und General Pelloux wird streng und gerecht seines Amtes walten. Endlich ist der König Humbert ein⸗ mal energisch eingeschritten und ganz Italien wird es ihm Dank wissen, daß er konsti⸗ tutionelle Bedenken überwunden und praktische Politik getrieben hat. Wenn er nur fest bleibt!? „Ob man für unsere„Zuchthausvorlage“ einen ähnlichen Weg, wie den von Italien eingeschlagenen, wünschen sollte?“ Wo sind nun die wahren Umstürzler, die sich über Gesetz und Recht hinwegsetzen? O, Schmerz, laß nach. Der Gesellen-Ausschuß der Berliner Bäckerinnung Germania ist ebenfalls in die Hände der Sozialdemokraten gekommen. Am Dienstag wurden sämtliche sozialdemo⸗ kratischen Kandidaten, unter denen sich die Führer der Bäcker befanden, glatt gewählt. Jetzt haben die meisten Berliner Innungen sozialdemokratische Gesellen⸗ Vertretung. Aus: diesem Verhalten ihrer Berliner Kollegen sollten sich die Gießener Bäckergesellen ein Bei⸗ spiel nehmen. Die letzteren brachten es fertig, zwei Tage nach dem Einbringen der Zucht⸗ haus vorlage im Reichstag, am selben Sonntag, an dem die Arbeiterschaft Gießens ein Waldfest abhielt, das sich zu einer Demon⸗ stration gegen die Zuchthausvorlage gestaltete, an dem Festzug der Gießener Krieger- und Militärvereine teilzunehmen. Ausländisches. Oesterreich. Der Wiener antisemitische Oberbürgermeister Lueger, der sich erfrechte, die Wiener Arbeiter in gemeiner Weise zu be⸗ schimpfen, kneift, wo er dafür Rede stehen soll, aus. Im Wiener Gemeinderat wurden drei Interpellationen eingebracht, betreffend die Straßenunruhen beziehungsweise die Blätter⸗ meldungen, nach denen Bürgermeister Lueger über die Sozialdemokraten Aeußerungen wie„ehrlose, nichtsnützige Bande, Buben ꝛc.“ gemacht habe. Bürgermeister Lueger erklärte hierauf, daß diese Inter pellationen nicht der Kompetenz des Ge⸗ meinderates angehörten. Die erwähnten Aeuße⸗ rungen hätten sich nur auf jene Arbeiter bezogen, die auf der Straße lärmten und eine Katzen⸗ musik veranstalteten. Er werde sich durch keiner⸗ lei Terrorismus einschüchtern lassen. Uebrigens werde er die Interpellation der Poliz ei direk⸗ tion zur weiteren Erledigung vorlegen. Das ist die bei den Antisemiten so beliebte Methode. Erst beschimpfen sie alle Welt und nachher ver⸗ kriechen sie sich hinter allerlei Vorwände.„Die 1 5 dieser Sippe hält ihrer Gemeinheit die aage. . Aus Paris wird berichtet: Die monarqhistische„Gazette de France“ gibt einen Bericht der Polizeipräfektur an den Minister des Innern über die Er geb nisse der Unter⸗ suchung gegen die verschiedenen Liguen. Nach dem Bericht stände fest, daß der Putsch des antisemitischen Hanswurst Déroulsdes am Be⸗ gräbnistage Felix Faures im Ein verständ⸗ nis mit dem Bund der ropalistischen(königlich gesinnten) Jugend, dem Antisemitenbund und der Patriotenliga erfolgte. Der Herzog von Orléans habe Deéroulede 50000 Frs. für die Patriotenbündler und Guerin 150000 Frs. für die Antisemiten gezahlt. Insgesamt hätten die Royalisten für den Putsch 300 000 Frs. ausgegeben. — Der Prozeß Dreyfus wird in Rennes Mitte August stattfinden. Rußland. Der russische Thronfolger ist gestorben. Aus Abbas Tuman in Trans⸗ kaukasien, wo er wegen schwerer Krankheit schon seit langer Zeit sich aufhielt, kommt die Nach⸗ richt, daß der russische Thronfolger, Großfürst Georg Alexandrowitsch, der Bruder des Zaren Nikolaus, daselbst am Montag, vor⸗ mittags 9¼ Uhr in Folge plötzlicher starker Hämorrhogie(Blutung) gestorben ist. Er war geboren am 27. April 1881, erreichte somit nur ein Alter von 28 Jahren. Dem Zaren wurde vor kurzer Zeit von seiner Gattin bekauntlich eine hessische Fürstin, die dritte Tochter ge— boren. Darob soll der Kaiser sehr außer sich sein. Er hatte ein Sohn erwartet. Die Flunkersozialen. * Unsere Leser erinnern sich noch, daß wir vor mehreren Wochen über eine Protestversammlung gegen die Zucht⸗ hausvorlage aus Marburg berichteten. Trotzdem nun unser Bericht in jeder Hinsicht der Wahrheit entsprach, nannte die nat.⸗soz. Hess. Ldsztg., wie wir schon in voriger Nummer mitteilten, unseren Bericht: die Wahrheit entstellend, moralisch verwerflich und unnobel. In der Naumannschen„Hilfe“ wurde gar berichtet: „Erdmannsdörffer brandmarkte im national⸗sozialen Verein einen perfiden, die Wahrheit entstellenden Be⸗ richt der sozialdemokratischen M. S.⸗3.“ Wir nannten diese Behauptungen viel zu milde eine Un verschämtheit, da gerade die Nationalsozialen in kaum zu übertreffender Weise über jene Versammlung tendenziös berichtet hatten und forderten die Hessische Landesztg. auf: bestimmt zu erkläreu, was in unserm Bericht„mora⸗ lisch verwerflich“,„unnobel“ und„die Wahrheit ent⸗ stellend“ war. Wir würden dann die Antwort nicht schuldig bleiben und mit Leichtigkeit den Beweis er⸗ bringen, auf welcher Seite„moralisch verwerf— lich“ gehandelt wurde. Im Briefkasten der Dienstags⸗Nummer antwortet darauf die Hess. Landesztg. mit folgendem Gewäsch: Nach Gießen. Wenn die„Mitteld. Sonnt.⸗Ztg.“ nicht einsehen will oder kann, daß ihr Bericht über unsere letzte Marburger Versammlung ein durchaus gefärbtes Bild von deren Verlauf gab, so ist dem Blatte eben nicht zu helfen. Eine Auseinandersetzung daröber hat thatsächlich nicht den mindesten Wert. Wenn das Blatt als Erwiderung mit Schimpfwörtern kommt(„national⸗soziale Unverschämtheit“) und Retur⸗ kutschen reitet(indem es unseren Bericht„tenden⸗ ziös nennt), so ist das ein Gebiet, auf dem wir ihm neidlos den Vorrang lassen. Anstatt mit der Sprache herauszurücken, verkriecht sich das tapfere national⸗soziale Blatt hinter einfältigen Redensarten und faselt altjüngferlich von Schimpfereien. Weitere Auseinandersetzungen hätten keinen Wert in dieser Sache. Das ist wohl national⸗sozial: jemand fälschlich beschuldigen und dann, wenn Beweise verlangt werden, feig auskneifen. Wir wollen beweisen, auf welcher Seite mor a⸗ lisch verwerflich, unnobel und die Wahrheit entstellend gehandelt wurde. Was wir über jene national⸗soziale Versammlung in unserer Nr. 26 be⸗ richteten, können unsere Leser noch einmal nachlesen. Wir halten Wort für Wort aufrecht. Hören wir aber, wie die„noblen“ Nationalsozialen über jene Versammlung berichteten: In der Hess. Landesztg. Nr. 141 vom 18. Juni wird zunächst über den Vortrag Erdmannsdörfer be⸗ richtet, dann werden Harmony und Dr. Häberlin mit ein paar Bemerkungen abgethan und von Scheidemann gesagt, er habe„sachlich“ gesprochen und„die anti⸗ semitischen Redner geschickt abgeführt“. Er habe eine Resolution vorgelegt, die Erdmannsdörffer„auch seiner⸗ seits acceptierte“ und zur Annahme empfohlen habe. In der Frankf. Ztg. vom 18. Juni wird aus Mar⸗ burg, wie uns bestimmt und glaubwürdig verfichert wird, von einem ständigen Mitarbeiter der Hess. Landesztg., berichtet: r Marburg, 16. Juni... Redakteur Erdmanns⸗ dörffer schlug eine Resolutton vor, worin der Reichstag aufgefordert wird, die Vorlage abzulehnen. Die Resolution wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen. Und in der Naumannschen„Hilfe“ heißt es kurzweg: „Auf Erdmannsdörffers gutes Referat folgte eine Diskussion, an der sich der konservativ⸗agrarische Dr. Häberlin beteiligte. Damit aber auch die Komik nicht fehle, trat Harmony auf. Ernsthaft war nur der Redner der Sozialdemokraten, Redakteur Scheide— mann aus Gießen, zu nehmen, der Ergänzungen zu Erdmannsdörffers Vortrag bot. Die Resolution wurde mit erdrückender Mehrheit angenommen. In allen diesen Berichten wird von den National⸗ sozialen die Wahrheit vergewaltigt. In der „Hess. Ldsztg.“ wird verschwiegen, daß Erdmanns⸗ dörffer seine Resolution zurückgezogen hatte nach der Rede Scheidemanns, in der„Frkf. Ztg.“ wird direkt von Erdmannsdörffers Resolution und in der „Hilfe“ von„der“ Resolution gesprochen. Wer wäre so thöricht und politisch unerfahren, in dieser gleichartigen Berichterstattung an drei verschie⸗ dene Blätter seitens der Nationalsozialen eine bestimmte Absicht nicht zu erkennen? Die Wahrheit ist be⸗ wußtermaßen entstellt, indem in allen Berichten verschwiegen ist, daß in einer von nation al⸗ sozialer Seite einberufenen Versammlung die von Sozialdemokraten eingebrachte Resolution ange⸗ nommen wurde. Wer aber bewußtermaßen in dieser Weise die Wahrheit entstellt, handelt „moralisch verwerflich“, also sehr„unnobel.“ War es angesichts dieser Thatsachen keine Unver⸗ schämtheit seitens der Nationalsoziaien, uns all das zu unterstellen, was sie selbst begangen haben? Aber wir verstehen den Zusammenhang. Der Referent Erdmanns⸗ dörffer, der bekanntlich von den„deutschen“ zu den „nationalen“ Sozialen hinüberwechselte, war wütend, daß wir an seine antisemitische Vergangenheit erinnerten und seine„Juden- Cholera“-Broschüre an die große Glocke hingen und in seinem Aerger zog er im national⸗ sozialen Verein gegen die unbequeme M. S.⸗Z. vom Leder. Deshalb muß dem Herrn gründlich hei m⸗ geleuchtet werden, vielleicht weiß er die nötigen Lehren aus dieser Affaire zu ziehen und ist in Zukunft vor⸗ sichtiger, wenn er Dinge, die man ihm und seinen Parteifreunden nachweisen kann, anderen Leuten in die Schuhe schieben will. Zur Ergänzung der bereits oben angeführten That⸗ sachen sei deshalb noch folgendes, die Nationalsozialen treffend charakterisierendes Vorkommnis erzählt, zu dessen Preisgabe uns die Un verschämtheit auf jener Seite geradezu zwingt. Nachdem Herr Erdmannsdörffer in jener Versamm⸗ lung zu Marburg sein Referat beendet hatte, trat eine Pause ein, während der sich der Stud. jur. Harmony, Dr. Häberlin und Red. Scheidemann auf dem Büreau der Versammlung über die Reihenfolge, in der sie reden wollten, nach längerem Hin und Her einigten; Scheide⸗ mann sollte erster sein, Harmony zweiter und Häberlin dritter. Noch vor Ablauf der Pause kam Erdmanns⸗ dörffer zu Scheidemann und legte ihm nahe, die Antisemiten, die häufig sein Referat durch Zwischen⸗ rufe unterbrochen hatten,„gehörig vorzunehmen“. Scheidemann erklärte, daß er am heutigen Abend eine besondere Veranlassung nicht hätte, mit den Anti⸗ semiten abzurechnen, es komme ihm heute in erster Linie auf eine kraftvolle Demonstration gegen die Zuchtbaus⸗ vorlage an. Außerdem sei er erster Diskusstonsreduer, würde einer der Antisemiten vor ihm zum Wort ge⸗ kommen sein, so sei nicht daran zu zweifeln, daß dieser Stoff genug geliefert hätte, auf den hin man nebenbei die Antisemiten abfertigen könne. Herr Erdmaunnsdörffer ging zum Büreau und der nationalsoziale Vorsitzend e verkündete:„Herr Harmony hat das Wort.“ Harmony protestierte— aber es half nichts. Es sei so in der Ordnung, wurde vom Büreau verkündet; nach Harmony sprach Häberlin und zum Schluß kam dann erst der sozialdemokratische Redner zum Worte. Und Leute, die mit solchen Mitteln arbeiten, die in der tendenziösesten Weise Versammlungsberichte ab⸗ fassen, die die Rednerliste in der geschilderten Weise handhabten, solche Leute haben die Stirn, unseren objektiven Bericht, an dem sie trotz unserer Aufforderung seither nicht ein einziges Wort als unwahr nachweisen konnten,„perfid“ und„unwahrhaftig“ zu nennen. Haben wir übertrieben, als wir von nationalsozialer Unverschämtheit sprachen? Gewiß nicht. Nach der großen Flunkerei der Nationalsozialen bei der Stichwahl in Leipzig jetzt diese kleinliche Flunkerei in Marburg. Wir werden in Zuknnft nicht mehr von national— sozialen Unverschämtheiten reden, sondern von unver— schämten Nationalsozialen, oder ganz kurz und zutreffend, von Flun ker sozialen! 9—ů—ů — Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich streagste Gewissen⸗ baftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Geheimrat Schillers Vermächtnis. *Im 1. Morgenblatt der„Frkf. Ztg.“ vom 11. Juli beginnt der Geh. Oberschulrat Prof. Dr. Schiller in Gießen mit der Veröffent⸗ lichung einer Reihe von Artikeln, betitelt:„Der Fall Soldan, ein schulpolitisches Vermächtnis.“ Und in der Abendausgabe der ministeriellen„Darmst. Ztg.“ vom 11. Juli befindet sich folgende Notiz im amtlichen Teil: „Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben geruht, am 11. Juli den Direktor des Gym⸗ nasiums zu Gießen und ordentlichen Professor für Pädagogik in der philosophischen Fakultät der Landesuniversität Geheimen Oberschulrat Dr. Hermann Schiller in den Ruhestand zu versetzen.“ Natürlich ist es kein bloßer Zufall, daß die„Darmst. Ztg.“ die Versetzung Schillers in den Ruhestand just am selben Tage bekannt giebt, an dem die„Frkf. Zig.“ mit der Ver⸗ öffentlichung des Schillerschen Vermächtnisses beginnt. Was uns an der amtlichen Notiz im Ministerblatt zuerst auffiel, war ein Wort, das nicht darin steht, nämlich das Wort:„aller⸗ gnädigst“ vor„geruht“.“ Das läßt schon tief blicken. Zweifellos handelt es sich bei den Schillerschen Artikeln um eine von langer Hand vorbereitete Arbeit. Und die Arbeit ist gut. Wie eine Bombe müssen die Artikel in Darm⸗ stadt wirken. Gründlich, wie es einem Päda⸗ gogen vom Rufe Schillers zukommt, geht dieser mit dem System, das auch den Fall Ahlheim⸗ Dettweiler zeitigte, in's Gericht. Die seitherigen Träger dieses Systems werden in ihrer ganz n wirklichen„Größe“ gezeigt. Dabei ist Schiller sachlich, obwohl es ihm nicht an guten Gründen fehlen dürfte, persönlich zu werden. Die Schiller⸗ schen Artikel werden Aufsehen erregen weit über die Grenzen des Hessenlandes hinaus. Das Ver⸗— halten des rühmlichst bekannten Schulmannes erscheint ungewöhnlich, das weiß und erklärt er selbst. Aber jeder rechtlich denkende und wahrheitsliebende Mensch wird die Schillerschen Artikel freudig begrüßen. Geheimrat Schiller war einer der Wissenden, er hat das System an der Quelle studiert, kein anderer wäre besser dazu befähigt gewesen, den schönen Vorhang vor dem häßlichen Hintergrund herabzureißen, wie er. Wir allerdings gehören nicht zu denen, die sich nun trügerischen Hoffnungen hingeben. Selbst wenn alle Mißstände, die Schiller rügt, be⸗ seitigt würden, könnte von einer idealen Schule immer noch keine Rede sein. So lange die Schule ein Monopol der Besitzenden ist, so lange nicht die Intelligenz des Schülers, sondern der Geldbeutel des Vaters für den Besuch einer höheren Schule Vorbedingung ist, sind ideale Schulzustände undenkbar. Wie auf jeder andern Einrichtung ruht auch auf der Schule der Fluch des Kapitalismus.— „Wie die„Frankf. Ztg.“ berichtet, sind am Mittwoch— einen Tag nach der Ruhestands⸗ versetzung Schillers— der Rektor der Gießener Universität und die Dekane der vier Fakultäten nach Darmstadt gefahren, um gegen die Pen⸗ sionierung Schillers zu protestieren! Hoch⸗ achtungsvoll denken wir an die„Göttinger Sieben“ zurück. Sollten in der Zeit der Fälle Delbrück und Arons auch„Gießener Fünf“ möglich sein? Zum Fall Schiller. Die vorstehenden Zeilen über„Schillers Ver⸗ mächtnis“ waren bereis im Satz fertiggestellt, als die Neuigkeit eintraf, daß das Disciplinarverfahren gegen ihn eröffnet ist. Es steht nunmehr für uns fest, daß die Inruhestandsetzung Schillers und das Disziplinarverfahren gegen ihn längst vorbereitet it * Zu unserer großen Verwunderung sehen wir, daß der „Gieß. Anz.“ berichtete, der Großherzog„habe aller- gnädigst geruht“, den Geheimrat Schiller in den Ruhe⸗ tand zu versetzen. Der ganze seitherige Verlauf des Falles Schiller beweist, daß in der ministeriellen„Darmst Ztg“ das„allergnädigst“ nicht ohne Grund fortgelassen ist. Wie kommt der„Gieß. Anz.“ dazu, aus eigner tbe fugnis das„allergnädigst“ in jene offizielle Bekannt— machung hineinzukorrigieren? Dem Geheimrat Schiller hat das Gießener Amtsblatt damit keinen Gefallen geth an. waren. Schiller hatte nämlich, wie sich allmählich herumgesprochen hat, schon vor längerer Zeit dem Staats⸗ minister in einer Audienz offen angezeigt, daß er im Begriff sei, eine eingehende Kritik der verflossenen Aera v. Knorr⸗Soldan in der Frankf. Ztg. zu veröffentlichen. Die in Betracht kommenden Herren in Darmstadt waren also infolge dieses offenen Verhaltens Schillers in der Lage, das Disziplinerverfahren und die Pensionierung bis zur Unterschrift des Großherzogs vorzubereiten, die dann sofort vollzogen wurde, als der erste Actikel die geeignete Handhabe zu bieten schien. Wenn die betr. Herren immer so eifrig und schnell gewesen wären, namentlich im Schulfach, dann wäre vielleicht Prof. Schiller nie in die Lage gekommen, seine Aufsätze zu schreiben. Inzwischen ist übrigens der Schlußartikel erschienen. Da wir bei den beschränkten Raumverhältnissen unseres Blattes leider nicht einmal auszugstveise die Anklagen des bekaunten Gießener Schulmannes wiedergeben können, so machen wir die— jenigen unserer Leser, die sich für den Fall interessieren, auf die Morgenausgaben der Nummern 190, 191 und 192 der Frankf. Ztg. aufmerksam. Speziell im zweiten Artikel wird unter anderem auch der zahlenmäßige Nach⸗ weis geführt, wie im Laufe der Jahre sozusagen Mil⸗ lionen von Mark ihrer budgetmäßigen, kontrollierbaren Verwendung als Gehalte angestellter Lehrer entzogen wurden durch das unselige System der provisorischen Verwendung von jüngeren Lehrkräften. Das bedeutet also gewissermaßen eine von staatswegen ausgeübte Ausbeutung jugendlicher Arbeitskraft gegen minderwerte Bezahlung. Die markigen Schlußsätze Schillers wollen wir unsern Lesern nicht vorenthalten: „Die Zeiten des friedlichen Schlummers sind vor— über, und Halbwisserei oder auch gäuzliche Unkenntnis, Bequemlichkeit, Amtsmiene, Amtsgeheimniskrämerei und andere„kleine Mittel“ bleiben wirkungslos. Ein ent⸗ schlossener Wille und eine starke Hand Thaten, nicht Worte, tüchtige und wirkliche Sachkenntnis, Wahrheit, nicht Schein, der Studiertisch, nicht der Stammtisch, das sind die Dinge, die uns not thun. Nicht um Vermehrung der technischen Räte handelt es sich, sondern um Dezentrali⸗ sierung und Verminderung des Bureaukratismus; in den letzten Jahren ist er gewaltig gestiegen, und die Selbst⸗ ständigkeit der Direktoren ist erheblich beschränkt worden. Etwa, weil die Weisheit der Ministerialabteilung größer geworden wäre?.... Man beschränke die Vielge⸗ schäftigkeit im Kleinen, und man wird Zeit haben für die Geschäfte im Großen. Am ehesten bedarf die Volksschule noch eines zweiten Referenten, dem auch die Bürgerschulen zugewiesen werden mögen. Aber nicht die Zahl der Referenten wird die Lage bessern, sondern ihre Qualität und die Erneuerung des Geistes in der Abteilung. Von ihrem Gelingen wird die Zu⸗ kunft abhängen.“ Schiller bleibt Professor. * Wie uns aus bester Quelle aus Darm— stadt berichtet wird, hat der Protest des Rektors und der vier Dekane der Gießener Universität gegen die plötzliche Kaltstellung des Professors Schiller Erfolg gehabt. Aller— dings sollen die betr. Herren, die im Einver— ständnis mit dem Universitätssenat handelten, besonders aber der Dekan der juristischen Fakultät, Professor Frank, eine recht energiiche Sprache geführt haben. Der Staatsminister nahm die Verabschiedung Schillers als Uni— versitäts-Professor zurück. Damit aber nicht genug, haben die protestierenden Professoren dem Staatsminister angekündigt, daß die philo⸗ sophische Fakultät den Professor Schiller in Vorschlag bringen würde, sobald ein besonderer Lehrstuhl für Pädagogik errichtet wird.— Das war die erste Schlappe der Regierung im „Fall Schiller“. Weitere werden folgen. f Ueber Dreysus unterrichtet der„Gießener Anzeiger“ seine Leser auf das Ausführlichste. Wie sich der be— dauernswerte Mann räuspert und wie er spuckt, das wird im Anzeiger abgedruckt. Aber wenn in Gießen und Hessen Dinge passieren, die Aufsehen in ganz Deutschlaud erregen, dann verliert der Anzeiger regelmäßig die Sprache. Man denke au das Verhalten des„G. Anz.“ in den Fällen Dettweiler-Ahlheim- Soldan, Küchler und Möhl. Der Fall Schiller existiert natürlich für das genaunte Blatt auch nicht. Indem es aus der höchst ungnädigen Eat⸗ lassung Schillers eine„allergnädigste“ machte, glaubt es seine Schuldigkeit gethau zu haben. Und ein solches Blatt ist für viele Gießener Philister die einzige Qnelle, aus der sie ihre Wissenschaft schöpfen. Bedauernswerte 10 71 Veute. Verdient Nachahmung in Gießen * Da die Mannheimer Bäckerinnung trotz Aufhebung des Oktrois auf Mehl und Brot die früheren Brotpreise auf⸗ recht erhielt, wurde in Mannheim eine Brotfabrik gegründet, die am 6. Juli ihren Betrieb eröffnete. Die Wirkung dieser Kon⸗ kurrenz war wunderbar. Noch am gleichen Tage ging die Janung mit den Brotpreisen herunter. Da sich auch die Gießener Bäckermeister nicht dizu zu verstehen scheinen, den veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, finden wir die uns aus sicherer Quelle gewordene Mitteilung begreiflich, daß ein sehr kapitalkräftiger Herr die Absicht habe, in Gießen eine Brodfabrik mit den neuesten und allerbesten Einrichtungen zu errichten. Durch ihr Verhalten ziehen sich also die Gießener Bäckermeister unter Umständen selbst eine Kon⸗ kurrenz groß, die vielen unter ihnen vielleicht schwer zu schaffen machen dürfte. Die Bäcker⸗ innung sollte die heutige Zeit besser zu verstehen suchen. Monopolpreise läßt sich das Publikum heutzutage auf die Dauer nicht gefallen, am wenigsten in der Bäckerei. Schutz den Dienstboten. n. Ein Urteil, das geeignet ist, in den weitesten Kreisen peinliches Aufsehen zu erregen, wurde in Mainz gefällt. Der Sachverhalt ist folgender: In der Nacht vom 10. April d. J. war der Wirt Mathäus Ruß in Mainz vor die Zimmerthür seines 15 jährigen Dienstmädchens, der Magdalena Rühl, gekommen und begehrte Einlaß. Als das Mädchen nicht öffnete, sprengte er die Thür, worauf das geängstigte Kind, dem er vorher schon unsittliche Anträge gemacht hatte, vom vierten Stock auf die Straße hinab⸗ sprang und dort schwerverletzt liegen blieb. Die Rühl befindet sich heute noch im Hospital und bleibt für ihr Leben lang ein Krüppel. Ruß gab vor der Strafkammer an, er habe damals nachsehen wollen, ob das Mädchen Niemand bei sich habe. Er hatte sich vorher derart bei einem Gast geäußert. Der Staatsanwalt beantragte wegen thätlicher Beleidigung ein Jahr Gefäng⸗ nis. Das Gericht nahm an, daß Ruß in der fraglichen Nacht nur sein Hausrecht ausgeübt habe, um nachzusehen, obNiemand bei dem Mädchen sei. Wegen dieses Vorgehens sei er freizu— sprechen. Wegen der dem Mädchen gemachten unsittlichen Anträge sei er wegen Beleidigung zu bestrafen. Er wurde zu 2 Monaten 1 Woche Gefängnis verurteilt.— Dieses Urteil läßt das Sklaventum der weiblichen Dienstboten in be— ängstigender Klarheit zu Tage treten. Der Dienstherr ist also nach diesem Urteil berechtigt, gegen den Willen seines Dienstmädchens in dessen Schlafzimmer zu dringen, denn der Vorwand, den der betreffende Wirt angab, ist für jeden geilen Lüstling nur allzu leicht zu finden. Dieses Urteil, welches den Dienstherrschaften ge— wissermaßen das Recht zuspricht, unter irgend einem nichtigen Vorwand wie und wann er will in das Schlafzimmer seiner weiblichen Dienst⸗ boten einzudringen, giebt letztere thatsächlich schutzlos den Lüsten ihrer Arbeitgeber preis. Ungültige Polizei⸗Verordnung. Aus Wetzlar. * Wir haben Recht gehabt, als wir in voriger Nummer die Rechtsgültigkeit der Verfügung des Landrats in Wetzlar anzweifelten. Die Verfügung des Herrn Goedecke hat folgenden Wortlaut: 5 „Auf Grund des 8 6 des Gesetzes über die Polizei⸗Verwaltung vom 11. März 1850 (Gesetzsamml. S. 265) sowie des§ 142 des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883(Gesetzsamml. S. 195) wird mit Zustimmung des Kreisausschusses für den Umfang des Kreises Wetzlar folgende Polizeiverordnung erlassen: § 1. Vereine und Privatgesellschaften, die in einem Wirtshause eine Tanzlust⸗ barkeit veraustalten, haben davon mindestens 24 Stunden vor dem Beginn der Lust⸗ barkeit unter Angabe des Ortes und der Zeit der Tanzlustbarkeit durch ihren Vorstand n machen. Ortspoltzeibehörde Anzeige zu Achmen nicht bis zu eutspre 85 am 1. UU We Ein! Polihi⸗ leiteten, „Die heil sie deren Re si fernel scen endlich ei einsge fassung Preußen obligkei in gesch tikel 3 Gesetz der öffe gewährl das Obe gericht Polize welche e nehmen. Aulehnu vidrig der„N. Behaupt, alles d Jie Seele ait selof fassungs! Auf unf Vezlare halt del De Wel 10 Were llc ud 10 fete G — — 2 — —j— in den regen, halt is N bor die chens, egehrte prengte d, dem gemacht hinab⸗ . Die und Ruß hamals ind hei einem tragte efäng⸗ u der geübt üdchen eizu⸗ lachten ang zu Woche bt das in be⸗ Der echtigt, dessen wand, jeden finden. ten ge⸗ irgend er wil diensk ale eis. . ang, 10 05 „ Die gende 1850 ö 2 2 des altulg 1050 husse affe, zul destele Cult 0 daß tl 1 U f * 2 CCC * FFT Nr 29. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 1. § 2. Der Anzeige ist beizufügen: 1. ein bei der Gegenwart erhaltenes Mit- glieder verzeichnis, sofern ein solches sich nicht bereits in Händen der Polizei— behörde befindet, und 2. ein Verzeichnis der jenigen Personen, welche besonders eingeführt werden sollen. De vorstehenden Verzeichnisse müssen den vollständigen Namen, den Beruf und die Wohnung der Mitglieder und der Einzu— führenden enthalten, das Verzeichnis zu 2 auch die ausdrückliche Benennung der ein⸗ zu führenden Mitglieder. § 3. Von der Einreichung der Verzeich— nisse kann die Polizeibehörde auf Antrag in geeigneten Fällen entbinden. § 4. Zuwiderhandlungen gegen diese Ver— ordnung werden an den Vorstands mitgliedern, dem Wirt und den an der Lustharkeit teil⸗ nehmenden, in den Verzeichnissen(§ 2) jedoch nicht aufgeführten Personen mit Geldstrafe bis zu 30 Mark, im Unvermögensfalle mit entsprechender Haft geahndet. § 5. Vorstehende Polizei⸗Verordnung tritt am 1. August 1899 in Kraft. Wetzlar, den 19. Juni 1899. Der Königliche Landrat Goedecke.“ Ein parteigenössischer Jurist, dem wir diese Polizei⸗ʃverordnung zur Begutachtung unter— breiteten, schreibt darüber: „Diese Polizei⸗Verordnung ist ungültig, weil sie eine Regelung über eine Frage versucht, deren Regelung der Polizei nicht zusteht, weil sie ferner die Artikel 29 und 30 der preußi— schen Verfassung verletzt und weil sie endlich eine unzulässige Korrektur des Ver- eins gesetzes darstellt. Artikel 29 der Ver— fassung vom 31. Januar 1850 bestimmt:„Alle Preußen sind berechtigt, sich ohne vorgängige obrigkeitliche Erlaubnis friedlich und ohne Waffen in geschlossenen Räumen zu versammeln.“ Ar⸗ tikel 30 derselben Verfassung besagt:„Das Gesetz regelt insbesondere zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit“ das im Artikel 29 gewahrleisteie Recht. In ständiger Praxis hat das Ober⸗Verwaltungsgerichtsund das Kammer⸗ gericht daran festhalten, daß demnach alle Polrzeiverordnungen ungültig sind, welche eine Regelung des Vereinswesens unter— nehmen. Dem gegenüber tauchte allerdings in Anlehnung an eine absolutistische, verfassungs⸗ widrige Denkweise des Professors Rosin in der„Nordd. Allg. Ztg.“ sei zwei Jahren die Behauptung auf, die Polizei könne eigentlich alles durch Polizei⸗Verordnung regeln, sie sei die Seele des Staates, die in jede Lebensthätig⸗ keit selbstherrlich eingreifen dürfe. Diese ver⸗ fassungswidrigen Seitensprünge scheinen nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen zu sein. Die Wetzlarer Polizei⸗Verordnung ist wohl ein Pro⸗ dult der dargelegten absolutistischen Utopien. Die Wetzlarer Verordnung regelt selbstherrlich das Vereinsrecht, dehnt die Aumeldeverpflichtung polilischer Vereine auf unpolitische Vereine aus und hebt im§ 3 die verfassungsmäßig garan⸗ tierte Gleichheit aller Preußen vor dem Gesetz auf. Die Wirte und Einwohner des Wetzlarer Kreises werden gut thun, unbekümmert um die Wetzlarer Polizeiverfügung Privatgesellschaften und Vereine lediglich unter Beobachtung der vereinsgesetzlichen Bestimmungen abzu⸗ halten und, falls ihnen dabei Hiadernisse in den Weg gelegt werden sollten, den Weg des Ver⸗ wallungsstreitverfahrens und der Schadens- ersatzklage zu beschreiten. Der Erlaß der ungültigen Polizei⸗Verordnung trotz eatgegen— stehenden Entscheidungen der obersten preußischen Gerichtshöfe zeigt wieder einmal, welcher Wind in Preußen weht.“ Aus Lollar. m. Das hier am vorigen Sonntag stattge— fundene Stiftungsfest der hiesigen Ver— wallungsstelle des„Deutschen Metallarbeiter— bandes“ fand unter großer Beteiligung statt. Die Festrede hielt Herr Krumm ⸗Gießen. Redner forderte angesichts des Polizeikurses alle Arbeiter zum Zusammenschluß auf. Schärfster Tadel gebühren der hessische Regierung wegen chrer Zustimmung im Bundesrat zu diesem Gesetz. Man scheine sich in Darmstadter Re— gierungskreisen als preußische Filiale zu be— rachten.„Und darum,“ so schloß Redner, unter lebhaftem Beifall,„seid einig und kampf⸗ bereit!“ Aus Marburg. p. Unser Gewerkschaftsfest hat am Sonntag, begünstigt vom herrlichsten Wetter, den besten Verlauf genommen. Der Besuch war ein über alles Erwarten guter. Im Dammelsberg hat sich lange nicht eine so fröh— liche Menschenmasse gesammelt. Aus dem Wald ging es Abends in imposantem Lampion- und Fackelzug durch die Stadt in das Café Quentin, allwo die Jugend bis zum frühen Morgen das Tanzbein schwang. Das Fest war für die Ar— beitersache von großem agitatorischen Wert. * Wie aus der Todesanzeige in heutiger Nummer ersichtlich, ist der Dachdecker Burk an den Folgen eines unglücklichen Sturzes ge— storben. Der brave Genosse ist ein Opfer seines Berufs geworden, er erreichte nur ein Alter von 26 Jahren und hinterläßt Frau und zwei Kinder. Das Andenken unseres allezeit pflicht— bewußten Mitkämpfers werden die Marburger Arbeiter in Ehren halten. Aus Wetzlar. F. Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen. Ein Bierfahrer der hiesigen Brauerei Guth, welcher 19 Jahre(ö daselbst beschäftigt war, verunglückte vor einiger Zeit beim Hinabtragen eines Fasses Bier in einen Restaurationskeller. Nach seiner Ge⸗ sundung stellte er sich in der Brauerei wieder ein, bekam aber seine Entlassung mit dem Bemerken, daß er sich leichtere Arbeit suchen solle, da die bisherige für ihn zu schwer sei. Nicht alle Konsumenten des Guth'schen Bieres stehen diesem Fall gleichgültig gegenüber, dies um so weniger, da derselbe Herr Guth als Stadtverordneter gegen die Abschaffung des Bürgerrechtsgeldes gestimmt hat. — In dem Dörfchen Ber moll versuchte in der Nacht von Sonntag auf Montag der in dem Armenhause wohnende Kuhschweizer mit Namen Becker seine schlafende Ehefrau mit einem Beil zu töten, verwundete sie aber nur schwer. Der Mann, der glauben mochte, seine Frau sei tot, stürzte sich in einen nahen Steinbruch, in de am andern Morgen tot aufgefunden wurde. Kleine Mitteilungen. *Gießen. Mit den galizischen Arbeitern, die Kommerzienrat Gail für seine Thonziegelei nach hier importierte, scheint er keine besonders guten Erfahrungen gemacht zu haben. Schon mehr als die Hälfte derselben— über 30 Mann — haben sich bereits wieder davongemacht. Gegen mehrere der noch anwesenden Arbeiter ist ein Strafverfahren eröffnet wegen Wild— diebereien. Man hat bei einem derselben eine Reh⸗Gaise gefunden und sind daraufhin mehrere Verhaftungen vorgenommen. Marburg. In der Montags-Nacht er⸗ eigneten sich auf dem hiesigen Markplatz wüste Lärmscenen. Eine große Anzahl Korps— studenten betrug sich nämlich dermaßen, daß die Polizei einschreiten mußte. Als man einige der Krawaller abführte, erschütterte plötzlich donnerähnliches Krachen die Luft. Man warf Explosivkörper auf das Pflaster, etwa zwanzig Stück, die dann auseinanderflogen.„Als sich die aus dem Schlaf gestörten Bürger auf die Straße begaben und den Studenten gegenüber eine drohende Haltung annahmen, zogen sich diese zurück.“— So wird der„Kl. Pr.“ ge⸗ schrieben. Die„drohende Haltung“, die Mar— burger Philister den Korpsstudenten gegenüber „annahmen“, hätten wir sehen mögen. e Hessischer Landtag. Ein Antrag des antisemitischen Bauernbündlers Köhler, der die Beurlaubung von Landwirtssöhnen zu den Ernte⸗Arbeiten erstrebt, gab Gelegenheit, die Zuchhausvorlage in die Debatte zu ziehen. Der Abg. Köhler meinte nämlich: die hessische Regierung könne ja als Gegenleistung für ihre freundlichst ge- gebene Zustimmung zur Zuchthausvorlage von der Reichsregierung ein Entgegenkommen im Sinne seines Antrags verlangen. Abg. David nagelte diesen sauberen Vorschlag sofort fest und sprach zugleich der Regierung sein tiefstes Bedauern darüber aus, daß sie jenem Knebelgesetz-Entwurf ihre Billigung im Bundes⸗ rat erteilt habe. Man habe im Lande Besseres von ihr erwartet. Die Regierung hüllte sich dem gegenüber in Schweigen. Wir wollen zu ihren Gunsten annehmen, daß es das Schweigen reuevoller Scham war. Auch eine kleine Zukunftsstaats⸗Debatte gab es. Die Weigerung der sozialdemokratischen Fraktion, den Kirchenbehörden ein zinsfreies Darlehen aus der Staatskasse zur Aufbesserung der Pfarrgehälter zu be— willigen, gab den Anlaß dazu. Der nationalliberale Graf Oriola, der sich offenbar einbildet, unsere Forde⸗ rung nach reinlicher Trennung von Kirche und Staat lasse sich im Volke als ein wirksames Agitationsmittel gegen die Sozialdemokratie verwerten, legte seine Lanze ein und ritt Attacke gegen die Windmühle seines sozia⸗ listischen Zukunftsstaates. Es bekam ihm aber sehr schlecht. Abg. Ulrich gab es ihm unter Heiterkeit des Hauses gründlich und wies nach, daß die Sozialdemo— kratie mit den„Einfallspinseleien“ des Herrn Grafen nichts zu thun habe.— Die zweite Kammer wird am 18. d. Mts. noch zu einer kurzen Schlußsitzung zusammentreten. Dann wird der Landtag geschlossen und die Arbeit für die Landtags-Neuwahl hat zu beginnen. Machen wir's den Bayern nach! Partei- Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Preßkommission(nur in Gießen ansässige Mitglieder) Sonntag, den 16. Juli, Vormittags pünkt⸗ lich ½10 Uhr bei Orbig Sitzung. Vollzähliges und pünktliches Erscheinen dringend erforderlich. Quittung. In Nr. 26 der M. S.⸗Z. sind infolge eines Korrekturfehlers, wie wir erst nachträglich entdeckt haben, 12.— Mark quittiert, richtig muß es heißen: 2.— Mk. von C. R. in H. Achtung, deutsche Arbeiter! Die Zucht⸗ haus wühler sind eifrig an der Arbeit. Die im Reichstag ob ihrer Unwahrhaftigkeiten gebrand⸗ markte„Denkschrift“ feiert ihre Auferstehung in den Amtsblättern. Man sucht den Spießbürger mobil zu machen, indem man ihm unwahre Gruselmärchen auftischt! Die Arbeiterklasse sei auf der Hut! Die Gegenagi⸗ tation darf keinen Tag rasten! Verbreitet den von unserer Partei herausgegebenen stenographischen Bericht: Die Zuchthausvorlage vor dem Deutschen Reichstag. Es ist das ein stattliches Buch von fast 200 Seiten groß Oktav; trotz seines Umfangs ist der Preis nur auf 25 Pfg.(Porto 10 Pfg.) festgesetzt worden. Vereine, Gewerkschaften und Vertrauensleute, die größere Partien zu Agitationszwecken beziehen, erhalten die Schrift zum Selbstkostenpreis. Bestellungen nehmen alle unsere Spediteure, sowie die Expedition der M. S.⸗Z. entgegen. — Es bestätigt sich nicht, daß der Abg. Agster sein Mandat niedergelegt hat. Briefkasten der Redaktion. W. R. in B. Wenn Sie die Beschlüsse des dortigen Gemeinderats für ungerecht halten, so führen Sie deshalb Beschwerde. Lassen Sie sich nicht durch die Scherereien abschrecken und gehen Sie bis an den Re- gierungspräsidenten. Briefkasten der Expedition. Quittungen. Htlg. Mbg. 40.—. fl. Fbg. 25.40. Hbr. Dbgr. 10.—. R. G. 1.20. Vtbg. B. 4.80. Dthfr. Egst. 4.60. Frd. Fbg. 7.20. B. Hbsb. 5.—. Kfd. Kch. 3.—. Schpp. Llr. 12.—. Elr. Mog 21.65. Hp. Rohm. 9.—. Mtz. Obsch. 5.—. Hbch⸗ Harr. 4.10. Hzl. Obh.—.70. L. G.—.20. Sg. Hch. 2.20. Marktbericht. Gießen, 8. Juli.(Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.75 bis 1.00 Mk., Hühnereier p. St. 6— 7, 2 St. 11—13 Pfg., Enteneier 1 St. 7—8 Pfg., Gänseeier p. St. 10 bis 11 Pfg., Käse 1 St. 5—6 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 22 Pfg., Linsen p. Ltr. 32 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.75 1.00, Hühner per Stück Mk. 1.00— 1.30, Hahnen per Stück Mk. 0.80— 1.20, Enten per Stück Mk. 1.60— 2.00, Gänse per Pfund Mk. 0.00— 0.00, Ochsenfleisch per Pfund 68— 74 Pfge⸗ Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62—64 Pfg., Schweine⸗ fleisch per Pfd. 60—72 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 76 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 60 bis 66 Pfg., Hammelfleisch per Pfd. 50—70 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 5.00— 7.00, Weißkraut per St. 00—00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.50— 9.00, Milch per Liter 16 Pfg., Kirschen per Pfd. 25—35 Pfg. ngen ——— 5 1 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 29. S FSS desen, Unterhaltungs⸗CTeil. f * Vorwärts! Vorwärts brause, Seitenstrom! Reiß die alten Dämme nieder. Reg' die mächt'gen Wellenglieder RNollend durch den Weltendom! Vorwärts auf der Bahn zum Licht: Aberglaube sei nicht Meister Ueber die befreiten Geister, Trug und Wahn beherrsch' uns nicht! Vorwärts heißt der Ruf der Seit; Vorwärts, in der Sukunft Morgen Liegt der Völker Heil verborgen, Nicht in der Vergangenheit. Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. (1. Fortsetzung.) Kohlhaas fluchte über diese Gewaltthätigkeit, verbiß jedoch im Gefühl seiner Ohnmacht seinen Ingrimm, und machte schon, da doch nichts anders übrig blieb, Anstalten, das Raubnest mit den Pferden nur wieder zu verlassen, als der Schloßvoigt, von dem Wortwechsel herbei⸗ gerufen, erschien und fragte, was es hier gäbe? Was es gibt? antwortete Kohlhaas. Wer hat dem Junker von Tronka und dessen Leuten die Erlaubnis gegeben, sich meiner bei ihm zurück⸗ gelassenen Rappen zur Feldarbeit zu bedienen? Er setzte hinzu, ob das wohl menschlich wäre? versuchte, die erschöpften Gäule durch einen Gertenstreich zu erregen, und zeigte ihm, daß sie sich nicht rührten. Der Schloßvoigt, nachdem er ihn eine Weile trotzig angesehen hatte, ver⸗ setzte: seht den Grobian! Ob der Flegel nicht Gott danken sollte, daß die Mähren überhaupt noch leben? Er fragte, wer sie, da der Knecht weggelaufen, hätte pflegen sollen? Ob es nicht billig gewesen wäre, daß die Pferde das Futter, das man ihnen gereicht habe, auf den Feldern abverdient hätten? Er schloß, daß er hier keine Flausen machen möchte, oder daß er die Hunde rufen, und sich durch sie Ruhe im Hofe zu verschaffen wissen würde.— Dem Roßhändler schlug das Herz gegen den Wams. Es drängte ihn, den nichtswürdigen Dickwanst in den Koth zu werfen, und den Fuß auf sein kupferliches Antlitz zu setzen. Doch sein Rechtgefühl, das einer Goldwage glich, wankte noch; er war, vor der Schranke seiner eignen Brust, noch nicht gewiß, ob eine Schuld seinen Gegner drücke; und während er, die Schimpfreden niederschluckend, zu den Pferden trat, und ihnen, in stiller Erwägung der Um— stände, die Mähnen zurecht legte, fragte er mit gesenkter Stimme: um welchen Versehen halber der Knecht denn aus der Burg entfernt worden sei? Der Schloßvoigt erwiderte: weil der Schlingel trotzig im Hofe gewesen ist! Weil er sich gegen einen nothwendigen Stallwechsel ge⸗ straubt, und verlangt hat, daß die Pferde zweier Jungherren, die auf die Tronkenburg kamen, um seiner Mähren willen auf der freien Straße übernachten sollten!— Kohlhaas hätte den Wert der Pferde darum gegeben, wenn er den Knecht zur Hand gehabt, und dessen Aussage mit der Aussage dieses dick⸗ mäuligen Burgvoigts hätte vergleichen können. Er stand noch, und streifte den Rappen die Zoddeln aus, und sann, was in seiner vage zu ihun sei, als sich die Scene plötzlich änderte, und der Junker Wenzel von Tronka, mit einem Schwarm von Rittern, Knechten und Hunden, von der Hasenhetze kommend, iu den Schloßplatz sprengte. Der Schloßvoigt, als er fragte, was vorgefallen sei, nahm sogleich das Wort, und während die Hunde beim Anblick des Fremden von der einen Seite ein Mordgeheul gegen ihn anstimmten, und die Ritter ihnen von der andern zu schweigen geboten, zeigte er ihm unter der gehässigsten Entstellung der Sache an, was dieser Roßka mm, weil seine Rappen ein wenig gebraucht worden wären, für eine Rebellion verführe. Er sagte mit Hohngelächter, daß er sich weigere, die Pferde als die seinigen anzuerkennen. Kohl⸗ haas rief:„das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind die Pferde nicht, die dreißig Goldgülden werth waren! Ich will meine wohlgenährtenund gesunden Pferde wieder haben!“ — Der Juuker, indem ihm eine flüchtige Blässe in's Gesicht trat, stieg vom Pferde, und sagt: wenn der H... A... die Pferde nicht wiedernehmen will, so mag er's bleiben lassen. Komm Günther! rief er— Hans! Kommt! in⸗ dem er sich den Staub mit der Hand von den Beinkleidern schüttelte; und: schafft Wein! rief er noch, da er mit den Rit lern unter der Thür war; und ging in's Haus. Kohlhaas sagte, daß er eher den Abdecker rufen, und die Pferde auf den Schindanger schmeißen lassen, als sie so, wie sie wären, in seinen Stall zu Kohl⸗ haasenbrück führen wolle. Er ließ die Gäule, ohne sich um sie zu bekümmern, auf dem Platz stehen, schwang sich, indem er versicherte, daß er sich Recht zu verschaffen wissen würde, auf seinen Braunen und ritt davon. Spornstreichs auf dem e 0 nach Dresden war er schon, als er, bei dem Gedanken an den Knecht und an die Klage, die man auf der Burg gegen ihn führte, schrittweis zu reiten anfing, sein Pferd, ehe er noch tausend Schritt gemacht hatte, wieder wandte, und zur vorgaängigen Vernehmung des Knechts, wie es ihm klug und gerecht schien, nach Kohlhaasenbrück einbog. Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen Ein⸗ richtung der Welt schon bekanntes Gefühl machte ihn trotz der erlittenen Beleidigungen geneigt, falls nur wirklich dem Knecht, wie der Schloß⸗ voigt behauptete, eine Art von Schuld beizu⸗ messen sei, den Verlust der Pferde als eine gerechte Folge davon zu verschmerzen. Dagegen sagte ihm ein eben so vortreffliches Gefühl, und dies Gefühl faßte tiefere und tiefere Wurzeln in dem Maße, als er weiter ritt, und überall, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hörte, die täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt wurden: daß wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloß ab⸗ gekartet sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genug⸗ thuung für die erlittene Kränkung, und Sicher⸗ heit fuͤr zukünftige seinen Mitbürgern zu ver⸗ schaffen. Sobald er, bei seiner Ankunft in Kohlhaasen⸗ brück, Lisbeth, sein treues Weib, umarmt, und seine Kinder, die um seine Knie frohlockten, ge⸗ küßt hatte, fragte er gleich nach Herse, dem Großknecht: und ob man nichts von ihm gehört habe? Lisbeth sagte: ja liebper Michael, dieser Herse! Denke Dir, daß dieser unselige Mensch, vor etwa vierzehn Tagen, auf das jämmerlichste zerschlagen, hier eintrifft; nein, so zerschlagen, daß er auch nicht frei aimen kann. Wir bringen ihn zu Bett, wo er heftig Blut speit, und ver⸗ nehmen auf unsere wiederholten Fragen eine Geschichte, die keiner versteht. Wie er von dir mit Pferden, denen man den Durchgang nicht verstattet, auf der Tronkenburg zurückgelassen worden sei, wie man ihn durch die schändlichsten Mißhandlungen gezwungen habe, die Burg zu verlassen, und wie es ihm unnöglich gewesen wäre, die Pferde mitzunehmen. So? sagte Kohlhaas, indem er den Mantel ablegte. Ist er deun schon wieder hergestellt?— Bis auf das Blutspeien, antwortete sie, halb und halb. Ich wollte zugleich einen Knecht nach der Tronkenburg schicken, um die Pflege der Rosse bis zu deiner Ankunft daselbst besorgen zu lassen. Denn da sich der Herse immer wahrhaftig gezeigt hat, und so getreu uns in der That wie kein Anderer, so kam es mir nicht zu in seine Aus⸗ sage, von so viel Merkmalen Unterstützt, einen Zweifel zu setzen, und etwa zu glauben, daß er der Pferde auf eine andere Art verlustig gegangen wäre. Doch er beschwört mich, Niemanden zuzumuten sich in diesem Raubneste zu zeigen, und die Thiere aufzugeben, wenn ich keinen Menschen dafür aufopfern wolle.— Liegt er den noch im Bette? fragte Kohlhaas, indem er sich von der Halsbinde befreite.— Er geht, erwiderte sie, seit einigen Tagen schon wieder im Hofe umher. Kurz, du wirst sehen, fuhr sie fort, daß Alles seine Richtigkeit hat, und daß diese Begebenheit einer von den Freveln ist, die man sich seit Kurzem auf der Tronkenburg gegen die Fremden erlaubt.— Das muß ich doch erst untersuchen, erwiderte Kohlhaas. Ruf ihn mir, Lisbeth, wenn er auf ist, doch her! Mit diesen Worten setzte er sich in den Lehnstuhl; und die Hausfrau, die sich über seine Gelassen⸗ heit sehr freute, ging und holte den Knecht. Was hast du in der Tronkenburg gemacht? fragte Kohlhaas, da Lisbeth mit ihm in das Zimmer trat. Ich bin nicht eben wohl mit dir zufrieden.— Der Knecht, auf dessen blassem Gesicht sich bei diesen Worten eine Röthe fleckig zeigte, schwieg eine Weile; und: da habt ihr Recht, Herr! antwortete er; denn ein Schwefel- faden, den ich durch Gottes Fügung bei mir trug, um das Raubnest, aus dem ich verjagt worden war, in Brand zu stecken, warf ich, als ich ein Kind darin jammern hörte, in das Elb⸗ wasser, und dachte: mag es Gottes Blitz ein⸗ äschern; ich will's nicht!— Kohlhaas sagte be⸗ troffen: wodurch aber hast du dir die Verjagung aus der Tronkenburg zugezogen? Darauf Herse: durch einen schlechten Streich, Herr; und trocknete sich den Schweiß von der Stirn: Geschehenes ist aber nicht zu ändern. Ich wollte die Pferde nicht auf der Feldarbeit zu Grunde richten lassen, und sagte, daß sie noch jung wären und nicht gezogen hätten.— Kohlhaas erwiderte, indem er seine Verwirrung zu verbergen suchte, daß er hierhin nicht ganz die Wahrheit gesagt, indem die Pferde schon zu Anfange des verflossenen Frühjahrs ein wenig im Geschirr gewesen waren. Du hättest dich auf der Burg, fuhr er fort, wo du doch eine Art von Gast warest, schon ein oder etliche Mal, wenn gerade wegen schleuniger Einführung der Ernte Noth war, gefällig zeigen können.— Das habe ich auch gethan, Herr, sprach Herse. Ich dachte, da sie mir grämliche Gesichter machten, es wird doch die Rappen just nicht kosten. Am dritt n Vormittag spannt ich sie vor, und drei Fuhren Getreide führt ich ein. Kohlhaas, dem das Herz emporquoll, schlug die Augen zu Boden, und versetzte: davon hat man mir nichts gesagt, Herse!— Herse versicherte ihn, daß es so sei. Meine Ungefauig⸗ keit sprach er, bestand darin, daß ich die Pferde, als sie zu Mittag kaum ausgefressen hatten, nicht wieder in' Joch spannen wollte; und daß ich dem Schloßvoigt und dem Verwalter, als sie mir vorschlugen frei Futter dafür anzunehmen, und das Geld, das ihr mir für Futterkosten zurückgelassen hattet, in den Sack zu stecken, antwortete— ich würde ihnen sonst was thun; mich umkehre und wegging.— Um diese Ungefälligkeit aber, sagte Kohl⸗ haas, bist du von der Tronkenburg nicht weg⸗ gejagt worden.— Behüte Gott, ries der Knecht, um eine gottvergessene Missethat! Denn auf den Abend wurden die Pferde zweier Ritter, welche auf die Tronkenburg kamen, in den Stall geführt, und meine an die Stallthüre angebunden. Und da ich dem Schloßvoigt, der sie daselbst einquartirte, die Rappen aus der Hand nahm, und fragte, wo die Tiere jetzo bleiben sollten, so zeigte er mir einen Schweine⸗ koben an, der von Latten und Brettern au der Schloßmauer auferbaur war.— Du meinst, unterbrach ihn Kohlhaas, es war ein so schlechtes Behältnis fuͤr Pferde, daß es einem Schweine⸗ koben ähnlicher war, als einem Stall.— E. war ein Schweinekoben, Herr antwortete Herse; wirklich und wahrhaftig ein Schweinekoben, in welchem die Schweine aus- und einliefen, und ich kaum aufrecht stehen konnte.— Vielleicht war sonst kein Unterkommen für die Rappen aufzufinden, versetzte Kohlhaas; die Pferde der Ritter gingen auf eine gewisse Art vor. H— Der Platz, erwiderte der Knecht indem er die Stimme fallen ließ, war eng. ihr es gewesen wäret, ihr hattet die Pferde ein wenig zusammenrücken lassen. die Pferde unter seinen Augen behalten müsse, und daß ich mich nicht unterstehen solle, sie vom wegzuführen.— Hm! sagte Kohlhaas. Hofe Was gabst du darauf an?— der Verwalter Es hauseten jetzt in Allem sieben Ritter auf der Burg. Wenn Ich sagte, ich wolle mir im Dorf einen Stall zu miethen suchen; doch der Schloßvogt versetzte, daß er Bieter os den Lalte suflegte. Her sonst S8 lind ich Nulch W Teufel habt ihr Ich schw. O lebens Su De Se Dit —(— Jagung Herse: rocknete hehenez Pferde assen, D nicht indem le, daß „indem lossenen waren, ort, vo yon ei seuniger geigen „ Hel, ümliche Rappen spannt fühl quoll, dabon Helse sefadig⸗ Pferde, halle, Ind daß ter, dl nehme, terkosteh steckel 5 thun, e Koll t Leh 17 enn ahh „Rilkel, in de tallthüle igt, de, ere th schwelle 105 90 mill cle Nr. 29. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Seite 7. sprach, die beiden Gäste würdeu bloß über⸗ nachten, und am andern Morgen weiter reiten, so führte ich die Pferde in den Schweinekoben hinein. Aber der folgende Tag verfloß, ohne daß es geschah; und als der dritte anbrach, hieß es, die Herren würden noch einige Wochen auf der Burg verweilen.— Am Ende war's nicht schlimm, Herse, im Scheinekoben, sagte Kohlhaas, als es dir, da du zuerst die Nase hineinstecktest, vorkam.— Sist wahr erwiderte, jener. Da ich den Ort ein Bissel ausfegte, gings an. Ich gab der Magd einen Groschen, daß sie die Schweine wo anders einstecke. Und den Tag über bewerkstelligte ich auch, daß die Pferde aufrecht stehen konnten, indem ich die Bretter oben, wenn der Morgen dämmerte, von den Latten abnahm, und des Abends wieder auflegte. Sie guckten nun wie Gänse, aus dem Dach vor, uud sahen sich nach Kohlhaasenbrück, oder sonst, wo es besser ist, um.—(Forts. f.) Sprüche zur Lebensweisheit. Und ich lehr euch den Teufel frisch verhöhnen Durch Wahrheit. Redet wahr und höhnt des Teufels! Habt ihr die Macht ihn herzurufen, thuts! Ich schwör, ich habe Macht ihn wegzuhöhnen. O, lebenslaug sprecht wahr, und höhnt des Teufels. d Such' ich jetzt den goldnen Frieden, Den das deutsche Blut ersiegt, Seh ich nur die Kette schmieden, Die den deutschen Nacken biegt. Humoristisches. — Auf der musikalischen Soiree. A.: „Sagen Sie einmal, nach was für einer Methode mag diese Dame Unterricht gehabt haben? Die singt ja ganz schauderhaft:“ B.: O, die hat gar keinen Gesangsunterricht gehabt. Sie ist sogar sehr stolz darauf, daß ihre Stimme ganz Natur ist. A.:„So, so, also Natur-Heul⸗Methode!“— * Allerlei Druckfehler.„Er wollte ihr noch einen Fuß rauben, aber sie wehrte sich heftig.“— „In ihrem Rinde sah sie das Ebenbild ihres Gatten wieder.“—„Entkernen Sie sich sofort!“ rief sie ge⸗ bieterisch.—„Kann ihre Kleine schon saufen?“ fragte er teilnehmend die junge Mutter. * Im Kränzchen. Frau Professor(zu ihrer Nachbarin);„Sehen Sie nur, wie aufgeregt die Frau Rätin hin⸗ und herrückt, die sitzt sicher auf einem Ge⸗ heimnisse!“ Schwer zu befriedigen. Bäuerin:„G'rad z tot könnt ich mich weinen, wenn ich Dich so aus'm Wirtshaus rauskommen seh'!“— Bauer:„Da weiß ma' scho' nimmer, was ma' thun soll! Heut' früh hat der Herr Pfarrer aufbegehrt, weil er's g'sehen hat, wie ich in's Wirtshaus neinganga bin, und Du weinst jetzt, weil ich aus'm Wirtshaus raus komm'!“ * Zu viel verlangt. Einjähriger:„Bitte gehorsamst um drei Stunden dienstfrei heute Nachmittag, Herr Hauptmann.“— Hauptmann:„Gleich drei Stunden wollen Sie? Sind Sie verrückt? Sie glauben wohl— wir rüsten schon ab!“ Haustierarzneibuch von V. Strebel, Professor an der landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim und E. Reicherter, Oberamtstierarzt und Lehrer an der land⸗ wirtschaftlichen Winterschule in Reutlingen, neu heraus⸗ gegeben von P. Mangold, Kgl. Landwirtschaftsinspektor und Vorstand der landwirtschaftlichen Winterschule in Reutlingen, im Verein mit E. Reicherter; 6. Auflage mit über 800 Seiten Text, 300 Illustrationen und 16 Chromotafeln. 12 monatliche Hefte à 50 Pfg. Verlag von Enslin u. Laiblin, Reutlingen.— Dieses Buch hat sich die Aufgabe gestellt, ein Mittel zu sein, mit welchem sich der Landmann und Viehbesitzer in dem großen Kampfe ums Dasein seine Lage verbessern kann. Das Wohl und Wehe des letzteren hängt eng zusammen mit dem Gedeihen seines Viehstandes, und ihm zu einer rationellen Betreibung der Vieh- und Pferdezucht etc. eine Anleitung zu geben, ihm die Mittel zu zeigen, wie er seine Hausgenossen aus dem Tierreiche vor Krankheiten bewahren und sichern und wie er ausgebrochenen Krank— heiten gegebenen Falls begegnen kann, ist der Zweck des Buches. Mit Wort und Bild werden dem Leser diejenigen Verrichtungen vorgeführt, die der Laie im Notfalle an⸗ wenden kann, um ein Tier zu retten, oder so lange zu erhalten, bis ärztliche Hilfe kommt. Zucht und Ernährung werden eingehend besprochen und auch scheinbar neben⸗ sächliche Zweige, wie Geflügel-, Kaninchen-, Bienen⸗ und Fischzucht, die bei richtigem, wenn auch kleinen Betriebe, ebenfalls einen schönen Nutzen abwerfen, find berücksich⸗ tigt. Ein besonders wertvoller Bestandteil des Buches sind ferner die Seuchengesetze der deutschen Staaten, Oesterreichs und der Schweiz, die Gewährschaftsbestimm⸗ ungen dieser Länder, sowie die zahlreichen Illustrationen und die 16 Kunstfarbdrucktafeln, welche eine große An⸗ zahl Tierschläge etc. naturgemäß darstellen. Wir können die Anschaffung des Werkes angelegentlichst empfehlen. Dasselbe ist zu beziehen durch die Buchhandlung von H. Schneider, Gießen, Sonnenstraße 25. Großer Preisabschlag. Speck, Ia. fett, per Pfd. 58 Pfg., bei 10 Pfd. à 55 Pfg. 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