Nr. 16. Gießen, Sonntag, den 16. April 1899. b. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 5 f 19 ö 124 Mitteldeuts che L 1 Redaktionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 Uhr, I * ö 5 f 5 Abonnementspreis: Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Die Feierabendstunde in Hessen. * Der hessische Landtag hatte sich vor wenigen Wochen mit einem sozialdemokra⸗ tischen Antrag zu beschäftigen, der dahin ging, die Feierabendstunde in Hessen gänzlich aufzuheben. Abgesehen von solchen Leuten, die sich un⸗ behaglich fühlen, wenn sie nicht Tag und Nacht unter Polizei⸗ oder Gendarmerieaufsicht stehen, herrscht im ganzen Hessenlande nur eine Stimme bezüglich der Feierabendstunde: Fort damit! Gerade mit Rücksicht auf diese allgemeine Stimmung halten wir es am Platze, die treff⸗ lichen Ausführungen des sozialdemokratischen Abgeordneten Ulrich noch nachträglich ausführ⸗ licher wiederzugeben. Wie bei vielen anderen Gelegenheiten, so hat unser wackerer Genosse auch in der Feierabendstundenfrage den Nagel auf den Kopf getroffen. Er kennt die hesfische Landbevölkerung von Grund auf und das, was Ulrich über die Feierabendstunde sprach, kam sozusagen aus dem Herzen des hessischen Volkes heraus. Doch hören wir den Genossen Ulrich selbst: Die Bitte, den von uns gestellten Antrag anzunehmen, scheint ja für diesmal noch nutzlos zu sein, aber ich erwarte. daß der Polizeistock, der Ihnen so viel Vergnügen zu machen scheint, doch mit der Zeit auch für Sie unangenehm werden wird, und Sie sich selber dagegen wehren werden, wenn erst einmal rechts und links von jedem Einzelnen von Ihnen ein Gendarm stitzt und Sie zu Bette bringt. Zunächst zum Kol⸗ legen Weidner. Für Sitte, Moral und Ordnung fürchtet er, wenn die Polizeistunde aufgehoben wird! Herr Kollege, fürchten Sie nicht noch für etwas anderes dabei? Sitte, Moral und Ordnung haben mit der Feier⸗ abendstunde wenig zu thun. Wird denn Sitte, D r „ ß.. ß u: Moral, Ordnung von ein paar lustigen Zechern gestört? Die Ruhe wird gestört, und wer 0 kuhestörenden Lärm verursacht— die Herren kennen ja den berühmten Paragraphen 365— wer ruhestörenden Lärm verübt, der wird be⸗ straft, ob es nach der Feierabendstunde ist oder porher, ob die Feierabendstunde besteht oder nicht. Herr Kollege Weidner, Sie haben als Bürgermeister, als Ortspolizeibeamter das Recht, den, der Ruhestörungen verübt, zur Anzeige und Bestrafung zu bringen. Nun, meine Herren, wir reden auch nicht den ruhestörenden Herren das Wort, wir reden nicht das Wort denjenigen Leuten, die den Besuch des Wirtshauses dazu benutzen, um sich vollzutrinken. Ich bin der Meinung, daß man nicht ins Wirtshaus geht, um sich vollzusaufen, sondern daß man ins Wirtshaus geht, um sich mit seines Gleichen zu unterhalten, um sich über wichtige allgemeine öffentliche Fragen zu besprechen. Die Polizei⸗ 5 stunde wird in fast allen Orten ver⸗ „ schieden gehandhabt. Die Regierung teilte uns eine Aeußerung vom 23. Oktober 1897 mit. Da heißt es zum Schluß, und das ist — speziell für den Standpunkt des Abg. Weidner von Bedeutung: diese Verfügung— daß näm⸗ 0 lich die Feierabendstunde von 10 auf 11 Uhr t verlegt werden könne hat die Kreisämter t weiter ermächtigt,„die Bestimmungen über die — Paoltzeistunde nicht zur Anwendung zu bringen N 2. e 2 — . Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ius Haus geliesert monatlich 25 Pfennig. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen in Bezug auf Wirtschaften, bei denen der vor⸗ handene Verkehr oder andere Verhält⸗ nisse besonderer Art eine solche Befreiung zulässig erscheinen lassen“. Da haben Sie in aller Form die Ausnahme. diese Ausnahmen gehandhabt werden, darüber können Sie ja in Ihren eigenen Gemeinden sich einmal uskunft holen. Da hört man dann sehr häufig:„Gelle, wir müssen heraus, aber daneben die Honoratioren dürfen weiter sitzen!“ Ganz sicher ist das überall der Fall, wo nur ein Wirtshaus vorhanden ist mit einer Herrenstube und einer Kutscherstube. Da müssen die Gäste, wenn die Feierabendstunde geschlagen hat, aus der Kutscherstube heraus, und in der Herrenstube bleiben sie ruhig sitzen und kneipen weiter. Daß diese Art der Handhabung der Polizeistunde außerordentlich böses Blut setzt, das ist richtig. Die Anzahl der Leute, die gar nicht die Absicht haben, die Ruhe zu stören und nur bestraft worden sind, weil sie ein paar Minuten nachdem der Glocken⸗ schlag verklungen war, das Wirtshaus verlassen haben; die Anzahl dieser Leute ist sehr groß. In geradezu chikanöser Weise stehen untere Polizeibeamte bei gewissen Wirkshäusern vor der Thür, und wenn der letzte Glockenschlag aus dem Turme heraus ist, dann drücken sie auf die Klinke und sagen:„Aha, Euch haben wir ja.“ Das ist Thatsache. (Abg. Cramer ruft: Ich habe das erlebt, ich kann Beispiele bringen.) Abg. Ulrich: Die eigentliche Quelle unseres Antrags liegt in der Art, wie die Polizei⸗ stunde von Gendarmen und Polizeibediensteten in chikanöser Weise gehandhabt wird, nicht gewöhnlichen Wirtshäusern gegenüber, sondern gegen Versammlungen und Vereine; das will ich Herrn Ministerialrat Breidert ganz besonders sagen, gegen Vereine. Vor wenigen Tagen hat die Staatsanwaltschaft hier die Be⸗ rufung gegen ein Urteil des Landgerichts zurück⸗ gezogen, welche an das Oberlandesgericht ge— gangen war, gegen den Holzarbeiterverband in Isenburg. Dieser Verband war angeklagt wegen Uebertretung der Feierabendstunde, weil er nach Feierabend noch in seinem Vereinslokal getagt hatte; er wurde zum Glück freigesprochen, aber die Polizei hat die Leute doch gezwungen, sich einen Anwalt zu nehmen; die Staatsanwalt⸗ schaft hat die Sache bis zur dritten Instanz verfolgt und ist erst im letzten Augenblick zurück⸗ getreten, ich weiß nicht, ob infolge unserer Stellung zu der Sache. Den Beteiligten ent⸗ stehen Kosten und Zeitverlust. Mit den Gesang⸗ vereinen ist zum Teil ganz ähnlich vorgegangen worden. Gesangvereine sind angezeigt und be⸗ straft worden, sie mußten sich vom Kreisamt eine durchgehende Verlängerung der Polizei⸗ stunde für ihr Vereinslokal holen; das war in einer ganzen Anzahl Ortschaften im Kreise Offenbach der Fall. Doch noch etwas anderes. Am Sonntag ist erst wieder in Bieber ein er⸗ wähnenswerter Fall vorgekommen: ein Gendarm hat die Polizeistunde in einer Weise gehandhabt, die ganz merkwürdig ist und hoffentlich auch Anlaß zur Beschwerde an das Kreisamt bezw. Ministerium geben wird. Ein Verein feierte ein Fest, und war beim Bürgerme ster darum eingekommen, Polizeistunden⸗Verlängerung zu erhalten, hat sie aber nicht bekommen, was ein chikanöses Vorgehen seitens des Bürger⸗ Und wie f 1 1 Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5gespalt⸗ Expedition tu Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Schloßg. 13, sowie j de Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25 ¾8, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43124) 33½¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. rr. 9qv T—T—¼ f. T———— Bei mindestens meisters gewesen ist, denn sonst haben Vereine, wenn sie Festlichkeiten begehen, ohne Anstand die Verlängerung bekommen. Diesem Verein gab man sie nicht, weil es ein sozialdemo⸗ kratischer Verein war, und weil er die März⸗ feier beging. Als ein paar Minuten über den Glockenschlag noch Einer eine Deklamation vor⸗ trug, kam der Gendarm in der ganzen Größe seines Amtes— der Großherzog hätte nicht großartiger auftreten können— und brachte die ganze Gesellschaft in Aufregung, sodaß die Frauen und Mädchen vor Augst nicht wußten, was sie anfangen sollten. Das ist doch keine Art, Ruhe und Frieden zu stiften; da wird ja die Aufregung erst durch den Gendarm in die Volksmassen hineingetragen. In Bieber sind überhaupt merkwürdige Zu⸗ stände eingerissen. Der neue Bürgermeister dort scheint zu glauben, er sei mehr wie der Großherzog und könne alles verfügen, was ihm paßt, gegenüber Leuten, die nicht seiner Ansicht sind. Er ist ein paar mal durchgeprügelt worden, weil er in... nervösem Zustand in die Wirt⸗ schaft kam und seine Ortsbürger prügelte bezw. prügeln wollte. Statt daß er Prügel austeilte, haben sie ihn geprügelt. Und was geschah? Der Mann hat Anklage wegen Landfriedens⸗ bruches erhoben gegen die, die sich nicht von ihm prügeln lassen wollten; es kam zu einer hochnotpeinlichen Untersuchung, und was war schließlich das Ende? Der Bürgermeister soll beleidigt worden sein; eine Beleidigungsklage kam heraus. Wenn der gute Mann ange⸗ trunken war, was ich feststellen kann,— ich will es hier offen sagen— wenn er glaubte, in angetrunkenem Zustand sein Amt ausführen zu können, da hört doch alles auf. Sollen sich die Bürger von einem notorisch unzu⸗ rechnungsfähigen Menschen alles ruhig gefallen lassen, weil er Bürger meister ist? Doch ganz gewiß nicht! Die Polizeibeamten, welche glauben, jeden behandeln zu dürfen wie einen Schuljungen, den man nach Hause schickt, wenn man es für gut hält, müssen in ihrem Machtgefühl eingeschränkt werden. Und nun komme ich zur Frage der Vereins⸗ freiheit. Sie hat noch in anderer Richtung eine hohe Bedeutung. Wie weit die Gendarmen ihr gegenüber gehen, das hat ein Fall gezeigt, der vor gar nicht langer Zeit vor dem Schöffen⸗ gericht in Nidda verhandelt wurde, gegen eine Spinnstubengesellschaft, die wegen Ueber⸗ tretung der Polizeistunde angezeigt worden war. Zum Glück erfolgte Freisprechung, aber die Anklage allein, schon die Thatsache, daß der Gendarm sich berechtigt glaubte, eine Spinn⸗ stubengesellschaft zu stören und nach Hause zu schicken, und daß eine Spinnstubengesellschaft vor Gericht zitiert wird, die zeigt doch deutlich, wohin es bei einzelnen Polizeibeamten ge⸗ kommen ist. Wenn in einem Orte Wirtschaften vorhanden sind, deren Wirt nicht versteht, ordnungsgemäß sein Geschäft zu führen, dann, meine Herren, und das sagen die Wirte in ihrer Eingabe selbst, dann ist es richtig, daß man eine Poli⸗ zeistunde für diesen Wirt einführt, dann muß einem solchen schwachen Wirt von Amts⸗ wegen unter die Arme gegriffen werden. Aber das find nur Ausnahmefälle; die Polizeistunde soll nur als Ausnahme gelten für denjenigen, . Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 16. der sich nicht selber zu helfen weiß, für den⸗ jenigen, der nicht Polizei in seiner eigenen Wirtschaft ist. Die Polizeistunde soll aber nicht als Regel für die Allgemeinheit gelten. Jetzt gilt die Ausnahme nur sür gewisse 8 15 Herren. Wenn aber diese blos die usnahme genießen sollen, dann kommt eben Mißstimmung in die Bevölkerung und jeder Strafzettel, die meistens eine Mark Strafe und 1.10 Kosten machen,— beim ersten Mal kommt er mit einer Mark weg, dieser Sünder— jeder solcher Zettel regt mehr auf, als jene großen „Hetzreden“, die von Sozialdemokraten, von Antisemiten, oder von Zentrumsleuten gehalten werden.(Heiterkeit.) Wenn nun der Abg. Weidner mit der Re⸗ gierung behauptet, es sei gar kein Bedürfnis vorhanden, die Polizeistunde aufzuheben, so er⸗ kläre ich Ihnen offen und frei: sowohl die Herren Vertreter der Regierung, als wie der Herr Kollege Weidner als Bürgermeister, sind mir für diese Frage keine klassischen Zeugen. Meine Herren, wir haben uns dagegen ver⸗ wahrt, daß bei Versammlungen das Recht der Bürger geschmälert wird. Es ist keine Provinz, in der ich nicht in kleinen und größeren Ver⸗ sammlungen öffentlich gesprochen habe; niemals hat sich in früheren Jahren ein Bürgermeister irgendwie erlaubt, eine Versammlung, wenn es 11 Uhr geworden war, auf Grund der Polizei⸗ stunde zu verbieten. Das ist erst Mitte der 90er Jahre losgegangen. Namentlich von Ober— hessen aus machte man den Versuch, uns auch in unserem Vereins- und Versammlungs⸗ recht zu verpreußen. Gen. Ulrich schilderte dann den unseren Lesern bekannten„Fall Daubringen“, verweist auf noch zahlreicheres Material in seinen Händen, das gegen die Feierabendstunde spricht und ver⸗ wahrt sich dagegen, daß durch die Aufhebung der Feierabendstunde der Völlerei Vorschub ge⸗ leistet werden solle. Die Kammer möge den sozialdemokratischen Antrag annehmen und dadurch bekunden, daß sie unter allen Um⸗ ständen das Vereins- und Versammlungs⸗ recht gegen chikanöse Schädigungen durch die Polizeistunde sichergestellt wissen wolle. Fort mit der Polizeistunde! Politische Rundschau. Gießen, den 14. April. Wahlsieg in Berlin. Die Sozialdemokratie Berlins hat ein neues Siegesblatt in das Buch ihrer ruhmvollen Ge⸗ schichte geheftet. Der zweite Wahlkreis ist den Parteien des Kapitalismus am Dienstag bei der Nachwahl entrissen und der Partei der Arbeit wiedergegeben. Richard Fischer ist gewählt. 47/260 Stimmen wurden in die Wahlurne gelegt, Fischer erhielt 24319 Stimmen, er siegte mit 1340 Stimmen Majori⸗ tät. Der freisinnige Kandidat Kreitling erhielt 17 443, der Konservative 5266, der antisemitische Graf Pückler 120 Stimmen, der Rest war zer— splittert oder ungültig. Die Wahlbeteiligung war schwächer als bei der Hauptwahl im Vorjahre, wie gewöhnlich bei Nachwahlen. Am 16. Inni 1898 wurden 54 786 Stimmen abgegeben. Sieben und ein halb Tauseud Stimmen wurden bei der jetzigen wahl weniger abgegeben. Der Freisinnige hatte zwar 1311 Stimmen Zuwachs, aber der Zu⸗ wachs wurde übermäßig aufgewogen durch den Rückgang der konservatsven Stimmen um mehr als die Häffte. Brachte die geringe Wahlbe⸗ teiligung der Sozialdemokratie eine Abnahme von knapp 2000 Stimmen, so betrug der Ver⸗ lust der gegnerischen Parteien an 5500 Stimmen. Und niemand der objektiv das Wahlergebnis prüft, kann verkennen, daß die Sozialdemokratie, die Partei der wenig seßhaften Aubeiterschaft, am schwersten durch den Fortzug Tausender von Wählern aus dem Wahlkreise seit der vorigen Wahl zu leiden hatte. Unser Sieg ist aber besonders darum ein Sieg, dessen wir uns uneingeschränkt erfreuen dürfen, weil wir ihn mit ehrlichen Waffen erfochten haben. Könnte der Freisinn ähnliches von seiner Niederlage sagen, die Niederlage wäre nicht schlimm. Der Liberalismus unterlag aber nicht in Ehren, sondern in der Schande feiler Prostituierung aller seiner Grundsätze. Um Stimmen zu gewinnen, bettelte er vor der Thüre der Konservativen Reaktion, katzbuckelte vor den Erzfeinden bürgerlicher Gleichberech— tigung, vor den Wahlrechtszerstörern und Staats⸗ streichattentätern. Der Freisinn darf seinen konservativen Freunden danken; sie haben ihn eifrig unterstützt; durch konser vativen Stimmen⸗ zufluß erreichte er die Stimmenzahl, deren Au⸗ sehnlichkeit erkauft ist um den Preis der poli⸗ tischen Ehrenhaftigkeit. Eugen, der tapfere Freisinnsmann, der seine Partei glücklich in ganz Deutschland auf den Hund gebracht hat, jammert schrecklich über den Reinfall. Er schimpft auch die Konservativen, die er wochenlang angebettelt hat um Wahl⸗ hilfe, weil sie„wieder einmal ein Berliner Reichstagsmandat der Sozialdemokratie aus⸗ geliefert“ hätten. Ein deutscher Friedensapostel. Für die Abrüstungskonferenz ist als juristischer Beirat Deutschlands der Münchener Staatsrechtslehrer v. Stengel er⸗ nannt worden. Wie in den„Münch. Neuest. Nachr.“ hervorgehoben wird, ist die Wahl eines bayerischen Juristen auf eine Anregung der bayerischen Regierung zurückzuführeu. Freiherr v. Stengel aber hat in einer vor wenigen Wochen erschienenen Schrift über den ewigen Frieden sich als einen Gegner der Friedens- bewegung entpuppt. Unter Berufung auf das alte und das neue Testament sucht Stengel in seiner Schrift die„Notwendigkeit“ der Kriege, ihren„erzieherischen Wert“ und ihre„kultur⸗ fördernde Mission“ zu erweisen. Dieser deutsche Delegierte für die Friedenskonferenz erblickt im Kriege sogar den„Prüfstein für den politischen, physischen und geistigen Wert eines Volkes und eines Staates“. In der von den Friedens⸗ freunden ausgehenden Agitation erblickt Frhr. v. Stengel nur eine„verderbliche Friedens⸗ duselei“. Die„phantastischen Bestrebungen“ der„sogenannten Friedensfreunde“ hätten keinen größeren Wert als die Vorschläge der„Utopisten“ von der Art des Thomas Morus und Bellamy. Die„Post“ des Frhr. v. Stumm ist natür⸗ lich über die Broschüre des Frhrn. v. Stengel entzückt. Sie schreibt:„Man kann es nur mit großer Genugthuung begrüßen, wenn die deutschen Vertreter bei der Friedeuskonferenz, ohne sich verschwommenen Verbrüderungs— illusionen hinzugeben, einen so warmen Sinn für die wirklichen Interessen des deutschen Vaterlandes bekunden.“ Deutschland delegiert zur Friedens- konferenz einen Mann, der den Krieg für eine kultur förderliche Einrichtung hält und von Friedensduselei spricht! Trotzdem soll es immer noch einige Leute geben, die den zaristi⸗ schen Friedenserlaß ernst nehmen. Deutsche Kolonialpolitik. Eine deutsche Kulturgroßthat aus China, meldet das„Reutersche Bureau“: „Das deutsche Detachement ist auf die „Gefion“ zurückgekehrt, nachdem es zwei Dörfer in der Nähe von Itschaufu, wo deutsche Reisende angegriffen worden waren, niedergebrannt hat.“ Von deutscher Kolonialkultur verlangt nie⸗ mand eine Berücksichtigung des Wortes: Liebe Deinen Nächsten. Daß diese Kolonialkultur aber Thaten verrichtet, im Vergleich zu denen das„Aug' um Aug', Zahn um Zahn,“ ein hohes Lied der Menschenliebe vorstellt— das wird der Chinesenbevölkerung wahrlich tiefste Ehrfurcht vor der Europäerkultur abnötigen. Wer die Gelder für unsere Kolonialpolitik bewilligt, nennt sich stolz„Patriot“ und„natio⸗ naler Politiker“. Wer aber das in Asien und Afrika verpulverte Geld lieber für Kulturwerke in Deutschland verwendet wissen will, weil er der Ueberzeugung lebt, daß innerhalb der schwarz⸗ weiß⸗roten Grenzpfähle noch so außerordentlich viel zu kultivieren ist, der wird„vaterlandslos“ genannt. Die verkehrte Welt. Gegen die Verpreußung. Im württembergischen Landtag bege isterte sich der Abgeordnete von Wöllwarth für eine preußisch-württembergische Eisenbahn⸗ gemeinschaft, d. h. für eine Auslieferung der Der Ministerpräsident v. Mittnacht trat diesem Ge⸗ württembergischen Bahnen an Preußen. danken entschieden entgegen und erntete den leb⸗ haftesten Beifall des Hauses. Herr v. Mittnacht daß es befürchtete wohl nicht mit Unrecht, Württemberg ginge, wie es den Hessen ge⸗ gangen ist, daß es nämlich in einer Eisenbahn⸗ gemeinschaft mit Preußen die Rolle zugeteilt erhielt, wo es„nix to seggen“ habe. Die finanzielle und politische Abhängigkeit, in die Hessen durch die Finanzgemeinschaft mit Preußen geraten ist, hat selbst die nationalliberalen Ab⸗ geordneten der hessischen Ständekammer ziemlich verschnupft, was doch immerhin etwas heißen will. Sogar der so regierungsfromme Abg. Dr. Osann konnte die Bemerkung nicht unter⸗ drücken, daß der Leiter der hessischen Finanzen im grunde nichts anderes sei, als„Direktor der hessischen Finanzen im preußischen Finanz⸗ ministerium“.— Die wackeren Schwaben lassen die Schwabenstreiche heutzutage von den— Hessen machen. Agrarier⸗Politik. Für die Surrogate treten die Agrarier ein, wenn sie dabei Vorteile haben. Ein An⸗ trag Paasche-Rösicke und eine Eingabe des Vereins der Brauereien Berlins verlangt be⸗ kanntlich das gesetzliche Verbot der Ver⸗ wendung von Surrogaten bei der Bierbe— reitung. Dagegen richten zahlreiche Rittergutsbesitzer und Stärkesyrup—⸗ Fabrikanten eine Bittschrift an den Reichstag, worin sie ersuchen, das Verbot überhaupt a b⸗ zulehnen(1) oder wenigstens Stärkesyrup, Stärkezucker und Zuckercouleur von dem Verbot auszunehmen. An der Spitze der Bittsteller steht der Graf Schwerin-Löwitz, Vorsitzender der Landwirtschaftskammer für Pommern; dann folgen noch drei Grafen Schwerin, ein Graf Zieten⸗Schwerin, Grafen Dohna, Rantzau, Schlieffen, Bredow usw.— Für Surrogate, wenn sie die Produzenten solcher sind, gegen das Surrogat, wenn dasselbe, wie die Marg a— reine, als Konkurrenz gegen das von ihnen vertriebene Naturprodukt auftritt. Dreister kann man seine materiellen Interessen wohl kaum vertreten. Gemaßregelter Pfarrer. Der katholische Pfarrer Richen in Viersen⸗ ist wegen einer am 19. Februar gehaltenen Rede, in der er gegen die Errichtung einer Bismarck⸗ Säule in Viersen heftig protestierte, seines Amtes als Ortsschulinspektor enthoben worden. Das Zentrum wird nun wohl nicht unterlassen können, sich mit dem Gemaßregelten solidarisch zu erklären.(2) Wenn Bismarck sich erlaubt hat, katholische Bischöfe„Hundsfötte“ zu schimpfen, so wird man einem katholischen Geist⸗ lichen nicht verübeln, daß er seine Kritik über die Persönlichkeit Bismarcks nicht sehr glimpflich äußert. Daß aber der Staat den Bismarck⸗ Götzendienst durch seine Organe zwangsweise vor Störungen behütet, ist eine Nachahmung 5 durch die Inquisition geschützten Heiligen⸗ ultus. Von der Spitzelei zur Muckerei! Der aus dem Leckert⸗Lützow⸗Tausch⸗Prozeß bekannte Spitzel Freiherr v. Lützow ist nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Ham⸗ burg bei der innern u hn angestellt. In dieser seiner Eigenschaft ist ihm ein gottver⸗ gessener Mensch zur Bearbeitung überwiesen worden, dessen Bekehrung sich der ehemalige Vertrauensmann des Herrn v. Tausch sehr an⸗ gelegen sein läßt, wie der nachfolgende, zur Kenntnis des Hamburger Echos gelangte Brief zeigt, der das Motiv trägt:„So Du durchs Wasser gehest, will ich bei Dir sein, daß Dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so Du durchs Feuer gehest, sollst Du nicht brennen und die Flammen sollen Dich nicht anzünden. Jes. 43. 2.“ In dem Brief heißt es u. A.: „Wieder und wieder muß ich Sie bitten, doch umzukehren auf dem Wege des Ver— Au. Ib. ue ie don au Nuk E. Godau Keidel. 61 Kehre 91 ehe e alta dahitten! Der iN Tugend 1 fehr auf Fre wachen ird fall 5 t a 22. rl, Jahre Jud 100 Tage!“ vurde elst, on diesem beworfen stin die Ve aus zu kf die Summe G5 ist noc lach der E Friedenau gehen wir „Junerer? fein blaubl Arbeiter Dem! belgisch Arbeit eit Nach gierung beitersekret berichte, S die dom Trapail, h. Jahte er empfangen Ob m deutsche durch da Ministeriu Tag legt, lichtet unt die Schar 2 In de tt sich f von den in Hände anmlung dem von en h al! dalgien! Klerikaler bende, f rief ent eie S eine Si Jul hätten p Ki! bel hit 1 recht, We And irg lerkale Die Au arier An⸗ des Ver⸗ rbe⸗ eiche up⸗ Stag, prup, erbot teller der jern; ein Hall, gate, gen rga⸗ ihnen kann kaum ersen⸗ ede, surck⸗ ines den. assen risch aubt 1 1 heis⸗ über lich arc weise Hung 1 Heß nach UH thel⸗ iesen alige lt Ful rie Ich Du nen dell ten, ger Dann erzählt Gallifet von einem Besuche des 1 früheren englischen Militärattaches General Tal⸗ Nr. 16. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. derbens, auf dem Sie hinstürmen. Denken Sie doch an unseren Herrn und Heiland, der auch für Sie gelebt, gelitten und gestorben, denken Sie an ihr Seelenheil, so lange noch Gnadenzeit ist und denken Sie an Frau und Kinder. Was soll aus letzteren werden. Kehren Sie um, liebster Herr.: b Ich nehme Sie gern auf, wenn Sie aufrichtig Ernst machen wollen und allen Heuchelkram(ö) dahinten lassen.“ 1 Ihr fürbittender Karl Chr. v. Lützow. Der junge Mann mit der ramponierten Tugend ist auf dem besten Wege, für noch höhere Aufgaben fähig zu werden. Freiherr v. Hammerstein, der ehemalige Chefredakteur der, Kreuz⸗Zeitung“, wird am 26. ds. M. aus dem Zuchthaus zu Moabit entlassen werden. Das gegen ihn am 22. April 1896 gefällte Urteil, lautend auf drei Jahre Zuchthaus, 1500 Mark Geldstrafe oder 100 Tage Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust, wurde erst am 26. Juni 1896 rechtskräftig, da an diesem Tage die Revision vom Reichsgericht verworfen wurde. Um dem Freiherrn v. Hammer⸗ stein die Verbüßung von noch 100 Tagen Zucht⸗ haus zu ersparen, ist von Freunden seiner Familie die Summe von 1500 Mk. aufgebracht worden. Es ist noch fraglich, ob Frhr. v. Hammerstein nach der Strafverbüßung bei seiner Familie in Friedenau verbleiben oder nach dem Ausland gehen wird. Vielleicht kann er ja auch als „Innerer Missionar“ irgend wo ankommen, wie sein blaublütiger Kollege von Lützow. Arbeitersekretariate und Regierungen. Dem Münchener Arbeitersekretariat ist vom bel gischen Ministerium der Industrie und der Arbeit eine interessante Zuschrift geworden. Nach derselben würde die belgische Re⸗ gierung„sehr erfreut sein, die auf des Ar⸗ beitersekretariat bezüglichen Aktenstücke(Jahres⸗ berichte, Statuten u. s. w.) im Austausch gegen die vom Ministerium herausgegebene Revue du Travail, von welcher Sie beigehend die in diesem Jahre erschienenen Berichte erhalten, zu empfangen.“ Ob man sich an hoher Stelle gewisser deutscher Bundesstaaten nicht beschämt fühlt durch das Interesse, das ein ausländisches Ministerium einem Institut gegenüber an den Tag legt, das von organisierten Arbeitern er⸗ richtet und unterhalten wird? Und was sagt die Scharfmacherzunft dazu? Die Mucker in der Falle. In der letzten belgischen Wahlkampagne hat sich folgende Episode zugetragen: In einer von den Klerikalen, die in Belgien das Heft in Händen haben, einberufenen Wählerver⸗ sammlung übte ein Sozialdemokrat Kritik an dem von Klerikalen gemachten Gemeindegesetz, dessen Christlichkeit er an einem drastischen Beispiel erläuterte. Wenn Christus heute in Belgien lebte, sagte er, so würden ihm die Klerikalen kein Wahlrecht geben. Der Vor⸗ sitzende, natürlich ein katholischer Geistlicher, rief entrüstet aus:„Gewiß würde Christus eine Stimme haben!“—„So, er würde eine Stimme haben? Schön. Aber die reichen Juden, die ihn ans Kreuz geschlagen haben, hätten vier Stimmen, nicht wahr?(In Bel⸗ gien ist das Pluralsystem eingeführt, das heißt: je reicher jemand ist, um so mehr Stimmen hat er.) llebrigens hätte Christus kein Wahl⸗ recht, weil er ja keinen festen Wohnsitz hatte und nirgends seßhaft werden konnte. Ja, die Klerikalen würden ihn ins Asyl schicken.“— Die Antwort sind die Klerikalen noch schuldig. Zum Prozeß Dreyfus. Nach den vom Pariser„Figaro“ veröffent⸗ lichten Aussagen bekundete General Gallifet vor dem Kassationshofe, daß Dreyfus nicht aufgehört habe, seine Unschuld zu beteuern. Gal⸗ lifet gibt dann Auskunft über Picquart, der ein braver Offizier und unfähig sei, eine schlechte Handlung zu begehen. Von Esterhazy sagt General Gallifet, daß seine Beziehungen zu den Militär⸗Attachés allen bekannt gewesen seien. bot, welcher von Egypten zurückkehrte. Derselbe sagte zu mir:„Ich habe Dreyfus während meines sechsjährigen Aufenthalts in Frankreich nicht kennen gelernt, aber es setzt mich in Erstaunen, daß der Major Esterhazy sich noch in Freiheit befindet. Wir Militärattaches wußten alle vollkommen, daß Esterhazy für ein oder zwei Tausendfranksbillets alles liefern würde, was wir vom Kriegsministerium direkt nicht haben könnten.“ Gallifet erklärt dann, daß er von dem strengen Vorgehen gegen Picquart sehr überrascht wurde. Aus dem Reichstag. Im Reichstag richtete am Dienstag bei Wiederaufnahme der Sitzungen nach den Osterferien Präsident Graf Ballestrem an die Mitglieder die Bitte, möglichst zahlreich zu den Verhandlungen zu erscheinen, damit das Haus in absehbarer Zeit der ihm noch bevorstehenden umfangreichen Aufgaben gerecht werden könne. Die Vorlage betr. das Flaggenrecht der Kauffahrteischiffe wurde nach einigen Bemerk⸗ ungen der Abg. Bassermann und Frese an eine Kommission verwiesen. Hierauf wurde noch eine Reihe von Wahlprüfungen und Petitionen erledigt. Am Mittwoch begann die erste Beratung der Novelle zum Postgesetz. Nach einer ein⸗ leitenden Rede des Staatssekretärs v. Podbielski, welche sich in der Hauptsache mit der Recht⸗ fertigung des vorgeschlagenen neuen Postzeitungs⸗ tarifs befaßte, erklärte Abg. Dr. Marcour namens des Zentrums die Zustimmung zu der Ausdehnung des Postregals, falls die Ent⸗ ee e in befriedigender Weise gelöst würde. Die Konservativen ließen durch den Abg. v. Waldow⸗Reitzenstein erklären, daß sie der Vorlage im ganzen wohlwollend gegenüber⸗ ständen. Genosse Singer erklärte die Vor⸗ lage in der Hauptsache für einen Ausfluß fis⸗ kalischer Plusmacherei. Das Prinzip der vorgeschlagenen Reform des Zeitungstarifs er⸗ klärte er für ein gesundes. Die National⸗ liberalen stehen gleich den Konservativen, wie der Abg. Hasse erklärte, der Vorlage im ganzen wohlwollend gegenüber. Abg. Pachnicke von der Freisinnigen Vereinigung bekämpfte insbe⸗ sondere die Beseitigung der Privatposten und die vorgeschlagene Neuregelung des Zeitungs⸗ tarifs. Staatssekretär von Podbielski ließ durchblicken, daß er geneigt sei, die Bestimmung bezügl. der Expreßboten angesichts des einmütig dagegen erhobenen Widerstandes fallen zu lassen. 228 ———— Zur Bernstein⸗Debatte. Ueber Bernsteins Buch, von dem wir in unserer Osternummer sprachen, hat sich nun die gesamte Parteipresse geäußert. Mit einer einzigen Ausnahme verhalten sich alle Parteiblätter strikte ablehnend. Unsere Gegner gehen selbstver⸗ ständlich unausgesetzt krebsen mit Bernsteins Vorschlägen. Natürlich nehmen wieder diejenigen Gegner das Maul am vollsten, die am wenigsten von der Sache verstehen. Amtsblattskulis, die nie ein sozialdemokra⸗ tisches Werk gelesen haben, die das Bernsteinsche Buch gar nicht zu Gesicht bekamen, und die, selbst wenn man sie zum Studium des Werkes durch irgend welche Mittel zwingen könnte, nicht Grütze genug in ihren Muckerköpfen hätten, um die Bernsteinschen Ausführungen kapieren zu können, lassen natürlich die günstige Ge⸗ legenheit auch nicht vorübergehen, ohne ihr Thranlicht leuchten zu lassen. Armselige Hans— würste das! * Viel besprochen wurde die Rede, die Bebel in Jena gehalten hat. Da Bebels Ausfüh⸗ rungen über Bernstein in der gegnerischen Presse ganz nach Bedarf umgemodelt worden sind, so dürfte es am Platze sein, seine Ausführungen ihrem richtigen Wortlaut nach zu zitieren. Bebel führte u. a. aus: Die Sozialdemokratie wird kraft der Inte⸗ ressen derjenigen Klasse, die hinter ihr steht und ihr Prinzip verlassen. Sie darf es nicht bei Gefahr ihrer eigenen Vernichtung. Wenn die neuerlichen, insbesondere auf eine veränderte Taktik der Partei und gegen das Programm derselben gerichteten Bestrebungen in der Partet Anerkennung finden sollten, dann würde die Sozialdemokratie von dem Tage an, wo sie auf derartige Vorschläge einginge, aufhören zu existieren. Die gegenwärtige Partei würde in die Brüche gehen und eine neue, weit radikalere Partei aus ihr hervorgehen. Bebels Rede schloß mit den Worten: Revolution zu machen, Gewaltthaten zu begehen, liegt in keines Menschen Absicht. Wir (die Sozialdemokratie) sind auch nicht in der Lage dazu, weil nicht wir es sind, die die Entwickelung in der Hand haben, sondern unsere Gegner. Von ihnen hängt der Lauf und die Gestalt der Entwickelung ab— aber Entwickelung muß sein. Unser die Zukunft, unser der Sieg.—— * Sehr wohlthuend stechen von den Salbadereien unwissender gegnerischer Preßkulis die folgenden Aeußerungen der angesehenen Zeitschrift„Ethische Kultur“ über die Bernsteinfrage ab: „Es ist ein ehrendes Zeugnis der Reife, daß sich, im Gegensatz zu vielen anderen Parteien, die prinzipielle Erörterung inner⸗ halb der Arbeiterpartei im vollen Lichte der Oeffentlichkeit vollzieht. Die wohl nicht ausbleibende, schadenfrohe Voraussetzung einer inneren Schwäche würde auf einer be⸗ dauerlichen Kurzsichtigkeit der Gegner beruhen. Nur starke, ihres inneren Rechtes sich bewußte Vereinigungen vermögen diesen, in unserem politischen Leben leider noch so ungewohnten Weg zu gehen. In einem Verein von Hunderttausenden und Millionen von Anhängern müssen ja natur⸗ gemäß verschiedene Anschauungen, müssen Gegensätze bestehen, die aber gemeinhin vertuscht werden. Hier steht die über⸗ wiegende Mehrheit der Parteiführer unzweifelhaft auf einem demBernsteinschen entgegengesetzten Standpunkt, und diese Mehrheit beherrscht sicherlich auch den Parteiverlag. Um so ver dienst⸗ licher ist es, daß durch gleichzeitige Veran⸗ staltung einer Volks ausgabe den weitesten Kreisen die„Ketzereien“ gegen das seitherige Parteidogma nahegebracht werden. Vielen würde dies als ein gefährliches Experiment erscheinen, aber es ist der sicherste Weg zur Wahrheit.“ Liebknecht über Bernstein. In einer Versammlung im 1. Berliner Wahlkreise übte am 6. April Liebknecht unter dem Bei⸗ fall der Zuhörer Kritik an den Bernsteiuschen Auslassungen. Liebknecht führte danach aus: Bernstein habe sich bedauerlicher Weise derart geäußert, wie es bisher nur die Gegener der Sozialdemokratie beliebt hätten. Um der Partei zu schaden, hätten die bürgerlichen Politiker die Bedeutung Bernsteins ganz ge⸗ waltig überschätzt und ihn als Theoretiker der Sozialdemokraten, ja als zweiten Marx hin⸗ gestellt. Bernstein sei keines von beiden. Er sei ein ganz guter Sozialdemokrat gewesen, ehe man ihn aus Deutschland vertrieben, jetzt, nach 21 jährigem Aufenthalt in der Fremde, kenne er die deutschen Verhältnisse nicht mehr. 8 sei darum nicht verwunderlich, wenn er Dummheiten schreibe. Welche Thorheit liege z. B. darin, zu sagen, die Partei sei nicht praktisch genug gewesen. Es möge Leute geben, die sich vor der Regierung ducken. Wer eine solche Taktik empfehle, gehöre aber nicht mehr zur Partei! Die Sozialdemokratie müsse bei ihrer alten Taktik beharren; auf jeden Schelmen anderthalb, auf jeden Schlag, den man ihr gibt, zehn zurück. FFC Trinkt kein Frankfurter bis den dortigen Brauerei die sie zu vertreten hat, unter keinen Umständen Vier, arbeitern ihr Recht geworden. 1 5 — 1 —— —.— 1 ö Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 16. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Chre unserer Sache gebict⸗t natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Lokalnachrichten. P.-B. Am Sonntag Vormittag ertrank die 4 Jahre alte Helene Röder von hier im Lohmühlbach an den Bleichen. Das Kind hatte sich in einem unbewachten Augenblick von seiner Großmutter entfernt und war jedenfalls beim Passieren des Stegs ausgeglitten.— Seit ver— gangenem Samstag Nachmittag wird eine Frau Mandler, wohnhaft Schützenstraße 18, ver— mißt. Es wird vermutet, daß derselben ein Unglück zugestoßen. Jeden Hinweis über den Verbleib der Vermißten wolle man der Polizei mitteilen.— In der Sonntags Nacht entstand auf dem Kreuzplatz zwischen drei Studenten und vier Arbeitern eine heftige Schlägerei. Die Studenten wurden mit blutigen Köpfen heim⸗ geschickt. Später wurde einer der an der Schlägerei beteiligten Arbeiter von den drei Studenten in der Weidengasse erwischt und durchgebläut.— In der Sonntags⸗Nacht wurde in der Hammstraße seitens eines Studenten wegen der jene Straße frequentierenden Kellner⸗ innen ein Streit veranlaßt. Steine und Spalier⸗ latten dienten als Waffen.— Verhaftet wurde am vergangenen Samstag ein hier be— schäftigter Friseurgehilfe wegen Unterschlagung von Kundengeldern in 15 Fällen.— Ebenfalls verhaftet wurde ein hiesiger vorbestrafter Dachdeckergehilfe wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung.— Neue Aussichtstürme. Im Laufe des Sommers we den in der Nähe Gießens zwei Aussichtstürme errichtet, von denen aus man einen prachtvollen Ausblick sowohl über das Lahnthal, wie auch nach dem Vogelsberg, der Wetterau, dem Taunus u. s. w. genießt. Der eine Turm wird auf dem im Kreise Wetzlar belegenen Dünsberg, der in einer halben Stunde mit der Bieberthalbahn zu erreichen ist, erbaut, der andere im Gießener Stadtwalde auf der sog. Hochwarte, zu dem man durch schattigen Wald in einer Stunde bequem von hier aus geht. Parteiversammlung in Gießen. *Nach zweimonatlicher Pause findet am Samstag, den 15. April zum erstenmal wieder eine Versammlung des sozialdemokratischen Vereins statt, zu der natürlich alle Partei⸗ genossen Zutritt haben. Abgeblitzter Denunziaut. * Dem städtischen Arbeiter(Straßenkehrer) W. Lang in Gießen scheinen die zweifelhaften Lorbeeren, die sich die Fischer, Lorentzen e tutti quanti im heiligen Kampfe gegen die Sozial⸗ demokratie holten, keine Ruhe gelassen zu haben. Auch er war lorbeerlüstern, ging zum besoldeten Beigeordneten der Stadt Gießen, Herrn Wo ff, und gab dort zu Protokoll: An die Ortskrankenkasse. Gießen, den 23. Januar 1899. Es erscheint heute der frühere städtische Tagelöhner W. Lang und bringt vor: Am Tage der Stadtverordnetenwahlen, es war dies zu einer Zeit, als ich Unterstützung von der Kranken⸗ kasse bezog, war ich bis nachts 2 Uhr in der Wirt⸗ schaft zum Ritter. Der Controleur Beckmann, dessen Aufgabe es ist, zu kontrollieren, daß sich die Kranken nicht in den Wirtschaften umhertreiben, war gleichfalls in der Wirt⸗ schaft. Ich bin wegen dieses Wirtshausbesuches nicht angezeigt. Beckmann sagte zu mir, sei nur ruhig, ich zeige Dich nicht an, entweder fällst Du oder ich falle hinein. Beckmann äußerte zu mir auf meiner Woh⸗ nung, diejenigen, welche rot sind und die„Mitteld. S.⸗ Ztg.“ halten, bleiben bei mir und werden nicht an⸗ gezeigt. Da ich nicht länger dulden kann, daß die Mitglieder von dem Controleur verschieden behandelt werden, bringe ich dies vor und erkläre noch, daß ich alle diese Aussagen beschwören kann. Vorgelesen! f Unterschrift: W. Lang. Da sich diese Angaben— die er zu be⸗ schwören bereit war!— der Biedermann Lang samt und sonders aus den Fingern gesogen hatte, so gingen der Controleur Beckmann und der Vorsitzende der Krankenkasse, G. Dahmer, in die Wohnung Langs, um ihn zur Rede zu stellen. Er hielt seine bei dem Beigeordneten Wolff gemachten Angaben dreist aufrecht, worauf Beckmann erklärte:„Wir sprechen uns noch an anderer Stelle“. Beckmann und der Vorstand der Ortskranken⸗— kasse stellten sofort Strafantrag bei der Staats⸗ anwaltschaft. Letztere erhob auch Anklage gegen Lang, und in der Verhandlung, die vor wenigen Wochen stattfand, wurde festgestellt, daß Beck— mann am Tage der Stadtverordnetenwahl nur nachmittags gegen 4 Uhr, nachdem er sein Wahlrecht ausgeübt hatte, auf weuige Mi⸗ nuten im„Gasthaus zum Ritter“ anwesend war, dann aber, da er sich krank fühlte, heimging und seine Wohnung— von Nachmittag ab!— nicht mehr verließ! Er konnte also in der Nacht den Lang weder im Wirtshaus antreffen, noch mit ihm reden. Der Denunziant Lang wurde wegen Beleidigung des Controleurs Beckmann zu 40 Mk. Geld⸗ strafe event. 8 Tagen Gefängnis ver— urteilt. Am Dienstag hatten sich nun Beckmann und Dahmer wegen angeblicher Beleidigung des W. Lang vor dem Schöffengericht zu verant⸗ worten. Lang hatte Privatklage erhoben, weil B. und G. in der Wohnung des Lang gesagt hätten:„Wir ließen uns nicht für ein Viertelchen Branntwein von den Nationalliberalen kaufen. Aber wir sprechen uns noch an anderer Stelle.“ Den ersten Satz hatte der Lang ebenso er⸗ funden, wie die angeblichen Aeußerungen, die Beckmann an jenem Wahltag in einem Wirts⸗ haus gethan haben sollte, obgleich er schon stundenlang krank zu Bett lag. Die von Lang mit zur Stelle gebrachte Belastungszeugin Feldhaus konnte denn auch unter Eid nur aus⸗ sagen, den letzten Satz gehört zu haben:„Wir sprechen uns noch ꝛc.“ Die Verhandlung vor dem Schöffengericht begann 6 Minuten vor 12 Uhr. Mit dem Glockenschlag 12 waren die Angeklagten von Strafe und Kosten frei— gesprochen und der Privatkläger W. Lang in die Kosten verurteilt. Reptilchens Wahrheitsliebe. * Das Gießener Reptilchen vergießt schon wieder Thränen. Es thut ihm so furchtbar leid, daß die Lagerhalter in sächsischen Konsum⸗ vereinen zu viel arbeiten müssen und zu schlecht bezahlt werden. Das Reptilchen spricht aber die Unwahrheit, wenn es für die schlechte Lage der Lagerhalter die Sozialdemokratie ver⸗ antwortlich macht, indem es die Konsumvereine als„sozialdemokratische Arbeitgeber“ bezeichnet. Jene Konsumvereine haben mit der Sozialdemokratie nichts zu thun. Sollte man das wirklich in der Schulstraße nicht wissen? Warum verschweigt denn das Reptilchen, daß es Sozialdemokraten waren, die das teilweise recht schofle Verhalten ver⸗ schiedener Konsumvereine brandmarkten? Warum verschweigt Reptilchen, daß es sozial⸗ demokratische Zeitungen waren, die das bekämpfenswerte Gebahren jener Konsumvereine an die große Glocke hängten, um dadurch Besse⸗ rung zu erzwingen? Aus sehr guten Gründen wird das verschwiegen, weil sonst der Sozial⸗ demokratie nichts in dieser Sache am Zeuge zu flicken wäre. So weit kann sogar ein Rep⸗ tilchen denken, daß man einer Partei nicht nachsagen kann, sie befürworte Mißstände, wenn man zugestehen muß, daß sie gerade es war, die die Mißstände erst aufdeckte und öffentlich brandmarkte. Es soll uns Freude machen, wenn das Reptilchen auch in Zukunft in Sozialistenfresserei macht, aber— hübsch bei der Wahrheit bleiben, sonst sind wir genötigt, das possierliche Tierchen aufs Schwänz⸗ chen zu treten. Nach der Bibelstunde. *. Der Zufall führt uns in die heiligen Hallen des Justizgebäudes. Die große Wand⸗ uhr schlägt gerade neun, der Zeiger weist jedoch auf halb neun Uhr. Das gefällt uns nicht. In diesem Hause sollte alles richtig gehen... Auf den langen Korridoren im Erdgeschoß wandeln zahlreiche Männer und Frauen hin und her. Viele sind ländlich gekleidet. Die meisten tragen große Verlegenheit zur Schau, 1 sie scheinen sich hier nicht wohl zu fühlen. Einzelne dagegen sind hier wie zuhause. Sie weisen die Neulinge, die ängstlich herumsuchen, zurecht und geben allerlei Auskünfte mit einer Sicherheit, die ihnen die größte Hochachtung der Fragesteller einträgt. Sie kennen alle Gerichtsdiener, grüßen jeden Accessisten, Amts- und Landrichter und nennen jeden vorüber⸗ gehenden Anwalt mit Namen.„Doas iß'n Oos“ und„Der hott naut los“ werden die einzelnen Anwälte von den sachverständigen Stammgästen und Kriminalstudenten den stau⸗ nenden Neulingen, die zagend der Dinge harren, die da kommen sollen, vorgestellt und charak⸗ terisiert.—— Im Erdgeschoß befinden sich das Amts⸗ und das Schöffengericht. Wir treten in den Zuhörerraum des Schöffengerichts ein. Der vorsitzende Richter, zur Linken und Rechten je einen Bauersmann als Laienrichter, ver⸗ eidigt gerade eine Frau, die als Zeugin vernommen werden soll. Mit hoch erhobener Rechten spricht sie leise und zögernd dem ernst dreinschauenden Richter die Eides⸗ formel nach:„Ich schwöre...“ Dann berichtet sie:„Mir koame groad aus d'r Biewelstunn. Kaum worrn m'r owwer uff d'r Stroß', do koam die Müllern und soachchd zur Schneidersche: Du brauchst aach in die Biewelstunn s'e gieh'n. Hätt'st läiwer d'ham Dein Dreck fege sille.“„Ei du Miß⸗ gewand, kimmer Dich im Dei Sache“„Woas', Du willst maich e' Mißgewand nenne, Du Mißgebort, aich huh ka'n Balg d'haam, für den aich ka'n Voatter huh.“ So gings hin und her, bis d'r Schäfersch Anton off emol uff uns zukoam. Der lebt schunn lang' mit d'r Wagnersche, däi mit ins aus d'r Biewelstunn koam, in Spekdoakel. Unn eins, zwei, drei, harre s'e säch dach schunn in de Hoarn.„Du gehörscht freilich in die Biewelstunn“ fing d'r an.„Däch gitt's naut oh“, soachchd die Wagnersche. Unn eh' m'r sich imguckt, hat d'r Schäfer die Wagnersche e poar mol in's Gesicht gehage, deß die Noase blut! U. s. w. U. s. w. Jedenfalls ein recht unerbaulicher Abschluß der Bibelstunde. Der Schäfer, wegen Körperverletzung schon einmal vor⸗ bestraft, bekam für seine Rohheit drei Wochen Gefängnis. Hessischer Landtag. Die Zweite Kammer ist auf Dienstag, den 18. April, einberufen. In Sachen der Steuer- reform hat die Regierung den Ständen noch nach Fertigstellung des Ausschußberichtes eine letzte Erklärung zugehen lassen, in der sie an dem heißumstrittenen Weinsteuerprojekt, gegen das ca. 250 Petitionen von Gemeinden, Körperschaften und Interessenten vorliegen, fest⸗ hält. Ohne Weinsteuer werde die ganze Steuerreform hinfällig, da keiner der ge⸗ machten Ersatzvorschläge(Erhöhung der Pro— gression der Einkommensteuer auf 5 Proz.; höhere Sätze für die Vermögenssteuer; Ver⸗ schärfung der Erbschaftssteuer) annehmbar sei. — Danach kommt es wohl zu einem erbitterten Kampf in der Kammer. An dem Zustande⸗ kommen der ganzen Vorlage zweifeln wir nicht. Wir sind überzeugt, daß die erforderliche An— zahl Abgeordneter für die Weinsteuer zu haben sein wird. Von denen, die bisher als Gegner der Weinsteuer auftraten, werden verschiedene rechtzeitig umfallen. Der bekannte Volksver⸗ treter Köhler aus Langsdorf hat seinen Umfall bereits augekündigt. In der von ihm veran⸗ laßten Bürgermeister⸗Konferenz hat Herr Köhler erklärt, daß er nie und nimmer seine Hand dazu bieten würde, der Weinsteuer wegen die ganze Steuerreform zu Falle zu bringen. Das heißt, Herr Köhler wird in der Weinsteuerfrage auf Seiten der Regierung stehen, die wohl den Bauern die Weinsteuer, nicht aber den großen Kapitalien fünf oder mehr Prozent Kapitalrenten- oder Einkommen- steuer zu bescheeren bereit ist. Uns wundert das nicht. Das hessische Ausführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch ist im Ausschuß fertig⸗ gestellt und wird demnächst in der Zweiten Kammer zur Beratung kommen. Von sozial⸗ demokratischer Seite sind dazu eine Reihe von Abänderungsanträgen gestellt, die zum Teil auch vom Zentrum und von den Freisinni⸗ gen unterstützt werden. Sie beziehen sich auf die Erweiterung der Haftbarkeit des Staates für seine Beamten, die Rechte der Mutter hinsichtlich der religiösen Erziehung der Kinder, die Aufhebung der Fidei⸗ Erzeugung, der George frag 10 in Geschäft ind au 9 am 1. Febru 70000 Ton des Buderus Wochluß d egensehen. lduchen l. FKfoupons b. daun ist i bezahlt Arbeiter: Das steht Zahlung is schweren? perden je Organisa Ilganistert, fein, eine L her können Hire immer Abetter, fü müsen. Ein soz Vor ei ehlerische? ken Mörde deb. Opfer! len, weil Hinrichtung enoklatie. b der J sltkei gerbes Atrtsch dae elch ni u gescht b. Jalaufe dez de Mörder utter un lade ergch one jede mög dee g Lahe und f. wachsend 10 hach, b ate und 0 inken ber⸗ men lesse ides⸗ dr roß', sche: üttest Duiß⸗ Du aich uh.“ ton mit dam, bach die ohe, hat esicht ert m um 005 del 0 l e ———— j N Nr. 16. Milleldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. kom misse resp. Verbietung von ründungen, sowie auf die Abänderung der ung im Sinne der Reichs-Ge— werbeordnung. In letzterer Beziehung ist Aus⸗ sicht vorhanden, das Recht der Dienstherrschaft, Zeugnisse über Führung und Leistungen ins Dienstbuch einzuschreiben, in Wegfall zu bringen, da die Mehrheit des Ausschusses sich für diese Anpassung an die Gewerbeordnung ausgesprochen hat. Unsere weiteren Anträge gehen auf kürzere Bemessung der Vertragszeiten, Kündigungs⸗ fristen und Lohnfälligkeitstermine. Aus Wetzlar. f * Die Aktiengesellschaft„Buderus'sche Eisenwerke“ veröffentlich ihren Geschäfts— bericht, aus dem hervorgeht, daß das Werk vorzügliche Geschäfte macht, nachdem das Be— triebskapital im Jahre 1896 erhöht wurde. Die Gesellschaft machte einen Reingewinn im Jahre 1898 von 359 124 Mk. Das Jahr 1899 wird noch weit besser werden, denn trotzdem es in dem Bericht wörtlich heißt:„Die Erzeugungsfähigkeit der Sophienhütte und der Georgshütte zusammen beläuft sich auf jährlich 110000 Tonnen“, so wird weiter hinten im Geschäftsbericht festgestellt:„... der Be⸗ stand an Roheisen-Aufträgen beläuft si am 1. Februar d. J. auf 117000 Tonnen gegen 70000 Tonnen im Vorjahre“. Die Aktionäre des Buderus'sche Eisenwerkes können also dem Abschluß des laufenden Jahres freudig ent— gegensehen. Ihr Kapital arbeitet für sie, sie ö brauchen lediglich mit der Papierschere die zu Gesicht bekommen hat. Koupons von den Stammaktien abzuschneiden, dann ist ihre Arbeit gethan, die reichlich bezahlt wird. Wie aber steht's mit den Arbeitern in den Buderus'schen Werken? Das steht auf einem andern Blatt. Die Be— zahlung ist eine kümmerliche angesichts der schweren Arbeit. Auch diese Hüttenarbeiter werden jetzt hoffentlich einsehen, was eine Organisation wert ist. Wären die Arbeiter organisiert, so würde es ihnen ein Leichtes sein, eine Lohnerhöhung zu erreichen. So aber können sie machtlos zusehen, wie die Aktio— näre immer mehr verdienen, während sie, die Arbeiter, für die alten Löhne weiter arbeiten müssen. Ein„sozialdemokratischer“ Mörder. * Vor einigen Wochen berichteten wir, daß gegnerische Blätter den in Straßburg hingerich— teten Mörder Gier als„zielbewußten Genossen“ stellten, weil der verkommene Mensch vor seiner Hinrichtung gerufen hatte: es lebe die Sozial⸗ demokratie. Wir haben schon damals erwähnt, daß der Mörder nie ein Mitglied unserer Partei gewesen, daß derselbe nie eine sozial— demokratische Versammlung besucht, nie ein sozialdemokratisches Blatt gelesen und wahr— scheinlich nie ein sozialistisches Druckerzeugnis Es wurde aber im Verlaufe des Gerichts verfahrens festgestellt, daß der Mörder das Kind einer geisteskranken Mutter und eines der Trunksucht im hohen Grade ergebenen Vaters war und daß er ohne jede Erziehung aufgewachsen und nahezu die ganze Zeit zwischen dem 15. Lebens— jahre und seiner letzten grauenvollen That ab⸗ wechselnd in Irren- und Gefangenen-Anstalten gebracht, nirgends dauernd in Arbeit gestanden hatte und ein von jedermann gefürchteter und gemiedener Mensch war. Keiner unserer Gegner, die den Mordgesellen zum sozialdemo⸗ lratischen Opfer stempelten, hat geglaubt, was er gesagt oder geschrieben, wohl keiner hat guch widerrufen, trotzdem inzwischen zweifel⸗ los feststeht, weß Geistes Kind Gier gewesen ist. So schreibt z. B. die„Schwäb. Tagwacht“: „Wir haben mit einem Manne Rücksprache enommen, der an der Hinrichtung amtlich eteiligt war. Er teilt uns mit: Der Raubmörder war Katholik und streng religiös erzogen; Richter, Pfarrer und alle an der Hinrichtung beteiligten Amtspersonen wußten und waren über⸗ a daß der Mensch mit der Sozial— demokratie auch nie das mindeste zu thun hatte; sie wußten, daß er in der letzten Zeit seiner Freiheit sogar stets in gut Neube⸗ resp. Opfer der sozialdemokratischen Lehren hin— katholischen Kreisen verkehrt hatte. Das halte man fest!“ Wahrlich, viele derjenigen, die uns den Gier an die Rockschöße hängen wollten, hätten in Bezug auf die Gemeinheit der Gesinnung mit dem Straßburger Mädchenmörder jederzeit erfolgreich konkurrieren können. Sebstmord eines Kindes. Die heutige Welt, ordnung“ zeitigt füchter— liche Dramen. Am Donnerstag abend gegen 11 Uhr wurde in Dresden auf der Straße ein elf jähriges Mädchen weinend angetroffen. Auf Befragen erklärte es, daß es drei Lampenschirme noch verkaufen müsse, ehe es nach Hause gehen dürfte, da es sonst wieder Schläge bekäme. „Meine Mutter schlägt mich immer so, mein Vater lebt nicht mehr, aber bei meiner Mutter ist jetzt ein anderer Mann, den sie heiraten will, ich darf nicht nach Hause, wenn ich nicht alles verkauft habe,“ so klagte das bedauernswerte Geschöpf. Die nächsten Tage konnte man in den Blättern lesen: Ein elfjähriges Schulmädchen hat sich in Dresden in einem Keller durch Erhängen entleibt, nachdem es vorher versucht hatte, in die Elbe zu springen. Das arme Kind war mit papierenen Lampenschirmen hausieren geschickt worden, und gewärtigte zu Hause Strafe, weil es nur wenig abgesetzt hatte. Das arme Geschöpf ist also wahrscheinlich die ganze Nacht nicht nach Hause gegangen und hat sich dann selbst das Leben genommen. Zu den Füßen der kleinen Leiche lagen die noch unverkauften Lampenschirme und ein Zettel, auf dem es seinen Namen verzeichnet hatte. Welch erschütterndes Drama verbirgt sich hinter dieser kurzen Leidensgeschichte des kleinen Mäd— chens und seinem Ende! Auch den Abge— stumpftesten, der täglich mit dem größten Gleichmut von den zahlreichen Selbstmorden liest, muß die Thatsache aufrütteln, daß ein elfjähriges Mädchen, das den Ernst des Lebens noch gar nicht kennen sollte, durch die Ein— richtungen in unserer schönsten der Welten zum Selbstmord gezwungen wurde. Hoffentlich sucht die Polizei zu ermitteln, inwieweit die Raben⸗ mutter die Schuld an dem Tode des Kindes trifft, damit sie zur Verantwortung gezogen werden kann. Der Büreaukratenzopf. Von dem Zopf, der dem deutschen Bureau— kratismus hinten hängt, erzählt die„Sächs. Arb.⸗Ztg.“ wieder ein erbauliches Stücklein: Einem Maurer in Löbtau war am 11. Mai 1898 sein fünf Monat altes Töchterchen ge⸗ storben. Am 7. November erhält der Mann vom Gemeindevorstand die Aufforderung, seine Tochter bis spätestens zum 5. Dez. impfen zu lassen. Er geht aufs Standesamt, läßt sich bescheinigen, daß das Kind trotz der Akten nicht mehr lebt, legt diese Bescheinigung im Bureau des Gemeindevorstandes vor und glaubt nun, seine Pflicht als Staatsbürger vollauf gethan zu haben. Da erhält er im Februar eine polizei⸗ liche Strafverfügung über 1 Mk. Geldstrafe, weil er sein verstorbenes Töchterchen immer noch nicht habe impfen lassen, 10 Mk. Strafe werden angedroht, wenn die Impfung nicht innerhalb vierzehn Tagen erfolgt sei. Im Bewußtsein seines Rechts unterläßt er es, Widerspruch innerhalb der gesetzten Frist gegen die Verfügung zu erheben. Das Verfahren geht nun seinene gewöhnlichen Gang weiter; er wird aufgefordert zu zahlen, es wird ihm mit Pfändung gedroht. Aergerlich geht er nun noch einmal mit der Bescheinigung des Standesbeamten zum Ge⸗ meindebureau und— dort wird ihm bedeutet, die Sache könne nur dadurch erledigt werden, daß er eine Eingabe um Erlaß der Strafe einreiche! Obgleich die ganze Geschichte von der Behörde verschuldet ist, obgleich gar keine Handlung des Mannes vorliegt, die bestraft werden könnte, obgleich die völlig thatsächliche, wie auch die formell juristische Nichtberechtigung der Stlrafperfügung klar zutage liegt, verlaugt die Behörde, daß der Mann sie noch um Exlaß der Strafe bitten soll! Das hat er nicht gethan. Da kommt der Gerichtsvollzieher ins Haus und siegelt die Sachen an. Das ganz ungerecht⸗ fertigte Strafvollzugsverfahren wird von der Behörde fortgesetzt... Der Mann hatte die Absicht, die Gemeinde— behörde für allen Schaden, der ihm aus diesem Verfahren erwächst, durch gerichtliche Klage haftbar zu machen. Und bei alledem ist der Erfolgeiner etwaigen Klage sehr zweifelhaft!— Auch ein Kulturbildchen! Kleine Mitteilungen. — Eine Liebestragödie. Aus Bingen wird unterm 11. April gemeldet:„Ein Mord und Selbst⸗ mord ereignete sich hente Nacht in einem hiesigen Hotel. Dort war vorgestern ein aus Darmstadt zugereistes Liebespaar abgestiegen. Der Mann, ein junger Tech⸗ niker aus Braunschweig Namens Otto Rabe, erschoß seine Geliebte, die aus Magdeburg stammende Marie Hampfe, und brachte sich alsdann selbst eine Schuß⸗ wunde in den Leib bei. Die Hampfe ist tot, während Rabe noch lebend in das Hospital verbracht wurde.“ — Graf Lein ingen⸗-⸗Westerburg zu Ilbenstadt, der bekanntlich nach langwierigem Gerichtsverfahren wegen Ehebruch zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde, hat sich der Strafe durch die Flucht nach Wien entzogen. Dort lebt er nun wieder herrlich und in Freuden. — Cassel ist Großstadt geworden. Nachdem das Dorf Wehlheiden eingemeindet ist, zählt Cassel jetzt etwa 100 000 Einwohner. — Zwanzig ungültige Ehen hat der Bürger⸗ meister der kleinen Stadt Poelitz in Pommern geschlossen. Er trat Ostern 1899 sein Bürgermeisteramt an und nahm zu gleicher Zeit in dem Irrtum, daß auch das von seinem Vorgänger verwaltete Amt des Standes- beamten ohne weiteres auf ihn übergegangen sei, die Geschäfte dieses Amtes auf, ohne daß die Aufsichts⸗ behörde sie ihm übertragen hatte. Jetzt, nachdem er zwanzig Ehen geschlossen und eine Reihe anderer Be⸗ urkundungen vorgenommen hat, ist die Sache zur An⸗ zeige gebracht worden. Sämtliche Beurkundungen sind für ungültig erklärt worden. Das Amt des Standes⸗ beamten ist dem Bürgermeister nun übertragen worden. Damit werden aber die von ihm geschlossenen Ehen nicht gültig. Vielmehr werden für sie neue Ehe⸗ schließungsakte und neue Beurkundungen nötig. Für die neuen rechtsgültigen Eheschließungen hat der Minister den Dispens von den Aufgeboten erteilt. Ob niemand die„günstige“ Gelegenheit wahrnehmen wird, wieder ledig zu werden? — Lokomotivführer verunglückt. In Fulda wurde am 11. April der Lokomotivführer Friedrich Binde wald von dem um 8.43 Uhr von Gießen kommenden Zug überfahren. Bindewald wurde von der Ma⸗ schine erfaßt, das eine Bein wurde ihm abgefahren und außerdem erlitt er schwere Verletzungen am Hinterkopf und Rücken. An seinem Aufkommen wird gezweifelt. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 15. April: Gießener Wahlverein bei Orbig pünktlich 9 Uhr. Tagesordnung: 1. Die Kreiskonferenz in Hausen.(Referent: G. Dahmer.) 2. Politischer Monatsbericht. Erstattet von den Genossen Ph. Scheidemann und Stadtverordneter Krumm. Zu jedem Punkt Debatte.— Allseitiges Erscheinen der Genossen ist nach der großen Pause in unserem Partei⸗ leben am Orte Ehrensache. Sonntag, den 15. April: Maler und Weißbinder von Gießen und Umg. nachmittags 1 Uhr bei Orbig. Heuchelheim. Arb.⸗B.⸗v. Nachm. 3 Uhr bei Wirt Pfaff. Briefkasten der Redaktion. W. D.⸗Echzell. Gegen die Gewerbe- und Grund⸗ steuer können Sie nichts unternehmen. Nach der dem Landtage zugegangenen Vorlage sollen diese beiden Steuerarten in Zukunft übrigens in Wegfall kommen. Wenn Sie nur 400 Mk. jährlich einnehmen, so brauchen Sie keine Einkommensteuer zu zahlen, da die Einkommen⸗ steuer⸗Verpflichtung erst bei einem Einkommen von 500 Mark beginnt. Sie müßten also wegen der 25 Mark Einkommenstenerkapital(jährlich 25 mal 16 Pfg. gleich 4 Mk. Steuern) bei dem Steuerkommissariat reklamieren. Wenn Sie früher von dort ohne Antwort geblieben sind, so hätten Sie daran erinnern müssen. Gruß! Grünberg, im März. Am Markttage, 8. April, wurden auf dem hiesigeun Frucht markte folgende Frucht⸗ arten 2c. zu den beigesetzten Durchnittspreisen verkauft: 11 Doppel⸗Zentner(A 100 kg) Weizen zu 15,66 M., 12 D.⸗Z. Korn zu 14,52 Mark, 18 D.⸗Z. Gerste zu 16,40 Mark, 43 D.⸗Z. Hafer zu 15,02 Mark, 0 D.⸗Z. Erbsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Samen zu 00,00 Mark, 110 D.⸗Z. Kartoffeln zu 6,00 Mark. 8 —— —— 9—— — Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 16. . das Gefühl ernüchtert, aber er verlangte nach patenten Juristen, strich sich verlegen bald das 8 e nichts anderem, er war befriedigt, sein Leben blonde Schnurrbärtchen, bald drehte er an 222222 +— 1 1 Unterhaltungs⸗Ceil. ä Tradition und Fortschritt. Aus dem Spanischen übersetzt von M. Luggin. Finster, starr und stumm und träge Schritt einst auf dem Schienenwege Sacht ein Esel sonder Eile; Daß per Stunde eine Meile— d ielst mehr zurück er lege. Also mußt' ihn bald erreichen, f Schnaubend aus den glüh'nden Weichen, Rauchgekrönt das wilde Dampfroß, Das in blinder Eil' dahinschoß, Stolz, de⸗ Fortschritt⸗ Siegeszeichen. „Platz!“ befahl das Ungeheuer, „Platz gemacht! Sonst zahlst du teuer Deinen stumpfen Sigensinn!“— Doch der Esel schritt dahin, Bietend Trotz dem Ungeheuer. „Vennst du mich d Ich hab' gerufen, Du bist hierher nicht berufen!“ Schnaubt der eiserne Koloß; Doch das Vieh, das dies verdroß, Schlug um sich mit seinen Rufen. In demselben Augenblicke Büßt's, zermalmet, seine Tücke. Also geht's, wenn wider Fug Tradition den Fortschrittsflug Nemmen will mit Eselstücke. vom Stamm gevissen. 151 Roman von E. Lauger. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Frau vou Kries hatte den Augenblick, wo ihr Gatte zum Bewußtsein erwachen würde, eben so sehr ersehnt wie gefürchtet. Wie würde die Erinnerung an seine Verirrung, die all das Unglück nach sich gezogen, auf ihn wirken? Würde Reue und Aufregung nicht die Genesung wieder in Frage stellen, zum mindesten ver⸗ zögern? Sie hatte während der langen schlaf⸗ losen Nächte, der beschäftigungslosen, nur der Wartung des Kranken gewidmeten Tage so viel Zeit gehabt, über Vergangenes nachzudenken. Ihr Leben lag gewissermaßen abgeschlossen hinter ihr. Was sie noch leben und erleben sollte, war nur eine Art Nachspiel, ein Jenseits, das mit dem vollendeten Teil in geringem Zu⸗ sammenhang stand. Das war nun also die Liebe, die höchste Empfindung der Menschen⸗ brust, dieser Eck⸗ und Grundstein alles irdischen Glücks! Sie hatte einen anderen Begriff davon gehabt. Ein lebenslanges Gefühl, das mit jeder Herzensfaser verwachsen war, konnte plötz— lich aufhören, konnte, wenn auch nur vorüber⸗ gehend, auf ein anderes, kaum gekanntes Wesen übertragen werden, jeden Augenblick der allgemeinen Wandlung ausgesetzt! Welchen Wert hatte noch das Leben? Unter den Schmerzen dieser Reflexionen war eine stille Resignation über sie gekommen. Es war ihr Fehler gewesen. Sie hatte die Welt durch eine gefärbte Brille angesehen, geglaubt, daß ihre Empfindung auch die aller übrigen Menschen wäre. Die Männer wenigsteus mußten ganz anders fühlen und denken. Wäre ihr Gatte sonst nicht zur Besinnung gekommen, ehe dieses neue, ihn und seine Gattin demütigende Gefühl soviel Unglück aurichtete? Sie irrte. Er war zur Besinnung gekommen, wenn auch nur auf Augenblicke. Dann hätte er sich selbst zerfleischen mögen. Er hatte sich nie viel aus den Frauen gemacht. Welche Fehler ihm auch anhafteten— und es waren zumeist die seines Standes— er war eine reine, keusche Natur. In der Jugend hatte er, wie alle jungen Leute hier und da ein bischen geschwärmt, getändelt, aber seit seiner Ver⸗ heiratung keine andere Frau als die seinige, mit der ihn wahre Herzensneigung verband, auch nur angesehen. Freilich hatten die Jahre durch seinen Beruf, seine Familie, seine staats⸗ bürgerlichen Pflichten reichlich ausgefüllt. Wie konnte es denn nur geschehen, daß durch ein Paar schöne Augen eine ihm selbst unbekannte Seite in seiner Brust plötzlich zu vibrieren be⸗ gann, die Bewegung sein ganzes Wesen mit ergriff und in so rasende Schwingung versetzte, daß seine sittliche Kraft nicht ausreichte, sie zur Ruhe zu bringen? 5 Er hatte mit sich gekämpft— und Kämpfen ist alles— der Sieg ist Gnade des Geschicks! An Valcska hatte Frau von Kries in dieser langen Zeit wenig gedacht. Die Verhaftung Oettingers und seinen Transport nach der Kreisstadt hatte sie von Doktor Zöllner mit geärgertem Bedauern vernommen, aber die näherliegenden Sorgen drängten die Sache wieder in den Hintergrund. Als indessen der Kranke jetzt entschieden den Weg der Genesung beschritt und der Arzt ihn für vernehmungsfähig erklärte, erinnerte sie sich des gerichtlichen Verfahrens, welches in der Sache noch bevorstand und der beiden Un⸗ glücklichen, die das Opfer jenes Abends ge⸗ worden. Doktor Zöllner wußte keine Auskunft über sie zu geben, er hatte von Valeska seit dem Abschied in Neukirch nichts gehört. Zum erstenmal fragte sich Frau von Kries, wie die Aussagen ihres Gatten lauten, ob sie mit Valeskas Bericht übereinstimmen würden? Mit ihm darüber zu sprechen, verbot ihr ihr Zartgefühl. Er selbst fing nicht davon an. In der vierten Woche nach Ostern erschien ein Assessor mit einem Schreiber aus der Kreis⸗ stadt, um Herrn von Kries zu vernehmen. Das ganze Haus war in Aufregung. Frau von Kries befand sich wie im Fieber. Fräulein Adele, die sofort für einen dem Hause und der Gelegenheit angemessenen Imbiß sorgte, Rosa und das Kind Elfriede dachten mit Genugthuung daran, daß jetzt der verabscheuungswürdige Aufwiegler seinen Lohn für den Mordanfall auf ihren Bruder und Vater erhalten und Valeska Stern diesem Menschen, für den sie viel zu schade, nun natürlich den Laufpaß geben würde. Agnes, die dem Herzen der Mutter in der langen Krankheitszeit näher getreten, war von dieser, unter möglichster Schonung des Vaters, in den Hergang, doch ohne Nennung des wahren Motivs, eingeweiht worden. Die Aussage des Inspektors, der gleich in der ersten Woche eine Vorladung auf das Kreis⸗ gericht erhalten hatte, war von keinem Belang, da er erst im Augenblick, als der Schuß ge⸗ fallen, auf dem Schauplatz erschienen war. Andere Zeugen, außer Valeska, gab es keine. Die ganze Angelegenheit war wiederholt im Kreisblatt in der gehässigsten Weise für Oettinger 1 worden, die ganze Umgegend voll avon. Herr von Kries hatte seine Frau gebeten, bei dem Verhör zugegen zu sein. Seine Aus⸗ sage stimmte mit der Valeskas auf ein Haar. Wie er in die Juspektorwohnung gekommen, hatte er nicht nötig zu motivieren. Er war der Heir und konnte überall eindringen. Es wurde ihm deswegen auch keine Frage vorgelegt. Sein Zorn darüber, einen Menschen auf seinem Grund und Boden zu betreffen, der das Land⸗ volk gegen den Großgrundbesitzer aufwiegelte, motivierte sich von selbst. Allein er verschwieg nicht, daß der Eindringling sich in höflichster Weise bei ihm entschuldigt, er ihn jedoch gröb⸗ lich beleidigt und die Forderung provoziert habe, deren Zurückweisung von seiner Seite die Ur⸗ sache der Katastrophe geworden sei. Er sagte streng der Wahrheit gemäß aus, und was Frau von Kries besonders freute, er sprach von Valeska in durchaus achtungsvoller Weise, suchte sogar das Gewagte ihres Stelldicheins mit ihrem Verlobten in der Inspektorwohnung nach Möglichkeit zu vertuschen. Dieses offene Bekenntnis hatte er sich selbst als Buße auferlegt, und so hart es ihn ankam, er rang es sich ab. Sowohl seine Standesehre als das Bewußtsein seiner Schuld verlangten es von ihm. Der Herr Assessor, vom feinen Lackstiefel bis zur gebrannten Frisur das Muster eines seinem Siegelring oder zog die Ecken seines Stehkragens in die Höhe; er hatte eben ganz andere Dinge erwartet und seine Bemühungen, die Aussagen des Patienten als die Folge ge⸗ schwächten Gedächtnisses erscheinen zu lassen, scheiterten an dessen bestimmter Erklärung, daß er sich eines völlig klaren Bewußtseins erfreue. Endlich mußte der Assessor das Protokoll schließen, und nachdem Herr von Kries mit offenbar sicheren Zügen seinen Namen darunter g gesetzt, verließ er mit einem sehr steifen Bückling die Krankenstube. Auch lehnte er eine von Fräulein Adele ihm angebotene abermalige Er⸗ frischung zum großen Aerger der letzteren ab, die noch alle möglichen Fragen betreffs des nun folgenden Gerichtsverfahrens und der Strafe, die über Oettinger verhängt werden würde, an ihn zu stellen beabsichtigt hatte. Er schickte sofort seinen Schreiber nach dem Stall, um anspannen zu lassen und nahm, bis dies geschehen, den Schauplatz des Ereignisses, die Juspektorwohnung, in Augenschein. Dann setzte er sich schon im Hofe auf und fuhr davon.— Mittlerweile hatte Valeska sich in M. häus⸗ lich eingerichtet. Nach der ersten Unterredung mit dem Rechtsanwalt Ehrlich, an den ihr Doktor Zöllner eine Empfehlung gegeben, wußte sie, daß die Sache sich in die Läuge ziehen würde und suchte sich sofort eine Privatwoh⸗ nung. Sie fand ein Stübchen bei einer Be⸗ amtenwitwe, einer Frau Registrator Braun. Als sie die Zettel an den Häusern einer Quer⸗ straße musterte, fiel ihr einer in einem breiten Parterrefenster auf, hinter dessen spiegelblauken Scheiben ein seltener Blum enflor in Töpfen prangte: Blühender Kaktus, Alpenveilchen, Azaleen, Tulpen, Hyazinten; und dahinter, von den weißen Gardinen halb verborgen, sah sie den Kopf einer ältlichen Frau, von einem ein⸗ fachen Mullhäubchen bedeckt, sich über eine Handarbeit beugen. Die grünen Fensterläden, die grün gestrichene Thür mit ihrem spiegel⸗ blanken Messingklopfer, wie er in kleineren Städten noch Sitte ist, und der weißgescheuerten Schwelle, alles dies war so einladend, daß Valeska, augenblicklich entschlossen, den Klopfer in Bewegung setzte. Dieselbe Frau, die sie am Fenster gesehen und deren sanft⸗ freundlichen Züge und ganze schlichte Persönlichkeit einen wohlthuenden Eindruck auf sie machte, erschien in der Thür; auch war es die zu dem Blumen⸗ fenster gehörige Stube, welche zu vermieten war. Frau Braun wollte sich mit ihrem jüngsten Sohn, der ihr von vier Kindern geblieben und Lehrling in einer Druckerei war, auf ein Hinter⸗ stübchen und die ziemlich geräumige Küche be⸗ schränken. Die kleine Pension reichte eben nicht weit, und der Sohn kostete ein schönes Stück Geld. Der Mietpreis für die Vorderstube war äußerst bescheiden. Valeska schlug sogleich ein, und schon nach wenigen Stunden war sie die Mitbewohnerin dieser stillen, kleinbürgerlichen Häuslichkeit.(Fortsetzung folgt.) — — 92— Ein unterseeisches Boot. Pv. Die„Revue der Revuen“, eine an⸗ gesehene französische Zeitschrift, veröffentlicht eine sehr interessante Schilderung eines mit dem von Simon Lake konstruerten Unterseeboot„Ar⸗ gonaut“ angestellten Versuches, die wir in ihren wichtigsten Teilen hier wiedergeben wollen.„Ar⸗ gonaut“ besitzt die Fähigkeit: 1. auf dem Wasser zu schwimmen; 2. im Wasserniveauz 3. unter dem Wasser; 4 auf dem Meeres⸗ boden sich fortzubewegen. Am 12. Oktober vorigen Jahres unternahm der Erfinder Simon Lake in Gesellschaft des Herrn Roy Stannard Baker in seinem„Argo⸗ naut“ eine Reise durch den englischen Kanal. Herr Baker erzählt nun: Das Boot begann seine Bewegung auf dem Wasser mit einer Schnelligkeit von etwa 5 Knoten in der Stunde. Die Plattform ragte nur um wenige Zentimeter über dem Wasser empor. „Oeffnet die mittlere Abteilung“, kommandierte Herr Lake, und der„Argon zut“ begann sich langsam zu senken. sich allmählich und zugleich damit sank das Boot Die Wasserbehälter füute. Endlich zeig wir den „da dieser r Lale, e hunt nchen das, gu unserer WMeise lönn einer Lokon Wo der Gr sthiger So unserer For schlammig Nanpfersch vorwärts n wir in eit fahren. 9 Augenblick das eleltri a e I deherst Crab sowie Ora N das ez anz gen, oll ter ling sen, daß eue. f 6 Nr. 16. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. immer mehr. Wir befanden uns in einem langen, engen Raume, der von einem gelblich-grünen Lichte beleuchtet war. Ich stieg die kleine Zentral⸗ treppe hinauf und blickte durch das oben an— gebrachte Glas. Meine Augen waren im gleichen Niveau mit der Wasseroberfläche. Eine Welle ging genau über dem Boot hinweg. Nun sind wir vollkommen unter Wasser. Das Geräusch. das der Aufschlag der Wellen verursachte, ist verschwunden. Das Wasser ist etwa 3 Zoll vor meinen Augen— wir sind im Reiche der Fische. Ich steige hinunter und finde den inneren Raum in glänzendes elektrisches Licht getaucht. Ich fühle einen scharfen Schmerz in den Ohren— es ist der steigende Luftdruck. Man bringt die Karte. Wir halten unsern Kurs direkt gegen Sandy⸗Hook und ins offene Meer. Wir füllen nochmals ein, um weiter nach unten zu kommen. Endlich zeigt uns eine leichte Erschütterung, daß wir den Meeresboden erreicht hoben. „Da dieser Boden sehr schlammig ist“, erklärt Herr Lake,„so wollen wir unser Gewicht bis auf einige hundert Pfund heruntersetzen. Wir er⸗ reichen das, indem wir einen Teil des Wassers aus unseren Behältern entfernen. Auf diese Weise könnten wir nach Belieben das Gewicht einer Lokomotive und das einer Feder erreichen. Wo der Grund gut ist, Felsen oder widerstands⸗ fähiger Sand vorhanden, gebrauchen wir zu unserer Fortbewegung Räder; wenn er aber schlammig ist, wie hier, benutzen wir unsere Dampferschraube.“ Und wir kamen thatsächlich vorwärts mit derselben Bequemlichkeit, als wenn wir in einer Equipage auf den Stadtstraßen fahren. Herr Lake gab Befehl, Halt zu machen. Augenblicklich verstummten die Dynamomaschinen, das elektrische Licht erlosch und alles versank in Verrkas aner, Nacht und Stille. Ein Schauderern griff uns. Aber schon erglänzte die eine Lampe, dann die andere. und bald war alles wieder grell er— leuchtet. Außer der Elektrizität, welche die Dynamos während ihrer Bewegung erzeugen, besitzt der„Argonaut“ noch einen Votrat von Licht für viele Stunden. Der Vorrat an Luft reicht für zwei Tage.„Wie aber, wenn eine Störung im Mechanismus eintritt und der Wasser⸗ ballast, der das Boot unten hält, nicht entfernt werden kann?“—„Wir haben ja noch Hand⸗ pumpen“, antwortete Herr Lake.„Wenn aber auch diese versagen?“—„Dann genügt ein Druck auf diesen Hebel, um unseren Schiffs⸗ kiel loszulösen, der 4000 Pfund wiegt, und wir prallen zur Oberfläche hinauf.“ So ist denn alles vorausgesehen. Bei alledem keine Raum⸗ beengung. Die Possagiere haben die vollkommene Möglichkeit, sich zu bewegen, sie können essen, schlafen ꝛe. Sie können sich eine Tasse Kaffee leisten am tiefsten Meeresgrunde. Soweit über die allgemeine Einrichtung der Schiffe. Um Arbeiten im Wasser auszuführen, besitzt das Boot ein besonderes Taucherkabinet. Es ist eine Stahlkammer, die an der Vorderseite des Schiffes gebaut ist. Gleich nach dem Eintritt in diese Kammer, deren Thüre er sorgfältig zu⸗ gemacht hatte, drehte Herr Lake einen Hahn um und starker Luftstrom drang in den Raum. Der Druck stieg ohne Unterlaß und wurde sogar unangenehm zu ertragen. Endlich wurde im Innern der gleiche Luftdruck erreicht, wie der Wasserdruck von außen. Nunmehr öffnete Herr Lacke ein Schlagfenster, und man bekam das Wasser und den schlammigen Boden des Meeres zu Gesicht. Das Wasser war da und es drang nicht in die Kammer, 8 II 8 1 Werkstätte. weil es von der Luft zurückgehalten wurde. Herr Lake ergriff eine Art Boothaken.„Sehen Sie wie leicht es wäre, ein Telegraphenkabel zu ergreifen, und zu zerstören!“ Allerdings nichts leichter als das! Wenn General Sa mpson ein Boot wie der Argonaut bei Santiago mit hätte, so wären die spanischen Minen in einem halben Tag entfernt. Andererseits könnte man ebenso leicht Torpedos unter die Flotte von Cervera bringen und sich schnell genug entfernen, um selbst außer Gefahr zu kommen. Nun war der Versuch zu Ende und der „Argonaut“ erreichte schnell die Oz erfläche und tauchte aus dem Wasser auf zur großen Ueber⸗ raschung der Matrosen auf einem Dampfer, der gerade vorbeifuhr. Den deutschen Lesern werden diese Mittei⸗ lungen vorläufig wohn mehr als Kuriosität er⸗ scheinen. Aber die Zeit ist vi lleicht gar nicht so fern, wo man auch in Deutschland sich dieses Spielzeug, wie so manches andere, unbedingt— zum Schuge der Fla tte, des Pendel ꝛc.— wird anschaffen müssen. Erst freilich muß die Milliarde, die für Panzerschiffe bewilligt wurde, deren Wert durch die Einführung der Untersecboote sehr in Frage gestellt wird, verbraucht werden. Aber darauf wird man nicht allzulange zu warten haben. Humoristisches. Die blaue Hand. Ein Richter war, der sah nicht wohl; Ein Färber kommt, der schwören soll. Der Färber hebt die blaue Hand; Da ruft der Richter:„Unverstand; Wer schwört im Handschuh? Handschuh aus!“ „Nein“, ruft der Färber—„Brill' heraus!“ Den- 2 61* 35 7 7 7 kakin und Hammgarn von 9 bis 25 Mark. 2 75 Hießen, Nirchenzlag. Anfertigung nach Maß in eigener N Emi! Kalbfleisch Vildhauer Licherstraße 1 empfiehlt sich zum Anfertigen von Grabkreuzen, Schrift-Tafeln u. Grabeinfassungen sowie zu allen in dieses Fach einschlagenden Arbeiten in allen Steinarten Grabdenkmäler, Monumente. Reparaturen werden schnell und billig besorgt. GI ESS EN Picherstraße 1 S 82— Geräucherten 85 Für Arbeiter und Landleute Gleichzeitig empfehle ich meine 5, 6 und 7 7 Pfennig 28 Fri edberg Aeben Darmst. Hof Wind. 250 0 80 8 7 e N N 2 2 H. Pese nnn 8 War bur i Friedberg r Friedberg 955 . 25 am Bahnhofe Haagkstra⸗ e 28 355 Aulgasse 4 Aulgasse 4 75 Einem geehrten Publikum von Friedberg un 5 Um⸗ 812 ist die beste und billigste] Es aagendd zur ace der e daher, Hogrefe 88, 55 e neben dem Darmstädter Hof ein 5 5 i but⸗ u. 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