* 2 FF ům ̃ ¹ĩͤͤ̃mn ̃ Li ¶ꝗͤ. 8 2 SGG 2 len füt ne elt., schristen und schüren, gate elt. * — „ Sonnt.⸗ zen, sobie bd wiseen⸗ Juin e Buch⸗ hueider, 0 dition 5 igt — von hier sitteilung, 10 1 I . J, ab bil 175 leßlen 1 0 1 ihn. . Nr. 3. Gießen, Sonntag, den 15. Januar 1899. ö Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeuts che Sonntags- Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 4 f Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 4312.) milde Strafen für Unter⸗ nehmer. s. Es ist wiederholt im Reichstage von unseren Genossen darauf hingewiesen worden, welche harten Strafen über Arbeiter verhängt wurden, wenn sich diese bei Lohnbewe⸗ gungen auch nur das geringste zu schulden kommen ließen. Andererseits wurde oft bemerkt, daß Un ter⸗ nehmer, die sich den Teufel an gesetzliche Vorschriften kehrten, entweder gar nicht zur Rechenschaft gezogen oder doch mit auffallender Milde behandelt wurden. Ueber diese Milde beklagen sich in den meisten Reichs⸗-Berichten auch viele Fabrikinspektoren. Einige charakte⸗ ristische Beispiele seien hier angeführt: Der Beamte des Bezirkes Düsseldorf berichtet: „Die im vorigen Jahresberichte mitgeteilte unmenschliche Ausnutzung jugend⸗ licher Arbeiter in einer Kabelfabrik des Duis⸗ burger Aufsichtsbezirks, wo häufige Nachtarbeit, 24 stündige Arbeitszeiten mit nur zwei Stunden Ruhepausen u. a. m. gerichtlich fest⸗ gestellt wurden, hat durch die Bestrafung des Direktors und des Betriebsingenieurs mit je 50 Mark eine Sühne erfahren, welche wenig geeignet erscheint, gewissenlose Unternehmer von der Begehung gleich schwerer Gesetzes verletzungen zurückzuschrecken.“ „In einer Weberei wurden zwei Arbeiterinnen in zwei Nächten bis 12 Uhr und an den Sonn⸗ abenden bis 7 und 8 Uhr abends beschäftigt. Der Inhaber der Fabrik erhielt infolgedessen eine Strafe von 10 Mark!“ Dr. Wörrishofen, der Aufsichtsbeamte für Baden, stellt fest: „Die Leiter und Hauptbesitzer einer der größten Aktienbrauereien wurde nur mit 20 Mark bestraft, nachdem sie in wissentlicher Uebertretung der Vorschriften während einer größeren Anzahl von Sonntagen den ganzen Tag über hatten brauen lassen.“ Der Schleswiger Beamte meldet: .„In einer Druckerei fand der Gewerbe⸗ inspektor in Schleswig an einem Feiertage vor⸗ mittags sämtliche fünf Arbeiter beschäftigt und ließ Strafantrag stellen. Das Gericht verurteilte den Besitzer zu nur 3 Mark Geldstrafe.“ „Wie es ihm mit seinen Strafanträgen erging, schildert der Beamte für Westpreußen an folgendem kennzeichnenden Falle: „Trotzdem noch in dem Strafantrag(Sonn⸗ tagsarbeit jugendlicher Arbeiter in einer Buch⸗ druckerei) auf die vorhergegangenen Ver⸗ urteilungen des Betriebsunternehmers und auf die früheren Warnungen sowie darauf Bezug genommen war, daß der Betriebsunter⸗ nehmer auch sonst seine Arbeiter in rücksichts⸗ loser Weise ausbeute, sprach das Schöffen⸗ gericht den Angeklagten frei.“...„Der Gewerbeinspektor war als Zeuge geladen, wurde aber nicht vernommen und erfuhr den Aus⸗ gang erst nach Ablauf der Berufungsfrist.“ Eine solche Nichtbeachtung der Gewerbe⸗Auf⸗ sichtsbeamten muß zur völligen Nichtachtung der Arbeiterschutz-Gesetze führen. Ja, die Unter⸗ die Arbeiterschutz⸗Gesetze zu pfeifen. Durch un⸗ mäßige Ausdehnung der Arbeitszeit wird die Gesundheit der jugendlichen Arbeiter zwar ruiniert, der Geldbeutel des Unternehmers aber gespickt. Und dann sollte sich so ein„Herr Arbeitgeber“ Kopfschmerzen darüber machen, wenn er wenige Mark Strafe zahlen muß wegen Nichtbeachtung gesetzlicher Vorschriften? Er zahlt die paar Mark schmunzelnd mit einer Hand, wie man so zu sagen pflegt. Wie Hessen aufgrund des Drängens unserer Genossen im Landtag als erster Bundesstaat die weibliche Fabrikinspektion einführte, so hat er auch als erster versucht, dem Unternehmertum mehr Respekt vor den Gesetzen beizubringen. Der hessische Justizminister hat nämlich die Staatsanwaltschaften des Großherzogtums an⸗ gewiesen, in allen Strafsachen wegen Ver⸗ fehlungen gegen die Arbeiterschutz⸗Gesetze „dem zuständigen Fabrikinspektor den Inhalt des Strafbefehls oder die Urteilsformel nach Eintritt der Rechtskraft mitzuteilen.“ Da⸗ durch wird es den Fabrikinspektoren ermöglicht, fortwährend zu kontrollieren, ob ihre Beanstan⸗ dungen resp. Strafanträge die nötige Beachtung sowohl bei den Unternehmern wie auch bei den Gerichten gefunden haben. Der Düsseldorfer Aufsichtsbeamte hat bewirkt, daß der Regierungspräsident den Ersten Staatsanwalts ersuchte, die Amtsanwälte dahin anzuweisen, daß sie bei Verhängung allzu niedriger Geldstrafen seitens der Schöffen⸗ gerichte in jedem Falle Berufung ein⸗ legen. Dies einzuführen ist im ganzen Reiche notwendig, wenn die Gewerbe-Aufsicht nicht zum Gespött der Unternehmer herabsinken soll! Das aber sei auch hier wieder betont: den besten Arbeiterschutz garantieren die Ge⸗ werkschaftsorganisationen der Ar⸗ beiter. Wo diese nicht fortgesetzt die Be— achtungen der Schutzgesetze überwachen, da kann der Fabrikinspektor nicht viel ausrichten, selbst wenn er den besten Willen dazu hätte. Die einsichtsvollsten Fabrikinspektoren haben sich des⸗ halb auch allezeit sehr anerkennend über die Gewerkschaftsorganisationen ausgesprochen. wie wir bluten müssen. d- Die meisten Menschen machen sich gar keine richtige Vorstellung davon, wieviel sie eigentlich im Laufe des Jahres an Steuern zu zahlen haben. d Fragt man den einen oder andern, wie viel er an Steuern zahlt, so kann man hundert gegen eins wetten, daß er immer nur die Summe an⸗ geben wird, die auf seinen Steuerzetteln für Staat und Kommune angegeben ist. Er wird meist gleichzeitig raisonnieren, daß er„so“ schauderhaft bluten müsse. Wie aber würden die meisten erst losdonnern, wenn sie sich klar darüber wären, wieviel sie in Wirklichkeit an Stuern blechen müssen! Ist doch das auf dem Steuerzettel bezeichnete Sümmchen— so sehr es uns auch schon in Harnisch zu bringen vermag— meistens recht bescheiden im Vergleich zu der Steuersumme, die uns aus der Tasche eskamotiert wird, ohne daß wir so eigentlich da— nehmer werden ja geradezu herausgefordert, auf hinter kommen! FJuserate finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die Fgespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesten? Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei Emal. Bestellung 33½%% und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50% Rabatt. N 2 TTT—T—T—T—T—T—T—T—T—————— Einen aufklärenden Blick gestatten uns in dieser Beziehung die amtlichen Mitteilungen des großherzoglich hessischen Statistischen Amtes. Dort wird nachgewiesen, daß in Hessen im Rechnungs⸗ jahre 1897/98 an indirekten Steuern, die in den Reichssäckel fließen, aufgebracht wurden:. 14,582,959, 80 Mark. Davon entfällt mehr als die Hälfte auf Zölle, durch die uns das Brot und sonstige unentbehrliche Gebrauchs⸗ gegenstände künstlich verteuert werden. Im Einzelnen werden diese indirekten Steuern und Zölle wie folgt nachgewiesen: Alle 9, 621,831.85%. Tabaksteuer. 439,660.50„ Zucker steuer. 613,889.35„ Salzsteuer 1,080,425.—„ Branntweinsteuer 4,172,187 25 When 1,239,243.25„ Stempelabgaben(Spielkarten) 173,626.40„ Sonstige Reichsstempelabgaben 242,096.20„ Summa: 14,582,959.80„. Auf den Kopf der hessischen Bevölkerung verteilt— die Einwohnerzahl mit rund einer Million angenommen— macht das Mk. 14.60. Oder mit anderen Worten: eine Familie, bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern zahlt jährlich an die Reichskasse 5“ 14.60 73.— Mk. Hierzu kommt noch die indirekte Stadtsteuer, das in größeren hessischen Städten übliche Oktroi. Dieses beläuft sich auch für eine Familie auf ca. 25 bis 30 Mark. An indirekten Steuern ist also in Hessen jede Familie mit rund 100 Mk. jähr⸗ lich belastet. Deshalb kann jeder Familenvater, der gefragt wird, wie viel Steuern er jährlich zahlt, der auf seinen Steuerzetteln angegebenen Summe stets 100 Mark zuzählen. Erst dann ist seine An⸗ gabe einigermaßen richtig. f Schaden kann es auch nichts, wenn jedesmal dabei betont wird, daß wir die indirekten Reichsteuern den Konservativen, Antisemiten und ähnlichen Volksfreunden, die indirekten Stadtsteuern(Oktroi) aber den„Liberalen“ zu danken haben. Politische Bundschau. * Gießen, den 13. Januar. Majestätsbeleidigung. Der Redakteur der Magdeburger Volksstimme, Genosse August Müller, stand Montag früh vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts Magdeburg, angeklagt, den deutschen Kaiser und den Prinzen Eitel Fritz be⸗ leidigt zu haben. Die Beleidigung wurde er⸗ blickt in der Wiedergabe einer kleinen Erzählung aus Bagdad in Nr. 174 der Volksstimme. Die Verhandlung wurde unter Ausschluß der Oeffent⸗ lichkeit geführt. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zusätzlich der noch zu verbüßen⸗ den Strafe von 10 Monaten zu 4 Jahren 1 Monat Gefängnis! Der Angeklagte war in der Lage, mehrere Zeugen vorzuführen, die aussagten, daß er am eee, 3— 9 ee eee e eee her auch nur zu denken gewagt? Seite 2 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 3. Tage des Erscheinens der betreffenden Nummer des Blattes nicht in der Redaktion anwesend gewesen sei. Trotzdem hielt ihn damals das Gericht für verantwortlich. Nach unserer Ueber⸗ zeugung ist hier ein Unschuldiger verurteilt worden. Aber davon abgesehen, ist die verhän ate Strafe von einer solchen Härte, daß sie selbst in der Aera der Majestätsbeleidigungen einzig dasteht. Ein offiziöses Blatt, die„Münchener Allgem. Ztg.“, schrieb kürzlich:„Die Häufung der Majestätsbeleidigungsprozesse ist kein Ruhmesblatt in der politischen Entwickelung des neuen Reiches.“ Die Häufung der Verurteilungen wegen Majestätsbeleidigung ist noch weniger ein Ruhmes⸗ blatt. Von all diesen Verurteilungen beleuchtet aber keine so grell die politische Reaktion in Deutschland wie diese des Genossen Müller. Dumme Minister. Dumm sein darf ein Privatmann kaum, aber dumme Minister zu haben und ihre Dummheiten nicht zu erkennen, ist das größte Unglück, das einen Fürsten treffen kann Diese Meinung soll Bismarck in jetzt veröffent⸗ lichten Unterhaltungen mit Lothar Bucher zum Besten gegeben haben. Allerdings läßt Bismarck die Sentenz nur für Oester reich gelten: „Andrassy war ein Mensch mit klarem Kopf und warmem Herzen, aber nachher ist es immer mehr bergab gegangen, und wenn es so weiter geht, dann kommen noch Premier- minister in Oesterreich zum Vorschein, die so dumm sind, daß sie gar nicht einmal wissen, daß sie dumm sind— armes Oester⸗ reich, ich glaube, deine Tage sind gezählt, und wenn wir es auch nicht mehr erleben werden, daß der große Krach stattfindet, kommen wird er— vielleicht noch eher, als man glaubt! Wenn in Oesterreich ein neues Ministerium gebildet werden soll, so fällt mir immer das Wort ein, das einst ein oberschlesischer Landrat an die zur Schulzenwahl versammelte Ge⸗ meinde richtete:„Meine Herren, es ist nicht unbedingt nötig, daß man immer gerade das größte Rindvieh zum Schulzen macht!“ Es giebt also wirklich dumme Minister— wer hat einen so umstürzlerischen Gedanken bis⸗ Dumme Minister— es klingt wie Majestätsbeleidi⸗ gung und Gotteslästerung zusammengenommen. Und dabei sind diese Minister, deren Dummheit Bismarck geradezu als Berufspflicht darstellt, nicht etwa Parlamentsminister, sondern Staats⸗ diener, die die Weisheit eines Monarchen von Gottes Gnaden erkürt.— Köller's Triumphzug. Flaggenschmuck. Illumination. Feste und Fest⸗ reden in Hadersleben und anderswo. Und— Er Selbst hat gesprochen. Köller der Große! Wie jener römische Gesandte den Karthagern in der einen Falte seiner Toga den Krieg, in der anderen den Frieden brachte— so trug Köller der Große in der einen Rocktasche den Krieg und die Ruthe, in der anderen den Frieden und das Zuckerbrot. Und also sprach Köller der Große auf dem Huldigungsfest in Hadersleben vor seinen in Ehrfurcht erschauernden Unterthanen! „Er sei gerade jetzt gern nach Hadersleben gekommen, um sich persönlich davon zu über⸗ zeugen, wie die Verhältnisse der Stadt lägen. Für die Weiterentwicklung der Stadt sei viel gethan, wofür er den Kollegien danke. Wenn zur Zeit strengere Maßregeln nötig geworden seien, um Friedenzu schaffen, so hoffe er, daß dies nur vorübergehende Maß⸗ nahmen wären, die zum Frieden führen würden. Die Maßregeln seien nicht gegen die ruhig im Lande lebenden Ausländer gerichtet, sondern lediglich gegen die Leute, die durch die Presse, Vereine und Versammlungen die Gemüter beunruhigten, das Vertrauen der Bevölkerung zur Regierung untergrüben und keinen Frieden haben wollten. Das könne und werde die Regierung nicht dulden.“ Nun wissen es die Schleswiger: wer sich nicht muckst und Alles gut findet, was die Regierung Gnade teilhaftig, wer aber sich muckst, und es nicht in der Ordnung findet, daß Köller Dutzende von Menschen der Existenz beraubt, blos weil es im Lande Leute giebt, die an die Gottähnlich⸗ keit Köller's nicht glauben, der„fliegt hinaus“ — also hat es in seiner unergründlichen Weis⸗ heit verfügt Köller der Größte.— Herr v. Kotze ist vom Kaiser wieder empfangen worden, und der„Fall Kotze“ ist damit erledigt— so be⸗ richten die Zeitungen. Der Fall Kotze mag er⸗ ledigt sein, denn es mag sein, daß es Herrn v. Kotze gelungen ist, seine volle Unschuld an der Herstellung jener Briefe schmutzigsten Inhalts nachzuweisen, die vor Jahr und Tag in der Hofgesellschaft kursierten. Wenn aber Kotze un⸗ schuldig ist, wer ist denn dann der Schuldige? Und lebt etwa der Zotenschreiber noch heute in der Hofgesellschaft? Vergessen darf auch nicht werden, daß diesem Kotze⸗Skandal ein Menschen⸗ leben zum Opfer fiel. Derselbe Herr v. Kotze, der vom Kaiser empfangen wurde, hat bekanntlich seinen Kollegen v. Schrader im Duell er⸗ schossen. Nicht schuldig des Wohlwollens! Durch die Presse liefen kürzlich einige an⸗ gebliche Aeußerungen des Großherzogs von Baden über soziale Probleme, die zwar kein Verständnis für die Sozialdemokratie verrieten, aber ein gewisses soziales Wohlwollen zeigten. Die Wendungen klangen im Munde des äußerst kriegervereinlich gesonnenen Groß⸗ herzogs, der in Stumm seinen Ratgeber verehrt, recht verdächtig. In der That wird nun auch badisch⸗offiziös erklärt, daß jene Veröffentlichung einem Gespräch entnommen sei, dessen Zusammen⸗ hang ein anderer war als der mitgeteilte, und dessen Sinn nicht richtig wiedergegeben wird. Die Publikation könne deshalb nicht als authen⸗ tisch betrachtet werden.— Also nicht! Von den Aeußerungen waren besonders die National- Sozialen arg entzügt, deren monarchistische Gesinnung zur Zeit ja auf so schwere Proben gestellt wird. Sie werden sich nun unter den Bundesfürsten einen anderen aussuchen müssen, an dem sich ihr Glaube an die soziale Monarchie emporranken kann. Hoffentlich hat der Redakteur Erdmannsdörfer der in Marburg erscheinenden national⸗sozialen Zeitung dem Großherzog von Baden kein blau angestrichenes Exemplar seines Blattes geschickt, in dem er am 1. Januar den Wunsch aussprach, der Großherzog möge seine Rede noch einmal halten. Unsere„Patrioten“. Während unsere ostelbischen Junker der Aus⸗ weisungspolitik des Herrn v. Köller begeistert zu⸗ stimmen, sind sie auf der anderen Seite eifrigst bemüht, der„Leutenot“ durch Heranziehung pol⸗ nischer, russischer und galizischer Arbeiter abzu⸗ helfen. All die Arbeiter slavischer Abkunft, die Czechen, die Polen, die Russen, die sonst als die größten„Feinde des Deutschtums“ verschrieen werden, sind den Großgrundbesitzern des Ostens hochwillkommen, wenn sie nur bereit sind, billiger und mehr zu schuften, als die einheimischen Arbeiter. In der Thatsache, daß die in der Kultur viel niedriger stehenden Slaven den Osten mehr überschwemmen, erblickt eine in der„Köln. Ztg.“ veröffentlichte Einsendung eine„nationale Gefahr“. Als Abhilfe empfiehlt der Einsender die Heranziehung von italienischen Arbeitern, die ja per Sonderzüge nach dem Osten gebracht werden könnten— das Letztere, um den Fahr⸗ preis zu ermäßigen. Ganz recht! Für die Lebensmittel die Grenzen gesperrt, damit die lieben deutschen Landsleute ordentlich geschröpft werden können, für ausländische Arbeits räfte Staatsunter⸗ stützung durch Gewährung billiger Eisenbahn⸗ fahrten, damit sie um so billiger den Junkern zu frohnden vermögen, im Inlande aber mög⸗ lichste Beschränkung der Freizügigkeit, hohe Fahr⸗ preise, um den ländlichen Arbeitern die„Flucht in die Stadt“ möglichst zu erschweren, Knebe⸗ lung der Arbeiterklasse durch Ausnahmegesetze— das sind in Kurzem die Wünsche unserer Pa⸗ trioten.— thut, der wird des Zuckerbrots der Köller'schen Wenn die Sozialdemokratie den Handwerkern und kleinen Händlern offen sagt, daß sie der Konkurrenz der Großindustrie und der Groß⸗ bazare werden weichen müssen und daß man gegen diese Entwicklung, die einen natürlichen Fort⸗ schritt bedeute, nicht ankämpfen könne, so dient das den Konservativen und verwandten Seelen immer zu der lügnerischen Behauptung, wir wollten den Mittelstand ruinieren und gleich⸗ zeitig rühmen sie dabeiih re mittelstandsretterischen Wunderrezepte. Es ist deshalb sehr interessant, zu lesen, was die„Kreuzztg.“ in ihrer Nr. 1 schreibt: „Als eine der nächsten gesetzgeberischen Auf⸗ gaben auf gewerblichem Gebiete stellt sich der Schutz des kaufmännischen Mittelstandes gegen die Schleuderbazare dar. Man kann es sehr gut verstehen, daß sich die soliden großen Warenhäuser energisch dagegen verwahren, mit ihnen gleich behandelt zu werden. Sie stellen einen technischen Fortschritt des Detailvertriebes dar, von dem die Fabrikanten und die Verbraucher einen wesentlichen Vorteil haben. Daher können auch wir nicht glauben, daß man gut daran thut, sie durch eine hohe Steuer zur Liquidation zu zwingen Uebrigens ist es keineswegs der Kleinbetrieb im Warenhandel allein, der unter einer erdrücken⸗ den Konkurrenz des Großbetriebes zu leiden hat. Wohin wir blicken, finden wir dasselbe Bild: im Bankgeschäft, in der Fabrikation, im Hand⸗ werk, in der Landwirtschaft. Ueberall können die technischen Fortschritte, die mit elementarer Gewalt ihre Einführung durchsetzen, nur in den mit reichlichem Be⸗ triebskapital ausgestatteten Betrieben nutzbar ge⸗ macht werden.“— Nun also, womit rettet man dann den Mittelstand? Nationalliberale Politik. Auf dem soeben abgehaltenen phälzischen nationalliberalen Parteitag teilte Reichstagsab⸗ geordneter Dr. Weinhardt mit, daß die national⸗ liberale Fraktion in wirtschaftlichen Fragen zu völliger Verständigung gelangt sei. Der frühere Abgeordnete Dr. Bürklin warnte vor allzu raschem Fortschreiten in der Sozial⸗ politik. Bei Beratung der Organisationsfrage sprachen fast alle Redner für eine Einigung mit dem Bund der Landwirte.— Und so was nennt sich liberal und findet vielfach die Unterstützung der Freisinnigen. Wieder ein Beitrag zur Zuchthaus⸗ vorlage. Die Allgemeine Acetylen⸗Gesellschaft Prome⸗ theus, Gesellschaft mit beschr. Haftung zu Leipzig, hat in ihrer Arbeitsordnung, die vom Rat der Stadt Leipzig geprüft und für zulässig befunden wurde, unter§ 10 folgende Bestimmung: „Außer den gesetzlich vorgeschriebenen Ent⸗ lassungsgründen ist für uns noch Grund zur sofortigen Entlassung: Dit Mitglied⸗ schaft beimMetallarbeiterverbande und 150 Beiwohnung einer Versammlung des⸗ elben.“ Diese Arbeitsordnung ist mit dem 1. Nov. 1898 in Kraft getreten. Wir sind, so meint die bürgerlich⸗-demokratische Frkf. Ztg., überzeugt, daß die öffentliche Meinung, soweit sie durch die Presse jenseits der demokratischen Grenzlinie repräsentiert ist, darüber sich nicht aufregen und wohl gar keine Notiz davon nehmen wird. Nun stelle mau sich aber einmal denselben Fall in umgekehrtem Sinne vor. Nehmen wir an, alle hier etwa in Betracht kommenden Arbeiter seien⸗organisiert und würden beschließen: „Außer.. ist für uns noch Grund zur sofortigen Arbeitsniederlegung: Die Mitgliedschaft der Gesellschaft Premetheus bei einem Unter⸗ nehmerverbande und die Beiwohnung einer Ver⸗ sammlung desselben.“ Welch ein Geschrei gebe es da! Wie würde man nach einer doppelt und dreifach verschärften „Zuchthausvorlage“ rufen! Und doch wäre dieser Fall im Wesen ganz dasselbe, wie jener, den die Konservativen ꝛc. gewiß goutieren werden. Si duo faciunt idem, non est idem Wenn zwei dasselbe thun, so ist das nicht dasselbe. Die Konservativen und der Mittelstand. die Elb Der bei 2e bettieb drücken⸗ den hat. Bild: Hud⸗ bönnen e mit hrung em Be⸗ bar ge⸗ tet man lischen tagsab⸗ ational⸗ agen zu frühere r allzu ozial⸗ nfrage igung Und so ich die aus⸗ Prome⸗ Leipzig, dat der efunden 1 Ent⸗ d zur lüglied⸗ de und 9 des⸗ I. Rub. eint die erzeugt, urch die euzlinie ell I b. Nun Jul in vit an, beitet ud zur schuf Unter⸗ er Ver- ürften 0 diefer au, den werden. Venn be. Nr. 3. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Deite 3. D N Ein Freisinnsmann vor'm Königsthron. Der freisinnige Mannesmut hat beim Empfang des Reichstags⸗Präsidiums durch den Kaiser sich in eigenartigem Lichte gezeigt. Die „Neuesten Nachrichten“ in Elberfeld, mit denen, nach der Berliner„Volksztg.“, der dort wohnende zweite Vizepräsident des Reichstags, Herr Rein⸗ hard Schmidt, zuweilen Fühlung sucht, berichtet darüber u. a.: Herr Graf Ballestrem schritt, ohne die Vor⸗ stellung als freier Bürger und Repräsentant einer souveränen Körperschaft abzuwarten, sofort, als er des Kaisers ansichtig wurde, auf diesen zu, schlug seine schweren Kürassierstiefel dröhnend an⸗ einander und meldete sich und das übrige Prä⸗ sidium in der militärischen Form, die sonst wohl üblich ist, wenn ein im Dienstrange niedriger Stehender seinem Vorgesetzten einen Rapport er⸗ stattet, mit dem Einleitungswort:„Ein Offizier und zwei Unteroffiziere zur Stelle.“ ...Der Kaiser hat sich dann, wie bekannt, über die Militärvorlage geäußert. Er wies auf Rußland hin und bemerkte bei Er⸗ wähnung der dortigen Heeresreformen, in wie ungleich günstigerer Situation sich doch der Zar ihm gegenüber befinde. Der Zar be⸗ fehle einfach und dann würde ohne weiteres aus geführt, was er im Interesse seines Landes für nützlich und notwendig erachte; er aber könne das nicht, er müsse erst den Reichstag fragen, ob er auch ausführen dürfe, was er für Deutsch⸗ lands Größe und Machtstellung für erforderlich halte. Da antwortete der freisinnige zweite Vize⸗ präsident, Herr Reinhard Schmidt, daß in Bezug auf die Opferbereitschaft für Heereszwecke die nationale Gesinnung bei allen Par⸗ teien des Reichstages die gleiche sei, keine Partei könne einen besonderen Vorzug hinsichtlich des monarchischen Bewußtseins und ihrer dynastischen Anhänglichkeit in Anspruch nehmen, aber er erachte es für die Pflicht des Parlaments, gewissenhaft zu prüfen, ob das Volk die geforderten Lasten auch tragen kann. Das Elberfelder Blatt versichert ausdrücklich, daß dieser Bericht vollkommen zuverlässig sei. Es fügt hinzu, Graf Ballestrem und Herr v. Frege hätten bei dieser Erklärung des Herrn Schmidt⸗Elberfeld „sehr verdutzt darein gesehen“. Der Kaiser sei über die Aeußerungen Schmidts einigermaßen verwundert gewesen. Eine Erwiderung sei Herrn Schmidt nicht geworden. Ob Graf Ballestrem und Herr von Frege verdutzt gewesen sind, weil überhaupt ein Frei⸗ sinniger zu reden gewagt oder über den Inhalt der Rede, wird nicht gesagt. Im letzteren Falle ist das zu begreifen, denn die Bemerkung Schmidts paßte absolut nicht in die Situation. Wollte er etwas sagen, dann mußte die Antwort auf den Hinweis auf russische Zustände schon anders lauten. Die besondere Betonung des monarchischen Bewußtseins und der dynastischen Anhänglichkeit war da recht wenig am Platze. Es bleibt abzuwarten, ob Herr Schmidt die Angaben bestreiten wird.— Jawohl! Er hat's gethan— das heißt, bestritten. In den„Elb. N. N.“ erklärt Herr R. Schmidt: „Ich muß Wert darauf legen, in der Oeffentlich⸗ keit festzustellen, daß ich zu dem Artikel in keinerlei Beziehungen stehe und daß die in demselben ge⸗ gebenen Schilderungen ebenso unrichtig und ent⸗ tellt sind, wie die den Beteiligten, so auch mir in en Mund gelegten Aeußerungen. Ich kann über das Erscheinen des Artikels nur meinem tiefsten Bedauern Ausdruck geben.“ Schade, daß Herr Schmidt nicht erklärt, wie sich der Empfang abgespielt hat. Was ist denn „unrichtig“ und„entstellt“ an dem Bericht? Hat der Reichstagspräsident nicht mit den Kürassierstiefeln zusammengeschlagen? Hat der Freisinnsmann nicht von„dynastischer Anhäng⸗ lichkeit“ und„monarchischem Bewußtsein“ ge⸗ sprochen??? Ausländisches. „Die Feinde der Republik in Frank⸗ reich wittern Morgenluft. Immer frecher wagt sich die monarchische Agitation hervor. Der „Matin“ veröffentlicht eine Unterredung mit einem hervorragenden Teilnehmer an der jüngst zum Prinzen Victor nach Brüssel entsandten bonapartistischen Abordnung, welcher erklärte, daß Prinz Victor zur Aktion entschlossen sei, einen Gewaltstreich vorbereite und sobald die Ereignisse eintreten, welche in kürzerer Zeit, als man glaube, zu erwarten seien, sich an die Spitze der Bewegung stellen werde. Die Gerüchte be⸗ züglich Zwistigkeiten zwischen dem Prinzen Victor und dem Prinzen Louis seien unbegründet. Prinz Louis, welcher demnächst General Bonaparte heißen werde, werde sich am Tage der Aktion an der Seite des Prinzen Victor befinden.— Dreyfus waren vom Kassationshof tele— graphisch einige Fragen unterbreitet worden, die er alle klar und bestimmt beantwortet hat. — Das Mitglied des Kassationsgerichtshofes, Quesnay de Beaurepaire, hat sein Amt nieder⸗ gelegt und ist zu den Beschützern der Fälscher— sippe übergegangen. Aus dem Reichstag. Die beiden ersten Sitzungen, welche der Reichstag im neuen Jahre abhielt, wurden durch die Besprechung der von den Agrariern ein⸗ gereichten Anfrage an die Regierung, betreffend die angebliche Fleischnot, ausgefüllt. Abg. v. Wangenheim, der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, führt aus, daß die Fleischpro⸗ duktion und der Fleischkonsum gestiegen sei. Die landwirtschaftlichen Kreise wünschten die Aufrechterhaltung und die Ausdehnung der Grenzsperre. In den letzten Jahren war das Angebot im allgemeinen größer als die Nachfrage. Die Preissteigerung für alle Fleisch⸗ sorten war außerordentlich gering. Wir bitten dringend, die Grenzen nicht weiter zu öffnen. Die deutsche Viehzucht bedarf noch immer des Schutzes. Von einer Fleischnot könne keine Rede sein.— In ähnlicher Weise sprachen nicht nur mehrere agrarische Abgeordnete, sondern auch zwei leibhaftige Minister. Demnach wäre es also nicht wahr, daß eine Fleischnot existiert, daß das Fleisch teurer geworden ist. Nicht weniger, sondern mehr Fleisch wird gegessen nach den Ausführungen dieser Herren. Daß die Herren Minister und Großgrundbesitzer sich nichts abziehen, ist ohne weiteres zu glauben. Aber die kleinen Leute auf dem Lande sowohl wie in der Stadt wissen sehr genau, wie es sich mit ihrem Fleischgenuß verhält. Nicht nur im Magen, sondern auch im Portemonnaie ver⸗ spüren sie es sehr wohl, daß das Fleisch teurer geworden ist. Von unseren Genossen kamen in der zweitägigen Debatte zum Wort Stolle und Dr. Haase. Ersterer führte ungefähr folgendes aus: Wenn die Konservativen und sonstige Agrarier die Interessen der Produzenten verträten, so sei es Pflicht seiner Partei, die Interessen der Konsumenten zur Geltung zu bringen. Daß ein Minderverbrauch von Fleisch namentlich in den größeren Städten eingetreten sei, sei offenkundig; die Schlachtungen in den Schlachthäusern der großen Städte haben um Tausende abgenommen. Die Preise des Fleisches, namentlich des Schweinefleisches, sind so ge⸗ stiegen, daß im Königreich Sachsen kaum noch ein Arbeiter dieselben erschwingen kann. Die Landwirte wollen allerdings die Schuld für die Verteuerung des Fleisches auf die Metzger und die Viehhändler abwälzen, aber dafür sind durchaus keine Beweise zu erbringen. Die Ar⸗ beiter müssen sogar Pferdefleisch und Hunde⸗ fleisch essen.(Widerspruch rechts.) Ja, Sie haben das freilich nicht nötig, Sie haben ja das größte Portemonnaie!(Heiterkeit.) Die Sperrung der Grenzen hat hauptsächlich den Bauern zum Schaden gereicht. Der kleine Bauer kann nicht mehr das Magervieh vom Auslande zur Mästung kaufen. Die Seuchengefahr ist nicht die Ursache der Grenzsperre, die lediglich zur Wahrung der Interessen der Großgrund⸗ besitzer und der Viehzüchter dient. Die Regie⸗ rung sollte im Inlande Maßregeln gegen die Viehseuche ergreifen und nicht immer bloß auf das Ausland hinweisen. Es ist kein Wunder, wenn in den östlichen Provinzen Preußens ein Mangel an Arbeitern vorhanden ist, denn dort sind die Wohnungen zum größten Teil viel schlechter als die Viehställe. Abg. Nißler(Bayr. Bauernbund) wirft Stolle Unkenntnis vor! Die Sozialdemokraten sprechen immer von den Interessen der Arbeiter, als ob die Bauern und Gutsbesitzer nicht auch Arbeiter wären. Das Elend der Industrie⸗ arbeiter habe aber andere Gründe. Sehen Sie nur des Sonntags die Wirtschaften auf dem Lande und in der Stadt. Staatssekretär v. Posadowsky: Man könne keinesweg behaupten, daß die Preise für Rinder und Rindfleich ungewöhnlich hoch seien, vielmehr hielten sich dieselben im Allge⸗ meinen auf den Niveau der früheren Jahre. Dagegen seien die Schweinefleischpreise in einzelnen Gegenden sogar erheblich gestiegen. Der Fleischbedarf sei in den industriellen Gebieten ab⸗ solut und relativ gestiegen. Das hänge zusammen mit dem Wachstum der städtischen Bevölkerung, der größeren Wohlhabenheit der Städter und dem Steigen der industriellen Löhne. Auch auf dem Lande verlange das Gesinde jetzt mehr Fleischnahrung. Die meisten Regierungen sprächen sich dahin aus, daß von einer eigentlichen Fleisch⸗ not der Bevölkerung nicht die Rede sein könne und daß es im Interesse der Fleischver⸗ sorgung einer Vermehrung der Zufuhr vom Aus⸗ lande nicht bedürfe. Genosse Dr. Haase führt aus: Ueber die Grenzsperre als Mittel gegen die Seuchengefahr lachen selbst die Grundbesitzer. Das gesamte statistische Material sei bedenklich, denn es rühre von interessierter Seite, namentlich auch von Landwirtschaftskammern her, wie von der ost⸗ preußischen Landwirtschaftskammer, deren Material durchaus ungenügend sei, sodaß man dasselbe mit Mißtrauen behandeln müsse. Es könne hier das Wort des Herrn von der Gröben Anwendung finden: Was soll aus einer Vereinigung von Unkenntnis, Mißgunst und Neid herauskommen? (Sehr richtig). Die gleichen Klagen kämen aus allen Teilen des Reiches, könne man da noch zweifeln an dem Vorhandensein eines Notstandes? Man suche seitens der Landwirte die Fleisch⸗ teuerung auf die Trebereien der Händler zurück⸗ zuführen. Der früher Abg. Iskraut habe sofort zur höheren Ehre des Antisemitismus die Königs⸗ berger Viehhändler, die besonders beteiligt ge⸗ wesen sein sollen, zu Juden gemacht. Der Herr habe sich jedoch getäuscht. Es sind lauter gute Christen. Gen. Haase stellt dann noch ausdrücklich fest, daß Ostpreußen durchaus seuchenfrei sei. Die russische Grenzsperre liege nur im Interesse der Großgrundbesitzer. Nachdem noch der konservative Abgeordnete Schrempf das Vorhandensein einer Fleischnot bestritten hat, wendet sich Graf v. Po sa⸗ dowsky gegen Haase. Er bestreitet dessen Be⸗ hauptung, daß Ostpreußen seuchenfrei sei. Damit ist die Interpellation erledigt. * * Die Agrarier können mit dem Verlauf dieser zwei Reichstagssitzungen zufrieden sein. Die Regierung sperrt auch in Zukunft die Grenzen, damit kein Fleisch hereinkommt, das die hohen Preise drücken könnte. Die große Masse des arbeitenden Volkes mag den Leibriemen immer enger schnallen. Aber die Reichsregierung soll sich über den Erfolg ihres Verhaltens nicht täuschen. Für das Volk ist die Fleischnot nicht damit aus der Welt geschafft, daß sie von Groß⸗ grundbesitzern und gräflichen Ministern, deren jährliches, vom Volke bezahlte Einkommen sich auf Zehntausende beläuft, bestritten wird. Die Frauen des arbeitendes Volkes, die mit wenigen Mark die Woche haushalten müssen, haben gut rechnen gelernt. Sie spüren es sehr wohl, daß das Fleisch teurer geworden ist und deshalb für sie immer seltener auf den Tisch kommt. Die unteren Schichten des Volkes, die Mil⸗ lionen städtischen und ländlichen Arbeiter, die kleinen Handwerksmeister und Unterbeamten, die vielen Hunderttausende kleinen Geschäftsleute usw. — sie sind es, die die Fleischteuerung am eigenen Leibe spüren. Sie werden nicht vergessen, daß auch in dieser Frage es die Sozialdmokratie ge⸗ wesen ist, die ihre Interessen vertreten hat. Wären sich die Kleinen in Stadt und Land so ein ig, wie es die Großen sind, dann würde es die Regierung bleiben lassen, eine Politik zu betreiben, die nicht im Interesse der großen Masse des Volles liegt. 3 . N . 25 15 eite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 5 Nr. 3. Jon Fah und Fern. Mitteulungen aus unserem Leserkreise find leder zeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druc bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. * Ein braver Genosse, der Dechslermeister Michel Müller aus Marburg, feiert heute, Samstag, den 14. Januar, seinen 89. Geburtstag und zwar in Aschaffen⸗ burg, wohin er vor kurzem zu einem seiner ver⸗ heirateten Kinder verzogen ist. Michel Müller gehört unserer Partei seit deren Gründung an. Von Jugend an begeistert für Freiheit und Recht zählte er in seinen jungen Jahren zu den eifrig⸗ sten Mitgliedern der damals in Marburg be⸗ stehenden Gesellschaft der„Lichtfreunde“. Er ist seinen Jugendidealen treu geblieben bis heute, wo er in das 90. Lebensjahr tritt. Wenn auch die Beine des alten Genossen nicht mehr so wollen, wie es der Alte gern möchte, so ist doch der Kopf um so frischer geblieben. Und welche Fülle von Erinnerungen aus schweren und aus lustigen Zeiten weiß Michel Müller noch heute zum besten zu geben! Durch seinen Umzug nach Aschaffenburg hat er es uns unmöglich ge⸗ macht, die Wünsche der Genossen aus beiden Oberhessen persönlich zu übermitteln. So mögen denn diese Zeilen dem allverehrten Genossen die Kunde bringen, daß wir im Hessenlande seiner gedenken. Wir wünschen ihm andauernde Gesund⸗ heit und bringen ihm ein kräftiges sozialdemo⸗ kratisches Hoch! Ein städtisches Arbeitsamt. * Endlich ein wirkliches Arbeitsamt! Es ist mit dem städtischen Arbeits- und Wohnungs⸗ vermittlungsamt verbunden und hat die Aufgabe, Jedermann, insbesondere Unbe⸗ mittelten, Arbeitern, Dienstboten, Handwerkern, Händlern, kleinen Unternehmern usw. Rat und Auskunft zu gewähren, namentlich in Sachen der sozialpolitischen Gesetzgebung, in Steuer⸗, Schul⸗, Militär⸗, Unter⸗ stützungs⸗, Vormundschafts⸗, Erb⸗ schafts- und dergleichen Fragen. Auch hat das Selretariat Schriftsätze, Eingaben ꝛc. anzu⸗ fertigen. Die Ratschläge und Auskünfte werden kostenlos gegeben; für Schriftsätze ist eine Gebühr von 10 Pfg. für die Seite zu entrichten.— Also genau so eingerichtet, wie es die Gießener Arbeiterschaft seit Jahren er⸗ strebt. Um so bedauerlicher ist es deshalb, daß die Meldung von der Errichtung dieses Instituts aus— Ulm kommt. Schade, wir hätten's lieber aus Gießen gemeldet, trotzdem wir's den Ulmern von Herzen gönnen. 16 Jahre Zuchthaus wegen— Unfugs! Züchtigen die bürgerlichen Gerichte mit Peitschen, so züchtigen die Militärgerichte mit Skorpionen. Das „Darmstädter Amtsblatt“ veröffentlicht folgende Be— kanntmachung: In Gemäßheit des§ 193 der Militär-Straf⸗ gerichtsordnung wird bekannt gegeben, daß die Reservisten 5 1. Jakob Wagner, geboren am 13. Januar 1874 zu Weiterstadt, Kreis Darmstadt; 3. Ludwig Mischlich, geboren am 3. März 1874 zu Welterstadt, Kreis Darmstadt; 2. Hornist⸗Gefreiter Adam Friedrich Wesp, ge— boren am 23. Oktober 1872 zu Weiterstadt, Kreis Darmstadt; sämtlich vom Landwehr-Bezirk 1 Darmstadt, wegen militärischen Aufruhrs unter gleichzeitiger Begehung von Gewaltthätigkeiten gegen einen Vorgesetzten, Mischlich auch wegen Widerstandes gegen einen in der rechtmäßigen Ausübung seines Amtes sich be— findlichen Beamten, mit Entfernung aus dem Heere und p. Wagner mit sechs Jahren, p. Wesp mit fünf Jahren sechs Monaten und p. Mischlich mit fünf Jahren einem Monat Zuchthaus durch rechtskräftiges kriegsgerichtliches Erkenntnis vom 21. d. M. bestraft worden sind. Darmstadt, 31. Dezember 1898. Gericht der großh. hessischen(25.) Division. Welch' todeswürdiges Verbrechen haben die Un— glücklichen begangen, daß auf so furchtbare Weise ihr Dasein vernichtet wird? Sie hatten— Unfug ge— trieben, sie hatten vergessen, daß Bürger, die zur Kon⸗ trollversammlung einberufen sind, für 24 Stunden der Militärgerichtsbarkeit unterliegen. Auf der Rückkehr von einer Kontrollversammlung hatten sie allerlei Possen getrieben. Ein Lieutnant wies sie zurecht. Die Reservisten, die sich nicht mehr als Soldaten fühlten, vermerkten das übel. Es kam zu Thätlichkeiten, bei denen auch ein Gendarm angegriffen wurde. Wegen dieser Prügeleien, die im Ween nicht schlimmer sind als die Nachtwächter-Rempeleien unserer Studen⸗ ten, wurden die drei Unbesonnen zu insgesamt sechs⸗ zehn Jahren sieben Monaten Zuchthaus verurteilt. Die Leute sind sämtlich verheiratete Familienväter. Die Brüsewitze und Stollberge werden zu geringen Strafen verurteilt und meist vor Abüßung der ihnen zudiktirten Strafen begnadigt. Die Reser⸗ visten aber werden ihre Strafe voll verbüßen. sofern sie lange genug leben.— Von Rechts wegen!— Aus Lauterbach. r. Ein großes Weihnachtsgeschenk hat eine reiche Frau Pf. ihrem Dienstmädchen gewidmet. Es bestand aus 30 Pfennigen und einem Paar schwarzer Handschuhe. Das glückliche Mädchen! Aus Marburg. s. Am Samstag Abend fand im Jesberg⸗ schen Lokale eine Parteiversammlung statt. Aus dem Bericht der Revisoren ergab sich, daß der Vertrauensmann eine Einnahme von Mk. 90 15, eine Ausgabe von Mk. 75,40, somit einen Kassenbestand von Mk. 14.75 hatte. Die Abrechnung war richtig befunden und wurde dem Vertrauensmann auf Antrag der Revisoren Decharge erteilt.— Die Abrechnung der Colp.⸗C. war noch nicht geprüft, Gen. Brunner bedauerte das und verlas die Hauptziffern seiner Abrech⸗ nung. Die Colp.⸗C. hatte danach einen Bestand von Mk. 71.78, nahm Mk. 244.10 dazu ein und verausgabte Mk. 187.06. Der Bestand ist demnach Mk. 128.82. Ein alter Rest, der seit Jahr und Tag in den Abrechnungen erscheint, wird auf die Colp.⸗C. übernommen.— Der letzte Punkt der T.⸗O. betraf die Presse. Von der jetzt in nationalsoziale Hände übergegangenen Hess. Landesztg. will kein Genossef etwas wissen. Es soll eine lebhafte Agitation für die M. S.⸗Z. eingeleitet werden. Gen. Abel empfahl den⸗ jenigen Genossen, denen die M. S.⸗Z., die nur allwöchentlich einmal erscheine, nicht genüge und die seither die uns nahe gestandene Hess. Ldsztg. gelesen hätten, die Frankf. Volksst. Genosse Scheidemann, der auf das Casseler Parteiblatt verwies, das doch in erster Linie in Frage komme, fand damit keine große Gegenliebe. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt, es bleibt also den Genossen vollständig freie Hand. Die Versammlung war nicht besonders gut besucht, die Bekanntmachung derselben war allerdings auch nur ungenügend gewesen. Mögen sich nun die Marburger Ge⸗ nossen Mühe geben, die M. S.⸗Z. in immer weiteren Kreisen einzuführen. Aus Wetzlar. sch. Ein hier bei der Firma Müller, Vockart u. Comp. beschäftigt gewesener Arbeiter, der in seinem Heimatdorf noch einen Kramladen hält, wurde Ende November nach Hause berufen, weil eines seiner Kinder an Diphtheritis erkrankt war. Er bat um die Erlaubnis, heimfahren zu dürfen. Das wurde ihm bewilligt. Er brachte dann sein schwer krankes Kind nach Gießen in die Klinik, wo es operiert wurde. Zu allem Ungluck erkrankte noch ein weiteres Kind an Diphtherie. Der Arbeiter konnte natürlich seiner Frau nicht den Kramladen und die kranken Kinder überlassen, war also gezwungen, daheim zu bleiben, wenn er nicht sein Krämergeschäft zumachen wollte. So kam es, daß der vom Un⸗ glück verfolgte mehrere Wochen von der Arbeit fortblieb. Als er am 4. ds. Mts. sich wieder bei seinem Meister meldete, wurde er kurzer Hand abgewiesen, da er zu lange fortgeblieben sei. Zu all dem Unglück in der Familie nun mitten im Winter— arbeitslos. Auch ein Beitrag zu unserm modernen Christentum. Aus Löhnberg. x. Der Lehrer Jost Benner hierselbst ge⸗ fällt sich weiter in der Rolle des Sozialisten⸗ töters. Anfangs d. M. hat er wieder durch seine Schüler eine Verteilung sogenannter christlich⸗konservativer“ Flugblätter vornehmen lassen. Es handelt sich um die oft gebrannt⸗ markten Schriften des bekannten Pastors Hülle, die teils von den infamsten Verleumdungen der Sozialdemokratie, theils von Hanswurstereien strotzen. Nun kann jeder nach seiner Fagon selig werden, auch der Volksschullehrer Benner. Aber wenn er agitieren will für die Partei der Mucker und Kornzollfreunde, für die Grenzsperrer und Wahlrechisfeinde, dann mag er sich selbst auf die Beine machen. Die Schulkinder sind ihm zu diesem Zweck nicht anvertraut. Viele Eltern sind entrüstet über die Rolle, die ihren Kindern zugemutet wird. Es sind uns Fälle bekannt geworden, daß die Kinder von ihren Vätern mit Schlägen bedroht wurden, wenn sie noch einmal sich zum Flugblattverteilen mißbrauchen lassen. In welchen Gewissenskonflikt kommen diese Kinder, die vor dem Lehrer denselben Respekt und dieselbe Achtung haben sollen, wie vor den Eltern. Der Volksschullehrer Benner soll sich doch nur nicht einbilden, daß durch die Hülle⸗ blätter auch nur ein Sozialdemokrat abtrünnig wird. Die Blätter tragen die Verdummungs⸗ absicht so deutlich an der Stirne, daß nur Idioten darauf hineinfallen können und die können wir in unserer Partei so wie so nicht gebrauchen. Wenn auch in Zukunft die Löhnberger Schul⸗ jugend zu Agitationszwecken von dem Lehrer Benner verwendet wird, so bleibt nichts anderes übrig, als die Beschwerde an seine vorgesetzte Behörde. Hergabe von Arznei ohne Bezahlung. Daß ein Apotheker nach einem hessischen Ge⸗ setz von 1860 verpflichtet ist, an einen hessischen Staatsbürger Arzneien auch ohne Be⸗ zahlung zu verabfolgen, wird gewiß für Viele eine Neuigkeit sein, aber dennoch ist es so, wie ein Urteil des Landgerichts Darmstadt entschieden hat. Der Thatbestand war folgender. Ein Apotheker hatte einem Wirt die von einem Arzt verschriebenen Arzneien geliefert und zwar ohne Bezahlung. Da von dem Wirt keine Zahlung zu erlangen war, wandte sich der Apotheker an die Heimatsgemeinde desselben, die aber ihren Beutel nicht aufthun wollte. Der streitbare Apotheker gab aber seine Ansprüche nicht so leichter Hand auf, sondern verklagte die Gemeinde beim Amtsgericht. Vom Amtsgericht mit seiner Klage abgewiesen, wandte er sich an das Land⸗ gericht und dieses entschied, daß das Gesetz von 1860 noch zu Recht bestehe und demnach die Gemeinde verpflichtet sei, die von einem Gemeinde⸗ angehörigen gemachten Apothekerschulden zu be⸗ zahlen, sofern der Gemeindeangehörige zahlungs⸗ unfähig ist. Es ist dieses eine Entscheidung, die sowohl für die Apotheker, wie für die Gemeinden von großer Wichtigkeit ist. Eine kleine Lehrergehaltsaufbesserung. Der Wegfall der Relikten-Beiträge für die Volksschullehrer im Großherzogtum Hessen ist nun beschlossene Sache. Hierdurch wird die von der hessischen Lehrerschaft geforderte Gleichstellung mit den übrigen Beamten des Staates That⸗ sache werden. Bei den übrigen Beamten hielt es der hessische Staat für seine Pflicht, für die Witwen und Waisen zu sorgen, nur bei den Volksschullehrern konnte man sich früher nicht zu derselben Auffassung aufschwingen. Diese mußten vielmehr von ihrem ohnehin nicht hohen Gehalt Beiträge an die Staatskasse, die sog. Relikten⸗ Beiträge zur Unterhaltung ihrer Witwen und Waisen leisten. Das soll nun anders werden. Eine den Wegfall der Relikten-Beiträge betreffende Regierungsvorlage wird in aller Kürze den Land⸗ ständen unterbreitet werden. Wer zwei Röcke hat u. s. w. „Eine prinzipiell wichtige Frage gelangte vor dem Kieler Landgericht zur Entscheidung. Der Landrat des Kreises Plön hatte eine Polizeiver⸗ ordnung erlassen, nach welcher den Kreiseinge⸗ sessenen verboten wurde, Almosen zu ver⸗ abreichen. Wegen Uebertretung dieses Verbotes erhielt ein Kreiseinwohner einen Strafbefehl. Er beantragte gerichtliche Entscheidung, und das Schöffengericht in Schönkirchen bestätigte den Strafbefehl. Die Berufungsstrafkammer in Kiel erkannte dagegen auf Freisprechung. Sie betonte, daß die Polizeiverordnung rechtsungiltig sei, da sie einen unzulässigen Eingriff in das freie Ver⸗ fügungsrecht des Einzelnen über sein Vermögen enthalte. Gegen dieses Urteil legte die Staats⸗ anwaltschaft Berufung ein, und das Kammer⸗ gericht zu Berlin wies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an das Kieler Landgericht, indem es hervorhob, daß bei einer Ueberhandnahme des Bettelns ein Eingriff in das freie Ver⸗ ———— — Preußen —, fang mne Tommee fundrälli den Stra einem del 5 habt Pohlthur verboten. et Die 9 Keel da allerlei diser T. nich dus stelt sic Dboßl! Hundes it als di lebende Gestelun, aus Jud. Gestellun, bel der? den sonf Betufslo Wahl Das Entscheid schiedene Kassel Wahlz blätter af griffen d und erklä poliheibe ungilt or dnu! in der des Wal altes sch zetteln u. 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Nunmehr entschied das Gericht im Sinne des Kammergerichts, erkannte die Rechtsgiltigkeit der landrätlichen Polizeiverordnung an und bestätigte den Strafbefehl.— Jesus sagte: Was ihr einem der geringsten meiner Brüder gethan haßt, das habt ihr mir gethan Jetzt wird das Wohlthun und Mitteilen durch die— Polizei verboten. Wer stellt die meisten Soldaten? Die Agrarier behaupten, die meisten Soldaten liefere das platte Land. Sie gründen darauf allerlei Ansprüche und Bevorzugungen, die mit dieser Thatsache, selbst wenn sie richtig wäre, nicht das Mindeste zu thun haben. In Bayern stellt sich jedoch das Verhältnis folgendermaßen: Obwohl die ländliche Bevölkerung dieses Bundesstaates um rund 350,000 Köpfe stärker ist als die von Industrie, Handel und Verkehr lebende Bevölkerungsgruppe, gab es nur 41,832 Gestellungspflichtige vom Lande, aber 55,409 aus Industrie und Handel. Von 100 ländlichen Gestellungspflichtigen wurden je 26,4 ausgehoben, bei der Industrie 28,4, beim Handel 22,8, bei den sonstigen Berufsklassen 15,7 und bei den Berufslosen 11,8. Wahlflugblätter und Sonntagsruhe. Das preußische Kammergericht fällte eine Entscheidung von prinzipieller Bedeutung. Ver⸗ schiedene Personen aus dem Regierungsbezirk Kassel waren verurteilt worden, weil sie zur Wahlzeit an einem Sonntag Wahlflug⸗ blätter öffentlich verteilt hatten. In der Revision griffen die Angeklagten die Vorentscheidung an und erklärten die in Frage kommende Regierungs⸗ polizeiverordnung vom 31. Dezember 1896 für ungiltig, da sie mit 8 43 der Gewerbe⸗ ordnung im Widerspruch stehe;§ 43 gestatte in der Zeit von der amtlichen Bekanntmachung des Wahltages bis zur Beendigung des Wahl⸗ aktes schrankenlos die Verteilung von Stimm⸗ zetteln und Druckschriften zu Wahlzwecken. Das Kammergericht wies jedoch, wie man aus Berlin schreibt, die Revision als unbegründet ab und erklärte jene Regierungspolizeiverordnung, die sich mit einer anderen Materie als die Gewerbe⸗ ordnung beschäftige, für unbedenklich rechtsgiltig. Damit wäre schlankweg für unsere Genossen, die im Regierungsbezirk Cassel des gelobten Landes Preußen wohnen, jede Agitationsthätigkeit am Sonntag unmöglich gemacht. Der letzte Partei⸗ tag hat auf Antrag des Gen. Thiel⸗Cassel die Reichstagsfraktion schon beauftragt, im Reichs⸗ tag entsprechende Anträge zu stellen, damit die Reichsgewerbeordung nicht für bestimmte Teile des Reiches außer Kraft gesetzt werden kann. Die Bräute getauscht. Aus Schlesien wird geschrieben: Eine niedliche Geschichte, wird im Lübener Kreise erzählt. Carl, ein flotter Dorf⸗Don Juan und Rosel, die Großmagd beim Bauern Z. hatten sich beim letzten Pfingsttanz„ewige Liebe und Treue“ geschworen. Fast gleichzeitig hatte der Müllerssohn Franz ein zartes Verhältnis mit der Schneiderstochter Anna angeknüpft. Da Karl und Franz gut befreundet waren, gingen die beiden Paare oft gemeinsam zum Tanz über Land, und die Rosel flog willig vom Arm des Karl in den des Franz, während die Anna den umgekehrten Weg machte. Die Abwechslung schien allen wohlzuthun; denn als bei der letzten Kirmeß Karl unvermutet dazu kam, wie Franz die Rosel regelrecht abküßte, gab es nicht etwa eine solenne Keilerei, wie sie sonst bei derartigen Anlässen üblich, sondern es erfolgte in Ruhe und Freundschaft eine allgemeine Aussprache, deren Ergebnis war, daß zu aller Z ariedenheit nun⸗ mehr Karl mit der Anna und Franz mit der Rosel„ging“. Doch mit des Geschickes Mächten Der Tausch war noch gar nicht lange perfekt geworden, da schcmiegte Rosel eines Tages ihren Kopf errötend an Franz' Brust und teilte ihm ein„süßes Ge⸗ heimnis“ mit. Franz soll ein sehr langes Ge⸗ sicht gemacht haben, zumal seine intime Bekannt⸗ schaft mit Rosel erst nach jener Kirmeß begonnen hatte. Ratlos begab er sich zu Karl, seinem Freunde, der ältere Rechte auf Rosel hatte. Dieser aber zeigte sich beinah erfreut über die ihm gewordene Kunde; und flugs erzählte er Franz, daß im die Anna ganz dieselbe Beichte abgelegt habe. Eine abermalige freundschaftliche Beratung wie an jenem Kirmeßtage war die Folge und das Ende vom Lied ein neuer Braut⸗Tausch, der nun wahrscheinlich ein endgültiger sein wird, da sich beide Paare rüsten, so schnell wie möglich Hochzeit zu machen. Vom Henkerbeile. Im Jahre 1898 wurdem im Deutschen Reiche 29 Hinrichtungen vollzogen, davon 19 durch den Scharfrichter Reindel aus Magdeburg und 10 durch die Scharfrichter Brandt aus Pfaffroda in Sachsen, Reinhardt aus München in Bayern und Siller aus Gabeln⸗ berg in Württemberg. Die schauerlichen Exe⸗ kutionen haben in letzterer Zeit im Deutschen Reiche stetig zugenommen. Im Jahre 1889 betrug die Zahl der Hinrichtungen 17; von da ab stieg die Zahl stetig bis zum Jahre 1895, in dessen Verlaufe 39 Hinrichtungen stattfanden. Diese ungewöhnlich große Anzahl steht bisher im Deutschen Reiche unübertroffen da. Im Jahre 1896 waren 36 Hinrichtungen zu ver⸗ zeichnen und im Jahre 1897 sank die Zahl auf 23, worauf wieder eine Steigerung auf 29 er⸗ folgte. In den letzten 10 Jahren bis Ende 1898 sind im Deutschen Reiche insgesamt 284 Hinrichtungen vollzogen worden. Vergleicht man hiermit die Zahl der in Frankreich vollstreckten Todesurteile, so wird man finden, daß das Deutsche Reich jenem„wilden“ Lande in diesem Punkte weit voraus ist. In Frankreich amtierte bis jetzt der Scharfrichter Deibler als Vollstrecker von Todesurteilen und dieser hat seit dem 2. April 1882 bis 1898, also in 16 Jahren, insgesamt 52 Exekutionen vollzogen. Das wirft ein seltsames Licht auf Deutschland. Freiherr v. Hammerstein, so behauptet ein Berliner Lokalberichterstatter, soll bereits am 2. Mai 1898 aus der Strafanstalt (Zellengefängnis) entlassen worden sein. Er habe einen Arbeitsverdienst von über 70 Mark aus⸗ gezahlt erhalten und sei nach der Schweiz abgereist. — Es wäre von Interesse, wenn über diesen Fall eine amtliche Auskunft erteilt würde. Früher hieß es, fehr e s Hammersteins sei abgelehnt worden. Kleine Mitteilungen. — Heftiger Sturm. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurde Gießen und Umgebung von einem überaus heftigen Sturm heimgesucht. Ob größere Unfälle vorgekommen, haben wir z. Z. noch nicht erfahren können. — In Vilbel(0berhessen) ist ein be⸗ deutendes Terraingeschäft, wie es nicht oft vor⸗ kommt, ab geschlossen. Die Stadt Vilbel verkaufte nämlich das an der Straße Frankfurt— Vilbel gelegene sogen. Rußland, ein Gelände von etwa 1400 000 Ouadratmetern, an ein Frankfurter Bankhaus zum Preis von 1 Mark für den Quadratmeter. Dem Vernehmen nach beabsich⸗ sichtigen die Käufer, hier Fabriken und Arbeiter⸗ wohnungen zu errichten Die Anlage der neuen Straßen besorgen die Käufer, während die Ver⸗ käuferin die Unterhaltung derselben übernimmt. Die Anzahlung beträgt 400 000 Mark. — In dem Dorfe Ohmes bei Alsfeld in Oberhessen wurde ein junger Mann von zwanzig Jahren unter dem schrecklichen Verdachte fest⸗ genommen, seinen leiblichen Vater vorsätzlich erschossen zu haben. Der Sohn beteuert jedoch seine Schuldlosigkeit; die verhängnisvolle Waffe habe sich durch einen unglücklichen Zufall in seiner Hand von selbst entladen. — Eine Art siamesische Zwillinge hat in Gera die Frau eines Eisenbahnarbeiters geboren. Das Monstrum, das bei der Geburt lebte, alsbald aber verstarb, ist weiblichen Ge⸗ schlechts und weist zwei vollständig entwickelte Köpfe, doppelte Rückgratsbildung, zwei Herzen, zwei Arme und zwei Beine auf. Im übrigen ist die Entwickelung in jeder Beziehung normal und in gleicher Vollkommenheit noch nicht beob⸗ achtet worden. Durch Vermittelung des zu der schwierigen Entbindung zugezogenen Dr. med. Teichmann wird das Monstrum dem anatomischen Museum in Jena überwiesen. — Von einem Kriminalschutzmann wurde am Sonntag früh morgens in Berlin der 23 Jahre alte, verheiratete Arbeiter Karl Drogowsky in der Neuen Hochstraße erschossen. Partei⸗Nachrichten. Ungetreuer Parteikassierer. Dem sozialdemo⸗ kratischen Verein für Erwerbung der bayerischen Staatsangehörigkeit und des Bürgerrechts der Stadt Nürnberg ist, wie der„Frankf. Zig.“ gemeldet wird, der Kassierer, Metalldreher Hußwurm, mit etwa 300 Mark Vermögensgeldern durchgebrannt. Hußwurm soll vorher Unterschlagungen vergeblich durch Bücher⸗ fälschungen zu decken gesucht haben. Hessische Landtagskandidaten. Die am letzten Freitag in Darmstadt stattgefundene Sitzung des Agitationskomitees beschäftigte sich unter anderem auch mit der Kandidatenfrage für die im Herbst statt⸗ findenden Landtagswahlen. Genosse Cramer wird auf Wunsch der Parteigenossen seines seither vertretenen Landkreises dort wieder kandidieren. Für den Wahlkreis Groß-Gerau sollen den dortigen Parteigenossen Gen. Wilhelm Stephan, für Bessungen Genosse Otto Friedrich und für Eberstadt-Pfungstadt Genosse 1 7 Raab in Pfungstadt als Kandidaten empfohlen werden. Wegen der Abhaltung von Volks versamm⸗ lungen im Kreise Gießen wenden sich die Genossen entweder an den Kreisvertrauensmann A. Bock in Gießen, Dammstraße, oder an den Vorsitzenden des Kr.⸗W.⸗Vereins: Ph. Scheidemann, Gießen. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 15. Januar: Gesangverein Eintracht. Familienabend bei rbig. Heuchelheim. A.⸗B.⸗V. bei Ludwig Steinmüller: Hauptversammlung. Lauterbach. Wahlverein. Halb 4 Uhr bei G. Kaut. Zahlreich erscheinen! 5 Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Ver⸗ sammlung auf der Pfefferhö he. Dienstag, den 17. Januar: Gewerkschaftskartell. Abends präzis 9 Uhr Sitzung. Briefkasten der Redaktion. H. Sch. Sie müssen zahlen, können aber um Ratenzahlung nachsuchen, die Ihnen sicherlich bewilligt wird. Gegebenenfalls können Sie gegen die Höhe des Steuersatzes reklamieren. L. und andere. Selbstverständlich ist das ana⸗ tomische Wunder für uns Luft. Der Mann gehört in ein Raritätenkabinett. Cetzte Nachrichten. Reichstag. Donnerstag⸗Sitzung. Tages⸗ ordnung: Neue Miliärvorlage. Kriegsminister v. Goßler begründete sie, setzte ihre„Vorzüge“ im Ein⸗ zelnen auseinander und schloß mit der Erwartung, daß das, was die Kommission beschließen werde, zum Wohl des Heeres und des Vaterlandes sein werde. Seine Aeußerung über die zweijährige Dienstzeit ließ erkennen, daß an eine gesetzliche Festlegung voraus⸗ sichttich nicht zu denken ist. In ausführlicher Rede trat der Abg. Richter(fr. Vp) den Ausführungen des Kriegsministers entgegen, währe d die Abgg. Freiherr v. Stumm Rp.) und v. Levetzow, der erstere noch unbedingter als dieser, sich für die Vorlage aussprachen. Nach den Berechnungen Richters haudelt es sich um 28 000 neu einzustellender Soldaten, außer Kanonen und Pferden für die Kavallerie.— Freitag ist Fortberatung der Vorlage. Marktberichte. Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 12. Januar kostete: Butter per Pfund Mk. 0,75 0,95, Hühnereier 1 St. 7—10 Pfg., 0 Stück 00 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 2 Stück 5—6 Pfg., Erbsen pro Liter 22 Pfg., Linsen pro Liter 32 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,80 1,00, Hühner pro Stück Mk. 1,10— 1,30, Hahnen pro Stück Mk. 1,00—1,60, Enten per Stück Mk. 1,90— 2,20, Gänse pro Pfund 50—60 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 68—74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 6876 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg., Ham⸗ melfleisch 50— 70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 6,00 bis 6,50, Zwiebeln pro Zentner Mk. 6,00 6,50, Milch per Liter 16 Pfg. Grünberg, 7. Januar. Fruchtpreise. Weizen Mk. 16,50 00,00, Korn Mk. 14,10 00,00, Gerste Mk. 00,00 00,00, Hafer Mk. 13,58 00,00, Erbsen Mk. 17,00 00,00, Linsen Mk. 00,—, Wicken Mk.—,— Lein Mk.—.—, Kartoffeln Mk. 0,00 00,00, Samen Mk. 00,00 per 100 Kilogr. Agitiert für die„Aiitteld. 9.⸗3tg.“ — Ter. e. F eee ** . 8 i ee ee ee 8 —̃̃— 2* e . 3 3 — e — 17 1 3 2 6222... Nr. 3. 4 7 1 2 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung. 14 1 Tussy bemächtigte sich sogleich des Briefes, sein. Ihre Schwägerin, Fräulein Adele v. Kries, 5 8—— 8 so um ihn vorzulesen. Er enthielt eine Menge mit ist das ganze Gegenteil, eine große volle Gestalt Antecgaltungs, eli. N Drei Dinge. Drei Dinge haben hier im Leben Macht: Der Neid, die Hoffahrt und die Niedertracht. Doch, wenn sie dich auch noch so schön bespucken, Am Ende wirst du sie zu Boden ducken! Verloren aber bist du auf der Welt, Wenn sich die Dummheit dir entgegenstellt: Sie setzt Spinoza hinter Löbel Pintus Und hat die Weisheit aller Zeiten intus! Sie lacht wie ein Kretin dir ins Gesicht. Und lästert alles, nur sich selber nicht. Und nichts bleibt übrig dir von diesem Viehchen, Als sacht dich in dich selber zu verkriechen! Arno Holz. vom Stamm gervissen. 21 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Frau Stern war jetzt eine verhärmte, ver⸗ kümmerte Gestalt, und doch zeigte das blasse, längliche Gesicht, von leicht ergrautem, kastanien⸗ braunem Haar umrahmt, noch Spuren einstiger Schönheit. Die sanften braunen Augen, die weiche Stirn, die feine Nase hatten selbst noch etwas jugendliches bewahrt; der Mund allein, dieser Verräter so des wahren Alters wie der Seelenschmerzen seines Besitzers, ließ ahnen, wie viel schweres Leid diese Frau durchgemacht hatte. Ihre jüngere Tochter war von der Natur weniger reich als Valeska veranlagt. Zwar stand sie noch in den Entwickelungsjahren, sodaß man nicht wußte, was noch werden konnte. Das kluge, runde Gesichtchen mit den nußbraunen Augen sah vorzeitig ernst und gesetzt in die Welt. Ueber der niedrigen, sanft gewölbten Stirn war das reiche, glänzendschwarze Haar, ganz im Gegensatz zu der herrschenden Mode, wie mit einem Lineal gescheitelt, und, die Stirn ganz freilassend, im Nacken schlicht aufgesteckt. Wegen dieses spiegelglatten, ins bläuliche spielenden Haares hatten ihre Mitschülerinnen ihr den Bei⸗ namen„Krähenköpfchen“ gegeben. Gelernt hatte die Kleine fast ebenso viel, wie ihre Schwester, mit der sie die Privatstunden zusammen hatte nehmen müssen, weil diese für zwei verhältnis⸗ mäßig billiger waren, und weil sie Valeska auf ihren Gängen zur Stunde als Schutz und Duenna dienen mußte. Unverdrossen war Tussy in Schnee und Regen neben der Schwester einhergetrabt, wenn auch manchmal einige heimliche Thränen vergießend. Ihre Liebe und Hingebung für Valeska gingen bis zur völligen Selbstentäußerung. Sie und die Mutter beteten diese an. Kehren wir nun in das Haus am Wasser und in die Stube, welche Herr Stern eben be⸗ treten, zurück. Nachdem dieser brummend sich seines defekten Pelzes, der sein Ladenkostüm im Winter bildete, mit Hilfe seiner Tochter entledigt hatte, setzte er sich in eine Ecke des altmodisch steifen Sophas zurecht, rieb sich die frostgeschwollenen Hände und schaute Frau und Tochter abwechselnd mit spähenden Blicken über seine Brille an. Als indessen beide Frauen, ohne auf ihn zu achten, die jüngere zum Buch, die ältere zu einer Hand⸗ arbeit griffen, fuhr er ungeduldig auf: „Na, könnt ihr denn nicht reden? Sollen denn die Leichenbittermienen so fortdauern? Ich habe sie jetzt satt. Die Geschichte ging nicht länger— aus dem Hause mußte sie— also basta! Und nun Kopf in die Höhe— hier ist ein Brief von ihr.“ Das Wort wirkte wie ein Zauber. Die trüben Augen der Frauen erhellten sich, die ernsten Züge lächelten, selbst die Lampe schien heller zu brennen. — kleinen festen Zügen eng beschriebener Blätter und lautete wie folgt: f Herzliebste Mutter! Gestern Abend gegen sieben Uhr bin ich so abenteuerlos, wie Du es nur wünschen kannst, hier angelangt; oder Du müßtest es für ein Abenteuer halten, daß Deine stolze Tochter statt in der Guts⸗Equipage auf einem simplen Stell⸗ wagen und statt in Begleitung der Gutsfräulein in der des Inspektors von der Bahnstation ab⸗ fahren mußte. Das ging nämlich so zu: In W. angekommen, schwenkte ich, auf dem Perron auf⸗ und abgehend, wie brieflich verabredet, mein Taschentuch nach Kräften, jedoch vergebens: weder ein Fräulein noch sonst jemand näherte sich mir. Endlich fragte ich nach, ob kein Wagen von Adlig⸗Triberg da sei und erhielt zur Antwort, ein Wagen wohl, aber nur der des Inspektors. Die Gutskutsche sei auch dagewesen, aber bereits wieder fort. Was blieb da übrig, als mir ganz einfach den Herrn Inspektor rufen zu lassen. Der höfliche und, nebenbei gesagt, recht stattliche Mann war voll Bedauern über meine Lage; ich nahm dieselbe aber keineswegs tragisch, das ist nicht meine Art, wie ihr wißt, und war herzlich froh, auf seinem Wagen, mit dem er Spiritus zur Bahn gebracht hatte, Platz zu finden. Bald saß ich, die Füße im warmen Heu verpackt, neben ihm und flugs ging's in die Winterland⸗ schaft hinaus. Ach, Mütterchen, Tussy, war das eine Pracht! Wir armen Stadtmenschen be⸗ kommen so etwas gar zu selten zu sehen. Der mondlose, sternenfunkelnde Himmel droben und unten die weite, schneebedeckte Ebene! Alle meine geliebten Sternbilder, wie die Kassiopeja, der Orion und all' die anderen strahlten in sonnenhaftem Glanze; es war ein Glitzern und Schimmern, daß man die Augen schließen mußte Manchmal ging es durch schneebeladenen Tannen⸗ wald oder an Häuschen mit traulich erleuchteten Fenstern vorüber, aber auch an manchem stolzen Gehöft. Ich war ganz entzückt und hätte nur immer so weiter fahren mögen. Mein Gefährte erwies sich als ein sehr intelligenter, gut unter⸗ richteter Mann, der mir viel über die bäuerlichen Verhältnisse der Gegend zu erzählen wußte. Der Schulmeister hätte hier, meinte er, noch viel zu thun. Es stünde um die Volksbildung noch schlimm genug. Die Tribergschen Leute würden gut gehalten, besonders die Hofleute, dafür sorgte die gnädige Frau, was mich sehr für diese ein⸗ nahm. Der Herr sei ein vorzüglicher, sehr eigener Wirt. Mehr bekam ich über diesen nicht zu hören. Doch wie alles Schöne im Leben, so hatte auch diese Fahrt ein Ende. Wir hielten vor dem zweistöckigen Gutshause, dessen Erdgeschoß glänzend erleuchtet ist, und indem ich die breite Treppe zur Veranda hinaufsteige, zeigt sich mir durch die Glasthür ein gutsherrliches Familien⸗ bild, so lockend behaglich wie es nur einem er⸗ scheinen kann, der an einem frostklaren Winter⸗ abend auf offenem Wagen über Land gefahren ist. Aber nur unbesorgt, Mütterchen, ich war trotzdem so warm wie ein Pfannkuchen. Im Kamin loderte ein mächtiges Feuer und auf einem Tischchen davor stand die Theemaschine; alles wie in einem englischen Roman. Um den Tisch herum saßen fünf Damen, von denen vier mit Handarbeiten beschäftigt waren, während die fünfte vorlas. Große Verwunderung, als ich eintrat, denn die beiden jüngsten Fräulein waren mit der Nachricht von der Station heimgekehrt, daß niemand, der ihrer zukünftigen Peinigerin gleichsähe, mit dem Zuge angekommen wäre. Welches Ungeheuer mögen sich die jungen Däm⸗ chen wohl in mir vorgestellt haben! Genug, ich war da und der Empfang ließ nichts zu wünschen übrig. Ich will Euch nun die Damen der Reihe nach vorführen. Frau v. Kries ist eine kleine, schmächtige, noch jugendlich aussehende Frau mit schüchternem, aber treuherzigem Wesen. Besonders gefallen hat mir ihr kräftiger Händedruck; es lag darin: du bist mir willkommen, wir werden Freunde mit auffallender Sicherheit im Auftreten. Die Züge sind hübsch aber hart, woran besonders die knöcherne Stirn und die pechschwarzen Haare und Augen schuld sind. Sie scheint die Intelligenz und Bildung der Familie zu vertreten. ie älteste Tochter, Agnes, ist, obgleich erst neunzehn Jahre alt, fast schon verblüht. Es ist ein eemeinsche nervöses, zartes Wesen. Wenn sie spricht, röte 0 9 sich ihr sofort die Augen und stehen voll Thränen. Palle Rosa, die zweite, ein wirklich schönes Mädchen geen fun mit langen, blonden Locken, ist mit einem n fi verlobt und scheint in dieser Liebe ganz auf⸗ 125 die a zugehen, wenigstens sitzt sie immer schmachtend 1 elt n da und wird erst lebendig, wenn von ihm die. iice der Rede ist. Die jüngste, Elfriede, ist ein aller⸗ gien de liebster Backfisch, munter, enthusiastisch, über⸗ dolls schwenglich Natürlich schwärmt sie schon für gegen dies mich. Herr v. Kries befindet sich gegenwärtig Ferne als Reichsbote in Berlin und seiner Abwesenheit pude habe ich auch nur mein Engagement zu verdanken. Fehndelt Der äußerst musikalische Herr kann nämlich nur Sul und Meister singen und spielen hören. Die Uebungen Hein Hin, seiner Töchter sind ihm fürchterlich, sodaß sie geaschf nur heimlich betrieben werden können. Wenn buchten u er vom Felde heimkommt, muß das Klavier daß ihre sofort geschlossen werden. Nun, sollte sich die Enz tra Gelegenheit dazu bieten, so würde ich diesen eine halbe hyperempfindlichen Herrn doch etwas abzuhärten uüteden suchen. Der Respekt vor ihm scheint bei Frau 15 und Töchtern enorm, die Schwester dagegen auf vertrautem Fuße mit ihm zu stehen. Ich sehe Ab schon, daß es hier allerlei zu beobachten giebt.“ 1115 90 Frau v. Kries studiert eifrig die Zeitung resp. die Reichstagsverhandlungen, wahrscheinlich in der Hoffnung, auf eine Rede ihres Gestrenge mich nun Eine Che nicht dari zu stoßen. Fräulein Adele belächelt diese„Zei⸗ nich bein tungsleserei“, als wollte sie sagen: du verstehst macher doch nichts davon; die Töchter halten das mir fat Zeitungslesen sogar für unweiblich. Du wirst 1 0 fragen, lieb Mütterlein, und unsere kleine nase⸗ Gen f weise Tussy gleichfalls, wie ich mich unter diesen 0 besa! Leuten zurechtfinden werde? Seid unbesorgt, 159 meine Lieben. Der Vater ist es, das weiß ich; 1 1 der kennt seine Tochter: sie wird sich ihre Stel⸗ 13 10 1 lung schaffen und ihren Plan zu behaupten wissen⸗ schen, d Doch da hätte ich fast vergessen, Euch den jüngeren Je 100 Sprößling der Familie, den kleinen Nachtömm⸗ In 5 ling Hans vorzuführen. Die Art, wie wir Be⸗ J zei kanntschaft machten, war so drollig, daß ich sie chic Euch erzählen muß. Als alle vorgestellt waren, 9 0 rief die Mama das fünfjährige Kerlchen, das 96 un mich schon immer über sein Spielzeug hinweg angestarrt hatte, herbei und sagte ihm, daß es. mir auch die Hand geben möchte. Sofort schritt Herr er auf mich zu, machte eine freundliche Ver⸗ nehrmalz beugung und piepste:„Willkommen, Fräulein fins fe Sterne!“„Stern heißt die Dame“, belehrt aufgenom ihn die Mutter. Und er darauf:„Ich sage breite 9a Fräulein Sterne.“„Warum denn?“ fragte Nun man. Da hob er sich auf die Fußspitzen, deutete Richtige dann mit seinem Zeigefingerchen erst auf ein iht Nag und dann auf das andere meiner Augen und Harke it sagte mit einem sehr schlauen Gesicht:„Das iz Nerg sind doch zwei.“ Was sagt ihr? Ist das kennen. nicht der geborene Galant? Die ganze Gesell⸗ felge 81 schaft brach in Lachen aus. Der Junge ist Ver seltsam beanlagt. Von seinen Einfällen erzählte rich mir Frau v. Kries im Vertrauen sogleich noch Tauben ein Beispiel. Als er bei Fräulein Adele biblische fine Fa Geschichte und zwar die Vertreibung Adams und 5 Evas aus dem Paradies gelesen— denn er liest Mi ge bereits— hätte er bei dem Fluche, den Gott etpaz 9 über Eva ausspricht, ganz empört ausgerufen: schaffen „Solche Worte nimmt der liebe Gott in den de Mund? Pfui!“— Ist das nicht prächtig? di Ich sehe schon, der Junge wird mein Liebling ni werden. d Um acht Uhr wurde zu Tisch gebeten. Das Speisezimmer liegt im Seitenflügel und so durch⸗ schritten wir, bevor wir dasselbe erreichten, mehrere sehr behaglich, aber ohne Prunk aus⸗ 90 gestattete Räume. Auch das Speisezimmer ist, 9 einfach. Als wir am oberen Ende der Tafel iim a8 Platz genommen hatten, öffnete sich die nach den 1 f Wirtschaftsräumen führende Thür und drei bis e vier Eleven, an ihrer Spitze mein Reisegefährt, der Inspektor, schritten herein und ließen sich 4 ———— — * 3. 1 N bis sechs Stühlen von uns nieder. Ich machte . 0 Gesilt N N ch diesen bzuhärten bei Frau gegen auf Ich sehe ten giebt, ung resp. iinlich in zestrengen ese„Zei⸗ verstehst ten das Du wirt eine nase⸗ ter diesen unbesorgt, weiß ich; hre Stil en wissen jüngeren dach tömm⸗ wir Br ß ich st lt waren, chen, daß ig hinweg „ daß b ort schrit liche Ver- räulen 1 0 Ich sag 5 5 , deulel auf eint gen und t: e Gese Junge 1 euzolll 1 lich lun 1 dan un m er l. den 15 gerufen 1 lh gal Dal ten. b errichten D ins Vergessen! 1 kennen. Lange Haare, kurze Gedanken, sagt der 8 1 selige Schopenhauer.“ 1% u, Nr. 3. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. I 8 8 175 am unteren Ende in einer Entfernung von fünf da eine recht unliebsame Erfahrung. Diese ie jungen Leute, dem Aussehen nach alle aus guten Familien und wie mein Inspektor gewiß nicht ohne Bildung, nahmen hier die Stellung von Dienstboten ein. ie. Wort an ihn gerichtet wurde. i N folgend, wollte ich mit Herrn Thäns, so heißt der Inspektor, sofort ein Gespräch über unsere gemeinschaftliche Fahrt anknüpfen, doch bemerkte Keiner sprach, ohne daß das Meinem Impulse ich noch zeitig genug, daß ich ihm damit eine Verlegenheit bereitet haben würde. Die Herren aßen stumm ihr Essen in sich hinein, nachdem sie einige wirtschaftliche Fragen seitens der Haus⸗ frau, die allerdings in freundlich höflichem Tone gestellt wurden, beantwortet hatten. Das Pein⸗ liche der Situation wurde durch das alberne Kichern der jungen Mädchen noch erhöht. Mein demokratisches und humanes Gefühl empörte sich gegen dieses Sichetwasbesseresdünken und diese Geringschätzung der ehrlichen Arbeit. Betrübt wurde ich aber, als ich auch sah, daß die so Behandelten, Herrn Thäns ausgenommen, keinen Stolz und kein Selbstbewußtsein bewiesen, denn beim Hinausgehen wagte keiner der„höheren Gesellschaft“ den Rücken zu zeigen, sondern alle drehten und wandten sich so durch die Thür, „daß ihre Front uns immer zugekehrt blieb. Ganz trostlos stand ich vom Tische auf. Noch eine halbe Stunde oder so verbrachten wir in tastendem Gespräch, wie man es zu führen pflegt, wenn Menschen in ein neues Verhältnis zu ein⸗ ander treten. Mein Zimmer, im ersten Stock gelegen, in welchem ich gleich nach der Ankunft meine Toilette geordnet hatte, schien mir, als ich mich nun zurückzog, ein wenig besser eingerichtet. Eine Chaise longue hatte ich wenigstens vorhin nicht darin bemerkt. Das Stubenmädchen, welches mich bedient, sowie das andere Hausgesinde be⸗ trachtet mich mit respektvoller Neugier. Es scheint mir fast, als ob Herrschast und Dienstleute sich etwas viel Simpleres unter dem„Fräulein für Gesang und Sprachen“ vorgestellt haben. Um so besser! Ich kann mit dem Eindruck jedenfalls zufrieden sein und hoffe, mich hier ganz wohl zu befinden. Laß Dich dies über unsere Tren⸗ nung trösten, liebes Mütterlein, und sei ver⸗ sichert, daß ich im Geiste immer bei Euch bin. Jetzt aber zu Bett, Mitternacht ist vorüber. In zwei bis drei Tagen erhältst Du weitere Nachricht. Ich küsse Deine lieben Hände und Augen. Grüße Tussy und den Vater und ge⸗ denke, so heiter als Du immer kannst, Deiner Dich innig liebenden, dankbaren Tochter Valeska. g Herr Stern, welcher während des Lesens mehrmals seine Bemerkungen gemacht hatte, die seitens seiner Frau mit unwilligem Stirnrunzeln aufgenommen worden waren, schlug jetzt eine breite Lache auf und rief: „Nun sage mir einer, daß ich nicht das Richtige getroffen! Da paßt sie hin, das ist ihr Platz! Wird denen schon zeigen, was eine Harke ist! Und dabei kommt die Liebelei hier Lehr' mich einer die Frauen a„Verschone mich nur mit den weisen Aus⸗ sprüchen Deines Philosophen, für den wohl die Trauben sehr sauer gewesen sein mögen“, gab (seine Frau bissig zurück. 14 f„Ha, ha, mag wohl sein, hast einen guten Witz gemacht, Frau Aber nun laß uns Regine etwas zu essen bringen, ich habe einen recht⸗ schaffenen—“ „Ja, Regine! Ist keine Regine mehr da! Länger konnte ich die ewige Not um den Lohn nicht ertragen. Ich habe sie entlassen, obgleich die treue Seele nicht gehen wollte. Was brauchen wir auch jetzt einen Dienstboten, da Valeska nicht mehr im Hause ist. Jetzt wird uns nie⸗ mand besuchen, vor dem man sich wohlhabender stellen muß, als man ist.“ „Hast auch recht, was habt Ihr Frauen⸗ zimmer zu thun, das bischen Aufräumen und N Kochen! Du lieber Gott, Ihr habt eigentlich ewige Ferien!“— 1 Frau Stern warf ihrem Gatten nur einen verächtlichen Blick zu. Das Thema war so oft zwischen ihnen verhandelt worden und Herr Stern hatte immer dieselbe Geringschätzung für die häusliche Thätigkeit der Frauen zu erkennen gegeben, daß es sich nicht verlohnte, etwas dar— auf zu erwidern. Die arme gebrochene Frau saß ganz still da und streichelte nur den Brief auf ihrem Schoß.(Fortsetzung solgt.) — Feierabend. Draußen vor den Thoren der Stadt spannt sich ein grauer, verräucherter Himmel über einen Wald von schmutzigen Schornsteinen. Die Fabrikpfeifen haben das Feierabendsignal gegeben, das Stampfen der Maschinen hat auf⸗ gehört, und aus den weitgeöffneten Pforten der Fabrik wälzt sich ein dichter Menschenstrom heraus. Erst kommt ein jüngerer Mensch, dann an⸗ dere, erst zu zweien, dann zu größeren Trupps. Um einen graubärtigen älteren Arbeiter drängen sich verschiedene jüngere Kollegen und suchen auf ihn einzusprechen. Der Alte giebt nur kurze, abgerissene Antworten und setzt schleppend seinen Heimweg fort. Er ist seit dreißig Jahren in der Fabrik thätig und hat jahraus jahrein immer seine Schuldigkeit gethan. Jetzt ist ein neuer Meister in die Fabrik ge⸗ kommen, in welcher der Alte arbeitet. Der neue Meister möchte gern Neuerungen einführen und sich bei seinen Vorgesetzten lieb Kind machen; er giebt viel auf sein Aeußeres, ist forsch und energisch; das ist ein Ueberbleibsel aus seiner Soldatenzeit.— Der Alte ist dem neuen Meister schon vom ersten Tage an ein Dorn im Auge. Der Alte hat etwas Starres, Unbeugsames an sich, das er, gestützt auf sein Alter und seine jahrelange Facherfahrung, offen zur Schau tragen zu dürfen glaubt. Außerdem belauschte der neue Meister vor einigen Tagen den Alten, wie er einen jüngeren Kollegen während der Frühstückspause zum Beitritt in die gewerkschaftliche Fachorgani⸗ sation aufforderte, zu deren Vorstand der Alte gehörte. In den nächsten Tagen chikanierte der Meister den Alten, wo er nur irgend konnte; er gab ihm die schlechteste Arbeit und hatte stets etwas zu tadeln. Schließlich arbeitete ihm der Alte zu langsam, sodaß er vorgeben konnte, ihm des⸗ wegen Lohnabzüge machen zu können. Die Be⸗ schwerden des Alten bei der Direktion ergaben nur, daß man ihm die Wahl stellte, entweder aus dem Vorstand der Gewerkschaft auszutreten oder, trotz seiner langjährigen treuen Dienste, die Arbeit zu verlassen. Da ging der Alte Er, der dreißig lange Jahre frisch und fröh— lich mit dem Jüngsten um die Wette gearbeitet, geht heute mit müden, verschleierten Augen und mit krummem Rücken. Er ballt nicht die Faust. Er sieht heute zum erstenmale, daß er alt ge⸗ worden ist und daß er dort drüben im Dienste der Maschinen Kraft und Saft eines Menschen⸗ lebens verloren hat. Er weiß, daß er keine Arbeit mehr finden wird! „Dreißig Jahre! Dreißig Jahre!“ Er schüttelt langsam den grauen Kopf und schwankt weiter.—— — 2 2 Aerztliehe Experimente mit Men sehen material. Schwere Anklagen sind in letzter Zeit gegen gewisse Aerzte und Professoren der Medizin in Spitälern, Kliniken und Irrenhäusern erhoben worden. Danach wird vielfach mit dem Leben armer Kranker wie mit dem von Kaninchen und Hunden gespielt. Einen Professor in Königsberg interessierte die Wirkung des Koch schen Tuberkulins an Neugeborenen. In dem Vortrage desselben Gelehrten heißt es:„Die Frage machte es mir wünschenswert, ein ausreichendes Material zu finden, und es wurde mir dieses durch die freundliche Bereitwilligkeit unseres Herrn Vor⸗ sitzenden(Professor Dohrn, Direktor der königl. Universitäts⸗ Frauenklinik!) sogleich in reichem Maße zu teil: mit seiner Erlaubnis habe ich die Neugeborenen auf der hiesigen geburtshilf⸗ lichen Klinik injiziert(eingespritzt unter die Haut), bisher bereits 40 an der Zahl.“ Ein Professor der Kinder-Heilkunde, Dr. Epstein in Prag, hat von dem an Spulwürmern reichen Kot eines Kindes ein Stück genommen, in ihm eine gut entwickelte Spulwurmbrut ge⸗ züchtet und mit dieser Kot⸗Wurmkultur„Fütte⸗ rungs“-Versuche an wurmfreien Kindern gemacht, indem er ihnen diesen Kot mit Würmern in weißem Sirup zu essen gab!!„Versuchskinder“ waren u. a. ein 1 Jahre altes Mädchen, ein 3 Monate altes Brustkind! Drei kranke, aber absolut wurmfreie Kinder in der Klinik von 4¼ und 6 Jahren! Dr. Janson in Stockholm berichtete in einem Vortrag(12. Mai 1891) über seine Versuche, schwarzes Blatterngift einzuimpfen:„Vielleicht hätte ich zuerst an Tieren Versuche anstellen sollen; die geeignetsten jedoch, nämlich Kälber, waren der Kosten wegen schwer zu beschaffen und zu unterhalten, weshalb ich— mit gütiger Erlaubnis des Oberarztes Professor Medin— meine Experimente an Kindern(11!) im all⸗ gemeinen Findelhause begann!“— Die Kinder waren billiger wie die Kälber! In der königl. Universitäts⸗Ohrenklinik in Halle a. S. hat ein Arzt, den das Wesen der Furunkel u. s. w.„wissenschaftlich“ interessierte, einen zehnjährigen Knaben, der an Blutvergiftung „hoffnungslos“ darniederlug, eine Eiterkultur aus dem Ohrfurunkel eines Mädchens auf die linke Wade eingerieben. Am nächsten Morgen zeigten sich gegen 15 Pusteln auf markstückgroßer Hautfläche. Am Mittag, 24 Stunden nach der Einreibung, ist der Patient gestorben. (Schluß folgt.) ———üUZÜànQBü. ů— Sprüche zur Lebensweisheit. J In welchem Lande, von welchen Eltern wir geboren sind, das ist Zufall, aber Menschen zu sein mit dem ernsten Drange nach echter Freiheit und heißliebende Menschenfreunde zu sein, das ist unser selbsteigenstes Besitztum. * Einzelne Menschen sind nur die großen Handlanger der Zeitidee, und die Gedanken der Weltgeschichte sind das Ergebnis der Hoffnungen und Bedürfnisse des ganzen Volkes. So muß auch der Geist der Freiheit durch viele Menschen⸗ herzen wehen, wenn er von Erfolg gekrönt sein soll. * Der Geist der Freiheit überlebt die Jahr⸗ hunderte, er ist stärker, als der Tod selber. Er spricht zu uns durch die stummen Blicke der großen Märtyrer der Freiheit, er redet zu uns durch die gewaltigen Geister der Vernunft und der Aufklärung, er liebt uns durch all' die großen Herzen voll Friedensdrang, voll Menschen⸗ liebe. Er ist gut und groß zugleich und er ist ebenso glühend, als er mild ist. ——ä—— Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. Die Schwindsucht u. d. medizinischen Zauberer. Von Franz Stolz. Kommissionsverlag von Friedr. Fleischer, Leipzig. 34 Seiten. Preis 90 Pfg.— Der Verfasser fährt schwere Geschütze gegen die„wissen⸗ schaftlichen“ Mediziner auf. Er donnert gegen die Bazillentheorie und spricht mit vielem Selbstbewußtsein über die Heilkunde. Schade, daß Herr Stolz keine Zeit hat, sonst wäre von ihm wohl noch viel zu er⸗ warten cuf dem Gebiete der Heilkunde. Er meint auf Seite 10:„Und was nun die Ursache der heilbaren Schwindsucht ist, das mögen nun jene hochgelehrten Professoren herausfinden, die dazu da sind, dafür gut besoldet werden und sonst nicht anderes vorhaben; ich habe genug zu thun, um mein Brot als Kaufmann zu verdienen, und kann nicht meine ganze Zeit dafür opfern, jenen Blödsinn(daß die Bazillen die Schwindsucht verursachen) bis in seine letzten Konsequenzen zu widerlegen“.— Wie schade, daß Herr Stolz keine Zeit hat. In derselben Lage befindet sich bekanntlich auch der nationalliberale Pro⸗ fessor Paasche, der im Reichstag erklärte, er würde die Sozialdemokratie wissenschaftlich vernichten, leider habe er nur keine Zeit. Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 3. Da aeeageęeesgegggre nge aa gage 1 — ä r——— Geschäfts- Uebernahme. Einem geehrten hiesigen und auswärtigen Publikum die ergebene Anzeige, daß ich das Geschäft der Firma übernommen habe. 4 zum Verkauf bringen. NB. Nauchfleisch, Speck, Cervelatwurst u —.— 3S2AnNAaAaAaC ö eee DDD e A. L. Mohr in Gießen, Lindenplatz Neben den seither geführten Artikeln werde ich auch Zigarren sowie sämtliche Kolonialwaren J. Färber. FJ. w. stets wieder vorrätig. Frankfurter i und Schuhen e Wint N 8. 0 N . 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