— kechtz, tee. 190 irten ang imm onze „daß ch die Beste é. 10 t Kaul den in Nr. 20. Gießen, Sonntag, den 14. Mai 1899. 5. Jahrg. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche MNedaktione fluß: Donnerstag Nachmiteag 4 Uhr — gs⸗Jeitung. Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Direkt durch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Zur Agrarfrage. V. Der Schutz der Landbevölkerung.“ Man hat den Sozialdemokraten vorgeworfen, sie lrieben Bauernfang, sie machten den Bauern Versprechungen, die sie weder halten könnten noch wollten. Nun, was die Versprechungen betrifft, so sind wir ehrlich genug, einzugestehen, daß wir darin mit den Agrariern und den Nationalsozialen nicht wetteifern wollen. Die Gewissenlosigkeit der Agrarier in diesem Punkte ist bekannt genug, und wenn die Nationalsozialen sich als neueste Bauernpartei aufspielen und die Verstaatlichung des Hypothekenwesens fordern, so halsen sie damit der Gesamtheit Lasten auf, die einen Teil der Bevölkerung bedrücken. Für beide Parteien bildet eben die Landwirt⸗ schaft ein selbständiges Ganzes, während sie für die Sozialdemokratie nur ein Teil eines Orga⸗ nismus ist. Während nun die Agrarier von ihrem Standpunkt aus folgerichtig den übrigen Klassen, namentlich dem industriellen Proletariat, feindlich gegenüberstehen, wollen die National⸗ sozialen auch hier Feuer und Wasser vereinigen. Die Folge wird sein, daß sie sich glücklich zwischen zwei Stühle setzen. Die Haltlosigkeit dieses Standpunktes einsehend, hat ein so logischer Denker, wie Pastor Göhre, sich von der national⸗ sozialen„Partei“ losgesagt, ein Schlag für Herrn Naumann, für den er sich dadurch tröstet, daß er Leute zu Anhängern seiner Partei stempelt, die völlig andere Ansichten als er haben. So hat er nach einander unsere Genossen Schippel, Vollmar, Heine, David für seine Partei reklamiert und wirbt neuerdings um den Genossen Bernstein. Willst du nicht willig, so brauche ich Gewalt, denkt Herr Naumann. Anhänger und Zuwachs muß er haben, an politischen Nullen ist ihm nichts gelegen, die großen Massen bleiben ihm fern, folglich macht er zwangsweise Gegner zu Parteigenossen, ein Verfahren, das ohne Zweifel den Anspruch auf Neuheit erheben darf, weniger schon den An⸗ spruch auf politische Ehrlichkeit. Doch kehren wir zu unserm Thema zurück. Die Bereicherung der Stadt auf Kosten des flachen Landes ist, wie Kautsky ausführt, die not⸗ wendige Folge der Anhäufung des Kapitals, das sich und den gesamten Mehrwert, auch den⸗ jenigen aus landwirtschaftlicher Arbeit, immer mehr in den Städten zentralisiert. Diese Tendenz wird erst mit der kapitalistischen Ge⸗ sellschaft schwinden; die Landbevölkerung hat daher ein weit größeres Interesse an dem Kommen der sozialistischen Gesellschaft als die städtische. Durch Erhöhung der Preise der Lebensmittel und der Rohstoffe würde nur die Grundrente erhöht und damit die Lage der Grundbesitzer, nicht der Landbevölkerung, die von Lohnarbeit lebt, verbessert werden. Der wirkliche Grundbesitzer ist aber der Hypotheken⸗ gläubiger, den die Nationalsozialen zu einem Staatspensionär machen wollen, indem sie ihm die Zinsen sichern durch Verstaatlichung des Hypothekenwesens. Alle Parteien, die sozialdemokratische aus⸗ genoumen, stehen auf dem Boden des gegen⸗ wärtigen Staats, d. h. des Polizei- und Militär⸗ staats: Die Agrarier voll und ganz, die National⸗ * Siehe Nr. 8, 11, 14 und 17 der M. S. ⸗Ztg. die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestelluugen jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 4312) 2 Juserate finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespolt Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12m l. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens sozialen mehr auf dem Boden des letzteren. Nur die Sozialdemokratie erstrebt lernstlich die Umwandlung dieses Staats in einen Kultur⸗ staat, eine Umwandlung, bei der die ländliche Bevölkerung am meisten zu gewinnen hat. Die Selbstverwaltung in Provinz, Kreis und Ge— meinde würde der Bevorzugung, welche der Großgrundbesitz genießt, z. B. bei der Bemessung der Gemeindeabgaben, der Abschätzung des Wildschadens, ein Ende bereiten. Der Mili⸗ tarismus verlangt von der Landbevölkerung die schwersten Opfer. Er entzieht dem Lande, sehr häufig für immer, die jungen kräftigen Leute, die von den Bauern durch Zwangs⸗ steuern erhalten werden müssen. Dazu kommen die Ausgaben, welche der Vater für den Sohn im Waffenrock freiwillig zu tragen hat. Dem Bauern muß bei dem Kampf gegen den Militaris⸗ mus klar gemacht werden, daß es sich nicht darum handelt, das Vaterland wehrlos zu machen. An Stelle des stehenden Heeres soll das Milizheer, die Volkswehr treten. Das stehende Heer ist das kraftvollste aller Herrschafts⸗ mittel, die stärkste Stütze der herrschenden Klassen, das Mittel, jeden Versuch einer friedlichen Be⸗ freiung der arbeitenden Klassen im Keime zu ersticken. Das Milizsystem stellt wohl eine Be⸗ lästigung des einzelnen für die Zeit, während welcher er seiner Beschäftigung entzogen ist, dar, ist aber keine Belastung der Produktion. Eine weitere Entlastung der Landbevölkerung hat einzutreten durch Uebernahme der Kosten für das Schulwesen, die Armenpflege, die Ge⸗ sundheitspflege und das Verkehrswesen von der Gemeinde auf den Staat. Arme Gemeinden werden von diesen Kosten geradezu erdrückt und können doch nur Unzulängliches leisten. müssen ferner Einrichtungen geschaffen werden, die es auch den Unbemittelten ermöglichen, sein Recht zu suchen, d. h. es ist für solche Fälle die Unentgeltlichkeit der Rechtspflege und des Rechtsbeistandes einzuführen. sich um außerordentlich hohe Summen handelt, ist klar, deshalb vernachlässigt ja auch der Staat die Ausführung aller Kulturaufgaben: Würde das Volksschulwesen auf diejenige Höhe jährliche Ausgabe von 1500 Millionen für das deutsche Reich verursachen; dagegen verblassen sogar die Zahlen des Militärbudgets. Dazu kämen die bedeutenden Summen für die Ver⸗ staatlichung des Armenwesens, der Gesundheits⸗ pflege, des Verkehrswesens, der Rechtspflege usw. Die Verwaltung dieser öffentlichen Angelegen⸗ heiten erfordert tüchtige Fachmänner, im Neben⸗ amt lassen sich die Arbesten nicht erledigen. Es sind mithin gut zu bezahlende Kräfte für die verantwortungsvollen Posten heranzuziehen. Wenn auch eine Abrüstung große Summen freimachen würde, so wären doch noch nicht ausreichende Mittel vorhanden. Woher aber das Geld nehmen? An der Lösung dieser Auf⸗ gabe scheitert die bürgerliche Steuerpolitik. Sie will die Staatsbedürfnisse nicht decken aus den Einkommens⸗, Vermögens⸗ und Erbsteuern, sondern aus der Besteuerung der Notdurft des Volkes, d. h. aus indirekten Steuern. Die Sozialdemokratie erstrebt eine Ueber- wälzuug der Steuern auf die trag— ES .— fähigen Schultern, eine stufenweis steigende Einkommens⸗ und Vermögenssteuer und eine Erbschaftssteuer, stufenweis steigend nach dem Umfang des Erbguts und dem Grade der Ver⸗ wandtschaft. Da die Summen aus diesen Steuern die Kosten des Kulturstaates auf die Dauer nicht decken werden, so wird der Staat, sobald die arbeitende Klasse in den Besitz der politischen Macht gelangt ist, die Bergwerke, großen Verkehrsmittel, Beleuchtungsanlagen usw. zu seinem Nutzen in eigenen Betrieb nehmen. Elenchus. ——— Das nützt die Organisation. Der Verband der Zimmerleute Amerikas wurde im Jahre 1881, also vor 18 Jahren, gegründet. Damals ward allenthalben noch zehn Stunden gearbeitet. Heute haben 105 Orte den Achtstundentag, 424„ Neunstundentag, 23„ noch den Zehnstundentag. nit dieser Verkürzung der Arbeitszeit ging, wie das immer der Fall ist, Hand in Hand eine Lohnerhöhung, und zwar ward in 70 Prozent aller Städte mit Zimmerer ⸗Organi⸗ sationen eine Lohnerhöhung von 2 Mk. pro Woche erzielt. Also wöchentlich 6 oder auch gar 12 Stunden Arbeitszeit weniger und 2 Mk. Wochenlohn mehr! Bei nur acht Monaten Arbeitszeit im Jahre ergab sich diese Lohnerhöhung für die Gesamt⸗ heit der Zimmerer Amerikas im Durchschnitt der letzten 12 Jahre eine Summe von 18 Millionen Mark Mehrlohn. Oder also 216 Millionen Mark wanderten 9 Woher sollen nun die Mittel zur Bestreitung dieser Ausgaben genommen werden? Daß es gebracht, die wir erstreben, so würde das eine auch die Streits so gründlich hassen. 5 er hat nur Geld für die Armee und die Flotte. in diesen 12 Jahren mehr in die Lohntasche der Arbeiter statt in die Profittasche der Unternehmer. An Streikunterstützung wurden während derselben Zeit gezahlt: 1 Million 417172 Mark, ein klarer Beweis, wie gut angebracht die Opfer sind, welche die Arbeiter zur Durchführung ihrer wirtschaftlichen Kämpfe bringen müssen. Das Dutzendfache müssen die Unternehmer an Mehrlohn zahlen. Sie sind es, die die Kriegskosten aufbringen müssen und deßhalb Die amerikanischen organisierten Zimmerer haben in den letzten Jahren seit 1882 nicht weniger als 1026 Streiks geführt. Von dtesen 1026 Streiks wurden 898 gewonnen, 67 gütlich geregelt, 61 verloren. Endlich haben die Zimmerer durch die er⸗ reichte Verkürzung der Arbeitszeit noch 13 130 arbeitslosen Kollegen Arbeit geschaffen. Arbeiter, wollt Ihr noch einen klareren Beweis für die Zweckmäßigkeit der Organi⸗ sation? Was soll man aber von Menschen denken, welche die nahe Planke, auf welcher sie sich aus dem Meere des Elends retten können, deutlich vor Augen sehen, ja mit Händen greifen können und doch aus mangelnder Energie lieber sich hinabsinken lassen ins Meer der stumpfsinnigsten Gleichgiltigkleit?! ——— 222———ů— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 20. Politische Rundschau. Gießen, den 12. Mai. Ein Reichs ⸗Wohnungsgesetz ist in Vorbereitung. Die Stummsche„Post“ verweist dabei auf die Erklärung eines Kom⸗ missars in der Sitzung des Abgeordnetenhauses bei der Verhandlung über die Leutenot zu dem konservativen Antrag, der dahin ging, die Ge— meinden zu ermächtigen, neu anziehende Personen auszuweisen, wenn sie nicht den Nachweis einer den sittlichen und hygienischen Anforderungen entsprechenden Wohnung beibringen. Der Re⸗ gierungskommissar aus dem Ministerium des Innern, Geheimrat Holtz, erklärte nach dem Bericht des Reichsanzeigers, daß im Schoße der Regierung kommissarische Beratungen darüber staltfänden, wie den vorhandenen Mißständen wirksam zu begegnen sei. Diese Erwägungen bezögen sich„sowohl auf die Wohnungsfrage wie auf die Beseitigung der Aus wüchse der Freizügigkeit“. Danach ist der Verdacht mehr als begründet, daß es sich um einen Versuch handelt, unter der falschen Firma eines Reichswohnungsgesetzes die Freizügigkeit zum Nutzen der ostelbischen Agrarier einzuschränken. Nach den Andeutungen der Post steckt hinter diesem nied⸗ lichen Anschlage auf eines der wichtigsten Rechte der Arbeiterschaft in Stadt und Land Herr von Miquel, der seinen Freunden, den Agrariern, zuliebe, die Sachsengängerei einschränken möchte. Der Pfarrer Blech. Ein Pfarrer Namens Blech veröffentlicht in der konservativen„Elbinger Zeitung“ einen Artikel:„Unsere Antwort auf Samoa“, in dem er allen Ernstes verlangt: „40 Schlachtschiffe, sofort auf Stapel zu setzen und in drei Jahren fertig. Das sei unsere Antwort auf Samoa.“ Herr Pfarrer Blech schmiedet herrliches Blech! Schade nur, daß die„vierzig Schlacht— schiffe“ nicht aus Blech gebaut und mit Blech bezahlt werden können. Der Herr Pfarrer dürfte übrigeus wenig Lust haben, selbst in die Tasche zu greifen und recht kräftig mit für den Bau dieser schönen Flotte zu blechen. Die Flottenpatrioten an der Arbeit. Immer unverfrorener wird das Behaben der Ueberseer, ein ganzes offiziöses Aufgebot von Agitatoren sucht die öffentliche Meinung zu gunsten einer neuen Flottenvorlage zu beeinflussen. Ein Flotteuverein nach dem anderen unter obrigkeitlichem, oberbürgermeister— lichem, offiziellem Protektorat ersteht, eine Hand— voll abhängiger Leute oder profitlüsterner In— teressenten und Streber thut sich als Filiale der Flottenapostel auf, um das Evangelium der Weltpolitik, das heißt einen neuen Beutezug gegen die Steuerzahler ins Werk zu setzen. An⸗ gesichts dieses Treibens ist es am Platze, wieder einmal die Summen ins Gedächtnis zurück— zurufen, die uns bereits jetzt Heer und Marine kosten. Für Deutschland sind im Etat 1898/99 die Ausgaben für Landheer, Flotte, Pensionen auf 820 Millionen Mark gestiegen. Man vergesse ferner nicht, daß die Hauptbedeutung des im vorigen Jahre angenommenen Flotten— gesetzes in dem Ausbau der Schlachtflotte und nicht in dem Schutze des Seehandels und den Auslandsschiffen liegt. Von den Schiffs- neubauten, die von 1898 nach dem Gesetze in Angriff genommen werden sollen, entfallen mindesteus 350 Millionen auf die Schlacht— flotte und nur etwa 70 Millionen auf die Auslandsflotte für Ueberseegebiete. Auch die Erhöhung der Personalstärke und die Aus— dehnung der Indiensthaltungen fällt zum aller⸗ größten Teile auf die Schlachtflotte. Die ganze im Flottengesetze vorgesehene Verstärkung ent⸗ fällt auf die heimische Schlachtflotte, zu der nach dem Flottengesetze in sechs Jahren 7 neue Linienschiffe, 2 große, 7 kleine Kreuzer hinzu— kommen sollen. Die Schlachtflotte sollte dem— nach in Zukunft bestehen aus 1 Flottenflagg⸗ schiff, 2 Geschwadern zu je 8 Linienschiffen, 2 Divisionen zu je 4 Küstenpanzerschiffen, 6 großen Kreuzern, 16 kleinen Kreuzern als Aufklärungs⸗ schiffen, und dazu eine Materialreserve von 2 Linienschiffen, 3 großen und 4 kleinen Kreuzern. — Insgesamt sind für die deutsche Kriegs⸗ marine von 1872 bis 1897/98 1322,23 Mil⸗ lionen ausgegeben worden. Die gesamten Ausgaben beliefen sich im Jahre 1872 auf 31 Millionen, 1887/88 auf 51 Millionen. Unter dem neuen Regiment haben wir diesen Aufstieg: Mill. Mk. Mill. Mk. 1889/90 54,9 1894/95 78,5 1890/91 71,8 1895/96 85.9 1891/92 85,4 1896/97 E 1892/93 90,4 1897/98 116,9 1893/94 81,2 Die offiziösen Tintenkulis krebsen auch nach den Reichstagsverhandlungen über Samoa gleich den Lehr und Konsorten mit dem Samoa— abenteuerchen. Sie sordern nicht mehr und nicht weniger als eine deutsche Schlachtflotte, die— der helle Wahnwitz!— jeder an— deren, also auch der Flotte der Weltseemacht England gewachsen sei. So frivol mit Gut und Blut, mit Wohlfahrt und Sicherheit des deutschen Volkes gespielt. Die ungeheueren Bürden, die auf der großen Masse wuchten, die drohenden neuen Steuerlasten, sie verschlagen nichts gegenüber der Politik des Flottenkollers, der Deutschland in die innere und äußere Krisis hineinhetzt. Vom Excellenzenkonventikel. Die Versammlung von Sozialpolitikern, die am 3. Mai im Berliner Architektenvereinshause über die vorbereitenden Schritte zur Beteiligung an der Bildung eiuer internationalen Ver⸗ einigung für Förderung des Arbeiter⸗ schutzes beriet, war von etwa siebzig Personen besucht, die den verschiedensten Parteien und Richtungen angehörten; nur die Sozial⸗ demokraten fehlten. An der Besprechung nahmen unter anderem teil Professor Schmoller, Professor Waguer, Hitze, Stöcker, Schmidt⸗ Elberfeld, Bassermann, Max Hirsch, Rösicke, Fischbeck, Lieber, Goldschmidt, Pachnicke, Prof. Delbrück, Pfarrer Naumann, Leopold Sonne⸗ mann. Der frühere Minister v. Berlepsch er— öffnete die Sitzung. Professor Schmoller über⸗ nahm dann den Vorsitz. Professor Sombart bemerkte, daß er von den sozialdemokratischen Führern, die sich um den Arbeilerschutz besouders verdient gemacht hätten, gern einige eingeladen hätte. Er hoffe, daß sich die Mißverständnisse beheben ließen, die zur Weigerung der Sozial— demokratie geführt hätten, sich an der Konferenz zu beteiligen. Gegen die Heranziehung der Sozialdemokratie sprachen sich u. a. die frei— sinnigen Abgeordneten Fischbeck und Max Hirsch aus, ebenso Abg. Bassermann, dafür v. Gerlach, v. Berlepsch, Schmoller und Sombart. Auf Vorschlag Schmollers wurde beschlossen, ein provisorisches Komitee einzusetzen, das u. a. die Aufgabe hat, die Mißverständnisse wegzu— räumen, damit eine Beteiligung der Sozial— demokratie erzielt werde. Ein Vorort der Konferenz soll in der Schweiz ermittelt werden. Diese„Freie Vereinigung“ bürgerlicher Politiker und Oekonomen ist wirklich der aller⸗ spaßigste sozialpolitische Seiltänzerklub. Der höfische Konservative Schmoller, der beim Ausgange des Scozialistengesetzes die Deportation(Verbannung) der Sozialdemo⸗ kraten in die deutschen Ferienkolonien Afrikas empfahl, der Manchestermann Herr Max Hirsch, der Beaustragte der Papierberufsgenossenschaft Herr Fischbeck und Herr Leopold Sonnemann, Werner Sombart, der Bergwerks- und Handels- minister a. D. v. Berlepsch, der Industriefeudale von Heyl, der jetzt in Sozialpolitik macht, und der Hofprediger a. D. Stöcker, Herr Basser— mann, der seine Ansicht wechselt je nach dem Kreise, wo er kandidiert, Konservative, Antise— miten, Nationalliberale, Freisiunige, Katheder— sozialisten, Zentrum, das sind in der That die zuverlässigsten Bürgen für den Arbeiterschutz, den nationalen oder internationalen. Ein buntes Durcheinander von Parteien und Richtungen, sind sie einig nur darin, der Sozialdemokratie das Wasser abzugraben, oder wie ein bürgerliches Blatt schreibt, die sohiale Revolution zu bekämpfen durch— die Sozial- reform.— Wir boffen, daß unsere Genossen — auch dann dieser Gesellschaft schlechter Musikanten fern bleiben, wenn die„Mißverständnisse“ weg⸗ geräumt sind. Wer ernstlich etwas thun will 8 die Arbeiter, der hat Gelegenbeit genug azu. zu unterstützen. Den Höhepunkt überschritten? Im zweiten, erst jetzt herausgegebenen Teil der Reichstagswahlstatistik finden wir die fol⸗ gende Zusammenstellung, aus der hervorgeht, wieviel Stimmen seit 1871 jedesmal im ersten Wahlgang auf die sozialdemokratischen Kandi⸗ daten fielen: Prozentsatz Stimmen der abgegeb. gültig. Stim men 1871 123 975 3,19 1874 351 952 6,78 1877 493 288 9,13 1878*³* 431 158 7,59 1881 311 961 6,12 1884 549 990 971 1887 763 128 10,12 1890 1427 298 19 1893 1786 738 28,28 1898 2 107 076 27,18 Und angesichts dieser Ziffern fabeln allerlei Einfaltspinsel davon, daß die Sozialdemokratie ihren Höhepunkt überschritten hat. Gewiß, bei jeder Neuwahl überschreiten wir den zuletzt er⸗ reichten Höhepunkt. Die Zahl unserer Anhänger wird immer größer, bis die große Masse des Volkes, die naturgemäß zu uns gehört, auch in unseren Reihen steht. Mehr als ein Viertel aller Wähler zählt schon zu uns. Arbeiten wir, auf daß wir bald drei Viertel haben. Eine Grabschändung. Das Massengrab der Opfer der sächsischen Mairevolution in Dresden war vor einiger Zeit mit ca. 300 Tulpenzwiebeln besetzt worden, da— mit am 50. Todestage der Gefallenen ihre Ruhestätte würdig geschmückt sein sollte. Diese 300 jetzt zur Blüte gelangten Tulpen sind, wie die„Sächsische Arbeiterztg.“ berichtet, vor eini⸗ gen Tagen sämtlich ausgerissen worden. Dem Aufsichtspersonal scheint diese standalose Gräberschändung vollständig entgangen zu sein; auch der Polizeibericht weiß noch nichts davon zu melden. Die„S. A.⸗Ztg.“ fordert Auf⸗ klärung und dies ist in der That dringend er— wünscht. Die dümmsten Arbeiter sind die besten. Im preußischen Abgeordnetenhaus haben die „liberalen“ und konservativen Rückwärtser wieder einmal ihren schulfeindlichen und profitwütigen Ansichten Ausdruck gegeben. Sie gebrauchen die billige Kinderarbeit, deshalb nimmt ihnen der erteilte Schulunterricht zu viel Zeit in Anspruch. Und da ihnen der ungebildetste, der dümmste Arbeiter am liebsten ist, weil er sich am leichtesten wie ein Stück Vieh ausnützen und mißhandeln läßt, deshalb ist ihnen auch der Lehrplan zu umfangreich. Abgesehen von einigen Rednern aus der freisinnigen Volks⸗ partei blies die ganze Sippe in ein Horn: Konservative, Nationalliberale, Zentrümler und freisinnige Vereinigungsmänner. Verdummung und Fesselung an die Scholle— das ist ihr soziales Programm. Liberale Wahlrechtsfreunde. Ueber das Wahlrecht zur„Bürgerschaft“ in Bremen schreibt die„Voss. Ztg.“: „Die Sozialdemokratie brachte den Antrag ein, allgemeines Stimmrecht auch für die Bürgerschastswahl einzuführen, erhielt aber nur wenige Stimmen. Das allgemeine Stimmrecht hätte schon ganz andere El folge errungen, wenn nicht die Sozialdemokratie ihm viele Feinde erweckt hätte.“ Das ist doch noch ein Liberalismus, der das allgemeine Wahlrecht ohne weiteres preis- giebt, wenn es einer gegnerischen Partei zu gute kommt. Und mit dem Liberalismus sollte unter Umständen die Sozialdemokratie kompromisseln? Ach ne! Weil's zu einträglich ist. Die englische„Westminster-Gazette“ schreibt: „Der Herzog von Connaught hat niemals * Beginn der Sozjalistenhat.* Kartellwahlen. Er braucht nur die Sozialdemokratie — * —— bang d. len ö 9e Konferen in desen N. nagt und fie feine Nafassungen Dunn für de Feuenz nicht dus de butau:„. zu verletzen, denskonf helischen Re hat feinen —Sgließ Ctikettenfro einem blut D „Zur Deutsch— der Wohlf gebiete hes zur Verfüg Hälfte dure die andere Verteilung betreffenden zu hereit er die über de ulld Heusch Hungersno ile geha Eglderun Mebesonder Glends un Ningend Hegenden, Ju Fr dec eh Ilehein st ber 5 beiten l. ischen er Zeit l, da- n ihre Diese d, wie eini⸗ rden. dalsse 1 sein; dabon t Au⸗ d er⸗ esten. ben die wiedel sütigen tauchen limnt el Zelt ildesse, veil el, znützel n auch en bol Volke⸗ Hort. er und mung sst iht aft“ il ——— Antrag ür die lt abel Nr. 20. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. ernstlich daran gedacht, sein Erbfolgerecht auf den Thron von Sachsen⸗Coburg⸗Gotha aufzugeben. Dazu ist die Einnahme des Herzogs zu bedeutend.“ Nach der Auffassung des englischen Blattes ist ein Thron nichts anderes, als ein geschäft⸗ liches Unternehmen. Man käme in der Konse⸗ quenz dieser Auschauung zu dem Zukunftsge⸗ danken einer Thron-Aktiengesellschaft. Von der Friedenskonferenz. Eine kräftige Absage an die in Haag in nächster Zeit vor sich gehende Friedenskomödie haben unsere holländischen Genossen in der Kammer gegeben. Aus Amsterdam wird darüber gemeldet: Die Zweite Kammer nahm gegen die Stimmen der Sozialdemokraten deu Kredit zum Empfang der Abrüstungskonferenz an. Die Sozialisten stimmten gegen die Ausgabe, weil die Konferenz vom Kaiser von Rußland ausgehe, in dessen Namen Tausende von Kämpfen für das Wohl des Volkes verfolgt, zu Märtyrern gemacht und hingeschlachtet würden. Rußland setze seine Rüstungen fort; auch verletze es das verfassungsmäßige Recht Finnlands. Ein Ge⸗ winn für den Weltfrieden sei von dieser Kon⸗ ferenz nicht zu erhoffen. Aus dem Haag meldet ein Telegraphen— bureau:„Um die Empfindlichkeit keiner Nation zu verletzen, werden die Delegierten zur Frie⸗ dens konferenz ihre Plätze nach der alpha⸗ betischen Reihenfolge einnehmen, nur Bulgarien hat seinen Sitz links von der Türkei erhalten.“ — Schließlich giebt die Friedenskonferenz einer Etikettenfrage wegen noch Veranlassung zu einem blutigen Weltkrieg. Deutsche Kolonialpolitik. „Zur Linderung der Hungersnot in Deutsch⸗Ostafrika hat der Verwaltungsrat der Wohlfahrtslotterie für die deutschen Schutz⸗ gebiete beschlosseu, die Summe von 40000 Mk. zur Verfügung zu stellen. Hiervon soll die eine Hälfte durch die in Usaramo thätige evangelische, die andere durch die katholische Mission zur Verteilung gebracht werden. Die Vertreter der betreffenden Missionsgesellschaften haben sich da⸗ zu bereit erklärt. Wenngleich die Nachrichten, die über das Auftreten einer durch Mißwachs und Heuschreckenplage Usaramo hervorgerufenen Hungersnot hierher gelangten, anfangs allzu trübe gehalten waren, so bleibt doch nach den Schilderungen in Usaramo lebender Europäer, insbesondere der Missionare, noch genug des Elends unter den Eingeborenen übrig, das dringend der Linderung bedarf.“— Schöne Gegenden, die deutschen Kolonien. Ausländisches. In Frankreich ist über Nacht ein Minister⸗ wechsel eingetreten. Der Kriegs minister Freyeinet hat demissionjert. An seiner Stelle ist der bisherige Minister für öffentliche Arbeiten, Krantz, zum Kriegsminister ernannt worden. Dieser Wechsel ist völlig überraschend erfolgt. In politischen Kreisen wird der Rücktritt als Folge der Differenzen zwischen Freycinet und Dupuy angesehen. Ministerpräsident Dupuy scheint seit“ einiger Zeit nach der Entscheidung des Kassationshofes zu entschiedenem Vorgehen gegen die Schuldigen(Prozeß Dreyfus) ent⸗ schlossen, während Freycinet abzuwiegeln versuchte. — 2— Aus dem Reichstag. In der Donnerstagssitzung wurden die von den Abgg. Heyl, Hitze, Lieber und Rösicke gestellten sozialpoli⸗ tischen Anträge der Kommisston überwiesen, welche auch die Gewerbeordnungsnovelle zu bearbeiten hat.— Für die Scharfmacher bedeutete die mehrtägige Debatte eine furchtbare Schlappe. Nachdem sogar von großen und gebildeten Unternehmern nationalliberaler und freisinniger Richtung für eine gesetzliche Vertretung der Arbeiter, für ein Bischen Arbeiterschuzz und sogar für Koalitionsfreiheit gesprochen worden ist, muß doch die 7 Weltgeschichte aufhören. Nach der Oeynhäuser Rede und der Ankündigung der Zuchthausvorlage glaubten die Scharfmacher ihre goldene Zeit gekommen. Und nun ist das Gegenteil eingetreten. Die Scharfmacher haben umgekehrt selbst in Kreisen, die sich bisher lauer ver⸗ hielten, die Oppositionslust geweckt. Der nationalliberale Lederkönig Freiherr v. Heyl⸗Worms kreuzt mit seinem kapitalistischen Nachbar aus dem Saarrevier die Klingen, und der wildliberale Brauereidirektor Rösicke⸗Berlin warf Herrn v. Kardorff mit seinen Ausnahmegesetzdrohungen in den Sand. Gegen solche Niederlagen, vermehrt durch die Schläge, die Molkenbuhr und Bebel auf den Rücken der Stümmlinge niedersaußen ließen, half auch das Weglaufen der Stumm und Kardorff aus dem Sitzungssaal nichts. Sehr gut fertigte Gen. Molkenbuhr den Leder⸗ könig Heyl ab, der behauptet hatte, daß der„Zukunfts⸗ staat“ ein Ding der Unmöglichkeit sei, weil die Unter⸗ nehmer, die wir abschaffen wollten, die geistigen Leiter auf gewerblichem Gebiete seien.„Sehen Sie doch einmal,“ antwortete Molkenbuhr,„Ihre Aktien⸗ gefellschaften an! Wo haben Sie da den persön⸗ lichen Arbeitgeber? Da haben Sie als Leiter auch Lohnarbeiter eingesetzt: ihre Techniker, ihre Direktoren. Für den Betrieb ist es schließ⸗ lich einerlei, ob der Leiter von den Aktio⸗ nären, die nichts vom Geschäft verstehen, oder von den Arbeitern, die im Betrieb beschäftigt sind, gewählt wird.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Bei dem Fortschreiten der gewerblichen Entwicklung wird das persönliche Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter immer unmöglicher. Der Unternehmer kommt in sein Werk, wie der Landrat in sein Dorf hineinkommt. Das ist alles. Sie ver⸗ weisen auf die Wohlthaten für die Arbeiter; gerade diese verabscheut der Arbeiter am allermeisten: er will sein Recht auf menschenwürdiges Dasein und nicht Almosen!(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Nicht für Ochsen, sondern Menschenrechte! Am Dienstag beschäftigte sich der Reichstag noch einmal mit dem Schächtantrag der Antisemiten. Der Abg. Liebermann von Sonnenberg trat für den Schutz der Tiere ein, die durch das Schächten unnütz gequält würden. Von vielen hervorragenden Gelehrten wird be⸗ kanntlich das Gegenteil behauptet. Den Antisemiten antwortete der Zentrumsabgeordnete Lieber und als dieser schloß, schleuderte ein Tribünenbesucher mit dem lauten Ausruf:„Nicht für Ochsen, sondern Menschen rechte!“ eine große Anzahl Papiere in den Saal.— Lärm und vielfache Rufe:„Raus!“ war die Antwort aus dem Hause. Der betreffende Tribünenbe⸗ sucher wurde von einem Diener von der Tribüne entfernt. — Da das Haus nicht beschlußfähig war, mußte bei der Abstimmung über den§ 1 die Sitzung abgebrochen werden. Der Kampf um die hessische Steuerreform. oa. Sechs volle Sitzungstage hat die Gene⸗ raldebatte über die Steuerreform ausgefüllt. Das Resultat ist bekannt: Verwerfung des Weinsteuerprojekts und Vertagung der übrigen Reform, damit die Regierung sich über einen Ersatzvorschlag schlüssig machen kann. Die Verhandlungen fanden vor gefüllten Tribünen statt. Wenn die Regierung es noch nicht vorher wußte, so konnte sie sich durch einen Blick auf die Tribünen mit eigenen Augen da⸗ von überzeugen, wie aufregend das Weinsteuer⸗ projekt auf die rheinhessische Bevölkerung gewirkt hatte. Daß es fallen werde, war nach den ersten Verhandlungstagen bereits entschieden und die Regierung hätte besser gethan, die Vorlage noch vor der Abstimmung zurückzuziehen, dann wären die Verhandlungen abgekürzt und eine Verständigung erleichtert worden. Aber die Regierung selbst war in sich un⸗ einig. Der Mann, der die Reform in erster Linie zu vertreten hatte, der Finanzminister Küchler, konnte wegen seiner Kranlheit den Verhandlungen nicht beiwohnen. Er stand hinter den Coulissen, und sein Vertreter, Staats⸗ rat v. Krug, war der Situation um so weni⸗ ger gewachsen, als er nicht aus freier Ent⸗ schließung handeln durfte, sondern wie ein General, der unter dem Oberkommando eines blinden Generalfeldmarschalls steht, die Schlacht nach vorgeschriebener Ordre gewinnen sollte. Das ging nicht. Hätte Herr v. Krug volle Bewegungsfreiheit gehabt, so würde er wenigstens rechtzeitig einen geschickten Rückzug haben aus⸗ führen können. Daß er selbst kein begeisterter Anhänger der Weinsteuer sei, war ein offenes Geheimnis. So mußte die Kammer schließlich kurzen Prozeß machen und die Weinsteuer durch einen parlamentarischen Gewaltakt aus dem Spiel herausschmeißen, um die Regierung vor die glatte Frage zu stellen, ob sie eine Steuer⸗ reform auch ohne Weinsteuer ernstlich wolle oder nicht. Was wird die Regierung jetzt thun? Wird sie das ganze Reformwerk nun scheitern lassen, oder wird sie einen von den gemachten Ersatz⸗ vorschlägen: Höhere Einkommen-, Ver⸗ mögens⸗ oder Erbschaftssteuer acceptieren. Wir wünschen und hoffen, sie wird das letztere thun? Die Genraldebatte hat Einmütigkeit gezeigt hinsichtlich des Grundgedankens der ganzen Reform: Wegfall der Grund-, Gewerbe- und Kapitalrentensteuer und Einführung einer jeden Kapitalbesitz unterschiedslos teffenden Vermögens⸗ steuer. Die dadurch bewirkte Entlastung der kleineren Gewerbetreibenden und Landwirte, sowie aller mit Schulden belasteter Grund⸗ besitzer um den Betrag der Schulden stellt einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit dar. Soweit sind Kammer und Regierung durchaus einig. Die Meinungsverschiedenheit beginat erst bei dem Plan der Regierung, auch den größeren und größten Grundeigentümern, Fabrikanten und Handelsherren einen Erlaß an direkten Steuern zu gewähren. Die Steuerreform soll zugleich eine Steuer entlastung sein für alle Besitzenden, einerlei, ob ihr Besitz klein oder groß, verschuldet oder nicht verschuldet ist; und: je reicher einer ist, desto meh Steuern sollen ihm erlassen werden!— Die rund 2 Millionen Mark aber, die den Be— sitzenden an direkter Steuerleistung jährlich ab— genommen werden würden, sollen der Gesamt⸗ heit des Volkes in Gestalt von indirekten Lasten aufgebürdet werden. Dafür ist die Sozialdemokratie natür⸗ lich nicht zu haben. Abg. Ulrich stellte das gleich am ersten Tag in seiner vortrefflichen Rede fest. Er bezeichnete es als einen Vorzug des hessischen Steuerwesens, daß ein verhält⸗ nismäßig größerer Teil der Staatsausgaben durch direkte Steuern aufgebracht wird als in Preußen und anderen Bundesstaaten. Dieser Vorzug dürfe durch die Reform nicht beseitigt werden; der Ausfall an direkten Steuern müsse vielmehr wieder durch direkte Besteuerung auf⸗ gebracht werden. Unsere Anträge auf 1. Echöhung der Pro⸗ gression der Einkommensteuer bis zu 6. pCt., 2. progressive Gestaltung der Vermögens⸗ steuer bis zu 1 Mk. pro 1000 Mk. Vermögen, 3. Heranziehung der juristischen Personen zur Vermögenssteuer und 4. Besteuerung auch des in feinen Hauseinrichtungen, Kunst⸗ und Wertgegenständen steckenden Vermögens, machten die vorgeschlagenen neuen indirekten Steuer⸗ quellen überflüssig. Auch die von anderer Seite beantragte Verschärfung der Erbschaftssteuer sei ein zu begrüßendes Ersatzmittel. Die Regierung solle nur den Mut haben, die reichen Leute scharf anzufassen, dann brauche sie weder eine die Spielsucht künstlich befördernde Lotteris, noch eine Verschärfung der Hundesteuer, noch eine Erhöhung der Stempelgebühren, noch die verhaßte Weinsteuer, die nichts anderes als eine neue Sondergewerbesteuer sei. Auch die Verschärfung der Progression der Eintommensteuer fand Anklang. Wenn noch keine Mehrheit für eine Steigerung bis zu 6 pCt. diesmal zu haben sein sollte, so ist fur eine Steigerung über den von der Regierung vorgeschlagenen Höchstsatz 4,5 pCt. jedenfalls eine große Majorität schon jetzt vorhanden. Nach dem Antrag Schmitt⸗Schröder soll der Höchstsatz von 5 pCt. bereits bei 175 000 Nek. Jahreseinkommen erreicht werden. Das ist nicht mehr weit von unserem Antrag eutfernt und da gar kein Grund vorliegt, bei 175000 Mark Einkommen mit der Progresston Halt zu machen, so geben wir die Hoffnung noch nicht auf, unseren Antrag durchzusetzen. Das dürfte der Regierung klar geworden sein, daß die Erhöhung der Einkommens, Ver⸗ mögens⸗ und Erbschaftssteuer, der Weg ist auf dem die große Majorität der II. Kammer mit ihr gehen würde. Die Herren der I. Kammer aber können nicht Nein sagen, ohne sich dem Vorwurf schlimmster Interessenpolitik auszu⸗ setzen. Wollen sie das thun, so wird das Volk darüber richten. Auf die Dauer werden weder sie noch die Regierung die Steuerreform in unserem Sinne verweigern können. Darauf wies der Abg. David am letzten Verhandlungs- tag klar und scharf hin. Beharrt die Regierung auf ihrer Weigerung, den angedeuteten Weg zu gehen, läßt sie daran das ganze Reformwerk 9——ůů S 5 Seite 4. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 20. scheitern, dann wollen wir dem Volke bei der kommenden n hen klaren Wein über dieses Verhalten eingießen. se Man 1 65 mit 1 5 Faktoren der Zukunft rechnen“,— dieser Satz ist in der Debatte aus⸗ gesprocheu worden. Er enthält eine große Wahrheit. Möge die Regierung sie beherzigen! pon Nah und Lern. itteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießeuer Lokalnachrichten. P. B. Am 11. I. Mts., nachmittags 1 Uhr, stürzte der 13 jährige Sohn des Taglöhers Johannes Trank dahier von einer Scheuer in der Lindengasse herunter und verletzte sich derart, daß er in die Klinik verbracht werden mußte. Nach Angabe der Aerzte erlitt derselbe einen Schädelbruch.— Am Freitag Morgen 6/ Uhr wurden in einem Garten in der Hammstraße dahier mehrere Herrenkleidungsstücke als Rock, Weste, Stiefel, Strümpfe, sowie eine Taschen⸗ uhr aufgefunden. Nach dem Inhalt der Papiere, welche sich im Rock befanden, gehören die Sachen einem jungen Mann, welcher hier als Schreiner in Arbeit steht. Derselbe hatte am Himmel⸗ fahrtstage dem Alkohol etwas stark zugesprochen und wurde heute Morgen von seinen Mitar⸗ arbeitern nur in Hose und barfuß in der Werk⸗ stätte aufgefunden, wo er seinen Rausch in den Hobelspähnen ausschlief. Oeffentliche Bücher⸗ und Lesehalle. Man schreibt uns: Wenn hie und da ver⸗ mutet wurde, daß mit dem Frühjahr eine Ver⸗ minderung der Benutzung unserer Bibliothek eintreten würde, so hat man sich darin getäuscht. Die Ausleihe hat sich vielmehr von Monat zu Monat gehoben. Im April waren es 1652 Bände, die verliehen wurden, gegen 1471 im März. Das Amt des Bibliothekars ist bei dem roßen Andrang ein sehr schweres. Deshalb sollte man nicht— wie das so oft vorkommt— durch kleine Kinder die Rückgabe und das Ab⸗ holen von Büchern besorgen lassen. Das er⸗ schwert nur den Geschäftsgang. Ebenso störend ist das Austauschen von Büchern oder deren Weitergabe an dritte Personen, die nicht zu dem Hausstand des Entleihers gehören. Des⸗ halb wurde letzteres untersagt. An die Dienst⸗ herrschaften und Arbeitgeber richten wir die Bitte, ihre Bediensteten möglichst auf unsere Anstalt hinzuweisen und ihnen Gelegenheit zum Entleihen guten Lesestoffes zu geben. Der Er⸗ folg wird nicht in letzter Linie ihnen selber zu gute kommen. Schließlich bitten wir, uns auch fernerhin gute Bücher, besonders Reise⸗ beschreibungen und populäre naturwissenschaft⸗ liche Werke, zuwenden zu wollen. Eine neue Organisation. Am Sonntag Nachmittag ist in Gießen eine Zahlstelle des„Verbandes der Fabrik-, Land⸗ und Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands“ gegründet worden. Den ersten Anstoß zur Gründung gab der Umstand, daß vor einigen Wochen auf der Dampfziegelei und Thonwarenfabrik des Kommerzienrats Gail, der gleichzeitig großer Zigarrenfabrikant ist, mehr als ein halbes Hundert pol nische und galizische Arbeiter ein—kaserniert wurden. Dem Verband sind bereits über 100 Mit⸗ glieder beigetreten. Wenn die gewählten Bevollmächtigten ihre Schuldigkeit thun, dann kann die neue Organisation gerade im Kreis Gießen mit seinen vielen nichtgewerblichen Ar⸗ beitern außerordentlich segensreich wirken. Mit⸗ glied des Verbandes kann jeder Arbeiter und jede Arbeiterin nach zurückgelegtem 16. Lebeus⸗ jahre werden. Der Verband gewährt Unter⸗ stützung für Gemaßregelte, Reisegeld, Umzugs⸗ geld, Rechtsschutz und eine einmalige Unterstützung für die Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder. Das Eintrittsgeld beträgt 20 Pfg., der wöchent⸗ liche Beitrag 15 Pfg. für männliche, 7¼ Pfg. für weibliche Mitglieder. Oeffentliche Schneiderversammlung. * Am Montag Abend find im Orbigs ben Lokale eine öffentliche Schneiderversammlung statt. Dieselbe war gut besucht. Der Vor⸗ sitzende des Schneiderverbandes, Herr Holz⸗ häuser aus Stuttgart, hielt einen ausgezeich⸗ neten, fast zweistündigen Vortrag über das Thema: Welche Stellung haben die Arbeiter den heutigen Produktionsverhältnissen gegenüber einzunehmen? In klarer, leichtverständlicher Weise schilderte der Referent die kapitalistische Produktion und alle die Unzuträglichkeiten, die diese im Gefolge hat. Er ging dann auf das Verhalten des Staates in den Fragen der Sozialreform ein und wies an treffenden, aus der Praxis entnommenen Beispielen nach, wie viel auf diesem Gebiete noch zu thun bleibt. Hatte der Redner bis dahin mehr allgemeine Zustände erörtert, so ging er im zweiten Teil seines Vortrags auf die Verhältnisse im Schneider⸗ gewerbe speziell ein. Die Akkordarbeit und die Hausindustrie schilderte Holzhäuser mit großer Sachkenntnis. Er verlangt die Errichtung von Betriebswerkstätten und die Unterstellung der Hausindustrie unter die Gewerbeaufsicht. Zum Schluß wies er dann nach, wie alle diese Mittel allerdings keine durchgreifende Hilfe bringen könnten. Wahrhaft gerechte Zustände wären unter der Herrschaft des Kapitalismus über⸗ haupt nicht denkbar. Damit sei auch die Stel⸗ lung, welche die Arbeiter dem Kapitalismus gegenüber einzunehmen hätten, klar vorgezeichnet. Ziel⸗ und pflichtbewußtes Arbeiten für die ge⸗ werkschaftlichen und politischen Organisationen müsse die oberste Aufgabe der Arbeiter sein.— Lang anhaltender Beifall lohnte den Redner für seinen vorzüglichen Vortrag. Auf eine Diskussion wurde verzichtet. National⸗soziale Versammlung. * Am Mittwoch Abend sprach Herr Redakteur H. von Gerlach aus Berlin in Steins Saalbau über das zeitgemäße Thema: Mehr Zuchthaus oder mehr Freiheit? In eingehender Weise schilderte der Referent den heutigen Zuchthauskurs, erkannte an, daß das von der Sozialdemokratie geprägte Wort Klassenjustiz be⸗ rechtigt sei und trat ein für den weiteren Ausbau des Koalitionsrechts. So wie seiner Zeit das Sozialisten⸗ gesetz die Sozialdemokratie zusammengeschweißt habe, wie später die angedrohte Umsturzvorlage eine Spaltung der Partei verhütete, so würde jetzt die angekündigte Zuchthausvorlage die Sozialdemokratie abermals vor einer Spaltung bewahren. Nie sei in der Partei mehr Brennstoff angehäuft gewesen als jetzt. Redner führt dann die„Fälle“ Schippel, Peus, Heine und Bernstein an. Das Buch des letzteren besprach er ausführlicher. Durch Zwangsgesetze komme man der Sozialdemokratie nicht bei, je mehr man ihr Freiheit lasse, um so schneller würde sie in sich selbst zerfallen. Die Ansichten der Heine und Bernstein würden sich mehr und mehr durch⸗ bohren und schließlich werde aus der internationalen revolutionären Sozialdemokratie werden eine nationale sozialistische Reformpartei.— An der Diskussion beteiligte sich nur Genosse Scheidemann. In mehr als ein⸗ stündiger Rede ging er auf die Ausführungen des Refe⸗ renten ein. Herr v. Gerlach habe in der ersten Hälfte, in der der heutige Kurs gekennzeichnet wurde, den rück⸗ haltlosen Beifall der anwesenden Arbeiter gefunden. Die zahlreich anwesenden Kapitalisten hätten dagegen die Nase gerümpft. Umgekehrt sei es bei dem zweiten Teil des Vortrags gewesen, in dem Herr v. Gerlach seine sogen. nationalen Pläne entwickelt habe. Die Nationalsozialen wollten zwei Herren dienen und das ginge nicht an. Auf der einen Seite den sozialistischen Klassenkampf als berechtigt anerkennen, um auf der andern Seite staats⸗ nationale Weltmachts⸗Abenteuerpolitik gutzuheißen und zu fördern, sei ein Unding. Den Kampf um die Futter⸗ plätze mit Kriegsschiffen und Kanonen habe der bekannte wirtschaftspolitische Schriftsteller May sehr richtig als Bestienmoral bezeichnet. Redner ging dann auf die be⸗ reits erwähnten Fälle Heine, Schippel und Bernstein ein. Verschiedenen Erörterungen des letzteren stimme er zu, anderen stehe er strikte ablehnend gegenüber. Daß es wegen Bernsteins Buch zu einer Spaltung in der Sozialdemokratie kommen werde, sei eine trügerische Hoffnung der Gegner. Die große Masse der zur Sozialdemokratie gehörenden Arbeiter lasse es vollständig kalt, wenn sich etnige Theoretiker wegen irgendwelcher Theorien in die Haare geraten. So wenig wie von irgend einer anderen Partei werden sich die zum Klassen⸗ bewußtsein erwachten Arbeiter von den Nationalsozialen einfangen lassen, denn diese wären genau so unzuverlässig, als alle anderen bürgerlichen Parteien. Bei den letzten Reichstagswahlen sind die Nationalsozialen in den Wahl⸗ kreisen Leipzig, Dithmarschen und Jena, als es sich in der Stichwahl um Sozialdemokraten und National- liberale handelte, für die letzteren eingetreten, ein⸗ getreten für Nationalliberale, die heute Abend erst Herr v. Gerlach selbst als eine ganz kurzsichtige, reaktionäre Gesellschaft gekennzeichnet habe. Die Arbeiter bleiben Soziald emokraten und die Sozialdemokratie bleibt, was sie war.— In seinem Schlußwort bedauerte es Herr v. Gerlach, daß auch hier, trotzdem alle Parteien ver⸗ treten wären, nur ein Sozialdemokrat sich an der De⸗ batte beteilige. Auch die Gießener liberalen Partei⸗ männer schienen nur Mut zu haben, wenn sie hübsch unter sich wären.(Sehr richtig!) Redner ging dann auf die Einwendungen Scheidemanns ein und suchte die national⸗soziale Weltmachtspolitik zu rechtfertigen.— Die Versammlung war zu drei ziemlich gleichen Teilen zu⸗ sammengesetzt aus Arbeitern, Akademikern und Kuddel⸗ muddelliberalen. Zigarren, kleinen und großen Maschinen machenden Fabrikanten kamen aus den Verlegenheiten gar nicht heraus. Die kalten Douchen von beiden Rednern hatten sie wohl nicht erwartet. Da wir Sozialdemo⸗ kraten im liberalen Gießen keine Säle zu Versammlungen bekommen, können uns die Nationalsozialen keinen größeren Gefallen thun, als recht oft hier Versamm⸗ lungen abzuhalten. Watzenborn⸗Steinberg. r. Im Sommerschen Lokale zu Watzenborn fand am Sonntag unsere Maifeier statt. Das Lokal war geradezu überfüllt. Die Fest⸗ rede hielt Gen. Beckmann⸗Gießen, der sich seiner Aufgabe in wirklich trefflicher Weise entledigte und großen Beifall erntete. In schönster Weise verliefen die paar Stunden der Feier bei Konzert und fröhlicher Unterhaltung. Zwei Gendarmen, die zu unserer Ueberwachung geschickt waren, werden bezeugen müssen, daß wir uns ausgezeichnet amüsiert haben. Aus Friedberg. b. Unsere Maifeier hat einen glänzenden Verlauf genommen, wie nie zuvor. Vor über⸗ fülltem Saale sprach Gen. Krumm aus Gießen über die Bedeutung des 1. Mai. Seine Aus⸗ führungen ernteten den lebhaftesten Beifall. Daran anschließend fand ein Volksfest statt, das erste, welches hier veranstaltet wurde. Mit dem Erfolg können wir zufrieden sein. Der geräumige Steinhäuser'sche Garten war voll- ständig besetzt, ebenso der Saal. Alt und Jung ergötzte sich an den Spielen der Jugend, welche mil Preisverteilungen endeten. Aus Lauterbach. W. Die Maifeier, welche vorigen Sonntag unter großer Beteiligung hier stattfand, wird den Genossen des 3. oberhessischen Wahlkreises, welche an derselben teilnahmen, noch lange in freudiger Erinnerung bleiben. Die Festrede hielt Genosse Schmidt aus Preungesheim. Während seiner Ausführungen wurde er mehr⸗ mals von Beifallskundgebungen unterbrochen. Eine von dem Redner verlesene Resolution fand einstimmige Annahme. Möge die Maifeier nicht ihren agitatorischen Zweck verfehlt, möge die Aufforderung unseres Genossen Schmidt, sich dem Kreiswahlverein anzuschließen, bei allen Arbeitern Gehör gefunden haben.— 2 W. Der an Stelle des verstorbenen freisin⸗ nigen Abg. Neeb für den 8. oberhessischen Wahl⸗ kreis neu gewählte Herr Korell teilt dem„Alsf. Krbl.“ in schwülstiger Form mit, daß er„nicht als Kandidat der vereinigten Freisinnigen und Nationalliberalen gewählt sei, sondern als „freier deutscher Bauer“.— Das ist jedenfalls ein Schlauer. Eine reiche Gewerkschaft. Der Verband der deutschen Buchdrucker hat nach dem soeben im„Correspondent“ ver⸗ öffentlichten Jahresbericht 1896 1,1, 1897 1,27, 1898 1,39 Millionen vereinnahmt und 0,87 Millionen Mark verausgabt. Der Ueberschuß der Hauptkasse betrug 1896 0,3, 1897 0,39 und 1898 0,5 Millionen. Das Verbands vermögen hat sich seit 1896 um rund 90268161 Mark vermehrt und beträgt mit dem Vermögen der Zentral⸗Invalidenkasse i. L. 2.8 76.188,05 Mark. Hinzuzurechnen ist noch das Vermögen der Gau⸗ und Bezirkskassen, so daß etwa 3 Millionen 200000 Mark dem Verbande zur Verfügung stehen. Die Mitgliederzahl betrug im ersten Quartal 1896 20 949, im vierten Quartal 1898 26377. Die Zahl der steuernden Mitglieder hat somit in den letzten drei Jahren um 5428, seit dem 1. Januar 1893 um rund 10000 zu⸗ genommen. Die Zahl der Druckorte, in welchen Verbands mitglieder beschäftigt wurden, betrug 1896 865, 1897 899, 1898 960. Die zu den letzteren gehörenden, in * . . 1 I 11. 2 uuf 15 beten 5 feen 00 f ache nuit den, „An f erden 115 bb ländischen schrieben daher 0 abb Hein In die uberfälse Mieher aue N f“%. in. lh Fugen. ragen! 11 este deltccher?“ Ein Eine sel ö ickelte, w scchrieben 101 Fel J895 wurd tthrigen T. feiner Erg Ang nach iz flüchte griffen und bpelurteilt. durfte er führte sic sein Anst benutzte d fam er n udelnder Das Mili nl zu 5 Ulteil Ebe durch sein Veqzukom Unen Für d Interrichts einer gehrerd Nesolution, hurdelnden de Unent⸗ Lahrmitel snelgt ae Einf Fbaogischen Uunscht. Lc lüzlich di mer mel Aechtl leber ben Land nach der fterguts ale lar put def. l sich Weise Ju f der tung. chung daß enden über⸗ hießen Aus⸗ eifall statt, Mit Der boll⸗ Jung velche Antag wird keises, ge in strede heim. mehl⸗ ochen, fand licht ge die „ sch allen reisin⸗ Wahl⸗ Alf nicht f und als falls Acker 1 11245 087 fschuß 9 und gen Mor 1 bel Mal Nr. 20. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Antisemitisches Deutschtum. In Ahlwardts Zeitung annonciert der Gast⸗ hofbesitzer Ferd. Rosenfeld zu Friedeberg N. M. seinen Hof zur„Post“ als„Christlich Deutsches Gasthaus 1. Ranges“ und empfiehlt es dann mit den Worten: „An politischen Blättern und Zeitschriften werden grundsätzlich nur solche gehalten, welche von echt deutschen Männern in vater⸗ ländischem und volkstümlichem Sinne ge⸗ schrieben und geleitet sind. Mein Haus sei daher allen Frei⸗ und Treudeutschen als Heimstätte noch ganz besonders empfohlen. In diesem Sinne allen Vaterlandsfreunden unverfälschten treudeutschen Gruß und Heil!“ Bisher gab es nur Deutsche. Eine Steigerung ist der Freideutsche und der„Treu⸗ deutsche“. Das„Deutsche Blatt“ in Hamburg vom 28. April spricht schon von den„deutschesten“ Fragen. Nun möchten wir jeden Deutschen fragen: Bist du deutsch, deutscher, am deutschesten, Freideutscher oder Treu⸗ deutscher?“ Oder— Ulk⸗Deutscher? Ein hartnäckiger Deserteur. Eine seltene Ausdauer im Desertieren ent⸗ wickelte, wie der„Frkf. Ztg.“ aus Würzburg geschrieben wird, der Kanonier Adolf Ebert des 2. Feld⸗Artillerie-Regiments. Im Herbste 1895 wurde er in die Truppe eingereiht; nach einigen Tagen desertierte er und bekam nach seiner Ergreifung 7 Monate Gefängnis. Einen Tag nach seiner Entlassung aus dem Gefäng⸗ nis flüchtete er wieder, wurde abermals aufge⸗ griffen und zu 2 Jahren 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung dieser Strafe durfte er die Kaserne nicht mehr verlassen. Er führte sich gut, erhielt deshalb am 3. April auf sein Ansuchen einen Ausgehtag bewilligt und benutzte diesen zur dritten Desertion. Diesmal kam er nur bis Kitzingen, wo ihn ein nach⸗ radelnder Unteroffizier einholte und verhaftete. Das Militärbezirksgericht verurteilte ihn dies⸗ mal zu 5 Jahren 15 Tagen Zuchthaus, welches Urteil Ebert lächelnd entgegennahm, weil da⸗ durch sein sehnlichster Wunsch, vom Militär wegzukommen, erfüllt wurde. Unentgeltlichkeit der Lehrmittel. Für die Unentgeltlichkeit des Volksschul⸗ unterrichts und der Lehrmittel hat sich jüngst in einer Versammlung der Dresden elr Lehrerverein erklärt: Es heißt in der Resolution, die nach einem dieses Thema be⸗ handelnden Referat angenommen wurde, daß die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel in den Volksschulen ein notwendiges Korrelat des Schulzwanges sei. Weiter sei diese Einführung auch aus sozialen und päda⸗ gogischen Gründen geboten und dringend er⸗ wünscht. Es ist erfreulich, daß sich in der Lehrerschaft die Erkenntnis, wie notwendig und nützlich die Erfüllung beider Forderungen ist, immer mehr Bahn bricht. Rechtlosigkeit ländlicher Arbeiter. Ueber die Ursache des Arbeitermangels auf dem Lande ist ein Vertrag charakteristisch, den nach der„National⸗Zeitung“ ein pommerscher Rittergutsbesitzer mit einem„Vorschnitter“ ab⸗ eschlossen hat auf Lieferung von„etwa zehn dar pe kräftiger Leute und drei Burschen“. In§ dieses Vertrages heißt es:„Ungebühr⸗ liches Betragen, Trunkenheit oder sonstige Ar- beitsverweigerung oder schlecht gelieferte Arbeit berechtigen den Herrn, dessen Stellvertreter, auch den Vorschnitter, Strafe den Leuten auf⸗ uerlegen bis zu 3 Mark für jeden einzelnen Fall. Im Wiederholungsfalle tritt die Be⸗ stimmung des§ 3 ein“; das heißt„sie verlieren den Anspruch auf das rückständige Geld(der halbe Lohn wird als Kaution bis zum Schluß der Arbeit einbehalten) und die Rückreisekosten.“ Der 89 des Vertrages heißt:„In allen Streit⸗ sachen ist das persönliche Urteil des Herrn allein maßgebend und richterliche Ent⸗ scheidung ausgeschlossen.“— Da dürfen sich die Agrarier nicht wundern, wenn die Ar⸗ beiter sich nicht dazu verstehen wollen, durch 5 5 Bestimmungen sich völlig rechtlos zu machen. Eine„lausige“ Versicherung so schreibt die Naumannsche„Hilfe“— ist in Leipzig zustande gekommen. Sie nennt sich „Versicherung gegen Ungeziefer“ und ist zwischen der Bäckerinnung zu Leipzig und einem G. Zucht in Leipzig⸗Gohlis vorläufig auf drei Jahre abgeschlossen worden. Muß der Zweck der Versicherung erst noch deutlich erklärt werden? Es heißt darüber in dem Versicherungsvertrag: „Es verpflichtet sich Herr Gustav Zucht, den Mitgliedern der Bäckerinnung zu Leipzig auf ihren Antrag die in den Bäckereien der Mit⸗ glieder und deren Wohnräumen vorkommenden Unzuträglichkeiten durch Ungeziefer zu besei⸗ tigen.— Je nachdem die„infizierten“ Bäckereien 2 oder 5 oder mehr Gesellen und Lehrlinge beschäftigen, steigt die Versicherungsprämie von 15 auf 25 Mark im Jahre.“— Pfui, welche Schmutzerei! Und wenn sie so chronisch ist, daß man gar eine Versicherung mit ziemlich hohen Prämien abschließt, dann verdenkt man es den Bäckereiarbeitern, wenn sie Aufhebung des Kost⸗ und Logiswesens in der seitherigen Form beantragen? Müßten nicht alle Leute mit Reinlichkeitssinn schon allein durch dieses Leipziger Vorkommnisse die Bestrebungen der Bäckergesellen unterstützen? Geistliche Poesie. In einem Exemplar der„Geistlichen und Lieblichen Lieder“(u. s. w.) von Johann Porst (Berlin, Schatzsche Erben 1814), welches aus der Bibliothek der Gebrüder Grimm stammend, der Berliner Universitätsbibliothek gehört, ist auf dem inneren Pappdeckel ein Zeitungsaus⸗ schnitt eingeklebt mit folgendem Wortlaut: „In dem protestantischen, von dem Hoch— würdigen Konsistorium in Hannover versuchs⸗ weise oktroyierten Gesangbuch kommt folgende merkwürdige Stelle vor: Hetz Du mich arme Sündensau Mit Deiner Gnade Hunden! Wühl mir mit Deinem Gnadenkamm Die Sündenläus herunter! Zeuch, Herr, Dein Gnadenwamms mir an, Damit ich selig sterben kann.“ Das klingt ja beinahe so lieblich, wie jener Breslauer Gesangbuchsvers, der wie folgt lautet: Ich bin ein rechtes Rabenaas, Ein echter Sündenknüppel, Der seine Sünden in sich fraß, Als wie der Ruß' die Zwiebel. Herr Jesus nimm mich Hund beim Ohr, Werf mir'nen Gnadenknochen vor Und nimm mich Sündenlümmel In Deinen Gnadenhimmel. Der dritte deutsche Gewerk⸗ schaftskongreß. * In Bockenheim ist am Montag der dritte deutsche Gewerkschaftskongreß zusammen⸗ getreten. Vertreten sind 53 gewerkschaftliche Organisationen mit fast 130 Delegierten. Gäste sind anwesend als Vertreter der Gewerkschaften Dänemarks, Oesterreichs und der Schweiz. Aus Frankreich ist ein Enkel Carl Marx' an⸗ wesend, der junge Lafargue.— Von der um⸗ fangreichen Tagesordnung seien folgende Punkte genannt: Rechenschaftsbericht der Generalkommission. Berichterstatter: C. Legien⸗Hamburg. Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter. Referent: C. Legien⸗Hamburg. Die Gewerbeinspektion. Quarck⸗Frankfurt. Tarife und Tarifgemeinschaften im gewerk⸗ schaftlichen Kampfe. Ref.: E. Döblin⸗Berlin. Die Arbeits vermittlung. Referent: Th. Leipart⸗ Stuttgart; Korreferent: H. Poetzsch⸗Berlin. Arbeitersekretariate. Referent: M. Segitz⸗ Nürnberg. Die Stellung der Gewerkschaftskartelle in der Gewerkschaftsorganisation Deutschlands. Ref.: H. Stühmer⸗Hamburg. Dem Rechenschaftsbericht der Generalkom— mission an den Kongreß entnehmen wir folgende grundsätzlich wichtige Stellen: Die Zahl der Referent: Dr. M. Mitglieder der deutschen Gewerkschaften hat von einem Gewerkschaftskongreß zum anderen bedeutend zugenommen, und 1896 war der Verlust von Mitgliedern, der während der un⸗ günstigen Geschäftsperiode von 1892 und 1893 eintrat, vollauf wieder ausgeglichen. Von 1892 bis 1896 war ein Mitglieder zuwuchs von 12 207, von 1896 bis 1898 ein solcher von 162 725 zu verzeichnen. Vom Jahre 1892 bis 1898 hatten die Gewerkschasten einen Zu wuchs von 254932 Mitgliedern. Dieser Fort⸗ schritt der Gewerkschaftsbewegung ist es, der die Unternehmer anspornt, die Regierung zu einem Angriff auf die Gewerkschaften zu ver⸗ anlassen. Auf Antrag v. Elms bewilligte der Kongreß den in Brünn(Oesterreich) streikenden Textil⸗ arbeitern 25 000 Mark. Hessischer Landtag. Seit mehreren Tagen beschäftigt sich die zweite Kommer wieder mit dem Aus führungsgesetz zum bürgerlichen Gesetzbuch. Art. 78—81 behandeln die Haftung des Staates und der Kommunalverbände für ihre Beamten. Zu Art. 78, der die zioilrechtliche oder Strafrechtliche Verfolgung eines Beamten von der Vo rentscheidung des obersten Verwaltungsgericht oder einer Erklärung der vorgesetzten Ministerien abhängig macht, erklärt Justizminister Dittmar, er könne unter keinen Bedingungen darauf verzichten. Es würde den ganzen Organismus der staatlichen Einrichtung desorgani⸗ sieren, wenn der Richter allein über die Amtsführung des Beamten zu befinden habe und zum Beispiel der Minister oder Kreisrat lediglich der Jurisdiktion des Amtsrichters oder des Landgerichts unterworfen sei. Lehne man den Artikel ab, dann müsse die Regierung auf eine gesetzliche Regelung der Haftpflicht überhaupt verzichten. Abg. Metz spricht für die Beseitigung der Vorentscheidung, welche die Haftpflicht sehr wesentlich einschränkt. Redner geht ausführlich auf die Geschichte der Beamtenhaftpflicht ein. Die Vorentscheidung in Zivilsachen sei eine Errungenschaft der neueren Zeit. Früher habe man das in Hessen nicht gekannt. Nötig sei es keineswegs, den Beamten den ordentlichen Richtern zu entziehen. Nach längerer Debatte wurde mit allen gegen wenige Stimmen der§ 78 mit folgendem Zusatz angenommen: „Es gilt als Verzicht des Ministeriums auf eine Vorentscheidung, wenn das Ministerium nicht innerhalb eines Monats, nachdem ihm ein darauf gerichteter An⸗ trag des Beschädigten zugegangen ist, die Vorentscheidung beantragt.“ Partei ⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 14. Mai. Friedberg. Wahlverein. Vormittags 10 Uhr öffentliche Versammlung bei Kühn, Haagstr. II. Zahl⸗ reiches und pünkliches Erscheinen ist dringend geboten. Donnerstag, den 18. Mai. Fabrikarbeiter in Gießen bei Heuser, Schiffen⸗ bergerthal, abends 7 Uhr. Briefkasten der Redaktion. H. F. Daß am 5. Mai die hessische Kammer durch den„Präsident Justizminister Dittmar eröffnet“ sei, wie der„G. Anz.“ berichtete, ist natürlich unwahr. Es handelt sich wohl um einen Druck- oder Schreibfehler. Wegen Raummangel mußten verschiedene Ein⸗ sendungen bedeutend gekürzt, andere zurückgestellt werden. Letzte Nachrichten. Revision des Dreyfus⸗Prozeß. Die Frage, ob der Kapitän Dreyfus noch einmal in aller Form vor Gericht gestellt werden soll, wird sich nun in Kürze entscheiden. Der Bericht Ballot⸗Beauprés lautet auf Aufhebung des Dreyfus⸗Urteil und Verweisung Dreyfus' vor ein neues Kriegsgericht. Ballot⸗Beaupré habe zur Aufhebung ohne Verweisung geneigt, jedoch auf Vorstellung des Verteidigers Monard darauf verzichtet, weil die Familie Dreyfus Gewicht darauf lege, den Verurteilten durch das Kriegs gericht rehabiliert zu sehen. FFT. W Uuserer heutigen Nummer liegt eine Geschäftsempfehlung des Warenhauses von Adolf Baer, Schulstraße 6, bei. Nr. 20. Eeite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 5 zu lassen. Er wolle sie nicht durch die In⸗ nicht zurück. Oettinger durfte die Zerstörung N 1 e sinuation beleidigen, sie könnten ihrem Schwur in ihren Zügen nicht wahrnehmen, denn er —. ů 5 SSSrrrrrrrreebeeeeee Anterbaltungs Teil. — g Die Maschine heut und in der Zukunft. Der Ring der rollenden Weltenuhr weist uns die Verkehrtheit der herrschenden Seit, Sehet, wie heut Die Wahrheit stehet auf dem Kopf, Schauet, wie wider die Natur Der Mensch ist ein lebendiges Ding In einer toten Nand, Daß er mit Leib und Seel' ihr diene, Der Mensch ist Sklave der Maschine! Wie durch Saubers Bann Ein totes Ding Für und für Wendet den lebendigen Menschen an Mit des Dämons Macht Durch Tag, durch Nacht, Durch Schrecken und Graus, In Fabrik und Baus, Mann, Weib und Kind!— Seht, wie die Gier Not ausbrütet! Sehet, wie blind Mammon wütet! Vorwärts rollt die Weltenuhr, Vorwärts heut mit beschleunigtem Lauf.— Durch den eisernen Stachel der Not Aufgewühlt, Wacht der Menschheit Bewußtsein auf, Seht, die Verkehrtheit kehret sich um. Der Mensch, der mit Bewußtsein fühlt, Kann von Natur nicht Sklave sein. Und in der Sukunft Morgenrot, In dem neuen Gesellschaftsbau Die neu gegliederte Arbeiterwelt, Der natürliche Herr der Maschinen, Bekommt die Maschine in seine Hand Sum Segen, zum Sieg, zur Befreiung, Sur Erlösung der darbenden Menschheit! Aufhöret die Gier Und die Not mit ihr, Aufhöret der Fluch, den Mammon schafft, Und des Dämons gewaltige Kraft, Die Maschine, sie wird zur Spenderin Von Heil und Glück, zur Wenderin Von Pein und Weh, Sie wird zur schönheitstrahlenden Fee, Ihr Wesen ist Schenken. Aus des Elends Nacht blitzt Sonnenschein, Was nie war, nun will es werden: Seit haben, zu denken, Seit haben, ein Mensch zu sein, Das ist die Botschaft, die sie singt, Das ist die Gabe, die sie bringt Für alle Menschen gleich auf Erden! Leopold Jacoby. — vom Stamm gerissen. 191 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Oettinger verteidigte sich selbst. Beim Be⸗ ginnen der langen Rede des Staatsanwalts war die rerschleierte Dame von Tussy und Herrn Stern hinausgeleitet worden; als der Angeklagte aber das Wort ergriff, erschienen die drei wieder, nahmen jedoch in der Nähe der Thür, wo er sie nicht sehen konnte, Platz. Oettingers Rede war ein Meisterstück an Kraft und Klarheit der Sprache, umfassender Rechts kenntnis und scharfsinniger Widerlegung der gegen ihn erhobenen Anklage. Mit den glück⸗ lichsten Zitaten und Beispielen aus der Geschichte belegt, bildete seine Verteidigung eins der inter- essantesten Aktenstücke der Geschichte der sozialen Bewegung. Lautlose Stille lag über der Versammlung, über welche sich das weiche Abendlicht des langen nordischen Sommertages zu breiten be— ann. Die vor Aufregung blassen Züge des tedners sahen in demselben wie verklärt aus, als er sich jetzt an die Geschworenen wandte und sie warnte, bei ihrem Spruch sich nicht von Vorurteilen und Parteileidenschaft leiten untreu werden und wider Pflicht und Gewissen statt aufgrund des vorliegenden Beweismaterials ihr Verdikt abgeben; allein das Gewissen sei, wie schon Owen gesagt, ein Produkt der gesell⸗ schaftlichen Verhältnisse, in denen wir lebten, und es sei äußerst schwierig, auch für den Ge⸗ wissenhaftesten, sich dem Einfluß dieser Ver⸗ hältnisse zu entziehen.„Nicht über Handlungen haben Sie Ihr Verdikt abzugeben“, so schloß er,„denn ich bin keiner Handlungen angeklagt — Sie haben Ihr Verdikt darüber abzugeben, ob es Recht oder Unrecht ist, einen Mann wegen seiner Meinungen und Grundsätze zu verfolgen, ob die Partei, welche ich vertrete, außer Gesetz gestellt werden soll oder nicht, ob Sie die fried⸗ liche Lösung der sozialen Frage und statt des Kampfes die Versöhnung wollen. Wie auch Ihr Verdikt ausfallen möge— meine Ueber⸗ zeugung wird es nicht ändern. Sie können mich auf Jahre in den Kerker schicken, die Ideen, die ich vertrete, bleiben davon unberührt. Es giebt für mich nur einen Weg: den der Pflicht, nur ein Banner: das Banner der Ge⸗ rechtigkeit und des Menschentums.“ Der Eindruck der Rede war ein mächtiger, selbst der Gerichtshof konnte sich demselben nicht entziehen. Durch das Publikum ging ein Murmeln, welches wie das erste Aufstöhnen des Meeres nach lang anhaltender Windstille klang. Der Präsident mußte zur Ruhe mahnen. Jetzt zogen sich die Geschworenen in das Be— ratungszimmer zurück. Wie Blei lag es auf der Versammlung, bis sie in dem mittlerweile erleuchteten Saale wieder erschienen. Der Wahrspruch lautete auf„Schuldig“. Als der Obmann ihn verkündigte, ertönte ein leiser Schrei im Saale und dann entstand ein Geräusch von scharrenden Füßen, als ob mehrere Per- sonen etwas hinaustrügen. Oettinger war totenbleich geworden, nicht sowohl wegen des Spruchs der Geschworenen, welchen er kaum anders erwartet hatte, als wegen des Aufschreis, von dem er wußte, daß er von Valeska kam. Nur an sie dachte er. Er hörte kaum noch auf das Urteil, welches der Präsident verkündete und welches auf zwei Jahre Gefängnis lautete. Wie ein dichter Nebel legte es sich auf seine Sinne, aber er bewahrte seine feste männliche Haltung, und als er gefragt wurde, ob er noch etwas zu sagen hätte, verbeugte er sich stumm und schritt dem Ausgange zu. Valeska wurde in bewußtlosem Zustande nachhause gebracht. In den Wochen, welche die Voruntersuchung in Anspruch genommen, hatte sie nur selten das Bett verlassen können. Ein verzehrendes Fieber sog ihr die Kräfte aus. Umsonst kämpfte ihr starker Geist gegen die zunehmende Schwäche des Körpers— umsonst fachte die Hoffnung auf Oettingers Freisprechung die Lebensflamme von Zeit zu Zeit wider an, sodaß sich die Kranke zuweilen erheben konnte und eine schein⸗ bare Besserung in ihrem Zustande eintrat. Sie welkte dennoch unaufhaltsam dem Grabe ent⸗ gegen. Zwei der geschicktesten Aerzte der Stadt standen ratlos und die Ohnmacht ihrer Kunst bejammernd an diesem Krankeulager. Den mehrtägigen Verhandlungen beizuwoh— nen, war für Valeska, so sehr sie danach ge— strebt, ein Ding der Unmöglichkeit. Der Vater mußte ihr jeden Abend berichten, und sie sah seiner Rückkehr stets mit heißer Ungeduld ent⸗ gegen. Ihr Zustand verschlimmerte sich dadurch zusehends, in den Nächten phantasierte sie. Den Tag der Eutscheidung aber wollte sie miterleben. Sie wollte, sie mußte den Triumph des Ge— liebten teilen, denn ob freigesprochen oder ver— urteilt, er blieb für sie der Triumphierende. Als der Tag herankam, raffte sie mit der Willenskraft, die ihr zu Gebote stand, ihre Kräfte zusammen, ließ sich von Tussy ankleiden und von dem Vater die Treppe hinab in eine Droschke tragen. Vor dem Gerichtsgebäude angekommen, that sie sich, um kein Aufsehen zu erregen, soweit Gewalt an, um selbst aus⸗ zusteigen, und, auf die Ihrigen gestützt, in den Den Schleier aber schlug sie Saal zu gehen. brauchte heute alle seine geistigen Fähigkeiten. Der Schritt Valeskas war ein gefährliches Experiment, welches ihren Tod unmittelbar zur Folge haben konnte; aber wer hätte es vermocht, sie davon abzuhalten, das letzte bittere Glück zu kosten, sie, die dem Tode doch geweiht war. Selbst die Aerzte wendeten nichts da— gegen ein. In der Nacht steigerten sich die Fieber⸗ phantasien. Sie sah den Geliebten mit ge⸗ fesselten Händen wie auf jenem Transport von Neukirch auf das Bezirksgericht, Männer um⸗ ringten ihn und einer schlug mit Hacke und Spaten auf ihn ein, und sie mühte sich, ihn zurückzureißen, um den Geliebten mit ihrem Leibe zu decken. Dann sah sie ihn wieder im Gefängnis, in einer feuchten dumpfen Höhle, abgemagert und blaß, und man wollte sie nicht zu ihm lassen, sie streckte jammernd die Arme nach ihm aus und rief seinen Namen in herz⸗ er eee Tönen. Dazwischen sprach sie von er Hochzeit und wie sie geschmückt sein wollte, und nannte die Brautjungfern, die sie haben wollte. Tussy lag, von Fieberschauern geschüttelt, vor dem Bett der Schwester auf den Knieen, die alte Regine suchte beide zu beruhigen. Herr Stern saß zusammengekauert bald in diesem, bald in jenem Winkel, scheue Blicke auf die Kranke werfend, oder schritt im Nebenzimmer schwerfällig auf und ab. So verging die kurze Sommernacht. Auf dem Wege aus dem Sitzungssaal war Oettinger von einem der Gerichtsdiener ein Zettel zugesteckt worden. Als er ihn in seiner Zelle auseinanderschlug, erkannte er Tussys Schriftzüge.„Fordern Sie, daß Sie Ihre Braut noch einmal sehen dürfen. Es hat die höchste Eile“— stand mit Bleistift darauf. In halbem Wahnsinn schritt er in seiner Zelle hin und her. Heute war nichts mehr zu thun, der Gefängnis⸗ wärter aber, welcher ihn während seiner Unter⸗ suchungshaft lieb gewonnen hatte, wie ihn jeder aus dem Volk, der ihm nahe trat, lieb gewann, versprach ihm, gleich morgen früh sein Gesuch beim Gefängnis⸗Inspektor vorzubringen. Es war ihm schon mehrmals abgeschlagen worden, aber jetzt konnten sie es ihm nicht weigern, bevor er die Strafhaft antrat, die Seinigen noch einmal zu sehen. Wird doch dem zum Tode verurteilten gemeinen Verbrecher eine letzte Bitte gewährt. So durfte er, von zwei Schutz⸗ leuten begleitet, in einer Droschke nach dem Hause am Wasser fahren. Gegen zehn Uhr hielt die Droschke vor der Thür. Mit drei, vier Sprüngen war Oettinger oben. So leicht sein Schritt gewesen, Tussy hatte ihn erkannt und trat ihm auf dem Flur entgegen. Unwillkürlich schloß er das bleiche Kind in seine Arme. „Wie steht es, Tussy, um Gottes willen“, hauchte er. b „Schlecht, armer Kurt. Sie werden sie sehr verändert finden. Fassen Sie sich.“ O Gott, war das Valeska, das lebensvolle, schöne Wesen, welches dort wachsbleich mit ein⸗ gesunkenen Zügen und bläulichen Lippen auf dem Bette lag? Laut aufweinend stürzte er neben der Geliebten auf die Kniee und barg sein Gesicht in ihren Kissen. Sie hatte ihn anfangs nicht erkannt. Dann aber kam ein seliges Lächeln in die schon todes— starren Züge und, ihre Wangen an die seine schmiegend, streichelte sie ihm das Lockenhaar. „Ich kenne Dich, Du bist mein Kurt. Ich bin noch nicht so krank. mir. Wir trennen uns nicht mehr, nicht wahr? Ich singe Dir auch schöne Lieder vor, weißt Du, das von der Liebestreu, das Du immer so gern hörtest— besonders den Schluß. Wie ist es doch?“— und sich mit der letzten Kraft ein wenig aufrichtend, sang sie mit erlöschender Stimme: „O Mutter, und splittert der Fels auch im Sturm, Meine Treue, sie hält ihn aus.“— Sie hatte die letzten Worte nur geflüstert — sie sank zurück— vom Arm des Geliebten umfangen, hauchte sie nach kurzem Kampfe sanft ihr Leben aus. Ziehen wir einen Schleier über das, was folgte.—. Jetzt bleibst Du bei 17 n 2 Ihrer cat i finger a elke, ih An 5 auen al 63 fi laut u 10 die Cie Alhen scho höher kom fold s zun Filten um Auch 1 chmalen 6 di Stadt bereits im suude, 00 penig zul Gdfalte! fande vel, i lustige Rühle, d mit dem f Felswänd And wer Weinberg Stadt hen gerlorenel hlex statt abseits d teht das familie. ein jung stilles, e täglichen einem de den deut —— b 2 cupfehlt prima ö ten. sche bar e ez ltere Leiht 8 eber⸗ i ge⸗ Von, um. 1 ihn hem in öhle, licht Arme herz⸗ bon llte, gaben telt, ficen, Herr gem, die mer eee 5— kurze War eil einer usss Fraut llbem her. gnis⸗ inter⸗ jeder haun, esuch 05 rden, iger, nigen zum letzte chu dem uche r der uingel, 11 lr eiche len“ e seht voll, t eil⸗ l auf te el balg Dann 'odes⸗ seint 90 Nr. 20. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Seite 7. An dem Tage, an welchem man der Erde eines ihrer schönsten Gebilde zurückgab, wurde Oettinger nach der Festung Lötzen abgeführt. Valeskas irdische Hülle lag in Blumen ge⸗ bettet, ihr Sarg war ganz davon bedeckt. Eine Myrthenkrone, mit weißen Rosen durchflochten, prangte zu Häupten desselben. Ihre Schüler⸗ innen aus M. hatten sie gesendet. Schluß. Es sind vier Jahre verflossen. Der Genfer— see blaut unter einer warmen Märzsonne. Sie hat die Eismäntel der savoyer und waadtländer Alpen schon tüchtig ausgefranzt, und immer höher kommt das sammtne Grün des Unter— kleid s zum Vorschein, das deren Fuß in weichen Falten umwallt. Auch in Vallon bei Lausanne, einer tiefen, schmalen Einsattlung des Mont Jorat, auf dem die Stadt gebaut ist, schimmern die Felswände bereits im Frühlingsgrün der Birke und Hasel⸗ staude, obgleich die Vegetation hier immer ein wenig zurück ist. Die Sonne dringt in diese Erdfalte nicht so leicht hinein, und diesem Um⸗ stande verdankt das Thal, das der klare Ilon in lustigen Sprüngen durcheilt, außer einer Mühle, das einzige Etablissement, welches es mit dem städtischen Leben verknüpft. Die kühlen Felswände verlockten zum Anlegen einer Brauerei, und wer den schmalen, zwischen Gärten und Weinbergsmauern führenden Fußpfad von der Stadt herkommt, ist erstaunt, in dieser welt⸗ verlorenen Einsamkeit plötzlich auf einen Kom⸗ plex stattlicher Gebäude zu sehen. Ein wenig abseits davon, von einem Garten eingehegt, steht das freundliche Wohnhaus der Brauer⸗ familie. Hier hat sich vor etwa einem Jahre ein junger Deutscher eingemietet, der ein sehr stilles, eingezogenes Leben führt. Außer seinem täglichen Gang nach dem Pensionat Champuis, einem der vornehmsten der Stadt, in dem er den deutschen Sprach- und Litteraturunterricht 1 r Konfirmatie Markus Gauer, Gießen, erteilt, und seinen Streifereien durch das Thal und längs den Ufern des Sees, sitzt er beständig an seinem Schreibtisch. Seine Wirtsleute haben eine stille Verehrung für den ernsten jungen Mann mit den schönen traurigen Zügen, in denen eine schicksalsschwere Vergangenheit ge⸗ schrieben steht, und die doch wieder so gütig zu lächeln, so viel menschliche Teilnahme aus⸗ zudrücken vermögen. Es ist unser Freund Kurt Oettinger, der hier ein stilles Asyl nach dem Sturm, der seine Jugend verwüstet, gefunden hat. Nach zwei⸗ jähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen, hatte er vergeblich gesucht, sich im Vaterlande zu halten. An die Gründung einer Existenz oder auch nur an eine bescheidene Unterkunft war nicht zu denken. Eine Stelle als Hauslehrer mußte er aufgeben, weil die Regierung fand, daß „seine Vergangenheit keine Garantie für seine Moralität böte“. So hatte er den Wanderstab ergriffen und dem Vaterlande den Rücken ge⸗ kehrt, um in freierer Luft für die Verwirklichung seiner Ideen zu arbeiten. Eben kehrte er aus der Pension Champuis zurück, in welcher Wohnung zu nehmen er trotz der inständigsten Bitten des Institutsvorstehers entschieden abgelehnt hatte. Er wollte sich nicht in das Joch eines Institutslehrers spannen. Er wollte seine Zeit unbehindert den großen Arbeiten widmen, die er sich vorgesetzt. Das Unterrichten war ihm nur Mittel, nicht Lebens⸗ zweck.(Fortsetzung folgt.) — 2 Sprüche zur Lebensweisheit. Doppelte Schwing' hat die Zeit. Mit der einen entführt sie die Freuden, Doch mit der anderen sanft kühlt sie den thränenden Blick. * 2. Die Noth entwickle das Talent, behauptet Ihr ernst und kräftig. Wohl, sie gleicht dem Salz Der Speise: Etwas nützt, doch viel verdirbt. * Die Jugend ist nicht reich an Zeit— ja vielleicht arm. Gib sie, wie Geld, mit sparender Hand aus; zahle keinen Augenblick hin, ohne damit so viel zu erkaufen, als es wert ist. Humoristisches. Ein Kanadier.„Woßu so vielle Policemen? — In London, in Paris, in New⸗Hork— große Städte!— nicht so ville Policemen fßusammen as in Berlin.“ „Det ist nun man blos von wejen die öffentliche Sicherheet.“ „Berliner Volk muß sein sehr unsivilisirte Volk, sehr rohe Volk, daß ist nötig so ville Policemen!“ „Nee, det stimmt nu man jrade nich. Die Berliner det sind die Jebildetsten von det janze deutsche Reich.“ „Allright— würde ich, wenn ich wäre Berliner Volk, Regierung verklagen wegen Ehrbeleidigung.“ „Det ooch noch! Denn sitzen Se drei Monate von wegen Iroben Unfug.“(Simplic.) Neu eingelaufene Schrifien. Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor. „Die Kirche im Dienste des Unter⸗ nehmertums““ von Richard Calwer. Eine Streitschrift. Verlag:„Vorwärts“, Berlin. Preis 10 Pfg.— Calwer weist nach, wie die heutige Geistlichkeit vielfach im Gegensatz zum Stifter der christlichen Kirche im Dienste der Reichen steht.„Wo verleiht die Kirche diesen Grundsätzen der christlichen Religion Nachdruck? Einem Fürsten gegenüber wagen ihre Vertreter überhaupt nicht mehr strafend und ins Gewissen redend aufzutreten. Die vom Christentum verbotene Todesstrafe, das Duell, den gerichtlichen Eid billigen sie, sie verteidigen ihn geradezu. Reserve⸗Offiziere stehen auf den Kanzeln und ein Freiherr von Stumm kann die Vertreter der Kirche mundtod und den Reichen gefügig machen.“— Das Schriftchen ist sehr lesenswert. Bei Massenverbreitung wird bedeutender Preisnachlaß gewährt. Konsirmanden⸗Anzüge in Tuch, Buckskin und Kammgarn von 9 bis 25 Mark. Kirchenplatz 11. Aufertigung nach Maß in eigener Werkstätte. Ph. Steinmüller XI. Heuchelheim. Braustrasse 13. Peter Leppla Nenstadt 79 Neustadt 79 offeviert rein wollenen Cheviot Restkoupons, passend zr kompl. 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Zu beziehen durch Buchhandlung Schneider, Gießen, Sonnenstraße 25. Kölner Konsum-Austalt C. F. Hackenberg Gießen— Alsfeld Homberg a. d. O. ä Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 20. Teussefst glosse Auswahl.— h. Infolge großen Umlatzes ktets neuer Tlareneingang. Knaben⸗Stroh⸗Hüte 25, 38, 55, 75 Pfg. dec. Herren⸗Stroh⸗Hüte 28, 38, 55, 70 Pfg. dc. Mädchen⸗Stroh⸗Hüte ungarn. 48, 65, 75, 90 Pfg. ꝛc. Mädchen⸗Stroh⸗Hüte garnirte 65, 90, 100, 115 Pfg. ꝛc. Damen⸗Stroh⸗Hüte ungarn. 58, 70, 90, 98 Pfg. dc. Damen⸗Stroh Hüte garnirte 78, 90, 98, 115 Pfg. ꝛc. Weiße Erstlingshemdehen 5, 10, 20 Pfg. dc. Weiße Mädchen⸗Hemden 38, 40, 48 Pfg. ꝛc. Weiße Stickerei⸗Kinder⸗Hosen 38, 45, 55 Pfg. dc. Rosafarb. Kinder⸗Fancy⸗Hosen 28, 33, 42 Pfg. ꝛc. Kinder⸗Lätzehen A, 8, 12 Pfg. ec. Gestrickte Jäckchen 12, 15, 22 Pfg. ec. Damen⸗Garten⸗Hüte 38, 48, 55 Pfg. ec. Stickerei⸗Kinder⸗Kragen 5, 10, 15 Pfg. c. Blaue Deckel⸗Mützen für Herren⸗Cravatten, Knaben und Mädchen 24, 32, 43, 65 Pfg. ze. 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