6. Jahrg. RNedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Nr. 11. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Gießen, Sonntag, den 12. März 1899. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Abounementspreis: Bestellungen Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags ⸗ Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalt. Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg. dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestenz Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und] mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6mal. Bestellung eee en essen — * die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 4312.) 33 // und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50⅝ é Rabatt Zur Agrarfrage. Ill. Brauchen wir ein Agrarprogramm? Diese Frage stellt Kautsky im ersten Kapitel des zweiten Abschnitts seines Werkes. Im ersten Abschnitt hatte er dargelegt, daß die Industrie bestimmend für die gesamte Gesellschaft werde, und daß die Landwirtschaft relativ immer mehr an Bedeutung verliere. Die wachsende Macht der Industrie bedeutet aber auch wachsende Macht des Proletariats. Im Jahre 1848 betrug die landwirtschaftliche Bevölkerung un⸗ gefähr drei Vierteile der Gesamtbevölkerung, 1882 noch über zwei Fünftel, heute nur mehr etwas über ein Drittel. Von 1882 bis 1895 nahm zwar die Zahl der landwirt⸗ schaftlichen Betriebe um 281 973, die wirtschaft⸗ lich bebaute Fläche um 648 969 Hektare zu, allein die Landbau treibende Bevölkerung und trachten nach möglichst hohem Gewinn aus dem Verkauf ihrer Produkte. Anders der Kleinbauer. Er fristet, wie J. Heinrich in der„Neuen Zeit“(Nr. 15, 1894/95) darlegte in einem Aufsatz über„die Lage der hessischen Kleinbauern“ im Regierungsbezirk Kassel, vielfach das denkbar schlechteste Dasein, seine Nahrung ist geradezu elend zu nennen. Nicht selten arbeitet er bei größeren Besitzern, um Bargeld in die Hand zu bekommen, zu seinem eigenen Schaden, denn er muß sein Feld zur Unzeit bestellen und veernten. Allein er muß mit dem teilweisen Verkauf seiner Arbeitskraft rechnen. Im Winter arbeitet er nicht selten im Wald, nachdem er vorher seine Wirtschaft besorgt, Futter geschnitten und gedroschen hat. Im Frühjahr beginnt die Zeit des Hungerns: er muß borgen. Nach der Ernte hat er das Er⸗ borgte zurückzugeben, Steuern, Zinsen u. s. w. zu zahlen, sodaß nichts übrig bleibt, als die 5 5 55 — ß würden im gegenwärtigen Staat, der eine Herr⸗ schaftsinstitution ist, dazu benutzt, die Getreidepreise auf einer gewissen Höhe zu er⸗ halten, den Kapitalisten ihre Zinsen zu garan⸗ tieren und den Grundbesitzern eine Herabsetzung des Zinsfußes zu bringen, alles auf Kosten der Steuerzahler. Aber wenn staatssozialistische Mittel zu ver⸗ werfen sind, sollte dann vielleicht die Gemeinde⸗ wirtschaft in der Landwirtschaft den Hebel bilden, mit deren Hilfe man heute schon die stockende Eatwickelung in der Landwirtschaft beschleunigen und in die Richtung zum Sozialismus drängen könnte? Ist nicht der Dorfkommunismus eine uralte Einrichtung, die dem Bauern näher steht, als dem Städter? Das Gemeindeeigentum an Grund und Boden in der Markgenossenschaft entsprang den Bedürfnissen einer Betriebsweise, die heute völlig veraltet ist. Sie neu zu beleben und auszudehnen, wäre sinnlos, wollte man 5 ing um 724 148 Köpfe zurück. Verliert somit 1 ien, 0 für die gesamte Gela die 1 Aussicht auf neue Not. Bei seinem Geldmangel nicht auch gleichzeitig zur alten Betriebsweise det an Bedeutung, so wäre nach Kautsky nichts ver⸗[kann er nur wenig und schlecht kaufen. Die zurücktehren. Heute wird die Neuschaffung von * kehrter, als der Schluß daraus, daß die Sozial⸗ Wohnung ist ärmlich und dürftig ausgestattet. Gemeingütern gefordert im Interesse der Groß⸗ demokratie den landwirtschaftlichen Verhältnissen] Der Bauer, welcher in solch trostloser Lage sein grundbesitzer, um dadurch die ländlichen Arbeiter keine weitere Beachtung zu schenken brauche, Dasein verbringt, wird im Laufe der Zeit zu dauernd an die Scholle zu fesseln. Sie soll als dt weil wir uns zusehends den englischen Zuständen uns stoßen. Das haben ja auch in unserer Herrschaftsmittel zur Unterjochun; der Land⸗ nähern, wo nur noch 10 Prozent der Bevölkerung] Gegend die letzten Reichstagswahlen bewiesen. bevölkerung dienen, aber nicht zur Schaffung in der Landwirtschaft thätig sind. Anders der Bauer, wenn er noch hofft, auf einen eines eee, zum Sczialismus. und⸗ Es ist aber für das Proletariat nicht gleichgiltig, grünen Zweig zu kommen, durch Ersparnisse es 1 dürfen wir Sozialisten aber nicht die Hand ob die Lebensmittelpreise hoch oder niedrig sind, dahin zu bringen, daß er durch Ankauf von ieten. in A t i ö noch weniger, ob die Lebenshaltung der Land⸗ Grund und Boden selbständiger Bauer wird. Ist nun ein Agrarprogramm mit den be⸗ 1 bevölkerung auf tiefer Stufe sich befindet, und Diese Hoffnung nähren in ihm die bürgerlichen sprochenen Maßnahmen aus den vorgetragenen 1) ͤ- ädti ri ückbleibt. kommt, soziale u. s. w. Sollen wir das gleiche thun? U. 4 7 e ad wenn nicht, wie können wir ihn aus seiner und der Landbevölkerung zu bieten? Darüber WA daß die Landwirtschaft, je mehr sie an öko⸗ nomischer Bedeutung verliert, um so mehr an politischer Bedeutung gewinnt. Das Privat⸗ eigentum an Grund und Boden ist durch die kapitalistische Produktionsweise tiefer, als das an den Produktionsmitteln erschüttert worden. Und elenden Lage befreien, ihm der Vorteile der Zivilisation teilhaftig machen? Hören wir Kautsky weiter.— Was die Sozialdemokratie den Proletariern verweigern muß, darf sie den Bauern auch nicht gewähren: in den nächsten Artikeln. Elenchus. Politische Bundschau. * Gießen, den 10. März. 75 da die Landbevölkerung die Masse der„staats⸗[den Schutz ihrer Berufsstel lung. Arbeiter⸗ 5 rz. erhaltenden“ Parteien stellt, so nehmen sich ihrer] schutz bedeutet Schutz der Arbeits⸗ und Lebens⸗ Zum Dresdener Zuchthausurteil. diese Parteien ganz besonders an. kraft der Arbeiter; Bauernschutz, wie er ver⸗ Im„Vorwärts“ wirft ein praktischer * Die großen Veränderungen in den landwirt⸗ standen wird, bedeutet nicht Schutz der bäuer⸗ Arzt die Frage auf, ob die Verletzungen des a a Verhältnissen während der letzten] lichen Persönlichkeit, sondern des bäuerlichen] Bauunternehmers Klemm wirklich so schwere ahrzehnte legten auch der Sozialdemokratie[Eigentums. Dieses ist aber gerade die Haupt⸗ waren, daß sie die Bejahung der Schuldfragen die Pflicht zu deren eingehenderem Studium ursache der Verelendung des Bauern.„Der nach„versuchtem Totschlag“ rechtfertigten. Er 5 und die Erörterung der Frage nahe, in welcher[ Bauernschutz ist nicht Schutz gegen die Verelen⸗Tzieht dies stark in Zweifel und schreibt u. a.: Weise sie hier agitatorisch einzugreifen habe.] dung des Bauern, er ist Schutz der Fesseln, die„... Wenn sich bezüglich der schwersten Die verschiedensten Vorschläge tauchten auf, in⸗Jden Bauern an sein Elend ketten. Bauernschutz Verletzung des Klemm(angeblich ein Schädel⸗ sonderheit forderte man ein Agrarprogramm mit bedeutet aber auch Schutz und Förderung des bruch) ein diagnostischer Irrtum des Arztes 5 Maßnahmen für den Bauernschutz. bäuerlichen Warenabsatzes. Je mehr er Lebens⸗ bestätigte, so bleiben als Verletzungen des lter Mit dem Wort„Bauer“ wird eine Klasse] mittel verkauft, um so weniger konsumiert er“. Klemm nur noch zahlreiche Blutbeulen übrig, bezeichnet, die in ihrer sozialen Lage große Unterschiede aufweist. Der Großbauer, wozu man im allgemeinen schon die Besitzer von 20 bis 100 Hektaren Land zählen kann, fühlt sich in seinen Interessen, auch in der Ausbeutung der Lohnarbeiter(Knechte, Mägde, Tagelöhner) eins mit den Besitzern der Großbetriebe. Auch der mittlere Bauer, soweit er mit fremder Hilfe für den Markt produziert— hierzu werden die Be⸗ 1 von 5 bis 20 Hektar gerechnet— hat mit em Proletariat keine gemeinsamen Interessen. Die Arbeiter sind Konsumenten und haben daher ein Interesse an niedrigen Lebensmittelpreisen, die mittleren und Großbauern sind Produzenten Siehe Nr. 8 der Mitteld. 1 S.⸗Ztg. (S. 320). Milch, Eier, Fleisch, werden dann durch Kartoffeln, Schnaps und Kaffeebrühe ersetzt. Die Hebung seiner Lage erkauft er durch Ver⸗ kümmerung als Mensch. Ein Agrarprogramm ließe sich aber auch in der Weise auslegen, daß es Mittel und Wege angeben soll, die landwirtschaftliche Entwickelung zu beschleunigen, Maßnahmen zur Hebung der Bauernschaft, um ihr den Uebergang zu sozia⸗ listischer Produktion zu erleichtern. Man hat da an die Verstaatlichung des Grunds und Bodens, der Hypotheken und des Getreidehandels gedacht. Aber seitdem die Getreidepreise sinken, seitdem die Grundrente zurückgeht, die Hypotheken⸗ zinsen dagegen steigen, würden diese Maßnahmen die große Masse des Volkes schädigen. Sie wie sie z. B. bereits entstehen, wenn ein Lehrer mit einem Rohrstock kräftig den Schüler ver⸗ prügelt, und dann würde kein Geschwo⸗ rener die Frage des versuchten Totschlags bejaht und kein Richter an die Verfügung einer derartigen Strafe gedacht haben können. Denn während bei einem Schädelbruch noch vom ärztlichen Sachverständigen die Schädel⸗ verletzung als eine das Leben bedrohende be⸗ zeichnet werden würde, müßte die Frage beim bloßen Bestehen von Blutbeulen und Fehlen jeder inneren Verletzung auf das entschiedenste verneint werden.“ Der Arzt hält einen Schädelbruch für aus⸗ geschlossen, er verlangt noch eine nachträg⸗ liche Untersuchung Klemms für erforderlich. Seite 2 Mitteldentsche Sountags-Zeitung. Nr. II. „Es wäre schön, wenn wenigstens durch Ausschluß jedes Irrtums die in wenigen Tagen geschehene Heilung eines echten Schädelbruches einmal der staunenden Mitwelt verkündet werden könnte.“ Da wird wohl jeder dem Arzt Recht geben, wenn er in Zweifel zieht, daß ein Schädelbruch in wenigen Tagen geheilt werden könne. War aber kein Schädelbruch vorhanden, dann wird die furchtbare Strafe dem Volke noch unver⸗ ständlicher. Wegen Majestätsbeleidigung. 119 ½ Monate, also rund zehn Jahre Gefängnis und 6 Monate Festung sind im Monat Februar wegen Kaiserbeleidigung verhängt worden. Insgesamt waren im Februar, soweit durch die Zeitungen bekannt geworden ist, vor deutschen Gerichten 37 Majestätsbeleidiger an⸗ geklagt, davon wurden nur 8 freigesprochen. Im Januar und Februar sind insgesamt 85 Staats⸗ bürger wegen Kaiserbeleidigung verurteilt worden und zwar zu rund 27 Jahren Gefängnis. Bestrafte Wahrheitsliebe. Im Reichstag wurde durch unseren Genossen Bebel am Freitag festgestellt, daß ein Soldat mit 14 Tagen Gefängnis bestraft worden ist, weil er vor Lericht die Wahrheit gesagt hat. Bebel führte aus: Ich komme nun zu einem eigentümlichen Fall, der sich in Elbing zu⸗ getragen hat. Einer unserer Parteigenossen war zur Reserve eingezogen und wurde in einer Sache als Zeuge vor das Schöffengericht in Marienburg vorgeladen. Der Vorsitzende fragte ihn, ob er Sozialdemokrat sei. Meines Erachtens hat er überhaupt ke in Recht, nach der politischen Ueberzeugung des Zeugen zu fragen. Der Soldat antwortete„in Zivil ja“. Die Elbinger Militärbehörde erkundigte sich dann bei ihm, ob ihm die Korpsbefehle be⸗ kannt seien und am 14. Oktober erhielt er den Befehl, eine 14 tägige Arreststrafe anzu⸗ treten. Der Mann wußte nicht, weshalb; er fragte nach dem Grunde, erhielt aber keine Antwort, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die Strafe anzutreten: Seine Frau wandte sich an das Kriegsministerium und erhielt von dem Generalkommando des 17. Armeekorps den Bescheid, daß ihr Gatte wegen Uebertretung des Korpsbefehl vom 22/3. Februar 1894, wonach jede Bethätigung soziald emokratischer Gesinnung verboten ist, zu 14 Tagen Haft verurteilt sei. Er habe sich in Uniform vor Gericht als Sozialdemokrat bekannt.(Hört, hört! bei den Sozialdemokr ten. Abg. Stadthagen: Direkte Verleitung zum Meineid! Glocke des Präsidenten). Präsident Graf Ballestrem: Ich ersuche die Herren, keine Zwischenrufe zu machen. Abg. Bebel Cuortfahrend): Was sollte der Soldat thun? Er hat seine Antwort vor Gericht so abgeschwächt wie möglich gegeb n. Hätte er die Antwort verweigert, so hätte das Gericht Zwangsmittel gegen ihn angewandt. Würde er die Wahrheit nicht gesagt haben, so hätte er einen Mein eid begehen müssen und wäre mit Zuchthaus bestraft worden, und nun bitte ich Sie in aller Welt, wie kann ein Mann, der vor Gericht die Wahrheit gesagt hat, deshalb mit 14 Tagen Haft bestraft werden?(Sehr wahr! links). Das ist einfach unglaublich, daß so etwas vor⸗ kommen kann, und ich möchte den Herrn Kriegs⸗ minister dringend bitten, mir zu sagen, ob die Vorgänge sich wirklich so zugetragen haben. Ich halte es einfach für unglaublich, daß solche Dinge passieren. Darauf hat später der Kriegsminister von Goßler geantwortet: Der Fall wäre gar nicht zur Kenntnis der Militärbehörde gekommen, wenn nicht die Königs⸗ berger„Volkstribüne“, ein sozialdemokratisches Blatt, ihn hervorgehoben und den Soldaten Wiese in ihrem Sinne ausgenutzt hätte. In dem Blatte heißt es: Zeuge Wiese wurde vor seiner Vernehmung vom Vorsitzenden gefragt: Sind Sie Sozialdemokrat? und er sagt:„In Zivil ja.“ Vor der Militärbehörde hat Wiese die Wahrheit dieses Thatbestandes zugegeben und deshalb 14 Tage Arrest erhalten.(Hört, hört! links). Meiner Meinung nach mit vollem Recht.(Ruf links: Er sollte wohl meineidig werden.) Durch Befehl war ihm jede Bethätigung sozialdemo⸗ kratischer Gesinnung Dritten gegen⸗ über untersagt, und er kannte diesen Befehl. Da die Frage vor der eidlichen Vernehmung erfolgte, so hätte er ruhig die Antwort geben können:„es ist mir verboten, darüber auszusagen“, und der Vorsitzende hätte ihm sicherlich dann unter seinem Eid die Frage nicht mehr vorgelegt; er hätte auch nach der Ver⸗ eidigung die gleiche Antwort geben können, ohne daß er die Gefahr eines Meineids herauf⸗ beschworen hätte. Es ist zwar, wie Bebel auch sagte: un⸗ glaublich, leider aber wahr. Am nächsten Tag hielt dann der nationalliberale Paasche seine fromme Rede. Man vergleiche diese mit dem Verhalten des sozialdemokratische Soldaten, der dem Bibel wort gemäß handelte, welches lautet: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Uebel!!! 5 In Zivil, ja! Die vorstehende Mitteilung wird noch viel erstaunlicher, wenn man folgende Auslassungen der„Berl. Volksztg.“ liest: Der Kriegsminister erklärte im Reichstag:„Wäre der Mann unter dem Eide vernommen worden, so hätte selbst⸗ verständlich eine Bestrafung nicht er⸗ folgen können.“ Jetzt wird der„Nationall. Korresp.“ aus parlamentarischen Kreisen mit⸗ geteilt, daß der Reservist Wiese, ein Maurerpolier aus Elbing, der in seiner Uniform als Lazareti⸗ gefreiter in der Verhandlung erschienen war, den Zeugeneid bereits geleistet hatte, als er auf die Frage, ob er Sozialdemokrat sei, ant⸗ wortete:„In Civil, ja!“ wäre der Mann auch nach Ansicht des Kriegs⸗ ministers zu Unrecht verurteilt. Man darf gespannt sein, wie sich nunmehr der Kriegs⸗ minister verhalten wird. Rohheitsverbrechen u. Sozialdemokratie. Wie verlogen die gegnerischen Behauptungen sind, daß die Sozialdemokratie die Rohheits⸗ vergehen befördere, zeigen am besten die amt⸗ lichen statistischen Mitteilung über die Be⸗ strafung wegen schwerer Körperverletzung. Auf je 10 600 strafmündige Personen wurden im Jahre 1897 wegen schwerer Körperverletzung bestraft: In Ostpreußen, wo auf dem Lande die Junker nahezu unumschränkt herrschen und erzieherisch wirken, wo die Sozialdemokratie ver⸗ hältnismäßig recht wenig Anhänger hat und wo von sozialdemokratischer Agitation bisher, außer einigen Städten, so gut wie gar keine Rede sein konnte, 28,1; in Westpreußen, wo neben den Junkern die Geistlichkeit einen rie⸗ sigen Einfluß hat und wo sehr wenig Sozial⸗ demokraten vorhanden sind, gar 35,5; in Posen, wo die Dinge ähnlich liegen wie in Westpreußen, 32,4; in dem sozialdemokratischen Berlin dagegen nur 14,2. In dem frommen Bayern kommen die meisten, 42,1, schwere Körperverletzungen auf 10000 Personen vor; in Hamburg, der sozialdemokratischen Hoch⸗ burg, durch drei Sozialdemokraten im Reichstage vertreten, nur 11,1, trotzdem die dort aus aller Herren Länder zusammenströmenden Seeleute oft Schlägereien hervorrufen, bei denen das Messer eine große Rolle spielt. In keiner Gegend ist die sozialdemokratische Lehre aber so verbreitet wie in Sachsen, nirgends ist die sozialdemokratische Propaganda auf so fruchtbaren Boden gefallen, wie dort. Die Mehrzahl der Bevölkerung in Sachsen ist sozialdemokratisch gesinnt. Nicht die zahlreichsten, sondern die wenigsten Roh⸗ heits verbrechen kommen aber in Sachsen vor: von 10000 Personen wurden 8,6 wegen schwerer Körperverletzung bestraft. Die Sozialdemokratie kann stolz sein auf dieses Resultat ihrer Agitation! Wem wirklich an der Abnahme der Rohheitsvergehen gelegen ist, wer gegen die Rohheit wirklich ankämpfen will, der darf nicht, wie es jetz! so eifrig von Seiten der Reaktionäre geschieht, nach Prügel⸗ — Demnach; strafe und Ausnahmegesetzen gegen die Sozial⸗ demokratie rufen, sondern muß volle ungehinderte Bewegungsfreiheit für die Sozialdemokratie ver⸗ langen. Zivil und Militär. Wie gefährlich es für einen gewöhnlichen Zivilmenschen ist, sich nur irgendwie in mili⸗ tärische Dinge zu mischen, beweist wieder ein Fall aus Dresden. Auf einem dortigen Tanz⸗ saale befahl aus irgend einem Grunde der Schankhausdiensthabende Pioniersergeant Laug⸗ heinrich einem Soldaten, er solle sein Seiten⸗ gewehr umschnallen. Da äußerte, wohl ohne sich etwas dabei zu denken, ein Freund des Soldaten zu diesem:„Fritz, Du brauchst jetzt noch nicht umzuschnallen, die andern schnallen auch noch nicht nm“. Diese Aeußerung nahm der sich dadurch in seiner Würde verletzt fühlende Sergeant so krumm, daß er hinlief und den Sünder anzeigte. Wegen„Aufreizung zur Ge⸗ horsamsverweigerung“ wurde der junge Mann wegen der Lappalie vom Landgericht aufgrund des§ 112 des Reichs⸗Strafgesetzbuches zu der unglaublichen Strafe von zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Der heilige Paasche wird anscheinend nur von den Antisemiten⸗ leuchten ern st genommen. Im Stillen lachen auch sie über den nationalliberalen Phrasen⸗ drescher. Aber es paßt so hübsch in ihren Kram, die gläubigen Christen zu markieren. Wie wunderbar können die Antisemitten das herzhafte Lachen, welches bei allen Menschen, die die nationalliberalen Pappenheimer kennen, die Kapuzinade des Marburger Häuserbauers und Zuckeraktieninhabers Paasche hervorrief, auf dem Lande demagogisch ausbeuten! Sie werden sich auf die zottige Männerbrust klopfen und sagen: Da seht, welch gottloses Gesindel, sie haben gelacht, wie der Abg. Paasche von der alleinseligmachenden Kirche redete. Daß nur deshalb gelacht wurde, weil gerade ein natio⸗ nalliberaler Professor die Nachmittags⸗ predigt hielt, der am allerwenigsten dazu befugt war, wird natürlich verschwiegen. Mau lese nur die Zeilen in der Köhlerschen„Volkswacht“, die sich gegen die„Frkf. Zig.“ richten, weil diese sich lustig über den freisinnig⸗nationalliberal⸗ freihändlerisch⸗schutzzöllnerischen Wie'strefft⸗Poli⸗ tiker Paasche macht. Der Paasche und die Antisemiten passen gut zusammen. Moderne Sozialpolitik. Der Bote eines Barmer Bankhauses erhielt die Kündigung zugestellt. Den Grund er⸗ sieht man nach der Volksztg. aus folgendem Ent⸗ lassungszeugnis: „N. N., 30 Jahre alt, seit dem 15. Januar, 1897 in unserer Bank als Hausdiener und Kassenbote thätig. Wir bezeugen demselben gerne, daß er sich während dieser Zeit stets fleißig, gutwillig, flink und ehrlich betragen und zu unserer Zufriedenheit gearbeitet hat und wir demselben nur aus dem Grunde seine Stellung gekündigt haben, weil sich seine Familie wiederum vermehrt.“ Die Art der Sozialpolikik ist wohl so ziem⸗ lich das stärkste Stück, das auf diesem Gebiete erdacht werden kann. Daß Arbeiter nur mit Genehmigung ihrer Brodherren heiraten dürfen, das zu bestimmen hat sich die„patriarchalische“ Bevormundungssucht mancher sogenannten Muster⸗ unternehmer schon bereit gefunden. Aber daß die Bevormundung so weit geht, auch die Anzahl der Kinder beschränken zu wollen, das ist neu. Im vorliegenden Falle ist das Hinaus werfen eines ordentlichen fleißigen Familienvaters aus Lohn und Brot um so bezeichnender, als der Ge⸗ schädigte, der 30 Jahre alt und seit 6 Jahren verheiratet ist, erst zwei Kinder hat. Also Zweitkindersystem— sonst das Straßen⸗ pflaster für Dich und die Deinen! Es wäre in der That der Gipfel der modernen Sozialpolitik, wenn Arbeitnehmer mit den Arbeitgebern kon⸗ traktliche Abmachungen über die zulässige Kinder⸗ zahl eingehen oder aber für die Vermehrung der Familienglieder um die jeweilige Erlaubnis einkommen müßten! Nichtsdestoweniger zweifeln Wegen ben gut. Nahrung. Lindet f rbletarier Strafe von mtelt wo 0 zu in Patteiorga gechrieben dei dem S. dem Gute ;bobei im such unge nd besch kaumte vo Thräne daß er si Korn, v stimmten, Familie z emem Jal Die Das Sitzung d Militä! forderte cgierun⸗ Präsenzüt sffuiere iu Ha shieht di att der Hemeine er Reg Kgegezte ann federn willigen Für Hission Ratio Lerein Merkt g blaͤstten lich, w lionen 5 1 bischg Silen u beftä Narln Seit Neuf l nog Aatont genhei Wi um die un de Rößern 2 a Na al. erte her⸗ hen lli⸗ inz⸗ det üg⸗ ten⸗ hne r letzt in ahn ande den Ge⸗ dann rund — E e eee ee ten II. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 8. 5 wir schlechterdings nicht daran, daß sich in den Scharsmacherorganen auch für diese Bereicherung sozialpolitischer Fürsorge für die deutschen Arbeit⸗ nehmer begeisterte Verteidiger finden werden. Gegen die Arbeiterfahrkarten. Im preußischen Abgeordnetenhause wurde der Antrag Wetekamp(fr. Vp.), der gegen die Aufhebung der Arbeiterrückfahrt⸗ und Wochenkarten gerichtet war, gegen die Stimmen der Freisinnigen und des Zentrums abgelehnt. Da hat sich die Arbeiterfreundlichkeit der Junker und ihrer Bundesgenossen im hellsten Lichte gezeigt. Wenn allerdings das Blatt des Abg. Köhler schon mit den billigen Arbeiter- fahrkarten unzufrieden ist, darf man sich dann wundern, wenn die ostelbischen Junker nichts davon wissen wollen? Heilig ist das Eigentum. Wegen des unerhörten Verbrechens, daß er den gutsherrlichen Schweinen die Nahrung stahl, um damit seine hungernden Kinder satt zu machen, ist dieser Tage ein n— natürlich— zu der schweren trafe von einem Jahr Gefängnis ver⸗ urteilt worden. Die Gerichtsverhandlung trug sich zu in Schwerin. Unserm mecklenburgischen Parteiorgan wird über den Fall aus Schwerin geschrieben:„Am 27. November v. J. wurde dei dem Schweinefütterer Adalbert Przykodo auf dem Gute Gr⸗Flöte Haussuchung gehalten, wobei im Bettstroh ein Beutel mit 24 Pfund noch ungekochtem Roggen und Erbsen gefunden und beschlagnahent wurde. Der Angeklagte räumte vor der Strafkammer in Schwerin unter Thränen seine Schuld ein und bekannte, daß er sich aus Not das bei ihm gefundene Korn, von dem für die Schweine be⸗ stimmten, angeeignet habe, um es in seiner Familie zu benutzen. Der Angeklagte wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt.“ Die Militärvorlage gesichert. Das Zentrum hat in der Mittwochs⸗ Sitzung der Kommission des Reichstags für die Militärvorlage alle von der Regierung f Neuformationen bewilligt. Die egierungsvorlage verlangte eine Erhöhung der Präsenzstärke um 861 Offiziere, 3299 Unter⸗ offiziere und 23 277 Gemeine. Die Festsetzung der Zahl der Unteroffiziere und Gemeinen ge⸗ schieht durch den Etat. In dem Gesetze sind statt der verlangten 23 277 Gemeinen 16271 Gemeine bewilligt. Eine kleine neue Aenderung der Regierungsvorlage besteht darin, daß die festgesetzte Präsenzerhöhung bis auf den letzten Mann nicht schon im Rechnungsjahre 1902, sondern erst im Rechnungsjahre 1903 zu be⸗ willigen ist. Für die Bewilligung stimmten in der Kom⸗ mission die Vertreter des Zentrums, der Nationalliberalen, der freisinnigen Vereinigung und der Antisemiten.— Merkt Euch die Leute, Ihr schon schwer genug belasteten Kleinen in Dorf und Stadt, vergeßt nicht, welche Parteien aufs neue Euch Mil⸗ lionenlasten aufbürden. Ankauf der Karolinen. Aus Madrid wird gemeldet:„Der deutsche Botschafter hatte mit dem Mirnisterpräsidenten Silvela eine lange Unterredung. Es scheint sich 2 betätigen, daß Deutschland den Ankauf der arolinen beabsichtigt.“ Seit Monaten wird von solcher Absicht Deutschlands gesprochen. Und da wir bekannt⸗ lich noch nicht genug Krakehl mit allen möglichen Nationen wegen aller möglichen Kolonialange⸗ legenheiten haben, so ist es dringendes Erfordernis, daß wir uns noch einige neue Kolonien zulegen, um die diplomatischen Schwierigkeiten und die von Deutschland aufzubringenden Kosten zu ver⸗ größern. — 2 Aus dem Reichstag · * Am Freitag hat sich bei der Beratung des Militäretats der bekannte Zuckermann Professor Dr. Paasche(Fraktion Drehscheibe) wieder einmal glänzend blamiert. In einer früheren Reichstagssitzung erklärte der vielen unserer Leser von Marburg her bekannte nationallib. Professor daß es ihm leider an Zeit fehle, sonst würde er die Sozialdemokratie mit Leichtigkeit vernichten — nicht etwa durch denaturierten Zucker, Gott bewahre, nein, rein geistig natürlich. Da er leider immer noch keine Zeit gefunden zu haben scheint für den Vernichtungskampf, so benützte er am Freitag die günstige Gelegenheit, sich vor⸗ läufig einmal gründlich zu blamieren. Er, der gewandte Weltmann, der schwer gelehrte natio⸗ nalliberale Professor Paasche markierte den frommen Maun! Er will dem Volke die Religion erhalten und deklamierte mit Pathos: Schuld an der zunehmenden Verrohung der Jugend ist, daß der Glaube an die seligmachende Kirche dem Volke h) abhanden gekommen ist. (Lebh. Lachen b. d. Soz.) Das sage ich, das sagt ein Nationalliberaler, das sagt der Abge⸗ ordnete Paasche!(Stürmische Heiterkeit b. d. Soz.) Sie wissen ja gar nicht, was Sie dem Volke nehmen, indem Sie ihm den Glauben an den all⸗ mächtigen Gott rauben(Sehr wahr! rechts) und es nur auf das Materielle verweisen.(Heiterkeit b. d. Soz.) Wenn der Glaube an jede Autorität ver⸗ loren geht, dann kann es nicht wunder nehmen, daß Diebstahl und Betrug nur immer mehr über⸗ hand nehmen. ö Im weiteren Verlaufe der Rede, die den eigenen Parteifreunden des Professors kein gelindes Gruseln verursachte, entschul⸗ digt der Abg. Paasche ausdrücklich den Ritt⸗ meister v. Stolberg, der einen Sergeanten durch einen Säbelhieb derart verletzte, daß er kurz darauf starb. Der Zentrumsabg. Gröber schickte den plötzlich so fromm gewordenen Nationalliberalen famos heim. Er erinnerte an das Verhalten der Nationalliberalen im sogenannten Kulturkampf; dieser gerade habe nicht zum wenigsten mit zur Verrohung beigetragen. Denken Sie an Ihr Ver⸗ halten, rief er den Drehscheibenmännern zu, als es den Einfluß der Kirche auf die Schule galt. Jetzt reden Sie von der Irreligiosität der Masse; aber Sie selbst haben sie der Religion entfremdet. (Lärm rechts und bei den Nationalliberalen. Zu⸗ rufe rechts.), a Noch weit gründlicher rechnete Bebel mit dem Abg. Paasche ab. Er wies ausführlich nach, daß dort, wo die Sozialdemokratie am stärksten ist, Verbrechen und Ver⸗ gehen am wenigsten vorkommen.(Siehe unsere betr. Notiz unter„Polit. Rundschau“. Und bezüglich der Frömmigkeit des national⸗ liberalen Professors führte Bebel u. a. aus: Sie klagen über abnehmende Religiosität. Da⸗ bei leben wir ja im Zeitalter der Kirchenbauten, und ich würde einer gewissen Person im deutschen Reiche sehr gern einmal für die künftige Geschichte den Namen„der Kirchenbauer“ beilegen. Wir haben gehört, daß in allen Kasernen Andachtsübungen gehalten werden und also auch da für die Religiosität ausgiebigst gesorgt wird. Gewiß hat auch die katho⸗ lische Kirche noch einen großen Anhalt im Volke. Ich weiß also nicht, woran es liegt, daß der religiöse Sinn immer mehr schwindet. Nun sollen wir daran schuld sein, meint Herr Paasche. Ich habe mich sehr gewundert, daß gerade Herr Paasche hier so für den allmächtigen Gott eingetreten ist. Herr Gröber hat ihn ja schon an seine Ver⸗ gangenheit erinnert, ich besinne mich übrigens, das früher Herr Gröber gerade den National⸗ liberalen vorwarf, die Professoren ihrer Partei untergraben auf den Universitäten und in ihren Schriften die Religiosität. Auch Windthorst hat oft gesagt: Gewiß, die Sozialdemokraten sind schlimm, aber schlimmer noch diejenigen, die den Sozialdemokraten erst die irreligiösen Lehren beibringen, und das sind Sie meine Herren Nationalliberalen. (Heiterkeit.) Sie werden mir auch zugeben, daß die Philosophen David Strauß, Renan, Feuerbach keine Sozialdemokraten waren. Uebrigens muß ich offen sagen, ich habe den Abg. Paasche bisher immer für einen großen Weltmann gehalten(Heiterkeit), und Weltmänner haben nicht die Gepflogenheit, sehr religiös zu sein. Ich konnte es nicht unterlassen, mich zu fragen, ob der Abg. Paasche wohl selbst an den von ihm so gepriesenen allmächtigen Gott laube. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, aber ich enke, in unseren religibsen oder antireligiösen Ueber⸗ zeugungen ist zwischen dem Abg. Paasche und mir kein großer Unterschied.(Große Heiterkeit.) Bebel führte dann noch zahlreiche Vorkomm⸗ nisse in der Armee an, von denen wir unter „Pol. Rundschau“ den„Fall Wiese“ aus⸗ führlicher mitteilen. Dem blamierten Herrn Paasche wurde später durch seinen nationalliberal a rarischen Freund, den Büdesheimer Grafen v. Priola, Hilfe zuteil. Dieser beschwerte sich darüer, daß die Zentrumsleute die„frommen“ Tiraden seines Gesinnungsgenossen Paasche nicht für bare Münze genommen hätten. Und dann redete der Mann mit dem spanischen oder italienischen Namen vom deutschen Vaterland u. s. w. Die rechte Seite des Hauses, auf der die ostelbischen[lavi⸗ schen Junker sitzen, klatschten Beifall, die linke Seite des Hauses lachte den Grafen mit dem ganz und gar undeutschen Namen aus. Von unserer Partei sprachen noch in den Sitzungen am Freitag und Samstag über den Militäretat Stadthagen, Hoch, Singer und wiederholt Bebel.— In der Freitagssitzung bewies der freisinnige Vizepräsident Sch nidt aufs neue, daß er zur Führung des Präsidiums nicht befähigt ist. Am Mittwoch kam es zu einer eingehenden Debatte bei dem Etat des Reichsinvaliden⸗ fonds, wo die Redner aller Parteien der Ueberzeugung Ausdruck gaben, daß für die In⸗ validen ausreichend gesorgt werden müsse. Der Etat wurde nebst zwei dazu von der Budget⸗ kommission beantragten Resolutionen einstimmig angenommen, wonach aus Reichsmitteln allen nach dem Gesetz vom 22. Mai 1895 als berechtigt anerkannten Veteranen Beihilfen von 120 Mark gewährt werden sollen, und wonach ein Gesetzentwurf vorgelegt werden soll, welcher den Wünschen der Militärinvaliden auch in Bezug auf die Hinterbliebenen entspricht. Den Standpunkt der Sozialdemokraten wahrte Gen. Singer. Er führte den anderen Parteien zu Gemüte, daß das, was sie jetzt als nötig für die Veteranen anerkennen und fordern, be⸗ reits bei der Beratung des Reichs⸗Invaliden⸗ gesetzes 18 95 von der sozialdemokrati⸗ schen Partei gefordert, daß ferner damals statt des ganz unzureichenden Satzes von 120 Mk. Jahresbeihilfe 360 Mk. verlangt worden waren. An diesem Beispiel zeige sich, wie die bürgerlichen Parteien hinter der sozialdemokratischen Partei nachhinken. Warum thun sie nicht sogleich das, was wir vorschlagen? Warum verzögern sie so die Erfüllung von Forderungen, die sie schließlich doch als berechtigt anerkennen müssen? Den Herren in der Mitte und auf der Rechten war diese Beleuchtung ihres heißen Eifers für die Veteranen und Invaliden höchst unbequem. —— Zur hessisehhen CLandtags⸗ wahl. (Nach einem Vortrag. Siehe den Bericht in voriger Nummer über die Kreis⸗ Konferenz in Hausen). Es heißt zwar in der hessischen Verfassung (Art. 19):„Die Geburt gewährt Keinem eine vorzügliche Berechtigung zu irgend einem Staats- amt“, aber durch Geburt kann man in Hessen Gesetzgeber werden. Das führt uns nicht allein der Art. 10 des Wahlgesetzes vom 8. November 1872 zu Gemüte, der mit den Worten beginnt:„Die geborenen Mitglieder der ersten Kammer“, sondern das zeigen am trefflichsten die verfassungsgemäßen Bestim⸗ mungen über die Zusammensetzung der ersten Kammer. Dieselbe besteht: 1. aus den Prinzen des großh. Hauses; 2. aus den Häuptern der standesherr⸗ lichen Familien, welche 10 im Besitze einer oder mehrerer Standesherrschaften befinden; 3. aus dem Senior der Familie der Frhrn. v. Riedesel; aus dem kathol. Landesbischof; aus einem protestant. Geistlichen; aus dem Kanzler der Landesuni⸗ versität; 7. aus zwei Mitgliedern, welche der in dem Großherzogtum genügend mit Gru n d⸗ eigentum angesessene Adel aus seiner Mitte wählt; Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. II. 2 3 8. aus- höchstens 12 ausgezeichneten Staatsbürgern, welche der Groß⸗ herzog auf Lebenszeit beruft. Es wird niemand zu bestreiten wagen, daß die Erste Kammer aus sehr auserlesenen Menschen besteht. Unserem beschränkten Unter⸗ thanenverstand will es allerdings absolut nicht einleuchten, daß gerade Prinzen, Standesherren, Adelige und Geistliche die geeignetsten Vertreter und Gesetzgeber des Volkes sein sollen. Daß Leute aus den genannten Ständen die Interessen der Bevorrechteten mit Eifer und Ausdauer zu vertreten befähigt sind, daran ist keinen Augen⸗ blik zu zweifeln. N Wir halten die Erste Kammer für eine ganz und gar überflüssige Körperschaft und be⸗ dauern aufrichtig, daß die Zweite Kammer nichts beschließen und durchsetzen kann, ohne die Zu⸗ stimmung der„Ersten.“ Sehen wir uns nun die Zweite Kammer an. Dieselbe besteht aus: a. 10 Abgeordneten der Städte Darmstadt und Main(je 2 Abg.), Gießen, Offenbach, Friedberg, Alsfeld, Worms und Bingen (ie 1 Abg.); b b. 40 Abgeordneten aus den einzelnen Wahl⸗ bezirken des Großherzogtums. Die Provinz Starkenburg umfaßt 17, Rhein⸗ hessen 10 und Oberhessen 13 Landtagswahl⸗ bezirke. Der Wahlkreis Gießen⸗Land ist der fünfte Oberhessische und umfaßt die Ge⸗ markungen Allendorf a. L.(1), Garbenteich(1), Großen⸗ Linden(3), Hausen(1), Heuchelheim(3), Klein⸗Linden(2), Langgöns(2), Leihgestern (2), Watzenborn und Steinberg(3), Alten⸗ Buseck(2), Annerod(1), Daubringen⸗Hei⸗ bertshausen(1), Großen⸗Buseck(3), Lollar (2), Mainzlar(1), Oppenrod(1), Rödgen und Trohe(1), Ruttershausen mit Kirchberg (1), Staufenberg mit Friedelhausen(1) und Wieseck(5. Die Wahl zur Zweiten Kammer ist eine indirekte. Es müssen zunächsvt Wahlmänner gewählt werden. Wieviel Wahlmänner jeder Ort zu wählen hat, ist oben hinter den Orts⸗ namen in Klammern angegeben. Die Zahl der Wahlmänner richtet sich nach der Einwohnerzahl. Gemeinden mit weniger als 250 Einwohnern bilden mit einer Nachbargemeinde zusammen einen Wahlbezirk, z. B. Trohe und Rödgen. Bis zu 500 Einwohnern ist ein Wahlmann zu wählen. Für jede weitere 500 Seelen wird ein weiterer Wahlmann gewählt. Wer kann Wahlmann werden? Wahlmann kann nur der werden, der ver⸗ schiedene Voraussetzungen erfüllt. Er muß zu⸗ nächst Hesse und 25 Jahre alt sein. Außer⸗ dem muß er mindestens 90 Mk. Steuer⸗ kapital versteuern. Das heißt mit anderen Worten, er muß pro Ziel mindestens 2 Mk. 10 Pfg. direkte Staatssteuern zahlen. Das ergiebt sich aus folgendem: Es werden er⸗ hoben pro Jahr an direkten Staatssteuern für eine Mark Gewerbe⸗Steuer⸗Kapital. 16 Pfg. Grund⸗Steuer⸗Kapital.. 14 Kapitalrenten⸗Steuer⸗Kap. 17 Einkommen⸗Steuer⸗Kapital 16„ Nehmen wir nun an, es müßte jemand versteuern 25 Mk. Gew.⸗St.⸗Kap.= 25& 16 Pfg.= Mk. 4.— 40 Mk. Grund⸗St.⸗K.= 40& 14 Pfg.= Mk. 5.60 25 Mk. Eink.⸗St.⸗Kap. 25 X 16 Pfg.= Mk. 4.— 90 Mk. Steuerkapital jährliche Steuern Mk. 13.60 Auf das einzelne Ziel berechnet(6 im Jahre) ergiebt das Mk. 2.26 resp. Mk. 2.27. Würde nun jemand lediglich 90 Mk. Grundsteuer⸗ kapital zu versteuern haben, so zahlte er (90 X 14 Pfg.: 6), pro Ziel Mk. 2.10. Es wird also nicht danach gefragt, welcher Art das Steuerkapital ist, sondern Bedingung ist nur, daß derjenige, welcher Wahlmann werden will, 90 Mk. Stenuerkapital versteuert, pro 7 77 717 7 77* 77* Ziel also mindestens Mk. 2.10 direkte Staats⸗ steuern zahlt. Wer ist Urwähler? Urwähler ist jeder 25 Jahre alte Hesse, der spätestens seit Anfang des Jahres, in dem die Wahl stattfindet, zur Steuerzahlung heran⸗ gezogen ist. Hier besteht keine Vorschrift über die Höhe des Steuersatzes. Wenn der Be⸗ treffende auch den niedrigsten Steuersatz zahlt, so ist er wahlberechtigt. Don Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise find jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste ewissenhaftigke t dei Uebermittelung von Kachrichten— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Abendunterhaltung der„Eintracht“. n. Einen recht gelungenen Verlauf nahm die am Samstag im Cafs Leib stattgefundene Abendunterhaltung. Die Aufführung des drei⸗ aktigen Lustspiels„Jesuit und Freidenker“ erntete den lebhaftesten Beifall. Bezüglich der Gesänge wäre dem Verein zu empfehlen, bessere Auswahl in Zukunft zu treffen. Für derartige Abend⸗ unterhaltungen dürften sich etwas lebhaftere Kompositionen besser eignen, wie die zu Gehör gebrachten. Den Herren Sängern hätten wir übrigens mehr Feuer und größere Sicherheit gewünscht. Sangeskundige Genossen sollten sich der„Eintracht“ anschließen, um dieselbe zu kräf⸗ tigen. Einige tüchtige Sänger könnten in jeder einzelnen Stimme noch gebraucht werden. Infolge des umfangreichen Programms konnte der Tanz erst um 1 Uhr beginnen, für die tanzlustige Jugend, besonders die weibliche, viel zu spät. Der Kapelle könnte eine Revision ihres Tanz⸗ albums empfohlen werden. Der heutigen Jugend sind die altväterlichen Tanzweisen nicht mehr flott genug. Die zahlreichen Theilnehmer an der Abendunterhaltung amüsierten sich vortrefflich. Oeffentliche Bücher⸗ und Lesehalle. el. Im Monat Februar wurden ins⸗ gesamt ausgeliehen 1329 Bände(1330 im Januar). Davon entfallen auf Erzählungslitte⸗ ratur 640, illustr. Zeitschriften 490, Natur⸗ wissenschaften und Technologie 40, Jugendschriften 80, Kriegslitteratur 34, Länder⸗ und Völker⸗ kunde 25, Biographieen 12, ausländische Litte⸗ ratur 8 Bände. Diese verteilen sich auf die einzelnen Berufsklassen wie folgt: Es wurden verliehen a) an Männer: Handwerker 560, Arbeiter 120, Kaufleute 120, Beamte 155, Schüler und Studenten 90, ohne Berufsangabe 8 Bände; b) an Frauen: Hausfrauen und Töchter 210, Gewerbetreibende 36, Dienstmädchen und Arbeiterinnen 30 Bände. An außerhalb Gießens wohnende Arbeiter und Arbeiterinnen wurden verliehen 55 Bände(gegen 57 im Jan.). Im Anschluß hieran machen wir darauf auf⸗ merksam, daß in den Monaten März und April der Leseraum versuchs⸗ weise bis 10 Uhr abends(statt 9 Uhr) geöffnet bleibt. Bei genügender Benutzung wird diese Einrichtung eine dauernde werden. — Es wäre sehr zu wünschen, daß in einem späteren Monatsberichte die„Handwerker“ nach den verschiedenen Branchen angeführt würden. Sicherlich sind die meisten der 560„Hand⸗ werker“ doch Gesellen gewesen; durch die jetzigen Angaben erhält man kein klares Bild. Es ist nur von 120„Arbeitern“ die Rede. während höchstwahrscheinlich die weitaus große Mehrzahl der 560„Handwerker“ mit unter der Rubrik„Arbeiter“ zu buchen wäre. Barthel Turaser. * Wie die Theater⸗Direktion mitteilt, wird demnächst in einer Volksvorstellung das Drama „Barthel Turaser“, mit Herrn Bauer von Frankfurt a. M. in der Titelrolle als Gast, aufgeführt werden. Die Preise sind jedoch für diese Vorstellung erhöht worden. Ein Logen⸗ platz kostet 1,— Mk., ein Platz im Parterre (Sperrsitz, 1. und 2. Parkett, Estrade) 60 Pfg., Gallerie 30 Pfg. Wir können den Besuch dieser Vorstellung bestens empfehlen. In„Barthel Turaser“ wird ein Stück echtes Proletarierlos aufgerollt. Auch ein Jubiläum. Am Montag jährte es sich zum fünfzigsten Male, daß weiland Ludwig III., Erbgroßherzog und Mitregent von Hessen, die sogenannten Freiheitsgulden schlagen ließ. Auf der Vorderseite ist der Kopf des nachmaligen Groß⸗ herzogs Ludwig III., der in jener großen Zeit der Begeisterung dem Freiheitsdrange seines Volkes Rechnung tragen mußte, zu sehen, während auf der Rückseite der Münze nachfolgende Errungen⸗ schaften eingeprägt sind: Preßfreiheit Volksbe waffnung Schwurgericht Religionsfreiheit Deutsches Parlament 6. März 1849. Mit der Preßfreiheit ist es heute, nach 50 Jahren, recht traurig bestellt. Volksbewaffnung is nich. Die Schwurgerichte werden nur mit sehr wohlhabenden Leuten besetzt, sie sind keine wirklichen Volksgerichte. Religionsfreiheit giebt's nicht. Und das deutsche Parlament sieht seine Hauptaufgabe darin, neue Mordwerkzeuge zu be⸗ willigen.— Das sind 50 Jahre deutscher Ent⸗ wickelung infolge der jämmerlich⸗feigen Haltung des Bürgertums. s Verwandte Seelen. *Nicht allein der heilige Paasche hat es den Antisemiten angethan, sondern auch der in letzter Zeit so schnell bekannt gewordene Graf Pückler. Dieser hat einige Reden gegen die Juden ge⸗ halten und diese Reden dann drucken und als Flugblätter verbreiten lassen. Leider sind die Flugblätter und die antisemitische Staatsbürger⸗ Zeitung, welche die Flugschriften beilegte, kon⸗ sisziert worden. Wir bedauern das aufrichtig. Denn es wäre wirklich gut, wenn die Geistes⸗ Produkte der Antisemiten allgemein bekannt wür⸗ den. Hier eine Probe aus den Graf Pückler schen Flugblättern und Reden: „Frisch auf, ermanne Dich endlich und werde ein Held; tritt in die Reihen der christ⸗ lichen Streiter und fasse den Juden am Kragen mit Deiner bärenhaft starken] Faust und haue ihm die Jacke voll, daß die Knochen im Leibe krachen, dann wird der Mann jämmerlich um Gnade schreien und wieder Respekt bekommen vor der deutschen Kraft. Bleiches Entsetzen wird die Juden erfassen; sie werden plötzlich ihr Hab und Gut zusammenpacken und in Scharen die deutschen Grenzen verlassen. Hinterher erschallt das Hurra der Deutschen.—— Die wahre Humanität besteht darin, daß wir die Juden⸗ bande jetzt endlich hinauswerfen, um das eigene Volk zu retten, es ist besser, daß 600,000 Juden auf der Strecke liegen, als daß die ganze Nation zu Grunde geht. Jeder ist sich selbst der Nächste, wir handeln nur in Notwehr, wenn wir uns energisch wehren gegen dieses fremde Gesindel.“ Das klingt zwar nicht besonders christlich, ist aber echt antisemitisch. Wie gut es den Anti⸗ semiten gefällt, zeigt folgende Notiz, die wir im Organ des Abg. Köhler finden: Frankfurt a. M. In der starkbesuchten Monatsversammlung des Deutschen Ver⸗ eines(das ist der Verein der Frankfurter Antisemiten. Red. d. M S.⸗Z.), wurde ein⸗ stimmig der Beschluß gefaßt, nachstehende Zu⸗ stimmungserklärung an den Grafen Pückler zu jenden: „Für die mannhaften, echt patriotischen Worte, die Sie dem bei uns hausenden Fremdvolke in die Zähne geschleudert haben, erlaubt sich der Deutsche Verein zu Frankfurt a. M. wärmsten Dank und begeisterte Zustimmung auszusprechen.“ Verwandte Seelen, in der That. Arbeiter⸗Sänger⸗Konferenz. Am 26. Februar tagte in Frankfurt a. M. eine Konferenz von Arbeitergesangvereinen zwecks Gründung eines Arbeiter⸗Sänger⸗ bundes für den Rhein⸗ und Maingau. Besucht war dieselbe von 39 Gesangvereinen aus Nach Oberhessen auch aus d wieder ein Paatrer mi und nehr Die ö lichen imm deb Cos sowie d fortit Pfarr sich der den in wünscht. Wenn tritt, wa würden in schreiten. . Am Holale vo zienlich Dieselbe Fuge übe Algemein Märzfier Zet ent batte wur Veuntra jährigen! 5 it nachf 235 heute Ah konnte ei Fugen in zurück E dude neuer J roche einer den dach ah gene unserer fähre le nur e geglose De Ein schied f 15 bert lber f on eine daten daz Un 1 0 cen f AS ASS g ine g be⸗ Frankfurt, Gießen, punkt ändern wird. Nr. II. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Mainz, Offenbach, Darmstadt, Hanau und Umgegend, außerdem waren von zwei Vereien beistimmende Erklär⸗ ungen eingegangen. Nach einer längeren Debatte, welche sich in der Hauptsache um die eventuell zu leistenden Beiträge drehte, und in welcher sich faßt alle Redner für die Gründung des Bundes erklärten, wurde beschlossen, daß der Eintritt 2 Mk. und der Quartalsbeitrag höchstens 2 Mk. für jeden Verein betrage, wogegen denselben die von der Liedergemeinschaft herausgegebenen Chöre in einer noch festzusetzenden Anzahl von Stimmen gratis zu liefern sind. Die Endabstimmung ergab darauf die Zustimmung von 29 Vereinen für die Gründung, 1 Verein und zwar Lassallia⸗ Union⸗Offenbach dagegen, während 11 Vereine eine bestimmte Zusage noch nicht geben konnten. Bei dem Verein Lassallia⸗Union steht jedoch zu erwarten, daß derselbe seinen ablehnenden Stand⸗ Durch dieses Resultat war somit der Arbeiter⸗Sängerbund für Rhein⸗ und Maingau zur Thatsache geworden, was allseitig freudig begrüßt wurde. Neuanmeldungen sind an A. Hofmann, Frankfurt a. M., Hermann⸗ straße 14 Part., zu richten. Lohnbewegung der hessischen Pfarrer. Nachdem schon aus verschiedenen Orten in Oberhessen ähnliches berichtet wurde, kommt nun auch aus dem Odenwald und zwar aus Rimbach wieder eine Notiz, die uns verkündet, daß die Pfarrer mit ihren Löhnen unzufrieden sind und mehr haben wollen: Die Konferenz der evangelischen Geist⸗ lichen des Dekanats Erbach schloß sich ei n⸗ stimmig den Schritten, welche die Vorstände des Evang. Pfarrvereins, der Evang. Konferenz, sowie der Frankfurter Konferenz bezüglich so⸗ fortiger Aufbesserung der Lage des Pfarrstandes gethan haben, an und giebt sich der Hoffnung hin, daß diese Schritte bei den in Betracht kommenden Faktoren den ge⸗ wünschten Erfolg haben werden. Wenn aber der gewünschte Erfolg nicht ein⸗ tritt, was dann? Organisierte Arbeiter würden in diesem Fall wahrscheinlich zum Streik schreiten. Aus Marburg. f. Am Sonnabend, 4. März, fand hier im Lokale von C. Müller, Hirschberg 12 eine ziemlich gut besuchte Parteiversammlung statt. Dieselbe beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage über die Veranstaltung einer Märzfeier. Allgemein wurde der Wunsch laut, die diesjährige Märzfeier in würdiger Weise, der jetzigen ernsten Zeit entsprechend, zu begehen. Nach kurzer De⸗ batte wurde folgender Antrag des Gen. Stumpf „Beantrage: Zur würdigen Begehung der dies⸗ jährigen Märzfeier einen tüchtigen Redner heran⸗ zuziehen und die Feier durch eine Versammlung mit nachfolgendem gemütlichen Zusammensein zu begehen“, einstimmig angenommen.— Der für heute Abend festgesetzte Bericht der Revisoren konnte eingetretener Umstände wegen nicht er⸗ folgen und mußte bis zur nächsten Versammlung zurückgestellt werden.— Unter Verschiedenes wurde noch über die Agitation zur Gewinnung neuer Abonnenten für unser Parteiblatt ge⸗ sprochen und die Genossen aufgefordert, sich an einer demnächstigen Verbreitung der„M. S.⸗Z.“ recht zahlreich zu beteiligen. Auch wurde darauf hingewiesen, die hiesigen Geschäftsleute, welche in unserer Zig. inserieren, mehr zu unterstützen, als seither geschehen. Hierauf wurde die Versammlung, die nur eine Stunde in Anspruch genommen hatte, geschlossen. Der gute Ton im Gerichtssaal. Eine Frage von prinzipieller Bedeutung ent⸗ schied kürzlich das Schöffengericht in Nordhausen. Es verurteilte einen Richter, welcher vor einiger Zeit als Vorsitzender der Strafkammer von einem Angeklagten sich„Unverschämtheiten“ verbeten hatte, zu 30 Mark Geldstrafe. Auf das Urteil der zweiten Instanz, die in diesem Falle angerufen werden soll, ist man in juristi⸗ schen Kreisen sehr gespannt. Ein ostelbisches Idyll zeichnet ein Mitarbeiter der„Welt am Montag“ nach Wahrnehmungen, die er selbst in den jüngsten Tagen auf einer Reise nach Ostelbien gemacht hat. Der Verfasser entwirft von den Verhält⸗ nissen des schlesischen Dorfes und Ritter⸗ gutes C. im Kreise Wohlau(schade, daß nicht der ganze Name genannt wird!) folgendes ent⸗ zückendes Bild:„Der Herr Rittergutsbesitzer, nebenbei natürlich Leutnant d. R., zahlt seinen männlichen Arbeitern im Sommer 80, im Winter 70 Pfg. Tagelohn, den weiblichen im Sommer 40, im Winter 30 Pfg. Davon gehen noch die Bei⸗ träge für das„Klebegesetz“ ab. Belöstigung wird nicht etwa geliefert. Männer und Frauen haben sich samt ihren Kindern von diesen Löhnen völlig zu ernähren. Die Schule ist so feucht, daß seit Jahrzehnten jeder Bewohner gekränkelt hat. In der Schulstube sind die Dielen ver⸗ fault. Eine Reparatur findet nicht statt, weil der Rittergutsbesitzer nicht die geeigneten Bretter zu besitzen behauptet. Die Lehrerwohnung be⸗ steht aus einem Zimmer und zwei Kabinetten, wovon die beiden Kabinette wegen Feuchtigkeit unbenutzbar sind. Das sogenannte Schlafkabinett kann nicht einmal Schuhen zum Aufenthalt dienen, weil sie sofort schimmeln. Der jetzige Lehrer wagt es nicht, zu heiraten, weil er eine Familie nicht dem sicheren Siechtum aussetzen möchte. Seit acht Jahren berichtet der Orts⸗ schulinspektor jährlich iu den schärfsten Ausdrücken über die Unerträglichkeiten dieser Zustände an das Landratsamt. Seit acht Jahren ist nichts dagegen geschehen. Das Ortsarmenhaus enthält einen Raum, den man wegen seiner unglaub⸗ lichen Verfassung zur Unterkunft für edleres Vieh für ungeeignet halten würde. In diesem einen Raum hausen drei Parteien: eine alleinstehende Frau, eine Witwe mit drei Kindern und ein idio⸗ tischer, an Knochenfraß leidender Mann. Diesen Mann haben seine Mitbewohuer wegen des ent⸗ setzlichen Geruchs seiner Wunden in einen Winkel hinter dem Ofen verbannt, wo er ohne Bett in einer Art von Verschlag Tag und Nacht zubringt.“ Humor ist das beste Rezept. Das ist auch die Meinung von Dr. Leonard Williams, dem bekannten englischen Arzte und Humoristen, der für seine zahlreichen Freunde und Patienten stets solche wertvolle Arznei zur Verfügung hat. Wenn das folgende Heilmittel auch nicht ganz neu, so ist es doch sehr wirksam. Ein Papagei entfloh seinem Käfig und setzte sich nach langen Irrfahrten auf das Dach eines Bauernhauses, das weit, weit ab von der Heer⸗ straße der Kultur und all ihrer Errungenschaften gelegen ist. Die braven Landleute dieser Gegend hatten noch nie einen Papagei gesehen und als sie die unbekannte Erscheinung auf dem Dache ihres Nachbars gewahrten, spornten sie ihn an, sich dieses herrlichen Tieres als freiwillige Jagd⸗ beute zu bemächten. Eine Feuerleiter wurde herbeigeschleppt und der„glückliche“ Hausbesitzer mußte sie erklettern; der fremde Vogel mit dem merkwürdigen Schnabel und herrlichen Gefider war noch immer sein„Gast“ geblieben. Als der Landmann aber das Dach erreicht hatte, versuchte der Papagei, die Flucht zu ergreifen und schlug mit den erschlafften Flügeln um sich. Das half dem ermüdeten Tier jedoch nichts, so wiederholte es denn in seiner Not, was es so oft nachge⸗ plappert hatte:„Was wünschen Sie?“ Es fehlte nicht viel daran, daß der Bauersmann vor Schreck die Leiter losgelassen und in die Tiefe gefallen wäre. Der Grundzug dieser braven Leute war jedoch natücliche Höflichkeit, so zog der Mann denn auch seine Mütze ab und ent⸗ gegnete:„Ich bitte um Entschuldigung, ich glaubte, Sie wären einen Vogel!“ Kleine Mitteilungen. Eine furchtbare Explosion hat in Toulon(Frankreich) stattgefunden. Auf bisher unaufgeklärte Art ist ein Pulvermagazin erplodiert. 70 Menschen büßten ihr Leben ein, 110 wurden schwer verletzt. Auf zwei Kilometer im Umkreise ist alles verwüstet, die Häuser zer⸗ stört und die Felder verheert. Zahlreiche Schäden sind bis vier Kilometer in die Stadt Toulon hinein angerichtet. Pfarrer verhaftet. In Pocking(Nieder⸗ bayern) wurde der 68jährige katholische Pfarrer in Untersuchungshaft genommen. Die klerikale „Donauzeitung“ bemerkt, dem Verhafteten würden sittliche Verfehlungen bei Anwendung eines Heil⸗ verfahrens zu Last gelegt. Nach der liberalen „Passauer Ztg.“ handelt es sich um zahlreiche Fälle von Sittlichkeitsvergehen, die der Pfarrer. an Mädchen und Frauen begangen haben soll, und um eine Anschuldigung zur Verleitung zum Meineid. Gegen den Pfarrer war schon früher Untersuchung eingeleitet, aber wieder niederge⸗ schlagen worden. In dieser Untersuchung soll ein Mädchen einen den Pfarrer entlastenden Eid ge⸗ schworen und nun nach Jahresfrist erzählt haben, es habe falsch geschworen und sei dazu verleitet worden. Das liberale Blatt behauptet, auf die Zeugin sei damals mit Hochdruck eingewirkt und ihr gesagt worden, für den Pfarrer dürfte sie schon einen Meineid schwören. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 18. März: „Giestener Wahlverein bei C. Orbig abends pünktlich 9 Uhr. Tagesordnung: 1. Gedächtnisrede z Ehren der Märzgefallenen.(Gen. Beckmann.) Bericht von der Kreiskonferenz. Wegen der Abhaltung von Volks versamm⸗ lungen im Kreise Gießen wenden fich die Genossen entweder an den Kreisvertrauensmann A. Bock in Gießen, Dammstraße, oder an den Vorsitzenden des Kr.⸗W.⸗Vereins: Ph. Scheidemann, Gießen. Briefkasten der Redaktion. M. Kehre erst Ende nächster Woche von einer Agitations⸗Tour ins Rheinland zurück. Ph. Sch. Für die Dresdener Zuchthausopfer gingen ferner bei der Redaktion ein: H. M. 1.— Mk., J. R. 1.— Mk., Hahn⸗Krfd. 50 Pfg., Kegler in der„Stadt Marburg“ 1.52 Mk., Demokrat.⸗Freis. in A. 10.50 Mk., Weißgerber Wetzlar 4.95 Mk. von den Himbacher Parteigenossen 6.20 Mk., Ph. L.⸗Ebsheim 60 Pfg.— Bisher quittiert 106.60 Mk. Jetzt zus. 132.87 Mk. Unser Parteikassierer Gerisch macht im„Vorwärts“ bekannt:„Da die bis jetzt eingegangene Summe, in Verbindung mit den noch in den Sammelstellen auf um⸗ laufenden Listen u. s. w. befindlichen Beträgen, nach einer vom Dresdener Unterstützungskomitee gemachten Aufstellung, die Gewährung einer angemessenen Unter⸗ stützung an die ihrer Ernährer beraubten Familien während der Abwesenheit der dem Zuchthaus und Gefängnis Ueberlieferten ermöglicht, bitten wir die weiteren Sammlungen einzustellen und die noch ausstehenden Beträge baldigst einsenden zu wollen, damit in Kürze die Schlußquittung gegeben werden kann“. Im Vorwärts sind bisher schon über 60 000 Mark quittiert worden. B riefkasten der Expedition. Quittungen. A. S. und C. G. 18.—. F. N 2.20. R. G. 0.60. Preß⸗Fds. 13.33. Z. Ndh. 2.80. L. G. 3.20. N. P. 2.—. Wbch. Rogn. 3.70. W. Lbch. 6.—. B. Gbtch. 1.20. Mbg. Fr. 25.—. Mbg. P. 72.—. Mbg. S. 4.50. L. Othfr. 3.40. Stbg. Sch. 6.20. Kfd. Kch. 7.60. Ich. Gbg. 4.—. Eschw. P. 12.50. R. Hchh. 2.—. Mbg. P. 1.—. Mbg. Pfrn. 6.50. Mbg. G. K. 4.—. Dbgn. H. 8.40. Marktberichte. Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 9. März kostete: Butter per Pfund Mk. 080,— 0,90, Hühnereier 2 St. 10—11 Pfg., 0 Stück 0—0 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 2 Stück 5—8 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,80—1,00, Hühner pro Stück Mk. 1,20—1,70, Hahnen pro Stück Mk. 1,30— 2,00, Enten per Stück Mk. 1,80— 2,40, Gänse pro Pfund 00—00 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 68— 74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 68—76 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg. Ham⸗ melfleisch 50— 70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 5,50 bis 6,50, Zwiebeln pro Zentner Mk. 8,00 9,00, Milch per Liter 16 Pfg. Parteigenossen! werbt stetig neue Abonnenten für Euer Parteiorgan, die„Mitteld. S.⸗ Ztg.“! Seite 6. Mitteldentsche SonntagsZeitung. Nr II. Z —— ͤ—̃(— III LLL Uunterhaltungs⸗Ceil. N Aufrechter Gang. Sohn, aufrecht sei Dein Gang und all Dein 5 0 auf⸗ richtig! Aufrechter Gang ist für den Menschen nicht unwichtig. Von der Natur gewährt, ist er die erste hehrste Gunst, Und ist, vom Kind gelernt, die erste schwerste Kunst. Die, und die eng mit ihr verbund'ne Kunst der Rede, Begründet und bedingt der andern Künste jede. och halte sie, o Sohn, und mach' Gebrauch davon; teh' aufrecht, wo Du stehst, nah' oder fern dem Thron. So geh', aufrechten Haupts, ohn' Hochmut auf der Erde; Aufrichtig sei Dein Sinn, Dein Wort und die Gebärde. . aufrecht, wie Dich selbst, das Recht, wo Du ver⸗ icht! auf Erliegende und Dich, so Du erlagst.[magst; Die Sterne winken Dir, zu ihnen aufzurichten Den Blick, und Deinen Gang nach ihrem Lauf zu richten. (Nach Rückert.) — 6— vom Stamm gerissen. Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Bald saß man im anstoßenden Wohnzimmer im großen Kreise um die hell auflodernden Flammen, die sich in den Schaumperlen des Weines spiegelten und die aufgeregte Stimmung durch ihr trauliches Knistern und Prasseln wohl⸗ thuend beschwichtigten. Herr von Kries war heute unerschöpflich. Er erzählte von seinem Leben in Berlin, von den Gesellschaftskreisen daselbst, der Langweile und Geistesöde derselben, von den hübschen kleinen Soupers mit seinen 100 Parteigenossen, den Soireen beim Reichskanzler, in denen es urgemütlich, fast mit zu wenig Zeremoniell zuging, von der Not unter den Künstlern, besonders den Malern, die mit ihren Stizzen bei den Abgeordneten umherliefen und oft ganz reizende Sächelchen für einen Spott⸗ preis zum Kauf anböten. Er hätte selbst der⸗ gleichen mitgebracht und wollte sie morgen den Seinen zeigen. So plauderte er fort, und als endlich die Hausfrau zum Aufheben der Sitzung mahnte, sah er ganz befremdet auf seine Uhr und fand es noch immer viel zu früh, sich zur Ruhe zu begeben. Indessen wurde er über⸗ stimmt, und als guter Parlamentarier fügte er sich der Majorität. Zu aller Verwunderung dauerte die animierte Stimmung des Hausherrn auch am folgenden Tage fort. Die Damen saßen noch beim Kaffee, den er schon viel früher in seinem Zimmer ein⸗ genommen hatte, als er mit seinen am Abend zuvor erwähnten Skizzen unter dem Arm erschien. Nachdem sie von allen gebührend bewundert worden, forderte er seine Frau und Valeska auf, ihm sofort einen geeigneten Platz für die kleinen Kunstwerke ausfindig machen zu helfen. Von Baleskas künstlerischem Geschmack von vornherein überzeugt, richtete er bei dem Probieren der Bilder, bald an dieser, bald an jener Wand. zumeist das Wort an sie, wie lästig und peinlich es ihr auch war, dem Ehepaar von Zimmer zu Zimmer folgen zu müssen. Auch Frau v. Kries dauerte die Sache zu lange. Sie verstummte allmählich und entfernte sich endlich unter dem Vorwand, irgend eine Wirtschaftsangelegenheit besorgen zu müssen. Ihr Gatte schien es gar nicht zu bemerken. Er hielt Valeska im Ge⸗ spräche fest, bis er, zur großen Erleichterung des Mädchens, in Geschäften abgerufen wurde. „Seltsamer Mann“, dachte Valeska, die sich die plötzliche Verwandlung in dem Benehmen des Herrn von Kries nicht zu erklären wußte. Nach Tisch forderte er die ganze Gesellschaft auf, ihn nach dem Eisenhammer zu begleiten, den er zu inspizieren hätte. Die Töchter sahen einander verwundert an; Papa war sonst nie für Begleitung auf seinen Geschäftswegen ge⸗ wesen, die er immer zu Pferde abgemacht hatte. Er war ja ganz verändert wiedergekommen! Indessen zerbrachen sie sich nicht weiter den Kopf, sondern folgten alle mehr oder weniger willig der Aufforderung, die für sie Befehl war. Frau von Kries glaubte ihr Jugendglück wieder⸗ gekehrt, als sie an der Seite ihres Gatten bei dem milden Wetter, in dem schon Frühlings⸗ stimmung lag, die noch gefrorenen Waldwege entlang wanderte. Still befriedigt hing sie an seinem Arm und lauschte seiner Unterhaltung mit Valeska, die ihm geistig weit mehr als sie gewachsen war und der sie daher gern das Wort überließ. Sie hatte ihre stille Freude an seinem guten Humor, seiner Geselligkeit und dem Beifall, den Valeska ihm trotz seines anfänglich ab⸗ lehnenden Verhaltens gegen sie abgewonnen hatte. Als sie alle um die lohende Esse des Eisen⸗ hammers standen, in dem ein Geselle ein weiß⸗ glühendes Eisen bearbeitete, bemerkte sie es wohl, wie Herr von Kries das vom Feuerschein an⸗ geglühte schöne Gesicht Valeskas mit leuchtenden Augen betrachtete; aber sie gönnte ihm die Freude an dem Anblick. War sie doch selbst nicht un⸗ empfindlich gegen die Schönheit in einem Menschen⸗ antlitz. Es verging jetzt kaum ein Tag, ohne daß Herr von Kries einen gemeinsamen Spaziergang in Vorschlag brachte, so bald das Wetter es erlaubte. Die Abende war er meist in seiner Familie und ließ sich vorsingen und spielen, ja eines Abends erschien er sogar mit einem Buche, um es den Frauen vorzulesen. Es war eine politische Satyte, die er eben mit einer Sendung seines Buchhändlers erhalten hatte. Es war durchaus kein für die Seinen geeignetes Buch. Niemand außer Valeska verstand es und fand Geschmack daran. Trotzdem las Herr von Kries unermüdlich. Man war jetzt schon so sehr an Ueberraschungen von Seiten des Gutsherrn ge⸗ wöhnt, daß diese neue, fast aufdringliche Liebens⸗ würdigkeit bei niemand mehr Verwunderung erregte. Bei niemand?!— Aber was war es denn, was sich während der Leltüre wie Spinngewebe über Sinn und Gemüt der Hausfrau legte? Sie war in den letzten Tagen öfter still und nachdenklich gewesen, als sänne sie einem Rätsel nach. Endlich löste sich das Rätsel, eine Erkenntnis brach sich Bahn, nicht allmählich wie die Tageshelle, sondern plötz⸗ lich, blitzartig, um alles übrige in finstere Nacht zu hüllen. Ihr Gatte liebte Valeska! Jede andere Frau in ihren Jahren hätte über solche Verirrung gelächelt— nicht so sie, die alles so ernst und schwer nahm, die sich aus ihrer Liebe ein Heiligtum errichtet hatte. Kein äußeres Zeichen verriet, was in ihr vorging. Trotz ihres weiblich verzärtelten Ge⸗ müts eine entschiedene Natur, behielt sie das Nächste und Notwendige im Auge, ging sie ruhig ihren Geschäften nach, für alle denkend und sorgend. Ihr Streben war nur darauf gerichtet, vor den Töchtern des Vaters seltsamen Zustand zu verbergen, und sie wunderte sich über sich selbft, mit welcher Leichtigkeit sie die harmlosesten Erklärungen für dessen verändertes Wesen fand. Mit ihrer Schwägerin, welche die sichtbare Be⸗ vorzugung Valeskas von Seiten ihres Bruders als eine Beleidigung mehr für sich als für Frau von Kries auffaßte und darüber sehr pikiert war, vermied sie jede Auseinandersetzung. Valeska konnte sie keinen Vorwurf machen. Diese benahm sich durchaus korrekt und beobachtete die äußerste Zurückhaltung, ohne ihrer Natürlichkeit Zwang anzuthun. War sie in der Familie, so gab sie sich unbefangen wie früher, ab sie zog sich so viel wie möglich zurück und wartete stets, bis Frau von Kries die Aufforderungen ihres Gatten unterstützte. Diese wußte ihr dafür Dank, trotz⸗ dem sie nicht die leiseste Gewißheit hatte, ob das Mädchen mit Bewußtsein handelte. Valeskas Feinfühligkeit war dieser instinktartige Takt zu⸗ zutrauen. Valeska hatte während der letzten Tage durch Herrn Thäns Vermittelung mehrmals Briefe mit Oettinger gewechselt. Die beabsichtigte Fahrt nach Neukirch ließ sich unter den obwaltenden Umständen nicht bewerkstelligen. Als sie eine sondierende Bemerkung inbetteff des Fuhrwerkes machte, äußerte Herr von Kries, daß er selbst in den nächsten Tagen in die Stadt müßte, Valeska also nur bestimmen sollte, wann sie zu fahren wünschte. Diese gab den Gedanken daran sofort auf. Sie hatte jedoch mit Herrn Thäns ein Auskunftsmittel vereinbart, dahin gehend, daß Oettinger am ersten Feiertage, zu welchem viele Gäste geladen waren, nach Triberg kommen und Valeska bei dem Inspektor erwarten sollte. Oettinger war davon verständigt worden. Der Sonnabend vor Ostern war heran⸗ gekommen. Im Hause war alles mit Vorberei⸗ tungen zum folgenden Tage beschäftigt, Herr von Kries schon von morgens an abwesend. Valeska atmete auf. Sie konnte sich endlich ihrem Gedanken an den räumlich ihr jetzt so nahen Geliebten überlassen, dem ihr Herz sehn⸗ suchtsvoll entgegenklopfte. Der selige Augenblick des Wiedersehens konnte nur zu kurz und flüchtig sein. Sie wollte sich im voraus in ihn ver⸗ senken; es sollte ihre Vorfeier des Auferstehungs⸗ festes sein. Frau von Kries ging still und in sich gekehrt ihren Geschäften nach. Abends überließ sie es ihrer Schwägerin, dem Brautpaare Gesellschaft zu leisten und zog sich früh mit Hans auf ihr Zimmer zurück, las dem Kleinen Märchen vor und half ihm schöne Schlösser mit seinen Bau⸗ steinen aufführen. Nur in der Nacht schluchzte sie einmal laut auf, sodaß Hans, der bei ihr schlief, erwachte und sich in seinem Bettchen aufrichtete. „Mama, was ist Dir?“ fragte er ängftlich. „Nichts, Kind, schlafe. Mama schläft auch.“ „Dann haft Du garstige Dinge geträumt.“ „Kann sein. Schlaf nur, mach die Augen fest zu. Morgen ist Ostern, da mußt Du früh munter sein.“ „Ach ja, und da ziehe ich meinen neuen Matrosenanzug an, den mir Papa aus Berlin mitgebracht hat. Was hat er Dir mitgebracht, Mama?“ „Jetzt ist nicht Zeit zu fragen. Lege Dich auf die Seite und schlafe.“ „Aber wenn Du wieder stöhnst?“ „Ich werde nicht. Sein ruhig, mein Kind. Schlaf süß.“ VI. Die hell erleuchteten Räume des Triberger Herrenhauses füllten sich allmählich mit Gästen. In großen Familienschlitten, die dieses Jahr wohl zum letztenmale zur Anwendung kamen, denn der Schnee war durch Regen und laue Winde schon sehr morsch und wässerig geworden, fuhren sie vor der Rampe vor und wickelten sich in der Vorhalle aus Pelzen und Tüchern, um darauf in den oberen wohl geheizten Zimmern die etwa gedrückten Toiletten und Frisuren zu ordnen und aufzurichten. Die drei Töchter des Hauses, in blau, rosa und weiß gekleidet, sahen, um mit dem Major zu reden, der stark in trivialen Vergleichen war, wie Zuckererbsen aus. Für Valeska fand er jedoch keinen Vergleich. Man sagt, die Schönheit bedürfe keines Schmuckes, sie wirke durch sich selbst. Und doch kennt nie⸗ mand den vollen Reiz der Schönheit, der sie nicht geschmückt sah. In einem mit Spitzen garnierten, gelblich weißen Kaschmirkleide und roten lebenden Kamelien im Haare und an der Brust, erschien Valeska wie von einem neuen Zauber umflossen Die Kamelien, die sie trug, hatte Herr von Kries mit einer Menge anderer Blumen eigenhändig aus dem Treibhaus gebracht, zur größten Verwunderung seiner Töchter, gegen die er sonst immer karg mit seinen Blumen war:. Indessen hatten sie, ohne viel zu denken, sich mit der duftigen Gabe geschmückt, diese mit Rosen, jene mit weißem Flieder. Die dunkeln Kamelien paßten nicht zu ihren Toiletten, sie fielen Valeska zu. Frau von Kries sah die Reste liegen, zerpflücktes Laub und abgefallene Blütenblätter. Sie blieb sinnend davor ftehen und ließ sie durch ihre Finger gleiten. „Wie ein Nachtwandler geht er dahin“, murmelte sie.„Mag er seinen Traum aus⸗ träumen— noch einmal glücklich sein! Ich will ihn nicht wecken!“ gegn ein 1 die Ge n feinem He hatte seitdem hn beute d Haupt mit hängenden! * — 2 — 2 2 2 1 ————ͤ ͤ 0 S 2 22 774 2 — — 7 Nr. II. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. 5—— e k In dem Salon, dem Musik⸗ und Wohn⸗ links grüßte. Lächelnd küßte er der Dame des] Bauern eine⸗ klägliche, das Entweichen von ihrem 18. 9 und den anstoßenden kleineren Gemächern,] Hauses die Hand, verbeugte er sich vor deren Grundbesitz sehr häufig. W e eine Atmosphäre von feinem Thee⸗ und Töchtern. Aber als er endlich vor Valeska 2 10 Arrakduft durchzog, summte es von heiter plau⸗stand, machte das Lächeln einer Verblüfftheit dernden Menschenstimmen. Valeska mußte eine] Platz, die seinem keineswegs geistreichen Gesicht Sprüche zur Lebensweisheit. 5 Menge Vorstellungen durchmachen. Man hatte einen fast komischen Ausdruck gab.(Forts. f.) Das ist das alte Lied und Leid, 11 in der Abwesenheit des Hausherrn sehr still Daß die Erkenntnis erst gedeiht, 0 gelebt, sodaß ihr die Familien der Umgegend Wenn Mut und Kraft verrauchen. e ber dees benen ud gus der Bulturgeschichte unserer Dr daft war ann de Lebe ne 10 Loe 8 jedem Neuankommenden wie im Bauernschaft.“ Die Kunst, das Leben recht zu brauchen. 0 riumphe vor. Geibel. Jeßt war es Baron Helldorf, als einer der Von Karl Kautsky.* an⸗ letzten, den er durch die Scilla und Charybdis Geradezu entsetzlich wurden die Zustände in Die Kunst des Regierens besteht darin, daß kei⸗ der Begrüßungen und Fragen nach gegenseitigem] Mißjahren, und angesichts der zunehmenden] man zur rechten Zeit streichelt, zur rechten Zeit err Wohlergehen durch die bereits gefüllten Zimmer Unfruchtbarkeit des Bodens nahmen diese immer eine Ohrfeige giebt. Fürst Orlow. d. bis nach dem Salon bugsierte, wo Valeska sich] mehr zu. Von 1698 bis 1715 verringerte sich lich absichtlich den älteren Damen zugesellt hatte. die Bevölkerung Frankreichs infolge der sich a 1 f 5 5 1 12 9 seit 5795 zwei. e von 1 8 16 ble Humoristisches. hu⸗ ahren von Triberg fern gehalten. an sagte, Die Regierung Ludwigs XV. war frie icher 5 issi 5 lick er hätte zu jener Zeit ein Auge auf Agnes 35 als die Ludwigs XIV, ihre Kriegslasten geringer; lich bel eee e e hlig habt, sich aber zurückgezogen, als er gehört, daß] aber der Druck der Feudallasten blieb. Sie flossenen Nacht beschäftigt ihn, als der dienstthuende ver⸗ diese für einen jungen bürgerlichen Chemiker] wurden unerträglich, viele Bauern entflohen a ae u 7 8 en ie . schwärmte. Dies war Thatsache und die Ursache freiwillig ihrem Besitztum, das sie aus Elend— äh— wie nennt man e ihres frühzeitigen Verblühens; denn trotzdem der kettete, und fanden es vorteilhafter, Lohnarbeiter[im Schlaf aus dem Bett steigt und umherwandelt— chtt junge Mann des Mädchens Neigung erwiderte, oder selbst Bettler oder Räuber zu werden. äh?“—„Somnambulismus, Hoheit.)—„Som— ein Viertel des] äh— wie sagten Sie, ganz recht—Somnambulismus. eb war die seinige doch nicht stark genug gewesen, Schon 1750 gab Quesnay an, Ach hören Sie, mein Lieber, hören Sie: Lezte haft um den Widerstand ihrer adligen Verwandtschaft pflugfähigen Bodens sei unangebaut; unmittelbar[Nacht— äh— geht etwas i 1 i iht gegen eine Verbindung mit ihm zu besiegen. Er vor der französischen Revolution erklärte Arthur Tapir 7 15 daß Thür ort W Mich vor gab die Geliebte auf. Baron Helldorf, mehr] Poung, ein Drittel des Ackerlandes(mehr als] öffne und bin ganz erschrocken— äh— der Erbprinz. gau in seinem Hochmut als in seiner Liebe gekränkt, 9 Millionen Hektaren) liege wüst! Der land⸗ 8708 ke ch e sehe 1 7 A„ he. batte seitdem das Kriessche Haus gemieden, bis wirtschaftlichen Gesellschaft zu Rennes zufolge] Er hört mich nicht, linen, hört ich duch 95, 18 ihr ihn heute die Einladung des Gutsherrn, mit lagen zwei Dritteile der Bretagne brach. sich umzudrehen, weiter, geht nach dem östlichen Flügel, chen der geheimnisvollen Anspielung auf etwas be⸗ Nicht überall war es so schlimm, wie in äh, wo die Kammerfrauen schlafen. Ich— äh— rufe sonders Sehenswürdiges, zum erstenmale wieder] Frankreich, wo die Regierungsgewalt den Bauern uu Rage V lic, hergelockt hatte. absolut beherrschte, dabei aber völlig in den“— ont nichts. Alles an Schlaf oeh 100, 505 ic Die rechte Schulter etwas vorgeschoben, wie Händen eines ebenso übermütigen wie gewissen⸗] Migräne, sieht blaß, bin sehr besorgt um ihn, äh.— mt. es seine Gewohnheit war, kam er langsam vor⸗ kosen, habgierigen und kurzsichtigen Hofadels war.] Ist der Som cem— wie sagten Sie, äh, eine ge⸗ 15 wärts, indem sein rundes, spärlich behaartes] Indessen war auch in Deutschland die Lage der 5 A 955 15 nein, 15 95 brauchen keine frih Haupt mit den bebrillten Augen und dem langen— Ali selbst. 85„So 2 15 ah danke Ihnen hängenden Schnurrbart lächelnd nach rechts und„Siehe Nr. 6, 7, 8, 9 und 10 der„M. S. Ztg.“ J Kammerherr, danke Ihnen sehr für die Beruhigung.“ 0 446%%%% Peter Leppla WETZLAR. N Neustadt 79 Neustadt 79 7 10 N 1 di offeriert 5 ö d— 0 8„„. rein wollenen Cheriot onfirman en⸗Anzuhe 8 Restkoupons, passend zu kompl. 1 8 bis 25 Mark i B KskI Ch iot Find. 8 Prühjah 15 saiso N N— zu bekannt bill. W 5 e e Auswahl 5 * empfehle 2 a„ 5 1 fl. 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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 45 Nr. 10. 6 richteten grossen Geschäftshause, ein Seοοοοοοοe — Anfang April grosses Sortiments-Geschäft für sämtliche Manufaktur-, Modewaren, Konfektion, Kurz-, Weiss, Wollwaren, Wäsche, Putz etc. etc. Verkauf zu konkurrenzlosen Preisen. 3 Kaufhaus F. Leitzow& Co., Giessen. 3892922222222 2 2222222292225 8855555555585 Zul. Konfirmation Markus Bauer, nach Maß in eigener Konfirmanden Anzüge in Tuch, Buckskin und Kammgarn von 9 bis 25 Mark. 4 ie ßen, Rirchenplatz J. Werkstätte. Anfertigung 2 Fir Aagenleidende! Allen denen, die sich durch Erkältung oder Ueberladung des Magens, durch Genuß mangelhafter, schwer verdaulicher, zu heißer oder zu kalter Speisen, oder durch unregelmäßige Lebens⸗ weise ein Magenleiden, wie: 5 Magenkatarrh, Magenkrampf, Magen⸗ 3 schmerzen, schwere Verdauung oder Ver⸗ schleimung zugezogen haben, sei hiermit ein gutes Hausmittel empfohlen dessen vorzügliche heilsame Wirkungen schon seit vielen Jahren erprobt sind. 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Alle Symptome, wie: Kopf- schmerzen, Aufstossen, Sodbrennen, Blähungen, Uebelkeit mit Erbrechen, die bei chronischen(veralteten) Magenlelden um so heftiger auftreten, werden oft nach einigen Mal Trinken beseitigt. und deren unangenehme Folgen Stuhlverstopfung wie: Beklemmung, Kollksohmerzen, nerazklopfen, Schlaflosigkeit, sowie Blutanstauungen, in Leber, Milz und Pfortadersystem(Hamorrholdalleiden) werden durch Kräuter⸗Wein rasch und gelind beseitigt. Kräuter⸗Wein dehebt jedwede Unverdaulsohkeit, verleiht dem Verdauungssystem einen Aufschwung und entfernt durch einen leichten Stuhl alle untaug⸗ 755 lichen Stoffe aus dem Magen und Gedärmen. Hageres, bleich. Aussehen, Blutmangel, 55 Entkrãftung sind meist die Auth schlechter Verdauung, 9 5 5 mangelhafter Blutbildung und eines krank⸗ haften Zustandes der Leber. Bei gänzlicher Appetitlosigkeit, unter nervöser Abspannung und Gemüthsverstimmung, sowie häufigen Kopfschmerzen, schlaflosen Nächten, siechen oft solche Kranke . langsam dahin. 5 Kräuter⸗Wein giebt der geschwächten Lebenskraft einen frischen Impuls. 5 Kräuter ⸗Wein steigert den Appetit, befördert Verdauung und Ernährung, regt den Stoffwechsel kräftig an, beschleunigt und verbessert die Blut⸗ bildung, beruhigt die erregten Nerven und schafft dem Kranken neue Kräfte und neues Leben. Zahlreiche Anerkennungen und Dankschreiben beweisen dies. Kräuter⸗Wein ist zu haben in Flaschen à V 1.25 u. 1.75 in: Gießen, Großen⸗Linden, Wetzlar, Fron⸗ hausen, Braunfels, Butzbach, Brandoberndorf, Gladen⸗ bach, Weilburg, Grof⸗Buseck, Allendorf, Grünberg, Lich, Hungen, Laubach, Bad⸗Nauheim, Marburg usw. 5 in den Apotheken. 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