ASseeeee sees Nr. 24. Gießen, Sonntag, den 11. Juni 1899. 5. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. D . 0 Mitteldeutsche uutags⸗ Medaktionsschlus: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 4 kitung. Abonnementspreis: Bestellungen 2 JIJnserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg ö Direkt durch[Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und] 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Bei mindestens bei 6mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33¼/ und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Das Recht auf's Zuchthaus. * In einer besonderen Beilage, die unsere Leser aufbewahren mögen, haben wir schon vor acht Tagen die neueste sozialpolitische That der Reichsregierung gebührend gewürdigt. An⸗ stelle des den Arbeitern unentbehrlichen Ver⸗ einigungsrechts, das dem Unternehmertum in der Seele verhaßt ist, bietet die Reichsregierung den deutschen Arbeitern das Recht auf's Zuchthaus! Die ungeheure Mehrheit des deutschen Volkes soll unter ein Aus nah megesetz gestellt werden, damit die kapitalistische Minderheit noch unge⸗ störter als seither die Früchte des Arbeiter- fleißes genießen kann. In der Vorlage wird der Anschein zu er⸗ wecken versucht, als ob Arbeiter und Unter⸗ nehmer gleich behandelt werden, als wenn die Strafbestimmungen für beide Teile in An⸗ wendung kommen sollten. Das ist Sand in die Augen. Nicht nur die Arbeiterpresse ist sich darin einig, sondern das wird auch von bürgerlich⸗demokratischen und von Centrums⸗ blättern zugegeben. So schreibt z. B. die Korrespondenz für Centrumsblätter:„... Im übrigen hat die Regierung sich zwar bemüht, das Gesetz möglichst paritätisch(für beide Teile gleich) erscheinen zu lassen; in der Praxis trifft aber natürlich das Gesetz die Arbeit nehmer viel mehr, als die Arbeitgeber. Denn letztere haben bei ihrer geringeren Zahl und ihrer anderen sozialen Stellung kaum Ver⸗ anlassung, zu„körperlichem Zwang, Drohung, Ehrverletzung oder Verrufserklärung“ in einer gerichtlich verfolgbaren Form zu greifen....“ Und das rheinische Centrumsblatt, die„Kölnische Volkszeitung“, äußert sich so: „Prinzipiell sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Vorlage gleichgestellt, praktisch würde die Sache sich wohl anders stellen, ohne daß damit den Gerichten Parteilichkeit zu Gunsten der Arbeitgeber, Vorurteil zu Ungunsten der Arbeiter vorgeworfen werden soll. Aber die Partie steht nach Lage der Verhältnisse von vornherein ungleich....“ Es klänge auch geradezu lächerlich, von einer beabsichtigten Gleichartigkeit in der Be⸗ handlung sprechen zu wollen. Für das Unter⸗ nehmertum ist die Zuchthausvorlage doch nicht bestimmt. Und wenn in der Vorlage davon die Rede ist, daß Uebergriffe bei„Arbeiter⸗ ausständen“ sowohl wie bei„Arbeiter aus⸗ sperrungen“ mit denselben Strafen belegt werden sollen, so wissen die deutschen Arbeiter, daß diese Bestimmungen gleich vielen anderen eben auf dem Papier stehen, für die Praxis aber keine Bedeutung haben würden. Die Arbeiterschaft ist sich über den Charakter des Klassenstaates längst im Klaren. Und seit⸗ dem ein preußischer Justizminister vor den versammelten Vertretern des Volkes den Grund⸗ satz proklamierte:„Wenn zwei dasselbe thun, so ist das nicht dasselbe“ seit diesem Augenblick wissen auch die Arbeiter, die es bis dahin noch nicht wußten, woran sie sind. Und deshalb glaubt kein vernünftiger Mensch an die in der Zuchthausvorlage ausgesprochene Gleichheit der Unternehmer und Arbeiter. Wenn es den Unternehmern an den Kragen gehen sollte, so fragen wir: Warum hat man denn seither die Unternehmer nicht auf Grund des§ 153 der R.⸗Gewerbe⸗O. ge⸗ faßt, wenn sie durch ,Verrufserklärungen“, wie Ausgabe von schwarzen Listen, Kennt⸗ lichmachung der Zeugnisse u. s. w. Arbeiter mitsamt deren Familien auf Monate dem Hunger, der Not und dem Elend preisgaben? Wer weiß denn von solchen Verfolgungen zu berichten? Wir haben nie etwas davon ge⸗ hört. Aber daß Tausende brave Arbeiter dem§ 153 zum Opfer fielen, das wissen wir! Man bleibe uns mit albernen Mätzchen vom Leibe, und versuche nicht, uns weiß zu machen, in Zukunft würden Unternehmer und Arbeiter gleich behandelt! Die Unternehmer wissen, warum sie der Zuchthausvorlage zu jubeln und die Arbeiter wissen, warum sie sich gegen das monströse Ausnahmegesetz zu wehren haben.— Wie seither, so wird auch in Zukunft der Arbeiter, der für höhere Löhne, oder für kürzere Arbeitszeit kämpft, in den Augen der herr⸗ schenden Klassen als ein staats gefährlicher Mensch erscheinen, den man streng bestrafen muß. Das giebt die Reichsregierung auch in— drekt zu, indem sie in der Begründung, welche sie der Zuchthausvorlage beigefügt hat, das hohe Lied der Streikbrecher singt. Es heißt dort: „„ Es handelt sich gerade bei den Arbeitswilligen um ruhige, in die Staats⸗ und Rechtsordnung sich schickende, für den Staat besonders nützliche Elemente, welche in ihren mit den Staatsinteressen zusammenfal⸗ lenden persönlichen Interessen wirksam zu schützen eine wichtige und dringliche Auf⸗ gabe der Staatsgewalt ist.“ Diejenigen Arbeiter also, die ihren Kameraden als Verräter in den Rücken fallen, die den Kampf der im Interesse ihrer Familien bessere Lebensbedingungen fordernden Arbeirer wenn nicht gänzlich aussichtslos machen, so doch furchtbar erschweren, das sind „die dem Staat besonders nützlichen Elemente.“ Was halten die Geheimräte, die die Zucht⸗ hausvorlage ausgebrütet haben, denn von einem Soldaten, der in der Schlacht zum Feind überläuft? Sie nennen ihn mit Recht einen elenden Schurken, der seine Kameraden und sein Vaterland verrät! Was aber ist in den Augen derselben Ge⸗ heimräte ein Arbeiter, der seinen Kameraden in den Rücken fällt und dadurch seine Klasse verrät? „Ein ruhiges, für den Staat beson⸗ ders nützliches Element!“ Also auch hier gilt für die, die das Heft in der Hand haben, der Grundsatz: Wenn zwei dasselbe thun, so ist das nicht dasselbe. Für uns bleiben beide, der Soldat wie der Ar⸗ beiter Verräter, wenn sie ihren Kameraden nicht die Treue halten. Aber weil man uns bestraft, wenn wir den Schuft einen Schuft und den Streikbrecher einen Streikbrecher nennen, so acceptiren wir die neue Bezeichnung und werden in Zukunft verräterische Streikbrecher nennen: Ruhige, staatserhaltende Elemente! Damit ist dann auch gleichzeitig der heutige Staat treffend charakterisiert!—— Deutsche Arbeiter! Schwere Kämpfe stehen uns bevor. Und jetzt heißt's treu zu⸗ sammenstehn. Das Recht auf's Zuchthaus soll nicht nur für Sozialdemokraten, sondern für die Arbeiterschaft über haupt proklamiert werden. Ihr alle sollt an's Messer geliefert werden. Deshalb Einigkeit und treue Waffenbrüderschaft im Kampf gegen das Zuchthausgesetz. Die Losung unserer Feinde lautet: Mehr Zuchthaus! Unsere Losung heißt Mehr Freiheit! Zur Agrarfrage. VI. Die soziale Revolution und die Enteignung der Grundbesitzer.“ Mit seinen Vorschlägen zum Schutze der Landbevölkerung und der Landwirtschaft, wie wir sie in den vorhergehenden Artikeln dargelegt haben, beabsichtigte Kautsky nicht, ein Agrar⸗ programm zu geben. Agrarprogramme für be⸗ sondere Gelegenheiten und Gegenden hält er für zweckmäßig, sie seien aber von Theoretikern im Verein mit Praktikern auszuarbeiten, eine Ansicht, die wir stets vertreten haben. Kautsky lag hauptsächlich daran, den Nachweis zu liefern, daß die Sozialdemokratie auf der Grundlage ihrer Anschauungen sehr wohl in der Lage sei, zum Schutze der Landbevölkerung, des länd— lichen Proletariats und der Landwirtschaft eine reiche und fruchtbare Th tigkett zu entfalten. Den Kampf der Sozialdemokratie gegen den hohen Steuerdruck, gegen die Uebergriffe der Bureaukratie und der Großgrundbesitzer be⸗ trachtet der Bauer mit sympathischen Augen. Was ihn empört, ist der Gedanke au die Ent⸗ eignung der Grundbesitzer, die der Sieg der Sozialdemokratie mit sich bringen soll. Er glaubt, er werde von Haus und Hof ver⸗ trieben und sein Besitztum werde ein Raub der Habenichtse. Die Zwergbetriebe, welche sich unter den heutigen Verhältnissen nicht behaupten können, würden gewiß mit Freuden nach den Vorteilen greifen, welche der sozialistische Großbetrieb bietet. Ihre ganze Existenz würde sich dadurch wesentlich heben. Die bäuerlichen Kleinbetriebe, welche noch wichtige ökonomische Funktionen er⸗ füllen, werden Glieder der gesellschaftlichen Pro⸗ duktion werden. Der Staat wird den Bauern nicht nur nichts nehmen, sondern viel geben. Bauern und Landarbeiter müssen bei dem Uebergang von der kapitalisti⸗ schen zur sozialistischen Gesellschaft besonders geschätzte Arbeitskräfte werden. Die Ausdehnung der Industrie für den Weltmarkt und die gleichzeitige Ueber⸗ schwemmung des Marktes mit auswärtigem Getreide treiben die Landbevölkerung in die Städte. Sobald aber der innere Markt wieder in den Vordergrund der nationalen Oekonomie tritt, wächst die Bedeutung der Land wirtschaft. Der steigende Konsum der Massen verlangt einen rationellen landwirtschaftlichen Betrieb. Land⸗ arbeiter und Kleinbauern, heute stiefmütterlich behandelt, werden dann sehr begehrt sein. Und da soll man annehmen, der Sozialismus werde die Bauern von ihren Feldern vertreiben? Gerade das Gegenteil wird eintreten. Man * Siehe Nr. 8, 11, 14 17 und 20 der M. S.⸗Ztg. ——— ——— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. wird die Lage der Landwirte so vorteilhaft, wie nur möglich, gestalten, ihnen gestatten, die Hypothekenzinsen statt in Geld, durch Naturalien zu begleichen, und ihnen, weit entfernt, sie zu enteignen, die vollkommensten Produktionsmittel zur Verfügung stellen. Wo der Kleinbetrieb vorteilhafter, als der Großbetrieb ist, wird er erhalten bleiben; wo es der genossenschaftliche Großbetrieb ist, wird er von den Landwirten schließlich selbst gefordert werden.„Die Bauern“, sagt Kautsky a. a. O, S. 446,„haben von der Sozialdemokratie nichts zu fürchten, sie haben alles von ihr zu hoffen. Allerdings, in der heutigen Gesellschaft kann sie keineswegs alle ihre Wünsche erfüllen, aber nicht deswegen, weil es ihr an gutem Willen mangelt, sondern weil viele dieser Wünsche fromme Wünsche bleiben müssen, die auch eine andere Partei nicht im Stande ist, zu erfüllen. In Ver⸗ sprechungen kann die Sozialdemokratie mit den agrarischen Parteien nicht konkurriren, was aber für die Landbevölkerung in der heutigen Gesellschaft zu thun ist, das thut sie, das kann nur sie allein in vollem Maaße thun, weil sie dem Kapital rücksichtsloser entgegentreten kann, als irgend eine der bürgerlichen Parteien. Weit mehr noch, als von der Sozialreform im Rahmen der heutigen Gesellschaft, haben die Bauern vom Uebergang zur sozialistischen zu erwarten. Die Enteignung, das ist die kapita⸗ listische Methode, den Uebergang von niedrigen zu höheren Betriebsformen zu vollziehen.“ Heute muß sich der Bauer gegen jeden Fortschritt wehren und damit langsam verkommen, der Sozialismus wird ihn der gesellschaftlichen Fortschritte teilhaftig machen, ihm nicht die Ent⸗ eignung, sondern den sichersten Schutz davor bringen. Ebensowenig wird der Sozialismus das eigene Heim aufheben. Der Sozialismus beruht auf dem Gemeineigentum an den Pro⸗ duktionsmitteln, nicht auf dem an den Genuß⸗ mitteln. Diese bleiben Privateigentum. Und hierzu gehört als eins der wichtigsten, vielleicht das wichtigste: das eigene Heim. Kautsky schließt sein Werk über diesen Punkt mit den Worten:„Dem Bauern braucht um sein Haus nicht bange zu sein. Das sozialistische Regime wird nicht ohne Spuren daran vorbeigehen, aber die Aenderungen, die es mit sich bringt, werden nicht zum Nachteil des bäuerlichen Heims ausfallen. Vielleicht nirgends äußert sich der Niedergang der Bauernschaft so deutlich, wie in ihren Häusern. Und doch hat der Bauer Sinn für Reinlichkeit und Schönheit; überall, wo er in Wohlstand lebt, tritt das zu Tage. Das bäuerliche Haus der Vorzeit ist das Entzücken der Architekten. Es bedarf jedoch nur des Wohlstandes und der Muße, um den Bauern wieder zum Künstler zu machen. Das siegreiche Proletariat wird sie ihm bringen.“ Wir sind am Ende. Was wir aus Kautskys Werk geboten haben, war nur ein schwacher Ab⸗ glanz, eine Wie ergabe hauptsächlicher Gesichts⸗ punkte, die trotz aller Sorgfalt, mit der sie vorgenommen, lückenhaft und unvollständig bleiben mußte. Bei der Fülle der neuen Ge⸗ danken und des gebotenen Materials ließ sich nur schwer die richtige Auswahl auf engem Raume treffen. Zweck unserer Zeilen war, die Leser zum Studium des Werkes anzuregen. Elenchus. Politische Rundschau. Gießen, den 9. Juni. Im Zeichen des Zuchthauses. In entschiedener Weise hat sich die gesamte Arbeiterpresse gegen die Zuchthausvorlage ge— äußert. Hundertfältig wird der Nachweis er— bracht, daß es sich um ein Ausnahmegesetz schlimmster Sorte handelt. Keiner unserer Leser zweifelt an diesem Ausnahmecharakter der Zucht⸗ hausvorlage, deshalb sehen wir von der Wieder⸗ gabe sozialdemokratischer Preßäußerun zen ab, wollen dagegen die Stellungnahme der bürger⸗ lichen Presse des Näheren prüfen. Die freisinnig demokratische Presse ist für Ablehnung. Die„Freisinnige Zeitung“ Eugen Richters und das„Berliner Tageblatt“ des Herrn Mosse drücken dies allerdings sehr lahm aus. Energischer ist die„Berliner Volks⸗ zeitung“. Diese schreibt:„Diese Vorlage ist ein Gelegenheitsmachwerk schlimmster Art und ein sozialpolitischer Rückschrittsversuch, den der Reichstag nun und nimmermehr sanktionieren darf.“ Die Frankf. Ztg. haben wir schon in voriger Woche zitiert. Sie verhält sich strikte ablehnend. Die Nationalliberalen winden und drehen sich kläglich wie immer. Am offensten ist ihre„Köln. Ztg.“, die schließt:„Mit be⸗ sonderer Genugthuung begrüßen wir die neuen Bestimmungen, welche sich gegen die ge⸗ werbsmäßigen Agttatoren und Hetzer in einem Arbeitskampfe richten... Im großen Ganzen können wir hiernach unser Urteil dahin zu⸗ sammenfassen, daß der Gesetzentwurf in der vorliegenden Form eine brauchbare und will⸗ kommene Grundlage zur Verbesserung des sozialpolitischen Friedens und zur Erhöhung des berechtigten Schutzes der Arbeitswilligen bildet.“ Die„Nationalztg.“ sagt, der Entwurf„bewege sich auf einem Gebiet, über das sich diskutieren lasse“! Die Zentrumspresse teilt sich in zwei Richtungen. Die„Germania“ in Berlin seil⸗ tänzert, wohingegen die„Köln. Volkszeitung“, das größere Zentrumsblatt, die Erwähnung der Unternehmer in der Vorlage, wie wir, als „Dekoration“ bezeichnet, und die Dehnbarkeit der Paragraphen, sowie voraussichtliche ein⸗ seitige Handhabung gegen die Arbeiter scharf hervorhebt. Die konservativen Blätter, voran der große Schleifstein des Königs Stumm, die „Post“ sind entzückt von der Vorlage. Das Stummblatt verlangt Auflösung des Reichstags, wenn dieser die Vorlage ablehne. Die antisemitische, oder wie sie sich auch nennt, die deutsch-soziale Reformpartei, ist, wie die„Staatsbürgerzeitung“ bekundet, mit der Vorlage sehr zufrieden. Uebrigens hat die„Staatsbürgerztg.“ den Gesetzentwurf gar nicht verstanden, denn sie meint, die soge⸗ nannten schwarzen Listen der Arbeitgeber für Arbeiter würden künftig unmöglich sein. Gerade umgekehrt sind in der Begründung die schwarzen Listen ausdrücklich als zulässig bezeichnet worden. — Die„Wacht“ des Antisemiten Zimmer⸗ mann darf bei dem reaktionären Jubelgesang nicht fehlen.„Wir begrüßen als Freunde ehr⸗ licher Arbeit den Entwurf mit Freuden“, ruft das Antisemitenorgan triumphierend aus. Dann faselt dasselbe Blatt, das kürzlich noch mit dem Grafen Pückler zum Totschlagen der Juden aufforderte und unausgesetzt den denkbar größten Terrorismus predigt, ein Langes und Breites vom Terrorismus der Arbeiter gegen die Ar⸗ beitswilligen. Ueberraschen kann dies von dem Organ einer Partei nicht, die sich längst mit Haut und Haaren der Reaktion verkauft hat und stets an der Spitze der preußischen Konser— vativen, der Junker zu finden war, wenn es galt, das arbeitende Volk zu schröpfen.—— Aus all diesen Preßäußerungen geht hervor, daß sich das arbeitende Volk nur auf sich selbst verlassen kann. Die Gegner aus bürger⸗ lichen Vereinen sind unsichere Kantonisten und haben wenig oder gar keinen Einfluß. Protestversammlungen gegen die Zucht⸗ hausvorlage sollen im ganzen Reiche sofort ver⸗ anstaltet werden. Am Mittwoch Abend haben in Berlin bereits 19 Versammlungen stattge⸗ funden. Eine Flugschrift, die das arbeitende Volk über das neue Knebelgesetz aufklären soll, wird in Millionen verbreitet werden. Im Gothaischen Landtag hat unser Genosse Bock am Dienstag schon der Regierung den Kopf gewaschen von wegen der Zuchthaus⸗ vorlage. Er beantragt, den koburg⸗-gothaischen Vertreter im Bundesrat dahin zu instruieren, daß er gegen die sog. Zuchthaus vorlage stimme. Staatsminister von Strenge widersprach dem Antrag. Nachdem sich darauf alle Redner für den Antrag Bock ausgesprochen hatten, wurde die Sitzung infolge einer heftigen Szene vertagt, die dadurch hervorgerufen wurde, daß Staatsminister von Streuge bestritt, vor 14 Tagen gesagt zu haben, daß dem Bundesrat noch gar keine Zuchthausvorlage gemacht sei. Das erste Opfer. Nach§ 1 der Zuchthaus vorlage wird mit Gefängnis bis zu einem Jahre bedroht, wer es unternimmt, durch Drohung Arbeit-. geber oder Arbeitnehmer von der Teilnahme an solchen Vereinigungen oder Verabredungen abzuhalten, die eine Einwirkung auf Arbeits⸗ oder Lohnverhältnisse bezwecken. Nun hat Herr von Podbielski, der Post⸗ gewaltige, dieser Tage vier Vertreter des Post⸗ und Telegraphen-Unterbeamten⸗Ver⸗ bandes bei sich empfangen, um sie zu be⸗ stimmen, ihre Koalition aufzulösen. Er sagte dabei: Falls man jener Verfügung, die seinem Wunsche Ausdruck gab, nicht genügen zu können glaube, so werde schon für diejenigen, die sich nicht fügten, und für die, bie beim Ver⸗ bandstage als Redner gegen seinen Wunsch auftreten würden, eine Antwort erfolgen, die den Betreffenden gewiß nicht angenehm sein werde. Herr v. Podbielski führte namentlich denen, die Familie haben, vor Augen, daß es ihnen doch gewiß recht fatal sein würde, wenn sie plötzlich von Berlin nach„Nimmersatt“ versetzt würden. Der Staatssekretär drohte also offen mit Maßregelung. Er suchte als Arbeitgeber, Arbeitnehmer von einer gesetzlich erlaubten Koa⸗ lition durch eine sehr nachdrückliche Drohung abzuhalten resp. abzubringen. Eine solche Hand⸗ lungsweise ist ohne Zweifel nach 8 1 der Zucht⸗ hausvorlage straffällig. Und zwar soll dies Vergehen mit Gefängnis bis zu einem Jahre geahndet werden. Der Reichs⸗Postsekretär darf froh sein, daß die Zuchthausvorlage noch nicht Gesetz ist! Die Post⸗Unterbeamten haben thatsächlich infolge der Drohungen ihres Vorgesetzten ihren Verband aufgelöst. Antisemitische Redakteure. Die antisemitischen Hetzreden des Grafen Pückler-Tschirne beschäftigten am Sonnabend die 9. Strafkammer des Berliner Landgerichts I. Auf die Anklage der Auf⸗ reizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewaltthätigkeiten hatten sich der Redakteur der antisemitischen„Staatsbürgerzeitung“ Wil⸗ berg, der Geschäftsführer dieser Zei ung Bruhn, der Verleger des antisemitischen„Deutschen Generalanzeigers“ Karl Sedlaczek und der frühere Redafteur des letzteren Schür kämper, zu verantworten. Sedlaczek wurde freigesprochen, die anderen zu Geldstrafen veructeilt. Bruhn erklärte offen, daß er bei der Verbreitung der Sonderabdrücke der„Staatsbürgerztg.“ mit den gräflichen Reden lediglich geschäftliche Reklamezwecke in Auge gehabt habe. Von Schürkämper erzählte der Staatsanwalt, daß er Vorstrafen wegen Urkundenfälschung, Unterschlagung, Betruges und Obdach⸗ losigkeit erlitten hat. Es sei verwunderlich, daß ein Mann, der so etwas auf dem Kerbholz hat, als Vorkämpfer und Verfechter des Deutsch⸗ tums auftritt.— Irgend welcher Kommentar ist hier überflüssig. Neue wertlose Kolonien. Mit wertlosem Kolonialbesitz ist Deutschland schon überreichlich versorgt. Diese Gebiete um⸗ fassen in Afrika und Australien schon den fünffachen Umfang des Deutschen Reiches. Gleichwohl soll dieser wertlose Be⸗ sitz, der nur Unkosten verursacht und, gelegent⸗ lich zu allerlei internationalen Verwickelungen Anlaß giebt, noch weiterhin vermehrt werden. Offizibs wurde aus Madrid gemeldet, daß in der Thronrede zur Eröffnung der spanischen Cortes (Kammer) ein Gesetzentwurf ne wird behufs Abtretung der Karolinen⸗, Palao⸗ und Marianneninsel an Deutschland. Das vorige Kabinet sei der Ansicht gewesen, heißt es in der spanischen Thronrede, es sei nicht rat⸗ sei deshalb wegen der Abtretung ein Abkommen mit dem Deutschen Kaiser unterzeichnet worden. Wie weiter berichtet wird, soll Deutschland für diese Karolinen und Marxiannen an Spanien 16 bis 17 Millionen Mark zahlen! N handelt Das wär' ein Geschäft für das bankerotte Spanien! Es würde den wertlosen Plunder los und steckte dafür die deutschen Millonen in den gänzlich leeren Säckel. Die in Frage kommenden Insel⸗ feht 17. 5 eine seh Oester: die Arbeiter form dure anzen Lan 5 echterun bolitische die der Re gewaltigt! hält den fe bor, eine E Rußlan! heiterun und andere Musend 2 der Polizei stößen, bei, — Span Henker un Citadelle Verdacht! bt haben inden. 9 Madrid m Prokurator, liche lnters Behandlun lusgesetzt in der unr Das Urtei das die R. Prozeß b. Dreyfus 90 ordnet er folge duale holführt e Nacht ode um sie zu lach zu b. 1 0 1 erscha 0 1 sam für Spanien, diese Inseln zu behalten und giebt. gen . — Wich wl lebe. fahm unge bez Pos⸗ Poe Ver. l dick Jahn 1, daß tl D ge de erbash det en an erliner Auf⸗ en zu vakteak Wil⸗ kuhn utschen nd del mpel, roche Bruhl ug dn lt del licht Vol tt, da chung, dach derlich, erbhah deutsch mental ch ate Ul on el tschel oc. elegell unge werdel. in de i Colle t 1 Jalal, „ d eißt! 00 lll fen ul voldel and fü ien 0 Nr. 24. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. gruppen sind so wertlos, daß, obwohl sie schon vor Jahrhunderten endeckt worden sind, keine europäische Macht es bis vor 14 Jahren der Mühe wert erachtet hat, die Hand darauf zu legen. Die„Weserztg.“ hebt hervor, daß die Ein⸗ hr von den Karolinen u. s. w. nach Hamburg bon 1894 bis 1897 von etwa 165000 auf 2500 Mk. zurückgegangen sei und daß die niemals bedeutende Ausfuhr in den letzten beiden Jahren ganz aufgehört habe. Die Karolinengruppe umfaßt mehr als 500 Inseln. Die nationalliberale„Köln. Ztg.“ schreibt ironisch, wenn es nach der Zahl ginge, wären wir jetzt die reichsten Inselbesitzer. Die meisten Inselchen sind allerdings unbewohnt und nichts als Riffe. Der Karolinenarchipel dehnt sich von Westen nach Osten etwa über 3000 Kilometer aus. Diese Entfernung ist noch um einige hundert Kilometer größer als die von Petersburg nach Paris. Der Flächeninhalt der gesamten Inseln beträgt aber zusammen nur etwa 1900 Quadrat⸗ kilometer, d. h. nicht so viel als die Herzog⸗ tümer Koburg und Gotha zusammen.— Fürst Bismarck, der Abgott der alldeutschen Flottenphautasten, hat die Karolinen am 11. Januar 1887 im Reichstag als eine„Lumperei“ bezeichnet. Und für diese Lumperei sollen wir jetzt 17 Millionen Mark zahlen? Das wäre ja eine sehr spanische Geschichte. Ausländisches. Oesterreich. In Wien demonstrierten die Arbeiter gegen die christlich⸗soziale Wahl- reform durch einen Umzug.— Belgien. Im fanzen Land finden großartige Protestversamm⸗ ungen gegen die klerikalen Wahlrechtsver⸗ schlechterungspläne statt.— In Italien sind politische„Verbrecher“, das heißt brave Männer, die der Regierung unbequem und deshalb ver⸗ gewaltigt wurden, am nestiert worden. Man ent⸗ hält den freigelassenen aber ihre politischen Rechte vor, eine Schändlichkeit sonder Gleichen.— Aus Rußland werden Studenten⸗ und Ar⸗ beiterunruhen gemeldet. In Riga, Libau und anderen kurländischen Städten streiken viele Tausend Arbeiter. Durch das rüde Vorgehen der Polizeiknechte kam es zu ernsten Zusammen⸗ stößen, bei denen es Tode und Verwundete gab. — Spanien. Die Torturen, die die spanischen Henker und Henkersknechte gegen die in der Citadelle Montjuich in Barcelona unter dem Verdacht des Anarchismus Eingekerkerten ver⸗ übt haben, sollen nunmehr gerichtliche Sühne finden. Wie ein Wolffsches Telegramm aus Madrid meldet, erklärte der spanische General⸗ prokurator, es sei Anlaß vorhanden, die gericht⸗ liche Untersuchung einzuleiten wegen den schlechten Behandlungen, denen die Gefangenen in Montjuich ausgesetzt waren. Diese Unglücklichen werden in der unmenschlichsten Weise gefoltert. Prozeß Dreyfus. Das Urteil des Kassationshofes lautet dahin, das die Revision des Urteils im Dreyfus⸗ Prozeß beschlossen und die Verweisung von Dreyfus vor das Kriegsgericht iu Renues an⸗ geordnet wurde. In Rennes wird Dreyfus über folgende Frage abgeurteilt werden:„Ist Dreyfus schuldig, im Jahre 1894 Machenschaften vollführt oder Beziehungen zu einer auswärtigen Macht oder deren Agenten unterhalten zu haben, um sie zu bewegen, Feindseligkeiten gegen Frank⸗ reich zu begehen oder einen Krieg gegen Frank⸗ reich zu unternehmen oder ihr die Mittel dazu zu verschaffen?“ Die Freisprechung des Deyfus steht jetzt außer Frage, da seine Unschuld er⸗ wiesen ist. Die dem Dreyfus zugeschriebenen Briefe, auf die hin er verurteilt wurde, hat der Offizier Esterhazy gefälscht, wie dieser Lump, der sich nach England geflüchtet hat, jetzt selbst zugiebt. Er will im Auftrag seines Vergesetzten, des inzwischen verstorbenen Obersten Sandherr gehandelt haben. ü 5 Dreyfus ist telegraphisch zurückberufen von der Teufelsinsel und wird Ende Juni in Frank⸗ reich eintreffen. Attentat auf den Präsidenten Frankreichs. Alle Rückwärtser in Frankreich, die soge⸗ nannten Nationalisten, Patriotenbündler und Antisemiten sind wütend, daß der„Jude“ Dreyfus freigesprochen ist. Mehrere der in Diensten dieser Dunkelmännergesellschaft stehende Blätter hatten ale ml daß am Sonntag der Präsi⸗ dent Loubet insultiert werden sollte, wenn er bei dem Pferderennen in Auteuil erscheinen würde. Das ist auch geschehen, der Präsident wurde beschimpft und von einem Grafen Christiani mit einem Küppel auf den Zylinder geschlagen. Es wurden viele Verhaftungen vor⸗ genommen. Die Eingesperrten sind fast durch⸗ weg dene f des„höheren“ Adels. Die ganze Sippe, die auf Seite der Dreyfusgegner stand, besteht aus Leuten, die der Republick den Hals umdrehen möchten, sie spekulieren auf die Wiederherstellung der Monarchie, unter der sie ihre finsteren Pläne besser zum Austrag bringen könnten. Es ist recht bezeichnend, daß die Anti⸗ semiten, die in Deutschland die Bundesgenossen der Junker sind, auch in Frankreich zum Troß des Adels gehören. Hier wie dort: Schleppen⸗ träger der Reaktion. —— Aus dem Reichstag. Am Dienstag haben die Sitzungen wieder begonnen. Vor Eintritt in die Tagesordnung machte Staats⸗ sekretär v. Bülow dem Hause den Abschluß des Ver⸗ rags mit Spanien wegen Abtretung der Karolinen be⸗ kannt. Das Haus tritt darauf in die Beratung des Nachtragsetats ein. Allgemein wurde geklagt, daß die Nachtragsetats aus einem Notbehelf zu einer ständigen Einrichtung werden, und auf diese Weise die Uebersicht⸗ lichkeit der Reichsfinanzen erschwert wird. Die Erwerbung der Südseeinseln wurde nur flüchtig berührt, am ein⸗ gehendsten von unserem Genossen Bebel, der der An⸗ sicht Ausdruck gab, daß die Millionen, die für die Karo⸗ linen ausgegeben werden sollten, weit besser in Deutsch⸗ land verwendet werden könnten, z. B. zur Bekämpfung der Tuberkulose. Bebel streifte auch die Zuchthaus⸗ vorlage, dieses ärgste Attentat auf die Rechte der Arbeiter(Unruhe rechts). Ein zweiter Kulturstaat solle sich noch finden, der es wagen würde, seiner Arbeiter⸗ bevölkerung eine solche Vorlage zu bieten. Wenn jemals eine Vorlage existierte, die direkt den Klassenhaß in die Bevölkerung hineinträgt, dann ist es diese. Der Reichstag werde ja höchstwahrscheinlich im Laufe dieses Monats auseinandergehen; ich und die Gesamtheit meiner Freunde hoffen dringend, daß uns Gelegenheit gegeben wird, vorher wenigstens die erste Lesung dieses Schand⸗ gesetzes vorzunehmen.(Präsident Graf Ballestrem ruft den Redner wegen dieses Ausdruckes zur Ordnung. ... Ich hoffe, Sie werden dem von mir ausgesprochenen Wunsche willfahren. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Graf Posadowsky lehnte es ab, gleich dem Abg. Bebel seine Patronen zu verschießen. Er hoffe, daß das Studium der Denkschrift allgemein die Ueberzeugung verbreite, daß nur Auswüchse getroffen werden sollen, die kein Staatswesen dulden könne. Auf die baldige Beratung der Vorlage lege die Regierung Wert.— Der Graf Posadowsky thut allerdings gut daran, wenn er seine paar Platzpatronen aufspart. Der Nachtragsetat wurde der Butgetkommission überwiesen. Der Reichstag beschäftigte sich am Mittwoch zu⸗ nächst mit der ersten Lesung der Vorlage, betr. Ver⸗ wendung von Mitteln des Reichs⸗In validen⸗ fonds, mit der sich im Prinzip alle Parteien einver⸗ standen erklärten. Hierauf wurde die Beratung des Invalidenversiche⸗ rungs⸗Gesetzes fortgesetzt. Die hess. Gewerbe-Inspektion. III. 8. Recht charakteristisch sind die Aufzeichnungen im Gewer beinspektions⸗Bericht über die Wirkung der Bäckereiverordnung. Es wird da festgestellt, daß es immer noch Bäcker⸗ meister giebt, die sich absolut nicht mit den bundes⸗ rätlichen Bestimmungen abfinden wollen.„Auf einer Kalendertafel waren je 42 und 51, auf einer anderen sogar 64 Ueberarbeitstage verzeichnet, sodaß die betref⸗ fenden Meister angezeigt werden mußten.“ Es heißt dann weiter: „Im diesseitigen Bezirk könnten sich die Bäcke⸗ reien der Verordnung entsprechend sehr wohl ein⸗ richten. Der kleine Prozentsatz, welcher es zur Zeit angeblich noch nicht kann, würde bei gutem Willen und vielleicht durch Einstellung noch eines Gehilfen, beziehungsweise durch Einteilung der Gehilfen in zwei Schichten, die Ueberarbeit in den Grenzen des Er⸗ laubten halten können. Dem Unterzeichneten wurde von Bäckermeistern mehrfach versichert, daß die Bäckerei⸗ verordnung auf den Umsatz keinen Einfluß habe und sehr gut durchführbar sei, wenn Meister und Gesellen gegenseitig im Einverständnis lebten. Andere Meister Bei Philippi sehen wir uns wieder! wieder behaupten, daß sie jetzt täglich, um die Ver⸗ ordnung einhalten zu können, einmal Brot weniger backen müßten, was für jeden Werktag 60— 70 Brote ausmache.“ Wenn das letztere wahr ist, so würde dadurch ledig⸗ lich bewiesen, daß die betreffenden Bäckermeister früher ihre Gesellen in der unverschämtesten Weise aus⸗ gebeutet haben. Gerade für diese Sorte Meister ist die Bäckereiverordnung zum Schutze der Arbeiter in aller erster Linie ein dringendes Erfordernis gewesen. Wenn jene Meister bei der jetzigen Arbeitszeit 60 bis 70 Brote täglich weniger backen, als früher, so mögen sie doch mehr Arbeiter einstellen. An Bäckergesellen fehlt es wahrhaftig nicht. Können sie auch durch Mehr⸗ einstellung von Arbeitern die 60— 70 Brote, im Gegen⸗ satz zu früher nicht wieder mehr produzieren, so bewiese das, daß ihre Betriebe rückständig eingerichtet sind. Dann mögen sie ihre technischen Einrichtungen ihren Ab⸗ satzverhältnissen entsprechend einrichten. Das müssen alle andern Geschäftsleute, die nicht mit so profitablen Verhältnissen zu rechnen haben, wie die Herren Bäcker⸗ meister, auch thun. Jedenfalls sollen die letzteren nicht auf Kosten der Gesundheit ihrer Arbeiter die fünf bis sechs Dutzend Brote täglich wieder mehr heraus⸗ wirtschaften. Von den Einrichtungen der Bäckereien scheint der Gewerbeinspektor auch nicht sonderlich entzückt zu sein. Er schreibt: „Was nun aber die Einrichtung der Bäckereien, dieser für die täglichen Bedürfnisse so wichtigen Be⸗ triebe, anbetrifft, so läßt dieselbe noch größtenteils viel zu wünschen übrig. Die Läden sind aller⸗ dings meistens sauber und freundlich, zum Teil sehr modern eingerichtet. Zur Backstube aber gelangt man durch einen engen, dunklen Gang. Diese selbst ist meist sehr klein, dunstig und niedrig, ja selbst auch oft sehr staubig. Die Geräte sind zum Teil sehr alt. Beispielsweise sollte man alte, wo möglich wurmstichige Holzbacktröge nicht mehr verwenden, sondern nur solche aus gutem Holz oder besser aus stark verzinntem Eisen benutzen. Verzinnte Backtröge sind an sich sauberer und lassen sich auch besser reinigen. Allerdings wird es dem kleinen Bäckermeister oft schwer werden, sich den hygienischen Grundsätzen entsprechend einzurichten. Die Schlaf⸗ zimmer der Gehilfen, welche in der Regel wenig Raum bieten, werden gegen Mittag zumeist noch nicht in Ordnung getroffen. Ob diese Räume dann noch bis nachmittag gesäubert oder die Betten gemacht werden, bis sie die Gehilfen wieder in Benutzung nehmen, ist sehr die Frage. Wa schgelegenheit und Handtücher machen oft auch einen un sauberen Ein⸗ druck und scheint man namentlich im Wechseln der letzteren nachlässig zu sein. Die Backstuben sollten nicht hinten im Hofe für das Publikum unsichtbar angelegt werden, sondern neben dem Laden mit großen Fenstern nach der Straße hinaus versehen im Erd⸗ geschoß liegen. Die Bäckermeister sollen nicht glauben, daß der Wunsch nach sauberen Einrichtungen nur gegen sie gerichtet ist. Wenn auch die Einrichtung Geld kostet und es kleinen Unternehmern anfangs schwer werden mag, eine saubere Betriebsstätte ist nur zu gunsten der Bäckermeister selbst. Letzterer sollte ebenso mit Stolz seine Backstube zeigen können, als er seinen Laden gern vom Publikum loben läßt. Bei Bäckerei⸗Neubauten bezw. Neuanlagen und wesent⸗ lichen Umänderungen sollte nicht nur strenge Durch⸗ führung gewisser Bauvorschriften, sondern auch ganz bestimmter sanitärer Maßnahmen verlangt werden. Vor allen Dingen müssen diejenigen Betriebe Muster an Sauberkeit sein, welche zur Befriedigung täglicher Bedürfnisse Nahrungsmittel herstellen und bearbeiten Sie haben zudem die Pflicht, ihren Ar⸗ beitern peinlich saubere Unterkunftsräume zu gewähren. Entzieht man dem Arbeiter jede Gelegenheit, Sauber⸗ keit zu üben, so kann derselbe auch keine appetitliche Ware liefern.“ An anderer Stelle heißt es noch in dem Bericht: „Bezüglich der vielfach den im Hause des Meisters wohnenden Bäckereiarbeitern zur Verfügung gestellten mangelhaften Schlafräume sei bemerkt, daß sich ent⸗ weder hier bestimmte sanitäre Vorschriften als nötig erweisen, oder es müßte allgemein den Bäckerei⸗ arbeitern freigestellt werden, nach eigener Wahl wohnen und sich beköstigen zu können.“ Herr Engeln spricht hier aus, was viele Tausende Arbeiter seit Jahren erstreben. Allerdings klam mern sich die Zünftler, bei denen das Kost⸗ und Logis⸗Unwesen noch gang und gäbe ist, mit Händen und Füßen da⸗ gegen,„ihre Arbeiter“ aus dem Hause zu lassen. Dann hört das„patriarchalische“ Verhältnis auf, zetern sie. In Wirklichkeit würden dann zeitgemäße Zustände auch in jenen Gewerben platzgreifen, in denen jetzt noch die unwürdigsten Verhältnisse herrschen. Es ist gewiß kein Zufall, daß gerade in jenen Gewerben mit den „patriarchalischen“ Verhältnissen die läng ste Arbeitszeit herrscht und die niedrigsten Löhne gezahlt werden, daß jene Gewerbe das größte Kontignent für die Land⸗ Nene ——— —— — Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 24. straße und infolgedessen auch für weit schlimmere Kreise stellen. Fort also mit dem Kost⸗ und Logis-Unwesen im Hause der Meister. In den Buchd ruckereien werden die bundesrät⸗ lichen Bestimmnungen ebenfalls wenig respektiert. Herr Engeln schreibt:„Es scheinen verschiedene Buchdruckerei⸗ besitzer erst auf die nötige Anzeige zu warten.“ Ueber⸗ rascht hat uns die Ermittelung des Gewerbeinspektors, daß die Buchdruckereien, in denen doch im allgemeinen, was Arbeitszeit und Lohn anlangt, nicht die schlechtesten Verhältnisse herrschen, inbezug auf die Lehrlingszucht unter allen Gewerben die dritte Stelle einnehmen. Es kommen nämlich in 18 revidierten von 28 vorhandenen Buchdruckereien auf 100 Erwachsene 28 Lehrlinge. Weit schlimmer liegen allerdings die Verhältnisse in den Schlossereien, deren 5 revidiert wurden. Es wurden dort ermittelt 20 Gesellen und 12 Lehrlinge, mit anderen Worten: 60% Lehrlinge. Herr Engeln scheint aber nicht in die schlimmsten Brutstätten schlo er⸗ meisterlicher Lehrlingszüchterei gekommen zu sein, sonst würde er ein weit grauenhafteres Resultat ermittelt haben. In 3 inspizierten Kupferschmiedereien wurden bei 14 Erwachsenen 8 Lehrlinge ermittelt, gleich 57%. (Ein Schlußgartikel folgt.) Von Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich lahr Gewissen⸗ 7 5 bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle um Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Arbeiter⸗Waldfest. n Das von den Gießener Arbeitern ver⸗ anstaltete Waldfest hat am vorigen Sonntag unter großer Beteiligung stattgefunden. Alt und Jung amüsierte sich vortrefflich und allge⸗ mein wurde gewünscht, daß derartige Feste in kürzeren Zeiträumen veranstaltet werden möchten. Die Festrede hielt Genosse Scheide— mann. Durch die Ungunst der Witterung sei aus unserer Wald-Maifeier eine Junifeier geworden und durch die jammervollen politischen Zustände in Deutschlaud aus einem Tag des Forderns für die Arbeiter ein Tag des Protestes. Anstelle eines wirksamen Arbeiterschutzes be⸗ scheerte uns die Regierung die Zuchthaus— vorlage! Anstelle des Rechts auf ein menschen⸗ würdiges Leben das Recht auf's Zuchthaus! Treues Zusammenhalten sei jetzt mehr am Platze denn je. Redner wendete sich dann speziell an die Frauen und Jungfrauen, sie ermahnend, den Männern stets treue Waffengefährten zu sein. Nicht zurückhalten dürften sie die Männer in ihrem gerechten Kampfe um bessere Lebens- bedingungen, sie müßten sie anfeuern. Um unseren schlimmsten Feind, die Gleichgültig⸗ keit unter den Arbeitern selbst, besiegen zu können, bedürfen wir der Hilfe aller zum Klassenbewußtsein erwachten Männer und Frauen. Lassen Sie uns angesichts der schlimmen Zeiten mit doppelter Energie an die Aufklärungsarbeit gehen. Wer mit mir, so schloß Gen. Scheide— mann, von neuem das Gelöbnis treuer Pflichterfüllung im Kampfe für Freiheit und Recht ablegen, wer mit mir energischen Protest einlegen will gegen das neueste Attentat auf die bescheidenen Rechte der Arbeiter, gegen die Zuchthausvorlage, der stimme mit ein in den Ruf: Die internationale Sozialdemokratie lebe hoch! hoch! hoch!— Begeistert klang viel hundertstimmig das Hoch in den prächtigen Wald— ein Schwur an mühevolle Arbeit, Not und Entbehrung gewöhnter Männer und Frauen. Zur Schreinerbewegung in Gießen. *Die Gießener Schreinermeister haben sich in ihrer Gesamtheit immer noch nicht entschließen können, die bescheidenen Forderungen der Ge— sellen zu bewilligen. Das ist recht bedauerlich, denn wenn jemals Unternehmer in der Lage waren, guten Willen zu zeigen, so jetzt die Tischlermeister in Gießen. Was verlangen die Gesellen? Festsetzung der Arbeitszeit auf zehn Stunden und für Ueberstunden einen Aufschlag von 15 Pfennigen! Man sollte es nicht für möglich halten, daß wegen solcher überaus be— scheidener Forderungen, gestellt nach jahre—⸗ langem besten Geschäftsgang, die Meister noch Schwierigkeiten machen würden. Nicht einmal Mindestlöhne fordern die Gesellen, trotz⸗— dem schmählicher Weise in Gießen Löhne von 10 Mark an gezahlt werden! Jeder Tischler⸗ meister, der nicht will, daß das Pfuschertum überhand nimmt, müßte die Forderungen der Gesellen befürworten, damit der Schmutzkon⸗ kurrenz besser das Handwerk gelegt werden kann. Einzelne Unternehmer haben das sofort eingesehen und die Forderungen bewilligt. Nach dem Bericht des Gewerbeinspektors für Ober⸗ hessen währt die Arbeitszeit in fast allen Berufen 10 Stunden, in einzelnen dauert sie 10½, in manchen geht sie bis auf 9 Stunden herunter. Und da sollten nur die Gießener Schreinermeister nicht in der Lage sein, die zehnstündige Arbeits zeit einzuführen? Das wird ihnen niemand glauben. Die Gesellen haben sowohl durch ihre sehr bescheidenen Forderungen wie auch durch ihr sonstiges Verhalten den Beweis geliöfert, daß sie jeden Konflickt vermeiden wollten. Die Verantwortung für den weiteren Ausgang der Angelegenheit tragen jetzt die Unternehmer. Möchten die Einsichtigeren unter ihnen die Ober—⸗ hand gewinnen. Patriotisch bis an den Geldbeutel. * Im Hessischen Landtag stellte gelegentlich der Steuerdebatten im Laufe der vorigen Woche der Staatsrat v. Krug fest, daß gegenüber den Steuerpflichtigen, die zur Selbsteinschätzung verpflichtet sind, gewisses Mißtrauen angebracht sei. Es sei z. B. vorgekommen, daß ein Mann, der vorher mit einem Einkommen von 6000 Mk. besteuert worden sei, bei der Deklaration(Selbst⸗ einschätzung) Null angegeben, daß sich aber später ein Einkommen von 8000 Mark heraus⸗ gestellt habe.— Das ist ja wieder ein hübscher Beitrag zu dem Kapitel vom Patriotismus der besitzenden Klassen! Zur Steuerreform in Hessen. *Nach einer an die zweite Kammer gelangten Mittheilung des Finanzministers macht die Regierung zur Deckung für den Ausfall der Weinsteuer folgende Vorschläge: 1. Eine Korrektur des Einkommensteuertarifs in mög⸗ lichstem Anschluß an die preußischen Sätze bis zur Stufe 28, aber ohne Erhöhung der Steuer— sätze in den Stufen 5—12, Fortführung der Progression bis zu 4 pCt. des Einkommens bei solchem von 80,000 Mk. und von da bis zu rund 4½ pCt. in der dermaligen höchsten Ein⸗ kommensteuerklasse. Mehrerträgnis 80,000 Mk. 2. Erhöhung der Erbschafts- und Schenkungs⸗ sieuer mit einem Mehrerträgnis von rund 80,000 Mk jährlich. 3 Einführung eines Ur⸗ kundenstempels und Ausgestaltung des bereits bestehendenden Stempels mit einem Mehrer⸗ trägnis von rund 350 000 Mk.— Es ist wirk⸗ lich erstaunlich, wie die Regierung bemüht ist, den reichen Leuten nicht weh zu thun. Da⸗ gegen ist sie sofort bereit, durch Erhöhung der Stempelgebühren 350 000 Mk. mehr als seither herauszuwirtschasten. Damit sind wir Sozial- demokraten micht einverstanden. Aus Daubringen. X. Der hiesige Arbeiterverein beabsichtigt am Sonntag, den 18. Juni ein Waldfest abzu⸗ halten und macht darauf schon jetzt die Genossen in den Nachbarorten aufmerksam. Aus Friedberg. h. Am Sonntag, den 11. Juni, Nachmittags 4 Uhr, findet hier in der„Stadt New⸗York“, Haagstraße, eine Versammlung der Fabrik,, Hilfs⸗ und Landarbeiter von Friedberg und Umgegend statt zwecks Gründung einer Filiale. Es wäre guter Besuch recht dringend zu wünschen. Aus Wetzlar. f. Im„Wetzl. Anz.“ finden wir folgende zwei Notizen: „.... Die Arbeiter und Dienstbotenverhält⸗ nisse werden von Jahr zu Jahr schlechter. Je bequemer die großen Städte und industriellen Orte zu erreichen sind, desto mehr verschwinden die Arbeitskräfte vom Lande...., „Schöffengericht. Die Dienstmagd M. G. von Naunheim soll trotz wiederholter Auf— forderung der Verpflichtung, für die Unter⸗ haltung ihres Kindes zu sorgen, nicht nachgekommen sein. Ihr Lohn ist jedoch so gering, daß sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen kaun. Der Amtsanwalt bean⸗ tragt daher selbst die Freisprechung, welche denn auch erfolgt.“ Ist es wirklich so schwer, zu begreifen, warum die Dienstbotenverhältnisse immer schlechter werden? Schade, daß in dem Bericht über die Schöffengerichtssitzung nicht angegeben ist, wie gering der Lohn des Dienstmädchens war. Aus Braunfels. *Das Wetzlarer Amtsblatt enthielt dieser Tage folgendes Inserat:„Bekanntmachung. Das Scheibenschießen des Krieger-Vereins Braunfels an den Sonn⸗ und Feiertagen Nachmittags im Distrikt Attenbach wird von jetzt ab eröffnet, und das Publikum vor Ueberschreiten der mit roten Flaggen bezeichneten Grenzen der Schußlinie dringend gewarnt. Braunfels, 24. Mai 1899. Der Vorstand des Krieger⸗Vereins.“— Seit wann hat denn ein Verein ehemaliger Soldaten das Recht, in dieser Weise dem Publikum Vorschriften zu machen? Aus Marburg. p. Im hiesigen national⸗sozialen Organ, das im übrigen energisch Front macht gegen die Zuchthausvorlage, fand dieser Tage folgen⸗ des„Eingesandt“ Aufnahme: An die hessischen nattonalsoztalen Geist⸗ lichen. Die Zuchthausvorlage liegt uns schwer auf der Seele. Wir sehen durch sie ein gutes Stück treuer Arbeit für des Reiches Wohlfahrt vernichtet. Die Kluft zwischen den Arbeitern und unserer Kirche thut sich weiter und weiter vor unsern Augen auf. Sie kann als solche nicht Stellung nehmen. Wir wollen es auch nicht als Geistliche. Aber eines können und wolleu wir als solche und dadurch mit unsern Führern kämpfen. Wir haben eine Waffe. Sie ist stark und thut Niem and weh: das Gebet. Wenn wir jetzt sonntäglich vor der Gemeinde beten„Segne den Kaiser und laß wohlgelingen, was er zu Deutschlands Ehre und Wohlfahrt unternimmt,“ dann wollen wir ernst und demütig hineinlegen, Gott möge ihn in dieser schweren Entscheidung recht erleuchten. Wir lassen den Glauben nicht, daß uns Gott etwas vom heiligen Geist in der Arbeit für die Arbeiter geschenkt hat. So bitten wir ihn, er möge unseres Kaisers Herz zum besten lenken, er möge seinen Räten die ganze Ver⸗ antwortung ihrer Stellung auf das Herz legen. So legen wir das Wort ja aus: Mit Gott für Kaiser und Vaterland. Wir wollen, wir dürfen nicht bitter werden. Last uns im Geiste und Gebete zusammen⸗ stehen mit allen deutschen Brüdern, die ein Amt für das Volk zu haben glauben; Laien und Geistliche mögen sprechen: Herr, hilf!“ g Ein hessischer Geistlicher. In einem hat der national⸗soziale Seelsorger allerdings Recht: seine Waffe, das Gebet, thut Niemand weh, am allerwenigsten na⸗ türlich der Zuchhausvorlage. Wir halten in solchen Fällen andere Waffen doch für besser und werden's im Kampf gegen die Zuchthausvorlage mit Hoffmann von Fallersleben halten, der dereinst sang: Nicht betteln, nicht bitten! Nur mutig gestritten! Nie kämpft er sich schlecht Für Freiheit und Recht! Aus Eschwege. * Die Wahlprüfungskommission hat das Mandat des Abgeordneten v. Christen(4. Kassel; Eschwege⸗Schmalkalden, Rp.) für gültig erklärt. Bis zur nächsten Reichstagswahl bleibt also unser Kreis, der vorher vom Antisemit Leuß, der in's Zuchthaus wandern mußte, und dann von dem Antisemiten Iskraut„vertreten“ wurde, in Händen eines Konservativen. Sorgt dafür ihr Kleinen, daß endlich unser Kreis die Vertretung erhält, die ihm längst ge⸗ bührte: eine sozialdemokratische! Schweineställe u. Arbeiterwohnungen. Wie die„Elbinger Zeitung“ meldet, hat sich der Kaiser mißbilligend über die Arbeiter⸗ wohnungen auf Kandinen, seinem Gut geäußert mit den Worten:„In Kandinen muß noch — —— S 0 S — — — — hie gegenüb Grundsaze b tlechter be lie. Die Flbst die fiche in! der Toilette der Woche euem halb Beseitigung der Vereins fühlen) sei Raph berpf die Kostün während d Theater ge aber, die könne, kü wärts.( paragraph Dirnent. den Hinw schaffung d die Antwor wir hab menter! berflich se der ganz! aue ehrba Bühne sie die interef Daͤkussion Ghitt zur auf. Die echtssch 175 2 blsher nu shwerlic daß ez üb ihres Liell schmack be Paris er wisen, daf g u dem Stadt lebel 0 d Aussi u Maß eiten Ent n Oher Abeiter beteuert fiel, on fl fü d darliehe fe 9 i eo 0 gan, gegen geist⸗ Uf der treuer Dit e thut Sie len ez und ührern stark in wir ie ben Lands u wit hn in Wr. 8 bolt schenlt J Herz r Ver. G50 Kaiset bitter mmen⸗ ut fir mögen het. sorgel gebe, 1„ en ill T und orlage „ de 1 Nr. 24. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. ö och ö manches anders werden. Ich meine besonders die Arbeiterwohnungen. Dies scheint überhaupt noch ein Uebel hier im Osten zu sein. Der schöne Viehstall in Kandinen ist ja ein wahrer Palast den Arbeiterwohnungen gegen⸗ über. Es muß dafür gesorgt werden, daß nicht etwa die Schweineställe besser sind als die Arbeiterwohnungen.“ Die Arbeiterwohnungen auf dem Lande im Osten gleichen sich wie ein Ei dem andern, sie sind miserabel. Jede Enquete beweist das. Was sagen die Klinckowström und Konsorten zu dieser Kaiserrede? Das Bühnenproletariat. Einen bemerkenswerten Vortrag über:„Die Bühnenkünstlerin in ihrem Verhältnis zur modernen Frauenbewegung“ hielt in Dresden die Hofschauspielerin Frl. ina Mardon. Auch im Bühnenleben— so führte sie aus— werde wie gegenüber der Lohnarbeiterschaft nach dem Grundsatze verfahren, daß der weibliche Arbeiter schlechter bezahlt werden könne als der männ⸗ liche. Die Anfangsgage bei einer Schauspielerin betrage 90—150 Mark. Dieser Betrag reiche bei weitem nicht zur Beschaffung der Kostüme. Selbst die Gage bedeutender Künstlerinnen reiche im Durchschnitt nicht zur Beschaffung der Toiletten. Es müßte dafür nicht selten in einer Woche so viel ausgegeben werdeu, als in einem halben Jahr verdient werde.() Die Beseitigung des sogenannten Kostümparagraphen der Vereinsbühnen(zu denen nur bessere Theater zählen) sei dringend notwendig. Dieser Para⸗ graph verpflichte die weiblichen Bühnenmitglieder, die Kostüme auf eigene Kosten anzuschaffen, während den männlichen die historischen vom Theater geliefert werden. Eine Schauspielerin aber, die den Toilettenluxus nicht mitmachen könne, käme trotz ihres Könnens nie vor⸗ wärts.() Die Konsequenzen dieses Kostüm⸗ para graphen bedeuten eine Sanktionierung des Dirnentums. Eine Schauspielerin habe auf den Hinweis, daß ihre Gage nicht zur Be— schaffung der Toiletten ausreiche, vom Direktor die Antwort bekommen:„Ja, liebes Kind, wir haben doch zwei Kavallerieregi⸗ menter in der Stadt.() Ebenfalls ver⸗ werflich sei der sogenannte Heiratsparagraph, der ganz klar sage, daß, sobald eine Künstlerin eine ehrbare Frau geworden, für eine bessere Bühne sie nichts mehr tauge. In der sich an die interessanten Ausführungen anschließenden Diskussion forderte die bekannte Frau Marie Stritt zur Organisation der Schauspielerinnen auf. Die Versammlung war vom Verein „Rechtsschutz für Frauen“ einberufen. Petroleumtrinker. Das Trinken von Petroleum kennt man bisher nur als Possenwitz, und es ist wohl schwerlich als wahrscheinlich gehalten worden, daß es überhaupt Leute giebt, die in der Wahl ihres Lieblingsgetränkes einen so schlechten Ge⸗ schmack besitzen könnten. Jedoch behauptet eine Pariser Zeitschrift aus besten Quellen zu wissen, daß es in der französischen Hauptstadt Petroleumtrinker giebt, allerdings vorläufig nur im Stadtviertel der Bastille, doch soll das Uebel eine beunruhigende Verbreitung annehmen und Aussicht haben, zu einer neuen Plage für die Mäßigkeitsvereine zu werden. Bei der ersten Entdeckung hielt man diese ungewöhnliche Ausschreitung der Trunksüchtigen für eine Folge der höheren Alkoholbesteuerung, durch die dem Arbeiter sein Gläschen Schnaps ungebührlich verteuert worden wäre, jedoch hat sich heraus⸗ gestellt, daß das Petroleumtrinken in Paris schon früher Eingang gefunden hat. Angeblich haben die wunderlichen Trinker eine wirkliche Vorliebe für dieses Reizmittel ihrer Kehle und sie versichern, daß sie niemals davon Kopfweh bekommen. Die durch das Getränk verursachte Trunkenheit unterscheidet sich von der des ge⸗ wöhnlichen Alkohols darin, daß der„Petrolist“ sehr mürrisch, aber weniger zur Brutalität ge⸗ neigt ist. Sein Schlaf ist ruhig und fest, beim Erwachen fühlt er sich gesund und hat keinerlei „Kater“ zu erwarten. Ueber die Wirkung des Petroleumgenusses auf den Organismus sind die Aerzte unter sich noch uneinig, die einen er⸗ klären das„Getränk“ bei mäßigem Gebrauch für unschädlich und heben außerdem seine gute Eigenschaft als Wurmmittel hervor(); andere behaupten dagegen, es sei unter allen Umständen schädlich, denn es bringe Störungen im Organis⸗ mus hervor und schaffe den Keim zu tötlichen Krankheiten.— Ferner schreibt man der„Schles. Ztg.“: Auch bei uns scheinen diese Feinschmecker keine Seltenheit zu sein, denn wie man aus be⸗ stimmter Quelle weiß, haben wir solche z. B. im Rlesengebirge. Noch vor drei Jahren kam die Woche drei bis vier mal ein alter Mann zu Kaufmann Exner in Krummhübel, neben dem Gasthof zur Schneekoppe, und trank jedes Mal ein halbes Liter Petroleum im Laden gleich aus dem Maße, mit großem Behagen unter der jedesmaligen Behauptung, daß ihn dies gesund erhalte. Wie ich mir sagen ließ, soll es mehr een„Gesundheits⸗Apostel“ auch in Hirschberg geben. Ein vernünftiger Beschluß. * Der Deutsche Gastwirtstag, der am Mittwoch in Dresden zusammentrat, nahm mit einer ziemlich scharfen Begründung ein⸗ stimmig folgenden Antrag an: der geschäfts⸗ führende Ausschuß wird beauftragt, beim Kriegsministerium dahin vorstellig zu werden, daß die Hergabe der Säle für Wahl⸗ versammlungen, gleichviel an welche poli⸗ tische Partei, nicht zum Ausgangspunkte für militärische Boykotts gemacht werde. Gräßiliches Unglück in Frankfurt. Am Donnerstag Abend zwischen 5 und 6 Uhr ereignete sich in Bockenheim vor dem Hause kleine Seestraße 16 beim Ausgraben eines Kanalschachtes ein großes Unglück, das, wie es scheint, durch nicht genügende Maßnahmen seitens des betreffenden Bauunternehmers her⸗ vorgerufen ist und bei dem— seit kurzer Zeit der zweite Fall— wieder einige Arbeiter das Leben einbüßten. Die Ausgrabungs⸗ arbeiten wurden zum Anschluß an den Kanal vorgenommen. Der Schacht, den nur noch eine dünne Wand zum Kanal trennte, hatte etwa 3 Meter im Quadrat. Die Sohle lag schon tiefer als der Kanal und weiter war auch der Schacht, entgegen der Vorschrift, nicht abgesprießt. Plötz⸗ lich löste sich ein schwerer Stein neben dem Kanal los und stürzte in die Grube, und in diesem Augenblicke ergoß sich auch schon der Inhalt der Grube über die dort schaffenden fünf Arbeiter, die durch die ausströmenden Gase augenblicklich bewußlos waren. Das Rettungs⸗ werk war äußerst schwierig. Der Trambahn⸗ bedienstete Schüßler, der im Nebenhause wohnte und zu Hilfe eilen wollte, stürzte in die Grube und konnte nur als Leiche hervorgebracht werden. Ferner sind tot aus der Grube hervorgeholt worden: Gg. Christ, verheiratet und Vater von vier Kindern, aus Egelsbach und F. Raab aus Neuglashütten. In bewußtlosem Zustande wurden in das katholiche Schwesternhaus ge⸗ bracht die Arbeiter Hch. Müller aus Niederthal⸗ bach, Konr. Rüster aus Egelsbach und Karl Pfister aus Bockenheim, in der Mühlgasse wohn⸗ haft. Ihr Zustand ist derart, daß man auch für das Leben des einen oder anderen fürchtet. An den Rettungsarbeiten beteiligte sich auch die freiwillige Feuerwehr in Bockenheim. Von der Frankfurter Feuerwehr wurde ein Rettungs⸗ wagen nach der Unglücksstelle geschickt. Beim Eintreffen waren die Opfer schon geborgen. Man stellte noch Wiederbelebungsversuche an, die jedoch nur teilweise von Erfolg waren. Der Bauunternehmer Fischer aus Bockenheim wurde sofort verhaftet. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 10. Juni: A.⸗B.⸗V. Wieseck bei Emil Schäfer. wichtige Tagesordnung. Gießener Wahlverein abends pünktlich 9 Uhr bei Orbig. Sehr Tagesordnung: 1. Vortrag des Gen. Ph Scheidemann über: Ed. Vernsteins Kritik des Marxismus. 2. Diskussion.— Die Parteigenossen werden dringend ersucht, pünkt⸗ lich und zahlreich zu erscheinen. Mittwoch, den 13. Juni: Cartellsitzung bei Orbig, Abends 9 Uhr. Delegirten werden dringend ersucht, zu erscheinen. Sonntag den 18. Juni: Friedberg. Wahlvereinsversammlung bei Gastwirt Kühn, Haagstraße 11, Morgens 10 Uhr. Wahlkreis Eschwege⸗Witzenhausen⸗ Schmalkalden. Parteigenossen! Unsere Wahlkreis⸗Konferenz findet Sonntag, den 11. Juni, von nachmittags 3 Uhr ab im Lokale des Herrn Gastwirt Wilhelm zu Steinbach-Hallenberg im Kreise Schmalkalden statt. Tagesordnung: 1. Bericht über die Agitation und Organisation im Wahlkreise. 2. Unsere Presse. Referent Genosse Thiel, Cassel. 3. Die Evangelischen Arbeitervereine und die Sozialdemokratie. Referent Genosse W. Hugo Eschwege. 4. Stellungnahme zum Parteitag in Hannover. Die Genossen der einzelnen Orte resp. Kreise werden ersucht, sofort Stellung dazu zu nehmen und dem Unter⸗ zeichneten möglichst bald Mitteilung zugehen zu lassen, ob sie die Konferenz beschicken und durch wieviel Delegierte. Esch wege. Der Vertauensmann: W. Hugo. Die Bei den Stadtverordneten⸗Wahlen in Pforzheim errang die Sozialdemokratie in der dritten Wählerklasse einen vollständigen Sieg. Die 16 sozialdemokratischen Kandidaten erhielten 1125 bis 1248 Stimmen. Dle vereinigten Gegner, Nationalliberale, Konservative, Ultra⸗ montane, Zünftler und konfessionelle Arbeitervereine brachten es auf 960 bis 980 Stimmen. Beschwerden wien d. stellung der„M. S.⸗Ztg.“ bitten wir an die Expedition, Sonnenstraße 25,(Buchhandlung) zu richten. In Gießen muß die„M. S.⸗Ztg.“ bis spätestens Samstag Abend in den Händen unserer Abonnenten sein, da die Drucklegung und Ausgabe an unsere Austräger bereits Freitag Nachmittag erfolgt. Marktbericht. Gießen, 3. Juni.(Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.75 bis 0.95 Mk., Hühnereier p. St. 0—0, 2 St. 9— 11 Pfg., Enteneier 2 St. 11— 12 Pfg., Gänseeier p. St. 10 bis 11 Pfg., Käse 1 St. 5—8 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 22 Pfg., Linsen p. Ltr. 32 Pfg., Tauben per Paar Mk. 0.80— 1.00, Hühner per Stück Mk. 1.10— 1.40, Hahnen per Stück Mk. 1.50— 2.00, Enten per Stück Mk. 2.00— 2.50, Gäuse per Pfund Mk. 0.00— 0.00, Ochsenfleisch per Pfund 68—74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62—64 Pfg., Schweine⸗ fleisch per Pfd. 60—72 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 76 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 60 bis 66 Pfg., Hammelfleisch per Pfd. 50— 70 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 4.50—6.00, Weißkraut per St. 00—00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.50 00.00, Milch per Liter 16 Pfg. Grünberg, im Juni. Am Markttage, 3. Junt, wurden auf dem hiesigen Fruchtmarkte folgende Frucht⸗ arten ꝛc. zu den beigesetzten Durchnittspreisen verkauft: 45 Doppel⸗Zentner(à 100 kg) Weizen zu 16,04 M., 10 D.⸗Z. Korn zu 15,34 Mark, 4 D.⸗3 Gerste zu 14,46 Mark, 45 D.⸗Z. Hafer zu 14,06 Mark, 0 D.⸗Z. Erbsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Samen zu 00.00 Mark, 143 D.⸗Z. Kartoffeln zu 4,14 Mark. Briefkasten der Redaktion. F. in W. Euer Wunsch soll erfüllt werden. Ich werde im Feuilleton der nächsten Nummer den Artikel „Zwei Tage im Creuzott“ abdrucken. Letzte Nachrichten. Berlin. Am Mittwoch Abend fanden hier 19 Massen⸗Protestversammlungen gegen die Zuchthausvorlage statt. In allen Versamm⸗ lungen, die ausnahmslos überfüllt waren, wurde eine gleichlautende Resolution angenommen. In Dresden und anderen Großstädten waren die Protestversammlungen alle überfüllt. Paris. Frau Dreyfus erhielt eine De⸗ pesche ihres Mannes, welche lautet:„Herz und Seele bei Dir und den Kindern allen. Ich reise am Freitag. Erwarte mit unermeßlicher Freude den Augenblick des Glücks, Dich in meine Arme zu drücken. Kuß für alle. Alfred.“ — ͤ— Seite 6. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. 5 Nr. 21. 5 er furchtsame Blicke nach rechts und Iints auf Hessischer Landtag— e die weißen abgezehrten Gesichter der 250 1 Steuerdebatten. * Die Regierung hat sich wieder einmal belehren lassen müssen, daß sich die Kammer doch nicht immer einschüchtern läßt. Der Antrag der Sozialdemo⸗ kraten, auch alle Gesellschaften, welche das Recht der juristischen Person haben, zu besteuern, wurde nach längerer Debatte angenommen, trotzdem Staatsrat v. Krug erklärte, die Regierung werde einen solchen Beschluß nicht annehmen. Gemildert wurde die Annahme durch ein gegen die Stimmen der Sozial⸗ demokraten gutgeheißenes Amendement des Abgeordneten Friedrich, wonach neben Staat und Kommune Kirchen, Schulen und milde Stiftungen von der Ver⸗ mögenssteuer befreit sein sollen. Nach eingehender Dis⸗ kussion wurde mit 19 gegen 17 Stimmen ein Antrag unserer Genossen abgelehnt, der dahin ging, kostbare und luxuriöse Wohnungseinrichtungen, Gemälde, Juwelen u. s. w., der Vermögens steuer zu unterwerfen, wenn der Wert 5000 Mk. übersteizt. Abg. Friedrich schlug vor, statt 5000 Mk. zu sagen 8000 Mk. Der nationalliberale Advokat Jöckel von Friedberg malte das rote Gespenst an die Wand. Der sozialdemokratische Antrag bedeute einen Schritt auf dem Weg, der zur Vermögenskonfiskation führe.(Huhu! Hat der Mann Angst!) Der Antrag Friedrich wurde mit 20 gegen 16 Stimmen angenommen! Bei Artikel 13, der die Steuerklassen festlegt, haben die Sozialdemokraten eine wesentlich hö here Pro⸗ gression vorgeschlagen. Bei dieser Gelegenheit hielt Gen. Ulrich eine finanz⸗ und steuerpolitische Rede, der mit Aufmerksamkeit zugehört wurde. Geh. Staatsrat v. Krug erklärt, daß eine Skala, wie sie vom Abg. Ulrich vorge⸗ schlagen worden, für die Regierung unannehmbar sei. Es wurde ein Antrag vom Abg. Weidner eingebracht, den Artikel 13 zurückzustellen, bis die Stempelsteuer⸗ vorlage an das Haus gelangt sei. Dieser Antrag wird nach längerer Diskussion, an der sich noch Gen. David beteiligte, angenommen. Die übrigen Artikel bis zum Schluß des Gesetzes werden ohne Debatte nach den Aus⸗ schußanträgen erledigt. Klasseulotterie. In der Beratung des Gesetzentwurfs über Einfüh⸗ rung einer staatlichen Klassenlotterie halten die Abgg. Dr. Schröder und Ulrich ihre prinzipiellen Be⸗ denken aufrecht. Letzterer kann sich selbst durch das Ge⸗ schäft, das die Staatskasse machen werde— es soll von einem Unternehmer das Angebot von Mk. 700 000 ge⸗ macht worden sein, also weit mehr, als man annahm— nicht für die Lotterie gewinnen lassen. Die Abgeordneten Pennrich, Molthan und Brentauo vertreten den Cen⸗ trums standpunkt und werden aus praktischen Gründen für die Lotterievorlage stimmen. Staatsminister Rothe verwahrt sich Namens der Regierung ganz entschieden gegen die Behauptung, die Lotterie sei unmoralisch. Nach ausgedehnter weiterer Debatte wird das Lotterie⸗ gesetz mit großer Mehrheit angenommen. Der Entwurf des Hundesteuergesetzes, dessen Beratung nunmehr vorgenommen wird, findet nach ein⸗ gehender Erörterung ohne wesentliche Aenderung An nahme. Preußen in Hessen. Eine Anfrage das Abg. Köhler-Langsdorf über das Verbot des Verkaufs von Preßerzeugnissen auf den hessischen Bahnhöfen beantwortet Ministerialrat Ewald dahin, daß ein solches Vorgehen der preußisch⸗-hessischen Gemeinschaftsverwaltung durch die Bestimmungen des § 17 des Gemeinschafts⸗ Vertrages gerechtfertigt werde. Die Abgg. Köhler, Dr. David, Ulrich und andere sprechen sich entschieden gegen das Verbot des Verkaufs bestimmter Zeitungen auf den Bahnhöfen aus. Genosse Dr. David hält das Verbot für einen treffenden Aus⸗ druck der reaktionären Strömung, die von Berlin aus sich nach allen Richtuvgen ausbreite und an Censurmaßregeln und Polizeiüberwachungen das Menschenmögliche leiste. Jetzt treffe das Verbot vor⸗ nehmlich die sozialdemokratische Presse. Unter gegebenen Verhältnissen aber werde man sich nicht scheuen, auch alle übrigen Parteien zu treffen. Wie sehr sich die hessische Regierung in Abhängigkeit von Preußen fühlt, ging aus den Außerungen des Ministerialrats E wlald und des Ober finanzrats Rohde hervor. Ersterer meinte: Die Regierung sei durch die Bestimmung des Staatsvertrags gebunden und sei der Meinung, daß sie in dieser Sache einen Einfluß nicht ausüben könne. Ihre Pflicht habe sie nicht vergessen. Und letzterer erklärte: Die Frage, ob die Regierung die hessische Landeshoheit vertreten wolle, bedürfe keiner Antwort. Die Verwaltungsbehörde(natürlich ist die preußische gemeint!) sei im Recht, die Regierung habe gar nicht hineinzureden. f Der Unwillen des Volkes mit dem Verhalten der hessischen Regierung in den Fällen Dettweiler und Küchler, sowie auch jetzt gegenüber Preußen wird bei den kommenden Wahlen im Herbst dieses Jahres zum Ausdruck kommen. Für diejenigen, die mit der Regie⸗ xung unzufrieden sind, muß die Parole lauten: Mehr Sozialdemokraten in den Landtag! L Unterhaltungs⸗TCeil. — Aus den Liedern des Mirza Schaffp. Ich liebe, die mich lieben Und hasse, die mich hassen— So hab' ich's getrieben Und will davon nicht lassen. Dem Mann von Kraft und Mute Gilt dieses als das Rechte: Das Gute für das Gute, Das Schlechte für das Schlechte! Man liebt, was gut und wacker Man kost' der Schönheit Wange, Man pflegt die Saat im Acker— Doch man zertritt die Schlange. Unbill an Ehr' und Leibe Verzeihet nur der Schwache— Die Milde ziemt dem Weibe, Dem Manne ziemt die Rache! Friedrich Bodenstedt. Der Krankenwärter des Tata. Erzählung von Edmondo de Amicis. Am Morgen eines regnerischen Märztages meldete sich ein bäurisch gekleideter, vom Regen ganz durchnäßter und beschmutzter Knabe mit einem Bündel Kleider unter dem Arme, beim Thürsteher des großen Spitals in Neapel und fragte nach seinem Vater, indem er einen Brief vorwies. Er hatte ein ovales, bräunliches aber bleiches Gesicht, nachdenkende Augen und zwei volle halbgeöffnete Lippen, die schneeweiße Zähne sehen ließen. Er kam aus einem Dorfe in der Umgebung von Neapel. Sein Vater, der vor einem Jahre von Hause weggereist war um in Frankreich Arbeit zu suchen, war nach Italien zurückgekehrt und vor einigen Tagen in Neapel ans Land gestiegen, wo er plötzlich erkrankt, kaum Zeit hatte, eine Zeile an die Familie zu schreiben, um ihr seine Rückkehr anzukündigen und ihr mitzuteilen, daß er in das Spital ein⸗ treten müsse. Seine Frau, trostlos ob dieser Nachricht und nicht im stande von zu Hause wegzugehen, weil sie ein krankes Mädchen und einen Säugling hatte, schickte ihren ältesten Sohn mit einigen Soldi nach Neapel, um seinem Vater, dem Tata, wie man dort sagt, beizustehen. Der Knabe hatte zehn Meilen Weges gemacht. Nachdem der Thürhüter einen Blick in den Brief geworfen, rief er einem Krankenwärter und sagte ihm, er solle den Knaben zum Vater führen. —„Wer ist der Vater?“ fragte der Kranken⸗ wärter. Der Knabe, zitternd vor Furcht, eine traurige Antwort zu vernehmen, nannte den Namen. Der Krankenwärter erinnerte sich dieses Namens nicht. —„Ein von auswärts gekommener alter Arbeiter?“— fragte er. —„Arbeiter— ja,“— anwortete der Knabe, immer ängstlicher werdend;—„nicht so sehr alt. Von auswärts gekommen, ja.“ „Wann in das Spital getreten?“— fragte der Krankenwärter. Der Knabe warf einen Blick in den Brief 15 antwortete:—„Vor fünf Tagen glaube ich. Der Krankenwärter dachte ein wenig nach; dann, als ob er sich plötzlich erinnere:— „Ah!“— sagte er,—„im vierten Saal im letzten Bette.“ —„Ist er schwer krank? Wie befindet er sich?“— fragte der Knabe ängstlich. Der Krankenwärter betrachtete ihn ohne zu ü- Dann sagte er:—„Komm mit mir.“ Sie stiegen eine Treppe hinauf, gingen durch einen breiten Korridor und befanden sich vor der Thüre eines Saales, in dem zwei Reihen Betten standen.—„Komm,“ sagte der Kranken⸗ wärter, indem er eintrat. Der Knabe nahm seinen Mut zusammen und folgte ihm, indem warf, von denen die einen mit geschlossenen Augen wie tot dalagen, andere dagegen er⸗ schrocken in die Luft starrten. Mehrere wim⸗ merten wie Kinder. Das Zimmer war dunkel, die Luft mit einem durchdringenden Geruch von Arzneien geschwängert. Zwei barmherzige Schwestern gingen mit Fläschchen in der Hand umher. Am Ende des Zimmers angekommen, stand der Krankenwärter beim Kopfende eines Bettes still, zog den Vorhang und sagte:— „Hier ist Dein Vater.“ Der Knabe brach in Thränen aus, ließ seinen Bündel fallen, lehnte den Kopf auf die Schulter des Kranken und ergriff mit einer Hand den Arm, den jener unbeweglich auf der Decke ausstreckte. Der Kranke rührte sich nicht. Der Knabe erhob sich und betrachtete den Vater und fing von neuem an zu weinen. Nun heftete der Kranke einen langen Blick auf ihn und es schien, als ob er ihn erkenne. Aber seine Lippen bewegten sich nicht.„Armer Tata, wie sehr hatte er sich verändert!“ Der Sohn hätte ihn nie erkannt. Die Haare waren weiß geworden, der Bart war gewachsen, das Gesicht geschwollen und ganz gerötet, mit gespannter und brennender Haut, die Augen waren kleiner, die Lippen wulstig, das Aussehen ganz verändert: nichts war mehr gleich als die Stirne und der Bogen der Augenbrauen. Er atmete mit Mühe.—„Tata mein Tata!“— sagte der Knabe.„Ich bin es, kennt Ihr mich nicht? Ich bin Ciccillo, Euer Ciccillo, vom Dorfe hereingekommen, die Mutter hat mich geschickt. Sehet mich doch an, erkennt ihr mich nicht? Sagt mir nur ein Wort.“ Aber nachdem ihn der Kranke aufmerksam betrachtet hatte, schloß er die Augen. —„Tata! Tata! was habt Ihr? Ich bin Euer Sohn, Euer Ciccillo.“ Der Kranke bewegte sich nicht mehr und fuhr fort schwer zu atmen. Nun nahm der Knabe weinend einen Stuhl, setzte sich und wartete, ohne den Blick vom Gesichte seines Vaters abzuwenden.— Ein Arzt wird bald vorbeikommen, wenn er Besuche macht,— dachte er.— Er wird mir etwas sagen.— Und er versenkte sich in seine trau⸗ rigen Gedanken, erinnerte sich an so vieles von seinem guten Vater, an den Tag der Abreise, als er ihm an Bord des Schiffes das letzte Lebewohl zugerufen hatte, an die Hoffnung, welche die Familie auf diese Reise gesetzt, an die Trostlosigkelt seiner Mutter bei der Ankunft des Briefes; auch an deu Tod dachte er; er sah seine Mutter im Trauerkleide, die Familie im Elend. Und er blieb lange so. Als eine leichte Hand seine Schulter berührte, fuhr er auf: es war eine Nonne.—„Was hat mein Vater?“— fragte er sie rasch.—„Ist es Dein Vater?“— fragte die Schwester mit süßer Stimme.—„Ja, meine Mutter sandte mich zu ihm: Was hat er?“—„Mut, Knabe!“ — antwortete die Schwester;—„bald wird der Arzt kommen.“— Und sie entfernte sich, ohne etwas anderes zu sagen. Nach einer halben Stunde hörte er den Ton einer Glocke und sah den Arzt, begleitet von einem Assistenten, ins Zimmer treten; die Schwester und ein Krankenwärter folgten ihnen. Sie begannen die Besuche, indem sie bei jedem Bett stehen blieben. Dieses Warten schien dem Knaben eine Ewigkeit und bei jedem Schritt des Arztes wuchs seine Angst. Endlich langte er bei dem benachbarten Bette an. Der Arzt war ein hoher, aber gebeugter Greis mit ernstem Gesicht. Bevor er von dem benachbarten Bette wegging, erhob sich der Knabe und begann zu weinen, als er sich näherte. f Der Arzt betrachtete ihn,—„Es ist der Sohn des Kranken,“— sagte die Schwester, —„er ist diesen Morgen aus seinem Dorfe hierher gekommen.“ Der Arzt legte ihm eine Hand auf die Schulter, dann neigte er sich auf den Kranken, griff ihm den Puls, berührte ihm die Stirne und stellte einige Fragen an die Schwester, welche antwortete:„Nichts Neues.“— Er blieb em Krank 11 desse ful, beugt und wenn Hand und ranken; d ir gab kein flach sein! besonders dagen liel So gin der Nacht in einem begann er schien es, Zurückkeht iebkosende hestimmter Augen zu Lippen, 0 jedem ku er seinen der zwein kleine Be Munde de der Knab leichtes L er neuen der Hoff unbollstät ihm weill Schwester er ermah Worten, Zweifel klzählte e 1 ö lich fase lang 1. gewissen Weise ver und der! lötlichen war von daß er n. und ein Schwester ein, was Franken, Schueste Berzweif . auf uben enen e. bim: kel bon dige nd men 10 die einer der uch. Nun Weiß digt it del 10 f ine R————— 1 1 N Nr. 24. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. ein wenig nachdenkend, dann sagte er:— „Fahret fort, wie bisher.“ Nun faßte der Knabe Mut und sagte mit weinenlicher Stimme:—„Was hat mein Vater?“ „Fasse Mut, mein Sohn,“— antwortete der Arzt, ihm die Hand wieder auf die Schulter legend.—„Er hat die Gesichtsrose. Es ist gefährlich, aber es ist noch Hoffnung vorhanden. 12 5 ihn. Deine Gegenwart wird ihm gut un.“ —„Aber er erkennt mich nicht!“— rief der Knabe in hoffnungslosem Tone aus. —„Er wird Dich erkennen... morgen vielleicht. Hoffen wir das Beste, fasse Mut.“ Der Knabe hätte gern mehr gefragt; aber er wagte es nicht. Der Arzt ging weiter. Und nun begann er sein Amt als Krankenwärter. Da er nichts weiteres thun konnte, so legte er dem Kranken die Decken zurecht, hielt fast immer dessen Hand, scheuchte ihm die Fliegen fort, beugte sich bei jedem Seufzer über ihn und wenn die Schwester zu trinken brachte, nahm er das Glas oder den Löffel aus der Hand und reichte es an ihrer Statt dem Kranken; dieser betrachtete ihn einigemal; aber er gab kein Zeichen, daß er ihn kenne. Doch blieb sein Blick immer länger auf ihm haften, besonders wenn er das Taschentuch an die Augen hielt. So ging der erste Tag vorüber. Während der Nacht schlief der Knabe auf zwei Stühlen in einem Winkel des Zimmers und am Morgen begann er sein liebevolles Werk wieder. Heute schien es, als ob die Augen des Kranken ein Zurückkehren der Besinnung verrieten. Bei der liebkosenden Stimme des Knaben schien ein un⸗ bestimmter Ausdruck von Dankbarkeit in seinen Augen zu glänzen, und einmal bewegte er die Lippen, als ob er etwas sagen wolle. Nach jedem kurzen Schlummer schien es, als suche er seinen kleinen Krankenwärter. Der Arzt, der zweimal vorbeigekommen war, bemerkte eine kleine Besserung. Gegen Abend, als er dem Munde des Kranken ein Glas näherte, glaubte der Knabe auf den geschwollenen Lippen ein leichtes Lächeln schweben zu sehen. Jetzt faßte er neuen Mut und begann zu hoffen. Und in der Hoffnung, verstanden zu werden, wenn auch unvollständig, fing er an zu erzählen; er erzählte ihm weitläufig von der Mutter, von den kleinen Schwestern, von der Rückkehr nach Hause, und er ermahnte ihn mit warmen und liebevollen Worten, Mut zu fassen. Und obgleich im Zweifel ob er auch wirklich verstanden werde, erzählte er doch, denn es schien ihm, daß der Kranke, wenn er auch den Sinn der Worte nicht fasse, seine Stimme, diesen ungewohnten Klang voll Zuneigung und Mitgefühl, mit einem gewissen Wohlgefallen anhöre. Und in dieser Weise verstrich der zweite Tag und der dritte und der vierte, während leichte Besserungen mit plötzlichen Rückfällen wechselten; und der Knabe war von seiner Pflege so in Anspruch genommen, daß er nur zweimal des Tages ein wenig Brot und ein Stückchen Käse kaute, welche im die Schwester brachte; sonst sah er fast nichts von dem, was um ihn vorging, weder die sterbenden Kranken, das plötzliche Herbeilaufen der Schwestern in der Nacht, das Weinen und die Verzweiflung der Besuchenden, welche ohne Hoffnung fortgingen, noch alle diese schmerzlichen und düsteren Szenen eines Tageslaufs im Spital, welche ihn sonst erschreckt und ergriffen hätten. Die Stunden, die Tage gingen vor⸗ über und er war immer bei seinem Tata, auf⸗ merksam, vorsorgend, zitternd bei jedem seiner Seufzer und bei jedem seiner Blicke, ruhelos und in Aufregung zwischen dem Schimmer einer Hoffnung, die ihm die Seele erhob und der bangen Sorge, die ihm das Herz zusammenpreßte. Am fünften Tage verschlimmerte sich plötz⸗ lich der Zustand des Kranken. Als er den Arzt fragte, schüttelte dieser den Kopf, als wolle er sagen, alles sei zu Ende und der Knabe ließ sich auf den Stuhl sinken, indem er in Schluchzen ausbrach. Immerhin tröstete ihn etwas. Obschon sich der Zustand des Kranken verschlimmerte, glaubte der Knabe zu bemerken, daß er langsam seine Besinnung wieder gewinne. Er betrachtete den Knaben immer fester und mit einem Ausdruck wachsen⸗ der Zärtlichkeit, wollte von niemand als von ihm einen Trunk oder eine Arznei annehmen und öfters zwang er die Lippen zu einer Be⸗ wegung, als wolle er ein Wort aussprechen, und er machte es oft so deutlich, daß der Sohn, von einer plötzlichen Hoffnung belebt, heftig seinen Arm ergriff und ihm mit fast freudigem Aus⸗ druck sagte:—„Mut, Mut, Tata, Du wirst genesen, wir werden nach Hause gehen und zu der Mutter zurückkehren, noch ein wenig Mut!“ Es war 4 Uhr abends, und der Knabe hatte sich gerade einem dieser Stürme von Zärtlich⸗ keit und Hoffnung hingegeben, als er von der Thür des nächsten Zimmers her ein Geräusch von Schritten und dann eine Stimme hörte, nur drei Worte:—„Auf Wiedersehen Schwester!“ — die ihn mit einem unterdrückten Schrei auf⸗ springen machten. Im gleichen Augenblick trat ein Mann mit einem Bündel in der Hand von einer Schwester gefolgt in das Zimmer. Der Knabe stieß einen durchdringenden Schrei aus und blieb aufseinem Platze wie angewurzelt. Der Mann kehrte sich um, betrachtete ihn und stieß auch einen Schrei aus:—„Ciccillo!“— und stürzte auf ihn zu. Der Knabe fiel erschöpft in die Arme seines Vaters. Die Schwestern, die Krankenwärter, der Assistent eilten herbei und standen voll Er⸗ staunen da. Der Knabe konnte kein Wort hervorbringen. —„O, mein Ciccillo!“ rief nach einem aufmerksamen Blick auf den Kranken der Vater aus, indem er seinen Sohn küßte und wieder küßte.—„Ciccillo, mein Sohn, wie kommst Du hierher! Sie haben Dich an das Bett eines anderen geführt. Und ich fürchtete schon, Dich nicht mehr zu sehen, als mir die Mutter schrieb: ich habe ihn geschickt. Armer Ciccillo! Seit wie viel Tagen bist Du hier? Wie war diese Verwechslung möglich? Ich hatte mich binnen kurzem erholt. Ich bin jetzt gesund, weißt Du! Und die Mutter? Und Concettella? Und unser Nesthäkchen? Wie geht es ihnen? Ich verlasse nun das Spital. Komm', laß uns gehen. O großer Gott! Wer hätte das je gedacht?“ Der Knabe konnte nur mit Mühe einige Worte stammeln und Nachrichten von der Familie geben.—„O wie bin ich so froh! Welch' böse Tage habe ich verlebt!“— und er konnte nicht aufhören seinen Vater zu küssen. Aber er wich nicht von der Stelle.—„So komm,“— sagte der Vater zu ihm.—„Wir können noch heute Abend zu Hause sein. Gehen wir.“— Und er zog ihn zu sich. Der Knabe kehrte sich um und betrachtete seinen Kranken. —„Nun.. kommst Du oder kommst Du nicht?“— fragte ihn der Vater verwundert. Der Knabe warf noch einen Blick auf den Kranken, der in diesem Augenblicke die Augen öffnete und ihn fest ansah. Nun löste es sich von seinem gepreßten Herzen in einem Strom von Worten.—„Nein, Tata, warte.. nein ich kann nicht. Da, sieh' den Alten an. Seit fünf Tagen bin ich hier. Er betrachtet mich immer. Ich glaubte, Du seiest es. Ich liebte ihn sehr. Er schaut mich an, wenn er trinken will, er will mich immer um sich haben, jetzt geht es ihm sehr schlecht, habe Geduld, ich habe nicht den Mut, ich weiß nicht, es geht mir zu sehr zu Herzen, ich werde morgen nach Hause kommen, laß mich noch ein wenig dableiben, es geht nicht an, daß ich ihn jetzt verlasse, sieh, wie er mich betrachtet, ich weiß nicht wer er ist, aber er verlangt nach mir, er würde allein sterben, laß mich hier, lieber Tata!“ —„Braver Junge!“ rief der Assistent. Der Vater sah den Knaben verwundert an; dann betrachtete er den Kranken.—„Wer ist's?“ fragte er. —„Ein Bauer wie Ihr,“— antwortete der Assistent,„von auswärts gekommen, welcher am gleichen Tag wie Ihr in das Spital ein⸗ getreten ist. Sie trugen ihn besinnungslos hier⸗ her und er konnte nichts sagen. Vielleicht hat er eine ferne Familie, Söhne. Er wird glauben, der Eurige sei einer der seinigen.“ Der Kranke betrachtete immer den Knaben. Der Vater sagte zu Ciccillo:—„So bleibe da.“ —„Er muß nur noch kurze Zeit bleiben;“ murmelte der Assistent. —„Bleibe,“ wiederholte der Vater.„Du hast ein Herz. Ich gehe sofort nach Hause, um die Mutter aller Angst zu entheben. Hier ist ein Thaler für Deine Bedürfnisse. Lebe wohl, mein braver Sohn. Auf Wiedersehen.“ Er küßte ihn, sah ihm scharf ins Gesicht, küßte ihn noch einmal auf die Stirne und ging. Der Knabe kehrte zum Bette und der Kranke schien getröstet. Ciccillo fuhr wieder fort den Krankenwärter zu machen, zwar nicht mehr unter Thränen, aber mit gleicher Sorgfalt, mit der gleichen Geduld wie früher; er gab ihm wieder zu trinken, legte ihm die Decken zurecht, streichelte ihm die Hand und sprach ihm freund⸗ lich zu, um ihn zu ermutigen. Er pflegte ihn den ganzen Tag, die ganze Nacht und blieb auch noch den folgenden ganzen Tag bei ihm. Aber des Kranken Zustand verschlimmerte sich immer mehr; sein Gesicht wurde blau, der Atem rascher, die Unruhe wuchs, unartikulierte Laute entflohen seinem Munde, die Geschwulst nahm schrecklich zu. Am Abend sagte der Arzt bei seinem Besuche, daß er die Nacht nicht überleben würde. Und alsdann verdoppelte Ciccillo seine Pflege und verlor ihn keinen Moment aus dem Auge. Und der Kranke betrachtete ihn immer⸗ fort, und bewegte noch die Lippen von Zeit zu Zeit mit großer Anstrengung, als ob er etwas sagen wolle, und ein Ausdruck außerordentlicher Zaͤrtlichkeit lag in den Augen, die immer kleiner wurden und sich mehr und mehr ver⸗ schleierten. Und diese Nacht wachte der Knabe bei ihm, bis er das erste Dämmerlicht des kommenden Tages sah und die Schwester er⸗ schien. Die Schwester näherte sich dem Bette, warf einen Blick auf den Kranken und ging eiligen Schrittes fort. Wenige Augenblicke nachher erschien sie wieder mit dem Assistenten und einem Krankenwärter, der eine Laterne trug. —„Er liegt in den letzten Zügen,“— sagte der Arzt. Der Knabe ergriff die Hand des Kranken. Dieser öffnete die Augen, betrachtete ihn und schloß sie wieder. In diesem Augenblick glaubte der Knabe, seine Hand werde gedrückt.—„Er hat mir die Hand gedrückt!“— rief er aus. Der Arzt blieb einen Augenblick auf den Kranken geneigt, dann erhob er sich.„Die Schwester nahm ein Kruzifix von der Wand. —.„Er ist tot!“ rief der Knabe. —„Gehe, mein Sohn,“— sagte der Arzt. „Dein heiliges Werk ist zu Ende. Gehe, und das Glück, das Du verdienst, sei mit Dir. Lebe wohl.“ Die Schwester, die sich einen Augenblick ent⸗ fernt hatte, kehrte mit einem Veilchensträußchen, das sie aus einem Glase auf dem Fenstergesimse genommen hatte, zurück und reichte es dem Knaben, indem sie sagte:—„Ich kann Dir nichts anderes geben. Nimm das als Andenken an das Spital.“ —„Dank,“— sagte der Knabe, indem er mit einer Hand das Sträußchen ergriff und mit der andern die Augen trocknete;—„aber ich muß so weit zu Fuß gehen... ich würde sie verderben.“ Und nachdem er das Sträuß⸗ chen aufgelöst hatte, streute er die Veilchen auf das Bett, indem er sagte:—„Ich lasse sie als Andenken meinem armen Toten. Dank, Schwester, Dank, Herr Doktor.“— Dann, in⸗ dem er sich zum Toten wandte:—„Addio“ ...— Und während er einen Namen suchte, den er ihm geben könnte, kam ihm vom Herzen der süße Name auf die Lippen, welchen er ihm während fünf Tagen gegeben hatte:—„Addio, armer Tata!“ 5 Als er dies gesagt hatte, nahm er sein Bündel unter den Arm und langsamen Schrittes, von der Müdigkeit erschöpft, entfernte er sich. Der Tag war angebrochen. Seite 8 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 24. Arbeiter in Stadt und Land! Wehrt Euch Euerer Haut! Jahren gesetzlich garantierten Koalitionsrechte, Ihr Euer Recht und Vereinigung soll ausgetauscht werden gegen das Die Rückwärtser sind wieder am Werke! Diesmal gelten die schwarzen Pläne, dem Euch seit 30 dem Recht der Vereinigung zum Zwecke der Erlangung besserer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen! sollt dem Unternehmertum auf Gnade und Ungnade ausgeliefert werden! Recht auf Gefängnis und Zuchthaus! in dem Ihr Mitglieder der politischen und gewerkschaftlichen Vereine werdet. Gebt die richtige Antwort auf dieses Ansinnen, Erscheint in Massen in Die im Kampfe für die Interressen des arbeitenden Volkes ist für die Interressen der Kleinen ste 8 ten für weiteste Verbreitung sorgt. Hinaus mit den Blättern, Stimmung machen müssen. Dagegen: den Protestversammlungen, d steht sie im vordersten Treffen. jedoch ie in nächster Zeit veranstaltet werden. schneidigste Waffe unter allen Umständen die sozialdemokratische Presse. 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