—— — FD e Nr. 50. Gießen, Sonntag, den 10. Dezember 1899. 6. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. N f Mitteldeutsche 7 Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche SonntagsZeitung“ Darch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. N che 5 koftet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. g 50 Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 4312.) 33½% und bei Junserate Die 5gesp elt Bei mindeftene mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. „Freie Nebe“. he. Von der Einführung von Lohnbüchern für minderjährige Arbeiter im Gegenwartsstaat zur freien Liebe im Zukunftsstaat ist eine weite Strecke, weiter noch, als von dem sozial⸗ politischen Erlaß Wilhelms J. zu seiner Er⸗ füllung; aber mit einem Saltomortale, den ihnen kein Zirkuskünstler so leicht nachmacht, benutzten die bürgerlichen Reichstagsredner die Opposition unserer Fraktion gegen jene— die Lohnbücher— als Sprungbrett, um sich in kühnem Bogen zu dieser— der„freien Liebe“ — und zu einer kleinen Zukunftsstaats⸗ debatte hinüberzuschwingen, worin die„freie Liebe“ die Hauptrolle spielte. War es das Bedürfnis, sich nach der Hin⸗ richtung der Zuchthausvorlage wieder als Männer von gut bürgerlicher Gesinnung bei den Scharfmachern zu rehabilitieren, was die Heyl und Hitze und Oriola und Tags zu⸗ vor auch Rösicke bewog, mit den Sozialdemo⸗— kraten anzubinden— oder entlud sich darin der Aerger über den Koalitionsrechtsantrag unserer Fraktion? Die Debatte hat wieder einmal gezeigt, wie sehr wir Sozialdemokraten manchmal die Kenntnis und das Verständnis des So⸗ zialismus seitens der bürgerlichen Intelligenz überschätzen. Diese vornehmsten Repräsen⸗ kanten der politischen Bildung sind über diese im Mittelpunkt der Zeitbewegung stehende und so heiß umstrittene Idee noch immer so unwissend und konfus wie irgend ein Bierbank-Philister. Was wolle dann eigentlich de Sozioldemo⸗ krote“, fragte den Schreiber dieses neulich ein solcher, während er den Schoppen zum Munde führte, und die Frage fiel uns alsbald ein, als wir im Reichstagsbericht den an die Sozial⸗ demokraten 7 7 0 Satz des Grafen Oriola lasen:„Vielleicht geben Sie einmal einen Leit⸗ faden heraus über das, was Sie wollen“, worauf ihm Singer als beste Antwort ein 5 unseres Parteiprogramms über⸗ . Es verlohnte sich kaum, auf die schnurrigen Abschweifungen in die Gefilde des Zukunfts⸗ staates zurückzukommen, wenn nicht die gegne⸗ rische Presse das Scharmützel in ihrer„wahr⸗ heitsliebenden“ Art fruktifizierte.„Bebel in Verlegenheit“ lautet die Spitzmarke eines Leit⸗ artikels eines großen nationalliberalen Blattes, und die„Kölnische“ versichert, Bebel habe schlecht abgeschnitten; was genau so wahr wie die in derselben Debatte gefallene Behauptung, der Marxismus sei tot, mausetot. Und da wundern sich die Leutchen, wenn sie im Kampfe gegen uns so kläglich abgeführt werden, wie Falstaffsche Rekruten, nicht wie ehrenvoll unterliegende Kämpfer. Wie kann es anders sein, wenn man sich selber über den Gegner belügt! Die Ueberreichung des Programms war die richtige Antwort auch in Bezug auf die„freie Liebe“. Für die Bestrebungen unserer Partei ist allein maßgebend, was im Pro⸗ gramm steht. Von der freien Liebe steht darin kein Wort. Was immer in sozialisti⸗ schen Schriften über sie, wie über anderes im „Zukunftsstaat“ ausgeführt wird, gehört nicht zu den Zielen, auf die unsere Bewegung ge— richtet ist, sondern ist lediglich als Konsequenz der sozialistischen Produktionsweise gemeint, und zwar nach der persönlichen Auffassung der betreffenden Autoren, die für die Partei keinerlei Verbindlichkeit hat. Sehr korrekt hat darum Bebel alles, was aus seinem Buch über die„freie Liebe“ herausgelesen und gegen unsere Partei ausgespielt wird, als seine Privat⸗ meinung erklärt, die der Partei nicht an die Rockschöße gehängt werden darf. Gleichwohl aber hat unsere Partei keinerlei Ursache, das Bebelsche Buch zu verleugnen, und noch viel weniger hat die bürgerliche Ge⸗ sellschaft Ursache, sich darüber moralisch auf⸗ zuregen; im Gegenteil thäte sie klüger, einer Erörterung dieses Themas, die eines ihrer häßlichsten Gebrechen bloßlegt, aus dem Wege zu gehen. Schön sagte unsere Genossin Lily Braun in einer Berliner Volksversammlung am 26. September 1896: „Die Sozialdemokratie predigt die„freie Liebe“, sagt man. Gtebt es ein schöneres Wort als dieses, wenn wir es als den Gegen- satz zu der erkauften, erzwungenen Liebe verstehen? Wie kostbare indische Seide sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, wenn sie wieder und wieder durch den Staub der Bühne gezerrt, von hundert schmutzigen Hän⸗ den betastet wird, so werden schöne Worte ihres eigentlichen Begriffes beraubt, wenn sie von unreinen Lippen gebraucht und in den Kot der Gasse geworfen werden. Die freie Liebe, wie sie unsere Gegner ver⸗ stehen, regiert gerade in der Gegen⸗ wart. Der Mann hat die Freiheit, ohne seine bürgerliche Ehre zu schädigen, seiner „Liebe“, d. h. seinen Gelüsten zu folgen. Er kann unschuldige Mädchen verführen, er kann als ehrsamer Gatte und Familienvater außer dem Hause für wenig Geld„Liebe“ finden, so viel er will. Wenn wir von freier Liebe sprechen, so verstehen wir darunter nicht die Freiheit des Ausbeuters gegenüber dem Aus⸗ gebeuteten, die Freiheit des Besitzenden, sich nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch den Leib der Besitzlosen anzueignen, wir wollen vielmehr damit sagen, daß den Männern und Frauen die wirtschaftliche Mög⸗ lichkeit geschaffen werden soll, einander nur aus Liebe zu wählen, frei von jeder materiellen Rücksicht. Nur dann kann von einer wahrhaft sitt⸗ lichen Ehe die Rede sein, in deren reiner Atmosphäre die Kinder moralisch gesund auf— wachsen.“ „Nichts ist auf Erden fürwahr so wünschenswert und erfreulich, Als wenn Mann und Weib in herzlicher Liebe 5 vereint sind“, heißt es bei Homer. Aber die materiellen Interessen haben, im kapitalistischen Zeit⸗ alter mehr als je, einen Keil getrieben zwischen Ehe und Liebe, haben beide sozusagen von Tisch und Bett getrennt, haben die Ehe ohne Liebe geschaffen, die heute fast die Regel ist, haben das süße, zarte Band zur lästigen Fessel gemacht. Woher denn sonst die bitteren und höhuischen Aeußerungen so vieler bürgerlicher Denker, Dichter und Prosaisten über die Ehe?„Es ist betrübt, man könnte drüber weinen, Ein Zeichen uns'rer Lasterhaftigkeit, Daß Eh' und Liebe selten sich vereinen, Da ein Gestirn doch beiden Dasein leiht“, singt z. B. Lord Byron, der auch spottend fragt:„Ob wohl Petrarc' als Lauras Mann Sonette, so glühende, jemals gedichtet hätte?“— Ein bürgerlicher Dichter(Grabbe) ist es auch, der schrieb: „Heirat! Ha, das ist der Wiater, der wohl mit der Kraft des Eises die bewegte Welle des Baches anfesselt, doch sie auch erstarren macht. Das Mädchen, das ich lieb', umarme, das Geld hat, heirate ich!“ schließt er mit un⸗ verschleiertem Cynismus.— Und ein bürger⸗ licher Schriftsteller neuesten Datums(Ernst v. Wolzogen) läßt in seiner köstlichen Erzählung „Das dritte Geschlecht“ eine seiner Heldinnen sagen:„Es ist möglich, daß am Ende unserer gegenwärtigen Dinge mit vielen Vorurteilen auch der heilige Ehestand als Unkraut mit ausgerauft und ius Feuer geworfen wird. Und ich weiß nicht, ob das ein so großes Unglück sein würde, denn für die Männer ist er nun einmal eine unnatürliche Einrichtung und für die Frauen auch nur in ganz seltenen Fällen ein Glück.“ Der Zwiespalt von Mein und Dein hat Liebe und Ehe geschieden, der Sozialismus wird sie wieder vereinen— das ist die freie Liebe, die Bebel meint. Ein neuer Dreibund? Gab die Reise des deutschen Kaisers der bürgerlichen Presse schon Stoff zu allerlei Mut⸗ maßungen über die Stellung Deutschlands zu England, so ist dieses noch mehr der Fall be⸗ züglich einer Rede des englischen Kolonial⸗ ministers Chamberlain. In der That klingt die Rede dieses Herrn höchst befremdlich. Chamberlein führte ungefähr folgendes aus: England könne nicht dauernd auf dem europäischen Festland isoliert bleiben. Die natürlichste Alliance sei mit dem großen deutschen Reich. Eine Gegnerschaft der Interessen sei sowohl für die Gegenwart wie für die Vergangenheit nicht vorhanden. Die Vereinigung Deutschlands mit England würde mehr wie jede andere der Welt den Frieden sichern. Dieselben Gefühle einer engen Stammes verwandschaft, die zu dem engen Sympathieverhältnis zwischen Amerika und England geführt hätten, könnten auch zu einem gleichen Verhältnis zwischen Amerika, Eaglan) und Deutschland führen. Ein neuer Dreibund zwischen der ger⸗ manischen Rasse und den zwei großen Zweigen der angelsächsischen Rasse(Engländer und Amerikaner) würde einen mächtigen Einfluß auf den Frieden der Welt ausüben können. Es handelt sich um keine Alliance, die auf dem Papier niedergelegt sei, wohl aber sei ein diesbezügliches Einverständnis im Geist der Staatsmänner der betreffenden Länder vorhanden. Es scheint, als habe der englische Kolonial⸗ minister von seinem neuen Freunde Deutschland zunächst die Kunst erlernt, die Welt durch wundersame Plötzlichkeiten zu überraschen. Ueber⸗ raschend im höchsten Maße ist seine Rede, selbst wenn sie in Ton und Farbe weit über die üblichen Grenzen diplomatischer Vorsicht hin⸗ ausgeht und die Dinge in übermäßiger Größe Nee Sett e 2. Witieldeutsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 50. darstellt. Immerhin müssen ihr gewisse Thatsachen von großer internationaler Be⸗ deutung zu grunde liegen. Als der Trans⸗ vaalkrieg ausbrach, erhob sich in der französi⸗ schen Chauvinistenpresse der Ruf nach Rache für Faschoda und Rußland sah die beste Ge⸗ legenheit, England in Zentral- und Ost⸗Asien zurückzudrängen. Wäre Deutschland diesen Ab⸗ machungen zu Willen gewesen, so würde Eng⸗ land leicht in die schwierigste Lage geraten sein. Die deutsche Regierung mußte sich entscheiden, ob sie weiter der russischen Er⸗ oberungssucht Schergendienste leisten wollte, wie sie Jahrzehnte hindurch und zuletzt noch beim Abschluß des japanisch-chinesischen Krieges gethan, als sie Japan und England in den Arm fiel und Nordchina der russischen Ab⸗ sperrungspolitik überantwortete. Die deutsche Regierung hat in dieser Politik der einseitigen Förderung russischer Interessen innegehalten, da deren Gefahren nunmehr sich allzu deutlich zeigten, hat sie es vorgezogen, die Zwistigkeiten mit England beizulegen und bessere Beziehungen mit dem Inselreich einzuleiten. Die Gründe, welche die deutsche Regierung hierbei leiteten, sind zweifelsohne vornehmlich kolonialpolitische. Die deutsche Regierung weicht vor der Scllla der Russenunterwürfigkeit, um der Charibdis der„Weltpolitik“ entgegenzusteuern. Will man überall auf dem Erdenrund mitsprechen, will man überall Inselspreu und Läuderfetzen— und seien es die unbrauchbarsten, die niemand sonst wollte— annektieren, so glaubte man sich mit England, auf dessen Besitz und Macht man allenthalben stieß, auf guten Fuß stellen zu sollen. Gegen England läßt sich„Welt⸗ politik“ nicht betreiben, also geht man mit England, schließt mit England einen Vertrag, der die Aufteilung gewisser afrikanischer Gebiete betrifft, und überläßt nebenbei die Buren der Erinnerung an einstige Sympathiebeweise. Welches aber auch der Grad der Annäherung zwischen den beiden Staaten und welches auch die beiderseitigen Gründe sein mögen, die A b⸗ lenkung Deutschlands aus der russischen Gefolgschaft und die Hinneigung zu Eng⸗ land und den Vereinigten Staaten wird vom deutschen Volke immerhin willkommen ge⸗ heißen werden. Das deutsche Volk ist nicht identisch mit der englandhetzenden Junker— und Kapitalistenpresse. Das deutsche Volk der Arbeit hat stets gewünscht, mit Eng⸗ land in besten Beziehungen zu leben, allerdings nicht mit dem England der raublustigen Chamber⸗ lain und Rhodes, sondern mit dem England der freiheitlichen Institutionen und des sozialen Fortschritts. Politische Rundschau. Gießen, 8. Dezember. Aus dem Reichs ⸗Etat. Aus dem neuen Etat teilen wir unseren Lesern folgende Kapitel mit: Die Etatsstärke des Reichsheeres be— trägt für 1900: 23 850 Offiziere, 80556 Unteroffiziere, 491136 Gemeine, 2165 Militärärzte u. s. w. Dazu kommen 182 929 Dienstpferde. Für das Reichsheer erfahren die fort— dauernden Ausgaben eine Erhöhung um 21½ Millionen. Die jährlich fordauerade Ausgabe beträgt damit 541½ Millionen Mark. Die einmaligen Ausgaben für das Reichsheer steigern sich gegen das Vorjahr um 17,7 Millionen, sie erreichen damit 98 778396 Mark. Der Marine⸗Etat wächst durch die Ver⸗ mehrung um fast 5 Millionen Mark auf fast 74 Millionen Mark in den fortlaufenden Ausgaben und durch eine Steigerung um 8,6 Millionen an einmaligen Ausgaben auf fast 48 Millionen Mark. Dazu kommt ein Exdraordinarium für die Marine von 40 Millionen, so daß der Vor⸗ anschlag für die gesamten Marineausgaben sich stellt auf ungefähr 162 Millionen Mark. Auch der Kolonialetat und die Aus⸗ gaben für Kiautschau sind wieder erheblich gestiegen. Die neuen Flottenforderungen der Regierung kommen in diesem Etat noch in keiner Weise zum Ausdruck. Alle zu erwartenden Mehreinahmen des Reiches— und sie sind überaus reichlich ein⸗ geschätzt worden— werden aufgebraucht durch die im Rahmen der jetzigen Militär- und Marine⸗ gesetze sich steigernden Ausgaben. Woher sollen die Summen genommen werden, die zur Durch⸗ führung der neuen, alles bisherige überholenden Marinepläne notwendig werden? Die Steigerung der Reichseinnahmen be⸗ deutet die Steigerung der Ungerechtigkeit des indirkten Steuerwesens. Zölle und Verbreuchssteuern, die den Unbemittelteren schwerer treffen, die dem Aermsten die drückendste Last zumuten, gewähren dem Reich die Mittel der Existenz. Diese also aus der Not der arbeitenden Klassen gezogenen Mittel werden verwendet wie seit jeher und in noch höherem Maße zu Zwecken, welche den Interessen derselben arbeitenden Klassen schnurstracks zuwiderlaufen, zu dem Zwecke des Militarismus und Marinismus. Onkel Chlodwig will Wort halten. Die Aufhebung des Verbotes, daß politische Vereine in Verbindung treten, soll angeblich in allernächster Zeit zu erwarten sein. Eine Audienz des Reichskanzlers beim Kaiser soll mit dieser Frage in Zusammenhang stehen. Bekanntlich hatte der Reichskanzler die Auf⸗ hebung dieses Verbotes bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches am 1. Januar 1900 zugesagt. Fürst Hohenlohe muß sich also beeilen, wenn sein Versprechen wahr werden soll. (Siehe: Reichstag in heutiger Nummer.) Galizische Wasserpolitik. Der Flottenschwärmer Obersten, dem Ga⸗ lizier Viktor Schweinburg, ist in letzter Zeit übel mitgespielt worden. Und so hat er es denn vorgezogen, seinen Sekretärsposten im Flottenverein niederzulegen. Aber da andere Flottenmänner, die mit Schweinburg, dem von den Großindustriellen besoldeten Sozialisten⸗ töter, nicht im Flottenverein zusammen arbeiten wollten, allerlei Andeutungen machten, die nicht sehr empfehlenswert für den Galizier klingen, so wird diesen Leuten jetzt mit dem „schwarzen Mann“ Angst gemacht. Das„Berl. Kl. Journ.“ warnt vor Verdächtigungen des Galiziers Schweinburg, der uns deutschen Micheln Flottenbegeisterung und Patriotismus beibringen will, und schreibt, offenbar„in⸗ spiriert durch Herrn Schweinburg: „Das Gebot der Klugheit müßte dagegen sprechen, denn Herr Schweinburg weiß viel, sehr viel— er besitzt einen wohlver⸗ wahrten Schatz von Dokumenten, deren Veröffentlichung viel Staub aufwirbeln würde. Die Luft ist auch bei uns durchaus nicht so rein, daß ihr Bazillen⸗ gehalt noch einer Vermehrung bedürfte.“ Wo ist der Esel, der an„reine Luft“„bei uns“, das heißt den Flottenaposteln, geglaubt hat? Aber daß jetzt der Schweinburg seine Bazillen auf diejenigen hetzen will, die ihn nicht für zweifelsohne ansehen— o, wehe, wenn sie losgelassen! Wehe, wenn die Bazillen die schützende„patriotische Hülle“ abgefressen haben und die nackte Profitgier zutage tritt! Die Flottenvorlage kommt! Am 23. Oktober 1899 gab die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, das nicht offtzielle Re⸗ gierungsorgan, in der Absicht, die durch die Hamburger Kaiserrede erregten Gemüter zu beschwichtigen, eine offiziöse Erklärung ab, die also lautete: „Wie wir von zuverlässiger Seite erfahren, ist der Marineetat für das Rechnungsjahr 1900 abgeschlossen und hält sich im Rahmen des Flottengesetzes. Für das Etatsjahr 1900 ist eine Novelle zum Flottengesetz nicht in Aussicht genommen.“ Ein paar Wochen später, am 4. Dezember 1899, schreibt dieselbe„Norddeutsche Allgem. Zeitung“ ebenso offiziös an der Spitze des Blattes gegenüber Behauptungen der„Münch. Neuesten Nachr.“: „In der Presse ist die Ansicht aufgetaucht, daß dem Reichstag in der jetzigen Sesston nicht ein Flottengesetz, sondern nur eine Denkschrift vorgelegt werden soll. Wir sind ermächtigt zu erklären, daß die oben erwähnte Nachricht unzutreffend ist. Der Reichstag wird bestimmt noch in dieser Session Gelegenheit haben, eine Novelle zum Flottengesetz zu beraten. Der genaue Zeitpunkt, an dem die in Arbeit be⸗ findliche Vorlage dem Reichstage zugehen wird, steht indessen noch nicht fest.“ Das ist einmal ein Musterbeispiel offiziöser Unehrlichkeit. Versicherung, daß für das Etatsjahr 1900 keine Novelle zum Flottengesetz in Aussicht genommen sei, am 4. Dezember die nicht minder entschiedene Erklärung, daß der Reichstag noch bestimmt in dieser Sesston eine Flottennovelle zu beraten haben werde. Neue Schiffe, neue Steuern. Es steht außer allem Zweifel, daß die Be⸗ willigung neuer Schiffsbauten durch den Reichs tag auch neue Steuern zur Folge haben muß. Nach Lage der Dinge ist mit Sicherheit anzunehmen, daß den Junkern die Flotten⸗ freundlichkeit gedankt würde durch die Er⸗ höhung der Wetreidezölle. Und wer er⸗ innerte sich nicht, daß schon bei den Reichstags⸗ wahlen in 1893— es tobte damals der Kampf um eine Milttärvorlage— neue Besteuerungen des Bieres und des Tabaks in Aussicht standen? Nur um den„kleinen Mann“, der für die Militärpläne gefangen werden sollte, nicht kopf⸗ J scheu zu machen, wurde damals von der ver⸗ haßten Bier⸗ und Tabaksteuer abgesehen. Bei den neuen Flottenplänen geht's nicht ohne neue Belastung des Volkes. Mehr Schiffe bedeutet jetzt teureres Brot, teureres Bier, teureren Tabak! Was braucht der geringe Mann in Deutschlaud auch Zigarren und Pfeise zu rauchen? Wenn nur auf dem Ozean unsere Kriegsdampfer rauchen! Und was braucht der geringe Mann Bier zu trinken? Er mag zum Fusel greifen, auf daß die schnapsbrennenden Junker gehörig Liebesgaben einstecken können. Und wenn den Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten, den Arbeitern und Unterbeamten das Geld für das teurere Brot fehlt, dann mögen sie sich noch mehr an die geringwertigere Kartoffel halten! Eine an Politik, diese Schwein⸗ burgsche Wasserschwärmerei; damit wir im Aus⸗ lande mit stolzen Kriegsschiffen prunken und schließlich auch an allen Ecken und Kanten der Welt herumkrakehlen können, soll sich der deutsche Michel den Leibriemen immer enger schnallen. Eine solche galizische Wasserpolitik ist zu vergleichen mit dem Verhalten unverständiger Frauenzimmer, die alle paar Wochen neue Kleider oder neue Hüte anschaffen, aber nicht daran denken, end⸗ lich einmal die längst zerrissenen Strümpfe, Hemden und Unterröcke auszubessern. Außen beglissen— innen zerschlissen! Das Wahlrecht in Gefahr! Der„Vorwärts“ ist der. Ansicht, daß in gewissen Kreisen viel mehr eine Ablehnung, denn eine Annahme der Flottenvorlage im Reichstag erwünscht sei. Unser Zentralorgan meint, man wolle einen Konflikt mit dem Reichstag heraufbeschwören, um diesen auflösen un können. Durch Anwendung aller möglichen und unmöglichen Mittel hofft man dann wieder so eine Art Kart Kartellreichstag zusammen zu bekommen, der nicht nur die Flottenvorlage gutheiße, sondern auch bereit sein würde, dem jetzt bestehenden Wahlrecht den Hals umzudrehen:„Eine Flottenmehrheit— und das verhaßte Reichstags⸗Wahlrecht ist beseitigt, und unbeschränkt kann die kapitalistische Tyrannei ihre Brutalitäten entfalten.... Indessen die listigen Spekulationen auf den Wasserrausch Am 23. Oktober die entschiedene Die, Hahel dc ba fee eln es Auch. Aus een ab ab liner bier der of Da ola. hon all vn A lösun sesern, er S gk erheb fuld paht, sid sd le. Walf uk e daß al de gr F)aelder habe um! ol d ell Hürde Foz Las unn. at lag Neu 2 lber f f bene len Ind en ficht lte 5 50 geacche Lich hr Jan fur; 50. 9 8 — — 2 auth t minder tag noh enobelle n. n Reichs. ge haben Sicherheit Flotten die Er⸗ wer er eichstags⸗ er Kampf rungen standen? für die icht kopf⸗ der ber⸗ hen. Bi cht ohne Schiffe zureres aucht der Zigarten auf dem Llauchen! Bier zu fen, auf gehörig nd wenn tele Geld fr 1 sie sic Rartoffl Schwell⸗ im Aus- len D aten den 1 0 schnallen. hn imme, oder nel ken, tube 5trünpf, Außel 11 0 daß l blchun lage i fralorgal 1 1 Nr. 50. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. nicht“ setzt ein Volk von Wasserköpfen voraus. as deutsche Volk liefert sich seinen Unter⸗ drückern nicht freiwillig aus. Es durchschaut die Absichten und erkennt in der Gauklergestalt einer märchenhaften Weltpolitik seinen alten Todfeind in neuer Vermummung. Und darum würde auch eine Auflösung unter dem Wasser⸗ wie unter dem Zuchthauszeichen keinen anderen Erfolg als eine grimmige Abrechung mit dem ganzen herrschenden System.“ „Man“ möge nur auflösen, wir sind bereit. Flottenvorlage und Reichstags⸗ Auflösung. Zentrumsstimmen. Die Flottenenthusiasten, so schreibt die neue „Bayerische Landesztg.“, das führende Organ des bayerischen Zentrums, mögen sich auf neue Reichstagswahlen gefaßt machen, denn es hilft ihnen niemand im Reichstage zur Durchbringung ihrer Wünsche. Aus der Erde stampfen kann man wohl einen Flottenplan mit überraschender Plötzlich⸗ keit, aber, so schreibt die Germania, das Ber⸗ liner Zentrumsblatt,„das Kornfeld“ von einer Milliarde Mehreinnahmen zur Deckung der Kosten wächst nicht„auf einer flachen Hand“. Das rheinische Zentrumsblatt, die „Köln. Volksztg.“ sagt: Die Regierung müsse von allen Göc tern verlassen sein, wenn sie sich dem Wahne hingeben sollte, durch eine Auf⸗ lösung des Reichstages ihre Stellung zu ver— bessern.„Die Posttion des Zentrums und der Sozialdemokratie ist im ganzen un⸗ angreifbar; das Zentrum kann nicht erheblich geschwächt werden, und die So- zialdemokratie würde aus Neuwahlen wahrscheinlich verstärkt zurückkehren. Das sind schon 106 und 56- zusammen 162 Man⸗ date. Die Zahl der Polen, Elsässer und „Welfen“ würde zweifellos, wenn überhaupt, nur eine ganz geringe Einbuße erleiden, so daß allein der Freisinn in Frage käme, dem eine größere Anzahl von Mandaten abgenommen werden könnte. Nun wird aber selbst der un⸗ verbesserlichste Optimist in Regierungskreisen kaum glauben, daß man den Freisinn vollständig von der Bildfläche wegwischen kann. Selbst wenn das aber wider Erwarten auch gelänge, würde es doch nicht eimal genügen, falls die Sozialdemokratie einige Mandate gewänne, was mit Sicherheit angenommen werden kann. Auf welchem Terrain kann man denn sonst sugrege Schlachten gegen die Opposition schlagen? Wo ist der Speck, der die Re⸗ gierungssuppe fett machen soll?“ Was wirklich not thut. Der Erlanger Germanist Prof. Steinmeyer, über sein Urteil wegen der Marine befragt, hat sich für inkompetent erklärt und nur bitter bemerkt:„Ich könnte nur von meinem subjek⸗ tiven Standpunkt aus als deutscher Gelehrter und Angehöriger einer deutschen Universität dem Stoßseufzer Ausdruck geben: Was könnte nicht alles für die deutschen Universi⸗ täten, die oft jahrelang um wenige Tausende von Mark petittonieren müssen, geschehen, und welcher Gewinn könnte der Bildung Deutschlands zugeführt werden, wenn der Kostenbetrag auch nur eines einzigen Panzerschiffes unter den deutschen Hochschulen zur Verteilung gelangte!“ Ja, lieber Professor, für Kulturzwecke haben wir bekanntlich keine Moneten, wohl aber für Soldaten, Kanonen und Gondeln. Proportionale Freiheit. Der Berliner Privatdozent Dr. Adolf von Wenckstern, ein Scharfmacher im Sinne Stumms und außerdem großer Flottenschwärmer vor dem Herrn, hat eine Broschüre gegen die Gewerkschaftsbewegung erscheinen lassen, der er folgendes Motto vorausschickt: g „Die Idee des gleichen Rechts für Alle bedarf notwendiger Weise in der Praxis einer speziellen Ausführung, nicht nach dem Maßstabe eines allgemeinen Nivel⸗ lements, sondern nach der Idee der aristote⸗ lischen proportionalen Gerechtigkeit: wer viel leistet, erhält viele Rechte,— wer dem Staate, wenn ihm volle Freiheit gewährt wird, nützlich ist, erhält diese volle Freiheit;—— wer wenig leistet oder wer gefährlich wirken kann, wenn er frei schalten und walten darf, erhält wenig Rechte und muß zum Besten des Wohls des Bei rechtlich beschränkt werden oder eiben.“ Für Herrn von Wenckstern sind natürlich die„viel Leistenden“ die Unternehmer, die Junker, die„Harmlosen“ u. s. w.— denen volle Nane gewährt werden muß. Die „wenig Leistenden“ sind dagegen die Arbeiter, denen man anstelle der Freiheit ein Zuchthaus⸗ gesetz beschert. Herr v. Wenckstern wird gewiß eine glänzende Karriére machen. Vom Pfarrer Blumhardt. Das evangelische Konsistorium hat dem offen zur Sozialdemokratie übergetretenen Pfarrer Blumhardt nahe gelegt, um ein Disziplinar⸗ verfahren zu verhüten, freiwillig auf Titel und Qualifikation als Pfarrer zu verzichten. Blumhardt hat diesem Ansinnen entsprochen. Schade, meint dazu die„Frkf. Ztg.“, es wäre gar zu interessant gewesen, vom Konsistorium zu erfahren, wie es die„Degradation“ eines Pfarrers begründet hätte, der, ohne eines „Vergehens gegen die Rechtgläubigkeit“ sich schuldig zu machen, lediglich„aus Gründen der heiligen Schrift“ zur Sozialdemokratie ge⸗ gangen ist. Der Uebertritt Blumhardts zur Sozialdemokratie zieht übrigens weitere Kreise. In Kirchheim unter Teck hielt Blumhardt eine Volksversammlung, worin er vor einer Menge, wie sie die alte schwäbische Stadt noch nie ge⸗ sehen hatte und wobei Hunderte auf der Straße stehen mußten, über Christentum und So⸗ zialdemokratie sprach. Freisinnige und Antisemiten. Wie bei der Reichstagswahl in Pirna, so haben auch wieder bei den Stadtverordneten⸗ wahlen in Berlin die Freisinnigen für die Anti⸗ semit n und umgekehrt die Antisemiten für Freisinnige gestimmt, beide geleitet von dem Bestreben, unter allen Umständen den Sieg von Sozialdemokraten zu vereiteln. Wer ist denn da die schäbigere Gesellschaft, der„ver⸗ judete“ Antisemitismus oder der in Antisemi⸗ tismus machende Freisinn? Antisemitische Volksvertreter. Die gänzliche Unfähigkeit und Unzuverlässig⸗ keit der Antisemiten hat sich nicht nur wieder bei der Abschlachtung der Zuchthaus vorlage bemerklich gemacht, sondern auch bei der Be⸗ ratung der Bestimmungen zum Schutze der Handelsangestellten. Für die Kom⸗ missionsberatung der Zuchthausvorlage stimmten die Antisemiten und bei den Beratungen der Schutzbestimmungen zu gunsten der Handels⸗ proletarier schwiegen sie sich aus. Die anti⸗ semitische Gesellschaft kann keine ehrliche Politik treiben, weil sie jedem Versprechungen macht. Den deutsch⸗ nationalen Handlungsgehilfen wurden Versprechungen gemacht und den Mittelstandskrämern wird treue Hilfe ver⸗ sprochen. Treten die antisemitischen Seiltänzer nun für die Handlungsgehilfen ein, dann treten sie den Krämern auf die Hühnerauzen, machen sie es umgekehrt, so verderben sie es mit den antisemitischen Häringsbändigern. Und um auch in Zukunft beiden alles mögliche vorschwindeln zu können, halten sie im Reichstag den sonst so großen Mund. Trotz alledem werden aber Die immer noch nicht alle, die den antisemitischen Geschäftspolitikern nachlaufen und sich durch gepumpte Pelze imponieren lassen. Traurig, aber wahr. Aus dem Reichstag. Unsere Koalitionsrechtsanträge. Daß das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in den Kinderschuhen steckt, darüber sind alle einsichtigen Sozialpolitiker einig. Es heischt dringend der Erweite⸗ rung. Die Arbeiter müssen in ihrem harten Kultur⸗ kampf um bessere Arbeitsbedingungen den Unter⸗ nehmern gleichgestellt werden. Gerade jetzt, wo der Versuch eben gescheitert ist, das Koalitionsrecht und die gewerkschaftliche Bewegungsfreiheit der Arbeiterklasse durch ein Zuchthausgesetz zu knebeln, war es angezeigt, den Schlag mit einem Gegenschlag zu beantworten und die erste Gelegenheit, die sich hierzu bot, die Revision der Gewerbeordnung, mußte benutzt werden, um die bürgerlichen Gegner der Zuchthausvorlage auf Herz und Nieren zu prüfen, wie sie sich zu einem positiven Aus⸗ bau der Koalitionsfreiheit stellten. Wie unangenehm den Herren diese Prüfung ist, das hat ihre Presse be⸗ wiesen. Aber unbekümmert um das Geschrei der bürger⸗ lichen Blätter von rechts und links, hat unsere Fraktion ihre Anträge eingebracht, die sie im Interesse des wirt⸗ schaftlichen Kampfes des Proletariats für notwendig erachtete. Am Freitag voriger Woche war der Tag, wo diese Anträge(wir haben dieselben in voriger Nummer ab⸗ gedruckt) im Reichstag zur Beratung lamen. Die geg⸗ nerischen Parteien hatten sich auf das feine Plänchen geeinigt, sie in der Stille zu erwürgen. Auf eine große Debatte sollte sich keine Seite einlassen und mit kurzen Erklärungen die Sache abgethan werden. Es kam aber anders. Eine fünfstündige Redeschlacht ent- brannte die reich an bewegten Momenten war. Daß die Anträge schließlich gegen die Stimmen unserer Ge⸗ nossen abgelehnt wurden, wird unseren Gegnern ein schwacher Trost in der sachlichen Niederlage sein, die sie erlitten. Die Verhandlungen huben vor leeren Bänken und vollen Tribünen sehr ruhig an. Genosse Heine ver⸗ teidigte unsere Anträge. Sachlich unantastbar waren seine Ausführungen und wirkten in gedrängter Kürze. Er begnügte sich damit, nur wenige Beispiele für die jetzige Handhabung der Koalitionsparagraphen der Gewerbeordnung Arbeitern und Unternehmern gegenüber zu geben, aber die mit gutem Bedacht gewählten Bei⸗ spiele waren um so schlagender. Wir führen hier nur ein einziges an: Ein streikender Arbeiter, der einen anderen mit den Worten anredete:„Bist Du Maurer?“ wurde mit einer Woche Gefängnis bestraft. Der Richter sagte bei der Urteilsbegründung, der Betreffende müßte mit einer Freiheitsstrafe bestraft werden, denn sein Verhalten wäre das tadelnswerte Verhalten eines Auf⸗ wieglers, der ehrliche Leute von der Arbeit abhält. Das Gegenstück: In Fürth trafen zwei Fabrikanten zwei streikende Arbeiter von fich. Sie riefen arbeits⸗ willige Arbeiter(also Streikbrecher) herbei und ver⸗ prügelten die Beiden, daß sie bluteten. Gegen die beiden Herren ist auf 20 Mk. Geldstrafe erkannt worden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wenn sich das ein Arbeiter gegen einen Unternehmer erlauben wollte, dann möchte ich wissen, wie viel Jahre der ins Gefängnis käme! Genosse Heine schloß unter dem leb⸗ haften Beifall seiner Fraktionskollegen mit der Ankün⸗ digung, daß wir mit diesen Anträgen immer wieder⸗ kommen würden. Hierauf begann die Reihe der Erklärungen. Hinter⸗ einander marschierten sie auf, die bürgerlichen Sozial⸗ politiker mit dem bewährten„warmen Herzen“ für die Arbeiter, die Hitze, die Bassermann, die Pachnicke. Sie alle verschanzten sich hinter der Behauptung, daß die Koalitionsanträge nicht in die Gewerbeordnung, nicht in die Gewerbeordnungs-Novelle hineinpaßten. Der Bundesrat wird nicht wollen, also dürfen wir auch nicht wollen. Diese Logik, die die Abdankung des bürger⸗ lichen Parlamentarismus in sich schließt, wurde von einem Redner dem andern nachgebetet. Aus der Rolle der ruhigen Erklärungen fiel zuerst Graf Klinckowström, Dieser berufene Ueberwinder der Sozialdemokratie donnerte gegen den„über mütigen Vorstoß der roten Rotte“ und pries seine eigenen Thaten im Kampfe gegen den Umsturz. Damit war das Signal zu einer frühlichen Soz ia⸗ listendebatte gegeben, in die von unserer Seite Stadt⸗ hagen und Bebel eingriffen. Bebel kam dabei auf das Musterland Mecklenburg, und nun entwickelte sich eine dramatische Mecklenburg-Debatte, wie sie so stürmisch wohl noch nicht erlebt worden ist, so oft die Handhabung des Versammlungsrechtes durch die mecklen⸗ burgische Regierung auch im Reichstage erörtert worden ist. Wieder war es der mecklenburgische Bevollmächtigte, Herr von Oertzen, der wesentlich zur Verschärfung der schon gereizten Stimmung beitrug. Mit provokanter Miene verkündete er als Rechtsgrundsatz seiner Regierung, daß die Sozialdemokraten als Partei des Umsturzes außerhalb des Rechts⸗ bodens der übrigen Parteien gestellt würden. Gen. Singer antwortete ihm in begreiflicher Erregung, die ihm einen Ordnungsruf eintrug, und stellte diesen Ver⸗ sassungsbruch ins rechte Licht. Auch Dr. Pach⸗ nicke und selbst der nationalliberale Bankdirektor Büsing aus Schwerin fanden jetzt kräftige Worte der Abwehr. Ihnen schloß sich Herr Lieber an und folgerte ebenso wie sie aus dem Auftreten des Mecklen⸗ burgers die Notwendigkeit eines Reichs vereins⸗ gesetzes. Nur Herr von Kardorff sekundiecte Herrn von Oertzen, was selbst dessen Qberkollege Graf Posadowsky nicht wagte. Dee Seite. J. WMitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. N 2 14 . Nr. 30. ** Die Gewerbeordnungs⸗Novelle wurde schließlich noch in zweiter Lesung zu Ende beraten. * Am Mittwoch stand der Antrag Bassermann auf der Tagesordnung: Aufhebung des Koalitionsverbotes für politische Vereine.(Siehe unter Rundschau: Notiz: Onkel Chlodwig.) Fürst Hohenlohe, des mächtigen Reiches gewaltiger Kanzler, gab namens der verbündeten Regierungen die Erklärung ab, daß fie dem Antrag Bassermann zustimmen. Lange genug hat diese Erklärung auf sich warten lassen. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten b nur auf einer Seite zu eschreiben. Ein komplizierter Prozeß. *Der Schriftsetzer Paul Scheibe hat vor mehreren Monaten unseren verantwortlichen Redakteur wegen Beleidigung durch die Presse verklagt. Da Scheidemann alle Behauptungen, durch die Herr Scheibe sich beleidigt fühlte, aufrecht erhielt und den Wahrheitsbeweis anbot, zog sich die Sache in die Länge, weil auswärtige Zeugen vernommen werden mußten. Endlich konnte am Freitag, den 24. November, die Verhandlung vor dem Gießener Schöffen⸗ gericht stattfinden. Für Scheibe war als Ver⸗ treter Rechtsanwalt Weidig anwesend, Scheide⸗ mann verteidigte sich selbst. Er beantragte seine Freisprechung von Strafe und Kosten, dagegen eine Verurteilung des Herrn Scheibe, gegen den er Widerklage wegen Be— leidigung erhoben hatte, zu der geringsten zulässigen Geldstrafe. Es komme ihm(Scheide⸗ mann) nicht darauf an, seinen Ankläger Scheibe hart bestrast zu wissen; aber einen Denkzettel müsse er haben, damit er in Zukunft weniger voreilig bei Klageerhebungen und vorsichtiger in seinen Aeußerungen sei. Rechtsanwalt Weidig beantragte eine Geldstrafe gegen Scheidemann. Das Urteil sollte acht Tage später, am Frei⸗ tag, den 1. Dezember, verkündigt werden, zwei Tage vor dem Termin wurde jedoch den Be⸗ teiligten mitgeteilt, daß die Urteilsverkündigung erst am Dienstag, den 5. Dezember, stattfinde. Am Dienstag wurde jedoch wieder kein Urteil gefällt, sondern der Gerichtsbeschluß verkündet, daß die Beweisaufnahme noch einmal eröffnet werden müsse. Es soll ein in Bayern wohnen⸗ der Zeuge noch einmal kommissarisch vernommen werden. Wir werden über den Ausgang dieses Prozesses noch ausführlicher berichten. Heute sei nur festgestellt, daß Herr Scheibe, der dem „harmonieduseligen“ Verband der deutschen Buchdrucker den Rücken kehrte, um der an⸗ geblich streng sozialdemokratischen Buchdrucker⸗ gewerkschaft beizutreten, auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich noch zur Sozialdemo— kratie bekenne, mit Nein antwortete. Damit wird das Verhalten des Herrn Paul Scheibe immer rätselhafter. Wir haben ihn bekanntlich schon vor Monaten in jenem Artikel, durch den er sich schwer beleidigt fühlte, als nicht zu uns gehörig hingestellt; wir mußten aber er⸗ warten, daß Here Scheibe auf Befragen an Gerichtsstelle antworten würde, er sei seiner Ueberzeugung nach Sozialdemokrat, denn wie kann er sonst noch der angeblich streng sozialdemokratischen Buchdruckergewerk— schaft angehören? Noch ein Opfer der Ueberseepolitik. * Ein braver, junger Mann aus Wieseck, der Zimmerer Karl Eisenhut, ist am 22. Oktober d. J. in Tsintau(Kiautschau) dem Fieber erlegen— so wie dieser tückischen Krank⸗ heit im vorigen Jahre unser Heuchelheimer Ge⸗ nosse Adolph, ein Freund Eiseuhuts, erlag, wie ihr viele andere junge Leute erlagen und noch er— liegen werden. Karl Eisenhut trat am 4. Nov. 1897 bei dem Seebataillon in Wilhelmshaven in Dienst und wurde schon wenige Wochen später, im Dezember, nach Kiautschau eingeschifft. Er verblieb bort während seiner ganzen Dienst⸗ zeit, war dann im Herbst d. J. einige Wochen fieberkrauk und starb, wie der bedauernswerten Familie amtlich aus Tsiutau gemeldet wurbe, am 22. Oktober an Darmtyphus. Im Februar hätte Eisenhut wieder in die Heimat zurück⸗ befördert werden müssen. Es sollte nicht sein. Die Grüße und sonstige Aufträge, die ihm im Vorjaht der sterbende Adolph für die Heimat anvertraute, konnte der junge Zimmerer nicht überbringen. Beide ruhen in fremder Erde, fern von ihren Angehörigen, die der Uebersee⸗ politik den geliebten Sohn, den Trost für das Alter, opfern mußten. Unserm jungen Wiesecker Freund möge die„gepachtete“ chinesische Erde so leicht sein, wie wir es im vorigen Jahre unserm Heuchelheimer Freund Adolph wünschten. Die Eltern, die Braut und die Geschwister Eisenhuts mögen einigermaßen Trost finden in dem Bewußtsein, daß der Verstorbene in dem Gedächtnis aller derer, die ihn kennen, achten und lieben lernten, fortleben wird. Sein An⸗ denken wird unvergessen bleiben. Der 9 Uhr⸗Ladenschluß. * In Gießen haben die Geschäftsleute unter sich seit Jahr und Tag den 9 Uhr⸗Laden⸗ schluß vereinbart und durchgeführt. Denjenigen Ladeninhabern, die sich an die sehr vernünftige Abmachung nicht kehrten, wird demnächst von gesetzeswegen Mores gelehrt. Im Reichstage wurde nämlich bei der zweiten Lesung der Ge⸗ werbeordnungsnovelle auch die Frage des ge⸗ setzlichen Ladenschlusses behandelt. Die Regierungsvorlage hatte einen fakul⸗ tativen Ladenschluß auf Antrag von zwei Drittel der beteiligten Geschäftsin⸗ haber vorgeschlagen. Entweder sollten zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens, oder von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens die Geschäfte geschlossen werden. Die Kommission hatte den obligatorischen 9 Uhr⸗Ladenschluß fest⸗ gelegt und einen fakultativen 8 Uhr⸗Laden⸗ schluß anf Antrag der Beteiligten zugelassen. Auf Antrag von mindestens einem Drittel der beteiligten Geschäftsinhaber hätte die höhere Verwaltungsbehörde die beteiligten Geschäfts⸗ inhaber zur Entscheidung über die Frage des 8 Uhr-Ladenschlusses aufzurufen. Stimmten zwei Drittel dafür, so sollte die Behörde eine dahingehende Anordnung erlassen können. Den Freisinnigen() wie einzelnen Konservativen unter Führung des Abg. v. Stumm gingen diese Vorschläge der Kommission zu weit. Sie verlangten Wiederherstellung der Regierungsvorlage. Die Sozialdemokraten aber wollten über die Kommissionsbeschlüsse noch hinausgehen, um den Achtuhr⸗ Ladenschluß allgemein gesetzlich festzu⸗ legen, außerdem aber in allen gewerblichen Betrieben an den Sonnabenden nachmittags 4 Uhr Beendigung der Thätigkeit einführen. Die vierstündige Debatte, an der sich unsere Genossen Pfannkuch, Bebel und Rosenow be⸗ teiligten, änderte eigentlich nichts am Resultat. Nur eine Bestimmung der Kommission, welche auch einen zeitweisen Schluß der Geschäfte um die Mittagszeit zuließ, wurde ausgemerzt, im übrigen blieb es bei dem oben skizzierten Kommissionsvorschlag. Allem Anschein nach wird auch in dritter Lesung die Kom⸗ missionsfassung, so wie wir sie oben angeführt haben, angenommen werden; das heißt: der gesetzliche Neunuhr⸗Ladenschluß wird herbei⸗ geführt. Zur Jahrhundertwende giebt unsere Partei⸗Buchhandlung Vorwärts in Berlin eine illustrierte Agitationsnummer: „Das Jahrhundert“, heraus, in Format und Ausstattung wie die„Mai⸗Zeitung“. Ein prächtiges Titelbild(Ehronos ebnet der ge— fesselten Freiheit den Weg zum Ziel) und ein Doppelbild(Triumph des Friedens über den Militärismus), ausgeführt von dem Maler Sieben, der das schöne Titelbild zur letzten März⸗Zeitung gezeichnet hat, bilden den illu⸗ strativen Teil. Der textliche Teil giebt ein Bild der Entwicklung von der Bastille bis zum Zuchthaus, über die Arbeiterbewegung, die politischen Kämpfe, die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts ꝛc. Das Feuilleton ist der Satire gewidmet und ein schwungvolles Leit⸗ gedicht von R. Lavant eröffnet den hoffnungs⸗ reichen Ausblick auf die Zukunst. Eine unverschämte Lüge. In der Zeitung der Herren Köhler und Hirschel wird von den Koalitionsanträgen unserer Partei im Reichstag gesagt: „Der Antrag Albrecht bezweckt nicht mehr und nicht weniger, als das Koalitionsrecht für Arbeitgeber zu verbieten, die nicht in allen Fragen den Sozialdemokraten zu Willen sind.“ Wir stellen lediglich diese neue Unverschämt⸗ heit des Antisemitenblattes fest. Aus Weilburg. * Der Kaufmann Hehmann in Löhnberg, Spediteur der„M. S.⸗Ztg.“, war von dem Löhnberger Hauptlehrer Jost Benner, dem Vorsitzenden des Kriegervereins, in zwei Briefen schwer beleidigt worden. Hehmann strengte Privatklage an und fand dieserhalb am Diens⸗ tag in Weilburg Termin statt. Es waren zahlreiche Zeugen geladen. Nach der Ver⸗ nehmung des ersten Zeugen, des Redakteurs Scheidemann aus Gießen, kam jedoch ein Ver⸗ gleich zwischen Hehmann und Benner zustande. Hauptlehrer Benner nimmt im Weilburger Tageblatt und in der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. alle Beleidigungen und Verdächtigungen des Hehmann als unwahr und mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück; er übernimmt alle ge⸗ richtlichen und außergerichtlichen Kosten des Verfahrens und zahlt 50 Mk. an arme Kinder Löhnbergs zur Weihnachtsbescherung. Wetzlar⸗Altenkirchen. f. Sonntag den 3. Dezember fand im Lokale des Herrn Löb in Gießen eine gut⸗ besuchte Parteiversammlung statt, in welcher der Kreisvertrauensmann seinen Jahres- und Kassenbericht erstattet. Die Revisoren fanden alles in Ordnung und wurde Genosse Fauth einstimmig als Kreisvertrauensmann wieder ge⸗ wählt. Sodann berichtete Genosse Krumm über den Parteitag in Hannover. Seine treff⸗ lichen Ausführungen fanden allgemeinen Beifall. Folgende Resolution gelangte zur Annahme: „Die heutige öffentliche Parteiversammlung er⸗ klärt sich mit den Beschlüssen des Parteitages, sowie der Thätigkeit unseres Delegierten Krumm einverstanden. Besonders wird sein Verhalten in der sogen. Bernsteinfrage anerkannt“.— Hierauf wurden einige Kreisangelegenheiten er⸗ ledigt und gegen 7 Uhr die Versammlung nach einem Apell des Gen. Fauth an das Pllicht⸗ gefühl der Genossen geschlossen. Mittelalterlicher Hexenwahn. v. Welche sträfliche Dummheit die Muckerei großzüchtet, zeigt ein Beispiel, welches sich in Oberschönau ereignete. In der Familie eines Arbeiters ist seit längerer Zeit ein Kind erkrankt. Statt nun einen Arzt zu Rate zu ziehen, wurde verschiedentlicher Hokuspokus ge⸗ macht und in finsterer Mitternachtsstunde das arme kranke Wurm unter verschiedenen Be⸗ schwörungen— geräuchert. Wahrscheinlich wollte man, da alle Sympathiemittel nicht halfen, als letzte Rettung den Krankheitsteufel auszuräuchern versuchen. Blasses Entsetzen aber schüttelte die Bethörten, als plötzlich in ihrem Kreise eine mißgestaltete leibhaftige Hexe erschien und unter gräulichen Geberden ebenso plötzlich verschwand. Ein Spaßvogel hatte nämlich von der bevorstehenden Teufelaus⸗ treibung Wind bekommen und griff hilfreich und mit unerwartetem Erfolg in den vertrackten „faulen Zauber“ ein. Von dieser programm⸗ widrigen Erscheinung waren die Beschwörer dermaßen erschreckt daß sie zähneklappernd vor Angst unter Hersagung zahlreicher Gebete den Morgen erwarteten. Dann erst wurden sie von ihren besser informierten Nachbarn über das Lächerliche ihres Gebahrens und über die bemitleidenswerte traurige Rolle, die sie selber bei der ganzen Affäre gespielt, aufgeklärt. Es ist wahrlich unsagbar traurig, wenn man sieht, daß der finsterste mittelalterliche Hexenwahn sich noch an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts breit machen kann. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Der Schlachthausverwalter Julius Möhl, der seinerzeit plötzlich seinen sesgel b gesen ** 0 t he in ll 6 gese ant 1 * teile agel perlder Oefäng 1 10 ich! 16 Rühle Alert Frau, den W lahm b d beldäc such f da er Inne. er V. bin b. uf di Jian er 9. rin lud ei * 1 Ef aer 0 w bn feli end Die Brie en 10 n Diers. Waren er Ver⸗ dakteurs ein Ver⸗ justande. ulburger a08⸗Zig. gen des Ausdruck ten des e Kinder and in ine gu⸗ welcher des und fanden e Fauth ieder ge⸗ krumm ne treff⸗ Beifall. unahme: lung er⸗ keilages, Krumm erhalten int“.— eiten er⸗ ung nach Pfich⸗ jn. Muckerei 3 stc in Familie ein Kind Rate zu bluß ge⸗ unde das nen De- schenlic el nicht eitsteufel Culsezel öhlich in, e Hen I chenso el hatte dufelau hilfreich ertrackten ogramul eschwörel ernd vol ebele del lden ste Nr. 30. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Seite 3. hiesigen Posten im Stich ließ und ins Ausland reiste, von dort aber auf Gerichtsbeschluß zurück⸗ zeholt wurde, ist jetzt außer Verfolgung gesetzt worden. Es haben sich keine thatsaͤchlichen Anhaltspunkte gefunden, daß sich der Beschul⸗ digte strafbar gemacht hat. Die Kosten hat die Stadtkasse zu tragen.— Nun werden die Spießer, denen der Mannesmut so gewaltig schwoll, als der von ihnen Gehaßte weit vom Schuß war, sich wieder tapfer kuschen. Mainz. Professor Holzammer vom hiesigen Priesterseminar hat den ihm verliehenen Orden„Philipp des Großmütigen“ zurück— gesendet. ** Darmstadt. Ueber den Termin der Eröffnung des neuen hessischen Landtags steht noch nichts fest. Es ist noch nicht ent⸗ schieden, ob der neue Landtag überhaupt noch im laufenden Jahre einberufen wird. Sollte es geschehen, so wird die Einberufung nicht vor dem 19. Dezember erfolgen. e Darmstadt. Das Schwurgericht ver— urteilte die Fabrikarbeiterin Susanne Rebell wegen Kindesmords unter Annahme mil⸗ dernder Umstände zu drei Jahren sechs Monaten Gefängnis. Sie war geständig, in Offenbach am 19. Oktober ihr uneheliches Kind gleich nach der Geburt vorsätzlich getötet zu haben. Ein unheimlicher Fahrgast. Den Mühlenbesitzer Claus aus Breitenbach bat unterwegs eine aus dem Walde kommende Frau, er möchte sie doch ein Stück mit auf den Wagen nehmen. Claus hielt auch an und nahm die Frau ahnungslos mit, jedoch wurde ihm durch das Gebahren der Frau die Sache verdächtig. Clauß ließ absichtlich sein Taschen⸗ tuch fallen und bat die Frau es aufzuheben, da er die Pferde nicht aus der Hand lassen könne. Durch das Absteigen der„Frau“ wurde der Verdacht zur Gewißheit, daß der Passagier ein verkleideter Mann sei. Claus hieb auf die Pferde ein und ließ die vermeintliche Frau zurück. In Platten gab er den Korb der verkleideten Frau auf der Polizei ab. Darin fand man einen sechsläufigen Revolver und einen Dolch. Claus trug 300 Mk. bei sich. * Kostbares Geschirr. Zu Ehren des in England zu Besuch gewesenen deutschen Kaisers fand in Windsor ein Festmahl statt. Es wird berichtet, daß dabei prächtiges Gold⸗ eschirr im Werte von 2 Millionen Pfund Sterling(= 40 Millionen Mark) zur Ver⸗ wendung kam. Die Gießener Ortskrankenkasse früher und jetzt. n. Wie anderwärts so haben auch hier die Arbeiter angefangen fich um die Verhältnisse in der Ortskranken⸗ kasse mehr zu kümmern. Sie haben dabet, wie Ein⸗ geweihte längst wissen, große Mißst ände gefunden, die zu beseitigen sie für ihre nächste Aufgabe hielten. Zunächst wurde die Rechnung für 1897 von den Arbeitern selbst revidiert und dabei zahlreiche An⸗ stände gefunden, die früher stets übersehen wurden. U. a. wurde festgestellt, daß für 1897 1080 Mk. zu wenig erhoben worden waren. Im Gesetz heißt es: Die Beiträge sind so lange zu bezahlen, bis die vor⸗ schriftsmäßige Abmeldung erfolgt. Diese Bestimmung murde von dem Rechner Heidt gar nicht beachtet, so daß durch diese Handlungsweise Tausende ver⸗ loren gingen. Weiter wurde durch die Kontrole festgestellt, daß wohl zwei Drittel sämtlicher Arbeit- geber ihre Arbeiter in zu niedrigen Klassen angemeldet hatten. Ja nicht selten kam es vor, daß Arbeitgeber Jahre lang Leute beschäftigten, die Beiträge vom Lohn in Abzug brachten, die Leute aber gar nicht anmeldeten. Die Folge war, daß die Arbeiter im Falle der Er⸗ krankung mit wenig Krankengeld zufrieden sein mußten. 8 Wie fruchtbringend das Eingreifen der organisierten Argeiter war, geht daraus hervor, daß in diesem Jahr schon im Juli 17000 Mk. an Krankengeld ausbe⸗ zahlt waren, fast so viel wie 1898 im ganzen Jahre — trotz fast gleichem Krankenstande. Weiter wurde festgesetzt, daß die ersten Krankheitstage mitbezahlt werden, wenn die Krankheit 14 Tage dauert. Die Krankenunterstützung wurde auf weitere 13 Wochen (die Hälfte des bisher bezogenen Krankengeldes) au s⸗ gedehnt, auch denjenigen erkrankten Mitgliedern, welche genöthigt find, Heilanstalten aufzusuchen, wird deren Familien die Hälfte der Krankenrente ausbezahlt. In der letzten Generalversammlung murde beschlossen, das Krankengeld um 5 pCt. zu erhöhen, so daß derjenige, welcher der ersten Klasse augehört, ein wöchent⸗ liches Krankengeld von 11,50 Mk., ab nächsten Jahres, erhält. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird der Vorstand hoffentlich nach Ablauf des nächsten Jahres in der Lage sein, die Erhöhung des Krankengeldes um we itere 5 pCt. zu beantragen; auch sollen, ab nächsten Jahres, nur 2 Tage Karrenzzeit bestehen bleiben. Daß nach all diesen Erweiterungen und Verbesse⸗ rungen die Hoffnung mancher Unternehmer, daß sich die Arbeiter als völlig unfähig zur Kassenführung aus⸗ weisen würden, kläglich zu Schanden wurde, ist klar. Verschiedene Herren scheinen sich ob des glänzend er⸗ brachten Befähigungsnachweises der Arbeiter sehr zu ärgern. Zu erwähnen ist besonders, daß das Mitglied der Generalversammlung Herr Kalkwerkbesitzer Haas, den Versuch machte, dem Vorsitzenden der Ortskranken⸗ kasse den Staatsanwalt auf den Hals zu hetzen. Dieser lehnte es aber ab, eine Sache, welche auch nicht den leisesten Schimmer einer strafbareu Handlung in sich barg, zu verfolgen. Der frühere Borsitzende, der Herr Bauunter⸗ nehmer Winn, will, nachdem er gesehen, daß es sehr gut ohne ihn geht, von der Ortskrankenkasse nichts mehr wissen. Er will sich eine eigene Betriebskrankenkasse gründen. Ob die Aufsichtsbehörde die Genehmigung hierzu erteilt, ist eine andere Frage. Nach einem Ausschreiben bes Ministerlums sollen nur dann besondere Kassen ge⸗ nehmigt werden, wenn dieselben mindestens eben— soviel leisten, wie die Ortskrankenkasse. Es wäre auch geradezu unverständlich, wenn ein Unternehmer, dessen Arbeiter seit 10— 15 Jahren der Ortskrankenkasse angehören und sich dort Rechte erworben haben, diese aus jener Kasse herausreißen und in eine neue Be⸗ triebskasse zwingen könnte, die in den meisten Fällen nur kaum die gesetzlichen Mindestleistungen gewähren können. Aus dem Angeführten kann man ersehen, daß die Arbeiter in der Lage sind, die Kasse so einzurichten und auszubauen, daß sie den Arbeitern, für die sie ge⸗ schaffen ist, zum Segen gereiche. Thue darum am Wahltage, den 13. Dezember, jeder seine Pflicht und Schuldigkeit. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 9. Dezember: Gießener Wahlverein abends 9 Uhr bei Orbig. Büdingen. Sparfreunde. Halb 9 Uhr bei G. Meuser, Kellergasse. Sonntag, 17. Dezember: Friedberg. Vormittags 10 Uhr Wahlvereinsver⸗ sammsung bei Gastwirt Ihl zur„Stadt Newyork“. Quittung. Wetzlar. teitag in Hannover 3.— Mk. Liste Nr. 9 für den Par⸗ A. F. In Cassel wurden bei den Stadtverordneten⸗Stich⸗ wahlen die Genossen Garbe und Jordan gewählt. In Paris sind am Montag die fünf sozialistischen Gruppen zu einem gemeinsamen Parteitag zusammen⸗ getreten. Der Parteitag ist von 1500 Delegierten beschickt. Die Verhandlungen drehen sich namentlich darum, ob es zu rechtfertigen ist, daß Genosse Millerand in ein Bourgeois-Ministerium eintrat. Die Ansichten darüber gehen weit auseinander. Und leider müssen wir das Zustandekommen einer Einigung zunächst noch in Zweifel ziehen. Briefkasten der Redaktion. Ein Artikel„Auch ein Zukunftsbild Deutschlands. Ein Beitrag zum 100. Geburtstag Heinrich Heines“ mußte leider im letzten Augenblick wegen Raummangels zurückgestellt werden. Briefkasten der Expediion. Franz G. in W. Wegen der Beilage mußten Sie sich an Gen. A. F. wenden, von dem Sie die Ztg. beziehen. Wahlaufruf! An die Mitglieder der Ortskrankenkasse Gießen. Laut Bekanntmachung des Vorstandes (siehe Inserat) finden die Wahlen zur Generalversammlung am Mittwoch, den 13. Dezember, nachmittags von 4 bis 8 Uhr in der Restauration„Schipkapaß“(Ecke Bahn⸗ hofstraße und Kaplansgasse) statt. Wir ersuchen alle wahlberechtigten Mit⸗ glieder, sich an der Wahl zu beteiligen und ihre Stimmen auf die Liste des Gewerk— schaftskartells zu vereinigen. Es ist dringend notwendig daß die klassenbewußte Arbeiter- schaft sich an den Wahlen beteiligt, damit die Gefahr beseitigt wird, daß die Mehr⸗ leistungen, welche die Kasse gewährt, etwa wieder aufgehoben werden. Es muß im Gegenteil daran gedacht werden, die Leistungen der Kasse zu erweitern und die Aerzte⸗ und Apothekerfrage einer gründlichen Revision zu unterziehen. Durch den Ausbau der Kasse müssen die Interessen der Mitglieder und deren Familien noch besser gewahrt werden als jetzt, damit kein Kassenangehöriger der öffentlichen Armenpflege zur Last fällt. Die Wahlen sind deshalb von größter Be⸗ deutung und dürfen nur solche Vertreter, welche die Interessen der Arbeiter vertreten, gewählt werden. Denjenigen„Arbeitervertretern“, die in der letzten Generalversammlung im Interesse der Unternehmer mit diesen durch Dick und dünn gingen, muß der Laufpaß gegeben werden. Thue am Wahltage jeder seine Pflicht, damit auch diese Wahlen zum Segen der Kasse und deren Mitglieder ausfallen mögen. Wahlberechtigt sind alle Mitglieder, weibliche und männliche, die das 21. Lebens⸗ jahr vollendet haben. Das Gewerkschaftskartell. Tetzte Nachrichten. Der Krieg in Südafrika. Das Heer der Verbündeten(Transvaaler, Freistaater, Fremde) wird jetzt auf ungefähr 55000 Mann geschätzt. Die Regierung läßt auch sogenannte Haussuchungen in Pretoria und anderen Ort— schaften machen, um solche„Bürger“ heran⸗ zuziehen, welche sich beim ersten Aufgebot nicht freiwillig gemeldet hatten. Ein paar tausend Mann dürften hierdurch auch wieder heraus⸗ kommen. Während die Männer im Felde stehen, müssen Frauen, Kinder und ihre schwarzen Diener den Farmbetrieb aufrecht erhalten. Es wird gesäet und geerntet wie in Friedenszeiten. Jede Hausfrau ist verpflichtet, eine bestimmte Anzahl Brote in gewissen Zeiträumen regel⸗ mäßig abzuliefern. Namentlich kauft aber die Transvaal-Regierung von den Kaffernstämmen große Mengen Mais auf. Es ist somit nicht anzunehmen, daß es den Engländern je gelingt, die Verbündeten durch Unterbindung der über⸗ seeischen Zufuhr„auszuhungern“. Nach neuesten zuverlässigen Nachrichten soll sich die Lage der Buren verschlechtert haben. Achtung! Maurer! im Kreis Gießen! Die Maurer in Bad Nauheim sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Es werden Versuche gemacht, im Kreise Gießen Maurer anzuwerben, um unsere Bewegnng zum Scheitern zu bringen. Gehe kein Maurer nach Bad Nau⸗ heim! Der Sieg der Nauheimer Kollegen ist auch Euer Sieg! 1 Bei Einkäufen bitten wir in erster Linie diejenigen Geschäfte zu berücksichtigen, die in der„Nitteld. Sonn aas⸗Zeitung annoncieren. Gießener Stadttheater. Sonntag, den 10. Dezember. Nachm. 4 Uhr: Kindervorstellung. Mar und Moritz. Abends 8 Uhr: Hyritz- Pyritz. Dienstag, 12. Dez.: Einmaliges Gastspiel von Aug uste Prasch-Grevenberg— Z AZA. Mittwoch, 13. Dez.: Achte Volks vorstellung. Nora. Freitag, den 15. Dez.: Zehn Alädchen und kein Mann. re ee, eee eee Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 50. 2 manchmal von Familiensorgen heimgesucht wurde,— Sie schreiben nicht nur dieser Volksver⸗ Unterhaltungs-Ceil. nahm er seine Zuflucht zu seinem früheren Haus⸗ führer, eker Auswurf deutscher Menschheit, m3 Neid. Es hockt vor seiner Schwelle Ein müder Bauersmann, Ein wandernder Geselle Der blickt ihn neidisch an. „Ach, wer's doch auch so hätte!“ So seufzt er wehmutsvoll, „Ich weiß noch keine Stätte, Wo ich heut rasten soll.“ Doch jener brummt mit Grolle: „Wie schlecht ist das bestellt! Ich quäl' mich an der Scholle, Der Lump besitzt die Welt.“ Paul Barsch. Der Mürgermeister und seine Gemahlin. Skizze aus dem Dorfleben von Joseph Stutzin. Er war Hausknecht und sie— Stallmagd. Die Liebe war nicht sonderlich tief in ihre erzen eingedrungen. Aber sie fanden, daß sie eide für einander paßten. Als Johann nach Wallingen kam, da ver⸗ ingen anfangs einige Wochen, bis er mit Auna ein Wort sprach. Beide wurden sie vom übrigen Gesinde verspottet, Denn sie waren schüchtern und schweigsam. Und als eines Tages der dickleibige Jochen, der ihnen immer etwas anhaben mußte, ironisch erklärte:„Dat wär'n Pärchen!“ stand Johann ruhig auf, ging auf Anna zu und sagte: „Dat wullen wir ok sin, Anna, und wenn de dor krepieren!“ Und Auna erwiderte: „Dat wullen wir ok sin, Johann!“ Seitdem hatten sie zusammen nur einen Namen:„Dat Pärchen“. Man verspottete sie, aber sie kehrten sich nicht daran. Gegen andere waren sie immer mißtrauisch, gegen einander nie. Sie bestahlen beide ihre Herrschaft und teilten sich getreulich ihre Er— folge mit. Wenn Johann zur Stadt ging, gab ihm Anna einige Kleinigkeiten zu verkaufen mit: einen silbernen Löffel, ein Paar goldene Man⸗ schettenknöpfe und Aehnliches. Und wenn Anna zu Markt fuhr, that Johann das gleiche. Mit den diskreten Absatzstellen in der Stadt waren beide vorzüglich vertraut. Eifersucht kannten sie beide nicht, besonders Johann nicht. Wenn das Junkerchen während der Ferien nachhause kam und sich mit Anna herumzog, druckte Johann beide Augen zu und— lachte. „De ward dat all verstahn!“ Und sie verstand es vorzüglich, dem„jungen Herrn“ ein Thalerstück nach dem andern ab— zulocken. Sie schlugen alles zu Geld, legten sich ein emeinsames Sparkassenbüchlein an, und als 0 an die Tausend zusammenerspart, nahmen ie Abschied von ihrem Herrn und traten vor den Altar. Johann kaufte sich eine Häuslexei und be⸗ trieb nebenbei einen schwungvollen Geldhandel. Sie lebten in Frieden und Eintracht. Sie empfanden sogar eine gewisse Zärtlichkeit für einander. Denn Jedes dachte genau wie das 700 und Jedes wußte, was es am Anderen hatle. Sie galten als gute, ruhige Leute, obgleich sie schon so manchen bis aufs Blut ausgebeutet . Und sie heuchelten nicht. Denn was ie thaten, thaten sie eben aus— Instilt. Sie nahmen ihren Vorteil wahr, so gut es nur ging. Das war ja ganz natürlich.... „De Büttel ward den erschten nich betohlen, nich Johann?“ „Ja, Anna, dat glaw ick ok.“ „Dann waren wir em verklogen.“ „Ja, dann waren wir em verklogen.“ ** * In fünf Jahren hatten sie bereits einen Namen in der ganzen Umgegend. Wenn sein früherer Herr, der Rittergutsbesitzer v. Strehlen, knecht Johann, der nun mit„Freund Kübeling“ angeredet wurde, und wenn Herr Hauptmann v. Sandern und v. Wirlingen eine Soirée zu geben gedachte, verfehlte er nicht, acht Tage vorher Herrn Kübeling zu einem Gläschen Benediktiner einzuladen.... Die gnädige Frau Hauptmann sprach sogar— insgeheim— persönlich bei Frau Kübeling vor. Jeder hatte einen gewaltigen Respekt vor Herrn Kübeling. Denn die Meisten brauchten ihn, weil er viel Geld hatte und bei der Haute⸗ Volée angeblich hoch angeschrieben stand, und diejenigen, die ihn nicht brauchten, dachten: man kann nicht wissen, was kommt.... Eines Tages verschied der alte Bürger— meister. Die Bürgerschaft versammelte sich zur Wahl eines neuen. Eln Herr von der Regie⸗ rung erklärte: Herr Johann Kübeling dürfte als friedfertiger und wohlhabender Bürger von unbescholtenem Lebenswandel ebenfalls in Be— tracht kommen. Und die Bürgerschaft, die größtenteils Herru Kübeling„verpflichtet“ war, sah es ein und wählte ihn. ** ** 1 Nun war er Bürgermeister und hatte über das allgemeine Wohl zu wachen. Er begann selbst Dienstboten zu halten und schimpfte fort⸗ während auf ihre Unehrlichkeit. „Früher ist es anders west, nich, Anna?“ „Ja, Johann, früher is es anders west“, stimmte die Frau Bürgermeisterin bei und verzog keine Miene. Als der Landesfürst eine Tournee durch das Land machte, kam er auch nach Wallingen und ward da, wie überall, vom Bürgermeister an der Spitze der Bürgerschaft empfangen. Dem Landesherrn gefiel das krebsrote, bis auf den zopfigen Kinn- und Backenbart glatt⸗ rasierte Gesicht. „Ein biederes, ehrliches Gesicht!“ Und als der hohe Herr nach Kanalanlagen und ähnlichem fragte, erwiderte der Herr Bürger⸗ meister mit einem bäurisch⸗schlauen Lächeln: „So weit wollen wir gar nicht sein, könig⸗ liche Hoheit!“ Und drei dienstorden vierter Klasse. Tage darauf erhielt er den Ver⸗ (FIrkf. Ztg.) Die Testion. Ein kurzweiliger Dialog zwischen Verleger und Redakteur. „Die Nachricht über die Begrüßung des Prinz⸗ regenten von Bayern durch die Familie des sozialdemo⸗ kratischen Abgeordneten v. Vollmar am Walchensee ruht nach der„Münch. Post“ auf Verwechselung. Die Szene habe sich in dem einige hundert Meter ent⸗ fernten Landhause des Berliner Professors Rietschel abgespielt. Im übrigen wäre die Sache Herrn von Vollmar sehr wohl zuzutrauen gewesen.“ (Notiz aus bürgerl. Blättern.) Verleger: Also, Herr Chefredakteur, so leid es mir fhut, ich muß Ihnen meine ernst— liche Unzufriedenheit aussprechen. Redakteur: Oh, oh— Verleger: Bitte, lassen Sie mich ausreden. Sie brachten unlängst die Nachricht, dieser be⸗ rüchtigte Sozialist v. Vollmar habe den bayerischen e e in der Thür seiner Villa begrüßt. Seine Frau dito. Er habe— er habe— ue Fähnchen zum Fenster heraushängen assen. Redakteur: Ja— allerdings. Verleger eentsetzt): Und das gestehen Sie kaltblütig ein, Unglückseliger! Bedenken Sie doch— wir beide, wir glauben den Blödsinn nicht, wir, hochintelligent, akademisch gebildet — aber unser Publikum— unsere zahlenden Abonnenten minderen Intellekt, wie sie sind— — sie glauben es ja— Redakteur: Nun— und? Verleger(verzweifelt): Nun— und! Er fragt noch: Nun— und? Mann, Sie richten unsere gute Sache zu Grunde, Sie verleugnen unsere erhabenen, nationalliberalen Traditionen dieser korrumpierte Edelmann habe Sr. Durch⸗ laucht freundlich zugeblinzelt, sich entblößt— Sie bemerken gar— es wäre ihm wohl zu⸗ zutrauen. Redakteur: Ah, ah,— allerdings— so⸗ Verleger(stöhnend): So führen Sie den Kampf gegen den Umsturz! So schützen Sie das Volk gegen die sozialistische Pest. Zuzu⸗ trauen— es wäre ihm zuzutrauen! Redakteur(geknickt)ß: Oh Gott— und ich glaubte— Verleger(wild auffahrend): Warum schrieben Sie nicht unter der Spitzmarke:„Sozial⸗ demokratische Frechheit“:„Als der Prinzregent die Villa des berüchtigten Sozialistenführers v. Vollmar passierte, wurde auf dem Dache eine blutrote Fahne mit einem Totenschädel, zwei gekreuzten Dolchen und den Juschriften: Tod den Tyrannen! und Alles muß verrunje⸗ niert werden! sichtbar. Wie lange wird das deutsche Volk“— na, usw. Redakteur: Aber wie konnte ich— Verleger: Tags darauf hätten Sie be⸗ richtigt, daß die rote Fahne auf dem Dache des Forts Guerin in Paris gesehen worden sei. Ganz einfach! Oder warum schreiben Sie nicht:„Ein scheußlicher Doppellustmord“ ist gestern in unmittelbarer Nähe von Soiensaß verübt worden. Es gelang dem elenden Un⸗ hold, zu entkommen. Zur Orientierung unserer Leser diene, das Soiensaß der Wohnort des berüchtigten Sozialisten von Vollmar ist.“ Redakteur: Ah! a Verleger: Und tags darauf hätten Sie geschrieben, daß der Doppellustmord nicht in Soiensaß, sondern in irgend einem ungarischen Dorf verübt worden sei, und daß es sich eigent⸗ lich um eine Doppelhochzeit handelt. So ver⸗ 1 1 binden Sie edle, patriotische Gesinnung mit journalistischer Gewissenhaftigkeit. Redakteur: Oh, ich verstehe— Verleger(befriedigt): Sehn Sie? Ein guter Schornalist lernt nie aus. Redakteur(eifrig): So sollen Sie Freude an mir haben— oh, ich will— Verleger: Ihre Hand darauf! (L- W.) Sprüche zur Lebensweisheit. Hoffnung meldet eine Revolution an, wie einem Erdbeben schönes Wetter vorausgeht. * Eine gesunde menschliche Seele kann sehr viel vertragen— sie schüttelt in unerwartet sieg⸗ hafter Weise eine Unmenge trocknen Kram's von sich, womit eifrige Pädagogen und Pro⸗ fessoren sie überhäuft haben. * Der heftigste Schmerz, den eine stolze und zartfühlende Natur empfiaden kann, ist das Bewußtsein ihrer eigenen Erniedrigung. Carlyle. * Selbst der größte Staatsmann kann nichts ausrichten, wenn er nicht durch die Richtung des Zeitgeistes unterstützt wird. Bukle. Gemeinnütziges. Obst⸗ und Schimmelflecke entfernt man leicht aus weißer Wäsche, wenn man die be⸗ treffenden Stellen kurze Zeit in verdünntes b —— Eau de Javelle oder wasserige Chlorkalilösung legt. Nachher Wasser nachgespült werden. Obstflecke lassen ich auch durch einige Tropfen Zitronensaft oder durch Ausdrücken von reifen, hannisbeeren auf die Flecke beseitigen; ebenso muß sofort gut mit weichem verschwinden dieselben, wenn man ein wenig Weinsteinsäuere auf den nur schwach ange⸗ feuchteten Stellen berreibt. In allen Fällen ist sofortiges Nachwaschen mit weichem Wasser erforderlich. Auch durch Abreiben mit Spiritus können Obst⸗ und Grasflecke beseitigt, werden. Ein anderes einfaches Mittel besteht darin, daß 0 1 71 weißen Jo⸗ fl ich 15 ech 10 E00 hw Ell hahn 1 f J 55 fl deundl so de Ei len 9 falsend er!“— 9 U —— —.—— d Nr. 30. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Seite 7. N die fleckigen Stell inige Stunden i i i nch, man die fleckigen Stellen einige unden in eu eingelaufene riften. erschienen. Die Ausstattung, namentlich der farbige dul Milch einweichen läßt und sie dann mit lauem. 1 e uns vor. Bilderdruck, ist vortrefflich und zeigt die Leistungsfähig⸗ 1 c. Wasser und Seife nachwäscht. D tral keit des J. H. W. Dietzschen Verlags in hellstem Lichte, . 1 bas W. Son ne Aus dem Inhalt heben wir hervor: Else bei ehren lu. Humoristisches Max Schippel. Soeben ist unter vorstehendem Titel N E 8 d 10 8 1 5 in der Buchhandlung Vorwärts eine Agitationsbroschüre b ö 5 dict,— Fin 1 hnachts⸗ p Scherzfrage. Wenn das Gewehr die„Braut 5 8 abend. Hierzu eine Illustration.— Der böse Hans. — 8 9 erschienen, die namentlich den Gewerkschaften dringend Gedicht D 1 Sie den des Soldaten“ ist, ist dann der Büchsenmacher sein] zur Verbreitung empfohlen werden kann. Der Zentral- Gedicht.— Der lleine Künstler. Illustration nebst g Sie Schwiegervater? 1 verband deutscher Industrieller ist für die großindustrielle 51. 2 5 Auer Wann 1 80 8— 5 g i Reaktion, s f 8 f b 5 lil Studentenmonolog.„Da soll nun einer Man n e ge 9 die bunte Kuh sagt. Gedicht.— Reiher und Falle. schlafen können, wenn so viele Lokale die ganze Nacht gegen die Gewerkschaften, das Umstur esetz, die Zucht⸗ Niach emem Aauarel! nebß Tert.. Der Knabe mit Y und offen sind!“ z 5 5 zgeses, die den roten Augen. Nach dem Französischen von Marie 4 e und eine ganze Reihe anderer arbeiterfeind⸗ Kunert. Illustriert von H. G. Jentzsch Igel und 5 läne, das Stocken der S i 1.. 1 Warum Fein hinausgeredet.„Gnädige. werden jeden be Pen e e ee e 272 Ringelnatter. Nach einem Aquarell: nebst Text.— Sozial: Tag schöner.“—„Das haben Sie ja auch schon meiner führer. Die Schrift bietet ebenso sehr einen lehrreichen 5 Gicht. nne Das kalte Herz. egen Freundin gesagt.“—„Das war im Frühling, jetzt Betrag zur inneren Geschichte Deutschlands wie wert⸗ Ein Märchen von Wilhelm Hauff. Illustriert von O. führer sind die Tage viel länger.“ volles Agltationsmaterial zur Brandmarkung der Scharf⸗ 8 215 15 7 2 199 eee 8* e ee. 4 ae rpedition zum Preise von Pfg. zu beziehen. Ferner 0 eis 0 9* 1 5 8 9 0 Lache Ein Schäfer.„Sehen Sie dort den einfachen F* macht die Verlagshandlung darauf aufmerksam, daß die al alten Herrn?... Dessen Name schwebt heute auf Ein neues Bilderbuch! Jui Vellage der früher erschienenen drei Ausgaben(4893, 1894, 1895) hristen tausend Lippen.“—„Was Sie sagen! Wie heißt denn Abu 11 2 zusammen bezogen zum ermäßigten Preise von 1,50 Mk. errunf 75 155 rühmlichst bekannten Firma J. H. W. Dietz Nachf. in noch erhältlich sind 10 le der?“—„Maier! Stuttgart ist nach mehrjähriger Pause wieder ein 3 5 Id das„Bilderbuch für große und kleine Kinder“ 2 r rwrwFF GGG ã ã ͤ ͤ cf 2—— 2 N N 5 Sch 2 8 2 N— 0 Schuhwaren 1 S eee eee Seren. und n Dach 9 1 2„ 0 3 + 9 9 Knabenkleider ubm ei 1 E 7 en E Regensehirme rd“ i ö ö 2 4 Stõcke an PPC 2 Herrenwäsche den Un- i 9 280 N. 13 Cravatte unsere Zum Einkauf von Weihnachtsgeschenken empfehle ich mein großes Lager in 2 Haus- 110 ort des 8 5 5 Ki 0 it Ah 6 Id N 0 5 Ib 7 üchengerãte ten Sie RNRegulateure, Stand- und Wanduhren, sowie Wecker in allen Ausführungen 8 Steingut mitten Herrenuhren Heemeneeu˙νhi.e f Emaille⸗ und rischen in Gold, Silber, Doublé, Weißmetall, Stahl und Nickel. in Gold Silber und Stahl. Blechgeschirr ch eigen Herren⸗ und Dawen⸗Uhrketten in Gold, Silber, Double, Weißmetall und Nickel. Soling. Stahlwaren Oo bek⸗ Reiche Auswahl in Broschen, Obrringen, Colliers, Armreisen, Ringen, Mauschettenkuöpfen, j ö . 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