den fachen eiter. ert, ad. ter, 34 er l. tren iligst 01, allet tiefel rückge⸗ e und unte! aß, uren rom N ase ige Nr. 28. Gießen, Sonntag, den 8. Juli 1899. 6. Jahrg. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Ze Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uher. —— itung. Abonnementspreis: Bestellungen 1 Juserate 2 Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die S gespalt Austräger frei ins Haus Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Die industrielle Lage und die Arbeitslöhne. el. Seit dem Jahre 1895 haben wir in Deutschland einen„wirtschaftlichen Aufschwung“ zu verzeichnen. Ein⸗ und Ausfuhr zeigen stets wachsende Ziffern, die bedeutendsten Industrie⸗ zweige geben in den Handelskammerberichten glänzende Berichte über ihre Geschäftslage. In der Eisenindustrie können manche Werke die ein⸗ ehenden Aufträge nicht bewältigen, andere en auf mehrere Monate hinaus feste Bestel⸗ lungen. Fast alle Zweige des Maschinenbaues sind auf Monate hinaus beschäftigt und viele industrielle Betriebe können die bestellten Ma⸗ schinen nicht schuell genug erhalten. Das Textil⸗ gewerbe hat seine Betriebskräfte außerordentlich gesteigert. In München⸗Gladbach stieg die Zahl der Spinnereispindeln auf 620 000, 1893 waren nur 553 658 vorhanden. In der sächsischen Baumwollspinnerei hat sich die Zahl der Spin⸗ deln in letzter Zeit um 120 000 gesteigert. Sie verfügt über mehr als 850 000 Spindeln, auf denen, ohne Nähfaden und Strickgarne, jährlich etwa 60—70 Millionen Pfund Waaren herge⸗ stellt werden. Die günstige Lage der Großindustrie wirkt natürlich auch auf den Bergbau zurück. Die Fördermengen der Kohlengruben sind ganz kolossal, die Aufträge sind kaum zu bewältigen. Es ist dies auf die vielfachen Vergrößerungen von Eisenhütten, Puddel⸗, Schweiß- und Martin⸗ öfen und auf die Vermehrung der Koksanstalten zurückzuführen. In den Jahren 1896— 98 haben in dem rheinisch⸗westfälischen Bezirk etwa 29 neue Gruben die Förderung aufgenommen. Gleich günstig ist die Lage des deutschen Schiff⸗ baues. Auf allen Wersten herrscht die regste Thätigkeit und die Bestellungen auf Neubauten von Schiffen erstrecken sich auf Jahre. Kein Wunder, daß dieser„wirtschaftliche Aufschwung“ eine Ueberspekulation in Industrie⸗ papieren zur Folge hatte. Die Kurse der In⸗ dustriewerke sind außerordentlich gestiegen. In diesem Emporschnellen der Kurse erkennen selbst bürgerliche Blätter schon die Gefahr eines schweren Rückschlages, der mit einem ungeheueren Ver⸗ mögensverlust für weite Kreise der Bevölkerung verbunden sei. Diese Vermögenseinbußen führen zur Schwächung der Kaufkraft weiterer Schichten der Bevölkerung und zu einer rückläufigen Be⸗ wegung auf dem Gebiete der Produktion. Je höher die Kurse stehen, um so dringender wird das Verlangen nach hohen Dividenden und die Aktiengesellschaften drücken auf die Werksver⸗ waltungen, hohe Dividenden herauszuwirt⸗ schaften. Der ganze Reinertrag fließt auf diese Weise in die Taschen der Aktionäre. Es ist klar, daß bei dieser Wirtschaft eine Besserung der ökonomischen Lage der Arbeiter ausgeschlossen ist. Der Abg. Rösicke hat im Reichstage in der Debatte über das Zuchthausgesetz umumwunden erklärt, daß die Löhne der Arbeiter bei weitem nicht gestiegen seien im Verhältnis zu dem wirt⸗ schaftlichen Aufschwung unserer Industrie. Eine Vergleichung der ortsüblichen Tagelöhne in den preußischen Großstädten in den Jahren 1884, 1892 und 1898 ergiebt, daß bis 1892 die Löhne gestiegen, seitdem fast durchweg gleich geliefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Direkt dur die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. eblieben sind. Die Lage der ungelernten rbeiter hat sich also unter dem wirtschaftlichen Aufschwung nicht gebessert. Mögen in einer Reihe von Industrien und Gewerben die Arbeiter sich jetzt besser stehen als 1892, die große Masse der ungelernten Arbeiter arbeitet zu den gleichen Lohnsätzen wie 1892. Wir zeigten oben, welchen Aufschwung der Kohlenbergbau zu verzeichnen hat. Sind nun auch die Löhne der Bergarbeiter entsprechend gestiegen? Mit nichten. In Oberschlesien stiegen die Löhne der eigentlichen Bergleute um 6%, die Löhne der anderen unterirdisch beschäftigten Arbeiter gar nur um 4%, in Niederschlesien um 3¼ bezw. 3%, im Aachener Revier um 4¾ bezw. 2½%, im Saarrevier gar nur etwas über 2½ bezw.%%, im Dortmunder Bezirk um 5% bezw. 4%! Das ist die ganze„Lohn⸗ aufbesserung.“ Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß die Kohlenförderung gewaltig gestiegen ist. So betrug sie im Breslauer Bezirk 8,4%, die Erhöhung der Löhne im Durschnitt nur etwa 5%, die Vermehrung der Arbeiter nur 4,25%. Einen untrüglichen Beweis für den„wirt⸗ schaftlichen Aufschwung“ besitzen wir: die Zu⸗ nahme der gewerblichen Kinderarbeit. Nachdem durch das„Arbeiterschutz“⸗Gesetz vom Jahre 1891 eine Verminderung der in den Fabriken arbeitenden Kinder eingetreten war, ist deren Zahl seit 1896 wieder im Steigen be⸗ griffen. 1894 betrug die Zahl der Knaben und Mädchen in Fabriken 4259, 1896 etwa 5312, 1897 bereits 6151. Für die arbeitende Klasse bedeutet der„wirtschaftliche Aufschwung“ geringe oder meistens gar keine Lohnerhöhung, inten⸗ sivere Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und ver— mehrte Ausbeutung ihrer Kinder. Aus Ost⸗ preußen berichten die Gewerbeaufsichtsbeamten, daß in den Fabriken, welche Kinder beschäftigen, auch Verstöße gegen die gesetzlichen Bestimmungen festgestellt wurden. In keinem Falle ließen sich die Betriebsunternehmer an der gesetzlichen sechs⸗ stündigen Beschäftigungsdauer genügen, vielmehr wurden die Kinder in den für jugendliche Ar⸗ beiter von 14—16 Jahren statthaften Grenzen beschäftigt. Wie wir darlegten, haben das Unternehmer⸗ tum und die Bourgeoisie als Besitzerin der In⸗ dustriepapiere es bisher verstanden, die Früchte aus dem wirtschaftlichen Aufschwung fast aus⸗ schließlich für sich einzuheimsen. Das böse Ge⸗ wissen und die stete Furcht, daß die Arbeiter auch einen kleinen Anteil an diesem Aufschwung haben möchten, ließ die Ausbeuterklasse das Zuchthausgesetz ausbrüten, das ihr auch von der Regierung ausgearbeitet wurde. Wer mit seinen Arbeitskollegen eine Lohnerhöhung er⸗ kämpfen will, gehört ins Zuchthaus. Damit ist bewiesen, daß die Arbeiter unter der Herr⸗ schaft des Kapitalismus, selbst in Zeiten einer überaus günstigen Geschäftslage, eine Hebung ihrer eignen Lage nicht zu erwarten haben. So lange die gegenwärtige Gesellschaft bestehen bleibt, giebt es für das Proletariat kein Ent⸗ rinnen aus der Lohnsklaverei. Die Arbeiter müssen sich und ihre Kinder für geringen Lohn ausbeuten lassen und für die Besitzenden uner⸗ meßliche Reichtümer aufhäufen. ——— 0 n Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. ch[Druckerei, Schloßg. 13, sowꝛe jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% ,ꝗͤ bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% —...... K————— Bei mindestens Rabatt. Die Vorgänge in Belgien. *Mit einem Siege des Volkes hat an— scheinend der Kampf der belgischen Arbeiter gegen das skandalöse Wahlgesetz der Regierung geendet. In der Kammersitzung vom 1. Juli gab der Ministerpräsident eine Erklärung ab, die ganz allgemein als eine völlige Kapitu⸗ lation der Regierung vor dem Volke auf⸗ gefaßt wird. Der Kampf der Arbeiter, der in den letzten Tagen der vorigen Woche den Charakter einer Revolution angenommen hatte, bei der es auf beiden Seiten Tote und Verwundete gab, ist mit einer bewunderungs⸗ würdigen Energie und Umsicht geführt worden. Der Kampf im Parlament wurde von unseren Genossen von Anfang an nicht in liebenswürdiger Verbindlichkeit, sondern mit geradezu goldener Rücksichtslosigkeit geführt. Und als der Kampf im Parlament allein zu nichts führte, sind die belgischen Arbeiter auf die Straße ge⸗ stiegen; durch gewaltige Demonstrationen wußten sie ihrem Willen Nachdruck zu verleihen. Und vor der eisernen Entschlossenheit der Ar— beiterbataillone, deren dumpfer Massentritt sich nicht nur gegen das Ministerhotel, sondern auch gegen das Königsschloß richtete, ist Mini⸗ sterium und Monarchie zurückgewichen. König Leopold sitzt als vorsichtiger Mann in der herr⸗ lichen Hafenstadt Ostende(Schnelldampfer⸗ linie nach Englands asylfroher Kreideküste und zu den Schränken der Bank von England); in Brüssel ist dem Koburger die Luft zu ge— witterschwül.— Ueber den Kampf, der in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag voriger Woche in Brüssel stattfand, berichtet das„Berl. Tagebl.“: Während der verflossenen Nacht nahm der Straßenaufstand einen weit ärgeren Charakter an, als vorher. Trotz des Verbotes des Bürger— meisters setzte sich ein gewaltiger Straßenzug vom sozialistischen Volkshause aus in Bewegung. Ueber 30000 Personen nahmen daran Teil. Unterdessen besetzten ungeheure Volksmassen den Rathausplatz und alle Zugänge zu demselban. Alle Tramwagen wurden ausgespannt und zu Barrikaden verwendet, von denen herab die Massen die Gendarmen mit Pflastersteinen bombardierten. In der Rue Chapeliers machte die berittene Gendarmerie einen Angriff auf die Volksmenge und schoß in dieselbe hinein, wobei zwei Personen getötet und zwanzig verwundet wurden. Noch schrecklichere Szenen spielten sich auf dem Boulevard Anspach ab. Fortwährend erscholl der Ruf:„Nieder die Regierung! Es lebe die Republik!“ Die Bewegung nimmt infolge der Unthätigkeit des Königs einen entschieden republikanischen Charakter an. Das Volk fordert stürmisch die Entlassung des Ministeriums und die Auflösung der Kammer. Wird die Forderung nicht be— willigt, so muß das Schlimmste befürchtet werden, da die Regierung der Bewegung nicht mehr Herr werden kann. Im Königspalaste steigt die Besorgnis. Die nationalliberale„Köln. Ztg.“ schreibt: „Die erfreulichste Nachricht, die jetzt aus Belgien kommen könnte, wäre die, daß nach gepflogener Beratung mit den nicht aktiven Staatsministern der König das Ministerium zur Zurückziehung der Wahlverschlechterungs-Vorlage hätte zwingen — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 28. wollen, daß das Ministerium jedoch vorgezogen hätte, daraufhin selbst zurückzutreten. Denn daß ein Mann von so trotziger Sinnesart wie Herr Vandenpeereboom freiwillig einen Schritt rückwärts thut, ist ganz aus geschlossen. Die Krone steht diesmal auf dem Spiel.“ Unbeschreiblich waren die Kammersitzungen, die den Straßendemonstrationen vorausgingen. Bemerkt sei ausdrücklich, daß sämtliche Oppo⸗ sitionsparteien in Belgien, Christl.⸗Soz., Sozial⸗ demokraten und Liberale zusammenstehen gegen die Regierung und die Pfaffenpartei, die Ultramontanen. Laßen wir nun einmal die„Köln. Ztg.“ über eine Kammersitzung vom 27. Juni berichten:„Zum Beginn wurde ab— gestimmt, wann die Verhandlungen über das Wahlrecht stattfinden sollen. Am Anschluß daran schlossen sich lebhafte Ausfälle der Oppo—⸗ sitionsführer gegen den Minister Vandenpeere— boom, die zu immer tumultuöseren Szenen Anlaß gaben. Schließlich erhob sich die ganze Linke und setzte einen unbeschreiblichen Rumor ins Werk. Demblon(Sozialdem.) ruft zuerst: Es lebe die Republik! Nieder mit Pourbaix(dem Polizeispitzel, der vor 12 Jahren dem klerikalen Kabinet zum Aufbauschen einer revolutionären Verschwörung behülflich war.) Andere rufen: Nieder mit der Paffenmütze! Die Linke bleibt stehen und schreit eine Viertel⸗ stunde lang. Da erinnert sich plötzlich der Präsident, daß er da ist und unterbricht die Sitzung. Nach der Wiederaufnahme macht sich der Klerikaldemokrat Renquin daran, zu dem Eisenbahnbudget zu sprechen. Die Linke, die kurz vorher unter den Klängen der Mar⸗ seillaise und der Carmagnole den Saal ver⸗ lassen hatte, ist in sehr erregter Stimmung und hebt eine Katzenmusik an, so betäubend, daß wir auf der Tribüne auskneifen, um dem Getöse zu entgehen. Die Sozialisten schlagen mit den Pultdeckeln, rasseln mit den Löffeln in den Zuckerwassergläsern, man schlägt mit Akten⸗ bündeln und Bündeln darauf los und singt das Grablied:„O Vandenpeereboom“ und ruft da— zwischen: Hoch die Republik! Die Rechte sieht mit verschränkten Armen zu. Das dauert eine volle Stunde. Renquin spricht immer weiter in den Rumor hinein, unverständlich. Gegen 5 Uhr ist es so weit, daß die Trinkgläser in Scherben gehen. Vandervelde(Sozd.) erinnert sich der rauhen Brüsseler Studentenzeit und wirft dem Vorsitzenden einen Knäuel Papier an den Kopf. Ein anderes Geschoß dieser Art trifft den unermüdlichen Redner. Die Erregung ist aufs höchste gestiegen. Der Vorsitzende er⸗ klärt die Sitzung für geschlossen, aber die Linke weicht nicht, sondern ruft: Wir bleiben! Es scheint, als ob die Linke sich des Vorstands⸗ sitzes bemächtigen wolle, um eine Volksver— sammlung in den geheiligten Räumen zu ver— anstalten. Der Vorstand ruft die bewaffnete Macht zu Hilfe und läßt die öffentlichen Tri— bünen räumen. Das Volk aber will das Schauspiel weiter genießen. Auch die Bericht⸗ erstatter lassen sich nicht vertreiben. Immer wieder ertönen Hochrufe auf die Republik, namentlich währenddem die Rechte den Saal verläßt.“ Genosse Vandervelde in Brüssel kommt in einer längeren Zuschrift an den„Vorwärts“ zu folgendem Schluß: Die Lehre, die aus den letzten Ereignissen in Belgien zu ziehen ist, ist die, daß da, wo die sozialistische Propaganda das ganze Volks⸗ leben durchdrungen hat, die öffentliche Meinung eine Macht ist, an der jeder reaktionäre Anschlag zerschellen muß, auch der Appell an die brutale Gewalt der Waffen. Die drei Bürgermeister von Lüttich, Brüssel und Antwerpen wurden am Sonnabend vom Könige empfangen. Sie erklärten ihm und haben diese Erklärung öffentlich bekannt gegeben, daß die Polizei und Gendarmerie nicht im stande seien, die Ordnung aufrecht zu erhalten, und daß andererseits das Eingreifen des Militärs das Signal zur Revolution bedeuten würde.“ e Politische Rundschau. Gießen, den 7. Juli. Eine unerhörte Fälschung. Graf Ballestrem, der Reichstagspräsident, hat kürzlich dem wildliberalen Abg. Roesicke gegenüber den Grundsatz aufgestellt, und später auf eine Einwendung des Ministers Brefeld auch diesem gegenüber ausdrücklich aufrechterhalten, daß Aeußerungen des Kaisers im Reichstag besprochen werden dürfen, wenn sie im Reichsanzeiger ver⸗ öffentlicht worden sind. Doch legen wir den Sachverhalt in aller Genauigkeit noch— mals dar: Der Präsident hatte in der Sitzung vom 21. Juni, in der er den übereifrigen Handelsminister Brefeld zur Ordnung verwies, den Abg. Roesicke ersucht,„Aeußerungen des Monarchen, die uns nicht beglaubigt zugegangen sind, nicht in den Bereich seiner Ausführungen zu ziehen.“ Als Herr Roesicke darauf erwiderte, daß die von ihm angezogene Bielefelder Rede des Kaisers im Staatsanzeiger gestanden habe, erklärte der Präsident:„Dann ist dies etwas anderes; dann können Sie sie in ange⸗ messener Weise erwähnen.“ Im stenographischen Berichte ist zwischen diese beiden Sätze aber der weitere Satz ein- geschoben worden:„Vorausgesetzt, daß es der amtliche Teil des Blattes war.“ Das ist eine ganz ungeheuerliche Fälschung. Der Präsident des Reichstages, Graf Ballestrem, veröffentlichte denn auch sofort folgende Be— richtigung des stenographischen Berichts über die 98. Sitzung des Reichstages: Der gedruckte stenographische Bericht über die Sitzung vom 21. Juni enthält als von mir gesagt folgende Worte: „vorausgesetzt, daß es der amtliche Teil der Blattes war.“ Diese Worte habe ich nicht gesprochen, auch später in den stenographischen Bericht weder selbst hineingesetzt, noch deren Hinzufügung direkt oder indirekt veranlaßt. Dieselben sind ohne mein Wissen unbefugterweise in dem Bureau des Reichstags hinzugefügt worden. Von der Hin⸗ zufügung erhielt ich erst Kenntnis, nachdem der steno⸗ graphische Bericht bereits gedruckt und verteilt war. Berlin, 29. Juni 1899. Ballestre m. Wer ist der Fälscher? Wenn wir, so meint der„Vorwärts“, bedenken, wie nangenehm die Aeußerung des Grafen Ballestrem allen Höflingen und sonstigen Reaktionären war, wie sie den Wünschen dieser Kreise ent⸗ gegentrat, alle persönlichen Akte des Kaisers, seien sie auch noch so polemischer und partei⸗ politischer Natur, im Reichstag als Rühr mich⸗ nichtan zu betrachten, so fällt es uns nicht schwer, die— Regionen zu erraten, in welcher die Urheber dieses unerhörten Skandals, dieser beispiellosen Fälschung zu suchen sind,— einer Fälschung die zwar anderen, aber gewiß nicht sittlicheren Beweggründen zuzuschreiben, und nicht minder zu verdammen ist, wie die Fälschungen der Henry und Konsorten in Frank⸗ reich. Der unerhörte Skandal wird sein Nachspiel haben. Der Schuldige muß entdeckt und zur verdienten Strafe gezogen werden. Der Reichstag hat dafür zu sorgen, daß nicht blos die unmittelbar Schuldigen, sondern auch deren Hintermänner gebührend zur Verantwortung gezogen werden. Dieser unerhörte Eingriff ist auch ein Zeichen der Zeit, auch ein Glied in der langen Kette: Sozialistengesetz, Umsturzvorlage, Lex Recke, Hau- und Schießerlaß, Zuchthausvorlage. Es wird wahrlich immer schöner in Preußen-Deutsch⸗ land: die Arbeiter in's Zuchthaus und für den Reichstag der Maulkorb. Der Landesvater gefunden. Die guten Koburg-Gothaer können wieder ruhig schlafen; sie haben wieder einen„ange— stammten“ zukünftigen Landes vater, wenn er auch erst 15 Jahre zählt. Der gemeinschaftliche Landtag des Herzogtums nahm in seiner Sitzung am Montag den von der Verfassungskommission vorgelegten Gesetzentwurf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten an. Danach ist für die Thronfolge der Herzog Karl Eduard von Albany bestimmt. Stirbt dieser ohne Nachkommen oder erlischt sein Mannesstamm, so wird Prinz Arthur von Connaught zur Regierung berufen. Unter den gleichen Voraussetzungen gelangt eventuell die Nachkommenschaft des Prinzen von Wales zur Regierung. Der Herzog von Albany muß seinen wesentlichen Aufenthalt im Lande nehmen. Ein Geistlicher— Sozialdemokrat. Die Drontheimer„Dagsposten“, das größte Blatt der Stadt, bringt einen Artikel von Pastor Heiberg, worin derselbe seinen An⸗ schluß an die Sozialdemokratie erklärt, da die kapitalistische Ausbeutung abgeschafft werden müßte. Die vereinigten und kampfbe⸗ reiten Kapitalisten der ganzen Welt führten einen Kampf gegen die arbeitenden Klassen, wobei sie sich auf die Gesetzgebung, die Polizei und das Militär stützen könnten. Die letzte Ursache zu diesem offenen Auftreten des Geist⸗ lichen ist das Verfahren der dänischen Arbeit⸗ geber in der großen Arbeiteraussperrung. Aus dem Kohlenrevier. Die„Rheinisch-Westfälische Zeitung“, das Organ der Kohlenbarone, stellt in einem Artikel über den Streik und die Ausschreitungen in Herne und den umliegenden Gruben fest, daß fast nur Polen in Betracht kommen. Es heißt wörtlich in jenem Artikel: Unsere sämtlichen Berichterstatter und entsandten Redakteure stimmen darin überein, daß bis jetzt sozu⸗ sagen ausschießlich die Polen in die Bewegung eingetreten sind. Es ist keinem unserer sechs Bericht⸗ erstatter gelungen, auf den Straßen von seiten der feiernden Arbeiter auch nur ein einziges deutsches Wort zu hören, überall Polen und nicht zum wenigsten auch polnische Frauen. Dann heißt es aber weiter: Die Ansicht der Behörden, daß es sich um einen Putsch sozialdemokratischer Polen handelt, ist außerordentlich wahrscheinlich. Nur glauben wir, daß es sich sehr schwer zwischen Sozialdemo— kraten und sonstigen Polen unterscheiden läßt. Die Polen sind überwiegend, ja nicht sozialdemokratisch, sondern besitzen jene Religiosität, welche rasch mit anderen Gefühlen schwankt. Kann man sich eine größere Niederträchtig— keit denken? Trotzdem feststeht, daß jene in den Streik getretene junge Leute unorganisierte Polen sind, die kein Wort deutsch reden, und trotzdem feststeht, daß die organisiertendeutschen Bergarbeiter und unsere westfälischen Partei⸗ blätter dringend von dem Streik abgeraten haben— hilft alles nichts, die Sozialdemo⸗ kraten sind doch schuld! Ja, das wäre auch ein gefundenes Fressen für die Scharfmacher, wenn sie nur den geringsten Zusammenhang konstruseren könnten zwischen der Sozialdemo⸗ kratie und den uns meist feindlich gesinnten streng katholischen Polen. Das wäre prächtiges Material für die Zuchthaus vorlage. Sehr treffend charakterisiert die„Frankf. Ztg.“ das schofle Verhalten der Kohlenbarone und ihrer schleifsteindrohenden Helfershelfer. Sie schreibt: „Zuerst zieht man Polen in den rheinisch— westfälischen Industriebezirk; dann handeln die jungen Polen ihrer Natur gemäß: sie exzedieren; und nun nicht genug damit, daß man den deutschen Arbeitern Lohndrücker auf den Hals gehetzt hat, benützt man noch die von den herbeigeholten Polen ausge— gangenen Unruhen, um daraus einen Strick zur Erdrosselung des Koalitionsrechtes auch der deutschen Arbeiter zu drehen! Wenn das keine Perfidie(abscheuliche Handlungs⸗ weise) ist, dann giebt es keine. Im Uebrigen können wir nur wiederholen, was wir gestern sagten: Weit entfernt, daß die Vorgänge in Herne für die Zuchthausvorlage sprechen, sind gerade sie dazu angethan, Material gegen die Vorlage zu bilden. Es zeigt sich hier wieder, daß die organisierten Arbeiter, denen die Vorlage an den Leib gehen will, die ruhigen, besonnenen Elemente sind, und daß es weder zum Streik noch zu Exzessen ge— kommen wäre, wenn die Organisierten bereits genügenden Einfluß hätten. Das Einzige also, das man in dieser Hinsicht aus den Unruhen im westfälischen Kohlenrevier lernen kann, ist: Stärkt die Organisation eln der Arbeiter!“ eingelegt, zunehmen Volk die vornehm das kürz nossen ft stalt unt Gerichte die So Rechts Die Son stimmun General in Sach bring „Köln. dem be Ehren. nach 0 dusges nur un Die Bel als der dritten Streifse kundant Kugelw würden abgeleh erhielt Cs Oedingt auf ein hatten. gegen d hier alz alledem Anschau haltende Arb haue zahlreic den An das nem ligen fest C andten sogu⸗ gung ericht⸗ n der ulsches t zum einen andelt, n wir, emo⸗ eiden nicht jene fühlen itig⸗ e l siette und sschen arlei⸗ aten dennlo⸗ auch ache, hang deno⸗ unten sliges rauf. al olle elfer. ich 9 den 5% i ückel och iusge⸗ ö auc Wenn unge rige esel 5 fuld 7 9% 1 le ente Strick 8 Nr. 28. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Sãächsisches Urteil. Wegen Beleidi gung der Redakteure des „Dresd. Journ.“ wurden am 3. Juli die Re⸗ dakteure der„Sächsischen Arbeiter-Zeitung“ und „Vorwärts“, Beyer und Jakobey, vom Schöffen⸗ gericht in Dresden, zu je zwei Monaten, Stein⸗ arbeiter Lienicke zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Die Angeschuldigten hatten gelegent— lich einer Besprechung des Löbtauer Land— friedensbruch⸗Prozesses die Redakteure des „Dresdener Journals“ der Fälschung geziehen, weil sie die Rede des Staatsanwalts in einer Weise zum Ausdruck brachten, daß der Unein— geweihte zu der Ansicht kommen konnte, es mit dem Urteile des Gerichtshofes zu thun zu haben. Das Schöffengericht stellte sich auf den Standpunkt, daß die Redakteure der amtlichen Organe,„Dresd. Journ.“ und „Lpz. Ztg.“ königliche Beamte sind. Selbst— verständlich wird gegen das Urteil Berufung eingelegt. Daß diese etwas nützt, ist kaum an⸗ zunehmen. Inzwischen wird aber das deutsche Volk die Revision des Urteils in seiner Weise vornehmen. Dabei wird berücksichtigt werden, das kürzlich das Berliner Gericht unsere Ge— nossen freisprach, welche die Behauptung aufge⸗ stellt und auch bewiesen hatten, daß sächsische Gerichte wiederholt in ihren Urteilsbegründungen die Sozialdemokraten für minderen Rechts erklärt haben. Die militärischen Gesetzesverächter. Sonderbare Anschauungen über die Be— stimmungen des Strafgesetzbuchs, hat das Generalkommando des achten Armeekorps, das in Sachen eines Duells zwischen dem Leutnant Döring und dem Studiosus Klöwekorn an die „Köln. Ztg.“ ein Schreiben gerichtet hat, in dem bezuglich der angefochtenen Haltung des Ehrenrates versichert wird, daß ein Ausgleich nach„solch schwerer, thätlicher Beleidigung“ ausgeschlossen gewesen set. Eine Sühne konnte nur unter schweren Bedingungen eintreten.(1) Die Bedingungen wurden von Leutnant Döring, als dem einzig Zuständigen, gestellt. Beim dritten Kugelwechsel erhielt Klöwekorn einen Streifschuß leichtester Art, worauf dessen Se— kundanten anmeldeten, daß sie nach dem nächsten Kugelwechsel einen Sühneversuch vorschlagen würden, welches Ansinnen von denen Dörings abgelehnt wurde. Beim fünften Kugelwechsel erhielt Klöwekorn den tödlichen Schuß. Es„konnte nur eine Sühne unter schweren Bedingungen eintreten“, weil sich die beiden auf einem Tanzboden gegenseitig geohrfeigt hatten. Etwas absolut Ungesetzliches und gegen das Strafgesetzbuch Verstoßendes wird hier als das einzig mögliche bezeichnet. Trotz⸗ alledem sind aber die Kreise, in denen solche Anschauungen herrschen, bei uns die staatser⸗ haltenden. i Zur Zuchthausvorlage. Arbeiter aufgepaßt! Im preußischen Herren⸗ hause hat Graf Mirbach mit Unterstützung zahlreicher anderer edlen und erlauchten Herren den Antrag eingebracht: „Das Haus spricht seine Befriedigung aus, daß die Staatsregierung im Bundesrat und Reichstag für die Vorlegung eines Gesetzes zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses eingetreten ist. Das Haus erwartet, daß die Staatsregierung an dem von ihr bei diesem Gesetzentwurf eingenommenen Standpunkt un⸗ entwegt festhalten wird.“ Das Scheusal ist noch lange nicht tot! Also fortfahren in der Protestbewegung gegen die Zuchthausvorlage. Ausländisches. In allen romanischen Ländern gärt es zur Zeit gewaltig. In Frankreich steht die Drey⸗ fuskrise vor der Entscheidung, die Krise, die einem wilden Fieber gleich die ganzen letzten Jahre hindurch den Volkskörper durchrast hat. Die kürzlich erfolgte Rückkehr Dreyfus hat die allgemeine Erregung bis zum Siedepunkt erhitzt. Alle alten Parteien sind in der Auflösung begriffen. — In Belgien haben die Arbeiter mit 1 aller Energie den Kampf gegen die volksver⸗ räterische Regierung und ihr niederträchtiges Wahlgesetz aufgenommen; aus unserem heutigen besonderen Arkikel können sich die Leser zur Genüge orientieren. — In Italien halten die gegen die Ar⸗ beiter gerichteten verbrecherischen Ausnahme— gesetze alles in Atem. Auch hier sind es die Sozial— demokraten, die im Vordergrunde des Kampfes stehen und in ihrer wochenlangen Obstruktions⸗ politik in der Kammer der Regierung heiße Schlachten geliefert haben, der noch heißere folgen werden, sobald die vorläufig auf ver⸗ fassungswidrigem Wege eingeführten Schand— gesetze in der Kammer erneut zur Verhandlung kommen. — In Spanien vergeht kein Tag ohne blutige Zusammenstöße; überall fast giebt es Tote und Verwundete. Hier richtet sich der Kampf gegen das von der Regierung vorgelegte neue Budget. In allen diesen Ländern kracht die bürger— liche Gesellschaft, mit deren Bestande derartige Krisen unauflöslich verknüpft sind, in allen Fugen. Wie viele solche Krisen wird sie aus— zuhalten vermögen?— Der Sozialismus rüstet sich zum Antritt der Erbschaft. Pon Nah und Lern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich streagste Gewissen— haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf ein elr Seite zu beschreiben. Nationalsoziale Unverschämtheit. * In der Marburger„Hess. Ldsztg.“ wurde am Freitag, den 30. Juni erzählt, daß Redakteur Erdmannsdörffer im nat.⸗soz. Verein über die politischen Verhältnisse gesprochen habe. Wörtlich heißt es dann weiter: „Zum Schluß nahm der Redner Veranlassung, einen die Wahrheit entstellenden, moralisch verwerf⸗ lichen Bericht der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ über die letzte national⸗soziale Volksversammlung hier als solchen zu kennzeichnen und den„dicken Strich“ hervorzuheben, der die National-Sozialen trotz des Zusammengehens in Fragen des Arbeiterschutzes von den Sozialdemokraten trennt. In der Diskussion war man einig in der Verurteilung des unnoblen Ver⸗ haltens des genannten Blattes.“ Eine größere Unverschämtheit ist uns in unserer langjährigen politischen Thätigkeit that⸗ sächlich noch nicht vorgekommen. Die National⸗ sozialen berichten über jene Protestversammlung in der tendenziösesten Weise und nennen unseren Bericht, der Wort für Wort der Wahrheit entspricht, moralisch verwerf⸗ lich!! Wir fordern das Marburger Blatt auf, bestimmt zu erklären, was in unserm Bericht „moralisch verwerflich“,„unnobel“ und„die Wahrheit entstellend“ war. Wir werden dann die Antwort nicht schuldig bleiben und mit Leichtigkeit den Beweis erbringen, auf welcher Seite„moralisch verwerflich“ gehandelt wurde. Das wollen wir schon jetzt voraus verkünden, daß der Verfasser der Broschüre:„Die Juden und die Cholera“ nicht gut dabei abschneiden wird. Die Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter wurden in der Sitzung der Gießener Stadtver⸗ ordneten am 6. d. M. neu geregelt. Die Ar⸗ beitszeit beträgt im Sommer 10 Stunden, im Frühjahr und Herbst 9 und im Winter 8 Stun⸗ den. Die Stundenlöhne wurden derart fest— gesetzt, daß der Tagesverdienst der Arbeiter sich während des ganzen Jahres ziemlich gleich bleibt. Während der ersten drei Jahre in städtischen Diensten erhalten die Arbeiter einen Stundenlohn von 23 Pfg. im Sommer, 25 Pfg. im Frühjahr und Herbst und 28 Pfg. im Winter, sodaß der Tagesverdienst bei 10, 9 und 8 Stunden Mk. 2.30, 2.25 und 2.24 be⸗ trägt. Vom vierten Dienstjahr ab werden 2 Pfg. und vom 7. Dienstjahr ab 4 Pfg. mehr pro Stunde bezahlt, als oben angegeben. Vor⸗ arbeiter werden stets, auch wenn ste noch keine 3 Jahre im städtischen Dienst sind, nach den „höchsten“ Sätzen bezahlt und erhalten eine täg⸗ liche Zulage von 30 Pfg., deren Stellvertreter eine solche von 15 Pfg. Jeder Arbeiter, der ununterbrochen während der Sommermonate— als solche gelten sieben— im städtischen Dieust bleibt, erhält im Herbst für jeden Arbeitstag eine Prämie von 20 Pfg. nachgezahlt. Es steht für uns außer Zweifel, daß für die Ar⸗ beiter der Stadt Gießen längst bessere Arbeits⸗ verhältnisse und bessere Löhne zu erreichen ge— wesen wären, wenn sich die Leute ein wenig aufgerafft hätten. Der Versuch, eine Organi— sation für die städtischen Arbeiter zu schaffen, ist gescheitert, unseres Erachtens durch die Zwischenträgereien unlauterer Elemente. Met ihrer Vertretung resp. der Abfassung eines Ge— suchs haben die städtischen Arbeiter offenbar irgend einen Winkeladvokaten beauftragt, andern⸗ falls wäre es uns unerklärlich, wie anscheinend nebenbei um Uniformierung ersucht und außer— dem wiederholt„unterthänigst“ gebeten wird. Die Arbeiter, die heutzutage noch so weit zurück sind,„unterthänigst“ zu bitten, haben noch einen weiten Weg zurückzulegen, bis sie in bessere Lebensverhältnisse kommen. Heutzutage heißt's kämpfen, aber nicht unterthänigst bitten. Schützenfest in Gießen. * Seit dem 1. Juli prangt Gießen im Fest⸗ schmuck. Auf dem„Trieb“ findet seit dem ge⸗ nannten Tage das 17. Verbandsschießen des Badischen Landes⸗Schützenvereins, des Pfälzi⸗ schen und Mittelrheinischen Schützenbandes statt. Am Sonntag wurde mit einem großen Festzug das eigentliche Fest eröffnet. Die Schützen amüsieren sich an den Schießständen; auf dem eigentlichen Festplatz herrscht das bekannte „Volkfest“⸗Treiben. Daß das Schießen ein ziemlich kostspieliges Vergnügen ist, erhellt aus der Thatsache, daß täglich mehr als 6000 Mk. für Schießgelder eingehen. Neben allerlei sonstigen Veranstaltungen in der Festhalle, die einen wirklich imposanten Eindruck macht und in der wiederholt mehr als 4000 Persouen Platz fanden, war ein Hauptanziehungspunkt die am Mittwoch stattgefundene Ballonfahrt des Frl. Käthchen Paulus aus Frankfurt. Des widrigen Windes wegen konnte der vorgesehene Fallschirmabsturz nicht vorgenommen werden. Die kühne Luftschifferin wurde schnell in östlicher Richtung davon getragen. Sie landete zwischen Albach und Lich und traf Abends gegen 10 Uhr wohlbehalten in der Festhalle wieder ein. Ihr Erscheinen wurde freudig begrüßt. Samstag, den 8. Juli sollen Jugendspiele statt. Nächsten Sonntag wird der Festzug wiederholt. Abends 12 Uhr ist dann offizieller Schluß des Festes. Es wird aber bereits davon gesprochen, noch eine Nachfeier zu veranstalten, damit die Wirte und sonstige Geschäftsleute noch einigermaßen auf ihre Kosteu kommen, da durch das für die jetzige Jahreszeit ungewöhnlich schlechte Wetter das Fest ungemein beeinträchtigt wurde. Aus Lollar. * In den Weinrich'schen Lokalitäten findet Sonntag, den 9. Juli, das 3. Stiftungsfest der Verwaltungsstelle des deutschen Metallarbeiter⸗ verbandes statt. Stadtv. Krumm von Gießen wird die Festrede halten. Die Lollarer Zahl⸗ stelle des genannten Verbandes hat sich unge— mein entwickelt. Wir wünschen derselben weiteres Blühen und Gedeihen. Zu dem Stiftungsfest am Sonntag sind alle Arbeiter aus Nah und Fern freundlichst eingeladen. Aus Marburg. p. Die hiesigen Gewerkschaften feiern am heutigen Sonntag ihr Gewerkschaftsfest. Dasselbe findet im prächtigen Dammelsberg statt. Wir wünschen gutes Wetter, massen⸗ hafte Beteiligung ist dann selbstverständlich. Aus Marburg. p. Die konservative„Oberhess. Ztg.“ gehört zu jenen Blättern, die für die Zuchthausvorlage dadurch noch besondere Propaganda machen, daß sie aus der berüchtigten geheimrätlichen Denkschrift zur Zuchthausvorlage Sonder-Aus⸗ züge als Beilage zur Zeitung verabfolgen. Aus Eigenem fügt die Redaktion hinzu:„Bei den unsagbaren Entstellungen und Verdrehungen, welche die Sozialdemokraten, die Nationalsozialen und die Demokraten über die Vorlage bringen, empfehlen wir eindringlichst den einzig wahren Inhalt zu sorgsamer Lektüre.“ Die Regierungsvertreter haben wenigstens im Reichs⸗ — sprochen. Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 28. tage nur solange auf die Denkschrift ge⸗ schworen, bis deren Unwahrheiten, Ent⸗ stellungen und Uebertreibungen von den Rednern der Sozialdemokratie festgestellt wurden. Die Redaktion der„Oberh. Ztg.“ in Marburg glaubt jetzt noch an die zerfetzte„Denkschrift“, für sie ist auch jetzt noch der Inhalt derselben „einzig wahr“. Uns wundert das nicht. Der „Oberhess“, früher von Dr. Kühne, dann von Harry Finking redigiert, wird übrigens nirgends ernst genommen. Aus Wetzlar. * Das hiesige Landratsamt hat eine Be⸗ kanntmachung erlassen, derzufolge vom 1. August 1899 ab alle Tanzbelustigungen 24 Stun⸗ den vor der angesetzten Zeit polizeilich ange⸗ meldet und gleichzeitig die Teilnehmer auf einer genau geführten Liste der Polizei mitgeteilt werden müssen. Wir wissen leider nicht, wie weit die Machtbefugnisse der Landratsämter im gesegneten Preußen gehen und haben deshalb die Bekanntmachung des Wetzlarer Landrats— amts einem preußischen Juristen zur Begut⸗ achtung geschickt. Sobald wir Antwort erhalten, werden wir die Bekanntmachung vollinhaltlich abdrucken. Das steht fest: sind die Landrats⸗ ämter in Preußen zum Erlaß so tief einschnei⸗ dender Bestimmungen befugt, dann ist den Polizeiorganen ein neues, sehr bedenkliches Machtmittel in die Hand gegeben, gegen das anzukämpfen namentlich die Wirte alle Ursache haben. Die Staatsstützen im Gefängnis. Gefängnisinsassen waren in Darm⸗ stadt als„Arbeitswillige“ zum Schaden der streikenden Maurer zur Verfügung gestellt worden. Auf Grund einer Beschwerde unseres Landtagsabgeordneten Cramer beim Justiz⸗ minister wurden diese famosen Arbeitswilligen zurückgezogen. Kann man sich eine köstlichere Geschichte denken: Arbeitswillige sind laut der Denkschrift zur Zuchthausv rlage„ruhige, in die Staatsordnung sich schickende, für den Staat besonders nützliche Ele⸗ mente“ ꝛc. Und solche Prachtmenschen sitzen in Darmstadt im Gefängnis!! Kein Hausrecht im Militärstaat. Der sozialdemokratische Gastwirt Wurm in Darmstadt soll dort am 9. Oktober der be— waffneten Macht dadurch Widerstand geleistet haben, daß er dem Führer der Militärpatrouille das Betreten seines Lokals zur Absuchung nach Soldaten verbot und ihm dabei einen leichten Stoß vor die Brust versetzte. Der Besuch der Wirtschaft Wurms war dem Militär verboten; der Wirt glaubte sich daher auch dazu berech⸗ tigt, der Militärpatrouille den Eintritt in sein Lokal zu verwehren. Die Strafkammer in Darm⸗ stadt hatte den angeklagten Wirt freige⸗ Auf eingereichte Revision hob das Reichsgericht das freisprechende Urteil auf und verwies die Sache zur neuen Verhandlung an die Strafkammer in Mainz. Von dieser wurde Wurm schuldig befunden und zu 30 Mk. Geld⸗ strafe verurteilt. Sozialdemokratische Schuhfabrik. Durch zahlreich„gutgesinnte“ Blätter läuft folgendes Lügengeschichtchen aus Erfurt: „In der vonsozialdemokratischer Seite gegründeten„Deutschen Schuhfabrik“ im benach⸗ barten Ilversgehofen ist ein Streik ausgebrochen. Die Veraulassung war folgende: Auf die Frage einer Arbeiterin, Was sollen wir denn ver⸗ dienen bei solchen Löhnen?“ erwiderte ein Werk⸗ führer:„Das kann mir gleich sein, und wenn Sie 3 Mark die Woche verdienen!“ Auf eine fernere Bemerkung des Mädchens wurde dieses sofort entlassen. Das gleiche Schicksal teilte der Schuhmacher Hecker, der als Mitglied des Fabrikausschusses sich der gemaßregelten Ar⸗ beiterin angenommen hatte. Infolge dieses Vorgehens der Fabrikleitung reichte das ge— sammte Personal bis auf wenige Arbeiter die Kündigung ein.“ Schon der erste Satz ist eine Lüge und eine bewußte gemeine Verdächtigung der sozial— demokratischen Partei. Es ist den Sozialdemo— kraten bisher niemals eingefallen, Schuh— oder andere Fabriken zu gründen, vielmehr hat der Parteitag von 1892 es den Parteigenossen ausdrücklich zur Pflicht gemacht, derartigen Gründungen entgegenzutreten und zu be⸗ kämpfen. Gegründet wurde die„Deutsche Schuh⸗ fabrik“ in Erfurt nicht von Sozialdemokraten, sondern von Arbeitern, welche infolge eines Streiks von nationalliberalen Unternehmern gemaßregelt worden waren, und die in ihrer Verzweiflung, um dem Hungertode zu entgehen, mit erborgtem Kapital diese Fabrik gründeten. Natürlich vermochten die besitzlosen Arbeiter mit ihrer Fabrik der Konkurrenz nationalliberaler Millionäre nicht lange stand zu halten, das Unternehmen verkrachte und ging in kapita⸗ listische Hände über. Schon seit zwei Jahren haben die eigentlichen Gründer der Fabrik mit dem Unternehmen nichts mehr zu schaffen. Die geschilderten Vorgänge mögen sich zugetragen haben, die„gutgesinnten“ Zeitungen sollten aber ehrlicherweise, allerdings, ehrlich und„gutge⸗ sinnt“— wie reimt sich das zusammen? hinzu⸗ fügen, daß nicht der Werkführer eines sozial⸗ demokratischen, sondern nationalliberalen Unternehmers es war, der ein solch durchaus verdammenswertes Benehmen gegenüber seinen Arbeitern und Arbeiterinnen beliebte. 3—————— Aus dem hessischen Arizona⸗ Kicker. * Ab und zu leistet sich das Organ des antisemitischen Abg. Köhler eine Glanz⸗ nummer. Es ist fast unglaublich, daß es Leute giebt, die an den meist dummen, oft ordinären Mätzchen, wie sie in jenem Blatt verzapft werden, Gefallen finden. Doch jeder nach seinem Ge— schmack. In Nr. 50 des Köhlerschen Blattes finden wir u. A. folgende Sätze: „Frankreich. Das Ministerium Reinach, wie das neue Schurken-Ministerium höhnisch genannt Wir?! „.... Bemerkenswert ist, daß ein Teil der So⸗ zialisten mit der Spitzbubenpolitik der Millerand, Jauréès, Rouaner und Kons., die die Spießgenossen der Volksbetrüger in Deutschland sind, nicht mitmachten....“ General Gallifet, so weiß das Köhler⸗ Blatt zu berichten, stammt von Juden ab. Einer seiner Vorfahren war ein Raubmörder.... „Bemerkenswert für diesen neuen Genossen der Bebel, Singer, Ulrich u. Komp. ist seine Grausam⸗ keit bei der Niederwerfung des Kommune-Auf⸗ standes. Daß Gallifet wie ein Scheusal gehaust hat bei der Niederwerfung der Kommune, ist be— kannt. Wie dieser Mensch aber zum Genossen Bebels geworden, bleibt das Geheimnis des Köhlerschen Blattes. In einem Artikel über die Organisation des hessischen Bauernstandes wird der Mainzer Zentrums⸗Abg. Schmidt„Judendemokrat“ genannt. Die„Frankf. Ztg.“ und unser Offenbacher Bruderorgan, das„Sozzenblatt“, gehören zur internationalen„Preßmeute“, weil sie das verfassungswidrige Verhalten der hessi⸗ schen Regierung, die keine jüdischen Juristen in Staatsdienst nimmt, festnagelten. „Mögen die Tröpfe winseln, die müssen ja so handeln, denn dafür werden sie ja von ihren Brod⸗ herren bezahlt“. Antisemiten reden von Tröpfen!— In einer Rede hat kürzlich der Kaiser das deutsche Volk„ein edles Vollblutpferd“ genannt. Daraufhin schrieb unser Münchener Parteiblatt, das deutsche Volk sei kein Vollblutfperd, „sondern ein müder, von den Scharfmachern und Weltpolitikern abgetriebener Gaul, der höchstens noch einmal wild wird, wenn ihm der Zunder einer Zucht⸗ hausvorlage unter den Schweif gelegt wird.“ Das wid in dem Organ des Abg. Köhler als„sozialdemokratische Gemeinheit“ bezeichnet. Nun vergleiche man die Auslassung des Münchener Blattes mit folgenden Zeilen, die im März d. J. im Organ des Abg. Köhler veröffentlicht wurden: „Indem ich den Veranstaltern der oben ange— führten Petitionen hiermit den herzlichsten Dauk des Bauernbundes abstatte, muß ich doch be⸗ merken, daß ich leider feststellen muß, daß wohl%ß„% unseres hessischen Bauernstandes noch dermaßen im Sumpf geistiger Oede zu stecken scheinen, indem sie sich nicht dazu entschließen können, aus jener geistigen Faulheit sich loszumachen, um auch mit den Anderen mutig und wacker gegen die unserem Bauernstande und unserem ganzeu Volke drohenden Ge⸗ fahren anzukämpfen. Weiter bitte ich, am Ende der weiter mir (nach Langsdorf) einzusendenden Petitionen mit Bleistift die Zahl der Unterzeichner anzu⸗ merken. Mit deutschem Gruß! Berlin im Reichstage, d. 17. März 1899. Der Vorsitzende des Mittel d. Bauernbundes. Köhler, Bürgermeister, Mitgl. d. Reichstags u. d. hess. Landtags.“ Das von uns fett gedruckte, ist im Köhler schen Blatt Sperrdruck. Nach dem Münchener Blatt ist das deutsche Volk nur einem„müden, abgetriebenen Gaul“ vergleich— bar. Das ist im Köhlerschen Blatt eine— sozialdemokratische Gemeinheit! Herr Köhler selbst aber erklärte, es schien ihm, daß: 9%„% des hessischen Bauernstandes noch im Sumpf geistiger Oede stecken, sich aus e Faulheit nicht losmachen können e. Das ist natürlich keine sozialdemokratische Gemeinheit, sondern eine— antisemitische Feinheit! Jedenfalls sieht nach der Köhler⸗ schen Schilderung ein„edles Vollblutpferd“ so abscheulich aus, daß uns der„abgetriebene Gaul“ der Münchener Post doch immer noch weit schneidiger erscheint. Wir wollen dann nur noch kurz feststellen, daß in derselben Nummer des Köhlerschen Organs der Magistrat der Stadt Frankfurt a. M. als Hausknecht des Judentums festgenagelt wird und wollen dann zum Knall⸗ effekt der Nr. 50 des Arizona-Kickers kommen, zu der Fortsetzung eines schon früher be⸗ 1 Artikels„Sozialismus und Juden⸗ thum“. a In diesem Artikel wird erzählt, daß mehr und mehr auch die„Pfahlbürger, kleine Rentner, die behäbig von ihren Ersparnissen leben“, immer nervöser, immer ängstlicher vor der an— wachsenden Sozialdemokratie würden und Angst vor dem„Teilen“ hätten. Dann wird pfiffig weiter erzählt: „Da ist es nun aber für den aufmerksamen Be⸗ obachter eine merkwürdige Erscheinung, daß von jüdischer Seite niemals Besorgnisse vor einer Aera laut werden, in der die„Roten“ das Heft in die Hand bekommen könnten“ Und warum haben die Juden keine Angst vor den Roten? Nun sehr einfach, wie der Arizona⸗Kicker durchblicken läßt. Natürlich stecken die Juden mit den Sozialdemokraten unter einer Decke. Selbstverständlich! Und wenn dereinst den kleinen Bauern, den Handwerksmeistern und Krämern die Schippen, Hobel, Sägen, Erbsen⸗ und Knoblauchsschubladen, die Käse⸗ und Schweineschmalz⸗Glasglocken weggenommen und „geteilt“ werden, dann teilen die Rothschild und Bleichröder sich mit den Roten in diese Schippen und Schubladen. Diese pfiffigen Kerle! So spekulieren diese Juden schon auf die Zu⸗ kunft. Mit den Sägen schneiden sie dann denen, die noch ebbes haben, die Hälse ab, in die Schubladen legen sie ihrer Gelder— hei, wird das ein flottes und genußreiches Leben! Aber man scheint im Arizona⸗Kicker noch lange nicht Alles zu wissen. Es scheint dort das Schandbarste noch unbekannt zu sein, näm⸗ lich, daß der„Teilungsplan“, der zwischen Rothschild und Bleichrö der einerseits und Bebel und Liebknechtandererseits seit Jahren vor Notar— man denke vor einem Notar!! So die Ortsgerichtsvorsteher ums Geld zu bringen!— vor Notar und Zeugen vereinbart und auf dem Langgönser Ortsgericht deponiert ist. Bis ins allerkleinste ist in diese n „Teilplan“ alles geregelt. Sogar die Bürger⸗ meister und Ortsgerichtsvorsteherposten sind schon„verteilt“. In Langsdorf soll— wir sind doch für Gleichberechtigung beider Geschlechter um und bug. Epiialee Folenns Herr Ab f erlicht Herrn 0 Vohustz melstel Vogelsbel shloschel foscheren Dre bell bb luuten: 3 So i die landt Teilplan des Bürt öder in Aufschütt Fnoblau ilcttürlich klatischer gesorgt. klecht werden, Million So, entlaste Köhler nun sei ö Die e zweiten g als der gierung Progessio Vermögen der Hund führung posttion zweite Ke Parade g lch gegen wird, so loch nich Etlaß sehenden Vesteueru Das habt über den Die Gaegenhe Alerleig unseren 0 Destnern uche „ fetigung gubgegt Nach lich pro! uf N ux nudsieuer fihnligst legten w shräntt er mi: ö anzu⸗ 800. undes, tags. löhler⸗ E nur cgleich— Ane J 5 ö schien ch im 0 s können lulshe tische Röhler⸗ 1“ so Gaul“ weit stellen, erschen inkfurt tums Knall⸗ men, er be⸗ Juden⸗ mehr iner, eben“, er an⸗ Augst pff gen Be⸗ aß bon er Aert in die »Augt ie del n er einel nt del 1 un Erben; 5 A0 nen Un b sschlb l die erke! 0 die 3% dem f —— —— Nr 28. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. D eme Frau das Szepter führen, für dort ist Frl. Rosalie Veilchenduft aus Jerusalem zur Bürgermeisterin bestimmt. Die Redaktion des Offenbacher Arizona⸗Kickers übernimmt, mit Rücksicht auf die Bedeutung dieses Weltblattes, Herr Rothschild selber. Postagent in Langsdorf wird Leopold Sonnemann aus Frankfurt a. M., den fetten Posten als Standesbeamter daselbst soll Herr Bankier Grünewald in Gießen haben. Erster Vorsitzender im Ziegenzuchtver⸗ in zu Langsdorf wird der arme Dreyfus aus Paris Der ehemalige Deutsch⸗Soziale, jetzt National⸗ Soziale Erdmannsdörffer in Marburg wird als Choleraspezialist auf den Karolinen stationiert. Herr Ahlwardt wird als Makler an eine neu zu errichtende Börse nach Galizien versetzt und Herru Hirschel soll als Schächtgehilfe ein Wohnsitz in Algier angewiesen werden. Bürger⸗ meister Köhler wird Rabbiner in Crainfeld im Vogelsberg und für Dr. Böckel soll im Roth⸗ schildschen Hause in Frankfurt ein Laden mit koscheren Rindswürstchen eingerichtet werden. Der bekannte antisemitische Schlachtruf Hepp hepp! und Heil heil! wird dann natürlich lauten: Heiß heiß!! So ist in dem Abkommen zwischen Juden⸗ tum und Sozialdemokratie für jedermann ge⸗ sorgt. Natürlich ist auch für das Land und die landwirtschaftlichen Geräte der Anbau- und Teilplan klüglich ausgearbeitet. Die Schippen des Bürgermeisters Köhler bekommt Herr Bleich⸗ röder in Berlin, der damit seine Geldhaufen aufschüttet. In der fruchtbaren Wetterau wird Knoblauch angepflanzt u. s. w. Am besten ist natürlich in dem Abkommen für die sozialdemo⸗ kratischen Abgeordneten, Redakteure und Redner gesorgt. Diejenigen, die nicht, wie Bebel, Lieb⸗ knecht und Auer, Präsidenten von Weltteilen werden, wird ein Jahresgehalt von je einer Million ausgeworfen...—.— So, nun haben wir unser schlechtes Gewissen entlastet und der Arizona-Kicker des Abg. Köhler kennt unsere finstersten Pläne und kann nun seine Maßnahmen danach treffen. Hessischer Landtag. Die Steuerreform hat nun die Durchberatung in der zweiten Kammer glücklich überstanden. Glücklich insofern, als der nach Beseitigung der Weinsteuer von der Re⸗ gierung neu zurecht geschusterte Reformplan: Erhöhte Progession der allgemeinen Einkommensteuer und ergänzende Vermögensteuer, daneben Erhöhung der Erschastssteuer, der Hundesteuer und der Stempelgebühren, sowie Ein⸗ führung einer Staatslotterie, in allen seinen Haupt⸗ position angenommen worden ist. Im einzelnen ist die zweite Kammer allerdings der Regierung arg in die Parade gefahren und da die erste Kammer sich vermut⸗ lich gegen einige Beschlüsse der Volksvertretung sperren wird, so läßt sich über das Schicksal der ganzen Reform noch nichts Bestimmtes sagen. Der Gedanke, den durch Erlaß eines Teils der direkten Steuern ent⸗ stehenden Ausfall auf dem Wege der indirekt en Besteuerung wieder einzubringen, war höchst unglückselig. Das haben insbesondere die viertägigen Verhandlungen über den neuen Steuertarif gezeigt. Die sozialdemotratische Fraktion fand vielfach Gelegenheit das Verkehrte und Ungerechte dieses Steuer⸗ Allerleis zu geißeln. Abg. Ulrich begründete treffend unseren prinzipiell ablehnenden Standpunkt aller indirekten Besteuerung. An einigen Punkten gelang es Ermäßigungen durchzusetzen, so wurde der Satz für behördliche Aus⸗ fertigungen, Abschriften ꝛc. von 1 Mark auf 50 Pfennige herabgezwungen. Nach Annahme der Fahrradsteuer(5 Mk. jähr⸗ lich pro Rad!) stimmten unsere Genossen für eine Steuer auf Luxuswagen und Reitpferde. Gegen die Fahr⸗ radsteuer sprachen die Abgg. Haas und David in aus⸗ führlichster Weise. Jedoch vergeblich! Die Bauernbündler legten wieder ein glänzendes Zeugnis ab von der Be⸗ schränktheit ihres sozialpolitischen Horizontes. Die moderne Entwicklung ist ihnen ein Greuel. Steuerfrei sind nur Gewerbetreibende und Lohnarbeiter, welche das Fahr⸗ rad als Transportmittel zur Arbeitsstelle benutzen, sofern ihr Einkommen jährlich 1500 Mk. nicht erreicht.“ Bei den Einkommen⸗ und Vermögenssteuern hatten unsere Genossen Steigerung der Progression bis zu 6 Prozent verlangt, das wurde aber abgelehnt. Ein Antrag Haas⸗Offenbach bis zu 5,03 Proz. zu gehen fand nach eifriger Befürwortung durch die Genossen Dr. David und Ulrich der sozialdemdkratische Antrag, auch bei der Vermögenssteuer 1 Mk. pro 1000 Mk. von Vermögen über 300 000 Mk. zu erheben. Die Regierung hatte nur 55 Pfg. verlangt. Der Antrag des Abg. Reinhardt, der für die drei untersten Steuerstufen (500-900 Mk.) eine bescheidene Steuerermäßigung verlangte und der von sozialdemokratischer Seite energischste Vertretung fand, scheiterte an dem „christlich-sozialen“ Abg. Weidner und seinen Freunden!— Schließlich leistete sich die Mehrheit der Kammer(Nationalliberale und einige Ultramontane) noch den Scherz, für einen von den natl. Abgg. Osann und Friedrich eingebrachten Antrag zu stimmen, wo⸗ nach für unverheiratete großjährige Einkommensteuer⸗ pflichtige der Steuersatz um/ erhöht werden kann. Stimmt die erste Kammer zu, dann erhalten wir also Junggesellensteuer Wir überlassen den National⸗ liberalen neidlos das Verdienst, diese bahnbrechende That vollbracht zu haben.— Der Gesetzentwurf betr. die Feuerbestattung fand Annahme. Es kann also der Offenbacher Leichenver⸗ brennungsofen in Betrieb genommen werden. Donnerstagssitzung. In einer großen Geschäfts⸗ ordnungsdebatte wurde dem antisemitischen Abg. Köhler⸗Langsdorf eine sehr mangelhafte Be⸗ teiligung an den Ausschußberatungen vorge⸗ worfen. Der Abg. Köhler⸗Langsdorf zieht sich bei der Zurückweisung dieses Vorwurfes, der von sämt⸗ lichen Aus schuß mitgliedern bestätigt wird, zwei Ordnungsrufe zu. Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 8. Juli: Arb.⸗Bild.⸗Verein Gießen. Abends 9 Uhr bei Orbig: Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Bericht über den Kongreß für Volksvorlesungen zu Frankfurt a. M. Ref. Orbig. 2. Bericht der Gewerk⸗ schaftsvorstände, betr. Streikfond. 3. Stellungnahme zur Gewerbegerichtswahl. 4. Verschiedenes. Letzte Nachrichten. Berlin, 6. Juli. Das Herrenhaus sprach mit 72 gegen 22 Stimmen sein Ein ver⸗ ständnis mit der Zuchthausvorlage aus. An⸗ tragsteller der Zustimmungs-Erklärung waren 1 Fürst, 17 Grafen, 5 Barone und 13 Herren „von“, also gewöhnliche Junker. Budapest, 6. Juli. Mehrere Blätter veröffentlichen Belgrader Meldungen über den Ausbruch einer Revolution in Sofia. Sie sprechen von großen Straßenunruhen und der Flucht des Fürsten Ferdinand. Belgrad, 6. Juli. Ein Buchdrucker schoß auf König Milan(den Vater des jetzigen Königs) viermal, als er aus der Festung fuhr. Dem Adjutanten Lukitsch wurde die Hand durch- schossen, während König Milan nur die Uniform gestreift wurde. Wien, 6. Juli. Trotz strömenden Regens fand zwischen 7 und 8 Uhr Abends eine De⸗ monstrationsparade von mehr als 12000 Arbeitern auf der Ringstraße, von der Oper bis zur Gartenbaugesellschaft, statt. Die Demon⸗ stranten brachen in Pfui- und Nieder⸗Rufe auf den Antisemiten Lueger als Wahlrechts⸗ räuber aus. Auf der Ringstraße erfolgten 45 Verhaftungen. Auch der Arbeiterführer Dr. Adler, der Herausgeber der„Arbeiter⸗ Zeitung“, Bretschneider, und der verantwortliche Redakteur der„Arbeiter-Zeitung“ wurden ver⸗ haftet. f Brüssel, 6. Juli. Die vereinigte Kammer⸗ linke veröffentlicht ein Manifest, in dem es heißt:„Bürger! Dank Eurer unbezwingbarer Energie hat die öffentliche Meinung einen glän⸗ zenden Sieg davon getragen. Der schändliche Wahlreform-Entwurf Vandenpeerebooms ist zurückgezogen. Der Versuch eines Staatsstreichs scheiterte elendiglich an der Erhebung des Landes. Marktbericht. Grünberg, im Juli. Am Markttage, 1. Juli, wurden auf dem hiesigen Frucht markte folgende Frucht: arten ꝛc. zu den beigesetzten Durchnittspreisen verkauft: 0 Doppel⸗Zentner(à 100 kg) Weizen zu 00,00 M., 11 D.⸗Z. Korn zu 15,80 Mark, 3 D.⸗Z Gerste zu 15,00 Mark, 12 D.⸗Z. Hafer zu 15,12 Mark, 0 D.⸗Z. Erbsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗Z. Linsen zu 00,00 Mark, 0 D.⸗4„ Samen zu 00.00 Mark, 50 D.⸗Z. Kartoffeln zu 4.66 Mark. PEPE Tb Unterhaltungs⸗Teil. . Abend. Von John Henry Mackay. Auf daß ich morgen Am Platze steh' Und in den Mühen Nicht untergeh'—— Bis einst ein Abend, Ein letzter, naht— Der schenkt Vollenden Der Lebensthat! — Wohin, Gedanke, Verlierst du dich d Noch treibt das Leben, Das strenge, mich; Doch jetzt ist's Abend, Jetzt darf ich ruh'n, Die Hände brauchen Nichts mehr zu thun. Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. Nun ist es Abend, Nun darf ich ruh'n, Die Hände brauchen Nichts mehr zu thun. Ich sitze sinnend Vor meinem Haus. Das müde Auge Fliegt weit hinaus. Doch der Gedanke Fliegt weiter noch, Leicht von sich streifend Des Tages Joch. Er sucht da draußen Sich neue Gluth, Flößt heimwärts kehrend In's Herz mir Mut. Vorbemerkung. Warum bringen wir diesmal den Lesern keine„moderne“ Geschichte? Wir antworten mit den Worten eines bekannten Gelehrten:„Die bürger⸗ liche Kunst will von den Leiden der benachteiligten Volksschichten nichts wissen, sie geht solchen häßlichen Stoffen sorgsam aus dem Wege, es giebt ja so viele andere„unverfängliche“ Themen, wozu also zur sozialen Frage schweifen, liegt das Gute doch so nah und ist doch der kleinste Ehebruch so ungleich„menschlich interessanter“ als der schlimmste Rechtsbruch. Ein schlimmer, ungeheuerlicher Rechtsbruch ist es aber, den Heinrich von Kleist, einer der kraft⸗ vollsten deutschen Schriftsteller(1777— 1811) in seinem „Michael Kohlhaas“ dargestellt hat, einem Werke, das in unserer ganzen Litteratur nicht seines Gleichen findet, Die Grundthatsachen der Erzählung sind durchaus ge⸗ schichtlich beglaubigt und wahr. Doch hat Kleist eine Reihe von Umständen erfunden, durch die der Zu⸗ sammenhang der Erzählung straffer, die Steigerung der Erbitterung in Kohlhaas' Inneren deutlicher und ge⸗ waltiger wird. Namentlich ist es der Tod der Frau, der die Verdüsterung seines Seelenzustandes erklären soll, während in Wirklichkeit seine Frau ihn überlebte und noch nach seiner Hinrichtung, da ihr in Berlin niemand Obdach gewähren durfte, in die äußerste Not kam und tote Zwillinge gebar. Auch ist Kohlhaas selbst nicht enthauptet, sondern der barbarischen Rechtsordnung seiner Zeit entsprechend samt seinem Gesellen Nagelschmied zum Tode gerädert worden. Und nun noch eine Bemerkung zur Sache selbst. Es ist die alte Geschichte, die auch in unserer Zeit der „himmelschreienden Rechtspflege“, von der jüngst im Reichstage die Rede war, in einer Zeit, wo dem Recht noch gar zu oft eine wächserne Nase gedreht wird, wenn es sich nämlich um das Recht des gewöhnlichen Mannes oder das Unrecht des hochgestellten Herrn handelt—, noch neu und beherzigenswert ist. Wie oft hört man über den„Verbrecher“ so leichtsinnig aburteilen und zur Erklärung seiner Schandthaten seinen„sündhaften Trieb“, seine„angeborene Schlechtigkeit“ und dergleichen anführen! Wie oft aber ist in Wirklichkeit ein durchaus tüchtiger Mensch zum Verbrecher d. h. zum Verüber von Unrecht geworden, weil er selbst anfänglich sein Recht nicht ere halten, sondern bitteres Unrecht erlitten hat! Gerad⸗ die einfachen Leute tragen oft ein sehr starkes und em⸗ pfindliches Rechtsgefühl in der Brust. Wehe der Zeit, die dieses Rechtsbewußtsein des schlichten Mannes gering⸗ schätzt und kränkt! Sie zieht sich ihre großen Verbrecher selbst auf! Und die Selbsthilfe zu der der Mangel an Gerechtigkeit in einem Staate führt, ist menschlich be⸗ greifbar und zu verstehen, so wenig man weitere Ver⸗ brecher, die sich daran anschließen, entschuldigen kann. Aber gar mancher sitzt auch noch heute im Gefängnis und im Zuchthaus, der auf die schiefe Bahn des Ver⸗ brechens nur deshalb geraten ist, weil ihm der Staat und die Gesellschaft in einem ersten Falle das Recht nicht gewährte, das ihm zustand.„Die Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten“ sagt ein altes lateinisches Sprichwort, d. h. der Staat, der Unrecht duldet, und die Gesellschaft, die Unrecht zufügt, können auf die Dauer nicht bestehen. Red. d. M. S.⸗Ztg. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 28. An den Ufern der Hafel lebte um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts ein Roßhändler Namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schul⸗ meisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.— Dieser außerordentliche Mann würde bis ins sein dreißig⸗ stes Jahr für das Muster eines guten Staats⸗ bürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht Einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohlthätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein An⸗ denken haben segnen müssen, wenn er in seiner Jugend nicht aus geschweift hätte. Das Rechts⸗ 1 5 aber machte ihn zum Räuber und Mör— 6 Er ritt einst, mit einem Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und glänzend, in's Ausland, und überschlug eben wie er den Gewinnst, den er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils nach Art guter Wirthe auf neuen Gewinnst, teils aber auch auf den Genuß der Gegenwart; als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritter⸗ burg, auf sächsischem Gebiete einen Schlagbaum traf, den er sonust auf diesem Wege nicht ge⸗ funden hatte. Er hielt in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief den Schlagwärter, der auch bald darauf mit einem grämlichen Gesicht aus dem Fenster sah. Der Roßhändler sagte, daß er ihm öffnen solle. Was gibts hier Neues? fragte er, da der Zöllner nach einer geraumen Zeit aus dem Hause trat. Landesherrliches Privilegium, antwortete dieser, indem er auf— schloß: dem Junker Wenzel von Tronka ver⸗ liehen.— So, sagte Kohlhaas. Wenzel heißt der Junker? und sah sich das Schloß an, das mit glänzenden Zinnen über das Feld blickte. Ist der alte Herr tot?— Am Schlagfluß gestorben, erwiderte der Zöllner, indem er den Baum in die Höhe ließ.— Hm! Schade ver— setze Kohlhaas. Ein würdiger alter Herr, der seine Freude am Verkehr der Menschen hatte, Handel und Wandel, wo er nur vermochte, forthalf, und einen Steindamm einst bauen ließ, weil mir eine Stute, draußen, wo der Weg in's Dorf geht, das Bein gebrochen. Nun! Was bin ich schuldig?— fragte er; und holte die Groschen, die der Zollwärter verlangte, mühselig unter dem im Winde flatternden Mantel hervor.„Ja, Alter,“ setzte er noch hinzu, da dieser: hurtig! hurtig! murmelte, und über die Witterung fluchte:„wenn der Baum im Walde stehen geblieben wäre, wärs besser gewesen, für mich und euch;“ und damit gab er ihm das Geld und wollte reiten. Er war aber noch kaum unter den Schlag— baum gekommen, als eine neue Stimme schon: halt dort, der Roßkamm! hinter ihm vom Thurm erscholl, und er den Burgvoigt ein Fenster zuwerfen und zu ihm herabeilen sah. Nun, was gibts Neues? fragte Kohlhaas bei sich selbst, und hielt mit den Pferden an. Der Burgvoigt, indem er sich noch eine Weste über seinen weitläufigen Leib zuknöpfte, kam, und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach dem Paßschein.— Kohlhaas fragte: der Paß⸗ schein? Er sagte, ein wenig betreten, daß er, so viel er wisse, keinen habe; daß man ihm aber nur beschreiben möchte, was dies für ein Ding des Herrn sei: so werde er vielleicht zufälliger⸗ weise damit versehen sein. Der Schloßvoigt, indem er ihn von der Seite ansah, versetzte, daß ohne einen landesherrlichen Erlaubnißschein kein Roßkamm mit Pferden über die Grenze gelassen würde. Der Roßkamm versicherte, daß er siebzehn Mal in seinem Leben, ohne einen solchen Schein, über die Grenze gezogen sei; daß er alle landesherrlichen Verfügungen, die sein Gewerbe angingen, genau kenne; daß dies wohl nur ein Irrtum sein würde, wegen dessen er sich zu bedenken bitte, und daß man ihn, da seine Tagereise lang sei, nicht länger un⸗ nützer Weise hier aufhalten möge. Doch der Voigt erwiderte, daß er das achtzehnte Mal nicht durchschlüpfen würde, daß die Verordnung deshalb erst neuerlich erschienen wäre und daß er entweder den Paßschein noch hier lösen, oder zurückkehren müsse, wo er hereingekommen sei. Der Roßhändler, den diese ungesetzlichen Er⸗ pressungen zu erbittern anfingen, stieg nach einer kurzen Besinnung vom Pferde, gab es einem Knecht, und sagte, daß er den Junker von Tronka selbst darüber sprechen würde. Er ging auch auf die Burg; der Voigt folgte ihm, indem er von filzigen Geldraffern und nützlichen Ader⸗ lässen derselben murmelte; und beide traten, 810 1 Blicken einander messend, in den aal. Es traf sich, daß der Junker eben mit einigen muntern Freunden beim Becher saß, und um eines Schwanks willen ein unendliches Gelächter unter ihnen erscholl, als Kohlhaas, um seine Beschwerde anzubringen, sich ihm näherte. Der Junker fragte, was er wolle; die Ritter, als sie den fremden Mann erblickten, wurden still; doch kaum hatte dieser sein Gesuch, die Pferde be⸗ treffend, angefangen, als der ganze Troß schon: Pferde? Wo sind sie? ausrief, und an die Fenster eilte, um sie zu betrachten. Sie flogen, da sie die glänzende Koppel sahen, auf den Vorschlag des Junkers in den Hof hinab; der Regen hatte aufgehört; Schloßvoigt und Verwalter und Knecht versammelten sich um sie, und alle musterten die Tiere. Der eine lobte den Schweiß⸗ fuchs mit der Blesse, dem andern gefiel der Kastanienbraune, der Dritte streichelte den Schecken mit schwarzgelben Flecken; und Alle meinten, daß die Pferde wie Hirsche wären, und im Lande keine bessern gezogen würden. Kohlhaas erwiderte munter, daß die Pferde nicht besser wären, als die Ritter, die sie reiten sollten; und forderte sie auf zu kaufen. Der Junker, den der mächtige Schweißhengst sehr reizte, befragte ihn auch um den Preis; der Verwalter lag ihm an, ein Paar Rappen zu kaufen, die er wegen Pferdemangels in der Wirtschaft gebrauchen zu können glaubte; doch als der Roßkamm sich erklärt hatte, fanden die Ritter ihn zu theuer, und der Junker sagte, daß er nach der Tafelrunde reiten und sich den König Arthur aufsuchen müsse, wenn er die Pferde so anschlage. Kohlhaas, der den Schloßvoigt und den Verwalter, indem sie sprechende Blicke auf die Rappen warfen, mit einander flüstern sah, ließ es aus einer dunklen Vorahndung an nichts fehlen, die Pferde an sie los zu werden. Er sagte zum Junker:„Herr, die Rappen habe ich vor sechs Monaten für 25 Goldgülden gekauft; gebt mir 30, so sollt ihr sie haben.“ Zwei Ritter, die neben Junker standen, äußerten nicht undeutlich, daß die Pferde wohl so viel wert wären; doch der Junker meinte, daß er für den Schweißfuchs wohl, aber nicht eben für die Rappen, Geld ausgeben möchte, und machte Anstalten aufzubrechen; worauf Kohlhaas sagte, er würde vielleicht das nächste Mal, wenn er wieder mit seinen Gäulen durchzöge, einen Handel mit ihm machen; sich dem Junker empfahl, und die Zügel seines Pferdes ergriff, um abzureiten. In diesem Augenblick trat der Schloßvoigt aus dem Haufen vor, und sagte, er höre, daß er ohne einen Paßschein nicht reisen dürfe. Kohlhaas wandte sich und fragte den Junker, ob es denn mit diesem Umstand, der sein ganzes Gewerbe zerstöre, in der That seine Richtigkeit habe? Der Junker antwortete, mit einem ver⸗ legenen Gesicht, indem er abging: ja, Kohlhaas den Paß mußt du lösen. Sprich mit dem Schloßvoigt, und zieh deiner Wege. Kohlhaas versicherte ihn, daß es gar nicht seine Absicht sei, die Verordnungen, die wegen Ausführung der Pferde bestehen möchten, zu umgehen; ver⸗ sprach bei seinem Durchzug durch Dresden den Paß in der Geheimschreiberei zu lösen, und bat ihn nur diesmal, da er von dieser Forde⸗ rung durchaus nichts gewußt, ziehen zu lassen. Nun! sprach der Junker, da eben das Wetter wieder zu stürmen anfing, und seine dürren Glieder durchsauste: laßt den Schlucker laufen. Kommt! sagte er zu den Rittern, kehrte sich um, und wollte nach dem Schloße gehen. Der Schloßvoigt sagte, zum Junker gewandt, daß er wenigstens ein Pfand, zur Sicherheit, daß er den Schein lösen würde, zurücklaͤssen müsse. Der Junker blieb wieder unter dem Schloßthor stehen. Kohlhaas fragte, welchen Werth er denn, an Geld oder an Sachen zum Pfande wegen der Rappen zurücklassen solle? Der Verwalter meinte, in den Bart murmelnd, er könne ja die Rappen selbst zurücklassen. Allerdings, sagte der Schloßvoigt, das ist das Zweckmäßigste; ist der Paß gelöst, so kann er sie zu jeder Zeit wieder abholen. Kohlhaas, über eine so un⸗ verschämte Forderung betreten, sagte dem Junker, der sich die Wamsschöße frierend vor den Leib hielt, daß er die Rappen ja verkaufen wolle; doch dieser, da in demselben Augenblick ein Windstoß eine ganze Last von Regen und Hagel durch's Thor jagte, rief, um der Sache ein Ende zu machen: wenn er die Pferde nicht loslassen will, so schmeißt ihn wieder über den Schlagbaum zurück; und ging ab. Der Roßkamm, der wohl sah, daß er hier der Gewalthätigkeit weichen mußte, entschloß sich die Forderung, weil doch nichts anders übrig blieb, zu erfüllen; spannte die Rappen aus, und führte sie in einen Stall, den ihm der Schloß⸗ voigt anwies. Er ließ einen Knecht bei ihnen zurück, versah ihn mit Geld, ermahnte ihn die Pferde bis zu seiner Zurückkunft wohl in Acht zu nehmen, und setzte seine Reise mit dem Rest der Koppel, halb und halb ungewiß, ob nicht doch wohl wegen aufkeimender Pferdezucht ein solches Gebot im Sächsischen erschienen sein könne, nach Leipzig, wo er auf die Messe wollte, ort. In Dresden, wo er in einer der Vorstädte der Stadt ein Haus mit einigen Ställen besaß, weil er von hier aus seinen Handel auf den kleineren Märkten des Landes zu bestreiten pflegte, begab er sich gleich nach seiner Ankuaft auf die Geheim schreiberei, wo er von den Räten, deren er einige kannte, erfuhr, was ihm aller⸗ dings sein erster Glaube schon gesagt hatte, daß die Geschichte von dem Paßschein ein Mährchen sei. Kohlhaas, dem die mißvergnügten Räte auf sein Ansuchen einen schriftlichen Schein über den Ungrund derselben gaben, lächelte über den Witz des dürren Junkers, obschon er noch nicht recht einsah, was er damit bezwecken mochte; und die Koppel der Pferde, die er bei sich führte, einige Wochen darauf zu seiner Zufriedenheit verkauft, kehrte er, ohne irgend weiter ein bitteres Gefühl, als das der allge— meinen Not der Welt, zur Tronkenburg zurück. Der Schloßvoigt, dem er den Schein zeigte, ließ sich nicht weiter darüber aus, und sagte auf die Frage des Roßkamms, ob er die Pferde jetzt wieder bekommen könne: er möchte nur hinunter gehen und sie holen. Kohlhaas haste aber schon, da er über den Hof ging, den unangenehmen Auftritt zu erfahren, daß sein Knecht, unge⸗ bührlichen Betragens halber, wie es hieß, wenige Tage nach dessen Zurücklassung in der Tronkenburg, zerprügelt und weggejagt worden sei. Er fragte den Jungen, der ihm diese Nachricht gab, was deun derselbe gethan? und wer währenddessen die Pferde besorgt hätte? worauf dieser aber erwiderte, er wisse es nicht, und darauf dem Roßkamm, dem das Herz schon von Ahnungen schwoll, den Stall, in welchm sie standen, öffnete. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, statt seiner zwei wohlgenährten Rappen, ein Paar dürre, abgehärmte Mähren erblickte; Knochen, denen man, wie Riegeln, hätte Sachen aufhängen können; Mähne und Haare ohne Wartung und Pflege zusfammen⸗ geknetet: das wahre Bild des Elends im Tier- reiche! Kohlhaas, den die Pferde mit einer schwachen Bewegung anwieherten, war auf das Aeßerste entrüstet, und fragte, was seinen Gäulen widerfahren wäre? Der Junge, der bei ihm stand, antwortete, daß ihnen weiter kein Unglück zugestoßen wäre, daß sie auch das gehbrige Futter bekommen hätten, daß sie aber, da ge⸗ rade Ernte gewesen sei, wegen Mangels an Zuchtvieh, ein wenig auf den Feldern gebraucht worden wären.(Fortsetzung folgt.) Sprüche zur Lebensweisheit. Ein Friedensbund ist eine Art von Sieg, Wo keide Teile rühmlich unterliegen, Und kein Teil was verliert.— Mustern pft indi . Nanns“ Gezwi enn Nonns“ in Leine Loden 2 Furkin. Hosen Kammg. Mann das ne. schönste Kammg. 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