6. Jahrg. Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Redaktion: —. 2. Gießen, Sonntag, den 8. Januar 1899. jacht. Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 1 Mitteldeutsche 5 utags⸗Zeitu 5 N 0 88 g Abounementspreis: Bestellungen Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespakt Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg.] dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesten Durch die Po st bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch][ Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und mal. Bestellung gewähren wir 250%, bei 6mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 43 12a.) 33½0/ und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50% Rabatt. aren, lipse, e. bei 2. lte Marel ch Maß b billig. lr. 34. — . dungs“, bungs⸗, wunsch⸗ und ns arten. — — en süt nt lt., schisten und schüren, alt eit. vorsicht beim Abschlußz von Versicherungen. 8. Ein Gesetzentwurf über die privaten Versicherungsunternehmungen soll eine Lücke der Gesetzgebung ausfüllen, die sich immer nachteiliger fühlbar machte. Das wesentliche des Entwurfs ist das Prinzip der Staatsaufsicht über die Versicherungs⸗ anstalten und das Konzessionssystem als Grundlage der Regelung. Als aufsichtsführende Reichsbehörde soll ein„Kaiserliches Privat⸗Ver⸗ sicherungsamt“ mit dem Sitz in Berlin ernannt werden. Die Aufsicht ist so gedacht, daß sie nicht lediglich die Einhaltung der durch Reichs⸗ gesetz und Satzungen gegebenen Bestimmungen überwachen, sondern das Entstehen solcher Anstalten hindern soll, die von vornherein des Vertrauens un würdig erscheinen; ferner soll bei allen zugelassenen Anstalten fort⸗ laufend der gesamte Geschäftsbetrieb im Auge behalten und darüber gewacht werden, daß von dem genehmigten Geschäftsplan nicht abgewichen wird und in der Geschäftsführung keine Miß⸗ bräuche Platz greifen. Wer das private Versicherungswesen einiger⸗ maßen kennt, wird nicht in Abrede stellen, daß es, wie alles, was kapitalistisch betrieben wird, mit manchem faulen Fleck und wunden Punkt behaftet ist. Dahin gehört vor allem die Art der Akquisition(Gewinnung von Mitgliedern) mittels Inspektoren und Agenten. Beide Kategorien unterscheiden sich in der Regel so, daß die Agenten von der Gesellschaft gar keinen Gehalt beziehen, sondern lediglich auf die Provision aus der gemachten Akquisition an⸗ gewiesen sind, während die Inspektoren daneben auch ein Fixum haben und außerdem ein Prozentsatz der Prämien vom Inkasso ihnen zufließt. Unter den Agenten selbst sind wieder solche zu unterscheiden, welche die Akquisition bloß nebenher betreiben, und eigentliche Berufsagenten. Die letzteren rekrutieren sich großenteils aus schiffbrüchigen Existenzen, denen die Treibjagd für eine Versicherungsgesell⸗ schaft die letzte Zuflucht ist, etwas zu verdienen. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Reiseonkels, die nur in einem beschränkten Personenkreis„ar⸗ beiten“ können, ist ja für die Versicherungs⸗ agenten jedermann jagdbares Wild. Es ist ganz natürlich, daß die allein von der Provision neu„gewonnener“ Mitglieder lebenden Agenten nicht allein„mit allen Malicen“ ihr Metier betreiben und aufdringlich sind wie Schmeißfliegen, sondern daß manche auch recht wenig skrupulös sind in ihrem Gebahren, indem sie mit zweideutigen oder auch eindeutigen Worten 2 nicht vorhandene Vorteile vorspiegeln und ie Nachteile verschweigen oder möglichst ver⸗ tuschen. Außerdem aber werden durch sie nicht selten Personen zum Beitritt überredet, die leicht in die Lage kommen, die eingegangene Ver⸗ * nämlich die pünktliche Bezahlung der Prämie, auf die Dauer nicht einhalten zu können, was zur Folge hat, daß sie der eingezahlten Summen wo nicht ganz, so doch teilweise ver⸗ lustig gehen.“ Gewisse Versicherungsanstalten haben beson⸗ ders die Arbeiterkreise auf's Korn ge⸗ nommen. Wie sie es anpreisen, schilderte kürzlich ein süddeutsches Blatt: Arbeiter und Angestellte werden von den Agenten in den Wirtschaften aufgesucht, wo sie öfters einkehren. Der Wirt, einzelne Stammgäste, sowie Freunde dessen, der angeworben werden soll, werden vorher ersucht, bei der Ueberredung mitzuhelfen, und so wird der Betreffende endlich dazu gebracht, eine Ver⸗ sicherung einzugehen. Kommt nun ein derartig Versicherter anderen Tages zu der Ueberzeugung, daß er nicht halten kann, was er unterschrieben, und geht zum Agenten, um die Sache rückgängig zu machen, so wird ihm gesagt, er könne nicht mehr zurücknehmen, was er unterschrieben habe, und müsse im Falle des Verzichtes auf die Ver⸗ sicherung eine Jahresprämie bezahlen. Und wirklich wird er, wenn er es auf gericht⸗ liche Klage ankommen läßt, aufgrund einer Stelle des gedruckten Teils der Deklaration zur Zahlung verurteilt.— Auch der Kniff wird angewendet, daß die Generalagenten und Inspektoren beson⸗ ders in Arbeiterkreisen bekannte Persönlichkeiten als ihre Unteragenten anzustellen suchen, mit dem Versprechen eines Anteils der Provision für jeden„zur Strecke Gebrachten“. Die betreffende Persönlichkeit läßt sich wohl selbst von der Zungenfertigkeit des Agenten einreden, daß er zum Besten der Angeworbenen handle. Eine Gesellschaft, die namentlich in sogen. Volksversicherung macht, hat sogar einen regel⸗ rechten Fangplan herausgegeben, den sie an⸗ scheinend wohl nur an diejenigen ihrer Agenten verausgabte, die nicht„gerissen“ genug erschienen. In diesem Fangplan wird genau geschildert, wie's„gemacht“ werden muß. Alle Arten Zwiegespräche sind skizziert, in denen natürlich der Agent dem zu Fangenden immer klipp und klar beweist, daß er als ver⸗ nünftiger Mensch unbedingt sich oder die Seinen versichern muß. Ja, es werden sogar in diesen Verhaltungsmaßregeln Fingerzeige gegeben, wie man am besten mit Frauen anbandeln kann. Das soll am leichtesten sein, wenn die Agenten zunächst sich bei den Kindern anfreunden, denen sie Zuckerwerk spendieren sollen u. s. w Es ist daraus zu ersehen, daß mit gar ge⸗ fährlichen Waffen den geringen Leuten zu Leibe gerückt wird— Wir sind nun der Meinung, daß Arbeiter, die keine andere Einnahme haben als ihren kärglichen Arbeitslohn, und niemals sicher sind, entlassen und auf wer weiß wie lange beschäftigungslos zu werden, gut thun, sich jeden Versicherungsagenten, der sie anzuwerben kommt, zehn Schritte vom Leibe zu halten, auch wenn sie momentan einen besseren Verdienst haben, der ihnen die Zahlung der Prämie ermöglicht; denn wie leicht kommen sie in eine andere Lage und dann können sie die Prämie nicht mehr zahlen und das Ein⸗ gezahlte ist ganz oder zum Teil verloren. Arbeiter, die imstande sind, etwas zurückzulegen, fahren unstreitig weit besser, wenn sie das Er⸗ übrigte in Sparkassen anlegen. Den armen Teufeln von Agenten darf man für unsaubere Manipulation nicht die Hauptschuld beimessen. Diese fällt gewöhnlich den Gesell⸗ schaften resp. den Verwaltungen zur Last, die genau wissen,„wie's gemacht wird“, und die es sich gefallen lassen, aber die Hände in Unschuld waschen, wenn man ihnen Vorwürfe macht. Wohl weisen sie darauf hin, daß die Agenten verpflichtet sind, die Versicherungsnehmer vor Unterschrift des Vertrags auf die Eventualitäten aufmerksam zu machen. Sie wissen aber auch recht gut, wie leicht es provisionshungrigen Agenten gelingt, alle Bedenken unerfahrener Personen hinwegzuschwatzen und zur leichtfertigen Unterschrift des Versicherungsvertrags zu über⸗ reden. Also Vorsicht! Politische Bundschau. * Gießen, den 6. Januar. Ihr zehnjähriges Jubiläum feierte am Jahresschluß die Sozialdemokratie Oesterreichs in ihrer jetzigen Gestalt. Nachdem die Masse der österreichischen Arbeiter sich dem Banne anarchistischer Lehren entzogen hatte, traten am 30 Dezember 1888 in Hain⸗ feld 110 österreichische Parteigenossen zusammen und legten den Grund zu der bestehenden Or⸗ ganisation der Arbeiterpartei Oesterreichs. Wir beglückwünschen die Bruderpartei zu dem Mut und der Thatkraft, welche sie in ununter⸗ brochenem Kampfe bewiesen hat und wir werden als treue Kameraden allezeit zu ihr stehen,„als wär's ein Stück von uns.— Sozialdemokratie und Agrarfrage. Die seit längerer Zeit angekündigte Schrift Kautskys, betitelt:„Die Agrarfrage. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirtschaft und die Agrarpolitik der Sozial⸗ demokratie“ ist jetzt als ein stattlicher Band von 455 Seiten im Verlage von J. H. W. Dietz in Stuttgart erschienen. Wir werden das Werk Kautskys in der„Mitteld. S.⸗Ztg.“ eingehend würdigen. Allerdings kann das nicht von heute auf morgen geschehen. Ein fünfthalb Hundert Seiten starkes Werk, das eine solch große Fülle von Material bietet, läßt sich nicht im Hand⸗ umdrehen bewältigen. Unsere Gegner sind in dieser Beziehung allerdings weit flinker als wir. Kaum ist der Titel des Werkes bekannt, kaum hat der„Vorwärts“ einige Zitate veröffent⸗ licht, da wissen die neunmal weisen Sozialisten⸗ fresser schon den Stab über die fleißige Arbeit unseres Genossen Kautsky zu brechen.— So täuschen sich die Schlauköpfe stets selbst, stecken den Kopf in den Sand und— wundern sich bei jeder neuen Wahl, wo all die vielen sozial⸗ demokratischen Stimmen herkommen. Warum haben wir Sozialdemokraten so außerordentlich große Erfolge aufzuweisen? Weil wir uns befleißigen, unsere Gegner genau zu stu⸗ dieren und sie dann aufgrund unserer erwor⸗ benen Kenntnisse dort packen, wo sie am leichtesten verwundbar sind. Unsere Gegner machen es umgekehrt. Sie warnen vor dem Studium der Sozialdemokratie, lernen uns nie kennen und bekämpfen uns dann so, wie wir— gar nicht sind. Zunächst also etwas lernen, ehe ihr uns am Zeug flicken wollt. Allerdings ist's dann, wenn die Gegner gelernt Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. meist mit der Gegner⸗ Fd und begriffen haben, daß die Sozial⸗ 17— aus. Dann sehen sie ein, emokratie recht hat. „Gauner“ auf der Landagitation. Katholische Blätter teilen den Satz aus Kautskys neuem Buch über die Agrarfrage mit: „Die Sozialdemokratie kann den Bauern nicht den Schutz des bäuerlichen Eigentums gewähren, das gerade die Hauptursache der Verelendung der Bauern ist“. Aber statt„Verelendung“ sagen die Blätter„Verblendung“, wodurch der Sinn des Satzes völlig gefälscht wird. Ob hier ein bloßer Druckfehler vorliegt oder eine „Gauncrei“, möge unentschieden bleiben. Für absichtsvolle Fälschung spricht der wei⸗ tere Wortlaut der katholischen Auslassung. Bei der letzten Wahl, behauptet dieselbe, hätten die Agitatoren der Sozialdemokratie die Landwirte dadurch zu ködern gesucht, daß sie die Grund⸗ lehre betreffs Kollektivismus einfach auf den Kopf stellen und vorspiegeln wollten, auch im „Zukunftsstaat“ könne ausnahmsweise den Land⸗ wirten das Privateigentum an ihrem Grund und Boden belassen werden, Schutzzölle könnten Platz reifen u. s. w.„Es ist eine Gaunerei, welche de Sozialdemokratie mit ihrer Agitation be⸗ treibt.“— Nun ist es nicht nur eine Gaunerei, sondern auch eine Dummheit, welche die bigotten Vlätter des Katholizismus mit diesen Ausführungen produzieren. Unsere Agitatoren haben weder Schutzzölle noch Erhaltung des Privateigentums an Grund und Boden ver⸗ sprochen. Wohl aber haben sie erklärt, daß von einer zwangsweisen Enteignung des Kleinbauerntums keine Rede sein könne, daß vielmehr mit Sicherheit anzunehmen sei, die Kleinbauern, sobald sie die blühende Entwickelung der genossenschaftlichen Großbetriebe der Landwirtschaft vor Augen sehen, würden aus freiem Willen auf ihren Zwerg⸗ betrieb verzichten. Diesen selben Gedanken führt gerade auch Kautsky in seinem neuen Buche aus. Nein— die„Gauner“ stecken anderswo. Gauner sind jene Agstatoren, die den Klein⸗ bauern vorgaukeln, es solle ihnen durch allerlei kleine Maßregeln des heutigen kapitalistisch⸗ militärischen Staates das kleine Eigentum immer eeinträglicher gemacht, das Leben verbessert werden. Gauner sind jene Leute, die dem kleinen Land⸗ mann Hilfe versprechen und dem Großgrundbesitzer allerlei Entgegenkommen erweisen. Gauner sind Parteipolitiker, die sich Bauernfreunde nennen und durch Bewilligung von Militär⸗ und Marinevorlagen und Militärgesetzen den Bauer unter immer wachsender Steuerlast verschütten! Jardejeist als Kulturfaktor. In der„Deutschen Kolonial⸗Zeitung“ wird aus Swakopmund in Deutschsüdwestafrika gellagt, daß die Deutschen unter einander sich nur zu sehr von einander entfernt halten. Die erste Klasse verkehrt nur unter sich und in ihrem Kegelklub; die kleineren Angestellten bilden die zweite Klasse, die Handwerker die dritte. Nur der Kriegerverein war bisher international, doch ziehen sich jetzt auch hier die höheren Chargen zurück. Also bewahrt das reichs⸗ preußische Chinesentum seine ganze Hold⸗ seligkeit auch in„unsern“ Kolonien. Aeh— äh! Vom Magdeburger Kriegsschauplatz. m. Der heißeste Boden für die sozialdemo⸗ kratische Agitation ist zweifellos das vielum⸗ strittene Magdeburg. Allein unsere Genossen an der„Volksstimme“ mußten im Jahre 1898 über sich ergehen lassen: 65 richterliche und kommissarische Vernehmungen; vor dem Schöffen⸗ gericht standen 6 Genossen zusammen 14 mal, vor der Strafkammer 6 Genossen 34 mal, das Reichs⸗ gericht wurde in 14 Fällen angerufen, 2 mal mit Erfolg, vor dem Kammergericht fand 1 Termin statt. Ergebnis 15 Freisprechungen, 34 Verur⸗ teilungen. Und zu all diesen Verfolgungen und Verurteilungen kommen noch die Maßnahmen gegen die Buchhandlung der Volksstimme, die syste⸗ matisch betriebene Vertreibung des Volksstimme aus öffentlichen Lokalen, die Einschüchterung der Inserenten, kommt endlich die große Anzahl Prozesse gegen außerhalb der Volksstimme stehende Per⸗ sonen, soweit sie politisch und gewerkschaftlich thätig waren. Ueber die Wirkung dieser Ver⸗ folgungen schreibt die„Volksstimme“: Die Sozialdemokratie Magdeburgs hat Schlag um Schlag Siege erfochten, hat im ersten An⸗ sturm den Wahlkreis erobert, ist um zwei Per⸗ sonen verstärkt in das Stadthaus eingezogen. Die Wahlen zu dem Gewerbegericht sind der Sozialdemokratie überlassen, wie sie überhaupt sich zu einem achtunggebietenden Faktor aufge⸗ schwungen hat. Die Buchhandlung floriert, die Presse hat sich mächtig entfaltet und ausgedehnt. Die Organisationen des klassenbewußten Prole⸗ tariats sind gekräftigt, tausende und abertausende Mark sind zur Unterstützung unserer Brüder und Schwestern aufgebracht worden— am Schlusse des alten Jahres steht die Sozialdemokratie kräftiger da als zu Anfang dieses Jahres. Unseren tapferen Magdeburger Genossen ein Bravo! Den Reaktionären und Schreiern nach Ausnahmegesetzen sollten die Wirkungen des ord⸗ nungsparteilichen Kampfes gegen die Sozialdemo⸗ kratie in Magdeburg zu denken geben.— Aber freilich, die und denken! Wie reimt sich das zusammen? Zur Fleischnot. Eine Denkschrift über die Fleischnot hat der Hamburger Senat an den Reichskanzler gerichtet. Die Denkschrift konstatiert eine immense Schädi⸗ gung der Volksernährung durch das Verbot der Schweineeinfuhr, sowie ein enormes Steigen des Kleinhandelpreises für Schweinefleisch, der von 136 Pfg. im Jahre 1896 auf 160 Pfg. pro Kilo hinaufging, also um 24 Pfg., das sind 17,65 Prozent. Die Marktpreise für Schweine weisen eine noch stärkere Steigerung auf, nämlich um 25 Prozent. Die Schlächter waren nicht imstande, die Preise derart zu steigern, wie die Marktpreise stiegen. Giebt es einen sozialpolitischen Aufschwung? Die neueste Nummer der von Pfarrer Nau⸗ mann herausgegebenen„Hilfe“ schreibt zu dieser Frage: „Es scheint, als sei wieder etwas mehr Stimmung für Sozialreform. Der Tiefpunkt ist vielleicht überwunden, vielleicht— wir sind dessen noch nicht sicher. Durch das allseitig anerkannte Aufsteigen des Centrums zur „Regierungs⸗Parkei“ ist wenigstens wieder die Möglichkeit einer gesetzgeberischen Sozialreform geschaffen, falls die Regierung in Ernste eine solche erstrebe“. Die Illusionssähigkeit der Herren National⸗ sozialen scheint unverwüstlich zu sein. Trotzdem sie soeben mit ihren Hoffnungen auf das soziale Königtum der Hohenzollern so jämmerlich Schiff⸗ bruch gelitten haben, laufen sie bereits wieder neuen Trugbildern nach. Es gehört in der That ein großes Maß Vertrauen und Illusionsfähig⸗ keit dazu, um vom Zentrum eine ernsthafte Sozialreform zu erwarten. Eine Partei, die sich ihre Gegnerschaft gegen den Militarismus mit fetten Posten und Stellen abkaufen läßt, wird keinen Augenblick zögern, auch ihre sozialreform⸗ atorischen Ideale zu verschachern. Daß sich die Regierung bei diesem Schachergeschäft gegen das Zentrum nicht knauserig zeigt, lehrt folgende Meldung, die soeben durch die Presse geht: „Schon seit längerer Zeit werden vor⸗ wiegend Katholiken in die Ministerien gebracht. Einzelne Ministerien, so namentlich das der öffentlichen Arbeiten, sind fast ganz katholisch. Hier war lange Zeit der Personaldezernent ein Katholik, und auch Dr. Micke ist ein solcher. Letzterer ist bekanntlich aus dem Staatsdienst geschieden. In den letzten zehn Tagen wurden denn auch nur katholische Assessoren als Ar⸗ beiter in das Ministerium berufen, die damit die Anwartschaft auf spätere Ernennung zu vortragenden Räten erlangten.“ Wie man sieht, ist das Zentrum nicht um⸗ sonst militärfromm geworden. Auf das Zentrum ist in keiner Beziehung mehr Verlaß. Aber die nationalsozialen Schwarmgeister lieben es, ihre Hoffnungen immer auf das Unverläßlichste zu en — sezen. Daher wohl auch ihre Vorliebe fir 5 das Wasser, das bekanntlich auch keine Ballen 25 0 hat. Wir fürchten, daß der Pastorenpartei noch 90 manches zu Wasser wird..„ bun Sprachreinigung im Heere. 1 Eine kaiserliche Verordnung vom 1. Januar den di d. J. bestimmt über die Verdeutschung ralstt einzelner Fremdausdrücke im Heere Folgendes: u. Un die Reinheit der Sprache in meinem Auf Heere zu fördern, will ich bei voller Schonung e fil der Ueberlieferungen auf den mir gehaltenen ech Vortrag bestimmen, daß von heute ab nach⸗ chen stehende Fremdausdrücke durch die neben ange⸗ bn führten deutschen Wörter zu ersetzen sind: Offt⸗ pendu zier⸗Aspirant(im aktiven Dienststande): Fahnen⸗ gume junker, Portepee⸗Fähnrich: Fähnrich, Sekonde⸗ ber! Lieutenant: Leutnant, Premier⸗Lieutenant: Oberst⸗ 5 lieutenant, Generalieutenant: Oberstleutnant, di Generalleutnant, Charge: Dienstgrad, Funktion: bh Dienststellung, Avancement: Beförderung, Aneien⸗ 1 netät: Dienstalter.— An Stelle der Bezeich⸗ 12 nung„etatsmäßiger Stabsoffizier“ sind künftig 25 dem Dienstgrade die Worte„beim Stabe“ hin⸗ 15 zuzufügen, so daß es heißt statt z. B.: Oberst⸗ 1 lieutenant oder Major und etatsmäßiger Stabs⸗ 4 offizier im Infanterie⸗ u. s. w. Regiment: Oberst⸗ 1 leutnant oder Major beim Stabe des Infanterie⸗ f u. s. w. Regiments. In derselben Weise sind 0 bei den von der Stellung als Batteriechefs 1 entbundenen ältesten Hauptleuten von Feld⸗ 90 artillerie-Regimentern und den den Pionier⸗ Bataillonen zugeteilten 2. Stabsoffizieren und 50 ältesten Hauptleuten neben dem Dienstgrade künftig 8 die Worte„beim Stabe des...“ hinzufügen. Das Streben nach Reinheit der Sprache ist it sicher sehr löblich, allein die Seele echter Sprach⸗ 20 reiniger wird von diesen Maßregeln nicht vollauf 90 befriedigt sein können. 8 die So eine Seele dürstete nach radikaler Reini 5 gung und ihr zu genügen müßte das Wort l Leutnant ganz verschwinden, wir haben ja die 90 sinnigen Ausdrücke: Stellvertreter oder Platz⸗ 40 halter dafür. Also Generallieutenant: Ober⸗ 11 platzhalter. Auch Infanterie-Regiment ist nicht 2 deutsch: Fußvolk⸗Truppenteil wäre ein ebenso 95 schöner wie wohlklingender Ersatz dafür. Für Artillerie: Zielkunstschießtruppe, der jetzige fran⸗ geb zösisierte Premierlieutenant der Feld⸗ Artillerie würde sich somit in einen Erstplatzhalter der 2 Feld⸗Ziel⸗Kunst⸗Schieß⸗Truppe verwandeln. Und 1 so weiter mit Grazie. Natürlich müßten, um n vollkommene Reinigung zu schaffen, auch die 10 Werkzeuge der Kriegstonkunst(Justrumente der u Militärkapellen) verdeutscht werden. Z. B. 0 Hoboe— Hochflöte, Fagot— Tiefknüppel, Violine— Streichholz u. s. w. 5 s 1 Antisemitischer Dalles. sie Die„Leipziger Volksztg.“ veröffentlicht ein z „streng vertrauliches“ Zirkular des Deutsch⸗ fte sozialen Reformvereins in Leipzig, in kit dem dieser um„milde Gaben für die antise⸗ keit mitische Parteiꝙ⸗Kasse“ bittet. In dem Zirkular hat heißt es:„Unsere Mittel sind knapp geworden. ba Neue Gaben sind daher nötig, um uns zur Fort⸗ de führung unserer Thätigkeit kraftvoll zu erhalten. du In kurzem wird ein durchaus verschwiegener lt und zuverlässiger Vertrauensmann bei Ihnen de vorsprechen und Ihnen über den etwa geleisteten 0 Beitrag eine Bescheinigung ausstellen. Außerdem m steht es in Ihrem Belieben, etwa uns zugedachte bu Geschenke oder Geldspenden anonym. zu 5 senden.“— So pfeift auf dem letzten Loche die die in Sachsen einst so starke Partei. Die Kon⸗ fusion verschwindet und macht Platz, de der sozialen Demokratie. 11 Der Bombenschwindel. 1 Jetzt wird selbst von offiziös bedienten 5 Blättern zugegeben, daß die Nachricht über die f angeblichen Attentatspläne in Alexandrien er⸗. logen waren. Zu den Blättern, die über diese N Schwindel nachrichten fortwährend auf den Laufenden hielten, gehörte auch der„Gießener Anzeiger“. Von der absolut richtigen 1 1 Nachricht, daß in Offen bach schon vor Wochen 16 Sozialdemokraten gewählt wurden, hat das Blatt aber immer noch nichts gebracht. 0 Ein geradezu einfältiges Benehmen.„ 8 e 11 331 N . fantetie⸗ deise sind lteriechefs on Feld⸗ Pionier⸗ ieren und de füustig inzufügen. pache ist er Sprach⸗ cht vollauf ler Reini⸗ s Wort en ja die er Platz⸗ t: Ober⸗ t ist nicht ein ebenso für. Für zige fran⸗ „Artillerie halter der ddeln. Und üßten, un auch die mente det ieftrüppel lch ein Deut 0 95 Leipzig, die aulise⸗ u Jh gewocden. — Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Ausländisches. Vom französischen Generalstab. AJndessen der unschuldig verurteilte Dreyfus immer noch auf der Teufelsinsel schmachtet, ist das Interesse an seinem persönlichen Geschick bereits zurückgetreten gegenüber dem Kampf, den die französische Nation mit dem Gene⸗ ralstabe der französischen Armee auszufechten hat. Von Tag zu Tag wächst die Hochflut der Unzufriedenheit, des Verdrusses, der Entrüstung, die sich gegen den Generalstab kehrt, und die Beschuldigungen, die gegen ihn erhoben werden, gehen bereits weit über die Angelegenheit Dreyfus hinaus. Man erzählt von mißbräuchlicher Ver⸗ wendung der geheimen Fonds und nennt Namen der Generäle, die sich daraus eine stille, aber um so ergiebigere Einnahmequelle gemacht haben.— Viel mehr bemerkenswert noch sind die Enthüllungen der Londoner„Times“. Danach habe Rußland sich die Zeichnungen erstens der französischen Lebelgewehre, zweitens der französischen Schnellfeuergeschütze zu ver⸗ schaffen gewußt. Richtig ist, daß Rußland seine Schnellfeuerkanonen so ziemlich zu gleicher Zeit mit Frankreich und Deutschland bekommen hat und es wäre doch auffällig, wenn die gleiche Er⸗ findung in allen drei Staaten auf einmal gemacht worden wäre. Wenn nur ein Teil dessen sich bewahrheitet, was man jetzt dem Generalstab zumutet, so besteht die höchste Leitung der französischen Armee aus lauter Schurken und Verrätern.— Die Stützen des Generalstabs sind die Antisemiten. Die Amnestie⸗Frage in Italien ist zu einer Bedeutung angeschwollen, wie vor 20 Jahren in Frankreich. Damals war der Kommunekampf von 1871 vorausgegangen, der die Blüte des französischen Proletariats hinweg⸗ gerafft: getötet, auf die trockene Guillotine ge⸗ bracht oder ins Ausland getrieben hatte. In Paris keine Proletarierfamilie, die nicht in Cayenne oder im Exil Angehörige hatte. Die Amnestie war eine Existenzfrage für Hundert⸗ tausende— die Amnestiebewegung wurde zur Volksbewegung, der die Regierung nach⸗ geben mußte. f Aehnlich jetzt in Italien. Die Hunger⸗ revolution vom Mai des vorigen Jahres hat fast ebenso große Verheerungen angerichtet und ebenso viele Opfer gefordert, wie die Kommune von 1871. Die Amnestie ist für Hundert⸗ tausende eine Existenzfrage, und sie ist Volks⸗ sache geworden, der keine Regierung sich unge⸗ straft wiedersetzen kann. Mit dem ihr eigenen Ungeschick hat die italienische Regierung das Verkehrteste gethan, was sie thun konnte: sie hat die Notwendigkeit einer Maßregel zu Gunsten der Opfer des Mai zuge⸗ standen, und sich mit einer den Wert der kärglichen Gabe noch vermindernden Widerwillig⸗ keit zu einer selben Maßregel entschlossen. Sie hat nur einen Strasnachlaß von zwei Jahren bewilligt. Die Besten des Volkes, die von den italienschen Blutgerichten um ein Nichts zu 10, 12 und mehr Jahren Zuchthaus ver⸗ urteilt wurden, gehen also leer aus. Sie, die den italienischen Panamisten den Schleier vom Gesicht rissen, sollen auch noch ferner den Haß und die Wut der gebrandmarkten Schwindel⸗ bande, die jetzt noch in der Macht sitzt, auskosten. Aber der Damm ist trotzdem durchbrochen und die Oeffnung, durch welche die Regierung das Gnadenwasser will fließen lassen, wird bald er⸗ weitert und der Damm weggeschwemmt sein. Die Amnestiebewegung wächst wie ein Bergstrom bei Thauwelter. Und sogar die„Vossische Zeitung“, die so liberal ist, der Regierung des Herrn Pelloux einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie überhaupt einen Gnadenerlaß verfügt hat, begreift dennoch, daß über kurz oder lang„Be⸗ gnadigungen im weiteren Umfang eintreten müssen.“ Statt Begnadigung muß es jedoch heißen Amnestie. Die Dinge in Italien sind so weit gediehen, daß es sich um Gnadenakte der Regie⸗ kung nicht mehr handelt. Die Regierung ist gar nicht mehr in der Lage, Gnade zu gewähren. Sie hat— mit Ausnahme verschwindender Bruchteile— das gesamte italienische Volk gegen sich. Und das ittalienische Volk, welches die Schuld der Regierung an den Maimetze— leien kennt, verlangt nicht Gnade, sondern Amnestie— das heißt einen Regierungsakt, der den Mantel des Vergessens(Amnestie) über jene blutige Episode breitet, über sie, soweit die Justiz in Frage kommt, die Decke der Vergessen⸗ heit breitet, sie einfach ausstreicht, mitsamt den angeblichen oder wirklichen Verbrechen, die damals und im Zusammenhang mit jenen Ereignissen verübt worden sind— nicht blos von den Ver⸗ urteilten, sondern auch von der Regierung. Das ist der Unterschied zwischen Gnade und Amnestie.— Oberstlieutenant a. D. v. Egidy ist, wie wir in voriger Nummer schon kurz meldeten, am 30. Dezember in Potsdam an einer Herzkrankheit plötzlich gestorben. Eine sympathische und interessante Erscheinung unseres öffentlichen Lebens ist in ihm vom Schauplatz verschwunden. Den militärischen Titel geben wir, weil er zu der Persönlichkeit des Todten gehört. Herr von Egidy geboren im Jahre 1848, entstammte einer angesehenen Adelsfamilie; er wurde Soldat und war 1890 Oberstlieutenant des Husaren⸗Regiments in Großenhain, ein persönlicher Freund des Königs von Sachsen und verheiratet mit einer Prinzessin von Schwarz⸗ burg⸗Rudolstadt. Er konnte also„zufrieden“ sein. Der rege, für alles Gute empfängliche Geist des Husarenoffiziers entdeckte aber bald, daß ein klaffender Widerspruch war zwischen der christlichen Lehre, an die er mit dem ganzen Ernst seiner Natur glaubte, und zwischen dem Leben und Handeln der christlichen Welt. Er begriff, daß das Christentum heut⸗ zutage meist leerer Formenkram ist und erkannte es als eine Forderung der Ehrlichkeit, diesem Formenkram entgegenzutreten und alles Ehristen⸗ tum, das nicht das Leben durchdringt, als Heuchelei zu brandmarken. Das that er in seiner Schrift: Ernste Gedanken! Es kam, was kommen mußte in dieser Welt des christlichen Militarismus, Mammonismus, Despotismus. Der christliche Staat konnte das Christentum, das auch gelebt sein will, nicht dulden, Oberstlieutenant von Egidy mußte seinen Abschied nehmen. Nun ward er Agitator, Apostel seiner Ideen. Das christliche Dogma, an dem er bis dahin noch gehaftet hatte, löste sich allmälig in ihm auf, sein Ideal wurde das reine Menschentum, und die Ethik ward ihm der Hebel zur sittlichen Umwälzung der Welt, und durch die sittliche auch zur sozial en und politischen. Er glaubte nicht an den Klassen⸗ gegensatz, nicht an den Klassen- und Interessen⸗ kampf. Er glaubte, alle äußerlichen Gegensätze und Widersprüche durch den„guten Willen“ überbrücken und ausgleichen zu können. Die Praxis hat ihm bittere Enttäuschungen gebracht. Der Sozialdemokratie, deren Ziele er mit den seinigen eins hielt, schloß er sich nicht an, weil er seine persönliche Un⸗ abhängigkeit wahren wollte. Von seinen Standesgenossen wurde ihm das jedoch nicht gedankt— sie betrachteten ihn als einen Ueber⸗ läufer. v. Egidy hat sich auch auf das politische Gebiet gewagt. In Berlin, Elberfeld und an anderen Orten hat er seit 1893 für den Reichs⸗ tag kandidiert. Natürlich erfolglos. Die nüch⸗ terne Zeit will keine Schwärmer— sie will Männer mit bestimmtem, festem, konkretem Pro⸗ gramm, und Männer, die sich den kämpfenden Heeren einreihen hüben und drüben. Herr von Egidy ist bis zum Tod seinem Grundsatz treu geblieben: das Gute zu wollen und das Gute zuthun— Leben und Moral in Einklang zu bringen. Er hat als Privat⸗ mann Vielen geholfen und für jede gute Sache war er begeistert und werkthätig. Wie er sich des unschuldig verurteilten Ziethen angenom⸗ men hat, ist in frischem Andenken. Er starb ein Opfer des Berufs. Von eiserner Gesundheit, schreckte er vor keiner Anstrengung zurück. In der letzten Zeit machte er eine größere Agitatious⸗ tour; auf der Reise holte er sich den Keim der Krankheit, die ihn hinwegraffte. Unwohl kehrte er in sein Heim zurück— das Leiden ver⸗ schlimmerte sich und wurde zur Herzbeutel⸗Ent⸗ zündung, die auch sein kräftiger Körper nicht überwinden konnte. Er war ein Mann! Ein ganzer Mann und ein guter Mann!— Der Volksvertreter Kähler in bengalischer Beleuchtung. * Auf unsern Artikel über die Verhandlungen des hessischen Landtags in Sachen des Notariats⸗ gesetzes antwortet Herr Köhler, der Volksver⸗ treter, in seinem zu Offenbach erscheinenden Arizonakicker so, wie—— er's kann. Er giebt seinen Schimpfereien den Titel „Sozzische Verlogenheit“, nennt diejenigen, die im Landtag nicht mit ihm, dem klugen Herrn, übereinstimmten: f „Gypsköpfe, die jederzeit so wie so schon der Regierung zur Verfügung stehen, die Advokaten und— die Führer der So⸗ zialdemokratie“. Den Verfasser des Artikels in der„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“— der Artikel fußte auf den Berichten der amtlichen„Darmst. Ztg.!— nennt Herr Köhler: Lügner und Fälscher, ung wenn es der Durchfallskandidat Philipp Scheidemann selber wäre. In der nächsten Zeile wird unser Redakteur dann genannt:„Der Gießener Zeitungs⸗ sozze“. Später wird gesprochen von„juristischen Vertuschungsmanipulationen“, der„Lügenhaftig⸗ keit“ und„affenartigen Nachahmungssucht“ der Sozzen“ A e i Auch der Abg. Ulrich geht bei den Langs⸗ dorfer Schimpfereien nicht leer aus. Nachdem ihm„Unverfrorenheit“ nachgesagt ist, schreibt Herr Köhler weiter an die Adresse unseres Gen. Ulrich, der im kleinen Finger mehr Grütze hat, wie die gesamte antisemitische Kammerfraktion zusammengenommen in den Köpfen: „Schämen sollten Sie sich Wir beschuldigen Sie insbesondere auch der Un⸗ wahrhaftigkeit, die Sie dadurch begingen, daß Sie mit den Advokaten des Zentrums (Dr. Schmitt) und des Freisinns(Metz⸗ Gießen) gemeinsam den Jagdruf bliesen:„Dem Abg. Köhler ist nicht zu raten und zu helfen, seine Dummheit ist unbesiegbar und ihn zu überzeugen, dafür bedarf es,(wie Dr. Schmitt sagt) wohl 100 Jahre.“ Herr Abg. Ulrich, welch niedere Gesinnung, diese Behauptung an sich, welche bewußte Lüge und Fälschung von Ihnen, der Sie den Abg. Köhler persönlich kenne; Nachdem Herr Köhler dann über die Herkunft der Bezeichnung„antisemitische Konfusionsräte“ tiefsinnige Untersuchungen angestellt hat— als Vater des Wortes bezeichnet er den„Juden Eisner“— fährt er fort: „Ihm(dem Abg. Dr. Schmitt) folgte im Landtage der Halb- oder Dreiviertels⸗ jude Metz und ganz hinten erschien der Sozzen rote Fratze wieder: diesesmal der Abg. Ulrich, der sofort Kapriolen schlägt, wenn er nur eine jüdische„Feache“ riechen darf.“ Von unserem Redakteur Scheidemann, der dem Antisemiten Köhler am meisten im Magen liegt, wiro dann noch so nebenbei gesagt: „Lugner“;„Sie haben wieder einmal blutig geschwindelt, Herr Durchfallskandidat“;„lieber, guter, treuer Münchhausen und Windbeutel zu Gießen, kaltblütig und unverschämt, wie er ist.“„Lügenbold von Gießen.“—— Das ist Herr Köhler, der antisemitische Volks⸗ vertreter lin de siècle, wie er leibt und lebt. Er be⸗ und durchleuchtet sich vom Kopf bis zu Fuß mit seinen eigenen Geistesblitzen heller und klarer. als es jemals mit Röntgenstrahlen erreicht werden könnte. Deutlich sehen wir, wie sein Gehirn— reichlich ein halber Fingerhut voll— in dem geräumigen Kopf wie eine Rotationsmaschine arbeitet. Aber zu unserem Schrecken sehen wir .——— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 2. auch, daß dem Reichstagsabgeordneten für den Kreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda⸗Gedern die Zunge fehlt. O, wie schade!——— Doch sehen wir recht?— Was ist es denn, was der Vor⸗ sitzende des Ziegenzuchtvereins von Langsdorf dort hat, wo andere Leute die Zunge haben? Es ist keine Täuschung möglich— seine klaren SGeistesblitze durchleuchten ihn zu h ell!— jeder Irrtum ist ausgeschlossen! Dort, wo normale Menschen eine Zunge haben, hat der unglückliche Mensch eine—— Dreckschippe! Armer Mann! Nun verstehen wir auch die Schimpferei. Alles verstehen heißt: alles verzeihen. Unsere Leser finden es begreiflich, daß wir mit dem bedauernswerten Manne nicht weiter rechten. ** 5* Im Offenbacher Abendblatt vom 2. Januar finden wir folgende Erklärung: Der Abgeordnete Köhler von Langsdorf hat in seiner„Volkswacht“ vom Samstag unter dem Titel„Sozzische Verlogen⸗ 5 F. seiner tollen Wut über die schmähliche jederlage, die er sich in seiner geradezu unerreichbaren— Ungeschicklichkeit und verblüft fenden Dreistigkeit in der Kammerverhandlung über das Notariatsgesetz selbst bereitet hat, in echter Rüpelhaftigkeit Luft gemacht. Eine wahre Flut von Schimpfwörtern hat er losgelassen und dabei mich in recht„liebens⸗ würdiger“ Art wie ein vollausgewachsener Rowdie vom Lande angerempelt. Ich ver⸗ zichte darauf, dem Herrn ausführlich zu ant⸗ Worten, sintemal es erfahrungsgemäß nutzlos ist, Vernunfs gründe gegen ihn vorzubringen; allein er beruft sich in dem Artikel auf unseren per⸗ sönlichen Verkehr, durch den ich wissen soll, welche Fähigkeiten er im öffentlichen Leben be⸗ reits entwickelt hat. Ich liebe es sonst nicht, im persönlichen Verkehr gewonnene Eindrücke von den Fähigkeiten eines Kollegen öffentlich zu ver⸗ werten, da aber Herr Köhler mich in dieser Richtung derart provoziert, so will ich denn doch feststellen, daß ich, je länger ich mit ihm ver⸗ kehrte, immer mehr enttäuscht wurde be⸗ züglich seiner Fähigkeiten und nach seinem Be⸗ nehmen in der Kammer während der Beratung des Notariatsgesetzes, fast allen Respekt da⸗ vor verloren habe; das letzte Restchen davon ist schließlich nach dem Lesen seines Artikel in der „Volkswacht“ geschwunden. Offenbach, 2. Januar 1899. C. Ulrich. Don Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Wie Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Drud bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gießener Stadttheater. n. Es herrschte noch Sylvester⸗Stimmung in der letzten Volksvorstellung. Gegeben wurde „Der Raub der Sabinerinnen“. Herr Helm feierte in der— allerdings sehr dank⸗ baren— Rolle des Theaterdirektors Striese ge⸗ waltige Triumphe. Ebenso gut gefiel Herr Liebscher als Professor Gollwitz. Auf Details können wir uns hier nicht einlassen, wir begnügen uns mit der Feststellung, daß alle Mitwirkenden bestrebt waren, das beste zu bieten. Das Theater war schon eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung ausverkauft. Viele mußten umkehren, da keine Möglichkeit vorhanden war, auch nur das bescheidenste Plätzchen zu erlangen. 5 Lesehalle in Gießen. WW. In wie erfreulicher Weise sich die Be⸗ nutzung der Lesehalle gehoben hat, ist daraus zu ersehen, daß am Mittwoch, den 4. Januar, 107 Entleihungen stattsanden. Auch vor Weih⸗ nachten stieg die Zahl derselben meist über 80. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Benutzung noch weit reger sein würde, wenn der Bücher⸗ bestand größer wäre und den Wünschen der Leser besser als seither Rechnung getragen werden könnte.— Wer stiftet für das gemeinnützige Unternehmen Bücher? Hohe Löhne auf dem Lande. * Der„Darmst. Ztg.“ wird aus Oberhessen geschrieben: „Wie alle(?) Löhne, so sind auch die⸗ jenigen für Knecht und Magd bedeutend in die Höhe gegangen. Da meist das tüch⸗ tige Gesinde den ganzen Jahreslohn bis zu Weihnachten stehen läßt, so kostet es den Dienstherrn auf Weihnachten eine recht respek⸗ table Summe; beläuft sich doch der Jahres⸗ lohn für einen tüchtigen Knecht und desgleichen Magd zusammen auf etwa 500— 550 Mk. Vor drei Jahrzehnten betrug diese Summe noch kaum ein Drittel. Trotz dieser hohen den Anforderungen der modernen Zeit entsprechenden Löhne hält es aber auf dem Lande schwer, rechtes Gesinde zu bekommen. Die Burschen gehen nach Westfalen, die Mädchen nach den Städten..“ Für zwei kräftige Menschen, einen tüchtigen Knecht und desgleichen Magd, zusam men 500 Mk. Jahreslohn, das nennt der Bericht⸗ erstatter des Ministerorgans eine der modernen Zeit entsprechende Bezahlung und wundert sich, daß so viele Burschen und Mädchen in die Städte gehen! Nein, wundern muß man sich, daß noch so viel Burschen und Mädchen bei solchen Löhnen auf dem Lande bleiben, wenn es wahr ist, was der Gewährsmann weiter erzählt: „Namentlich ist es Frankfurt a. M., das viele Mädchen, die sonst auf dem Lande dienten, anzieht. Der leichtere Dienst, das bessere Leben und manches andere sind hier die Triebfedern. Der Zug der männlichen Arbeitskräfte nach dem Lande der roten Erde ist der außerordentlich hohe Verdienst, der dort guten Arbeitern gegeben wird. Uns sind Beispiele bekannt, bei denen Männer nach Abzug ihres Verbrauches ihren Familien monatlich einen Nettoverdienst von 90 Mk. zuschicken. Der gute Mann fordert ja mit seinen Angaben die Knechte und Mägde geradezu heraus, das flache Land zu verlassen. Er hat allerdings ebenso unrecht mit seiner Angabe, daß 500 Mk. für zwei kräftige Menschen ein guter Lohn sind, wie mit der Behauptung, daß ein Mann, der in Westfalen schafft, monatlich 90 Mk. heimschicken kann. Ein solcher Mann existiert wohl nur in der Phantasie des Korre⸗ spondenten des Darmstädter Ministerorgans. Die hefsischen Polizeidiener wollen in eine Lohnbewegung eintreten. Am vorletzten Sonntag hielten die Polizeidiener des Kreises Darmstadt in Griesheim eine vor⸗ bereitende Versammlung ab; andere Kreise sollen nachfolgen. die Polizeidiener in den ländlichen Gemeinden einen geringen Baargehalt beziehen und daher auf Nebeneinkünfte angewiesen sind, welche jedoch mit den durch die neueren Gesetze usw. bedeutend angewachsenen Dienstleistungen nicht im Einklag stehen. Besonders darüber war man ungehalten, daß Dienstverrichtungen für auswärtige Behörden und Gemeinden kostenfrei auszuführen sind. Vielleicht wird nächstens ein Manifest erlassen: Polizeidiener Hessens, vereinigt Euch! Gegen die Maul⸗ und Klauenseuche. *Der hessische Landwirtschaftsrat hat an das Ministerium folgendes Ersuchen gerichtet:„1. durch die Veterinärorgane so bald wie möglich im ganzen Lande, besonders in den verseuchten Distrikten, umfassende Versuche über die Wirkung und An⸗ wendungswürdigkeit des von den Höchster Farb⸗ werken in den Handel gebrachten Schutzimpfungs⸗ mittels gegen die Maul⸗ und Klauenseuche an⸗ stellen lassen zu wollen; 2. im Falle sich hierbei günstige Resultate ergeben, Maßregel treffen zu wollen zur leichteren Einführung dieses Mittels, insbesondere zur billigeren Beschaffung desselben. Aus Kirchhain. * Wie aus Harburg gemeldet wird, ist unser Genosse Schuhmachermeister Heinrich Baerer am Es wurde Beschwerde geführt, daß Montag plötzlich schwer erkrankt. Er wurde auf einem Geschäftsgang plötzlich von einem heftigen Schüttelfrost befallen und konnte nur mit Mühe und unterstützt von mehreren Freunden nach Zwei schleunigst herbeigerufenre Hause kommen. Aerzte konstatierten ein hohes Fieber, das ihnen der Vorbote einer heftigen Lungenentzündung zu sein schien. Hoffentlich gelingt es der Kuust des Arztes, unserem bewährten Genossen bald seine Gesundheit wieder zu geben. Genosse Baerer ist ein geborener Kirchhainer. Er ist seit langen Jahren in Harburg und kandidierte dort wieder⸗ holt zum Reichstag. Ein Werk der Frankfurter Arbeiter. Am 1. Januar ist in Frankfurt a. M. das von den organisierten Arbeitern ins Leben ge⸗ rufene Arbeitersekretaria teröffnet worden. Sekretäre sind die Gen. Kampffmeyer und Gräf. Ueber das Sekretariat bezw. das Bureau des⸗ selben schreibt in unserem Frankfurter Bruder⸗ blatt Genosse Quarck, der sich große Ver⸗ dienste um das Zustandekommen des Sekretariats erworben hat, wie folgt: Mitten in der Frank⸗ furter Altstadt, den Wohnhöhlen der Aermsten seine Kontore hat, ist nun das Arbeiter sekretariat für Frank⸗ furt a. M. und Umgegend aufgethan und für jeden offen, der von dem Klassenstaat jener Kapitalisten geächtet und bedrückt wird. Und weil ein so neuer Geist in die alte Umgebung einzieht, hat sich das Sekretariat auch ein modernes Haus in der Schnurgasse zum Sitz erkoren. Weithin verkündet das Schild am Balkon die Straßennummer 45, daß hier eine Schöpfung der Frankfurter Arbeiter wohnt, ganz in der Nähe der Arbeiterherberge, aber mit der Front nach der Geschäftsstraße.— Vom Trottoir zur Treppe sind nur wenige Schritte, so leicht und bequem ist der Aufgang. Eine Glasthür führt vom Treppenabsatz in den kleinen Vorplatz, der zugleich den Warteraum mit Stühlen und Kleiderhaken bildet. Wer an der Reihe ist und zu den Arbeitersekretären kommt, tritt zunächst in das Arbeitszimmer, in welches große, schöne Fenster helles Licht einfluten lassen. An den Fenstern die Schreibtische mit der Hausbibliothek der Beamten, an den Wänden Aktenschrank und Bücherregal, Uhr und Kalender, kurz, was zu einem Bureau gehört, alles in freundlicher, heller Farbe. Rechts führt dann die Thür ins Sprech⸗ zimmer, das mit seinem Tisch und Stühlen und Kamin den Eindruck eines kleinen freundlichen Wohnzimmers macht, als wolle es mit demjenigen versöhnen, was hier alles noch an Leid und Schmerzen geklagt werden wird... Einfach, aber würdig steht so unser Arbeiter⸗ sekretariat da, bereit, das Beste zu geben, was es hat, wenn die Bedrückten aus der Stadt und Umgegend zu ihm kommen. Möge die Arbeiter⸗ schaft ihm auch das Beste geben, was sie hat: Anhänglichteit und Treue, dann sind wir um die Zukunft nicht bange! Des Kaisers Paläste. Fünfzig Schlösser besitzt der Kaiser noch der Aufzählung des„Vorwärts“, davon sind in Berlin drei: das königl. Schloß, das Schloß Bellevue und Schloß Monbijou. In Potsdam befinden sich 13: Stadtschloß, Neues Palais, Babelsberg, Sanssouci, Marmorpalais, Orangerie, Jagdschloß Stern, Belvedere, Sacro, Charlottenhof, bayerisches Haus im Wildpark, Landhaus Alexandrowska und das Schloß auf der Pfaueninsel; in Kassel das Stadtschloß, die Löwenburg und Wilhelmshöhe; in Hannover das Residenzschloß. Ferner gehören dem Kaiser die Schlösser in Wiesbaden, Urville, Straßburg i. E., Stolzenfels, Springe, Burg, Sonneck a. Rh., Rominten, Schönhausen, Schwedt a. O., Benrath, Breslau, Brühl, Jagdschloß Grunewald, Celle, Charlottenburg, Erdmannshof, Freienwalde a. O., Jagdschloß in der Göhrde, Schloß Georgsgarten, Burg Hohenzollern, Homburg v. d. Höhe, Hubertusstock, Jägernhof b. Düsseldorf, Königs⸗ berg i. Pr., Kadinen, Königs⸗Wusterhausen, Letzlingen, Osnabrück, Oliva und das Stadt⸗ schloß in Koblenz. dort, wo vor Jahrhunderten reiche Krämer ihr Erbteil mehrten und häuften und wo heute noch der Kapitalismus dicht neben 3 a ä—— —— —.—— —— ä—— ——— bft. HGesüh keichis 0 n Der seiner ke f ausse wold wurd in d hin Kais lang abge der Rolze des! die bon still hint Schi dur Kon Hau und der ein h Nac nach den tet türk N auf ligen hahe na . hen i zu des eine er ist agen eder⸗ ter. das N ge⸗ 55 1 Uri. de ⸗ uder⸗ 0 Ver⸗ 0 iats rank⸗ erten. usten neben ntore rank⸗ für jener und . 2 — 2 Wo — 2 * Nr. 8 1 i* Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. am Mitwoch in Potsdam gehalten hat. Besonders groß in Jerusalem schudert Frhr. v. Mirbach wie folgt: — 5 . 2 2 Des Kaisers Jerusalemfahrt hat den Teilnehmern eine große Enttäuschung be⸗ reitet. Das geht klar hervor aus dem Vortrag, den der Oberhosmeister der Kaiserin, Frhr. v. Mirbach, war nach diesen Schilderungen, von denen man wohl annehmen darf, daß sie den Anschauungen des Koiserpaares entsprechen, die Ernüchterung vor und in Jerusalem.„Unwillkürlich drängt sich das Gefühl auf: noch heute lastet ein Fluch auf diesem Lande“, sagt Frhr. v. Mirbach von der Gegend vor Jerusalem und berichtet dann weiter, daß der„Kaiser und die Kaiserin in weißen Sonnenmänteln auf Schimmeln“ dem Zuge voranritten!„Wir sind vor Jerusalem“, sagt er, die starke Musikkapelle eines türkischen Bataillons zerhadt in ohrenzerreißenden Tönen den herrlichen Choral: Tochter Zion freue Dich. Aber:„Wo ist denn Je⸗ rusalem?“ so fragten wir alle. Nachdem man jetzt alles gesehen und durchlebt hat, möchte man heute am liebsten antworten:„Das Jerusalem, von dem Du seit Deiner Kindheit gehört, von dem Du geträumt, das zu schauen Du Dich gesehnt hast, das Jerusalem i st nicht mehr— es ist im Himmel.“ Auf dem Gange zur Grabeskerche mußte das Kaiser⸗ paar„etwa sechs Minuten lang eine nur wenige Schritt breite Gasse durchschreiten. Das Gewühl war entsetzlich und geradezu lebeusgefährlich. Zu beiden Seiten dieses Engpasses standen die Menschenmassen dicht gedrängt vor uns in den Gewölben und die Stodwerke der Häuser selbst waren bis oben von Schaulustigen vollgepfropft. In diesem Augenblick hatten gar viele von uns das Gesühl, daß hier zu einem verb recherischen Attentat allzu leichisinnig Gelegenheit gegeben sei.“ Den Eindruck des Kaiserpaares auf die Einwohner „Der freundliche Gruß eines mächtigen Kaisers und seiner Gemahlin reißt die Leute wie eine übernatürliche Erscheinung vollständig fort.“ Für die Abkürzung der Raise ist bisher bekanntlich ausschließlich die unerträgliche Hitze als Grund angegeben worden. Frhr. v. Mirbach erzählt auch: In Ramleh wurden 32 Grad Reaumur im Schatten und über 40 Grad in der Sonne gezählt, fügt aber unmittelbar darauf hinzu:„In Sarong war es, wo zum erstenmal an den Kaiser einige Depeschen ernsten politischen Inhalts ge⸗ langten, die mit dazu beitrugen, daß die ganze Reise abgekürzt wurde“ Interessant ist auch, was der Oberhofmeister von der Einfahrt des Katers in Konstantinopel sagte: „Einsam und allein suhr die„Hohenzollern“ in stolzer langsamer Fahrt in die Nähe des Marmorpalastes des Sultans Wie ganz anders war diese Einfahrt, als die vor neun Jahren! Damals schaukelten Tausende von Fahrzeugen um uns herum— heute war alles still und leer. Mit eiserner Strenge waren weit hinten die Absperrungsketten gezogen. Nur wenige Schiffe, so die für den Empfang zurückgebliebene„Bohemia“, dursten sich in angemessener Entfernung aufhalten. In Konstantinopel waren alle Straßen neu gepflastert, alle Häuser neu angestrichen, von oben bis unten geschmückt und alles ferngehalten, was das Auge des Kaisers und der Kaiserin irgendwie hätte beleidigen können. Es war ein Absperrungssystem, wie man es sich praktischer und schöner nicht denken kann.“ Still und leer! Wie ganz anders klingt diese Nachricht des Oberhosmeisters doch als die Tartaren⸗ nachricht des„Gießener Anzeiger“, der bekanntlich über den großartigen Empfang in Konstantinopel berich⸗ tete, als der Kaiser noch eine gute Tagereise von der türkischen Metropole entfernt war. Lehrerelend. Das fast sprüchwörtliche Lehrerelend erfährt jetzt wieder durch einen Fall in Dresden eine recht deutliche Illustration. Dort starb ein mit einer starken Familie gesegneter Lehrer und im Nachlasse befanden sich an barem Gelde im ganzen fünf Pfennige vor. Der sehr solide Mann hat, wie berichtet wird, stets mit Noth und Sorgen zu kämpfen gehabt und konnte sich nur mit Hilfe von Unterstützungen und Vorschüssen von befreundeter Seite über Wasser halten. Für die in bitterster Noth zurückgelassene Wittwe und 0— acht Kinder— hat die Dresdener ehrerschaft nunmehr 1200 M. zusammengebracht. So konnte den Aermsten wenigstens durch das Mitleid anderer noch eine Weihnachtsfreude bereitet werden.— Im Lande der Dichter und Denker werden die Volksbildner gar niedrig ge⸗ wertet. Wenn es sich um militärische Erzieher handelte, wäre man oben weniger knauserig. Unersättliche Profitgier. Einem Arbeiter in Altona, der einem ver⸗ letzten Kollegen während der Arbeitszeit einen Nothverband angelegt hatte, wurde der Lohn für die darauf verwandte Zeit vom Wochenlohn abgezogen. Harmonie zwischen Kapital und Arbeit! i Auch ein Bismarck. Die Affaire eines Herrn Rudolf von Bis⸗ Köhler, mit der er ein Kind hatte, sitzen ließ, hat jetzt zwei Nachspiele gefunden. Fräulein Köhler war zu sechs Wochen Gefängniß verur⸗ teilt worden, weil sie dem treulosen Vater ihres Kindes aufgelauert, ihn beleidigt und so bedroht hatte, daß er hinter einem Zaun Zuflucht suchte. Sie legte gegen das Urteil Revision beim Reichs— gericht ein, ist aber damit nicht durchgedrungen, sie muß also die Strafe verbüßen, wenn nicht etwa im Gnadenwege ihr Nachlaß wird. Der Lieutenant Rudolf v. Bismarck, der sich hinter den Busch versteckt hatte, hat inzwischen seinen Abschied erhalten. Arbeiterbewegung. Zentrum und Zuchthaus vorlage. Eine Protestversammlung der katholischen Ber⸗ liner Arbeitervereine nahm nach Referaten der Reichstagsabgeordneten Hille und Schmidt-War⸗ burg eine Resolution an, in der zum Schluß gesagt wird: „Die organisierten christlichen Arbeiter er⸗ warten von allen Abgeordneten des deutschen Reichstages, welche auf dem Boden der christ⸗ lichen sozialen Reform stehen, eine entschiedene Ablehnung jeder Beschränkung der be⸗ stehenden Rechte des arbeitenden Volkes.“ Das ist eine unzweideutige Kundgebung gegen den Zuchthauskurs, die dadurch an Wert gewinnt, daß sie unter der Leitung zweier Zent⸗ rums⸗Abgeordneten erfolgt ist. Nimmt die „regierende Partei“ in ihrer Gesamtheit die gleiche Stellung ein, so wird das kasserliche Ver⸗ sprechen, daß jeder, der zum Streik anreizt, ins Zuchthaus gesperrt werden solle, auf dem Wege der Gesetzgebung nicht zur Erfüllung gelangen. Indessen ist man leider niemals sicher, wie sich das Zentrum im entscheidenden Augenblick ver⸗ halten wird, und so darf man in dem Kampfe um Sicherung und Erweiterung der Koalitions⸗ freiheit nicht nachlassen.— Krefeld, 3. Januar. Bisher kündigten die Sammetweber in acht mechanischen Webereien zum 15. ds. Mts. In zwei Sammetwebereien sind die Weber bereits aus⸗ ständig. Die Arbeitgeber ihrerseits kündigten, als die Kündigung seitens der Weber erfolgte, den zahlreichen Hilfsarbeitern. Kleine Mitteilungen. — Ein Professor verloren. Professor Dr. Otto Harnack von der technischen Hoch⸗ schule in Darmstadt, welcher seit Weihnachten zum Besuche seines Schwiegervaters, Geheimen Ober⸗Justizrat Reichau in Berlin war, wird seit dem 30. v. M. vermißt. Er ging an dem genannten Tage nach 11 Uhr abends durch den Tiergarten und ist in seinem Absteigequartier nicht eingetroffen. Auf den Nachweis über den Verbleib des Professors Harnack ist eine Be⸗ lohnung von 500 Mank gesetzt. — Familiendrama in Frankfurt. Der Sattlermeister Reineboth, ein fleißiger stiller Mann, der ein kleines Sattlerlädchen in der Gr. Bockenheimerstraße hatte, wurde am Montag Morgen in seiner Wohnung in der Staufenstraße erhängt aufgefunden. Seine beiden Söhne im Alter von 11 und 5 Jahren lagen tot im Bett mit auffallenden Strangulations⸗Merkmalen. Es steht zweifellos fest, daß Reineboth erst seine Kinder und dann sich selbst getötet hat. Miß⸗ liche Vermögensverhältnisse sollen das Motiv der That sein. Die Frau war schon seit längerer Zeit tot. — In Lauterbach(Oberhessen) wurde die 18 Jahre alte Marie Ehrer, als sie am Sylvesterabend zum Fenster hinausschaute, von einem Schuß getroffen und sank ohnmächtig zu Boden. Der Schuß hatte das linke Auge ge⸗ streift und den Vorderschädel zertrümmert. Der Zustand des Mädchens ist hoffnungslos. Der Schuß war von dem 18 Jahre alten Adam Leib aus einem alten Militärgewehr abgefeuert. Leib wollte das neue Jahr anschießen. Er wurde sofort verhaftet. Eine böse Absicht liegt nicht vor. mmm. ̃˙7—i⅛i!P“ Parteigenossen! Werbt unablässig Abonnenten für Euer Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. 7 Samstag, den 7. Januar: Gießener Wahlverein bei Orbig. Tages⸗ ordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Gen. Ed. Krumm: Rückblick auf das verflossene und Ausblick auf das neue Jahr. 2. Diskussion.— Zahlreich erscheinen! Heuchelheim. A.⸗B.⸗V. bei Ludw. Mandler⸗ Erwerbt die hessische Staatszugehörigkeit! Unsere in den Landtagswahlkreisen Gießen-Land und Vilbel ansässigen nichthessischen Genossen müssen die hessische Staatszugehörigkeit erwerben! Kurhessen und Waldeck. An die Vertrauensleute und Parteigenossen der Provinz. Im Einverständnis mit dem Preßausschuß berufen wir hiermit den 9. Parteitag für Hessen und Waldeck auf Sonntag, den 29. Januar d. J., vormittags 11 Uhr, nach Cassel in das Buchbach'sche Lokal, Schäfergasse Nr. 14, ein.— Pro visorische Tagesordnung: 1. Bericht der Agitationskommission. 2. Organisation und Agitation. 3. Bericht der Preßkommission. 4. Unsere Presse. 5. Die Gemeindewahlen. 6. An⸗ träge der Delegierten, soweit selbige nicht durch die voraufgegangenen Punkte erledigt sind. N Jeder Ort hat das Recht, einen oder mehrere Dele⸗ gierte zu entsenden. Die Kosten sind nach Möglichkeit am Orte selbst aufzubringen resp. kann die Agitations⸗ kommission nur für einen Delegierten die Kosten⸗ deckung übernehmen. In Anbetracht der Punkte 4 und 5 ist die Anwesenheit der Kolporteure des„Weg⸗ weisers“ und„Volksblattes“, sowie der bei den letzten Gemeindewahlen durch unsere Genossen gewählten Gemeindevertreter dringend erforderlich. Wir ersuchen dies besonders zu beachten. Anträge und Ergebnis stattgefundener Delegiertenwahlen sind an Unterzeich⸗ neten einzureichen. Die Agitationskommission für Hessen und Waldeck, J. A.: H. Trilse, Cassel, Gartenstraße 23, I. I. 1 Briefkasten der Redaktion. Nach Alsfeld. Wir zweifeln durchaus nicht an der Richtigkeit Ihrer Mitteilung, veröffentlichen können wir dieselbe jedoch nicht. Wer will die Angaben Ihres Gewährsmannes, falls wir verklagt würden, bezeugen? „Gutes“ Heu und„schlechtes“ Heu— das sind gar zu dehnbare Begriffe. Schließlich„beweist“ der B. d. L. noch, daß aus einer Mischung von„gutem“ und „schlechtem“ Heu„vorzügliches“ Heu wird. Lassen wir lieber die Finger von dieser Heu-Mischgeschichte des bunten Landwirtes. Besten Gruß! Marktberichte. Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 5. Januar kostete: Butter per Pfund Mk. 0,700.90, Hühnereier 1 St. 7—10 Pfg., 0 Stück 00 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 2 Stück 5—6 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,60— 0,00, Hühner pro Stück Mk. 1,00— 1,20, Hahnen pro Stück Mk. 0,90—1,40, Enten per Stück Mk. 1,80— 2,50, Gänse pro Pfund 48 60 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 68.—74 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 6876 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg. Ham⸗ melfleisch 50—66 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 6,00 bis 6,50, Zwiebeln pro Zenter Mk. 5,00 6,50, Milch per Liter 16 Pfg. Amtlich ermittelte Preise der gewöhnlichsten Verbrauchsgegenstände. Dezember 1898. marck, welcher seine Geliebte, ein Fräulein Parteiorgan, die„Mitteld. S.⸗Ztg.“! In Gießen gezahlte Preise: 5 dualen hochste drigste 1 Gr NN Weizen... 100 Kilo. 17.50 17.007.300 1748 Roggen„„ 15.50 15.001.250 14.74 Gerste..„„ 18.00 14.00 16.0] 16.61 Daerr„„ 160 14.001000 14.55 i„„ 6.00, 500 5.500 5.10 Su 0 0d 3.50 3.49 Kartoffelnn.„„ 7.00 5.50 6.25 5.84 Erbsen..„„ U 31.00,29.00 30.00 25.48 Bohnen„„ 36.00.34.00 35.000 26.21 Linsen.„„ 42 0040.004100 36.77 Weizenmehl.. 1 Kilo 0.42 0.36 0.39 0.37 Roggenmehl...„„ 0.36 0.34 0.35 0.28 Blitteßnr?, ene 2.12 Milcß 1 Liter 0.16 0.16 0.16 0.17 Ger 10 Stück 1.00 0.60 0.78 0.79 Brot, gen dio 0.21—.— Brot, Roggen..„„—.— LE= 0.24 0.24 mit ohne mit ohne Beilage[Beilage[Beilage Beilage Ochsenfleisch... 1 Kilo] 1.42 1.60 J 1.40 1.66 Kuh⸗ u. Rindfleisch,„ 1.28 1.40 1.28 1.48 albert 1.30 1.40 1.32 1.63 Hammelfleisch..„„ 1.00 1.20 J 1.21 1.46 Schaffleisch..„„ 1.00 1.10 0.99 1.13 Schweinefleisch.„„ 1.44 1.52 1.35 1.60 1 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 2. 2 De 0 r Unterhaltungs⸗CTeil. .——— . Freie Bresse. Wer ist's der im wogenden Geisterstreit Uns liefert die Waffen, die blanken? Wer ist's der im Ringen der gärenden Zeit Die Bahn bricht den neuen Gedanken? Wer schleudert die Blitze mit aller Gewalt Herab auf die Kuechtschaft in jeder Gestalt? Das sind die Blätter, die unverzagt Sich stellen in Schlachtenreihe, Zu schützen das arme, zertretene Volk, Das ist die Presse, die freie. 1 dia isbs, der da duldet in Kerkernacht, Der Freiheit fern und dem Lichte? Wer ist's, der beherzt an den Pranger gebracht Die volksausbeutenden Wichte? Wer legt die Finger trotzig und hart In die klaffenden Wunden der Gegenwart? Das sind die Männer, die kämpfend steh'n In vorderster Schlachtenreihe, * Das sind die Redakteure des Volks, Das ist die Presse, die freie. Die freie Presse, sie kämpft und ficht Für uns're erhabene Lehre, Sie trägt in die Hütten der Wahrheit Licht Und sammelt der Schaffenden Heere, Sie streitet und wirbt ohne Unterlaß Und trotzet der Gegner fauatischem Haß. Drum kämpfe auch Du, mein schaffend Volk, Für Deine Presse, die freie, Die stets für Dich und Dein heiliges Recht Gestritten in vorderster Reihe. 85 Ernst Klaar. vom Stamm gevissen. Roman von E. Langer. . Ein scharfer Ostwind fegte die Straßen und Plätze der alten Haupt⸗ und Residenzstadt Königsberg. Zuweilen trieb er dichte Schauer körnigen Schnees vor sich her, der die Gesichter der gegen ihn Ankämpfenden wie mit Nadelspitzen stach und Mäntel, Hüte, Bärte und Schleier mit einer Eiskruste überzog. Die Häuser, welche mit ihren unregelmäßigen Hinterseiten sich längs dem Pregel hinziehen, trugen auf jedem Mauer⸗ vorsprung, jedem Gesimse und Vorbau ein weißes Ornament, das ihnen in dem beginnenden Dunkel des trüben Januartages ein phantastisches An⸗ sehen gab. Auf der festen Eisdecke des Flusses zeichneten sich die Rümpfe der überwinternden Schiffe wie mächtige Schatten ab, über denen das angeschneite Takelwerk gespenstisch zu den sturmgepeitschten, grauen Wolken aufragte. Im zweiten Stockwerk des Hauses, welches neben einer über den Fluß führenden Hauptbrücke stand, saß ein junges Mädchen, halb noch Kind, am Fenster. Ein Buch, in dem es gelesen, war ihm unbeachtet in den Schoß gesunken; mit großen Augen schaute es gedankenvoll auf das ihm vertraute winterliche Flußbild hinaus. In der Stube war es bereits dunkel, nur in dem Ofen glühte ein Torffeuer, in dessen Widerschein eine kummervoll zusammengesunkene weibliche Gestalt in einem großen Lehnstuhl sichtbar wurde. Von Zeit zu Zeit ließ dieselbe ein Aechzen hören, und jedesmal blickte dann das Mädchen traurigen Auges nach ihr hin. Endlich verließ es seinen Platz am Fenster und setzte sich auf ein Bänkchen zu den Füßen der Frau, sich zärtlich an deren Kniee schmiegend. „Sie kommt ja wieder, Mutter“, sagte sie tröstend.„Es ist ja nicht für immer! Es ist besser so für uns alle, besonders für Dich. Der Vater wird Dich jetzt nicht mehr quälen—“ „Der Vater! Schweig' mir vom Vater!“ unterbrach Frau Stern heftig der Tochter Trost⸗ worte.„Er hat sie aus dem Hause gejagt, meinen Stolz, mein Alles— er ist verrückt— verrückt, sage ich Dir!— Ich sollte so nicht zu Dir reden“, setzte sie nach einer Pause be⸗ schämt hinzu,„allein, was hülfe es? Du hast von Kindheit auf das Elend mit angesehen— diesen ewigen Kampf gegen die Despotie und Verschrobenheit des Alten, und noch dazu die täglichen Sorgen um die Existenz. Das war nur zu ertragen, so lange sie mir zur Seite stand. Was jetzt, was jetzt?“ „Und hast Du nicht noch mich, Mutter?“ fragte die Kleine mit schüchterner Zärtlichkeit. Frau Stern streichelte den Kopf des Kindes. „Gewiß, ich habe Dich, und wäre ich ohne Dich? Aber Du bist noch so jung. Mit Valeska war es doch anders. Sie mit ihrer Energie war mir Stütze und Halt, wenn sie mir auch zu schaffen machte mit dieser unseligen Liebe, aus der ja nie etwas werden kann. Hübsch sein und klug sein und den Mund voll Weltbeglückungs⸗ phrasen haben genügt nicht, um einen Hausstand zu gründen. Aber sie läßt nun einmal nicht von ihm, ob sie hier oder bei den Hottentotten ist, und darum kann ich dem Vater nicht ver⸗ zeihen, daß er ein solches Halloh gemacht und sie aus dem Hause getrieben hat.“ Schwere Tritte unterbrachen das Gespräch in der mittlerweile völlig dunkel gewordenen Stube. Sie kamen die schmale, gewundene Treppe herauf, tappten den Hausflur entlang und näherten sich der Thür. Mutter und Tochter fuhren in die Höhe, die erstere machte sich am Ofen zu thun, der schon längst ausgebrannt war und murmelte dabei nichts weniger als zärtliche Worte. Jetzt ward die Thür geräuschvoll ge— öffnet und eine polternde Stimme fragte herein, warum man noch kein Licht angezündet hätte? Was das Hocken im Dunkeln bedeuten sollte? Es war Herr Stern, welcher seinen kleinen Schnittwarenladen, den er an der Wasserseite des Hauses hielt, geschlossen hatte und nun, wie alle Abende, in den Schoß seiner Familie zurück⸗ kehrte. Die Tochter zündete eilig und ohne ein Wort zu erwidern, die Lampe an. Herr Stern war eine mittelgroße, gedrungene Gestalt; der schon kahle Kopf saß auf einem kurzen, gewölbten Nacken, lebhafte blaue Augen schauten durch die Brille über die von Kälte und Schnupftabak gerötete, starke Nase hinweg. Der dicklippige Mund, der wie das ganze Ge⸗ sicht des Mannes eine auffallende Beweglichkeit besaß, wurde durch keinen Bart verhüllt. Die schmale, zurückstehende Stirn schien auf einen Phantasten zu deuten. Im ganzen war das Gesicht mehr grotesk als einnehmend, und doch hatte dieser Mann in seiner Jugend manches Mädchenherz erobert, auch das seiner Frau. Sie hatte ihn aus Liebe geheiratet und um dieser Liebe willen mit den Ihrigen sogar einen harten Kampf gekämpft. Adolf Stern, der zwar auch damals keine Schönheit, aber doch von einem ganz gefälligen Aeußeren gewesen, als die Stirn noch von dichtem Haar umlockt und die Nase noch nicht mit Schnupftabak in Berührung gekommen war, hatte das Herz von Fräulein Luise Großmann zumeist durch den Umstand ge⸗ wonnen, daß er der einzige Mensch gewesen, der nicht von Geld mit ihr geredet hatte. Ihr Vater, ihre Brüder, ihr ganzer Umgangskreis schlugen kein anderes Thema an. Geld machen, erwerben, das war der Inhalt ihres Lebens, ihrer Gedanken. Stern war Kaufmann wie sie, aber gegen alles, was Erwerb hieß, völlig gleich⸗ giltig. Für ihn existierten nur Bücher, besonders Romane, je romantischer je besser, und höchstens noch Musik. Luise, eine schwärmerische Natur, welche trotz ihrer kostspieligen Erziehung nur Halbbildung besaß, aber gerade deshalb die Sehnsucht nach etwas höherem, geistigem empfand, sah in dem jungen, romantischen Stern die Verwirklichung ihres Ideals. Mit ihm glaubie sie sich in eine reinere Sphäre, von der sie bisher nur geträumt, erheben zu können. Dazu war Adolf Stern von liebenswürdigster Galanterie gegen die Damen, junge wie alte, eine Eigenschaft, die er auch jetzt noch nicht gänzlich eingebüßt hatte. Aber diese Eigenschaften hatten den einen großen Magel nicht aufwiegen können, den Adolf Stern in den Augen Herrn Großmanns, Luisens Vater und Chef eines alten Handlungshauses, besessen, nämlich den, daß er bei seinem wenig kaufmännischen Sinn keine Garantie für die Zukunft seiner Tochter bot. Stern war nicht mittellos und hatte sein Vermögen in dem Ge⸗ schäft seines älteren Bruders, bei dem er auch die Stelle eines Kommis bekleidete, angelegt. Es war bei seinem unpraktischen Sinn das beste, was er thun konnte. Der Bruder, das völlige Gegenteil von ihm, war ein sehr betrieb⸗ samer Mann, das Geschäft florierte, Adolfs Kapital trug gute Zinsen, und dieser konnte sich seinen romantischen Neigungen sorglos überlassen. Um nun den Widerstand Herrn Großmanns gegen die Verbindung seiner Tochter mit Adolf zu besiegen, hatte des letzteren Bruder, der die Vorteile einer solchen Verschwägerung erkannte, Adolf zu seinem Kompagnon gemacht. Dies und die Beharrlichkeit Luisens hatten denn auch glücklich zum Ziele geführt: Herr Großmann hatte im Vertrauen auf den älteren Stern, den er als Kaufmann hochschätzte, schließlich seine Einwilligung gegeben. Das Geschäft der Ge⸗ brüder Stern nahm denn auch von Jahr zu Jahr einen immer größeren Aufschwung, und das junge Paar verlebte die ersten Jahre seiner Ehe in ungetrübtem Glück, welches durch die Geburt mehrerer Kinder noch erhöht wurde. Plötzlich starb aber der Bruder und nun fiel Adolf die ganze Last der Geschäftsführung zu. Kein Wunder, daß er sich derselben nicht ge⸗ wachsen zeigte. Einige Zeit rollte das in gutem Geleise befindliche Räderwerk weiter fort, aber bald stockte es hier und dort; das Vermögen Luisens, welches sie bei ihres Vaters Tod, der bald nach ihrer Heirat erfolgte, erhalten hatte, wurde wiederholt angegriffen, der Rest ins Ge⸗ schäft gesteckt, und als sich trotz alledem immer und immer wieder Unterbilanzen zeigten, mischte sich die Vormundschaftsbehörde hinein und ver⸗ kaufte das Geschäft für Rechnung der von dem älteren Stern hinterlassenen beiden unmündigen Söhne. Frau Stern appellierte umsonst um Hilfe an ihre Brüder. Sie hatten die Heirat der Schwester durchaus mißbilligt, und so mochte diese nun sehen, wie sie mit ihrem„Wolkengucker“ zu⸗ rechtkäme. Zu dieser Zeit erlitt das eheliche Verhältnis den ersten Stoß. Bisher hatte sich die junge schwärmerische Frau über die Verfahrenheit und Energielosigkeit ihres Gatten noch selbst zu täuschen gesucht. Jetzt konnte sie die Augen nicht länger dagegen verschließen. Statt die Hände für seine anwachsende Familie zu rühren, lag er auf dem Sopha und las von morgens bis abends, und die Frucht dieses Lesens war, daß seine jüngste Tochter, die in dieser Zeit ge⸗ boren wurde, den Namen Tusnelda erhielt, da Herr Stern sich gerade mit der Kleist'schen „Hermannschlacht“ beschäftigte und infolge dessen sehr patriotisch gestimmt war. Seine Frau ließ es achselzuckend geschehen. Sie machte in kleinen Dingen nicht Opposition, dafür war sie in großen Angelegenheiten um so hartnäckiger. Auf ihr Betreiben bequemte sich denn auch endlich ihr sorgloser Gatte, mit dem aus dem Verkauf des Geschäfts geretteten Vermögensrest ein neues, wenn auch auf viel bescheidenerem Fuße, zu er⸗ öffnen. Aber auch dieses Geschäft ging stetig abwärts, weil Herr Stern auch jetzt noch für alles andere sich mehr interessierte, als für seinen Handel, die Kunden durch lange, namentlich politische Vorträge verscheuchte und sich von jedermann übervorteilen, betrügen und bestehlen ließ. Es war dabei fast ein Glück zu nennen, daß das zweite und dritte seiner Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, kurz hintereinander starben, sodaß die Sorge für die beiden noch übrigen Töchter, die älteste und jüngste, deren Erziehung der Mutler allein zufiel, weniger schwer auf ihren Schultern lastete. Welche Eat⸗ behrungen die Familie sich aber auch auferlegen mußte, die Bildung der Töchter war nicht ver⸗ absäumt worden. Frau Stern hatte heimlich und oft bis in die Nacht für Geld feine Arbeiten angefertigt, um nur den Sprach- und Musik⸗ unterricht der beiden Mädchen bezahlen zu können. Valeska, um vier Jahre älter als Tussy, wie die kleinere allgemein genannt wurde, hatte früh 2 den df Fiche be Donn le ne Hues 1 schrit, ie. Fh lone, i fue den Et den sto wundet eln, 5 1 De jedem Cy kei fie ric ziehen. die G suchten sie sie mit de sie in von i gemeit nicht! 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Darunter litt jedoch nicht ihre Frohnatur, die sie neben ihrer Schönheit zum Glanzpunkt des Hauses machte. Wenn sie durch das Zimmer schritt, so wer es, als ob den bürgerlich schlichten Raum ein Hauch von Eleganz umwehte, so wie sie dem unscheinbarsten Kleide, welches sie trug, Schick und Anstand verlieh. Den schmalen kleinen Kopf mit dem edelgeformten Profil trug frei und leicht ein schlanker Hals. Dichtes, dunkles Haar umkräuselte die weiche Wölbung der Stirn, die kleinen rosigen Ohrmuscheln und den stolzen Nacken. Das tiefblaue Auge leuchtete wunderbar unter seinem Schleier dunkler Wim⸗ pern, tief wie ein Alpsee, groß und feurig wie ein Demant, war dieses Auge das erste, was jedem bei der Begegnung mit Valeska auffiel. So reich geschmückt an Körper und Geist, hatte sie nicht verfehlt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. und Männer und Frauen aller Kreise, die Geist und Schönheit zu schätzen wußten, suchten ihren Umgang. Mit den Frauen, obgleich sie sie meist übersah, hielt sie gute Freundschaft, mit den Männern, jungen wie alten, disputierte sie in Scherz und Ernst, gestattete aber keinem von ihnen die geringste Annäherung. Die all⸗ gemeine Achtung, die sie genoß, wurde dadurch nicht verringert, daß man die mißliche Lage ihrer Eltern kannte und wußte, daß Valeska ihnen durch Verwertung ihrer Talente zuhilfe kam. Gerade in den Häusern, in denen sie unterrichtete, herrschte ein wahrer Enthusiasmus für das hoch⸗ gebildete, schöne Mädchen. Man war bezaubert von der Einfachheit, Natürlichkeit und wahren Herzensgüte eines Wesens, das so viel Grund gehabt hätte, stolz und selbstbewußt zu sein. Und dieses herrliche Geschöpf, der Stolz seiner Mutter, war dieser jetzt entrissen. Ihre Klagen waren nur zu berechtigt. Valeska war es gewesen, die ihr stets gegen den Vater bei— gestanden, sie vor gänzlicher Verbitterung be⸗ wahrt, und vermocht hatte, den unbekümmerten lässigen Gatten, der trotzdem die volle haus⸗ herrliche und väterliche Autorität in Anspruch nahm, mit Geduld zu ertragen. Die Liebe zu ihm war schon lange in ihrem Herzen erstorben; allmählich, ganz allmählich, nachdem die Achtung dahin war, ging auch das letzte zuckende Flämm⸗ chen ihrer Liebe aus; denn es ist gewiß nicht wahr, daß das Weib ohne Achtung zu lieben vermag. Frau Stern konnte sich jetzt kaum noch vorstellen, daß sie für den Mann jemals wär⸗ mere Gefühle gehegt, nicht begreifen, daß sie um seinen Besitz alle äußeren Vorteile in die Schanze geschlagen hatte. Es ging ihr, wie tausenden ihrer Schwestern. Wie viele warme, schöne Liebe wird auf diese Art in Frauenherzen getötet! (Fortsetzung folgt.) Gute Ausrede. Die Geisterstunde war noch nicht ganz ab⸗ gelaufen— als sich die Schlafzimmerthür im Hause des Vizebürgermeisters Hälmle geräuschlos öffnete und eine Gestalt unhörbar hereinschwebte. Die Frau Vizebürgermeisterin, zufällig hell wach, fuhr jäh in die Höhe, aber sie fürchtete sich nicht. „Halt!“ rief sie mit lauter Stimme, und der Geist stand wie gebannt auf dem Flecke. „Also— so hältst Du Deine feierlichsten Versprechen! Schlaflos lieg' ich hier seit vier Stunden—!“ „Pst! Pst! liebste Mali— ich glaub's ja, und es war auch nicht schön— aber laß mich nur erzählen, dann kannst Du mich meinetwegen verurteilen!“ „Das wird was schönes sein!“ murrte sie. Ist auch schön! Paß auf! Um zehn Uhr wollt' ich nachhause gehen und hatte bereits bezahlt, als der Apotheker, von dem ich Abschied nahm, sich nach Dir erkundigte!“ „Nach mir?“ unterbrach ihn Frau Mali. „Ich habe doch mit dem Herrn meiner Lebtag noch keine zehn Woete gewechselt!“ „Ja, ja, verstell' Dich nur!“ scherzte Hälmle, ves muß doch etwas dahinter sein... Er fragte also, wie es Dir ginge, was ich ent⸗ sprechend beantwortete. Nun wandte er sich an die anderen Herren und sagte:„„Sehen Sie, meine Herren, dem Mann kann man's nicht verübeln, wenn er pünktlich nachhause geht. Wer eine solche Frau besitzt, darf sich keinen Augen— blick besinnen, ihr auf jede Weise seine Hoch— achtung zu bezeugen! Sie ist eine Perle von einer Frau! Geben wir ihm einen Ausdruck spezieller Hochachtung mit, indem wir rasen: Frau Vizebürgermeisterin Hälmle lebe hoch!“ — Nun stießen alle auf Dein Wohl an und ich stand da und hatte bereits ausgetrunken! Es wäre doch eine unverzeihliche Rücksichtslosigkeit gegen Dich gewesen, wenn ich nicht angestoßen und mich in Deinem Namen bedankt hätte; und so kam's, daß es ein wenig später wurde.“ Frau Hälmle sah ihren Gatten an, wie der Großinquisitor einen heimlichen Ketzer angeschaut haben mochte, aber Hälmle zuckte mit keiner Wimper und erwiderte den fragenden Blick so unbefangen, daß sie— überzeugt war. Sie bot ihm freundlich„Gute Nacht!“ Ja, sie wollte sogar noch wissen, was weiter über sie gesprochen worden sei; aber er schnarchte schon.— Am nächsten Abend ging Hälmle wieder zu seinen Zechgenossen und wie der Zufall wollte — es wurde wieder arg spät! Als er in das Gemach eintrat, in dem die Gattin ruhelos seiner harrte, begann er sofort:„Denk Dir nur, Mali! Es ist kaum zu glauben, aber heute ist es gerade so gegangen wie gestern! Man hat mich gefragt, ob Du nicht unwillig gewesen seiest, als ich so spät heimgekommen. Ich be⸗ richtete natürlich, daß Du im Gegenteil die Liebenswürdigkeit selbst gewesen seiest. Da waren nun alle begeistert; es hieß, eine solche Frau gäb' es nicht mehr, und der Apotheker— ja, ja, Du Schlange!— der Apotheker erklärte, er werde Dir zu Ehren eine Bowle brauen. Das konnte ich ihm natürlich nicht verbieten, und da ich gewissermaßen Deine Stelle zu vertreten hatte, mußte ich bis zum letzten Tropfen bleiben!... Ja, ja— dieser Apotheker— bei dem scheinst Du einen Stein im Brett zu haben!“ Frau Mali sah sinnend vor sich hin. Sollte dieser Apotheker wirklich ein so tiefgehendes Interesse für sie im Busen tragen?? Die während dieser Erwägungen eintretende Pause benutzte Hälmle, um sein Sägewerk in Bewegung zu setzen.— Am nächsten Abend kam Hälme gar nicht, sondern erst morgens um drei Uhr nachhause. Im Gehirne der Frau Mali dämmerte es be⸗ deutend. Mit schneidendem Hohne empfing sie ihn und fragte:„Na, habt Ihr mich etwa heute auch wieder leben lassen?“ Hälmle nahm seine paar Lebensgeister zu⸗ sammen und erwiderte:„Weißt Du, liebe Alte, die Herren sahen heute allerdings so aus, als wenn sie wieder etwas derartiges beabsichtigten, und da mußte ich doch abwarten, ob es dazu kommen werde! Leider habe ich dieses Mal umsonst gewartet und für Dich meinen Schlaf geopfert!“ Zwei Sekunden darauf schnarchte er bereits. Sie aber hob sämtliche Schwurfinger in die Höhe und sprach feierlich:„Na wart'! Du freu' Dich——!“(Flieg. Bl.) Sprüche zur Lebensweisheit. Ueber das Duell. Wo die Ehre barein gesetzt wird, daß man, unter dem lauten Widerspruche seines inneren Gefühls und verfolgt von dem Hohngelächter der ganzen übrigen Welt, einigen kindischen Satzungen Folge leiste und dadurch sich Beifall einiger Wüstlinge erwerbe, wo der Mut darein gesetzt wird, daß man durch einen kurz vorüber— gehenden Zweikampf die Feigheit eines ganzen, in schmählicher Sklaverei und in knechtischer Furcht vor verächtlichen Menschen hingebrachten Lebens auslösche; wie möchte daneben die wahre Ehre, die die mächtigste Triebfeder ist aller großen Thaten, und der wahre Mut, der die einzige Bedingung derselben ist, bestehen bleiben? Fichte in seiner Rede:„Ueber die einzige und mögliche Störung der akademischen Freiheit“. Sollte es inzwischen den Regierungen mit der Abstellung des Duellwesens wirklich ernst sein, und der geringe Erfolg ihres Bestrebens wirklich nur an ihrem Unvermögen liegen, so will ich ihnen ein Gesetz vorschlagen, für dessen Erfolg ich einstehe, und zwar ohne blutige Operationen, ohne Schaffott oder Galgen oder lebenswierige Einsperrungen zuhilfe zu nehmen. Vielmehr ist es ein kleines, ganz leichtes, hombo⸗ pathisches Mittelchen: wer einen andern heraus⸗ fordert oder sich stellt, erhält à la Chinoise, am hellen Tage, vor der Hauptwache, zwölf Stock⸗ schläge vom Korporal, die Kartellträger und Sekundanten jeder sechs. Wegen der etwaigen Folgen wirklich vollzogener Duelle blieb das gewöhnliche kriminelle Verfahren. Vielleicht würde ein ritterlich Gesinnter mir einwenden, daß nach Vollstreckung solcher Strafe mancher „Mann von Ehre“ im Stande sein könnte, sich totzuschießen; worauf ich antworte: es ist besser, daß so ein Narr sich selber totschießt, als andere. Schopenhauer in seinem Paergis, am Schlusse seiner Ausführungen über die„ritterliche Ehre“. Humoristisches. Aus Sachsen. Lehrer:„Erst im Jahre 785 nach Christi Geburt nahmen die Sachsen das Christentum an. Bis dahin waren sie Heiden gewesen. Nun, Emil, was willst Du fragen?“— Schüler:„Wie hat m'r denn bis dahin in Dräsen kesagt, wenn m'r:„Ei Herrchäses!“ sagen wollde?“ * Verfehlt. Der Referendar Sausemil kehrt nachts um zwei Uhr von einem schweren Gelage nachhause zurück. Er entdeckt, daß er den Hausschlüssel vergessen hat, und muß infolgedessen den Portier herausklingeln. — Portier:„Nanu, zu wem wollen Sie denn hier mitten in der Nacht?“— Referendar:„Fragen Sie doch nicht so dämlich! Erst lassen Sie mich hier eine Viertelstunde auf der Straße warten und dann machen Sie mir noch Umstände! In meine Wohnung will ich natürlich.“— Portier:„Herr, Sie wohnen doch gar nicht hier, ich kenne Sie gar nicht!“— Referendar:„Na, zum Donnerwetter, hier ist doch Nr. 152!“— Portier:„Nein, hier ist Nummer 153.“ — Referendar:„Was? 153? Aber Sie Esel, da haben Sie mir ja ein ganz falsches Haus aufgeschlossen!!“ 8(Lust. Bl.) ——.—— Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. „Die Agrarfrage“. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirtschaft und die Agrar⸗ politik der Sozialdemokratie von Karl Kautsky. Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart. VIII. und 452 Seiten gr. Oktav. Broschiert Mk. 5.—., gebunden in engl. Leinwand Mk. 6.50.— Aus dem Inhalt des längsterwarteten Buches teilen wir die nachstehenden Kapitel⸗Ueberschriften mit, die wohl den besten Ueber⸗ blick geben über das, was der Autor in seinem Buche behandelt. I. Die Entwickelung der Landwirt⸗ schaft in der kapitalistischen Gesellschaft. Der Bauer und die Industrie.— Die Landwirtschaft der Feudalzeit.— Die moderne Landwirtschaft.— Der. kapitalistische Charakter der modernen Landwirtschaft. — Großbetrieb und Kleinbetrieb.— Die Schranken der kapitalistischen Landwirtschaft.— Die Proletari⸗ sierung der Bauern.— Die wachsenden Schwierigkeiten der Waren produzierenden Landwirtschaft.— Die überseeische Lebensmittelkonkurrenz und die Industrieali⸗ sierung der Landwirtschaft.— Ausblick in die Zukunft. II. Sozialdemokratische Agrarpolitik. Braucht die Sozialdemokratie ein Agrarprogramm?— Der Schutz des ländlichen Proletariats.— Der Schutz der Landwirtschaft.— Der Schutz der Landbevölkerung. — Die soziale Revolution und die Expropriierung der Grundbesitzer.— Das Werk ist durch alle Buchhand⸗ lungen zu beziehen. W. Liebknechts Schrift Die Emser Depesche oder: Wie Kriege gemacht werden wird im Januar in neuer, bedeutend vermehrter Auflage er⸗ scheinen. Neben dem bisherigen außerordentlich reich⸗ haltigen Inhalt wird die Broschüre die Schriften, welche nach dem Tode Bismarcks erschienen sind, namentlich die Buschschen Enthüllungen und die Bismarckschen, sogenannten Memoiren eingehend würdigen. Mit Rücksicht darauf, daß Fürst Bismarck, der sich Busch gegenüber äußerte, den Kaiser nackt gesehen zu haben, sich selbst vor Busch und durch Busch vor aller Welt„nackt“ hingestellt hat, lautet der Nebentitel der Neuauflage jetzt: Bismarck nackt. Die Schrift, welche mit unerbittlicher Faust den Schleier abreißt von der Bismarckschen Politik, verdient in ihrer neuen, vermehrten und verbesserten Ausgabe sicherlich ebenso wie in ihrer früheren Gestalt die Gunst des Publikums, der wir sie hiermit empfehlen. — Alle Buchhandlungen nehmen Bestellungen ent⸗ gegen, ebenso der Verlag von Wörlein und Komp. in Nürnberg. — 2 2 Nl. Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 2.— ——** 5 2 ich — Frankfurter Schuhlager Prauer⸗ g U„ 5 f N 2 Mäusburg 12 Giessen Mäusburg 12 8 5 Größtes und billigstes d 1 5 ll ö gstes Lager 4 5 in allen erdenklichen Sorten un d Au bv A ö Schuhen und Stiefeln Samstag, den 7. Januar 1899, abends 8 Uhr ö besonders offeriere sehr billige im Saale des Café Leib. 0 Winters sn Das Komits. ö für Damen von Mk. 0,80 an 5„ 88888888809 . Damenpantoffeln Wegen des gelinden Wetters habe mich entschlossen, 0 15 J Sämtliche Schuhwaren J m im Preise ganz bedeutend zu reduzieren und offeriere: 8 Für Damen: Pantoffeln v.„ 0, 25 an 0 92.. Plüschpantoffeln mit Absatz„„ 1,20„ 8 S Tuchpantoßfefnn„„„%. 5 S 5•3 8 2 Tuchpantoffeln holzgen..„„ 0.25„ 2 iert 2338 Lalbschuhe(Wichsleder).„„ 325 welche 322& Spangenschuhe„„ 2,80„ verhän an e„ 2.75„( 5 28 8 s Schnürstiefel 4 15 S8 kan ee, 482 5 Agraffenstiefel.„„ 4,75„ nehn 1 S Zugstiefel% D Vorsc [END— Stoffschuhe mit Ledersohle„„ 0,80„ ech —— sowie alle übrigen Artikel zu staunend billigen e Mil ESE S. 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