2— 5—— 2 illi aus bon 0 uche, ue 2, — Verlag der 8, Berli, ion unseng gen: lage vor ge. icht der ingen. . 0 10 Pfg. det Re. der Zuch⸗ itigt; ni ie Schal nung übe ge hinweg dem Won 1 famosa onders aul r für u „daß d. die Alf reheit, bu g pfes wil e Verttelg n zugeht tung die e Agitatat — nes uch 1. leidet, 5 raße 1 2 V N —— chen einn 0 fg. igel 20 2 2 1 i. F Nr. 32. Gießen, Sonntag, den 6. August 1899. 6. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Ut Mitteldeutsche bit Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abounementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Bestellungen Grober Unfug. mp. Während in Sachsen die Sozialdemo— kratie mit schweren, allerdings fruchtlosen und nur sie fördernden Schlägen à la Löbtau„be⸗ kämpft“ wird, während hier verschiedene ord— nungsliebende Organe den Richtern ganz ungeniert anraten, bei den Sozialdemokraten auch das zu bestrafen, was anderwärts straflos sei, also ohne Erröten den juristischen Staatsstreich, das Hinwegspringen über die geltenden Gesetze empfehlen, liebt man in anderen Bundesstaaten mehr die kleinen Mittelchen, namentlich das be⸗ rühmte Mädchen für Alles, den Groben Un⸗ fug. Da dieses reizende Blümchen im Haine deutscher Rechtspflege sich immer herrlicher ent— faltet, so ist eine nähere Betrachtung vielleicht am Platze. Wir wollen uns bei der von den deutschen Gerichten zwar nicht anerkannten, aber trotz⸗ dem richtigen Anschauung, daß mittels der Presse überhaupt kein Grober Unfug verübt werden kann, nicht länger aufhalten, sondern im Gegensatze zu unserer Ueberzeugung der deutschen Gerichtspraxis vorübergehend zu- stimmen. Gesetzt also, es könnten Zebungen wirklich gegen den bekannten§ 360* verstoßen, d. h. weitere Kreise„ungebührlich belästigen“, so muß doch die Dame Justitia, die bekanntlich ihre Augen verbunden haben soll, nicht nur die Nerven der Nationalliberalen und Konservativen, sondern auch diejenigen der anderen Staatsbürger, somit auch der Sozialdemokraten beschützen. Das geschieht aber nicht. Die„Berl. N. Nachr.“, die„Kreuzzeitung“, die„Münch, Allg. Ztg.“, die Stumm'sche„Post“ und wie sie alle heißen, die schönen Papiere der Kohlen-, Schlot⸗ und Panzerplattenbarone haben schon des Oefteren für die Aufhebung des Reichstagswahl⸗ rechtes, für den direkten Staatsstreich Propaganda gemacht. So schrieb eines dieser Blätter vor wenigen Jahren, daß der Kaiser die Reichsverfassung jederzeit aufheben könne, weil er sie nicht beschworen habe. Nun dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß solche Aeußerungen vielmehr zur Beunruhigung und Belästigung des Volkes geeignet sind, als ein Spottgedicht auf Bismark oder z. B. die Be⸗ zeichnung Schandgesetz für das verflossene Aus nahmegesetz gegen die Sozialdemokratie. Trotzdem aber ist bis jetzt noch kein Scharf⸗ macherblatt wegen groben Unfugs belangt worden. Mit dieser Thatsache ist das Vorhandensein der deutschen Klassen⸗Justiz, deren Existenz offiziell und offiziös abgeleugnet wird, wieder einmal erwiesen. Oder ist es vielleicht nicht Klassenjustiz, wenn die Belästigung der Bismarck⸗ verehrer, die sich zumeist aus sogenannten besseren Kreisen rekrutieren, bestraft wird, während man die Millionen deutscher Proletarier ungesühnt auf das Heftigste erregen und beunruhigen darf? Das ist um kein Haar anders, als wenn ein Staatsanwalt auf die Anzeige, daß ein Mann am hellen Tage, nur mit einer Schwimmhose bekleidet, in verschiedenen Straßen herum gelaufen * Der 8 360 Absatz 11 des Reichs⸗Straf⸗Gesetz⸗Buchs, der„Grobe Unfugs⸗Paragraph“ mit dem so viel grober Unfug getrieben wird, lautet: 1. Mit Geldstrafe bis einhundertfünfzig Mark oder mit Haft wird bestraft:.. 11) wer ungebührlicher Weise ruhestörenden Lärm er⸗ regt oder einen groben Unfug verübt. 9 Juserate aa nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Druckerei, Schloßg. 13, sowse jede Postanstalt unn[4 mal. Beffellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33s½% und bei Bei mindestens mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt sei, erst fragen würde, ob die Straßen zu einem vornehmen oder proletarischen Viertel gehören, um dann nur im ersteren Falle die Anklage zu erheben. Ein solches Vorgehen eines Staats— anwaltes würden sämtliche deutschen Juristen verurteilen, und do“ zeigt die Anwendung des § 360 auf die Presse das nämliche Bild. Es genügt dem die Anklage erhebenden Teil nicht, daß belästigt wurde, sondern er frägt noch, wer beunruhigt wurde. Sind dies Bismarckschwärmer, National- liberale und Konservative, dann her mit der Anklageschrift, sind es„nur“ Sozialdemokraten und Demokraten, dann— Schwamm drüber! Mit Verlaub, mit solch' einer Rechtspflege wird der Jurist das, was er niemals sein soll, Politiker und Parteimensch. Es ergreift ihn dann, ohne daß er es merkt, die Parteileiden— schaft, und unter ihrer ihm unbewußten Herr⸗ schaft beginnt er jene Künsteleien in der Gesetzes⸗ Auslegung, die in wenigen Jahren das An⸗ sehen der gesammten Rechtsprechung untergraben und eines Tages mit zermalmender Wucht auf diejenigen zurückfallen, zu deren Gunsten sie geübt wurden. Wie weit wir es in der Dehnung der Straf- gesetze bereits gebracht haben, wie weit der Mangel an juristischem Denken und Gefühl be⸗ reits vorgeschritten ist, zeigt ebenfalls die An⸗ wendung des§ 360. Da wurde ausgeheckt, daß es zur Verurte'lung wegen groben Unfugs genüge, wenn eine Handlung auch nur ge⸗ eignet sei, ungebührlich zu belästigen. Eine wirkliche Belästigung brauche gar nicht vor⸗ gekommen zu sein. In dieser Anschauung liegt aber ein kolossaler, unglaublicher Mangel an juristischem Empfinden. Der wahre Jurist ar⸗ beitet nicht mit vagen Vermutungen, mit denen sich, wie wir noch sehen werden, alle möglichen Verbrechen konstruieren lassen, sondern einzig und allein mit bewiesenen Thatsachen. Der Beweis, daß etwas geschah, tritt uns bei allen richterlichen Urteilen entgegen und wo dieser Beweis nicht erbracht wird, erfolgt Freisprechung. Nur beim Groben Unfug wird auf einmal auf den Beweis, daß jemand belästigt wurde, verzichtet, und es genügt schon das Ge— eignetsein der Handlung zur Belästigung. Wohin man am Ende mit einer solchen Rechtsprechung, die sich nicht mehr um die wirk⸗ lichen, sondern auch um die möglichen Folgen kümmert, kommt, wie leicht es ist, mit ihr aus Mücken Elephanten zu machen, mögen ein paar Bespiele lehren. Eine Frau hat an einem Fenster einen großen Blumenstock stehen, der ihrem Manne die Aus sicht auf die Straße nimmt. Der Gatte will den Stock an einen anderen Ort gestellt wissen, die Frau verweigert es eigensinnig, eines Tages gibt es deshalb heftige Differenzen und hierbei wirft der Mann in seinem Zorn das Streitobjekt auf die Straße. Dieser aus der dritten Etage herabfallende Blumenstock ist zweifellos„geeignet“, einen Vor- übergehenden mausetodt zu schlagen. Da nun (siehe Gerichtspraxis betr. Groben Unfug) eine Verurteilung schon erfolgen kann, wenn eine Handlung auch nur geeignet ist, sich zu der und der strafbaren Handlung auszuwachsen, so könnte der unglückliche Ehegatte wegen Todtschlags oder fahrlässiger Tödtung gefaßt werden, auch wenn Niemand verletzt wurde. Oder ein anderes Bild. Zwei Herren gehen eifrig debattierend spazieren. In der Hitze der Rede wirft der Eine seine brennende Zigarre unachtsam auf einen großen trockenen Heuschober. Zufälliger Weise ist aber gerade die Stelle, auf welche die Zigarre fällt, naß und infolgedessen fängt das Heu nicht Feuer.„Allerdings, sagt nun unser Jurist, ist kein Brand entstanden, aber Deine Handlung war geeignet, einen solchen hervorzurufen, somit sperre ich Dich wegen Brandstiftung ein.“ i Aus diesen beiden Exempeln ersieht Jeder⸗ mann, wohin wir gelangen, wenn der Jurist das Reich der bewiesenen Thatsachen verläßt, um in dem unermeßlichen Meere der Möglich⸗ keiten, der„Eventualitäten“ mit der Frage: „Was könnte da nach Umständen passiert sein?“ herumzusegeln. „Wir verstehen es ja sehr wohl, daß einem Richter, der dem Mittelstande oder gar dem Adel entsprossen ist, bei den soztaldemokratischen An⸗ griffen auf seine Götter das Herz blutet und er gerne zugreifen möchte. Aber es ist durchaus unjuristisch, wenn er diese Privatgefühle in sein amtliches Leben hinüberspielen läßt. Für den Juristen darf es nichts geben als das Gesetz und reicht dieses nicht aus, so darf er die Paragraphen nicht dehnen und recken, bis die angeklagte Handlung hineinpaßt, sondern er muß, wenn auch mit Ueberwindung, von einer Verfolgung absehen. In der kriminellen Praxis erlebt jeder Richter dutzend Male den Fall, daß er zu seinem Leidwesen z. B. einen Verführer und Verderber eines Mädchens, einen Denun⸗ zianten nicht bestrafen darf, weil das Gesetz hierzu keine Handhabe bietet. Also warum in 10 Prozessen zugreifen wollen um jeden Preis? Zur Zuchthausvorlage. Die Agitation für das Ausnahmegesetz wird seitens der Unternehmerorganisationen und der Regierung systematisch und mit Hochdruck be⸗ trieben. Den Amtsblättern werden Flugschriften beigelegt. Auf die unsicheren Kantonisten der nationalliberalen Partei wird ein außer⸗ ordentlich starker Druck ausgeübt. Die Gefahr ist größer, weit größer als vor zwei Monaten. Das Gespenst, das man niedergeschlagen glaubt! erwacht zu neuem Leben! Arbeiter, Genossen, Erlahmt keinen Moment im Kampfe gegen das schmachvolle Ausnahmegesetz! Zeigt der Welt Euren„unbeugsamen Willen“, Euch nicht mit Mördern und Brandstiftern auf eine Stufe stellen zu lassen! Nieder mit dem Zuchthaus⸗ gesetz! 4 Die Innungen machen mobil. Nicht nur die großen Unternehmerverbände machen scharf zu Gunsten der Zuchthausvorlage, sondern jetzt werden auch die lokalen Unter⸗ nehmervereine mobil gemacht. Die Innungen werden aufgefordert, für die Zuchthausvorlage zu demonstrieren und Sympathie⸗Resolutionen an das Reichsamt des Innern zu senden. Dem gegenüber müssen die Arbeiter auf dem Posten sein! * Die Zuchthausvorlage als Roman. Die Denkschrift zur Zuchthausvorlage zeigt so viele romanhafte Züge, daß es nur noch —— Seite 2. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Nr. 32. 5 eines kleinen Schrittes bedarf, um sie als Kolportage⸗Koman in die Massen zu werfen. Wir haben, so schreibt der„Vorwärts“, schon früher darauf aufmerksam gemacht, die Regierung thue besser daran, statt der gelben Agitations⸗ Hefte der Firma Hülle für die Zuchthausvor⸗ lage einen Roman ausarbeiten lassen und ihn heftweise gratis zu verteilen. Eine Münchener Verlagsfirma hat nun— wenn wir eine Anzeige im„Buchhändler⸗Börsen⸗ Blatt“ richtig deuten— diese geniale Idee auf⸗ gegriffen und kündigt in ca. 15-20 Lieferungen folgendes an: Der Streikbrecher. Sozialer Roman der Gegenwart von Oskar Linden. Der Verlag veispricht den Buchhändlern: „Sie werden mit diesem sensationellen Roman in allen Kreisen der Gesellschaft sowie unter der Arbeiterschaft ein horrendes Geschäst machen.“ Man werde mit diesem„aktuellen, zeitgemäßen Werke“ ein gutes und leichtes Geschäft machen, kurz es sei cine„sensarionelle Neuheit“. Ein Oskar Linden ist in der Litteratur nicht bekannt. Das schadet aber nichts. Der Ver⸗ sasser der Denkschrift war ja auch vor seiner epochemachenden That eine unbekannte Größe. Was den Inhalt des Kunstwerkes anlangt, so ahnen wir u. a. folgende Kapitelüberschriften: „Im Heim des Frommen.— Die Verschwörung in der Budike.— Der Fusel⸗Dämon.— Im Palast des Hetzers.— Champagner und Arbeitergroschen.— Blut! — Die geschändete Jungfrau oder das Opfer des Agi⸗ tators.— Der frivole Streik.— Der Arbeitswillige. — Der Ueberfall in der Novembernacht.— In tausend Wunden verröchelnd.— Die geschändete Jungfrau rächt den Vater.— Die neue Jungfrau von Orleans oder aus Arbeits willigem Stamme.— Die Hetzer auf der Flucht.— Der Geist des ermordeten Streikbrechers.— Sieg der Jugend.— Auf ewig vereint oder die Hochzeit des Fabrikanten mit der geschändeten Tochter des er⸗ mordeten Streikbrechers.— Sozialer Frieden.— Der erste Junge oder das Geschlecht der Arbeits willigen stirbt nicht aus.— Der Hetzer in der Hölle.— Deutschland, Deutschland über alles!“ * Ohne Zuchthausgesetz! In der vorigen Woche wurden einige au den Herner Krawallen beteiligten unor⸗ ganisierte, jugendliche polnische Aubeiter, die den zur Ruhe und Besonnenheit mahnen den organisierten Arbeitern nicht Folge geleistet hatten, vou der Bochumer Strafkammer abgeurteilt. 16 Arbeiter wurden wegen„Auf⸗ ruhr“,„versuchter Nötigung“ u. s. w. zu ins⸗ gesamt 11 Jahren, 8 Monaten und 3 Tagen Gefängnis verurteilt. Nicht eine einzige Verurteilung erfolgte auf Grund des§ 153 der Gewerbe-Ordnung. Wozu also ein Ausnahmegesetz? Fort mit der Zuchthausvorlage! Was lehren die Herner Unruhen? Mit den Opfern der Herner Unruhen, die allesamt Polen sind, beschäftigt sich auch die recht zahme„Vossische Zeitung“. Als Grund der Unruhen bezeichnet dieses Blatt die mangel- hafte Erziehung und Or ganisationslosig- keit der Polen. Zu den Mitteln der Erziehung, die noch über die Schulzeit hinaus mächtig sind, gehört das Vereins⸗ wesen. Kein Mensch kann ohne Schaden für seine Seele des Umgangs mit Gleichstrebenden entbehren. Die Kirche weist den Zögling für das Priesteramt auf den Umgang mit Prlestern, der Staat weist den Offizier auf den Umgang mit Kameraden hin. Das student— ische Verbindungswesen wurzelt, in der Ueberzeugung, daß der der Schule entwachsene in die Freiheit hinaus— gestoßene Jüngling noch der Erziehung durch seines Gleichen bedürfe. Der Handwerker verlangt nach Innungen. Allen diesen Bestrebungen steht man mit Wohlwollen gegenüber; nur wenn der Arbeiter das Verlangen stellt, sich nach dem Vorbilde anderer Stünde zu vereinigen, und zu versammeln, setzt man ihm Mißtrauen entgegen. Arbeiter, die längere Zeit einem festen Arbeiterverein angehört haben, pflegt man organissierte Arbeiter zu nennen und die Erfahrung lehrt, daß organisierte Ar— beiter selren, fast nie, Ausschreitungen begehen. Sie sind erzogen und haben gelernt, daß solche Aus⸗ schreltun zen ihren nächsten Zweck stets verfehlen, aber sehr verhängnisvolle Nebenwirkungen haben. Herne sind es unorganisierte Arbeiter gewesen, die sich an dem Vergehen beteiligt haben. Und demzufolge schließt die„Vossische Ztg.“ ihre Kritik:„Die Lehren des Herneschen Prozesses deuten auf etwas ganz anderes, al auf die Notwendigkeit einer Verschärfung der Strafen.“ Freilich werden unsere Scharfmacher und ihre Preßtrabanten die hier angedeuteten Lehren nicht verstehen wollen. 4 Auf der Materialsuche. In Halle sind seit Wochen die Maurer ausständig. Vor wenigen Tagen bemerkten mehrere Streikende zwei Polizisten in Maurerkleidung. Die Verkleidung war ziemlich geschickt nachgemacht, sogar die Kalk⸗ spritzer fehlten nicht, und in der Seitentasche des Rockes steckte das eingeschlagene Frühstück; der eine trug ein Päckchen unter dem Arm. Die Polizisten flanierten in den Morgenstunden in den Straßen umher und stellen sich in der Nähe der Neubauten auf. Zu welchem Zweck wohl? Die Kommission der Maurer eilte zum Polizei⸗Inspektor und beschwerte sich über diese Spitzelsi. Dieser hat die Sache untersucht und den einen der Polizisten ausfindig gemacht.— Was hatten die Polizisten in dieser Verkleidung zu schaffen? Wollten sie von den Streikposten angesprochen sein und Material für die Zucht⸗ hausvorlage erhalten?— politische Nundschau. Gießen, den 6. August. Die Komödie ist aus. Die Diplomaten find abgereist aus dem Haag. Ihre Arbeit war, wie vorauszuschen und wiederholt auch von uns porausgesagt wurde, für die Katz. Die drei von der Friedens⸗ konferenz beschlossenen Konventionen betreffend die Schiedsgerichte, die Kriegsgebräuche im Landkrieg und die Anwendung der Genfer Konvention auf den Seekrieg wurden nicht unterzeichnet von Deutschland, Oesterreich⸗-Ungarn, China, Großbritannien, Italien, Japan, Luxemburg, Serbien, Schweiz und der Türkei. Die Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichneten nur die Konvention über Schiedsgerichte, jedoch unter Vorbehalt. Rumänien unterzeichnete die Konvention über die Schiedsgerichte unter Verbehalt. Die drei Er⸗ klärungen betreffend das Verbot, Explosiv— körper aus Ballons zu schleudern, Stick— gase verbreitente Geschosse sowie Kugeln in der Art der Dum-Dum⸗-Kugeln zu verwenden, wurden nicht unterzeichnet von Deutschland, Oesterreich⸗Angarn, China, Großbritannien, Italien, Japan, Luxemburg, Serbien und der Schweiz, während Amerika nur die Erklärung betreffend die Ballous unterzeichnete. Damit ist der Schluß der Komödie, von der man kaum ernsthaft reden kann, besiegelt. Hervor— gehoben sei nur, daß die gesamte sozialistische Presse aller Länder einstimmig darin gewesen ist, die Komödie zu brandmarken und die Wahr— heit zur Geltung zu bringen, daß es nur eine Friedensgesellschaft giebt, welche Macht hat und Einfloß: die internationale Sozialdemo— kratie,— und daß die Beseitigung des Mili⸗ tarismus und die Begründung des Weltfriedens eins ist mit dem Siege des Sozialismus über den Kapitalismus.— Keine Gegenliebe bei Karolinen. Gegen den Verkauf der Karolinen an das Reich scheint sich unter der dortigen Bevöllerung Widerstand zu regen. Ein New-Norker Depesche meldet:„Der König und Häuptlinge der Karo⸗ lineuinsel Kusaie haben an die Vereinigten Staaten eine Petition gerichtet, in der sie um Annektirung ihrer Insel durch die Vereinigten Staaten bitten. Die Petition ist auf dem Wege über San Franzisko nach Washington gelangt.“ — Da hätte Deutschland ja gleich„Rebellen“ zur Raison zu bringen! Bezahlte Agitatoren. Der nationalliberale Freiherr v. Heyl hatie gelegentlich Herrn Bueck, den General⸗ sekretär des„Centralverbandes der deutschen Auch in Industriellen,“ einen„bezahlten Angestell⸗ ten“ genannt. Demgegenüber sagt Herr Bueck: „Wer diese Hilfsarbeit zu seiner Lebens⸗ aufgabe macht, hat ein Anrecht auf Gegen⸗ leistung für seine Arbeit, gleichwohl ob er sie dem Staate oder einer privaten Interessen⸗ gemeinschaft leistet, und ich meine, diese Ar⸗ beit ist ebenso ehrenwert wie jede andere. Dadurch, daß der Freiherr v. Heyl meine Kollegen und mich ausdrücklich als„bezahlte Angestellte“ bezeichnet, will er uns unverkenn⸗ bar in der öffentlichen Meinung herabsetzen; das scheint mir nicht der Ausfluß adliger Gesinnung zu sein, wie sie einem Freiherrn wohl anstä de.“ Diese unadlige Gesinnung bewähren aber die Buecks, das Unternehmertum und seine Preßsöldlinge täglich in den schnödesten Formen gegen die„Agitatoren“ der Gewerkschaften, deren Bezahlung freilich eine so kärgliche ist, daß ein Bueck es mit manchem Dutzend von ihnen aufnimmt. Eine neue Köllerei. Der Freisinnsklüngel des Schleswigschen Städte hat bekanntlich in den letzten Jahren durch Erhöhung der zur Wahl berechtigenden Steuern(Wahlzensus) dafür gesorgt, daß die Teilnahme der Arbeiterschaft an den städ⸗ tischen Verwaltungen ausgeschlossen war. Nun hat aber das Oberverwaltungsgericht ent⸗ schieden, daß alle diese Erhöhungen des Wahl⸗ census nach dem Inkrafttreten des Einkommen⸗ steuergesetzes vom 1. April 1892 unzulässig waren. Die Sozialdemokraten schicken sich be⸗ reits in allen in Betracht kommenden Städten an, die neugeschaffene Sachlage für sich auszu⸗ nützen. Da erscheint der Herr Oberprästdent von Köller auf dem Plan und verlangt in sei⸗ nem Leibblat', den„Schleswiger Nachrichten,“ zur Korrektur des Erkenutuisses des Oberver⸗ waltungsgerichts in Bezug auf die Auslegung des Gemeindewahlrechts in Schleswig⸗-Holstein sobald wie möglich die Einführung des Drei⸗ klassenwahlrechts, um den unteren Klassen der Bürgerschaft die Teilnahme an der Kommunal⸗ verwaltung zu sichern, zugleich aber die Ge⸗ meinden vor einer„Klassenherrschaft“ der So⸗ zialdemokratie zu schütze n. Die Dienstzeit ist viel zu lang. In Nr. 173 des„Potsdamer Intelligenz⸗ Blatt“ findet sich folgendes Inserat: „Für die Ernte-Arbciten können noch einige Garde-Artilleristen beurlaubt werden. 7. Batterie 2. Garde-Feld⸗Artillerie⸗Regts.“ Hier werden Soldaten also sogar zu civilen Beschäftigungen angeboten, ohne ver⸗ langt worden zu sein. Wir haben's ja immer gesaͤgt, daß die Dienstzeit noch ganz bedeutend verkürzt werden muß. Warum die Arbeiter- und Bauernsöhne unnütz lange in der Kaserne drillen, wenn es gar nicht nötig ist? Und wenn noch Tausende Soldaten als Dienstboten beschäftigt werden, mit der Frau Feldwebel zu Markt gehen und Kinderwagen schieben können, so ist doch dadurch bewiesen, daß neben der für die Ausbildung erforderlichen Zeit noch viel freie Zeit übrig bleibt. Also: Herabsetzung der Dienstzeit zunächst— sagen wir: auf ein Jahr! Verschwundene Stimmzettel. In recht bemerkenswerter Art hat die Ferien⸗ strafkammer des Landgerichts Königsberg Licht in eine dunkle Angelegenheit gebracht. Der Instmann Karl Becker aus Legitten hatte am 17. Juni vorigen Jahres zu Wulfshöfen in Gegenwart mehrerer Personen geäußert, der Vorstand des Wahlbezirks III der Kreise Labiau⸗ Wehlau habe bei der am Tage vorher stattge⸗ sundenen Wahl die Stimmzettel vertauscht. Für den Genossen Rechtsanwalt Haase seien einige 40 Stimmzettel abgegeben worden, während in der Wahlurne nur 24 davon vorgefunden wurden. Als diese Aeußerung zu Ohren des betreffenden Vorstandes gelangte, wurde Becker wegen öffentlicher Beleidigung angezeigt und am 23. November vorigen Jahres vom Schöffenge⸗ richt in Labiau zu vier Wochen Gefäng⸗ nis verurteilt. Gegen dieses Erkenntnis legte Becker Berufung ein und ließ zum Beweise 13 * 9 Nr.“ l buen oh! 90 00 naß adele cwahl Eu Stimm Her El. Je, u werden. f Feten am Wi. kwesen Jalobh, seitsbel zurecht feltsben lach den die Sti könne n gebenen Jud zol Wal das Cen Sozial sullt fi fat v Die 0 giebt zt händler bündnie Wahlkr dern de Hohen Segitz zu be „Südt eingel endgül Da der Fa — mi Cs gel keinen! Mit Ve M N00 Vlts⸗ ferichtl Jieisyr fam fingni Jahre dieses e bon Me uf un liche 3 Die gegen okt Mare fur P. den A Freude berar worder file ie Gaben hüten Are Man daß fret rei 91 Jaun uuf ain 2 surter nicht * 1 tell. 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Ueber den Verbleib der fehlenden Stimmzettel konnte nichts ermittelt werden.— Der Staatsanwalt hatte eine geradezu geniale Idee, wie die Differenz an Stimmen erklärt werden könne. Er sagte, es sei eine Verwechselung seiiens der Wähler nicht ausgeschlossen, da sie am Wahltage mehr oder weniger betrunken gewesen seien. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Jakoby, war dagegen der Ansicht, daß der Wahr⸗ heitsbeweis gelungen, der Angeklagte daher frei⸗ zusprechen sei. Der Gerichtshof hielt den Wahr⸗ heitsbeweis nicht für erbracht. Die Wahl sei nach den Zeugenaussagen ordnungs mäßig erfolgt, die Stimmendifferenz, die sich herausgestellt habe, könne nur aus den vom Staatsanwalt ange⸗ gebenen Gründen erklärt werden.— Gedanken sind zollfrei! Ein mißglückter Kuhhandel. Mährend die Konservativen nicht genug über das Centrum zetern konnten, daß es mit den Sozialdemokraten in Bayern Kuhhandel getrieben, stellt sich jetzt heraus, daß die Konservativen selbst versucht hatten das Geschäft abzuschließen. Die konservative„Süddeutsche Landpost“ giebt zu, daß nicht nur der Führer der Bauern- bündler, Lutz, den Socialdemokraten ein Wahl- bündnis für die bayrischen Landtagswahlen im Wahlkreise Fürth brieflich angetragen hat, son⸗ dern daß auch der Bürgermeister Scharrer von Hohenstedt persönlich bei dem Socialdemokraten Segitz war, um sich über ein solches Kompromiß zu besprechen, ferner daß der Redakteur der „Südd. Landp.“ selbst von Scharrer nach Fürth eingeladen wurde, wo über diese Bündnisse dann endgültig beschlossen werden sollte. Das Kompromiß kam zwar nicht zu stande, der Fall beweist aber, daß auch die Konservativen — mit dem Umsturz sich gern„verbinden.“ Es geht ihnen, wie den Franzosenfressern, die keinen Wälschen leiden mögen, aber ihre Weine mit Vergnügen trinken.— Majestätsbeleidigungs⸗Prozesse. Nach einer Zusammenstellung der„Berl. Volks⸗Zeitung kamen im Juli 16 Fälle zur gerichtlichen Verhandlung. Dreimal erfolgte Freisprechung, in dreizehn Fällen wurde auf zusammen 81 Monate und eine Woche Ge⸗ fängnis erkannt, das sind etwas über 6¼ Jahre. In den verflossenen sieben Monaten dieses Jahres hat das Blatt insgesamt 218 Fälle von Majestätsbeleidigungen mitgeteilt, in denen auf ungefähr 71¼ Jahre Gefängnis und etliche Festungsstrafen erkannt worden ist.— Zur Parteikrise in Frankreich. Die Rede, in welcher Genosse Liebknecht sich gegen die Haltung der französischen Sozial⸗ demokraten Jaures und Millerand in der Affäre Dreyfus aussprach, weil sie die„Affäre“ zur Parteisache gemacht, ist in Paris von den Antisemiten und Nationalisten mit hoher Freude begrüßt und— nachdem sie gehörig „verarbeitet“ war— entsprechend ausgenutzt worden. Der„Intransigeant“ bringt sie in den fettesten Lettern unter der Ueberschrift„Mille⸗ rand und Jaures gebrandmarkt von Liebknecht.“ Die„Libre Parole“ betont besonders, daß Liebknecht gesagt habe, Millerand und Jaures hätten ihm geschrieben, sie wollten durch die Affäre Dreyfus den Militarismus vernichten. „Man ahnte lange“, sagt das Blatt Drumonts, „daß der Internationalismus an Hochverrat streifte. Liebknecht giebt uns den Beweis. Merci, Liebknecht!“ 1 Hierzu erklärt Gen. Liebknecht im Vorwärts: „Ich habe weder von Millerand noch von Jaurés gesagt, sie hätten mir Derartiges erklärt. Daß Militarismus und Armee zwei ganz verschiedene Dinge sind, brauche ich nicht zu er⸗ wähnen. Der„Dank“ der Herren Drumont und Kon⸗ sorten ist sicher nicht angenehm, aber er ist auch nicht unangenehmer als für die Gönner des Ministeriums Waldeck⸗Rousseau⸗Galliffet der „Dank“ der Kreuzzeitung, daß Galliffet den richtigen militärischen Geist in der französischen Armee so kraftvoll wieder herstellt. Die„Affaire“ hat eben in den Geistern eine gar seltsame Verwirrung angerichtet. 31. Juli 1899. W. Liebknecht.“ Das belgische Ministerium hat demissioniert. Der Kleber Vandenpeereb om hat doch schließlich eingesehen, daß auf die Dauer der Wille des Volkes nicht unberück— sichtigt bleiben kann. Ein neues Ministerium ist bis jetzt noch nicht gebildet. Hebung des Handwerks! Ein Kleinhandwerker in der Provinz, der Frau und fünf Kinder zu ernähren hatte, konnte zwei Wechsel, einen im Betrage von 21,55 M. und einen im Betrage von 46,85 M., nicht rechtzeitig einlösen. Die Firma, eine Aktien⸗ gesellschaft, gewährte keine Frist, sondern übertrug die Sache einem Rechtsanwalt in Berlin. Der Prozeß begann 1895 und hatte nuch zwei Jahren folgendes Gesicht: 55 tinnen. Berechnete Zinsen bis zu den einzelnen Zahlungen—,80„ Wechselkosten Hiaen ennie 45 Vollstreckungsgebühr, Schreibgebühr und Porto des Rechtsanwalts.„%% Urteilsvollstreckung 2.—,50„ II. A e,, 46,85„ Zinsen bis zu den einzelnen Zahlungen. 1 Wechs elena. 9,40„ Vollstreckungsgebühr und Porto des Rechts⸗ ün walt! ß ⅛è—q—ö 1185, Urteilszustelung gg 9 Pfändungskosten und Leistungsgebühr. 31011 Postanweisungen und Briefporto 1,70, IXI. Festgesetzte Prozeßkosteen. 30,35„ Kosten der zwei Beschlüsse 1 120. Zustellung derselben 1.40„ Vollstreckungsgebühr und Porto des Rechts⸗ anwalts. 2 00f, Postanweisunge n„60 Pfändungskosten und Leistungsgebühr 2,60„ Briefporto.„ 0, 134,35 M. 20.9. 95: 1. Zahlung an d. Gerichtsvollzieher 10,— M. 2 9„ i.„ n 3..„„ 77 37 17 4. 7„ 1. 77.— 6 5..„„ 7 14 0.„ 6. 7„ u.. 195 57 5„„„%.* 5 7 8. 7„„ 7 9„. 9.„„. 1 10,—„ 10. 1„„ 57 5——. 144105„„ un 1 8 1 12. 77„„. 1 107 77 13. 7„„*„— 1 14. 1„„ 5„ 15.,„.„7 107 10 4 3. 97 16. 15„„ 5—,35„ 134,35„ Um also ca. 70 M. in Raten abzahlen zu können: Gerichtsverhandlungen, Pfändungen, Versteigerungsandrohungen, Kosten. Und wenn der Mann seinen ehrlichen Willen, zu zahlen, zur Aus führung bringen und seine Familie vor öffentlicher Kränkung be⸗ wahren konnte, so verdankte er es der Nach⸗ sicht und Güte des Gerichts voll⸗ ziehers! Ein Einzelbildchen aus der kapitalistischen Schuldknechtschaft.— 555 Der Bericht eines Schularztes. d- Wie so viele andere Forderungen der Sozial⸗ demokratie wurde auch deren Verlangen nach der An⸗ stellung von Schulärzten vielfach bekämpft. Nur ganz allmählich sickerte das Verständnis für diese hochwichtige Forderung durch. Bei allen Stadtverordnetenwahlen in Gießen haben die Sozialdemokraten die Anstellung eines Schularztes auf ihrem Programm gehabt. Seit vorigem Jahre ist ein Schularzt angestellt. Der erste Bericht des Herrn Dr. Tjadden über die Zeit vom 1. Juli 1898 bis zum 1. April 1899 liegt nunmehr vor. Und wem seither das Verständnis für die dringende Notwendigkeit der ärztlichen Kontrole der Schulen resp. der Schulkinder fehlte, der mag sich in den Bericht des Gießener Schularztes vertiefen. Wer nach dem Studium dieses Berichts auf dem Standpunkt verharrt, daß die schulärztlichen Visitationen überflüssig sind, dem ist nicht zu helfen.— Stellen wir zunächst kurz die Untersuchungsresultate des Gießener Schularztes zusammen. Dr. Tjadden hat eine Dreiteilung seiner Aufgabe vorgenommen: 1. Die Hygiene der Schulgebäude. 2. Die Hygiene der Schulkinder. 3. Die Hygiene des Unterrichts. Am interessantesten sind natürlich die Mitteilungen über Punkt 2 und der Kürze wegen wollen wir uns auch auf diesen Punkt beschränken. Untersucht wurden die 1800 Kinder der städtischen Knaben⸗ und Mädchenschule zweimal und zwar im Herbst 1898 und im Frühjahr 1899. Die Untersuchung erfolgte iu Beisein der Lehrer resp. Lehrerinnen in den Konferenzzimmern der Schulen. Die Kinder wurden nach der Größe gemessen, gewogen, auf die Seh- und Gehörleistung, auf Reinlichkeit und allgemeinen Er⸗ nährungszustand geprüft. Für jedes Kind ist eine Kon⸗ troll⸗Karte angelegt, in die alle Untersuchungsresultate eingetragen werden. Die Karte begleitet das Kind von Klasse zu Klasse bis zur Schulentlassung und giebt so ein getreues Spiegelbild der körperlichen Entwicklung des Kindes. Nun einiges über die Resultate selbst. Da ist zu⸗ nächst die interessante Thatsache zu erwähnen, daß die Mädchen in den letzten Schuljahren in der Größe so⸗ wohl wie auch im Gewicht die Knaben überholten, durchschnittlich um 2 om in der Größe und um 4,5 kg im Gewicht. Die Sehleistungen der Knaben sind als besser wie die der Mädchen ermittelt worden. Mit nur/ der normalen Sehweite wurden 7¾ der Knaben, aber 11,5% der Mädchen ermittelt, nur die halbe Sehweite wurde festgestellt bei 4% der Knaben und 7,5% der Mädchen. Mit nur/ der normalen Sehweite fand der Schularzt bei Knaben 1,5%, bei den Mädchen 1,80%, Die Ursache dieses ungünstigen Verhältnisses bei den Mädchen dürfte zurückzuführen sein auf die weiblichen Handarbeiten und auf die in der Mädchenschule nicht in allen Sälen 5 1 Belichtung der Plätze wie in der Knaben⸗ schule. An Gehörstörungen litten bei den Knaben 2,50%, bei den Mädchen 2,2%. Zumeist waren diese Gehör⸗ störungen zurückzuführen auf eitrige Mittelohrentzündungen. In der Nase zweier Mädchen wurden Polypen ge⸗ funden. Die Zahnunt ersuchung ergab, daß bis zu 40% aller Schulkinder kranke Zähne hatten. Stotterer wurden unter den Knaben 2,6, bei den Mädchen 0,6% ͤ ermittelt. Bruchanlagen hatten 1,5% der Knaben. Bei zwei Mädchen wurde beginnende Nierenentzündung, bei einem Kind beginnende Schwind sucht konstatiert. In diesen Fällen wurden die Eltern besonders aufmerksam gemacht. Abnormitäten der Wirbelsäule fanden sich bei 90% der Kinder. Im Herbst wurden 12, im Frühjahr 16% der Mädchen und 0,7 resp. 2,1% der Knaben blutarm befunden. 28 Kinder waren krophulös und tuberkulös. 7 Kinder, 4 Knaben und 3 Mädchen, waren herzleidend. Die Reinlichkeit ließ häufig viel zu wünschen übrig. Mit Läusen behaftet wurden 13 bis 29% der Kinder gefunden. Man geht wohl nicht fehl in der An⸗ nahme, daß einige wenige Kinder, denen zu Haus nicht die nötige Körperpflege zu Teil wird, oft eine ganze Klasse mit Ungeziefer„versorgen“. Die Eltern solcher Kinder, bei denen Läuse gefunden werden, werden sofo rt benachrichtigt und aufgefordert, für Reinigung zu sorgen. Es wird gleichzeitig angegeben, Essig zum Kopfwaschen zu benützen. Derselbe ist im übrigen für die Haare un⸗ schädlich, tötet die kleinen Bestien und verrät durch den Geruch dem Lehrer, ob die Eltern wirklich den Ratschlag befolgt haben. Bei einem Kinde wurde auch Krätze konstatiert. Am bemerkenswertesten sind die Ausführungen des Schularztes über die allgemeinen Ernährungszustände der Kinder. Was Dr. Tjadden darüber sagt, ist so bemerkenswert, das wir es wörtlich zitieren müssen: „Abgeschätzt wurde die Ernährung nach der Ent⸗ wickelung des Fettpolsters und der Muskulatur des Oberkörpers. Während im Herbst bei den Knaben 44,8 und bei den Mädchen 50,3% als gut bezeichnet werden konnten, find es im Frühjahr 71,8 resp 73,5%, Die schlecht genährten(Fehlen jeglichen Feltpolsters und schlaffe, welke Muskulatur) Kinder machten im Herbst bei den Kuaben 5,8%, bei den Mädchen 4,3% aus, im Frühjahr dagegen 1,4 resp. 1,5%. Zu der wesentlichen Verminderung der Zahl der als schlecht bezeichneten Kinder trug ohne Frage das aus der Konrad Koch⸗Stiftung diesen gewährte Früh stück mit bei; ein großer Teil dieser Kinder nahm im Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Winter nicht allein seinen Altersgenossen entsprechend, sondern über dieselben hinausgehend zu. Das Früh⸗ stück, bestehend aus abgekochter, warmer Milch und Brödchen, konnte 70 Schülern gereicht werden. Die Auswahl derselben wurde derart bewerkstelligt, daß die Lehrer eine größere Zahl bedürftiger Kinder dem Schularzt vorstellten, aus welchen der letztere die schlechtgenährten und kränklichen heraussuchte. Die auch schon in früheren Jahren geübte Verabreichung des Frühstücks wirkte so ausgezeichnet, daß es zu bedauern ist, daß aus Mangel an Mitteln diese Wohlthat nicht einer größeren Zihl von Kindern gewährt werden kann.“ Ja, klingt denn das nicht ganz sozialdemokratisch? Man lese irgend ein von Sozialdemokraten aufgestelltes Kommunalprogramm und bestimmt wird man die Forderung finden: Verabreichung von Frühstück an bedürftige Schulkinder! Wie berechtigt diese Forderung ist, hat Herr Schul⸗ arzt Dr. Tjadden nachgewiesen. Er hat nicht nur ermittelt, daß eine Anzahl Kinder in der denkbar schlechtesten Verfassung waren, er hat auch konstatiert, daß dieselben Kinder binnen wenig Monaten sich ganz überraschend erholt und entwickelt haben, nachdem man ihnen täglich eine Tasse Milch und ein Brödchen gespendet hat! Wie erbärmlich müssen diese bedauerns⸗ werten Kinder daheim„ernährt“ werden, welche traurige Zukunft steht diesen Aermsten bevor, denen schon mit täglich einer Tasse Milch geholfen werden könnte! Ja könnte! Aber leider fehlen die Mittel für diese „Wohlthat“, wie sich Herr Tjadden ausdrückt. Und leider schlummern noch bei den meisten kommunalen Körper⸗ schaften sozialpolitisches Verständnis und Gewissen. Wir verstehen es auch, warum gar vielfach schon Bedenken erhoben werden, wenn nur die Anstellung eines Schularztes verlangt wird. Mit dem Schularzt fängt's an, sagt sich wohl mancher manchesterlich gesinnte Stadtvater, mit der Lieferung der Lehrmittel wird's fort⸗ gesetzt und mit der Speisung bedürftiger Kinder hört's— noch nicht auf! Ganz recht so. Daß der Schularzt unentbehr⸗ lich ist, geht aus Dr. Tiadden's Bericht hervor. Durch seine Untersuchungsresultate werden viele Eltern in die Lage versetzt, für ihre Kinder, von deren Gebrechen— Gehör⸗, Gesichts⸗, Herz⸗ und sonstige Fehler— sie viel⸗ leicht gar keine Ahnung hatten, Abhilfe zu beschaffen. Daß die Lehrmittel um sonst an alle diejenigen Kinder geliefert werden, deren Eltern Anspruch darauf machen, ist eine ganz selbstverständliche Konsequenz des Schulzwanges und daß für arme, schlecht genährte Kinder, die dauerndem Siechtum entgegengehen, wenn ihnen keine Milch und keine Brödchen geliefert werden, Frühstück, eventuell auch Mittagsbrot beschafft werden muß, ist Menschenpflicht. Und mit wie geringen Mitteln wäre diese schöne Pflicht zu erfüllen! Wählen wir ein Beispiel aus Gießen. Zu dem letzten Schützenfest bewilligten die Stadt⸗ verordneten für einige Schießprämien 1200 Mark trotz des Protestes der sozialdemokratischen Stadtverord— neten. Hätte man diese Summe verweigert— kein Fest⸗ teilnehmer wäre deshalb ausgeblieben, kein Glas Bier oder Wein wäre deshalb weniger getrunken!— und hätte die 1200 Mark für Frühstück für arme und kranke Schulkinder verwendet, wie viel hätte man damit für die Gesundung der bedauernswerten Kinder thun können und wie würde sich zweifellos Herr Dr. Tjadden freuen, wenn er im nächsten Jahre nicht zu schreiben brauchte: „.. die Verabreichung des Frühstücks wirkte so ausgezeichnet, daß es zu bedauern ist, daß aus Mangel an Mitteln diese Wohlthat nicht 3 größeren Zahl von Kindern gereicht werden ann.“ Rechnen wir einmal nach:/ Liter Milch kostet 4, ein Beödchen 3 Pfg., demnach eine Portion 7 Pfg. Mk. 1200,00: 7= 17142 Portionen! Nehmen wir an, daß nur an etwa 120 Wintertagen Milch und Brödchen verabfolgt würden, so ergiebt sich, daß für 1200 Mark 17142 Portionen an 120 Tagen für 142 Kinder verabreicht werden könnten. Wohlhabende Schützen haben jetzt infolge der Noblesse der Stadt Gießen Silbersachen im Schrank liegen. Aber der Gießener Schularzt bedauert es— und wir mit ihm— Vaß nicht allen bedürftigen und kranken Kindern der Voltsschulen Milch gegeben werden konnte. Von Nah und Lern. Parteiliche Flurschädenabschätzung? * Amtlich veröffentlicht der Kreisrat Bechtold an die großherzogl. Bürgermeister im Kreise Gießen eine Ermahnung betr. die Abschatzuug der Flurschäden auf Grund des Nataralleistungsgesetzes. Es wird gesagt: „Bei der Vorabschätzung von Flurschäden in Gemäßheit der Vorschriften des Abs. 3—5 der Ausführungsverordnung zu§ 14 des Natural⸗ leistungsgesetzes sind nach vorliegenden Mit⸗ teilungen Mißstände zu tage getreten. Namentlich haben die Ortsvorstände von der Befugnis, die Aberntung der Felder vor dem Eintreffen der Abschätzungskommission anzu⸗ ordnen, stellenweise in Fällen Gebrauch gemacht, in denen diese Maßnahme zur Verhütung eines höheren Schadens nicht erforderlich war. Die Angaben der Orts vorstände und der zugezogenen Ortseingesessenen über den Umfang des Schadens ließen ferner mitunter die notwendige Unparteilichkeit und Zuverlässigkeit vermissen....“ Das ist für die in Frage kommenden Bürger⸗ meister keine besondere Schmcichelei. Der Gesangverein Eintracht macht am heutigen Sonntag einen Ausflug nach Klein⸗Linden in den Hinterlang'schen Restaurationsgarten. Alle Freu de des Vereins, besonders auch die Sanges- und Arbeitsbrüder aus Kleinlinden werden freundlichst zur Teil— nahme eingeladen. 25jähriges Jubiläum. * Der Redakteur Hartmann von der konser⸗ vativen„Oberh. Ztg.“ in Marburg feierte am 1. August sein Silberjubiläum als Redakteur in recht merkwürdiger Weise. Er wurde nämlich Knall und Fall seines Scharfmacherpostens ent⸗ hoben! Wie hatte der für die Zuchthaus— vorlage und für die Beseitigung des Reichs⸗ wahlrechts Propaganda gemacht! Und nun dieser Lohn an seinem Ehrentag. Wenn er nun blos nicht die konservativen Redakteure in Preußen auffordert, sich mit ihm solidarisch zu erklären und damit gewissermaaßen zum— Streik anreizt! Schade übrigens, daß Hartmann die Marburger Fleischtöpfe verlassen muß. So wie er hatte die„Oberh. Ztg.“ noch Keiner redigiert. Allerdings glich sie mehr einem unfreiwilligen Witzblatt, aber— als solches konnte man sie doch wenigstens lesen. Wenn sie jetzt wieder ernsthaft werden will, wird sie wieder ungenießbar. Wahlvorbereitungen. * Die Nationalliberalen und die neuerdings unter der Firma„Hessischer Bauernbund“ hau⸗ sierenden Antisemiten machen schon für die kommenden Landtagswahlen mobil. Der Landes— Ausschuß der nationalliberalen Partei für das Großherzogtum Hessen trat am Sonntag zu einer Sitzung in Darmstadt zusammen. Aus allen Teilen des Großherzogtums waren Ver— treter erschienen. Zur Beratung kamen die bevorstehenden Landtagswahlen. Die Anti⸗ semiten halten diesen Sonntag, am 6. August für den Kreis Nidda-Ortenberg eine Vertrauens⸗ männer⸗Versammlung in Dauernheim ab, um einen Kandidaten aufzustellen. E. A. V. * Ueber den Evangelischen Arbeiter-Verein zu Gießen wurde auf der Delegierten-Versamm⸗ lung in Altona folgender Bericht erstattet: „Am 31. Dezember 1898 waren 291 Mit⸗ glieder der verschiedensten Gesellschaftsklassen, vom Universitäts- und Gymnasial pro⸗ fessor bis zum einfachen Taglöhner. Der Zusammenhalt ein sehr loser. 2 General⸗ versammlungen. 6 Vorträge. Feste, Wald— ausflug u. s. w. 100 Bäude der Bibliothek mit geringer Benutzung. Bau⸗Genossen⸗ schaft mit 6 Häusern; nicht obligatorische Sterbekasse, auch für Frauen und Witwen von Mitgliedern. Gemeinsamer Kohlenbezug.“ Famose Arbeitervereine, in denen Pro— fessoren, Pastoren und Fabrikanten den Ton angeben. Die wirkliche! Arbeiter sind in diesem Evangelischen Arbeiter-Verein wohl zu— meist nur deshalb Mitglieder, weil sie irgend einem einflußreichen Herrn einen Gefallen damit zu erweisen glauben. Kein Wunder, daß der Zusammenhalt ein„sehr loser“ ist und die 100 Bände der Zuckerwasser-Bibliothek wenig(wie wenig wohl?) benutzt werden. Studentische Rüpeleien. * Aus Marburg. Der Stud. med. Joseph Klette aus Frankfurt a. M. war am 11. e pril d. J. von seinen Kommilitonen in einem Restau⸗ rant ein wenig aufgezogen worden. In ärger⸗ licher Stimmung wollte er das Lokal verlassen. Er pfiff seinem Hund, doch der arme Dackel kam nicht sofort. Das machte den Herrn Studiosus noch ärgerlicher.„In fünf Minuten könnt ihr einen toten Hund sehen“ rief er seinen Freunden zu und verließ mit dem inzwischen gegriffenen Hund das Lokal. Draußen schlug der gefühlvolle Herr thatsächlich den Hund auf das Straßenpflaster auf und verletzte ihn tötlich. Er warf das noch zuckende Opfer seiner Helden⸗ that dann in das Wirtslokal, wo er ihm auch den Gnadentritt gab. Geohrfeigt wurde der Student nicht, aber er wurde wegen Tier⸗ quälerei angezeigt und vom Schöffengericht in Marburg— freigesprochen! Gegen diese Freisprechung wurde Berufung angemeldet, und von der Strafkammer wurde der teutsche Mann zu 40 Mk. Geldstrafe verurteilt. — Am 29. Juli ließ sich ein Student von einem Kutscher stundenlang in der Stadt umher⸗ fahren. Als dem Kutscher die Geschichte ver⸗ dächtig vorkam, verlangte er Bezahlung. Statt dieser offerterte der Studiosus dem Rosselenker eine Explosionszigarre und begann in dem Augenblick, als diese explodierte, dem ahnungs⸗ losen Kutscher den Rücken zu verbläuen. Damit war aber des Kutschers Geduld erschöpft. Er warf den Studiosus aus dem Wagen und ver⸗ feen ihn. Ein gerichtliches Nachspiel wird folgen. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag verübten Studenten auf dem Markt einen un⸗ beschreiblichen Lärm. Aus Gießen. Eine Studenten-Kra⸗ kehlerei größeren Stils fand in der Nacht zum Sonntag wieder am Ludwigsplatz statt. Es kam schließlich zu einer solennen Keilerei zwischen Korpsstudenten und Turnern. Im Polizeibericht wird die Hoffnung ausgesprochen, daß, um den„leider recht häufig vorkommenden nächtlichen Scenen zu steuern“, einmal empfind⸗ liche Strafen verhängt werden möchten. Diese Hoffnung können wir leider nicht teilen. Aus dem Kreis Wetzlar. f. Am Sonntag hielt der Reichstagsabg. Gen. Edm. Fischer aus Dresden in Krof⸗ dorf und Naunheim gut besuchte Versamm⸗ lungen ab. Redner verbreitete sich in ein⸗ einhalbstündigem fesselnden Vortrage über„Die Thätigkeit des deutschen Reichstages in letzter Tagung.“ Seinen Ausführungen sei Folgendes entnommen: Was der Reichstag Positives ge⸗ schaffen hat, ist sehr wenig im Verhältniß zu den Mühen und Kosten, die die einzelnen Par⸗ teien für das Parlament aufbringen. Es wird häufig gesagt, im Reichstag würde zu viel geredet: das ist richtig, aber es ist auch notwend'g, weil wir im deutschen Reiche keine eigentliche Preß-Freiheit haben. Weil in der Presse das nicht gesagt werden darf, was notwendig ist, müssen die Abgeordneten die Redefreiheit im Parlament benutzen, um Kritik zu üben an den Verhältnissen, die durch die jeweilig vorliegenden Gesetzenwürfe zur Sprache gebracht werden. Man denke nur an den Militäretat. Hier hat es sich nament⸗ lich Genosse Bebel zur Aufgabe gemacht, jedes Mal die im Heere vorkommenden Soldaten⸗ mißhandlungen scharf zu rügen, und nur dieser ständigen Rüge ist es zu danken, daß diese schändlichen Mißhandlungen, wenn auch nicht ganz aufgehört haben, so doh wesentlich einge— schränkt wurden. So ist unsere Fraktion aber auch auf allen anderen Gebieten der Etatsbe⸗ ratung eifrig thätig gewesen. Der Redner geht nun die verschiednen Vorlagen durch, mit denen sich der Reichstag in seiner verflossenen Tagung beschäftigt hat: das Hypothekenbankgesetz, das Fleischschaugesetz, Invalidengesetz, das Zucht⸗ hausgesetz usw. Nachdem der Redner sich noch über Allgemein es betreffend den Reichsta verbreitet, forderte er die Anwesenden auf, fest an der sozialdemokratischen Partei zu halten, der politischen Organisation beizutreten und Nr. 32. streike Gewer Jo Di u W Nossec brutal Jude geh m bon z. der welche anlise Gere Ei Arne Mark 08 et K Hg Jbl Henne Kanns aber Leh 10 50 — f diese ue N d fac die 0 n Lust ten . Slatt osselenker in dem ihnungz⸗ „Dalnit pft. Er und ber piel wind Sonptah inen un -K. er Nacht satz statt, Feilelel n. In sprocheg, menden empfiud⸗ „ Diese . ztagsabg. u Kroß Jersanu. in eil⸗ ber„De in letiel volgende tibes ge⸗ iltiß zl fen Pur 5 hürde it auh che kel Weil i arf, wi. seten 1 ell f de dul ürfe Ju e Hl 0 fame als gleichwertig damit Nr 32. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 8. die gewerkschaftliche Organisation zu stärken. Reicher Beifall lohnte die Ausführungen des Referenten. — Eine Diskussion fand leider nirgends statt. In einstimmig angenommenen Resolutionen sprachen die Versammlungen ihr Einverständnis mit den Ausführungen des Redners aus und protestierten energisch gegen die Zuchthausvor— lage. Mit begeistert aufgenommenen Hochs auf die Sozialdemokratie schloß Gen. Fauth, der Kreisvertrauensmann die vorzüglich verlaufenen Versammlungen. n e bei Wetzlar ist der Landwirt Philipp Berghäuser IV. unmittelbar nach dem Begräbnis seiner 17 jährigen Tochter verhaftet worden. Das Mädchen soll vom Vater mißhandelt worden sei, weil es über die erlaubte Zeit von Hause fortgeblieben ist. Fromme Sünder. * Ein Vorstandsmitglied des evangeli⸗ schen Bürgervereins in Krefeld und Mitglied des Vereins zur Hebung der Sittlichkeit, der Fabrikant W. Freischlader, hatte sich vor der Strafkammer unter der Anklage des Ver⸗ gehens gegen die§§ 174,1 und 177,3 des Straf⸗ esetzbuches zu verantworten. Der Angeklagte atte sich als Vormund seiner noch nicht vier⸗ zehnjährigen Halbschwestern gegen diese ver⸗ augen. Das Gericht erkannte auf eine Zucht⸗ ausstrafe von drei Jahren.— Der Stadtmissionar Jagdstein von Wiesbaden, der sich an schulpflichtigen Mäd⸗ chen in unsittlicher Weise vergangen hat, ist ent⸗ flohen und wird steckbrieflich verfolgt. Er hat die Kinder unter dem Vorwand, Botengänge durch sie besorgen lassen zu wollen, in seine Wohnung bestellt und durch kleine Geldgeschenke und Naschereien zum Schweigen veranlaßt. Als er sich endeckt sah, ist er entflohen. Jagdstein, der ledig ist, spielte in den Wiesbadener evangelisch⸗kirchlichen Vereinen eine große Rolle. Die Affaire erregt großes Aufsehen. Nun schnell ein Ausnahmegesetz für Stadt⸗ missionäre und Sittlichkeitsvereinler— müßte Herr v. Posadowsky verlangen, wenn er konse⸗ quent und logisch handeln wollte. Denn ganz zweifellos ist der Prozentsatz unsittlicher Mucker ein bedeutend größerer, als der Prozentsatz streikender Arbeiter, die irgendwie gegen die Gewerbeordnung fehlen. Folgen antisemitischer Verhetzung. Die Verhandlung gegen zwölf Ziegelarbeiter in Wien, welche den französischen Arbeiter Rosseau auf der Straße bei Wienerneudorf brutal mißhandelt haben, weil sie ihn für einen Juden hielten, der den Kindern Blut ab⸗ nehmen wollte, endete mit der Verurteilung von zehn Angeklagten zu einem Monate Kerkers. Der Staatsanwalt bedauerte, daß Diejenigen, welche solchen Irrwahn nähren, nämlich die antisemitischen Kindsköpfe, nicht vom Arme der Gerechtigkeit erfaßt werden können. Ich, der Polier! Ein Richtfest wurde kürzlich nach der „Arnsw. Ztg.“ in einer bekannten Stadt der Mark begangen. Dabei hielt der Herr Maurer⸗ polier folgende Rede:„Meine Herren! Nachdem det Haus nu fertig ist, ist es auch recht und billig, det wir Derer gedenken, die det schöne Jebäude uffgeführt haben. Hier ist erstens zu nennen: der Theoretiker, der verstehts, aber kanns nich; zweetens: der Praktiker, der kanns, aber verstehts nich; drittens: der praktische Theoretiker, der verstehts und kanns auch, det is nämlich der Maurerpolier und det bin ick — er lebe hoch! hoch! hoch!“ Ein guter Ratschlag. „Steckt Eure Nase in sozialdemokratische Schriften!“ Diesen beachtenswerten Rat gab dieser Tage ein Ulanenoffizier den müßig dasiehenden Zuschauern, welche die Pionierübung in der Vahrenwalder Haide sich ansahen. Ver⸗ fluchte Bagage! scheert Euch hier weg und steckt die Nase in Eure sozialdemokratischen Schriften!“ so machte der Offizier seinem gepreßten Herzen Luft. Natürlich waren die also Behandel⸗ ten gerade nicht sehr erbaut von einer solchen Anrede, und als einer von ihnen sich erlaubte, dem Herrn Lieutenant vom Königs⸗Ulanen-Re⸗ giment zu bemerken, daß er auch Soldat ge⸗ wesen sei und mit den Sozialdemokraten nichts zu thun habe, da sollen Titulaturen gefallen sein, die man sonst nur in der Zoologie an⸗ wendet. Unser Hannoversches Bruderorgan be⸗ merkte hierzu: Selstverständlich billigen wir die geschilderte Behandlung nicht und wür den, so sehr wir anch sonst ein Feind davon sind, zum Kadi zu laufen, es in diesem Falle doch für ganz angezeigt erachten, wenn dem Herrn Lieu⸗ tenant von anderer Seite aus ein etwas weni⸗ ger„schneidiges“ Vorgehen empfohlen würde; aber der Rath des Offiziers, die Nase lieber in sozialdemokratische Schriften zu stecken, als den militärischen Uebungen zuzusehen, können wir nur voll unterstützen. Es ist gewissermaßen beschämend für die in Frage kommenden Per⸗ sonen, daß sie von einem hochadligen Ulanen⸗ offizier auf ihre Pflichten aufmerksam gemacht, bezw. an ihre Klassenbewußtsein erinnert werden mußten. Kleine Mitteilungen. * Als Nachfolger des gemaßregelten Pro⸗ fessors Schiller ist zum Gymnastaldirektor in Gießen der seitherige Gymnasial- und Realschul⸗ direktor Dr. Schädel in Offenbach ernannt. — Professor Schiller siedelt demnächst nach Leipzig über, um sich dort als Privatdozent für Pädagogik zu habilitieren.— Der Professor der Rechtswissenschaft Dr. Frank in Gießen, den Arbeitern bekannt durch sein Bekenntnis, früher„auch“ Sozialdemokrat gewesen zu sein, hat einen Ruf nach Halle bekommen. Professor Frank ist der glückliche Neffe des be⸗ kannten Reichstagskandidaten„Onkel Frank“.— In den Nächten des 8. bis 12. August erscheint der große Sternschnuppenschwarm der Persciden am Himmel. Diese winzigen Welt⸗ körper beginnen bei 150—160 Kilometer Höhe über uns infolge größerer Reibung in der dichteren Atmosphäre zu glühen und zu leuchten und bei 80 bis 85 Kilometer Entfernung wieder zu dunkeln. Oft zerplatzen sie und die herab⸗ fallenden Stücke geben die gefürchteten Stein⸗ regen. Arbeiterbewegung. Die Dachdeckergesellen in Gießen sind in eine Lohnbewegung eingetreten. Sie verlangen höheren Lohn. Stuttgart. Die hiesigen Möbeltischler haben einen glänzenden Sieg errungen. Sie erzielten unter anderem die 9stündige Arbeits⸗ zeit, eine Lohnaufbesserung für Accord⸗ und Lohnarbeit um 7%, sowie Aufschläge für Ueber⸗ stunden in der Woche 25%, Sonntags 500%. Die dänischen Unternehmer haben weitere 20 000 Arbeiter ausgesperrt. Die Arbeiter sollen zu Kreuze kriechen. Helft den dänischen Brüdern! Was ihnen heute, kann uns morgen passieren. Ihr Sieg ist auch unser Sieg, ihre Niederlage müßten auch wir schwer mitbüßen. Beiträge sind zu senden an A. Bock, Gießen, Damm⸗ straße. Der dänische Abgeordnete Olsen, der Deutschland bereist, um über die große Aus⸗ sperrung in Dänemark Aufklärung zu geben, durfte in Dresden und München nicht sprechen. In Dresden wurde ihm angekündint, daß er sofort aus ganz Sachsen ausgewiesen würde, wenn er sich nur in einer Versammlung blicken ließe. Deutsche Polizei! Zur Landtagswahl im Kreise Gießen Land. (Ausschneiden und aufbewahren.) Zu denjenigen Kreisen, in welchen demnächst Neuwahlen stattzufinden haben, gehört auch der fünfte oberhessische. Derselbe besteht aus 20 Wahlbezirken, die zusammen 37 Wahl⸗ männer zu wählen haben. Die Zahl der Wahlmänner, die in jedem Wahlbezirke zu wählen sind, richtet sich nach der bei der letzten Volkszählung ermittelten Einwohnerzahl. Auf je 500 Einwohner kommt 1 Wahlmann. Aus der nachstehenden Tabelle ist zu ersehen, welche Wahlbezirke zum 5. oberhessischen Kreis (Gießen⸗Land) gehören, wieviel Einwohner die einzelnen oder zu Wahlbezirken vereinigten Gemarkungen am 1. Dezember 1895 hatten und wie viel Wahlmänner demnach jeder Wahlbezirk zu wählen hat: Einwohner Zu wählende Wahlbezirk: am Wahl⸗ 1. Dez. 1895: männer: 1. Allendorf a. Lahn. 646 1 2. Alten⸗Buseck. 1193 2 3. Annerod 539 1 4. Daubringen 692 1 5. Garbenteich 706 1 6. Großen⸗Buseck 1664 3 7. Großen-Linden 1560 3 8. Hausen 391 1 9. Heuchelheim 1973 8 10. Klein⸗Linden. 1297 2 11. Langgöns 1474 2 12. Leihgestern. 1158 2 13. Lollar 1410 2 14. Mainzlar. 5 449 1 15. Oppenrod 311 1 16. Rödgen und Trohe 811 1 17. Ruttershausen⸗Kirchbg. 426 1 18. Staufenbg. m. Friedelhs. 650 1 19. Watzenborn⸗Steinberg 1585 3 20. Wieseck. 2502 5 Wer ist Urwähler? Urwähler ist jeder 25 Jahre alte Hesse, der spätestens seit Anfang des Jahres, in dem die Wahl stattfindet, zur Steuerzahlung heran⸗ gezogen ist. Hier besteht keine Vorschrift über die Höhe des Steuersatzes. Wenn der Be⸗ treffende auch den niedrigsten Steuersatz zahlt, so ist er wahlberechtigt. Wer kann Wahlmann werden? Wahlmann kann werden jeder 25 Jahre alte Hesse, der mindestens pro Ziel 2 Mk. 10 Pfg. direkte Staatssteuer zahlt. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 5. August: Wahlverein Gießen. Abends 9 Uhr: Gene⸗ ral⸗Versammlung bei C. Orbig. Tages⸗ ordnung: 1. Abrechnung. 2. Vorstandswahl. 3. Die bevorstehenden Kreis⸗ und Landes⸗ Konferenzen. 4. Die Landtagswahl.— Es wird dringend um zahlreiches Erscheinen ersucht. Sonntag, 6. August: Friedberg. Wahlvereins⸗Versammlung bei Gast⸗ wirt Kühn zur„Stadt Newyork“. Die hessische Landes konferenz wird am 10. September in Mainz stattfinden. Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda findet Ende August in Lollar statt. Näheres darüber in nächster Nummer. Die Genossen mögen schon jetzt Stellung zu den Konferenzen nehmen und Delegierte wählen. Die August Geibs zwanzigjähriger Todestag war der 1. August 1899. Vor nunmehr zwanzig Jahren, am 1. August 1879, schloß August Geib seine Augen für immer. Sein Andenken wird in der Partei fortleben als das eines Mannes, dessen ganzes Fühlen und Den⸗ ken der Arbeitersache gewidmet war. Was die Sozial⸗ demokratie, namentlich in Hamburg, seiner aufopferungs⸗ vollen Thätigkeit verdankt, ist mit unvergänglichen Lettern in der Geschichte der Sozialdemokratie verzeichnet. Briefkasten der Expedition. Quittungen. Schw. Grgn. 3.80. R. Fr. 1.80. Ges. Ver. Germ. Altb. 5.—. Frch. Gbg. 3.—. M. Ekh. 4.60. D. S.—.60. Bt. Llr. 41.80. Hchst. K. 6.—. Th. Rhe. 3.60. Mhl. G. 50.70. Fth. Wtzl. 25.—. Pths. L. 4.20. Rg. Etbch. 28.80. M. Bdgn. 3.60. M. Verb. G. 5.—. Sch. G. 9.—. Kr. G. 1.—. Sgfr. Abck. 12,60. G. Z. 6.—. Pf. G. 6.—. Pf. Wtzb. 5.80. W. Lbch. 6.—. Wck. L. 28.60. H. Lbg. 10.—. L. G. 35.—. L. Gbg. 6.20, R. H. Ins. 6.—. W. J. G. 3.—. Kch. Kfd. 39.20. B. u. Kr. 62.40. C. C.⸗ G. 44.—. Oestr. A. 1.—. Htlg. Mbg. 34.80. Dbl. Mbg. 1.80. Schmpf. All. 2.—. Hfm. Großl. 2.—. Krgr. Ghsn. 39.40. Fth. Wtzlr. 25.—. W. Bst. 2.40. Gen. G. 11.25. Schm. Wbg. 1.—. Th. R. 1.20. N. Ab. B.—.40. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 32. * T 2 dete sss ages, Uunterhaltungs⸗CTeil. 5 Hochsommertag. Morgenrotstrahlend erwacht ist die Welt, Thautropfen blitzen und funkeln im Feld, Funkeln smaragdgrün, rubinrot und weiß, Schimmern gleich Perlen am blühenden Reis. Glühendes Leben durchpulset die Flur, Hochsommer schreitet auf leuchtender Spur. Nochsommer hauchet in flimmernder Luft, Naucht der Akazie berauschenden Duft. Nochsommersonne steigt höher empor, Trillernde Lerchen hell jubeln im Chor, Sichtbar als Pünktchen kaum droben im Blau. Fort— von der Sonne getrunken— der Thau. Norch! aus der Ferne welch seltsamer Klang? Klirren von Eisen und Stein— und Gesang! Dünkt es euch seltsam, dies Klingen im Feld— Wisset, die Arbeit heut' Erntetag hält! Dröhnenden Schrittes nun ziehn sie heran, Endlose Schaaren, vieltausend Mann, Sensen gedengelt, Sicheln gewetzt. Alles zum Mäh'n in Bereitschaft gesetzt. Heut' nur Der erntet, der selber gesät, Nicht mehr von Knechten wird heuer gemäht. Frei hat die Arbeit die Menschheit gemacht, Hat überwunden das Dunkel der Nacht, Nat überwältigt das„edle“ Geschlecht, Das mit der Faust und dem Schwerte sprach Recht. Sensensurren und Sichelgesang Ulingen nun fröhlich die Feldmark entlang. Goldene Garben steh'n rings schon im Feld— Morgenrotstrahlend erwacht ist die Welt. Berlin⸗Charlottenburg. Ida Altmann. Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. (4. Fortsetzung.) Es traf sich, daß ein junger zum Gesinde der Tronkenburg gehöriger Knecht in dem Augen⸗ blick, da Kohlhaas aus der Kapelle zurückkam, herbeieilte, um aus einem weitläufigen steinernen Stall, den die Flamme bedrohte, die Streit— hengste des Jungers herauszuziehen. Kohlhaas, der in eben diesem Augenblick in einem kleinen mit Stroh bedeckten Schuppen seine Rappen erblickte, fragte den Knecht: warum er die Rappen nicht rette? und da dieser, indem er den Schlüssel in die Stallthür steckte, antwortete, der Schuppen stehe ja schon in Flammen; so warf Kohlhaas den Schlüssel, nachdem er ihn mit Heftigkeit aus der Stallthür gerissen, über die Mauer, trieb den Knecht mit hageldichten flachen Hieben der Klinge in den brennenden Schuppen hinein, und zwang ihn unter entsetz⸗ lichem Gelächter der Umstehenden, die Rappen zu retten. Gleichwohl als der Knecht schrecken— blaß wenige Momente, nachdem der Schuppen hinter ihm zusammenstürzte, mit den Pferden die er an der Hand hielt, daraus hervortrat, fand er den Kohlhaas nicht mehr; und da er sich zu den Knechten auf den Schloßplatz begab und den Roßhändler, der ihm mehreremal den Rücken zukehrte, fragte: was er mit den Thieren nun anfangen solle?— hob dieser plötzlich mit einer fürchterlichen Gebährde den Fuß, daß der Tritt, wenn er ihn gethan hätte, sein Tod gewesen wäre: bestieg ohne ihm zu antworten seinen Braunen, setzte sich unter das Thor der Burg und erharrte, inzwischen die Knechte ihr Wesen forttrieben, schweigend den Tag. Als der Morgen anbrach, war das ganze Schloß bis auf die Mauern niedergebrannt, und niemand befand sich mehr darin als Kohlhaas und seine sieben Knechte. Er stieg vom Pferde und untersuchte noch einmal, beim hellen Schein der Sonne, den ganzen in allen seinen Winkeln jetzt von ihr erleuchteten Platz, und da er sich, so schwer es ihm auch ward, überzeugen mußte, das die Unternehmung auf die Burg fehlge⸗ schlagen war, so schickte er, die Brust voll Schmerz und Jammer, Hersen mit einigen Knechten aus, um über die Richtung, die der Junker auf seiner Flucht genommen, Nachricht einzuziehen. Be⸗ sonders beunruhigte ihn ein reiches Fräulein⸗ stift, Namens Erlabrunn, das an dem Ufer der Mulde lag, und dessen Aebtisinn Antonia von Tronka als eine fromme, wohlthätige und heilige Frau in der Gegend bekannt war; denn es schien dem unglücklichen Kohlhaas nur zu wahrscheinlich, daß der Junker sich, entblößt von aller Notdurft wie er war, in dieses Stift ge⸗ flüchtet habe, indem die Aebtisinn seine leibliche Tante und die Erzieherin seiner ersten Kindheit war. Kohlhaas, nachdem er sich von diesem Umstand unterrichtet hatte, bestieg den Turm der Voigtei, in dessen Innerem sich noch ein Zimmer zur Bewohnung brauchbar darbot, und verfaßte ein sogenanntes„Kohlhaasisches Mandat,“ worin er das Land aufforderte, dem Junker Wenzel von Tronka, mit dem er in einem gerechten Krieg liege, keinen Vorschub zu thun, vielmehr jeden Bewohner, seine Verwandten und Freunde nicht ausgenommen, verpflichtete, denselben bei Strafe Leibes und des Lebens, und unver⸗ meidlicher Einäscherung alles dessen, was sein Besitztum heißen mag, an ihn auszuliefern. Diese Erklärung streute er durch Reisende und Fremde in der Gegend aus; ja, er gab Waldmann dem Knecht eine Abschrift davon, mit dem bestimmten Auftrage, sie in die Hände der Dame Antonia nach Erlabrunn zu bringen. Hierauf besprach er einige Tronkenburgische Knechte, die mit dem Junker unzufrieden waren und, von der Aussicht auf Beute gereizt, in seine Dienste zu treten wünschten; bewaffnete sie nach Art des Fußvolks mit Armbrüsten und Dolchen und lehrte sie hinter den berittenen Knechten aufsitzen; und nachdem er alles, was der Troß zusammen⸗ geschleppt, zu Geld gemacht und das Geld unter⸗ denselben vertheilt hatte, ruhte er einige Stun⸗ den unter dem Burgthor von seinen jämmerlichen Geschäften aus. Gegen Mittag kam Herse und bestätigte ihm, was ihm sein Herz, immer auf die trüb⸗ sten Ahndungen gestellt, schon gesagt hatte: nämlich daß der Junker in dem Stift zu Er⸗ labrunn bei der alten Dame Antonia von Tronka, seiner Tante, befindlich sei. Es schien, er hatte sich durch eine Thür, die an der hinteren Wand des Schlosses in die Luft hinausging, über eine schmale steinerne Treppe gerettet, die unter einem kleinen Dach zu einigen Kähnen in die Elbe hinablief. Wenigstens berichtete Herse, daß er in einem Elbdorfe zum Befremden der Leute, die wegen des Brandes in der Tronkenburg versammelt gewesen, um Mitter⸗ nacht in einem Nachen ohne Steuer und Ruder angekommen und mit einem Dorffuhrwerke nach Erlabrunn weiter gereiset sei.——— Kohlhaas seufzte bei dieser Nachricht tief auf: er fragte, ob die Pferde gefressen hätten? und da man ihm antwortete: ja! so ließ er den Haufen aufsitzen, und stand schon in drei Stun⸗ den vor Erlabrunn. Eben unter dem Gemurmel eines entfernten Gewitters am Horizont, mit Fackeln, die er sich vor dem Ort angesteckt, zog er mit seiner Schaar in den Klosterhof ein, und Waldmann der Knecht der ihm entgegentrat meldete ihm, daß das Mandat richtig abgegeben sei, als er die Aebtissin und den Stiftsvoigt in einem verstörten Wortwechsel unter das Portal des Klosters treten sah; und während jener, der Stiftsvoigt, ein kleiner alter schneeweißer Mann, grimmige Blicke auf Kohl⸗ haas schießend, sich den Harnisch ablegen ließ und den Knechten, die ihn umringten, mit dreister Stimme zurief, die Sturmglocke zu ziehen: hat jene, die Stistsfrau, das silberne Bildniß des Gekreuzigten in der Hand, bleich wie Linnen— zeug von der Rampe herab und warf sich mit 85 ihren Jungfrauen vor Kohlhaasens Pferd nieder. Kohlhaas, während Herse und Sternbald den Stiftsvoigt, der kein Schwert in der Hand hatte, überwälligten und als Gefangenen zwischen die Pferde führten, fragte sie, wo der Junker Wenzel von Tronka sei? und da sie einen großen Ring mit Schlüsseln von ihrem Gurt loslösend: in Wittenberg, Kohlhaas, würdiger Mann! antwortete und mit bebender Stimme hinzusetzte: fürchte Gott, und thue kein Unrecht!— so wandte Kohlhaas, in die Hölle unbefriedigter Rache zurückgeschleudert, das Pferd und war im Begriff: steckt an! zu rufen, als ein ungeheurer Wetter⸗ schlag dicht neben ihm zur Erde niederfiel. Kohlhaas, indem er sein Pferd zu ihr zurück⸗ wandte, fragte sie: ob sie sein Mandat erhalten? und da die Dame mit schwacher kaum hörbarer Stimme antwortete: eben jetzt!—„Wann?“ — Zwei Stunden, so wahr mir Gott helfe, nach des Junkers meines Vetters bereits voll⸗ zogner Abreise!——— und Waldmann der Knecht zu dem Kohlhaas sich unter finstern Blicken umkehrte, stotternd diesen Umstand be⸗ stätigte, indem er sagte, daß die Gewässer der Mulde vom Regen geschwellt, ihn verhindert hätten früher, als eben jetzt einzutreffen: so sammelte sich Kohlaas; ein plötzlich furchtbarer Regenguß, der die Fackeln verlöschend auf das Pflaster des Platzes niederrauschte, löste den Schmerz in seiner unglücklichen Brust; er wandte, indem er kurz den Hut vor der Dame rückte, sein Pferd, drückte ihm, mit den Worten: folgt mir, meine Brüder: der Junker ist in Wittenberg! die Sporen ein und verließ das Stift. Er kehrte, da die Nacht einbrach, in einem Wirtshause auf der Landstraße ein, wo er wegen großer Ermüdung der Pferde einen Tag ausruhen mußte, und da er wohl einsah, daß er mit einm Haufen von zehn Mann (denn so stark war er jetzt) einem Platz wie Wittenberg war nicht trotzen konnte, so verfaßte er ein zweites Mandat, worin er nach einer kurzen Erzählung dessen, was ihm im Lande begegnet,„jeden guten Christen,“ wie er sich ausdrückte, unter Angelobung eines Handgelds und anderer kriegerischen Vorteile,“ aufforderte „seine Sache gegen den Junker von Tronka, als den allgemeinen Feind aller Christen zu er⸗ greifen.“ In einem andern Mandat nannte er sich:„einen reichs⸗ und weltfreien, Gott allein unterworfenen Herrn;“ eine Schwärmerei krank⸗ hafter und mißgeschaffener Art, die ihm gleich⸗ wohl bei dem Klang seines Geldes und der Aussicht auf Beute, unter dem Gesindel, das der Friede mit Polen außer Brod gesetzt hatte, Zulauf in Menge verschaffte: dergestalt, daß er in der That dreißig und etliche Köpse zählte, als er sich zur Einäscherung von Wittenberg auf die rechte Seite der Elbe zurückbegab. Er lagerte sich mit Pferden und Knechten unter dem Dache einer alten verfallenen Ziegelscheune in der Einsamkeit eines finstern Waldes, der da⸗ mals diesen Platz umschloß, und hatte nicht sobald durch Sternbald, den er mit dem Mandat verkleidet in die Stadt schickte, erfahren, daß das Mandat daselbst schon bekannt sei, als er auch mit seinem Haufen am heiligen Abend vor Pfingsten aufbrach, und den Platz, während die Bewohner im tiefsten Schlaf lagen, an mehreren Ecken zugleich in Brand steckte. Dabei klebte er, während die Knechte in der Vorstadt plünderten, ein Blatt an den Thürpfeiler einer Kirche an, des Inhalts:„er Kohlhaas habe die Stadt in Brand gesteckt, und werde sie, wenn ihm den Junker nicht ausliefere, dergestalt ein⸗ äschern, daß er,“ wie er sich ausdrückte„hinter keine Wand werde zu sehen brauchen, um ihn zu finden.“— Das Entsetzen der Einwohner über diesen unerhörten Frevel war unbeschreiblich; und die Flamme, die bei einer zum Glück ziemlich ruhigen Sommernacht, zwar nicht mehr als neunzehn Häuser, worunter gleichwohl eine Kirche war, in den Grund gelegt hatte, war nicht so⸗ bald gegen Anbruch des Tages einigermaßen gedämpft worden, als der alte Landvoigt Otto von Gorgas bereits ein Fähnlein von fünfzig Mann aussandte, um den entsetzlichen Wüterich aufzuheben. Der Hauptmann aber, der es führte, Namens Gerstenberg, benahm sich so schlecht dabei, daß die ganze Expedition Kohlhaasen, statt ihn zu stürzen, vielmehr zu einem höchst gefährlichen kriegerischen Ruhm verhalf; denn da dieser Kriegsmann sich in mehrere Abtei⸗ lungen auflösete, um ihn, wie er meinte, zu umzingeln und zu erdrücken, ward er von 5 ihm al Gefsenbet Der Peubßelste Rittern a Net und 105 f dle Wa 0 Volke fernt! uuf allen gelt, 0 Hor einen ekt hatt hastus se Lalld bei der Roß achdem fünf Me bermitte Wahn! macht würde: der dri nach MW zum dri fleldet ii sehliche war we so berd weniger Häuser, und das selbst in Der Mbruch Aaubte, benochrt. Etadt i sch zu Hsählen lage, g Aosähro bei, N leider Negenwe non pl Awarte Junker br fal musce be 0 S Aue dla ufford Ain der Gaga bet E der gc alt 0 bahnt lie fel kl zur. N Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Seite 7. — ed, N50 Nr. 32. wal Kohlhaas, der seinen Haufen zusammenhielt, auf b a vereinzelten Punkten angegriffen und geschlagen, ang, dergestalt daß shon am Abend de nöchstol Wel. kenden Tages kein Mann mehr von dem ganzen ederfel Haufen, auf den die Hoffnung des Landes ge⸗ surig. richtet war, gegen ihn im Felde stand. Kohl⸗ lt haas; der durch diese Gefechte einige Leute ein⸗ hörbar gebüßt hatte, steckte die Stadt am Morgen des Wann nächsten Tages von neuem in Brand, und seine t hf, mörderischen Anstalten waren so gut, daß wieder⸗ 15 5 um eine Menge Häuser und fast alle Scheunen ann der der Vorstadt in Asche gelegt wurden. Dabei fu u plackte er das bewußte Mandat wieder, und and 100 zwar an die Ecken des Rathhauses selbst an, sr 1. und fügte eine Nachricht über das Schicksal 110 eb des von dem Landvoigt abgeschickten und von ami al ihm zu Grunde gerichteten Hauptmanns von 17 Gerstenberg bei. 1. Der Landvoigt, von diesem trotz auf's merz in Aeußerste entrüstet, setzte sich selbst mit mehreren unden Rittern an die Spitze eines Haufens von hun⸗ te, fü dert und funzig Mann. Er gab dem Innker t mis Wenzel von Tronka auf seine schriftliche Bitte Kuben. eine Wache, die ihn vor der Gewaltthätigkeit 9 des Volks, dah ihn platterdings aus der Stadt eentfernt wissen wollte, schützte; und nachdem er einen auf allen Dörfern in der Gegend Wachen aus— uo e gestellt, auch die Ringmauer der Stadt, um sie e eien bor einem Ueberfall zu decken, mit Posten be⸗ einsah, fetzt hatte, zog er am Tage des heiligen Ger⸗ Man basius selbst aus, um den Drachen, der das laß uin Land verwüstet, zu fangen. Diesen Haufen war verfaßt: der Roßkamm klug genug zu vermeiden; und ch einen nachdem er den Landvoigt durch geschickte Märsche n Lande? fünf Meilen von der Stadt hinweggelockt, und er sh bermittelst mehrerer Anstalten die er traf zu dem ndgels Wahn verleitet hatte, daß er sich von der Ueber⸗ fordettk macht gedrängt in's Brandenburgische werfen Tron, würde: wandte er sich plötzlich beim Enbruch n zu e“ der dritten Nacht, kehrte in einem Gewaltritt aunteen nach Wittenberg zurück, und steckte die Stadt allen] zum dritteumal in Brand. Herse, der sich ver⸗ kran. kleidet in die Stadt schlich, führte dieses ent⸗ gleich setzliche Wagestück aus; und die Feuers brunst ud der war wegen eines scharf wehenden Nordwindes el, daß so verderblich und um sich fressend, daß in zt hatte, weniger als drei Stunden zwei und vierzig „daß ei Häuser, zwei Kirchen, mehrere Klöster und Schulen zähle, und das Gebäude der kurfürstlichen Landvoigtei ttebag selbst in Schutt und Asche lagen. ab. El Der Landvoigt, der seinen Gegner beim ter den Anbruch des Tages im Brandenburgischen eune in alaubte, fand, als er von dem was vorgefallen der d' benachrichtigt, in Eil⸗Märschen zurückkehrte, die le niht Stadt in ollgemeinem Aufruhr; das Volk hatte Mandl sich zu Tausend vor dem mit Balken und en, dg Pfählen verrammelten Hause des Junkers ge⸗ „als 4 lagert, und forderte mit rasendem Geschrei seine Abed Abführung aus der Stadt. Zwei Bürgermei⸗ pähra) ster, Namens Jenkens und Otto, die in Amts⸗ gel, al kleidern an der Spitze des ganzes Magistrats Dab gegenwärtig waren, bewiesen vergebens, daß Vorsl man platterdings die Rückkehr eines Eilboten er en abwarten müsse, den man wegen Erlaubniß den hahe 1 Junker nach Dresden bringen zu dürfen, wohin , wen er selbst aus mancherlei Gründen abzugehen fal el,—wünsche, an den Präsidenten der Staatskanzlei „hie geschickt habe; der unvernünftige mit Spießen An i und Stangen bewaffnete Haufen gab auf diese Worte nichts, und eben war man unter Miß⸗ 11 handlungen einiger zu kräftigen Maaßregeln 1 di 10 aufforderuden Räte, im Begriff das Haus wo⸗ und 10 rin der Junker war zu stürmen, und der Erde zien, gleich zu machen, als der Landvoigt, Otto von ihc g Gorgas, an der Spitze seines Reiterhaufens in ne fun, der Stadt erschien. Diesem würdigen Herrn, 1c der schon durch seine bloße Gegenwart dem frueh, Volt Ehrfurcht und Gchorsam einzuflößen ge⸗ 01 90 wohnt war, war es, gleichsam zum Ersatz für fünf die fehlgeschlagene Unternehmung, von welcher Witt er zurückkam, gelungen, dicht vor den Thoren i der Stadt drei versprengte Knechte von der ch Bande des Mordbrenvers aufzufangen; und da hade er, inzwischen die Kerle vor dem Angesicht des 1 100 Volks mit Ketten belastet wurden, den Magist⸗ 5 d nat in einer klugen Anrede versicherte, den Kohl⸗ An, haas selbst denke er in kurzem, indem er ihm l auf der Spur sei, gefesselt anzubringen: so „ ie glückte es ihm durch die Kraft aller dieser be⸗ ten Volks zu entwaffnen, und über die Anwesen⸗ heit des Junkers, bis zur Zurückkunft des Eil⸗ boten aus Dresden einigermaßen zu beruhigen. Er stieg in Begleitung einiger Ritter vom Pferde, und verfügte sich, nach Wegräumung der Palli⸗ saden und Pfähle in das Haus, wo er den Junker, der aus einer Ohnmacht in die andere fiel, unter den Händen zweier Aerzte fand, die ihn mit Essenzen und Irritanzen wieder in's Leben zurückzubringen suchten; und da Herr Otto von Gorgas wohl fühlte, daß dies der Augenblick nicht war, wegen der Aufführung, die er sich zu schulden komme lasse, Worte mit ihm zu wechseln: so sagte er ihm bloß mit einem Blick stiller Verachtung, daß er sich ankleiden und ihm, zu seiner eigenen Sicherheit, in die Gemächer der Richterschaft folgen möchte. Als man dem Junker ein Wams angelegt und einen Helm aufgesetzt hatte, und er, die Brust wegen Mangels an Luft noch halb offen am Arm des Landvoigts und seines Schwagers, des Grafen von Gerschau, auf der Straße erschien, stiegen gotteslästerliche und entsetzliche Verwünschungen gegen ihn zum Himmel auf. Das Volk, von den Landsknechten nur mühsam zurückgehalten, nannte ihn einen Blutigel, einen eleuden Land⸗ plager und Menschenquäler, den Fluch der Stadt Wittenberg und das Verderben von Sachsen; und nach einem jämmerlichen Zuge durch die in Trümmern liegende Stadt, während welchem er mehreremal, ohne ihn zu vermissen, den Helm verlor, den ihm ein Ritter von hinten wieder aufsetzte, erreichte man endlich das Gefängnis, wo er in einem Thurm, unter dem Schutz einer starken Wache verschwand. Mittlerweile setzte die Rückkehr des Eilboten mit der kurfürstlichen Resolution die Stadt in neue Besorgnis. Denn die Landesregierung, bei welcher die Bürgerschaft von Dresden in eimer dringenden Supplik un- mittelbar eingekommen war, wollte vor Ueber⸗ wältigung des Mordbrenners von dem Aufent⸗ halt des Junkers in der Residenz nichts wissen; vielmehr verpflichtete sie den Landvoigt, denselben, da wo er sei, weil er irgendwo sein müsse, mit der Macht, die ihm zu Gebote slehe zu beschirmen; wogegen sie der guten Stadt Wittenberg zu ihrer Beruhigung meldete, daß bereits ein Heer⸗ haufen von fünfhundert Mann, unter Anführung des Prinzen Friedrich von Meißen im Anzug sei, um sie vor den fergen Belästigungeu Kohl⸗ haasens zu schützen.(Forts. folgt.) Die Heiratsannonce. „Ich muß eine Frau haben“, dachte Herr K., ein wohlhabender Leipziger Kaufmann, als er eines Tages wieder einen schwerer Aerger über Elsa, die nun beinahe 18 jährige Tochter, gehabt hatte.„Dem Kinde sehlt eine Mutter, — ihm fehlt die feste Hand, welche es über die Fährlichkeiten des Lebens hinweggeleitet. Ich kann das natürlich nicht besorgen, denn mich nimmt das Geschäft zu sehr in Anspruch.“ Und mit einem Seufzer, der erkennen ließ, daß ihm der zweite Verlust seiner Freiheit doch härter ankomme, als der erste, setzte er sich an den Schreibtisch und verfaßte ein„reelles Heirats⸗ gesuch“. Natürlich mußte diejenige, nach der er Verlangen trug, allerhand gute Eigenschaften haben. Zuerst stand die Bedingung„sanft und verträglich“(ja, ja, die Männer sind große Egoisten!), dann die weitere:„muß im stande sein, einer heranwachsenden Tochter führend und bildend zur Seite zu stehen“, und zum Schluß kam dann noch die verschämte Bemerkung: „Vermögen erwünscht, doch nicht Bedingung“. Zwei Tage später, so meldet die„Leipziger Gerichtsztg.“, las Herr X. folgenden Brief, den er mit zwei anderen, von Vermittlern her- rührenden, hauptpostlagernd erhalten hatte und welcher mit der Schreibmaschine geschrieben war: „Mein Herr! Ihr„reelles Heiratsgesuch“ hat meine Auf merksamkeit erregt, deshalb schreibe ich Ihnen. Ich bin es müde, mich von meinem sonst sehr lieben Papa immer als Kind be⸗ handeln zu lassen, darum wage ich den Schritt und melde mich als Reflektantin auf Ihr Hei- schwichtigendenUmstände die Angst des versammel⸗ ratsgesuch. Glauben Sie meiner Versicherung, daß ich, obgleich ich noch jung bin, Ihrer Tochter die rechte, wenn nötig auch energische Führerin sein werde, und daß ich Ihrem Haus⸗ wesen in jeder Beziehung gewachsen bin. Ich besitze ein ansehnliches Vermögen, bin sehr gern heiter und vertrage mich mit aller Welt, bloß mit meinem Papa nicht. Alles weitere mündlich. Vielleicht bestimmen Sie einen Ort, wo wir uns begegnen und aussprechen. Das Schreiben hat keinen Zweck. Bitte, unter C. W. 200 Postamt V., mir Antwort zu geben. N. N. P. S. Mein Vater ist lieb und gut, er ist nur nach dem Tode der Mutter ein bißchen verbummelt.“ „Na, das kann ja eine nette Bekanntschaft werden!“ dachte Herr X. mit Galgenhumor; doch der burschikose Schlußsatz interessierte ihn und er schrieb daher mit der Schreibmaschine, doch vorläufig noch anonym, an die schöne un⸗ bekannte, ließ zwei Billets für die Oper am nächsten Tage holen und fügte das eine Billet dem Briefe bei. Herr X. freute sich gar sehr seiner Schlauheit und bereitete sich am nächsten Abend mit Sorgfalt für das Stelldichein im Theater vor. Sogar die Rose im Knopfloch vergaß er nicht! Uebrigens ist Herr X. ein noch sehr hübscher Mann, dem man seine 46 Jahre nicht ansieht. Um sich mit Muße in die Situation finden zu können, wartete er den Beginn der Ouverture ab und schritt dann nach seinem Platze. Eine Verbeugung und ein leises, un⸗ verständliches Gemurmel genügten zunächst, um die Bekanntschaft einzuleiten, und bis zum nächsten Zwischenakt hoffte er dann die nötigen Worte zusammenzufinden. „Bitte, dort links um die Ecke, der erste Platz,“ sagte der Logenschließer, als er Herrn K. einließ. Mit pochendem Herzen, aber forschen Schrittes ging der Freier auf sein Ziel los. „Ich thue es ja meiner Elsa wegen!“ vergegen⸗ wärtigte er sich in diesem Augenblicke und das gab ihm neuen Mut. So, jetzt war er an der Ecke; nur noch ein Schritt, eine Stufe abwärts, und er stand vor der Unbekanten. Und richtig, da saß eine anmutige junge Dame auf dem Platze neben dem seinen, die ihm gar liebreizend entgegenlächelte, als sie seinen Schritt vernahm; allein das Lächeln erstarb auf ihrem Autlitz, als sie den Freier erblickte, und auch dieser fuhr erschrocken zurück, denn in diesem Augenblicke erkannten einander— Vater und Tochter. Seit diesem Tage behandelte Herr X. seine Elsa nicht mehr als Kind, und sie ihrerseits sorgt dafür, daß er nicht so sehr— verbummelt! Die Heiratsgedanken hat der glückliche Valer endgültig aufgegeben. Elsa hat ihm versprochen, sie wolle ihm die fehlende„Schwiegermutter“ vollauf ersetzen. Und das genügt.— Humoristisches. Aus Sachsen.. Lehrer: Erst im Jahre 785 nach Christi Geburt nahmen die Sachsen das Christen⸗ tum an. Bis dahin waren sie Heiden gewesen. Nun, Emil, was willst du fragen? Schüler: Wie hat m'r denn bis dahin in Dräsen kesagt, wenn m'r:„Ei Herchä ses!“ sagen wollde? * Die Zeiten ändern sich. Er(auf dem Heimweg vom Theater, zu seiner Fr au):„Ist das aber eine elende Straßenbeleuchtung!... Nun, was hast Du denn, Elise— warum weinst Du?“— Sie:“ Mein Gott, ich denke eben daran, wie Du Dich noch vor einem halben Jahre auf demselben Wege über jede Laterne geärgert hast!“—(„Flieg. Bl.“) Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor. O welche Lust, Soldat zu sein. Von dieser Schrift fand die erste Auflage so reißen⸗ den Absatz(40,000 Exemplare), daß in Folge des stets lebhaften Interesses weiter Kreise eine neue Auflage im gleichen Verlage von M. Ernst in München, völlig umgearbeitet, erschienen ist. In populärer Darstellung werden den Lesern die wirtschaftlichen, kulturellen und sittlichen Schäden des Militarismus vor Augen gesührt. Geradezu ergreifend aber wirkt die Schilderung der fast unglaublichen Chikanen, denen die Soldaten in den Kasernen ausgesetzt find. Eine lange Leidensgeschichte, die dem Menschen freunde das Herz zusammenkrampft, bildet den Inhalt der einzelnen Kapitel. Se ite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 32. Sommer⸗Aäumungs⸗Verkauf in allen Abteilungen meines Warenhauses z u bedeutend herabgesetzten preisen. Kinderkleidchen in Bieber, Kattun, Wolle, Stück von 45 Pfg. an. Knabenblousen, nur beste Waschstoffe, Stück von 75 Pfg. an. 1 Ein Posten Reste aler Art. 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