—— —.— — rr — . — 2 — 2 — 17. N N Nr. 45. Gießen, Sonntag, den 5. November 1899. 5. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Igs⸗Zeitung. MNedaktionsscluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr —— —— Abounements preis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ Austräg Bestellungen er frei ins Haus gellefer t monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 1 Juserate kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der„M. S.⸗Ztg.“ weiteste Verbreitung. Die 5gespalt Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich abel Direkt durch Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postaustalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierte rlich 1 Mark. An die Urne! * Am Mittwoch dieser Woche findet im Landkreis Gießen Landtagswahl statt. Für sechs lange Jahre soll ein Vertreter ge⸗ wählt werden. Wer soll das sein? Soll es Herr Hirschel sein, der in Offenbach ansässige ehemalige Architekt, der bekannte anti⸗ semitische Arbeiterfeind? Oder soll es unser Klassengenosse Ph. Scheidemann in Gießen sein, der die vielen Leiden und wenigen Freuden des Arbeiters von Kindheit auf selbst gründlich kennen ge⸗ lernt hat? Die Wahl kann keinem Wahlberechtigten in diesem Falle schwer werden. Jeder sogenannte Manschettenbauer muß für Hirschel stimmen, denn der vertritt seine Interessen. Herr Hirschel ist für künstliche Verteue⸗ rung des Brodes und des Fleisches. Das liegt doch gewiß im Interesse der großen Grundbesitzer und Viehzüchter. Herr Hirschel will auch den Manschettenbauern billige Arbeiter verschaffen. Er ist gegen die bil⸗ ligen Arbeiterfahrkarten um des⸗ willen, weil nach einer Erhöhung der Fahr⸗ preise die Arbeiter mehr auf dem Lande bleiben und für die großen Landwirte ar⸗ beiten sollen, recht billig natürlich. Liegt das etwa nicht im Interesse der Manschetten⸗ bauern? Gewiß! Also wären die Großen in der Landwirtschaft recht dumm, wenn sie ihre Stimme den Wahlmännern des Herrn Hirschel nicht geben würden. Wie aber steht es denn mit den kleinen Bauern und ganz besonders mit den Arbei⸗ tern? Ja, die wären Esel, wenn sie für Hirschel stimmen würden, denn gerade aus ihren Fellen wollen ja die Antisemiten Riemen schneiden für die Großen. Bedarf das noch eines besonderen Nachweises? Gewiß nicht. Unsere Leser wissen, und jeder wahlberechtigte Mann sollte es wissen, wie unsagbar jämmer⸗ lich sich die Antisemiten überall gezeigt haben, wenn es sich um das Wohl der arbeiten⸗ den Bevölkerung gehandelt hat. Aber besser als das erbärmliche Ver⸗ halten der Antisemiten bei Beratung der Zucht⸗ haus vorlage, besser als der Kampf gegen die billigen Arbeiter⸗Eisenbahnbillets, besser als das Eintreten der Autisemiten für die Kanitz'schen Brodwucherpläne, besser als durch das ganze lange Sündenregister der Anti⸗ semiten wird deren Arbeiterfeindlichkeit klar gekennzeichnet durch das eine ebenso deut⸗ liche wie gemeine Wort Schlammbeißer! Herr Hirschel hat dies Wort in seinem Blatt den Arbeitern an den Kopf geschleudert. Herr Hirschel ist es gewesen, der ehrlichen Arbeitern die Bezeichnung Schlammbeißer beigelegt hat, als sich unsere Genossen im Land⸗ tag abmühten, für die Arbeiter Vorteile zu erringen. Doch wozu viele Worte! Die Situation ist so klar wie nie zuvor. Dort der Feind des Arbeiters, der Architekt Hirschel, in dessen Augen die Arbeiter Schlammbeißer sind. Hier unser Candidat Ph. Scheidemann, ein echter Sohn des Volkes, der schon ein halbes Menschenalter in den Reihen der Arbeiter⸗ partei kämpft. Nun entscheidet! Wollt Ihr die nächsten sechs Jahre im hessischen Landtag Euere Interessen und Rechte von einem Antisemiten mit Füßen treten lassen, dann verhelft dem Architekten Hirschel zum Siege. Wollt Ihr aber, daß im Landtag Euere Interessen einer der Euren wahrnehmen soll, daß einer, dem Ihr seit langen Jahren das größte Vertrauen entgegengebracht habt, in Darmstadt für Euch das Wort führt und für Euch zu erreichen sucht, was zu erreichen möglich ist, dann geht am Mittwoch, den 8. November Mann für Mann an die Urne und wählt diejenigen Wahlmänner, von denen Ihr wißt, daß sie bei der Abgeordneten⸗ wahl Eurem Kandidaten Ph. Scheidemann ihre Stimme geben werden. Ihr könnt siegen, wenn Ihr siegen wollt 3 Ein sozialdemokratischer Pfarrer. Eine beachtenswerte Versammlung fand Mitte der vorigen Woche in 1 0 85 in Württemberg statt. Nachdem unser Genosse Tauscher über den Parteitag in Hannover re⸗ ferirt hatte, nahm der Pfarrer Blumhart von Bad Boll das Wort und führte unter anderem aus: Man wundere sich mit Unrecht, daß er sich zum Sozialismus bekenne. Er sei Anhänger Christi, Christus aber war Sozialist. (Beifall.) Zwölf Proletarier hat er zu seinen Aposteln gemacht. Wer meint, er(Redner) ver⸗ lasse Gott, wenn er auch Proletarier sein und sich zu den Proletarien halten möchte, der sei im Irrthum. Im Evangelium gelte nicht Knecht noch Freier, sondern nur der Mensch. So komme er zum Sozialismus. Die Arbeiter sind dazu gedrängt worden durch die Not des Lebens. Er, Blumhart, kenne die Elenden und Unglücklichen, deren so viele schon ihre Not klagten, denen er auch seine Kraft widmete. Auf dem seelsorgerlichen Weg, wie er sich gewöhnlich für den Pfarrer gestaltet, sei es nicht möglich, den Menschen wirklich zu helfen. Es geht nun aber so, wie es jetzt ist, nicht weiter fort. Er, Redner, dem es ja gut gehe und dem sein Lebensunterhalt von selbst zufalle, fühle sich be⸗ drückt, wenn er das Elend und die Not auf dem Lande sehe. Gegen die Stellung der Sozialdemokratie zur Religion könne er durch⸗ aus nichts einwenden. Religion ist Privat⸗ sache, d. h. Sache des Einzelner, in die ihm Niemand einzusprechen hat. Der So⸗ zialismus ruht auf dem Gesellschaftstrieb der Menschheit überhaupt. Also ist natürlicherweise jeder Mensch Sozialist. Wir bedürfen einander. Deswegen hat es zu allen Zeiten eine Gesell⸗ schaftsordnung gegeben. Diese ist bis jetzt immer derart gewesen, daß die Massen unterdrückt wurden, ob sie sich dabei wohl befanden oder nicht. Man hat dabei Menschenglück geopfert. Aber wir wollen keine Menschenopfer bringen; wir leben in jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) 33¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt einer neuen Zeit und die alte Zeit ist vergangen. Auch Christus verkündet eine neue Zeit! Er ist es, der sagt: diese Welt muß zerschlagen werden, die Christenheit hat es nur vergessen. Wer Besitzender oder Kapitalist ist, mag ängstlich sein und glauben, mit dem Sozialis⸗ mus werde es nicht gehen, aber es wird gehen. Den sozialistischen Gedanken hat die moderne Welt hervorgebracht und„wir wollen helfen, daß dieser Gedanke groß wird.“ Unter den Arbeitenden sind gerade diesozialistisch Gesinnten die O rdnungsmänner. Das sozialistische Streben ist ein Kampf gegen den falschen Egoismus. Die politischen Fragen müssen sich unter die soziale Entwicklung beugen. Das hat die Menschheit seit der französischen Revolution erfahren. Heute hält man es z. B. für ganz selbstverständlich, mit Parlamenten zu regieren,, woran man früher nicht gedacht hätte. Mit solchen Anschauungen kann man natürlich ein Zuchthausgesetz nicht lieb haben, kann es nicht begreifen, daß die Einen im Zucht⸗ haus sich herumtreiben, die Anderen— frei⸗ gesprochen werden.(Anhaltender Beifall.) Man habe ihm vorgeworfen, er habe Fabrikanten au⸗ gegriffen. Das tönne ihm gar nicht in den Sinn kommen. Ein Fabrikant sei ebenso ein Erzeugnis seiner Zeit wie wir Alle. Aber er sage: Wer viel hat, gebe Jedem seinen Lohn. Wenn der Kapitalist seinen möglichst großen Profit aus seinem Kapital will, so möge er auch den Arbeiter den größtmöglichen Nutzen aus seinem Kapital, nämlich seiner Muskelkraft, seiner Arbeitskraft, ziehen lassen. Ich werde zu Euch stehen als Einer, der das Klassenbewußtsein stärken will, damit eine Besserung komme. Wir müssen das Ziel der sozialdemokratischen Gesell⸗ schaft im Auge haben. Das ist Recht vor Gott und den Menschen. Reichlicher, anhaltender Beifall folgte den Worten des Pfarrers. Die Antisemiten und sonstige Hintertreppen⸗ politiker sind betrübt, wie die Lohgerber, denen die Felle fortgeschwommen sind. Bisher haben sie so schön— allerdings gegen ihre eigene Ueberzeu gung— auf die„gottvergessenen“ So ialdemokraten losgedonnert und damit Leuten, die nichts lesen, graulich gemacht. Nun aber kommen immer mehr Geistliche in unsere Reihen und damit wird es für unsere Gegner immer schwieriger, mit den alten Lügen zu hausieren. Denn das glaubt doch den Lügenpetern kein Mensch, daß ehrliche, ihr Christentum ernst nehmende Geistliche zu uns kommen, sich der Sozialdemokratie anschließen würden, wenn letz⸗ tere wirklich die Familien⸗, Ehe⸗ und Religions⸗ störerin wäre, als die sie Antisemiten und son⸗ stige unehrliche Politiker anschwärzen. . Ehrensache eines jeden Arbeiters im Kreis Gießen⸗Laud ist es, am Mittwoch, den 8. November zur Wahl zu gehen und seine Stimme für die Wahlmänner der Arbeiterpartei ab zugeben. Der Sieg unseres Kandidaten Ph. Scheidema sicher, wenn alle Arbeiter ihre Schuldic 2.——... ̃ ͤ... e Seile. 2. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. f 8 , eee Welchen Wahlmann wählst du? „Unter allen Umständen nur denjenigen, von dem du bestimmt weißt, daß er seine Stimme abgeben wird für den Arbeiterkandidaten. Nehmen wir zum Beispiel an, du hättest dich mit deinem alten Kameraden Karl, der wie du, Sozialdemokrat ist, in letzter Zeit ver⸗ uneinigt. Dagegen hättest du in neurer Zeit viel verkehrt mit deinem Nachbar August, von dem du aber weißt, daß er Autisemit ist. wir nun an, Karl würde von den a Nehmen 9 Sozialdemokraten, August von den Intisemiten zum Wahlmann bestimmt. Würdest du dann 9 auch nur eine Minute im Zweifel sein, wen 6 du zu wählen hast? Gewiß nicht! Du würdest sofort fühlen, daß bei einer Wahl nicht persön⸗ 9 liche Zuneigung oder Abneigung, sondern ledig⸗ lich die lebereinstimmung der politischen Ueber⸗ 9 zeugung ausschlaͤggebend sein muß. Du wür⸗ dest deine Stimme für Karl abgeben, obwohl du mit ihm auf dem Kriegfuß lebst. Du wür⸗ dest ihn wählen, weil du bestimmt weißt, daß er der doch nur eine Mittelsperson ist, dem Mann eures Vertrauens, dem Genossen Philipp Scheidemann zum Siege bei der Landtagswahl 9 verhelfen würde, damit dieser nachher im Land⸗ tag für euch eintreten und denen auf die Finger 7 klopfen kann, die die Arbeiter Schlammbeißer nennen. 6 Also wählt nur Wahlmänner, von denen ihr wißt, das sie für euern Kandidaten Scheide— 9 mann stimmen wollen, einerlei ob nun der be⸗ treffende Wahlmann Müller oder Schulze heißt, Gemeinderat oder Händler ist.“ 5 0 De Leihgestern. Kleinbauern! Arbeiter! Ihr habt am Sonntag die vortrefflichen Ausführungen des Landtagsabgeordneten Ulrich gehört und jubelnd begrüßt. Sorgt dafür, daß die fleißigste Partei im hessischen Landtag, an deren Spitze Ulrich steht, verstärkt werde. Viel Gutes haben die Sozialdemokraten durchgesetzt viel Schlechtes zu verhindern gewußt. Sie werden noch weit mehr leisten können, wenn es ihrer erst mehrere sind. Sorgt dafür, daß unser Kreis unseren Euch allen gut genug bekannten Kandidaten Ph. Scheidemann nach Darmstadt schickt. Unsere Vertretung liegt dann in guten Händen 50 115 Landtagsfraktion bekommt ein tüchtiges neues itglied. Wenn Ihr alle Eure Schuldigkeit thut, dann ist in Leihgestern die Wahl unserer beiden Wahlmänner gesichert. Bleibe keiner der Wahl fern. Gewählt wird am Mittwoch, den 8. November, von 3 bis 7 Uhr. Wer außerhalb schafft, möge eine Stunde früher Feierabend machen, wenn das erforderlich ist. Vor allen Dingen gilt es, die Lauen und Wankel⸗ mütigen aufzurütteln. Sagt ihnen noch einmal, daß im Hirschelschen Blatt die Arbeiter Schlammbeißer ge⸗ schimpft wurden. Dann muß jedem Arbeitsmann die Zornesröte ins Gesicht steigen. Beantwortet muß die niederträchtige Beschimpfung an der Wahlurne werden: durch die Wahl unserer Wahlmänner. „%s oder Tagelöhner, Bauer, 5 8 3 1 2 Heuchelheim!? . f f 8 0 Dienstag, 2. Nov., abends halb 9 Uhr: 3 9 5 2 Volksversammlung 8 4 bei L. Steinmüller. 8 0 Ta 8„ 1* 8 r S 4 die Landtagswahl. 4 5 Redner: Ph. Echeidemann⸗Gießen. 8 5 Jedermann ist freundlichst zu dieser Ver— 5 fsammlung eingeladen. 8 2 Freie Diskussion. 3 S οοοοh⁰Dοοοο —— Hausen Arbeiter, Freunde! Die Wahl des Wahlmanns in unserm Ort findet Mifti- Went i, len 8. Nov. zwischen 4 und 3 Uhr nachmittags statt. Richtet Euch darauf ein, dass Ihr bestimmt wählen könnt. Die Verhältnisse im Kreise lie- gen so, dass bei der Ab- geordnetenwabl die Stimme eines einzigen Wahl- mannes unter Umständen den Ausschlag geben kann, Wer Abgeordneter wird, ob der antisemitische Ar- beiterfeind Hirschel oder unser Freund Ph. Scheide- mann. Schon aus diesem Grunde ist es Ehrenpflicht, unserem Wahlmann zum Siege zu verhelfen. Zeigt am 8. November, dass Ihr noch die Alten seid! Am Mitt⸗ woch, den 8. November gilt es den guten Ruf unseres Ortes zu wahren. Kein Ar⸗ beiter darf der Wahlurne fern— bleiben. Wir dürfen nicht etwa hinter der bei der Reichs⸗ tagswahl erzielten Stimmen— zahl zurückbleiben, wir müssen mehr Stimmen erreichen! Also: 4 Alle Mann zur Wahl! Gewählt wird in der Seit von Ae Uhr. Es empfiehlt sich, eine oder zwei Stunden früher Feierabend zu machen. Föcgen und ohe Arbeiter! Parte i- genossen! Am Mitt- Woch, den 8. Noybr. muss jeder Arbeiter seiner Wahlpflicht nachkommen. Zwar sind wir hier dop- pelt so stark als unsere Gegner zusammen, aber das Vor kommnis in Wieseck ist auch für uns eine Warnung! Das Gefühl der Siegesgewiss- heit ist schön, aber wir wollen uns doch nicht in Sicherheit wiegen lassen und etwa zu Hause bleiben am Wahltag. Alle Arbeiter müs— sen zur Wahl am 8. No- vemder. Je grösser die Mehrheit, mit der wir unse- rem Wahlmann zum Siege rerkelken; um so grösser auch die Ehre für uns Trohe und Rödgen sollen und müssen am Wahltag mit Ehren bestehen. Die Wahl findet von 4—7 Uhr statt. Es ist aber empfehlenswert, dass die in Giessen beschäftigten Ar- beiter mit dem Zug 5.20 von Giessen nach Rödgen fahren. 5 Arbeiter! PFC e Wieseck. Arbeiter! Gesinnungsgenossen! Wieseck gehört zu den Hochburgen unserer Partei im Kreis Gießen. Es wäre deshalb eine Schmach undeine Schande, wenn man gerade uns seitens der Gegner in der hinterlistigsten Weise in den Rücken gefallen wäre. Eine niederschmetternde Antwort muß den paar „feinen“ Gegnern am Mittwoch, den 8. November werden. Laßt sie ihre 70—80 Mäuner durch Anwendung aller erdenklichen Mittel an die Urne schleppen. Jeder Wiesecker Arbeiter muß eine Ehre darin suchen, unseren Wahlmännern nun erst rech: zu einer fünf⸗ oder sechsfachen Mehrheit zu verhelfen. Mögen sich 70 bis 80 Stimmen vereinigen auf die Leute, die uns den Sieg vereiteln wollten, nusere Wahlmänner müssen jetzt mit mindestens 400 Stimmen gewählt werden. Das bedingt aber, daß jeder wählt. Die Wahlbeteiligung muß eine weit stärkere werden, als bei der Reichstagswahl. Diesmal heißt's, den„Großen“ eine recht gründliche Lehre zu geben. Alle Wann zur Wahl! Seesen S οοοοοοοοοοοοο 2 See eee Klein⸗Linden. Landtagswähler! Arbeiter! Am Mittwoch, den 8. November wollen wir den Antisemiten zeigen, daß wir ihre Lügen und ihre Heuchelei durchschaut haben. Wenn in unserem Dorfe bisher noch eine größere Anzahl antisemitischer Stimmen abgegeben wurde, so deshalb, weil man auch in Klein⸗Linden die Sozialdemokraten in der schlimmsten Weise verleumdet hat. Viele haben sich von der Sozialdemokratie noch ferngehalten, weil sie der antisemitischen Lüge geglaubt haben, die Sozialdemokraten wollten die Religion abschaffen, die Ehe und das Familienleben zerstören und was dergleichen Dinge mehr sind. Das Alles sind erbärmliche Verleumdungen. Würden sich denn immer mehr Pfarrer der sozial⸗ demokratischen Partei anschließen, wenn diese religions⸗ feindlich wäre, wie es die Antisemiten behaupten? Gewiß nicht! Nicht nur in der Schweiz, wo es deren viele giebt, sondern auch in Deutschland giebt es jetzt sozial⸗ demokratische Pfarrer. Erst vorige Woche ist wieder einer zu unserer Partei übergetreten und zwar der Pfarrer Blumhardt in Göppingen(Württemberg). Dieser erklärte in öffentlicher Versammlung am 24. Oktober: Er bekenne sich unumwunden zur Sozialdemokratie und zwar, weil er damit im Geiste Christi zu handeln glaube, der sich zu den Geringen, zu den Zöllnern und Sündern gehalten habe und selber ein Sozialist gewesen sei. Zu seinen Jüngern habe er 12 Proletarier gemacht. Weil man den Sozialdemokraten vorwerfe, sie haben keine Religion, wolle er als Zeuge des Gegenteils auftreten und den Beweis liefern, daß sich die Religion, die eine Herzenssache sei, recht wohl mit der Lozialdemokratie vertrage. Nun, diesen Worten eines christlichen Pfarrers sollte man doch mehr Glauben schenken, als den Schwinde⸗ leien antisemitischer Geschäftspolitiker. Sind denn aber die Antisemiten die guten Christen als die sie sich immer aufspielen? Mit nichten. Sie wollen lediglich unter Zuhilfenahme der Religion, die sie im Munde führen, Wähler fangen. Das haben sie wohl⸗ weislich in ihren Blättern verschwiegen, daß sich vor kurzem auch der Parteitag der Antisemiten ernstlich mit Anträgen beschäftigen mußte, die verlangten, daß das alte Testament aus dem Schulunterricht beseitigt werde. Sie haben es wohlweislich verschwiegen, daß auf demselben antisemitischen Parteitag von Abraham als einem Schweinehund geredet wurde. Eine solche Partei sollte sich in Grund und Voden schämen, ob der Heuchelei, die sie treibt. Die Kleinen müssen einmütig zusammenstehen, dann erst kann es besser werden. Die Antisemiten aber suchen die Kleinen zu zersplittern, damit diese machtlos bleiben und damit die Großen für alle Zeit das Recht in der Hand behalten. Am Mittwoch, den S. November N muß jeder Klein⸗Lindener zur Wahl gehen und seine Stimme abgeben für den Wirt Balthasar Hinter⸗ lang und den Landwirt Philipp Weigel 17. Gewählt wird von 3Z—6 Uhr Nachmittags. 8 6 N N —— 1 tretung lamenle aber i raub 9. 3 Meuwa in der fn e sind e Hälfte Partei stehen Reordlt die 3 für dit nannte gehabt die w Abgeor hältnif demokr sieh. Reu Alte mit f! Wei! stadt ihrer aus zwei. 0 00 Rei S Geß partef wahl, dem 2 südd liede des erklä Schl. Dabu welc 5 tig! geher 55 zi 0 dem Hau Werd — ö — 9 5„ 5 S A W aY———— 7=—— CCC T—T—T—T—T—T—TTT—TTTPTTT 2 —— 2 N twoch, „ daß haben, Auzahl halb, ten in en sih ste det raten d das Dinge — igen. nial⸗ glons⸗ Hewiß viele oztal⸗ wieder r d berg. ktober okrate sti z zu del her eil er 1 raten zeugt sefern, he sih traßl⸗ solle winde⸗ rie 0 5 0 die e wil 0 3 8 Nr. 45. Mitteldeutsche Sonntags⸗ZJeitung. Seite 8. Politische Rundschau. Gießen, den 3. November. Die Sozialdemokratie in den Landtagen. Bei den dieser Tage vollzogenen Neuwahlen zum oldenburgischen Landtag ist zum ersten Mal ein Sozialdemokrat in den dortigen Landtag ge— wählt worden. Die Zahl der deutschen Bundes— staaten, in deren Landesvertretung Sozialdemo— kraten sitzen, ist dadurch wiederum vermehrt worden. Preußen hat im Landtag keinen Vertreter der Sozialdemokratie. In Bayern hat sie bei der letzten Wahl elf Mandate erobert. Im König— reich Sachsen hatte die sozialdemokratische Ver— tretung früher unter allen bundesstaatlichen Par— lamente die höchste Ziffer, nämlich 14, erreicht; aber in Folge des schmählichen Wahlrechts— raubes ist ihre Zahl auf vier zurückgegangen. In Baden ferner stehen im nächsten Monat Neuwahlen bevor. Unter den 63 Abgeordneten in der badischen Kammer befanden sich zuletzt fünf Sozialdemokraten; zwei von diesen Mandaten sind jetzt erloschen, und zur Neuwahl, die für die Hälfte der Abgeordneten vorzunehmen ist, hat die Partei sieben Kandidaten aufgestellt. Neuwahlen stehen auch in Hessen bevor, wo unter 50 Ab— geordneten bisher fünf Sozialdemokraten saßen; die Zahl der sozialdemokratischen Kandidaturen für die Neuwahl beträgt neun. Außer den ge— nannten Staaten, die theils eben erst Neuwahlen gehabt haben, theils unmittelbar davor stehen, zählt die württembergische Kammer unter 93 Abgeordneten einen Sozialdemokraten. Ver⸗ hältnißmäßig am stärksten vertreten ist die Sozial— demokratie in Sachsen⸗Koburg⸗Gotha mit sieben unter 30 Mitgliedern, demnächst folgt Reuß j. L. mit drei unter 15, ferner Sach sen⸗ Altenburg und Sachsen-Mein ingen mit fünf unter 30 und vier unter 24; Sachsen⸗ Weimar sowie Schwarzburg⸗Rudol⸗ stadt haben je einen Sozialdemokraten in ihrer Kammer, und endlich Bremen in der aus 150 Mitgliedern bestehenden Bürgerschaft zwei. Sozialdemokratischer Erfolg. Im fünften württembergischen Reichstags⸗ Wahlkreise Eßlingen fand am Freitag die Reichstags⸗Ersatzwahl statt. Schlegel(Sozialdemokrat erhielt 7282, Geß(Deutschparteiler) 5542, Brinzinger(Volks⸗ partei) 4493 Stimmen. Es fiudet also Stich⸗ wahl zwischen dem Sozialdemokraten und dem Deutschparteiler statt. Der Abgeordnete Brodbeck, Vertreter der süddeutschen Volkspartei, hatte sein Mandat niedergelegt, da die Mandats prüfungskommission des Reichstags seine Wahl als ungültig erklärte. Bei der Hauptwahl 1898 erhielt Brod⸗ beck und der sozialdemokratische Kandidat Schlegel die gleiche Stimmenzahl. Bei der dadurch nötig gewordenen Auslosung, welcher von den beiden mit dem Deutschparteiler — so nannten sich die würtembergischen Na⸗ tionalliberalen— in die Stichwahl gehen solle, traf das Los den Volksparteiler, der alsdann in der Stichwahl, mit Hilfe der Sozialdemokraten, siegte. Die Feststellungen der Wahlprüfungskommission ergaben jedoch, daß dem sozialdemokratischen Kandidaten bei der Hauptwahl vier Stimmen hätten zugerechnet werden müssen, so daß die Entscheidung durch das Los unötig gewesen wäre und der Sozial⸗ demokrat in die Stichwahl hätte gelangen sollen. Die auf diese Weise erforderlich gewordene Ersatzwahl bedeutet einen glänzenden Sieg der Sozialdemokratie. Im Jahre 1898 erhielt unsere Partei(nach damaliger amtlicher Zählung) 6249 Stimmen, ebensoviel der Volksparteiler und der Deutschparteiler 7360 Stimmen. In der Stichwahl 19 letzterer mit 8848 gegen 12334 Stimmen der Volkspartei. Der Deutsch⸗ parteiler hat danach über 1800 Stimmen weniger erhalten als im Vorjahre. Um fast dieselbe Stimmenzahl ist die Volkspartei zurück gegangen. Allein die Sozialdemo⸗ kratie hat nicht nur nichts verloren, sie hat um 1000 Stimmen gewonnen und ist die weitaus stärkstee Partei im Kreise ge⸗ worden. Die Wahl ist ein neuer drastischer Beweis der tiefen Verbitterung, welche die jetzige Reichs⸗ politik, die Politik des Zuchthauskurses und der Flottenforderungen in den arbeitenden Schichten des Volkes erzeugt. Nach späteren Nachrichten stellt sich der sozialdemokatische Erfolg noch bedeutender her— aus als vorher angenommen wurde. Unsere Partei hat ungefähr 1700 Stimmen mehr erhalten als 1893, während die Volkspartei 1550 und die Deutsche Partei 1650 Stimmen verloren hat. Ein Wahlsieg. Vei der Landtagswahl in Schwarzburg, Rudolstadt siegte in Frankenhansen am Kyffhäuser unser Genosse Winter in glänzender Weise mit za. 100 Stimmen Mehrheit. Der Hecht im Karpfenteiche. Recht vergnügt sind die Oldenburger„Nach— richten für Stadt und Land“ über den ersten Sozialdemokraten im Oldenburgischem Landtag: „Nur ganz naiven Leuten erscheint heute noch jeder Sozialdemokrat als ein leibhaftiger Gott— seibeiuns, und nur politische Blinde sehen in der Sozialdemokratie heute noch nur eine den ge— waltsamen Umsturz aller bestehenden Verhältnisse betreibende Revolutionspartei. Politischbesonnener Deukende billigen zwar keineswegs der letzten Ziele und Tendenzen der Sozialdemokratie, be— kämpfen sie vielmehr auf das schärfste, erkennen aber doch an, daß die Partei auf manche Schäden der bestehenden Verhältnisse mutig hingewiesen hat und zur sittlichen und sozialen Kräftigung der wirtschaftlich Schwachen vieles mit Erfolg unternommen hat. Schließ— lich hat anch ein Drittel aller Wahlberechtigten Deutschen bei der letzten Reichstagswahl Vertreter der sozialdemokratischen Lehren seine Stimme gege— ben, und dieser größten Partei Deutschlauds darf daher ein gewisses Recht, in deu gesetzgebenden Körperschaften gebührend vertreten zu sein, nicht aberkannt werden.“ Die Scharfmacher sind über diese Anerkennung natürlich sehr verstimmt.— Die neue Flottenvorlage. Schneller als erwartet, ist die Vorlage gekommen— plötzlich, wie so vieles andere unterm Zickzackkurs. Im vorigen Jahre wurden nach langen parlamentarischen Gefechten rund 1000 Milliouen Mark vom Reichstag bewilligt, die für Kriegsschiffe in den nächsten 6 Jahren verausgabt werden sollten. Nun will die Regierung mit diesem sechsjährigen Plan nicht mehr aus⸗ kommen können. Es wird ein neuer Flotten⸗ plan vorgelegt, der gleich auf 17 Jahre hinaus die Flottenpolitik 1 7 will. Dutzesde von Schiffen werden wieder gefordert, Hunderte Millionen sollen abermals dem Mllitarismus zu Wasser geopfert werden! O, diese weise Po⸗ litik. Kaum daß das 1000⸗Millionen⸗Flotten⸗ gesetz, das für 6 Jahre die Wasserpolitik fest⸗ legen sollte, unter Dach und Fach ist, gesteht die Regierung zu, daß dieses von ihr noch im Vorjahr so gepriesene Gesetz unhaltbar gewor⸗ den ist. Und dieselbe Regierung verlangt jetzt, nachdem die„6 Jahres⸗Schöpfung“ verkracht ift, daß sich der Reichstag gleich auf 17 Jahre binden soll! Ein bescheidenes Ansinnen. Die Regierung würde es nicht wagen, fortgesetzt mit solchen Plänen zu kommen, wenn der Reichstag die im Volke herrschende Stimmung wahrheits⸗ gemäß wiederspiegelte. Bei all diesen neuen Belastungen des werkthätigen Volkes rächt es sich, daß nicht mehr Sozialdemokraten im Reichs⸗ tag sitzen. Theueres Brod der Schiffe wegen. Schon enthüllen die ungeschickten Soldschreiber des Finanzministeriums, die in den„Berl. Polit. Nachr.“ hausen, den Zweck der Flottenabenteuerei. Der neue Flottenplan kostet Milliarden. Wo— her sie nehmen? Herr Schweinburg weiß Rat, er rechnet mit der Mehreinnahme aus der mit 1903 zu erwartenden Erhöhung des Getreidezolls, welche mit 60 Millionen Mark im Jahre sicher nicht zu hoch berechnet ist. Das ist der Kern! Die Flottenpläne sollen der handelspolitisch gegen die agrarischen Begierde immer noch ein wenig spröden Reichsregierung als natürliche Folge die Erhöhung des Gedreidezolls aufzwingen, Das Miquelsche Versöhnungsgeschenk und der Köder für die Kanalrebellen! Die Flotte soll ins Unge- messene vermehrt werden, damit die Ausgaben so gewaltig werden, daß der Getreidezoll zur Deckung erhöht werden muß. Eine thörichtere Politik ist niemals geübt worden, und der Reichstag, der kein Narrenhaus ist, wird hoffentlich das Ausinnen mit Hohn und Spott zurückweisen. Armes dentsches Volk was wird mit dir Schindluder gespielt. 3300 Millionen! Nach einer Berechnung der„Freis. Ztg.“ würden durch den neuen Flottenplan 3½ Mil⸗ liarden, also 3500 Millionen Mark festgelegt, 1320 Millionen an fortdauernden und 1650 Millionen an einmaligen Ausgaben. Wir hoffen bestimmt, daß der Reichstag dieser ungeheuer⸗ lichen Wasserpolitik eine gehörige Kaltwasser⸗ dousche appliziert. Erhöhte Schnapsliebesgaben. Laut Bundesratsbeschluß vom 19. d. Mts. wird vom 1. November ab für den mit dem allgemeinen Denaturierungsmittel denaturierten Branntwein statt der bisherigen Brennsteuer⸗ vergütung von 3.50 Mk. eine solche von 4.50 Mk. gewährt werden. Die manschetten⸗ bäuerlichen Schnapsbrenner werden auch dieses „kleine Mittel“ schmunzelnd einstecken. Auf Kosten der Schnaps trinkenden Bevolkerung macht die Regierung den Großgrundbesitzern Geschenke und erhält sich so deren Freundschaft. Natürlich zeigen sich dann die Großen in der Landwirtschaft wieder erkenntlich und bewilligen der Regierung Schiffe und Soldaten, natürlich auch auf Kosten des Volkes. So sind die„oberen Zehntausend“ immer hübsch einig und stehen sich gut dabei. Die Kosten zahlt das geringe Volk, das zum teil noch einfältig genug ist, sich durch allerlei politische Falschmünzer an der Nase herumführen zu lassen— zu seinem größ⸗ ten Schaden. Krieg in Südafrika. Die„Sieges“-Depeschen der Engländer klingen jetzt sehr gedrückt und zwar mit gutem Grund. Die Buren, die kein stehendes Heer haben, die jetzt als Volkswehr im wahren Sinne des Wortes ihr Vaterland vertheidigen, haben die Engländer ganz gehörig geschlagen und mehrere Tausend englische Sol⸗ daten gefangen genommen. Die große Ueber⸗ macht der Engländer wird die Buren schließlich zwingen, Frieden zu machen. Denn auch auf dem furchtbaren Gebiete des Krieges gilt der Satz:„Der Große frißt den Kleinen.“ Aber der Tag wird kommen, an dem die internationale Sozialdemokratie die größte Macht repräsentiert und dann— wird dem abscheulichen Völkermord ein Ende gemacht, denen, die am Kriegführen ein Interosse haben, das blutige Handwerk gelegt. Der Abschied. Gen. Albert Schmidt in Magdeburg hat sich in einer großen Volksversammlung am verflossenen Sonntag von seinen Wählern ver⸗ abschiedet. Es war eine unvergeßliche Ver⸗ sammlung. Und als sich schließlich gegen Schluß der Versammlung die Kinder des Verurteilten schluchzend durch den Saal durch⸗ arbeiteten zu ihrem Vater, herzzerbrechend klagend, da traten Hunderten die Thränen in die Augen und viele ballten wohl die Faust.. Schmidt sitzt jetzt im Kerker, auf drei lange Jahre lebendig begraben. Getrennt von seinen Freunden, seinen Genossen, her- ausgerissen aus der Familie, der Frau und den Kindern für drei entsetzlich lange Jahre entrissen. Er hat gegen§ 35 des Strafgesetz⸗ buchs gefehlt, der von Majestätsbeleidigung spricht. eee e ee e eee-e 0 Seite. 4. Aritteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr 45. Einige Thatsachen. „Da wir keine Lust haben, uns mehr als unbedingt nothwendig ist, mit den beiden Anti⸗ semiten Hirschel und Köhler zu beschäftigen, so stellen wir hier kurz zur Kennzeichnung der rückständigen, arbeiter feindlichen Politik der antisemitischen Partei einige Thatsachen fest. Herr Hirschel, der sich jetzt um das Land⸗ tagsmandat für Gießen⸗Land bemüht, schrieb in seiner Zeitung einen Artikel gegen die billigen Arbeiterfahrkarten, in dem die Hauptsätze lauteten: „Die Ermäßigung der Fahrpreise für Industrie⸗Arbeiter nützt fast einzig und allein dem reichen städtischen, jüdischen Kapita⸗ listen.... Mancher Arbeiter würde es vorziehen, bei höherem Fahrpreis lieber auf dem Lande zu bleiben, um der Landwirtschaft.... seine Dienste zu Dien. Herr Hirschel will genau wie die ostpreußi⸗ schen Junker, daß die Arbeiter hübsch ans Dorf gefesselt werden, damit die großen Landwirte zur Erntezeit stets die nötigen Arbeitskräfte billig zur Verfügung haben. Im Winter, wenn in der Landwirtschaft Ruhezeit ist, können die Arbeiter hungern. Weiter: Hirschel ist gewissermaßen nur der Geselle seines Meisters Köhler. Letzterer sagte im hessischen Landtag: „Daß die ganze Welt ein Markt ist, kann nicht bestritten werden, allein das wollen wir ja durch eine vernünftige Wirt⸗ schaftspolitik, durch hohe Zölle und Ab— sperrmaßregeln ändern, um unsern Pro⸗ dukten einen angemessenen Wert zu sichern.“ Auch das ist unverfälschteste Junkerpolitik. Hohe Zölle heißt: Brodwucher, und Ab⸗ sperrmaßregeln heißt: Theuere Fleisch⸗ preise. Damit die Großen gute Geschäfte machen, mögen die Kleinen, die Industrie⸗ arbeiter und die Arbeitsbauern den Leibriemen enger schnallen und hungern. Auch gegen die Aufhebung der Gesinde⸗ ordnung sind die Herren. Für alle Zeiten sollen die Dienstboten unter der Fuchtel der Herrschaften stehen. Es soll Ihnen verboten bleiben, sich zu organisteren, es soll ihnen ver⸗ boten bleiben, sich bessere Löhne zu erringen. Wie die ländlichen Arbeiter durch die Ver— theuerung der Eisenbahnbillets au die Scholle, so sollen die Dienstboten an die Herrschaft ge— fesselt werden und zwar durch Einführung von Dienstprämien, die von 5 zu 5 Jahren ausgezahlt werden sollen. Der Dienstbote, der 55 Jahre bei ein und derselben Herrschaft war, soll sogar einen goldenen Orden haben. Wie gnädig sind doch die Antisemiten. Was würde das für ein erhebendes Gefühl für einen alten Knecht oder eine alte Magd sein, wenn sie sich mehr als ein halbes Jahrhundert in ein und derselben Gutsbesitzersfamilie für einen Hungerlohn abgerackert haben, und dann dafür zur Belohnung mit einem Orden auf der Brust Mist fahren dürfen! Wie ganz anders ist aber doch die Politik der Sozialdemokraten. Wir verlangen weitere der Eisenbahnfahrkarten. Wir bekämpfen den Brodwucher als den scheußlichsten aller Wucherarten. Wir wollen die Dienstboten von der mittel⸗ alterlichen Gesindeordnung befreien. Wir verzichten auf Orden und verlangen gute Löhne für jede ehrliche Arbeit. Die Politik des Herrn Hirschel ist einmal in der zu seinem eigenen Blatt gehörigen Beilage:„Die Spinnstube“(Verlag von Kohlhammer, Stuttgart), vorzüglich gekenn— zeichnet, ohne daß Herr Hirschel es verhindern konnte. Es hieß wörtlich in dieser aus Stutt⸗ Verbilligung art bezogenen Beilage des Hirschel— lattes: „Arme können leichter hausen als Reiche, weil diese weit mehr Sorge haben als jene. Je mehr man hat, desto mehr muß man sich Mühe geben, damit man nichts davon verliert; und man will nicht nur nichts verlieren, sondern man möchte es auch gerne höher bringen. Z. B. es hätte ein Weib 100 Hennen, wieviel Sorge würde sie haben, daß sie um keine käme und auch um kein Ei! Und so ist es mit den Kapi— talien und sonstigen Eigentum.—— Hingegen die Armen haben es besser, weil sie nicht soviel zu besorgen haben.“ Treffender kann Niemand die Hirschel⸗ Politik kennzeichnen: Die Armen haben es gut, weil ste nichts haben, also muß für die bedauernswerten Reichen gesorgt werden. Wer diese famose Politik unterstützen will, der wählt am 8. November die Wahlmänner des Architekten Hirschel. Wer aber von einer solchen Politik nichts wissen und die Interessen der geringen Leute vertreten haben will, der wählt die Wahlmänner der Arbeiterpartei, die sich verpflichtet haben, für unseren Kandi⸗ daten Ph. Scheidemann zu stimmen. Pon Nah und Lern. Stimmzettel! Sinnen uur alle zum Gießener Landkreis gehörigen Orte wollen die Genossen, soweit das noch nicht geschehen, sofort in der Expedition der Mittel⸗ deutschen Sonntags⸗Zeitung, Sonnenstraße 25 (Buchhandlung) abholen lassen. * Wählerversammlungen. Am Sams⸗ tag Abend sprach Scheidemann in Rödgen. Die Versammlung war sehr gut besucht und nahm einen vorzüglichen Verlauf. Eine An⸗ regung des Referenten, den Bürgermeister noch einmal zu ersuchen, die Wahl bis Abends 7 Uhr auszudehnen, fand dadurch sofortige Erledigung, daß sich der geschäftsführende Bürgermeister, der in der Versammlung auwesend war, bereit erklärte, dem Wunsch des offenbar weitaus größten Teils der Wähler gern zu willfahren. Geuosse Scheidemann wies darauf hin, daß nicht an allen Orten die Bürgermeister so ein⸗ sichtig wären, im Juteresse der Arbeiter⸗Wähler einmal eine Abendstunde zu opfern. Aber bei den nächsten Bürgermeisterwahlen würden die Arbeiter gründliche Musterung halten und die⸗ jenigen Dorfoberhäupte, die den Arbeitern jetzt so wenig Entgegenkommen zeigen, durch— plumpsen lassen.(Allseitiges Bravo!) Als Redner am Schluß seiner mehr als 1½stündigen Ausführungen aufforderte, am 8. November Mann für Mann zur Urne zu gehen und für unseren Wahlmann Kraushaar zu stimmen, da durchbrauste langanhaltender Beifall den Saal. Die Arbeiter von Rödgen und Trohe werden am Wahltag, am Mittwoch nächster Woche, ihre Schuldigkeit thun. n. In Watzenborn und Leihgestern hielt am Sonntag der Landtagsabgeordnete Ulrich⸗Offenbach gut besuchte Volksbersamm⸗ lungen ab. Er schilderte, wie erst allmählich das Verständnis für die Wichtigkeit auch der Landtagswahlen in Hessen erwacht sei. In 1885 sind die ersten beiden sozialdemokratischen Hechte in den hessischen Karpfenteich gekommen. Im letzten Landtag waren es dann schon fünf. In eingehender Weise erläuterte Ulrich die Thätig⸗ keit der sozialdemokratischen Fraktion. Manches sei erreicht, viel könne noch erreicht werden, wenn unsere Partei erst stärker im Landtag vertreten ist. Sorgt Ihr dafür, so schloß Ulrich, daß am 8. November unsere Wahlmänner gewählt werden, damit Euer Kreis in Zukunft durch unsern Freund Scheidemann vertreten wird. Ihr kennt ihn alle und wißt, daß bei ihm Eure Vertretung in guten Händen ist. Lebhafter Beifall folgte den trefflichen Aus— führungen des Gen. Ulrich. Unser Landtags⸗ kandidat Scheidemann beleuchtete dann die geg⸗ nerische Partei und kam zu dem Schluß, daß es diesesmal für jeden Wähler leicht sein müsse, zu entscheiden. Das Hüben und Drüben sei so klar abgegrenzt, wie wohl nie zuvor. Dort die Manschetten bauernpolitiker, die im. 8 ehrlichen Arbeiter nur Schlammbeißer er⸗ blicken, hier die einzige ehrliche Volkspartei, die Interessenvertreterin der Kleinen, der Lohn⸗ arbeiter und Arbeitsbauern. Nun zahlt dem Gegner am 8. November die Schlamm- beißer heim!— Beide Versammlungen nahmen den schönsten Verlauf. Und wenn die Arbeiter von Watzenborn⸗Steinberg und Leihgestern nun ihre Schuldigkeit thun, dann sind uns die Wahl⸗ männer dort gewiß. Steuern zahlen! Von vielen Seiten ist bei uns angefragt worden, welche Steuern jeder Wahlberech⸗ tigte bezahlt haben müßte, um wählen zu können. Darauf diene folgende Antwort: 1. Wer seine Staatssteuern bezahlt hat kann mit den Gemeindesteuern im Rück⸗ stand sein. 2. Wer aber gar keine Staatsstenern zu zahlen braucht, der muß bis zum Wahltag seine Gemeindesteuern bezahlt haben. Wer kurz vor oder gar erst am 8. No⸗ vember seine Steuern zahlt, muß den Steuer⸗ zettel mit in's Wahllokal nehmen. Im Geheimen wühlen die Antisemiten in den Dörfern mit Anstrengung aller Kräfte. Angeblich sollen auch hier und da liberale Wahlmänner aufgestellt werden. Da bei der Wahlmänner⸗ wahl einfache Mehrheit entscheidet, so müssen unsere Genossen alles aufbieten, damit sie nicht überrumpelt werden. Auf jede einzelne Stimme kommt es an. Vor 6 Jahren sind uns verschiedene Wahlmänner verloren ge⸗ gangen, weil ihnen nur eine oder wenige Stimmen fehlten. Das kann und muß verhütet werden, gaht. jeder Arbeiter pflichtgemäß zur Urne geht. Kontrollversamm lungen. Wir stellen nochmals ausdrücklich fest, daß jeder, der am 8. November zur Kontrollver— sammlung erscheinen muß, trotzdem wählen kann. Am Tage der Kontrollversammlung stehen alle Kontrollpflichtigen unter dem Mili⸗ tärgesetz; sozialdemokratische Agitation darf also am Kontrolltage kein Kontrollpflichtiger treiben. Aber wählen kann Jeder! Ja, er kann es nicht nur, jeder Kontroll⸗ pflichtige muß und wird auch wählen, da es 1 8 auf eine einzige Stimme ankommen ann. Also, jeder Kontrollpflichtige: vormittags zur Kontrollversammlung und nachmittags zur Wahl! Laßt Euch nicht irre machen. Es nicht an Leuten fehlen, die Euch einreden werden, Ihr dürftet nicht wählen. Sagt Ihnen, daß Ihr es besser wißt, daß Ihr Euch kein X für ein U vormachen laßt! Bauernfeinde? Die Lügen der Gegner, daß die Sozialdemo⸗ kratie die Religion abschaffen wolle, ziehen nicht mehr. Jetzt wird wird wieder mehr von der Bauernfeindlichkeit unserer Partei geschwindelt. Was die Antisemiten darüber sagen sind nichts⸗ würdige Lügen. Die tüchtigsten Kenner der Landwirtschaft im hessischen Landtag waren Sozialdemokraten. Und unsere Partei hat im hessischen Landtag 600000 Mk. zu Gunsten der Landwirtschaft bewilligt. Keine Partei im Landtag hat mehr für die Land⸗ wirtschaft gethan, als gerade die Sozialdemo⸗ kratie. Allerdings sind wir mit der Verwendung dieser 600 000 Mk. im einzelnen keineswegs einverstanden. Die kleinen Bauern haben bisher verflucht wenig von der großen Summe profitiert. Unser Bestreben ist es, hier Abhilfe zu schaffen. wird Flunkersoziales. * Im Darmstädter Landkreis haben die Anti⸗ semiten und Nationalliberalen einen Regier⸗ ungsrat Noack als gemeinsamen Kandi⸗ sst ein zeit it gufzun stmme da ists Tage kasten nicht nicht 85 Johte Arbeit om k. 2 * spielig Licht, Der! ist a wohl Stun ihr“ riger loch zu 6 seiner wenig Abba Wint erwei Orga Stein müse * schlo And am lich silge 0 heit laden Eine wie hetke word lerha und als und dl st it bolt fir ö 8 er And habe . Life Sch. ragt zu hat ück⸗ 1 zu tag er⸗ fern ollen inner nner⸗ üssen icht elne ahren u ge⸗ Amen den, Urne daß lber⸗ len lung Mill⸗ darf tiger troll⸗ 06 es Nen tags tags ird reden Sagt uch demo⸗ ict 1 del indel. lichte 55 det waren Par! b. eil Land⸗ dem⸗ dul 315 abel Aa he Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. daten unserem Genossen Cramer entgegengestellt. Dazu bemerkt das national-soziale Blatt in Marburg: „Wir glauben, daß wir von unserem national⸗sozialen Standpunkte aus kein Bedenken zu tragen brauchen, uns der Wahl des Regierungsrats Noack sympa⸗ thisch gegenüberzustellen. Trotzdem erheben die Nattonalsozialen den Auspruch, auch in Arbeiterkreisen ernst genom⸗ men zu werden. Was sind die auf dem Holz⸗ weg mit ihren Höflichkeitsbesuchen. Bürgermeister⸗Konferenz. * Der„erste Sprecher“ der Bürgermeister⸗ Konferenz des Kreises Gießen, der Antisemit Köhler, beruft die Bürgermeister für Samstag, den 4. November(vier Tage vor der Landtagswahl!) zu einer Sitzung in das Parteilokal der Antisemiten in Gießen. Wähl er versammlungen haben die Anlisemiten nicht einberufen! äft? Wer schl „Wer schläft, wenn der Feind stürmt, der ist ein Verräter seiner Partei. Die Wahl⸗ zeit ist die rechte Zeit, wo es gilt, den Mund aufzumachen, Farbe zu bekennen und gut zu stimmen. Wenn die Wahlzeit vorüber ist, da ists mit dem Jammern zu spät. Wer die Tage der gesetzlichen Selbsthilfe am Stimm⸗ kasten nicht benützt, ist sich seiner Bürgerpflicht nicht bewußt und zeigt sich seines Bürgerrechts nicht würdig.“ So schrieb ein amerikanisches Blatt im Jahre 1892 vor den Wahlen. Mögen die Arbeiter im Gießener Landkreis diese Worte am kommenden Mittwoch beherzigen. Die verkehrte Welt. * Das Leben ist im Winter entschieden kost⸗ spieliger als im Sommer. Es muß für Heizung, Licht, warme Kleidung gesorgt werden u. s. w. Der Bildhauer Atzbach in der Grünbergzerstraße ist aber wohl umgekehrter Ansicht. Denn ob⸗ wohl seine Arbeiter im Winter täglich einige Stunden weniger arbeiten, wie im Sommer, ihr Tages verdienst also schon deshalb nied— riger ist, zieht Herr Atzbach im Winter auch noch am Stundenlohn ab und zwar bis zu 6 Pfg., sodaß unter Umständen einzelne seiner Arbeiter pro Tag bis zu 1.30 Mark weniger verdienen. Das Verhalten des Herrn Atzbach, der selbstverständlich seinen Kunden im Winter nicht billiger liefert, wie im Sommer, erweist wieder die Notwendigkeit einer guten Organisation. In anderen Städten haben die Steinhauer höhere Löhne erkämpft, in Gießen müssen sie sich Abzüge gefallen lassen. Der tapfere Herr Hitschel. * Nachdem sich Herr Hirschel hinter ver— schlossenen Thüren in Großen⸗ 3 Linden produziert hat, ist er am Mittwoch Abend heim⸗ lich nach Klein⸗Linden ge⸗ lose um dort hinter ver⸗ chlossenen Thüren seine Weis⸗ heit an die besonders einge⸗ ladenen Männer zu bringen. Eine feigere Agitation als wie sie jetzt die Antisemiten betreiben, ist nie betrieben worden. Vom sicheren Hin⸗ terhalt aus frech schimpfen und verleumden, die Arbeiter als Schlammbeißer betiteln und dann, wenn der Gegner in der Nähe, mit schlotternden Knieen auskneifen, das ist in den Augen der antisemitischen Konfusions⸗ olitiker„Teutsche“ Tapferkeit! Was muß das fr eine traurige Politik sein, die sich nur inter verschlossenen Thüren vertheidigen läßt! ber trotzdem soll es Herr Hirschel in Klein⸗ Linden nicht an Aufgebot von Lungenkraft haben mangeln lassen. In dem Moment als er — seinen Gegner Scheidemann weit weg wissend— schrie:„Ich fürchte mich vor dem Scheidemann nicht,“ hat einer unserer Leser, der ein wenig zeichnen kann, die obige Skizze angefertigt. Da uns Herr Hirschel seit Jahren auskneift, wir ihn also lange nicht gesehen, so können wir nicht feststellen, ob die Skizze natur⸗ getreu ist. Mit dem Mund wird es seine Richtigkeit haben. Er bekeunt sich schuldig. s * Endlich, nachdem wir ihm schwarz auf weiß seine Unwahrheiten nachgewiesen haben, gesteht der Architekt Hirschel zu, daß unsere Klein⸗Lindener Versammlung dreimal angekündigt war. Lange genug hat's gedauert bis der Mann der Wahrheit die Ehre gegeben. Antisemtitisch⸗ hluterlistiger Wahlschwindel. Die„Bad. Odsztg.“ veröffentlicht folgenden Brief: Heidelberg, 25. September 1899. Bei meinem gestrigen Besuche erfuhr ich, daß Sie unseren Vorschlag, sich von den National- liberalen aufstellen und auch wählen zu lassen, annehmen und dann bei der Hauptwahl die Stimme unserem(d. h. antisemitischen!) Kandidaten geben. Wir sagen Ihnen hierfür im Voraus unseren wärmsten Dank und versichere ich Sie, dag Niemand hiervon etwas er— fahren soll. Wir stelleu einfach, wie noch in anderen Orten, keinen Wahlmann auf! Wenn Sie gewählt sind, wird es heißen: N. R. nationalliberaler Wahlmann, und wir werden dann nicht wider— sprechen, sodaß Sie nicht in Gefahr laufen, daß Ihnen Unannehmlichkeiten passieren. Ich schicke Ihnen nun anbei einen Verpflichtungsschein, den ich Sie bitte, mir recht bald unterschrieben zurück— zusenden. Ihr(gez.) C. W. Kratzert.— C. W. Katzert ist ein autisemitischer Agitator, der in dieser Weise seiner Partei Stimmen wirbt. Das ist wirklich„urdeutsch“ und„grundehrlich!“ Es sind halt wackere Leute, diese Antisemiten! Ein lustiger Prozeß. * Der jetzt nationalsoziale Redakteur Erdmannsdörffer in Marburg hat seinen ehemaligen Parteigenossen Hirschel in Offen⸗ bach, den bekannten antisemitischen Redak⸗ teur, wegen Verleumdung und Beleidi⸗ gung verklagt. Wenn in diesem famosen Pro⸗ zeß nicht ein sozialdemokratischer Re⸗ dakteur der lachende Dritte ist, dann wollen wir uns verpflichten, der Gießener öffent⸗ lichen Lesehalle ein Exemplar der epochemachen⸗ den Broschüre:„Die Juden und die Cho— lera. Eine intolerante Streitschrift von Hans Gustav Erdmannsdörffer“ zu stiften. Schwere Strafen. Wegen der im Herner Streikgebiet von pol⸗ nischen Bergleuten verübten Vergehen sind jetzt insgesammt 45 Angeklagte verurteilt worden. Sie erhielten insgesammt 33 Jahre, 5 Monate, 2 Wochen und 3 Tage Gefängnis! Warum sind die armen Tenfel auch nicht als Adelige auf die Welt gekommen und dem Klub der Harmlosen beigetreten! Dann hätten sie nicht zu streiken brauchen und brauchten auch nicht ins Gefängnis. Kleine Mitteilungen. ** Gießen. Am vergangenen Sonntag ist der neue Aussichtsturm auf dem Dünsberg ein⸗ geweiht worden. ** Gießen. Die Einführung des elek— trischen Lichts ist von den Stadtverordneten im Prinzip beschlossen. Dem elektrischen Licht sulg dann hoffentlich bald die elektrische Bahn olgen. * Fahrradsteuer. Vom 1. Januar 1900 ab tritt die neue Steuer für Fahrräder in Kraft. Dieselbe verdanken wir der eifrigen Mithilfe der Antisemiten. Der seitherige„Ver⸗ treter“ für Gießen⸗Land, der Antisemit Bähr wollte sogar die„weiblichen“ Fahrräde, doppelt besteuert wissen, also mit 10 Mark. ** Wetzlar. In den optischen Werkstätten der Firma M. Hensoldt u. Söhne ist die soge— nannte englische Arbeitszeit zur Einführung ge— kommen. Die in den genannten Werkstätten be— schäftigten Personen arbeiten von jetzt an von Morgens 7 bis Nachmittags 4 Uhr mit ½ stün— diger Mittagspause. ** Marburg. Da unsere Polizei vom 1. April n. J. ab städtisch werden soll, beschlossen die Stadtbehörden. eine Immediateingabe an den Kaiser zu richten, in der um Beibehaltung der staatlichen Polizei gebeten wird. Daß man sich hier so gegen die beabsichtigte Neuerung wehrt, hat außer der Sorge für die Mehrkosten auch noch einen andern Grund. Man glaubt nämlich, daß, wenn plötzlich an Stelle der seitherigen Nacht— wächter junge Polizeibeamte die Nachtwache aus- üben, gegen die Studenten zustramm vor⸗ gegangen(11!) und dadurch die Universität ge⸗ schädigt werden könne. O, wle rücksichtsvoll! Partei⸗ Nachrichten. Versam mlungs⸗Kalender. Samstag, 4. November: Heuchelheim, Arb.⸗Bild.⸗Verein Abends 8ʃ½ Uhr bei Wirt Germer. Dienstag, 7. November. Schneider, Gießen. Abends ½9 Uhr bei Orbig. Referent: Trilse⸗Cassel. N Auf zur Wahl! . An die Wähler des Landtagswahlbezirks Vilbel⸗Büdesheim. Wie Euch allen bekannt, findet die Wahl⸗ männerwahl am 8. November statt. Arbeiter, Bauern, Gewerbetreibende! Wollt Ihr den Einfluß der Junker und Junkergenossen noch stärken, wollt Ihr ein Mitglied des Bundes der Landwirte, welch letzterer im Be— schimpfen und Verläum den der Arbeiter an der Spitze marschiert, welcher für die Zuchthausvorlage schwärmt, dann wählt den Grafen Oriola. Wollt Ihr dagegen einen arbeitenden Volkes, wollt Ihr einen Be— kämpfer alles Unrechts, alles Kli⸗ quen⸗ und Vetternwesens, einen Freund jedes Fortschrittes, dann wählt den sozialdemo— kratischen Kandidaten, den Stadtverordneten Eduard Krumm in Gießen. All Ihr Kleinen in Stadt und Land, nehmt Euch ein Beispiel an den Gegnern, den Großen, die sind einig; seid auch Ihr einig und dann getrost in den Wahlkampf mit dem alten sozial⸗ demokratischen Schlachtru:„Vorwärts zum Kampf und Sieg!“ Vilbel, im Oktober 1899. Das soziald. Wahlkomitee. Vertreter des Letzte Nachrichten. Mainz, 2. Nov. Bischof Dr. Paul Leopold Haffner ist gestern Abend infolge eines Schlaganfalls gestorben. Er ist fast 71 Jahre alt geworden. Briefkasten der Redaktion. st. Wegen Raummangels zurückgeblieben. Groß⸗Linden. Derartige Schriststücke ohne Namensunterschrift zu senden, ist ebenso„tapfer“ wie hinter verschlossenen Thüren über die Gegner herfallen. ies86sn Sladttheates Sonntag, den 5. November 1899: Doctor Klaus. Lustspiel in 5 Akten von L'Arronge. Dienstag, den 7. November 1899: Als ich wiederkam. Lustspiel in 3 Akten von Blumenthal⸗Kadelburg. Mittwoch, den 8. November 1899: Gastspiel von C. W. Büller: Großmama. Schwank von Th. Dreyer. Freitag, den 10. November 1899: Gastspiel von C. W. Büller. Nosenmüller und Finke. Lustspiel von Toepfer. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 15. 1 D „4 2 4 4 —4 4 4 2 Unterhaltungs⸗Ceil. * Männer haltet fest zusammen. Männer haltet fest zusammen! Laßt die Freiheit nicht verdammen Von der schwarzen Höllenschar! Wo sie feindlich angegriffen, Seigt, daß unser Schwert geschliffen, Daß wir wachen immerdar! Mit der Wahrheit scharfen Klingen Laßt uns auf die Feinde dringen, Bis verstummt der letzte Wicht! Seid nur um den Sieg nicht bange, Denn der alten Lügen⸗Schlange Sitzt die Wahrheit zu Gericht. Ja, der Wahrheit Donnerworte Dringen stolz durch jede Pforte Heilbewußt mit Jubelschall! Freies Lied und freie Rede, Kraftbeseelt zu Schutz und Fehde, Schirmen, siegen überall! G. K. Felsing. Wie ich tot war. Humoreske von Albert Roderich, Hamburg. (Schluß.) Gleich am andern Tage war unter Leitung des Herrn Bellevue Probe. Fräulein Müller sang mit dolchartig zugespitzter Stimme ein Lied mit dem Refrain:„Du hast mir das Herz zerrissen.“ Dabei sah sie mich immer an, als wenn ich das gethan hätte. Ihre Mutter aber behauptete, ich hätte ihre Tochter immer so an⸗ gesehen, daß alle Leute davon redeten. Ich hätte ihre Tochter kompromittiert, und das brauche sich kein Mädchen mit über sieben⸗ tausend Mark Mitgift gefallen zu lassen, wenn sie noch dazu so kochen könne, wie ihre Alma. Und übermorgen käme ihr Mann, der sollte mir den Standpunkt schon klar machen. Ich fing auch auf der Probe an, die Novelle zu lesen. Aber schon nach drei Sätzen fuhr mich der Schauspieler barsch an: „Herr, nehmen Sie mir das nicht übel, Sie lesen wie ein wahnstuniger Flickschuster. Sie haben ja nicht die blasse Ahnung davon, was der Dichter gewollt hat. Lassen Sie nur, ich werde die Novelle selbst lesen.“ „Zwei Tage später fand dann die Wohl⸗ thätigkeits⸗Vorstellung statt. Der Wirt hatte den Saal umsonst hergegeben, und er war 9 Faneebak ziemlich voll. Herr Schnodde saß an der Kasse und nahm das Eintrittsgeld an. Etwas wollte er auch thun für das gute Werk, sagte er. Nachdem Fräulein Müller ihren Gesang be⸗ endigt hatte, setzte sie sich an meine Seite, und ihre Mutter nahm hinter uns Platz. Herr Bellevue hatte meine Novelle zu Ende gelesen und machte jetzt eine Pause. Meine Novelle handelte von einem Liebespaar, das nicht ver⸗ einigt werden konnte, weil der Vater der jungen Dame mit seinem Fluche drohte. Die Familie des Jüglings war nämlich erblich mit Mond⸗ sucht belastet. Deswegen beschlossen die Eteben⸗ den, zu sterben. Der Liebende wollte erst seine Geliebte und dann sich erschießen, in der Auf— regung aber erschoß er aus Versehen zuerst sich selbst und konnte dann seinen Plan ja nicht mehr ausführen. Das Mädchen ärgerte sich furchtbar darüber und ging als Gouvernante nach Amerika. Herr Küpermeister Ringel aus Lübeck, der neben mir saß, sagte zu mir, nachdem die No⸗ velle zu Ende gelesen war: „Das ist ja ein ganz verrücktes Zeug. Der Kerl, der das gemacht hat, ist dummerhaftig. Und dann immerlos mit sein: erblich belastet! So'n Kameel! Ich wollt, ich wollt, ich wär mit'n paar Millionen erblich belastet!“ Ich versuchte, den Mann über jene Be⸗ lastungstheorie aufzuklären, aber er hörte gar nicht ordentlich zu und schimpfte immer weiter. „Und für diesen— wie heißt der Kerl man noch? Für so'n Schafskopf soll man noch Geld hergeben?“ „Der Verfasser ist ja tot,“ belehrte Fräulein Müller,„es ist ja für die arme Familie.“ „Ach was,“ rief her Ringel,„wenn eine so einen übergeschnappten Romauschreiber heiratet, dann geschiehts ihr Recht und wenn sie mit zwölf Kindern hungert. Sagen Sie selbst, Fräulein Müller—“ „Freilich,“ unterbrach diese,„wenn ich das gewesen wäre, ich wäre nicht nach Amerikn ge⸗ gangen, so lange noch ein Schuß in der Pistole gewesen wäre. Nein, das ist nicht edel, das ist gemein.“ f „Aber mein liebes Fräulein rief ich, 1 1¹ „Sie—— „Herr,“ schrie jetzt Frau Müller dazwischen, Sie kompromittieren meine Tochter. Wenn mein Mann heute kommt,— ha, da kommt ja mein Mann.“ Meine Blicke folgten den ihrigen zur Thüre. Ich fühlte mich kreidebleich werden. Da war eben Herr Müller, mein Schneider eingetreten. Frau Müller und Tochter eilten auf ihn zu und sprachen heftig auf ihn ein. Ich hatte mich erhoben und näherte mich dem Ausgange. Da traten die drei auf mich zu. „Was,“ sagte Herr Müller und sah mich durchbohrend an,„diesen Mann meinst Du, Frau? Das soll'n Rentier sein, der von sein Geld lebt? der lebt von mein Geld. Der ist mir noch drei Anzüge schuldig. Der kann unsere Tochter so viel kom⸗kom⸗kompromittieren, wie er will. Herr, und Sie gehn in die Sommer⸗ frische, Herr!“ „Ja und wirft Zehnmarkstücke auf'n Teller und geht in Wohlthätigkeitsvorstellungen,“ rief empört Frau Müller. „Was für Wohlthätigkeits⸗Vorstellungen?“ „Für einen Schriftsteller,“ sagte Fräulein Müller,„für den bekannten——“ „Halt,“ rief ich da in meiner Todesangst und riß mein Portemonnaie aus der Tasche. „Hier, hier Herr Müller, bitte nehmen Sie dies à conto meiner Schuld. Ich lauf eben auf mein Zimmer und hol Ihuen den Rest.“ Und damit lief ich auch. Herr Schnodde saß noch an der Kasse und zählte das Geld. Ich stürzte auf ihn zu. „Herr,“ rief ich,„Sie sind ein Schwindler!“ „Was, Herr?“ „Jawohl, Heribert Orioso hat keine Frau und keine sechs Kinder— und außerdem hat er keine unglückliche Witwe, denn er ist gar nicht tot, und ich bin es selber.“ „Dann sind Sie ja ein Schwindler.“ „Ja, wir sind beide Schwindler. Und nun geben Sie mir meine zehn Mark wieder damit ich nach Hause reisen kann.“ Das hat er auch gethan. Als ich etwas befangen meinem Verleger wieder unter die Augen trat und ihn nach dem Erfolge unserer Kriegslist fragte, sagte er grimmig:„Elf Exemplare sind verkauft. Aber es wird wohl jetzt besser wenden,— der Staatsanwalt hat schon nach Ihnen gefragt.“ (Frankf. Ztg.) Humoristisches. Stimmt. Ein berühmter Künstler malte ein si einen Engel mit sechs Zehen.„Wer hat je einen Engel mit sechs Zehen gesehen?“ fragten die Leute.—„Wer hat je einen mit fünf gesehen?“ lautete die Gegenfrage. * Scherzfrage. Wer waren die ersten Reichstags⸗ abgeordneten? Antwort: Abraham und Lot. Ersteret sprach zu Lot: Willst Du zur Linken, so will ich zut Rechten, oder willst Du zur Rechten, so will ich zur Linken. * umschrieben. A.:„Dein Frau scheint recht unterhaltend zu sein?“ Mann:„Ja, wenn ich mal Abends spät von der Kneipe heimkomme, läßt sie mi ch garnicht mehr zum Wort kommen!“ Grossen-Pinden Arbeiter! Vergesst nicht am 8. November zu wählen. Es handelt sich darum, ob für sechs Jahre ein Offenbacher Antisemit in den Landtag einziehen Soll, der gegen die billigen Arbeiter fahr karten räisonnierte und in dessen Augen die Arbeiter Schlammbeisser sind, oder ob unser Kandidat Ph. Scheidemann gewählt wird, der, selbst Arbeiter, seit vielen Jahren unermüdlich und unerschrocken für die Interessen der Kleinen in Stadt und Land auf werden bestens u, billigst von mir das energischste eingetreten ist.— Keinem Arbeiter besorgt. Die meisten ñ?˙—:¾Kl T Antisemiten wollen von dem Architekten Hirschel ist die Wahl schwer in diesem Fall. in Offenbach selbst nichts wissen. Arbeiter und Bauern von Grossen-Linden! Seid am Mittwoch, den 8. November auf dem Platz und gebt Eure Stimme denjenigen Wahlmännern, die für unseren im Kreise wohnenden, für jeden leicht erreichbaren Kandidaten Ph. Scheide- Tausenden ist unser Kandidat Scheidemann aus den Volksversamm- 1 auch viele Ber. Seuli mes mann in Giessen stimmen wollen. lungen bekannt, Hunderte— darunter Gross-Lindener— haben ihn kennen gelernt, als sie sich Rath bei ihm holten! Gewählt wird von 4 bis 7 Uhr. jeder an der Wahl teilnehmen. Wahlrecht aus und trage dazu bei, dass endlich unser Kreis im Landtag durch einen tüchtigen Mann ver- treten wird. 7 r ö 2 Es kann also Nutze jeder sein — Weltberühmtes u. best⸗ bewährtes Fabrikat Junker& Ruh in Karlsruhe; empfiehlt zu den billigsten Preisen Gustav Stein in Heuchelheim. Alle erforderlichen Reparaturen 1 per IMeter von 90 Pfg. an Vorlagekatalog u. Preisliste R Iber de Laubsäge-. Lerbsspnftt-tegsilen als. G. Schaller& Co. Konstanz. 3 Marktstätte 3. 3 Marburg, Wehrdaerweg empfiehlt Flaschenbier ell und dunkel 20 ganze Flaschen Mk, 3.— ö. Ne W. M fe h frei ins Haus. ieee eee 40 halbe„s„ 3. Se 4 Daubringen! Kollegen! In unserem Ort könnte es den Gegnern nur dann gelingen, ihren Wahl⸗ mann durchzubringen, wenn die Arbeiter pflichtvergessen der Wahlurne fern⸗ bleiben. Wir hatten bei der Reichstagswahl 74, die Gegner nur 38 Stimmen! Diesmal kann und muß das Verhältnis für uns noch weit besser werden. Laßt Euch nicht irre machen durch Quertreiber, die das indirekte Wahlverfahren aus⸗ nützen wollen, die Arbeiter um die ihnen im Landtag zustehende Vertretung zu betrügen. In keinem Ort sollte man vergessen, daß ja die Wählmänner nicht in den Landtag kommen, sondern daß die Wahlmänner nur Mittels⸗ personen sind, die den Willen ihrer Wähler zu erfüllen haben, indem sie ihre Stimme bei der Abgeordnetenwahl unserem Kandidaten Philipp Scheidemann in Gießen geben. Bleibe keiner am 8. November der Wahl fern. Durch die Festsetzuug der Wahlstunden von 4—7 Uhr ist es jedem möglich, an der Wahl teilzunehmen. e ee ech h t e ee 84e 80e 86e 8e 2 —— r — le S = 2 —— r 2 22 —.— N . ein st pugel Ver rage. lags⸗ tere, ch zut c zu Tech ö al mich 1 — — öÜ A¶ kk —— r — . Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Ne Wiatzenbomm-Stenbeng. Landtagswähler! Arbeiter und Klein⸗ bauern! Beherzigt die Worte unseres Landtags— abgeordneten Ulrich. Viel hängt vom Ausgang der diesmaligen Wahl für uns alle ab. Dort der von den Großgrundbesitzern im Jun ker⸗ bund diplomirte Architekt Hirschel, der die Arbeiterbewegung haßt, wie die Pest; hier der bewährte Interessenvertreter der Kleinen in Stadt und Land, unser Freund Philipp Scheidemann! Es handelt sich in diesem letz— ten Aufruf an Euch aber weniger um eine Kenn— zeichnung der beiden Kandidaten— die kennt Ihr zur Genüge. Es handelt sich vielmehr darum, Euch ge. e e e NN . 5 N; 2 N aufzufordern, all zur Wahl zu gehen, damit 8 zunsere Wahlmänner mit einer erdrückenden 2 Mehrheit gewählt werden. Denkt an den Aus— 2 gang der letzten Gemeinderatswahl! So darf's 7— diesmal nicht gehen. Am Mittwoch steht mehr— auf dem Spiel! 8 4 * Der letzte Wahlberechtigte muß an die Urne gebracht werden. Um 7 Uhr Abends ist die Wahl in unserem Wahlbezirk beendet. Die auswärts beschäftigten Arbeiter müssen also früher Feierabend machen, damit sie nicht um ihr Wahlrecht kommen. Thut Euere Schuldigkeit, ihr Arbeiter von 95 Watzenborn-Steinberg! 5 N anna sse 8 ll N N r N N N 2 8600000 Wetzlar. Wohnungsveränderung. Meiner verehrten Kund⸗ schaft, Parteigenossen und Freunden zeige hiermit an, daß ich vom f. Novemb. ab Sophienstrasse 20 „Gasthaus zur Industrie“, 2 Treppen, wohne. Sees 10-20 M. Nebeuverd, Tägl. für Leute jed. Standes, auch Frauen, leicht und anständig zu erwerben. 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Oeffentliche Sozlaldem. Versammlung bei Jesberg, Wehrdaerweg. Tagesorduung: 1. Berichterstattung vom Parteitag. (Gen. Scheidemann.) 2. Abrechnung des Vertrauensm. 3. Abrechnung der Kolportage. 4. Wahl des Vertrauensmannes. 5. Verschiedenes. er Vertrauensmaun. Dre Friedberg. Hüte und Nützen Crapatten, Regenschirme Ho sender, Spazierstöcke u. s w. empfiehlt Julius Friedrich Abr. Fauth. Großen ⸗Buseck. Arbeiter! Bauern! Bei der Landtagswahl handelt es sich diesmal darum, ob wieder ein Anti⸗ semit nach Darmstadt geschickt werden soll, also ein Vertreter derjenigen„Partei“, die wegen ihrer Unfähig⸗ keit und Hanswursterei der ganzen Welt zum Gespökt dient, oder ob wir einen wirklichen Volksmann als unseren Vertreter in die Zweite Kammer senden. Hoffentlich geschieht das letztere. Wir müssen die sozialdemokratische Fraktion des Landtags, von der sogar im Gießener Anzeiger zu lesen war, daß sie die fleißigste aller Parteien war und daß sie wegen ihrer Tüchtigkeit oft die Führung hatte, un be⸗ dingt verstärken. Je mehr Sozialdemokraten im Landtag, um so eher werden die Wünsche der Arbeiter und kleinen Bauern berücksichtigt. Wer etwa noch im Zweifel ist, ob er sich für den in Offenbach wohn⸗ haften Architekten Hirschel oder für den täglich mit uns in Verkehr stehenden, in Gießen wohnenden Kandi⸗ daten Ph. Scheidemann entscheiden soll, dem wollen wir nur ins Gedächtniß rufen, daß im Blatte des Herrn Hirschel die Arbeiterals Schlammbeißer beschimpft wurden, daß Herr Hirschel ein Feind der Arbeiter⸗ bewegung ist und auch aus diesem Grunde in seinem Blatt sich gegen die für den Arbeiter so wert⸗ vollen billigen Eisenbahnfahrkarten ausgesprochen hat. Und für einen solchen Mann, der Euch in so einschneidender Weise schädigen will, sollte auch nur ein einziger Großbusecker stimmen? Das darf keiner thun. Die sauberen Herren verfolgen einen bestimmten Plan mit der Herbeisehnung der höheren Preise für Eisenbahnkarten. Ste wollen den Arbeiter an das Dorf fesseln, damit er für die Großgrund⸗ besitzer für einen Hungerlohn schaffen müßte! Feind aller Arbeiterpolitik, nur für- die. Interessen der Großen besorgt, haben sich die Antisemiten im Reichs⸗ tag auch so schäbig bei der Zuchthausvorlage be⸗ nommen, daß es eine Sünde wäre, wenn auch nur ein einziger Arbeiter seine Stimme einem Wahlmann gäbe, von 15 er annehmen muß, daß er für Hirschel stimmen würde. Arbeiter! Wer noch einen Funken Ehr⸗ gefühl im Leibe hat, der trage das seine dazu bei, daß am Mittwoch, den 8. November den Antisemiten eine Niederlage bereitet wird, von der sie sich in unse⸗ rem Kreise nicht mehr erholen. Die Odenwälder Bauern haben den Versprechungen Hirschels einmal geglaubt, sie wählten ihn 1893 in den Reichstag. Aber einmal und nicht wieder! 1898, nachdem sie ihn zur Genüge ke u⸗ nen gelernt hatten, schickten sie ihn in der blamabelsten Weise heim; nicht einmal in die Stichwahl kam Hirschel mehr. Und der Mann, den die Odenwälder Kleinbauern nicht mehr wollten, der soll nun für Euch gut genug sein? Gewiß, er wäre der Rechte, Eure Verhältnisse zu verschlechtern! Da wir aber nicht für schlechtere, sondern für bessere Zeiten kämpfen, so treten wir Mann für Mann am 8. November für diejenigen Wahlmänner ein, von denen wir wissen, daß sie ihre Stimme unserem Landtagskandidaten Ph. Scheidem ann geben werden. — Die Wahl findet statt von 4—7 Uhr. Richte es sich jeder so ein, daß er rechtzeitig daheim ist. Sehr billig und doch gut! Ein Posten Arbeitskleider Anzüge, Joppen, Ueberzieher, weiße und bunte Hemden empfehlen Kuder& Sonneborn Marktstr. 2 u. Neuenneg 12. 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In fast allen Orten des Kreises wird bis 7 oder aber doch bis 6 Uhr abends ge— wählt. Alle Bürgermeifter, die darum er sucht wurden, haben den Wünschen ihrer Gemeinde— mitglieder Rechnung getragen. Nur der Wiesecker Bürgermeister will nicht. Hoffent⸗ lich zwingt ihn das Kreisamt, so wählen zu lassen, wie es den Interessen der Wähler und dem einstimmigen Willen des Gemeinderats entspricht. Noch am Mittwoch Abend ist eine Be⸗ schwerde gegen das Verhalten des Wiesecker Bürgermeisters an das Kreisamt abgegangen. Mag nun die Wahlzeit in Wieseck selbst in die ungünstigste Zeit gelegt werden: Jetzt ist es Ehrenpflicht für die Wiesecker, Mann für Mann am Platz zu sein. Jetzt müssen sie zeigen, daß sie noch die Alten sind! Be⸗ weist ein für allemal den Sozialistenhassern, die Euch um den Sieg prellen wollen, daß die Wiesecker nicht auf den Kopf gefallen sind. Die Wiesecker Vorkommnisse mögen aber auch anderwärts beherzigt werden. Die Gegner arbeiten in der un⸗ glaublich rührigsten Weise im Stillen. Offen wagen sie es nicht, sie sischen im Trüben! Arbeiter, überall! Am Mittwoch gilt's! Seid Euch des Ernstes der Situation bewußt und agitiert in den wenigen Tage noch unermüdlich. Sorgt dafür, daß jeder Wahl⸗ berechtigte zur Wahl geht! Von Nah und Lern. Mittellungen aus unserxem Leserkreise sind je derzeit willkommen Die Ehre unferer Sache gebietet natürlich strengste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— 2 Zir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Vom Gleiberg. * Am Kirmeßmontag, den 4. September, hatten eine Anzahl Burschen und Mädchen von Gleiberg eine Art Festzug veranstaltet, indem sie unter Vorantritt der Musik und eine rothe Fahne mit sich führend, von Gleiberg hinunter nach Krofdorf zogen. Zu dieser Veranstaltung, die sich Jahr für Jahr wiederholt und gegen die niemals etws eingewendet worden ist, besaßen sie natürlich keine besondere polizelliche Erlaubnis. Es erfolte Anzeige gegen die„Ver⸗ brecher“ und 13 Burschen und Mädchen erhielten Strafmandate, gegen die sie Einspruch erhoben. Das Schöffengericht in Wetzlar erkannte gegen 9 der Beteiligten auf je 3 Mk., gegen 4 auf je 6 Mk. Geldstrafe. Diese Strafe für ein harmloses Vergnügen am Kirchweihfest hat gerade noch gefehlt, um 1 ziemlich ganz Gleiberg sozialdemo— ratisch zu machen. Aus Marburg. st- Dieser Tage wurden alle diejenigen hiesigen Einwohner, die nach Einführung der hessischen Städteordnung hier Bürger geworden sind, mit einer behördlichen Zustellung beglückt, wonach sie für das Recht, sich„Marborger Bürger“ nennen zu dürfen, den Obolus von 5 Mark abzuladen haben. Selbstverständlich sind die davon Betroffenen wenig erfreut, und wenn die Situation von den Arbeitern jetzt ausgenutzt würde, so wäre es vielleicht durch⸗ aus nicht so unmöglich, bei der herschenden Mißstimmung einen oder mehrere oppo— sitionelle Vertreter in die Stadtver⸗ ordnetenversammlung zu bringen, vorausgesetzt, daß sich die geeigneten Kandidaten finden und jeder sein Wahlrecht ausübt. Die Wahlen finden bereits am 14. November statt. Ein regelrechter Streik— eine Seltenheit für Marburg, wo die Arbeiter zum größten Teile noch äußerst loyal sind— spielte sich vor einigen Tagen hier ab, und zwar waren die Beteiligten— Bauernmädchen aus einem be⸗ nachbarten Dorfe. Dieselben arbeiteten in einer hiesigen Fabrik und hatten jedenfalls bei Beginn der Arbeit keinen Lohn vereinbart. Bei der Lohnzahlung am Freitag erhielten sie pro Tag 75 Pfg. Das war ihnen zu wenig und so beschlossen sie, zu streiken und kehrten am Sonnabend nicht wieder zur Arbeit zurück. Der Fabrikant bot ihnen schließlich, als er den Grund ihrer Arbeitsverweigerung vernahm, 1 Mark pro Tag an, aber auch dies war den Mädchen nicht genug und sie bestanden auf 1,25 Mark. Schließlich einigte man sich auf 1,10 Mark, worauf die Arbeit wieder auf⸗ genommen wurde. An dieser Kouragiertheit des„schwachen Geschlechts“ könnte sich mancher Mann hier ein Beispiel nehmen. Eine von national sozialer Seite arran⸗ ierte Versammlung fand am Dienstag ier statt, in welcher Pfarrer Naumann über das Thema„Kanal und Flotte“ referierte. Die Versammlung bestand zum weitaus über⸗ wiegenden Teil aus Studierenden, und nur wenige Arbeiter und Geschäftsleute hatten sich eingefunden. Die Stellungnahme der Na⸗ tionalsozialen zur Flottenfrage ist allgemein bekannt. Auf die am Sonnabend, den 11. November, bei Jesberg stattfindende Parteiversamm⸗ lung wollen wir die Genossen an dieser Stelle noch besonders aufmerksam machen, da in dieser Versammlung die Berichterstattung über den Parteitag durch Genossen Ph. Scheidemann erfolgt. Die Wanduhren schlagen auf. Wie die deutsche Uhrmacherzeitung berichtet, sahen sich die Wanduhrenfabriken Deutschlands infolge der stark gestiegenen Materialpreise vor die Alternative, gestellt, jetzt entweder ge⸗ ringere Qualitäten zu liefern oder ihre Preise um zehn Prozent zu erhöhen. Sie beschlossen glücklicherweise das letztere. Man kommt ja auch nicht allzu oft in die Lage, eine neue Uhr zu kaufen, sodaß es nicht viel verschlägt, wenn man die kleine Preiserhöhung bewilligt, dafür aber die Gewähr hat, auch fernerhin die guten Qualitäten zu erhalten, die Deutschland auf dem Gebiete der Uhrenindustrie einen Weltruf verschafft haben. Landtagswahl! Die Wahl der Wahlmänner findet statt: Mittwoch den 8. Nov. Während welchen Stunden zu wählen ist, muß von dem Bürgermeister spätestens zum Samstag, den 4. November bekannt ge⸗ macht worden sein. Wahlmännerwahl. Gewählt sind Diejenigen, welchen die meisten Stimmen zugefallen sind. Eine Ab⸗ lehnung der Wahl zum Wahlmann findet nicht statt. Also man merke genau, es ist nicht wie bei der Reichstagswahl, eine absolute, sondern nur eine einfache Mehrheit nötig. Haben beispielsweise unsere Wahlmänner 80 Stimmen, diejenigen der Liberalen 79 Stimmen und die der Antisemiten 78 Stimmen, so sind unsere Wahlmänner gewählt. Die Abgeordnetenwahl. Den gewählten Wahlmännern muß mindestens zwei Tage vor der Wahl des Ab⸗ geordneten eine schriftliche Einladung des Wahl⸗ kommissärs zugestellt werden. Es müssen wenigstens zwei Dritteile der Wahlmänner bei der Wahl der Abgeord⸗ neten abstimmen. Die drei ältesten Wahlmänner sind als Urkundspersonen bei der Wahlkommission zu nehmen. Jeder Wahlmann beteuert durch Handgelübde, daß er nach eigener Ueberzeugung für das Beste des Landes seine Stimme abgeben werde. Gewählt als Abgeordneter ist Derjenige, welcher mehr Stimmen hat, als die Hälfte der Wahlmänner, welche abgestimmt haben. Ergiebt stch bei der ersten Ahstimmung eine absolute Majorität nicht, so ist eine zweite Abstimmung vorzunehmen und Derjenige als gewählt anzusehen, welcher die meisten Stim⸗ men hat.(Art. 40.) Nach diesem Artikel findet also beim zweiten Wahlgang keine Stichwahl statt, wie bei den Wahlen zum Reichstag, es entscheidet viel⸗ mehr die einfache Mehrheit. Stimmzettel. Sowohl die Wahl der Wahlmänner durch die Urwähler(erster Wahlgang) als auch die Wahl des Abgeordneten durch die Wahlmänner(zweiter Wahlgang) ist geheim, wie bei der Reichstagswahl. Die Abstimmung erfolgt durch weiße Stimmzettel, die zusammengelegt sein müssen, damit kein Mensch im Wahlbüreau erfährt, wem der einzelne Wähler seine Stimme gegeben hat. Bei den Wahlen der Wahlmänner müssen auf den Stimmzettel soviel Namen geschrieben oder gedruckt werden, als Wahlmänner in dem betreffenden Bezirk zu wählen sind. Also im Wahlbezirk Gießen ⸗Land in Allendorf a. L. 1; Alten⸗Buseck 2; Annerod 1; Daubringen 1; Garbenteich 1; Großen⸗Buseck 3; Großen⸗ Linden 3; Hausen 1; Heuchelheim 3; Klein⸗ Linden 2; Langgöns 2; Leihgestern 2; Lollar 2; Mainzlar 1; Oppenrod 1; Rödgen u. Trohe 1; Ruttershausen-Kirchberg 1; Staufenberg mit Friedelhausen 1; Watzenborn-Steinberg 3; Wieseck 5. Wir bitten alle Parteigenossen, sich die vor⸗ stehenden Bestimmungen gründlich einzuprägen und dies Blatt aufzubewahren, um gegebenen Falls sich selbst Rats holen und Anderen Aus- kunft erteilen zu können. Samstag, 4. Nov. abends 8 ½ Ahr: Volksversammlung ID au bringen. Montag, 6. Nov., abends 8 Zlhr; in 0 2 Klein- Linden bei Gastwirt Hinterlang. Es spricht in beiden Versammlungen: Redakteur Philipp Scheidemaun über die Landtagswahl. Freie Diskussion für Jedermann. ueber weitere Versammlungen in Großen⸗Linden, Garbenteich, Staufenberg, Heuchelheim und Wieseck siehe das Jaserat auf Seite 7 des Hauptplattes. Seite 10. Witteldeutsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 45. —— Malerverband Gießen. Sonntag, 5. Nov., nachm. 3 Uhr, Weißbinderversammlung bei Gastwirt Orbig, Rittergasse 17. Tagesordnung: 1. Abr des 3. Quar⸗ e e dd 8 tals. 2. Verschiedenes. e 5 Fe ed Fe eee Empfehle mein großes* iĩ 4. und Lager in f b Se Mütz en und Stiefeln, 0 118 Herren-: und Frauen- 5 W e Halbschuhen, fehlt a Zugstiefeln, Nuvolf Richter, Winterschuhen e von 50 Pfg. an in nur besten Qualitäten zu billigsten Preisen. . Markt trasse d L. Süss„ ebesbese und Mettergasse. Reparaturen gut und billig. H. Möller, Marburg Gessen) Tuch und Buxkin-Versandt-Geschäft. Gegründet 1872. 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Colks versammlung im Gambrinus. Redner: Arbeitersekretär Ph. Müller- Darmstadt. r 22 26 Marktstraße 26. S Soeben erschienen: Werkvertrag, recht).— Die hRgheichstagswahlen von 1898 Portraits und Biographien der sokialdemokratischen Reichstags Abgeordneten. 1 Die 3 Fabrikinspektoren, 7 Portotaxen, Einnahme⸗ Ausgabetabellen ꝛc. Kalender zu einem für Gewerkschaften zu gestalten. Buchhandlung Vorwärts Berlin SW., Beuthstr. 2. Bahnhofstraße 27. C. F. Hackenberg. Lindenplatz 12. s Bofizualender 1500 Geb. 60 Pfg.— Porto: 10 Pfg. Aus dem Inhalt heben wir hervor: um Bürgerlichen Gesetzbuch Miethsvertrag, Rechtsstellung der Ehefrau und Eherecht, uneheliche Kinder, Erb⸗ mit Angabe der in jedem Wahl⸗ rreise auf jede Partei abgegebe⸗ nen Stimmen, unter Beifügung der sozialdemokratischen Stimmen und Prozentsätze von 1893.— D sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten in den 11 einzelnen Bundesstaaten.— Adrehen und Amtsbezirke der der deut⸗ schen Gewerkschafts- Organisa- tionen und Arbeitersekretartate, Gebührentarife für Telegramme, und Wie die früheren Jahrgänge dürfte auch der für 1900 seine Freunde be⸗ friedigen. Der Verlag war insbeson⸗ dere bestrebt, auch den diesjährigen praktischen slachschlagebuch TLodenjo p pen Empfehle als besonders preiswert 000 Loclenjoppen darunter schöne graue, grüne u. moderne Jarben. mit Falten und Futter 1. 3.80 Me. 2 an pro Stück in allen Herren⸗Größen. Bahnhofstrasse, Dar Fronsdoff Marktstrasse, Ecke Neustadt, Blessen. ystes Speaiul- Herren- Gurderobe- Geschl. Für Arbeiter u. 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