. — S 2 2 eee . Nr. 10. Gießen, Sonntag, den 5. März 1899. 6. Jahrg. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 199-35 RNedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. — itung. Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ FJuserate finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalt. dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei mal. Bestellung Das Dresdener Urteil vor dem Reichstag. H. E. Als in der vorigen Woche der Etat des Reichsjustizamts im Reichstag zur Beratung gelangte, hat man wohl auf keiner Seite des Hauses geahnt, welch überaus lehrreichen und stürmischen Verlauf dieselbe nehmen sollte. Das allerdings war für niemand zweifelhaft, daß seitens der Sozialdemokraten mancherlei verurteilende Kritik an Leistungen und Einrich⸗ tungen der Justiz würde geübt werden. Stoff für solche Kritik ist ja immer überreichlich vor⸗ handen; keine andere öffentliche Institution fordert die Kritik mehr und schärfer heraus, als die, welche der Ausübung der strafenden Gerechtigkeit dient. Aber niemand rechnete mit der Möglich⸗ keit, daß das Dresdener Schwurgerichts⸗ urteil fast ausschließlich den Gegenstand der Debatte bilden werde. Die sozialdemokratische Fraktion hatte nicht die Absicht, bei dieser Gelegenheit Abrechnung zu halten mit dem neuesten Zuchthauskurs und seinen Verteidigern; sie hatte dafür eine andere Gelegenheit, nämlich die Beratung der angekündigten Zuchthausvorlage, ausersehen. Dem Scharfmacher⸗Häuptling Frei⸗ herrn v. Stumm gebührt das Verdienst, der Debatte die unvorhergesehene Wendung gegeben zu haben, die sie am zweiten Tag genommen hat— und zwar wahrlich nicht zum Vorteil der Reaktion und ihrer Trabanten. Die Art und Weise, wie dieser Ordnungs⸗ politiker das ungeheuerliche Dresdener Urteil zu vrechtfertigen“ sich vermaß und sich erdreistete, für die„Bestialität“ der Verurteilten die Sozial⸗ demokratie verantwortlich zu machen; seine mit dreister Stirn hinausgeschleuderte Lüge, daß die Sozialdemokratie„beständig zu solchen Gewalt⸗ thaten auffordere“; seine brutale Behauptung, daß„die sozialdemokratischen Agitatoren ins Zuchthaus gehören“, noch mehr aber seine vom wüstesten Fanatismus diktierte Verhöh⸗ nung der humanen Geistes richtung, welche das Dresdener Urteil als viel zu hart anficht, war eine Provokation, eine Heraus⸗ forderung, welcher seitens der Sozialdemo⸗ kraten ohne weiteres Folge gegeben werden mußte. Alle anderen die Justiz betreffenden Fragen, die bereits angeregt waren oder noch hätten angeregt werden können, traten nunmehr urück vor der Pflicht der so schnöde angegriffenen Partei, vernünftiger und gerechter Erwägung Geltung zu verschaffen. „Da hat Herr von Stumm wieder mal eine arge Unklugheit begangen“, äußerte im Privat- gespräch ein Führer des Zentrums. Diese Un⸗ klugheit wurde wohl veranlaßt dadurch, daß der sächsische Generalstaatsanwalt Dr. Rüger zunächst die monströse Behauptung auf⸗ ustellen wagte, daß der Reichstag nicht befugt fe. gerichtliche Urteile zu kritisieren, und daß jeder Abgeordneter, der das thue, sich eines„Mißbrauchs der Redefreiheit“ schuldig mache!!! Man kann sich denken, wie diese „Rüge“ des Herrn Rüger auf die Mehrheit des Hauses wirkte; sie erregte ebenso wohl 3 wie Entrüstung. Bis jetzt hat noch ein Bundes ratsbevollmächtigter, kein Regierungs⸗ vertreter jemals gewagt, dem Reichstage eine derartige„Belehrung“ zu erteilen, die geradezu darauf hinausläuft, eines der wichtigsten parla⸗ mentarischen Rechte anzugreifen. Für Herrn Rüger, für sein generalstaatsanwaltliches Em⸗ pfinden sind die Richter und ihre Urteile geradezu unantastbar, sodaß eines Attentats wider die Rechtsordnung sich schuldig macht, wer un⸗ günstige Kritik an ihnen übt. Loben und verteidigen, günstig kritisieren, wie Herr v. Stumm es that, darf man sie. Die verdiente Abfertigung, die dem General⸗ staatsanwalt vom Zentrums abgeordneten Roeren zuteil wurde, welcher selbst dem Richterstande angehört, gipfelte in der unumwundenen An⸗ erkennung des Rechtes und der Pflicht der Volksvertretung, über die Handhabung der Ge⸗ setze durch die Justiz zu wachen und daß unter diesem Gesichtspunkte die Besprechung des Dres⸗ dener Urteils als eines exorbitant schweren durchaus gerechtfertigt sei. Noch ungünstiger gestaltete der Herr General⸗ staatsanwalt seine Position dadurch, daß er den Versuch unternahm, der Veröffentlichung des sogenannten„Thatbestan des“ durch das„Dres⸗ dener Journal“ ein entscheidendes autoritäres Gewicht zu geben. Zwar mußte er, gedrängt durch Zwischenrufe der Sozialdemokraten, zugeben, daß zu dieser Veröffentlichung die Anklage⸗ schrift benutzt worden ist. Aber das hinderte ihn nicht, in demselben Atemzuge zu erklären, die Darstellung sei„doch vollständig richtig“. Damit war denn für die Redner der sozial⸗ demokratischen Fraktion die Basis gegeben für eine geradezu vernichtende Kritik. Die Ausführungen unseres Genossen Gradnauer erhielten ihre Schärfe besonders durch eine An⸗ zahl Vergleiche, betreffend überaus milde Bestrafung ordnungspolitischer Landfriedens⸗ brecher, Totschläger und Mörder. Als Genosse Gradnauer gegen Herrn v. Stumm den Vorwurf erhob, daß sein„Menschlichkeits⸗ und Rechtlich⸗ keitsgefühl“ ihn so weit getrieben habe, ein noch härteres Urteil zu wünschen, kam die Rohheit Derer um Stumm in ihrer ganzen entsetzlichen Maßlosigkeit zum Durchbruch; sie riefen, bar aller Scham,„Bravo“, um gleich hinterher in„sittlicher Entrüstung“ aufzutoben, als der Redner erklärte, die wahren Schuldigen seien diejenigen, die sich hier als Richter über jene Unglücklichen aufspielen. Allgemein fiel auf, daß der Staatssekretär Nieberding, welcher nach Gradnauer das Wort ergriff, es vermied, auf den Dresdener Prozeß näher einzugehen. Er ließ es bei einigen all⸗ gemeinen Bemerkungen bewenden, die in der Hauptsache dähin gingen, daß die Richter nicht gegen Gesetz und Gewissenspflicht gehandelt haben. Mit derartigen Bemerkungen wird in der Soche selbstverständlich nichts entschieden; sie machten auch nur den Eindruck, als sei dem Herrn Staats sekretär die ganze Debatte höchft unan⸗ genehm. Nunmehr unternahm es Genosse Heine an der Hand der Akten, den Dresdener Prozeß, den wirklichen Thatbestand, das Verfahren und das Urteil zu beleuchten. Wenn irgend Einer, so ist Heine, als einer der Verteidiger in diesem Prozeß, dazu kompetent. Mit zerschmet⸗ ternder Wucht traf seine Kritik Schlag um Schlag jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 4312.) 33 ½60/ und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50% Rabatt. das Gewebe des Vorurteils, des Irrtums, des Fanatismus und der Tendenzlüge, das um das traurige Ereignis und seine Folgen gesponnen. Er stellte u. a. fest, daß das„Dresd. Journal“ durch Abdruck der Anklageschrift unter Erweckung des Anscheins, als handle sich's um das Urteil, den Versuch gröblicher Täuschung unternommen hat, und daß dabei geradezu rücksichtslos gelogen worden ist. Die Kultur der Rohheit, deren Pflege und Förderung sich die„Staatserhaltenden“ angelegen sein lassen, erfuhr eine drastische Schilderung. In grimmer Wut krümmten und wanden die Herren auf der Rechten sich, unter der Anklage, daß die Ver⸗ antwortung für das schauerlich scharfe Urteil die Scharfmacher trifft und weiter niemand, daß dieses Urteil und nicht die That der Verurteilten eine Frucht der Verhetzung ist. Was that nun der Generalstaatsanwalt Rüger? Seine Verteidigung des Urteils war gründlich vernichtet, und so fing er denn diese Verteidigung von vorne an. Als er unserem Genossen Heine den Vorwurf machte, sich der Lüge bedient zu haben und sodann die Sozial⸗ demokratie als die Quelle der Roheits verbrechen bezeichnete, brach unter den sozialdemokratischen Abgeordneten ein Sturm der Entrüstung aus, wie der Reichstag ihn kaum jemals erlebt haben dürfte. Die parlamentarische Ordnung war durchbrochen. Nichts selbstverständlicher, als daß die einzelnen Abgeordneten dem General⸗ staatsanwalt ihre Meinung über ihn und sein Vorgehen derb ins Gesicht sagten. Der Herr Rüger verkündete dann unter dem tröstlichen Beifall der Rechten, der Einfluß der Sozialdemokraten reiche jedenfalls nicht so weit, „daß sich die Thore des Zuchthauses auch nur eine Viertelstunde früher für die Verurteilten öffnen werden“. Also sie sollen den Kelch der Qualen aus⸗ kosten bis zur Neige! Keine Begnadigung, auf die Manche gehofft hatten! Wenn noch etwas gefehlt hätte, die Nieder⸗ lage des Generalstaatsanwalts und der von ihm verteidigten Strafrechtspflege zu einer vollstän⸗ digen zu machen, so diese seine Erklärung! Dieselbe spricht ganze Bände, aber wahrlich nicht zu gunsten der„strafenden Gerechtigkeit“, als deren Verteidiger Herr Rüger vor dem Reichs⸗ tage gestanden. Alles das, was sozialdemokra⸗ tischerseits über Klassenjustiz gesagt worden ist, findet in den Ausführungen dieses Herrn vollste Bestätigung. Das öffentliche Rechts⸗ bewußtsein wird diese Ausführungen und die Stumms gebührend zu würdigen wissen. TTCCTTTTTTTCCTCCTꝙ—TCTfTdTCTTTFT7TTCT—T0TCv—T—T—T0—T————— Ein Probeabonnement auf die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ für den Monat März kostet 25 Pfennige. Bei dem Briefträger bestellt und durch diesen frei ins Haus geliefert kostet die„M. S.⸗Ztg.“ für März nur 30 Pfennige. Wer die„M. S.⸗Ztg.“ noch nicht gelesen hat, mache jetzt einen Versuch. Unsere Parteifreunde mögen sich Mühe geben, neue Leser zu werben Seite 2 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 10. Politische Bundschau. „Gießen, den 3. März. Die Scharfmacher. Die„ Post⸗Gesellschaft“, eine Vesellschaft mit beschränkter Haftung, besteht aus folgenden Per⸗ sonen, in denen wir die Hauptscharfmacher zu begrüßen haben: Freiherr von Eckardstein (Prötzel, Bez. Potsdam), Freiherr v. Falken⸗ hausensche Erben(Bielau, Bez. Neisse), Für st von Hatzfeld⸗Trachenberg, Oberpräsident der Prov. Schlesien(Breslau), Freiherr Lucius v. Ball⸗ hausen, kgl. Staatsminister(Klein⸗Ballhauser), Graf v. Maltzan-⸗Militsch Excell.(Militsch, Lega⸗ tionsrat von Neumann(Gerbstädt), Für st von Pleß(Pleß Ober⸗Schlesien), Herzog von Ratibor(Randen bei Ratibor), Kons ul Stengel (Staßfurt), Für st zu Stolberg⸗Wernigerode (Wernigerode), Freiherr von Stumm⸗Halberg (Halberg bei Brebach), Freiherr von Zedlitz⸗ Neukirch, Geh. Ober⸗Reg.⸗Rat(Berlin). Das sind die reichsten Leute des deutschen Reichs, in derer Interesse in der„Post“ scharf gemacht wird gegen die Kleinen. Die„vornehmste“ Ge⸗ sellschaft hinter dem Blatt und die brutal ste Anschauung in dem Blatt— welch grelles Seelen⸗ emälde bietet sich uns dar, wenn wir die Menschen nach der geistigen Koft beurteilen, die ihnen behagt. König Stumm als Pechvogel. Man sagt, daß ein Unglück selten allein komme. König Stumm muß das jetzt bitter erfahren. Erst die furchtbare Schlappe im Reichstag, wo der Oberscharfmacher das Dresdener Zuchthausurteil als noch zu milde bezeichnete und nun kommt der Vorwärts und veröffentlicht Briefe des Königs von Saarabien, die den geheimen Chefredakteur der Berliner Scharfmacherzeitung„Die Post“ in geradezu bengalischer Beleuchtung zeigen. Bei der selbstherrlichen Natur des Freiherrn von Stumm war von vornherein anzunehmen, daß die Redakteure der von ihm mit schweren Geld⸗ opfern unterhaltenen„Post“ im Grunde genom⸗ men nur höhere Kulis sind, die, falls sie nicht ganz den Weisungen ihres Brodherrn ent⸗ sprechen, ebenso auf die Straße fliegen, wie das einem seiner Arbeiter geschieht, der es wagen würde, ein sozialdemokratisches Blatt zu lesen oder einer Arbeiterorganisation anzugehören. Dies wird durch den Inhalt der veröffentlichten Briefe bewiesen. Aber auch noch eine andere in⸗ teressante Thatsache wird dadurch bekannt. Näm⸗ lich die, daß Herr von Stumm, der noch in der Reichstagssitzung am Donnerstag unserem Genossen Gradnauer gegenüber den bekannten Fink in Schutz nahm, bereits im Dezember 1897, unmittelbar nach den bekannten Vorgängen im Reichstage, wo Bebel den Fink als„Re⸗ dakteur“ der berüchtigten Korbmacher Fischer⸗ schen Sudelschrift gegen die Sozialdemokratie angriff und ihn als einen moral isch sehr bedenklichen Charakter hinstellte, sich über Fink vollkommen klar war. Er charakterisiert ihn in einer Weise, daß sein Zeugnis in dem noch immer schwebenden Preßprozeß„Fink kontra Bebel“ von erheblicher Wichtigkeit ist und zwar zugunsten Bebels. In einem der vom Vorwärts abgedruckten Briefe vom 19. Dezember 1897 schon klagt Frhr. von Stumm:„Herr Fink hat mich veranlaßt, vor versammeltem Reichstag eine Lüge auszusprechen“. Frhr. v. Stumm spricht weiter die Befürchtung aus, er werde genötigt sein, Herrn Fink„als Lügner hinzu⸗ stellen, dessen Wahrheitsliebe mir in dieser ganzen Sache überhaupt in einem sehr schlechten Lichte erschienen ist“. Schon damals schrieb Freiherr v. Stumm:„Eine Schädigung der Post und der freikonservativen Partei durch diese Vorgänge ist unvermeidlich“. In einem Briefe vom 29. Dez. 1897 heißt es:„Auf die Dauer können wir nicht einen Mitarbeiter behalten, welcher mit der Wahrheit in einer Weise umspringt, wie das wieder in dem an Sie gerichteten Briefe der Fall ist“. Und wie ist dieser Fink in den Himmel gehoben, nachdem er die Verleumder⸗ schrift des Korbmachers„redigiert“ hatte. Mit der Gesellschaft, die bis jetzt die Sozialdemokratie als„Bekehrte“ vernichtet oder wenigstens„bloß⸗ gestellt“ haben soll, können die Preßkulis der Stumm und Konsorten keinen Staat machen: Fischer, Fink und Lorenzen— eine feine Firma. Aber das Pech des Freiherrn v. Stumm ist noch nicht erschöpft. Die Blätter berichten, daß zahl⸗ reiche Arbeiter Stumm verhaftet wur⸗ den, die ihn jahrelang bestohlen haben. Das sind also die„guten“ Arbeiter, die das „patriarchalische“ Verhältnis zeitigt. Das sind die„guten und zufriedenen“ Arbeiter, die weder einer Organisation angehören, noch ein sozial⸗ demokratisches Blatt lesen dürfen. Herr Stumm hat wirklich Pech, schließlich wird aus dem Eisen⸗ könig von Saarabien noch ein kompletter Pechkönig. Posadowsky für die Organisation. Graf Posadowsky, der grimme Hasser der Arbeiterorganisationen, hat am 20. Februar im Berliner Landwirt schaftsrat folgende Rede gehalten: „Ich freue mich, unter Ihnen zu sein und Ihren Verhandlungen folgen zu können. Es ist noch nicht allzulange her, daß sich die deutschen Landwirte zu fe sten Organi⸗ sationen verbunden und den Weg beschritten haben, der heutzutage der einzig rich⸗ tige ist zur Erreichung wirtschaft⸗ licher Zwecke, die Vertretung in der Oeffentlichkeit. Die deutsche Land wirtschaft verdankt ihrer solidarischen Haltung unzweifel⸗ haft schon manchen Fortschritt. Ich wünsche, die Regierung möchte in der Lage sein, in Zukunft noch manche schwebende Forderung der Landwirtschaft zu erfüllen.“ Den reichen Großgrundbesitzern singt der Graf ein Loblied über den Wert der Vereinigung und den Arbeiterorganisationen will er den Garaus machen. Den Großen Unterstützung, den Kleinen das Zucht⸗ haus! Und in solchen Zeiten wollen national⸗ liberale Drehscheibenmänner noch auftrumpfen, weil sie für die soziale Quacksalberei gestimmt haben, durch die dem Arbeiter Sand in die Augen gestreut werden sollte. Der beste Arbeiterschutz, die bestee soziale Fürsorge besteht in der Ge⸗ währung unbeschränkter Koalitionsfreiheit. Wer die verweigert, ist ein Feind der Kleinen. Rechtsprechung. Wegen Nötigung und Körperverletzung erschien der Nagelschmiedmeister Paul Müller aus Graudenz auf der Anklagebank. Im Jahre 1897 betrat der Agent Olschewski mit zwei anderen Männern die Schmiede des Angeklagten. Während die beiden anderen bald darauf die Schmiede verließen, blieb Olschewski noch darin. Er erhielt nach seiner Bekundung, als er hinter den Blasebalg treten wollte, von dem Angellag⸗ ten Sen mit einem Stück Eisen auf den Rücken, dabei soll M. gerufen haben:„Du Hund, ich schlage Dich gleich tot, wenn Du mir nicht sagft, ob Du gegen mich eine Anzeige geschrieben hast.“ Olschewski erwiderte, er habe dies nicht gethan. Nichts destoweniger zog der Angeklagte ein glüh endes Stück Eisen aus dem Feuer und schrie dem Ol⸗ schewski zu:„Du Hund, Du Lump, knie hier nieder und schwöre mir hoch und teuer, daß Du die Anzeige gegen mich nicht geschrieben hast.“ Da Olschewski weitere Thätlichkeiten fürchtete, kniete er nieder und versicherte, die Wahrheit gesagt zu haben. Der Angellagte räumt zwar ein, den Olschewski mit einem Eisen⸗ stück geschlagen zu haben, er will aber von O. angegriffen sein und sich in der Abwehr befunden haben, Olschewski habe sich auch unanständig in der Schmiede betragen, sodaß er ihn hinaus⸗ gewiesen habe. Durch die Verhandlung wurde dieser Sachverhalt als erwiesen angesehen. Der Staatsanwalt beantragte 3 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof faßte aber mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte gereizt und erregt ge⸗ wesen, die Sache milder auf und verurteilte den Angeklagten wegen Körperverletzung, Beleidigung und Nötigung zu 100 Mark Geldstrafe oder 20 Tagen Gefängnis. In Dresden wurden neun Bauarbeiter, die angetrunken und gereizt waren, wegen Mißhandlung eines als„Baulöwen! bekannten Unternehmers zu insgesammt 53 Jahren Zuchthaus, 8 Jahren Gefängnis und 70 Jahren Ehrverlust verurteilt. Wann kommt die Zuchthausvorlage? Die Schweinburgschen„Berl. Polit. Nachr.“ sind beauftragt, hierüber folgendes mitzuteilen: „An dem Entwurfe zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses wird eifrig gearbeitet. Wenn seine Herstellung längere Zeit in Anspruch nimmt, so wird daraus nur auf den großen Ernst geschlossen werden können, mit welchem die Re⸗ gierung diese Angelegenheit noch mehr als andere zu behandeln gedenkt. Daß der Entwurf dem Reichstage in nicht allzulanger Zeit zugestellt werden soll, darf ebenfalls als gewiß betrachtet werden. Da der Reichstag, wie gesagt, über⸗ reichliche Arbeit an den ihm bereits übergebenen Entwürfen hat, so werden seine geschäftlichen Dispositionen hiervon nur Vorteil haben können. Das Ende der diesmaligen Tagung wird dazu bestimmt sein, das gesetzgeberische Fazit aus den nunmehr schon so oft über den sozialdemokratischen Terrorismus gepflogenen Er⸗ örterungen zu ziehen.“ Also an das Ende der Tagung ist die schon so lange und so außergewöhnlich angekündigte Zuchthausvorlage geschoben worden. Wohin ist der kühne Wagemut, mit dem die Posadowskys gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter anstürmten 2 Hat man auf dem bisherigen Wege soviel Unter⸗ nehmerterrorismus gefunden, daß man schaudernd wenden möchte, wenn die Furcht vor der Blamage nicht wäre? Zur Beleuchtung des Dresdener Zuchthausurteils. Nr. 1. Der bekannte evangelisch⸗soziale Pfarrer Rade stellt in der„Cristlichen Welt“ die beiden von Dresdner Schwurgerichten gefällten Urteile(2 Jahre Gefängnis für einen Gutsbesitzer— 53 Jahre Zuchthaus für die Löbtauer Arbeiter) einander gegenüber, und fährt dann fort: „Möglich, daß in beiden Fällen die Dar⸗ stellung, der wir folgen, zu gunsten des Kontrasts gefärbt ist. Wir sind jeder Belehrung eines Besseren mit Freuden zugänglich. Leider wird genug des Thatbestandes zurückbleiben, um die ernstesten Bedenken zu rechtfertigen. Denn ein derartiges Messen mit verschiedenen Maßstäben sieht verzweifelt deutlich nach Klassen⸗ justiz aus. Das Bestreben, inmitten des heute wogenden Interessenkampfes die Rechte der Gesellschaft gegen die Arbeiteransprüche zu schützen, hat bei den Geschworenen die Meinung und bei den Richtern das Urteil beeinflußt. Daß vor dem Gesetz, vor dem Richter alle Menschen gleich seien, wird durch die beiden Urteile niemand bestätigt finden können. Aber nicht nur ungerecht, auch kur z⸗ sichtig ist dieses Vorgehen. Die 53 Jahre Zuchthaus haben der Sozialdemokratie neun Märtyrer geschaffen. Was Wunder, daß die sozialdemokratische Reichstagsfraktion einen fulmi⸗ nanten Aufruf zur Unterstützung der betroffenen Familien erlassen hat. Man fragt sich ob man nicht auch beisteuern soll. Wenn ich kein anderes Bild von dem Thatbestand be⸗ komme, werde ich es thun. Aber überreich⸗ lich wird unser arbeitendes Volk seine Gaben opfern. Liebe und Haß, alle edle und unedle Leidenschaft wird mächtig aufgewühlt werden. Wär's ein reines Justizurteil gewesen, so könnte man sagen: Pereat mundus, flat justitia.(Und ginge darob die Welt zu grunde, Gerechtigkeit muß sein!) So aber erschrickt man über die moralischen Fehler, die unsere heutige Gesellschaft immer wieder macht. Wahrhaftig, wie die Dinge eben gehen, lebt die Sozialdemokratie eben von unseren Fehlern.“— Nr. 2.„Es ist nicht richtig, wenn man behauptet, Geschworene seien überhaupt leichter zur Freisprechung geneigt, als gelehrte Richter. In der Mehrzahl der Fälle wird das ja zutreffen. Es wird aber auch immer Prozesse geben, in denen Geschworene zu hart verurteilen, weil sie sich zin ihren sozialen Verhältnissen bedroht fühlen. Namentlich den Sozialdemokraten partei 90 Patteleitun daß sic di der Ehtu feiligen wo aus der A Schlebw keitungen z Der tiefe simigen He fangs de hoben wold 11 de e Probi letzten Dor einige Tal tin Herr freisinn F. Kohle parteili ladung erg. fe fg präfidenten nich ersch. Parteien, die Kieler sandt, so! Hert Heil präsidenten enn mt, Re⸗ dere elt biet ber⸗ nen hen nen. 10 sche 8 Er⸗ hon igte ist Aus en? ter⸗ man bor Nr. 10. ꝗ6ꝶÿ„- e 97 können sie in diese Lage geraten. enken wir an den berüchtigten Leipziger Sozialistenprozeß vom Jahre 1870. Hier wurden die Sozialdemokraten auch ohne rechten Be⸗ weis verurteilt. Ein gelehrtes Richter⸗ kollegium hätte das schwerlich gethan: Laien aber, die für ihren Geldbeutel zittern, fühlen sich einer solchen Partei gegenüber auch als Partei.“ Wer hat obige Ansicht über die heutigen Ge⸗ schworenen ausgesprochen? Etwa ein Sozial⸗ demokrat? Nein! Das hat der königlich preußische Hof⸗Historiograph Professor von Treischke ausge⸗ sprochen.(Siehe: Politik. 130 II. Seite 440.) Die freisinnige Partei im Fackelschein. Es war gewiß eine treffliche Charakterisierung des Oberpräsidenten v. Köller, als Herr Munkel, Mitglied der freisinnigen Volkspartei, im Reichs⸗ tage sagte:„Mir scheint es jedenfalls nicht ge⸗ schmackvoll, daß der Oberpräsident über einige ausgewiesene Dienstmädchen bei Fackelschein triumphiert.“— Leider ist von diesem Fackel⸗ schein auch etwas auf die freisinnige Volks⸗ partei gefallen. Alle Dementis der freisinnigen Parteileitung, als seiner Zeit bekannt wurde, daß sich die Freisinnigen Schleswigs an der Ehrung des Oberpräsidenten be⸗ teiligen wollten, schaffen die Thatsachen nicht aus der Welt, daß die Freisinnigen in Schleswig von Anfang an bei den Vorbe⸗ reitungen zum Fackel zuge beteiligt waren. Der tiefe Schmerz, der die Brust dieser frei⸗ sinnigen Helden durchwühlte, als Herr v. Köller anfangs den geplanten Fackelzug ablehnte, ist ge⸗ hoben worden, denn Se. Excellenz haben gnädigst 7 1 den Fackelzug gelegentlich der Tagung es Provinziallandtages entgegenzunehmen. Am letzten Donnerstag fand der Fackelzug statt, schon einige Tage vorher hatte das Komitee, darunter ein Herr Röschmann als Vertreter der freisinnigen Vereinigung, und ein Herr F. Kohlert als Vorsitzender des volks⸗ parteilichen Wahlkomitees, eine Ein⸗ ladung ergehen lassen an die Schleswiger Bürger⸗ schaft, sich zahlreich an der Ehrung des Ober⸗ präsidenten zu beteiligen. Und sie waren zahl⸗ reich erschienen, die Vertreter aller bürgerlichen Parteien, selbst das führende Organ der Provinz, die„Kieler Zeitung“, hatte ihren Vertreter ent⸗ sandt, so daß der Bürgermeister von Schleswig, Herr Heiberg, in seiner Ansprache an den Ober⸗ präsidenten mit Recht sagen konnte:„Dafür, daß Ew. Excellenz unter Gutheißung unseres kaiser⸗ lichen und königlichen Herrn, unter Zustimmung des Staatsministeriums den von Ihnen be⸗ tretenen Weg eingeschlagen haben, sprechen wir Schleswiger Bürger, und zwar mit Ausnahme der Sozialdemokraten, alle politischen Parteien in ihrer Ge⸗ schlossenheit, Ew. Excellenz unsern unver⸗ geßlichen Dank usw., uneingeschränkte Aner⸗ kennung usw., aufrichtiges Vertrauen aus usw.“ — So was nennt sich freisinnig! Bringt einem preußischen Oberpräsidenten einen Fackelzug, weil er armselige Dien stboten zum Land hinaus weist, um deren Herrschaften dadurch zu treffen, an die er selbst nicht heran kann. Die Wahlrechtshetzer an der Arbeit. Gegen das Reichstagswahlrecht tritt eine Zu⸗ schrift an die Kreuzzeitung unter Bismarck⸗ schem Motto„Wer nicht will deichen, der muß weichen“ ein. Die Zuschrift fordert, daß die Sozialdemokraten zwar das aktive Reichstags⸗ wahlrecht behalten möchten,„aber die Wähl⸗ barkeit muß ihnen entzogen werden und das so bald als möglich, damit nicht durch das Anwachsen ihrer Zahl die Arbeitskraft des Reichs⸗ tages noch mehr gelähmt werde. Es müsse ein Ruf durch das ganze Land brausen: Hinaus mit ihnen aus dem Reichstage!“— Auch die Re⸗ daktion der Kreuzzeitung hält 7 0 Vorschla r„bedenklich“:„Denn wer will prüfen, o ie von e Wählern Gewählten innerlich Sozialdemokraten sind oder nicht.“ „Wie werden wir das allgemeine gleiche Wahlrecht wieder los?“ fragt im „Reichsboten“ ein Einsender, der schon 1870 ein Gegner des allgemeinen gleichen Wahlrechts war. Wo ein Wille ist, da finde sich auch ein Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 8. Weg. Das aber sei klar:„Will das deutsche Volk seinen Beruf in Gottes Weltordnung er⸗ füllen, so muß es diesen Weg finden!“ Die Frage:„Woher hat denn unser junges Reich diese furchtbaren Pilze, und wie haben sie sich so schnell entwickeln können?“ wird vom Ein⸗ sender dahin beantwortet, daß Fürst Bismarck gleich von Anfang an nicht sorgfältig genug nach Lot und Winkelmaß gearbeitet, sondern unver⸗ sehens das Prinzip der nackten Volkssouveränetät in den monarchischen Bau aufgenommen hat. Diese Stimmen ermahnen immer von neuem das arbeitende Volk zu eifrigster Aufklärungs⸗ arbeit unter den Gleichgiltigen. Das Wahlrecht will man uns nehmen und dafür sollen wir mit mehr Steuern und dem Zuchthausgesetz bedacht werden. Das Land und die Sozialdemokratie. Ueber die Aussichten der Sozialdemo⸗ kratie auf dem flachen Lande äußert sich in einer Zuschrift an die„Straßburger Post“ ein protestantischer Pfarrer, der die ganzen 60 Jahre seines Lebens unter der bäuer⸗ lichen Bevölkerung zugebracht hat, in Erwiderung auf einen von dem genannten Blatte kürzlich über die Ursachen des„Dranges nach den Städten“ veröffentlichten Artikel dahin: „... Sozialdemokrat ist der Bauer im allgemeinen noch nicht; aber das mo⸗ narchische Gefühl ist in den letzten Jahren auf dem Lande sehr zurückgegangen und wenn die Sozen in ihren Aeußerungen über Religion, Familie und Eigentum etwas klüger gewesen wären, so hätten sie gerade auf dem Lande am meisten Boden gewonnen. Die Berichte über Kriegervereins⸗ und Kaiserfeste können mich über diese betrübende Thatsache nicht täuschen. Auch war ich wahrhaft erstaunt über die Behauptung Ihrer Korrespondenten, der Bauer verstehe so wenig von den Theorien der Sozialdemokratie, als von der Lehre Buddhas. In welcher Gegend muß doch Ihr Herr Korrespondent wohnen? Zehn Jahre war ich in Lothringen, und jetzt bin ich seit 15 Jahren im Elsaß angestellt, und überall habe ich ein sehr feines Verständnis für die Lehren der Sozialdemo⸗ kratie bei dem Bauer gefunden, der stets mit Vorliebe die regierungsfeindlichen Artikel in den Zeitungen liest.“ Derartige Aeußerungen von Kennern der bäuerlichen Verhältnisse sind gewiß dazu angethan, den Eifer zu verdoppeln, mit welchem unsere zur Agitation auf dem Lande berufenen Genossen bisher dort für die Ausbreitung unserer Ideen thätig waren. Aus dem Reichstag. Wir haben heute nicht viel zu berichten. Die gründliche Abrechnung, welche unsere Genossen Gradnauer und Heine am Schluß der vorigen Woche mit dem Scharfmacher wegen des Dresdener Zuchthausurteils hielten, soll wort⸗ getreu in Hunderttausenden unter das Volk kommen. Die Buchhandlung Vorwärts giebt nämlich unter dem Titel:„Das Dresdener Zuchthaus⸗Urteil vor dem Reichstag“ diese Reichstags⸗ Verhandlungen im stenogra⸗ phischen Wortlaute heraus, nur wird, des besseren Verständnisses wegen, in einer Einleitung eine knappe Darstellung der Vorgeschichte des Prozesses vorausgeschickt. Die Broschüre wird ca. 50—60 Seiten umfassen, der Preis beträgt 20 Pfg. pro Stück. Indem wir auf unseren heutigen Leitartikel verweisen, empfehlen wir unseren Lesern dringend die Anschaffung der neuen Broschüre. Dieselbe enthält selbstverständlich auch die Reden des Königs Stumm und des sächsischen Generalstaatsanwalts Rüger. Am zweckmäßigsten bestellt jeder die Broschüre bei seinem Zeitungsspediteur.— Am Samstag und Montag wurde der Etatstitel: Reichseisenbahnen beraten. Bei dieser Gelegenheit brachte Gen. Bueb allerlei Miß⸗ stände zur Sprache und verlangte Abhilfe. Dienstag und Mittwoch stand auf der Tagesordnung: Spezial⸗Etat Zölle und Ver⸗ brauchs⸗Steuern. Bei dieser Gelegenheit geißelte Genosse Wurm die famose Politik des bekannten nationalliberalen Professors Paasche, der für das Vieh billigen, für die Menschen teuren Zucker gutheißt. 8 Zur Position: Biersteuer lag ein Antrag Paasche auf Vorlegung eines Gesetzentwurfs betreffend das Verbot der Verwendung von Surrogaten, Süßstoffen und sogen. Konservierungsmitteln bei der Bierbereitung vor. Ein Amendement Hermes(freis. Vp.) und Gamp (Rp.) hierzu will das Verbot nur auf die unter⸗ gärigen Biere erstrecfen. Gen. Wurm ist für strengstes Surrogatverbot. Zur Abstimmung kommt es über den Antrag Paasche erst in der dritten Lesung. — Are is⸗ Konferenz für den Wahlkreis Gießen ⸗Grünberg⸗Nidda. — Hausen, 26. Februark1899. Im schön ausgeschmückten neuen Saale des Herrn Herbert wurde die Kreiskonferenz um 2 Uhr durch den Genossen Schienbein-Hausen mit herzlichen Be⸗ grüßungsworten eröffnet.— In das Bureau wurden gewählt: Bock⸗Gießen als erster, Schienbein⸗ Hausen als zweiter Vorsitzender, Volz-Gießen als Schriftführer.— Das Protokoll der letzten Kreis⸗ konferenz, die in Nidda stattfand, wird vom Genossen Volz verlesen und richtig befunden.— Für die Man⸗ datsprüfungskommission berichtet hierauf Gen. Dahmer, daß 10 Orte durch 29 mit Mandaten versehene Delegierte auf der Konferenz vertreten sind.— Zum 1. Punkt der Tagesordnung erhält hierauf der Kreis⸗ vertrauensmann Bock das Wort. Seine Einnahmen beliefen sich auf Mk. 265,30, seine Ausgaben be⸗ trugen Mk. 251,71, sodaß ein Kassenbestand von Mk. 13,59 sich in seinen Händen befinden.— Gen. Krumm erklärt, in Gemeinschaft mit dem zweiten Revisor die Kasse geprüft und für richtig befunden zu haben. Er beantragt Dechargeerteilung für den Kreisvertrauens⸗ mann. Die Decharge wird erteilt. Gen. Bock wird hierauf einstimmig zum Vertrauensmann für den 1. hessischen Wahlkreis wiedergewählt.— Zum 2. Punkt der Tagesordnung berichtet der Kassierer des Kreis⸗ Wahlvereins, Baum⸗Gießen. Er hatte eine Einnahme von Mk. 184,19, der eine Ausgabe von Mk. 123,0 gegenübersteht. Sein Kassenbestand beläuft sich auf Mk. 60,79. Auch diese Abrechnung ist geprüft und richtig befunden worden, es wird deshalb dem Gen. Baum Entlastung erteilt. Gen. Beckmann regt an, die Kassengeschäfte des Kassierers vom Kreis-Wahlverein dem Vertrauensmann zu übertragen, es sei unnütz, die Kassengeschäfte durch zwei Genossen besorgen zu lassen. Gen. Bock hat Bedenken, die er aber fallen läßt, nachdem Scheidemann, Baum und Krumm sich für den Antrag Beckmann ausgesprochen haben. Die Versammlung stimmt dem Antrag Beckmann zu. Der 3. Punkt der Tagesordnung lautet: Bericht der Delegierten über den Stand der Bewegung in ihren Orten. Ueber Gießen berichtet Gen. Beckmann. Er macht den Genossen den Vorwurf, nicht rege genug zu sein. Die Organisation sei zu schwach. Gießen stehe verhältniß⸗ mäßig weit schlechter da, wie verschiedene Organisationen in den Dörfern, z. B. in Heuchelheim, Wieseck und Alten⸗Buseck. Gießen habe insofern einen Erfolg er⸗ rungen, daß Gen. Krumm in die Stadtverordneten⸗ Versammlung gewählt wurde.— Aus Lollar wird berichtet, daß die politische Organisation noch in den Kinderschuhen stecke. Die gewerkschaftliche Organisation sei zufriedenstellend.— Die Wiesecker Verhältnisse werden auch nicht als die besten geschildert. Bei den Gemeinderats⸗Wahlen habe sich das gezeigt. Die Ge⸗ nossen wären im allgemeinen zu gleichgiltig und glaub⸗ ten ihre Schuldigkeit gethan zu haben, wenn sie bei den Reichstagswahlen ihre Stimme abgeben.— Ziem⸗ lich genau so lautet der Bericht aus Daubring en. In den Orten Watzenborn und Steinberg ist die Bewegung ziemlich zufriedenstellend. Die Reichstags⸗ Wahlen haben bewiesen, daß es vorwärts geht. Bei den Gemeinderats⸗Wahlen sind dagegen die Genossen zu lau gewesen. Viele, die in der Stadt arbeiten, sind nicht wählen gegangen, weil sie zu siegesgewiß waren.— In Heuchelheim ist die Organisation gut und wird stärker, was auf das eifrige Arbeiten einiger ziel⸗ bewußter Genossen zurückzuführen ist.— Hausen macht Fortschritte.— Aus Altenbuseck wird gutes berichtet.— Gen. Krumm ⸗Gießen faßt die ab⸗ gegebenen Berichte in einem Resume zusammen. Es gehe aus dem Berichteten hervor, daß das Zusammen⸗ gehörigkeitsgefühl der Kleinen in Dorf und Stadt noch zu viel zu wünschen übrig lasse. Viele Genossen, namentlich auf dem Lande, wären zu ängstlich. Es komme häufig genug vor, daß Leute, die einmal für den Lehrer, den Pfarrer oder den Förster ein paar Stiefeln oder sonst etwas zu arbeiten hätten, der An⸗ sicht wären, sie dürften sich nicht offen zur Sozial⸗ demokratie bekennen. Dieses Angstgefühl müsse be⸗ kämpft werden. Mit Stolz müsse jeder bekennen, Sozialdemokrat zu sein, und mit Eifer müsse er sich als solcher bethätigen.(Beifall.)— Gen. Beckmann spricht sich in ähnlicher Weise aus. Die Organisationen Seite 4 Mitteldenutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 10. müßten gestärkt werden. Die 53 Jahre Zucht⸗ haus, die in Dresden über 9 Arbeiter verhängt wurden, müßten dem letzten Arbeiter die Augen öffnen. Zum 4. Punkt der Tagesordnung: Die bevorstehende Landtagswahl referiert Gen, Scheidemann. Er schilderte die ver⸗ fassungsgemäßen Rechte der Hessen und die Rechte und die Zusammensetzung der beiden Kammern, die den Landtag bilden. Das wichtigste aus seinen Aus⸗ führungen, soweit es hinsichtlich der kommenden Wahlen Interesse für die Leser der Mitteld. S.⸗Ztg. hat, ver⸗ öffentlichen wir in nächster Nummer unter dem Titel: „Der hessische Landtag.“— Gen. Beckmann fordert auf, vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß die im Kreis ansässigen Nichthessen sich naturali⸗ sieren lassen. Das sei angesichts des Zuchthausgesetzes und der Ausweisungen, die in letzter Zeit an verschie⸗ denen Orten erfolgt sind, dringend notwendig. Redner glaubt nicht an eine große Wahlbewegung. In der Hauptsache werde sich der„Kampf“ in den einzelnen Dörfern so ziemlich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abspielen. An der lebhaften Diskussion beteiligten sich die Genossen Bock, Dahmer, Schupp, Krumm, Linden⸗ struth, Heberer und andere. Krumm verlangt, daß unsererseits dafür gesorgt werden müsse, daß die Wahl⸗ bewegung in Fluß gebracht und mit Energie be⸗ trieben werde. Wir müßten dafür sorgen, daß sich die Wahlbewegung nicht unter Ausschluß der Oeffentlich⸗ keit abspiele. Gen. Krumm stellt folgenden Antrag: Der Kreiswahlvereins⸗Vorstand wird beauftragt, die zur Agitation nötigen und ihm am geeignetsten erscheinenden Schritte einzuleiten. Dieser Antrag wird einstimmig angenomen.— Zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Ausban unserer Organisation hat Gen. Bock das Referat. Dem Kreis⸗Wahlverein gehören über 500 Mitglieder an, die regelmäßig Bei⸗ träge zahlen. Die Neueinführung der Landesbeitrags⸗ marken habe sich bereits glänzend bewährt. Nie sind mehr Gelder eingegangen als jetzt, wo die gemeinsame Marke eingeführt ist. Es sei dringend notwendig, daß die Genossen, in deren Wohnorten bereits Organi⸗ sationen bestehen, die Nachbarorte agitatorisch bearbeiteten und Org anisationen grün⸗ deten. Gen. Nibch verlangt eifrige Thätigkeit des Vorstandes vom Kreis⸗Wahlverein. Dort, wo es an befähigten Genossen fehlte zur Leitung der Organi⸗ sationen, müsse der Vorstand der Kreis⸗Wahlvereins hilfreich zur Seite stehen. Gen. Scheidemann empfiehlt Agitation von Mund zu Mund, von Dorf zu Dorf. Dort, wo Organisationen zu begründen unmöglich sei, sollten die Genossen als Einzelmit⸗ glieder gewonnen werden. Noch hunderte könnte man so für den Kreis⸗Wahlverein gewinnen. Kon⸗ statiert müsse auch werden, daß Bocks Bericht im Widerspruch stehe mit den Einzelberichten der Delegier⸗ ten. Diese haben geklagt, der Kreisvertrauensmann, der den ganzen Kreis unbeeinflußt übersieht, hat Erfreuliches berichtet. Die Klagelieder wären Zeichen der Unzufriedenheit der pflichteifrigen Genossen, denen nie genug gethan wird, die nie rasten. Gewiß könne vieles auf den Dörfern besser werden, aber trotz der Klagelieder können wir mit Freude sagen: es geht überall vorwärts! Gen. Krumm hält alsdann einen eingehenden Vortrag über die Presse. Unser Parteiblatt habe schöne Fortschritte gemacht. Wir können auf das Erreichte stolz sein. Aber dennoch müsse auf das eifrigste weiter gearbeitet werden. In keinem Hause dürfe die Mitteld. S.⸗Ztg. fehlen. Redner beleuchtet dann das feige Verhalten der gegnerischen, namentlich der sogenannten unpar⸗ teiischen und der Amtspresse. Der„Gießener Anzeiger“, um hier nur ein einziges Beispiel anzu⸗ führen, habe es bis heute noch nicht übers Herz gebracht, seinen Lesern mitzuteilen, daß in Offenbach 17 Sozial⸗ demokraten in die Stadtverordnetenversammlung ge⸗ wählt wurden. Redner weißt auch auf das Un⸗ sittliche der sogenannten„gutgesinnten“ Presse hin. Vorn wird gegen die„sittenlose“ Sozialdemokratie gedonnert und im Inseratenteil werden Gummiartikel empfohlen und Heiratsinserate aufgenommen. Fort mit dieser ebenso feigen, wie sittenlose Presse. Genosse Krumm giebt dann anheim, der Frage näher zu treten, ob es sich nicht empfehle, der Herausgabe eines täglich erscheinenden Blattes näher zu treten. Der Abonnentenstand der M. S.⸗Z. sei jetzt so groß, daß wir zu der Annahme berechtigt wären, auch ein Tageblatt lebensfähig gestalten zu können. Redner stellt einen Antrag, der die Preßkommission beauftragt, die angeregte Frage einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Natürlich müsse die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung unter allen Umständen auch dann als Wochenblatt beibehalten werden, wenn wir ein Tageblatt neu begründeten. In der sehr angeregten Diskussion, die sich an die Ausfüh⸗ rungen Krumms knüpft, wird allgemein dem angeregten Projekt die größte Sympathie entgegengebracht. Der Antrag Krumm wird einstimmig angenommen.— Damit ist die Tagesordnung erledigt. Genosse Beck⸗ mann regt an, in Zukunft die Konferenzen stets in Gießen abzuhalten, weil das am bequemsten von allen Seiten zu erreichen wäre. Dieser Vorschlag wird ab⸗ gelehnt und beschlossen, die nächste Kreis⸗Konferenz in Lollar abzuhalten. In einem kernigen Schlußwort forderte der Vor⸗ sitzende Bock die Versammelten— es hatten mindestens 100 bis 120 Genossen den Verhandlungen beigewohnt — zu eifriger fernerer Arbeit auf und schloß dann mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Sozialdemokratie die vorzüglich verlaufene Kreis⸗ Konferenz. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Beserkreise find jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache e natürlich strengste Gewissenhaftigke t dei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Gültig erklärte Stimmen. * Bekanntlich wurden bei den letzten Stadt⸗ verordnetenwahlen in Gießen für Gen. Krumm 117 Stimmen für ungültig erklärt, weil der Name Eduard nicht ansgeschrieben war. Die Ungültigkeitserklärung wurde ausgesprochen, weil in Gießen seit einigen Monaten ein jüngerer Kaufmann namens Edmund Krumm ansässig sei. Die Ungültigkeitserklärung der Stimmen hatte zur Folge, daß unser Genosse nur für drei Jahre gewählt galt, während er andern⸗ falls auf sechs Jahre gewählt gewesen wäre. Genosse Krumm protestierte gegen die Un⸗ gültigkeitserklärung der Stimmen und ftützte seinen Protest auf den Umstand, daß sein Namens⸗ vetter erstens dem Lebensalter nach und zweitens auch wegen der Kürze seines hiesigen Aufenthaltes weder wahl fähig noch wahl⸗ berechtigt sei. Wolle man sich lediglich nach der Aehulichkeit der Namen in solchen Fragen richten, ohne nach der Wahlfäh igkeit zu fragen, dann könne es passieren, daß auch ein Säugling die Ungültigkeitserklärung von Wahl⸗ stimmen veranlassen könne. Der Kreisaus⸗ schuß stellte sich auf die Seite Krumms und erklärte die Stimmen, welche für ungültig erklärt waren, für gültig. Damit ist Gen. Krumm für sechs, Herr Architekt Huhn nur für drei Jahre gewählt. Abendunterhaltung der„Eintracht“. * Auch an dieser Stelle sei nochmals auf die am Samstag, den 4. März, abends von halb 9 Uhr ab im Café Leib stattfindende Abend⸗ unterhaltung des Gesangvereins„Eintracht“ hin⸗ gewiesen. Geflügelausstellung auf dem Windhof. * Allem Anscheine nach wird auf der Ge⸗ flügelausstellung, die auf dem Windhof bei Gießen stattfindet, recht viel geboten. Ein Besuch der⸗ selben ist sehr zu empfehlen. Trauerbotschaft aus Krofdorf. n. Unser Parteigenosse Max Meidel ist nach kurzem Krankenlager hierselbst an Lungen⸗ entzündung gestorben. Der Verstorbene stand erst im 21. Lebensjahre und war kaum zwei Jahre hier ansässig. Aber selten dürfte sich in unserem Orte jemand einer größeren Beliebtheit erfreut haben als dieser lebenslustige und immer hilfsbereite Anhalter Glasergeselle. Nach über⸗ einstimmendem Zeugnis zahlreicher Gewährs⸗ männer hat eine Beerdigung in Krofdorf nie unter zahlreicherer Beteiligung stattgefunden als diejenige des jungen Meidel am vorigen Sonntag. Das mag den schwergeprüften Eltern des Ver⸗ storbenen, die hergeeilt waren, zum Troste ge⸗ reichen. Für unsere Partei in Krofdorf bedeutet der Tod des pflichtbewußten Genossen einen recht empfindlichen Verlust. Keiner war eifriger, keiner pflichtbewußter wie er. Dem braven Genossen ist ein treues Andenken gesichert. Er ruhe in Frieden. Aus Wetzlar. f. Im hiesigen Handwerker verein sprach kürzlich der Landrat Dr. Goedecke über die Organi⸗ sation der Handwerker. Er führte aus, daß die Handwerkerkammern als legitime Vertretungen des Handwerks auch zur Begutachtung neuer Gesetzentwürfe berufen wären. Auch sei ihnen anheim gegeben, selbst mit Anregungen und An⸗ trägen hervorzutreten. Eine solche Vertre⸗ tung des Handwerks, die die Regie⸗ rung zu hören und zu beachten ver⸗ pflichtet ist, fehlte bisher, wäre sie schon früher dagewesen, so wäre, um nur ein Beispiel heraus zu greifen, die vielbefehdete Bäckereiverordnung vielleicht nicht in der Gestalt erschie⸗ nen, in der sie nunmehr existiert.— Bekanntlich ist diese Verordnung zum Schutze von Leben und Gesundheit der Bäckerei⸗ arbeiter so ziemlich das beste, was in den letzten Jahren vom Bundesrat geschaffen wurde. — Welch rückständige Ansichten unter den Hand⸗ werkern vorherrschen, 80 aus einer Aeußerung des Schmiedemeisters Beford hervor. Derselbe meinte:„Heutzutage regelten die Gesellen die Meister, anstatt umgekehrt.“ Der erste Teil dieses Satzes ist nicht wahr, der ausgesprochene Wunsch, daß die Meister die Gesellen„regeln“ sollten, ist ein sehr mittelalterlicher. Beide Teile — Arbeitgeber und Arbeitnehmer— sollten gleichberechtigt sein. Davon wollen aber die Unternehmer nichts wissen. Das Koalitions⸗ recht der Arbeiter ist dem Unternehmertum ein Dorn im Auge und jeder polizeiliche Eingriff in die Rechte der Arbeiter wird im Lager des Unternehmertums jubelnd begrüßt. Aber für die Unternehmerorganisationen wird freie Bahn verlangt, auf daß mit Verrufserklärungen und durch Verbreitung von schwarzen Liften die Ar⸗ beiter„geregelt“ werden können. So steht es heutzutage mit dem gleichen Recht für Alle. — Eine Reichstagsneuwahl? Die Wahlprüfungskommission des Reichstags hat die Wahl„unseres“ nationalliberalen Abg. Krämer beanstandet. Damit ist unser„Volksvertreter“ allerdings noch nicht aus dem Reichstag. Von selbst wird er nicht gehen, bis aber das Plenum eine Entscheidung trifft, kann noch manches Tröpf⸗ lein die Lahn entlang fließen. Beanstandet war die Wahl von den„Christlich“⸗ und„Deutsch“⸗ Sozialen. Beide würden sich im Falle einer Neu⸗ wahl auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen und zwar sicherlich auf einen antisemitischen. Entweder würde man Herrn Zimmermann präsentieren, den die Dresdener, oder Herrn Hirschel, den die Oberwälder aus dem Reichs⸗ tag hinausgeworfen haben. Warten wir's zu⸗ nächst ab und halten wir das Pulver trocken. Aus Marburg. n. Wegen seines äußerst rüpelhaften Beneh⸗ mens auf der Kirmes zu Langenstein stand der aus der Wahlzeit bekannte, stetige Begleiter Dr. Böckels, der 23jährige Bahnschreiber J. Wege aus Kirchhain, vor der hiesigen Strafkammer. Der urteutsch⸗antisemitische Germane erhielt vier Wochen Gefängnis.— Eine Untersuchun wegen einer Messeraffäre schwebt no gegen ihn. Gegen die Arbeiterfahrkarten ist einstweilen die Parole der Junker und ihrer Handlanger. Denn gegen die Freizügigkeit ift im Augenblick der Kampf noch etwas zu aussichtslos. Sehr langsam haben sich die Staatsbahnen dazu verstanden, Arbeitern, die in der Stadt arbeiten, gewisse Fahr vergün⸗ stigungen zu gewähren, um das gesündere und billigere Wohnen auf dem Lande zu ermöglichen; noch sehr viel lassen diese Einrichtungen zu wünschen übrig. Aber schon in dieser Ausdehnung sind sie den Arbeiterfeinden ein Dorn im Auge, denn es könnte ja dadurch einem Arbeiter erleich⸗ tert werden, sich der manschettenbäuerlichen Zwangsherrschaft zu entziehen. Deshalb liefen sie Sturm im preußischen Abgeordnetenhause gegen die Arbeiterfahrkarten. Inwieweit die preußische Regierung diesem Ansturm weichen wird, läßt sich noch nicht übersehen. Es wird unseren Lesern noch in guter Erinnerung sein, daß auch das Organ des Abg. Köhler vor längerer Zeit gegen die billigen Arbeiterfahr⸗ karten,„die nur den jüdischen Kapitalisten nützten“, gewettert hat. Die Freisinnigen haben folgenden Antrag im preußischen Abgeord⸗ netenhause, in dem bekanntlich die Sozialdemo⸗ kratie nicht vertreten ist, eingebracht:„Das Haus wolle beschließen: gegenüber der kgl. Staatsregierung die Erwartung auszusprechen, daß bei den Staatseisenbahnen die Ausgabe von Arbeiterrückfahrkarten und Arbeiterwochenkarten mindestens in dem bisherigen Umfange bei⸗ behalten werde.“— Ein recht zahmer Antrag. Ein deutsches Schiff gerettet. Das der Hamburg⸗Amerikanischen⸗Packetfahrt⸗ Aktien⸗Gesellschaft gehörige Schiff„Bulgaria“ Raumes 4 ferde de. des anholter Tage üb! Morgen de von neuem! und später schuere At Bolzen in d gänzlich ver gang es, und nachde. des Ruderb Schiff mit! werden. 2 außzurichter der inmer der, Lulen brennen. nahm sümtl und schlug Treppen git den Nusa Wilhelm Ke honnte dez werden. S Ire Befeh Der U übernenschl unb die üb des Schiff Borten ged 0 dieses legen Tage — Par Ven Alsfeld. de Peser Nr. 10. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. war längere Zeit verschollen und es wurde schon befürchtet, daß der prachtvolle Dampfer, der erst im vorigen Jahr gebaut ist, untergegangen sei. Glücklicherweise ist das Schiff gerettet. Es hat unter schrecklichen Stürmen furchtbar leiden müssen, ist aber schließlich ohne fremde Hilfe in einen schützenden Hafen gelaufen. Der Kapitän der„Bulgaria“, Schmidt aus Hamburg, hat seiner Direktion folgenden Bericht eingeschickt: „Bulgaria“ ist ohne fremde Hilfe in Ponta Delgada eingetroffen; über den Verlauf der Reise berichte folgendes: In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar während eines heftigen Orkans wurde das Schiff steuerlos und drehte in den Wind. Eine enorme Welle überflutete das Schiff und schlug die Luken 1 und 2 ein, wodurch große Mengen von Wasser ins Ober⸗ deck strömten. Bald darauf waren im Raum Nr. 4 16 Fuß Wasser. Das Schiff legt sich stark nach Backbord über. Infolge der gewal⸗ tigen Erschütterung wurden die Ballast⸗Tunks undicht und liefen auf. Die Lenzrohre des Raumes 4 waren durch Getreide verstopft. 108 Pferde verendeten, konnten aber infolge des anhaltend schlechten Wetters erst am sech sten Tage über Bord geworfen werden. Am Morgen des 2. Februar, während der Orkan von neuem einsetzte, brach der Dampfsteuerapparat und später auch das Handsteuer. Durch das schwere Arbeiten des Steuers lösten sich die Bolzen in der Kuppelung und gingen schließlich gänzlich verloren. Erst nach tagelanger Arbeit gelang es, die Kuppelung wieder zu befestigen, und nachdem die Platten von den Seitenwänden des Ruderhauses losgenietet waren, konnte das Schiff mit Bäumen auf Ruderkopf gelasch gesteuert werden. Wir waren gezwungen, um das Schiff aufzurichten, von der Ladung zu werfen und, als der immer stärker werdende Orkan ein Offenhalten der; Luken nicht mehr gestattete, Ladung zu ver⸗ brennen. Eine Sturzsee brach über das Bootdeck, nahm sämtliche Boote von der Backbordseite weg und schlug das Deck ein. Alle Reelings und Treppen gingen verloren. Sämtliche Thüren in den Aufbauten eingeschlagen. Der Matrose Wilhelm König wurde über Bord gewaschen und konnte des schweren Wetters wegen nicht gerettet werden. Sonst Alles wohl an Bord. Erwarte Ihre Befehle. Schmidt, Kapitän. Der Umstand, daß der Kapitän der fast übermenschlichen Anstrengung, mit der er selbst und die übrige Schiffsbesatzung für die Rettung des Schiffes thätig gewesen sind, in so schlichten Worten gedenkt, zeugt von der großen Befcheiden⸗ 7 dieses Seemannes, dessen Tüchtigkeit sich in iesen Tagen glänzend bewährt hat. Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 5. März: Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr auf der Pfefferhöhe. —— Kommunales aus Gießen. III. Schulwesen. ps. Nach der summarischen Uebersicht des Verwaltungsberichts der großh. Bürgermeisterei wurden im Rechnungsjahre 1897/98 von der Stadt Gießen ausgegeben 198 935,05 Mk. * Schulzwecke. Mitgerechnet sind dabei ie Ausgaben für die Fortbildungs⸗ und die Aliceschule, für die Handwerkerschule und den Lokalgewerbeverein. Eingenommen wurden nur 38 425,37 Mk. Demnach hätte die Stadt als baren Zuschuß rund 160 000 Mk. für die Schulen zu leisten. Interessant ist es nun, festzustellen, wie sich die Zuschüsse der Stadt 41 die einzelnen Schulen und auf die Schüler verteilen. Wir brauchen keine eigenen Berechnungen aufzustellen, da der Verwaltungsbericht unter seinem Ab⸗ schnitt VII:„Allgemeiner Bericht“ jede wünschenswerte Auskunft erteilt. Die Vorschule des Gymnasiums er⸗ forderte einen Zuschuß von 79 4,36 Mk. Das Realgymnasium, die Realschule und die gemeinsame Vorschule erhielten 34 562,15 Mark Zuschuß von der Stadt(außerdem noch 19 723,82 Mk. vom Staat). Die höhere und die erweiterte Mäd⸗ chenschule erforderten 31 742,89 Mk. Zuschuß. Die Volksschulen endlich, die Stadt⸗ Knaben⸗ und Stadt⸗Mädchenschule, machten einen städtischen Zuschuß von 85 120,47 Mark erforderlich. An den Volksschulen wird kein Schulgeld erhoben. Auf die einzelnen Schüler berechnet, ergiebt sich— immer nach dem Verwaltungsbericht— dann folgendes Bild: Die Stadt Gießen wendet auf für jeden Schüler resp. jede Schülerin der Vorschule des Gymnasium e.. Mk. 7,79 Realschule u. des eb„ 52,05 (dazu kommt noch der Staats⸗ zuschuß mit 29,70 Mk., sodaß auf jeden Besucher dieser Schulen ein Zuschuß kommt von 81,75 Mark!) Höhere und erweiterte Mädchen⸗ d„ 64,85 Volksschnl e„ 46,11. Sehen wir ab von dem minimalen Beitrag für die Gymnasialvorschüler, der vielleicht gänzlich gespart werden könnte, wenn man diese Schüler an die Vorschule des Realgymnasiums und der Realschule oder, wenn die Eltern absolut für ihre Söhnchen eine Extrawurst ge⸗ braten haben wollen, an Hauslehrer ver⸗ wiese, so ergiebt sich auch hier wieder die alte Geschichte, daß der Nichtbesitzende, sagen wir der Kleine, immer erst in letzter Linie und am geringsten bedacht wird, der Besitzende da⸗ gegen, der Große, auch dort in erster Linie empfängt, wo die Allgemeinheit Opfer zu bringen hat. Im allgemeinen sind doch diejenigen Leute, die ihre Kinder in Realschulen und höhere Töchter⸗ schulen schicken, wohlhabend, die Eltern der Volksschüler aber unbemittelt. Das ist eine Binsenwahrheit. Es ist deshalb eine Ungerechtigkeit, daß man die größere Unterstützung nicht den ärmeren, sondern den reicheren Bevölkerungsschichten zuweist. Wer in der Lage ist, jährlich für eine „höhere Tochter“ etwa 100 Mark Schulgeld zahlen zu können, der bekommt aus dem Stadt⸗ säckel eine Extrazuwendung von 64 Mk. 85 Pfg., und wer der Vater eines hoffnungs⸗ vollen Realschülers oder Realgymnasiasten ist, für den er jährlich ca. 100 Mk. Schulgeld aus⸗ geben kaun, dem giebt die Stadt Gießen einen Zuschuß von 52,05 Mk. und der Staat noch einmal extra 29.70 Mk., insgesamt erhält er also 81,75 Mk. Zuschuß! Bist du aber ein armer Teufel, dem man zwar auch direkte Steuern für Staat und Gemeinde abnimmt, und den man bei den in⸗ direkten Steuern, die Reich, Staat und Ge⸗ meinde(Oktroi) erheben, dem Reichsten gleich⸗ stellt, so bekommst du ganze 46,11 Mark städtischen Schulzuschuß. Natürlich entspricht den für die Schüler auf⸗ gewendeten Mitteln auch das Gebotene. Man vergleiche den Lehrplan der höheren Schulen doch mit den dürftigen Stundenzetteln der Volks⸗ schule! Dort Naturwissenschaften— hier biblische Geschichte; dort alte und moderne Sprachen, alte und neue Geschichte— hier Bibelsprüche und Gesangbuchsverse; dort die Erziehung zum selb⸗ ständigen methodischen Denken— hier die Er⸗ ziehung zur Demut; dort durch die ganze Be⸗ handlung Erziehung zur Selbständigkeit— hier Entwickelung des Gefühls der Abhängigkeit! Das soll nicht speziell von den Gießener Schulen gesagt sein. Das sind Wahrheiten, die mehr oder weniger auf das gesamte Schul⸗ wesen des Reiches zutreffen. Daß die Gießener Volksschulen lange nicht die schlechtesten sind, wissen wir. Wir Sozialdemokraten und mit uns viele der besten Pädagogen halten es für eine schreiende Ungerechtigkeit, daß heutzutage nicht danach ge⸗ fragt wird, ob ein Kind die nötige Intelligenz besitzt, um eine höhere Schule mit Erfolg zu absolvieren und dann zu studieren, sondern daß heutzutage auch in dieser Frage nur der Geld⸗ beutel entscheidend ist. Tausende intelligente, aber arme Kinder läßt man geistig verkümmern, Tausende reicher Dummköpfe werden durch An⸗ wendung aller erdenklichen Mittel zur Qual ihrer Lehrer durch die Klassen geschleift, um dann mit Ach und Krach ihre Examina machen zu können. Arme Menschheit, was mußt du z. B. leiden durch viele auf dich losgelassene Aerzte, die vielleicht auf dem Gebiete der Schuhmacherei oder Weißbinderei hätten Großartiges leisten können! Doch zurück zum Verwaltungsbericht. Die Stadt Gießen also schießt den wohlhabenden Leuten für jeden Schüler oder jede Schülerin 52,05 Mk. resp. 64,85 Mk. zu, den geringen Leuten aber nur 46,11 Mk. Die wohlhabenden Leute werden aber selbst einsehen, daß das eine Ungerechtigkeit ist. Da nun vorläufig nicht daran zu denken ist, daß die sozialdemokratische Forderung verwirklicht wird:„Einheits⸗ schule und Unentgeltlichkeit der Lehr⸗ mittel und des Unterrichts“, so machen wir unseren Stadtvätern einen Vorschlag zur Güte. Sie mögen den Beschluß fassen, für die hiesigen Volksschulen freie Lehr⸗ mittel zu gewähren, selbstverständlich ohne daß das als eine Armenunterstützung anzusehen ist. Die Gerechtigkeit gebietet, daß eine Gemeinde ihre Glieder gleich behandelt. Wenn nun die Stadt seither den wohlhabenden Leuten jährlich pro Schulkind 6 Mk. bis 18 Mk. mehr zuschoß, als den Unbemittelten, so liegt doch der Gedanke sehr nahe, den Zu⸗ schuß für die Volksschulen entsprechend zu er⸗ höhen. Durch die Annahme unseres Vorschlags würde die Stadt nicht nur einen Akt der Ge⸗ rechtigkeit begehen, sie würde auch vielen Eltern eine große Erleichterung bereiten. Briefkasten der Redaktion. Für die Dresdener Zuchthausopfer gingen ferner bei der Redaktion ein: Arb.⸗Bildungs⸗Verein Heuchelheim 20,05 Mk. Von Gleiberg durch Leib 11.— Mk. In voriger Nummer quittiert 75,55 Mk. Zusammen jetzt 106,60 Mk. Briefkasten der Expedition. Nach Burg bei Herborn: Wir können die Zeitung nicht mehr senden, da der dortige Spediteur seinen Verpflichtungen nicht nachkommt. Qnittungen. Gt. B. 6.—. H. G. 10.—. N. Kch. 6.40. Sch. Schmk. 18.—. H. Gßl. 1.—. Kr. G.—.90. E. G. 1.—. Schn. Nda. 230. F. Wtzlr⸗ 25.—. G. C. W. 8.50. B. G. 15.—. Sch. Bch.—.90 Hel. Ob.—.70. Gge. Hoͤbgn. 8.—. D. H. M. Obsch. 4.80. M. Eckh. 2.40. M. G. 59.32. Sg. Hchst. 2.— Marktberichte. Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 2. März kostete: Butter per Pfund Mk. 080,— 0,90, Hühnereier 1 St. 6—7 Pfg., 0 Stück 0—0 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 1 Stück 5 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,80— 1,00, Hühner pro Stück Mk. 1,20— 1,70, Hahnen pro Stück Mk. 1,30— 2,00, Enten per Stück Mk. 1,80— 2,40, Gänse pro Pfund 00—00 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 68—74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 68—76 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg., Ham⸗ melfleisch 50— 70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 5,00 bis 6,50, Zwiebeln pro Zentner Mk. 8,00 9,00, Milch per Liter 16 Pfg. Ce te Nachriehten. Stumm's Autwort. Die Veröffentlichung der Stuumbriefe(siehe unter Politischer Rund⸗ schau: König Stumm als Pechvogel) durch den „Vorwärts“ beantworten die Stummschen Söld⸗ linge der„Post“ damit, daß sie sämtlichen „Vorwärts“⸗Redakteuren und Mitarbeitern den Staatsanwalt auf den Hals hetzten. Der„Vor⸗ wärts“„soll“ sich der Hehlerei schuldig ge⸗ macht haben, weil er Briefe veröffentlichte, die bei einem Einbruche gestohlen worden wären. Das ist natürlich Schwindel. Der„Vor⸗ wärts“ macht sich denn auch recht lustig über die Staatsaktion. Der Kuhhandel ist fertig. Das Zen⸗ trum bewilligt die Militärvorlage und erhält dafür die Jesuiten. Auch soll ein weiterer Katholik ins Kultusministerium berufen werden. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 10. *— Seite 6. 2 8 2 8 Uunterhaltungs⸗Ceil. * Die Schrift ist möcht ger als das Schwert. Die Schrift ist mächt'ger als das Schwert, Der Geist ist stärker als die Klingen. Er ist mit Jovis Blitz bewehrt Und fliegt mit seines Adlers Schwingen. Die Schrift ist mächt'ger als das Schwert, Das Wort als Donner der Kanonen Es leuchtet, zündet und verzehrt Und trifft in allerfernste Zonen. Die Schrift ist mächt'ger als das Schwert: Wir werden siegreich niederstrecken Die Macht, die noch das Volk bethört, Wie David den Philisterrecken. J. Stern. vom Stamm gevissen. N Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Oettinger hatte bereits die Thür in der Hand, aber bei dem Namen Kries blieb er wie angewurzelt stehen und schaute zurück. Er konnte keinen Augenblick in Zweifel sein, welcher von den Herren diesen Namen trug. Baron Helldorf war eine viel jüngere unbedeutende Erscheinung, blond, von spärlichem Haarwuchs und zur Korpulenz neigend. Jener war also der Mann, in dessen Hause der Liebling seiner Seele weilte, der sie heute, vielleicht vor einer Stunde, ge⸗ sehen! Sein erster Impuls war, vor Herrn von Kries hinzutreten und sich als einen Freund Valeskas vorzustellen, doch fiel ihm noch zeitig genug die Mission ein, in der er sich hier be⸗ fand, und die Stellung, welche er dadurch diesem Aristokraten gegenüber einnahm. Sein Schwanken hatte nur einen Moment gedauert und war von niemand bemerkt worden. Hastig schritt er hinaus. In demselben Augen⸗ blick brachte der Wirt den von Helldorf be⸗ stellten Wein. „Nicht hier“, herrschte Herr von Kries ihn an.„Stellen Sie uns einen Tisch in der Schenk⸗ stube neben dem Saale auf, wo wir den Spektakel ungesehen mit anhören können.“ Der Wirt, der sich vor Eifer am liebsten gevierteilt hätte, setzte wieder die Gläser zusammen und bat die Herren, ihm zu folgen. Im Saale, der Kopf an Kopf gedrängt voll war, sodaß die Menschen in der offenen Thür und bis auf die Straße b n standen, herrschte tiefes Schweigen, nur das volltönende Organ DOettingers war vernehmlich. Es machte doch einen eigentümlichen Eindruck auf unsere drei Aristokraten, dieses andächtig lauschende Audi⸗ torium. Unwillkürlich traten sie leiser auf. Bald fühlten auch sie sich von den klaren und durchaus leidenschaftslosen, sachgemäßen Ausführungen Oettingers über den sie so nahe berührenden Gegenstand gefangen, wenn sie auch weit entfernt waren, sich dadurch in ihren An⸗ schauungen irre machen zu lässen.— Der Beifall, der den Redner oft unterbrach, und der Jubel, der ihm am Schlusse lohnte, ließen ihn den dreien nur um so gefährlicher erscheinen. Ueber den kleinen runden Tisch gebeugt, steckten sie flüsternd die Köpfe zusammen. „Und da sollten die entschiedensten Maßregeln nicht am Platze sein?“ piepfte der Major mit wild gerunzelten Brauen.„Mit allen Kräften muß man danach streben. Aber einstweilen heißt es, sich selbst zu helfen. Ich bin dafür, daß wir uns ein paar handfeste Knechte dingen, die uns den Burschen e und windelweich prügeln, das ist die beste Art, uns von dem Gelichter zu befreien.“ „Nein, man übt eine Pression auf die Wirte aus, daß sie diesen Maulhelden ihr Lokal ver⸗ weigern“, fiel Baron Helldorf phlegmatisch ein. „Die Landräte müssen uns dabei unterstützen. Es ist schließlich die Sache jedes anständigen Menschen, diese staatsauflösenden Tendenzen zu bekämpfen.“ „Gemach, meine Herren, mit solchen Gewalt⸗ maßregeln dringen wir vorläufig nicht durch. Wir müssen mit den bestehenden Gesetzen rechnen. Ich bin der Meinung, wir berufen ebenfalls eine Versammlung und stellen diesem Herrn einen Redner gegenüber, der die Sache von unserem Standpunkte beleuchtet. Leider bin ich selbst kein Redner, und offen gestanden, es wäre mir auch nicht gut genug. Aber ich habe an Amtmann Jahnke gedacht. Ein bürgerlicher Konservativer, kein Grundbesitzer, sondern ein Domänenpächter, und einer, der zu beweisen im stande ist, daß rot grün und grün rot ist, das wäre unser Mann. Er hätte das Vertrauen der Leute für sich, weil er nicht pro domo spräche. Sie, Major, wohnen ihm am nächsten. Sie müssen gleich morgen zu ihm und ihn be⸗ arbeiten, ihm die Sache plausibel machen, nötigen⸗ falls darauf hinweisen, daß er nicht ganz um⸗ sonst arbeiten würde u. s. w. Ich selbst denke auch nicht unthätig zu bleiben. Ich habe schon einen Artikel für unser Kreisblatt im Kopfe, der sich gewaschen haben soll. Und Sie, Helldorf, müssen Ihre Freunde unter den Nationnallibe⸗ ralen im Reichstag bearbeiten, daß ein Gesetz gegen die Umstürzler zustande kommt. Thun wir jeder, was er vermag, dann werden wir ihrer schon Herr werden.“ Damit erhob sich Herr von Kries, seine mächtige Gestalt dehnend und mit allen zehn Fingern durch Haar und Bart streichend, wäh⸗ rend seine Freunde unmutig in das Licht starrten, der eine heftig seine Zigarre rauchend, der an⸗ dere seinen marterialischen Schnurrbart rechts und links drehend. Gewohnt, seinen Willen überall als Gesetz anzusehen, nahm Herr von Kries das Schweigen der beiden als Zustimmung und hielt die Sache für erledigt. „Jetzt aber, meine Herren, will ich nach⸗ hause“, sagte er, indem er dem Wirt ein Zeichen gab, Bezahlung zu nehmen.„Ich muß doch wieder einmal einen Abend in der Familie zu⸗ bringen. Man ist davon schon ganz entwöhnt. Den ersten Feiertag bitte ich Sie zu mir zu Gaft. Werden etwas schönes zu sehen bekom⸗ men“, setzte er schmunzelnd hinzu, während sich alle drei in die vom Wirt herbeigeholten Pelze hüllten. „Auf Triburg bekommt man immer etwas schönes zu sehen“, fistulierte der Major.„Bitte mich den Damen zu empfehlen.“ „Gehorsamster.“ „Gehorsamster.“ Ueber den jetzt verödeten Marktplatz läuteten die Schlitten in die schmutzig⸗graue Schneeland⸗ schaft hinaus. Durch die trübe Wolkendecke schimmerte der Mond im Zenith wie durch Oel⸗ papier. Von Zeit zu Zeit fegte ein hohler Wind über die Ebene— ein Vorbote der nahenden Frühlingsstürme. V. In Triberg war jedermann überrascht, Herrn von Kries so zeitig heimkehren zu sehen. Das war früher nie vorgekommen. Die gastlichen Häuser der Nachbarschaft hatten ihn sonst bis nach Mitternacht zu fesseln gewußt. Die Fa⸗ milie, welche durch die Ankunft des Hausherrn heute ein wenig aus dem gewohnten Gang ge⸗ kommen war, hatte sich erst nach dem Abendbrot in dem Musikzimmer zusammen gefunden, um sich noch einmal zwanglos an ihren Lieblings⸗ stücken zu erfreuen. Valeska war in fröhlichster Stimmung. Es war ihr gelungen, in der ersten Dunkelstunde unbemerkt und unbegleitet nach dem Inspektorhaus hinüber zu schlüpfen und ihren Brief an Herrn Thäns, der sich der An⸗ gelegenheit mit großer Wärme annahm, zur Be⸗ förderung zu übergeben. Sie hatte dabei gleich⸗ zeitig den kranken Holzknecht besucht und zu ihrer Befriedigung vernommen, daß heute in der That noch niemand vom Herrenhause nach ihm gesehen und sich nach seinen Bedürfnissen erkundigt hatte. So hatte sie mit ihrem Gange zugleich einen guten Zweck verbunden und dem einsamen kranken Mann eine gute Stunde bereitet. Nie hatte sie sich mit fröhlicherem Herzen zu der Familie gesellt, nie sich mit größerer Bereitwilligkeit an den Flügel gesetzt, als jetzt, da Frau von Kries sie aufforderte, das neu einstudierte Terzett aus dem Rossinischen Tell mit ihren beiden Töchtern zu singen. Fräulein Rosa, die ihre Heiserkeit zwar noch nicht überwunden, aber doch gern vor ihrem Bräutigam glänzen wollte, hatte ihre Mit⸗ wirkung nicht versagt. Taede der Stimmen hatte ihren Einzelpart gesungen und eben klangen alle drei in den nachfolgenden figurierten Gängen zusammen, als sich die Thür öffnete und Herr von Kries darin erschien. Erschreckt wollten die Töchter abbrechen, allein der Vater bedeutete sie durch eifriges Zu⸗ winken mit beiden Händen, daß sie fortfahren möchten. Leise auftretend schritt er auf seine vor Freude errötende Frau zu, die ihm schon von ferne die Hand entgegenstreckte, und ließ sich behaglich an ihrer Seite nieder. Dem Ge⸗ sange folgte er mit aufmerksamem Ohre. Ganz stolz blickte Frau von Kries bald auf ihn, bald auf ihre Töchter, denn Valeska hatte in der kurzen Zeit aus den Stimmen der Mädchen viel gemacht und das reizende Terzett in einer Weise einstudiert, daß an Präzision und Reinheit nichts zu wünschen übrig blieb. Als sie geendet, erhob sich der Gutsherr lebhaft und schritt auf die Sängerinnen zu. J Ta bonheur! Solche Hauswusik läßt man sich gefallen“, sagte er und strich der ihm zunächst stehenden Agnes, welche die Oberstimme gehabt hatte, die zartgerötete Wange.„Kinder, Ihr überrascht mich außerordentlich, und Ihnen, mein Fräulein, bin ich für dieses Resultat Ihrer Bemühungen aufs tiesste verpflichtet“, wandte er sich verbindlich an Valeska. Ich gestehe, ich bin in bezug auf Musik ein Epikuräer, wenn ich die Kunst auch nicht selbst ausübe. Was ich höre, muß annähernd vollendet sein. Es ist für einen alten Landschweden vielleicht sehr komisch, ein so empfindliches Ohr zu haben“, lachte er.„Ich bin daher auch selten genug in Berlin in der Oper gewesen. Wen bekommt man denn dort zu hören? Unter uns, es ist ein wahrer Skandal; mit zwei oder drei Ausnahmen, alles abgenutzte oder noch grüne, ungeschulte Stimmen. Sie, mein Fräulein, haben eine Prachtstimme. 85 müssen uns noch etwas allein zum besten⸗ geben.“ So plauderte er sehr angeregt, in der Biegung des Flügels lehnend. Seine Frau strahlte vor Glück. Valeska kam seiner Aufforderung sogleich in liebenswürdiger Weise entgegen und sang ein munteres, neckisches Lied, bei dem der Vortrag die Hauptsache war. Herr von Kries hing mit Auge und Ohr an der Sängerin. Nachdem er sich im Beifallspenden ershöpff, rief er plötzlich: „Diesen Abend, Kinder, müssen wir noch durch Champagner feiern. Elfchen, wo steckst Du? Fix, laufe und sage Karl, daß er uns ein paar Flaschen von denen aus dem obersten Fach heraufholt. T“ „Papa, das ist ein famoser Einfall“, rief der Lieutenant, der mit seiner Braut schäkernd in dem länglichen, geräumigen Zimmer auf und abging.„Ich fühle mich so bedrückt von dem neuen glänzenden Talent meiner Braut, daß ich wirklich eine Aufmunterung brauche. Was für eine unbedeutende Rolle werde ich Aermster der⸗ einst neben meiner Frau spielen. Ich werde mich gar nicht mehr hören lassen können.“ „Das ist ein wahres Glück“, lachte Rosa. „Es ist zum Davonlaufen, wenn Du singst, keine Spur von Gehör. Ich weiß nicht, wie Du und Papa in dieselbe Familie kommen.“ „Da Du das Mittelglied darstellst, so sind die beiden Extreme nicht sehr verwunderlich“, schaltete Fräulein Adele ein, die immer gern ihre Bildung hervorleuchten ließ, und die das Wort„Champagner“ nicht weniger als“ den Lieutenant elektrisiert hatte. ächtlich gegen sie die Achseln, da sie die Aeuße⸗ Rosa zuckte ver⸗ 10, e, ine gu der 2 f 1e ische 12 05 5 . g ein Ren dert al 90 Weide, Feoscnuhen wih 49 in gong, Del spesen fit a dagrwöhnlic Wie verb geit 15 d der zufolge n 1308 der F. pin Kupf der der Fleischbe 190150 J 1 1880—18 Im 16. gegen die B. wurden ihne Dauern Na Nahrung. der Bauer Siehe! Pa. Kern Pfund 20 Fand 20 f per Pfund 2 Teifenpult Terpentin pulver, Pe ib 60 fig Et Große Schwämn ö ghulst. Herr von Kries gemütlich vernehmen. Nr. 10. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. EE rung keineswegs verstanden und nur eine Ver⸗ kleinerung ihres Talentes herausgehört hatte. „Na, Kinder, zankt Euch nicht“, ließ sich „Setzen Mama läßt Hier kommen wir uns lieber um den Kamin. schon frisches Holz auflegen. unsere Flaschen.“ (Fortsetzung folgt.) Aus der Bulturgeschichte unserer Bauernschaft.“ Von Karl Kautsky. Eine Revolution der Nahrung des Bauern vollzog sich in unseren Gegenden vom 15. Jahr⸗ 8 an. Noch im 14. Jahrhundert lieferten ald, Weide, Wasser und Geflügelhof reichliche Fleischnahrung. Fleisch war damals die ge⸗ wöhnliche tägliche Speise des gemeinen Mannes in ganz Deutschland. Zwei bis drei Fleisch⸗ peisen für Tagelöhner im Tag waren nichts gewöhnliches. Wie verbreitet der Fleischkonsum in jener Zeit war, zeigt uns eine Berechnung Klödens, der zufolge in Frankfurt an der Oder im Jahre 1308 der Fleischkonsum mindestens 250 Pfund pro Kopf der Bevölkerung betrug, während heute der Fleischverbrauch Berlins pro Kopf zwischen 130—150 Pfund schwankt. In Breslau betrug er 1880—1889 gar nur 86 Pfund. Im 16. Jahrhundert fiel die Entscheidung gegen die Bauern. Der Wald und das Wasser wurden ihnen verschlossen, das Wild, statt dem Bauern Nahrung zu geben, verwüstete seine Nahrung. Die Weide wird eingeschränkt, was der Bauer noch an Vieh und Geflügel aufzieht, * Siehe Nr 6, 7, 8 und 9 der„M. S.⸗Ztg.“ muß er, abgesehen vom Zugvieh, in die Stadt verkaufen, um das nötige Geld aufzutreiben. Der Tisch des deutschen Bauern wird nun rasch arm, dieser selbst ein Vegetarier, gleich dem Hindu. Schon 1550 jammerte der Schwabe Heinrich Müller:„Noch bei Gedenken meines Vaters, der ein Bauersmann war, hat man bei den Bauern ganz anders gegessen als jetzt. Da waren jeden Tag Fleisch und Speisen im Ueber⸗ fluß, und auf Kirmessen und anderen Gastereien, da bersteten die Tische von alledem, was sie tragen sollten; da soff man Wein, als wäre es Wasser, da fraß man in sich und nahm mit sich, was man wollte, denn da war Wachstum und Ueberfluß. Das ist jetzt anders geworden. Es ist eine gar kostspielige und schlechte Zeit ge⸗ worden seit vielen Jahren, und ist die Nahrung der besten Bauern fast viel schlechter als von ehedem die der Taglöhner und Knechte war.“ Aber der Rückgang in der Viehproduktion mußte bald auch einen Rückgang der Körner⸗ produktion nach sich ziehen. Denn je weniger Vieh, um so weniger Dünger. Vielfach litt aber auch die Bestellung des Ackers, wo die Abnahme der Viehzucht zu einer Verringerung des Spannviehs führte. In derselben Richtung wirkte die Vermehrung der feudalen Hand⸗ und Spanndienste, welche die Arbeitskräfte des Bauern gerade dann, wenn er ihrer in der eigenen Wirt⸗ schaft am notwendigsten bedurfte, für die Wirt⸗ schaft des Gutsherrn in Anspruch nahmen. Gerade damals, als die Menge der Produkte wuchs, welche die Landwirtschaft an die Stadt abzugeben hatte, und als es notwendig wurde, das dadurch entstehende Defizit durch vermehrte Düngerzufuhr und intensivere Bearbeitung des Bodens zu decken, wurde die Düngerzufuhr und die Bodenbearbeitung immer mehr reduziert. Die Folge davon war der Rückgang der bäuer⸗ 2 rr lichen Wirtschaft, zunehmende Aussaugung des Bodens, wachsende Unfruchtbarkeit der Aecker. Kaum genügten diese, in guten Jahren den Bauer über Wasser zu halten; ein Mißjahr oder ein feindlicher Einfall, ehedem ein vorüber⸗ gehendes Uebel, reichten nun hin, ihn gänzlich zu ruinieren. Wir haben gesehen, wie der Bauer im 16. Jahrhundert ein Vegetarier warde, im 17. und 18. hörte er in manchen Gegenden überhaupt auf, sich satt zu essen Bekannt ist die Be⸗ schreibung, die hundert Jahre vor der großen Revolution Labruyere vom französischen Bauern gab:„Es giebt eine Art menschenscheuer Tiere, Männchen und Weibchen, schwarz, hager und sonnenverbrannt; sie finden sich auf dem Lande und sind an den Boden gekettet, den sie mit unbesiegbarer Ausdauer aufwühlen und umgraben. Sie haben etwas wie eine artikulierte Stimme und zeigen, wenn sie sich aufrichten, ein mensch⸗ liches Gesicht. In der That, es sind Menschen, die sich des nachts in Höhlen zurückziehen, wo sie von Schwarzbrot, Wurzeln und Wasser leben.“ In manchen Dörfern lebten die Bauern nur von Gras und Feldkräutern. Massillon, Bischof von Clermond⸗ Ferrand, schrieb 1740 an Fleury: „Unser Landvolk lebt in furchtbarem Elend. Die meisten entbehrten das halbe Jahr hindurch sogar das Gersten⸗ und Haferbrot, das ihre einzige Nahrung bildet.“ (Fortsetzung folgt.) — e„ 8 wee Nee vor. Arbeiter⸗Lied erbuch für vierstimmigen Mäu⸗ nerchor, herausgegeben von Josef Scheu. Taschen⸗ format mit Angabe der Tonarten und Atemzeichen ver⸗ sehen. Enthält auf 100 Partiturenseiten 25 Arbeiter-, Volks- und Freiheitslieder. Preis der Partitur 80 Pf. = 48 kr., jede Stimme 40 Pf.= 24 kr. netto. Ver⸗ lag J. Günther, Dresden. Pa. Kernseife, per Pfd. 24 Pfg., pa. Teigseife, per Pfund 20 Pfg., pa. Schmierseife(Silberseife), per Pfund 20 Pfg., Salmiak⸗Terpentin⸗Schmierseife, per Pfund 25 Pfg., Waschereme, per Pfund 36 Pfg., Seifenpulver, loos, per Pfund 16 Pfg., Salmiak⸗ Terpentin ⸗Seifenpulver, Paket 15 Pfg., Seifen⸗ pulver, Paket 10 Pfg., Toiletteseife, Stück von 5 Pfg. bis 80 Pfg., pa. Toilette⸗Fettseife, per Pfd. 70 Pfg., Stearinlichte in allen Preislagen. 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März und Sonntag, den 5. März. Geöffnet von 9 Ahr vormitkags bis 9 Ahr abends. Prämiierungs⸗Abteilung. Verkaufs⸗Abteilung. 700 Nummern Rasse⸗, Nutz⸗ und Ziergeflügel.— Sehenswerte Vogel⸗ Abteilung.— Ausstellung von Geräten usw. zur Geflügel⸗ und Vogelzucht. — Brutofen in Thätigkeit, während der Ausstellung täglich Ausschlüpfen junger Hühnchen. Vormittags 11 Uhr, bei günstigem Wetter: Großer Ausflug von Brieftauben. Eintritt für Erwachsene 30 Pfg., für Kinder bis zu 12 Jahren 15 Pfg. Fahrverbindung zwischen der Stadt und der Ausstellung vom Neustädterthor(alter Viehmarktplatz) stündlich mittelst der Bieberthalbahn. Nd lil Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen. Verantwortl. Redakteur: Ph. Scheidemann, Gießen. Druck der W. Kellerschen Druckerei, Gießen i Mitelb 10 zug Dur die! die Erpeditio 5¹ l. Braut Diese! des zweiter Maschi betend und dar 5 m Bedeu der Iuduf des Prolet 5 il efähr dr 1092 noch nehr e tu bis 1895 schaftliche lich bebe allein di ging um für die g an Bedeu kehrter, al demokratie keine wei well wir Mäher, in der L Ez ista ob die Ne noch wen bevölkerut ob die städtichen daß die Fonischer politischer Agentum bopitaliti den Prod du die 0 gahallend dise Pat Die 0 snlich