8. J * Nr. 6. Gießen, Sonntag, den 5. Februar 1899. 6. Jahrg. Redaktion: 2 Redaktionsschluß: 1 Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. ntags⸗Zeitun eitung. 1 Abounementspreis: Bestellungen N FInserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalk. 2 Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg.] dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens —* Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und zmal. Bestellung gewähren wir 250%], bei mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 4312.) 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 500% Rabatt. F 241 7 Es soll betragen in: à 47 Wochen— 235 Wochen. Letzteres soll in 15 itiert Ur Uer Blatt! Lohnklasse 1 der Grundbetrag b. Mk. 60,.— der neuen Vorlage wegfallen, und man bestimmt 9 5 1 ꝓ—— 5 1 5„ 90,— künftig rund 260 Beitragswochen Warte⸗ 15 N 0. 5„ 120,— zeit. Selbstverständlich zählen nach wie vor jede Die Invalidenrente 3 5„ 150,.— Krankheitswoche und jede Woche militärischer ge nẽuach der neuen Regierungs Vorlage. 8 15 155 575 7 1 5 5 e genau so, als 5„ 8 würden daher bei sonstiger Beibehaltung äre eine Marke geklebt worden. 5 Oeezes belrssend ole Juvaßd lass und Alerts, der sächertger Sätze betraben i Hei der neuen Festsezung der Invaldenrenten versicherung der Arbeiter“ vom Jahre 1891 die Nach 10 Jahren Beitragszahlung in Kl. IV:[ist nun der Hebel anzusczen, mi epi ae 5. 5 a. Reichszuschuß. Mk. 50,— Herabsetzung der Altersgrenze von 70 auf 60 6 Versicherung gegen eintretende dauernde totale 5„ J d sschl f das boder bis zu zwei Drittel erreichte Arbeits⸗ b. der neue Grund⸗ ahre, auf die fälschlicherweise vielfach da ö VVV b R 150.— Hauptgewicht gelegt wurde. Die Invalidenrenten unfähigkeit(Invalidität) in jedem Alter. 9„„ i 5 b 0 5 Wir wollen uns auch heute hauptsächlich mit e. 10 Jahre à 52 müssen höher gebracht werden, mindestens auf der abgeänderten Berechnung der Invalidenrente Wochen= 520 VVV Adr ieee 1 85 8 5 f nehmbar bezeichnet haben. Weiter kann man beschäftigen, wie sie die dem Reichstag gegen⸗ Sete den dann diese Invalidenrenten den verhältnismäßig WW wärtig vorliegende Novelle vorschlägt. Steigeruns„ 67. 1 och arbeitsfähigen Personen im 70 Der jetzige Zustand ist in kurzen Worten[ Zusammen also Mk. 267,0 Gebert 5 8 5 9 Alte 1 damit der folgende: Nach 20 Jahren Beitragszahlung„ 335,20[ de. ensjahre Wel und die Altersrente dam Jede Juvalidenrente besteht aus drei Teilen:/„ 30„„„ 402,80 8 5 15* 5 ohlen 3 aus einem festen Reichs zuschuß von 8 50 5 5 1 3 00 A l de unglücklichen Wies regte he. 5 50 Mark,„„„„„ 48 f a 8 krabsatz b. einem für alle Lohnklassen gleichen Mit diesen Rentensätzen ließe sich schon eher 7 95 weist es bi die 8 8 auf 60 oder d Grundbetrag der betreffenden Versicherungsanstalt etwas machen und man könnte sich bedingungs⸗ Jahre heral busen 1 85 5 1 55 von 60 Mark. weise mit einer solchen Neuerung einverstanden ziellen e h 8 N 5 9 117 ich c. aus Steigerungssätzen je nach Anzahl und erklären. 1 0 nzah F n 55 199 8 Höhe der geleisteten Beitragsmarken. Allein leider geht man, angeblich der geringen] schaft. 9i e e. 1— en Die Steigerung beträgt in der Beiträge wegen, in der neuen Vorlage nicht entwurf die 10 7 jährige e 1 5 fur jede gerlebte so weit. Der Erhöhung der Grund- Alter verkürzte. Wartezeit z ochen auf n eitrag Marke beträge und Gliederung derselben nach Lohn⸗ rund 1200 Beitragswochen herabgesetzt, ferner Lohnklasse 1(14 Pfg.) 2 Pfg. pro Woche klassen hat man die teilweise Herabsetzung] will man jeßt nicht nur die für die Alters⸗ 5 1 11 S272 15 der Steigerungssätze für jede Beitrags⸗ rente feststehenden Höchstbeträge pro Jahr von 1„ IV 30„) 15„*„ woche zur Ausgleichung des Mehrbetrags ent⸗ Lohnklasse 1 II III IV 118 0„ 680„)„„„ Igegengestelkt, und zwar soll künftig die Mk. 106,40 134,60 162,30 191,.— „Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Der Rentensteigerung für jede Marke nur betragen: vom 70. Lebensjahre ab zahlen, sondern es soll Arbeiter K. hat 10 Jahre ununterbrochen nach nach Lohnklasse 1 2 Pfg.(seither 2 P et; ö . 5 g.) als Altersrente künftig neben dem beibehaltenen Lohnklasse IV Marken geklebt und ist dauernd II 3 15 5 6 n festen Rechezuscuß 5 50 Mk. lediglich der * N mindestens zu zwei Drittel(6628 Prozent) in⸗ 5. I leistung und nur in der höchsten Lohnklasse(IV) f .** + 2 5 1 500 1 3 erreicht gegenwärtig die Rente einen nennens⸗ 0 9 e 1 500 hochsen! werten Betrag; bei kurzer Beitragszahlung und leistungen in Betracht gezogen. 3 22 f„ 70 77 50 9 77 v 1 f d te folge einer langwierigen Krankheit erwerbsunfähig 5 5 1 5 ee de eee 9 geworden, so erhält er nach Obigem: 1 1 V 6„(kneue Klasse.) Nach der zu beratenden neuen Gesetzesvorlage 1 4. Reichszuschuß... Mk. 50,— Unser beispielsweise angeführter Arbeiter K. erhalten im 70. Jahre noch arbeitsfähige Per⸗ 4. b. Grundbetrag d. Versicherungs⸗ erhielt hiernach nach 10 Jahren Beitragszahlung sonen, das sind solche, die nicht vorher sich die f 9 anstal t!„ 60,— nicht 267,60 Mk., sondern nur bedeutend höhere Invalidenrente haben geben „ e. 10 Jahre 2 52 Wochen gleich eee losen, im Höchsfsale 1 1 5: a. den Reichszuschuunß. 50 Mk.; n. 52⁰ N13 Pfg. Steigerung.„ 67.60 b. den er 08 0 der Lohnklasse 1 II N V Pordo 4 Zusammen eine Jahres rente von Mk. 177,60 Klasse VVV Mk. 110 140 170 200 230 alb vier 1 Nach 20 Jahren Beitragszahlung würde er c. 10 Jahre à 52 Wochen= 520 Sind während der Versicherungsdauer Marken 1 1 aufgrund obiger Berechnung erhalten mal 5 Pfg. Steigerung. 26„ aus verschiedenen Lohnklassen beigebracht, so wird * Mk. r Mk. Jahresrente. Zusammen also eine Jahresrente von 226 Mk. aus diesen Beträgen der Durchschnitt 9 1 ach 30 Jahren Nach 20 Jahren Beitragszahlung nur 252 Mk. Wenn man auf Seiten der Ausarbeiter der 5 Mk. 50-60. 202,80— 312,80 Mk. Jahresrente. 8 5 0 5 8„ 278„ kneuen Regierungsvorlage zum Invalidenversiche⸗ 116 Nach 40 Jahren 1 8„ 304„ rungage etz der Ansicht ist, daß die Versiche⸗ Mek. 5060270, 40= 270,40 Mk. Jahresrente. 5 5„ 330„ rungsbeitrage es ohne erhebliche Ueberlastung Nach 50 Jahren ben Versicherte in verschied Lohnklass der errichteten Versicherungsanstalten nicht zu⸗ Mek. 5060-338,00= 448,— Mk. Jahresrente. Ha en Versicherte in erschie 1 ohnklassen lassen, die Invalidenrenten höher anzusetzen, 1 Man sieht also: nur nach langer Beitrags⸗ Beläge entrichtet, so findet für den Grund⸗ so braucht man ja nur den Reichs zuschuß J 1 betrag der Invalidenrente eine Durchschnitts⸗[pon 50 Mk. entsprechend zu erhöhen, ihn vorläufig zu verdoppeln, also künftighin auf 100 Mark pro Jahr für jede zu gewährende inn den niederen Lohnklassen ist sie sehr klein 5 f ˖ Rente festzulegen. 5 i 8. 4 und für den invaliden Arbeiter durchaus un⸗„ wollen wir noch, daß wir der Ein Reich, das Tausende von Millionen für f f Deutlichkeit halber in unseren aufgestellten i g 955 ft nd Berechnungen die Kalenderjahre mit 52 Wochen Heer und Marine ausgiebt, kann einige hunde g Dem will die gegenwärtig dem Reichstage 9 5 5 lid zh nag. Millionen ganz gut für seine invalid gewordenen vorliegende„Novell liditä ichen, auzenommen haben, da Auvan enversicherungs Bürger verwenden, die infolge langwieriger 1 3 e 1 gesetz rechnet mit sogenannten Veitragsjahren Krankheiten oder hohen Alters gar nicht oder I dung gesetz' in etwas abhelfen. Man hat in 2 47 Wochen und beträgt die Wartezeit bei der(e a e e 7 dem Gesetzentwurfe die Festsetzung des zur Zeit Invalidenrente gegenwärtig fünf Beitragsjahre nicht mehr genügend ihrer seitherigen Beschäf 12 5 87 Lohnklassen gleichen Grundbetrages ,. tigung e 9 e ee er ersicherungsanstalt(b) wie folgt vor⸗ 1 1 d. In dieser Ansicht steht die ungeheure Mehr⸗ Eee, gesehe n: f Muuf 00 feng über 1155 1 in er e bee heit des Volkes hinter uns. Ebenso, wie die eh ⸗ r 2 1 n 1 95 2 8 19 1 1 1 1 ———— — Deite 2 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 6. große Mehrheit des Volkes hinter uns stand, als unsere Vertreter im Reichstage dem jetzt beste henden Alters⸗ und Invaliditätsgesetz ihre Zustimmung versagten. 5 llitische Nundschau * Gießen, den 3. Febrnar Ausgezeichnet. Der Oberpräsident v. Köller, der Schutz⸗ patron des von dänischen Dienstmädchen bedrohten Deutschtums, hat das Großkreuz des Roten Adler⸗Ordens mit Eichenlaub verliehen er⸗ halten. Es ist also offenbar ein sehr hoher Orden. — Auch die Ehefrau des Oberpräsidenten scheint sich, nach der Meinung des Herrn Lucanus, dem verantwortlichen„Ordensminister“, Verdienste um die Ausweisung gefährlicher dänischer Dienst⸗ mädchen erworben zu haben. Frau v Köller ist mit der Roten Kreuz⸗ Medaille zweiter Klasse be⸗ dacht worden. Der Ausweisuugsminister v. Köller findet übrigens auch bei dem Hamburger Anti⸗ semitenblatt Anerkennung. Es bekundet, wie das„Echo“ mitteilt, seine Freude über die nordschleswige Köllerei, nennt sie gesetzlich und uational! Ein großer Unterschied. Onkel Clodwig, Fürst v. Hohenlohe, der Reichskanzler, tritt am 31. März in sein 80. Lebensjahr. Daran hatten einige Blätter Vermutungen in Betreff seines Rücktrittes ge⸗ knüpft. Die„Nordd. Allg. Ztg.“ erklärt aber: „Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß auch diesmal die Gerüchte über einen Kanzler⸗ wechsel völlig unbegründet sind.“ Warum auch sollte der Reichskanzler gehen? Etwa, weil er zu alt ist? Unsinn! Bei dem obersten Reichs⸗ beamten, der als solcher Träger einer geradezu unheimlich großen Verantwortung ist, scheint es nichts auszumachen, wenn er bereits 80 Jahre zählt. Bekanntlich nehmen aber die Reichs⸗ Musterbetriebe, Post, Eisenbahn, Schiffs werften u. s. w. keine Arbeiter mehr an, wenn sie nur halb so alt sind, wie Fürst Hohen⸗ lohe. Arbeiter sind schon mit 40 Johren zu alt. Ein Reichskanzler thuts noch mit 80 Jahren! Das ist der große Unterschied. Um Gründe verlegen. Einem Hamburger Blatt wird aus Berlin geschrieben: „In den Privatgesprächen der Reichstags⸗ Abgeordneten erzählte man sich, daß Gr af Posadowsky befreundeten Abgeordneten gegen⸗ über geäußert habe, er sei erstaunt gewesen, als er bei seinen Vorarbeiten für den Zucht⸗ haus⸗Gesetzentwurf die ungeheuere Ueberlegenheit und Uebermacht der Koalitionen der Arbeitgeber gegenüber denen der Arbeitnehmer erkannt habe. Die ersteren brauchten wahrlich keine Unterstützung des Gesetzgebers mehr, um die letzteren im Zaum zu halten. Ob diese Aeußerung wirklich so oder ähnlich gethan worden ist, mag dahingestellt bleiben, daß sie im Reichstage er zählt und vielfach geglaubt wird, ist jedenfalls eine Thatsache. Eine Thatsache ist es auch, daß Graf Posadowsky seit der Oeynhau⸗ sen er Kaiserrede seine gute Laune ein⸗ gebüßt hat, und daß der Dezernent im Reichs⸗ amt des Innern, der mit der Ausarbeitung der „Streikvorlage“, wie sie auch genannt wird, be⸗ auftragt wurde, nicht auf Rosen gebettet ist. Man hat versucht, mit den Regierungen der Mittelstaaten vorher eine Verständigung über die Grundzüge dieser Vorlage zu erzielen. Ge⸗ lungen scheint dies nicht zu sein, und so werden die Schwierigkeiten erst eigentlich im Bundesrat beginnen, vom Reichstage ganz zu schweigen. Man darf gespaunt darauf sein, was schließlich dabei herausspringen wird. Keinesfalls aber eine„Zuchthausvorlage“, wie sie ursprünglich gedacht und bezweckt war.“ Wir geben, gleich dem Vorwärts, diese Mit⸗ teilung wieder, ohne ihr irgendwelche Glaub⸗ würdigkeit beizumessen. Nichts wäre verfehlter, als auf verständige Sozialpolitik der Regierungen im Reichstage das Streik- und Zuchthausgesetz eindringlich gefordert. Herr v. Stumm weiß, was er will und was er kann. Sein Wille ist der Regierung Befehl. Die Arbeiter mögen auf dem Posten sein. Sie wissen was der Kaiser angekündigt hat in Oeynhausen. Ein weißer Rabe. Pfarrer Oberndörffer, ein eifriger Zentrums⸗ mann, schrieb jüngst folgende beachtenswerte Zeilen:„Die Geistlichkeit zumal muß die Zeichen der Zeit beobachten und nach ihnen seine Wirk⸗ samkeit entfalten. In der Bekämpfung der Sozialdemokratie ist noch vorsichtiger zu Werke zu gehen, als bisher. Wiederholt haben wir betont, man möge kein unsinniges Schimpfen und Lästern aufkommen lassen; damit würde man keinen Sozialdemokraten bekehren und keinen Arbeiter von der Sozialdemokratie fern halten; im Gegenteil, man entfremde sich die Arbeiter⸗ welt nur noch mehr und mache sich selbst verächtlich. Heute glauben wir noch ent⸗ schiedener davor warnen zu sollen. In religiöser Hinsicht stelle man nicht die Sozialdemokraten in Bausch und Bogen als glauben slose und religionsfeindliche Schwärmer dar. Wenn es auch nicht verwehrt sein kann, gottlose Aus⸗ sprüche der Führer bei passender Gelegenheit als Warnung heranzuziehen, so möge man doch nicht immer und immer damit kommen, oder gar die Worte Einzelner als Grundsätze der Partei hinstellen. Man halte sich mehr an die wirklich offiziell ausgesprochenen Grundsätze der Partei!“ Natürlich kehren sich weder die Geschorenen vom Zentrum noch die Gescheitelten der verschiedenen Sorten„Sozialen“ an die vernünf⸗ tigen Worte Oberndörffers. Deshalb gedeiht die Sozialdemokratie allerdings doch. Kampf mit geistigen Waffen. Vor etwas sechs Jahren wurde in München⸗ Gladbach ein sozialdemokratischer Volksverein ge⸗ gründet. Er hatte unter der Unduldsamkeit der Zentrumspartei viel zu leiden. Die Gegner waren vor allem bedacht, ihm das Versammlungs⸗ lokal abzutreiben. Als das in der ersten Zeit trotz vieler Mühe nicht gelang, griffen die Erb⸗ pächter der christlichen Nächstenliebe zur rohen Gewalt; eines Tages drangen sie in die Sitzung des Vereins ein und schließlich demolierten sie in dem Lokal, was ihnen unter die Hände kam. Endlich gelang es auch, den Verein obdachlos zu machen. Und nun sorgten die Ultramontanen mit all' der Macht, die ihnen in den meisten Orten des Rheinlandes zu Gebote steht, dafür, daß kein Wirt in der ganzen Stadt den Verein wieder aufnahm. Jetzt hat der Volksverein ge⸗ zwungenermaßen seine gesamte Thätigkeit bis auf unbestimmte Zeit sistiert. Berlin ohne Oberbürgermeister. Die Nichtbestätigung des Berliner Bürger⸗ meisters, wie die Ausweisungspolitik des Herrn v. Köller, die„straffe Haltung“ der Regierung „gegenüber den Anmaßungen des Polentums“ hat der Landrat von Kotze in Wanzleben gelegentlich einer Festrede bei dem diesjährigen Kaiseressen auf die eigenste Initiative des Kaisers zurückgeführt. Herr von Kotze hält es für wahrscheinlich, daß Bürgermeister Kirschner nicht bestätigt werden würde, da die bekannten Beschlüsse der freisinnigen Stadtver⸗ tretung über die Ehrung der Märzgefallenen den Kaiser sehr verstimmt hätten und den Hauptgrund für die verzögerte Bestätigung bildeten.“ Arme Freisinnsmannen! Ein neues Gewehr! Bei Gelegenheit der Kaisers Geburtstags⸗ feier der Gewehrfabrik zu Danzig erhielten unte r anderen Angestellten auch zwei Arbeiter Fedrau und Frankenberg, eine mit dem Wappen und dem Namenszug des Kaisers geschmückte silberne Uhr. Hierbei teilte der Major Prestel ihnen mit, daß ihnen das Geschenk vornehmlich desholb verehrt worden sei, weil sie sich an den Vorarbeiten für das neue Gewehr⸗ modell besonders hervorgethan hätten. Hierzu nehme man die folgende Meldung: Seit einiger geschieht, weil sich ein neues Gewehr in Arbeit befindet, das bald für das Heer einge⸗ führt werden soll. Vom 1. April d. J soll der Fabrikationsbetrieb so eingerichtet werden, daß tglich etwa 80 Gewehre fertig gestellt werden können. Wo werden denn die Mittel zur baldigen Einführung des neuen Gewehres hergenommen? Vom Reichstage ist noch nicht einmal etwas gefordert, geschweige denn etwas bewilligt worden. Will man den Reichstag vor eine vollendete Thatsache stellen, daß er nur noch der Form wegen 15 063. zwei Drittel) auf Preußen. staaten folgendermaßen: 1 814, Württemberg 599, Baden 671, Hessen 83, in der Häufigkeit der Anwendung sind hiernach nicht zu bemerken Denn die verschiedene Höhe den Bevölkerungsverhältnissen der in Betracht kommenden Bundesstaaten.— Nach allen von den einzelnen Bundesstaaten erlassenen Anord⸗ teilten in Betracht gezogen werden. In Baden ist es schlechthin Voraussetzung der Gewährung keine Freiheitsstrafe verbüßt hat. Auch in Bayern stens als Regel gefordert. Bundesstaaten, insbesondere in Preußen, berücksichtigt werden. Weitem. In Preußen kamen von 10 833 Ge⸗ suchen 8326 auf Personen unter 18 Jahren. In zu rechnen. Herr v. Stumm hat kürzlich wieder D——— p——— Zeit müssen die Arbeiter der Spandauer Gewehr⸗ fabrsr. Taglich eine Hcherstunde machen. Diez 1 Dezember 1898 in den Bundesstaaten, für welche l Erhebungen vorliegen, eine Aussetzung der Gründe, Strafvollstreckung mit Aussicht auf spätere Begnadigung bewilligt worden ist, beträgt danach Davon entfallen 10 075(etwas über Im Uebrigen ver⸗ teilen sich die Fälle auf die einzelnen Bundes⸗ Bayern 1938, Sachsen Mecklenburg 192, Oldenburg 63, Elsaß⸗Lothringen 618; Summa 4988. Beträchtliche Abweichungen der absoluten Zahlen enispricht im Wesentlichen nungen soll bei der Bewilligung von Strafauf? schub vornehmlich das Vorleben des Verur⸗ des Strafaufschubs, daß der Verurteilte noch e und Württemberg wird diese Voraussetzung wenig⸗⸗- In den anderen sollen vornehmlich nur erstmalig verurteilte Personen Die Zahl der Jugendlichen überwiegt bei Preußen werden vornehmlich nur erstmalig ver⸗ 1 1 l 5 einen ee bol eln ih a der Stumm und ein 10 IA Ja und Amen zu sagen hätte? n die Ell Spätes Geständnis. 5„ Bisher pflegten die Konservativen über Ver⸗ 5 90 läumdung zu zetern, wenn wir ihnen vorwarfen, vil un daß die ganze gewaltige Sozialreform nicht? 35 sud. als ein Mittel des Stimmenfangs gewesen e 6 sei. Man pochte auf das gute Herz, das sozial⸗. politische Gewissen und die christliche Gesinnung. ie N Jetzt beichtet nun die„Kreuz⸗Zeitung“, deren riarbe Wochenschauer also schreibt: dure i Die Sozialdemokratie wird durch Nachricht die Sozialreform nicht schwächer, sondern den Erwe immer stärker, und eben das hat die unden f Konservativen veranlaßt, ihrem arbeitende ursprünglichen sozialreformato⸗ dun bishe rischen Eifer Zügel anzulegen, in⸗Deuschlan soweit es sich dabei um die ausschließliche Be⸗ Sputgebi rücksichtigung von Forderungen des Arbeiter⸗ ein glänze standes im engeren Sinne handelt. I sieh der Die Sozialreform war also nur Schau⸗ und der fenster⸗Reklame, um einem bankrotten Ge⸗ Folonien schäft Kunden zu ködern und sie dem gegen⸗ biet der über aufblühenden Riesenbetrieb wegzuschnappen. 75000 Die Kunden kamen nicht, sie liefen in ihrer Ver⸗ 2. Togo blendung immer noch dem glücklicheren Nachbar schuß 25 zu, und jetzt zieht das„solide Handwerk“ die 1730000 kostspieligen Dekorationen ein und verlangt, was 1 4. Süd! billiger ist, lieber Ausnahmegesetze gegen die Reichszus⸗ „voltsverwüstende“ Konkurrenz. Die Politik des Einnahme unlauteren Wettbewerbes hat sich bei den Kon⸗ lionen M servativen nicht rentiert— so geben sie sich nicht aus den! mehr die Mühe,„gerissen“ zu sein und begnügen 9 kionen 2 sich mit der brutalen Gewalt, die nicht einmal 17 Mi den Scharfsinn erfordert, den man zur Ausübung ö werden eines Volksbetruges immerhin bedarf. Fast au Die bedingte Begnadigung. Ethalun Dem Reichstage ist von Seiten des Reichs ⸗ sinn der Justizamts eine Zusammenstellung der in den dun ka größeren deutschen Bundesstaaten geltenden Be⸗ fenden! stimmungen über die bedingte Begnadig⸗ einbrin ung und die Ergebnisse der bisherigen Anwen⸗ Ache d dung dieser Vorschriften zugegangen. Die Ge⸗ un der samtzahl der Fälle, in welchen bis zum 1. willen? Die Kolonial des Ma haf, 80 fe veni Fipiel Laute Kolonia malige hitte we 1 N 1 ein un 1 ae doliif y 6. — 8 * Is hr in einge⸗ oll der 1 daß Verden ldigen men? etwaz orden. lendete ö wegen er Ver⸗ warfen, r nichtz gewesen sozial⸗ innung. „deren durch sondern at die ihren mato⸗ en, in⸗ iche Be⸗ lrbeiter⸗ schau⸗ ten Ge⸗ n gegen⸗ nappen. ter Ver⸗ Nachbar erk“ die igt, was gen die litik des en Kon⸗ sich nicht egnügen t einmal Usübung Reichs⸗ in den den Be nadig⸗ Anwen- Die Ge⸗ zum 1 ür welche 9 det uf pte t dun pas übe igen bel⸗ Bunde Soc essen 05 othringel chu hier ene 0 gentlich Betroc allen 1 Nr. 6. Meitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. eite 3. urteilte Personen berücksichtig. In Betreff der Art und der Höhe der Strafen überwiegen bei Weitem die Gefängnisstrafen. Das Höchstmaß, für welches eine bedingte Begnadigung stattfindet, beträgt für Preußen sechs Monate Gefängnis. Zwei Sozialistentöter im Kampf. Stöcker und Stumm liegen sich wieder in den Haaren, zum Glück aber auch am Boden. Der Stumm sagt dem Stöcker in der„Post“, er— der Stöcker— habe neulich im Reichstag seinen„Schwanengesang“ gehalten, worauf wut⸗ entbrannt der Stöcker dem Stumm im„Reichs⸗ boten“ erwidert: er— der Stumm— thäte besser, sich über Andere nicht lustig zu machen, denn er (der Stumm) sei im Reichstag völlig vereinsamt, und ein toter Mann. Ach wie lieblich ist doch dieser Streit der zwei echt christlichen, einzig wahren Stützen des Throns und Altars! Und wie er uns an jenen Streit des Rabbi und Mönch gemahnt! Welcher Recht hat? Ach, es will uns schier bedünken— daß sie einander wert sind. Glänzeude Kolonialpolitik. Die Reichsregierung hat offenbar ihren Ko⸗ lonienappetit noch lange nicht gestillt, und es dürfte nicht lange währen, bis wir durch die Nachricht erfreut, daß unsere„Schutzgebiete“ durch den Erwerb der Karolineninseln erweitert worden sind. Was der neue Erwerb für das arbeitende Volk bedeuten würde, das ist aus den bisherigen kolonialpolitischen Experimenten Deutschlands einleuchend genug. Der Etat der Schutzgebiete für das Jahr 1899 liefert wieder ein glänzendes Bild dieser Politik. Danach stellen sich der„S. A. Zig.“ zufolge die Einnahmen und der erforderliche Reichszuschuß für die Kolonien folgendermaßen dar: 1. Das Schutzge⸗ biet der Neu⸗Guina⸗Kompagnie: Einnahmen 75000 Mark, Reichszuschuß 657000 Mark: 2. Togo: Einnahmen 804000 Mark, Reichszu⸗ schuß 254000 Mark, Kamerun: Einnahmen 730 000 Mark, Reichszuschuß 983 400 Mark; 4. Südwestafrika: Einnahmen 600 000 Mk., Reichszuschuß 7 Millionen Mk.; 5. Kiautschou: Einnahmen 0, außerordentliche Ausgabe 8 Mil⸗ lionen Mark. Somit betragen die Einnahmen aus den Kolonien zusammengenommen ca. 2 Mil⸗ lionen 200 000 Mark, die Ausgaben aber ca. 17 Millionen 400000 Mark. Wofür werden aber diese riesigen Summen verwendet? Fast ausschließlich für Verwaltungskosten und Erhaltung der Schutztruppen! Der ganze Wider⸗ sinn der deutschen Kolonialpolitik kommt darin zum krassen Ausdruck: es werden Länder in fremden Weltteilen erworben, die nicht nur nichts einbringen, sondern viele Millionen aus der Tasche der Steuerzahler verschlingen, nur um der nackten Aufrechterhaltung der Herrschaft willen? Die Arbeiterklasse hat viele andere, tiefere Gründe, als blos finanzielle Rücksichten gegen die Kolonialpolitik: sie sieht darin die kräftigste Stütze des Marinismus und Militarmus, der reaktio⸗ nären inneren Politik, ferner der Völkerfeind⸗ schaft, der internationalen Reibungen und Kriege, sie verurteilt endlich in der Kolonialpolitik prin⸗ zipiell die gewaltsame Beherrschung fremder Länder und fremder Völker. Aber auch die Kolonialpolitik hat ihre zwei Seiten. Die ehe⸗ malige englische und holländische Kolonialpolitik hatte wenigstens vom rein kapitalistischen Stand⸗ punkt einen Sinn, sie hatte vor allem Produktions⸗ und Handelsinteressen des Landes im Auge. Und obwohl die Arbeiterklasse gegen jede Kolonial⸗ politik von ihrem Klassenstandpunkte entschieden Front machen muß, so ist doch speziell die deutsche geradezu eine Parodie sogar vom kapitalistischen Standpunkt, sie findet nicht einmal in den Pro⸗ fitinteressen des Unternehmertums oder des Staates ihre begrenzte historische Berechtigung. Sie ist eine reine Verschwendung der Reichsmittel, eine Kolonialpolik um der Kolonialpolitik willen, ein Ausfluß der Bestrebung, aus Deutschland durch⸗ aus und um jeden Preis eine Weltmacht zu machen und in Weltpolitik um die Wette mit anderen alten Kolonialmächten zu spielen. Gegen diese kostspieligen und verderblichen Gelüste muß sich die Arbeiterklasse mit aller Energie und bei jeder Gelegenheit wehren. Wo die Mittel für die geringste Sozialreform zum Wohle der ar⸗ beitenden Masse, für alle Kulturaufgaben fehlen, da darf das Volk nicht mit gleichgiltigem Auge die Verschwendung enormer Mittel für Welt⸗ politikphantasien ansehen: es erwächst für sie die Pflicht, im eigenen Interesse vor allem die Dinge auf dem Gebiete der Kolonialpolitik sehr auf⸗ merksam zu beobachten und gegen jede neue in Sicht stehende Gebietserweiterung, wie gegen⸗ wärtig mit den Karolinen geplant wird, laut und eindringlich zu protestieren. Von der Dreyfus⸗Affäre. Mit den schofelsten Mitteln suchen die Reak⸗ tionäre die Revision zu vereiteln. Jetzt wird auf Vorschlag des Ministeriums Dupuy schnell ein eigenes Gesetz fabriziert, das es ermöglichen soll, abermals hemmend in die„Affäre“ einzu⸗ greifen. Eine solche Gesetzmacherei ist geradezu ein Skandal. Anstatt einen offenbar fal schen Urteilsspruch so schnell wie möglich wieder gut zu machen, wird alles mögliche versucht, die bloßgestellten Generalstäbler vor Gericht wicht als Schurken hinstellen zu müssen. Und weil man Betrüger und Verräter schonen will, soll ein anscheinend Unschuldiger weiter leiden. Wenn man in Frankreich an maßgebenden Stellen nicht wüßte, daß Dreyfus verurteilt wurde auf Grund eines sehr anfechtbaren Verfahrens, dann wäre die Revision längst vorgenommen. Man fürchtet sich, in das Generalstabs⸗-Wespen⸗ nest zu greifen. As dem Reichstag. In den Sitzungen am Donnerstag und Samstag v. W. und Montag und Dienstag d. W. wurde die Etatsberatung fortgesetzt. Bei dem Titel Marineverwaltung kam es am Montag zu einigen Auseinandersetzungen von prinzipieller Bedeutung. Ben. Singer brachte einen Tagesbefehl des Oberwerftdirektors in Danzig zur Sprache, durch den die Werftarbeiter angewiesen werden, nichtsozialdemokratisch zu wählen. In dem Tagesbefehl wird von dem Herrn von Wietersheim auseinandergesetzt, welch schrecklichen Kerle die Sozialdemokraten sind, daß sie den Umsturz erstreben und was dergleichen niedliche Sachen noch mehr sind. Nachdem solchermaßen die Arbeiter über die wahren Ziele der Sozialdemokratie aufgeklärt waren, richtet der Oberwerftdirektor an sie die Aufforderung:„Wer noch einen Funken von Liebe für sein deutsches Vaterland hat, wer noch in Treue zu Kaiser und Reich steht, der trete mannhaft am 24. Juni an die Wahlurne und gebe seine Stimme dem staatserhaltenden Kandidaten Danzigs, dem treuen Bürger dieser Stadt.“(Ruf rechts, vornehmlich Abg. v. Stumm: Sehr richtig! Ruf von anderer Seite: Rickert! Große Heiterkeit.) Singer ging scharf ins Gericht mit dieser ungesetzlichen Wahlbeeinflussung. Der Staats⸗ minister Tirpitz gestand zu, daß auch er dieses Verhalten des Werftdirektors nicht billige. Ein verstanden mit der Wahlbeein⸗ flussung war„voll und ganz“ der Abg. Freiherr von Stumm. Dieser führte aus: Wir auf der Rechten haben jederzeit den Standpunkt vertreten, daß bei Wahlen auch jeder Vorgesetzte das Recht haben muß, seine Ansicht auszusprechen. Den Tagesbefehl des Herrn v. Wietersheim können wir nicht als Wahlbeeinflussung auffassen, es ist lediglich ein wohlgemeinter Rat dieses Herrn an seine Arbeiter.(Lachen links.) Für diese Offenheit kann man dem König von Saarabien dankbar sein. Der Marineetat wurde am Montag zu Ende beraten und genehmigt. — In der Dienstagssitzung genehmigte der Reichstag den Etat von Kiautschou— selbstverständlich gegen die Stimmen unserer Genossen. Die Stimmung im Reichstage ist kolonialfreundlicher geworden, die Zeiten, wo Bamberger und Richter im Verein mit der So⸗ zialdemokratie die Kolonialpolitik energisch be⸗ kämpften, ist vorüber. Des Zentrums Wider⸗ stand ist gänzlich gebrochen. Kiautschou wird als ein wahres Paradies gepriesen und wenn man die Reden der Herren von der national⸗ liberalen und konservativen Partei hört, möchte man meinen, es müsse dem armen Vaterlande vom Lande der Chinesen sicher bald noch ein zweiter Milliardensegen blühen. Abg. Richter äußerte sich sehr wohlwollend und machte wieder einmal die Kluft recht deutlich, welche sich zwi⸗ schen den Anschauungen der bürgerlichen Kreise und unseren Anschauungen aufthut. Bebel vertrat unseren Standpunkt in scharf kritisierender Rede. Er führte aus, daß im besten Falle sich ein neues Gründertum in Kiautschou entwickeln würde, von dem die Arbeiter natürlich gar keinen Nutzen haben. Seinen klaren Auseinander⸗ setzungen konnten die Herren rechts nichts ent⸗ gegenhalten. Graf Arnim ödete in Ermangelung sachlicher Gründe den Genossen Liebknecht und das Haus mit seiner falschen Auffassung eines Artikels„Zukunftsstaat“ an, den Liebknecht in der Zeitschrift„Cosmopolis“ veröffentlicht hat. Der„Alte“ blieb ihm die Antwort nicht schuldig. Als er gegen eine Aeußerung des Grafen Oriola polemisieren wollte, geriet er in heftigen Konflikt mit dem Präsidenten. Genosse Liebknecht ließ sich sein Recht nicht ver⸗ schränken und blieb Sieger. Der gräfliche Präsi⸗ dent setzte sich schließlich nieder und ließ ihn gewähren. Man muß es dem„Alten“ als Ver⸗ dienst anrechnen, daß er so energisch die Rede⸗ freiheit im Parlament gewahrt hat. Am Mittwoch beschäftigte sich der Reichs⸗ tag wieder mit der Aufhebung des Jesuiten⸗ gesetzes und stimmte derselben zu. Ebenso dem Antrag Rickert⸗Graf Limburg⸗Stirum, wo⸗ nach nur§ 2 des Jesuitengesetzes(Internierung und Expatriierung) aufgehoben werden sollen. Wider Erwarten kam es bei dieser Gelegenheit zu einer lebhaften Debatte, und zwar nicht über die Jesuiten, sondern über das Asylrecht der Schweiz. Abg. Dr. Lieber erklärte nämlich auf Aufforderung des Abg. Rickert, der sich auf Aeußerungen der schweizerischen Presse bezog, daß er mit seinen in der zweiten Lesung ge⸗ machten Aeußerungen über die Schweiz(in der Schweiz liefen Königs⸗ und Frauenmörder un⸗ belästigt herum) keineswegs das schweizer Volk habe beleidigen wollen. Damit wäre die Sache abgethan gewesen, wenn nicht Graf Limburg⸗ Stirum diese Gelegenheit benutzt hätte, um in bekannter Manier unter Bezugnahme auf die Debatte über dte Ausweisungen von Dänen im Abgeordnetenhause Angriffe auf die„nationale Gesinnung“ der Freisinnigen zu richten und zu⸗ gleich über das Asylrecht der Schweiz herzufallen. Abg. Rickert wies die Angriffe zurück, während Genosse Bebel das schweizer Asylrecht ver⸗ teidigte und darauf aufmerksam machte, daß dies nicht allein von Sozialdemokraten, sondern wiederholt von hohen fürstlichen Personen in Anspruch genommen sei. Auch die Herren vom Zentrum und der Rechten könnten unter Umständen in die Lage kommen, von diesem Asylrecht Gebrauch zu machen. Hieran schloß sich noch eine lebhafte persönliche Auseinander⸗ setzung zwischen Bebel und Lieber, in deren Verlauf es auch zu einem Zusammenstoß Bebels mit dem Präsidenten Grafen Ballestrem kam. Nächste Sitzeing: Freitag. Bon Jah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit dei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Parlamentarisches. Bei dem nächsten Zusammentritt der zweiten Kammer der Landstände wird eine Petition der Bauaufseheraspiranten des Groß⸗ herzogtums Hessen zur Verhandlung kommen, die darin gipfelt, daß weitere 22 etatsmäßige pensionsberechtige Stellen geschaffen werden möchten. Die Lage dieser Leute ist keine be⸗ neidenswerte. Unsere Genossen werden im Land⸗ tag für die Aspiranten eintreten. 33—— 1 ———— . ieee ee — eee e eee — Deite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 6. 2—— Reform der hessischen Gemeindestenern. * Dem kürzlich besprochenen Reformplan für die direkten Staat ssteuern ist nun auch als Ergänzung eine Regierungsvorlage, die Reform der Gemeindesteuern beteffend, gefolgt. In in ihr kommt der Geist, der dem ganzen Werke inne wohnt, am unverhülltesten zum Aus⸗ druck. Thut ja den lieben Leuten nicht weh, die von ihren Zinsen und Renten leben, damit sie nicht den Staub von ihren Pantoffeln schütteln und uns schnöde verlassen! — das ist das Leitmotiv. Die Hauptsteuer soll auch für die Gemeinden die schon seither erhobene allgemeine Einkommensteuer sein. Daneben sollen Grund⸗ und Gewer besteuer beibe⸗ halten werden, denn die Landwirte und Ge⸗ werbetreiben können ja nicht so leicht fort⸗ laufen. Die Rentner aber können das, und darum soll erstens die seitherige Kapital⸗Renten⸗ steuer aufgehoben, und zweitens eine Ver⸗ mögenssteuer für die Gemeinden nich t eingeführt werden. Also Steuererleichterung für alle Rentiers und solche, die auf dem Wege sind, es zu werden. Aus Wieseck. * Vor 50 Jahren scheinen die Wiesecker Frauen und Mädchen höhere Toilette⸗Ansprüche gemacht zu haben als heutzutage. In einem Gießener Blättchen vom März 1849 finden wir folgendes Inserat:„Wieseck. Einem verehrten Publikum mache ich die ergebe Anzeige, daß ich mich als Damenkleidermacher etablirt habe, unter Versprechung reeller und prompter Be⸗ dienung bitte ich um geneigten Zuspruch. H. L aub, Wieseck.“ Aus Heuchelheim. b Am Samstag voriger Woche feierte der hiesige Arbeiter⸗Bildungs⸗Berein sein Winter⸗ fest in dem mit den Bildern von Lassalle, Marx, Liebknecht und Bebel geschmückten Saale„zum Treppchen“. Ein gut zusammengestelltes Konzert⸗ Programm, und ein von Mitgliedern des Vereins flott zur Darstellung gebrachtes Theaterstück be⸗ wiesen die Leistungsfähigkeit des Arbeiterbildungs⸗ Vereins. Der nachfolgende Tanz hielt die zahl⸗ reichen Teilnehmer bis zur frühen Morgenstunde zusammen. Aus Friedberg⸗ Büdingen. * Man schreibt uns: In jeder Beziehung ungenügend werden vielfach die Nachtwächter entschädigt, die doch einen schwierigen und sehr verantwortungsvollen Dienst haben. In Büdingen z. B. erhielt ein Nachtwächter jährlich Mk. 150 und 5 Meter Holz. Auf Grund einer Eingabe an die Stadtverwaltung wurden 30 Mk. Zulage bewilligt. Demnach werden jetzt für eine Nacht sage und schreibe noch nicht einmal 50 Pfennig gezahlt. Dabei ist der Nachtwächter verpflichtet, gewissenhaft seinen Teil der Stadt abzupatroullieren und die Kontrolluhren aufzuziehen. Irgend eine Waffe zu führen, ist den Leuten untersagt. Nun meint aber die Stadt noch wunder was gethan zu haben, weil sie 30 Mk. zulegte. Dafür soll jetzt der Kontrollbezirk, den zu durchgehen jetzt schon ¾ Stunden in Anspruch nimmt, noch ver⸗ größert werden.— Man muß sich wirklich wundern, daß sich eine Stadtverwaltung in der⸗ artigen Dingen so außerordentlich sparsam ver⸗ hält. Sobald es sich doch um die Sicherheit der Stadt und ihrer Einwohner handelt, sollte man auch eine der großen Verantwortlichkeit ent⸗ sprechende Bezahlung bieten. Es erscheint geradezu verwunderlich, daß sich für die jetzige Bezahlung überhaupt jemand findet, der die nächtliche Be⸗ wachung der guten Stadt Büdingen übernimmt. Aus Wetzlar. Der Hauerlaß in der Praxis. * Von glaubwürdiger Seite wurde der „O. L.⸗Ztg.“ folgendes mitgeteilt:„Am Sonntag machten einige Gießener Herren eine Vergnügungs⸗ tour nach Wetzlar und stiegen im„Römischen Kaiser“ ab. Unter diesen Herren befanden sich zwei ältere Gerichtspersonen, sowie ein praktischer Arzt. Vor ihrem Eintritt machten sich einige der beteiligten Herren das Vergnügen, einige kleine Münzen unter die auf der Straße spielenden Kinder zu werfen, worauf sich letztere herum⸗ tummelten, um die Münzen zu erhaschen. Dieses Vergnügen wurde jedoch gestört durch den her⸗ zutretenden preußischen Gendarmen, der die Herren im strengsten Polizeitone aufforderte, sich zu legitimieren, worauf letztere erwiderten, daß sie, um eine Vergnügungstour nach Wetzlar zu unter⸗ nehmen, keine Legitimationskarten mitgenommen hätten. Der Polizeimann zog hier auf blank und hieb einem Herrn, Dr. E., mit flacher Klinge dermaßen über die Wange, daß eine breite Wunde entstand, ebenso versetzte der Gestrenge dem Verwundeten auch noch einen Hieb über den Kopf. Trotzdem einer der älteren Herren dazwischen sprang und seine Legitimationskarte vorzeigte und die anderen Herren mit Namen nannte, hieb der Wachtmeister auch auf einen älteren Amtsrichter ein, den er eben⸗ falls durch einen Hieb auf die Wange verletzte. Der Arzt blieb unverletzt und legte derselbe den Verwundeten Verbände an.“— Wahrscheinlich hat der Wetzlarer Gendarm, Glaus ist sein Name, wie uns direkt von W. gemeldet wird, den Hau⸗ und Schießerlaß des Mi⸗ nisters v. d. Recke gelesen und— danach gehandelt. So sehr auch wir den Vorsall be⸗ dauern, so sehr befriedigt es uns, daß nicht Arbeiter, sondern Akademiker der leidende Teil waren. So lange blos von Arbeitsleuten der Ruf:„Schutz vor Schutzleuten“ er⸗ tönte, verhallte er ungehört. Wenn aber jetzt Richter, Aerzte und Studierende mit ein⸗ stimmen in den zeitgemäßen Ruf, wird man ihn auch dann überhören? Aus Marburg. In der hiesigen städtischen Schwimm⸗ und Badeanstalt ist am 26. August v. J die elf⸗ jährige Tochter eines hiesigen Beamten er⸗ trunken. Sie war an der vom Badegehilfen gehaltenen Leine hinuntergesprungen, die Leine war gerissen und das Mädchen in der Tiefe verschwunden. Der Gehilfe sprang ihr nach, allein er geriet mit dem Mädchen unter die Hohlzylinder und mußte sie loslassen, wenn er nicht selbst ertrinken wollte. Wegen dieses Falles war von der Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Bademeister— der gar nicht anwesend ge⸗ wesen war— und seinen Gehilfen wegen fahr⸗ lässiger Tötung erhoben worden. Der als Sach⸗ verständiger anwesende Badeanstaltsbesitzer Hil⸗ berger von Frankfurt erklärte in seinem Gutachten, daß die Angeklagten keine Schuld trifft. Der Staatsanwalt jedoch wollte das Gutachten nicht gelten lassen und beantragte gegen den Bade⸗ meister 1 Monat, gegen den Gehilfen 4 Monate Gefängnis. Das Urteil lautete indessen auf Freisprechung. Vom Schlachtfeld der Arbeit. Wetzlar. Am Montag Nachmittag um ½2 Uhr ereignete sich auf der Sophienhütte ein beklagenswerter Unfall, dem leider ein junges Menschenleben zum Opfer fiel. Von dem niedergehenden Förderkorb im Gichtaufzug löste sich in bisher unaufgeklärte Weise ein leerer Wagen, welcher im Niederfallen den unten be⸗ schäftigten Auffahrer Jakob Lang aus Nauborn so schwer am Kopfe verletzte, daß dadurch sein Tod sofort eintrat. Im Gefängnis umgekommen. * Einen empörenden Vorfall meldet man der„Metzer Zeitung“ aus dem Kreise Dieden⸗ hofen. In dem westlich von der Eisenbahn⸗ station Großhettingen ziemlich abgelegenen Dorfe Oettingen wurde am Montag Vormittag voriger Woche durch die Gendarmerie ein Land⸗ streicher ermittelt, der sich bei näherem Zusehen als krank erwies. Der Gendarm übergab den armen Teufel zur einstweiligen Unterbringung dem Ortspolizeidiener, der ihn im Ortsgewahr⸗ sam einsperrte. Aus unaufgeklärten Gründen fand aber der Polizeidiener erst Mittwoch früh Zeit und Gelegenheit, sich nach seinem Häftling umzusehen, und als er das Arrestlokal betrat, fand er denselben tot vor. Auffallender als dieses aber, wenn nicht geradezu merkwürdig, mußte es erscheinen, daß man neben dem Ver⸗ storbenen Eßwaren, Kuchen, Speck und Brot, vorfand. Hatte der Aermste nun nicht mehr die Kraft besessen, nach den Speisen zu greifen, oder hat man ihm dieselben erst gebracht, als er bereits 1 verhungert, vielleicht auch erfroren war, diese Fragen konnten bisher nach den am Orte gemachten Erhebungen nicht mit Sicherheit be⸗ J Lea antwortet werden. Die Staatsanwaltschaft von Metz hat sich unterdessen des seltsamen Falles angenommen.— f Es wäre jetzt auch an der Zeit, einmal etwas 1 4 Näheres von zuständiger Stelle verlauten zu lassen, wie es möglich war, daß in Gießen in der Weihnachtsnacht ein inhaftierter Taub⸗ 9 stummer verbrennen konnte. [Bismärckisches. In dem bekannen Zivilprozeß des Ober⸗ d försters Lange wurde am 30. Januar auf dem Königsberger Amtsgericht der Oberpräsident Graf Wilhelm Bismarck als Zeuge vernommen. Graf Bismarck leistete den ihm zugeschobenen Eid. Darauf wurde die Klage des Oberförsters Lange kostenpflichtig zurückgewiesen. Der reichste Mann der Welt dürfte, dem„Hamb. Cour.“ zufolge, zur Zeit in New⸗York leben. Es ist Mr. John D. Rocke⸗ feller, und die soeben in New⸗YNork erschienene Statistik für 1898 giebt uns einen ungefähren Begriff von dem Reichtum dieses Mannes. Dieser König des Oels wird es wohl noch zum Billionär bringen, daß Drittel einer Billion besitzt er bereits, und sein Vermögen wächst mit Riesen⸗ schritten. Auf 10 bis 12 Millionen kann er es selbst nicht genau berechnen. Er soll mehr als 1 die Astors, Vanderbilts und Goulds zusammen haben. Krösus war ein armer Schlucker im Vergleich zu diesem Mann, in dessen Hand das Geschick von Tausenden ruht. Sein jährliches Einkommen beträgt nach obiger Statistik 20 000000 Doll. also 1 666 666,66 Doll. pro Monat, 1 55 555,55 Doll. pro Tag(Sonntoge einbegriffen und 2316,48 Doll. pro Stunde. Dagegen halte man das grauenhafte Elend in den Armen⸗ ö vierteln New⸗Norks! Ein„Tugendbund“ ist) an der Wiener Hofoper gebildet worden, 1 und zwar von sechs Balletdamen, die es durchsetzen wollen,„daß man ihnen so begegne, 1 wie sie es verlangen“. Die Tugendbündlerinnen wollen von ihrer Gage leben, jede Annäherung die nicht„fair“ ist, zurückweisen u. s. w. Diese löbliche Verbindung erinnert an die Bestrebungen, durch welche Friedrich Wilhelm III. die Ballet⸗ damen seiner Hofoper auf den Weg der Tugend zu locken versuchte. Er stiftete ein Kreuz in Brillanten, das an tugendhafte Tänzerinnen ver⸗ liehen werden sollte. Als eine der Damen vom Ballet nun ihrer Freundin sagte, sie wolle sich um dem Preis bewerben, antwortete diese:„Jut, Juste, bewirb Du Dir um's königliche Tugend⸗ kreuz, ick aber stehe mir so besser“. 7 Das Dessert bei Hofe. 4 Der Küchenchef des Kaisers Franz Josef schätzt bei einer Gesammtsumme von 625000 Gulden, welche die kaiserliche Tafel jährlich erfordert, die Kosten des Desserts(Nachtisch) allein auf eine viertel Million Gulden. Die Kosten des Nachtisches eines einzigen Banketts, das aus An⸗ b laß des Jubiläums des Kaisers von Oesterreich veranstaltet wurde, beliefen sich auf 20 000 Fres. Die Viktualien und Weine werden nach jeder Tafel an die ersten Restaurants Wiens verkauft, wodurch das Küchenpersonal seine Einnahme um das Doppelte, ja Dreifache erhöht. In Italien und in Spanien sind die Ausgaben für das Dessert auf das kleinste Maß beschränkt worden Die Königin von England kontrolliert persönlich die Kosten ihrer Tafel und hält Küchen⸗ und Kellerchef sehr kurz. Dagegen werden am russischen Hofe für den Nachtisch gewaltige Summen auf gewendet. Jeden Tag erscheinen für 500 bis 600 Fres. Zigarren und Weine an der Tafel, und es ist Regel geworden, daß eine Flasche Wein, die bereits einmal den Tisch geziert, nicht wieder auf der Tafel des Zaren erscheinen darf.— Und Millionen nagen am Hungertuch. 3 —— uffn diuß de scheinli geg el hätte. des d facher nig die er gezahlt berste eret man freu dur det Leas ulasen, in det Taub⸗ D b er⸗ var auf räfident Immen. hobenen fürserz t Zeit in 8 Roce⸗ f chienene geführen Dieser dillionär estzt er Riesen⸗ in er ed sehr als sammen ucker im hund daß ährliches 000000 Monat. degriffen) gen halte Armen⸗ ——— N worden, „ die ß begegne, dlerinnen näherung w. Die ebungen, e Balle⸗ t Tugend Kreuz il nnen ber⸗ men vol volle sih e.„Jil Tugend⸗ —— r 1 0 base eres ede te Nr. 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Auf der Anklagebank. * Geschlagen, mausetot und so gut wie be⸗ graben sind wir schon nach Ansicht gewisser Leute. Ach, wir Armen! Und wer hätte das fertig gebracht?— Unglaublich, aber wahr: der Gießener Anzeiger! Dasaselbe Welt⸗ blatt, das sich in ganz Deutschland wegen seines famosen Berichts über den Kaiserempfang in Konstantinopel unsterblich blamierte, auf alle unsere Erinnerungen aber schwieg wie ein be⸗ gossener Pudel, ist von einem neu erstandenen Sozialistentöbter„—9“ genötigt worden, gegen uns vom Leder zu ziehen. Aber welch eine Klinge! Rostig, schartig, mit einem Wort, das alles waschlappige treffend bezeichnet: nationalliberal! Weil in unserer letzten Reichstagsskizze der nationalliberale Wormser Lederkönig Heyl irrtümlicherweise als frei⸗ konservativ bezeichnet wurde, deshalb Räuber und Mörder. Wir wissen allerdings auch nicht, wie es kam, daß wir den der Fraktion Dreh⸗ scheibe zugehörigen Freiherrn von Heyl zum Fraktionsgenossen des Freiherrn von Stumm machten. Wahrscheinlich übertrugen wir in der gebotenen Eile die Standesgenossen⸗ schaft der beiden Könige vom Eisen und vom Leder auch auf die Parteigenossenschaft. Immerhin ein Schnitzer, von dem kein vernünf⸗ tiger Mensch Aufhebens macht. Aber der„—g“ des„Anzeigers“ wittert dahinter irgend einen Kniff. Er meint: „Wer den Abgeordneten v. Heyl für einen frei⸗ konservativen Fraktionskollegen„König Stumms“ hält, dem kann man freilich nicht weiter übel nehmen, daß er seine Rede nicht verstanden hat. Was die „M. S.“ als„durch nichts gerechtfertigte Verdächtigungen der. Sozialdemokratie“ bezeichnet, waren die unbestreitbaren Feststellungen des Herrn von Heyl, daß die sozialdemokratische Partei gestimmt hat: 1883 gegen die Krankenversicherung, 1884„„ Unfallversicherung, 1889„„K Indaliditäts⸗ und Altersversicherung, 1890„ das Gesetz, betr. Einführung der Ge⸗ werbegerichte, 1891„„ Arbeiterschutzgesetz, 1891„ die erste Börsensteuer⸗Vorlage, 1893„„ zweite Börsensteuer⸗Vorlage, 1895„ das Gesetz zur Bekämpfung des unlau—⸗ teren Wettbewerbs, 1890„„ erste Gesetz zur Bekämpfung des Wuchers, 1894„„ẽ verschärfte Gesetz zur Bekämpfung des Wuchers, 1896„„ bürgerliche Gesetzbuch.“ Nein, verehrtester Herr„—g“. Das meinten wir nicht mit den„durch nichts gerechtfertigten Verdächtigungen“. Denn das Verhalten unserer Abgeordneten den oben erwähnten Gesetzen gegen⸗ über war ein so selbstverständliches, daß die deutsche Sozialdemokratie wahr⸗ scheinlich ihren Vertretern den Laufpaß gegeben hätte, wenn sie anders gestimmt hätten! Was wir als„Verdächtigungen“ treffen wollten, das waren die Aus führungen des durch Arbeiterschweiß zum viel⸗ fachen Millionär gewordenen Leder⸗ königs über die Verelendungstheorie, die er den von der Sozialdemokratie angeblich gezahlten„hohen“ Gehältern und Diäten gegen⸗ überstellte. Das waren Aeußerungen, die uns berechtigten, das zu schreiben, was wir in voriger Nummer veröffentlichten: „Wenn er(Freiherr v. Heyl) wollte, daß man seine zur Schau getragene Arbeiter⸗ freundlichkeit ernst nehmen solle, hätte er seine durch nichts gerechtfertigten Verdächtigungen der Sozialdemokratie unterlassen müssen.“ Wenn der offenbar nationalliberale Einsender„—g“ ein Mann von besonderer Kourage wäre, so hätte er sich nicht hinter den„Gieß. Anz.“ verkriechen dürfen, um seine Pfeile gegen uns abzuschießen. Denn das muß er wissen, daß dieses Amtsblatt alle Angriffe auf die sozialdemokratische Partei aufnimmt, die Antworten der Angegriffenen aber ablehnt. Und ebenso wenig wie„—g“ tapfer ist, ebenso wenig ist sein Angriff ehrlich. Denn wenn er die Rede des nationalliberalen Wormser Millionärs anführt, hätte er als ehr⸗ licher Mann auch die Antwort Singers zitieren müssen. Freilich dann wärs mit seiner „Aufklärung“ von vornherein Essig gewesen. Nun, wir werden weiter unten das nach⸗ holen, was der tapfere Nationalliberale a b⸗ sichtlich und aus guten Gründen unter⸗ drückt hat. Und wenn dem„—g“ ein klein wenig das Gewissen schlägt, dann möge er die geistigen Leiter des„Gieß. Anz.“ veranlassen, unsere Antwort abzudrucken. Die geistigen Leiter des Amtsblattes werden es nicht riskieren, dieses Verlangen abzuschlagen, denn vor Fabrikanten, Doktoren, Professoren und ähnlichen Hono⸗ ratioren erstirbt man im„Gießener Anzeiger“ in tiefster Ehrfurcht. So leicht, wie es sich der„—g“ des Gießener Amtsblattes vorgestellt hatte, vernichtet man die Sozialdemokratie nicht. Und wenn er glaubte, uns auf die Anklagebank zu setzen, so ist ihm das mißlungen. Jetzt ist der Spieß um⸗ gekehrt, verehrter Herr„—g“. Jetzt sitzen Sie auf der Anklagebank und die Klage lautet auf: „Nationalliberale Unehrlichkeit im politischen Kampf!“ Nun verteidigen Sie sich, wenn Sie können. warum abgelehnt? * Aus welchen Gründen die sozialdemokratische Fraktion die im„Gieß. Anz.“ angeführten Gesetze ablehnte, hat Genosse Singer in der Reichstags⸗ sitzung vom 20. Januar auf die Anzapfungen des nationalliberalen Abg. Freiherrn v. Heyl⸗Worms aus⸗ führlich dargelegt. Genosse Singer führte u. a. aus: „Der Abg. v. Heyl hat die Gesetze angeführt, gegen die unsere Partei gestimmt hat. Man hätte von seiner Loyalität erwarten dürfen, daß er die Gründe an⸗ geführt hätte, die uns bei unserem Verhalten geleitet haben. Wir haben gegen die Gesetze gestimmt, weil sie nicht das Mindestmaß dessen enthielten, was wir für die Arbeiterklasse als notwendig erachten. So lange dieses Minimum in einem Gesetze nicht enthalten ist, werden wir nach wie vor dagegen stimmen. Wir sind nicht hierher geschickt worden, um nationalliberale Gesetze zu machen(Sehr gut! links), sondern um Arbeiterinteressen zu vertreten. (Bravo!) Die Herren, die länger hier im Hause sind und die sozialen Gesetze mitgemacht haben, würden ja der Wahrheit ins Gesicht schlagen, wenn sie nicht zugeben würden, daß keine Fraktion in diesem Hause mit solchem Fleiß und solcher Energie an der Verbesserung dieser Gesetze earbeitet hat, wie die sozialdemokratische. Sehr richtig! links. Oh, Oh! rechts.) Wenn noch einigermaßen vernünftige Bestimmungen in der heute geltenden Gewerbeordnung vorhanden sind, so ist es der sozialdemokratischen Thätig⸗ keit in diesem Hause zu verdanken. Ich berufe mich dabei auf ein Zeugnis Ihres Nationalheroen, des Fürsten v. Bismarck, der ja offen erklärte, ohne die Sozialdemokratie erxistierte unser bischen Sozialreform überhaupt nicht. Wir haben gegen diese Arbeiterschutzgesetze gestimmt, weil sie uns nicht genügten, weil nach unserer Mei⸗ nung ohne irgend welche Schädigung für die Unter⸗ nehmerklasse un sere Anträge hätten angenommen werden können. Aber, meine Herren, auch die Ein⸗ führung der Sozialreform, der Arbeiterschutzgesetzgebung ist durch unsere Partei und, um gerecht zu sein, auch das Zentrum, geschehen. Das Interesse des Unter-⸗ nehmertums zu wahren, ist die Aufgabe der übrigen Parteien in diesem Hause, nicht unsere. Der Ruhm, daß die Nationalliberalen sich zu Förderern des Arbeiterschutzes und der Sozialreform machen, ist außerordentlich jungen Datums! Herr v Heyl mußte ja— ich möchte fast sagen, in tragikomischer Weise— bei Beginn seiner Ausführungen sebst auf die Spaltung innerhalb seiner Partei in Bezug auf den Arbeiterschutz hinweisen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten). Er sollte nicht mit Steinen werfen, wo er im Glasschrank sitzt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten). Dann hat Herr v. Heyl noch andere Gesetze genannt, gegen die die Sozial⸗ demokraten gestimmt haben. Wenn er sagt, wir hätten gegen das Börsengesetz gestimmt, so sagt er damit nichts Neues, und er irrt sich, wenn er glaubt, uns damit verlegen zu machen. Wir führten bei der Beratung des Börsensteuer-Gesetzes wiederholt aus, daß wir nur seiner Verwendung wegen dagegen stimmen, nicht aus materiellen Gründen, sondern weil es zur Deckung für die Kosten der Militärvorlage dienen sollte und weil wir diese Militärvorlage nicht noch unterstützen wollten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Wir wissen wohl, daß die Nationalliberalen. aus ihren Prinzipien keine Konsequenzen ziehen. Dieser Politik folgen wir jedoch nicht, bleiben vielmehr auf den G rund⸗ sätzen stehen, die wir einmal als richtig anerkannt haben. Wir haben auch gegen das Gesetz vom unlau⸗ teren Wettbewerb gestimmt. Aber warum? Weil es uns nicht gelungen ist, jene schamlose Kon- kurrenzklausel aus diesem Gesetz zu entfernen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten). Dann hat uns Herr v. Heyl auch den nach seiner Auffassung schwerwiegenden Vorwurf gemacht, daß wir auch gegen das Wuchergesetz gestimmt haben. Auch das ist richtig. Aber unser Redner hat damals scharf und prinzipiell auf dem Standpunkt der straf rech t⸗ lichen Verfolgung des Wuchers gestanden; wir haben nur gegen das Gesetz gestimmt, weil da nur der Sachwucher, nicht der Person en wucher getroffen wurde.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten). Sie sehen also, daß alle diese Vorwürfe äußerst deplaziert gewesen sind.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten). Und wenn Sie etwa den Zweck gehabt haben, die Massen uns abspenstig zu machen, so sind diese doch viel zu sehr von der Richtigkeit unserer prinzipiellen Ueberzeugung durchdrungen, als daß sie sich durch die Schalmei des Herrn v. Heyl auf den Leim locken ließen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten).“— Wie sehr das arbeitende Volk mit dem Verhalten der sozialdemokratischen Abgeordneten einverstanden war, geht aus folgendem einfachen Exempel hervor, das sich die geistigen Leiter der oberhessischen Amts⸗ blätter— das Alsfelder Kreisblatt hat sich natürlich den fetten Bissen aus dem„Gieß. Anz.“ nicht entgehen lassen— hinter den Spiegel stecken mögen. Es wurden in Deutschland 1881 sozialdemokr. Stimmen abgegeben 311961 1884 nach Ablehnung der Kranken- und Unfallversicherungs-Gesetze. 549 990 SS8JJôö%. 88 763 128 1890 nach Ablehnung d. durchaus un⸗ genügenden Alters- u. Inv.⸗Ges. 1427 298 1893 nach Ablehnung der sog. Arbeiter⸗ schutzgesetze, d. Börsensteuer⸗Vorl. 1786 738 1898 nach Ablehnung der Gesetze betr. unlaut. Wettbewerb und Wucher, sowie d. bürgerl. Gesetzbuch 2100 000 Wir sind mit dieser Entwickelung zufrieden! Partei⸗ Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Sonntag, den 5. Februar: Kreis⸗Wahlverein Gießen. Vormittags pünkt⸗ lich 10 Uhr bei Orbig: Vorstandssitzung. Heuchelheim. A.⸗B.⸗V. Lesestunde bei Ludwig Mandler. 3 Uhr Nm. Mittwoch, den 8. Februar: Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr: Sitzung bei Orbig. Friedberg⸗Büdingen. Sonntag, den 12. Febr., findet in Helden⸗ bergen im Lokale des Herrn Schneider eine Kreis- wahlvereins versammlung statt. Die Delegierten werden um zahlreiches Erscheinen dringend gebeten. Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht des Vorstar des. 2. Bericht der Revisoren. 3. Neuwahl des Vorstandes. 4. Anträge und Verschiedenes. Der Vorstand. An die Arbeitergesangvereine des Rhein⸗ und Mainganes! Gemäß dem Beschluß des Sängerbundes„Lassallia“⸗ Frankfurt a. M., die Gründung eines Arbeiter-Sänger⸗ bundes für den Rhein- und Maingau anzustreben, berufen wir zur Gründung desselben auf Sonntag, den 26. Februar, nachm. 2 Uhr, nach Frankfurt a. M. in die Restauration Stein, große Eschenheimerstr. 23, eine Konferenz ein, und ersuchen wir alle Ar⸗ beitergesangvereine dieses Bezirkes, welche sich für dieses Projekt interessieren, dieselbe durch einen Delegierten zu beschicken oder ihre Erklärung schriftlich einzusenden. Weitere Auskunft wird gern erteilt durch Herrn Aug. Hofmann, Frankfurt a. M., Hermann⸗ straße 14 p. Die Kommission für Gründung eines Arbeiter⸗ sängerbundes für Rhein⸗ und Maingau. Briefkasten der Redaktion. Quittung. Von dem Buchdrucker H., Weber für die streikenden Weber in Crefeld 3,90 Mk. eingegangen. Marktberichte. Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 31. Januar kostete: Butter per Pfund Mk. 0,800.90, Hühnereier 1 St. 6—8 Pfg., 0 Stück 0—0 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 1 Stück 5 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,80 1,00, Hühner pro Stück Mk. 1101,30, Hahnen pro Stück Mk. 1,00— 1,60, Enten per Stück Mk. 1,90—2, 20, Gänse pro Pfund 50—60 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 6874 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 6876 Pfg., gesalzen 80 Pfg., Kalbfleisch 64—66 Pfg., Ham⸗ melfleisch 50—70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 6,00 bis 650, Zwiebeln pro Zentner Mk. 7,00 8,00, Milch per Liter 16 Pfg. 5 Grünberg, 28. Januar. Fru chtpreise. Weizen Mk. 16,50 00,00, Korn Mk. 15,16—00,00, Gerste Mk. 00,00 00,00, Hafer Mk. 13,24 00,00, Erbsen Mk. 00,00 00,00, Linsen Mk. 00,—, Wicken Mk.—,— Lein Mk.—.—, Kartoffeln Mk. 0,00 00,00, Samen Mk. 00,00 per 100 Kilogr. —— ——— . Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 6. Seite 6. 8 O De— F 8 2 85 Unterhaltungs⸗CTeil. * go singt Mirza gchaffy. So singt Mirza Schaffy: wir wollen sorglos In der Gefahr sein— Im Bunde mit Wein, mit Rosen und mit Frauen Des Kummers bar sein! Mag Heuchelei und Hochmut sich verbünden, Bosheit mit Dummheit— Wir aber wollen eine geisterles'ne Geweihte Schar sein! Vorläufer der Erlösung, Tempelstürmer Des Aberglaubens— Verkündiger der Wahrheit, die einst Allen Wird offenbar sein! Ein Schwert ist unser, schärfer als das schärfste Schwert von Damaskus— Und wo es trifft, da wird geheilt den Blinden Der schwarze Star sein! Wir reißen Sonne, Mond und Sterne nieder, Es soll ihr Feuer Im Liede glüh'n und Opferflammen auf der Schönheit Altar sein! So wandeln wir einher mit froher Botschaft Und nichts hinfort Soll uns Verfängliches, als schöne Augen Und schönes Haar sein. Friedrich Bodenstedt. vom Stamm gerissen. 51 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Herr Stern war dabei in seinem Element. War er auch ein Gegner der neuen Theorien, so konnte er doch eifern, poltern, seiner Suade freien Lauf lassen, und das war ihm schon Genuß. Während er, wenn der Produktenvetter da war, wie Valeska Rudolf nannte, schon um zehn Uhr seine dicke silberne Uhr herauszog, dem Gast pfiffig zublinzelnd, um ihm zu verstehen zu geben, daß es Zeit sei, sich zurückzuziehen— denn gerade weil der Neffe Geld besaß, war er gerne grob gegen ihn— brach Oettinger ihm stets zu früh auf, und niemals unterließ er es, ihn zum Wiederkommen zu nötigen. Es blieb jedoch nicht allein bei diesen Be⸗ suchen. So lange die Jahreszeit schön war, ging die Familie nach dem Abendbrot oft ins Freie, gewöhnlich in einen der öffentlichen Gärten, die den mitten in der Stadt liegenden See, Schloßteich genannt, wie mit einem grünen Kranz umgeben und diesen Punkt des alten, sonst unschönen Königsberg zu einem überraschend lieblichen machen. Hierher begleitete Oettinger bisweilen die Damen, und bei einer solchen Ge⸗ legenheit war es, wo er, mit Valeska allein unter den alten, schattigen Bäumen auf⸗ und abwandelnd, während Frau Stern und Tussy eine Strecke vor ihnen gingen, seinen heißen Gefühlen für das Mädchen an seiner Seite Ausdruck gab. Valeska hatte das Geständnis längst in seinen Blicken gelesen und doch über⸗ flutete sie dasselbe mit berauschender Seligkeit, so wie der Mond draußen Wipfel und See mit Strömen von Silber übergoß. Es war ein Bund fürs Leben, still und ernst, nur mit stummem Händedruck, aber Blicken, die mehr sagten, als der beredteste Mund es vermag. Nur daß sie sich schreiben wollten, machten sie ab, und daß vorläufig alles ihr Geheimnis bliebe. Wie erstaunte Valeska daher, als Tussy, an deren Bett Valeska trat, um ihr Gutenacht zu agen, nachdem beide sich stumm entkleidet hatten, eidenschaftlich ihren Hals umschlang und in der hier geschlossen wurde, Thränen ausbrach. Nur die Kenntnis des Vor⸗ gefallenen konnte der Grund dieser Aufregung sein. Aber wie hatte sie es erfahren? „So weißt Du es?“ fragte Valeska leise. Tussy nickte stumm, indem sie die Schwester noch fester an sich drückte. „Seltsames Kind!“ murmelte Valeska, jene wie ein solches beschwichtigend.„Ja, er hat es mir heute gesagt“, fuhr sie flüsternd fort und verbarg in holder Scham das Gesicht an dem knospenden Busen der Schwester.„Tussy, ich bin so glücklich!— Es bleibt aber unter uns. Nur Du darfst es wissen, Dir hätte ich es doch gesagt. Du wirst unsere liebe kleine Vertraute sein. Die Mutter dürfen wir nicht beunruhigen und der Vater— Du weißt selbst, wie thöricht es wäre. Wir müssen abwarten. Einstweilen, Tussy, geliebtes, treues Herz, einstweilen— laß uns glücklich sein!“ Sie sprach die letzten Worte mit sehnsuchtsvoll schwellender Brust, den Kopf in den Nacken gebogen. Tussy starrte sie an, wie sie im Doppellichte des Mondes und der Lampe, halb angekleidet, auf dem Rande des Bettes saß. Es war etwas Fremdes in der Schwester, und doch ging ein Schauer ahnenden Verständnisses durch die Brust des Kindes. Glücklich sein! Sie begriff auf einmal, was alles in diesen zwei Worten lag, und je tiefer sie darüber dachte, desto deutlicher trat das Bild Oettingers vor ihre Seele. Sie ward sich ihres Zustandes jedoch nicht bewußt. Zu jung, zu unschuldsvoll, zu unerfahren, hielt sie die Macht, die Oettinger auch über ihr Herz gewonnen, für den ihm gebührenden Anteil an ihrer schwester⸗ lichen Liebe. Erst viel, viel später sollte sie zur Erkenntnis der wahren Natur ihrer Neigung kommen Wie durch Intuition wußte sie, was sich heute hinter ihr zugetragen, und das ganze Chaos unklarer und unverstandener Empfindungen war in überwallende Bewegung geraten. Erst nachdem sie sich ganz beruhigt hatte, verließ Valeska sie, um sich in ihr junges Liebesglück zu versenken. Oettinger war, nachdem er die Geliebte ver⸗ lassen, wie trunken durch die mondhellen Straßen gestürmt. Zuerst zum Schloßteich zurück, wo er ein Boot nahm und einer kleinen Flottille von Sängerbooten, die mit bunten Papierlaternen erleuchtet waren, in einiger Entfernung folgte. Doch bald verlangte es ihn nach Einsamkeit; er mußte allein sein mit ihrem Bilde, und die Schildwache, an der vorüber er durch das Thor nach dem Glacis stürmte, mochte sich über den eiligen Nachtwandler wundern. Seine Zukunft stand klar vor ihm. Er hatte, seitdem er die politisch fortgeschrittensten Ideen zu den seinigen gemacht, auf eine Staatskarriere verzichtet. Er trug seine Meinung frei und offen zur Schau, wie hätte er daher unter den obwaltenden Zeitverhältnissen hoffen dürfen, jemals als Beamter eine Existenz zu finden? Er wollte nur sein Referendarexamen machen, zu welchem er sich vorbereitete, und sich dann der Journalistik zuwenden. Eine größere Zei⸗ tung in der Ostprovinz war zur Notwendigkeit geworden, und Oettinger als Leiter derselben ausersehen. War das Gehalt, welches ihm ge⸗ boten wurde, auch nur so beschaffen, daß es ihm die Notdurft des Lebens deckte, so ließ ihm die Beschäftigung doch noch freie Zeit genug, um national⸗ökonomische Arbeiten, zu denen sich allerhand Material in seinem Kopfe drängte, zu unternehmen und dadurch sein Einkommen all⸗ mählich auf den Standpunkt zu bringen, der ihm erlaubte, eine bescheidene Häuslichkeit zu gründen. Er hatte von diesen seinen Plänen kein Hehl gemacht, sie im Gegenteil wiederholt in der Sternschen Familie entwickelt und völlige Zu⸗ stimmung gefunden. Auch bei Herrn und Frau Stern. Natürlich! Alles das war ja recht gut und schön für einen jungen kühnen Schwärmer, der seinen einmal gefaßten Ideen jedes Opfer zu bringen bereit war. Wenn er darin Be⸗ friedigung fand und ihm ein solches Leben ge⸗ nügte, so war es ja seine Sache. Was hätten Herc und Frau Stern dagegen einwenden sollen? Keinem von beiden kam es im entferntesten in den Sinn, daß diese im Werden begriffene „katilinarische Existenz“ irgend etwas mit ihnen und ihren Verhältnissen zu thun haben könnte. Und das war abermals natürlich. Dickens schildert in David Copperfield einen Juristen, der vorzugsweise mit Erbschaftssachen und Testa⸗ menten zu thun hat, einen alten, gewiegten, er⸗ fahrenen Praktiker, bei dessen plötzlichem Tode sich aber kein Testament vorfindet. Er hatte aus seinen Erfahrungen keinen Nutzen gezogen. Aehnlich erging es Herrn und Frau Stern. Sie hatten in ihrer Jugend sich heimlich geliebt, sich gegen den Willen der Eltern verlobt und ihren eigenen Willen durchgesetzt,— trotzdem, oder gerade darum, fiel es ihnen nicht ein, daß Petinget n sich dies bei ihren Kindern just so wiederholen u könnte. Es war auch schon so lange her und ihr Ehebündnis so schlecht ausgeschlagen, daß sie sich kaum noch und dann höchst ungern daran erinnerten. Beider Ehrgeiz, wie der aller halb⸗ gebildeten Eltern, ging stillschweigend dahin, ihre schöne Tochter möglichst glänzend zu verheiraten. Die Chancen standen ja auch nicht übel. Valeska war von den Männern so gesucht und gefeiert, daß es nur einigen Entgegenkommens von ihrer Seite bedurft hätte, um das Netz. in dem sie ihre Verehrer wider Willen gefangen hielt, über irgend einem Goldfisch vollends zuzu ziehen. Hierbei zeigte sich jedoch ihre der gewohnlichen weiblichen Kleinkunst völlig abgeneigte Natur. Eine Heirat als solche lag außerhalb aller ihrer Gedanken und Zukunftsberechnungen, da ihr bis zur Bekanntschaft mit Oettinger noch kein Mann begegnet war, der die Sehnsucht nach einem höheren Glück, als das in der Liebe zur Mutter und Schwester, in ihr erregt hatte. Als kluges Mädchen, das mit offenen Augen um sich schaute, wußte sie natürlich, daß sie eines Tages jene Sehnsucht empfinden würde, aber nur diese sollte entscheinend über ihre Zukunft sein. Triumphe jener Art verschmähte sie, sogenannte Körbe aus⸗ zuteilen, sah sie ebenso peinvoll für sich wie für den betroffenen Empfänger an, und daher hatte sie es nie bis zu einer förmlichen Bewerbung kommen lassen. Ein großherziges, von niedriger weiblicher Eitelkeit freies Mädchen hätte dies, wie sie meinte, mit wenigen Ausnahmen in seiner Gewalt. So leicht Valeska es sich in ihrem ersten Liebesrausch gedacht hatte, der Mutter ihr neues Verhältnis zu Oettinger zu verschweigen, so un⸗ möglich dünkte sie dies im nüchternen Tagesschein schon des nächsten Morgens. In der ersten Stunde, wo sie mit jener allein war, sagte sie ihr alles. Die Wirkung dieses Geständnisses auf Frau Stern war ungefähr dieselbe, die ein Mensch empfinden würde, der zum Sirius oder der Sonne aufblickend, diese plötzlich über den Himmel hinfahren und erlöschen sähe. Versteinert saß sie da, keines Wortes mächtig. Wie im Fluge zog ihr eigenes Schicksal an ihr vorüber, und dies sollte auch das dieses reich begabten Mädchens werden, das in ihrer geistigen Ent⸗ wickelung so hoch über ihr stand, wie die Orga⸗ nisation der Blume über der des Blattes steht? Mochte auch Oettinger ein anderer Mann sein als der ihrige, ein Mann von wahrer Bildung und edlem Charakter, das Weib, welches ihr Los an das seine knüpfte, hatte nur Kämpfe vom Leben zu erwarten, vielleicht noch schwerere, als sie selbst durchgekämpft. Und ebenso klar, wie sie dies erkannte, sah sie auch, daß es bei dem Charakter ihrer Tochter kein Mittel gab, sie davor zu bewahren. erfaßte, das hielt sie fest fürs Leben. „O mein Kind, mein armes Kind!“ alles, was sie sagte. a Doch Valeska besaß eine wunderbare Gabe der Ueberredung, eine solche Mut und Vertrauen einflößende Art, die trübsten Dinge von einer war Was Valeska einmal 22 e: Den! f vethilnif Dung. 8 inen u Bekriebve Stürmen nanen be geringen England weise bis en gon Im Grun ideri kum am süchen A . We die Mar . Wir secblung losen e u feht m Eigenhei da Bo mal und 9 diem h . Den g bildete! ibergeg Vohrge n Si emzäunt Garten mit che erf a lag die be v 1 10 hellen, freundlichen Seite darzustellen, daß es 1 1 8 ihr endlich gelang, die Mutter aus ihrer knirschung aufzurichten. Sie war ja so glücklich, überglücklich, sollte es ihr Mütterchen nicht auch J sein? Sähe sie nicht, welch eine Perle Oettinger unter den Männern wäre? Könnte sie ihrer Tochter einen gewöhnlichen Mann wünschen, einen trivialen Bourgeois mit gar keinen oder verbrauchten Ideen? Sie gehörte der anbrechenden Zer⸗ — Ut en, er⸗ Bode r hatte cogen. Stern. geliebt, dt und 8 oben, 1, daß echolen er und duß se baran r hall⸗ i ihre raten. Balessa iert, n ihrer em sie t, über 115 lichen Natur. r ihter ihr bis Mann einen Mutter kluges schaute, 8 jene se solte umphe be aus⸗ wie für r hatte verbung iedriger e dies, n seiner 2 ersten r neues so un⸗ esschein ersten agte sie ndnises die ein 18 ober ber den fteint Wie im vorüber, segabten en Ent⸗ e Orga⸗ f fut? Bildung 5 iht Füupfe were, jo flat, e bi el gb, eee einmal herrschte, was meist der Fall, in drei Fluren 1 wal — — 2 —— —— — Dettinger zu empfangen, wie vor besuchte, Verlobung wünschen? Frau Stern urteilte sehr richtig, 6 daß, Aus der Kulturgeschichte unserer mianen besetzten Ländern entwickelte und dort mit an Grund und Boden, wie es die bäuerliche einzäunt war. Diese Einzäunung umschloß den lag die verteilte Feldmark, das Ackerfeld. Das⸗ e ee Nr. 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. erer 3 3 a N neuen Zeit an; sie konnte nur einen Mann lieben, dessen Scheitel schon vom Morgenrot der kommenden Sonne berührt würde, der den Willen und die Befähigung hätte, großen Aufgabe, die Menschen besser und glück⸗ licher zu machen.— mitzuarbeiten an der Als die Mutter sich endlich bereit erklärte, und dieser kam, war sie anfangs kühl und steif gegen ihn, aber bald mußte sie vor seiner liebenswürdigen Einfachheit, Zutraulichkeit und Herzenswärme die Waffen strecken. Sie gestattete, daß er die Familie nach stellte aber die Bedingung, daß der Vater vorläufig nichts erführe und die durchaus geheim gehalten würde. Was konnten die Liebenden sich besseres sobald ihr Mann davon Kenntnis erhielte, ein Konflikt entstehen würde, der, wie der gordische Knoten, nicht zu lösen war, sondern durchhauen werden müßte, und daß zwischen den zwei harten Steinen, die dabei aufeinander träfen, sie selbst das Opfer sein würde. J FFortsetzung folgt.) — Bauernschaft.“ Die Dreifelderwirtschaft. Den Ursprüngen der bäuerlichen Eigentums⸗ verhältnisse nachzuforschen, ist ein interessantes Ding. Für unsere Zwecke genügt es aber, jenen Zustand der bäuerlichen Eigentums“ und Betriebverhältnisse festzustellen, der sich nach den Stürmen der Völkerwanderung in den von Ger⸗ geringen Ausnahmen— worunter die wichtigste England— bis tief ins 18. Jahrhundert, stellen⸗ weise bis in unsere Zeit sich erhielt. Er war ein Kompromiß zwischen dem Gemeineigentum Weidewirtschaft erheischte, und dem Privateigen⸗ tum am Boden, das den Bedürfnissen der bäuer⸗ lichen Ackerwirtschaft entsprach. Wie jede Bauernfamilie eine Hausgenossen⸗ schaft bildet, die sich selbst genügte, so bildete auch jedes Dorf eine wirtschaftlich in sich ge⸗ schlossene, sich selbst genügende Genossenschaft, die Markgenossenschaft. Wir sehen hier ab von der Form der An⸗ siedlung in zerstreuten Einzelhöfen, statt in ge⸗ schlossenen Dörfern, eine Form, die lange als die ursprüngliche galt, die aber, wie heute fest⸗ steht, nur eine ausnahmsweise, durch besondere Eigenheiten der historischen Tradition wie auch der Bodengestaltung herbeigeführte war. Nor⸗ mal und typisch ist das Dorfsystem, und nur mit diesem haben wir es in Folgendem zu thun. Den Ausgangspunkt der Bauernwirtschaft bildete die Haushofstätte, die in Sondereigentum übergegangen war. Zu ihr gehörte außer dem Wohnhaus und den nötigen Wirtschaftsgebäuden ein Stück Land um die Gebäude herum, das Garten mit den notwendigsten Küchengewächsen, mit Gemüse, Flachs, Obstbäumen u. s. w. Das Dorf bestand aus einer größeren oder kleineren Anzahl solcher Hofstätten. Außerhalb des Dorfes selbe war dort, wo die Dreifelderwirtschaft oder Zelgen eingeteilt. Jede Zelge zerfiel wieder in verschiedene Gewanne oder Kampe, das heißt, Ackerflächen, die nach Lage und Bodengüte von einander verschieden waren. In jedem Kamp be⸗ saß jede Hofstätte ein eigenes Ackerlos. Außer⸗ halb der verteilten Feldmark lag die unverteilte Feldmark(Allmende, gemeine Mark), das heißt, Wald und Weide. Die unverteilte Feldmark wurde von der Ge⸗ nossenschaft gemeinsam bewirtschaftet. Auf dem „Nach Karl Kautsky's Die Agrarfrage(Verlag von J. H. W. Dietz in Stuttgart), das noch eine Reihe ebenso interessanter Kulturbilder vom Lande enthält N und daher wiederholt der Aufmerksamkeit und Nach⸗ prüfung unserer Leser als erste zusammenfassende — e eee eee Ackerland bebaute jede Familie ihre besonderen Lose für sich. Aber nicht nach Willkür. Auf dem Acker wurde Korn gebaut, zur Errnährung der Menschen. Aber die Viehzucht, die Weide⸗ wirtschaft, beherrschte noch den ganzen landwirt⸗ schaftlichen Betrieb. Und wenn der Ackerbau Privatsache der einzelnen Familien geworden war, so blieb die Weidewirtschaft eine gemein⸗ same Angelegenheit der gesamten Gemeinde. Die Gestaltung der Wirtschaft wirkte auf die Eigentums verhältnisse zurück. Als Ackerland war der Boden Privateigentum, als Weideland Ge⸗ meineigentum. Das heißt, jedes Feld fiel, sobald es abgeerntet worden, der Viehweide anheim und unterlag als solche dem Verfügungsrecht der Ge⸗ meinde, die alle Felder gemeinsam abweiden ließ. Und wie das Stoppelfeld, so wurde auch das Brachfeld als gemeinsame Viehweide für das ge⸗ sammte Vieh des Dorfes benutzt. Das wäre aber unmöglich gewesen, wenn jeder Dorfgenosse seine Ackerlose nach seinem Belieben bebaut hätte. Es herrschte daher der Flurzwang, innerhalb jeder Flur oder Zelge mußten sämtliche Eigner von Ackerlosen dieselben in gleicher Weise bebauen. In jedem Jahre lag die eine der drei Ackerfluren brach, die zweite wurde mit Winterkorn, die dritte mit Sommerkorn bestellt. Jährlich wechselte die Bestellung der Flur. Außer der Stoppel⸗ und Brachweide lieferten Wiesen, ständige Weiden und Wälder das Futter für das Vieh, dessen Arbeitskraft, Dünger, Milch und Fleisch gleich wichtig für die bäuerliche Wirtschaft waren. Dies landwirtschaftliche Betriebssystem kam allenthalben zur Herrschaft, wo germanische Völker sich niederließen. Es machte in dieser Beziehung keinen Unterschied, ob die Bauern in der Lage waren, ihre volle Freiheit zu wahren, ob sie sich als Zinsbauern auf dem Gebiete eines Grundherrn niederließen, ob sie ihre Unabhängig⸗ keit dahingaben, um unter dem Schutz und Schirm eines mächtigen Herrn zu kommen, oder ob sie durch Gewalt in Abhängigkeit gebracht wurden. Es war ein Betriebssystem von merkwür⸗ diger Kraft und Widerstandsfähigkeit, konser⸗ vativ, erthaltend, im besten Sinne des Wortes. Nicht minder wie auf dem häuslichen Handwerk beruhte auf der markgenossenschaftlichen Ver⸗ fassung der Wohlstand und die Sicherheit der bäuerlichen Existenz. Das Dreifeldersystem mit Wald und Weide bedurfte keiner Zufuhr von Außen. Es produzierte selbst das Vieh und den Dünger, die notwendig waren, um das Feld zu bebauen und der Bodenerschöpfung vorzubeugen. Die Gemeinsamkeit der Weide und der Ackerflur erzeugte aber auch einen festen Zusammenhalt der Dorfgenossen, der sie gegen übermäßige Aus⸗ beutung durch äußere Mächte wirksam schützte. Aber so festgefügt dies Wirtschaftssystem auch war, die Entwicklung der städtischen Industrie und damit der Geldwirtschaft versetzte auch ihm den Todesstoß, ebenso wie dem bäuerlichen Handwerk.(Fortsetzung folgt.) — ¶ TA—.—— Die Gewalt der Meereswogen. Auf dem Bischofsfelsen an der englischen Küste sollte ein Leuchtturm errichtet werden. Als man eine der eisernen Säulen gelandet hatte, die das Gebäude tragen sollten, schwollen Wind und Wellen plötzlich zu solcher Stärke an, daß die Ingenieure und sonstigen Arbeiter sich außer Stande sahen, auf der Felseninsel zu verbleiben, viel weniger die 23 Fuß lange und sechszig Zentner schwere Säule an der ihr zugedachten Stelle zu befestigen. Ehe sie sich jedoch in Sicherheit brachten, suchten sie in aller Eile, so weit es sich irgend thun ließ, die Säule wenigstens vorläufig sicher unterzubringen. Sie schafften sie an eine, wie sie glaubten, ganz geschützte Stelle des Eilandes und schmiedeten sie mit halbzölligen Eisenketten und sehr starken Bolzen an beiden Enden fest. Nun hielten sie die ungeheure Last für vollkommen sicher untergebracht und retteten sich selbst unter großen Beschwerden ans Land. Erst drei Tage später hatten sich Wind und Meer so weit beruhigt, daß die Männer sich verlassen hatten. Zu ihrer nicht geringen Be⸗ stürzung war das aber nicht der Fall, sondern man entdeckte den vermißten Gegenstand zwanzig Fuß davon entfernt auf der obersten Spitze eines Felseneilandes, wo er noch jetzt im Winde umherbalancierte wie eine freiliegende Bohle. Und noch einen ferneren Beweis von der un⸗ geheuren, unberechenbaren Gewalt der Wogen entdeckten sie bei derselben Gelegenheit. In einem Loche, das man bereits zum Zwecke des Einrammens der Säule in den Felsengrund ge⸗ bohrt hatte, zweieinhalb Fuß im Durchmesser und dreieinhalb Fuß tief, hatte der Schmied bei der eiligen Flucht seinen Amboß untergebracht. Dieser hatte ein Gewicht von reichlich anderthalb Zentnern, war aber nichtsdestoweniger aus der respektablen Vertiefung herausgespült worden. —̃ĩßÄXð2——— PA——:'. Sprüche zur Lebensweisheit. Zur Notiz. Die Philister, die Beschränkten, Diese geistig Eingeengten, Darf man nie und nimmer necken, Aber weite, kluge Herzen Wissen stets in unsren Scherzen Lieb' und Freundschaft zu entdecken. Heinrich Heine. * Unter hundert Menschen ist Einer, der denken, unter tausend, die denken, Einer, der sehen kann. 4 Ruski. Im Denken verläßt sich gern einer auf den andern. Gerade das muß man den Menschen wieder und immer wieder sagen, was sich ganz von selbst versteht. J. J. Mohr. Wer nie verließ der Vorsicht enge Kreise, Wer selbst aus seiner Jugend Tagen Nichts zu bereuen hat, zu beklagen, Der war nie töricht— aber auch nie weise. Bodenstedt. ———— Ä—‚— Humoristisches. Neues von Serevissimns. Durchlaucht hält Cercle und geruhen, sich den jungen Attaché Wernstetten vorstellen zu lassen. Der Adjutant erlaubt sich vorher zu bemerken, daß dies der Sohn des einstigen hiesigen Gesandten sei.„Mäh freut mich wirklich ganz abominable, mein Lieber, aber gestatten Sie die Frage, sind Sie wirklich der Sohn meines lieben alten Wern⸗ stetten——?“„Jawohl, Durchlaucht, des früheren Gesandten—.“„Mäh und erlauben Sie, Ihr mir sehr sympathischer Herr Vater war, wenn ich nicht irre, äh— zweimal verheiratet niiicht?“„Jawohl, Durchlaucht, zweimal, ich stamme eben aus der zweiten Ehe.“„So, schön— jetzt gestatten Sie nur noch die Frage, m—, kannten Sie auch noch mäh, die erste Frau?“ 1(Jugend.) Beim Rechtsanwalt.„Ja, mein Lieber, wenn Ihr den Thatbestand nicht beschwören könnt, wird das die Gegenpartei thun, und dann verlieren wir.“ —„Da brauchas koa Angst, Herr Afikat, dö san von von unsern Dorf; da schwört niamand, weil's ganz Dorf Ehrverlust hat.“ In einem Städtchen giebt es einen gelehrten Herrn Bürgermeister. Unter der Bürgerschar aber giebt es ein Männlein und ein Weiblein, die leben— es ist schrecklich zu denken— ohne jede Weihe im sogenannten Konkubinat. Dagegen hat nun das Kreisamt der be⸗ nachbarten Stadt einzuschreiten beschlossen und den Herrn Bürgermeister zum Bericht über besagtes Paar aufgefordert. Der Herr Bürgermeister aber schrieb: „Einer hohen Behörde melde ich unterthänigst, daß rubrizierte Personen ganz unmoralisch sind, indem sie ein Luderleben führen, wie es sonst nur zwischen Ehe⸗ leuten der Brauch ist.“(Simpl.) Macht der Gewohnheit.„Ach, Herr Doktor, meine Frau ist heute vom Rad gefallen!“—„So? Na, zeigen Sie mal die Zunge!“ — ͤ—— E—— Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. Gewerkschaften und Koalitionsrecht der Ar⸗ beiter. Von Max Schippel. 48 Seiten. Preis 25 Pfg. Die Broschüre dient speziell der Agitation für die Gewerkschaften, der Darlegung ihrer Bedeutung und Notwendigkeit, führt die Einwände der Gegner wie die Ausreden der Indifferenten treffend ab und giebt eine knappe Geschichte der Arbeiterkümpfe um das nach ihrer Säule umsehen konnten. Sie zweifelten keinen Augenblick daran, daß sie dieselbe genau Parteischrift über die ländliche Frage e ted. Fan derselben Stelle finden würden, wo sie sie Koalitionsrecht in England, Frankreich und Deutschland. [Gewerkschaften und Vereine erhalten bei Par— tienbezug besonders großen Rabatt. Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 8 R 11 Arburg. N Sonnabend, den 4. Februar 1899, abends 8 Uhr, findet im Saale des Café Quentin(Höck) das diesjährige Winker-Vergnügen der Gewerkschaften statt. Es ladet ergebenst ein Die Kommission. Achtung! SGSchuhe Schnürschuh„Bertha“ und Stiefel Nr. 36—42 Mark 3,40. für Damen und Jjerren mit Lederbrandsohlen, Lederkappen u. 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