39 Pfg. 20 Pf fie 5 Pfg. 25 Pfg. b lab l, . 5 — 0. „ Jun 5 Ihr, 0 rz: lung lage. mann.“ dermann, Nr. 27. Gießen, Sonntag, den 2. Juli 1899. 5. Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. 9 Mitteldeutsche 5 Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag& Uhr Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die] finden in der„M. S.⸗Ztg“ weiteste Verbreitung. Die 5 gespol. Aulsträger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch] Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung Werbt Abonnenten!! Der Einfluß einer unabhängigen Presse hat sich anläßlich der Zuchthaus vorlage wieder glänzend dokumentiert. Ohne die rück— sichtslosen Darlegungen namentlich der sozial— demokratischen Presse, ohne ihre Verbreitung wäre die Protestbewegung und Aufrüttelung der bedrängten Kreise sicher nicht in dem Umfange erfolgt, wie wir sie erlebt haben. Für Oberhessen und die benachbarten preußi— 8 Wahlkreise war diese Aufgabe vornehm⸗ lich der Mitteldeutschen Sonntags ⸗Zeitung zugefallen, und sie wird bei allen öffentlichen, das Gemeinwohl betreffenden Angelegen⸗ heiten mit der gleichen nachdrücklichen Schärfe und Entschiedenheit auf dem Plan sein. Fast erscheint es überflüssig, bei dem mit der heutigen Nummer beginnenden neuen Quartal die Mitglieder des werk⸗ thätigen Volkes daran zu erinnern, daß sie lediglich ihre Pflicht erfüllen und ihrem eigenen Interesse dienen, wenn sie für Abonnement und Verbreitung ihres Organs sorgen. Aber auch jeder ehrliche Politiker, 0 jeder, den das byzantinische Treiben der alten und veralteten Parteien anwidert, sollte Abon⸗ * nent und Leser der Mitteldeutschen Sonntags⸗ Zeitung sein. Neben dem politischen Teil wird die M. S.⸗Z. auch in Zukunft dem Feuilleton besondere Aufmerksamkeit widmen. das Volk gerade gut genug“— das ist unser „Das Beste ist für Grundsatz auch bei der Bearbeitung des unter⸗ haltenden Teils. In Nr. 28 der M. S.⸗Ztg. beginnen wir mit dem Abdruck der geschichtlichen Erzählung: Michael Kohlhaas von Heinvich v. Kleist. Wir sind überzeugt, daß dieses treffliche Werk den ungeteilten Beifall unserer Leser und Leserinnen finden wird. Da eine Nachlieferung einzelner Nummern nicht immer möglich, so ist dringend zu em⸗ pfehlen, Bestellungen auf die M. S.⸗Ztg. sofort zu machen. Bestellungen nehmen unsere Spedi⸗ teure, sowie jeder Briefträger entgegen. D Bezugsbedingungen der M. S.⸗Z. sind im Titel jeder Nummer angegeben. Die In allen Dörfern, wo wir noch keine 4 Spediteure haben, werden solche angenommen. Benützt in allen Dörfern den Sonntag ormittag zur Werbung neuer Abonnenten! eht von Haus zu Haus! die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. HUach der ersten Schlacht. 8 2 l he. Die arme Regierung! Wer sie noch liebt, mochte sie bedauern, wie sie im Reichstage so dasaß, von allen Seiten beschossen mit den Pfeilen des Hohnes und Spottes, nachdem ihr Anklagematerial gegen die Sozialdemokratie in tausend Fetzen zerrissen und alle Versuche, das Zuchthausgesetz zu verteidigen und zu recht— fertigen, wie mit Keulen niedergeschlagen worden. Sie hätte einen Köller brauchen können, diese Regierung, einen Mann, an dem die Pfeile des Gegners abprallen, und der, wenn man ihm seine Vorlage zerrissen vor die Füße wirft, ganz gelassen sagt:„Na, denn nicht!“ Aber die gegenwärtigen Männer der Regierung sind denn doch etwas feinfühlender als der große Dänen⸗ hasser, und sie mögen sich untereinander einge— stehen, daß die Tage, an denen die erste Lesung passierte, für sie böse Tage gewesen sind. Der Oeffentlichkeit gegenüber müssen sie die„staats⸗ männische“ Haltung bewahren; unter sich werden sie sich eingestehen, daß es tausend Mal besser gewesen wäre, diese Vorlage nicht einzubringen — wenn sie sich dies nicht vor der Einbringung schon zugestanden haben. Die Absage der Parteien, die man als schwankend betrachtete, der Nationalliberalen und des Zentrums, erfolgte mit unerwarteter Schärfe, so daß die Staatssekretäre und Minister ganz verdutzt drein sahen. Mit gransamem Hohn wurde namentlich die famose Denkschrift be— handelt, deren so oberflächlich zusammenge⸗ stoppelter Inhalt von der Presse und nament⸗ lich auch von den sozialdemokratischen Rednern kritisch vernichtet worden war. Der Verfasse⸗ dieser Denkschrift wird wohl nicht so bald Minister werden. Der mit der Zuchthausvorlage gegen das Koalitionsrecht der Arbeiter unternommene Feldzug kann jetzt schon als verunglückt be— trachtet werden, wenngleich der endgültige Aus— gang der Affäre noch nicht genau vorherzusehen ist. Daß die erst schwankenden Parteien so ent⸗ schieden auftraten, hatte seinen guten Grund. Die flammenden Proteste der sozialdemokratischen Arbeiter und der Gewerkschaften hätten wohl kaum hingereicht, diese Parteien aus ihrer Zu— rückhaltung herauszutreiben. Aber die Be— wegung gegen die Zuchthausvorlage hat fast die ganze deutsche Arbeiter weltergriffen, da sie sich in ihrem wichtigsten Rechte bedroht sah. Wir hatten richtig gerechnet, als wir an— nahmen, die Vorlage würde auch die nichtsozia— listischen Arbeiter auf die Beine bringen. In der That haben sich die Arbeiter aller nicht⸗ sozialistischen Organisationen und aller politischen und religiösen Schattierungen gleichmäßig gegen die Vorlage erhoben. Die Proteste der nichtsozialistischen, nament⸗ lich der katholischen Arbeiter wirkten wie Geißel— hiebe auf die Mittelparteien und sie bemühten sich darum, die Vorlage so entschieden wie möglich zu bekämpfen. Die Junker dagegen stimmten ihr zu. Sie fühlen sich noch einiger⸗ maßen sicher, so lange die ländlichen Arbeiter das Koalitionsrecht nicht haben, obschon sie zu ahnen beginnen, daß diese Sicherheit eine trügerische und daß das feudale Gebäude bereits unterhöhlt ist. Sie betrachten das Zuchthaus⸗ gesetz als einen mittelbaren Kampf gegen die Sozialdemokratie. Sie werden wohl bald er⸗ jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.)[33 ½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabattt sehen, wie viele Tausende Anhänger diese „mittelbare“ Bekämpfung der Sozialdemokratie eingebracht hat. Nun wäre es an der Zeit gewesen, eine That zu thun und das ganze Monstrum von Gesetzesvorlage in der Versenkung verschwinden zu lassen, damit der Regierung ein für alle Mal die Lust verginge, mit derlei Vorlagen an den Reichstag zu kommen. Zugleich wäre es auch eine gute Lektion für die Stumm und Ge— nossen gewesen, denen man auf diese Weise bei⸗ gebracht hätte, daß der Reichstag denn doch kein Spielball für diese Boykott-Könige ist. Allein trotzdem die trügerischen Vorspiegelungen vom „terroristischen Arbeiter“ und vom„gütigen Arbeitgeber“ sich in nichts aufgelöst haben, trotzdem man direkt und indirekt auch hei den Mittelparteien zugab, daß; der Arbeiter eines Schutzes gegen den Terrorismus so mancher Unternehmerverbindungen bedürfe, trotzdem die schwarzen Listen gebrandmarklt wurden— zur sofortigen Vornahme einer zweiten Lesung und endhültigen Bestattung des Zuchthausgesetzes konnte man sich da noch nicht entschließen. Wie sollten auch die Kuhhändler des Zentrums zu einem solchen heroischen Entschluß kommen? Das Zuchthausgesetz wird also erst im No- vember in die zweile Lesung gelangen. Niemals wird es in der vorliegenden Gestalt Gesetz werden. Der Reichstag vertagte sich auf fünf Monate. In der Zwischenzeit kann aller— lei geschehen; Ueberraschungen sind auch nicht ausgeschlossen. Die Herren vom Zeatrum, die so stolz erklärt haben, daß sie für die Gefällig⸗ keiten, die sie der Regierung thun, auf alle und jede Belohnung verzichten wollten, gehen mit der Zuchthausvorlage in der Hand im Trüben fischen. Es fehlt ihren großen Worten die ent— sprechende That. Für die Arbeiter ergiebt sich damit von selbst, was sie zu thun haben. Sie dürfen sich nicht mit großspurigen Redensarten einlullen lassen; sie müssen auf dem Posten bleiben und im Winter, wenn die Entscheidung kommt, müssen ihre Proteste lauter und lauter erschallen, damit die Mittelparteien, die im Herzen immer den Wunsch hegen, den Kampf⸗ organisationen der klassenbewußten Arbeiter am Zeug zu flicken, wieder auf den denselben ab— lehnenden Standpunkt wie in der ersten Lesung gedrängt werden. Es darf vor allen Dingen auch nicht unbeachtet bleiben, daß fast die Hälfte der Nationalliberalen— 21 von 47 Mitgliedern — für die Verweisung des Gesetzes an eine Kommission gestimmt hat. Diese Leute finden also„geeignete Grundlagen“ in dem Gesetze, um mit der Regierung zu verhandeln. Es sind noch nicht alle Gefahren vorüber und die Arbeiter dürfen nicht erlahmen. Aber vorläufig ist der Erfolg ein großartiger; die Regierung ist auf allen Punkten geschlagen und überwältigt worden. In der Redeschlacht ist sie vollständig unterlegen und die schwachen Versuche der Reaktionäre auf der Rechten, ihr zu Hülfe zu kommen, mußten um so kläglicher mißglücken, als man ihre Sache von vornherein als verloren ansehen mußte. Wenn die Arbeiter wachsam bleiben und im Winter die definitive Ablehnung der Vor⸗ lage erzwingen, dann wird sich die Regierung in nächster Zeit wohl hüten, die Arbeiterklasse mit ähnlichen Angriffen heimzusuchen. — ———— ———bbä—ů— Seite 2. Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung. Nr. 27. Von der Zuchthausvorlage. *Nach den Erklärungen des Grafen Posa⸗ dowsky haben alle Regierungen der Zuchthaus⸗ vorlage ihre Znstimmung gegeben. Welche Gründe waren für die hessische Regierung ausschlaggebend, als sie den reaktionären Entwurf guthieß? Bisher haben wir auf eine Erklärung ver⸗ geblich gewartet. f Warum zögert die hessische Regierung mit der Aufklärung? Sind in Hessen irgend welche „Auswüchse“ der Koalitionsfreiheit beobachtet worden? Sind in Hessen Streikbrecher— Pardon! Wir meinen natürlich„für den Staat besonders nützliche Elemente— von streikenden Arbeitern beleidigt, vergewaltigt, terrorisiert, oder durch Inschriften in gewissen kleinen Häuschen eingeschüchtert worden? w. g. Ein weißer Rabe. Inu Göppingen(Württemberg) sprach unser Genosse Mattutat über die Zuchthausvorlage. An der Diskussion beteiligte sich auch ein Pastor Namens Blumhardt. Er sagte u. A.: Er verfolge die Arbeiterbewegung mit großem Interesse und stehe den Bestrebungen der Arbeiter durch⸗ aus sympathisch gegenüber. Er sei auch Arbeitgeber, wenn auch ein kleiner, aber er müsse sagen, daß er keinen Finger rühren könnte ohne seine Arbeiter. Er habe nich geglaubt, daß die angekündigte Vorlage dem Reichstag vorgelegt werde, da es aber doch geschehen sei, so halte er es für seine Pflicht, nicht länger zurückzuhalten, sondern an die Oeffentlichkeit zu treten und sich gegen die Vorlage auszusprechen. Dieselbe sei ein Verbre ch en an der Gerechtigkeit. Er neige sein Haupt vor dem Fleiße der Arbeiter, die den sogenannten Kapitalisten zu ihrem bequemen Leben verhelfen. Die Arbeiter könnten nicht hinter dem Schreibtisch sitzen und Bücher studieren und doch lesen sie Bücher und verschaffen sich Bildung durch Zeitungen und durch ihre Versammlun gen. Sie thun dies noch nach harter Tagesarbeit und des— halb seien ihre Bestrebungen doppelt anzuerkennen. Wir leben in einer großen Zeit. Er sehe einen Strom in der Arbeiterschaft, dem eine große Kraft inne wohne. Die Hebung der Arbeiterklasse müsse von unten erfolgen, denn nicht von oben, sondern von unten komme das Gute, auch Christus sei aus der Volke hervorgegangen. Wenn die Arbeiter eine Ve⸗ brüderung aller Völker erstreben, so gehe er darin mit ihnen einig, denn es sei töricht, wenn Volk gegen Volk in falschem Nationalitätendünkel sich bekämpfe, sie alle hätten gleiche Interessen, sie alle müssen arbeiten und kämpfen. Bedauerlich, aber begreiflich, daß gar so— wenig Geistliche denken, wie dieser verständige Schwabe. * Freisinnige und Zuchthaus vorlage. Gegen Eugen Richter und die Frei⸗ sinnige Zeitung werden in national⸗ sozialen Blättern Vorwürfe erhoben. Eugen Richter habe an den Beratungen der Zuchthaus⸗ vorlage ni cht teilgenommen, auch habe die von ihm begründete Zeitung sich äußerst lasch und lau in der Bekämpfung der Zuchthausvorlage gezeigt. In den angedeuteten Blättern wird geschrieben: „Unangenehm ist die Erkrankung, die den Abg. Eugen Richter zwang, gerade an dem Tage Wiesbaden aufzusuchen, wo die Beratung der Zuchthausvorlage be— gann. Daß es ihm, dem Mann mit der so robusten Gesundheit, passieren mußte, ausgerechnet vier Tage vor Schluß der Tagung nach dem Bade abreisen zu müssen, in dem Augenblick, wo die wichtigste Vorlage der ganzen Session zur Verhandlung kam! Es wäre ihm doch zweifellos Herzensache gewesen, die überaus laue Kritik, die die Freisinnige Zeitung der Zuchthausvorlage hatte angedeihen lassen, und die kaum auf grundsätzliche Gegunerschaft schließen ließ, durch eine fulminante Ver⸗ nichtung des Regierungsentwurfs abzulösen. Er hätte auch gleich die gewiß gewichtigen Gründe angeben können, die die Freisinnige Volkspartei verhindert haben, ihre ausgezeichnete Organisation in den Dienst der Protestbewegung gegen die Vor⸗ lage durch Veranstaltung von Versammlungen 2c. zu stellen. Alles das mußte Eugen Richter ungesagt sein lassen, weil die Abreise ins Bad sich keinen Tag länger aufschieben ließ. Schade, ewig schade!“ Die ausgezeichnete Rede des Abg. Lenzmann ändert nichts an der Thatsache, daß bis heute nur in einzelnen Städten seiteus der freistunigen Volkspartei Protestversammlungen einberufen sind. In Gießen hätten die„Freisinnigen“ die Pflicht gehabt, eine Protestversammlung ein⸗ zuberufen, weil sie wissen, daß der sozialdemo⸗ kratischen Partei kein Lokal zur Verfügung steht. Aber es blieb über und unter allen Wipfeln Ruh. Die sogenannte freisinnige Volkspartei in Gießen schlief ruhig weiter, auch als im Amtsblatt eine„Leise Anfrage“ veröffentlicht wurde. Wir haben begründete Ursache anzunehmen, daß die Gießener National⸗ liberalen nicht nur, sondern auch die Gießener Freisinnigen zum Teil Freunde der Zuchthausvorlage sind. d Antisemiten und Zuchthaus vorlage. Eine jämmerliche Haltung haben, wie immer, die Antisemiten eingenommen, diese hanswursti⸗ gen Söldlinge der Reaktion. Einzelne ihrer Blätter haben die Zuchthausvorlage bei ihrer Verkündung mit jubelndem Halloh be⸗ grüßt. Andere Blätter, denen der Mut der Ueberzeugung fehlt, haben zunächst überhaupt keine Stellung genommen, sondern sich damit begnügt, mitzuteilen, daß dem Reichstag der und der Gesetzentwurf zugegangen sei. Zu diesen Blättern gehört auch der Arizona-Kicker des Abg. Köhler. Später hat das Köhlersche Organ direkt durchblicken lassen, wie sympathisch ihm die Zuchthausvorlage ist. Man lese folgenden, echt antisemitisch zugestutzten Bericht über den wichtigsten Abschnitt aus den Reichstags-Ver⸗ handlungen: „.... Staatssekretär Graf Posadowsky: Die Vor⸗ lage wolle nur den verstärkten Schutz des Individuums. Die Sozialisten wollen Zwang und Drohung anwenden. (Wie man z. B. in Wien sehen kann.) Die Sozialdemokratie sei der politische Staat im Staate. Im Kampfe gegen sie vertrauen wir auf das mutige Bürgertum. Zum Schluß benutzt der Abg. Bebel die Gelegenheit zu einer mehrstündigen Zungenübung.“ In dieser Weise berichtet das Anti⸗ semitenblatt über die Zuchthausvorlage! Es kommt dem Grafen Posadowsky zu Hilfe mit dem Hinweis auf antisemitische Lügen⸗ berichte aus Wien. Doch wen kann das verwundern von dem Organ des Abg. Köhler, der nichts davon wissen wollte, die der Ge— sindeordnung unterstellten ländlichen Ar— beiter und Arbeiterinnen der Gewerbe⸗ ordnung zu unterstellen, in der die Koali— tionsfreiheit garantiert ist. Wenn im Reichstag der antisemitische Junker Liebermann von Sonnenberg nicht, wie seine ostelbischen Standesgenossen, direkt für die Vorlage eintrat, sondern zunächst nur schämig für Kommissionsberatung plädierte, so geschah das, weil die Antisemiten in Sachsen sich einer Nachwahl zu unterziehen haben(Lotze-Pirna). Und da gedenken sie wieder im Trüben zu fischen. Vergeßt's nicht, Arbeiter in Stadt und Land, außer den Konservativen und 21 Natio⸗ nalliberalen stimmten nur noch die Anti— semiten für Kommissionsberatung der Zucht⸗ hausvorlage. * Die Partei Drehscheibe. Die meisten nationalliberalen Blätter sind unzufrieden mit der Haltung der Abgg. Heyl und Bassermann, die Gegner der Zucht— hausvorlage sind. „Was geschieht, wenn von diesem so unbedingt notwendigen und von allen Arbeitgebern als eine Wohlthat aufgefaßten Versuch zur Zügelung des sozialdemokratischen Uebermuts und der Herrschaft der Großmäuligkeit gar nichts mehr übrig geblieben sein wird— das wissen die Götter. An eine Auflösung des Reichstags glauben wir nicht! Aber es wird weit gekommen sein mit dem Deutschen Reiche, wenn die Thatsache feststeht, daß die Mehrheit seiner Ver⸗ tretung sich weigert, den Gerichten die zur Bestrafung der Schreckensmänner nothwendigen Handhaben zu liefern.“ So ist in zahlreichen nationalliberalen Blättern zu lesen. Frhr. v. Heyl und Basser⸗ mann werden als Offiziere ohne Soldaten be⸗ zeichnet. Das letztere ist zweifellos richtig. Die Drehscheiben-Blätter hoffen auch auf An⸗ nahme der Vorlage in zweiter Lesung. Die nationalliberale Fraktion des preußischen Ab⸗ geordnetenhauses hat der nationalliberalen Fraktion des Reichstags ein Mißtrauens⸗ votum erteilt. Der Münchener„Allgemeinen Zeitung“ wird aus Berlin gemeldet: Die natio⸗ nalliberale Partei des Abgeordnetenhauses be⸗ dauert, daß nicht die gesamte Reichstags⸗ fraktion für Verweisung der Vorlage zum Schutz der Arbeitswilligen an eine Kom mission ge⸗ stimmt hat. Die Sächs. natlib. Corresp. ver⸗ langt einen besonderen Parteitag für den Herbst, um die Bassermänner scharf zu machen. * Seid wachsam! Es gilt wachsam zu sein, ihr deutschen Arbeiter! Mit welchen Mitteln die Reaktion arbeitet, zeigt die Thatsache, daß die famose Tendenzdenkschrift zur Zuchthausvorlage Kreis⸗ blättern beigelegt wird.„Auf diesem Wege hofft man— so meint selbst die„Frkf. Ztg.“— den Spießbürger das Gruseln zu lehren. Die Kosten dieses Vertriebs trägt der„Vaterlands⸗ verein“ in Berlin. Vaterlandsverein! Welcher Hohn! So nennt sich eine Gesellschaft, die für die Zuchthausvorlage agitiert und so, wenn die Agitation Erfolg hat, dem Vaterland schweren Schaden zufügen würde. Also die Reaktion ist an der Arbeit. Mögen die Anderen es auch sein!“ Auf niemand können sich die Arbeiter ver⸗ lassen, denn auf sich selbst. Sie müssen und werden auf der Hut sein, denn das Koa⸗ litionsrecht ist für die Arbeiter so notwendig, wie das tägliche Brod selbst. In ihrem Kampfe um das Koalitionsrecht mögen die Arbeiter nicht vergessen, daß die beste Waffe in diesem Kampfe die Arbeiter⸗ presse ist Der Arbeiterpresse fällt die Aufgabe zu, die schwankende Haltung der bürgerlichen Presse und die Lügen der Scharfmacherpresse gebührend zu kennzeichnen. Wollen die Arbeiter in ihrem Kampfe um das Koalitionsrecht auf festem Boden stehen, wollen sie zu jeder Zeit fest⸗ gewappnet den Gegnern gegenübertreten können, so müssen sie ihre Informationen sozialdemo⸗ kratischen Zeitungen entnehmen. Darum muß jeder weitere Protest gegen die Zuchthausvorlage ausklingen in die Mahnung: Sorgt für die weiteste Verbreitung der sozial⸗ demokratischen Presse! Agitiert für die Mittel⸗ deutsche Sonntags-Zeitung! Politische Rundschau. Gießen, den 30. Juni. Der Kaiser im Reichstag. Der Handels minister Brefeld hat neulich im Reichstag Beschwerde darüber geführt, daß ge⸗ legentlich der Beratung der Zuchthausvorlage der Kaiser in der Debatte wiederholt genannt wurde. Das widerspreche dem Herkommen. Zu diesem Kapitel schreibt jetzt die über jeden Zweifel an ihrer guten Gesinnun;z erhabene Nationalzeitung: 5 e „Je häufiger der Kaiser in die öffentliche Diskussion eingreift, und je offenbarer es ist, daß solches Eingreifen nur mittelbare politische Wirkungen hat— die Vorlage über das gewerbliche Arbeitsverhältnis ist doch unleugbar eine Wirkung der Reden von Biele⸗ feld und Oeynhausen!— um so unhalt⸗ barer wird bei uns die alte konstitutionelle Regel, daß der Monarch außerhalb der politi⸗ schen Debatte zu lassen ist. Durch ihre Be⸗ folgung würde unser öffentliches Leben zu einem großen Teil sich in eine leere Fiktion verwan⸗ deln. Es ist sogar fraglich, ob die ziemlich willkürliche Unterscheidung des Grafen Ballestrem auf die Dauer haltbar sein wird, daß kaiser⸗ liche Reden nur dann Gegenstand der parlamen⸗ tarischen Debatte sein dürfen, wenn über sie ein authentischer Bericht vorliege; denn es. kaun recht zweifelhaft werden, was alß„authentischer“ Bericht anzusehen ist. Wir stimmen dem Minister Brefeld dariu durchaus zu, daß es ein höchst uuerwünschter Zustand ist, wenn im Parlament— und wir fügen hinzu: Einmal, stärke ha bon dem troffen v Cs geht nächste g nut der wären, Schlacht überhaut würde ca einander stlag wie solle 10 fahrein Und ver. Völker n der Auft onen k. Erforder Vewaffn Bei man si hal lter für die Welt damit 01 befreien. Pensi fit!. 0 n. — Ab⸗ kalen en 8. deinen nato. 5 be⸗ fas. Schutz U ge⸗ ö ber⸗ eths, sschen aktion imose reis ands⸗ elcher ie für in die Weren aktion n es r ber⸗ und Kha⸗ dig, echt, beste tek⸗ e zu, bresse hend ihrem estem fest⸗ amen, semo⸗ en die ung: bzial⸗ tel Nr. 27. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. in der Presse— so zu sagen mit dem Monar⸗ chen diskutiert wird; aber die Folge kann nur mit der Ursache, kaiserliche Kund⸗ gebungen wie die in der Rede von Oeyn⸗ hausen, ausbleiben.“ Das europäische Kriegslager. Wenn den in Haag versammelten„Friedens⸗ boten“ Europas ab und zu einmal die Ueber— zeugung der Notwendigkeit, daß eine n auf dem Gebiete der seitherigen Rüstungen un der Kriegsführung dringend geboten ist, ab⸗— handen kommen sollte, dann dürfen sie sich nur in die Zahlen vertiefen, die die Kriegsstärke der europäischen Heere angeben, um diese Ueber⸗ zeugung sofort wieder zu gewinnen. Rufen wir uns aus dem Anlaß der Friedenskonferenz wieder einmal ins Gedächtnis, wie das„euro⸗ päische Kriegslager“ in Bezug auf die beteiligten Krieger zusammengesetzt ist! Es beträgt die Präsenzstärke Kriegsstärke in Deutschland 579,828 5,000,000 „ Frankreich. 572,290 4,053,000 „ Rußland 887,000 4,556,000 „ Oesterreich-Ungarn 354,300 1,872,000 259,668 1,509,000 hend 309,774 870,711 id 606,149 220,000 Dein 51,063 229,384 „ Dänemark— 60,000 „ Rumänien 49,200 200,000 Serbien 12,700 337,500 7. Aus diesen Zahlen geht Verschiedenes hervor. Einmal, daß Deutschland die höchste Kriegs⸗ stärke hat, und daß sein stehendes Heer nur von dem Riesenreich des Zaren an Zahl über⸗ troffen wird. Und das nur auf dem Papier. Es geht aber auch daraus hervor, daß der nächste Krieg, in den, nehmen wir einmal an, nur der Dreibund und der Zweibund verwickelt wären, circa 17 Millionen Menschen auf dem Schlachtfeld sehen würde!.. Ein„Weltbrand“ überhaupt, d. h. ein Europa umfassender Krieg, würde ca. 19 Millionen Ebenbilder Gottes gegen einander hetzen zum blutigen Mord und Tot⸗— schlag... Wie sollen diese Massen geleitet, wie sollen sie ernährt werden?! Der Kulturarbeit sind in Europa jahraus jahrein ständig entzogen ca. 3,142,000 Männer. Und verloren geht dem Nationalvermögen der Völker nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch der Aufwand zur Unterhaltung dieser 3 Mil⸗ lionen kräftiger Männer, abgesehen von den Erfordernissen der Ausrüstung— Kleidung und Bewaffnung.— Bei einer Betrachtung dieser Zahlen wird man sich so recht klar der Größe des weltge— schichtlichen Verdienstes, welches dasjenige Zeit⸗ alter für sich beanspruchen darf, dem es gelingt, die Welt von Krieg und Kriegsgewitter und damit auch von dem ständigen Kriegslager zu befreien. In Pension! Pensioniert wurden in der deutschen Armee seit 13. Mai c.: 8 Generalleutnants, 14 General⸗ majore, 18 Oberste, 2 Oberstleutnant, 12 Majore, 12 Hauptleute, 11 Oberleutnants und 5 Leut⸗ nants. In Summe 82 Offiziere. Kosten per Jahr: 410 000 Mark! Auf Preußen treffen von den Verabschiedeten: 7 General- leutnants, 12 Generalmajore, 15 Oberste, 8 Majore, 9 Hauptleute, 7 Oberstleutnants, 2 Leutnants; auf Bayern 1 Generalleutnant, 1 Generalmajor, 1 Oberst, 1 Oberstleutnant, 1 Major, 3 Hauptleute, 3 Oberleutnants, 1 Leut⸗ nant; auf Sachsen 1 Generalmajor, 2 Oberste, 1 Oberstleutnant, 2 Leutnants; auf Württem⸗ berg 3 Majore, 1 Oberleutnant. Ferner schieden ohne Pension aus: 5 Oberleutnants (4 preußische und 1 württembergischer) und 17 Leutnants(15 preußische!!, 1 sächsischer und 1 württembergischer)y. Im Ganzen gingen also in dem kurzen Zeitraum von 6 Wochen 104 Offiziere ab. Der Gesamtverbrauch an Offizieren im ersten Halbjahr 1899 beläuft sich auf 360, die jährlichen Kosten hierfür be⸗ tragen die Kleinigkeit von 1100 000 Mark. In Preußen wurden insgesamt 275, in Bayern 49, in Sachsen 16, in Württemberg 20 Offiziere verabschiedet bezw. ausgeschieden. Verhältnis⸗ mäßig am wenigsten wurde in Sachsen pensioniert. Nachwahl in Pforzheim. Aus Pforzheim kommt die Nachricht, daß unser Parteigenosse Agster sein Reichstags⸗ mandat aus Gesundheitsgründen nie⸗ dergelegt hat. Dieser Schritt unseres von schwerem Nervenleiden befallenen Genossen war schon seit längerer Zeit zu erwarten. Der neunte badische Reichstags⸗Wahlkreis Ett⸗ lingen⸗Durlach Pforzheim wurde bei der vor⸗ jährigen Wahl zum erstenmal fur die social⸗ demokratische Partei gewonnen. Im ersten Wahlgang erhielten wir 10 880 Stimmen, der nationalliberale Kandidat 7272, der Centrums⸗ kandidat 4254, ein konservativer Kandidat 1509 Stimmen. In der Stichwahl siegten wir mit 12 972 gegen 10 530 gegnerische Stimmen. Wir hoffen zuversichtlich, daß unsere Parteige⸗ nossen im dortigen Kreise sich der Mühewaltung einer Nachwahl mit gewohntem Eifer unterziehen und daß der Wahlkreis unserer Partei erhalten bleiben wird.— Freiherr von Hammerstein, der frühere Leiter der„Kreuzzeitung“ und konser— vative Parteiführer ist am Montag aus der Strafanstalt Moabit entlassen worden. Das gegen ihn am 22. April 1896 nach 113tägiger Untersuchungshaft wegen Betruges und Urkunden⸗ fälschung gefällte Urteil, lautend auf 3 Jahre Zuchthaus, 1500 Mk. Geldstrafe oder noch 100 Tage Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust, wurde erst am 26. Juni 1896 rechtskräftig, da an diesem Tage die Revision vom Reichsgericht verworfen wurde. Um dem Freiherrn von Hammerstein die Verbüßung der 100 Tage Zuchthaus zu ersparen, ist der„Staatsb. Ztg.“ zufolge von Freunden seiner Familie die Summe von 1500 Mk. aufgebracht worden. v. Hammer⸗ stein soll sich während seiner Strafzeit muster⸗ haft geführt haben. Gemaßregelter Pastor. Aus Braunschweig wird berichtet: In dem Urteil gegen den wesentlich seinersozialpoliti⸗ schen Thätigkeit wegen seines Amtes entsetzten Pastor Schall heißt es:„Es ist anzuerkennen der Fleiß, die hervorragende theologische Tüch⸗ tigkeit und die gewissenhafte Treue, mit dem Pastor Schall sein Amt geführt hat, und es ist deshalb zu bedauern, daß der Disciplinarhof gleichwohl auf Dienstentlassung erkennen mußte. Zwingend dabei waren die zahlreichen Verunglimpfungen, die Schall sich gegen seine Vor⸗ gesetzten hat zu schuldeu kommen lassen, sowie der unüberwindliche Widerspruchsgeist gegen die Anordnungen seiner Vorgesetzten, der, wie die 5 gezeigt hat, auch jetzt noch derselbe 01 05 Dr. Sigl über Sozialdemokraten. Der Thätigkeit der sozialdemokratischen Ab⸗ geordneten in der bayrischen Kammer stellt Sigl's„Vaterland“ folgendes Zeugnis aus: „Man hat Herrn v. Vollmar in der Kammer oft mit Recht dem„Hecht im Karpfenteiche“ verglichen. Er und die Abgeordneten Segitz und Ehrhart haben auch in der außerordentlichen Session diesem Rufe alle Ehre gemacht. Sie brachten Leben in die Bude, und wenn sie auch nicht im Stande waren viel Positives zu er— reichen, und das viele Unangenehme zu verhindern, so haben sie durch ihr gerades Auftreten große moralische Erfolge, die Achtung auch ihrer politischen Gegner errungen. Das ist viel wert.“ — Dasselbe gilt von unseren Genossen im hessi⸗ schen Landtag. Ausländisches. Oesterreich. Die angeführte Polizei. Die Sozialdemokraten in Wien wollten eine größere Anzahl von Flugblättern gegen die Lueger'sche Wahlreform zur Verteilung bringen, ohne dabei von der Polizei durch Konfiskation 2c. gestört zu werden. Um dies zu erreichen, ließ man dem Herausgeber des antisemitischen „Deutschen Volksblattes“ einen nur in einem einzigen Exemplar hergestellten Aufruf zukommen, in welchem die Arbeiterschaft auf⸗ gefordert wurde, an einem bestimmten Abend vor dem Rathause und gleichzeitig vor der Re⸗ daktion des„Deutschen Volksblattes“ Massen⸗ Demonstrationen zu veranstalten. Der Heraus⸗ eber des„Deutschen Volksblattes“ übersandte furt den an ihn gelangten Aufruf an die Polizei, die gleichfalls in die Falle ging und alle nur verfügbaren Geheimagenten und Wach⸗ leute bei dem Rathause und der Redaktion des „Deutschen Volksblattes“ versammelte, um der angeblichen Demonstration vorzubeugen. Während die Polizei vergeblich der Arbeiter— massen harrte und die benachbarten Bezirke von Sicherheitswachen entblößt waren, ließ die sozial⸗ demokratische Partei in aller Eile Tausende und Tausende der gefährdeten Flugblätter ver— teilen, und entging auf diese Art der polizeilichen Beobachtung. Belgien. Das neue Wahlgesetz ruft einen Sturm der Entrüstung im Lande und in der Deputiertenkammer hervor. In der Kammer kam es dieser Tage wieder zu heftigen Zwischen⸗ fällen. Der Sozialist Vandervelde erklärte das Gesetz für schamlos. Der Sozialist Smeets er— klärte, der König sei der Mitschul dige des Ministeriums. Der Vorsitzende forderte den Redner auf, die Person des Königs zu respet— tieren. Der Sozialist Demblon erklärte darauf, man achte, was zu achten sei. Demblon erklärte:„Wir hatten nicht erwartet, daß man ein skandalöses Gesetz einbringen wird. Sie hatten nicht das Recht, ein solches Gesetz vor— zulegen. Sie spotten damit der Konstitution!“ Sich an die Regierung wendend rief Redner: „Sie sind Aufrührer! Die Regierung muß die Vorlage zurückziehen.“ Der Fortschrittler Lorand protestierte ebenfalls gegen die Vorlage. Da bei der Abstimmung über das Datum für die Erörterung der Vorlage die Linke den Saal verlassen hat, ist die Kammer beschlußunfähig. Die Sitzung wird infolgedessen aufgehoben. Die Bewegung gegen das Wahlgesetz der Regierung dehnt sich über ganz Belgien aus und wird eine nationale Kundgebung aller Oppo— sitionsparteien zur Folge haben. Frankreich. Das neue, aus so wider— spruchsvollen Elementen zusammengesetzte Ministerium hatte am Montag seine Feuerprobe zu bestehen und— es hat sie bestanden, wenn auch unter heftigen Stürmen und mit knapper Not. Aber die neue Regierung hat sich vor der Volksvertretung behaupten können und das Volk scheint in seiner Mehrheit damit einver⸗ standen zu sein. Der Senat erteilte dem neuen Kabinet mit großer Majorität das Vertrauens⸗ votum; aber die Kammer gab dasselbe nur mit der knappen Mehrheit von 26 Stimmen, nach⸗ dem während der ganzen Verhandlung, den Berichten zufolge, eine gewaltige Aufregung tobte. Erst als der sozialistische Handels⸗ minister Millerand zum Schlusse auf die Notwendigkeit der Arbeiterschutzgesetzgebung hin— wies, sollen sich die Wogen besänftigt und der Redner einen jubelnden Beifall geerntet haben. Das muß als eine schöne Vorbedeutung erachtet werden, daß der Gedanke ächter Sozial⸗ reform das Medium der politischen Gesundung Frank eichs bilden kann. Pon nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich streugste Gewissen⸗ haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Protestversammlung in Gießen. r. Trotz des recht zweifelhaften Wetters hatten sich am Sonntag Nachmittag im Garten der Pulvermühle wohl an 600— 700 Männer und Frauen eingefunden, um Protest zu erheben gegen die Zuchthausvorlage. Referent war Genosse Scheidemann. In großen Zügen schilderte er zunächst die heutige Schleifstein⸗ politik, beleuchtete dann die häßlichste Blüte der— selben, die Zuchthausvorlage, eingehend, und forderte am Schlusse seines 1½stündigen Vor⸗ trags zu festem Zusammenhalten und treuer Pflichterfüllung auf. Langanhaltender Beifall folgte den leichtverständlichen Ausführungen. Eine Diskussion wurde nicht beliebt. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: „Die heutige, im Garten der Pulvermühle tagende Volks-Versammlung protestiert auf das Entschiedenste gegen die Zuchthausvorlage und erwartet vom Reichstage, daß er auch in zweiter Lesung das kulturfeindliche Ausnahme— 9 — — Sette 4. Mitteldeusche Sonntags- Zeitung. Nr. 27. gesetz gegen die Arbeiterklasse ablehnen wird. Nicht eine Einschränkung, sondern vielmehr eine Erweiterung des Koalitionsrechts thut den deutschen Arbeitern Not. Die Ver⸗ sammlung fordert den Reichstag auf, für die bessere Ausgestaltung des Koalitionsrechts und die gesetzliche Anerkennung der gewerk⸗ schaftlichen Organisationen einzutreten.“ Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie fand die denkwürdige Versammlung ihren Abschluß. Protestierende Veteranen. * Die Rede des Genossen Scheidemann in der Pulvermühlen-Versammlung vom vorigen Sonntag hat in den Augen des Berichterstatters der natibnal⸗sozialen Marburger Hess. Ldsztg. einigermaßen Gnade gefunden. Nur gefällt es dem Herrn nicht, daß verschiedentlich doch der „sozialdemokratische Pferdefuß zum Vorschein gekommen.“ Der nationalsoziale Berichterstatter scheint den Pulvermühlengarten in der Hoffnung betreten zu haben, daß sich Scheidemann ange⸗ sichts des am Garten vorüberflutenden gewal⸗ tigen Lahnstromes plötzlich für die Zukunft, die auf dem Wasser liegen soll, begeistern und so nebenbei für Naumanu⸗Sohmesche Ueber⸗ seepolitik, für neue Kanonen, Kriegsschiffe und afrikanische Sandwüstenkolonisation Propaganda machen würde.— Aber noch etwas weiß der Berichterstatter zu vermelden, was ihm schier unerhört vorgekommen scheint. Man höre: „Ein Ereignis soll nicht unerwähnt bleiben; wir sahen plötzlich zu unserem Er⸗ staunen einen alten Veteranen daherkommen, dessen Brust mit militärischen Ehrenzeichen geschmückt war!“ Er sah ihn daherkommen! Welch schreckliches, welch schauderbares Ereignis; ein ordenge⸗ schmückter Krieger in einer sozialdemokratischen Protestversammlung!„Hilfe!“ Naumann, hilf! „Akademisch gebildet.“ * Es wird uns geschrieben: Das glänzende Ballfest, das ein Gießener reicher Privatmann während einer Sommernacht der vergangenen Woche in Steins Garten gab, sollte am frühen Morgen in der Oeffentlich⸗ keit eine eigenartige Nachfeier finden. Der studentische Teil der Festgesellschaft fühlte nämlich den Trieb in sich, dem Gastgeber und seiner Familie noch unter dem Ein⸗ flusse des Tanzes, der Speisen und der Getränke seinen Dank abzustatten. Daß dies aber in den bekannten Lebensformen der„gebildeten akademischen Jugend“ sich vollzog, ist nicht weiter zu verwundern. Um 6 Uhr also, als gerade Arbeiter und Arbeiterinnen ihrem Tage⸗ werk zueilten, Bäckerjungen und-Frauen ihre Körbe aus⸗ trugen und Realschüler von den Frühzügen an ihrer Schule ankamen, torkelte Ludwigs⸗ und Bismarck⸗ straße⸗Ecke ein wüster Haufe weiß bemützter„feiner“ Herren herum, untermischt von einigen Grün⸗ und Rot⸗ kappen, sowie mehreren schiefen Zylinderhüten. Die Heldenbrüste geschmückt mit glitzernden Cotillonorden, die Coien schlotternd und eingeknickt, nervenzerrüttende„Ge⸗ sänge“, unablässig wiederholte Hochs auf„Mariechen“, das seinen Verehrern vom zweiten aus zuzuschauen schien, meist aber ein Gejohl und ein Gebrüll, das die ganze Nachbarschaft aus ihren Betten scheuchte. Brotbeutel wurdeu hin- und hergeschleudert, eine Fensterscheibe klirrt wieder, von einem Bierglas zerschmettert. Ein tapferer Vaterlandsverteidiger, den Helm auf dem schwankenden Haupt, die weiße Mauer des Hauses als Stützpunkt im Rücken, leitet die Schlacht, der nach über halbstündiger Dauer die schließlich hinzukommende Polizei dadurch ein Ende macht, daß sie zwei der am meisten unterstützungs⸗ bedürftigen Fräcke vom Felde der Ehen teilnehmend hin weggeleitet.— Wären wir Berichterstatter der gutge⸗ sinnten Presse, so würden wir nicht verfehlen, mit dem Ausdrucke unserer unterthänigen Hochachtung vor unseren zukünftigen Richtern, Geheimräten u. s. w. die üblichen Phrasen von„überschäumender Jugendlust“ und„keckem Studentenulk“ auf das geduldige Papier hinzustammeln, — dankbar entzückt, die Blüte der Nation in schwarzer und zweifarbiger Gala in ihrer verzeihlichen Ausgelassen— heit haben schauen und hören zu dürfen. Schade, wir fühlen keinen Beruf in uns, für das, was bei den privilegierten Mitgliedern unserer„gebildeten a ademischen Jugend“ als„Ordnung und Sitte“ gilt, einzutreten. So müssen wir unserer wirklichen Empfindung folgen und uns darauf beschränken, über die geschilderten Vor—⸗ gänge das kurze Wörtchen auszusprechen, das jüngst im Reichstage als unparlamentarisch bezeichnet wurde, näm⸗ lich ein kräftiges Pfui! Endlich wollen wir auch dem unmittelbaren, frischen Urteile des„ungebildeten, niederen Volkes“ das Wort verleihen: Von dem Gerüste eines Hauses in der Nachbarschaft, wo fleißige Tüncher hoch über dem widerlichen Schauspiele„gebildeter“ Be. heit schon geraume Zeit ihr Tageswerk betrieben, erscholl plötzlich mitten in den Höllenlärm der durche inander⸗ taumelnden„Söhne der besseren Gesellschaft“ hinein der scharfe, gellende, vernichtende und— wahre Ruf: Faullenzer! Gebildeter Rowdy. „Man ist auch in Hessen gewöhnt, daß die von Studenten„in überschäumender Jugend⸗ kraft“ begangenen Rohheiten meist recht milde beurteilt wurden. Die Darmstädter Straf⸗ kammer hat ber kürzlich einmal fest zuge⸗ griffen. Sie verurteilte den Studiosus Kopf, Mitglied der Burschenschaft Teutonia, zu 8 Monaten und 2 Wochen Gefängnis, weil er in geradezu bestialischer Weise, ohne jede Veranlassung, einen jungen Arbeiter nachts angegriffen hatte und mit dem Stock ein Auge derart verletze, daß der Bedauerns⸗ werte dauernd die Sehkraft auf dem betrefenden Auge verlor.— Die Burschenschaft„Teutonia“ ist nachträglich suspentiert worden, weil die Mitglieder in demonstrativer Weise mit ihrem ehemaligen ersten Chargierten Kopf, nach seiner vorlläufigen Haftentlassung in der Stadt herum⸗ gezogen sind. Aus Lauterbach. g. Im großen Saale des Herrn Kreutzer fand am Samstag Abend eine sehr gut besuchte Volksversammlung statt. Der Redakteur Ph. Scheidemann aus Gießen sprach über die Zuchthaus vorlage. Er kennzeichnete dieselbe als ein Glied jener Kette, durch die das arbei⸗ tende Volk in Dorf und Stadt mehr und mehr in Banden geschlagen werden soll: Sozialisten⸗ gesetz, Umsturzvorlage, Vereins⸗ und Versamm⸗ lungsrechts-Verschlechterung in Preußen, Unter⸗ stellung des Versammlungsrechts unter die Polizeistunde in Hessen, Wahlrechtsverschlechte⸗ rung in Sachsen u. s. w. und nun das abscheu. liche Attentat auf das Koglitionsrecht, die Zuchthausvorlage. Weitere Einschränkung der bescheidenen Rechte des Volkes und als Eat⸗ schädigung dafür mehr Lasten. Auf Seiten der herrschenden Klassen lautet die Parole: Rück⸗ wärts! Das arbeitende Volk dagegen dränge nach vorwärts. Es könnte kein Zweifel darüber bestehen, wer den Sieg davon tragen würde, wenn die Kleinen in Stadt und Land ein⸗ mütig zusammenstehen. Das Verständnis für diese Interessen-Gemeinschaft aller Kleinen zu wecken, Aufklärung zu schaffen über die Ursachen der bestehenden Mißstände — das sei mit die vornehmste Aufgabe der Sozialdemokratie. Lebhafter allgemeiner Beifall wurde dem Redner gespendet. Der Vorsitzende ließ über eine Protestresolution gegen die Zucht⸗ hausvorlage abstimmen, die einstimmig ange⸗ nommen wurde. Aus Schlitz. S. Am Sonntag Nachmittag fand in der Brauerei Gundrum hierselbst eine öffentliche Protestversammlung gegen die Zuchthausvorlage statt, in welcher unser Reichstagskandidat Genosse Schmidt aus Preunges⸗ heim das Referat übernommen hatte. Redner besprach die schädigende Einwirkung, welche dieses neue Aus⸗ nahmegesetz gegen das ohnehin schon beschränkte Koa⸗ litions-(Vereinigungs-) Recht für das werkthätige Volk bedeute. Nicht Beschränkung, sondern Erweiterung des Vereiuigungsrechts, auch für landwietschaftliche Arbeiter, sei dringend erforderlich. Um jedoch bessere Lebens⸗ und Arbeitsverhältnisse herbeiführen zu können, sei es not⸗ wendig, sich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen, deren Zeitungen und Broschüren zu lesen, um sich da⸗ durch aufzuklären. Nur der Sozialismus kann die Befreiung aus dem Joche des Kapitals bringen. Allge⸗ meiner Beifall bekundete die Zustimmung der Versamm⸗ lung. Eine energische Protestresolution fand einstimmige Aunahme. Aus Angersbach. t. Hier fand am Sonntag Abend im Lokale des Gastwirts Reining eine sehr zahlreich besuchte Versamm⸗ lung statt. Genosse Schmidt aus Preungesheim be⸗ sprach in seinen ca. Astündigen Ausführungen die Zucht⸗ hausvorlage und verwies auf die Schäden, welche dieses neue Ausnahmegesetz auch für die Kleinbauern bedeute. In der Diskussion meldete sich Herr Pfarrer Licht zum Wort. Derselbe war gerade von einem Kindtaufschmaus gekommen und suchte die Versammlung vor den Sozial⸗ de nokraten gruselig zu machen. Seine auffällige Auf⸗ regung erzeugte allgemeinen Unwillen der Versammlungs⸗ besucher. Genossen Schmidt war es ein Leichtes, die ganz nebensächlichen Ausführungen des Herrn Geistlichen klarzulegen, worauf eine gegen die Zuchthausvorlage ge⸗ f richtete Protestresolution, welcher auch der Herr Pfarrer zustimmte, einstimmig zur Annahme gelangte. Die Ver⸗ sammlungsbesucher, welche ihre größte Zufriedenheit über die Ausführungen des Genossen Schmidt aussprachen, blieben noch mehrere Stunden mit den auswärtigen Be⸗ suchern beisammen. Aus dem Kreis Wetzlar. f. Auf der Bahnstrecke zwischen Katzenfurt und Sinn hat am Freitag ein Zusammenstoß zwischen zwei Züge stattgefunden. Morgens gegen Uhr war von Katzenfurt ein Güterzug nach Sinn abgelassen worden, dem alsbald ein aus leeren Wagen bestehender zweiter Zug folgen sollte. Leider wartete der Diensthabende Beamte auf Station Katzenfurt die Rückmeldung nicht ak, sondern ließ den Wagenzug fahren. Die Fol ge davon war, daß der Wagenzug auf den Güter⸗ zug auffuhr. Hierbei wurden ein Heizer schwer und ein Bremser leicht verletzt. Außerdem ist ein nicht unbeträchtlicher Materialschaden ent⸗ standen. Eine Beriebsstörung ist durch den Unfall nicht verursacht worden. Die Schuld an dem Unfall schreibt man dem in Katzenfurt den Dienst versehenden Rottenarbeiter zu, welcher den Arbeiterzug nicht hätte durchfahren lassen dürfen, ehe der Güterzug in Sinn angekommen war. Die eingeleitete Untersuchung wird das Nähere wohl ergeben. Organisation der Buchdrucker. * Auf der Rückkehr von Maiuz nach Berlin erstatteten am Montag Abend zwei Delegierte zur Generalversammlung des Verbandes der deutsche! Buchdrucker, Massini und Siewert, in Marburg und Gießen Bericht über die stalt⸗ gefundenen Verhandlungen. Es dürfte wohl für alle unsere Leser von Interesse sein, etwas Näheres zu erfahren über die verschiedenartigen Unterstützungszweige, welche diese deutsche Ge⸗ werkschaftsorganisation als Mittel zum Haupt⸗ zweck, Erringung besserer Lohn- und Arbeits⸗ bedingungen, seit langen Jahren eingeführt hat. Wie wir schon in voriger Nummer auf Grund von schriftlichen Berichten mitteilten, zahlte der Verb. d. d. Buchdr. in den letzten vier Jahren für Unterstützungszwecke an seine Mit⸗ glieder 3 202 865,14 Mk. Die Unterstützungs⸗ sätze selbst sind nach den Berichten der oben er⸗ wähnten Delegierten jetzt wie folgt festgesetzt: Arbeitslosenunterstützung auf der Reise: Pro Tag 75 Pfg. resp. 1.25 Mk., nach der Dauer der Mitgliedschaft. Arbeits⸗ losenunterstützung am Ort: Je nach der Dauer der Mitgliedschaft pro Tag 1.25 resp. 1.50 Mk. Gezahlt werden diese Arbeitslosen⸗ unterstützungen auf die Höchstdauer von 40 Wochen. Um zugskosten für Verheiratete, die ihre Stellung wechseln müssen: 15100 Mk. je nach der Entfernung. Krankengeld(Zu⸗ schuß zu den dem Gesetz entsprechenden freien Hilfs⸗ oder Ortskrankenkassen): pro Tag 1.40 Mk. bis zur Dauer eines Jahres. Invaliden⸗ geld: Nach fünfjähriger Mitgliedschaft pro Tag 1 Mk., nach 20jähriger Mitgliedschaft pro Tag 1.25 Mk. bis zum Tode. Sterbegeld wird gezahlt an die Hinterbliebenen eines Mitgliedes je nach der Verbandszugehörigkeit in Höhe von 100 resp. 150 Mk. Streik- und Gemaß⸗ regelten-Unterstützung wird aus der Ver⸗ bandskasse in Höhe von 2 Mk, pro Tag ge⸗ zahlt. Erwähnt sei noch, daß in den meisten Gauen oder auch in den einzelnen Bezirks⸗ u. Ortsvereinen noch besondere Zuschußkassen be⸗ stehen, so z. B. innerhalb des Ortsvereins Gießen eine Krankenzuschußkasse, für den Gau Frankfurt⸗Hessen eine neu begründete Witwen⸗ und Waisenkasse u. s. w. Es ist selbstverständ⸗ lich, daß diesen hohen Leistungen entsprechend auch die Beiträge sind. Für die Mitglieder in Gießen beträgt der Wochenbeitrag für diejenigen, die auch der fakultativen Witwenkasse angehören, pro Woche 1.60 Mk., für die dieser Kasse nicht Zugehörigen Mk. 1.45. Mancher wird diese Beiträge ungewöhnlich hoch finden, man darf aber nicht außer Betracht lassen, daß ein dem Verband d. d. Buchd. angehörendes Mitglied thatsächlich vor der äußersten Not in allen ile 2 Großel was d. hat, de Hülle, gebene Flugse „Man sonnel Inhal noch Pasto heiter 22 euthä verb bträ stän A. Ha fle wie mit bel 0 plotzli hausb eingel Mann 12 U freudt 9. J Badis Mitte bereit ind vetau den Elun ein Veru Und schaf der Bal dief Ire N ein gin dee gl 90 — — 7 E D at be 5 brate, g a gen Der 9 1 itt u) wih en 9 Em leren sollt⸗ te af 15 al, e Folgg Gil schu dem en ent ch den schulh em il enden eiterzig che de l. Di Le wolf kr. Berli elegieth des Ju ewert, ie stal te wol irt ha Grun, lte du Jahleh ne M tützung⸗ oben ll sttgesch uf de Ml., reit nach l. 0 citslolh bon heirate 100 M. d 0 en frei 740 l. alihe 1 pro 20 eld. gl Höhe l. Gen der l. Tal 1 we tante Nr 27. Mitteld eut sche Sountags- Zeitung. Seite 3. Jebenslagen geschützt ist. Und dann wissen die Buchdrucker sehr wohl, daß der von ihnen gezahlte Beitrag in ganz hervorragendem Maße eine Mindestlohn⸗Versicherungsprämie ist. Wür⸗ den die Buchdrucker auf ihre Organisation ver⸗ zichten und die Beiträge„sparen“, so würden innerhalb weniger Monate die Löhne um den doppeltea und dreifachen Betrag der jetzigen Wochensteuer gesunken sein. Die„Frommen“ für die Zuchthaus⸗ vorlage. * Es ist selbstverständlich, daß die im Interesse des Unternehmertums begründeten „frommen“ Sonntagsblättchen für die Zucht⸗ hausvorlage eintreten. Die Arbeiter zu ver⸗ dummen und zu vermuckern, damit die Unter⸗ nehmer ihnen ganz nach Belieben das Fell über die Ohren ziehen können, ist der einzige Zweck dieser sich„christlich“ nennenden Blätter, die sich nicht schamen im Namen des Christentums die Kleinen zu Gunsten der Großen knebeln zu helfen. Und in allen Dörfern werden diese Lügen⸗ und Schandblätter verbreitet. Vielfach agitieren Geistliche und Lehrer direkt für diese Muckerblätter. Sie beweisen dadurch, daß sie keine Arbeiterfreunde sind, sondern es mit den Großen halten, sie thun das Gegenteil dessen, was der Stifter der christlichen Kirche gethan hat, der es mit den Kleinen hielt. Pastor Hülle, berühmt durch den von ihm herausge⸗ gebenen„Arbeiterfreund“, spricht in einer seiner Flugschriften von der Zuchthausvorlage: „Man kann sich nichts Maßvolleres, nichts Be⸗ sonneneres, nichts Gerechteres vorstellen als den Inhalt dieses Entwurfs.“ Wer wird sich nun noch wundern, daß die Fabrikanten das vom Pastor Hülle herausgegebene Blatt„Der Ar⸗ beiterfreünd“ ihren Arbeitern aufzwingen? Die unbefleckte Fahne! Die Nummer 143 der Sonneberger Zeitung enthält folgende köstliche Anzeige: Warnung! Wir warnen hiermit jedermann für das Weiter⸗ verbreiten des fulschen Gerüchts, daß unsere Fah n en⸗ trägerin Fräulein Rosa H.... in anderen Um⸗ ständen ist. Nicht diese, sondern die Begleiterin Emma A... ist es. Da dieselbe die Fahne nicht in die Hand bekommen hat, so ist unsere Fahne als unbe⸗ fleckt zu betrachten. Diejenigen Personen, welche sich wiederholt der unverschämten Lüge bedienen und uns mit unserer Fahne beleidigen, werden wir gerichtlich belangen. Der Vorstand des Turnvereins Hönbach. Gut Heil! Heil! Heil! Kleine Mitteilungen. * Am Mittwoch Abend ist der vor 7 Wochen so plötzlich und stillschweigend von Gießen abgereiste Schlacht⸗ hausverwalter Möhl in das Gießener Gerichtsgefängnis eingeliefert worden. Welcher großen Beliebtheit sich der Mann erfreute, geht daraus hervor, daß er nachts gegen 12 Uhr von ca. 100 Metzgern, Gesellen und Meistern, freudig am Bahnhof in Empfang genommen wurde. * Schützen⸗Fest in Gießen. Vom 1. bis zum 9. Juli findet in Gießen das 17. Verbandsschießen des Badischen Landesschützenvereins, des Pfälzischen und Mittelrheinischen Schützenbundes statt. Großartige Vor⸗ bereitungen sind zu diesem Fest getroffen. Viele Tausende sind für den Bau der Festhalle, der Schützenstände usw. verausgabt worden. Am vorletzten Tage des Festes, den 8. Juli, soll ein großes Kinderfest stattfinden. — Am Donnerstag erlitt ein junger Grünberger Einwohner in der Nähe des Schützenfestplatzes in Gießen ein schwerer Unfall, dem er nach kurzer Zeit erlag. Der Verunglückte hatte ein Möbelwagen nach Gießen gefahren und geriet unter die Räder. Sofort in die Klinik ge⸗ schafft, verstarb er noch in der ersten Stunde. — In Bad Nauheim b läuft sich die Zahl der vom 1. April bis 22. Juni angekommenen Badegäste auf 9556. Verabfolgt wurden in dieser Zeit 92606 bezahlte Bäder und 4586 Freibäder. — Ein 25 Jahre alter Kaufmann von Worms entführte am Samstag in Gießen ein 14 Jahre altes Waisenmädchen. Die Tour ging vorerst nach Frankfurt. Die Pflegeeltern des Kindes benachrichtigten die Polizei, die gleich nach der Ankunft des Zuges die Ver⸗ haftung des Pärchens vornahm. Das Mädchen wurde später von seinen Pflegeeltern in Em⸗ pfang genommen. — Mainz. In einer sehr zahlreich besuchten Protestversammlung gegen die von der Regierung geplante Fahradsteuer wurde einstimmig eine Resolution angenommen, die sich gegen diese Steuer ausspricht.— Prügel pädagogik. In der Montags⸗ Sitzung des Schulvor⸗ standes erregte die Mitteilung des Ober- bürgermeisters Dr. Gaßner, daß Herr Kreisarzt Dr. Balser in einem Schreiben an die Bürgermeisterei mitgeteilt habe, in den hiesigen Volksschuhen werde zu viel ge⸗ prügelt, großes Aufsehen. Herr Stadtver⸗ ordneter Schäfer erinnerte daran, daß er be⸗ reits vor einem Jahre auf diese Zustände auf⸗ merksam gemacht habe, daß seine Mitteilungen aber bestritten worden seien. Herr Oberbürger⸗ meister Dr. Gaßner versprach eine strenge Unter⸗ suchung. In der Sitzung wurde u. a. die Mitteilung gemacht, daß der Sohn eines Stadtverordneten von einem Lehrer 10 Hiebe hintereinander in das Gesicht erhalten hätte. Arbeiterbewegung. * Die Gießener Glasergesellen sind am Montag in den Streik eingetreten. Nur die Firma Scherff Ww. hat die Forderungen bewilligt. Die übrigen Meister haben die Ge⸗ sellen nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Insgesamt legten 10 Glaser die Arbeit nieder, J reiste ab, 1 wurde wieder„arbeitswillig“, gehört also nach der Denkschrift der Regierung zur Zuchthausvorlage zu den„für den Staat besonders nützlichen Elementen.“ In 2 Werk⸗ stätten wird mit 4 Mann zu den alten Be⸗ dingungen weitergearbeitet. Wenn die aus⸗ stehenden 8 Mann treu zusammenhalten, muß ihnen in kürzester Zeit der Sieg zufallen. — Die Berliner Bauhandwerker und Bauunternehmer haben Frieden gemacht. Sie einigten sich in vielstündiger Sitzung auf folgende Punkte: 1. Am 27. Juni früh wird überall die Ar⸗ beit wieder aufgenommen und die von den Ar⸗ beitgebern verhäugte Aussperrung aufgehoben. 2. der Stundenlohn beträgt vom 27. Juni 1899 bis 31. Dezember 1899 einschließlich 60. Pf., vom 1. Januar 1900 bis 30. September 1900 einschließlich 62½ Pf., vom 1. Oktober 1900 bis 31. März 1901 einschließlich 65 Pf. Der Lohnsatz der durch Unfall, Alter, Invalidität minder leistungsfähiger Gesellen, sowie für Junggesellen im ersten Gesellenjahr, soweit die⸗ selben bei ihrem Lehrherrn thätig sind, unter⸗ liegt der freien Vereinbarung. 3. Es wird eine Kommission gebildet, welche aus 9 Arbeiter⸗ gebern und 9 Arbeiternehmer besteht. Die Wahl der Mitglieder dieser Kommision erfolgt durch die Arbeitergeber bezw. die Organisationen der Arbeitnehmer. Unter den Arbeitnehmermit⸗ gliedern soll mindestens je ein Mitglied der Centralorganisation, der Lokalorganisafiou und der Gewerkschaftskommision angehören. Die Geschäftsordaung der Kommission wird von dieser festgestellt. 4. Der unter Nr. 3 bezeich⸗ neten Kommission liegt die Regelung der Ar⸗ beitszeit, Pausen, Lohnverhältunisse Einrichtung der Arbeitsstätte und ähnlicher Punkte, sowie die Schlichtung der Streitigkeiten zwischen Ar⸗ beitgebern und Arbeitern ob. — Ein Bergarbeiterausstand ist im Westfälischen Kohlenrevier ausgebrochen. Un ser Parteiblatt, sowie die sämtlichen Ver⸗ sammlungsredner haben die Bergleute dringend gewarnt, jetzt in den Streik einzutreten. Der „Vorw.“ berichtet: Die Streikenden sind junge unorganisierte Polen, die nur durch den Zorn über die hohen Abzüge bei den geringen Löhnen zu dem Mittel des Ausstandes gegriffen haben und sich über Möglichkeiten und Voraus⸗ setzungen des gewerkschaftlichen Kampfes gar keine Rechenschaft zu geben vermögen. Die orga⸗ nisierten Arbeiter raten dringend von dem Aus⸗ stande ab.— In Herne ist es am Dienstag Abend zu ernstlichen Zusammenstößen zwischen den Ausstehenden und Gensdarmerie gekommen. Mehrere Bergleute wurden durch Schüsse schwer verwundet, mehrere sind an den Wunden bereits verstorben.— Neuesten Nachrichten zufolge sind an dem Ausstand und den Ausschreitungen thatsächlich nur Polen beteiligt. Die Polizei verbietet alle Versammlungen, das ist das allerungeschickteste, was gemacht werden kann. Denn wie und wo soll denn jetzt den unerfahrenen und unorganisierten jungen Polen das Thörichte ihres Verhaltens klar gemacht werden? Die bürgerliche„Fkft. Ztg.“ schreibt: 5„Obgleich es demnach klar ist, daß lediglich die pol⸗ nische Arbeiterschaft, ein kulturell tief stehendes und jeder⸗ zeit unruhiges Element, an dem thörichten Ausstand und den verdammendwerten Ausschreitungen die Schuld trägt, und obgleich es ferner klar ist, daß solche Exzesse nicht durch verschärfte Strafbedingungen, sondern nur durch Poli⸗ zei, eventuell mit militärischer Hülfe, verhindert werden können, entblödet sich die Scharfmacherpresse nicht, aus den Vorgängen in Herne die Notwendigkeit der Zucht⸗ baus vorlage abzuleiten Weit entfernt, daß die Vorgänge in Herne für die Zuchthausvorlage sprechen, find gerade sie dazu angethan, Material gegen die Vorlage zu bilden Es zeigt sich hier wieder, daß die organi⸗ sierten Arbeiter, denen die Vorlage an den Leib gehen will, die rubigen, besonnenen Elemente sind, und daß es weder zum Streik noch zu Exzessen gekommen wäre, wenn die Organisierten bereits genügenden Ein luß hätten. Das Einzige also, das man in dieser Hinsicht aus den Unruben im westfälischen Kohlenrevier lernen kann, ist: Stärkt die Organisationen der Arbeiter! Und wer das Gegenteil behauptet, wer diese Unruben so für die Zuchthausvorlage verwertet, wie es gewisse Blätter thun, ist entweder unwissend oder unehrlich.“ Sehr richtig. 0. 0 Partei⸗Nachrichten. Versammlungs⸗Kalender. Dienstag, den 4. Juli: Kartellsitzung bei Orbig, abends 9 Uhr. Samstag, den 8. Juli: Lauterbach. Wahlverein. Abends 9 Uhr bei Wöllfinger. Briefkasten der Expedition. Quittungen. Bch. Ptwl. 9.60. M. Obsch. 5.—. Kch. Kfd. 7.20. G. Dyfz. 6.60. Z. Adh. 6.20. Sch. Verb. Ins. 2.— Frch. Gog. 3.—. Gb. W. G.—.20. cht. Gbg. 6.—. dl. Kzbch. 6.40. Z. Obg. 7.—. Schwhm. Folg. 4.90. Hfn. Grßl. —.20. Kft. Wmr. 3.60 Bsr. Rogn. 5.—. Obch. Wir 6. L Inf. 22.50% 3. de R. Hch. 1.—. Schmpf. All. 2.—. Schm. Nd. 9.—. V. G. Ins.—.50. Z. Noh. 5.—. Wb. Afd. 16.20. Wtzb. Pf. 4.80. Ad. Kdhm. 8.—. Mllr. Mbg. 140.—. Vlz. G. Ins. 1.—. E. G. Jus. 22.50. M. G. 4.50. Lg. Kl. —.80. Rch. Kohn. 10.—. Hbr. Dbrgn. 9.60. Gge. Hdbgn. 8.40. A. Sg. H. 2.20. R. G. 60. Fr. G. Ins. 1.50. N. Fr. 1.80. H. Cbch. —.20. Dth. Lgst. 4.40. Kch. G. 25.—. Fth. Wtzlr. 25.—. Mhl. G. 58.—. Sch. Schnck. 15.—. Wzl. gd. 3.20. Frd. G. Ins. 60.—. M. Nbch. 1.—. Gew. K. G. 10.—. Hzl. Ob.—.70. H. G. Juf⸗ Fr. Gbg. 3.—. Sg. Wek. 26.60. Gt. B. 6.—. 15.—. B. G. Ins. 18.60. M. A. B. 31.—. Sg. Wek. 26.40. Schm. Hch. 27.—. Kl. Rdgn. 8.—. Bd. G. 17.—. Gge. Hdbgn. 8.60. B. G. 2.40. Kch. Ndfl. 6.20. L. Krk. 2.24. Marktbericht. Gießen, 24. Juni.(Marktbericht). Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter p. Pfd. 0.80 bis 1.00 Mk., Hühnereier p. St. 5—6, 2 St. 0-00 Pfg., Enteneier 2 St. 11— 12 Pfg., Gänseeier p. St. 10 bis 11 Pfg., Käse 1 St. 5—6 Pfg., Käsematte per St. 3 Pfg., Erbsen p. Ltr. 22 Pfg., Linsen p. Ltr. 32 Pfg., Tauben per Paar Mt. 0.70— 1.00, Hühner per Stück Mk. 1.10— 1.50, Hahnen per Stück Mk. 1.20 1.80, Enten per Stück Mk. 2.00— 2.20, Gänse per Pfund Mk. 0.00— 0.00, Ochsenfleisch per Pfund 68-74 Pfg., Kuh⸗ und Rindfleisch per Pfd. 62—64 Pfg., Schweine⸗ fleisch per Pfd. 60— 72 Pfg., Schweinefleisch, ge⸗ salzen, per Pfd. 76 Pfg., Kalbfleisch per Pfd. 60 bis 66 Pfg., Hammelfleisch ver Pfd. 50—70 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo Mk. 4.50— 6.00, Weißkraut per St. 00—00, Zwiebeln per Ctr. Mk. 8.50 00.00, Milch per Liter 16 Pfg., Kirschen per Pfd. 35—45 Pfg⸗ eee Letzte Nachrichten. Paris. Es erscheint nunmehr als festehend, daß Dreyfus sicher bis zum Samstag den 1 Jult, in Brest ankommen wird. Um Manifestationen zu vermeiden, wird der Gefangene wohl nicht nach dem Bahnhof von Brest verbracht werden, sondern ein Kanonenboot wird ihn auf See vom Bord der„Sfax“ abholen und nach einem von der Stad entfern en Punkte der Rhede führen. Nach dem„Sfax“ sollte die Regierung eine Depesche erhalten haben, daß Dreyfuß an Bord der„Sfax“ gestorben sei. Waldeck-Rosseau, der im Elyséee einem Diner beiwohnte, das Präsident Loubet den Pariser Künstlern gab, eilte sofort nach dem Ministerium des Junern, um ein kategorisches Dementi zu veranlassen. * —— Seite 6. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Nr. 27. Hessischer Landtag. Zweite Kammer. Dienstags sitzung. Der Gesetzentwurf über die Erbschafts⸗ und Schenkungssteuer findet ohne Debatte Genehmigung.— Gegen den Gesetzentwurf über Urkundenstempel macht Genosse Ulrich prinzipielle Einwände. Speziell polemisiert er gegen den Wirt⸗ schaftsstempel und gegen die Fahrradsteuer, die ungerecht sei, so lange man Luxuswagen und Luxuspfer de nicht besteuere. Die Erhöhung des Fideikommiß⸗ stempels von 3 Prozent auf 10 Prozent, die ein An⸗ trag David verlangt, empfiehlt er. Geh. Staatsrat v. Krug: Mit der Stempelsteuer habe die Regierung zu den Ersatzvorschlägen in der Steuerreform ihr letztes Wort gesprochen. Andere Vorschläge könne sie nun nicht mehr machen und werde auch dieser Entwurf abgelehnt, so müsse sie von der Steuerreform absehen. Die Ein⸗ bringung der Staatsbedürfnisse allein auf direktem Wege, wie es die sozialdemokratischen Anträge bezwecken, sei nicht durchführbar. Abg. Dr. Da vid wird sich durch das„Entweder“—„Oder“ der Regierung nicht von einer sorgsamen Prüfung der Vorlage abhalten lassen. Sympathie bei der groß en Menge des Volkes finde die Erhebung der Gebühren und des Urkunden⸗ stempels nicht. Abg. Metz hält für gar nicht nötig, daß die Steuerreform noch am Ende dieses Landtags, wenige Tage vor dem Schluß, durchgeführt werde. Gegen die Urkundenstempel erhebt er Einwendungen, so z. B. gegen die Fahrradsteuer und gegen die Erhöhung verschiedener Erlaubnisscheine, die die Gewerbefreiheit beeinträchtigen würden. Abg. Heidenreich(ul.) steht auf dem Boden der Regierungsvorlage. Abg. Ulrich(Soz.) will wohl eine Steuerreform, aber nicht eine solche, die die Reichen und Reichsten entlastet und dafür die sch wachen Schultern mit indirekten Abgaben belastet. Der Erlaß der Grund- und Gewerbesteuer müsse durch Er⸗ höhung der Progression der Einkommen⸗ und Vermögens⸗ steuer eingeholt werden.— Abg. Schönberger ist er⸗ staunt, daß die Regierung das Zustandekommen der Steuerreform von der Annahme des Urkundenstempels abhängig macht. Abg. Weidner(christl.⸗soz.) findet die Erhöhung einiger Tarissätze nicht annehmbar und wird die Vorlage reiflich prüfen. Abg. v. Brentano (Ultram.): Angesichts der Erklärung der Regierung werde er der Vorlage zustimmen, um nicht die Reform zum Scheitern zu bringen. Jeden einzelnen Stempelsatz werde er indessen doch nicht in der vorgeschlagenen Form geceptieren. Schließlich wurde der Entwurf eines Gesetzes betr. den Urkundenstempel gegen 7 Stimmen angenommen, nicht, wie der„Gießener Anz.“ meldet, einst immig. Mittwochssitzung. Zur Beratung steht der Stempelsteuertarif. Genosse Cramer protestiert gegen den Druck, der seitens der Regierung auf die Kammer auszuüben versucht werde. Bei Position 35, Familienfideikommisse, beantragt Genosse Dr. David eine Erhöhung der Stempelsätze von 3 auf 10 PCt. Die Schädlichkeit der Fideikommißbildung sei von Ange⸗ hörigen aller Parteien anerkannt. Im Odenwald wurde viel Bauerngrundbesitz von den Standesherren aufgesogen. So habe der Graf Erbach-Fürstenau kürzlich große Land⸗ aufläufe gemacht. Es sei daher notwendig, durch Er⸗ höhung der Siempelgebühren die Fideikommißbildung zu erschweren. Justizminister Dittmar: Fragen von so schwerwiegender Bedeutung solle man nicht in Verbindung bringen mit anderen wichtigen Dingen, die schnell er⸗ ledigt werden sollten. Abg. Joutz-Butzbach(Freis. Antis.) greift die Erste Kammer an, vornehmlich den Grafen Solms⸗Laubach, der die allgemeinen landwirtschaft⸗ lichen Interessen wegen der Sorge um seinen Fideikommi ß⸗ benutz vernachlässigt habe. Abg. Dr. Schröder(ul.) sieyt keinen Grund ein, weswegen die Fideitommisse nicht gehörig zu fiskalischen Leistungen herangezogen werden sollen. Er teile hierin die Ansichten des Abg. David. Abg. Freiherr von Köth(Zentr.) hält die Angriffe auf die Fideikommisse für nicht ganz berechtigt. Abg. Köhler⸗Langsdorf(Antis.) tritt für den Antrag Da vid ein. Abg. Dr. Osann nl.) ist auch kein Freund der Fideikommisse, möchte aber nicht so weit gehen wie der Abg. David. Gen osse Dr. David: Wer die Erhaltung des Bauernstandes wolle, der müsse die Fideikommißbildung so viel wie möglich erschweren. Einen Konflikt mit der Ersten Kammer brauche die Zweite Kammer nicht zu fürchten. Der Antrag David wird mit großer Maj rität angenommen, der Fideiko mmißstempel also auf 10 PCt. festgesetzt. Genosse Ulrich interpelliert die Regierung wegen des Falles Küchler. Er fragt an, ob es der Regierung nicht bekannt gewesen sei, welche Geldgeschäfte der Landgerichtsdirektor Küchler gemacht habe und wie sie den Fall zu erledigen gedenke. Das giebt sicher einen„großen Tag“ in der Kammer, wenn diese An⸗ fragen zur Debatte kommen. 5360 5 . Unterhaltungs⸗CTeil. — Erinnerung. Nur deine Hände laß' mich pressen— Und leise träumen vor mich hin!. Vielleicht.., vielleicht kann ich vergessen, Wie ich so müd' und elend bin! Ich bin bei dir!— Des Abends Schatten Schleicht schwarz durchs Fenster,— und der Wind Serrt von dem Baum die letzten matten Herbstblätter, die geblieben sind.. e Mit dir allein!... und Nacht! und Träumen! Wie lang ist's her, und doch wie schön! Der Morgentau tropft von den Bäumen— Das glänzt und glitzert, wo wir geh'n! Schon ist des Kuckuks Ruf erklungen,— Weiß prangt des Schlehdorns Blüthenkleid!.. Mein Arm um deinen Hals geschlungen, Und rings die Waldeseinsamkeit!. Mit dir allein!... Wir wandeln wieder Den Weg, der vor dem Thore liegt. Ein Frösteln geht durch deine Glieder, Eng hältst du dich an mich geschmiegt! Um uns die Nacht... vom Städtchen spielen Die Lichter her so geisterhaft Und unter wogenden Gefühlen Sprichst du von deiner Mutterschaft. Die Campe brennt... Ein Berg von Flocken Türmt sich vor'm Fenster, weiß und groß!... Ein Stübchen eng, doch warm und trocken, Und unser Kind auf deinem Schooß!— Ein Tisch... ein Stuhl... so herzlich wenig, Daß jeder Hoffnungstraum zerrinnt! Und doch so reich wie mancher König: Swei Menschen, die mein eigen sind!— Burch Gitterfenster meiner Selle 2 Bricht grau der Tag... Ich bin allein! Die Sorge kauert auf der Schwelle Und von den Wänden grinst die Pein Und alle Träume sind verschwunden, Das Wort versagt, die Hand gebunden, Allein in Seit und Einsamkeit. Hans und Hanne. Von Remy de Gourmont. Einzig autorisierte Uebersetzung von U. Fricke. I. Hans war ganz klein. Er ging zur Schule, und auf dem Weg zur Schule verfolgte er die Hohlpfade, übersprang die Zäune, kroch die Hecken entlang, zerstört die Vogelnester, pflückte Erdbeeren oder Haselnüsse, Heidelbeeren oder Pimpinellen. Er war ein gutmütiger und folg⸗ samer Bursche; sobald er sich jedoch allein sah, ward er ebenso urwüchsig und ebenso unzivili⸗ siert wie ein Wiesel oder eine Spitzmaus. Ebenso wenig wie irgend ein anderes menschliches Wesen war er zum Gehorsam geschaffen; ein Blick zähmte ihn. So lange der Eindruck dauerte, beugte er sich demütig dem stärkeren Willen. Eines Tages nun, da er zur Schule schlen⸗ derte und das Ränzlein, in das seine Mutter ihm ein Stück Brot und einen Apfel gepackt halte, wie einen Kreisel tanzen ließ, begegnete er Hanne, die ganz wie Hans zur Schule ging. Hanne weinte. Sie gestand, daß sie gestraft worden und ohne ihre Suppe zu essen, zornig davongelaufen sei. Sie hatte Hunger. Hans gab ihr sein Brot und seinen Apfel, und zum Dank dafür umarmte ihn die Kleine. Sie weinte nicht mehr; sie bekam Lust zu spielen. Sie spielien: Auf den Knieen rulschen, sich auf das Gras werfen und manches andere. Der Schullehrer, der vor Beginn des Unter— richts spazieren ging, begegnete den beiden und ermahnte sie strengen Tones: „Ihr seid zwei kleine Spitzbuben! Ist das ein Spielen? Man muß ernsthaft spielen. Warum spielt ihr nicht, wer von Euch die Namen aller Unterpräsekturen, oder die Namen der Nebenflüsse der Loire, oder die Regeln des metrischen Systems besser kennt? Ich fürchte, ich fürchte, Ihr nehmt ein schlechtes Ende... r . (Er schüttelte den Kopf.) Und dann, und dann.., Was? Knabe und Mädchen! Die kleinen Jungen sollen auf einer Seite gehen und die kleinen Mädchen auf der anderen. Hans, Du gehst hier, und Du, Hanne, gehst dort.“ Dann setzte er selbstzufrieden seinen We zur Schule fort; allmählich aber sträubten si ihm die Haare auf dem Kopfe, denn er sah das unselige Schicksal voraus, dem diese Kinder entgegengingen. Er murmelte: „Autorität, Disziplin, Geographie, Ortho⸗ graphie... Autorität, Disziplin II Es war Kirchweihfest. Als der Abend kam, zündete man die Kerzen an, und der Tanz be⸗ gann. Hans, der achtzehn Jahre, und Hanne, die fünfzehn Jahre zählte, waren da in ihren schönsten Kleidern und hatten sich bei den ersten Geigenstrichen engverschlungen in das Gewühl der Tanzenden gestürzt, unter den Augen der Familien, die behaglich den Ciderwein tranken und dabei von vergangenen Zeiten, von der künftigen Ernte und von den Steuern sprachen, die schrecklicher waren, als der Hagel. Als der erste Tanz zu Ende war, kam Hanne zu ihrer Mutter, die sie durch ein stummes Zeichen herbeigerufen hatte: „Hanne, mein liebes Kind, ich bitte Dich, tanze nicht mit Hans. Sein Vater ist ein ruinierter Mann, und er selbst ist nichts, als ein armer kleiner Jungknecht. Laß Dir von diesem Burschen nicht den Hof machen, denn Du kannst ihn nicht heiraten, wir würden das nie zugeben. Geld gehört zu Geld, und Du hast Geld meine Hanne, und Hans hat keins.“ An dem Abend tanzten sie nicht mehr mit⸗— einander. III. Hans traf das Los, er wurde Soldat. In diesem Beruf erst lernte er ernstlich, was man thun muß, und was man nicht thun darf. Als die vier Jahre um waren, besaß er eine voll⸗ kommene höchst ehrenwerte Moral; er wußte, daß es zwei Menschenklassen gibt: die Vor⸗ gesetzten und die Untergebenen, und daß man die Vorgesetzten an dem Gold erkennt womit ihre Aermel gestickt sind. Diese Kenntnisse waren ihm auch noch von Nutzen, als er schon die Kaserne verlassen hatte, denn auch im ge⸗ wöhulichen Leben giebt es zwei Sorten Menschen: die Vorgesetzten und Untergebenen, diejenigen, die arbeiten, und diejenigen, die andere arbeiten fehen. Und da Hans, wohl infolge seiner in⸗ stinktiven Philosophie, diese Unterscheidung ganz naturgemäß fand, arbeitete er. Hanne hatte nicht geheiratet. Ihre Eltern hatten in einem mißglückten Prozeß Hab und Gut verloren, sie selbst mußte als arme Kuh⸗ magd in aller Morgenfrühe die Kühe melken und bedauernd daran denken, wie traurig es doch für ein Mädchen sei, ohne Liebhaber leben zu müssen. Als Hans diese Nachricht vernahm, freute er sich. Er gestand seinem Vater seine alte Liebe und seine Pläne. „Hanne heiraten“, sagte der alte Bauer, „ein Mädchen, das vielleicht nicht einmal drei Hemden besitzt und sich seine Strumpfbänder aus einer Hand voll Hanf zusammenknüpft! Du bist freilich nicht reich, aber wir haben eine kleine Erbschaft gemacht, das Korn ist uns heuer gut geraten, und wenn du mir eine Schwiegertochter bringst, die keine Magd ist, will ich Dir gern ein eignes Heim gründen. Zu Geld gehört wieder Geld, mein Sohn; dieser Wahrheit darf 1 nicht spotten.“ Jahre vergingen. Hans verlor seine Eltern, und anstatt des wohlgefüllten Wollstrumpfes fand er nur Schulden. Jeder Mut war ver⸗ geblich, wie aller Fleiß. Wie die Mäuse nagten die Männer des Gesetzes an dem kleinen Erbe, und als während eines Tages sein Häuschen verkauft wurde, ergriff Hans enien Stock und wanderte fort, weit fort, so weit er konnte, um sein Brot zu suchen. Aber so weit er auch ging, immer floh das Leben vor ihm her, und er wanderte so weit und so lange, daß er, nachdem er die Erde durchwandert, sich endlich auf dem fen ehen N bitelte! att, der tte. 5 nd Geschrei u Schule he mehr denn gekehrt W fat alles Leben. wie einen nals das essenen. 0 5 aufen N da! u schlaf Indef daher: „He, das ist n. Deser standen? Und sie, ihn „Wo Wie hei „Ma „Und Schw Cuinneru Doch Herzen! dürren Clend st sagen w „Die a ihten He Stock er Bilde 15 geflüchtet Dust ein und ehe b. Weber Oeräusch Juprom ihnen he „Du, ene Ci Neigefnt a n i dba, bet, uf Heselsch anne, ihren sten wühl l der anken der ichen, kam umes dh, t ein „als bon denn das Du ins.“ mit⸗ In man Als boll⸗ gte, Vor⸗ man omit tnisse schon, 1 ge⸗ schen: ligen, beiten T in⸗ ganz tern und Kuh⸗ gelle, i0 e leben freute alte zauel, del ande 1 eine ui eil 0 s inden. 00 tell, nee ö hel⸗ Elbe, H 0 „ ing, 10 el den f ell r 9 7 Nr. 27. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Feld, am Rande des Weges wiederfand, wo er einst zum erstenmal Hanne begegnet war. Er stellte seinen Stock zur Seite, setzte sich an den Rand des Grabens und zog aus seinem Rucksack ein Stück Brot und einen Apfel. Be⸗ vor er zu essen begann, grübelte er nach, und so traurig, so traurig wurden seine Gedanken, daß der Hunger ihm verging und der Apfel 900 das Stück Brot zu seinen Füßen nieder⸗ ielen. f Es wurde kalt, selbst hier an diesem wind⸗ eschützten Plätzchen, er zog seinen großen zer⸗ feten Mantel über den Knieen zusammen und wickelte um den Hals den langen, grauen Bart, der so oft die kleinen Mädchen erschreckt atte. 0 Und wie er so sann, hörte er plötzlich helles Geschrei und er sah eine Schar Kinder aus der Schule heimkehren, ganz so, wie er selbst vor mehr denn sechzig Jahren aus der Schule heim— gekehrt war. Plötzlich begriff er die Nutzlosig⸗ keit alles Daseins, die furchtbare Thorheit des Lebens. Er erhob sich, und seinen leeren Sack wie einen Kreisel drehend, umkreiste er mehr— mals das Feld mit dem Gebaren eines Be— sessenen. Beim drittenmal fiel er in einen großen Haufen dürrer Blätter; dort blieb er liegen, und da die Nacht herabsank, beschloß er, hier zu schlafen. Indessen kam scheltend eine alte Bettlerin daher: „He, Alter, da kannst Du nicht bleiben; das ist mein Platz, hier schlafe ich jede Nacht. Dieser Haufen gehört mir, mir allein, ver⸗ standen?“ Und als der Alte schweigend gehorchte, fragte sie, ihn forschend betrachtend: „Woher kommst Du? Ich kenne Dich nicht. Wie heißt Du?“ „Man nennt mich den alten Hans.“ „Und mich die alte Hanne.“ Schweigend blickten sie einander an; die Erinnerung kehrte ihnen wieder. Doch sie hatten so viel gelitten, und ihre Herzen waren so trocken geworden, so ganz den dürren Blättern gleich, um die sie in ihrem Elend sich stritten, daß sie einander nichts zu sagen wußten. Die alte Hanne vergrub sich wie ein Tier in ihren Haufen, während der alte Hans seinen Stock ergriff und von dannen schlich. (Simplizissimus.) e Bilder aus der Gesellschaft. Standesehre und Standespflichten. Sie hatten sich beide in das Rauchzimmer geflüchtet. Herr Amtsrichter Brinkmann, um den Duft einer Havanna einzuschlürfen, sein Freund und ehemaliger Corpsbruder, Oberstabsarzt v. Weber, um dem„unerquicklichen musikalischen Geräusch“ zu entgehen, das als Chopinsches Impromptu nur gedämpft aus dem Salon zu ihnen herüberdrang. 1 „Du,“ begann Herr von Weber, indem er seine Cigarre prüfend zwischen Daumen und Zeigefinger drehte,„wer ist eigentlich dieser schmächtige Kerl in dem altmodischen Bratenrock, der drüben am Klavier lehnte? Er hat den Abend, glaube ich, noch keine fünf Worte ge— redet, und thut überhaupt, als ob ihm die ganze Gesellschaft entsetzlich schnuppe wäre.“ „Ach, der!“ Brinkmann verzog den Mund zu einem ironischen Lächeln.„Hm, ein alter Schulfreund nicht, aber Kamerad von mir. Dichter, Schriftsteller oder was weiß ich. Der Professor drüben hat, glaube ich, einige Lieder von ihm komponiert, und da wollte ihn die Frau Rechtsanwalt kennen lernen. Etwas ver⸗ rückter Kerl, der immer andere Ideen haben muß als gewöhnliche Sterbliche Aber was ich sagen wollte, ist denn die Geschichte mit dem Dr. Lindner wirklich wahr?“ In diesem Augenblicke erschien Dr. Haupt, von dem man soeben gesprochen hatte, in der Thür.„Ah, pardon. Ich will nicht stören.“ „O, durchaus nicht, mein lieber Haupt,“ rief Amtsrichter Brinkmann, indem er von seinem 1 Sttz emporschnellte:„Freut mich ja riesig, Dich einmal wieder zu sehen, alter Junge.“ „Danke, danke.“ „Und damit Du siehst, daß wir uns durch⸗ aus nicht stören lassen, werden wir ruhig in unserer Unterhaltung fortfahren. Du kennst doch übrigens auch den Dr. med. Lindner?“ „Der Assistent am Krankenhaus? Ja. Was ist denn mit dem los?“ „Gott, sehr einfach,“ begann jetzt Herr Weber. „Der Dr. Lindner arbeitet zusammen mit einem Kameraden von mir, der zum Krankenhaus kommandiert ist. Bei einer Operation, bei der mein Kollege etwas unruhig gewesen sein soll, ist es zu einer erregten Szene zwischen beiden gekommen. Mein Kollege hat sich be⸗ 0 gefühlt, Lindner seine Zeugen geschickt id „Und?“ wiederholte Brinkmann neugierig. „Und— nu und Lindner nebenbei Oberarzt der Reserve!— hat gekniffen.“ „Also wirklich!“ rief Brinkmann, indem er mit der flachen Hand auf den Tisch schlug. „Ja, kannst Du denn dagegen etwas einzu⸗ wenden haben,“ bemerkte Haupt mit freundlicher Ironie:„Du als Richter, vielleicht zukünftiger Staatsanwalt?“ Brinkmann sah seinen ehemaligen Schul⸗ kameraden ganz verdutzt an. Dann sagte er:„Na erstens einmal, denke ich, sind wir hier unter uns.“ „Selbstredend,“ erwiderte Haupt lächelnd. „Ich habe weder zum Denunzianten noch zum Staatsanwalt irgend welche Anlage.“ „Na bitte. Und aber zweitens sage ich mir doch ganz einfach: Standesehre und Standes⸗ pflichten.“ Haupt zuckte geringschätzig die Achseln, fügte aber gleich hinzu:„Ja, mein Lieber. Das möchte ja immer noch gehen, wenn man dies Prinzip wenigstens für alle gleichmäßig gelten ließe Aber „Aber?“ und Herr von Weber stellte er— staunt die gleiche Frage. „Nun, wean Sie mich beide ruhig ausreden lassen wollen?“ Bitte ehr „Also, Sie sagen, meine Herren, indem jener Dr. Lindner die ihm überbrachte Forderung ablehnte, hat er die Ehre seines Standes ver— letzt. Und die Konsequenz, die Sie daraus ziehen, ist, daß Sie den Betreffenden gesellschaft— lich ächten, ihn, wie man zu sagen pflegt, in Verruf erklären, nicht?“ Die beiden anderen nickten.„Selbstver⸗ ständlich.“ „Gut. Und nun nehmen Sie einmal irgend eine Arbeiterkategorie. Sie werden mir zu⸗ geben, daß ich an einen Menschen Forderungen stellen kann, deren bedingungslose Annahme einen direkten Mangel an jedem Ehrgefühl bedeuten würde.“ „Nun, und?“ „Und nun nehmen Sie weiter au, ein solcher Fall liege thatsächlich vor. Die Arbeiter, die in den Streik eingetreten sind, müssen es als Ehrensache betrachten, nicht eher wieder die Ar— beit aufzunehmen, als bis die ihr Ehrgefühl verletzenden Forderungen zurückgenommen sind. Und doch giebt es Leute, die sich zur Arbeit bereit finden lassen. Was geschieht? Nun, die Kollegen thun genau dasselbe, was Sie thun: sie ächten diese Leute, thun sie in Verruf und — und wandern dafür ins Zuchthaus.“ „Aber bitte!“ „Bitte, ich habe noch das Wort. Und Sie, meine Herren, wenn Sie sogar mit Pistolen für Wahrung ihrer Standesehre gesorgt haben, wandern für einige Monate auf die Festung, in froher Zuversicht, daß über kurz oder lang auch über ihrem Haupte die königliche Gnaden⸗ sonne aufgehen werde. Also hier Festungshaft, nicht wahr?— und dort das Zuchthaus. Sehen Sie, es ist mir ja nur um das Prinzip zu thun. Aber das lautete doch eben: Standesehre und Standespflichten? War's nicht so?“ Kodak in der„Ipz. Vztg.“ e Sprüche zur Lebensweisheit. Dickens: Harte Zeiten. Der Arbeiter Stephen Blackpool zu dem Kapttalisten Bounderby: Seite 7. Sir, ich kann nicht mit meinem wenigen Wissen und meiner ungeschickten Weise dem Herrn sagen, wie es besser gemacht werden kann— obgleich es einige Arbeiter in dieser Stadt besser, als ich thun könnten— aber ich kann Ihnen sagen, was es nicht besser machen wird. Gewalt wird es nicht besser machen. Sich verständigen, daß die eine Seite unnatür⸗ licher Weise immer und ewig Recht hat und die andere Seite unnatürlicher Weise immer und ewig Unrecht, wird es nie und nimmer⸗ mehr besser machen. Die Sache gehn lassen, macht es auch nicht besser. Laßt Tausende und Abertausende unbekümmert ihres Wegs gehen, alle das gleiche Leben führen, und alle in die⸗ selbe Konfusion geraten, und sie werden wie eine Masse sein, und Sie eine andere, und zwischen beiden eine schwarze, unüberschreitbare Kluft, so lange oder so kurze Zeit als ein solches Elend dauern kann. Sich nicht mit Freundlichkeit und Geduld und gemütlicher Weise mit Leuten abgeben, die in ihren vielen Leiden so innig zusammen halten und sich in ihrer Not mit dem unterstützen, was sie selbst bitter entbehren— das wird es auch nicht besser machen, ehe die Sonne zu Eis wird. Und end⸗ lich, sie als so viel Menschenleben abschätzen, und sie behandeln, als wären sie Ziffern in einem Rechenexempel, oder Maschinen ohne Neigungen und Leidenschaften, ohne Erinnerungen und ohne Seelen, die hoffen— wenn alles ruhig geht, sie anstrengen, als besäßen sie nichts von der Art, und wenn alles unruhig geht, ihnen vorwerfen, daß sie im Umgang mit Ihnen keine solchen menschlichen Gefühle verraten lassen, das wird es nie besser machen, wenn Gottes Schöpfung nicht umgeschaffen wird. N Humoristisches. Diskretion Ehrensache. Gnädige Frau zum Kutscher:„Sagen Sie nicht, wohin Sie mich gestern gefahren haben. Hier haben Sie zehn Mark.“ — Kutscher:„Sehr wohl, gnädige Frau. Aber der Herr Baron geben mir immer zwanzig Mark.“ („Simpl.“) * Falsch aufgefaßt. Lehrer:„Wenn jemand im Begriff ist, etwas Böses zu thun, und eine innere Stimme sagt ihm, er soll es unterlassen— wie nennt man das, Fritz?“— Fritzchen:„Bauchreden, Herr Lehrer.“ * Auch eine Erklärung. Erster Bauer:„Sog' mol. was ist eigentlich ein Kandidat?“— Zweiter Bauer, „Dös kann i' Dir schon sagen. Wenn man a' Kandedat werden will, muß man a' große Eckschamen durchmachen: Doa heißt es nun;„Kann de det? Kann de dat?“ Und kann er dat, dann ist er ebe a' Kandedat!“ * Druckfehlerteufel... Die Landschaft, die er durchreiste, bot einen traurigen Anblick; außer einigen verkümmerten Tanten und verkrüppelten Nichten begegnete der Blick nur ödem Felsgestein. * Innere Mission.„Mein Geschlecht war sich stets der hohen Mission bewußt, die die Aristokratie im Dienste des Christeutums zu erfüllen hat. Meine ältesten Ahnen sind wie besessen kreuzjefahren, die späteren Gene⸗ rationen haben die tollsten Stiftungen jemacht, Kirchen und andere nette Sachen, na, und ich,— ich habe Kommerzienratstochter jeheiratet und ihr und ihrer janzen Sippschaft über die Taufe geholfen.“ Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor. Protokoll der Verhandlung des 3 Kongresses der Gewerkschaften Deutschlands. Abgehahlten in Frankfurt a. M.⸗Bockenheim vom 8. bis 13. Mat 1899. Verlag der Generalkommision der Gewerkschaften Deutschlands. C. Legien, Hamburg 6.) Die Schrift enthält eine fast wörtliche Wiedergabe der Verhandlungen des für die deutsche Gewerkschafts⸗ und Arbeiterbewegung überaus wichtigen Kongresses. Diese Verhandlungen sind in der Zeit des Zuchthauskurses um so bedeut⸗ samer, als aus ihnen hervorgeht, daß es ein geradezu gemeingefährliches Treiben ist, wenn die Unternehmer die Regierung dazu drängen, eine Ausnahmegesetzgebung gegen die Arbeiterorganisation zu schaffen. Deswegen ist die Lektüre des Protokolls Freunden wie Gegnern der Arbeiterbewegung dringend zu empfehlen. Der Preis der 14¼ Bogen starken Schrift beträgt im Buch⸗ handel 1 Mk. Mitglieder der Arbeiterorganisationen erhalten dieselbe durch die Vertrauenspersonen resp. durch das Gewerkschaftskartell weit unter dem Selbstkosten⸗ preis für den Betrag von 25 Pfg. — in großer Auswahl, außergewöhn⸗ Seite 8. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Nr. 27. I 17 Arbeiter Bekleidung! 1.50 M. Zwirn ⸗Hosen 2 dieselben, schwer Leder⸗Hosen in wunderbar schön. Mustern 207 Echt indigoblaue Manns⸗Anzüge 3.—„ Gezwirnte Manns⸗Anzüge 5.— Manns⸗Joppen in Leinen, Leder, Loden ꝛc. 115500„ Burkin⸗Manns⸗ Hosen 3.—„ Kammgarn⸗ Manns ⸗Hosen, das neneste und schönste Kammgarn⸗ Manns⸗Weste 2.—„ Burkin⸗Manns⸗ Anzüge von 9.—„ Cheviot- Manns⸗Anzüge 15.—„ Sommer⸗Burkin 5.—„ Sommer⸗ Paletots und Havelocks 10.—„ Kinder⸗Anzüge 2.—„ 5 5— 0. 7 Knaben⸗„„ bis 12 Jahre 3.—„ Flanell⸗ Hemden 1.—„ Oberhemden 2.50„ Stiefletten 5.—„ Touristen-hemden lich billig. Reisekoffer, Reisetaschen, Krageu, Manschetten, Vorhemden und Shlipse. Turner ⸗Tricot⸗Hosen und Hemden. Metzger⸗Blousen, ⸗Schürzen und ⸗ Mützen. Wolljacken p. Stück 1.— M. Ferner: Mädchen- u. Kinder⸗Schuhe nur das beste! stununend billig. Jeder Käufer erhält einen Strohhut gratis best. f cen 2 H. Möller Marburg(Hessen). Ver sund gegen Muchmahme. Nichtpassendes wird umgetauscht, oder der Betrag unverzüglich zurückgezahlt. Wehrt Euch Euerer Haut! Euer Recht auf Vereinigung soll ausgetauscht schaftlichen Vereine werdet. Recht auf Gefängnis und Gebt die richtige Antwort auf dieses Ansinnen, in dem Ihr Mitglieder der politischen und gewerk⸗ werden gegen das Arbeiter in Stadt und Land! Die Rückwärtser sind immer noch am Werke! Ihr sollt dem Unternehmertum auf Gnade und Ungnade ausgeliefert werden! Zuchthaus! W Die schneidigste Waffe im Kampfe für die Interressen des arbeitenden Volkes ist jedoch unter allen Umständen die sozialdemokratische Presse. In allen Kämpfen für die Interressen der Kleinen steht sie im vordersten Treffen. beste Waffe, erhöht ihren Einfluß immer mehr, indem Ihr für weiteste Verbreitung sorgt. Schärft diese Eure Hinaus mit den Blättern, die im Solde des Kapitalismus stehen oder für die jeweiligen Wünsche der Regierungen Stmmung machen müssen. Dagegen: Beine Arbeiter-Jdlohnung ohne dlie Arbeiter-Jeitung! Arbeiter-Bildungs-Verein. Samstag, den 8. Juli, Abends 9 Ahr bei Orbig: General-VUDñersammlung. 1. Bericht über den Kongreß für Volksvorlesungen zu Frankfurt a. M. Ref. Orbig. 2. Bericht der Gewerkschaftsvorstände, betr. Streikfond. 3. Stellungnahme zur Gewerbegerichtswahl. 4. Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Das Gewerkschaftskratell. Aerdug— bewerkschafsfest um Sonntag, den 9. Juli. Von Nachmittags 4 Uhr ab: Waldfest im Dammelsberg. Uhr ab: Abenclunterhaltung im Cafb Ouentin. Großer Preisabschlag. Speck, Ia. fett, per Pfd. 58 Pfg., bei 10 Pfd. à 55 Pfg. Speck, mager,(Dörrfleisch), per Pfd. 65 Pfg., bei 10 Pfd. A Pfd. 60 Pfg. Delikateßschinken, 4 bis 6 Pfd. schwer, per Pfd. 58 Pfg. Schweineschmalz, garant. rein, p. Pfd. 44 Pfg., b. 5 Pfd. A 42 Pfg. Limburger Käse, hochfein, fett und goldgelb, per Pfd. 39 Pfg. Nudeln für Suppe u. Gemüse, per Pfd. 25 Pfg., bei 5 Pfd. à 23 Pfg. Pflaumen per Pfd. 18 Pfg., bei 5 Pfd. à 17 Pfg. Malzkaffee, lose, per Pfd. 19 Pfg., bei 5 Pfd. à 18 Pfg. Bruch⸗Chocolade per Pfd. 90 Pfg., bei 5 Pfd. à 85 Pfg. 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