Nr. 14. Gießen, Sonntag, den 2. April 1899. 6. Jahrg. erer eee. Mitteldeutsche een. N 5 9 Huntags⸗Zeitung. Abonnemeutspreis: Bestellungen Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalt Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg. dition in Gießen, Sonnenstraße Nr. 25, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und Amal. Bestellung gewähren wir 250%, bei Gmal. e die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 4312a.) 33 ¼% und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50% Rabatt. FJuserate A FN lll... ⏑ ⏑ 8 N Ostevn. Die Osterglocken läuten Am Auferstehungstag Des Heilands, der gewaltig Der Menschheit Ketten brach. Er predigte Liebe und Freiheit Und Gleichheit mit ernstmm Mund— Sie haben ihn drum gekreuzigt, Die Stellen waren zu wund. So kreuzigt man noch jeden, Der von Freiheit und Gleichheit spricht; Das konnten sie niemals vertragen Und können's noch immer nicht. W. Hasenclever 1867. Ostevbetrachtung. -d. Es war ein Akt brutalster Klassenjustiz! Im Namen des Kaisers schlugen sie Jesus von Nazareth ans Kreuz— als Hochverräter, Reichsfeind, Gotteslästerer, Volksverführer, Hetzer. Es ist wahr, besonders glimpflich ist der Zimmermannssohn mit den Großen und Vor⸗ nehmen nicht umgegangen. „Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, daß ihr seid wie die verdeckten Totengräber, darüber die Leute laufen und kennen sie nicht.“(Luc. 11, 44.) „Alle ihre Werke aber thun die Schrift⸗ gelehrten und Pharisäer, daß sie von den Leuten gesehen werden.“(Matth. 23, 5.) „Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihr der Witwen Häuser fresset, und wendet lange Gebete vor; darum werdet ihr desto mehr Verdammnis empfangen.“(Matth. 23, 4.) „Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.“(Matth. 23, 28.) Solche Worte klangen den Großen natürlich nicht besonders lieblich in die Ohren. Aber Jesus rechnete auch gar nicht auf die Freund⸗ schaft der Vornehmen. Hätte er es mit diesen halten wollen, dann durfte er nicht für die Kleinen, für die Mühseligen und Beladenen eintreten. Daß er das that, war Grund genug, daß er von den Heuchlern, denen er den Schleier dune Fön herabriß, auf das schlimmste gehaßt wurde. Sie klagten ihn an, er habe das Volk auf⸗ gehetzt und die Klassenrichter fanden ihn schuldig, übten Klassenjustiz, verurteilten ihn zum Tode. Man schlug Jesus ans Kreuz— zwischen 755 gemeine Verbrecher. Und nun glaubten ie Großen, die er bekämpft hatte, mit seinem Leben wäre auch der von ihm ausgestreute Samen der Unzufriedenheit vernichtet. Diese Thoren! Als wenn sich neue, den Herrschenden unbequeme Lehren mit brutaler Gewalt töten ließen! Den Begründer der neuen Religion der Liebe konnten sie unschädlich machen— seinen Lehren selbft hatten sie damit nur die Wege geebnet. Welch mächtige Propa⸗ ganda: Der arme Zimmermannssohn ließ sich für seine Ueberzeugung ans Kreuz schlagen— die Lehre hatte einen Märtyrer bekommen, einen Märtyrer durch das brutale Klassenurteil der sich in ihren Vorrechten bedroht fühlenden Großen.——— So kreuzigt man noch jeden, Der von Freiheit und Gleichheit spricht. Das konnten sie niemals vertragen Und können's noch immer nicht. Nein, sie konnten's vor zwei Jahrtausenden nicht vertragen und ebenso wenig heute. Die Lehre der Armen und Unterdrückten ist heute eine andere— sie ist den modernen Verhältnissen angepaßt. Aber der Haß derjenigen, die sich durch die neue Lehre vom Sozialismus in ihren Klassenvorrechten bedroht fühlen, ist genau der⸗ selbe wie der Haß der Großen und Mächtigen vor fast zwei Jahrtausenden, als Jesus von Nazareth seine neue Lehre verkündigte. Ebenso wenig wie damals kann man in heutiger Zeit eine Lehre unterdrücken. Man kann ihr Schwierigkeiten bereiten, ihre Ver⸗ kündiger von Land zu Land hetzen, sie in die Gefängnisse sperren. Man konnte sogar die neue Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit zahllosen Paragraphen ans Kreuz fesseln, aber töten kann man sie nicht. Es ist für den jugendfrischen Sozialismus auch unbequem, gefesselt zu sein. Aber die Fesseln halten sein Wachstum nicht auf. Die Fessel⸗Paragraphen sind von Kautschuk— sie geben nach. Und kräftig entwickelt sich der gefesselte Sozialismus. Angsterfüllt beobachten ihn die für ihren Geldsack zitternden Kulturbremser. Und wenn sie jedesmal, sobald sich der gefesselte Geselle reckt, feststellen müssen, daß er sich wiederum prächtig entwickelt hat, dann schreien sie nach neuen Fessel⸗ Paragraphen, extra für den Sozialismus zugeschnittenen, die nicht nach⸗ geben, nicht gestatten, daß sich der gefesselte kräftige Geselle weiter auswächst. Die kurzsichtigen Thoren! So gewiß der Frühling den Winter besiegt, so gewiß wird auch der Sozialismus den Kapi⸗ talismus besiegen, die Freiheit die Knechtschaft, die Gerechtigkeit das Unrecht. Der gefesselte Jüngling Sozialismus wird weiter wachsen und gedeihen und eines schönen Tages, wenn er zum Mann geworden, wird er die muskulösen Glieder dehnen und lachend die Gummifesseln abstreifen. Dann ist unser Ostern! Freiheit auferstehen. Dann wird die Zur Agrarfrage.“ III. Der Schutz des ländlichen Proletariats. Es war vorauszusehen, daß Kautskys Werk in der bürgerlichen Presse eine mehr oder weniger abfällige Beurteilung erfahren würde. Nach der Ansicht unserer bürgerlichen Sozialpolitiker ist die gegenwärtige Gesellschaftsordnung für die Ewigkeit geschaffen. Sie können zwar nicht leugnen, daß die menschliche Gesellschaft bis zur „Siehe Nr. 8 und Nr. 11 der Mitteld. S.⸗Ztg. 2 e ͤ v ² Gegenwart verschiedene politische und ökonomische Wandlungen durchgemacht hat; allein jetzt soll plötzlich jede weitere Entwickelung der Gesellschaft unmöglich sein. Es bedarf keines weiteren Nach⸗ weises, um die Unhaltbarkeit und Hinfälligkeit einer solchen Behauptung darzulegen; sie schlägt jeder geschichtlichen Erfahrung ins Gesicht. So können nur Leute sprechen, die meinen, daß wir in der besten aller Welten leben. Sie wagen zwar nicht zu bestreiten, daß das arbeitende Volk „vielfach“ in elenden Verhältnissen lebt, glauben aber an eine Besserung dieser Verhältnisse durch sozialreformerische Maßnahmen, Maßnahmen, die das Uebel zu beseitigen nicht imstande sind, weil sie nicht bis an seine Wurzel herangehen. Vor allem ist diesen Leuten das Eigentum heilig; wobei zweifelhaft bleibt, ob es bei dem verschul⸗ deten Grundbesitz das Eigentum des Grund⸗ besitzers oder das Eigentum des Hypotheken⸗ gläubigers ist, das geschützt werden soll.„Nicht die völlige Vernichtung des Privateigentums wollen wir“, sagt der Kritiker des Kautskyschen Werkes in der freisinnigen Berliner„Volks⸗ Zeitung“(Nr. 109 vom 5 März 1899):„Nein, wir wollen die Zahl derer vermehren, die durch den Besitz eines privaten Eigentums die Zahl der freien(2) Bürger vermehren.“ Und in der Naumannschen„Hilfe“(Nr. 10, 1899) schreibt A. Pohlmann:„Den modernen, zu seinem Rechts⸗ bewußtsein erwachten Menschen ohne Zwang auf dem Lande zu erhalten, giebt es nur ein Mittel, das ist der Besitz, oder wenigstens die Hoff⸗ nung(), ihn zu erwerben.“ Man will also die Landleute an die Scholle fesseln, indem man ihnen vorredet, sie seien dort„freie“ Bürger, oder indem man in ihnen auch nur die Hoff⸗ nung weckt, einmal Besitz zu erwerben. Wie ehrlich! Was vermag nun nach Kautsky die Sozial⸗ demokratie der Landbevölkerung, und zwar zunächst dem ländlichen Proletariat, zu bieten? Die Politik der Sozialdemokratie auf dem Gebiete der Landwirtschaft kann ihrem Wesen nach keine andere sein, als ihre Politik auf dem Gebiete der Industrie; freilich muß sie dabei die Eigen⸗ tümlichkeiten der Landwirtschaft berücksichtigen. Vor allem lastet auf der ländlichen Arbeiter⸗ klasse, dem Gesinde, Taglöhner, Instleuten, die Gesindeordnung. Für diese ist z. B. in Preußen die Verabredung der Arbeitseinstellung verboten. Das Koalitionsrecht ist aber eins der wichtigsten Grundrechte der Arbeiter; nicht minder die Frei⸗ zügigkeit, welche die Auswanderung aus dem Lande und die Abwanderung in die Städte ge⸗ stattet. Hiergegen richtet sich der Haß der Agrarier, die den Landarbeiter an die Scholle fesseln wollen. Nicht minder wichtig im Interesse des länd⸗ lichen Proletariats ist der Kinderschutz. Kinder von 10—15 Jahren müssen von 4 oder 5 Uhr morgens bis abends 9 Uhr arbeiten und bei dieser unmenschlich langen Arbeitszeit die nötige Nachtruhe entbehren. Unter der übermäßigen Ausdehnung der Arbeitszeit leidet die körperliche Entwickelung der Kinder. Nicht selten sind Kinder schon mit dem sechsten Jahre zur Lohnarbeit in der Landwirtschaft eingespannt. Mit am schlimmsten sind die Zustände aus den Rübenplantagen, wo Kinder von 6 bis 12 Jahren täglich 12 bis Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 14. X. 18 Stunden, auf dem Boden hockend und vorn übergebeugt, Rüben zupfen müssen. Auch das Hütewesen wirkt nachteilig auf die Kinder. Am meisten leiden aber die Kleinen, wo sie als Orts⸗ fremde ohne Schutz und Rückhalt den Ausbeutern wehrlos preisgegeben sind Kinder unter 15 Jahren vor 7 Uhr morgens und nach 7 Uhr abends zur Arbeit zu verwenden, müßte gesetzlich verboten sein. Daß unter solchen Umständen von einem nutz⸗ bringenden Schulbesuch nicht die Rede sein kann, leuchtet ein Unsere Agrarier wollen aber auch garnicht, daß die Jugend auf dem Lande mehr als das allernotwendigste lernt, und deshalb ist ihnen die Verwahrlosung der Dorfschulen gerade recht Die Schulhäuser in vielen Gegenden in den östlichen Provinzen Preußens sind baufällig und erbärmlicher als Viehställe. Nach den Aus⸗ führungen des freisinnigen Abg. Kopsch am 15. März d. J., im preußischen Landtage ge⸗ legentlich der Beratung des Etats müssen die Kinder meilenweit gehen, um zur Schule zu ge⸗ langen. Lehrkräfte sind nur in ganz ungenügen⸗ der Zahl vorhanden. Insgesamt sind nach einem Aufsatz von H. Schulz in der„Neuen Zeit über die polnischen Volksschulzustände(Nr. 25, 98/99) für 92 001 Schulklassen nur 79 431 Lehrkräfte, also 12570 zu wenig, vorhanden. Zur Erlangung einer ordnungsmäßigen Besetzung der erforderlichen Lehrerstellen müßte deren Zahl um ein Sechstel vermehrt werden. Wollte man die überfüllten Klassen abschaffen und die Zahl der Kinder in einer Klasse auf die preußische Normalgrenze von 70 bis 80 Kindern bringen, so wären dazu noch weitere 7000 Lehrer nötig; bei einer wirklichen Normalgrenze von 30 Schülern in einer Klasse fehlen etwa 100000 Lehrer! Der Zentrum sabgeordnete Schmitz sprach es im preußischen Landtage kürzlich aus, daß für die Landbevölkerung ein Schulbesuch bis zum 14. Jahre gar nicht von nöten sei. Möglichst dürftige Schulbildung, das ist der Herzenswunsch unserer Agrarier.“ Wem die allernotwendigsten Kennt⸗ nisse fehlen, der ist an die Scholle gefesselt. Der Unkundige wird leicht ein Opfer der Ausbeutung und des Betrugs. Der Arbeiter, selbst wenn er auf dem Lande zu bleiben gedenkt, bedarf heute größerer Kennt⸗ nisse als früher. Die Errichtung von Fortbil⸗ dungsschulen ist daher eine dringende Forderung. Leider liegt das Fortbildungsschulwesen noch sehr im Argen. In Preußen bestanden im Winter 1896/97 nur 875 ländliche Fortbildungsschulen mit 13 317 Schülern Der Gesamtaufwand für diese Schulen betrug 91 808 Mk., wovon 33 174 Mark der Staat beisteuerte, d. h. so viel, wie einige Schüsse aus einer großen Kanone kosten! Die Zahl der jungen Burschen auf dem Lande von 14 bis 18 Jahren belief sich auf 828 600. Schwer und unmenschlich lange müssen die Wanderarbeiter arbeiten. Durch Gewährung von Schnaps werden sie zur Ueberarbeit angehalten. Sie werden weniger geschont, als die heimischen Arbeiter. Mögen sie hinterdrein krank werden! Man braucht sie ja nicht den Winter hindurch zu erhalten und nicht Krankenkosten für sie zu zahlen. Am schlimmsten steht es um die Be⸗ hausungen dieser Leute. Es sind Baracken, Ställe und Scheunen, in denen die Arbeiter zu zehn und mehr, vielfach ohne Trennung der Geschlechter, zusammenliegen.„Nicht im„Zu⸗ kunftsstaat“, nein im Gegenwartsstaat, dort, wo die christlich⸗germanische Zucht und Ehrbarkeit noch völlig unangetastet ist von sozialdemo⸗ kratischem Gift, dort, wo unsere Edelsten und Besten am ungehemmtesten schalten und walten, dort finden wir die Karnickelwirtschaft, von den Verteidigern der Ehe und Familie selbst produ⸗ ziert, indem sie zur Minderung der Produktions⸗ kosten von Schnaps und Zucker ihr menschliches Arbeitsvieh ohne Unterschied des Alters und Geschlechts in ihren Viehställen zusammenpferchen.“ (Gautsky a. a. O. S. 370). Diesen skandalösen Zuständen durch gesetzliche Maßnahmen ein Ende zu bereiten, ist eine Forderung der Sozialdemokratie. Man hält die Festsetzung eines Normal⸗ arbeitstages in der Landwirtschaft für nicht * Siehe den Artikel in derkheutigen Beilage. durchführbar. Kautsky ist anderer Ansicht. Bei einem Normalarbeitstag gewinnt der ländliche Tagelöhner genügend Zeit zur Bestellung seines eigenen, kleinen Betriebes. Er muß nach der vollbrachten Lohnarbeit daheim den Stall rei⸗ nigen, Futter für das Vieh holen, das Kartoffel⸗ land umgraben usw. Dauert die Lohnarbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dann bleiben ihm für seine eigene Wirtschaft nur die Nächte und der Sonntag. Natürlich läßt sich ein Normalarbeitstag nicht in gleicher Weise, wie in der Industrie durchführen; er muß für die verschiedenen Jahreszeiten verschieden sein und im Durchschnitt für das ganze Jahr fest⸗ gelegt werden. In einem Gesetz zum Schutze der landwirt⸗ schaftlichen Arbeiter wären in erster Reihe die Wohnungsverhältnisse zu berücksichtigen. Für die Wohnungen auf dem Hofe des Grundbesitzers müssen bestimmte gesundheitliche Vorschriften er⸗ lassen werden. Gegenwärtig muß der Tagelöhner vielfach in den elendesten Hütten hausen. Würden durch solche Maßnahmen die Grundbesitzer sich veranlaßt sehen, die Zahl der bei ihnen wohnen⸗ den Tagelöhner einzuschränken, dann wäre die Erbauung der Arbeiterwohnungen als Mietswohnungen aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten. Der Tagelöhner wäre ein freier Arbeiter geworden, dessen geistiges Leben, politisches Verhalten und persönlicher Verkehr vom Grundbesitzer nicht mehr überwacht werden könnten. Wo das Pachtsystem herrscht, wären die Pachtverträge der Kontrole eines Gerichtshofes zu unterwerfen, um unbillig hohen Pachtzinsen vorzubeugen. Die hohen Zinsen bringen den Arbeiter in Schuldsklaverei und Abhängigkeit. Elenchus. Politische Bundschau. * Gießen, den 31. März. Aus dem„Herren“ haus. Wir können im allgemeinen den Verhand⸗ lungen, die in der preußischen Junkerstube statt⸗ finden, keinen Raum widmen. Aber heute wäre es Sünde, wenn wir nicht ein wenig Raum an anderer Stelle abzwackten, um einmal die preu⸗ ßischen Junker zu Wort kommen zu lassen. Man höre also, welcher Art die Wünsche der preußischen Junker sind. Es handelt sich um die Sitzung des Herren hauses vom 2 3. März. Auf der Tagesordnung steht: Etats⸗ beratung. Das Wort nimmt der Graf Mirbach: Er bedauere nicht, daß er im Reichstage so scharf gegen das ge⸗ heime Wahlrecht aufgetreten sei. Das ge⸗ heime allgemeine Wahlrecht ist die einzige Stütze und der beste Nährboden für die Sozialdemokratie. Nähme man ihnen die Möglichkeit der Agitation in Versammlungen, dann würde man auch ihre Organisation zerstören. Graf von Klinckowström: Es giebt nichts Demoralisierenderes im öffent⸗ lichen Leben, als dieses allgemeine geheime Wahlrecht. Die Sozialdemokraten verdanken ihre Erfolge nur den maßlosen Hetzereien in den Flugblättern. Da muß man doch fragen, wenn derartige Dinge unbeanstandet verbreitet werden dürfen: Gab es Richter, gab es Polizei, gab es Staatsanwalt zu jener Zeit, da dies verbreitet worden ist? Es müßte durch eine generelle Instruktion den Staats⸗ an wälten klar gemacht werden, daß sie die Pflicht haben, in jedem Fall und unter allen Umständen einzuschreiten. Auch die Richter müßten durch eine generelle Inftruktion darüber belehrt werden, daß es sich bei den sozialdemokratischen Schriftstücken nicht um Preßvergehen, sondern um Aufreizung zum Klassenhaß und um hochverräterische Um⸗ triebe handelt. Die Geistlichen müssen von dem Irrtum geheilt werden, daß die sozialdemo⸗ kratische Partei gleichberechtigt mit anderen ist. Auch die Lehrer müssen die herangewachsene Jugend darüber aufklären. Ich persönlich bin auch der Ansicht, daß die Gesetzgebung mit einem scharfen Sozialistengesetz uns zu Hilfe kommen sollte. Auf zum Kampf gegen den Umsturz! sei die Parole. Justizminister Schönstedt: Die Flug⸗ blätter der Sozialdemokraten sind ehr vorsichtig abgefaßt, sodaß man sie⸗ schwer fassen kann. Ich kann nicht zusagen, eine allgemeine Anweisung an die Gerichte ergehen zu lassen. Ich glaube nicht, daß Sie, im Wider spruche mit den bestehenden Gesetzen, mich werden auffordern wollen, den Gerichten bestimmte Anwei⸗ sungen für die Rechtsprechung zu geben. Im allgemeinen bin ich mit dem Herrn Grafen Klinckowftrönm durchaus einver⸗ standen. Minister des Innern Frhr. v. d. Recke: Auch ich kann mich mit einem großen Teile der Ausführungen des Herrn Grafen Klinckowström nur einverstanden erklären.(Bravo!) Ich bin in meinen Anweisungen an die Behör⸗ den bis an die äußerste Grenze des Er⸗ laubten gegangen.(Bravo!) Nach Lage der Gesetzgebung ist nichts gegen die Flugblätter und Preßerzeugnisse zu unternehmen. Es ist ja bekannt, mit welcher geradezu infernalischen Ge⸗ schicklichkeit die Sozialdemokraten ihre Flugschrif⸗ ten abfassen. Ich kann also nur ausdrücklich feststellen, daß die Behörden es in keinem Punkte an der nötigen Pflichterfüllung haben fehlen lassen.(Beifall.) Graf von Klinckowström: Der Justiz⸗ minister hält es für unmöglich, Instruktionen an die Richter zu geben. Aber die Gesetze sind unter anderen Voraussetzungen gegeben und lassen soviel Spielraum, daß man ihre 9 Anwendung wohl empfehlen ann. Oberbürgermeister Dr. Giese⸗Altona stimmt zwar in der Schilderung über die Gefährlichkeit der sozialdemokratischen Agitation mit dem Grafen Klinckowström überein, kann aber dessen Vor⸗ schläge bezüglich der Bekämpfung derselben nicht billigen. Damit schließt die Generaldebatte. Diese junkerlichen Menschenfreunde! Fort mit dem Wahlrecht! Und her mit einem Ausnahmegesetz für die Sozialdemokratie! Her mit Polizei und Staatsanwalt! Und— das schlimmste!— Her mit Instruk⸗ tionen für die Richter! Der Justizminister mußte erst den Junkern erklären, daß die Richter unabhängig sind, daß er ihnen keine An⸗ weisung geben kann, wie sie Recht sprechen sollen. Eine Glanzleistung hat sich auch der Freiherr von der Recke wieder geleistet. Er erklärte, daß die Sozialdemokraten mit geradezu infernalischer Geschicklichkeit ihre Flug⸗ schriften abfassen. Das heißt doch nichts anderes, als: man kann gegen die Flugschriften nichts unternehmen, weil sie die Grenze des Erlaub⸗ ten nicht überschreiten. Derselbe Herr Minister aber erklärt von sich selbst:„Ich bin in meinen Anweisungen an die Behör⸗ den bis an die äußerste Grenze des Erlaubt en gegangen.“ Ja, wie sagte doch dereinst der Juftizminister Schönstedt?„Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe.“ Was bei den Sozialdemokraten infernalische (teuflische) Geschicklichkeit, ist bei einem Minister natürlich bewundernswert und erntet die lebhaftesten Bravos von den Großen in der Landwirtschaft. Es geht auch ohne Sozialistengesetz. In dem berüchtigten Scharfmacherorgane, den Berliner„Neuesten Nachrichten“, die dem Zen⸗ tralverbande deutscher Industrieller verschrieben sind, ist zu lesen: „Würden alle die Hilfsmittel, über die die Justiz⸗ und Exekutivbehörden auch gegenwärtig schon verfügen, zur rechten Zeit, am rechten Ort und nach einem einheitlichen Plane gegen die grundsätz⸗ lichen Vernichter aller staatlichen und gesellschaft⸗ lichen Ordnung angewendet, so wären wir zweifel⸗ los in der Bekämpfung des Umsturzes schon ein gut Stück weiter. In Ermangelung von etwas Besserem nehme man seine Zuflucht zu dem handenen gese nut einet!. zun Nutzen her entwic Kölletei, Stufenleiter, den ruft die Die Sch bergessen, de wegung mit schläge der sie es treibe der proletat und thatkrä Der In Be. Gustab Lan handelt, der Zwecke pro stelung in nach Ansich Zucthausef aus Elberfel Zueck in N 1898 einen früher in E der jezt in daß er in Mordes an Beweise fir Preßbel erjähry unternomme 1. an au Anschre Sault Warum Got üble Nachre i diesem Beshuldigu wurde er w gelagt. 7 Jeihardlun dauerz 1 dend her 1 5„Sozia üngnis alte drei 5 Gefür, ben den Nr. 14. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3 1223— 7 Guten, was man hat, und vergesse nicht, daß das Bessere gar oft der Feind des Guten ist.“ Offenbar haben die Magdeburger und Löb⸗ tauer Rechtssprüche die Bueck und Konsorten über die Tüchtigkeit der heutigen Zwangmittel beruhigt. Das hindert sie freilich nicht, den Wunsch auszusprechen, daß man sich an leitender Stelle überzeugen möchte,„daß in der That der Augenblick zu einer intensiven Kraftanspannung gekommen ist“. Das heißt: der Klüngel des Großunter⸗ nehmertums, der sich politisch und wirtschaftlich zur Massenauspowerung und Volksentrechtung vereinigt hat und auf sehr einflußreiche Kreise einwirkt, möchte, daß die Zügel noch straffer an⸗ gezogen, daß die Härten der heute schon ins Ungemessene gehenden Vollmachten noch viel rück⸗ sichtsloser fühlbar gemacht würden, daß die ganze Janitscharenmusik der Gewaltpolitik aufspiele. Der Zuchthauskurs soll in Permanenz erklärt werden. Dazu bedarf es keiner neuen Gesetze, nur einer„intensiveren Kraftentfaltung“, nur einer noch stärkeren Ausnützung der vor⸗ handenen gesetzlichen und polizeilichen Vollmachten, nur einer verfeinerten Auslegungskunst, einer zum Nutzen der kapitalistischen„Staatsraison“ höher entwickelten Rechtsprechung. Köllerei, Löbtauerei, Arbeitertrutz auf höchster Stufenleiter, das ist die Losung. Den Regieren⸗ den ruft dies der Bund der Großkapitalisten zu. Die Scharfmacher dürfen eines nur nicht vergessen, daß der Gegendruck der Arbeiterbe⸗ wegung mit verdoppelter Wucht gegen die An⸗ schläge der Machthaber wirken wird. Je toller sie es treiben, um so stärker der Zusammenschluß der proletarischen Organisation, um so zielsicherer und thatkräftiger der Klassenkampf! Der Fall Ziethen vor Gericht. In Berlin wurde gegen den Schriftsteller Gustav Landauer ein Beleidigungsprozeß ver⸗ handelt, der vom Angeklagten zu dem einzigen Zwecke provoziert war, eine gerichtliche Klar⸗ stellung in der Angelegenheit des immer noch nach Ansicht vieler Tausende unschuldig im Zuchthause schmachtenden Barbiers Albert Ziethen aus Elberfeld herbeizuführen. Er hat zu diesem Zweck in Nr. 6 des„Sozialist“ vom 5. Februar 1898 einen Artikel veröffentlicht, in welchem ein früher in Elberfeld stationierter Polizeikommissar, der jetzt in Posen thätig ist, beschuldigt wurde, daß er in der Untersuchung gegen den wegen Mordes angeklagten Barbier Ziethen wichtige Beweisstücke gefälscht habe. Als innerhalb der für Preßbeleidigungen festgesetzten sechsmonatigen Verjährungsfrist nichts gegen Landauer unternommen worden war, richtete der jetzt An⸗ geklagte an sämtliche Mitglieder des Reichstags ein Anschreiben mit dem Ersuchen, bei dem Staatssekretär des Reichsjuftizamts anzufragen, warum Gottschalk und seine Vorgesetzten diese üble Nachrede duldeten. Landauer wiederholte in diesem Zirkular ausdrücklich seine schweren Beschuldigungen und auf dieses Zirkular hin wurde er wegen Beleidigung des Gottschalk an⸗ geklagt. Der Prozeß endete nach achtstündiger Verhandlung mit der Verurteilung Lan⸗ dauers zu sechs Monaten Gefängnis, wäh⸗ rend der mitangeklagte verantwortliche Redakteur des„Sozialist“, Ruppert, zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Der Staatsanwalt hatte drei Jahre, resp. ein Jahr sechs Mo⸗ nate Gefängnis beantragt!!! Das harte Urteil gegen den nur aus den edelsten Motiven han⸗ delnden Mann wird nur dazu dienen, der Ziethen⸗ sache neue Anhänger zu werben. Die Führung des Wahrheitsbeweises für seine schwerwiegenden Beschuldigungen wurde Herrn Landauer außer⸗ ordentlich erschwert und eingeengt. Unternehmer⸗Terrorismus. Der auf den Spiritus⸗Ring hinarbeitende Fabrikanten⸗Verein hat ein Flugblatt heraus⸗ gegeben:„Wie sollt Ihr werben?“, das auch außerhalb der Interessenten⸗Kreise inte⸗ ressieren dürfte. Es wirft u. a. die Frage auf, wie sich der⸗ jenige Fabrikant stehen wird, der sich dem Fabri⸗ kanten⸗Verein nicht anschließt? Es findet hierauf folgende charakteristische Antwort: „Er wird, er und seine Abnehmer, wie ein Wild gehetzt werden, denn Gnade kennen wir nicht. Hier heißt es, mit in Reih und Glied oder als Feind nieder⸗ gekämpft... Bleiben ganze Gruppen aus, so sind sie bald kirre gemacht.“ Diese Sprache führen und mit solchen be⸗ wußten Drohungen arbeiten Leute, die jeden Augenblick über angeblichen sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Terrorismus zetern und den Arbeitern das Zuchthausgesetz oktroieren wollen. Diese Pharisäer! Ein uenes Dresdener Urteil. In Dresden hatte der Maurer Duda in einer Lohndifferenzangelegenheit, bei der es sich um die Forderung von 45 Pfennig Stundenlohn handelte, zu einem Meister gesagt:„Wenn Sie das nicht bewilligen, werden wir dafür sorgen, daß Sie unter 3—4 Wochen keinen Maurer auf den Bau bekommen.“ Wegen dieser Aeußerung ist er zu sechs Monaten Gefängnis und zu Ehr⸗ verlust auf drei Jahre verurteilt worden, da aus seiner Handlungsweise, die„gemeinge⸗ fährlich“ sei, eine ehrlose Gehin nung spreche. Die Verhandlung fand unter dem Landgerichts⸗ Direktor Frommhold statt, demselben, der an dem vielbesprochenen Dresdener Urteil in der Löbtauer Krawall⸗Angelegenheit beteiligt ist. Es kann nicht ausbleiben, daß Urteile dieser Art die Kluft zwischen der gelehrten Rechtsprechung und dem Rechtsempfinden des Volkes immer mehr erweitern und vertiefen. Man vergleiche übrigens mit der vorhergehenden Notiz. Wir sind neugierig, was den Spiritusfabrikanten passieren wird. Ein Urteil. Ueber ein sehr mildes Urteil über Ebers⸗ walder Forstakademiker, die Polizei⸗ sergeanten beschimpft, bedroht und mißhandelt haben, wurde kürzlich in der Presse berichtet. Der am meisten belastete Forststudierende von Huene wurde nur zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt. Die jetzt bekannt gewordene Begründung des Urteils meint, der Vorfall sei„an und für sich ein „harmloser Studentenulk“, entstanden „aus dem Zusammentreffen zweier verschiedener Gesellschaftsanschauungen“. Ferner heißt es: Es ist nicht gerade schön, aber erklärlich, daß da nun höllischer Radau gemacht wurde. Eine alte Erfahrung lehrt ja, daß die Nachtruhe der Mitbürger fröhlichen Zechern gar nicht heilig ist; das kommt auch bei an⸗ deren vor, bei Kaufmannslehrlingen, bei Hand⸗ werkslehrlingen u. s. w., und nicht bloß bei der Jugend, sondern auch bei hohen Semestern. Wegen der Beschimpfungen der Polizei⸗ sergeanten heißt es: Aber es liegt auch in der Natur der Sache, daß ein scharfes Wort ein anderes scharfes Wort hervorruft, und so fliegen dann die Titulaturen und oppositionellen Redensarten hin und her. Ueber die Bedrohung mit Totschlag führt die Begründung aus: v. Huene soll dann gesagt haben:„Ich spalte Ihnen den Schädel!“ Nun ist das mit solcher„Bedrohung mit Totschlag“ eine eigentümliche Sache, ge⸗ than hätte er es jedenfalls nicht; es ist eine leere Redensart, die nicht ernst genommen werden konnte. Endlich heißt es über die Strafabmessung: Bei der Abmessung der Strafe war sich das Gericht wohl bewußt, daß auf Widerstand gegen die Staatsgewalt in erster Linie Ge⸗ fängnis steht. Diese Strafe würde aber in der That einen Menschen, der in der Be⸗ amtenlaufbahn steht, übermäßig hart treffen. Als mildernd ist auch zu berück⸗ sichtigen das Vorgehen der Beamten, das die Herren bei ihren Lebensgewohnheiten notwendig erregen und zum Widerstande reizen mußte. Man kann nicht das⸗ selbe Strafmaß auf den einen wie auf den anderen Menschen anwenden; es muß 4 eine Strafe gewählt werden, die der Sache auch angemessen ist. Man vergleiche dieses Urteil mit dem Dresdener! Die„reformierte“ Sozial⸗ demokratie. * Seit Jahren bestehen innerhalb der deut⸗ schen Sozialdemokratie nicht nur taktische, sondern auch prinzipielle Meinungsverschiedenheiten. Das ist durchaus nicht verwunderlich. Wer wäre so thöricht, verlangen zu wollen, daß unter den Mitgliedern einer Millionenpartei, die über das Ziel einig sind, keinerlei Meinungsverschieden⸗ heiten obwalten dürften über den Weg, der zu jenem Ziele führt. Und darum handelt es sich in der Hauptsache. Ein kürzlich erschienenes Buch Bernsteins über die„Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ dient nun unseren Gegnern, die das Buch zumeist mit köst⸗ licher Verständnislosigkeit„verarbeiten“, als Be⸗ weismittel dafür, daß sich unsere Partei zu einer bürgerlich⸗demokratischen Reformpartei„mausere“ oder sich spalten werde. Schon der Umstand, daß innerhalb unserer Partei alle Erörterungen öffentlich stattfinden, sollte die Gegner über⸗ zeugen, wie stark wir uns nicht nur fühlen, sondern wie stark wir sind. Wir können uns jede theoretische Erörterung über den Sozialis⸗ mus im allgemeinen und unser Programm im besonderen vor den Augen und Ohren der ge⸗ samten Welt leisten. Und wenn die Gegner, die alle ihre Wäsche hinter verschlossenen Thüren waschen, damit ihre sogenannten Par⸗ teien nicht aus dem Leim gehen, jetzt auf unsere Spaltung spekulieren, so messen sie unsere Partei mit einem Maßstab, der für die bürger⸗ lichen Parteien passen mag, nicht aber für die unsere. Die sozialdemokratische Partei, welche zwölf Jahre Ausnahmegesetz überwunden hat, wird sich der Agrarfrage, der Kanonen⸗ oder Milizfrage wegen nicht zerfleischen. Die Partei wird sich auch nicht zu einer zahmen Reform⸗ partei mausern. Ueber das Ziel einig lassen wir unseren Anhängern Spielraum in Bezug auf den Weg, den sie zur Erreichung des Ziels für den geeignetsten halten. Genügen die in unserem Programm vor⸗ gezeichneten Wege nicht mehr allen Ansprüchen, gut, so mache man positive Vorschläge und der Parteitag wird darüber befinden. Als Demokraten haben wir uns dann der Mehr⸗ heit zu fügen. Wer sich nicht fügt, stellt sich damit außerhalb unserer Reihen. Sollten das einige Dutzend seitheriger Anhänger unserer Partei thun, so können wir das nicht ändern. Dann mögen die Gegner über die„Spaltung“ jubi⸗ lieren und die„abgespaltenen“ Dutzende von unseren 2 100 000 mehr als 25 Jahre alten Anhängern abziehen. Wir könnten wohl auch das aushalten. Die Sozialdemokratie wird, wie das auch in der Vergangenheit geschehen, ihre Taktik den jeweiligen Verhältnissen anzupassen wissen. Dabei wird sie revolutionär bleiben Dee 4 Bestell- Zettel. Ich bestelle hiermit die „Mitteldeutsche Jonntags⸗Zeitung“. Name:— eee. Beruf: Wohnung: 5 4 .—— —————— Seite 4 Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 14. und international. Das Revolutio⸗ näre schließt nicht aus, für Reformen ein⸗ zutreten, und unsere Internationalität bedingt durchaus nlcht, die vaterländ ischen Interessen hintanzusetzen. Unter Reformen verstehen wir keine Wassersuppengesetze à la Altersversicherung und unter Wahrung vater⸗ ländischer Interessen verstehen wir nicht Geld⸗ bewilligungen für Mordwerkzeuge oder afrikanische Sandwüften. Lassen wir die Feinde zetern oder frohlocken — thun wir unsere Pflicht. Unterm Zucht⸗ 5 kämpft es sich gut für Freiheit und echt. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Seserkreise find jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkert bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Die Bahn wird frei! * Die seither in Gießen erschienene„Ober⸗ hessische Landes-Zeitung“, ein auch von vielen unserer Genossen gern gelesenes Blatt, hat mit Ende März ihr Erscheinen ein⸗ gestellt. Die„O. L.⸗Ztg.“ war ein ehrlich demokratisches Organ und hatte nächst der„M. S.⸗Ztg.“ in den Gießen benachbarten Dörfern die meisten Abonnenten. Daß das Blatt trotz seiner verhältnismäßig hohen Abonnentenzahl dennoch eingeht, ist auf die geringe Unterstützung zurückzuführen, die es seitens der Gießener Ge⸗ schäftsleute gefunden hat. Ein Tageblatt kann sich bei den heutigen niedrigen Abonne⸗ mentspreisen nicht auf die Dauer halten, wenn es nicht eine erhebliche Einnahme für In⸗ serate zu verzeichnen hat. Diese Einnahme fehlte der„O. L.⸗Ztg.“. Zwischen dem Amts⸗ blatt und dem Organ der sozialdemokratischen Partei kann sich in Gießen kein weiteres Blatt halten. Der demokratischen Landes⸗Zeitung sind im Tode schon vorausgegangen ein frei⸗ inniges, ein nationalliberales und ein unparteiliches Blatt. Gewachsen ist dagegen ständig die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann für die Wahl⸗Kreise Gießen und Marburg außer der„M. S.⸗Ztg.“ noch ein täglich erscheinendes sozialdemokratisches Organ herausgegeben wird. Durch das Eingehen der „O. L.⸗Ztg.“ ist für uns die Bahn frei geworden. Jetzt werden die bürgerlichen Blätter der ver⸗ schiedensten Kouleur über den Kreis Gießen herfallen, um die Abonnentenerbschaft der„O. L.⸗Ztg.“ anzutreten. Da jedoch die Mehrzahl der Leser der„O. L.⸗Ztg.“ Mitglieder unserer Partei waren, so erwarten wir, daß diese kein gegnerisches oder sogenanntes unparteiisches Blatt bestellen werden. Es heißt jetzt für uns selbst arbeiten. Noch 1000 Abonnenten für die„M. S.⸗Ztg.“ und wir haben ein eigenes Tageblatt. Wem bis dahin die„M. S.⸗Ztg.“ allein nicht genügt, der mag sich bei dem Brief⸗ träger unser Frankfurter Parteiblatt, die„Volks⸗ stimme“, bestellen. Da in den Sommermonaten ohnehin auf dem Lande vielfach die Tage⸗ blätter abbestellt werden, weil zu deren Lektüre angeblich die Zeit fehlt, ist es Pflicht unserer Parteifreunde, dafür zu sorgen, daß die EEE ueberall Freunde erwirbt sich die„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ schnell. Frisch und leichtverständlich geschrieben appelliert sie an Verstaud und Herz des Lesers— im Gegensatz zu den gegnerischen Blättern, die auf die Dummheit und den Geldsack ihrer Abnehmer spekulieren. Jedermann aus dem Volte ist im Stande, sich durch das Lesen der„Mitteld. Sonntagsgtg.“ auf dem Laufenden zu erhalten, obgleich sie 5 5 9 0 wöchentlich nur einmal erscheint. Frei von* allem unnützen Ballast, bringt die„Mitteld. S.⸗Ztg.“ nur das, was wirklich für das schaffende Volk von Interesse ist und was jedermann wissen muß. Man benütze diesen Zettel zur Anmeldung neu gewonnener Leser. „eee dazu bekennen müsse, seitherigen Leser der„O. L.⸗Ztg.“, soweit sie noch nicht Leser der„M. S.⸗Ztg.“ waren, für letztere gewonnen werden. Nutzt die Ostertage tüchtig aus! Religion zu wenig Privatsache. * In einer zum Palmsonntag erschienenen Nummer veröffentlicht das Gießener Amtsorgan einen„Buß- und Bettag“ betitelten Aufsatz, in dem wir folgende Sätze fanden: „Man möchte wohl dem Volke die Religion erhalten, aber für sich selbst hält man sie für unentbehrlich. Der Glaube ist zu wenig Privatsache und Herzenssache. An offizieller Religion ist nicht gerade Mangel, aber an religiös durchdrungenen Persönlichkeiten.“ Wie wird uns! Das klingt ja ganz sozial⸗ demokratisch. Auch wir behaupten ja, daß „man“ die Religion dem Volk erhalten will, selbst aber zu„gebildet“ ist, um„so was“ noch zu glauben. Von diesem Gesichtspunkt aus haben wir und mit uns alle sozialdemokratischen Blätter z. B. das Glaubensbekenntnis des nationalliberalen Abgeordneten Professor Paasche im Reichstage beleuchtet. Aber weiter: „Der Glaube ist zu wenig Privatsache— das ist ja ganz und gar im Sinne der Sszial⸗ demokratie gesprochen, die die Religion zur Privat⸗ sache erklärte.— Wir gratulieren dem Amts⸗ organ zu den vernünftigen Sätzen. Der Graf muß brummen. * Das Reichsgericht verwarf die Revision des Grafen Friedrich Ruprecht Franz von Alt⸗ Leiningen⸗Westerburg, der am 16. November v. J. vom Landgerichte Gießen wegen Ehebruchs zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Im Prinzip handelt es sich um die Frage, ob die Standes herrn eigenschaft des edlen Grafen dadurch beeinflußt sei, daß in die blau⸗ blütige Familie dereinst eine Bauers frau hineingeheiratet hat— nämlich die Groß⸗ mutter des Grafen Friedrich Ruprecht Franz von und zu Altbringen⸗Westerburg. Das Reichs⸗ gericht bejahte die Frage, andernfalls hätte der Revision stattgegeben werden müssen und der Graf wäre dann vor ein Extragericht gestellt worden, das aus hessischen Standesherrn gebildet worden wäre. Bauernlegen in Hesseu. Wie die„Großen“ ihren Besitz„abrunden“, zeigt eine in der„Darmst. Ztg.“ veröffentlichte Aufforderung des Amtsgerichts Grünberg. Hiernach sollen dem Fideikommiß der frei⸗ herrlichen Familie von Riedesel zu Eisen⸗ bach 35 333 Ar neu einverleibt worden. Dieser Grundbesitz liegt in vier Gemarkungen. Ver⸗ käuflicher Grundbesitz sollte von den Gemeinden gekauft werden. Aus Wetzlar. t. Vor der hiesigen Strafkammer hatte sich der Direktor der Niederschelder Hütte wegen Uebertretung mehrerer Arbeiterschutz⸗ bestimmungen der Gewerbeordnung zu verant⸗ worten. Es wird ihm zur Last gelegt, jugend⸗ liche Arbeiter unter 14 Jahren länger wie 6 und Arbeiter von 14 bis 16 Jahren länger wie 10 Stunden, also über die gesetzlich zulässige Arbeitsdauer hinaus beschäftigt zu haben. Der Staatsanwalt beantragt eine Geldstrafe von zu⸗ sammen 520 Mk., der Gerichtshof erkannte auf 215 Mk.— Wenn alle Gerichtshöfe die Unter⸗ nehmer derart streng verurteilen würden, so würden die Arbeiterschutzbestimmungen wohl besser respektiert. Strafen von 3 oder 5 Mk., die häufig verhängt werden, lassen die Unternehmer ziemlich kalt.; Die Taktik der Fälschungen empfiehlt die„Deutsche Tageszeitung“ das Organ des Bundes der Landwirte, wenn sie schreibt: „Tem Genossen Karl Kautsky ist es höchst unbequem gewesen, daß seine häßlichen Aus⸗ sprüche über die Bauern und über die Gebet⸗ bücher wieder ausgegraben und niedriger gehängt worden sind. Wahrscheinlich hat ihn die Partei⸗ leitung aufgefordert, zu erklären, ob er diese taktischen Entgleisungen verschuldet habe. Er erklärt denn auch im„Vorwärts“, daß er sich die erwähnten Aussprüche r verbrochen zu haben. Er erzählt dabei nur, daß diese Aussprüche vor zwanzig Jahren(das stimmt nicht ganz, Herr Kautsky!) gefallen seien, und macht uns zum Vorwurfe, daß wir unseren Lesern nicht mitgeteilt hätten, daß er heute auf einen Standpunkte stehe der dem damaligen nicht entspreche. Gleichwohl fügt er hinzu, daß er sich des Gesagten nicht zu schämen brauche. Wann Herr Kautsky die Sätze verbrochen hat, ist ziemlich gleichgültig; denn der Herr scheint seine Anschauungen so häufig und so gründlich 0 zu wechseln, daß es nicht leicht festzustellen ist, welches denn seine gegenwärtige Anschauung sei. Wir empfehlen nach wie vor unsern Freunden die taktische Verwertung dieser Kautsky⸗ schen Aussprüche; sollte ihnen dabei entgegen⸗ gehalten werden, daß Kautsky sie vor 20 Jahren gethan habe, so möge man hinzufügen, daß dieser heute noch offen ausgesprochen habe, sich ihrer nicht zu schämen. Das genügt!“ Wenn die Bündler diesen empfohlenen Zitaten⸗ schwindel in öffentlichen Versammlungen treiben werden, wie das z. B. die Antisemiten stets ge⸗ than haben, so werden sie ebenso auf die Finger geklopft werden, wie jene. Man wird ihnen sofort nachweisen, daß sie mit Fälschungen und Unterschlagungen hausieren, weil sie den Zusammenhang der Aeußerungen nicht wiedergeben. Die„Deutsche Tageszeitung“ hütet sich weislich, ihren genasführten Lesern mitzu⸗ zuteilen, in welchem Sinne Kautsky damals jene Wendungen gebraucht hat, daß er gerade damals für eine bäuerliche Agrarpolitik eingetreten sei und aus dieser Gesinnung heraus jene Sätze geschrieben habe. Was sind das für armselige Gesellen, die, weil sie zu beschränkt sind, von prinzipiellen Gesichtspunkten aus die politische Agitation zu betreiben, Land auf Land ab ihre seit Jahren gesammelten Zitate— natürlich aus dem Zu⸗ sammenhang gerissen— hersagen, um so dem Gegner meuchlings eins auszuwischen. Auch eine Osterbescherung. Wegen Majestätsbeleidigung wurde der poli⸗ tische Redakteur der Frankfurter„Volksstimme“, Genosse Dr. Quarck zu 4 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Genosse Quarck hatte die Thronrede abfällig besprochen, ohne den Kaiser auch nur zu nennen. Der Staatsanwalt hatte nur 3 Monate beantragt. Es wird von Tag zu Tag schwieriger, den Be⸗ rufspflichten als Redakteur nachzukommen. Aeußerungen, an denen der Verfasser sowohl wie die Leser absolut nichts Straffälliges finden, führen heutzutage ins Gefängnis. Anständige, ehrliche Gegner! Ein„sozialdemokratischer Mörder“ ist endlich nach langem erfolglosem Suchen von der ultramontanen Presse entdeckt worden. Der in Straßburg erscheinende „Elsässer“, das leitende Organ des reichsländischen Klerikalismus, erfrecht sich, den Bericht über die Hin⸗ richtung eines Mädchenmörders Jakob Gier mit fol⸗ genden Worten einzuleiten: „Wie Gier gelebt, so ist er gestorben. Bis zum letzten Augenblicke blieb er ein verstockter Sünder, der von Gott nichts wissen wollte und nur den irdischen Genüssen fröhnte.„Ein Sozialdemokrat“, erwiderte er jedesmal höhnisch auf die Zusprüche des Priesters,„bin ich, und als solcher will ich auch sterben“. Und in der That, er ist als solcher, treu den Lehren seiner Meister, gestorben. Seine letzten Worte, als schon das Fallbeil niedersauste, waren: „Es lebe die internationale Sozialdemokratie!“ Die Niedrigkeit der Gesinnung, welche aus diesen Zeilen des klerikalen Blattes spricht, muß in noch schlimmerem Lichte erscheinen, wenn man berück⸗ sichtigt, daß das fromme Verleumder⸗Organ in Straß⸗ burg selbst erscheint, also über die Ergebnisse des Gier⸗Prozesses genau unterrichtet sein muß. Welcher Art sind nun aber die Ergeb nisse des Prozesses? Durch die Untersuchung wurde festgestellt, daß der Mörder mie ein Mitglied unserer Partei ge⸗ wesen, daß derselbe nie eine sozialdemokratische Ver⸗ sammlung besucht, nie ein sozialdemokratisches Blatt gelesen und wahrscheinlich nie ein sozialistisches Druck⸗ erzeugniß zu Gesicht bekommen. Es wurde aber fest⸗ gestellt, daß der Mörder das Kind einer geistes⸗ kranken Mutter und eines der Trunksucht im hohen Grade ergebenen Vaters war und daß er ohne jede Erziehung aufgewachsen und nahezu die ganze Zeit zwischen dem 15. Lebensjahre und seiner letzten grauenvollen That abwechselnd in Irren⸗ und Gefangenen⸗Anstalten zugebracht, nirgends dauernd in Arbeit gestanden hatte und ein von — 9 —— Hetlaken im D. goß sie et kommt g üben Miasser. 0 suß, usw. lehtere Vorg Gefolge habe lich an Alte sucht wurde, laufene Stel Energie ein, dem Thun ausdrücklich darf. Das fängnis. Vir „Der Rück Deuschland aherkannt. Sozalist erscheinen. Die ganze fortgesetzter Wenn gepäppe lounte, so Sozialdeme Versolgun Bewegung Resonanz dadurch g Anarchie icher wurde. Se Alauben se an den po Lieb aß 1 as en, ken auf gen zu, f, nt ich it, den ly⸗ en⸗ ten ser rer en⸗ ben ge⸗ ger nen en icht ütet zu⸗ als ade tik aus die, len zu ren dem li⸗ , ze⸗ and osse hen, Der agt. Be⸗ nen. wie den, —— Nr. 14. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. allen Leuten gefürchteter und deshalb ge— miedener Mensch war. Es unterliegt daher keinem Zweifel, daß der Mörder ein erblich belasteter Geistes⸗ kranker war, der von der Sozialdemokratie weiter nichts als wie den Namen kannte und allenfalls noch die Bemerkungen irgend einer blöd⸗ sinnigen Ordnungsstütze, daß die Sozial⸗ demokraten nur rauben und morden wollen. Wenn daher der Mörder im Augenblick des Todes wirklich Hochrufe auf die Sozialdemokratie ausgebracht habe, so ist dieses weiter nichts, wie der Ausfluß eines kranken Gehirns. Und wie würde es den frommen Blättern gefallen, wenn jemand in den zahlreichen Fällen, wo Mörder in der To des⸗ stunde Gott anrufen, die Religionslehre für die Mordthat verantwortlich machen wollte?——— Die von dem klerikalen Blatt ausgeheckte Gemein⸗ heit wird natürlich mit Behagen von dem Organ des Abg. Köhler⸗Langsdorf übernommen und zwar unter der Ueberschrift: Ein zielbewußter„Genosse“. Von dem Blatt wird niemand etwas anderes erwartet haben. Die schofelsten Mittel sind den Antisemiten gerade gut genug im Kampfe für ihre Ziele. Die Antisemitenführer müssen ja wissen, mit welchen Mitteln sie bei ihren Wählern die besten Erfolge erzielen. Mißhandlung im Armenhaus. An den„Bruder Heinrich“ des Alexianer-Klosters Mariaberg erinnert lebhaft eine Verhandlung, welche vor dem Leipziger Landgericht gegen die Armenhaus⸗Wärterin Einhorn stattfand. Die würdige Dame stand unter der Anklage der fahrlässigen und vorsätzlichen Körper⸗ verletzung. Sie hat mehrere Insassinnen des Kranken⸗ hauses fortgesetzt geschlagen und auf andere Art miß⸗ handelt. U. a. rieb sie den Frauen mit verunreinigten Bettlaken im Gesicht herum und einer 70jährigen Frau D. goß sie mit den Worten:„Na warte, alter Freund, jetzt kommt eine kalte Douche!“ drei Eimer eiskalten Wassers über Kopf und Körper, als diese im Bade saß, usw. Nach Meinung des Anstaltsarztes hätte der letztere Vorgang den sofortigen Tod der Greisin im Gefolge haben können. Als der Leichnam der schließ⸗ lich an Altersschwäche verstorbenen Frau D. unter⸗ sucht wurde, fanden sich am ganzen Körper blutunter⸗ laufene Stellen. Die Behörden sind sofort mit aller Energie eingeschritten, als ihnen die erste Kunde von dem Thun der Wärterin wurde, denn es besteht die ausdrückliche Ordre, daß niemand geschlagen werden darf. Das Landgericht erkannte auf ein Jahr Ge— fängnis. Stimmt nicht. „Wir lesen in verschiedenen Amtsblättern: „Der Rückgang der anarchistischen Bewegung in Deutschland wird jetzt von leitender Stelle selbst anerkannt. Das anarchistische Organ„Der Sozialist“ konnte wegen Geldmangel nicht mehr erscheinen. Die finanzielle Lage ist eine schwierige. Die ganze Anarchisten⸗Bewegung ist durch die fortgesetzten Verfolgungen im Rückgang begriffen.“ Wenn in Deutschland der künstlich auf⸗ gepäppelte Anarchismus nicht Wurzel schlagen konnte, so ist das der Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie zu danken. Die sogenannten „Verfolgungen“ wären ganz dazu angethan, jene Bewegung zu fördern. Aber es fehlte ihr der Resonnanzboden. Und der konnte auch nicht dadurch geschaffen werden, daß ein deutsches Anarchistenblatt in der Schweiz mit polizei⸗ licher Geldunterstützung herausgegeben wurde. Seit dem Bombenschwindel von Alexandria glauben selbst die größten Angstmeier nicht mehr an den polizeianarchistischen Wauwau. Lieb Vaterland kannst ruhig sein. K. Unter der Spitzmarke„Politische Polizei“ geht durch die„mittelparteiliche“ Presse ein Ar⸗ tikel der Berliner„M. P. C.“, wonach der ins Ministerium des Innern berufene Polizeipräsident Dr. Schütte aus Königsberg speziell ein außer⸗ ordentlich genauer Kenner sei,„der Vereins⸗ Gesetzgebung, und der Handhabung der Maßregeln, welche für die Bekämpfung der Ausschreitungen der Sozialdemo⸗ kratie in Betracht kommen.“ Allzugroß brauch auf diesem Gebiet das Ver⸗ ständnis des Herrn Dr. Schütte nicht zu sein, dieweil die Sozialdemokratie nicht so einfältig ist, Ausschreitungen zu begehen. Not thäte dem preußischen Ministerim des Innern ein Mann, der ihm beibringt, daß„Gleiches Recht für Alle“ die Grundlage eines geordneten Staates ist. Moderne Burschenschafter. Der„Vorwärts“ schreibt:„Die Burschen⸗ schafter von 1899 erklären entrüstet, daß sie keinen Kranz auf die Gräber der Märzgefallenen niedergelegt haben. Das hat auch niemand ge⸗ glaubt, denn niemand hat vor den heutigen Herrchen so viel Achtung, daß er sie mit den Burschenschaftern von 1848 verwechselt. Für die alten Herren freilich, so weit sie noch leben und nicht Renegaten geworden sind, ist es natür⸗ lich, daß sie ihre Ideale und ihre Märtyrer ehren.“— Der Hieb sitzt. Heimkehr der Bulgaria. Der Dampfer„Bulgaria“, der am Dienstag wohlbehalten in Plymouth eingetroffen ist, setzte nach kurzem Aufenthalt die Reise nach Hamburg fort. Die Ankunft des Schiffes in der Elbe dürfte am Freitag erfolgen, während die Be⸗ grüßung der Besatzung am Samstag stattfinden wird. Die gesamte Mannschaft der„Bulgaria“ wird am Samstag eintreffen und von dort mit Wagen nach dem Rathhaus gefahren, wo sie vom Senat empfangen wird. Hierauf begiebt sich die Mannschaft auf Einladung der Handelskammer auf die Gallerie der Börse und wird von dort nach dem Ratskeller geführt, wo ihr die Handels- kammer ein Mittagessen darbietet. Die„freie“ Wissenschaft. Der Berliner Universitätsprofessor Delbrück, der sich abfällig über die Ausweisungspolitik Köllers geäußert, ist disziplinarisch zu 500 Mk. Geldstrafe und den Kosten verurteilt worden. Der Kaiser als Kunstrichter. Aus Kassel wird der„Frankfurter Ztg.“ berichtet: Vom Ortsausschuß für den Wettstreit deutscher Männergesangvereine war eine Kon⸗ kurrenz für Erlangung eines künstlerischen Plakats ausgeschrieben worden. Von den 20 eingegangenen Arbeiten war der Preis dem Entwurfe des Lehrers an der Kasseler königl. Kunstakademie Adolf Wagner einstimmig zuerkannt worden. Zur Vervielfältigung gelangt der preisgekrönte Entwurf indes nicht, weil der Kaiser den Entwurf des Malers Doepler jun.⸗Berlin zur Ausführung bestimmte. Arbeiterbewegung. Brauerstreik in Frankfurt. Der Streik ist auf der ganzen Linie ausgebrochen. Durch den Be⸗ schluß des Brauereibesitzerrings: in sämtlichen Brauereien ein Viertel der Arbeiter zu entlassen, sahen sich die übrigen Arbeiter moralisch gezwungen, ebenfalls die Arbeit niederzulegen, und so streiken jetzt 509 Mann, und zwar bei Henninger 111, bei Binding 150, im Essighaus 54, bei Reutlinger 30, bei Kempff 19, bei den Vereinigten Brauereien 28, bei Henrich 16, in der Röderberg⸗Brauerei 14, bei Jung 51 und bei Stern⸗ Oberrad 36 Mann. Von den 509 sind 286 verheiratet und 223 ledig. Sieben große Volksversammlungen er⸗ klärten sich mit den Brauereiarbeitern solidarisch. In Frankfurt ist also der Bierkrieg proklamiert, da natür⸗ lich niemand, der die Arbeiter zu unterstützen wünscht, 19 55 aus den am Streik beteiligten Brauereien trinken wird. Weißbinderstreik in Darmstadt. Der Streik der Weißbinder⸗, Lackierer⸗ und Anstreichergehilfen ist beendet. Die Forderungen der Gehilfen sind im großen und ganzen bewilligt. Es werden von nun an folgende Stundenlöhne gezahlt: Ein Junggeselle unter 20 Jahren 20 Pfg., ein Junggeselle über 20 Jahre statt bisher 20—26 Pfg. jetzt 34 Pfg. Ein älterer Gehilfe mit bisher 30—32 Pfg. jetzt 36 Pfg., ein solcher mit bisher 33—34 Pfg. jetzt 38 Pfg., ein solcher mit über 35 Pfg. pro Stunde jetzt je 4 Pfg. mehr.— Ein Erfolg der Organisation! —— Zur hessischen Landtagswahl. * Zum fünften oberhessichen Landtags⸗ wahlkreis— Gießen⸗Land— gehören die nachverzeichneten Gemarkungen.— Wie viel Wahlmänner die einzelnen Gemarkungen zu wählen haben, ist in Klammern angegeben. Allendorf a. L.(1), Garbenteich(1), Großen⸗ Linden(3), Hausen(1), Heuchelheim(3), Klein⸗Linden(2), Langgöns(2), Leihgestern(2), Watzenborn und Steinberg(3), Alten⸗Buseck (2), Annerod(1), Daubringen⸗Heibertshausen (1), Großen⸗Buseck(3), Lollar(2), Mainzlar (1), Oppenrod(1), Rödgen und Trohe(1), Ruttershausen mit Kirchberg(1), Staufenberg mit Friedelhausen(1) und Wieseck(5). Wer ist Urwähler? Urwähler ist jeder 25 Jahre alte Hesse, der spätestens seit Anfang des Jahres, in dem die Wahl stattfindet, zur Steuerzahlung heran⸗ gezogen ift. Hier besteht keine Vorschrift über die Höhe des Steuersatzes. Wenn der Be⸗ treffende auch den niedrigsten Steuersatz zahlt, so ist er wahlberechtigt. Wer kann Wahlmann werden? Wahlmann kann werden jeder 25 Jahre alte Hesse, der mindestens vro Ziel 2 Mk. 10 Pfg. direkte Staatssteuer zahlt. Partei⸗ Nachrichten. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Parteigenossen! Es ist wohl am Platze, noch einmal ausdrücklich an die Verhandlungen der letzten Kreis-Konferenz in Hausen zu erinnern. Es wurde dort besonders die von Mund zu Mund empfohlen. Es wurde betont, wie notwendig es sei, die schlecht oder gar nicht organisierten Nachbardörfer zu besuchen, dort Einzelmitglieder für den Kreis-Wahl⸗Verein und nene Abonnenten für die„M. S.⸗Ztg.“ zu werben. Parteigenossen! Treueste Pflichterfüllung ist die höchste Aufgabe für alle diejenigen, die An⸗ spruch auf den Ehrentitel Sozialdemokrat machen. Für uns arbeiten keine Bürgermeister, keine Pastoren, keine Lehrer. Bei uns heißt es: selbst ist der Mann! Die Osterfeiertage bieten die beste Gelegenheit, für die Partei thätig zu sein. Zur Werbung neuer Wahlvereinsmitglieder laßt Euch Mitgliedskarten bei dem Gen. Bock, Dammstraße, holen; dort könnt Ihr auch Beitragsmarken in Empfang nehmen. Zur Abonnentenwerbung für die„M. S.⸗Ztg.“ erhaltet Ihr in der Expedition, Sonnenstraße 25(bei Gen. Schneider) Agitations nummern in beliebiger Anzahl gratis. Zur Feier des 1. Mai. Es ist dringend notwendig, daß sich die Genossen derjenigen Orte im 1. hessischen Wahlkreise, welche eine Maifeier veranstalten wollen und einen Redner bean⸗ 1 1 58 sofort an Gen. Bock, Gießen, Dammstraße wenden. Agitation Amtlich ermittelte Preise der gewöhnlichsten Verbrauchsgegenstände. Februar 1899. In Gießen gezahlte Preise 1 70 Durchschnitts pochste drigle tel. 630900 2 Weizen... 100 Kilo. 212919.48 20.44 Roggen„„ 16.9 15.4616.27 Gerte„ 1908 15.7173 Hafer 5„ 18.0 16.17.1710 D 5„ 6.39 5.23 5.79 Stroh„„ 4.79 3.95 4.40 Kartoffelnn.„„ 8.29 5.67 6.95 Erbsen..„„ 31.42 29.67 30.54 Bohnen.„„ O36.42.34.67835.54 Linsen.„„ U 42.42 40.75% 1.58 Weizenmehl. 1 Kilo 0.43 0.37 0.40 Roggenmehl..„„ 0.36 0.34 0.35 Buer;„„ 2.32 1.61 197 Miß; 1 Liter 0.16 0.16 0.16 EieCUCLLL 10 Stück 0.77 0.56 0.67 Brot; gem ils 0.25 Brot, Roggen..„„— 023 mit ohne Beilage Beilage Ochsenfleisch... 1 Kilo 1.40 1.57 Kuh- u. Rindfleisch,„ 1.22 1.37 Kalbfleischh...„„ 1.25 1.32 Hammelfleisch..„„ 1.22 1.35 Schaffleisch...„„ 1.12 1.20 Schweinefleisch.„„ 1.42 1.49 Gießen. Auf dem Wochenmarkte vom 30. März kostete: Butter per Pfund Mk. 0,90,—1,05, Hühnereier 0 St. 0000 Pfg., 1 Stück 6—7 Pfg., Käse per Stück 5—8 Pfg., Käsematte 2 Stück 5—8 Pfg., Erbsen pro Liter 20 Pfg., Linsen pro Liter 30 Pfg., Tauben pro Paar Mk. 0,90— 1,00, Hühner pro Stück Mk. 1,20— 1,80, Hahnen pro Stück Mk. 1,30— 2,00, Enten per Stück Mk. 1,902, 40, Gänse pro Pfund 0000 Pfg., Ochsenfleisch per Pfd. 687 Pfg. Kuh⸗ und Rindfleisch 62—64 Pfg., Schweinefleisch 60—72 Pfg., gesalzen 76 Pfg., Kalbfleisch 60—66 Pfg., Ham⸗ melfleisch 50— 70 Pfg., Kartoffeln pr. 100 Kilo Mk. 5,50 bis 6,50, Zwiebeln pro Zentner Mk. 8,00 9,00, Milch per Liter 16 Pfg. cette Nachrichten. 50 Paris, 29. März. Der Kriegsminister Freyeinet empfing den Vorstand des Vereins der militärischen Presse, wobei er sagte, die Affaire Dreyfus habe in Frankreich eine Art geistiger Verwirrung ge⸗ schaffen, er hoffe jedoch, daß demnächst ein Urteilsspruch erfolge, der alles wieder an den richtigen Platz stelle.— Man nimmt an, daß der Prozeß Dreyfus anfangs Mai stattfinden wird. ——— — —— —— ——— ͥ ͤ.wt— Seite 6. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. 1 Nr. 14. ich wollte, es wäre anders gekommen. Leben] man kann sie zum Kuckuck doch nicht wie vogel⸗ 1 2— 2 Sie wohl und mögen Sie glücklich werden.“ frei behandeln!— Nun sagen Sie mir aber in III IT Sie wandte sich zum Gehen. Valeska ergriff] aller Welt, was wollen Sie in Neukirch?“ fuhr It Teil noch einmal ihre Hand. 0 8 er 1 5 genen, i en 15 whbaltungags⸗Ceil.„Leben Sie wohl, teure gnädige Frau.„Hören, was aus meinem Bräutigam ge⸗ 5 8 8 Könnte ich es ungeschehen machen, kein Opfer worden ist. Finden Sie das nicht natürlich? 8 wäre mir zu groß. Glauben Sie mir das, und J Er wollte den Fall selbst zur Anzeige bringen.“ Frühling. nochmals herzinnigen Dank.“„Ah was?“ fragte der Doktor gedehnt und Nun regt sich wieder die Natur Auf Berg und Thalesgrund. Von Neuem schmückt sich Wald und Flur Mit frischem Grün. Die holde Spur Des Frühlings thut sich kund. Du Volk der Arbeit, reg' auch Dich Mit frischer Geisteskraft! Es gilt der Arbeit heil'gen Krieg, Der Freiheit und des Rechtes Sieg Durch Macht der Wissenschaft! vom Stamm gevissen. 131 Roman von E. Langer. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Der Brief war in knappster Form geschrieben, als hätte die Schreiberin keinen Augenblick ver⸗ gessen, daß die, an welche diese Zeilen gerichtet waren, weder Zeit noch Stimmung für ein über⸗ flüssiges Wort besaß. Und doch lag ein Ton absoluter Wahrhaftigkeit und Herzenswärme darin, der das Eis des Argwohns in der Brust der Leserin hinwegschmolz und das frühere warme Gefühl für Valeska wieder hervorquellen ließ. Der Mann, den dieses Mädchen liebte, konnte zudem kein gemeiner Volksaufwiegler sein. Schon daß er nicht die Flucht ergriffen, sich selbst hatte stellen wollen, kennzeichnete ihn als Mann von Erziehung und edler Gesinnung. Warum hatte ihn ihr Gatte nicht als solchen behandelt? Was hatte diesen plötzlich aus der Mitte seiner Gäste in das Inspektorhaus geführt? Frau von Kries stand der Zusammenhang jetzt ganz klar vor Augen. Eifersucht war der Grund von beidem, Verliebtheit und Eifersucht! O, wer erwägt die Schmerzen, die diese Erkenntnis der zart und tief empfindenden Seele dieser Frau verursachen mußte. Vor den Leuten und nament⸗ lich vor den Kindern stand der Gutsherr glück⸗ licherweise durch den Umstand, daß Oettinger sein politischer Gegner war, gewissermaßen ge⸗ rechtfertigt da. Dies war eine kleine Erleichterung für die schwer Getroffene. Nach einer Weile kam der Doktor herein, um Frau von Kries abzulösen, bis ihn seine Pflicht wieder nach Neukirch rief. Das erste bleiche Tageslicht stahl sich in das Zimmer Valeskas, die mit übernächtigen, von tausend Seelenschmerzen durchwühlten Zügen, völlig zur Reise gerüstet auf dem Sopha lag. Da ward leise an ihre Thür gepocht. Hastig sprang sie auf und öffnete. Frau von Kries stand vor ihr. Ein zitternder Freudenlaut brach über Valeskas Lippen, und jene an beiden Händen ergreifen und in das Zimmer ziehen, war eins. Aber sprechen konnte sie eben so wenig wie Frau von Kries. Nach Worten ringend, standen beide eine Weile da— dann fielen sie, aufschluchzend, einander um den Hals, und hielten sich unter dem ersten Thränentau, der bie furchtbare Spannung ihres Innern wohlthuend löste, umschlungen. Valeska fand sich zuerst wieder. „Dank, Dank, tausend Dank“, stammelte sie, indem sie sich sanft frei machte.„O, wie gut Sie sind, teure, gnädige Frau! Nie, nie werde ich Ihnen das vergessen. Wie anders kann ich jetzt von Ihnen scheiden, als ich in den langen Stunden dieser Nacht gedacht. O, sagen Sie mir, ist Hoffnung vorhanden? Sie sah ihr angstvoll in die Augen. Frau von Kries zuckte mit einem schweren Seufzer die Achseln und blickte trübe vor sich hin. Valeska verhüllte das Gesicht mit beiden Händen. „Leben Sie wohl, Fräulein Stern“, flüsterte Frau von Kries.„Ich habe Sie lieb gehabt, Als Frau von Kries hinausschritt, kam gerade das Stubenmädchen, die Lene, mit frischem Ver⸗ bandzeug die Treppe herauf. Verblüfft gaffte sie die beiden an. „Adieu, mein liebes Fräulein. Da Sie so früh reisen müssen, nehmen Sie aleich jetzt meine besten Abschiedswünsche“, sagte Frau von Kries mit erhobener Stimme und schrieb damit dem ganzen Hause sein Verhalten gegen Valeska bei deren Abschied vor. Als diese in ihr Zimmer zurückkehrte, fand sie ein Kouvert auf dem Tische. Es enthielt ihr volles Viertelsjahrs⸗Gehalt und die Photo⸗ graphie ihres Lieblings, des kleinen Hans. Der Abschied von den übrigen Familien⸗ gliedern war kurz und hastig, aber Dank der Hausherrin, nicht unfreundlich. Agnes konnte sich sogar der Thränen nicht enthalten. Hans, den die Schwestern gleich nach dem Ereignis in ihr Zimmer genommen, lag noch und schlief, als der Wagen mit dem Doktor und Valeska davon eilte. VIII. Obgleich der Morgen feuchtkalt und grau war, so hatte die Luft doch eine prickelnde, be⸗ lebende Frische. Ein kräftiger Erdgeruch stieg wie Lrühlingsahnung von den höher gelegenen, schon völlig schneefreien Feldern auf, und jenseits der Nebelwolken zitterte es von Lerchentrillern. Unten aber krächzten die Krähen ihr heiseres Lied. Sobald man die freie Landstraße gewonnen hatte, setzte sich der Arzt in seiner Ecke zurecht, zog die Wagendecke über die Kniee und wandte sich dann mit den Worten an Valeska: „Nun sagen Sie mir, mein verehrtes Fräulein, wie die ganze fatale Geschichte zusammenhängt. Frau von Kries wies mich an Sie; Sie könnten und würden mir ein Licht aufstecken.“ Obschon kein junger Mann mehr, hatte der Arzt, Herr Zöllner, noch immer etwas vom Studenten, etwas Ungeniertes, Burschikoses an sich. Er machte nicht gern Umstände und redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Viele Leute mochten iht desbalb gut leiden, andere, zartere Seelen, fühlten sich dadurch verletzt und nannten ihn ungeschliffen. Als Arzt aber war er bei allen gleich gut angesehen. „Gewiß, Herr Doktor“, antwortete Valeska. „Ich war darauf gefaßt. Aber zuvor sagen Sie mir, ist wirklich keine Hoffnung?“ Sie sah ihn dabei so ängstlich flehend an, daß es ihm zu Herzen ging. Er schob den Mund vor, zog die Brauen zusammen und strich sich das Kinn. „Hm, wenig— verflucht wenig“, brummte er.„Indessen— er lebt noch“, fügte er in einem hoffnungsvollen Tone hinzu, um Valeskas Niedergeschlagenheit zu zerstreuen.„Nun schießen Sie aber mal los, mein Fräulein.“ Valeska erstattete ihren Bericht. Sie brauchte jetzt Herrn von Kries nicht zu schonen. Doktor Zöllner hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Von Zeit zu Zeit nahm er die Bibermütze ab und fuhr sich mit allen fünf Fingern durch das dichte blonde Haar. Es war so seine Ge⸗ wohnheit, wenn ihm, wie er sich ausdrückte, „etwas nicht in den Verstandskaften wollte“. „Tolle Geschichte“, sagte er, als Valeska geendet.„Wahrhaftig ganz toll. Hätte dem Kries das nicht zugetraut. Donnerwetter, erst so beleidigend werden und dann nicht Satis⸗ faktion geben wollen.“ Der alte Student, der keiner Mensur ausgewichen war und einige hübsche Schmarren zum Andenken mitbekommen hatte, regte sich in ihm.„Aber das ist so adliger Tic. Der Kanaille ist man nichts schuldig. Ich liebe selbst die Herren Sozialdemokraten nicht sonderlich— bitte sehr um Verzeihung, mein Fräulein— Sie werden das natürlich nicht begreifen“— lächelte er schelmisch,„aber zog die Augenbrauen überrascht in die Höhe. „Das laß ich gelten, allen Respekt, gut, gut, sehr gut. den jungen Mann glimpflich abläuft. Aber Sie— ein junges Mädchen— wo wollen Sie denn bleiben? Im„Blauen Engel“?— das geht nicht.“ „Warum nicht? Auf kurze Zeit—“ „Ich möchte Ihnen mein Haus anbieten; aber sehen Sie—“ er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr—„ich weiß nicht, was meine Frau—“ „O, Herr Doktor, ich würde Ihre Güte gar nicht annehmen“, fiel ihm Valeska ins Wort. „Nachdem was ich erduldet, muß ich frei— frei sein, und frei ist man nur, wenn man auf eigenen Füßen steht und niemand zu danken hat.“ Der Doktor sah Valeska mit leuchtenden Augen an. f „Na, ich sehe, Sie sind die rechte Frau für einen Mann, der für seine Ideen kämpft, mögen sie nun falsch oder richtig sein. Herr Oettinger kann sich beim Schicksal bedanken. Wenn er es ehrlich meint, woran ich nicht zweifle, so hat er ein schweres Leben vor sich und da ist der Mut der Frau von großem Wert! Aber Sie müssen die Sache ruhiger nehmen, sonst reiben Sie sich auf; haben ganz das Zeug dazu.“ Valeska schaute stumm in die Ferne. Es that ihr wohl, daß Oettingers Benehmen selbst bei diesem poltischen Gegner Billigung fand. Sie besaß nur Stolz für den Geliebten, das ihr selbst gespendete Lob ließ sie kalt. „Das erste, was ich nun zu thun habe, ist, daß ich meinen Bericht einliefere“, nahm der Arzt wieder das Wort, das heißt, nachdem ich meine Patienten besorgt habe. Sie werden sich an den Bürgermeister wenden müssen, um Aus⸗ kunft zu erhalten. Nachmittags spreche ich im „Blauen Engel“ vor und höre, wie es mit Ihnen steht. Ja, ja, gewiß, mein Fräulein“, sagte er treuherzig, indem er Valeskas Hand, die sie ihm dankbar entgegenstreckte, herzhaft schüttelte.„Ich werde Sie nicht verlassen, „aber abends muß ich wieder hinaus zu unserem Patienten.“——— Ganz Neukirch hatte bereits am frühen Morgen das Gerücht von etwas Ungeheuerlichem durchschwirrt, welches sich gestern auf dem Kries⸗ schen Gute zugetragen haben sollte. Der reitende Bote und der Knecht, der den Doktor geholt, waren die Kolporteure gewesen, freilich ohne selbst von dem Vorgang recht unterrichtet zu sein. So wußte nun auch niemand genau, wie die Geschichte eigentlich zusammenhing, nur soviel stand fest, daß der Gutsherr schwer verwundet oder vielleicht gar schon tot und der seit einigen Tagen hier weilende Agitator, wenn nicht direkt der Mörder, doch sehr nahe bei der That be⸗ teiligt sei.(Fortsetzung folgt.) —— Sprüche zur Lebensweisheit. Man glaubt gewöhnlich, die Heere werden nur deshalb vermehrt, um einen Staat gegen den andern zu schützen, man vergißt aber, daß die Heere hauptsächlich dazu dienen, um sich vor den eigenen, unterdrückten und zur Knechtschaft verdammten Unterthanen zu schützen. * Niemand denkt an den Krieg, aber man opfert ihm Milliarden, und Millionen von Menschen stehen unter Waffen.—„Aber das geschieht ja alles, um den Frieden zu sichern!“ „Wer den Frieden will, rüstet zum Kriege.“ „Das Kaiserreich ist der Friede.“„Die Republik ist der Friede.“ Der Unglückliche, den man betrügt und den man von jeher betrogen hat, ist das arbeitende, das naive Volk; das nämliche Volk, das mit schwieligen Händen jene Schiffe, jene Festungen, Wollen hoffen, daß die Sache für 14 e en e, Feen m 5 zagohbogen 1 h 970 10 en 1 1 10 5 9 15 allt ub 55 an stil 1 we — l Wen Sie eee Sie Ibren ne belcher im ve dieselbe Freud Non wild gaubwürdig dornuksezt, f In den 9 Veide II.! Mar da geh hin! da wirst Du kannst Du und aber 10 bliligenbisz dlzzelne R Westen, Kravatt. Kragen 2 und Stadt 5 ach Nan inen An trbslätste nüften 1 Fenes tücht Ageseriggt augen na —— ......——— — 77. 6 2 8— 5 C 0 2 6 8 2 den den gell daß ht f Nr. 14. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. A jene Arsenale, jene Kasernen, jene Kanonen, jene Kriegshäfen, jene Paläste, Säle, Tribünen und Triumphbogen schuf, das jene Zeitungen und Broschüren setzte und druckte; das Volk, welches jene Fasanen und Ortolanen erlegte, jene Austern fischte, jenen Wein baute, die diejenigen genießen und verzehren, welche dieses Volk ernährt, welche es erhält und welche, indem sie es betrügen, ihm ein schmähliches Ende bereiten. Humoristisches. Lieutenant bei der Visitation nach verbotenen Zeitschriften in der Kaserne:„Wie kommt der Mann zu diesem Kochbuch?“— Feldwebel:„Vielleicht Köchin als Geliebte!“— Lieutenant:„Unsinn, das Zeug wird sicher in den Kasernen verbreitet, um Un⸗ Lehrer:„Ihr habt jetzt alle Haustiere genannt, mit Ausnahme eines einzigen. Es hat borstiges Haar, ist unreinlich und wälzt sich am liebsten im Schmutz. Nun, Tom?“— Tom(verschämt):„Das bin ich!“ * Frau Gutherz(ur Bonne):„Karoline, geben Sie acht, daß sich die Kinder nicht auf das nasse Gras setzen; sie könnten sich erkälten. Wenn die Kinder müde sind, können Sie sich ja hinsetzen und sie auf den Schoß nehmen.“(„Jugend“). * Ablaß! Ablaß!! Ablaß!!! Zehn Zentner frische Ablaßzettel für alte Kultur⸗ kämpfer, auch in den hartnäckigsten Fällen wirksam, empfing und empfiehlt Die Handlung zum alleinseligmachenden Paasche. Aus der Instruktionsstunde. Feldwebel: „Müller, wer ist nach dem Herrn Lieutenant Ihr Feldwebel:„Richtig. Nun sagen Sie mir aber: Vor wen muß auch der Herr Hauptmann Respekt haben?“ Müller:„Vor der Frau Hauptmann.“ Nen eingelaufene Schriften. Das Arbeiter⸗Sekretariat von Heinrich Kauff⸗ mann. Eine sehr lesenswerte Schrift, in der die Auf⸗ gaben eines Arbeiter-Sekretariats eingehend besprochen werden. Das hübsch ausgestattete Büchlein von 40 Seiten gr. Oktav⸗Format kostet nur 25 Pfg. Wieder⸗ verkäufer erhalten erheblichen Rabatt. Bei gewerk⸗ schaftlichem Massenbezug tritt eine sehr bedeutende Preis- ermäßigung ein. Verlag: Friedrich Meyer, Hamburg- Eilbeck, Conventstraße 5. Arbeiter⸗Sekretariat München. Erster Bericht für das Geschäftsjahr 1898. 100 Seiten.— Diese Schrift, verfaßt von den beiden Arbeitersekretären Timm und Mühlbauer, läßt klar und deutlich erkennen, welche geradezu unentbehrliche Institution zufriedenheit wegen Menage zu erregen.“(„Simpl.“) nächster Vorgesetzter?“ 8 Müller:„Der Herr Hauptmann.“ für größere Städte das Arbeiter- Sekretariat ge—⸗ worden ist. 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Kellerschen Druckerei, Gießen. — r.! , enplab eucen 2 uu nachen, do Inti angehb Dieser Bes ener Entwicke schmiizericchen lungsam und sich vollzogen jene Vereine Fu polit er berschiede angehörten un kern vielfach um in ein G langen oder al Aber die Klaß lunde der Den vollem Rech benerklicher nitelung zun Halle scch in Grütlivere zahl Arbeiter der Sozialdem trlgte der l an sch di mak vorgesc denotkatschen leb anderer holen. Die Neu Degen der L deen Schritt di dargeberh ingen Bündn aunalütlicher lat hat von