Nr. 40. Gießen, Sonntag, den 1. Oktober 1899. . Jahrg. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche kit Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr, Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Zur Landtagswahl in Gießen ⸗ Land. Laut amtlicher Bekanntmachung findet die Wahl der Wahlmänner im Gießener Landkreis statt am Mittwoch, den S8. November. Die Wahlstunden werden spätestens am Samstag, den 4. November, in jeder Gemeinde ortsüblich— also durch die Schelle oder Anschlag beim Bürgermeister— bekannt gemacht. Die Wählerlisten liegen drei Tage lang zu jedermanns Einficht auf und zwar Montag, den 23., Dienstag, den 24. und Mittwoch, den 25. Oktober. Ueberzeuge sich jeder Wähler, ob sein Name in der Liste steht. Be⸗ sonders muß in jedem Ort nachgesehen werden, ob die von uns aufgestellten Wahlmänner in der besonderen Wahlmännerliste vermerkt sind. Zu jeder Auskunft in Sachen der Land- tagswahl sind jederzeit bereit Stadtv. Car! Orbig in Gießen, Rittergasse 17, und die Redaktion der M. S.⸗Ztg. Warum organisieren sich die Arbeiter? Auf diese Frage giebt der bekannte sozial⸗ demokratische Pfarrer Pflüger in Zürich im Züricher Anzeiger folgende Antwort: Organisieren heißt sich vereinigen, sich ein⸗ gliedern. Es handelt sich um eine Vereinigung zu Vereinen und Gewerkschaften; die Vereine und Gewerkschaften gliedern sich wieder zu⸗ sammen zu großen Verbänden und bilden mit⸗ einander einen großartigen Organismus, d. h. Leib, Gliederbau. Warum sollen sich die Arbeiter organisieren? Weil die Organisation, die Vereinigung allein das Mittel ist für die Befreiung der Arbeiter aus Abhängigkeit und Not, für die Besser⸗ stellung und Hebung des arbeitenden Volkes. Der einzelne für sich allein ist machtlos, aus⸗ geliefert auf Gnade und Ungnade seinen mäch⸗ tigen Arbeitgebern, ausgesetzt der Gefahr der Arbeits⸗ und Eristenzlosigkeit; die Arbeiter⸗ schaft in ihrer Vereinigung ist unüberwindlich: „Alle Räder stehen still, wenn ihr starker Arm es will.“ Warum kann die Organisation allein den Arbeitern helfen? Die Arbeiterorganisationen vermögen höhere Arbeitslöhne für die Arbeiter zu bewirken und die Herabsetzung der bestehen⸗ den Löhne zu verhindern. So lange ein Ar⸗ beiter allein mit seinem Arbeitgeber unterhandelt, ist er der bei weitem schwächere Teil. Unter dem Zwang der drohenden Arbeitslosigkeit ver⸗ richtet er die Arbeit um einen geringeren Lohn, ja läßt er sich die Herabsetzung seines Lohnes gefallen. Verweigert er die Arbeit, so tritt ein anderer Arbeiter an seine Stelle ein; keine Rede davon, daß der Arbeitgeber sein Geschäft ein⸗ stellen müßte, wenn ein oder mehrere Arbeiter vereinzelt die Arbeit einstellen. Ganz anders stellt sich die Sachlage, wenn die Arbeiter eines Gewerbes oder eines Geschäftes zu einer Gewerk⸗ schaft organisiert und also solidarisch verbunden Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei, Schloßg. 13, sowie jede Postanstalt und jeder Landbriefträger entgegen.(Post⸗Z.⸗Kat. 43 12a.) ———ͤ———ͤ— 2— 8 sind. Dann steht dem Yrbeitgeber die ganze Gewerkschaft beim Abschluß eines Vertrages über den Lohn der Arbeit gegenüber. Wenn die organisierte Arbeiterschaft mit Arbeitsein⸗ stellung droht, dann entsteht für den Arbeit⸗ geber die Gefahr der Geschäftseinstellung. Und den durch Geschäftseinstellung erwachsenden Schaden, vielleicht sogar drohenden Ruin fürchtet der Arbeitgeber noch mehr als der Arbeiter die Arbeitslosigkeit. In der Arbeiterorganisation tritt dem Arbeitgeber ein gleichstarker Kontrahent entgegen und man kann dann von einem freien Vertragsabschluß reden, während der einzelne Arbeiter nicht frei, sondern in einer Zwangs- lage— der Gefahr des Verhungerns— seine Arbeitskraft an den Arbeitgeber verkauft. Der einzelne Arbeiter hat in gewissen Fällen keine Ahnung, daß seine Arbeit einen hohen Wert hat und daß der Arbeitgeber im Ernstfall ihm eher den Lohn verdoppeln als ihn entlassen würde. Aber wenn und weil der einzelne diese Sachlage meist nicht kennt, so kann er sie auch nicht ausnützen und mit Nachdruck seine Forde⸗ rungen stellen. Das ändert sich im Lohnkampf, den die gesamte Arbeiterorganisation führt; denn an deren Spitze befinden sich Männer, die die einschlägigen Arbeits⸗ und Lohnverhältnisse gründlich kennen. Diese Männer können auch besser als der einzelne Arbeiter beurteilen, welcher Zeitpunkt der richtige und günstige ist, um Forderungen zu stellen und in die Lohn⸗ bewegung zu treten. Ueberhaupt ist nicht der einzelne, sondern bloß die organisierte Arbeiter⸗ schaft im stande, menschenwürdige Arbeits⸗Be⸗ dingungen zu erlangen. Die Organisation widersetzt sich mit Erfolg einem Uebermaß der Arbeitszeit, das mit der sittlichen Würde des Menschen nicht vereinbar ist; sie setzt hygienische Forderungen durch; sie stem⸗ t sich gegen die Beeinträchtigung staatsbürgerlicher Rechte, wie z. B. gegen die Entlassung von Arbeitern, die von ihrem Vereinsrecht Gebrauch gemacht haben; sie weist rohe Behandlung oder unsittliche Zu⸗ mutungen seitens brutaler und sittenloser Auf- seher und Vorarbeiter(Meister) energisch zurück. Was für weitere Vorteile bieten die Organi- sationen den Arbeitern? In den Arbeitervereinen und Gewerkschaften findet der Arbeiter Beleh⸗ rung durch Lektüre, Vorträge und Diskussionen; er wird aufgeklärt über die Ursachen und Wir⸗ kungen der sozialen Not, über das Verhältnis von Besitz und Arbeit, über seine eigene Lage und über die Mittel zur Hebung der Not und Armut. In den Arbeitervereinen findet der Arbeiter treue Freunde und Genossen; die Or⸗ ganisation bietet ihm in der Not eine Stütze, im Fall der Arbeitslosigkeit oder Krankheit Hilfeleistung. Nicht zu Trinkgelagen und zu leichtfertiger Verschwendung verleiten die Ar⸗ beitervereine, sondern zu treuer Freundschaft und zu solider, charakterfester Lebensführung halten sie an. Die Arbeitgeber sollten eigentlich das Ge⸗ deihen der Arbeiterorganisationen begrüßen und begünstigen. Denn die organisierten Arbeiter sind im allgemeinen tüchtig und solid; Trunk⸗ sucht und Blaumachen vertragen sich nicht mit der Vereinsehre, ja es gibt Arbeitervereine, welche liederliche Elemente statutarisch ausschließen. Bauern und Handwerker haben an der Organisation der Arbeiterschaft ein direktes finden in der„M. S.⸗Ztg“ Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Amal. Bestellung gewähren wir 25%, bei 6 mal. Bestellung 335/% und bei Juserate weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Bei mindestens mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt Interesse. Ihr Los ist davon abhängig, ob die Arbeiter guten Lohn haben, also kaufkräftig sind oder nicht. Handwerker sollten nicht bloß daran denken, daß ihre eigenen Gesellen nach ordentlicher Löhnung streben, sondern auch er⸗ wägen, daß Schuhe, Kleider, Möbel, Brot, Fleisch, Holz und soviel andere Gegenstände des Haushalts um so mehr Absatz finden, je bessere Löhne die gesamte Arbatterschaft erhält. Von dem Verbrauch der reichen Leute allein könnten die Handwerker auch nicht leben. Sie gedeihen um so besser, je mehr die Arbeiter Anschaffungen machen können, während arme schlechtbezahlte Arbeiter weder dem Handwerkerstand, noch dem Bauernstand Verdienst geben können. Auch die Vermieter, Krämer und Milchverkäufer haben weniger Verluste zu riskieren, wenn die Ar⸗ beiterschaft ordentlichen Lohn hat. Ist es recht und billig, das Streben des Arbeiters nach Besserung seiner Lage zu ver⸗ urteilen? Was beim Handwerker und Geschäfts— mann„strebsam“ heißt wird beim Arbeiter „unzu frieden“ genannt; was dort als Trieb zum Vorwärtskommen gelobt wird, wird beim Arbeiter nicht selten als Begehrlichkeit und Leidenschaft gebrandmarkt. Man messe doch mit gleicher Elle! Die Beamten erstreben bessere Stellen, die Lehrer höheren Gehalt, die Ge⸗ schäftsleute größeren Umsatz— die Lohnar⸗ beiter mit gleichem Recht besseren Lohn. Daß der Arbeitgeber das Recht habe, sein Geschäft zu schließen, wenn es ihm zu wenig einbringt, gilt als selbstverständlich; ebenso hat niemand etwas dagegen einzuwenden, wenn der Handels- mann seine Waren nicht auf den Markt bringt, so lange die Preise ihm niedrig erscheinen— wer wollte bezweifeln, daß die Arbeiter das gleiche Recht haben, ihre Ware, die Arbeits- kraft, zu anständigem Preise loszuschlagen und ihre Arbeit einzustellen, wenn die Arbeitsbe⸗ dingungen unwürdige sind! Die Arbeitgeber haben sich schon längst or⸗ ganisiert, wollt ihr Arbeiter zurückbleiben? Die Fabrikanten schließen mächtige Unternehmer— gebäude, die Großhändler bilden Ringe und Kartelle, die Handwerksmeister organisieren sich in Meisterverbäuden, Lehrer und Pfarrer haben ihre Kapitel und Gesellschaften. Die Starken erhöhen also durch Vereinigung ihre Kraft und die Schwachen sollten sich selbst durch Verein⸗ zelung zur Ohnmacht verda nmen? Wer besser organistert ist, ist im Vorteil. Darum tritt in eine Organisation ein, Arbeiter und Ar⸗ beiterin, du bist es deiner Familie und deinem Stande schuldig. Nicht bloß euer eigenes Interesse, die Wohl⸗ fahrt der ganzen Gesellschaft, die Moral und Bruderliebe verflicht en euch zur Organisation. Darum: Tretet bei zur Organisation! An unsere Leser! Ein neues Quartal beginnt. Wir ersuchen unsere Freunde, der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung“ neue Abonnenten zu gewinnen. Wie bisher wird auch fortan unser Blatt den Kampf gegen Ausbeutung und Unter⸗ drückung, gegen Brotwucher und Zuchthauskurs mit un⸗ geschwächten Kräften führen. Unterstützt uns darin, indem Ihr die Zeitung verbreitet. Arbeiter, Freunde! Werbt für Zeitung! . 7 * Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 40. Ein mutiger Pfarrer. Die Existenzberechtigung der Sozialdemo— kratie erkennt mit einem anerkennenswerten Muthe der Diakonus Liebster in Leipzig⸗Volk⸗ marsdorf in einem Artikel im„Sächs. evangelischen Kirchenblatt“ ausdrücklich an. Er beschäftigt sich darin mit den Auf⸗ gaben der evangelischen Arbeitervereine und läßt sich u. A. folgendermaßen aus: „Man hat wohl hier und da gedacht, es könnte durch unsere Vereine der Sozialdemo— kratie der Boden abgegraben werden. Das ist aber eine reine Unmöglichkeit. Selbst wenn wir die reichsten Mittel zur Verfügung hätten, wären wir nicht im Stande, die Massen herüber— zuziehen. Aber wenn sie auch möglich wäre, würde eine Aufsaugung der Sozialdemokratie garnichtgutsein. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist eine star ke, einheitliche S o⸗ zialdemokratie notwendig als Hort der Freiheit und der sozialen Ent⸗ wickelung. Darüber kann seit der Wahl⸗ rechtsverschlechter ung ein Zweifel nicht mehr bestehen, und eine auf Zerstörung der Sozialdemokratie gerichtete Politik der Vereine ist ganz verkehrt. Deßwegen gehen wir nicht zur Sozialdemo— kratie über. Es wäre ein trauriges Zeichen für die deutsche Arbeiterschaft, wenn man alle ihre Glieder über einen Leisten schlagen könnte. Gerade das ist der gesunde Zustand, daß ver— schiedene geistige Richtungen nebeneinander her— gehen. Die sollen sich nicht bekämpfen bis aufs Messer, sondern sollen sich gegenseitig in ihrer Entwickelung fördern. Wir haben schon viel, sehr viel von den Sozialdemo⸗ kraten gelernt, das kann nur der blinde Haß leugnen, und sind verpflichtet, auch unser— seits zu geben, was der Sozialdemokratie dienlich ist. Wir sind der Meinung, daß der evangelische Arbeiterverein in der Beeinflussung der Sozial— demokratie sich auf das Religiöse zu beschränken habe. Es thäte zwar Not, daß ihren Anhängern auch etwas Liebe und Vertrauen zur staatlichen Ordnung beigebracht werden würde. Aber das steht nicht in unserer Macht. Das mögen die Regierung und ausschlaggebenden Parteien be⸗ sorgen durch die Erneuerung des allgemeinen gleichen Wahlrechts und durch weitesgehende Arbeiterfürsorge.“ Einer Erläuterung bedürfen diese Aus— führungen nicht. Herr Liebster steht hoch über jenen Pastoren, und anderen„einflußreichen“ Personen, die bei jeder Gelegenheit in Zu— sammenkünften der evangelischen Arbeitervereine in allen Tonarten auf die Sozialdemokratie schimpsen. Politische Kundschau. Gießen, den 29. September. Die Stichwahl in Pirna. Die Entscheidung in der Stichwahl im 8. säch. Reichs- tagswahlkreise hat einen Ausgang genommen, den man nach der ganzen Konstellation kaum erwarten durfte. Der Autisemit Lotze hat mit 13 240 Stimmen den Sieg erfochten über unseren Genossen Fräßdorf, der 12 560 Stimmen erhielt— einen Sieg, auf den die Reak— tionäre aller Schattierungen wahrlich nicht stolz sein können. Wenn je, so muß es ihnen nach dem Ausfall dieser Wahl klar geworden sein, daß es der letze Sieg war, den der konservativ⸗änationalliberal⸗ kammerfortschrittlich⸗freisinnig⸗anti⸗ semitische Klüngel im 8. Wahlkreise errungen. Noch einen solchen Sieg, und ich bin verloren! mag 75 Lotze beim Bekanntwerden des Resultats ausgerufen aben. Bei der Hauptwahl erhielt Fräßdorf 11571, Lotze 10 692, der Freisinnige Strohbach 1852 Stimmen. In der Stichwahl erhielt Fräßdorf rund 1 00 Stimmen, Lotze 2500 Stimmen mehr. Cs unterliegt keinem Zweifel, daß die Freisinnigen in ihrer über⸗ wiegenden Mehrheit für den Vertretter der schäbigsten Partei, dieses„politischen Mißgebildes“, wie sie die nationalliberale„Magdeburger Zeitung“ nannte, gestimmt haben. Wie sagte doch die freisinnige „Zittauer Morgenzeitung“ angesichts des Buhlens der bürgerlichen Blätter um die freisinnigen Stimmen? „Es wird natürlich vor der Stichwahl Sache jedes einzelnen Wählers sein, zu erwägen, wo er nunmehr das kleinere Uebel zu erblicken hat, oder ob er sich jetzt der Stimme enthalten soll, aber das eine erscheint uns als eine Unmöglichkeit, daß ein wahrhaftig freisinniger und gerecht denkender Mann einen Kandidaten wie den Antisemiten Lotze wählen kann, einen Kandidaten, der sich sogar im Princip für die Zuchthaus vorlage ausgesprochen hat! In der That, es wäre würdelos und unwahr und eine Verleugnung der Ueberzeugungen und Grundan⸗ schauungen der freisinnigen Volkspartei, wenn mit ihrer Hilfe der Auserwählte der schwärzesten sächsischen Reak⸗ tion, der Antisemit Lotze, in den Reichstag gelangen würde!“ Trotzdem haben die Freisinnigen„würdelos und un— wahr“ die„Ueberzeugungen und Grundanschauungen der freisinnigen Partei“ verleugnet und für Lotze, den„Auserwählten der schwärzesten Reaktion“, gestimmt. Auch der Rest der sächsischen Freisinnigen ist nunmehr abgeschwenkt ins Lager der schwärzesten Reaktion, hat sich in den Dienst gestellt der Feinde aller politischen und wirtschaftlichen Freiheiten, der Brotverteuerer, der Militär⸗ und Flottenenthusiasten. Der Vorteil dieser Wahl aber ist, daß sie wieder einmal auf das eindringlichste gezeigt hat, daß die Angst vor der Sozialdemokratie das Bürgertum bis herab zum wasserstieflerischen Freisinn in eine Phalaux treibt, und daß die Sozialdemokratie im Kampfe um die sozialen Freiheiten sich nur auf sich selbst verlassen darf.— Der Leipz. Volksztg. wird noch aus Pirna berichtet: „Das freisinnige Wahlkomitee von Neustadt erließ noch gestern Abend in den Amtsblättern einen Aufruf, in dem die freisinnigen Wähler aufgefordert wurden, geschlossen für Lotze zu stimmen. Auch diesbezüg— liche Plakate waren angeschlagen. Die gesamte Gegner⸗ schaft hat mit verzweifelter Anstrengung den Kreis noch ein letztes Mal behauptet.“ Wahljammer der Nationalliberalen Hessens. Kürzlich hat die„Frkf. Zig.“ die völlige That⸗ und Ratlosigkeit der Nationalliberalen unseres Landes den bevorstehenden Wahlen gegen— über geschildert und den Herren weitere Verluste an Mandaten in Aussicht gestellt. Diese Schil⸗ derung wird nun selbst von der national⸗liberalen „Wormser Zeitung“ als zutreffend anerkannt. Das Blatt gesteht, daß die„Frkf. Ztg.“ ihm niemals so aus seinem tiefgedrängten Herzen gesprochen, wie mit dieser wahrheitsgetreuen Schilderung des Niederganges der Partei, der die„Worms. Ztg.“ selbst dient. Die Voraus⸗ sagen über neue Verluste der Nationalliberalen seien„nur zu begründet“. Schwermütig schreibt das Blatt sodann: „Es ist überaus traurig, daß eine Partei sich mangelnden Opfermut vom Gegner nach— sagen läßt, ohne daß dieser zu fürchten brauchte, daß nun eine allgemeine Erhebung zur politischen Arbeit statifinden würde. Weit über den Rahmen der Parteiinteressen hinaus berührt die Regungslosigkeit der National⸗ liberalen unsere inneren Verhältnisse. Gerade die Geschlossenheit und Einmütigkeit der Gegner hat unserer Zerfahrenheit gegenüber zu der unumstößlichen Thatsache geführt, daß zwar nicht eine Partei, wohl aber das Zentrum und die Sozialdemokratie zusammen, denen dann auch die Stütze der Antisemiten meistens nicht fehlt, Trumpf in Hessen geworden sind! Dieser Zustand würde sofort ein Ende nehmen, wenn die Nationalliberalen entschieden zur politischen Arbeit zurückkehren und wenn sie vor allen Dingen in der Kammer nicht das lächerliche Bild bieten wollten, daß mindesteus soviel Sinne wie Köpfe vorhanden sind.“— Boshaft meint die„Frankf. Ztg.“ zu diesen Jammertönen:„Wie stellt sich das Blatt wohl diese Rückkehr der Nationallikeralen zur politi— schen Arbeit vor? Und auf Grund welchen Programms soll sie geschehen? Die Partei als solche hat bekanntlich kein Programm in den Fragen, die gegenwärtig das Volk bewegen— nämlich in den wirtschaftlichen. Die Voraus⸗ setzung der Rückkehr zur politischen Arbeit wäre doch die Einigkeit und Geschlossenheit der Partei; wo soll diese aber herkommen, wenn in der Fraktion„so viel Sinne wie Köpfe vorhanden sind?“ Jeder Versuch eines engeren Zusammen⸗ schlusses kann da nur die Brächigkeit der ganzen Gesellschaft in Erscheinung bringen. Die „Worms. Ztg.“ kann also noch ein Uebriges thun und auch die Aussichtslosigkeit des hessi⸗ schen Liberalismus zugestehen!“— Uns amüsiert der Jammer der ehemals alleinherrschenden Partei im Landtag. Was an unseren Genossen liegt, wird sicher gethan werden, um die Dreh— scheiben⸗Partei weiter zu schwächen. Vom roten Sigl. Im Münchener Arbeiter-Wahlverein der Zentrumspartei hielt der bekannte Heraus⸗ geber des„Vayr. Vaterland“, Dr. Sigl, eine recht vergnügliche Rede, in der er bekennt: „Das vom Zentrum mit den Sozialdemokraten eingegangene Kompromiß thue nichts zur Sache. Er(Dr. Sigl), habe bereits bei der ersten Wahl sozialdemokratisch gewählt, ich habe das gethan seit 15 Jahren, ich habe es gethan, weil ich es von jeher liebte, ganze Arbeit zu machen.(Rufe: Aha!) Ich hatte anfangs noch religiöse Bedenken als Katholik, aber ein Mitarbeiter von mir, Ober⸗Landes⸗ gerichtsrat Glaser, ein tüchtiger Jurist und sehr guter Katholik, sagte mir einmal: „ich wähle sozialdemokratisch.“ Auf mein erstauntes Gesicht hin erwiderte er:„ich wähle deshalb sozialdemokratisch, weil ich kein anderes Mittel weiß, num meinem Zorn und Aerger über die ekelhaften Zust nde im Deutschen Reiche Ausdruck zu geben.“ Ich habe es des— halb gethan, weil ich glaube, daß in gewissen Gegenden ein roter Zettel mehr Wirkung aus— übt, als ein anderer.“ Der Umfall des Centrums. In Mainz haben die Zentrumsleute ihre Generalversammlung abgehalten. Bei dieser Gelegenheit hat der Abg. Lieber, bekanntlich bei den Centrumskuhhändeln der Oberschacherer, auch eine„großt“ Rede geredet. Der„Vor⸗ wärts“— unter der Voraussetzung, daß der ihm vorliegende Bericht richtig ist— berichtet darüber, daß Herr Lieber unter dem heuchlerischen Vorgeben, sei en früheren Erklärungen über die Zuchthausvorlage im Reichstage treu bleiben zu wollen, den Umfall unzwei— deutig angekündigt habe: „Wir stehen heute auf demselben Standpunkte, den ich im Namen der Fraktion bei der ersten Lesung darzulegen die Ehre hatte. Wir werden dieselben Verhaltungs— maßregeln innehalten und sind bereits an der Arbeit, positive Vorschläge zum Schutze der Arbeitswilligen gesetzlich zu finden, ohne die der Mißbrauch des Koalitionsrechtes nicht getroffen werden kann.“ Hier kündigt also Herr Lieber nicht die Ablehnung, sondern die„Verbesserung“ der Zuchthausvorlage an. Das ist mit nichten der alte Standpunkt, soudern ein elender Rückzug. Denn dei der ersten Lesung hatte Lieber als Vorbedingung die völlige Koalitionsfreiheit gefordert. Damals er⸗ klärte Lieber wörtlich: „Wir fordern als unerläßlich, wenn unsere Zustimmung verlangt werden will: auf dem Boden des gemeinen Rechtes gemeine Koalitions⸗ freiheit für alle, die dem deutschen Reichsrechte unterstehen, gemeine Koalitkonsfreiheit für alle Zwecke, zu denen sich deulsche Neichspürger ver⸗ einigen wollen. Und wir verlangen diese Koa⸗ litionsfreiheit außerdem nicht nur für den Ein⸗ zelnen, inbezug auf sein Recht, sich zu koalieren mit anderen Individuen, sondern wir verlangen sie auch für die Koalitionen untereinander.“ Uns wundert dies Verhalten des Centrums⸗ mannes nicht. Wer hat sich je auf das Centrum verlassen können? In bezug auf die Zuchthaus vorlage kann sich das arbeitende Volk lediglich auf seine ureigenste Vertretung, die Sozial— demokratie, verlassen. Gutbezahlter Agitator. 8 Freiherr v. Zedlitz⸗Neukirch, ein Regierungs⸗ beamter, Präsident der Seehandlung u. s. w. war schon läugst verdächtig, der eigentliche Politikmacher in dem Stummschen Scharsmacher⸗ blatt„Die Post“ zu sein. Die Post selbst Dunn. 1 kei alen late schn iu der N srösdelt der det Ihen„ 1 bet. Herr vol In 18 dutrefle sutikel a fag Halkefie 0. Zedlit 15000 lezicht, f 1997: 1 err b. Wüten Fanalget oft“ e 1 Det on dem ile Kon Volden, Auppeltt erkauft gehörte. daß sie, bon de halter sich die Rheinla gehen de ls den lage wi Der lorismu sondern lum t lelfach Gericht ten beempel U 1 0 N lic Jahesb gende amg 1 deu Bedi gewissen ug aus⸗ ite ihre ' dieser anntlich acheter, „Vor daß der lichtet erischen n über tage unzwel⸗ el ben raltin le Chle Iltungz⸗ z an del Dre 3— zun gesch uch des kan“ cht die erung f nichtel. ende! 10 gal öllige mals“ u 1 alition rech. für al stattung der Gestorbenen. Nr. 10. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. suchte durch spitzfindig abgefaßte Erklärungen den v. Zedlitz zu decken. Denn es war keines— wegs einerlei, wer z. B. die kanalfeindlichen Artikel in der Post geschrieben hatte. Nach⸗ dem gewöhnliche Landräte gemaßregelt wurden, weil sie nur gegen den Kanal stimmten, mußte dann nicht auch der weit höher stehende Re— gierungsbeamte Zedlitz fliegen, wenn ihm nach⸗ gewiesen werden konnte, daß er der Haupt⸗ kanalfeind war, der in der Post erst die Land⸗ räte scharf machte? Der„Vorwärts“ ist jetzt in der Lage, aktenmäßig nachzuweisen, daß der Präsident der Scehandlung, Freiherr v. Zedlitz, einer der fleißigsten Mitarbeiter der Stumm—⸗ schen„Post“, des Hauptscharfmacherorgans und der heftigsten Gegnerin der Kanalvorlage ist. Herr von Zedlitz hat für die„Post“ geschrieben, Juni 1899: 13 Leitartikel à 25 Mark und 35 Entrefilets à 12,50 Mk., Juli 1899: 4 Leit⸗ artikel à 25 Mk. und 9 Entrefilets à 12,50 Mk., August 1899: 12 Leitartikel à 25 Mk. und 18 Entrefilets à 12,50 Mk. Im Ganzen hat Herr v. Zedlitz, der als Präsident der Seehandlung 15000 Mk. und freie Dienstwohnung bezieht, von der„Post“ an Honoraren erhalten 1897: 10,590 Mk. und 1898: 8650 Mk. Frei⸗ herr v. Zedlitz-Neukirch wird also für sein Wüten gegen die Arbeiterrechte und für seine Kanalgegnerschaft von den Hintermännern der „Post“ gut bezahlt. Unternehmer Terrorismus. Der Firma Heiden u. Sohn in Köln war von dem Ringe der Tapetenfabrikanten eine Konventionalstrafe von 100 Mark auferlegt worden, weil sie unter den um mehr als das Doppelte hinaufgeschraubten Verbandepreisen verkauft hatte, obgleich sie dem Ringe nicht an⸗ gehörte. Der Ring hatte ihr zugleich angedroht, daß sie, falls sie die Strafe nicht zahlen sollte, von dem Verbande keine Ware mehr er⸗ halten werde. In ihrer Bedrängnis hatte sich die Firma an das Ober- Landesgericht der Rheinlande gewandt, und dieses hat jetzt auch gegen den Fabrikanten Langhammer in Chemnitz als den Vorsitzenden des Tapetenrings die An⸗ klage wegen Erpressung eingeleitet. Derartigen wahrhasten und maßlosen Ter⸗ rorismus nicht nur gegenüber Fachgenossen, sondern gegenüber dem gesamten kaufenden Pub- likum treiben die Unternehmer⸗Vereinigungen vielfach und seit langem, ohne daß je ein Gericht ihrem frechen Gebahren zu nahe ge— treten wäre. Wir zweifeln noch, ob jetzt ein Exempel statuiert werden wird.— Kapitalistische Schamlosigkeit. Die Schweinburgschen„Berliner Neuesten Nachrichten“ schleudern im Anschluß an den Jahresbericht der deutschen Sozialdemokratie folgenden Gedankenblitz: Diese Einnahmen der Sozialdemokratie stammen von den Löhnen, die— wie aus der obigen Thatsache zu entnehmen— die deutschen Arbeitgeber weit über das Bedürfnis der Arbeiter hinaus be⸗ zahlen; ein großer Teil der abgetrotzten Lohnerhöhungen ist nur für die Füllung der sozialdemokratischen Kriegskassen be⸗ stimmt.“ Wenn also Arbeiter für ihre idealen Zwecke brüderliche Hilfe beisteuern, so beweist das, nach Schweinburg, daß sie zu hohe Löhne bekommen. Wenn aber Kapitalisten aus den Mitteln, die ihnen die Ausbeutung der Arbeiter verschafft, ihren Luxusgelüsten fröhnen, wenn sie die von den Arbeitern verdienten Summen an Cham⸗ pagner, Dirnen, Karten, Zuchthausagitationen, Flotten vereine u. s. w. verschwenden— beweist das nicht, daß die Arbeiter ihnen noch bei weitem nicht genug Lohn abgetrotzt haben?— Die mutigen Ausreißer. Als vor mehreren Jahren in Hamburg die Cholera wütete, da rissen die Geldprotzen aus/ wie Schafleder und überließen den Ar- beitern die Pflege der Kranken und die Be⸗ Dazu waren die Arbeiter gut genug. Erst als die Seuche über⸗ wunden war, kehrten die feigen Protzen wieder heim.— Diese Aufopferung des Proletariats ist längst vergessen; es ist ja auch ein unan⸗ genehmes Gefühl jemandem Dank schuldig zu sein. Als einige Jahre darauf der große Ham⸗ burger Hafenarbeiterstreik ausbrach, da waren die Herren Protzen wieder obenauf. Und in einer der neuesten Nummern giebt die„Kreuz- zeitung“ einen Beschluß des berüchtigten Ham⸗ burger Arbeitgeber-Verbandes bekannt, in dem sie brünstig nach Annahme des Zuchthaus— gesetzes schreien, weil„sie fast bei jeder Lohn— bewegung Zeuge arger Ausschreitungen gewesen seien.“— Mit Zuchthausstrafen das Prole— tariat niederzuknütteln ist allerdings leichter als Cholerakranke zu pflegen und Choleraleichen zu bergen. Vom Dresch⸗Grafen Pückler. Das Reichsgericht verwarf am 22. September die Revision des Staatsanwalts gegen das Urteil des Landgerichts Glogau vom 12. Mai d. J., durch das der Rittergutsbe⸗ sitzer und Amtsvorsteher Graf Walther Pückler auf Klein⸗Tschirne von der Anklage der Auf⸗ reizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewaltthätigkeiten gegen einander, begangen durch eine antisemitische Rede, die er in Klein⸗ Tschirne gehalten hit, sowie der Geschäftsführer des Druckereivereins in Glogau, Joseph Schliebs, von der Anklage der Beihilfe dazu freige- sprochen sind. Der Reichsanwalt beantragte selbst die Verwerfung, da der Mangel des Bewußtseins der Rechtswidrigkeit in ausreichender Weise von dem Landgericht festgestellt worden sei. Einem Amtsvorsteher wird hier ais Eutschuldigung angerechnet, daß er der Tragweite seiner Handlung sich nicht bewußt war. Zu hoffen steht, daß diese liebe⸗— volle Judikatur für die Folge auch anderen Parteien zu Gute kommt. Bis jetzt war das 3. B. bei den Sozialdemokraten nie der Fall. (Siehe unter N. u. F. in heutiger Nummer die Notiz aus Wetzlar.) Ein Unschuldiger hingerichtet? Die Dortmunder„Tremonia“ bringt die Aufsehen erregende Meldung, daß eine Frau ihren Ehemann jetzt eines im Jahre 1890 verübten Mordes bezichtigt. Es handle sich um einen in Rauxel bei Castrop an einem Bergarbeiter verübten Raubmord, als dessen Thäter damals der Arbeiter Michalski vom Schwurgericht zum Tode verurteilt und hin- gerichtet worden sei. Michalski habe fort⸗ esetzt seine Unschuld beteuert, doch seien die ndizienbeweise zu belastend gewesen. Das Todesurteil wurde gesprochen, vom Reichsgericht bestätigt, die Begnadigung abgelehnt. Kurz vor seiner Hinrichtung habe Michalski nochmals be⸗ teuert, den Mord nicht begangen zu haben, und dies auch seinem Beichtvater gesagt, der ihn absolviert habe. Die Staatsanwaltschaft soll die Angelegenheit bereits aufgegriffen haben. — Einer späteren Nachricht zufolge soll die Frau, welche ihren Ehemann des Mordes be— zichtigte, gelogen haben, um ihrem Gatten Un⸗ annehmlichkeiten zu bereiten. Muß die ihren Mann lieb haben! Ausländisches. In Brünn fand diese Woche der Gesamt⸗ parteitag der österreichischen Sozialdemo⸗ kratie statt. Derselbe war gut besucht. Als Vertreter der deutschen Sozialdemokratie war Gen. Frohme anwesend. Serbische Bluturteile. Bekanntlich war vor Kurzem auf den Exkönig Milan geschossen worden. Verletzt war der Tingeltangelkönig nicht. Das Attentat wurde sofort zum Anlaß genommen, eine Verfolgung der sogenannten Radikalen in Serbien zu in⸗ scenieren. Ein Hochverratsprozeß wurde an⸗ gestrengt. Der Attentäter wurde zum Tode, viele andere zu 20jährigem Kerker verurteilt. — Der gekrönte Lüderjahn Milan und sein verkommenes Söhnchen haben also ihren Willen durchgesetzt. Beide wollten Blut sehen und verlangten absolut ein Opfer, das ihnen nun auch das Standgericht in der Person des zum Tode verurteilten und bereits hingerichteten Knezevic geliefert hat. Der ganze wochenlange Prozeß war das Musterbild halbasiatischer Ju— stiz. Die Angeklagten wurden, wenn man von Knezevie absieht, nicht verurteilt, weil sie ein Verbrechen begangen, sondern weil sie die Miß wirtschaft des dicken Milan und seines idiotischen Sohnes, dere! Trabanten das serbische Bauern— volk ausrauben und ausplündern, mit gesetz— lichen Mitteln bekämpft hatten. Ob Milan und Alexauder durch dieses Bluturteil ihren wackeligen Thron befestigt hben, wie sie es glauben und wünschen, wird die Zukunft lehren. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich stre ante Gewiffen— haftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Ein braver Genosse erstochen. i. Aus Launsbach kommt eine Schreckens⸗ kunde. Ein braver Genosse, der Cigarren— macher Ludwig Winter, ist in der Nacht vom Montag zum Dienstag das Opfer eines feigen Mordbuben geworden. In Launsbach fand Kirchweihfest statt. Winter verdiente sich dabei als Aushilfskellner einige Mark. Als nun in der Montagsnacht ein auswärtiger Metzge:⸗ bursche, der sich ungebühelich betragen hatte, von zwei Kollegen Winters aus dem Wirts⸗ zimmer entfernt war, kim Winter gerade aus dem Garten zurück, wo er die Tische abge— räumt hatte. In dem Augenblick, als er das Wirtszimmer betrat, erhielt der von dem Vor— gefallenen gar nichts Ahnende von dem Metzger einen Stich in den Rücken, der den sefortigen Tod des Uaglücklichen herbeiführte. Der Mord⸗ bube heißt Speyer und ist von Wißmar, er wurde noch in derselben Nacht verhaftet. Unser Genosse Ludwig Winter war überall geachtet und gerg gesehen. Wegen seines ruhigen Wesens erfreute er sich der größten Beliebtheit. An seiner Bahre trauern die treue Gattin und zwei unmündige Kinder. Sie beweinen den sorgsamen Gatten und Vater. Mit ihnen trauern die Sozialdemokraten des Wetzlarer und Gießener Kreises. Sie verlieren in Ludwig Winter einen wackeren Genossen, der allezeit seine Schuldigkeit gethan, allezeit seinen Kame— raden die Treue gehalten hat. Ein gutes An⸗ denken ist dem unglücklichen Genossen für alle Zeit gesichert. Er ruhe in Frieden. Ortskrankenkasse Gießen. r. Zu Anfang dieses Jahres berichteten wir daß die Arbeiterschaft Gießens sich nach hart— näckigem Kampfe der Führung der Ortskranken— kasse bemächtigt habe, um ein für allemal die se ther au das Tageslicht getretenen skandalösen Vorgänge unmöglich zu machen. Wir gaben auch damals der Hoffnung Ausdruck, daß nunmehr mit der Zeit die Leistungen der Kasse sich über das gesetzliche Mindestmaß erheben würden. Uusere Hoffnungen haben uns nicht getäuscht, denn der Vorstand hat in seiner Sitzung vom 23. l. M. beschlossen, der am 7. Oktober zusammentretenden Generalversammlung vorzuschlagen, daß im Statut ein Tag Karrenzzeit gestrichen, sowie daß das statutarische Krankengeld um 5pCt. erhöht werde. Obwohl die Geschäftsleitung erklärte, daß man nach der Vermögenslage sehr wohl im Stande sei, das Krankengeld um 10 pCt. zu erhöhen, so sah man hiervon doch vorläufig ab, da man befürch tete, daß die in aller Kürze erscheinende neue Novelle zum Krankenversiche rungsgesetz vielleicht schon in mauchen Punkten eine Erweiterung der Leistungen der Kasse mit sich bringe. Auf alle Fälle kann jetzt schon gesagt werden, daß die Kasse nächstes Jahr wiederum in der Lage ist, ihre Leistungen zu erweitern. In derselben Sitzung hat der Vorstand außerdem noch beschlossen, an die Angehörigen aller in einer Heilaustalt be— findlichen Mitglieder die Hälfte des statutarischen Krankengeldes auszuzahlen. Gewiß auch ein sehr erfreulicher Fortschritt. We überall, so zeigt es sich auch in Gießen, daß die Ortskrankenkasse von dem Augenblick an einen Aufschwung nahm, als organisierte Arbeiter die Leitung übernahmen. Von den Flunkersozialen. * In der Nauma anschen Hilfe werden Post— karten mit Ansichten angeboten, die extra für den nationalsozialen Parteitag angefertigt EAA Scite 4. Witieldeutsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 40. wurden und eine Phantasielandschaft, sowie das Bild Naumanns zeigen. Das wäre an sich nichts besonders auffälliges. Aber wenn das Sekretariat der Nationalsozialen sich erbietet, an jeden der es wünscht, für 15 Pfg. vom Parteitag in Göttingen aus eine beschriebene Karte zu senden, so verulkt eben dieses Sekre⸗ tariat seine eigne Partei doch in kaum zu über⸗ treffender Weise. Die Naumannschen gehen nach Göttingen zu ihrem„Parteitag“ und schreiben an Hinz und Kunz— Stück für Stück 15 Pfg.!— Ansichtspostkarten! Es wird nicht mehr lange dauern, bis von der national⸗ sozialen Partei nur noch ein Ansichtspostkarten⸗ sammelklübchen übrig geblieben ist. Herr Erdmannsdörffer veröffentlicht in der Marburger„Hess. Landesztg.“ folgende Notiz über Pirna: „Pirna ist ein sehr hübsch gelegenes Städtchen in der sächsischen Schweiz. Nicht weit davon erheben sich der Königstein und der Lilienstein und die Bastei, lauter Lieblings⸗ plätze sämtlicher Sachsen und anderer Leute, die nur für Natur schwärmen. Die politische Vertretung dieses freundlichen Erdenwinkels im Reichstage war bisher weniger schön. Jetzt wird sie sich nun ändern, ohne dadurch an Anziehungskrafi sonderlich zu gewinnen. An die Stelle eines unfähigen Antisemiten wird ein sozialdemokratischer Dutzendmensch treten.“ Meint Herr Erdmannsdörffer vielleicht, Fräßdorf hätte, um den Beweis zu erbringen, daß er mehr als Durchschnitts mensch ist, erst eine Cholerabroschüre schreiben müssen? Uebrigens hat ja auch der nationalsoziale Prophet falsch prophezeiht. Krieg im Frieden. * Aus zahlreichen Orten sind uns bittere Beschwerden zugegangen wegen der vielen Ein⸗ quartierungen. Aus der für Gießen angesagten Noteinquaxtierung ist schließlich gar nichts ge— worden, da die Kriegsubungen die Truppen zu weit von Gießen fo tgefühet hätte.. Am schlimmsten ist es wohl den Wetzlarern ergangen, bei denen nicht weniger als 11900 Mann und 100 Pferde untergebracht werden mußten. Aber auch aus vielen Dörfern wird uns versichert, daß die Leute nicht r'ehr„Herr“ im eigenen Hause waren. Die meisten haben trotzdem ihr bestes für die Soldaten, die unter dem schlechten Welter viel zu leiden hatten, gethan. Aller⸗ dings haben sogenannte„bessere Herrschaften“ auch diesmal wieder ihren sonst zur Schau ge— tragenen Patriotismus im hellsten Lichte gezeigt. Namentlich wird in Wetzlar von einem bekaunten Militärschwärmer ein arges Stücklein erzählt. Die alte Geschichlen patriotisch bis an den Geldbeutel. Gießener Stadttheater. a. Am Sonntag, den 1. Oktober öffnet das Gießener Stadttheater wieder seine Pforten. Als Eröffnungsvorstellung wird„Madame Sans Gene“(Frau Ungeniert) gegeben, Dienstag geht das neueste Zugstück:„Der Schlafwagen— Controleur“ über die Bretter. Dieser heiteren Einleitung der Saison folgt am Mittwoch Goethes Tragödie„Egmont“. Goethe kommt also auch bei uns nicht zu kurz. Er wird auch hier eine 150. Geburtstagsfeier haben, wenn auch etwas spät. Mit einem Prolog, den Frl. Hammer spricht, wird der Goetheabend eingeleitet. Den Egmont wird der hier bestens bekannte Helden— darsteller am Kölner Stadttheater, Herr Oskar Bohnée spielen. Wir wäuschen aufrichtig, daß das Theater recht gut besucht sein möge.— Volksvorstellungen mit ermäßigten Eintritts— preisen— Gallerie 20, das ganze Parterre pro Platz 40 Pfg., Logenplatz 1 Mk.— finden min— destens 12 in der beginnenden Saison statt. Die Direktion hat eine größere Anzahl Theaterstücke einer besonderen Commission der Stadtverordneten unterbreitet, die nunmehr 12 Stücke auszuwäslen hat. Beim Billetverkauf für die Volksvorstellungen sollen in allererster Linie die Arbeiterorganisationen und Krankenkassen berücksichtigt werden. Das emefehlenswerteste dürfte sein, nummerierte Karten zu verkauzen, die jedem einen bestimmten Platz sichern. Es würde dann das im Vorjahr mitunter lebensgefährliche Gedränge ror dem Theater auf— hören. Vom Pferde gepurzelt. * Im Mai d. J. hielt der nationalsoziale Herr v. Gerlach— unseres Erachtens der ehr⸗ lichste und anständigste unter jener gemischten Gesellschaft— in Gießen eine Versammlung ab. Sein von Herrn Erdmannsdörffer in Marburg nedigiertes Blatt, die„Hess. Ldsztg.“, berichtete über jene Versammlung unter der Ueberscrift:„Ein nationalsozialer Vorstoß nach Gießen“. Der Artikel selbst begann mit den Worten:„Einen fröhlichen Ritt in un⸗ bekanntes Feindesland machten wir am Vorabend vor Himmelfahrt.“ Natürlich wurde auch von dem„Erfolg“ der Versammlung für die nationalsoziale Sache gesprochen— die „Hess. Landesztg.“ hatte riesig große Rosinen im Sack. Jetzt, nach wenigen Monaten, fordert dasselbe Blatt seine Leser in Gießen— wieviel Dutzend sind es denn wohl?— auf, das Blatt bei der Post zu bestellen, angeblich wegen der „mehrfachen U regelmäßiakeiten.“ Flunkerei! nichts anderes. Die Billetkosten für den „Expreßboten“ der„Hess. Ldsztg.“ werden nicht mehr herauskommen. Mit anderen Worten also: Bei dem fröhlichen Ritt der National— sozialen in das„unbekannte Feindesland“ Gießen sind die politischen Sonntagsreiter vom Pferde gepurzelt. Unentgeltlichkeit der Lehrmitlel. *Die Forderung der Unentgeltlichkeit der von den Kindern im Unterricht gebrauchten Lehrmittel wird m ist mit dem Hinweise auf die bedeutenden Kosten, die den Gemeinden dadurch erwachsen, bekämpft. Wie sich diese Aufwendungen selbst bei hohen Ansprüchen stellen, zeigt der soeben veröffentlichte Geschäfts⸗ bericht der Zentralschulpflege der Stadt Zürich für 1898. Die durchschnittlichen Kosten betrugen für den Schüler der Volksschule für Schul⸗ bücher 1.20 Franken, für Schreib- und Zeichen⸗ materialien 2.44 Frauken und für Arbeits⸗ materialien beim Handardeitsunterricht 1.83 Franken. In der Sekundarschule(Mittelschule) waren die Kosten erheblich höher. Für Schul⸗ bücher wurden hier für den Schüler 4 Frankeu, für Schreib- und Zeichenmaterialien 7.22 Franken und für Arbeitsmaterialien 2.95 Franken aus⸗ gegeben. Für die Schulmaterialien eines Schülers der Züricher Volksschule wu den also, abgesehen vom Handaubeitsunterricht, 3.65 Franken gleich 2.92 Mk. ausgegeben. Mit einer Summe von rund 3 Mark— so be- merkt dazu die„Leipziger Lehrerzeitung“ — würde auch in unseren Schulen die volle Unentgeltlichkeit der Lehrmittel durchgeführt werden können. Anlisemitische Lügen. * Das Hirschelblatt beschäftigt sich in zwei verschiedenen Artikeln auch mit der Versammlung, die Gen. Liebknecht jüngst in Kleinlinden ab— gehalten hat. Die Flegeleien über Liebknecht lassen uns kalt. Liebknecht gegen einen Hirschel oder Köhler in Schutz nehmen— das wäre geradezu eine Beleidigung unseres verehrten Genossen. Wenn aber gesagt wird, trotzdem wir drei Mann hoch — der große Kläffer Liebknecht und die kleinen Möpschen, die bissigen Hündlein Krumm und Scheidemann— über die Antisemiten hergefallen wären, hätten wir die Versammlung, die am 9. September stattfand,„erst am 9. September abends“ im Gießener Wochenblatt— das ist die althergebrachte Bezeichnung für den Gieß. Anz.— bekannt gemacht, so müssen wir das wieder als Lüge zurückweisen. Die Versammlung war im Gieß— Anz. dreimal bekannt gegeben, war in der M.⸗S.⸗Z. inseriert, die in Klein-Linden verbreitet wurde, und außerdem waren nach Klein-Linden vier Tage vor der Versammlung die Plakate geschafft. Mehr konnten wir nicht thun. Es ist übrigens zum Totlachen, wenn die antisemitische Gesellschaft den Anschein zu erwecken sucht, als hätten wir Furcht vor einer Diskussion mit ihren Schlechtschwätzern. Als wenn nicht alle Welt wüßte, daß der„rote Philipp“ den Antisemiten Köhler direkt in Langsdorf aufsuchen mußte, um ihn einmal stellen zu können und daß Köhler die Ermahnung Scheidemanns befolgte und sich für den in der M.-S.⸗Z. an⸗ gekündigten Versammlungstag extra von Offenbach als„Redestütze“ den Architekten Hirschel kommen ließ! Nein, de Gläubigen der Hirschel und Köhler mögen auf allen Schwindel hineinfallen, der in dem Lügen- und Denunzierblatt der hessischen Autisemiten verzapft wird, aber daß ein Sozial— demokrat vor einer Diskussion mit Gegnern Furcht hätte, das glaubt der glaubensstärkste Antisemit nicht. Die neueste Lüge der Volkswacht dürfte also ihren Zweck gänzlich verfehlen. Gewerbegerichtswahl in Gießen. n. Eine gut besuchte Arbeiterversammlung beschäftigte sich am Montag Abend mit der bevorstehenden Gewerbegerichtswahl in Gießen. Redakteur Scheidemann hielt ein kurzes ein⸗ leitendes Referat über die Bedeutung der Ge—⸗ werbegerichte. Er beleuchtete die Vorteile und Mängel derselben und forderte zum Schluß auf, Beisitzer zu wählen, die nicht nur Verständnis für das wichtige Amt, sondern auch die Be⸗ fähigung hätten, ihre Rechtsauffassung im Be⸗ ratungszimmer energisch zu vertreten. Redner schilderte einige Vorkommnisse vor dem hiesigen Gewerbegericht, zu denen die Beisitzer hätten entschieden Stellung nehmen müssen. Auf den Vortrag folgte eine interessante Diskussion, an der sich verschiedene Gewerbegerichtsbeisitzer be⸗ teiligten. Allseitig wurde anerkannt, daß es dringend notwendig sei einen regelmäßigen Meinungsaustausch unter den Gewerbegerichts⸗ beisitzern herbeizuführen. Ein Antrag wurde dann auch einstimmig angenommen, nur solche Arbeiter als Kandidaten aufzustellen, die bereit sind, an regelmäßig alle 3 Monate einmal ab⸗ zuhaltenden Beisitzer-Zusammenkünften teilzu⸗ nehmen. Die vom Gewerkschafts-Kartell der Versammlung in Vorschlag gebrachte Kandidaten⸗ liste wurde von der Versammlung acceptiert. Es handelt sich um Arbeiter, die von ihren betr. Gewerkschafts-Organ sationen dem Kartell als zu Gewerbegerichtsbeisitzern qualifiziert bezeichnet worden sind. Für die organisierte Arbeiter⸗ schaft kandidieren nunmehr: .A. Hensel, Buchdrucker. . H. Baum, Glaser. . G. Dahmer, Spengler. A. Bock, Drechsler. H. Mäuyche, Tischler. 5 Krüger, Metallarbeiter. 7. Grätzig, Tapezierer. 8. Chr. Petersen, Schneider. 9. Holtberg, Bierbrauer. 10. Rudolph-⸗Wieseck, Cigarrenarbeiter. 11. Laucht⸗Gleiberg, Maurer. 12. Schäfer⸗Steinberg, Weißbinder. Verkrachte antisemi k ische Blätter. * Laut der„Antisemitischen Korresp.“ vom 7. Oktober 1897 sind innerhalb 7 Jahren 36 antisemitische Zeitungen gegründet und davon wieder 25 verkracht. Bis heute, also nach weiteren 2 Jahren, sind noch 7 Zeitungen ein⸗ gegangen, so daß von den angeführten 36 antisemitischen Blättern jetzt noch sage und schreibe 4 bestehen. Nun haben wir im August b. J. berichtet, daß auch das Münchener Deutsche Volksblatt eingegangen sei, reprodu⸗ zierten aber zwei Monate später eine schäbige Auslassung desselben Blattes über die Dreyfus⸗ affaire. Daraus will uns jetzt der Sachsen⸗ häuser Architekt Hirschel einen Strick drehen; er spricht von Lügen. Der gute Mann möchte gar zu gern Kollegen haben. Die Sache klärt sich sehr einfach auf. Nicht das Münchener Deutsche Volksbl. war eingegangen, wie wir der Kleinen Presse entnommen hatten, sondern das Breslauer Blatt gleichen Namens. Und deshalb Räuber und Mörder. Wie ärmlich, Herr Architekt! Aus Wetzlar. * Un bewußte Strafthat eines Bürger- meisters und bewußte strafbare Handlung eines Schneiders. Wir lesen in einem Wetzlarer Blatt folgende Notizen: Nr. 1. Strafkammer Wetzlar. Der Bürgermeister G. aus Rodenberg(Wester⸗ wald) wird beschuldigt, im Jahre 1898 einen 1 N 2 . . „e berurte Un Utteiler eines st fänden werden gierung licht werden Handle bei unf handel Rensch Veschli entstan akt! wenn Stro Bürge schwer würde lach handel Utbeitt scht a. * Septen fest d loch Wie u Leder führ u füden as 2 feht a kelhetg und 9 lehetg wendi⸗ om fern halt dur iber Teil Näf gewiß der g entspz * elle erg und hat Vert an 90 Ste 10. — unt ah. bach lumen köhler N ichen osial⸗ hurcht ssemit dürfte n. lun t 15 leßen. ö ein⸗ r Ge⸗ e und g auf, Udnis e Be⸗ f Be⸗ tener igen sätten f den U, an er he⸗ aß es ißigen lichts⸗ wurde solche bereit il ab⸗ teilzu⸗ ll der. daten⸗ tiert. bett. ll als zichnet eiter⸗ N e Nr. 40. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. Haufen Reiser und Scheitholz ohne Erlaubnis des Oberförsters rechtswidrig aus dem Ge⸗ meindewald sich angeeignet zu haben, um sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen. Ferner ist er angeklagt, 6 Anzeigen, die ihm von Seiten der Feldpolizei gemacht worden waren, einfach unbeachtet gelassen und den Angezeigten keinerlei Strafen auf⸗ erlegt zu haben, wie es heißt, um die Denun⸗ zierten, die zum Teil seine Freunde waren, nicht mit sich zu verfeinden. Der Gerichtshof nimmt an, daß der Angeklagte sich der Straf— barkeit seiner Handlungen nicht bewußt gewesen sei und erkennt auf Freisprechung. Die Kosten fallen der Staatskasse zur Last. Nr. 2. Schöffengericht in Wetzlar. Der Schneider A. F. aus Wetzlar hatte eine in Krofdorf abgehaltene sozialdemokratische Ver⸗ sammlung geleitet, an deren Schluß eine Teller⸗ sammlung vorgenommen worden war. Zur Vornahme dieser Sammlung ist jedoch eine behördliche Erlaubnis erforderlich, die F. nicht besaß. Deswegen zur Anzeige gebracht, wird F. zu 30 Mk. Geldstrafe ev. 6 Tagen Haft verurteilt. Unseres Erachtens geht aus diesen beiden Urteilen hervor, daß an die Rechtskenntnisse eines sozialdemokratischen Schneiders unter Um⸗ ständen weit höhere Anforderungen gestellt werden, als an diejenigen eines von der Re⸗ gierung bestätigten Bürgermeisters. Konnte nicht auch bei dem Schneider angenommen werden, daß er sich der Strafbarkeit seiner Handlung nicht bewußt war? Und das war bei unserem Genossen Fauth, um den es sich handelt, ganz bestimmt der Fall. Denn kein Mensch sollte doch glauben, daß Fauth auf Beschluß der Versammlung zur Deckung der entstandenen Kosten die Sammlung in Gegen⸗ wart des Gensdarmen hätte vornehmen lassen, wenn er der Ueberzeugung gewesen wäre, etwas Strafbares zu begehen. Aber einerlei, der Bürger meister wurde freigesprochen von ziemlich schwerer Anklage und der Schneider Fauth wurde verurteilt. — Im„W. A.“ werden Maxmorschleifer nach Berlin gesucht. Dem„Vorwärts“ zufolge handelt es sich um eine Firma, mit der die Arbeiter in Konflikt stehen. Es ist also Vor— sicht am Platze. Kleine Mitteilungen. * Gießen. Auf das am Samstag, den 30. September im Café Leib stattfindende Stiftungs- fest des Gesangvereins Eintracht sei hiermit noch einmal ausdrücklich aufmerksam gemacht. Wie uns versichert wird, kommen durchweg neue Lieder zum Vortrag und ein Theaterstück zur Auf— führ ung, das sicherlich den Beifall aller Besucher finden dürfte. Der zweite Teil des Festes besteht aus Tanzunterhaltung. — In der Oeffentlichen Lesehahle ist von jetzt ab jedesmal am Freitag(6 bis 8 Uhr) Aus— leihetag nur für die Jugend(unter 16 Jahren) und Montags, Mittwochs und Samstags Aus— leihetag nur für Erwachsene. Es war not— wendig diese Einrichtungen zu treffen, um vor— gekommene Unzuträglichkeiten zu beseitigen. — Vom 1. Mai d. J. ab soll auf Station Abend— stern der Wetzlar-Lollarer Bahn eine Personen— haltestelle errichtet werden. — Der Dünsbergturm wird am 15. Oktober durch eine kleine Feierlichkeit seiner Bestimmung übergeben werden.— In Darmstadt haben von 19 Theilnehmern ganze 4 die Einjährig-Freiwilligen— Prüfung bestanden. Ein klägliches Resultat, das gewiß nicht zu verzeichnen wäre, wenn die Intelligenz der Prüflinge der Größe des väterlichen Geldsacks entsprochen hätte. * Marburg. Frl. Westerkamp von hier, eine Tochter des bekannten Professors, hat in Hersfeld das Gymnasial- Abiturientenexamen be— st anden. Hannover. Die Elektrische Straßenbahn hat innerhalb 15 Tagen 4 Menschen totgefahren. Vermutlich hat sich die Bevölkerung noch nicht an den gesteigerten und gefährlicher gewordenen Straßenverkehr gewöhnt. Vom antisemitischen Parteitag. * Das Offenbacher Lügenblatt der Anti⸗ semiten leistet sich den famosen Witz, uns zu unterstellen, wir wären über den„außerordent⸗ lich gut besuchten“ Parteitag der Antisemiten ganz aus dem Häuschen. Nein, so haben wir lange nicht gelacht! Alle Welt ist sich einig darin, daß der antisemitische Parteitag in Ham⸗ burg ein Bild der größten Zerfahrenheit und Rüpelhaftigkeit zeigte und wir sollten darob aus dem Häuschen sein?! Ueber die Zerfahrenheit haben wir schon kurz in voriger Nummer berichtet. Ueber die Rüpelhaftigkeit nur ein Beispiel. Der Antisemit Dr. Giese hatte beantragt, eine Resolution anzunehmen, in der unter Punkt 2 gesagt wird, daß die Antisemiten die Aus⸗ scheidung des Alten Testaments aus dem christlichen Religionsunterricht fordern. Der Abg. Bindewald verglich dann die Juden mit Maden in der Kirsche und Fliegen auf der Kuh und äußerte sich laut dem Pastoren⸗ blatt„Der Reichsbote“ folgendermaßen: Bedauerlich ist es, daß einst Luther das alte Testament nicht beseitigt hat und daß daher noch heute das alte Testament dazu beitragen muß, die Verjudung in unser Volk zu tragen. Der Antisemit v. Huth⸗ Hamburg sagte: Ich weiß nicht, wie Leute das Alte Testament als göttliche Offenbarung ansehen können! Da wird zum Beispiel er⸗ zählt, wie Abraham seine Frau als seine Schwester an Pharao verkuppelt hat. Na, ich danke für solche Offenbarung! Um Gottes Willen keine Schulbibel! Sonst wird in ihr Geschichtsfälschung geschrieben und womöglich der Schweinehund Abta⸗ ham als Heiliger hingestellt.— Diese eine Scene möge genügen, um zu zeigen, auf welche„Höhe von Teutschtum, Sitte und Christentum“ der Parteitag der Antisemiten sich hinausschwang. Der fromme„Reichsbote“ und das„Volk“ des Hofpredigers Stöcker— letzterer ist be— kanulich der Vater des neuzeitlichen Antisemi⸗ tismus— äußern sich sehr abfällig über den Antisemitentag. Stöcker schreibt von den mit„Schlagwörtern trivialster Art gespickten Reden“, von der„Unfähigkeit“ des Parteitags und stellt fest, daß Herr Biudewald durch seine Aeußerungen„der christlichen Welt— anschauung als Grundlage für seine Partei entsagt“ habe. Es wäre uns gar nicht eingefallen, über den Parteitag der Antisemiten noch ein Wort zu verlieren. Aber wenn die Hirschel und Köhler der Ansicht sind, wir hätten Ursache, un⸗ zufrieden zu sein mit dem von ihrer Partei in Hamburg aufgeführten Hokuspokus, so wollen wir ihnen wenigstens noch den Gefallen thun, das zu berichten, was die antisemitische „Sachsenschau“ in Magdeburg, also ein Parteiblatt der 7½ ũ—Pfgs.⸗Eierpolitiker, über den so graußartig verlaufenen Tag in Hamburg vermeldet: „Haben sie schon gelesen, vom Parteitage? Die Wurstel ei soll also in der bisherigen Weise weiter⸗ gehen,“ mit diesen Worten traten verschiedene Gesinnungs⸗ genossen in diesen Tagen in unsere Geschäftsstelle. Und wir glauben kaum, daß man eine bessere, treffendere Form zur Charakterisirung der Ham⸗ burger Ergebnisse finden kann. Das Resultat fiel so aus, wie wir es vorausgesagt haben. Die große Mehrzahl derer, welche klar erkannt haben, daß die deutschsoziale Reformpartei eine völlige Reorganisation an Haupt und Gliedern dringend nötig hat, wenn sie nicht zu Grunde gehen soll, alle diese sind zu Hause geblieben. In Hamburg war bis auf wenige Ausnahmen von Aus⸗ wärts und die Hamburger Gesin nungsgenossen die kleine hurrahwütige Begeisterungsschaar anwesend, welche nach den vielen Vermerkungen im Bericht: donnernder Beifall u. s. w. ihre Schuldigkeit als Cla⸗ queur wieder besorgt zu haben scheint. Ein klares Bild kann man von den Verhandlungen überhaupt nicht gewinnen, da die internen Sitzungen den Außenstehenden nicht bekannt werden und die Be⸗ richte sicher vieles unterdrückt haben. Das Ver⸗ tuschungssystem hat also noch einmal gesiegt, ob⸗ wohl das Beispiel»nderer Parteien zeigt, daß eine offene rücksichtslose Aussprache die Mißstände eher be⸗ seitigt als alle Schönfärberei und Unterdrückung. Aus dem Wenigen aber, was durch die Berichte zu uns ge⸗ langt ist, ist mit Sicherheit zu entnehmen, daß 1) starke persönliche Fragen nach echt deutscher Art wieder einmal statt sachlicher Meinungsverschiedenheiten die Hauptrolle gespielt haben, 2) daß das Parteigebäude große Risse zeigt. Es bröckelt überall und es ist nur noch eine Frags der Zeit, wann Zimmermann und Raab ab⸗ gehen. Nur Liebermann steht noch einigermaßen.“ Dem brauchen wir nichts mehr hinzuzufügen. Aber eine Frage an die Hirschel und Köhler noch: Warum sind Sie denn in Ihrer Volks⸗ wacht bis auf den heutigen Tag ihren Lesern den ausführlichen Bericht über Ihren eigenen Parteitag, der im vorigen Jahre in Cassel stattfand, schuldig ge⸗ blieben? War der Verlauf desselben nach Ihrer eigenen Ansicht noch kläglicher, wie der Hamburger Tag? Oder haben Sie deshalb nicht berichtet, weil Ihnen beiden so gründ⸗ lich die Köpfe gewaschen wurden und weil speziell von Ihrem Spezialfreund Bindewald gesagt wurde: Der Parteitag muß den Abg. Köhler in sehr bestimmter Form an den Eid er⸗ innern, den er der Partei geleistet hat? Partei⸗Nachrichten. Samstag, 30. September Arb.⸗B.⸗V. Heuchelheim. Abends halb 9 Uhr bei L. Steinmüller. Dienstag den 3. Oktober: ei Cartell Abends 9 Uhr Uhr bei Orbig. Eingesandt. Heuchelheim, 28. Sept. 1899. Seit ungefähr 8 Wochen befindet sich die Bach— straße in unserem Ort in einem geradezu skan— dalösen Zustand. Anfangs August wurde bereits die Straße aufgerissen, später wurden Steine und Schutt angefahren, alles Vorarbeiten zur Ueber— brückung des Bieberbachs. Nun schreitet die Ar— beit aber derart langsam fort— alle paar Tage sind 2—3 Arbeiter in Thätigkeit—, daß, wie oben bereits gesagt, die Straße in einem kaum noch passierbaren Zustande ist. Das ist in jetziger Zeit um so schlimmer, als doch jedermann ge— zwungen war, seine Frucht einzufahren und jetzt notwendigerweise Kartoffeln u. s. w. eingebracht werden müssen. Leider giebt es keine Menschen— schutzvereine, aber wir sind überzeugt, daß sich ein Tierschutzverein sofort in's Mittel legen würde, wenn ihm zur Kenntnis käme, daß sich infolge des Zustandes der Bachstraße das Vieh in wahr— haft unverantwortlicher Weise abrackern muß. Einer für Viele. Leise Anfrage. In der Rodheimerstraße liegen seit langer Zeit eine Anzahl Steinhaufen gerade auf dem Bankett. Vom Schlachthaus bis zu der nach Heuchelheim abzweigenden Straße sind es 17 wohlgezählte Haufen. Abend für Abend fallen zahlreiche Leute über die Haufen. Das ruft dann stets, da es meist ohne Verletzungen abgeht, große Heiter— keit unter den übrigen Passanten hervor. Da nun aber nicht anzunehmen ist, daß die Haufen lediglich zur Belustigung der Fußgänger dorthin geschafft wurden, so erlaube ich mir hiermit im Auftrag vieler Arbeiter, die täglich auf der Rod— heimerstraße infolge der dort lagernden Steinhaufen im Zickzack laufen müssen, die ergebene Anfrage, ob die Steine den ganzen Winter dort liegen bleiben sollen. K.-G. N Briefkasten der Expedition. Quittungen. Volkm. Hchhm. 26.60. Z. Ndh. 4.—. Str. G. Z. 5.20. W. Lbch. 6.—. Opf. Lbg. 4.—. M. Eckh. 3.—. Wtzlr. Fth. 25.—. Gge. Hobgn. 8.40. Kr. G. 10.—. M. Obsch. 5.—. Th. R. 4.75. R. G. 1.20. Rbch. Alb. 1.40. Z. Ndh. 5.—. Kerg. Eschw. 8.80. Siegf.⸗Altb. 10.40. Sch. Noda. 9.—. M. G. 47.30. fl. Frdbg. 20.—. Kr. Mbg. 34.—. Splg. Esch 5.—. F. Dbzn. 10.—. VB. G. 4.—. Frlch. Gbg. 3.—. Kch. Kfd. 9.20. L. Wak. 24.80. Opf. bg. 4.—. Lcht. Gbg. 6.20. N. Tr. 1.80. B. Roͤgn. 4.60. Kr. Ang. 20.—. Get. B. 5.75. H. Obg. 2.—. Krft. W. 7.80. Sg. Hchst. 2.20. 888 DDD Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 40. FFF e eee Uunterhaltungs⸗Ceil. * Strophen aus der Fremde. Ich möchte hingehn, wie das Abendrot Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten— O leichter, sanfter, ungefühlter Tod!— Mich in den Schooß des Ewigen verbluten. Ich möchte hingehn, wie der heitre Stern, Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken; So stille und so schmerzlos möchte gern Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken. Ich möchte hingehn, wie der Blume Duft, Der freudig sich dem schönen Kelch entringet Und auf dem Fittich blütenschwangrer Luft Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget. Ich möchte hingehn, wie der Thau im Thal, Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken; O wollte Gott wie ihn der Sonnenstrahl, Auch meine lebensmüde Seele trinken! 1 Ich möchte hingehn, wie der bange Ton, Der aus den Saiten einer Harfe dringet, Und kaum dem irdischen Metall entfloh'n, Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust verklinget. Du wirst nicht hingehn, wie das Abendrot, Du wirst nicht stille, wie der Stern versinken, Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod, Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken. Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur, Doch wird das Elend deine Kraft erschwächen; Sanft stirbt es einzig sich in der Natur, Das arme Menschenherz muß stückweis brechen. G. Herwegh. Michael Kohlhaas. Historische Erzählung von H. von Kleist. (11. Fortsetzung.) Die Dame, als sie dies hörte, sagte:„kommt, unn bie Herr, kommt!“ und versteckte die ette, die ihm vom Halse herabhing, schäkernd in seinen seidenen Brustlaß:„laßt uns ehe der Troß nachkömmt in die Meierei schleichen, und den wunderlichen Mann, der darin übernachtet, betrachten!“ Der Kurfürst, indem er errötend ihre Hand ergriff, sagte: Heloise! was fällt euch ein? Doch da sie, indem sie ihn betreten ansah, versetzte: daß ihn ja in der Jägertracht, die ihn decke, kein Mensch erkenne!“ und ihn fortzog; und in eben diesem Augenblick ein Paar Jagdjunker, die ihre Neugierde schon be— friedigt hatten, aus dem Hause heraus traten, versichernd, daß in der That, vermöge einer Veranstaltung die der Landdrost getroffen, weder der Ritter noch der Roßhäudler wisse, welche Gesellschaft in der Gegend von Dahme versammelt sei: so drückte der Kurfürst sich den Hut lächelnd in die Augen, und sagte:„Thorheit du regierst die Welt, und dein Sitz ist ein schöner weib— licher Mund!“— Es traf sich, daß Kohlhaas eben mit dem Rücken gegen die Wand auf einem Bund Stroh saß, und sein ihm in Herzberg erkranktes Kind mit Semmeln und Milch fütterte, als die Herr⸗ schaften um ihn zu besuchen in die Meierei traten; und da die Dame ihn, um ein Gespräch einzuleiten, fragte: wer er sei? und was dem Kinde fehle? auch was er verbrochen und wohin man ihn unter solcher Bedeckung abführe? so zückte er seine lederne Mütze vor ihr, und gab ihr auf alle diese Fragen, indem er sein Ge⸗ schäft fortsetzte, unreichliche aber befriedigende Antwort. Der Kurfürst, der hinter den Jagd- junkern stand, und eine kleine bleierne Kapsel, die ihm an einem seidenen Faden vom Halse herabhing, bemerkte, fragte ihn, da sich grade nichts Besseres zur Unterhaltung darbot: was diese zu bedeuten hätte und was darin befind- lich wäre? Kohlhaas eswiderte:„ja, gestrenger Herr, diese Kapsel!“ und damit streifte er sie vom Nacken ab, öffnete sie und nahm einen lleinen mit Mundlack versiegelten Zettel heraus —„mit dieser Kapsel hat es eine wunderliche Bewandniß! Sieben Monden mögen es etwa sein, genau am Tage nach dem Begräbniß meiner Frau, und von Kohlhaasenbrück, wie euch viel⸗ leicht bekannt sein wird, war ich aufgebrochen, um des Junkers von Tronka, der mir viel Un⸗ recht zugefügt, habhaft zu werden, als um einer Verhandlung willen, die mir unbekannt ist, der Kurfürst von Sachsen und der Kurfürst von Brandenburg in Jüterbock, einem Markt⸗ flecken, durch den der Streifzug mich führte, eine Zusammenkunft hielten; und da sie sich gegen Abend ihren Wünschen gemäß vereinigt hatten, so gingen sie in freundschaftlichem Ge⸗ spräch durch die Straßen der Stadt, um den Jahrmarkt, der eben darin fröhlich abgehalten ward, in Augenschein zu nehmen. Da trafen sie auf eine Zigeunerin, die auf einem Schemel sitzend dem Volk das sie umringte, aus dem Kalender wahrsagte und fragte, und fragten sie scherzhafter Weise: ob sie ihnen nicht auch etwas, das ihnen lieb wäre, zu eröffnen hätte? Ich, der mit meinen Haufen eben in einem Wirtshause abgestiegen, und auf dem Platz wo dieser Vorfall sich zutrug, gegenwärtig war, konnte hinter allem Volk, am Eingang der Kirche wo ich stand, nicht vernehmen was die wunderliche Frau den Herren sagte! dergestalt, daß, da die Leute lachend einander zuflüsterten, sie teile nicht Jedermann ihre Wissenschaft mit, und sich des Schauspiels wegen das sich bereitete, sehr bedrängten, ich weniger neugierig in der That, als um den Neugierigen Platz zu machen, auf eine Bank stieg, die hinter mir im Kirchen⸗ eingange ausgehauen war. Kaum hatte ich bon diesem Standpunkt aus mit völliger Freiheit der Aussicht die Herrschaften und das Weib, das auf dem Schemel vor ihnen saß und etwas aufzukritzeln schien, erblickt: da steht sie plötzlich auf ihre Krücken gelehnt, indem sie sich im Volk umsieht, auf: faßt mich, der nie ein Wort mit ihr wechselte, noch ihrer Wissenschaft Zeit seines Lebens begehrte, ins Auge; drängt sich durch den ganzen dichten Auflauf der Menschen zu mir heran und spricht:„da! wenn es der Herr wissen will, so mag er dich danach fragen!“ Und damit, gestrenger Herr, reichte sie mir mit ihren dürren knöchernen Händen diesen Zettel dar. Und da ich betreten, während sich alles Volk zu mir anwendet, spreche: Mütterchen, was auch verehrst du mir da? antwortete sie nach vielem unvernehmbaren Zeug, worunter ich jedoch zu meinem großen Befremden meinen Namen höre:„ein Amulet, Kohlhaas der Roßhändler; verwahr es wohl, es wird dir dereinst das Leben retten!“ und verschwindet.— „Nun!“ fuhr Kohlhaas gutmütig fort:„die Wahrheit zu gestehen, hat's mir in Dresden, so scharf es herging, das Leben nicht gekostet; und wie es mir in Berlin gehen wird, und ob ich lehr dort damit bestehen werde, soll die Zukunft ehren.“— Bei diesen Worten setzte sich der Kurfürst auf eine Bank; und ob er schon auf die betretene Frage der Dame: was ihm fehle antwortete: nichts, gar nichts! so fiel er doch schon ohn⸗ mächtig auf den Boden nieder, ehe sie noch Zeit hatte ihm beizuspringen, und in ihre Arme aufzunehmen. 5 Der Ritter von Malzahn, der in eben die⸗ sem Augenblick eines Geschäfts halber inls Zimmer trat, sprach: heiliger Gott! was fehlt dem Herren? Die Dame rief: schafft Wasser her! Die Jagdjunker hoben ihn auf, und trugen ihn auf ein im Nebenzimmer befindliches Bett; und die Bestürzung erreichte ihren Gipfel, als der Kämmerer den ein Page herbeirief nach mehreren vergeblichen Bemühungen ihn ins Leben zurückzubringen, erklärte: er gebe alle Zeichen von sich, als ob ihn der Schlag ge⸗ rührt! Der anddrost, während der Mundschenk einen reitende! Boten nach Luckau schickte, um einen Arzt herbeizuholen, ließ ihn, da er die Augen anfschlug in einen Wagen bringen, und Schritt vor Schritt nach seinem in der Gegend befindlichen Jagdschloß abführen; aber die Reise zog ihm nach seiner Ankunft daselbst zwei neue Ohnmachten zu: dergestalt, daß er sich erst spät am andern Morgen bei der Ankunft des Arztes aus Luckau, unter gleichwohl ent⸗ scheidenden Symptomen eines herannahenden Nervenfiebers, einigermaßen erholte. Sobald er seine Sinne mächtig gewordee war, richtete er sich halb im Bette auf, und seine erste Frage war gleich: wo der Kohlhaas sei? Der Kämmerer, der seine Frage mißverstand, sagte, indem er seine Hand ergriff: daß er sich dieses entsetzlichen Menschen wegen beruhigen möchte, indem derselbe, seiner Bestimmung gemäß, nach jenem sonderbaren und unbegreiflichen Vorfall in der Meierei zu Dahme, unter brandenburgischer Bedeckung zurückgeblieben wäre. Er fragte ihn, unter der Versicherung seiner lebhaften Teil⸗ nahme und der Beteuerung, daß er seiner Frau, wegen des unverantwortlichen Leichtsinns ihn mit diesem Mann zusammenzubringen, die bittersten Vorwürfe gemacht hätte: was ihn denn so wunderbar und ungeheuer in der Unterredung mit demselben ergriffen hätte? Der Kurfürst sagte: er müsse ihm nur gestehen, daß der Anblick eines nichtigen Zettels, den der Mann in einer bleiernen Kapsel mit sich führe, Schuld an dem ganzen unangenehmen Zufall sei, der ihm zugestoßen. Er setzte noch mancherlei zur Erklärung dieses Umstands, das der Kämmerer nicht verstand, hinzu; versicherte ihn plötzlich, indem er seine Hand zwischen den seinigen drückte, daß ihm der Besitz dieses Zettels von der äußersten Wichtigkeit sei; und bat ihn, unverzüglich aufzusitzen, nach Dahme zu reiten, und ihm den Zettel um welchen Preis es immer sei von demselben zu erhandeln. Der Kämmerer, der Mühe hatte seine Verlegen⸗ heit zu verbergen, versicherre ihn: daß, falls dieser Zettel einigen Wert für ihn hätte, nichts auf der Welt notwendiger wäre, als dem Kohl⸗ haas diesen Umstand zu verschweigen; indem, sobald derselbe durch eine unvorsichtige Aeußerung Kenntniß davon nähme, alle Reichtümer, die er besäße, nicht hinreichen würden, ihn aus den Händen dieses grimmigen, in seiner Rachsucht untersättlichen Kerls zu erkaufen. Er fügte, um ihn zu beruhigen, hinzu, daß man auf ein anderes Mittel denken müsse, und daß es viel⸗ leicht durch List, vermöge eines Dritten ganz Unbefangenen, indem der Bösewicht an und für sich nicht sehr daran hänge, möglich sein würde, sich den Besitz des Zettels, an dem ihm so viel gelegen sei, zu verschaffen. (Fortsetzung folgt.) Sprüche zur Lebensweisheit. In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das Denken vor. Daher ist jene die Zeit der Poesie, dieses mehr für Philosophie. Auch praktisch läßt man sich in der Jugend durch das Angeschaute und dessen Eindruck, im Alter durch das Denken bestimmen. Schopenhauer. Jeder muß den Mut einer Meinung haben. A. v. Humboldt. * Das Leben braucht nicht nur Kenntnisse, es braucht auch Gedanken, Willen und That. Herder. E Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinung behalten wir uns vor. Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Eine Antikritik von Karl Kautsky. VIII und 195 Seiten gr. Oktav. Verkag von J. H. W. Dietz Nachf. in Stuttgart.— Inhalts-Ver⸗ zeichnis: Vorwort.— Einleitung.— I. Die Me⸗ thode. a) Die materialistische Geschichts auff assung. b) Die Dialektik.) Der Wert.— II. Das Pro⸗ gramm. a) Die Zusammenbruchstheorie. b) Groß⸗ betrieb und Kleinbetrieb. c) Die Zunahme der Be⸗ sitzenden. d) Die Aktiengesellschaften. e) Die Verwen⸗ dung des Mehrwerts. f) Die Verelendungstheorie. g) Der neue Mittelstand. h) Die Krisentheorie. i) Die Formu⸗ lierung des Programms.— III. Die Taktik. a) Politik und Oekonomie. b) Selbstständige oder un⸗ selbstständige Politik. c) Dürfen wir siegen?— Ebenso wie s. Z. das Bernsteinsche Buch empfehlen wir jetzt bestens die Antikritit Kautskys. Nur wer beide Bücher gelesen hat, wird im Stande sein, sich ein klares Bild von den taktischen Streitfragen innerhalb der Partei zu machen.— Das Buch erscheint in zwei Ausgaben, die billigere kostet M. 1.— und ist durch alle Buchhand⸗ lungen zu beziehen. r 22 e 2 kcses all Leil⸗ bau, 1 die ige, ein iel⸗ anz für lde, viel gt.) i 7 nr Nr. 20. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. CCC ͤ ²˙ K Geschäfts- Uebernahme. Dem geehrten Publikum von Gießen und Umgegend, meiner werten Nachbarschaft zur gefl. Nachricht, daß ich das Colonia lia en- Ges chäfßt des Herrn Georg Herbordt vorm. Karl Petri Marktplatz Nr. f übernommen habe.— Gleichzeitig bringe ich zur Kenntnis, daß ich mein Spezial⸗Seifen⸗ und Parfümerie⸗Geschäft in unveränderter Weise in meinem neuen Geschäft weiterführen werde. Es wird mein Bestreben sein, meine werten Abnehmer durch nur gute Waren in jeder Weise zufriedenzustellen. Indem ich um geneigten Zuspruch 155 zeichne Hochachtungsvoll Emil Bender. 8 J. 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