6. Jahrg. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 5„ Mitteldentsche. r Zeitung. Juserate nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ finden in der„M. S.⸗Z.“ weiteste Verbreitung. Die ögespalt. dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei mal. Bestellung jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 43 12a.) 33 ½%% und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50% Rabatt. Abonnementspreis: Die„Mitteldeutsche SonntagsZeitung“ kostet durch unsere Austräger frei in's Haus geliefert monatlich 25 Pfg. f Durch die Po st bezogen vierteljährlich 90 Pfg. Direkt 4 5 die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. Bestellungen . 5 Zeitung“ ist es, Udmständen die zu sichern. Sozialdemokraten benutzen jede Gelegenheit, ihren Ideen Eingang in weitere Kreise zu schaffen. Wieihnachtsfeiertage bei der Agitation für die „Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ Und wem die nicht den gewünschten Erfolg brachten, oder wem gar aus irgend welchen Gründen die nötige Zeit und Gelegenheit fehlten zur Abonnentenwerbung, der wird am Neujahrstage um so eifriger für die„Mitteldeutsche Soüntags⸗ Zeitung“ agitieren. Aufklärung über alle wichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen zu verbreiten war von jeher das Be— 5 unseres Blattes. Der Anwalt der Kleinen in Dorf und Stadt zu sein, ist seine höchste Aufgabe. Pflicht aller Sozialdemokraten im Verbreiturgsgebiet der„Mitteld. Sonntags- ihrem Parteiblatt unter allen weiteste Verbreitung Das aber kann nur geschehen durch die lebhafteste und unverdrossenste. Einzelarbeit der Genossen. Eine sozialistische Kolonie. el. Die Thatsache, daß eine Reihe kommu⸗ nistischer Kolonieen nach längerem oder kürzerem Bestehen wieder zugrunde gegangen ist, ist von unseren Gegnern als Beweis für die Behauptung angesehen werden, daß der Sozialismus undurch⸗ führbar und mit der menschlichen Natur un⸗ vereinbar sei. Die religiösen kommunistischen Gemeinden in Nordamerika sollen sich nur des⸗ halb eine Zeit lang gehalten haben, weil der Kommunismus eine klösterliche Form gehabt habe. Diese Behauptungen sind völlig haltlos. Mit dem sozialistischen Gemeinwesen, wie wir es er⸗ streben, haben diese Kolonieen nicht das geringste gemein. Die Mitglieder der nordamerikanischen Kolonieen bestanden aus den rückständigsten Schichten der Gesell schaft. Jene Vielgestaltigteit der Berufsarten, wie sie heute besteht, fehlte in den Kolonieen gänzlich, und damit war den Kolonieen die Möglichkeit zu einem gedeihlichen Emporblühen genommen. Wurden sie von der modernen Gesellschaft berührt, dann flohen sie weiter hinaus in die Oede. Der moderne So— zialismus hingegen ist die JFortsetzung der mo⸗ dernen Gesellschaft. Alle Errungenschaften der Kultur und Technik macht er sich zu eigen, sie regelnd und ordnend. Dadurch gewinnt die Produktion einen ungeahnten Aufschwung und die Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft, die nicht in wilder Konkurrenz gegen einander, son⸗ dern einträchtiglich für einander arbeiten, genießen ein Leben, reich an Inhalt und Abwechselung, wie es heute nur die Bevorzugten unter den Menschen kennen, Leute, die aber in wahn⸗ . Luxus ihr Dasein verbringen auf Kosten er rastlos Arbeitenden und deren größte Plage 2 in 1 5 Faulenzerleben die Langeweile ist. Trotz aller Mängel boten diese ihren Mitgliedern Vorteile, im kapitalistischen Staate vergebens erstrebt. „Wenn ich“, sagt Nordhoff in seinem Werke über die kommunistischen Gesellschaften,„das Leben in einer blühenden und zufriedenen Ge⸗ meinde mit dem Leben der gewöhnlichen Farmer und Handwerker auf dem Lande oder noch mehr mit dem Leben der Arbeiter und ihrer Familien in unseren großen Städten vergleiche, so muß ich gestehen, daß das kommunistische Leben so viel freier von Sorge und Gefahr, so viel leichter nach vielen Richtungen hin und jedenfalls, was die materielle Seite angeht, so viel besser ist, daß ich aufrichtig wünsche, es möchte eine weitere Em wickelung in den Vereinigten Staaten haben.“ Und Hinds in seinem Werke über die ameri⸗ kanischen kommunistischen Gesellschaften äußert über denselben Punkt:„Die Vorteile in diesen An en sind groß und zahlreich. Alle Unter⸗ schiede zwischen arm und reich sind abgeschafft. Der Kommunismus sorgt für die Kranken, Schwachen, Unglücklichen in gleicher Weise. Bei Verlust durch Feuer oder Flut wird die Last, Kolonieen die der Proletarier welche den Einzelnen ruinieren würde, von der Gesamtheit leicht getragen.“ In Nr. 558 vom 29. November v. J. be⸗ richtet sogar der„Hamburgische Korrespondent“, ein bürgerliches Blatt nationalliberaler Richtung, aus England von den großartigen Erfolgen einer sozialistischen Kolonie und straft damit seine eigenen öden Tiraden über den Widersinn sozia⸗ listischer Organisationen Lügen. schreibt: „Von den überraschenden Ergebnissen, die Fleiß, Intelligenz und Menschenverstand auch in Eng⸗ land erzielen, bietet ein Landgut in der Graf⸗ schaft Gloncestershire ein interessantes Beispiel. In einem der reichsten Landstriche jener Graf⸗ schaft hat eine kleine Kolonie von Sozialisten von dem Grundbesitzer, Lord Bathurst, auf eine Reihe von Jahren eine Farm erworben, und am Rande eines herrlichen Thales, the golden Valley genannt, aus diesem entsetzlich vernach— lässigten Grundstück eine geradezu ideale Besitzung geschaffen. Ein vor den Wohngebäuden gelegener Terrassengarten, der die lieblichste Fernsicht bietet, enthält eine Fülle der schönsten Blumen; nebenan, etwas tiefer gelegen, ist ein großer, vortrefflicher Gemüsegarten, und seitwärts führt eine Allee uralter Eiben, die im heißesten Sommer herr⸗ liche Kühle gewährte und in der Hängematten und Ruhesessel zu beschaulicher Rast einluden, nach den höher gelegenen Teilen der parkartigen Besitzung. Aehnliche Ueberraschungen erwarteten uns im Hause selbst. Das Wohnhaus, früher ein gewöhnliches, Farmgebäude, jetzt mit Gloire de Dijon⸗Rosen, Clematis und anderen Schling⸗ gewächsen reich umrankt, bot im Innern die eigenartigste Mischung einfacher, fast primitiver Emrichtung und gewählter, künstlerischer Ver⸗ feinerung. Ueberall herrschte einfache Behaglich⸗ keit ohne eigentlichen Luxus; nirgends war auch nur ein Stückchen Teppich zu sehen, der Fuß⸗ boden glänzte so blank und rein, daß man von ihm hätte speisen können, der Herd war jener weite, ein fache der altenglischen Küchen, die, wie diese hier, zugleich als Wohnzimmer dienten. Auf dem Kaminsims und an den Wänden blinkte glänzendes Kupfer- und Messinggerät, unter dem Querbalken des ziemlich niederen Zimmers stand auf einfach weißgestrichenen Holzregalen eine Anzahl Bücher, die fast die Zimmerdecke be⸗ rührten, hier und da sah man einen schön⸗ geformten Krug oder Topf von Porzellan oder Thon, eine Skizze, altertümlichen Hausrat, eine geschnitzte Truhe, einen kunstvoll gearbeiteten Tisch oder sonst ein altes Möbel— alles schien sich hermonisch in ben einfachen Rahmen dieser Kolonie der Einrichtung einzufügen. Die der übrigen dieser Kolonie zugehörigen Wohnungen waren dieser ersten ähnlich.“ Wo können uns die Gegner ein ähnliches Bild aus der kapitalistischen Gesellschaft vor⸗ führen? Politische Bundschau. * Gießen, den 30. Dezember. Das freie Wort und der Reichstag. Das Reichs⸗Parlament wird sich in dieser Session vielfach mit der Presse zu befassen haben. Von fast allen Parteien des Reichstages sind Anträge vorbereitet, die sich mit Abänderungen alter oder Hinzufügung neuer Paragraphen zum Strafgesetzbuch befassen, die die Presse in erster Linie angehen. Auch der Antrag unserer Frak⸗ tion auf Streichung des Majestätsbelei⸗ digungsparagraphen ist von höchstem Interesse und größter Wichtigkeit für die Frei⸗ heit der Kritik in Deutschland. Hoffentlich er⸗ möglicht es die Geschäftslage des Reichstages, daß dieser schon in der vorigen Legislaturperiode eingebrachte Antrag recht bald zur Verhandlung kommt. Die Anklagen wegen Majestätsbeleidi⸗ gung und die Verurteilungen haben sich ganz außerordentlich im Laufe der letzten zehn Jahre vermehrt. Es handelt sich nicht um eine Straf⸗ freiheit für Majestäts beleidigungen. Die Be⸗ leidigungsparagraphen des Gesetzes mit ihren recht erheblichen Strafen bleiben unberührt; ge⸗ fordert wird nur, daß die Ausnahme bestim⸗ mungen, die für Beleidigungen gegen gekrönte Häupter vorgesehen sind, gestrichen werden. Die Debatten, die dieser Antrag im Reichstage hervorrufen wird, werden sich jedenfalls zu einer umfassenden Aussprache über die Monarchie und ihre Stellung im öffentlichen Leben unseres Volkes gestalten. Von großer Bedeutung für die Presse sind weiter die Anträge der freisinnigen Partei auf Abänderung des Groben Unfug⸗Para⸗ graphen und auf Beseitigung des Zeug nis⸗ zwanges gegen den verantwortlichen Redakteur und die sonst bei der Herstellung eines Preß⸗ erzeugnisses thätigen Personen. Der Grobe Un⸗ fugparagraph ist zu einem bequemen Mittel ge⸗ worden, da zu strafen, wo auf Grund anderer Paragraphen eine Bestrafung unmöglich wäre. Es ist wirklich an der Zeit, daß den juristischen Auslegungskünsten ein Ende gemacht und dem Paragraphen sein ursprünglicher Sinn wieder⸗ gegeben werde, der sich gegen nächtliche Lärm⸗ szenen auf der Straße, gegen die Streiche über⸗ mütiger Burschen richtet. Ebenso notwendig ist die Beseitigung des Zeugniszwangsverfahrens gegen die Presse. Der verantwortliche Redakteur Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 1. R K haftet unter allen Umständen als Thäter, und kann deshalb nicht als Zeuge unter Zwang ge⸗ nommen werden, um den Verfasser zu ermitteln. Trotzdem ist es wiederholt geschehen, daß ein Disziplinarverfahren gegen„Unbekannt“ eröffnet und der Redakteur in Zwangshaft genommen wurde, um die Namen des Einsenders oder Ver⸗ fassers zu ermitteln. Uns ist bisher nicht ein Fall bekannt geworden, wo dies Verfahren auch nur im Geringsten genützt hätte. Jeder Redakteur betrachtet es als Ehrensache, das Berufsgeheimnis zu wahren; er bezieht lieber stoisch eine Zelle, als daß er den Namen eines Mannes preisgeben würde, der sich auf seine Diskretion verlassen hat. Das ist einfach selbstverständlich, aber das Selbstverständliche gilt bei uns noch lange nicht als Norm für die Gesetzgebung, und selbst wenn, wie zu erwarten, der Reichstag einen Antrag auf Schutz des Berufs geheimnisses des Redakteurs annehmen würde, so bleibt immer noch der große Papierkorb des Bundesrats. Die„freie“ Wissenschaft. Auch aus Sachsen wird jetzt die Maßregelung eines ÜUniversitätslehrers gemeldet. Diese hat den Assistenten an den vereinigten staatswissen⸗ schaftlichen Seminarien der Universität Leipzig, Sr. Kurt Kuntze, getroffen. Dr. Kuntze hatte in ber Geitscheeft i die getamt⸗ Textil⸗ industrie eine Kritik der handelsstatistischen Zu⸗ sammenstellung des Reichsamtes des Innern veröffentlicht. Wie die„Voss. Ztg.“ mitteilt, haben sich deshalb zwei hochgestellte Persönlich⸗ keiten in Leipzig über Dr. Kuntze beschwert, worauf ihm seine Stellung an den staatswissen⸗ schaftlichen Seminarien zum 1. Januar 1899 gekündigt worden ist, weil er sich„an partei⸗ politischen Kämpfen beteiligt habe“. Das ist ein starkes Stück. Es ist weit gekommen, wenn man in solcher Weise gegen Gelehrte vorgeht, welche mit ihrem Wissen der Wahrheit zum Recht verhelfen wollen.— Nun kann sich Prof. Delbrück, der disziplinirt wird, weil er die Ausweisungen aus Schleswig bekämpfte, mit Dr. Kuntze trösten. Für Delbrück macht die konservative„Kreuzzeitung.“ übrigens mildernde Umstände geltend. Das Hammersteinblatt schreibt: „Ein persönlich wegwerfendes Urteil über Del⸗ brück sei unzulässig Hier noch weniger als sonst, weil Professor Delbrück durch seine Ver⸗ gangenheit sich trotz alledem ein Recht darauf erworben hat, nicht mit den„zielbewußten“ Reichs feinden oder Reichs örgeln verwechselt zu werden. Als Mitglied des Reichstages hat er seinerzeit für das Sozialistengesetz und für alle Heeres vorlagen gestimmt, das darf nicht gleich vergessen und als ungeschehen be⸗ trachtet werden“ Zwei gute Witze. In einer Besprechung der Maßregeln gegen Delbrück und Kuntze sagt die Marburger„Hess. Ldszig.“:„Unerklärlicherweise giebt es wieder eine Reihe von Blättern, die die Amtsentsetzung Kuntzes unbegreiflich finden, wie sie die Dis⸗ ziplinierung Delbrücks heftig getadelt haben. Diese aufrührerischen, schon mehr anarchistischen Zeitungen liberalen Geblüts beweisen damit jediglich, daß sie die geistige Entwickelung im neuen Deutschland nicht begriffen haben und kein Verständnis besitzen für des Reiches Macht und Herrlichkeit, für die Durch⸗ dringung des wissenschaftlichen Lebens mit der einzig wahren militärischen Unterordnung, die allein die Ruhe, den Fortschritt und die Welt⸗ machtpolitik verbürgt. Die Rückständigkeit dieser Blätter ist ja auch im Fall Del⸗ brück mit erschreckender Deutlichkeit hervor⸗ getreten. Im Verein mit der national⸗ sozialen„Hilfe“ sprachen sie die Erwartung aus, daß sich die preußischen Hochschul⸗ lehrer wit dem„maßlosen Verleumder“ Hans Delbrück folidarisch erklären sollten. Da sich unten en Professoren⸗Perücken nichts regte, haben sie s Wahnwitzige ihres Auflehnungs⸗ putsches e ehen, und, wie uns mitgeteilt wird, beschlossen, ende öffentliche Aufforderung in den Tages! gen und Wochenschriften zu er⸗ Hohe Belohnung! Auf sofort wird ein preußischer Professor gesucht, der es wagt, sich mit dem gemaß— regelten Haus Delbrück solidarisch zu erklären. Liberale Gesinnung be⸗ vorzugt; auch nationalsoziale Ueberzeu⸗ gung kann nicht schaden. Zuverlässig⸗ keit des Rückgrats unbedingt geboten. Als Belohnung ist neben dem Dank des Volkes die Huldigung des Liberalismus aller Schattierungen vorgesehen. Die gefällige Offerte befördert die Expedition d. Bl. unter dem Motto„Ave Gracchus Delbrueck, moriturus te sa- lutant!““ AE Man sieht, daß die mehrfach genannten Blätter froh sind, wenn sie statt aller nun⸗ mehr nur einen Professor finden, der vom Geiste der Zeit so wenig angefochten ist, daß er dem Aufwiegler Delbrück sich an die Seite zu stellen wagt. Wir haben die feste und tröstliche Gewißheit, daß sich auch die eine gesuchte Schwalbe nicht finden wird. Die Ruhe, Ord⸗ nung und Sitte über alles!“ Der zweite Witz besteht darin, daß sich diese Verhöhnung besonders der national⸗ sozialen Schwärmer in derselben„Hess. Ldsztg.“ befindet drei Tage bevor sie in— nationalsoziale Hände übergeht!! Aus Thielens Reich. Eine Einschränkung der dienstfreien Zeit für die Betriebsbeamten der Staats⸗ bahnen hat die Betriebsinspektion J in Stral⸗ sund verfügt: Unter Aufhebung der 1898 ge⸗ troffenen Vorschriften über die Ruhetage soll künftig jeder im Betriebsdienst beschäftigte Be⸗ dienstete statt„monatlich bisher mindestens zwei freie Tage,“ monatlich nur„mindestens einen freien Tag erhalten“. Ueber das Mindest⸗ maß von einem freien Tag im Monat hinaus soll allgemein nicht gegangen werden und„zwar der Gleichmäßigkeit halber, ohne Rücksicht darauf, ob durch diese Verminderung der freien Tage Kosten erspart werden oder nicht.“ Am Schlusse der Verfügung aber wird auf⸗ gefordert, bei der Einreichung der neuen Dienst⸗ einteilung gleichzeitig zu berichten, welche Er⸗ sparnisse an Geld und Kopfzahl dadurch für einen Monat entstehen. In der Verfügung heißt es noch weiter: „Wenn ein Hilfsbahnwärter oder Hilfsweichen⸗ steller e. einen ganzen freien Tag und zwei halbe freie Sonntage erhielt, so wurden ihm für diese drei Tage volle Tagelöhne in Rechnung gestellt. Das ist für die Folge nicht mehr der Fall. Der Betreffende be⸗ kommt nur noch für einen ganzen dienst⸗ freien Tag im Monat vollen Tagelohn und für die Sonntage nur den Bruchteil, der ihm für die Stunden, die er dienstlich er⸗ forderlich ist, zusteht, da nur ein freier Tag ohne Lohnabzug gewährt wird. Charakteristisch in der Verfügung ist auch, daß bei der Gewährung der Gelegenheit zur Theilnahme am Gottes⸗ dienst, der mindestens an jedem dritten Sonn⸗ tag statifinden soll, die zum Kirchenbesuch erforderliche Zet„zwar ausreichend, aber nicht zu reichlich zu bemessen ist. Sparpolitik auf Kosten der Unterbeamten und Eisenbahnarbeiter ist Trumpf, da wird ge— pfennigfuchst, da wird abgeknappst, mag auch die Ueberarbeit, die Unterbezahlung die Erschöpfung der Angestellten beschleunigen, die Betriebssicher⸗ heit gefährden. Und im Lande der„Gottes⸗ furcht und frommen Sitte“, wo das Kirchen⸗ bauen vornehmer Sport und der Kirchenbesuch fast Zwang ist, kalkuliert das feine Finanzgenie des Herrn Thielen sogar mit der für den Kirchen⸗ besuch erforderlichen Zeit. g Beten sollen die Eisenbahner, wenn sie das Bedürfnis haben, aber mit der Uhr in Zu deutsch: Heil Dir, Delbrück, die dem Tode Geweihten grüßen Dich! der Hand. Ersparte Pfennige sind dem Herrn Thielen, dem Organe des Scharfmachers Miquel das wichtigste, und wenn es um den Glauben geht. Was sagen die Orthodoxen dazu in dem Lande, wo nach Wilhelms I. Ausspruche„dem Volke die Religion erhalten werden soll?!“ Herr Thielen arbeitet für die— Aufklärung der Arbeiter mit erstaunlicher Energie. Wie in Deutschland pensioniert wird. In welcher Weise dermalen in Deutschland pensioniert wird, mögen folgende Zahlen lehren: Vom 24. Oktober bis 17. Dezember d. J., also in einem Zeitraum von nicht ganz 8 Wochen, 1 Generallieutenant, wurden verabschiedet: 7 Generalmajore, 6 Oberste, 1 Oberstlieutenant, 15 Majore, 19 Hauptleute, 12 Premierlieute⸗ nants und 7 Sekondelieutenants. Im ganzen 68 Offiziere. Auf Preußen treffen hiervon 1 General⸗ lieutenant, 5 Generalmajore, 3 Oberste, 1 Oberst⸗ lieutenant, 9 Majore, 12 Hauptleute, 11 Premier⸗ lieutenants und 5 Sekondelieutenants; auf Bayern 1 Generalmajor, 2 Oberste, 3 Majore, 5 Hauptleute und 1 Premierlieutenant; auf Sachsen 1 Generalmajor, 1 Oberst, 3 Majore, 2 Hauptleute und 2 Sekondelieutenants. Die Gesamtkosten dieser Pensionierungen belaufen sich auf rund 240000 Mark pro Jahr, wobei noch zu bemerken ist, daß der angegebene Zeitraum„verhältnismäßig still“ verlief. Mehr Soldaten und mehr Pensionäre! Mordwaffen und neue— Steuern! was willst Du noch mehr? Eine zeitgemäße Statistik. Eine Statistik der Majestätsbeleidig⸗ ungs⸗Prozesse wäre von Nöten und sollte im Reichstag, der sich ja mit dieser Frage zu beschäftigen haben wird, beantragt werden. Die Statistik müßte auch die Denunziationen umfassen: die Zahl der Denunziationen, die Zahl der Untersuchungen, die Zahl der Anklagen, die Zahl der Verurteilungen und Freisprechungen, die Höhe der Strafen. Es würde das für die Psychologie(Seelenlehre) ein ebenso interessantes Material ergeben wie für die Politik. Es würde sich vielleicht nicht blos eine Epidemie des soge⸗ nannten Verbrechens zeigen, sondern auch eine Epidemie des Verurteilens. Wie das massenhafte Auftreten der Majestätsbeleidigung eine eigen⸗ tümliche Disposition der Volks seele bekundet, so bekundet die Aburteilung der Majestätsbe⸗ leidigung eine eigentümliche Disposition der Rich⸗ ter und Staatsanwälte. 5 a Und was insbesandere die Denunziationen betrifft, so würde eine Statistik derselben ein Barometer der öffentlichen Moral sein und uns erkennen lassen, wie tief die Korruption in den gesellschaftlichen Körper eingedrun gen ist — in welchen Schichten hauptsächlich das Gift sitzt und die Heilung einzusetzen hat. Des weiterzn müßten die Majestätsbeleidig⸗ ungen je nach den verschiedenen Bundesstaaten eingeteilt werden. Deutschland enthält nicht blos eine Majestät— es zählt etliche zwanzig Fürsten, und all' diese zweiundzwanzig Fürsten sind gleich souverän, stehen sämtlich unter dem Schutz des glei⸗ chen Majestätsbeleidigungs⸗Paragraphen. Nun hören wir aber bei den vielen Majestätsbeleidi⸗ gungsprozessen, die jeder Tag bringt, immer blos von Masestätsbeleidigung des Königs von Preußen, fast niemals von der Beleidigung eines anderen Bundesfürsten. Es wäre von höchster Wichtig⸗ keit festzustellen, wie viele Majestätsbeleidigungen, die den vielen hundert Majestätsbeleidigungs⸗ Prozessen eines jeden Jahres zu grunde liegen, auf jeden einzelnen der 22 Fürsten entfallen. a Um den Vergleich noch vollständiger zu machen, könnte man auch Oesterreich in die Statistik hineinziehen. Oesterreich hat ähnliche Gesetze wie Deutschland, steht in dem engsten Verwandtschafts⸗ und Bündnis verhältnis zu Deutschland und hat weit verwickeltere Zustände. Trotzdem giebt es in Oesterreich so gut wie keine Majestätsbeleidigungs⸗Prozesse.. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Statistik ein außerordentlich lehrreiches Material Neue bieten würde. Wir würden z. B. Aufschluß da⸗ ä——v—v—— Michel, 1 13 1 7 1 1 1 . e tän 1 0 Mere ute der 1 egen 5 der in eine 1 bracht nis Herr Kl Du sthung durch 1 101. N 28 1 N 15 * 13 . 15 5 1 1 4 1 1 5 ö 2 5 3 1 F 2 — dem fuel auben dem 0 dem err der vird. land hien: „ also. hen, mant, ant, lieute⸗ ganzen neral⸗ bers. emier⸗ af ajore, auf lajore, Die laufen Jahr, gebene Neue lichel, idig⸗ sollte age zu Die onen e ahl n, die ungen, ür die ssantes würde soge⸗ eine hafte eigen⸗ undet, ätsbe⸗ Nich⸗ tionen n ein leidig⸗ aaten t 5 ürsten, gleich es glei⸗ Nun beleidi⸗ los von K U ßen, mdeten 3— ungen, g liegen, it st 6. —— rüber erhalten, st and versetzt worden. Herr von Tausch ist also keineswegs Ausnahmen. Nr. I. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. ob die Gesinnung, welche sich in Majestätsbeleidigungen äußert, dem monarchischen Prinzip gilt, oder monarchischen Personen; und daß ein solcher Aufschluß für alle, denen die Monarchie lieb ist, sehr schätzbar wäre und nützliche Handhaben zur Herbeiführung besserer Zustände böte, das bedarf keiner näheren Ausführung.— f Zwei Urteile. In Göttingen wurde der Hauptmann Mersmann zu 500 Mark Geldstrafe ver⸗ urteilt. weil er sein früheres Dienstmädchen auf der Landstraße ins Gesicht geschlagen, gegen den Leib getreten und beleidigt hatte. In Erfurt wurde ein Dachdecker, der in Mühlhausen in Thüringen am 1. Mai eine rote Fahne auf dem Kirchturm ange⸗ bracht hatte, zu neun Monaten Gefäng⸗ nis und vier Wochen Haft verurteilt. Herr von Tausch, der Ministerstürzer. Kriminalkommissar von Tausch, der von dem Disziplinarrichter in erster Instanz zur Strafver⸗ setzung verurteilt wurde, ist, wie berichtet wird, durch den Spruch des Staatsministeriums mit 1½,2 der ihm zustehenden Pension in den Ru he⸗ immer noch gnädiger davongekommen, als der Postschaffner, der, wie wir jüngst gemeldet haben, vom Disziplinargericht zur Strafversetzung und Kürzung seines Gehalts um ein Viertel verurteilt wurde, weil er sich zu Sozialdemokraten an den Tisch gesetzt und seiner Sympatie für die Sozialdemoktratie Ausdruck gegeben hatte. Wer denkt da nicht an das Sprichwort von den Kleinen und Großen, von denen man die ersteren hängt, die letzteren aber laufen läßt?. Material zur Zuchthausvorlage. Ein Verein deutscher Tapetenfabrikanten dem die Unternehmer dieser Branche fast voll⸗ zählig angehören, und der sich mit bestimmten Abmachungen bis 1900 festgelegt hat, setzt die stärksten Pressionsmittel gegen Kollegen fest, die seine Preis- und Verkaufsbedingungen nicht ein⸗ halten. Derselbe Verband aber, der zur Siche⸗ rung der hohen Profite in seiner Branche sich nicht scheut, jedes Mitglied zu verfehmen, das seine Beschlüsse nicht einhält, ja der über den Kreis seiner Mitglieder hinaus, jedem Händler und Lieferanten vorschreibt, wie und an wem er verkaufen darf, derselbe Verband erkennt nicht nur kein Koalitionsrecht seiner Arbeiter an, sondern setzt diese auch dann auf die schwarze Liste, wenn sie„ordnungsmäßig“ kündigen, um dadurch ihre„Arbeitgeber“ zur Erhöhung des Lohnes oder zur Abstellung offenkundiger Mißstände zu veranlassen. So lautet z. B.§ 40 seiner Vereinbarungen: „Erfolgt bei einem Mitglied des Vereins ein Streik der Arbeiter, wozu eine komplottmäßige, wenn auch sonst ordnungsmäßige Kündigung zur Erzwingung höherer Löhne oder Abschaffung mißliebiger Einrichtungen mitgerechnet wird, so darf kein dem Verein angehörender Kollege, nachdem die Angelegenheit vom Vorstand ge⸗ prüft und zur Kenntnis der Mitglieder gebracht ist, einem Streikenden innerhalb der ersten drei Monate Beschäftigung geben.“ Hier kann also an einem Beispiel gezeigt werden, wie dasselbe Unternehmertum, das zur Hochhaltung seines Profites für sich das Recht in Anspruch nimmt, jede Auflehnung seiner Klassengenossen gegen seine Zwangsmaßregeln mit einer Entziehung der wirtschaftlichen Existenz zu ahnden, den Arbeitern alles Zusammenhalten zur Erringung besserer Lebensbedingungen bei Hungerstrafe verbietet, selbst wenn die Arbeiter dabei völlig gesetzmäßig verfahren und die vor⸗ geschriebenen Kündigungsfristen einhalten. Und derartige Fälle von Unternehmerterrorismus sind Der Ehren⸗Fischer. Neues Material bringt der„Vorwärts“ über den bekannten Korbmacher Fischer, den Schützling der Herren v. Stumm und Genossen bei: Fischer chat, wie unseren Lesern erinnerlich, eine Broschüre ziusammengestoppelt und von dem nach Ostindien der freikonservativen Partei, überarbeiten lassen, in der die Sozialdemokratie mausetodt verleumdet und gelogen wird. Natürlich avancierte ob dieser ehrenwerten That der Fischer sofort zum Freunde aller offenen und versteckten Rückwärtser, die aus dem Korbmacherbuch„vernichtendes Material“ gegen die bekannten Führer der Sozialdemokratie „schöpfen“. Wer noch an der moralischen Quali⸗ fikation des Fischer zur Rettung des Kapitalis⸗ mus zweifelte, wird jetzt durch die Vorwärts⸗ berichte hoffentlich bekehrt werden. Der Vorwärts schreibt:„Fischer ist bestraft wegen Messer⸗ stecherei, wegen Unterschlagung des Sterbegeldes für seinen verstorbenen Bruder (derselbe mußte auf Kosten der städtischen Armen⸗ pflege begraben werden, weil F das Sterbegeld „für sich verbrauchte“), ferner wegen Betrug und Urkunden fälfchung einem Kollegen gegenüber, wegen Hausfriedensbruchs u. s. w. So sieht der„Ehrenmann“ aus, der anständige Arbeiter beschimpft, beschimpft unter dem Beifall des Unternehmertums und seiner Preßorgane wie z. B.„Post“,„Kreuzzeitung“, „Nationalzeitung“,„Staatsbürgerzeitung“ und wie sie alle heißen. Wie die Suche der kapi⸗ talistischen Reaktionäre, so sind auch die Wer⸗ treter derselben. Hoffentlich läßt es das Un⸗ ternehmertum an einer Ehrenspende für seine Kronzeugen Ehren⸗Fischer und Ehren⸗Fink, diese würdigen Vorkämpfer für Ordnung, Sitte und Religion, nicht fehlen. Ausländisches. — Der Antisemitismus vor der französischen Kammer. Wären parlamen⸗ tarische Debatten und Resolutionen entscheidend für die Geschicke einer Parteirichtung, so hätte die Kammerdebatte vom 24. Dezember dem französischen Antisemitismus den Todesstoß ver⸗ setzt. So zerschmetternd war die parlamentarische Niederlage, die der Antisemitismus in der Person seines Oberhauptes, Eduard Drumont, erlitten hat. Immerhin zeugt es von der absoluten Aus⸗ sichtslosigkeit des Antisemitismus in Frankreich, daß selbst— oder vielmehr gerade in der gegen⸗ wärtigen Kammer, die eine so feine Witterung für die augenblicklichen Strömmungen zeigt, 406 gegen 10 Stimmen den Antisemitis⸗ mus verurteilt haben. Obendrein bezeichnet die angenommene Resolution indirekt aber deutlich die Richtung Drumonts als eine klerikale Mord- und Raubdemagogie, indem die Resolution der Regierung aufgiebt, „für die Achtung der Gewissensfreiheit, der Sicherheit der Personen und des Eigentums zu sorgen.“— Der edle Drumont scheint vom selben Holz zu sein, wie seine Gesinnungsfreunde in Deutschland. Der Ministerpräsident Dupuy setzte in der Kammer auseinander, wie Drumont ein Abgeordnetenmandat in Algier „holte“: Ein erheblicher Teil der Wähler Drumonts setzt sich zusammen aus Italienern und Spaniern, die kein Französisch verstehen. Der Verfechter des französischen Nationalgeistes (Drumont) wendete sich während des Wahlkampfes mit seiner Devise:„Frankreich den Fran⸗ zosen“, an jene Elemente in— spanischen Aufrufen. Er spanisierte sogar seinen Namen in„Edouardo“ um. Ein solcher Aufruf wurde von Dupuy zur Erheiterung der Kammer verlesen.“ 0 Die Rede Dupuy's wird auf Beschluß der Kammer gedruckt und in ganz Algier öffentlich angeklebt. Das ist ein in Frankreich oft ange⸗ wandtes Mittel, wichtige Kammerbeschlüsse den interessierten Volkskreisen ausführlich bekannt zu geben. Von Nah und Fern. Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willtommen Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit dei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Drug bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben. Zum Jahreswechsel übermitteln wir hiermit unseren verehrlichen Lesern und Korrespondenten die Besten Glückwünsche! Möge das Jahr 1899 allen unseren Ge⸗ ausgeflogenen Redakteur Fink, dem Sekretär sinnungsgenossen ein glückbringendes sein. Freilich, an schweren Kämpfen wirds im neuen Jahre keinem der Unseren fehlen. Ge⸗ witterschwüle herrscht in deutschen Landen. Ueber⸗ mütiger denn je erheben die Dunkelmänner das Haupt. Das freie Wort i st geknebelt. Mit eisengepanzerter Faust wird jede freie Regung des vorwärtsdrängenden Volkes zu unterdrücken versucht. Das neue Jahr beginnt im Zeichen des Zuchthauskurses. Leicht ist der Kampf, den das Proletariat zu führen hat, nicht. Leicht wird auch im neuen Jahre die Aufgabe der Unterzeichneten nicht sein. Durch das Vertrauen unserer Parteigenossen in die vordersten Kampfreihen gerufen, ist unsere Stellung eine doppelt schwierige und gefahrvolle. Aber unerschrocken und kampflustiger denn je werden wir nach besten Kräften unsere Schuldig⸗ keit thun, wenn uns die alten Anhänger die Treue bewahren und neue Anhänger werben helfen. Wir wissen, daß sie es thun werden. Sozialdemokraten kennen ihre Pflichten und erfüllen sie auch. Und froh⸗ gemut gehen wir denn in das neue Jahr hinein. Komme, was da will, wir sind des Sieges gewiß! Fesselt die Erde in zwängende Schranken! Greift der Zeit in das rollende Rad! Bindet die Flügel der kühnen Gedanken, Haltet die Menschheit auf strebendem Pfad! Thörichter Blödsinn spricht: „Erde, beweg' dich nicht“— Nimmermehr zwingt ihr sie, stille zu stehen! Vorwärts und vorwärts wird ewig sie gehen! Hindert und hemmet noch: Und sie bewegt sich doch! Ja, hemmen kann uns die Reaktion, aber den endgültigen Sieg kann sie uns nicht ent⸗ reißen. An's Werk, Genossen! Der Kampfruf bleibt der alte: Vorwärts! Für Freiheit, Gleich⸗ heit und Brüderlichkeit! Die Redaktion der M. S.⸗Ztg. Sind Arbeiter Schlammbeißer? * Das Offenbacher Denunzierblatt des Abgeordneten Köhler schreibt in seinen Be⸗ trachtungen über das Notariatsgesetz u. A.: „... Wenn für großstädtische Schlamm beißer ein Kreuzer Brückengeld ge spart werden doll, da schreit nan Zeder und Mordio, aber für den Kern des Volkes rührt so ein Sozialdemokrat keinen Finger, alldieweil ja die Vorlage es mit der Sicherheit des Eigentums zu thun habe, und dadurch, wie der rote Regierungsvertreter Ulrich meinte, nur auf beschränkte Kreise angewiesen sei“. Aus diesen Zeilen leuchtet die ganze antise⸗ mitische Unverschämtheit und Geme, heit heraus. Die Arbeiter nennt das nunzierblatt schlankweg Schlammbeißer! Für unsere vielen auswärtigen Leser, die die Bedeu⸗ tung dieses Wortes nicht kennen, sei zur Er⸗ läuterung angeführt, daß man in Hessen die verkommensten Subjekte als Schlamm⸗ beißer bezeichnet. Was ists nun mit„dem Kreuzer Brückengeld?“ Unsere Genossen hatten im Land⸗ tag den Antrag gestellt, alle in einem Lohn⸗ oder Arbeitsverhältnis stehenden Leute, die, um an ihren Arbeitsplatz gelangen zu können, eine Brücke passieren müssen, von den Brückengeld zu befreien. Dieses Brückengeld beläuft sich z. B. für Mainzer Arbeiter, die in Kastel arbeiten— oder auch umgekehrt— jährlich bis auf annähernd 20 Mark! Daß diese unge⸗ rechte Extrabesteuerung der Arbeiter fallen soll, ist doch nicht mehr als recht und billig. Aber sobald auch nur das geringste für die Arbeiter verlangt wird, sind die antise⸗ mitischen Volksfreunde nicht zu haben. Wer erinnert sich nicht, daß dieselbe Volks⸗ wacht im abgelaufenen Jahre auch gegen die billigen Arbeiterfahrkarten losgedonnert hatll! Und nun kommen die Handlanger der preußischen Junker gar und beschimpfen die Arbeiter; nennen sie Schlammbeißer! Die Schimpftalente und die Niedrigkeit der Gesinnung können bei de Antisemitenführern nur noch durch unbegrenzt Dummheit übertroffen werden. Weil die Sozialdemokraten, die im hessischen Landtag sitzen, einsahen, daß ein Reichsgesetz nicht durch Deite 4. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 1. ** den Beschluß des Darmstädter Parlaments außer Kraft gesetzt werden kann, demgemäß ihr Ver⸗ halten einrichten und das ebenso alberne wie demagogische Gebahren der Antisemiten nach Gebühr brandmarkten, deshalb rührt nach dem antisemitischen Denunzierblatt „für den Kern des Volkes ein Sozial⸗ demokrat keinen Finger.“ Eine erbärmliche Verleumdung! Sind denn die bürgermeisterlichen Ortsgerichtsvor⸗ steher der Kern des Volkes? Viele Hun⸗ derttausende haben unsere Genossen im hessischen Landtag für die Landwirtschaft b e⸗ willigt, weil sie überzeugt waren, daß diese Summen dem ganzen Lande zum Vorteil gereichen werden. Sie werden auch in Zukunft nicht Nein sagen, wenn Gelder verlangt werden, die dem Kern des Volkes, das heißt: den schaffenden Ständen in Dorf und Stadt, zu Gute kommen sollen. Nie aber werden sich unsere Genossen dazu herbeilassen, aus demagogischen Gründen Ja zu sagen, wo ihnen der klare Menschenverstand gebietet, mit Nein zu antworten. Ein solch schmieriges Verhalten überlassen die Sozialdemokraten den Antisemiten, die auf die Dummheit spekulieren. Wir appellieren an den Verstand der Massen und der Erfolg wird auf unserer Seite sein. Die Arbeiter in Dorf und Stadt werden nicht vergessen, daß das antisemitische Denunzierblatt die Arbeiter Schlammbeißer geschimpft hat. Diese Schlammbeißer werden der Antisemiten⸗ sippe noch viel zu schaffen machen. Gießener Krankenkassen⸗Idylle. * In einer Vorstandssitzung der Gießener Ortskrankenkasse wurde der Beschluß gefaßt, daß der Kassenbeamte Heydt einen Gehilfen an⸗ nehmen soll,„der der Behörde genehm ist“. Selbstverständlich haben diejenigen A r⸗ beiter im Vorstand ihre Unterschriften unter dieren protokollierten Beschluß ver⸗ weigert, die ihre Aufgabe nicht darin erblicken, irgend einer Behörde Gefälligkeiten zu erweisen. Inzwischen hat Herr Heydt den ihm bewilligten Gehilfen, der laut Vorstandsbeschluß„der Be⸗ Itrbe genehm“ sein soll, gefunden und zwar n der Person des Herrn Herm. Beppler, dem früheren Buchhalter des Herrn Heyligen⸗ städt.— Der ganze Vorfall ist eine hübsche Illustration der Verhältnisse im Gießener Kranken⸗ kassenvorstand. Hoffentlich machen die Arbeiter demnächst gründlich tabula rasa. Einen entsetzlichen Tod fand in Gießen in der Weihnachtsnacht ein Kbstummer. Er hatte sich bekneipt und verübte den Straßen allerlei Unfug. Infolgedessen wurde er verhaftet und in den Polizeigewahrsam verbracht. Gegen 2 Uhr nachts wurde die Nach⸗ barschaft des Arresthauses auf einen schauderhaften Geruch ausmerksam, der dem Arrestlokal entströmte. Es wurde Lärm geschlagen und schließlich die Zelle geöffnet. Den Eindringenden bot sich ein entsetzliches Bild. Auf der verkohlten Pritsche fand man nur noch wenige Leichenreste des Un⸗ glücklichen vor, der lebendig verbrannt war. Es wird erzählt, daß sich Schwefelhölzer, die der Inhaftierte bei sich führte, entzündet und den Brand herbeigeführt hätten. Wir sind mit dieser Erklärung nicht zufrieden und erwarten, daß eine strenge Untersuchung Licht in die Sache bringt. Hätte der Unglückliche wirklich verbrennen können, wenn menschliche Hilfe in der Nähe gewesen wäre? Aus Marburg. p. Die hier erscheinende„Hess. Landesztg.“ wird bekanntlich am 1. Januar national⸗ fozial. Die Zeitung, die stets mit uns die furchtbaren Lasten, die Militarismus und Mari⸗ nismus dem Volke auferlegen, bekämpfte, wird also Organ einer Partei, die kolonial⸗ und flotten begeistert ist und in der Zeit des Zuchthauskurses und der Majestäts⸗ beleidigungsprozesse noch von einem ozialen Kaisertum träumt. In der mit roßer Vorsicht abgefaßten Abonnementseinladung, nie sich am Schlusse des redaktionellen Teils der „Hess. Landesztg.“ befindet, machen die Herren v. Gerlach und Erdmannsdörffer bekannt, daß ihr Blatt für Deutschlands Macht und Größe eintreten wird. Das ist die Um⸗ schreibung für den Satz: Für Heer, Marine und Kolonialpolitik! Die seitherigen Leser der militär feindlichen Landeszeitung werden die Schwenkung jenes Blattes, welche mit dem Besitzwechsel eintritt, nicht mitmachen. In denselben Nummern der„H. Ldsztg.“, in denen die nationalsozialen Abonnementseinladungen stehen, machte sich übrigens die seitherige Redaktion noch lustig über die Nationalsozialen. Sie spricht u. a. von einer„Entrüstungs⸗Erbsenkanonade“ der⸗ selben im Falle Delbrück, nennt sie„naiv“, be⸗ zichtigt sie der Pflege des„nationalen Fanatis⸗ mus“ und redet in recht durchsichtiger Weise sogar von— Schlafmützen.—— Es liegt übrigens ein Stück recht grausamen Schicksals in der Thatsache, daß dasselbe Blatt, welches vor Jahr und Tag die vortrefflichen Artikel unseres Genossen Eisner über die„Grund⸗ irrtümer der Nationalsozialen“ ver⸗ öffentlichte, nun von Nationalsozialen aufgekauft wird. t n Weihnachtssegen. * Eine schöne Christbescheerung wurde einer Maurersfamilie in Vilbel zu Teil, indem die Frau am ersten Feiertage mit Drillingen (zwei Buben und ein Mädchen) niederkam. Mutter und Kinder befinden sich den Umständen nach wohl. Aus Weilburg. Von hier erhält die„Köln. Ztg.“ folgende Zuschrift zur Illustration der Mittel, welche an⸗ gewandt worden sind, um den Grad der Be⸗ teiligung bestimmter Personen an der Bekämpfung der Wahl des deutsch-konservativen Landtags⸗ tagsabgeordneten und Landrats in Usingen festzustellen. Ein Brief vom 29. November, der in Weilburg vielfach kursiert hat, lautet in wört⸗ licher Abschrift:„Mein lieber Herr Kamerad! Ich habe eine vertraute Angelegenheit, welche ich im Auftrage unseres Herrn Land⸗ rats ermitteln soll. Im Monat Oktober ist von der dortigen(d. h. Weilburger) Buchdruckerei H. Zipper ein Wahlaufruf gedruckt worden mit der Ueberschrift„Wähler des Kreises Usingen!“ Da wir den Verfasser dieses Blattes gern kennen lernen möchten, so wollte ich Sie bitten, einmal in unauffälliger Weise Exrmitte⸗ lungen nach dem Verfasser oder Auftrag⸗ geber dieses Blattes anzustellen. Es kommen nur zwei Personen in Betracht, nämlich der Pfarrer.. aus.. und der.. von hier. Sie müßten sich vielleicht mit einem Ang e⸗ stellten der genannten Firma in Ver⸗ bindung setzen oder eine Zivilperson beauftragen; da Sie doch kein Interesse an unserem Landrat haben, so dürfte Ihnen das vielleicht gelingen. Wenn es Ihnen möglich wäre, mir bis zum 1. n. M. Auskunft zu geben, so wäre ich Ihnen zu großem Danke verpflichtet, da wir am 2. zur Kommunikation nach Usingen müssen. Besten Dank für Ihre Bemühungen im voraus sendend, zeichnet mit kammeradschaftlichem Gruß Ihr Fuß⸗Gendarm.“— Dieses Nachspüren hat Weil⸗ burg in große Entrüstung versetzt, denn bisher sind nationalliberale Männer noch nicht wie Anarchisten von Gendarmen belauert worden. Es erscheint ganz unglaublich, daß ein Land⸗ rat so unvorsichtig sein könnte, mit einem so delikaten Auftrag einen Gendarmen zu betrauen. Man wird abwarten müssen, was der Usinger Landrat von sich hören läßt. Zur Offenbacher Stadtverordnetenwahl. Bei einer Besprechung des glänzenden Ergebnisses der Stadtverordnetenwahl in Offen⸗ bach a. M. hatte unser Elberfelder Parteiorgan, die„Freie Presse“, geäußert, wenn sich die Ver⸗ hältnisse in Offenbach so weiter entwickeln würden wie bisher, so stehe zu erwarten, daß diese Stadt in absehbarer Zeit ein ausschließlich sozia⸗ listisches Gemeinde⸗Kollegium erhalten werde. Dazu bemerkt unser Offenbacher Partei⸗ organ, das„Abendblatt“ u. A.: „Die Linie, die hier gezeichnet, wird aller⸗ dings die Marschroute sein, auf der das Prole⸗ tariat Offenbachs voranschreitet. Um aber kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, sei hier von vornherein erklärt: Es gelüstet uns nicht danach, unsere Gegner durch die Masse unserer Anhänger zu erdrücken. Ge⸗ wiß: Thäten wir es, so würden wir nur mit gleicher Münze heimzahlen. Unsere Gegner haben, solange sie die Macht hatten, uns brutal unterdrückt und vergewaltigt; sie schlossen uns von jeder Vertretung aus, so lange sie es vermochten. listische Demokraten, demokratische Sozialisten. Wir verstehen die Demokratie nicht so, daß sie den andern knebelt und mundtodt macht. Und so erklären wir heute schon: So gewiß die nächste Stadtverordnetenwahl, die in drei Jahren statt⸗ findet, uns abermals den völligen, einen noch überwältigenderen Sieg brächte, so gewiß werden wir diese Macht nicht aus nützen, nicht mißbrauchen, um anderen Gesellschaftsklassen, anderen politischen Richtungen die Vertretung zu rauben. Die Mehrheit im Kollegium bean⸗ spruchen wir gemäß der Bedeutung unserer Partei, entsprechend dem numerischen Ueber⸗ gewicht unserer Parteigenossen. Mehr for⸗ dern wir nicht! Jede Partei, nenne sie sich, wie sie will, soll der Zahl ihrer Wähler entsprechend im Kollegium vertreten sein. Das vorhandene Wahlrecht werden wir benutzen, um proportionelle Vertretung der vorhan⸗ denen Parteien zu erzielen. Dabei leitet uns unsere Gerechtigkeitsliebe, es leitet uns unsere politische Einsicht. Unsere Gegner wollen wir haben im Kollegium. Im steten⸗ Kampf mit ihnen soll sich die Güte, die Wahr⸗ heit unserer Grundsätze erproben. Solchergestalt erhält unser Wahlsieg erhöhte, erhält er allge⸗ mein politische Bedeutung.“ Gegenüber diesen Ausführungen der prole⸗ tarischen Sieger mögen sich unsere Leser der Vor⸗ gänge bei der Gießener Stadtverord⸗ neten wahl erinnern. Mit weinerlichen Fistel⸗ stimmchen riefen die„Civis“- und—ch⸗Ein⸗ sender:„Nur keine Sozialdemokraten! Wir, in liberalen Klübchen als tugendhaft und fromm befundenen Recken sind die einzig berech⸗ tigten Vertreter der Bürgerschaft; wir Professoren, Fabrikanten u. s. w. haben die Weisheit in Erb⸗ pacht genommen, wir sind die wahren Ver⸗ treter der Stadt.“— Mögen die Gießener Arbeiter sich an Offen⸗ bach ein Beispiel nehmen und dafür sorgen, daß unsere Talmi⸗Liberalen bei erster Gelegenheit zum Tempel hinausgejagt werden. — Wie noch aus Offenbach berichtet wird, hatten nach dem sozialdemokratischen Siege bei der Stadtverordnetenwahl die nationallibe⸗ ralen Stadtverordneten anfänglich sämmtlich ihre Mandate niederlegen wollen; ausgeführt hat diesen Entschluß aber nur einer, der Kommerzien⸗ rat Stroh, vielfacher Millionär und Mitbesitzer der weltbekannten Schnupftabakfabrik Bernhard u. Co. Er will„nicht neben Tagelöhnern sitzen.“ Seine Klassengenossen aber fügen sich ins Un⸗ vermeidliche und hießen, ehe noch unsere ge⸗ wählten Genossen ihr Amt antraten, sogar mehrere sozialistische Forderungen gut.— Das werden sie in Zukunft noch öfter thun müssen. Aus Eschwege. g h. Teuere Legitimationen. Wie bei verschiedenen früheren Wahlen, so hatten wir auch bei der letzten Reichstags⸗Stichwahl vom Wahlkomitee Karten ausgestellt für jene Ge⸗ nossen, welche auf dem Lande die Kontrolle oder Ueberwachung der Wahllokale über⸗ nommen hatten. Diese Karte war indes mehr⸗ fach den Herrn Bürgermeistern nicht genügend. Sie verlangten die behördliche Bescheini⸗ gung, ob der Inhaber auch wirklich Wähler sei. Da nun diesesmal bei der Stichwahl mit besonderem Hochdruck von allen Seiten gegen uns gearbeitet wurde, betrachteten wir es als unsere doppelte Pflicht, die Wahllokale zu besetzen und ließen 66 Karten von der Behörde bescheinigen. Dieses kostete uns 13 Mark 20 Pfg. für den Stadtstempel. Jetzt nun, nach einem halben Jahre ist unser Bürgermeister von der höheren Behörde aufgefordert worden, nach dem Stempel⸗ steuergesetz noch weitere 99 Mark inner- Doch wir sind sozia⸗ Delikt versch lunge Poli trei List, die Wah 10 ein Zeug nomn Vorst List. Der daß welch miert mit Bem Arbe den Ausk jeben zu f Zeug Vern Antr. Proz ama Geric Diese eine von Die lasse gäng etwa in di ert schrei weise och Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. halb 10 Tagen von uns einzukassieren. Wir haben Einspruch dagegen erhoben.— Es muß mehr als je zuvor darauf hingearbeitet werden, selbstständige, das heißt: selbst denkende und selbst handelnde Genossen auf den Dörfern zu erziehen, damit eine Kontrolle am Wahltag durch städtische Genossen überflüssig wird. Das beste Mittel zur Heranziehung fähiger Genossen auf dem Lande ist die Verbreitung unserer Partei⸗ presse. Eine schmeichelhafte Wahl. Ueber die Gemeinderatssitzung in Gro ß⸗ Gerau vom 24. ds. Mts. bringt der„Groß⸗ Gerauer Anzeig.“ folgenden interessanten Bericht: „Der Verkauf der ausrangierten Ziegenböcke wurde genehmigt und der Verkauf der Fassel⸗ ochsen Nr. 1 und 2 beschlossen, ebenso die An⸗ schaffung zweier neuer Fasselochsen, wozu die Herren Gemeinderäte H. und St. gewählt wurden.“ Wie man hört, beabsichtigen die Erwählten gegen diese Aus⸗ zeichnung Protest zu erheben. Die Polizei im Kapitalistendienst. Vor kurzem wurde vor dem Schöffengericht in Düsseldorf ein Prozeß verhandelt, der für dieses Kapitel sehr lehrreich und interessant ist. Angeklagt war der Tischler Erbert, weil er die Polizei beleidigt und in der öffentlichen Meinung herabgewürdigt haben soll. Diese Delikte wurden darin erblickt, daß Erbert in verschiedenen öffentlichen Holzarbeiterversamm⸗ lungen behauptet hatte, die Düsseldorfer Polizei habe während des dortigen Tischler⸗ streiks den Unternehmern schwarze Listen übermittelt. Der Angeklagte hat die Klage provoziert, um vor Gericht den Wahrheitsbeweis antreten zu können. Es waren sechs Zeugen, darunter einige Unternehmer und ein Polizeikommissar geladen. Nachdem letzterer Zeugnis abgelegt, wurde ein Unternehmer ver⸗ nommen. Dieser erwiderte auf die Frage des Vorsitzenden, ob ihm von der Polizei schwar ze Listen zugestellt worden seien: jawohl. Der Zeuge erklärte dann auf weiteres Befragen, daß eines Tages ein Herr zu ihm gekommen sei, welcher sich als geheimer Polizeibeamter legiti⸗ miert habe. Dieser habe ihm dabei eine Liste mit einer Reihe von Namen übermittelt mit dem Bemerken, wir sollten die darauf verzeichneten Arbeiter nicht einstellen, das seien Sozial- demokraten und Aufwiegler. Nach dieser Auskunft des Zeugen verzichtete das Gericht, jedenfalls, um die Polizei nicht noch mehr bloß zu stellen, auf die Vernehmung der übrigen Zeugen. Der Verteidiger beantragte zwar die Vernehmung derselben, man folgte aber dem Antrage nicht, weil die Ermittelungen für den Prozeß nicht mehr erheblich seien. Der Staats⸗ anwalt beantragte 150 Mark Geldstrafe, das Gericht sprach aber den Angeklagten frei. Dieser habe den Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen erbracht, und es könne dann von einer Beleidigung keine Rede mehr sein. Die Kosten des Verfahrens wurden der Staats⸗ kasse auferlegt. Wie oft mögen sich gleiche Vor⸗ gänge bei Streiks abspielen, ohne daß jemand etwas davon erfährt. Nur dem Umstande, daß in diesem Falle die Polizei jedenfalls nicht an die richtige Adresse gekommen ist, ist es zuzu⸗ schreiben, daß diese unqualifizierbare Handlungs⸗ weise öffentlich bekannt wurde und bewiesen werden konnte. Der Düsseldorfer Fall ist übrigens ein trefflicher Beitrag zur Zucht⸗ haus vorlage. Unsere Genossen im Reichs⸗ tage werden nicht versäumen, der Düsseldorfer Polizei das nötige zu sagen. Eine schöne Gegend. Der Marburger Bürgerverein hat dieser Tage das dortige Hygienische Institut be⸗ sucht und zwar unter Führung von Prof. Wernicke. In einem Bericht über die interssante Besichtigung heißt es u. A.: a „.... Nun öffnete Professor Wernicke eeinen Dunkelschrank, in welchem auf drei Etagen aufgestellt Reihen von Gläsern mit fest ver⸗ schlossenen Glasröhren standen, welche fein säuberlich etilettiert jene unheimliche Klein- welt enthielten deren— dem Umfang nach— minimale Quantität genügt hätte, die Mensch— heit unseres Planetensystems— voraus- gesetzt, daß auf sämtlichen Planeten Menschen wohnen— zu verseuchen. Hier befanden sich Diphtheritis-, Beulenpest-, Tuber⸗ kulose, Wundrose-, Cholera-, Wechselfieber⸗, Milzbrandbazillen usw. Prof. Wernicke beruhigte indessen seine aufmerksamen und aufs höchste ge— spannten Zuhörer mit der Versicherung, daß ein Entweichen der gefährlichen Lebewesen nicht zu befürchten sei....“ Wir wollen das beste hoffen! Ein gemeiner Denunziantenstreich kam am 19. Dezember vor der Strafkammer in Mainz zur Verhandlung. Der Zs8jährige Handelsmann Heinrich Kempf aus Ganthen, zu— letzt in Frankfurt wohnhaft, ist der Erpressung angeklagt. Der Beschuldigte hatte im Sommer einige Zeit bei einem hiesigen 70 jährigen Privatmann gewohnt und diesen um ein Darlehen von Mark 500 ersucht. Als ihm dies verweigert wurde, zog er von hier fort, schrieb aber von Frankfurt aus einen Brief an den Privatmann, worin er diesen beschuldigte, daß er in seiner Gegenwart schwere Beleidigungen gegen den deut⸗ schen Kaiser und den Großherzog ausgestoßen habe. Er werde die Sache der Staatsanwalt— schaft anzeigen; bevor er jedoch diesen Schritt unternehme, könne er ihn am Bahnhof zu Kastel zu einer näher bezeichneten Zeit sprechen. Der alte Mann ging aber nicht auf den Leim und zeigte den Brief der Polizeibehörde vor. Nun wurde der Spieß umgedreht und der Handels- mann wegen Erpressung verhaftet. Der Ange— schuldigte blieb bei seiner Anschuldigung bestehen, er habe den alten Mann nur an den Bahnhof nach Kastel bestellt, damit er dort vor Zeugen seine Beleidigungen wiederholen würde. Der als Zeuge vernommene Privatmann bestreitet ganz energisch, daß er jemals Beleidigungen ausge⸗ stoßen habe. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Dr. Bockenheimer, bemerkte dem Angeklagten, daß eine derartige Denunziation nicht allein verächtlich sondern auch ganz abscheulich sei. Der Staats⸗ anwalt beantragte 6 Monate Gefängniß und Ehr⸗ verlust, das Gericht erkannte auf 3 Monate Gefängnis. Bergsturz am St. Gotthard. Aus Airolo, einem am Fuße des St. Gott⸗ hard gelegenen schweizerischen Ort mit annähernd 2000 Einwohnern, wird vom 28. Dezember be⸗ richtet: Die hiesigen Einwohner waren seit längerer Zeit in großer Unruhe, da der Sassorasso die Ortschaft zu zerstöbren drohte. Ingenieure hatten kürzlich an Ort und Stelle Untersuchungen an⸗ gestellt. Die angesammelten Schnee⸗ und Eis⸗ massen beschleunigten die Katastrophe. Gestern früh trat der erste Bergsturz ein. Die Be⸗ wegung der Massen dauerte bis Mittag fort und richtete erheblichen Schaden an. In ver⸗ gangener Nacht verließen die Bewohner ihre Wohn ungen. Gegen 2¼ Uhr früh lösten sich große Felsmassen, stürzten herab und zerstörten das Hotel in Airolo und einige benachbarte Gebäude.— Vom 29. Dezember wird weiter gemeldet: Das Dorf bietet einen erschreckenden Anblick. Ein Gebiet von zwei Quadratkilometern ist von Schuttmassen überdeckt. Acht Wohnhäuser und vierzehn Ställe sind zerstört und bilden wüste Trümmerhaufen. Eine Anzahl anderer Häuser ist schwer beschädigt. Die Festungstruppen des Gotthard und die ganze Bevölkerung arbeiten ununterbrochen an der Wegräumung der Schutt⸗ massen. Aus den Trümmern wurden drei Leichen hervorgezogen. Man glaubt zwar, daß die Gefahr eines neuen noch größeren Berg⸗ sturzes ausgeschlossen sei, immerhin sind alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Kleine Mitteilungen. — Unfall in Lollar. Am Mittwoch war ein Heizer auf dem Rangiergeleise der Strecke Lollar⸗Wetzlar mit dem Oelen der Ma⸗ schine beschäftigt, als sich letztere in Bewegung setzte, und dem Heizer einen Teil des Fußes total abquetschte. — Abermals ein Grubenunglück. Am Dienstag ereignete sich eine Explosion schla⸗ gender Wetter auf der Zeche„Friedrich der Große“ bei Herne. Acht Bergleute wurden schwer verletzt. Als Ursache der Explosion wird von der Verwaltung verbotswidriges Oeffnen von Wetterlampen angegeben. Wir wollen ab⸗ warten, was die Untersuchung feststellt. Da die Verunglückten lebend gerettet wurden, so kann man wohl einmal genaueres ermitteln. — Der Reichstags⸗Alterspräsident Dieden ist am Mittwoch, 88 Jahre alt, gestorben. Dieden gehörte der Zentrumspartei an. Seit 1873 war er ständig Mitglied des Reichstags und des preußischen Abgeordnetenhauses und wiederholt Alterspräsident des Reichstags. An seine Stelle als Alterspräsident trat das letzte Mal, da er leidend war, der Abg Lingens. — Die Trauer⸗Toilette eines Häft⸗ lings. Am 15. Dezember wurde in Beuthen der Nachtwächter Nowack beerdigt. Einen eigen⸗ tümlichen Eindruck machte es, daß hinter dem Sarge der Sohn des Verstorbenen in Gefäng⸗ niskleidung und geschlossen in Beglei⸗ tung eines Gefangenenaufsehers schritt. Der Sohn, der zu drei Jahren Gefängnis verurteilt ist, hat noch zehn Monate zu verbüßen. Er äußerte den Wunsch, der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen, was ihm auch gestattet wurde, jedoch nur unter Begleitung eines Ge⸗ fangenenaufsehers und geschlossen. — Oberstlieutenant von Egidy, der bekannte Politiker, ist am Samstag früh nach nur stundenlanger Erkrankung gestorben. v. Egidy ist sehr bekannt geworden durch seine vielen Vorträge. Er anerkannte die meisten Forderungen der Sozialdemokratie, verwarf je⸗ doch den Klassenkampf. Partei⸗ Nachrichten. Erwerbt die hessische Staats zugehörig keit! Unsere in den Landtagswahlkreisen Gießen⸗Land und Vilbel ansässigen nichthessischen Genossen müssen die hessische Staatszugehörigkeit erwerben! Wegen der Abhaltung von Volksversamm⸗ lungen im Kreise Gießen wenden sich die Ge. entweder an den Kreisvertrauensmann A. Be Gießen, Dammstraße, oder an den Vorsitzende Kr.⸗W.⸗Vereins: Ph. Scheidemann, Gießen. Für Agitationszwecke bei der Red. d. M. S.⸗ eingegangen und an den Vertrauensmann weiter⸗ gegeben 50 Pfg. von zwei Buchdruckern. Gemeindevertreter Tag. Ein sozialdemo⸗ kratischer Gemeindevertretertag für die Provir Brandenburg hat am Dienstag in Berlin getagt Gemeindevertreter Thomas-Rixdorf begründete dos von der Einberufungskommission vorgeschlagene munalprogramm, welches u. a. für die Wahl zu Gemeindevertretungen die Einführung des allgemeine direkten geheimen und gleichen Wahlrechts fordert sowie daß das Wahlrecht durch den Empfang irgend welcher Unterstützung aus Gemeindemitteln nicht auf— gehoben oder beschränkt werden darf. Die Gemeinde⸗ wahlen sollen am Sonntag stattfinden. Warnung. In Parteikreisen wird, wie der„Vor⸗ wärts“ schreibt,„ die Ansicht verbreitet, die Sozialdemokratie stehe zu der Volksversicherungsgesellschaft„Viktoria“ in Beziehungen und unterstütze die Gesellschaft in ihren ge⸗ schäftlichen Unternehmungen. Diese Behauptungen beruhen auf Un wahrheit. Die deutsche Sozialdemokratie hat zu der Volks ver sicherungsgesellschaft„Viktoria“ gar keine Beziehungen, und Agenten dieser Gesellschaft, die es ver⸗ suchen solltes, unter Vorspiegelung des Gegenteils in Parteikreisen Geschäfte zu machen, würden sich eine be⸗ trügerische Handlung zu Schulden kommen lassen“. —(Wir werden gelegentlich den Versicherungsunsug, dem viele geringe Leute zum Opfer fallen, einmal gründ⸗ lich beleuchten Red. d. M. S.⸗Z.). Versammlungs⸗Kalender. Samstag, den 31. Dezember: Metallarbeiter bei Orbig, Rittergasse. Samstag, den 7. Januar: Gießener Wahlverein bei Orbig. Tages⸗ ordnung: 1. Vortrag des Stadtverordneten Gen. Ed. Krumm: Rückblick auf das verflossene und Ausblick auf das neue Jahr. 2. Diskussion.— Zahlreich erscheinen! Briefkasten der Medoktion. W.⸗B. Wenn keine besonderen Abmach.. troffen sind, muß die Kündigungsfrist mit den Z Terminen übereinstimmen. Erkundigen Sie sich, wie es ortsüblich ist in B. und Mr. Blank J. Blank. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 6. 50 9 Genau, was ich selbst dachte! Ich that in mißhandelte, so ist es nur zu klar, daß keine ——— dieser Nacht kein Auge zu. Aber, alles erwogen, Jury die Thäter schuldig sprechen und kein Ge⸗ 7 55577 Se — 5088835888888. eee 1 uterhaltungs· Teil. Ein Neujahrsgruß. Sei die Mauneshand geboten Allen Stolzen allerwegen, Die im Licht, im morgenroten, Hoch die Stirne tragen mögen! Die noch heben kühn den Nacken, Trotz der hochgeschwung' nen Keule, Die noch ragen aus den Schlacken, Eine hohe Feuersäule. Sei die Manneshand gedrücket Allen Festen, allen Treuen, Die noch halten unverrücket Zur Standarte, sonder Scheuen! Allen festen, treuen Männern In der Zeit des Wankelmutes, Allen offenen Bekennern Bis zum letzten Tropfen Blutes. Sei die Männerhand geschüttelt Denen drauß' in fremden Landen; Die da Frost und Hunger rüttelt, Den Verfolgten und Verbannten; Denen, so die Kerker füllen, Die da lebend sind begraben, Die da um der Freiheit willen Ihre eig'ne Freiheit gaben. Ruhm und Ehre unsern Toten, Unsern Tapfern, unsern Braven, Die da heiligen den Boden, Wo sie fielen, wo sie schlafen! Decken Veilchen euch im Märzen! Decken euch im Lenze Blüten! Mög' im Grab ob eurem Herzen Eine Frühlingslerche brüten. Und so sci auch du gegrüßet, Neues Jahr im Hoffnungsglanze! Was du bringst, was dir entsprießet, Ist es Palme oder Lanze? Wie es komme, wie du ringest, Mit der Palme, mit dem Eisen, Wenn du uns die Freiheit bringest, Sollst du unser Heiland heißen. f Fr. Stoltze. ANandidatenfreuden. Sumoreske von Mark Twain. Vor einigen Monaten wurde ich in dem woßen Staate Newyork zur Gouverneurwahl oon den Unabhängigen als Kandidat aufgestellt. Meine Gegner waren Mr. John, T. Smith In einer Hinsicht, das fühlte ich, war ich diesen Herren weit über⸗ legen und das war— guter Charakter. Aus den Zeitungen war leicht ersichtlich, daß, wenn sie je gewußt hätten, was es heißt, einen guten Namen zu haben, diese Zeit vorbei war. Es war offenkundig, daß sie in den letzten Jahren mit schändlichen Verbrechen jeglicher Art vertraut geworden waren. In demselben Augenblick aber, wo ich meine Ueberlegenheit pries und mich im Stillen daran weidete, rührte eine schlammige Unterströmung die Tiefen meines Glückes auf und das war der Gedanke, daß ich meinen Namen in nächster Beziehung zu dem solcher Menschen sollte hin⸗ und herzerren hören. Dies beunruhigte mich mehr und mehr. Schließ⸗ lich schrieb ich deswegen an meine Großmutter. Ihre Antwort war rasch und scha f. Sie meinte: „Du hast Dein Lebelang nicht ein einziges Ding gethan, dessen Du Dich zu schämen brauchtest— nicht ein einziges. Sieh Dir die Zeitungen an,— sieh sie Dir an und begreife, was für eine Sorte von Leuten die Herren Smith und Blank sind und dann frage Dich, ob Du Lust hast, Dich zu ihrem Niveau herab⸗ zulassen und in öffentlichen Wettbewerb mit ihnen einzutreten.“ schlange vermutet. konnte ich nicht zurücktreten. Ich war der er⸗ wählte Streiter und mußte in den Kampf. Als ich beim Frühstück meinen Blick achtlos über die Zeitungen gleiten ließ, stieß ich auf folgenden Artikel und ich kann wohl sagen, daß ich noch nie zuvor so bestürzt war. „Meineid.— Vielleicht wird Herr Mark Twain jetzt, da er als Kandidat für den Gou⸗ verneurposten vor dem Volke steht, sich herbei⸗ lassen, zu erklären, wie es zuging, daß er im Jahre 1863 zu Wakawak in Cochinchina durch vierunddreißig Zeugen des Meineids überführt wurde, den er geleistet hatte, um einer armen, eingeborenen Witwe und ihrer hilflosen Familie ein mageres Bananenfeld, ihre einzige Nahrung und Stütze in ihrer Verlassenheit und Ver⸗ zweiflung, zu rauben. Herr Twain ist es sich selbst sowohl, wie dem großen Volke, um dessen Stimme er wirbt, schuldig, diese Sache auf⸗ zuklären. Wird er es thun?“ Ich war starr vor Staunen! Eine so grau⸗ same, herzlose Beschuldigung. Ich hatte Cochin⸗ china nie gesehen! Ich hatte von Wgkawak nie etwas gehört! Ich konnte ein Bananenfeld nicht von einem Känguruh unterscheiden!— Ich wußte nicht, was ich thun sollte; ich war nieder⸗ geschmettert und hülflos. Ich ließ den Tag verstreichen, ohne überhaupt etwas zu thun. Am nächsten Morgen brachte dieselbe Zeitung das nachstehende— nichts weiter—: „Bezeichnend.— Man bemerke, daß Mr. Twain über den Cochinchina⸗Meineid ein bedeutsames Stillschweigen beobachtet:“ g (NB. Während des übrigen Wahlkampfes nannte mich dies Blatt nie anders als„den infamen Meineidigen Twain“.) Darauf kam die„Gazette“ mit folgendem: „Um Antwort wird gebeten.— Wird der neue Kandidat für den Gouverneurposten die Güte haben, gewissen unter seinen Mitbürgern zu erklären, wie es kam, daß seine Hausgenossen in Montana von Zeit zu Zeit kleine Wertsachen vermißten, bis sie sich, da diese Dinge unverändert an Herrn Twains Person oder in seiner„Truhe“ (Zeitungspapier, worin er seine Habseligkeiten einwickelte) gefunden wurden, zuletzt gezwungen sahen, ihm in seinem eigenen Interesse eine gute Lehre zu erteilen, ihn also theerten und federten und ihm dann rieten, auf dem Platz, den er im Lager gewöhnlich inne hatte, fortan einen leeren Raum zu lassen. Wird er das thun?“ Konnte etwas von ausgesuchterer Bosheit sein, als das? Denn ich war in meinem Leben nicht in Montana. f (Hiernach sprach dies Blatt regelmäßig von mir als„Twain, dem Montana ⸗Dieb“.) Ich fing an, die Zeitungen mit Zagen in die Hand zu nehmen— ungefähr, wie jemand eine Bettdecke lüftet, unter der er eine Klapper⸗ Eines Tages fiel mein Auge auf folgende Die Lüge ist festgenagelt.— Durch die beschworenen Zeugenaussagen von Michael O' Flanagan, Esquaire aus Five⸗Points, sowie Mr. Snub Rafferty und Catty Mulligan aus Water⸗Street, ist festgestellt, daß Mr. Mark Twains gemeine Behauptung, der betrauerte Großvater unseres edlen Bannerträgers Blank J. Blank sei wegen Straßenraubes gehängt worden, eine brutale, aus der Luft gegriffene Lüge ist, der auch nicht die Spur einer That⸗ sache zugrunde liegt. Für redliche Menschen ist es ein trauriges Schauspiel, daß zur Erzielung politischer Erfolge zu so schändlichen Mitteln gegriffen wird, wie Tote in den Gräbern an⸗ zugreifen und ihre unbescholtenen Namen in den Schmutz zu ziehen. Wenn wir an den Kummer denken, welche diese elende Niedertracht den un⸗ schuldigen Verwandten und Freunden des Dahin⸗ geschiedenen bereiten muß, so fühlen wir uns beinahe versucht, das empörte und beleidigte Publikum zu einer summarischen und ungesetz⸗ lichen Vergeltung an dem Verleumder aufzu⸗ fordern. Doch nein! Qualen seines gefolterten Gewissens!(Freilich, wenn die Leidenschaft die Oberhand bekäme und die Menge in blinder Wut den Verleumder Ueberlassen wir ihn den richtshof sie bestrafen könnte.)“ Deer sinnreiche Schlußsatz hatte den Erfolg, daß ich in der folgenden Nacht schleunigst aus dem Bett und zur Hinterthür hinaus sprang, während das„empörte und beleidigte Publikum“ an der Vorderseite schäumte, bei seinem Kommen in gerechter Entrüstung Möbel und Fenster⸗ scheiben zerschlug und bei seinem Gehen so viel Sachen mitnahm, wie es schleppen konnte. und gleichwohl kann ich die Hand auf die Bibel legen und sagen, daß ich niemals Herrn Blanks Großvater verleumdet, so noch mehr, daß ich bis zu jenem Tage überhaupt nie von ihnen gehört oder gesprochen hatte. (Ich will im Vorbeigehen bemerken, daß das oben zitierte Journal mich seitdem stets„Twain, den Leichenschänder“ titulierte. Der nächste Zeitungsartikel, der meine Auf⸗ merksamkeit auf sich zog, war folgender: Ein netter Kandidat. Mr. Mark Twain, der auf der großen gestrigen Volks⸗ versammlung der Independenten(Unabhängigen) eine so große vernichtende Rede halten sollte, erschien nicht zur angesetzten Zeit! Ein Tele⸗ gramm seines Arztes teilte mit, er sei von einem durchgegangenen Gespann überfahren worden und habe das Bein an zwei Stellen gebrochen. Der Patient stehe große Schmerzen aus u. s. w. u. s. w. und eine Masse ähnlichen Schwindel. Und die Independenten gaben sich alle Mühe, diese elende Ausflucht für bare Münze zu nehmen und zu thun, als hätten sie keine Ahnung von dem wahren Grunde des Ausbleibens jenes verwahr⸗ losten Geschöpfes, das sie ihren Bannerträger nennen. Man sah gestern Abend einen gewissen Menschen im Zustande viehischer Betrunkenheit in Mr. Twains Haus taumeln. Die gebieterische Pflicht der Independenten ist es, zu beweisen, daß dieser vertierte Patron nicht Mark Twain selbst war! Endlich haben wir sie! Das ist ein Fall, der kein Ausweichen gestattet. Don⸗ nernd fragt die Stimme des Volkes:„Wer war dieser Mann?“ Es war im ersten Augenblick unglaublich, rein unglaublich, daß es wirklich mein Name war, der mit diesem häßlichen Verdacht in Ver⸗ bindung gebracht wurde. Drei lange Jahre waren über meinem Haupte dahingegangen, seit Nr— 1.* — ich Wein, Bier, Schnaps oder irgend welchen Likör gekostet hatte (Es ist bezeichnend für die Wirkung der Gewohnheit, wenn ich sage, daß es mich kalt ließ, als die nächste Nummer dieses Journals mich dreist zum„Delirium⸗Tremens⸗Twain“ be⸗ fördert:— obgleich ich wußte, daß das Blatt mit eintöniger Beharrlichkeit fortfahren würde, mich bis ans Ende so zu nennen.) Um diese Zeit begannen anonyme Briefe einen erheblichen Teil meiner Postsachen zu bilden. Gewöhnlich war folgende Form: „Wie wahrs doch mit die alte Frau, die um eine Gabe baht, die haben Sie so geschlagen! Pol Pry.“ Oder auch so: 5 „Sie haben Sachen gemacht, die keinem be⸗ wußt sein, außer mir. Ich rate Ihnen, lassen Sie ein Pahr Dollars springen, sonst sollen Sie in den Zeitungen zu hören kriegen von e Hanby Andy.“ Das ist so die Art und Weise. Ich könte auf Wunsch damit fortfahren, bis der Leser übergenug hätte. 832 5 In Bälde„überführte“ mich das hervor⸗ ragendste Blatt der Republikaner der Bestechlich⸗ keit en gros, weitere Namen:„Twain, der filzige Korruptions⸗ mann“ und„Twain, der widerliche Beamten⸗ bestecher“.) 0 87 Um diese Zeit war das Geschrei nach einer „Antwort“ auf all' die furchtbaren Anklagen, die gegen mich erhoben waren, so mächtig ge⸗ worden, daß die Redakteure und Führer meiner . und das leitende Organ der Demokraten„nagelte“ einen erschwerenden Fall fest, wo ich Straflosigkeit zu erkaufen gesucht hätte. 0 ü.* (Bei dieser Gelegenheit erwarb ich zwei Partei erklärten, ein längeres Stillschweigen 8. 1 = E 2 2 = E — 2 D — — — — meine D Schte 0 D Onkel und 6 Mark dolks⸗ iger) sollte, Tele⸗ einem n und Der . w. id die elende id zu dem wahr⸗ träger wissen enheit erische deisen, Twain as ist Don⸗ t war ublich, Name Ver⸗ Jahre , seit elchen 9 der ch lalt urnals “ be⸗ Blatt würde, Briefe en zu Nr. 1. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. würde meinen politischen Ruin bedeuten. Wie, um ihrem Appell noch mehr Nachdruck zu geben, erschien gleich am nächsten Tage in einer der Zeitungen folgendes: „Seht den Mann an!— Der Kandidat der Independenten(Unabhängigen) beobachtet noch immer Stillschweigen. Weil er nicht zu sprechen wagt. Alle gegen ihn erhobenen An⸗ klagen sind reichlich bewiesen, und sie werden bestätigt und wieder bestätigt durch sein eigenes, beredtes Schweigen, sodaß er zur Stunde für alle Zeit überführt dasteht. Blickt auf Euren Kandidaten, Ihr Independenten! Blickt auf den infamen Meineidigen! Den Montana⸗-Dieb! Den Leichenschänder! Betrachtet Euren ein⸗ gefleischten Delirium-Tremens! Euren filzigen Korruptionsmann! Euren widerlichen Beamten⸗ bestecher! Staunt ihn an— messet ihn recht — und dann sagt selbst, ob Ihr Eure Stimme einem Geschöpfe geben könnt, das diese traurige Reihe von Titeln durch jene scheußlichen Ver⸗ brechen verdient hat und nicht wagt, den Mund aufzumachen, um auch nur eins davon abzu⸗ leugnen!“ Es war keine Möglichkeit, davon loszukommen, und so schickte ich mich denn, tief gedemütigt, an, einen Haufen grundloser Anklagen und ge⸗ meiner, boshafter Falschheiten zu„beantworten“. Aber ich kam nicht damit zu Ende, denn schon am nächsten Morgen kam ein Blatt mit einer neuen Schändlichkeit, einer frischen Niedertracht zum Vorschein und beschuldigte mich ernstlich, ich hätte ein Irrenhaus mit allen Insassen niedergebrannt, weil es mir die Aussicht aus meiner Wohnung versperrte. Das versetzte mich in eine Art von panischem Schrecken. Darauf kam die Anklage, ich hätte meinen Onkel vergiftet, um in den Besitz seines Hab und Gutes zu gelangen, nebst einer dringenden Aufforderung, sein Grab zu öffnen. Das trieb mich an die Grenze des Wahnsinns. Sodann wurde ich beschuldigt, als Vorstand des Findelhauses zahnlose und ungeeignete alte Verwandte mit der Bereitung der Nahrung be⸗ traut zu haben. Ich war im Wanken— im Wanken. Und zuletzt, als würdige und angenehme Krönung der schamlosen Verfolgung, die der Parteihaß mir auferlegte, wurden neun kleine, watschelnde Kinder von allen möglichen Farben⸗ schattierungen und Abstufungen der Zerlumptheit, abgerichtet, bei einer Volksversammlung auf die Rednerbühne zu stürzen, meine Beine zu um⸗ klammern und„Papa!“ zu rufen!——— Ich gab es auf. Ich holte meine Flagge nieder und ergab mich. Ich war den Anforde- rungen einer Gouverneurswahl im Staate New⸗ vork nicht gewachsen, und so zog ich denn meine Kandidatur zurück und unterzeichnete meine Er⸗ klärungen bitteren Herzens: ergebenst, ein st⸗ mals ein anständiger Mann, doch nun Mark Twain, J. M., M. D., L. Sch, D. T., F. K. und W. B.“ * Abkürzungen für: Infamer Meineidiger, Montana⸗ Dieb, Leichen Schänder, Delirium-Tremens, Filziger Korruptionsmann, Widerlicher Beamtienbestecher. Fortschritte in der Chirurgie. In der Wiener Gesellschaft der Aerzte führte Stabsarzt Dr. Habart zwei Personen vor, die dadurch gerettet wurden, daß ihnen der Brust⸗ korb geöffnet und der inneren Verblutung Einhaltung gethan wurde. Im ersten Falle handelte es sich um einen jungen Mann, der vier Schrotschüsse gegen sich abgefeuert und sich überdies das Handgelenk durchschnitten hatte. Dr. Habart erweiterte die Schußwunde, öffnete den Brustkorb, wobei er die fünfte Rippe ent⸗ fernen mußte, legte zwischen Herz und Lunge Jodoformgaze in der Länge eines halben Meters, und der Mann, der im sterbenden Zustande in das Garnisonsspital gebracht worden war, ist heute vollkommen gesund. Der zweite Fall be⸗ trifft einen Mann, den einige Nebenbuhler über⸗ fallen und in die Achselhöhle gestochen hatten. Auch hier öffnete Dr. Habart behufs Stillung der Blutung den Brustkorb, applizierte auf die⸗ selbe Weise die Jodoformgaze und rettete so das Leben des Schwerverletzten. Aus den gemachten Erfahrungen, erklärte der Vortragende, resultiere, daß die Chirurgie in Zukunft auch in jenen Fällen werde eingreifen müssen, wo durch Schuß— oder Stichwunden das Leben des Verletzten durch die innere Blutung in Gefahr kommt.— . Sprüche zur Lebensweisheit. Arbeit ist des Blutes Balsam, Arbeit ist der Tugend Quell. *. In der Urzeit war die Arbeit eine Not, im Alterthum eine Last, im Mittelalter eine Kunst(ein Privilegium, ein Vorrecht), in der Neuzeit ist sie ein Recht, in Zukunft wird sie eine Pflicht sein; das Ideal ist, daß sie eine Lust werde. Herder Weichold,„Gesch. d. Arbeit“. * Liegt dir gestern klar und offen, Wirkst du heute kräftig frei, Darfst du auf ein morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei. Goethe. Humoristisches. Donnerwetter! Herr Abrahamsohn(im Restau⸗ rant): Kellner, zahlen! Geh'n Se an mainen Iberßieher und hol'n Se mer aus der Klaingeldtasche ä Hun⸗ dertmarkschain! * Ermutigend. Bräutigam(zum kleinen Bruder der Braut):„Nun, Willy, wie gefalle ich dir?“ Willy(dessen Schwester schon einmal verlobt war) „Ganz gut, aber das sage ich dir, wenn du die Lina auch sigen läßt, dann dreht dir der Vater den Hals um, hat er gesagt!“ * Student(stark benebelt zum Nacht⸗ „Nicht wahr, edler Mensch, Im Rausch. wächter, der ihn heimschafft): wir sagen du zu einander.“ Neu eingelaufene Schriften. Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor. „In Freien Stunden“. Heft 51 und 52 bringen den Schluß des Romans von Viktor Hugo:„Die Aren und Elenden.“ Wir können jedem Freunde guter ratur dringend raten, auf diese Zeilschrift zu abonn Jedes Heft bringt 26 Seiten Text und kostet doch 10 Pfg. Jederzeit werden Abonnements entge genommen. 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