Nr. 39. Gießen, den 30. September 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: ürchenplatz 11, Schloßgasse. Sount Mitteldeutsche gs⸗Jeitu Nebaftionsschluß Derunorstag Nachmittag& Ne 5 . Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Hauz geliefert monatlich 25 Pfeunig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Zudwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt Bei mindesteng 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun 33½äb% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt Saat und Ernte. Es wogt des Nornes gold'nes Meer, Die Winde wehen leise. Der Schwalben leicht beschwingtes Heer Schon rüstet sich zur Reise! Wer in der Erde Schoss versenkt Den guten Keim, den echten, Der wird mit Früchten reich beschenkt Den Kranz der Ernte flechten. Wer Swietracht nur und Völkerhaß Im Mlenschenherzen nähret, Dem Dolke ohne Unterlaß Das Waffenhandwerk lehret; Der sät den Krieg, er möge bang Vor seiner Ernte zittern, Sie künden Tod und Untergang Mit brausenden Gewittern. Doch wer der Freiheit edle Saat In's Herz der Menschen säet, Wer immer treu in Wort und Tat Für Recht und Wahrheit stehet, Wer nimmer scheut des Kampfes Müh'n, Nie der Verfolgung Plage, Dem wird der schönste Sieg erblüh'n Dereinst am Erntetage! Schluß! Mit der vorliegenden Nummer muß die „Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ von ihren Lesern Abschie d nehmen. Sie be⸗ endet damit ihren 128/ jährigen Lebenslauf. Das ist in der im Allgemeinen kurzlebigen Zeitungswelt zwar ein ganz respektables aber immerhin kein hohes Alter. Doch darf unsere Mittel dentsche wohl sagen, daß ihr Leben nicht verloren und vergeblich war. Sie hat die ihr zugewiesene Aufgabe nach besten Kräften zu er⸗ füllen gesucht und erfüllt. Der von ihr seit dem Dutzend Jahren ausgestreute Samen ist auf⸗ gegangen und zum großen Teil recht prächtig in die Halme geschossen, wenn auch gewiß manche Körner in dem steinigen Boden zu grunde gingen und andere den schwarzen Krähen zum Opfer ftelen. Und nicht die Krankheit, die so viele Zeitungswesen dahinrafft, nicht unheilbare Abon⸗ nentenschwindsucht ist es, der unser Blatt er⸗ liegt, sondern freiwillig stirbt es eines fröhlichen Todes, um der stärkeren Tochter Platz zu machen! In ihrem Leben war ste zwar durchaus nicht auf Rosen gebettet und mehr als einmal in der ersten Zeit saß ihr das Messer an der Kehle. Doch immer wieder erbarmten sich ihre Freunde und beschützten sie. Wie alle sozial⸗ demokratischen Blätter hatte auch die Mittel⸗ deutsche die größten Schwierigkeiten durchzu⸗ kämpfen. Sie stellten sich sofort ein, als sie Genosse Dr. David 1894 ins Leben gerufen hatte, und das Schlimmste war jedenfalls noch, daß ihr im eigenen Parteilager Widersacher er⸗ standen. Freund David hat damals schwere Zeiten durchlebt. Er war noch Staatsange⸗ stellter, Oberlehrer an der Gießener höheren Schule und durfte von seiner soztaldemokratischen Redakteur⸗Tätigkeit nach außen hin nichts merken lassen, er wäre sonst natürlich augen⸗ blicklich seiner Stellung verlustig gegangen. Nur verstohlen und mit aller nötigen Vorsicht wurden die Manufkripte zur Post gebracht, da⸗ mit der Verfasser sich nicht verriet. Den Druck besorgte nämlich die Frankfurter Druckerei Schmidt& Kobisch, wo auch die Frkftr.„Volks⸗ stimme“ hergestellt wurde. In Gießen fand sich damals kein Drucker, der die Herstellung der Mitteldeutschen übernehmen wollte, alle fürchteten, deshalb von„oben“ scheel angesehen und geschäftlich geschädigt zu werden, oder aber dabet Geld einzubüßen. Wenn's jetzt in dieser Beziehung anders geworden ist und die Mittel⸗ deutsche mit Leichtigkeit Unterkunft finden würde, so ist auch das ein Zeichen von dem Wachstum unserer Bewegung, sowie dem Vertrauen, das die Partei genießt. Ja, die sozialdemokratische Bewegung ist gewachsen und stark geworden, wie allgemein im Reiche, so auch in unserm Bezirke. Dafür bieten die für unsere Partei abgegebenen Stim⸗ menzahlen den besten Beweis. Von 1,7 Millionen Stimmen im Jahre 1893 brachten wir es 1903 in Deutschland auf über drei Millionen. Und im Kreise Gießen, um nur diesen aus unserm Verbreitungsgebiete herauszugreifen, stiegen wir von 2852 auf 6025, weit über das Doppelte! Wir haben ein Recht, uns dieses Wachstums zu freuen, das allerdings noch gesteigert werden muß. Mögen die Gegner immerhin von Rück⸗ gang faseln, vom„absteigenden Ast“, auf dem die Sozialdemokratie hinabgleite— die Zahlen beweisen uns das Gegenteil! An dieser Auf⸗ wärtsbewegung hat die Presse ihr gut Teil Verdienst und auch die Mitteldeutsche kann sagen, daß sie redlich daran mitgearbeitet hat. Nun aber ist das Werkzeug unzulänglich geworden, das den Bau in die Höhe brachte, wir mußten uns ein neues, besseres zulegen! Viele unserer Freunde, die Leser des Blattes seit seinem Er⸗ scheinen sind, werden es bedauernd vermissen, Aeußerungen in diesem Sinne sind uns bereits mehrfach zugegangen. Doch wir hoffen, daß sie ihre Sympathien seiner Nachfolgerin, der „Oberhessischen Volkszeitung“ zu⸗ nden werden, die eher als die Mitteldeutsche in der Lage sein wird, den Bedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung unseres Verbreitungs⸗ gebietes zu entsprechen. Darum kein Lebewohl den Freunden und Lesern, wir bleiben ja auch fernerhin bei⸗ sammen, um gemeinsam für unsere große Sacke zu arbeiten! Herzlichen Dank aber ihnen allen für treue Waffenbrüderschaft, für freund⸗ liche Unterstützung! Dank den Mitarbeitern, Dank den Verbreitern, allen, die sich um das Blatt bemühten! Geloben wir, die Volkszeitung in gleicher Weise zu unterstützen, damit sie blühe und gedeihe und dem arbeitenden Volke diene! Lassen wir uns die obigen schönen Worte unseres verstorbenen Freundes Kegel gesagt sein: Wer nimmer scheut des Kampfes Müh'n, Nie der Verfolgung Plage, Dem wird der schönste Sieg erblüh'n Dereinst am Erntetage! eee Der Parteitag in Mannheim wurde am Sonntag in dem prächtigen städtischen Saalbau„Rosengarten“ eröffnet. Schon in den frühen Abendstunden strömten ungeheure Menschenmassen nach der Richtung des Rosen⸗ gartens, dessen mächtiger, 7000 Personen fassen⸗ der Nibelungensaal lange vor der Eröffnungs⸗ stunde dicht besetzt war. Der vordere Teil des Parterres war für die Delegierten und die sehr zahlreich erschienenen Vertreter der Presse reser⸗ viert, in den Seitengängen aber und auf den kolossalen Galerien drängten sich die Genossen und Genossinnen Kopf an Kopf in zahlloser Fülle. Die Rednertribüne und die Geländer der Estrade waren mit rotem Tuch drapiert. Oben auf dem Emporium stand die Statue der Freiheitsgöttin. Vor ihr hatten auf der Estrade etwa 500 Sänger, die Mitglieder der vereinigten Mannheimer Arbeitergesangvereine, Platz genommen. Der Parteitag ist diesmal stärker als 77 besucht. 367 Delegierte waren schon vor drei Tagen angemeldet, die Zahl dürfte 400 erreichen. Namentlich Nord⸗ und Mitteldeutschland ist stark vertreten. Auch das Ausland ist diesmal stärker als sonst vertreten, ebenso sind mehr Franen anwesend, schon wegen der eben voraufgegangenen Frauenkonferenz. Nachdem die Sänger das von Robert Seidel dem Parteitag gewidmete Lied„Deutsches Volk und deutsche Freiheit“, das von Wendelin Weißheimer komponiert und vom Kompo⸗ nisten selbst dirigiert wurde, vorgetragen hatten, ergriff Genosse Dreesbach zur Begrüßung des Parteitags das Wort. Er bedauerte, daß der Parteitag nicht in dem wunderschönen Musensaal abgehalten werden könne. Mann⸗ heim sei zwar kein parteihistorischer Ort und Marksteine der Parteigeschichte würde man hier vergeblich suchen. Aber auch in der letzten Reihe im Kampfe um Freiheit und Volksrechte habe Mannheim nie gestanden, Mannheim, in dem Friedrich Schillers revolutionärstes Drama „Die Räuber“ zuerst über die weltbedeutenden Bretter ging, Mannheim, dessen Kirchhof die Gebeine des Studenten Sand birgt, der den Zarensöldling Kotzebue mordete, Mannheim, dessen Kirchhof auch die Toten von 1849 birgt, die der damalige Kommandant, der Prinz von Preußen, standrechtlich erschießen ließ. Als Parteiort stehe Mannheim im Geruche des Revistionismus. Nun müßten ja überall die Arbeiter unter den Bedingungen weiterkämpfen, unter denen ste groß geworden seien, aber wenn es gälte, die letzten Ziele zu erstreben, werde die Partei nicht vergebens an das Ehrgefühl der Mannheimer appellieren. Wir durchleben eine politisch bewegte Zeit. In Rußland kämpft das Proletariat seit 1¾ Jahren unerschüttert unter den ungeheuersten Opfern und wir ver⸗ trauen fest darauf, daß es sich zur Freiheit durchringen wird. In Oesterreich wird das Volk schon in der nächsten Zeit einen gewaltigen Schritt vorwärts tun. Wenn hier das deutsche Proletariat zu neuer Beratung zusammentritt — einig trotz des Streites, stets sachlich und unpersönlich—, so ist es entschlossen, sein Ebangelium der Menschwerdung, der Menschen⸗ befreiung auch in die entferntesten Dörfer zu tragen. Hiermit heiße ich den Parteitag will⸗ kommen. Hierauf ergreift Bebel, von immer neuen Ln— — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 39. Beifallssalven begrüßt, das Wort. Er dankt den Mannheimer Genossen für den glänzenden Empfang. Er erinnert an Badens Vorgeschichte als„liberales Musterländle“. Der Liberalismus habe auch hier versagt. Gerade ein Mannheimer Nationalliberaler, der Abg. Bassermann, habe vor wenigen Jahren gesagt, Deutschland hungere nach Liberalismus. Und derselbe„Liberale“ habe sich an die Spitze der Zollmajorität gestellt und trage jetzt die Verantwortung dafür, daß die Lebensmittel immer teurer und teurer würden und die große Mehrheit des deutschen Volkes schon jetzt an einer verderblichen Unter⸗ ernährung leide. Die Nationalliberalen seien auch Schuld, daß jetzt in Preußens Schule das Pfaffentum Trumpf sei. So haben wir keinen Grund, freudig in die Zukunft zu sehen. Aber„Schwarzseher sind wir doch nicht.“ Wir haben Vertrauen in uns und das deutsche Volk, daß es früher oder später mit diesen schwarzen Zuständen aufräumen wird.(Stürmischer Beifall.) Bebel erinnert an alle die charak⸗ teristischen Vorgänge der preußisch⸗deutschen Politik, an Studt's Verbot, an einen sozial⸗ demokratischen Turnlehrer, wegen sittlicher Minderwertigkeit, Turnunterricht zu erteilen und dafür seine Dekorierung mit dem Schwarzen Adlerorden, die Wahlrechtsfeindschaft des Zent⸗ rumsgrafen Strachwitz, die„Kaninchenjagd“⸗ Politik gegen die Polen, die Steuergesetzgebung usw. Die Kolonialskandale hätten Deutschlands „führende“ Politiker heillos kompromittiert. Wenn trotzdem Podbielskt im Amte bliebe, der Partei könne es nur recht sein, wenn die regierenden Kreise sich von Grund auf kompro⸗ mittierten. Von der Korruption lebt der größte Teil der bürgerlichen Ge⸗ sellschaft und Podbielskt hat nichts Schlim⸗ meres getan, als der große Nationalheros Bismarck auch. Zum Schluß gedenkt Bebel der heroischen Kämpfe in Rußland, die auch für die deutsche Partet der schärfste Sporn sein müßten, mit nie rastender Energie gegen die jetzigen unwürdigen politischen Zustände Deutschlands anzukämpfen.(Großer Beifall.) Der Parteitag ist damit eröffnet. Zu Vor⸗ sitzenden werden Singer und Drees bach gewählt. Singer spricht seine aufrichtigen Wünsche für einen ernsten würdigen Verlauf der Verhandlungen aus und schließt mit der Hoffnung, daß auch dieser Parteitag zum Heil und Frommen der deutschen Sozialdemokratie gereichen werde. Dann folgt die Wahl der Schriftführer und Mandatsprüfungskommisston. Am Montag trat der Parteitag in dem Apollotheater zusammen. Die ausländischen Delegierten hielten zunächst Begrüßungs⸗ ansprachen. Es sprachen Huysmann⸗ Brüssel, Hueber⸗Oesterreich, As ke w⸗England, Söderberg⸗Schweden, Rotter⸗Warschau. Im Anschluß an die Rede des letzteren teilt Singer mit, daß die sozialistische Partei Polens und Litauens ihren Sruß habe durch die Benossin Luxemburg ausdrücken lassen. Er ergreife diese Gelegenheit, um die Genossin Luxemburg herzlich zu begrüßen, da sie wieder die Möglichkeit habe, für die deutsche Partei tätig zu sein, und zugleich den Dank der Partei für ihre tapfere Haltung, mit der sie in den letzten Monaten versucht hat, der russischen Bewegung zu Hilfe zu kommen, und für die persönlichen Opfer, die sie in der langen Haft auf sich genommen hat. Hierauf begrüßt die russische Genossin Bolabanoff den Parteitag im Namen der russischen Sozialdemokratie und spricht der deutschen Partei ihren besonders warmen Dank für die intellektuelle, moralische und materielle Unterstützung der russischen Re⸗ volution aus. Sie schließt mit den Worten: Der Sozialismus weckt in jedem Menschen das Klassenbewußtsein und die Menschenwürde. Und diese Kräfte sind es, die zum unermüdlichen Kampf gegen den Despotismus anfeuern. Die Reihe der Begrüßungsreden schließt die Genossin Biba ne⸗Amsterdam, welche die Grüße der holländischen Partei überbringt. Hierauf erstattet Abg. Pfannkuch den Bericht des Vor⸗ standes. Er bemerkt zunächst, daß an der Parteiorganisation noch viel zu bessern wäre. Ferner geht er auf die Frage Partei und Ge⸗ werkschaften ein und erklärt, daß im Partei⸗ vorstand niemals die geringste Meinungs⸗ verschiedenheit darüber bestanden habe, daß die Gewerkschaften auf jede Weise von der politischen Arbeiterorgantsation un⸗ terstützt werden müssen. Auch habe der Parteivorstand keinen Augenblick daran gezwei⸗ felt, welches die richtige Form der gewerkschaft⸗ lichen Organisation sei. Nicht erst die Kampfes⸗ art der Lokalisten, die Partei und Gewerkschaft hätte schädigen können, habe den Parteivorstand zu dieser Entschließung bestimmt, sondern er habe von jeher diese Absplitterungsversuche aufs tiefste bedauert und habe alles getan, um die Einheit herbeizuführen. Nachdem er verschiedene gegen den Parteivorstand gerichtete Angriffe zurückgewiesen, teilt er mit, daß der Partei⸗ vorstand den Genossen Dr. David mit der Abfassung eines Leitfadens für die praktische Parteiarbeit und den Genossen Katzenstein mit der Abfassung eines Tätigkeitsberichts der Reichstagsfraktion seit der Reichsgründung be⸗ auftragt und erhoffe eine wertvolle Bereicherung der Parteiliteratur. Neuerdings sei selbst in der deutschen Sozialdemokratie der Ausspruch getan worden, die Partei sei bedeutungslos. Den Gegenbeweis lieferten schon heute die Be⸗ grüßungsworte der ausländischen Gäste. Nicht mit Verachtung, mit Stolz blicken wir auf die Arbeit des verflossenen Jahres zurück. Wir können getrost in die Zukunft sehen. Wir sind stark genug, unsere Ziele unbeirrt weiter zu verfolgen. Wir waren immer kampfbereit und werden es auch in Zukunft sein.(Beifall.) Parteikassterer Abg. Gerisch erstattet hier⸗ auf den Kassenbericht. Er geht aus⸗ führlich auf die Finanzverhältnisse der Partei ein und beklagt, daß in einzelnen Ländern, Bayern, Dessau ꝛc., die Zentralkasse zu stief⸗ mütterlich von den Genossen behandelt würde. In der Diskussion wendet sich Ehrhardt⸗ Ludwigshafen in humortstischer Rede gegen die von Gerisch gegen die Bayern erhobenen Vor⸗ würfe. Weiter kommt es zu einer heftigen Debatte über die Haltung des Vorwärts, der gegen den Genossen Stampfer den Vorwurf er⸗ hoben hatte, daß er eine schwankende Haltung ein⸗ genommen und sich in Widersprüche verwickelt habe. Das Vorgehen Stampfer's wird von Hoch, Ledebour, Wels⸗Berlin u. a. scharf ge⸗ tadelt; Hch. Braun, der den betr. Artikel Stampfers in der„Neuen Gesellschaft“ veröffent⸗ licht hatte und Stampfer selbst verteidigen sich. Andere Redner mißbilligen die von dem Vor⸗ wärts gegen Stampfer gebrauchten Ausdrücke. Nach dem Schlußwort Gerisch's wird dem An⸗ trage der Kontrollkommisston gemäß einstimmig Entlastung erteilt. Es folgt der Bericht der Reichstags⸗ fraktion, den Abg. Schöpflein erstattet. Das Wesentliche aus dem Bericht haben wir schon in den voraufgegangenen Nummern wieder⸗ gegeben. Verschiedene Redner kritisteren in der Diskusston, daß die Fraktion bei der Beratung der„Borussia“. Interpellation nicht voll⸗ zählig vertreten war. Es waren zum Fraktionsbericht zwei Tadels⸗ Anträge gegen die Fraktion wegen der Borussta⸗ Interpellation und der Weinprobe im Reichs⸗ tage eingebracht, wurden aber natürlich fast einstimmig abgelehnt. Am Dienstag Nachmittag referierte Singer über den Internationalen Kongreß und empfiehlt folgenden Antrag, dessen ein⸗ stimmige Annahme erfolgt: Der Parteitag fordert die Parteigenossen auf, den im Jahre 1907 zum erstenmal in Deutschland statt⸗ findenden internationalen sozialist ischen Arbeiterkongreß zur Bekundung ihrer Solidarität mit den Arbeitern aller Länder zu beschicken. Um eine Ueberfüllung des Kongresses deutscherseits zu vermeiden, beschließt der Parteitag, die Höchstzahl der deutschen Delegierten auf 150 Personen festzusetzen, überläßt dem Parteivorstand gemeinsam mit der Kontrollkommisston die Verteilung der Mandatszahl auf die Landes⸗ bezw. Provinzial⸗ organisationen und ersucht die Generalkommisston der Gewerkschaften, dafür zu wirken, daß die Gewerkschaften auch keine höhere Anzahl Delegierte nach Stuttgart entsenden. (Weiterer Bericht siehe Seite 5) r Der Breslauer Krawall⸗Prozeß. Seit dem 18. September wurde vor der Breslauer Strafkammer der Prozeß wegen der Krawalle auf dem Striegauer Platze gelegentlich der Aussperrung in der Metallindustrie ver⸗ handelt. Es wurde festgestellt, daß die Aus⸗ sperrung erfolgte, weil die Former Forderungen estellt hatten, ausgesperrt wurden auch weitere ünfhundert Mitglieder der Hirsch⸗Dunckerschen Organisation, auch solche, die von dem Vorgehen det Former nichts wissen wollten. So sagte der Vorsttzende des Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereins aus, sein Verband stehe den Zwecken und Zielen des Deutschen Metallarbeiterverbandes durchaus fern und habe mit der Lohnbewegung nichts zu tun gehabt, trotzdem sei der Austritt aus dem Gewerkverein von den Unternehmern gefordert worden. Der Austritt würde die Leute um ihre Unterstützungsansprüche gebracht haben, für die ste lange Jahre Beiträge zahlten. 560 Hirsch⸗Dunckersche waren ausgesperrt. Fest⸗ gestellt wurde weiter, daß die Ausgesperrten nicht extra nach dem Striegauer Platze ge⸗ kommen sind, um die arbeitswilligen Unorgani⸗ sterten zu ärgern, sondern sie wären in der Nähe des Platzes zur Kontrolle und Empfang nahme der Unterstützungsgelder gewesen. Auf der Anklagebank sttzen Organtsierte aller Rich⸗ tungen. Am Samstag wurde der Arbeiter Biewald als Zeuge unter Eid vernommen. Er ist 21 Jahre alt, katholisch, seinem Berufe nach Flaschenspüler, ledig und unbestraft. Er wird zunächst unter Aussetzung der Vereidigung vernommen. Vert. Dr. Mamroth: Ich be⸗ merke ausdrücklich, daß Biewald weder zu den Ausgesperrten, noch zu den Strei⸗ kenden gehörte und an dem Lohnkonflikte wie dem Tumulte überhaupt nicht beteiligt war. Biewald gibt an, daß er am Abend des 19. April wie gewöhnlich aus dem Geschäfte nach Hause gegangen sei und dort ruhig sein Abendbrot verzehrt habe. Etwa um 7½ Uhr habe ihn sein Freund Hartmann zum Spazieren⸗ gehen abgeholt. Als sie herunterkamen, habe eine große Menge Frauen und Männer vor der Haustüre gestanden. Plötzlich sei von der Posenerstraße her eine ganze Anzahl von Schutz ⸗ leuten mit blanker Waffe angelaufen gekommen. — Vors.: Wie viel waren es ungefähr?— Zeuge: Etwa 10—12. Die Bewohner zogen sich darauf in das Haus zurück und die Tür wurde verschlossen.— Vors.: Sie gingen auch hinein?— Zeuge: Jawohl, ich wollte die Treppen hinaufgehen, um in meine Wohnung zu gelangen.— Vors.: Wieviel Treppen hoch wohnten Sie? Zeuge: Vier Treppen. Ich kam aber nur bis zu der ersten Treppenbiegung, wo ein Nebenflur abgeht, und da bekam ich einen Hieb, sodaß ich zur Erde fiel.— Vors.: Wer den Hieb geführt hat, wissen Sie nicht?— Zeuge: Nein, aber bestimmt war es ein Schutzmann.— Vors.: Warum sind nur gerade Sie verletzt worden und alle die anderen Leute nicht?— Zeuge: Ich wußte ja gar nicht, worum es sich handelte; die anderen sind sofort weggelaufen, als sie die Schutzleute mit der blanken Waffe sahen. Ich aber war guten Mutes und ging im Gefühl der Sicherheit langsam. Nach jenem ersten Schlage stand ich bald wieder auf, bekam aber sofort wieder einen Schlag über den Kopf, der mir die Mütze durchschlug. Ich bat den Schutzmann, er möchte doch aufhören und von mir ablassen, ich sei ja an der ganzen Sache nicht beteiligt. Gerade in diesem Moment bekam ich den i dritten Schlag, der mir die Hand raubte. Ich hatte gerade die Hand auf das Treppen- geländer gelegt.— Vors.: Das muß ein ganz kräftiger Schlag gewesen sein.— Zeuge: Jawohl. Meine Hand flog weit hinter mir auf die Erde.(Große Bewegung.) Festgestellt wird noch durch Vernehmung eines anderen Zeugen, daß Biewald tatsächlich unbe⸗ teiligt war.— In der Verhandlung am Freitag wurde u. a. der Anstreicher Scholz vernommen. Als er um 6 Uhr abends über den Striegauer Platz nach Hause gehen wollte, wurde er ohne jede Veranlassung von einem Schutzmann mit b. 1 . l. er ge 5 er . fe Fr 0 1 . le u. es fte 0 — N N Nr. 39. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. dem flachen Säbel über den Rücken geschlagen und trug infolgedessen eine Verletzung davon, die einen zweimonatigen Aufenthalt im Hospital nötig machte. Als er aus dem Hospital heraus⸗ kam, wurde er verhaftet.— Vors.: Sie waren an dem Krawall nicht beteiligt?— Zeuge: Nein.— Vors.: Gehörten Sie zu den Ausgesperrten?— Zeuge: Ja.— Vors.: Waren Sie im Metallarbeiterverband organistert? — Zeuge: Nein, in der Vereinigung der Maler und Tüncher.— Vors.: Weshalb waren Sie ausgesperrt?— Zeuge: Weil. ich organistert war. Ich habe den Meister gefragt, was gehen mich denn die Former an? — Vors.: Das war sehr vernünftig von Ihnen. Was hat denn der Meister gesagt?— Zeuge: Es sei von oben herab beschlossen worden, aus zusperren.— Vors.: Sie wollten also arbeiten?— Zeuge: Ja, ich hatte den besten Willen dazu.— In der Sams⸗ tagsverhandlung wurde Beweis erhoben über den Angriff der Metallindustriellen aufs Koalitions recht. Der Direktor der Maschinenbauanstalt Breslau, Neumann, sagt aus, die Aussperrung habe sich lediglich gegen den Metallarbeiterverhand und die Hirsch⸗ Dunckerschen gerichtet.(Es sind aber auch Nichtmetallarbeiter ausgesperrt worden.) Und zwar, weil diese beiden Verbände„am meisten zum Streik neigen.“ In seinem Betriebe sei den Arbeitern nicht gesagt worden, sie sollten aus dem Verband austreten, er wolle aber nicht von der Hand weisen, daß in anderen Betrieben derarkiges geschehen sei. General⸗ direktor Glasenapp vom Verband der schlestschen Metallindustriellen will nichts davon wissen, daß von den Arbeitern der Austritt aus der Organisation verlangt wurde, er gibt aber dann zu, daß tatsächlich diese Forderung gestellt wurde, auch seien ausgesperrte Arbeiter, die aus dem Verbande austraten, wieder ein⸗ estellt worden. Um ein generelles Vorgehen 1 5 es sich indes nicht. Hierauf legt Vert. Justizrat Mamroth einen Revers vor, in dem sich die Arbeiter verpflichten mußten, aus dem Metallarbeiterverband oder dem Hirsch⸗ Dunckerschen Gewerkverein auszutreten. Mehrere Metallarbeiter bekunden, daß ste den Revers hätten unterzeichnen müssen, wenn ste weiter beschäftigt sein wollten. Der schnöde Verstoß der Unternehmer gegeu das Koalitionsrecht ist also bewiesen. Das am Mittwoch gefällte Urteil lautet: Verurteilt wurden: 2 Angeklagte zu 6 Monaten Gefängnis, 4 zu je 3 Monaten, 9 zu je 2 Monaten, 5 zu je 1 Monat, 4 zu je 6 Wochen, 6 zu je 3 Wochen, 4 zu kleineren Gefängnis⸗ oder Geldstrafen; 7 Angeklagte wurden frei⸗ gesprochen; gegen zwei wird nochmals verhandelt. Der Staatsanwalt hatte in seiner Begründung der Anklage ausgeführt: Von den Anklagen wegen Beleidigung seien allerdings nur noch wenige übrig geblieben. Die wichtigen Anklage⸗ punkke aber stehen nicht auf Beleidigung, sondern auf die Beschuldigung des Auflaufs, des Auf⸗ ruhrs und des Widerstandes gegen die Staats⸗ gewalt. Der Staatsanwalt schildert eingehend die bekannten Vorgänge. Die Schutzmannschaft habe eine Aus schreitung Fuß bethne m Falle begangen, auch nicht im Falle Biewald. Zu bedauern sei, daß der Be⸗ amte, der Biewald die Hand abgehauen, stch nicht gemeldet habe. Der Beamte habe vieler⸗ lei Gründe, nicht hervorzutreten, z. B. wegen der zivilrechtlichen Verantwortlichkeit für seine Tat; aber ihm allein als Grund für sein Nicht⸗ hervortreten die Furcht vor der strafrechtlichen Verfolgung unterzulegen, set nicht angebracht. Wie aus dem obenstehenden Urteil hervor⸗ geht, stellte sich das Gericht nicht vollständig auf den Boden der staatsanwaltschaftlichen Anschauungen: immerhin hat es ihm genug Zugeständuisse gemacht. Und doch, was ist übrig geblieben bon all den großen Anklagen, was ist übrig geblieben von dem brennenden Revolutionsgebäude, das der Staatsanwalt hingestellt hatte zum Schrecken der friedliebenden Bürger? Traurige Trümmer. Und die Welt hat noch einmal durch einen preußischen Staats- anwalt bestätigt erhalten, daß es nichts Ord⸗ nungswidriges ist, wenn ein wütender Schutz⸗ mann einem friedlichen Menschen die Hand abhackt, hat erfahren müssen, daß derselbe preußische Staatsanwalt es für notwendig hält, diese Anschauung in derselben Stunde zu unter⸗ streichen, in der er gegen einen nicht im Dienste des Staates stehenden Menschen, der einem alten Mann ins Gesicht gespuckt haben soll, ein Jahr Gefängnis beantrage Politische Rundschau. Gießen, den 27. September 1906. Kapitalistische„Entbehrungslöhne“. Zu welch wahnsinnig hohen Kapitalgewinnen die Auslieferung der Erdschätze an die privat⸗ kapitalistische Ausbeutung führt, zeigt der jetzt vorliegende Abschluß der Internationalen Bohrgesellschaft in Erkelenz über das Geschäftsjahr 1905/1906. Nach einem Tele⸗ gramm aus Köln weist er einschließlich des Vortrages einen Rohgewinn von 18338 114,18 Mark auf. Der sich nach den Abschreibungen in Höhe von 3 834 850,69 Mk. ergebende Rein⸗ gewinn von 14 304 263,46 Mk. soll wie folgt verwandt werden: 5 000 000 auf 500 Prozent Dividende, 1083 402,30 Mk. auf den vertragsmäßigen Gewinnanteil des Vorstandes, 120000 Mk. Tantieme für den Aufsichtsrat, 700000 Mk. Zuweisung zu dem Vorsichtskonto, 250 000 Zuweisung zum Erneuerungskonto, 1 000 000 Mk. zur Bildung eines Fonds, dessen Erträgnisse im Interesse der Beamten und Arbeiter Verwendung zu finden haben und 200 000 Mk. zu Gratifi. kationen. Der verbleibende Rest von 6 149 861,16 soll auf neue Rechnung vorgetragen werden. Die Gesellschaft hätte demnach auch tau⸗ send pzt. Dividende zahlen können und hätte noch über 1 Million, d. h. mehr als ihr ganzes Aktienkapital auf neue Rechnung vor⸗ tragen können. Kann man sich noch wundern, daß diese Leute die gegenwärtige Welt für die beste der Welten ansehen?! Aber in diesen Zahlen enthüllt sich auch der ganze Wahnsinn des heutigen Wirtschaftssystems, das wenigen Millionen in den Schoß wirft und Millionen dafür darben läßt. Und der Staat unterstützt und fördert durch seine verkehrte Politik diese gemeingefährliche Reichtumsschöpfung. Die Fahrkartensteuer hat doch recht„angenehme“ Seiten. In der „Post reisender Kaufleute“ schreibt darüber ein Mitglied:„Fahrkartensteuer, herrlichste aller herrlichen Reichstagsschöpfungen! Wie edel sind die Ausführungsbestimmungen! Vor mir liegen die„Vorschriften über die Erhebung und Ver⸗ rechnung der Fahrkartensteuer des Deutschen Reiches auf zusammenstellbare Fahrscheinhefte“. § 2, Abs. 5 sagt in einem wunderbaren Bureau⸗ kratendentsch, daß, wenn in einem Hefte Fahr⸗ scheine verschtedener Fahrklassen enthalten sind, die Steuer für die im Hefte enthaltene höchste Fahrklasse zu berechnen set, z. B. wenn man ein Rundreiseheft für 50— 70 Mk. löst und man hat einen einzigen Schein zweiter Klasse für 50 oder 60 Pfg. darunter, dann muß man eben laut genanntem§ 2, Abs. 5 die Steuer für den Betrag des gesamten Heftes nicht dritter Klasse, sondern zweiter Klasse bezahlen. Die Kollegen werden hiermit gewarnt, damit ste nicht das Opfer dieses himmelschreienden Un⸗ rechtes werden.“— Im gewöhnlichen Leben würde man ein solches Verfahren Beutel⸗ schneiderei nennen.— Kriegervereinlicher Terrorismus. Die Vertreterversammlung des Kyffhäuser⸗ bundes der deutschen Landeskriegerver⸗ bände beschäftigte sich mit der Frage der Benutzung von solchen Sälen durch die Krieger⸗ und Militärvereine, die auch zu sozialdemo⸗ kratischen Veranstaltungen benutzt wer⸗ den. Es wurden folgende Leitsätze aufgestellt: „1. Jeder Verbandslamerad und Gastwirt, der seine Lokalitäten der Sozialdemokratie über⸗ läßt und auf Vermahnung hiervon nicht abläßt, ist auszuschließen, wenn nicht besondere Gründe ihn entschuldigen. 2. Die Eutschuld⸗ barkeit ist von ihm geltend zu machen und von Fall zu Fall zu prüfen. 3. Bestimmte Grundsätze über Entschuldbarkeit lassen sich nicht aufstellen. Entschuldbarkeit wird in der Regel nicht angenommen werden können, wenn die Sozialdemokratie andere Lokalitäten beautzen kann, die von einem Nicht⸗Kameraden bewirt⸗ schaftet werden. Entschuldbarkeil kann unter Umständen vorhanden sein, wenn sämtliche geeignete Lokalitäten eines Ortes der Sozial- demokratie zur Verfügung gestellt werden, weil dann von einer besonderen Förderung durch den einzelnen nicht gesprochen werden kann. 4. Zu entscheiden über die Entschuldbarkeit hat das dem Verein zunächst übergeordnete Organ, endgültig der Vorstand des Landesverbandes bezw. ein besonderes Schiedsgericht.“ Die Kriegervereine äffen damit nur nach, was die Militärverwaltungen ihnen vorgemacht aben. Wie aber der Militärbohkott die Sozial⸗ emokratie nicht hat„unterkriegen“ können, so wird es der Boykott der Kriegervereine erst recht nicht vermögen. Die Herren vom Kyffhäuser⸗ bund scheinen übrigens selber eine Ahnung da⸗ von zu haben; das zeigen ihre etwas sonderbar klingenden Entschuldbarkeitsgründe. Noch dürfen Eltern ihre Kinder erziehen An das vielerwähnte Wort des Kaisers an die Rekruten: Ihr sollt auf Vater und Mutter schießen, wurde in der Parteipresse und in Ver⸗ sammlungen die Mahnung an die Arbeiter ge⸗ knüpft, sie sollen ihre Kinder so erziehen, daß sie nicht auf Vater und Mutter schießen, selbst wenn es befohlen wird. In einer Protest⸗ versammlung gegen das Schulgesetz, die am 15. Mat in Berlin stattfand, gab der Genosse Aug. Büchel diesem Gedanken ebenfalls Ausdruck, indem er dem Sinne nach sagte: Die Erziehung der Kinder in der Schule sei nicht richtig, des⸗ halb müssen die Eltern mehr erzieherisch auf ihre Kinder einwirken. Namentlich die Söhne sollten so erzogen werden, daß sie dem Befehl, auf Vater und Mutter zu schießen, nicht Folge leisten würden. Gegen Büchel wurde auf Grund einer Anzeige des überwachenden Polizeibeamten Anklage erhoben wegen Vergehen eder§ 110 des Strafgesetzbuches, nach dem derjenige zu bestrafen ist, der öffentlich auffordert, gegen Gesetze oder Anordnungen der Obrigkeit Wider⸗ stand zu leisten. Vor der zweiten Strafkammer des Berliner Landgerichts kam die Sache gestern zur Verhandlung. Der Angeklagte gab zu, die Aeußerung gebraucht zu haben. Es handelte sich also nur um die Frage, ob die Aufforderung strafbar ist. Der Staatsanwalt bejahte dies, erkannte mildernde Umstände an und beantragte 100 Mk. Geldstrafe. Der Verteidiger Rechts⸗ anwalt Wolfgang Heine beantragte die Frei⸗ sprechung, welchem Antrag sich das Gericht auch anschloß. Der Vorsitzende führte in der Urteils⸗ begründung aus, wenn diese Aufforderung straf⸗ bar wäre, dann müßte es ein Gesetz geben, das den Eltern vorschreibt, ihre Söhne so zu er⸗ ziehen, daß ste auf Vater und Mutter schießen. Eine Aufforderung an Personen des Soldaten⸗ standes liegt nicht vor. Gs handelt sich auch nicht darum, daß der Angeklagte an junge Sozialdemokraten die Aufforderung richtete, beim Militär den Gehorsam zu verweigern. Die Versammlung beschäftigte sich nur mit der Schulfrage und die Aufforderung war lediglich an die Eltern gerichtet. Sozialdemokratische Wahlerfolge im El Bei den Bezirkstagswahlen in Elsaß⸗ Lothringen haben unsere Genossen recht gute Erfolge zu verzeichnen, was die Presse aller Richtungen anzuerkennen genötigt ist. Am Sonntag fanden die Stichwahlen statt, die uns in zwei den Sieg brachten. Im Kanton Geb⸗ weiler wurde Genosse Bucher mit 2119 Stimmen gewählt und in Schiltigheim Genosse Fuchs mit 1884 Stimmen. Im Kanton Schirmeck unterlag unser Genosse Therré nur mit 35 Stimmen Minorität.— Nach den allgemeinen Wahlen schrieb das Berl. Tagebl.:„Für die vereinigten Liberalen und 4 0 . e * saß. 5 9 Seite 4. Witteldeutsche Sonutags⸗Zeitung Nr. 39. Demokraten war das Resultat der Wahlen leider ein ungünstiges. Vor allem ließen sie es an einer genügenden Regsamkeit und Agitation fehlen. Höchst bemerkenswert ist das gewaltige Anwachsen der Sozialdemo⸗ kraten. Nicht nur, daß sie ihre beiden bis⸗ herigen Mandate schon im ersten Wahlgange glänzend behaupteten, sie gelangten auch bei vier der fünf erforderlichen Nachwahlen in eine so gute Posttion, daß in zweien davon ihr Sieg sich geradezu als sicher und in den beiden anderen als sehr möglich darstellt.“ 0 Ein böser Skandal ist in Mannheim aufgekommen. Wie unser Mannheimer Parteiblatt mitteilt, wurde im dortigen Arbeiterfortbildungsverein, der nicht von Arbeitern, sondern von einem bürger⸗ lichen Stadtrat und Landtagsabge⸗ ordneten präsidiert wird, eine große Unterschlagung aufgedeckt. Etwa 10 000 Mk. sind durch den Kassierer, Schneidermeister Peter Krämer unterschlagen worden; nur ein Pfand⸗ schein im Betrage von 500 Mk. und etwa 30 Mk. bares Geld sind noch vorhanden. Die Unterschlagungen sollen seit etwa 10 Jahren her datieren. Dieser Tage wurden die Hauptgeschädigten der Sparkasse zu einer Be⸗ sprechung eingeladen, wo man diese Leute be⸗ schwichtigen wollte. Der Vorsttzende, Vogel, soll den Vorschlag gemacht haben, die Sache zu vextuschen und zu besser situierten Bürgern zu gehen um von diesen Geld zur Deckung der Unterschlagung zu erbitten.— Diesem sehr eigentümlichen Vorschlage konnte nicht entsprochen werden, da einer der Geschädigten Anzeige er⸗ stattete, worauf der Kassierer Krämer, der 35 7 dieses Amt verwaltet, verhaftet wurde. Sozialdemokraten im dänischen Oberhaus. Nach den letzten Wahlresultaten zum däni⸗ schen Landsthing(Oberhaus) wird dieses in Zukunft vier Sozialdemokraten zu seinen Mitgliedern zählen. Es sind die Genossen C. Andersen und Chr. Christtansen, gewählt in Kopenhagen, Levinsky, gewählt in Röskilde auf Seeland und Harald Jensen, gewählt in Randers(Ostjütland). Andersen war bisher der einzige Vertreter der Sozial⸗ demokratie im dänischen Oberhaus. ppc f—c—f— c r von Rah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Zum Abschied sagen wir auch an dieser Stelle allen unseren Mitarbeitern, und Korrespondenten und Abonnenten herzlichen Dank für ihre uns gewärte Unterstützung und bewiesene Sympathie. Wir bitten sie alle, das gleiche Wohlwollen unserem neuen Blatte, der„Oberhessischen Volks⸗ zeitung“ zuzuwenden und ihr die gleiche Unter⸗ stützung angedeihen zu lassen. Die Volkszeitung wird sein, was die Mitteldeutsche war: eine Kämpferin für die Rechte und Interessen des werktätigen Volkes! Wenigstens mit einem Worte noch müssen wir den Genossen David und Scheidemann gedenken, die ihre Kraft dem Blatte widmeten und denen es in erster Linie mit zu danken ist, wenn unsere Bewegung in diesem Bezirke auf die jetzige Stufe gebracht wurde. Arbeiten wir nun rüstig weiter! — Unser neues Tageblatt, die Oberhessische Volkszeitung“, hat überall in den Kreisen der arbeitenden Bebölke⸗ rung die freundlichste Aufnahme gefunden. Obwohl die Probenummern in großer Auflage hergestellt wurden, reichten sie nicht aus, die Nachfrage zu befriedigen. Auch bezüglich des Inhalts äußerten sich unsere Parteifreunde in günstigem Sinne bis auf einige kleinere Wünsche, die selbstverständlich Berücksichtigung finden werden.— Das Amtsblatt sowohl, wie die „unpartetischen“ Neuesten Nachrichten wenden die Wanzen⸗Taktik an— sie haben noch mit keiner Silbe das neue Blatt erwähnt. Nun, deshalb existiert letzteres doch und wird sich hoffentlich kräftig weiter entwickeln. f. Im Wahl verein sprach am Samstag Genosse Schreiber über„Die englische Revo⸗ lutton bis zur Hinrichtung Karls 1.“ Die englische Geschichte und besonders diese Periode derselben ist in der deutschen Arbeiterschaft fast vollständig unbekannt. In der Schule wird darüber nichts oder wenig ie und wenn man sich in die Geschichte Englands vertieft, weiß man auch warum. Denn durch diese geht schon seit dem Mittelalter ein freiheitlicher Zug. Schon im Jahre 1215 erhielt England eine Verfassung. Wie in anderen Ländern mußte ste auch in England den Herrschenden gewaltsam entrissen werden. Diese strebten nun dahin, ste wieder zu beseiligen und darin waren die herrschenden Häuser der Anjou, Lancaster, Tudor und Stuart vollkommen einig. Karl I., der aus letzterem stammte, versuchte die Ver⸗ fassung abzuschaffen und regierte 11 Jahre ohne Parlament. Er unterlag in den Kämpfen egen das Parlament und verlor schließlich den Kopf. England erklärte sich zur Republik.— Genosse Schreiber verstand es vortrefflich, diesen Ge⸗ schichtsabriß den Zuhörern zugänglich zu machen und erntete reichen Beifall.— In der nächsten Versammlung wird Fourier über„Die Ziele der Konsumvereinsbewegung“ sprechen. — Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen verhandelte am Montag gegen den verheirateten Schmied Johs. Keßler aus Steinbach wegen Notzuchtsversuch. Die Ver⸗ handlung fand bei verschlossenen Türen statt. Der Angeklagte ist geständig, eines Abends im Jult in der Süd⸗Anlage in Gießen ein 16 jähr. Mädchen unstttlich angegriffen zu haben, doch will er zur Zeit der Tat betrunken gewesen sein. Der Staatsanwalt trat für Bejahung der Schuldfrage ein, während der Verteidiger Rechtsanwalt Grünewald nur tätliche Beleidi⸗ gung für vorliegend erachtete. Die Geschworenen erkannten auf schuldig und das Gericht verur⸗ teilte den Angeklagten zu 8 Monaten Gefängnis. Wegen Meineid standen am Dienstag die Eheleute Ruckelshausen aus Ehrings⸗ hansen(Kr. Alsfeld) vor den Geschworenen. Die Anklage ist die Folge einer Prozesstererei, wie ste öfters auf dem Lande geführt werden. Die Verhandlung endigt mit der Freisprechung der Angeklagten. Am Mittwoch wurde wiederum ein Not⸗ zuchtsversuch verhandelt, dessen der vtelfach vorbestrafte Tagelöhner Chr. Streumer aus Lorbach angeklagt ist. Er griff am 22. Juli ein 14 jähriges Mädchen auf der Straße bei Büdingen an. Er wird unter Zu⸗ billigung mildernder Umstände zu 8 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Donnerstag wird gegen den C. Schwab wegen Meineids verhandelt. Die Verhandlung, die sich bis spät abends ausdehnt, endet mit der Verurteilung des Angeklagten zu 1 Jahr Zuchthaus. — Der Konsumverein für Gießen und Umgebung hält nächsten Sonntag seine Generalversammlung im Saale des Einhorn ab. Auf der are steht außer den Ver⸗ waltungsberichten Beschlußfassung über die Höhe der Rückvergütung sowie Genehmigung des An⸗ kaufs der beiden Häuser im Asterweg. Die Versammlung beginnt um 3 Uhr. — Wenigstens etwas. Die Tabak- und Zigarrenfabrik Phil. Gail hat eine kleine Erhöhung der Löhne für ihre Zigarrenarbeiter eintreten lassen. Viel ist's zwar nicht, und die gedrückte Lage der Tabakarbeiter, deren Löhne weit hinter denen anderer Berufe zurückstehen, wird damtt nicht viel gebessert. Aber wenigstens wird die Notwendigkeit einer Lohnaufbesserung anerkannt. Warum konnte denn nicht schon vorher etwas zugelegt werden, müssen die Ar⸗ beiter denn immer erst streiken, bevor ste einen Pfennig mehr bekommen? Aus dem Nreise gießen. r. Alten⸗Buseck. Wie wir von zuberlässiger Seite erfahren, soll nun hier dem langgehegten Wunsche, eine neue Baufluchtlinie unterhalb des Ortes zu eröffnen, entsprochen werden. Wir begrüßen diese Maß⸗ nahme nicht allein als einen kommunalen Fortschritt, sondern auch deshalb, als es dadurch teilwelse ermöglicht ist, der willkürlichen privaten Bodenspekulation das Wasser abzugraben. Daß unter den derzeitigen Ver⸗ hältnissen niemand daran denken konnte, sich ein eigenes Heim zu gründen, ohne in die teilweise geradezu wuche⸗ rischen Fangarme einer kleinen Gesellschaft von glücklichen Befltzern zu geraten, hat schon mancher erfahren müssen. Hoffen wir, daß sich der Vater Staat, der Besitzer des in Frage stehenden Geländes, in dieser Weise etwas zuvorkommender zeigt, umsomehr, als er ja selbst ein großes Interesse daran hat, daß die Wohnungsfrage, eine Lebensfrage des Volkes, bald gelöst werde. So sehr wir sonst überzeugt find, daß beim Staat nehmen seliger denn geben ist, verlieren wir hier doch nicht alle Hoffnung auf ein wenig Entgegenkommen, Harbach. Für Sonntag, den 30. September, war hier eine Zusammenkunft geplant, zu welcher die Wiesecker Arbeitersänger eintreffen und gesanglich mit⸗ wirken wollten. Eingetretener Hindernisse wegen ist die Veranstaltung auf nächsten Sonntag, den 6. Oktober, verschoben. Die Parteifreunde in den Orten der Um⸗ gebung werden ersucht, recht zahlreich am Platze zu sein, damit auch in unserm entlegenen Oertchen unsere Sache gefördert werde. Aus dem Rreise Sriedberg⸗Büdingen. r. Unfall beim Turnen. In Büdes⸗ heim stürzte am Sonntag vor acht Tagen der 15 Jahre alte Turner Wagner auf dem Turn⸗ platz von dem Barren und brach den Arm. Anf Anraten des Herrn Dr. Dalquen ging derselbe nach Gießen in das Spital, kam aber, nachdem er verbunden worden war, am selben Tage zurück. Am Donnerstag morgen stellte sich bet dem jungen Mann Starrkrampf ein; er wurde sofort nach Hanau in das Land⸗ krankenhans gebracht, wo er kurz nach der Ankunft star b. Hätte der junge Mann in der Gießener Klinik Aufnahme gefunden, wäre sein Leben vielleicht erhalten geblieben. Aus dem Nreise Wetzlar. * Das furchtbare Unglück, das sich vorige Woche in der Röhrengießeret der Sophienhütte ereignete, hat bereits ein Opfer gefordert. Der Former Chr. Han s aus Hermannstein ist seinen schweren, durch flüssiges Eisen herbeigeführten Brandverletzungen erlegen. Wie es mit den übrigen steht, konnten wir bisher nicht er⸗ fahren.— Die Ursache des Unfalles wird hoffentlich von der Behörde gründlich untersucht und durch geeignete Schutzmaßregeln dafür gesorgt, daß die erschreckend große Zahl Unfälle, die in diesem Betriebe vorkommen, ver⸗ mindert wird. X Stadtverordneter K. Flörsheim hat sein Stadtverordneten-⸗ Mandat aus Gesundheits⸗Rücksichten niedergelegt. h. Die Saalbesitzer in Wetzlar haben sich bis⸗ her immer von„oben“ dahin beeinflussen lassen, daß sie unserer Partei ihre Lokale zu Versammlungen nicht zur Verfügung stellten. Herr Dietz, der seinen Saal früher herzugeben versprach, tat's in letzter Zeit auch nicht mehr. Die Arbeiter sollen sich nur dementsprechend verhalten, dann werden die Herren schon zur Einsicht kommen. Der Pächter des„Römischen Kaiser“ sieht schon, daß ihn die sog.„bessere Gesellschaft“, auf die er reflektierte, auch im Stich ließ und gibt das Lokal. am 1. Oktober auf. h. Der Wetzlar⸗Braunfelser Kon sum⸗ verein hält nächsten Sonntag seine Generalversamm⸗ lung in Braunfels ab. Die Mitglieder sollten sich dazu zahlreich einfinden, denn sie haben doch alles In⸗ teresse daran, daß der Verein so geleitet wird, daß er allen Vorteile bringt. Gegenwärtig bleibt manches zu wünschen übrig, weil sich die Mitglieder zu wenig darum bekümmern. * Welche„Objektivität“ das Wetzlarer Kreis⸗ blatt unserer Partei gegenüber bekundet, geht aus einer Notiz über den Parteitag hervor, die es in der Montags⸗ nummer bringt. Ueber die Frauenkonferenz am Samstag setzt es seinen Lesern folgendes vor: „Am Samstag vorher waren bereits die Genossinnen in Mannheim zu löblichem Tun vereinigt, als Gäste waren zahlreiche russische und polnische Genossinnen erschienen. Die blutige„Rosa“, die Rosa Luxemburg, die die russische Polizei vor einigen Tagen laufen ließ, die sich jetzt aber wegen einer Brandrede auf dem vorjährigen Parteitage in Jena vor einem deutschen Gericht zu verantworten hat, war am Samstag noch nicht anwesend, wird aber sicherlich nicht ausbleiben. Ist doch Frau Rosa unter den Genossinnen, was August Bebel unter den Genossen ist, unbedingte Autorität, der sich jedermann zu fügen hat, wenn er nicht„fliegen“ will.“ Welch' eine gehässige und blödsinnige Schmiererei! Man merkt dem edlen Blatte ordentlich das Bedauern an, daß die mutige Frau den Zarenschergen nicht zum Opfer gefallen ist. Und im Uebrigen tritt die ganze Borniertheit zu tage, die Amtsblättern in bezug auf die Sozialdemokratie eigen ist. wir diese Notiz zur Kenntnisnahme. PPTP Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. F Seite 5. Westerwald und Anterlahn. Schulverhälrnisse auf dem Lande. Vom Ober⸗Westerwald wurde dieser Tage dem „Rhein. Kurier“ geschrieben:„Vor einiger Zeit las man 8 im Herborner Tageblatt, daß es auf dem Wester⸗ wald noch„starke Leute“ gebe. Es wurde in dem be⸗ treffenden Artikel von dem Lehrer M. in L. geschrieben, daß er neben seiner 60 Schüler starken Schule noch zwei Ortschaften zu versehen hätte. Doch es gibt noch stärkere Leute. So hat der zweite Lehrer M. in H. die erste Stelle in demselben Ort mit zu versehen. Beide Schulen sind ungefähr 130 Schüler stark. Doch damit nicht genug; ihm wurde noch die ungefähr 3 Kilometer von H. entfernt liegende Schule zu St,⸗N. übertragen. Nun muß er noch vom 17. d. M. ab die Schule in B. laut Verfügung Königl. Kreisschulinspektion mit versehen. Außerdem ist er Organist in N. Gewiß ist dies ein Zeichen, daß der betreffende Lehrer ein„starker Mann“ ist.“ Allerdings, meint dazu die„Frkftr. Volksst.“ Ob aber auch die pädagogischen Leistungen und Er⸗ ziehungsresultate der„Stärke“ dieser Leute entsprechen, das steht auf einem anderen Blatt. Was kann ein solcher Lehrer den Kindern viel an Kenntnissen beibringen, wenn er den ganzen Tag auf„Reisen“ ist? Aber freilich: unsere herrschenden Klassen wollen ja nur willige Arbeits⸗ sklaven, und dazu genügt das bißchen Wissen, was ihnen so ein„starker“ Lehrer beibringt. Nur sollte man sich in diesen Kreisen angesichts solcher Schulverhältnisse nicht mehr über die Unwissenheit und Unbildung des Volkes entruͤsten. k. Gute Gegend für Ausbeuter. Aus Weilburg a. L, schreibt man uns: In dem benach⸗ barten Obershausen zahlt die Krupp'sche Bergver⸗ waltung horrende Löhne. 2 Mk. bis 2.50 Mk. bildet die Regel; Löhne von 3 Mk. sind schon eine Ausnahme, die nur einzelne„Glückliche“ erreichen. Die Schuld liegt allerdings an den Arbeitern selbst, die, ferne jeder Organisation, der Millionenfirma für ein solches Schand⸗ geld arbeiten. Da es immer noch Narren gibt, die die Arbeiterorganisatlonen für überflüssig halten und die auf den„guten Willen“ der Unternehmer rechnen, so sei denen Obershausen als warnendes Exempel vorgeführt. Denjenigen Zeitungsschreibern, die von Zeit zu Zeit den Wohltätigkeitssinn der Firma Krupp rühmen, empfehlen Vielleicht nimmt der Bergarbeiterverband sich einmal der Leute in Obers⸗ hausen an, er würde ein gutes Werk tun, wenn er hier mal im Interesse der armen Arbeitssklaven eingreifen würde. 5 2. Wegen einer Gendarmen⸗ Beleidigung hatten sich zwei Maurer aus Niedershausen vor dem Weilburger Schöffen gerichte zu verantworten. Der Gendarm Reichert kam in der Nacht vom 4. zum 5. Juni durch Niedershausen. Dort begegnete er den beiden Maurern, die husteten und pfiffen, was der Ordnungs⸗ hüter ganz fälschlicherweise auf sich bezog und glaubte, die Angeklagten wollten ihn foppen. Diese bestritten entschieden, den Gendarm irgendwie beleidigt noch dazu die Absicht gehabt zu haben. Das Gericht hält ebenfalls eine Beleidigung nicht für vorliegend und spricht die Maurer frei.— Auf die Genossen in N. ist der Herr Gendarm offenbar schlecht zu sprechen; erklärte er doch, sie(nämlich die Niedershausener)„noch zahm kriegen zu wollen“. Ja, wenn Polizei und Gendarmen die Sozial⸗ demokratie tot kriegen könnten, wär sie gewiß längst nicht mehr da! t. Aus dem Dillkreis. Für den Dillkreis besteht ein gemeinnütziger Bauverein, der von den Arbeitergroschen der Alters⸗ und Inbaliditäts⸗Sersiche⸗ rungsanstalt Hessen⸗Nassau Baudarlehen gibt. Dem Former Gabriel in Langenaubach war auf Antrag eben⸗ falls Baugeld bewilligt worden. Infolge einer Denun⸗ ziation des christlichen Vertrauensmannes Klaas (Gewerkverein der Bergarbeiter) wurde dem Gabriel das Baugeld wieder entzogen, weil er Sozialdemokrat sei. Gebaut wird aber doch. Protektor des Bauvereins ist Landrat v. Wüssow, derselbe, dem s. Z. das Kreisauto⸗ mobil bewilligt worden war— bis die Frankf. Volks⸗ stimme dafür sorgte, daß das Benzin ausging und das Töff⸗Töff die Fahrten einstellte. Aus dem Nreise Morburg⸗-Rirchhain. Von den Stöckerleuten. Anfangs September hat ich in Marburg ein welterschütterndes Ereignis abgespielt. Die„Christlich⸗Sozialen“, jene politischen Schmarotzer von Zentrumsgnaden, hatten sich unter Vorsitz des Buchhändlers Sonnenschein zu einem Fünfuhrthee zusammengesunden. Freudestrahlend ver⸗ kündet das„Volk“, daß zwei— hoffentlich voll⸗ kommen erwachsene— Mitgliedec, aufgenom men wurden. Auf Antrag So nnenscheins wurde dem Wahlfonds für nationale Arbeiterkandidaten der horrende Betrag von 10 Mk. üverwiesen. Mit diesem n hut's eine eigene Bewandnis. Die Macher der Stöckere merken, daß ihre Sache den Dalles hat. Herr Burck⸗ hardt, der Sekretär, drohte ja schon öfter, bei den säumigen Mitgliedern den Parteibeitbag von einer Mark zuzüglich Kosten per Nachnahme zu erheben. Nun hat Franz Behrens, der erbliche Durchfallskandidat der Stöckerei, gemäß erhaltenem Auftrag den Wahlfonds für nationale Arbeiterkandidaten gegründet. Wahrscheinlich ist die christlich⸗soziale Parteikasse nicht mehr in der Lage, die chronische Durchfallerei Blumenfränzchens zu bezahlen. Daher sammelt der zum Generalsekretär avan⸗ clerte Sohn der Ziegelbrenner und Kleinbauer beizeiten Schätze, die, damit sie der Rost nicht frißt, beim Wetzlarer Wahlkampf verpulvert werden können,— Weiter referierte dann Herr Dr. Burckhardt— der seine Versammlungen im 5. hessischen Wahlkreis mit Posaunen⸗ gebläs einleiten läßt— über das Abkommen mit den Reformern und empfahl„strengste Neutralität gegenüber den bereits aufgestellten Kandidaten“.— Daraus ist ersichtlich, daß es diese Spezies Christen es mit der politischen Ehebrecherei gar nicht so genau nehmen.— Im Marburger Kreise sind schon etliche Kandidaten ver⸗ schiedener antisemitischer und christlicher Couleur aufge⸗ stellt. Dort wirds bei der Wahl einen schönen Kuddel⸗ muddel absetzen. f. Wegen Arbeitswilligenbe⸗ leidigung verhandelte die Strafkammer am Freitag gegen den Genossen Schreiner Rösler. Das Schöffengericht hatte ihn vor einiger Zeit zu 9 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil er zu dem Arbeitswilligen Otto aus Holz⸗ hausen gesagt haben soll;„Du bist ein ganz erbärmlicher Kerl“ und„Du solltest dich vor deiner Frau und deinen Kindern schämen“. Gegen das Urteil hatte der Verurteilte wie der Staatsanwalt Berufung eingelegt. Mehrere Zeugen bekunden, daß ste von der ersten Aeußerung nichts gehört haben. Das Gericht erkannte auf 15 Mark Geldstrafe. fr. Vorstandswahl in der Ortskranken⸗ kasse. Zu der in der nächsten Generalversamm⸗ lung der Ortskrankenkasse auf der Tagesordnung stehenden Vorstandswahl, werden settens der Gewerkschaftskommission folgende Genossen in Vorschlag gebracht: Peter Wolf, Schreiner, Herm. Epple, Metallarbeiter, Joh. Mudersbach, Steinhauer, Franz Fischer, Buchdrucker. Wir bitten die Genossen, rechtzeitig zur Stelle zu sein, um Ueberraschungen zu vermeiden. Die Qualität der Streikbrecherarbeit. In der Stadtverordnetensitzung zu Augs⸗ burg gab der Vorsttzende eine Ueberschreitung des Bauetats bekannt, die daher rühre, daß ein Teil der Arbeiten Streik arbeit sei, die schlecht war und deshalb nochmals gemacht werden mußte.— In ihrem Geschäftsbericht gibt die Papierfabrik Hegge im Allgäu bekannt, daß während des letzten Streiks die Arbeitswilligen durch ihre Ungeschicklich keit einen kolossalen Schaden an den Maschinen verursacht haben, so daß die Dividende für die Aktionäre ver⸗ ringert werden mußte.— Der beim gegen⸗ wärtigen Maurerstreik in Augsburg als Ober⸗ scharfmacher fungierende Baumeister Keller mußte eine ganze durch Streikbrecher hergestellte Giebelmauer wegen Baufälligkeit abtragen lassen.— Das sind die„nützlichen Elemente“. An der Geldquelle. Der Münchener Polizeibericht vom 21. September meldet, daß in der vergangenen Nacht aus dem Münzgebäude ungerähr 130000 Mark in neugeprägten Zehnmark⸗ stücken mit dem Münzzeichen d 1906, im Gesamt⸗ gewicht von 50 ene gestohlen wurden. Unter dem Münzgebäude fließt ein Bach durch einen gemauerten Kanal, der gegenwärtig 1 Reinigung des Bachbettes trocken gelegt ist; durch diefen Kanal gelangten die Diebe an die eiserne Tür; ste erbrachen dieselbe, drangen durch den Maschinenraum in den Raum, worin das gemünzte Geld aufbewahrt wird, und ent⸗ nahmen einem Holzkasten die genannte Summe. Die Diebe sind später erwischt worden. Parteitag in Mannheim (Fortsetzung von Seite 2). Der Mannheimer Parteitag ist am stärksten besucht von allen, die bisher abgehalten wurden. Nach dem von Sindermann erstatteten Bericht der Mandatsprüfungskommisston sind 313 Dele⸗ gierte mit 335 Mandaten anwesend. Ein⸗ schließlich der Abgeordneten und ausländischen Gäste zählt er 404 Teilnehmer.— Der Saal des Apollotheaters erwies sich als zu klein, es gelang glücklicherweise noch, den Nibelungensaal des Rosengartens für die Tagungen zu erhalten. Am Mittwoch gelangte der Massenstreik zur Verhandlung, wozu Bebel das Referat und Legien das Korreferat hatte. Bebel legte folgende Resolution vor: 1. Der Parteitag bestätigt die Beschlüsse des Jenaer Parteitages den politischen Massenstreik betreffend. Der Parteitag empfiehlt nochmals besonders nach⸗ drücklich die Beschlüsse zur Nachachtung, die die Stärkung und Ausbreitung der Parteiorganisation, die Verbreitung der Parteipresse und den Beitritt der Parteigenossen zu den Gewerkschaften und der Gewerkschaftsmitglieder zur Parteiorganisation fordern, Sobald der Parteivorstand die Notwendigkeit eines politischen Massenstreiks für gegeben erachtet, hat derselbe sich mit der Generalkommission der Gewerkschaften in Verbindung zu setzen und alle Maßnahmen zu ergreifen, die erforderlich sind, um die Aktion erfolgreich durchzu⸗ führen. 0 2 2. Die Gewerkschaften sind unumgänglich not⸗ wendige Organisationen für die Hebung der Klassen⸗ lage der Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Gesell⸗ schaft. Dieselben stehen an Wichtigkeit hinter der sozial⸗ demokratischen Partei nicht zurück, die den Kampf für die Hebung der Arbeiterklasse und ihre Gleichberechtigung mit den andern Klassen der Gesellschaft auf politischem Gebiet zu führen hat, im weiteren aber über diese ihre nächste Aufgabe hinaus die Befreiung der Arbeiter⸗ klasse von jeder Unterdrückung und Ausbeutung durch Aufhebung des Lohnsystems und die Organisation einer auf der sozialen Gleichheit aller beruhenden Erzeugungs⸗ und Austauschweise, also der sozialistischen Gesellschaft, erstrebt. Ein Ziel, das auch der klassenbewußte Ar⸗ beiter der Gewerkschaft notwendig erstreben muß. Beide Organisationen sind also öfters in ihren Kämpfen auf 1 Verständegung und Zusammenwirken ange- wiesen. Um bei Aktionen, die die Interessen der Gewerk⸗ schaften und der Partei gleichmäßig berühren, ein ein⸗ heitliches Vorgehen herbeizuführen, sollen die Zentral⸗ leitungen der beiden Organisationen sich zu verständigen suchen. Die Einladung zu einer solchen Beratung hat diejenige Zentrakleitung ergehen zu lassen, von der die Auregung zu der Beratung ausgeht. Bebel. Zu dieser Resolution liegen eine Reihe Zu⸗ satzanträge vor, darunter einer von Kautsky, in welchem ausgesprochen wird, daß die Gewerk⸗ schaften vom Geiste der Sozialdemokratie be⸗ herrscht werden müßten, weil diese die höchste Form des proletartschen Klassenkampfes sei.— Der Saal ist dicht besetzt. Bebel legt dar, weshalb sich der Parteitag in diesem Jahre wieder mit dem Massenstreik befassen mußte und bezeichnet die Veröffentlichung des Organs der lokalen Gewerkschaflen, der „Einigkeit“ aus dem Protokoll einer vertrau⸗ lichen Sitzung der Gewerkschaftsvorstände einen Treubruch scklimmster Art. Er setzt dann weiter ausführlich auseinander, daß die Haltung des Parteivorstandes und seine Ausführungen auf der erwähnten Konferenz in keiner Weise mit der Jenaer Resolution und seiner Jenaer Rede in Widerspruch stehen. Redner geht im Weiteren ausführlich auf die Frage des Massenstreiks, sowie die Aeußerungen ein, die einzelne Genossen über diesen Gegenstand gemacht haben. Wir können Raummangels halber nicht mehr auf die interessante Rede und Debatte eingehen und verweisen unsere Leser auf die Oberhessische Volkszeitung. An die Part ivereine. Der Vorsitzende des Kreiswahlvereins, Georg Beckmann, wohnt jetzt Wolfstraße 3. Versammlungskalender. Samstag, den 29. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends 2 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 2. Oktober. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends ½9 Uhr Sitzung bei Orbig. Alle 3 der 1 deutschen Sonntags⸗Zeitung wolle man von nun an Neustadt 14, Expedition der Oberh. Volkszeltung, regeln. Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt der Buch⸗ handlung Vorwärts⸗Berlin über das Lieferungs wert „Blut und Eisen“ bei, worauf wir unsere Leser auf⸗ merksam machen. 2K 5—— Seite 6. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 39. Von Nah und Fern. Majestätsbeleidigungschronik. Das Gleichgewicht allen patriotischen Em⸗ pfindens in Sebinghausen und Umgegend darf als wiederhergestellk gelten. Eine Dien st ma 0 5 in Sevinghausen soll sich nämlich der Maje⸗ stätsbeleidigung schuldig gemacht haben. Die Bochumer Strafkammer fand ste schuldig und verurteilte ste zu zwei Monaten Gefängnis. 5 Angeber hätte eine— Ordensauszeichnung verdient. Moral und Sitte besserer Bürgerstöchter. Auf der Industrieausstellung in Zwickau, die jetzt zu Ende gegangen ist, war auch eine Anzahl Neger(Abessinier) zu sehen, die in ihrem Dorfe auf der Ausstellung die Zwickauer Be⸗ völkerung mit ihren abessinischen Sitten und Gebräuchen bekannt machten. Ein ganz besonderes Interesse für die schwarzen Erdensöhne zeigte aber das schöne Geschlecht aus den honetten Zwickauer Bürgerkreisen. Man beobachtet, daß gar manches holde Jungfräulein in allzu ont Nähe dieser dunklen Gestalten herangetrippelt war, und neugierige Späher wollten sogar Dinge bemerkt haben, die ste als äußere Zeichen zarter Liebesbande auffassen zu dürfen glaubten. Das Interesse der jungen Zwickauer Bürgers⸗ töchter für die jungen Herren Abessinter hatte tatsächlich eine bedenkliche Richtung angenommen und die Damen genierten sich schließlich gar nicht mehr, dieses Interesse in immer wachsendem Maße und immer wärmeren Kundgebungen zu betätigen. Das gab der Zwickauer bürger⸗ lichen Presse schließlich Veranlassung, in laute Wehklagen auszubrechen, was aber die liebe⸗ durstigen Bürgerstöchter nicht hinderte, ihren schwarzen Verehrern weiter ihre Liebesbezeigungen zu erweisen. Nun haben die Abessinier Zwickau perlassen, zum größten Schmerze ihrer holden Anbeterinnen. Ueber den Abschied selbst, der sehr rührend war, läßt sich der„Vogtländische Anzeiger“ aus Zwickau folgendes schreiben: „Das Abessinierdorf hat am Montag Vormittag seine Hütten im Ausstellungsgebäude abgebrochen und die Schwarzen haben endlich Zwickau den Rücken gekehrt. Es war die höchste Zeit; für manche unserer weißen Schönen, die in den dürrbeinigen, schmutzigen Negern das„Besondere“ verehrten, war es vielleicht schon zu spät. Selbst bet der Abfahrt der dunkelhäutigen Ge⸗ sellschaft gab es auf dem Bahnhofe noch bittere Abschiedstränen— aber nicht von den Schwarzen vergossen, die ihr gleichgültigsten Gestchter auf⸗ gesteckt hatten, sondern von ihren vielen Ver⸗ ehrerinnen, unter denen sich auch solche aus besten Gesellschaftskreisen befanden.“ Also für manche dieser weißen Schönen war der Aufbruch ihrer schwarzen Liebhaber vielleicht schon zu spät. Danach gehen die Zwickauer ja einer schwarz⸗weißen Zukunft entgegen. Ja es ist etwas Erhabenes um die Moral, mit der es sich niemals vereinbaren läßt, wenn ein armes Mädchen aus dem Proletariat außerehelich einem Kinde das Leben schenkt! Als treulose Handlungsweise bezeichnete es das Schöffengericht Nürnberg, wenn ein Arbeiter Streikunterstützung bezieht und dennoch arbeitet. Das hatte der Stein⸗ drucker Herman Pinkau getan, der in der Kunst⸗ anstalt von Schneller u. Co. beschäftigt war und am 2. Juni mit ausgesperrt wurde. Er bezog aus der Streikkasse eine wöchentliche Unterstützung von 23 Mk. Anfangs Juli ließ er sich dazu verleiten, bei einem Zwischenunter⸗ nehmer Streikarbeiten für die Firma Schneller u. Co. im geheimen anzufertigen. Trotzdem be⸗ zog er die Streikunterstützung ruhig weiter. Hierfür wurde er wegen Betrugs zu 2 Tagen Gefängnis verurteilt. In der Begründung hob das Gericht als besonders erschwerend hervor, daß er Arbeiter ist und an seinen eigenen Kollegen so treulos handelte. Nachdem er ge⸗ arbeitet hatte, hätte er unter keinen Umständen die Streikunterstützung weiter annehmen dürfen. Fromme, saufte Pilger. In Palermo(Sizilien) kam es während zu schweren Prügeleien. Die„Frkftr. Ztg.“ berichtet nach dem römischen„Messagero“ dar⸗ über:„Während der Prozesston stritten sich die Männer des Stadtviertels Capo um die Ehre, das Standbild der Heiligen tragen zu dürfen. Unter Lärm und Boxereien kam man zur Piazza Aragonest. Hier artete der Kampf zum Gefecht aus. Unter den Augen der Heiligen blitzten plötzlich Messer, Pistolen und Revolver. Die Poltzisten, welche die Prozesston begleiteten, suchten einen der wildesten Rädelsführer zu verhaften, worauf sich die Kämpfenden versöhnten, um den Bedrohten zu retten. Die Polizisten Halen in der Notwehr zu ihren Revolvern. as nahmen die Zuschauer übel, und 8 schossen auch sie aus den Fenstern und von den Balkonen. Die Prozesstonsteilnehmer und das Volk auf der Straße entfloh, von panischem Schrecken ergriffen, nach allen Seiten, ihrem Beispiel folgten auch die Angreifer der Poltzisten, als einer von diesen schwer verwundet niedersank. Die Statue der Heiligen beherrschte darauf allein den Kriegsschauplatz.“ Politische Umzüge verbtetet dort die Polizei unter dem Vorwande, daß ste zu Unruhen ausarten könnten. D Not. Von Ferd. Gebhardt. Not. Eine Dachkammer, unfreundlich und kalt. Auf einem altersschwachen Stuhl sttzt eine Frau, der Hunger und Sorgen aus dem Ge⸗ sicht sehen. Ein vierjähriger, blasser Knabe steht vor ihr. „Mich hungert, Mutter,“ sagt das Kind mit weinerlicher Stimme. 5 „Nur noch ein wenig Geduld, liebes Karl⸗ chen, der Vater wird gleich kommen!“ 5 ist der Vater gegangen, Mutter, ag 10 „Der Vater ging zum Onkel, da holt er Geld, und wenn er es hat, kauft er Brot, und paß' nur auf, wie bald er da sein wird, mit dem Brot, der Vater!“ „Mutter, das sagst Du jetzt immer schon und er kommt doch nicht.— Mutter, da, schau, da brennt mich's, da im Magen!“ „Darauf merken wir gar nicht, Karlchen! — Ich werde Dir was erzählen; was soll ich Dir denn erzählen, sag?“— „Ach ja, Mutter, erzählen,“ bittet das Kind und schmiegt sich an die Mutter. „Aber was denn, Karlchen 2“ „Erzählen!“ Das Kind schließt die Augen. „Von Max und Moritz?“— Karlchen schüttelt den Kopf. „Oder von Hansel und Gretel?“ Das Kind verneint abermals. „Mutter,“ flüstert es und öffnet die großen Augen,„mich hungert!“ „Oder vom gestiefelten Kater?“ fragt die Mutter eifrig. „Mutter, mich hungert!“ „Jetzt warte nur noch, Kindchen, ich muß Dir ja vom Rotkäppchen erzählen.— Es war einmal ein Kind—“ „Mutter, gib Brot“ „Das war so schön, daß es jedermann gern ansah—“ 5 3300 halt's nicht mehr aus!“ jammerte das ud. „Aber, Gott im Himmel, Karlchen, wir haben ja kein Stückchen Brot im Hause.— Warte noch ein wenig, der Vater muß ja gleich kommen und dann bringt er uns Brot.— Ich will Dir ja auch noch viel erzählen vom e— Set also brav, liebes Karl⸗ eu „Ich mag das Märchen nicht mehr hören! —- Mutter geh' mit mir zum Bäcker, der hat ja doch Brot, Mutter, weißt Du, gleich da der Prozesston beim Feste der heiligen Rosali vorn der Bäcker!“ bettelt das Kind. Der Mutter rinnen zwei dicke Tränen über die Wangen. „Bitte, Mutter, bitte!“ „Komm, Karlchen!“ 3 Die Frau geht mit dem Kinde aus der ü 25 „Der Knabe trippelt voraus.„Da ist der Bäcker,“ jubelt er. Schweren Herzens überschreitet die Frau die Schwelle des Bäckerladens. empfängt ste mit einem unfreundlichen Blick. „Na, endlich zahlen?!“ herrscht er die Ein⸗ tretende an. „Jetzt noch nicht!— Erst wenn mein Mann nach Hause kommt.— Das Kind hat aber so sehr Hunger—“ „Und da möchten Sie von neuem borgen? — Das könnte 751 so passen!— Nein, meine Liebe, da wollen wir lieber warten, bis Ihr Mann heimkommt— so lange wird's wohl noch Zeit haben—“ Eine Nachbarin betritt den Laden. Die Frau verläßt das Geschäft, ohne weitere gute Worte auszugeben. Als das Kind sieht, daß die Mutter ohne Brot aus dem Laden kommt, erschrickt es. Schluchzend stößt es hervor:„Mutter, jetzt hast Du wieder kein Brot!“ Sie gehen die Straße entlang. „Mutter, ich muß sterben!— Mutter, ich verbrenne!“ jammerte das Kind. Die Frau führt es in den dunklen Flur 2551 Hauses.„Warte hier auf mich, ich bringe Lot. Sie geht. Das Kind fürchtet sich in dem dunklen Hausflur, drückt sich an die Mauer und hält den Atem an. Eilig läuft die Mutter den kurzen Weg zum Bäckerladen zursick, bleibt vor dem Schau⸗ fenster einen Augenblick stehen. Als ste steht, daß der Bäcker nicht im Laden ist, atmet ste tief, stürzt sich in den Laden ind auf den nächsten Korb, greift ein Brot heraus und rennt ins Freie. Doch der Bäcker hat sie vom Ladenzimmer aus bemerkt. „Diebin!“ kreischt er ihr nach,„die dort ist's— Diebin, festhalten!“. Am nächsten Tag rekognoszierte ein armer, arbeitsloser Mann im Leichenhause zwei Leichen als die seiner Frau und seines Kindes. Die Frau war vor ihren Verfolgern in den Fluß gesprungen und ertrunken. Das Kind war verhungert in einem Hausflur aufgefunden.— VSFFFFFGFCcFCccc Versorgt. Von Pauline Ludwig. (Schluß.) Mit solchen Gedanken beschäftigt, war ste am Krankenhause angelangt. Auf ihr Klingeln erschten der Portier, dem sie ihr Anliegen vor⸗ trug; aber dieser wies Frau Merkel kurz und bündig ab mit dem Bemerken:„Kommen Sie nachmittag von drei bis fünf wieder, jetzt ist keine Besuchszeit.“ Und im Vollbewußtsein seiner Würde ging er in seine Loge zurück, ohne die unglückliche Mutter noch eines Blickes zu würdigen; denn derartiges erlebte er doch so oft, und das hatte ihn abgestumpft. Nun lehnte sie am Zaun und sah in den Garten, wo Kranke auf Bänken saßen oder solche, die auf und nieder gingen, und nun neugierig auf die Fremde sahen. Planlos irrte die Frau durch die Straßen. Sie spürte nicht Hunger, nicht Durst, bloß einen Wunsch hatte sie, ihr Kind zu sehen. Und so stand sie schon lange vor der Besuchszeit wieder vor dem Portal des Krankenhauses. Endlich wurde ste eingelassen und von einer Krankenschwester in einen großen Saal geführt, wo diese auf ein Bett zeigte und sich wieder entfernte. Eine kleine Weile sah Frau Merkel auf die Gestalt im Bett, welche die Augen Ahwaussen hatte. Dann rang es sich von ihren Lippen:„Helene, mein Kind!“ und schluchzend sank sie vor dem Bett nieder. Dann aber besann ste sich und unterdrückte die hervorbrechenden Tränen, da⸗ mit sich die Kranke nicht aufregen sollte. Sie Der Bäcker u Flur inge len hält Weg hau⸗ seht, t ste den und imer dolt er, ichen Die Fluß war f ———— Nr. 39. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. r ͤ mm m. ̃ àß..—..]—⏑—ð* e—* Seit erhob sich und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett. Die Kranke öffnete die Augen und traurig sagte ste:„Mutter ich habe soeben an dich e So saß nun Frau Merkel, bis die Besuchszeit abgelaufen war und hielt die unverletzte linke Hand in der ihrigen, denn der rechte Arm war bis zum Ellbogen abgetrennt. Zum Abschied strich sie ihrem Kinde über die blonden Locken, um die es schon oft beneidet worden war. 5 Und dann stand sie wieder draußen am Gartenzaun, und immer und immer wieder schweifte ihr Blick hinüber zu dem Gebäude, das ihr Liebstes barg. Langsam, als schleppe sie an einer schweren Last, kehrte Frau Merkel nach ihrer Wohnung zurück, wo bisher Zu⸗ friedenheit und Freude e hatte. Denn Helene war ein lustiges junges Blut gewesen und deshalb überall beliebt. Und nun sollte ihr fröhliches Lachen nicht mehr ertönen, ruhig und einsam sollte es um ste werden, auf Wochen ja Monate hinaus vielleicht auch immer. Still und in sich gekehrt, verrichtete Frau Merkel ihre Arbeit, allen neugierigen Fragen der Nachbarn wich sie aus so viel sie konnte. Von Woche zu Woche besserte sich der körperliche Zustand Helenes, aber es war et⸗ was in ihrem Wesen, was der Mutter Furcht einflößte. Die Angst vor etwas Schrecklichem, das über sie hereinbrechen müsse, ließ der alten Frau Tag und Nacht keine Ruhe finden. Und als ste wieder einmal bei ihrem Kinde zu Besuch weilte und sie im Garten auf einer Bank saßen, sagte die Mutter:„Nun, Helene, wirst Du bald entlassen werden, und auch bei uns wird wieder Glück und Zufriedenheit ein⸗ ziehen.“ Da wandte Helene ihr Gesicht der Mutter und die starren Augen sahen ste be⸗ fremdend an. Dann kam es zögernd über ihre Lippen:„Es kann ja sein, Mutter, daß ich den Glauben an das Leben wiederfinde.“ Ein Zittern ging durch ihre Gestalt, indem stie das Gespräch auf etwas anderes lenkte. 8 Endlich kam der Tag, wo die Mutter ihr Kind aus dem Krankenhaus abholte. Ueberall auf dem Heimweg wurden ste von Bekannten angehalten und aus all den Worten hörte Helene das Mitleid, und ste fühlte noch mehr, wie unglücklich ste sei. Auch der Mutter war das viele Fragen lästig, denn ste begriff, daß dieses Mitleid ihr Kind schmerzich berührte. Und beide waren froh, als ste in ihrem Stüb⸗ chen anlangten. Die Mutter hatte den Tisch mit einem hübschen Blumenstrauß geschmückt. Zwar dankte Helene ihrer Mutter für diese Aufmerksamkeit, aber kein Lächeln zeigte sich auf ihrem blassen Gesicht. So verging Woche auf Woche und das ge ⸗ drückte Wesen des Mädchens machte der Mutler viel Sorgen. Wohl hatte ste versucht, durch Spazierengehen Helene auf andere Gedanken zu bringen, aber es gelang ihr nicht. * Längst hatte der Zug die Station verlassen und noch immer stand Frau Merkel auf dem Perron und sah dem Zug nach, der ihre Helene nach Z. brachte. Erst als dröhnend ein anderer einfuhr, besann sie sich und verließ den Bahn⸗ hof, um ihr Heim aufzusuchen. Und beim Surren bes Spülrades schweiften ihre Gedanken zu ihrem Kinde, ja bei jeder Zahle, die sie fertig hatte, sah ste nach der Uhr, um auszu⸗ rechnen, wann ihre Helene ungefähr wieder zu⸗ rück sein konnte. Inzwischen war diese in Z. angelangt und wanderte nun die Straße entlang, die in die Stadt führte. Sie sah nicht nach den Waren, die in den großen Schaufenstern ausgestellt waren, auch wenn sie hin und wieder davor stehen ölleb. Sondern sie suchte jemanden unter den hin⸗ nud herdrängenden Menschen, den sie um Auskunft bitten wollte. Denn ste mußte vor ein Gericht, man wollte ihr nicht glauben, daß ste ein Krüppel sei; man wollte ihr die 5 kürzen. Darum mußte ste vor das Gericht. Es mochten noch nicht ganz zwei Stunden vergangen sein, als Helene das Haus wieder verließ, in dem man die Unfallrente festgesetzt hatte. 60 Prozent der Vollreute hatte man ihr zugebilligt, hingegen die Vollrente abgelehnt, weil— nun weil sie ja noch eine Hand habe. Selbst den Vorsitzenden des Schiedsgerichts mochte es rühren, denn als er von einem der Arbetterbeisttzer aufmerksam gemacht wurde, daß es der Verunglückten bei einer derartigen Unterstützung unmöglich set, nur halbwegs auszukommen, bedauerte er aufrichtig, daß das Gesetz in dieser Beziehung nicht weiter gehe, und demnach das Schiedsgericht gezwungen sei, sich streng an dieses Gesetz zu halten. Lange stand Helene noch auf dem Platz vor dem Gebäude; der ganze Schauer einer trostlosen Zukunft kam über sie. Ja, so lange ihre Mutter noch lebte, mochte es noch angehen. Da hatte sie noch jemand, an den sie stch an⸗ schließen konnte. Aber dann! Drohend stieg es in ihrem Gemüte auf. Sie saß auf einer Bank, vor ihr glitzerte ein weiter, seeartiger Teich, der von einem leichten Wellengekräusel bewegt war. Einige stolze Schwäne schwammen majestätisch auf dem Spiegel des Sees. Ein Bild der Ruhe. Auch sie wollte Ruhe haben. Nur Ruhe, tiefe Ruhe. Die weißen Leiber der Schwäne schienen zu winken: Komm Schwester, komm zu uns. Immer mehr versank das Mädchen in Ge⸗ danken, es sah nur noch die glitzernde Fläche des Sees vor sich und die wiegenden weißen Schwanenleiber. 5 Man fand auch einen Hut am Ufer und man fand auch sie, die Unglückliche, die, einer düster drohenden Zukunft entgangen, in den weiten Fluten des Sees Vergessen gesucht und gefunden hatte. Wasserlilien Prangten in ihrem Haar, als man ste aus Ufer bettete und die Schwäne wogten und nickten. An der Seite der Toten kniete eine alte Frau und flüsterte ihr Liebesworte ins Ohr, Worte einer unendlich großen, unsagbaren Mutterliebe. Allerlei. Du sollst nicht den Schutzmann rufen! Du lachst und meinst, das hättest du noch niemals getan? Besinne dich! Dein Kind war unartig, deine ganzen erzieherischen Mittel hattest du vergeblich angewendet, der Aerger stieg dir zu Kopfe und zornig entfuhr deinem Munde die Drohung: Warte, jetzt hole ich den Schutz⸗ mann! Der soll dich mitnehmen! Vielleicht hat das Mittel geholfen, denn vielleicht war deinem Kinde schon öfter— von dir oder von Nachbars⸗ leuten— der Schutzmann als der Aubegluß der höchsten Gewalt geschildert worden. Und weil das Mittel einmal so schön geholfen hat, so wendest du es öfter an. Besonders gern auf der Straße, wenn dir dein Kind dort nicht gehorchen will. Du zeigst dann auf die blinkende Helmspitze und den langen Säbel, und wie bequem dann für dich: Warte, jetzt werde ich den Schutzmann rufen, der wird dich schon kriegen!— Tue es nie wieder, proletarische Mutter! Unsere Kinder sollen nicht die her⸗ kömmliche spießbürgerliche Angst vor dem Schutz⸗ mann bekommen; ste 415 lernen, den Schutz⸗ mann gar nicht zu sehen; sie sollen so erzogen werden, daß ihnen die heutige Poltzet als eine überflüssige Einrichtung erscheint. Vor allem sollen sie keine Furcht haben vor der Polizei: Darum fort mit dem Schutzmann aus der Erziehung!(h. sch. in der„Gleichheit“.) Jumoristisches. Auf einer Tour kam ich in das Dorf P., in dem ein Freund von mir als Pfarrer wirkte. Ich be⸗ schloß, ihn trotz der vorgerückten Abendstunde(es war neun Uhr) aufzusuchen und läutete so am Pfarrhof an. Nach einiger Zeit hörte ich schlürfende Schritte im Haus ⸗ gang und dann fragte eine weibliche Stimme, offenbar die der Haushälterin:„Sind Sie es, Herr Pfarrer?“ —„Nein“, entgegnete ich,„ein Freund von ihm.“— „Nacha kaun i net aufmach'n“, tönte es von drinuen, i bin ja im— Hemd.“ Tischreden. Mein Freund, bedenke dieses wohl: Das Essen und der Alkohol, Indem wir uns daran erlaben, Erwecken uns die Rednergaben. Dann steht der Mensch, klopft an das Glas Und sagt wohl dies und sonst noch was, Doch äußerst selten etwas Gutes. Der Kreislauf des beschwerten Blutes. Verdauung und der Magensaft Sind hinderlich der Geisteskraft. Und im Gehirn entstehen Blasen, Und alle Worte werden Phrasen. Und alles, was man sonst verschluckt, Das wird am nächsten Tag gedruckt. Wenn dann verflogen und verklungen Der Weingeist, die Begeisterungen. Und wenn man selber nüchtern ist, Liest man erstaunt den eignen Mist. Drum, außer in dem engsten Kreise, O spreche nie verdauungsweise! Bleib fitzen! Klopfe nicht ans Glas! Und drückt dich nach dem Essen was, Laß lieber einen stillen fahren! Das wissen nur, die um dich waren. Peter Schlemihl im„Simplicissimus“ Nationalliberale„Jugend“. Das gährt und braust, das tost und schäumt, Das siedet wild im Töpfchen, Das zaust mit keckem Ungestüm Die Zöpfe und die Zöpfchen. Wie lange noch, wie lange noch, Da hängt auch ihr die Köpfchen, Da seid ihr wie die„Alten“ auch, So feig und kalt—„weißknöpfchen!“ Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Literarisches. „Blut und Eisen“, Krieg und Kriegertum in alter und neuer Zeit, ist der Titel des von Hu go Schulz verfaßten dritten Bandes der unter dem Gesamt⸗ titel„Kulturbilder“ von der„Buchhandlung Vorwärts, Berlin“, herausgegebenen populären Abhandlungen aus der Kulturgeschichte. Die grausamste Geißel der gesamten Menschheit ist der Krieg,„Die Fortsetzung der Politik mit gewaltsamen Mitteln“, wie der preußische General v. Clausewitz so harmlos sagt,— der vulkanische Aus⸗ bruch der unter dem dünnen Firnis der Zivilisation angesammelten Barbarei, wie er dem Freunde friedlicher Entwicklung erscheint. Der Verfasser gibt in seinem Werke eine historische Darstellung der einflußreichen Rollen, welche der Krieg im Leben der Völker gespielt hat. In zusammenhängenden historischen Streifzügen zeigt er, welche Greuel der Krieg gestiftet hat und welche Verwüstungen er angerichtet, aber auch, welche Kräfte er geweckt und in welcher Weise er auf die innere Ent⸗ wicklung der Völker zurückgewirkt hat. Ohne jegliche Entrüstung und Sentimalität zeigt der Verfasser auch, wo der Krieg, wie z. B. in der großen blutigen Aus⸗ einandersetzung zwischen Japan und Rußland, einen kulturnotwendigen Prozeß gefördert hat. Aus der Kriegsgeschichte erschließt sich die Militärgeschichte und Kriegführens durchaus abhängig sind von den wirtschaft⸗ lichen Grundlagen des Lebens ihrer Zeit. Auch dieser Band ist in durchaus leicht verständlicher, flüssiger Sprache geschrieben und mit Bildern und historischen Dokumenten ꝛc. reich illustriert. Das Werk erscheint in 50 Lieferungen à 20 Pfennig; jede Woche wird ein Heft ausgegeben. Bestellungen nehmen alle Buchhand⸗ lungen, Kolporteure sowie die Austräger dieser Zeitung entgegen. Auch können die Bestellungen direkt beim Verlag aufgegeben werden. — ů ů³??:— Vom 1. Oktober an erscheint täg⸗ lich in Gießen die Oberhessische Volkszeitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Der Abonnementspreis beträgt monatlich 60 Pfennig frei ins Haus, wöchentlich 15 Pfg. Parteigenossen, Arbeiter! Seid unermüdlich tätig für Euer Blatt! ...————— ‚——— es wird überzeugend nachgewiesen, wie die Formen des 5 3 — Seite 8. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung Nr. 39. Revolution in Rußland. Glücklich entflohene Revolutionäre. Bereits im Sommer wurde mitgeteilt, daß der im März als Mitglied der Kampfesorganisation der Soz.⸗rev. Partei zu Tode verurteilte, nach⸗ her zu Zwangsarbeit begnadigte, in Schlüssel⸗ burg eingeschlossene und kürzlich nach Sibirien gebrachte Melnikow und der während Rennen⸗ kampfs Strafexpedition in Tschita verurteilte Realschuldirektor Okunzow aus dem Bergwerk von Akatuj entflohen wären. Dann wurde diese Meldung dementiert. Später aber wurde bekannt, daß Stolypin an den Justtizminister Scheglowitow einen Brief gerichtet hat, worin er ihn auf die in der Tat erfolgte Flucht Melnikows aufmerksam macht. Das Gefängnis von Akatuj soll nämlich eines der bestgebauten sein. Stolypin empfiehlt dem Justizminister, das Gefängniswesen in Anbetracht der häufigen Fälle von Flucht zu verbessern. Die Tschitaer „Dal“ hat dann Einzelheiten über die Flucht Melnikows und Okunzows mitgeteilt. Sie waren nämlich mit einer Tonne hinausgefahren, um Wasser zu holen. Ein Soldat begleitete sie. Sie kamen beim Brunnen an— und da warfen sie dem Soldaten Schnupftabak in die Augen; der Soldat hatte noch nicht Zeit gehabt, aufzuschreien, als ste seinen Mund mit Sand füllten. Als nachher der Soldat zu schreien anfing, waren Melnikow und Okunzow mit dem Pferde schon fortgaloppiert. Bomben. Bei einer in Tiflis stattge⸗ habten Haussuchung fand die Polizei im Zimmer eines jungen Mannes eine Büch se, welche Druckereimaterial enthielt. Im Augen⸗ blick, wo man die Büchse berührte, erfolgte eine Exploston, wodurch zwei Sicherheitsinspektoren und der Beigeordnete des Poltzeikommissars getötet und mehrere andere Sicherheitsbeamte sowie ein Soldat und ein Offizier verwundet wurden. Der Fußboden stürzte ein und zer⸗ malmte ein in der unteren Etage beftudliches Kind und verletzte die Mutter desselben. In 1 Wieseck, Gießener Straße Taschenuhren Wilnehm Peppler, vnrmacher Empfiehlt sein reichhaltiges Lager in Regulatoren, Wand-, Weck: und Täglich frischen dem Zimmer wurden auch zwei nicht gefüllte Bomben gefunden. Zwei Männer 1 5 11 5 Frauen wurden verhaftet. Der Mieter des Zimmers ist verschwunden. Schreckliche Ereignisse werden für Sebastopol angekündigt. Der auch bei den Revolutionären geachtete Admiral Skrydlow erhielt von der Kampforganisation der revolu⸗ tionären Partei ein Schreiben, er möge sich von Sebastopol wegbegeben, da noch im Laufe des September sich in Sebastopol schreck⸗ liche Ereignisse vollziehen würden, in deren Verlauf es nicht möglich sein würde, sein Leben zu sichern. Der Zar auf der Flucht. Nikolaus hat sich kürzlich von Petersburg entfernt und eine Meerfahrt unternommen. Diese hat er jetzt zu seiner Sicherheit auf unbestimmte Zeit verlängert. Dieser Herrscher fühlt sich nur noch stcher außerhalb des Landes, er kann sich „seinem Volke“ nur erhalten, indem er es ver⸗ läßt, das monarchische Regime wird aufrecht erhalten, indem der Monarch nicht regiert. Obstkuchen Dienstag und Freitag Zwiebelkuchen 4 i i Kehrt bei den⸗ a 9 eee 5 L. Müller be ea 6 Tascheuuhren von 5 Mk. an ein, welche au — Alleinrich Zeug weten nge Ferd. Nennstiel Schneiderneiser annoncieren Giessen, Nec hen. 7. 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Drück von Heppeler T Neher Iseßen, —— — —— 1 — rene 8 — — ——— . ä —ůů — e n 3 s . 8 —ů— c 5 92467 2 55 7 75 n — ä 8 ä 5 — —ů — n — 8 — —— 3 8 ——— D — ä 8 —— — — ö * 8— —— 8 — — ä — 8 e 8 . 446. 7677 8 8 —— —— 8 ä = 8 N 8 8 —— — —— 8 8 e. 8 4. 777400 4 447 427705756 . ee. „„ 5 Veh; S FF V r 8 eee 146 76% ee, e,, r 00 % ũ. eee eee r %%%%%VVVGVGV 45„ „FF 885 5 „% VV * 5 8 f 8 84e 88 1485 9 5 8 7 9 05 5 5 5 S e 5 8 8 eee n 205 8 2 —— e 98 88 558 eee 5 78 5 585 e 8 5 8 e Feen eee 888889885 5 5 Na 80 8 9085 80 8 — 8 88 2 e 8 5 N 85 Nee eee 8588 cee ctectee 7 85 — 8 . . * 8 8 N 5 9290885 ee . 8 8883855 eee, . 8 8 5 88. e e Aedede ede 5855 0 10 05 8 85 95 852 8 888 0. 288 8 8 80 85885 8 888 84 ee. 85 888 . 8 9 8585 Ne 8. 92 Sees 8. 8085 5 835 NN 88 80 88 8 80 8 8 8 5 85 8 80e 88885 ce eee 88 85 00 585 80 8882 88 N88 559 88 9988 Ness 888 50 985 80 0 8 ess 8 5 85 88 855 85 8 88 85 898868 50 85 8600 885 5 855 Ke 83 880 988080 885 8989985 Nd 88 n 8 85 2858 0 d d 80 8 8 85 . 8 2 2 5 , ,. 75 5 . 3 8 2 — ——— 8 N 2 8 2 8 rde* ä 8 98 0 r d 8 8 „555 ,. 8 7 3. 5 8 8 2 r 28 „„ Ned Na 4 8 8888 8 85 8. 8 9858 995 5 8 ester 888 8 s de ec 8 c 8 48 85 888 8 555 85 8 N 9. 8 dd d 585 N d ee eee S Fd Steer 88888 8 Ren! . dee n 8 l Cees, 9281 8 505 885 888 N 8 N N elende ese ne Neteerde ccd e Lecce F seed ec N88 ede 88 Nees N l 8 N 8 8888 eee 9 8 8 888 SN N 5 . S n n d Nel 8 Seed dd re Nd Ne Isel 22 8 5 ... .. 8 2 — , „ Ne. 1. Gießen, den 7. Januar 1906. Redaktion: COlorchecker —— — A xrite Beginn der letzten Flessch euerung, nur zu sehr gemerkt hat, daß die indirekten Steuern auf alle Lebensbedürfnisse ein mächtiges Loch in alle Berechnungen und in alle Sparsamkeits⸗ absichten reißen. Außerdem werden die Er⸗ fahrungen der einzel nen Haushaltungen durch die Statistik durchaus bestättigt. Wie könnte es auch anders sein! Für eine Anzahl von Städten hat man neuerdings die Wirkungen der Erhöhung der Lebensmittelpreise auf die breite Masse der Konsumenten festgestellt. Es ergibt sich daraus, daß die Kosten der Ernähr⸗ ung im Durchschnitt für eine Familte mit vier Köpfen betrugen in Mark: pro Woche: 1900 1901 1902 1903 1904 1905 20,44 20.56 20.72 21.15 21.29 21.98 pro Jahr: 1062.88 1069.12 1077.44 1099.80 1106.98 1142.96 Eine Familie, die für die Nahrungsmittel⸗ . 4. C. a menge im Jahre 1900 1062.88 Mark zu be⸗ 22. O Deer 6 8 4 Gegen 1904 ist die Steigerung der Nahrungs⸗ mittelpreise im Vergleich zu den früheren Jahren geradezu sprunghaft. Sie beträgt jähr⸗ lich rund 36 Mark, während die Steigerung 2 3— 5 6 7 8 9 1520* man die indirekten Steuern„nicht merkt“! Hoffentlich sorgt gerade die maßlose Ueber- spannung dieses Steuersystems dafür, daß auch dem Blödesten die Augen über das Unheilvolle und Wohlstandsverwüstende, über das Kultur⸗ feindliche und Ungerechte dieser Steuer allmäh⸗ lich geöffnet werden. * Obige Ausführungen, die wir einem Partei⸗ blatte entnehmen, finden ihre Bestätigung durch eine Verteuerung der Schuhwaren, die von den Fabrikanten jetzt angekündigt wird, und die Familienväter recht sehr„merken“ werden. Es war ja vorauszusehen, daß der Vieh⸗ und Fleischnot notwendigerweise eine Steigerung der Leder⸗ und damit der Schuh⸗ warenpreise folgen muß. Bereits vor Monaten ist eine solche erfolgt und schon wird eine neue angekündigt. So veröffentlicht der Verein der Tuttlinger Schuhfabrikanten folgende Mit⸗ toilung- 10 11 2 3 14 1 16 indüstrie sest Jahrzehnten, abgesehen von der rasch verlaufenen Hausse des Jahres 1895, nicht gekannt hat. Die Berechtigung dieser Preisbe⸗ wegung ist durch die Tatsache erwiesen, daß! bringen. Ler- Ig H. A- De. Bedertanl. Mi U enen Gegen die Tabaksteuer⸗Erhöhung! Einen neuen Aufruf richtet die Zentralkommission der Tabakarbeiter Deutschlands an alle Wahl vereine, Ge⸗ werkschaftskartelle und Gewerk⸗ schaften. Unter Hinweis auf die drohende Erhöhung der Tabaksteuer richtet die Kommission das Ersuchen au die erwähnten Vorstände, dem Kampfe gegen die neue Belastung des Tabaks f ihre Unterstützung zu leihen. Es heißt in dem 0 Aufrufe: n Sollten diese Vorlagen Gesetz werden, würden nicht nur viele Zehutausende von Ta⸗ bakarbeitern brotlos und mit ihren Familien dem Elend preisgegeben werden, in der Wechselwirkung würde es sich nicht nur um Hunderttausende geschädigter Personen handeln, sondern diese Schädigung würde sich auf alle Industriezweige erstrecken und diese ebenfalls in Mitleidenschaft ziehen. Die Kommisston hat in 18 17 18 19 20 21 R 1 1 1 . Profekte geslanden. Wir rechnen auch jetzt darauf, daß alle Arbeiter Schulter an Schulter stehen werden, um diese Entwürfe zu Fall zu