1—...————— del. el. iel. en ige. rel. l 10 6 Nr. 4. —]. 6 ˙¹¹iA Gießen, den 28. Januar 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Mirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt M l itteldeutsche 15⸗Jeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhse e Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 391/% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Kampf und Sieg! Der vergangene Sonntag ist ein Ehren⸗ tag, ein Tag des Kampfes nnd des Sieges für die deutsche, für die internationale Sozial⸗ demokratie. Sie hat in einer Kundgebung, wie sie gewaltiger die Welt noch kaum gesehen hat, ihren Willen ebenso ruhig, eindrucksvoll kundgetan. Sie hat gezeigt, daß sie über ein nach Millionen zählendes Heer zuverlässtger, wohldisziplinierter und— was die Hauptsache ist— denkender Kämpfer verfügt, die sie für Recht, Freiheit und Wohlergehen des Volkes in den Kampf stellt. Und das Volk sieht sehr wohl, wer für seine Interessen ein⸗ tritt; es lernt immer mehr die Richtigkeit der soztaldemokratischen Grundsätze und Ideen er⸗ kennen. Auch am„Roten Sonntag“, wie die Scharfmacherpresse unsern Domonstrationstag taufte, welche Bezeichnung wir übrigens gerne annehmen, sind wieder diele Tausende unserer Sache gewonnen worden. Das maßlose Geschimpfe der kapitalistischen Sold⸗ schreiber und ihre gemeinen Verdächtigungen unser Partei machen nur höchstens noch auf un⸗ wissende, rückständige Leute Eindruck, jeder ver⸗ ständige und gebildete Mensch verachtet die un⸗ sinnigen, verleumderischen Hetzereien des charak⸗ terlosen Zeitungsgesindels von der Reptil- und „Ordnungs“presse. Aus welchem Grunde diese Vorbereitungen? Daß die Sozialdemokratie keine Ausschreitungen, keine Gewalttätigkeiten begeht, weiß man nur zu genau. Man wird also keinen Grund, wenigstens keinen vernünftigen dafür anführen können. Allerdings, die Scharfmacher⸗ und Reptilpresse hat es an gemeinen Denunziationen und schamlosen Verhetzungeg nicht fehlen lassen. In zahllosen spitzelmäßigen Artikeln und Notizen und Ratschlägen an die Polizei suchle diese charakterlose Sippe der kapitalistischen Sold⸗ schreiber eine Stimmung zu erzeugen, die zu blutigen Megeleien führen sollte. Man watete förmlich in Arbeiterblut!! Was nebenbei noch für Unsinn zu tage gefördert wurde, beweist der Gieß. Anz., der fast die Hälfte der groß⸗ städtischen Bevölkerung als zum Gesindel und Lumpenzeug gehörig bezeichnete!! Und wenn es trotz dieser unerhörten Hetze nicht zu blutigen Konflikten gekommen ist, so ist das einzig der kühlen Ruhe und der ge⸗ festigten Disziplin der deutschen Arbeiter zu danken. Der Kaiser soll den Berliner Poli⸗ zisten den Dank dafür ausgesprochen haben, daß der Sonntag dort ruhig verlief. Dieser Dank ist an die falsche Adresse gerichtet, die Poltzet ist an dem guten Verlauf ganz un⸗ schuldig; im Gegenteil, überall, wo Polizei in dieser Weise auftritt, stört sie höchstens die Ruhe. Der Dank gebührt den Berliner Sozial⸗ demokraten, die d rauf allerdings keinen An⸗ spruch erheben. Für die ungeheuerlichen Maßnahmen gibt es nur zwei Erklärungen. Entweder man wollte einen Zusammenstoß mit einem darauf folgenden Gemetzel, man wollte mit Flinten und Kanonen aufs Volk schießen, oder man hat in den oberen und regierenden Kreisen eine fürchterliche Angst vor dem Volke. Diese ist aber ganz unnötig; selbst wenn unsere Portel in der Lage wäre, die Republik zu pro⸗ klamieren, so würde noch keinem Fürsten ein Haar gekrümmt werden; wir sind überzeugt, daß man sich mit ihnen in aller Gemütsruhe auseinandersetzen würde, wenn sie nur so ver⸗ nünftig sind, dem Volke sein gutes Recht nicht streitig zu machen. Das Volk wird aber den Kampf um sein Recht nicht aufgeben. Es wird ihn mit ver⸗ doppelter Kraft fortsetzen, bis die Dreiklassen⸗ schmach beseitigt und das Volk in der Lage ist in seinen eigenen Angelegenheiten mitbe⸗ stimmend zu wirken. Der 21. Januar hat uns die wahren Volksfeinde gezeigt. Die Junkerkaste und Geldsacksklasse sind für das deutsche Volk schlimmere Feinde, als alle auswärtigen„Feinde“ zusammengenommen! K* Unsere Demonstration verlief im ganzen Reiche musterhaft. Nirgends kam es auch nur zur geringfügigsten Ausschreitung. Die Arbeiter massen hielten eine geradezu bewunderns⸗ werte Disziplin. Ueberall ist der Aufforderung des Parteivorstandes, der Polizei keinen An⸗ laß zum Einschreiten zu geben, pünktlich Folge geleistet worden. Trotz der unerhörtesten Pro⸗ bokation der Gegner! Trotz der Erbitterung über das Dreiklassenwahlrecht und trotz auch der verrückten kriegerischen Vorbereitungen, die überall von den Behörden getroffen wurden! Wahrlich, Verückteres hat die Welt nock nicht gesehen als diese Kriegs vorbereitungen! Am imposautesten war die Demonstration in Berlin, obwohl die Parteigenossen anderer Orte auch nicht zuröckblieben. Eine unerhört gewaltige Beteiligung und trotzdem absoluteste Ruhe! Es waren nicht weniger als zwei ⸗ und neunzig Massenversamm lungen die in den sechs Berliner und in den zwet vor⸗ gelagerten Reichstagswahltreisen am Sonntag zwischen 12 und 2 Uhr abgehalten worden: sowohl in der Stadt selbst als auch in den Vororten wurden diese Versammlungen noch lange vor ihrem Beginn, zum Teil schon in den frühen Vormittagsstunden wegen Ueber⸗ füllung polizeilich abgesperrt. Nach oberfläch⸗ licher Schätzung sind es über hundert ⸗ tausend Arbetter gewesen, die auf diese Weise in der Hauptstadt gegen die schwarz⸗ weiße Dreiklassenschande protestiert haben. Wer zählt aber die Massen, die überdies noch vergeblich Einlaß suchten und mit be⸗ wunderungswürdiger Ausdauer— in losen Gruppen verstreut— straßab, straßauf zogen, freilich alle mit dem nämlichen Erfolg, vor dem Tor des nächsten Versammlungslokals abermals zurückgewiesen zu werden? Da sich indes diese Bewegung auf zeitlich drei Stunden, räumlich auf ein ungeheures Ausdehnungsge⸗ biet erstreckte, und überdies jede demonstrative Zusammenballung streng vermieden wurde, kam es nirgends zur Bildung geschlossener Züge. Die Arbeiter haben ihr Wort gehalten und den Scharfmachern die Freude verdor⸗ ben; sie haben auf der Straße nicht demonstriert. Ueberhaupt scheint die Berliner Polizei die nervösen Befürchtungen, die in den höheren Kreisen herrschten, im allgemeinen nicht geteilt zu haben. Vielfach überließ sie die Aufrecht⸗ erhaltung der Ordnung den Ordnern der Ar⸗ beiterschaft, die, mit roten Rosetten geschmückt, an den Toren der Versammlungslokale postiert waren und ihre Tätigkeit gelegentlich auch auf die Straße erstrecken durften. Die behelmten Hüter der klassenstaatlichen Ordnung wissen sehr gut, daß die Männer mit der roten Rosette die Ordnung besser aufrechtzuerhalten wissen als sie selber es imstande sind. Sie wissen auch sehr genau, daß ein geschlossener Zug jener Hunderttausende durch die Straßen unter Führung ihrer eignen Ordner nicht die geringste Gefahr für die öffentliche Ruhe und Ordnung bringen würde. Eine merkwürdige und zugleich wirksame Straßendemonstration konnte man in Berlin allerdings nicht verhindern. Unter den Lin den, wo sich die höfische Pracht der Auffahrt zum Ordensfeste entfaltete, demonstrierte ganz Ber⸗ lin— durch seine Abwesenheft! Wo sonst bei derartigen Gelegenheiten die Straßen voll hurraschreienden Menschen stehen! Aber die Elemente, aus denen sich diese zusammen⸗ setzen, fürchteten jedenfalls für rote Demon⸗ stranten gehalten zu werden und mit dem herr⸗ lichen Kriegsheer in unangenehmen Konflickt zu geraten. Deshalb mußte der Kaiser durch ver⸗ ödete Straßen fahren!— Der Abmarsch der vielen Tausende aus den Versammlungen vollzog sich in vollster Ruhe und Ordnung. Während aber die Ar⸗ beiter nach Hause gehen durften im Bewußt⸗ sein, einer gewaltigen Volkskund⸗ gebung zu gutem Gelingen geholfen zu haben, und in fester Absicht wreder zukommen und immer zahlreicher, immer lauter und dringender den Ruf nach dem gleichen Recht in Preußen zu erheben, dürfte sich in den Kreisen ihrer Gegner der Katzen⸗ jammer gar bald einstellen. Man spielt nicht ungestraft mit dem trockenen Pulver und dem geschliffenen Schwert, man dürfte es vielleicht schließlich einsehen, welche Torheit es war, die Garnison in marschbereiter Ausrüstung in den Kasernen ihren Gedanken zu über⸗ lassen. Mancher königstreue Soldat wird nach diesem nachdenklichen Sonntag, wenn er den Rock des Königs auszieht, ein guter Soztal⸗ demokrat werden. Von den Versammlungen können wir natür⸗ lich nicht im einzeln berichten. Wir müssen uns mit ganz kurzen Notizen begnügen. In dem eigentlichen Berlin fanden 31 Versamm⸗ lungen statt. Unter den Rednern befanden sich u. a. die Reichstagsabgeordneten Bebel, Singer, Heine, Robert Schmidt, Richard Fischer, Lede⸗ bour, Dietz, Herzfeld ꝛc. Bebel sprach im Moabiter Gesellschafts⸗ hause vor einer ungeheueren Menschenmenge, die den Redner mit nicht endenwollendem Bei⸗ fall begrüßte. Er führte u. a. aus: Die russische Revolution datiert ihren Ge⸗ burtstag vom 22. Januar v. J., damals, als der friedliche Arbeiterzug, man möchte sagen die Prozession des Priester Gapon mit blauen Bohnen empfangen wurde. Seitdem gibt es keinen Frieden mehr zwischen dem Zarismus und dem russischen Volke.(Stürmischer Bei⸗ fall.) Redner schildert, oft von lautem Beifall unterbrochen, die Phasen der russischen Revo⸗ lution. Wenn sich jetzt das lettisch⸗estnische Landvolk gegen seine Dränger erhebt, so erntet das deutsch⸗baltische Junkertum nur, was es gesäet hat. Das offizielle Preußen widersetzt sich der Wahlrechtsbewegung, die die ganze zivilisterte Welt ergriffen hat. Hier wird noch das Wahl⸗ Seile 2 Mitteldeutsche Sonnags⸗Jeitung. Nr. 4. recht aufrechterhalten, das Bismarck das elen⸗ deste und erbärmlichste aller Wahlrechte nannte, das selbst Herr v. Kardorff 1869 durch das Reichstagswahlrecht ersetzt wünschte. Es gibt kein tolleres, verrückteres Wahlrecht, als das preußische Landtagswahlrecht. 1903 wählten steben preußische Minister in der dritten, drei in der zweiten Wählerklasse, keiner in der ersten, in der dagegen der Wurstfabrikant Hefter und in andern Städten Bordellwirte wählten. Während überall das Wahlrecht demokratistert wird, wollen die preußischen Junker nicht nur keine Verbesserung zugestehen, sondern sogar, wie Herr v. Zedlitz mit edler Innkerdreistigkeit verlangte, durch das Reich die süddeutschen Staaten zu Wahlrechtsver⸗ schlechterungen nötigen. Darauf hat Prinz Ludwig von Bayern die gebührende Antwort gegeben. Ich stehe nicht gerade im Geruch königstreuer Gesinnung, aber ich muß sagen: Wären alle Monarchen so vernünftig, so stände es besser um die Monarchie. Spräche ein preußischer Prinz im preußischen Herren⸗ hause wie Prinz Ludwig von Bayern im bayrischen Reichsrat, ich glaube, die Junker erklärten ihn reif fürs Irrenhaus. Würde der deutsche Kaiser durch Volkswahl aus den deutschen Fürsten gewählt, so hätte, glaube ich, Prinz Ludwig von Bayern alle Ausstcht deutscher Kaiser zu werden. f Die Eroberung des Reichstagswahlrecht, durch das Frauenstimmrecht ergänzt, für den preutzischen Landtag ist die nächste Aufgabe des kämpfenden deutschen Proletariats. Ich hoffe, daß diese imposante Kundgebung und die majestätische Ruhe, der sich die Arbeiter zum Aerger der Scharfmacher befleißigen, ihres Eindrucks auch auf die Gegner nicht verfehlen und politische Organisation und die Arbeiter⸗ presse zu stärken, schließt der Redner unter miuutenlangem Beifall seine mehr als zwei⸗ stündigen Ausführungen. Auch in den übrigen Versammlungen fanden die Ausführungen der Redner stürmtschen Bei⸗ fall. Besouders auch diejenige Singers, der vor 2500 Personen im Saale„Sanssou⸗ eie“ sprach und namentlich das skandalöse Drei⸗ klassenwahlsystem kennzeichnete. Und so waren auch alle übrigen Versammlungen in und bei Berlin riesig besucht und ihre Teilnehmer be— geistert für den Kampf ums Recht. Folgende Resoluttonen wurden überall ein⸗ stimmig angenommen: „Der Preußische Landtag, bestehend aus Herrenhaus und Abgeordnetenhaus, ist die Spottgeburt einer Volks⸗ vertretung. Das Herrenhaus ist die Vertretung einer rückstän⸗ digen kulturfeindlichen Aristokratie. Das Abgeordneten⸗ haus, das auf Grund eines Wahlsystems gewählt ist, das selbst Bismarck schon im Jahre 1867 als das elendste und erbärmlichste aller Wahlsysteme bezeichnete und sich bis heute als das verrotteste und widerfinnigste Wahlsystem erwiesen hat, ist ausschließlich aus den Ver⸗ tretern eines raffgierigen Junkertums und einer an⸗ maßenden Kapitalistenllasse zusammengesetzt. Das arbei⸗ tende Volk, das den Staat erst existenzfähig macht, geht bei dieser sogenannten Volksvertretung vollkommen leer aus, ein Zustand, der eine brennende Schmach für einen modernen Staat ist. Eine so zusammengesetzte Volks ver⸗ tretung verkörpert die nackte Klassenherrschaft. Die Versammlung protestiert auf das nachdrücklichste gegen die Vergewaltigung und Rechtlosmachung, die der ungeheueren Mehrheit des preußischen Volkes durch ein solches Zerrbild einer Volksvertretung zugeführt wird. Die Versammlung fordert die schleunige Beseitigung eines solchen Privilegienparlaments und die Wahl einer Volks⸗ vertretung, die auf Grund des allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrechts von allen Staats angehörigen ohne Unterschied des Geschlechts gewählt wird, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, nach Maßgabe der Verhältniswahl. Die Versammelten verpflichten sich durch Anschluß an die Sozialdemokratie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften für die Beseitigung des preußischen Junker⸗ und Dreiklassenparlaments und für die Schaffung einer dem Allgemeininteresse entsprechenden Volksver⸗ tretung zu wirken. Die Versammlung begrüßt mit Genugtuung die revolutionären Exeignisse inRußland, durch welche das mit Verbrechen jeder Art beladene absolutistische Regiment in seinen Grundfesten erschüttert ist und den unter bisherigen grauen⸗ vollen Zuständen schmachtenden Völkern im russischen Reich die Bahnen freiheitlicher, kultureller Entwicklung geöffnet wurden. Die Versammlung spricht allen Kämpfern für politische Freiheit in Rußland ihre tiefste Sympathie und Bewunderung aus, ganz be⸗ sonders aber den Männern und Frauen, die auf dem Boden der soztaldemokratischen An⸗ schauungen fußend, mit und in dem Proletariat wirken und kämpfen, deren zäher und uner⸗ müdlicher Arbeit, die sie seit Jahrzehnten allen Gefahren und Verfolgungen zum Trotz betrieben haben, in erster Linie die erreichten Resultate zu danken sind. Die Versammlung betrachtet es als Pflicht des deutschen Prolekariats, die Opfer dieser Kämpfe, deren Siege seine Siege sind, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen.“ Ebenso ruhig und würdig, wie in Berlin verlief die Demonstration in dem übrigen Preußen, wo Versammlungen stattfanden. An manchen Orten waren solche allerdings ver⸗ boten worden. So in Breslau, Hamburg, in mehren Städten des Rheinlandes. Und(natür⸗ lich!) in Sachsen, in Leipzig und Dresden. Dagegen konnte man sie in Chemnitz, wo Reichs⸗ tagswahl bevorsteht, nicht verbieten, man hielt einfach Wählerversammlungen ab.— In Frankfurt und nächster Umgebung fanden 15 Versammlungen statt, die alle sehr stark besucht waren. Dort wurde von der Polizei nicht so große Nervosität an den Tag gelegt als anderwärts, es verlief deshalb auch alles ruhig. In vielen Orten des Höchster, Wiesbadener und Hanauer Wahlkreises wurden ebenfalls stark besuchte Versammlungen ab⸗ wird. gehalten, die alle Kampfes mut und Begeisterun Mit der Aufforderung, die gewerkschaftliche Ae f e zeigten.— Aus den Städten Süddeutschlands, München, Rürnberg, Stuttgart, Kartsruhe, Straßburg ꝛc. wurde über gut verlaufene Massen⸗ versammlungen berichtet. Nur in Mann⸗ heim wurde die Versammlung, die im Nibelungensaale stattfand und von etwa 6000 Personen besucht war, aufgelöst. Diese Auflösung war absolut grundlos und wird auch von der bürgerlichen Presse verurteilt. Auch die in Mühlhausen i. Els. verfiel der Auflösung, als der Referent auf das kürzlich erschienene Buch des Poltzeikommissars Stephany zu sprechen kam, in dem die Zustände im Elsaß und besondere Dinge in den Kreisen der oberen Zehntausend und der Bürokratie beleuchtet werden. In Hessen zeigte der Demonstrations⸗ Sonntag das gleiche Bild, wie im übrigen Deutschland. Hier war von„behördlichen Maßregeln“ nicht viel zu bemerken, allerdings hatten die Soldaten zum Teil wenigstens am Sonntag keinen Urlaub bekommen. Für das herrliche Kriegsheer waren jedenfalls in ganz Deutschland einheitliche Anordnungen ergangen. Doch die Poltzeti zeigte sich überall zurückhal⸗ tend, sie weiß, daß ste damit am besten fährt. In Mainz war die Stadthalle mit min⸗ destens 5000 Personen gefüllt, die den vorzüg⸗ lichen Darlegungen Dr. Davids gespannt lauschten.— Gen. Ulrich sprach in Offen⸗ bach in dem überfüllten Saalbau. Seine ede wurde vielfach von stürmischem Beifall unterbrochen.— Massenhaft waren auch die Versammlungen in Langen und Sprend⸗ lingen besucht. In der letzteren sprach Abg. Fulda.— Das Wormser Gewerkschafts⸗ haus war nicht im Stande, die große Zahl der erschienenen Demonstranten zu fassen.— In unserer näheren Umgebung war eben⸗ falls eine massenhafte Beteiligung zu verzeichnen, die das Interesse für die Sache der Sozial⸗ demokratie und den Zweck der Demonstration erkennen ließen. In Vilbel und Fried⸗ berg waren die Versammlungen so stark wie selten besucht, ebenso in Büdingen.— In der Umgebung von Gießen wurden Ver⸗ sammlungen in Altenbuseck am Samstag und in Lollar am Sonntag abgehalten. In erster sprach Gen. Schildbach⸗Offenbach; in letzterer Vetters. Leider stehen uns hier nicht Redner in genügender Zahl zur Verfügung; immerhin waren noch in anderen Orten Ver⸗ sammlungen möglich gewesen; die Parteifreunde sollten eben bei solchen Gelegenheiten versuchen, auch mal ohne einen auswärtigen Redner auszukommen!— Die Gießener Genossen hielten ihre Versammlung am Montag ab, auf diese kommen wir im lokalen Teile kurz zurück. Das Ausland, Oesterreich, Italien, Frank⸗ reich, Schweiz beteiligten sich ebenfalls an der internationalen Manifestation. Kurz, es war eine Erhebung des Proletariats, die gewiß nicht ohne Eindryck bleiben wird. Die in den hessischen Versammlungen beschlossene Resolutton lautet: Die Versammlung spricht allen Kämpfern für poli⸗ tische Freiheit in Rußland ihre tiefste Sympathie u id Bewunderung aus und betrachtet es als Pflicht des deutschen Proletariats, die Opfer dieser Kämpfe, deren Siege seine Siege sind, mit allen ihm zu Gebote stehen⸗ den Mitteln zu unterstützen. 5 Die Versammlung bezeichnet es ferner als eine Schmach für das deutsche Neich, daß in dem führenden Bandesstaat Preußen noch immer die breite Masse des Volkes durch ein Wahlrecht von der Anteilnahme an der Landesgesetzgebung ausgeschlossen ist, das selbst Bismarck als das elendste und erbärmlich ste aller Wahl⸗ systeme bezeichnet hat. Sie bekundet ihre lebhafte Sym⸗ pathie mit der Wahlrechts bewegung der preußischen Sozialdemokratie und wünscht ihr, wie auch den Partei⸗ genossen in Sachsen und Hamburg besten Erfolg. Auch Hessenu entbehrt noch eines gerechten Wahl⸗ rechts, das der minderbemittelten Volksmasse den ihr gebührenden Einfluß auf die Landesgesetzgebung sichert. Die Vesammlung macht sich die Wahlrechts⸗ und Ver⸗ zassungsanträge der sozialdemokratisches Landtagsfraktion zu eigen, in denen verlangt wird: 0 IJ. Die Einführung des allgemei⸗ nen, gleichen, direkten und geheimen Landtagswahlrechts mit Propor⸗ tionalwahlssystem und zwar unter Berücksich⸗ tigung folgender besonderer Bestimmungen: 1. Wahlberechtigt ist jeder rechts mündige, in Hessen ansässige Reichsangehörige. 2. Die Gesamtzahl der Abgeordneten ist dem Be⸗ völkerungszuwachs derart anzupassen, daß auf je 20 000 Seelen ein Abgeordueter zu rechnen ist. 3. Die Wahlen sind an Sonntagen vorzunehmen. Die Wahlstunden sind von mittags 12 bis abends 8 Uhr festzusetzen, 4. Die Wählerlisten sind ständig auf dem Laufenden zu halten und bei Ankündigung des Wahltermins durch den Druck zu veröffentlichen. 5. Das Wahlgeheimnis ist durch Einführung amt⸗ licher Stimmzettelkouverts und Einrichtung von Isolier⸗ räumen sicher zu stellen. I. Die Einführung des Einkammer⸗ sy stems und der direkten Gesetzgeb⸗ ung durch das Volk mittelst des Vorschlags⸗ und Verwerfungsrechts.(Initiative und Referendum nach Schweizer Muster.) Indem die Versammelten den Widerstand der Privi⸗ legiertenkammer sowie der offenen und versteckten Gegner eines kautelenfreien Wahlrechts in der Zweiten Kammer aufs schärfste verurteilt, verpflichten sie sich, unabläsfig und mit allen Kräften die Propaganda für die Durch⸗ setzung dieser Forderungen zu betreiben. Aus dem Reichstage Ueber Diäten für Reichstagsabge⸗ ordnete verhandelte nan am Mittwoch zum soundsovielten Male. Zwei Anträge ständen zur Beratung, von denen der eine nattonal⸗ liberale, nur ganz allgemein die Vorlegung eines Gesetzes über Anweseuheitsgelder und freie Eisenbahnfahrt für die Reichstagsabgeordneten fordert, während der Zentrumsantrag Graf Hompesch die Form eines ausgearbeiteten Ge⸗ setzentwurfes hat und die Höhe der Diäten auf 20 Merk festsetzt. Ueber die Notwendigkeit der Reichstagsdiäten besteht keine Meinungs⸗ verschiedenheit mehr. In jedem anderen Land hätte das Parlament sich längst Diäten zude⸗ kretiert, aber in Deutschlaud tritt die Ohn⸗ macht des Reichstages auch darin zutage, daß der Bundesrat, welch ein Reichskanzler ihm auch prästdierte, gegen die alljährlich wiederholten Diätenbeschluͤsse des Reichstags stets eine be⸗ leidigende Taubheit an den Tag gelegt hat. Mit mehr oder weniger Temperament wurde diese Taubheit von den Rednern der Linken, des Zentrums, der Nationalliberalen und soga der Antisemiten, beklagt. Die Redner de 27 — 2 er 1 e k. ur 15 % uc Nr. 4. eee Mitteldesztsche Sonnags⸗Zeitung. Seite 3. Rechten, möchten die Diäten gar zum Gegen⸗ stand eines kleinen Kuhhandels machen und Verschlechterungen der Geschäftsordnung oder gar der Verfassung dafür einheimsen. Die Pläne der reaktionären Kuhhändler nagelte Ge⸗ nosse Singer fest, der auch den schönen Traum des Abg. Bassermann, daß die Diäten die Sozialdemokraten schädigen würden, mit unbarmherziger Hand zerstörte. Der nattonal⸗ liberale Antrag gelangte zur Annahme. Donnerstag und Freitag verhandelte man über Kolontalpolitisches. Es stand der Bau einer Eisenbahn in Kamerun auf der Tagesordnung. Die Sitzung lieferte den Be⸗ weiß, daß der Widerstand gegen die Kolontal⸗ politik innerhalb der bürgerlichen Parteien fast erloschen ist. Herr Erzberger vom Zentrum, der tags zuvor noch mit Abstrichen am Kolonial⸗ etat gedroht hatte, begeisterte sich für den ge⸗ forderten Bahnbau: den süddeutschen Volks⸗ partetler Storz hat seine Woermannfahrt zu einem glühenden Kolontalschwärmer gemacht, der Freisinnige Volksparteiler Goller, der Nach⸗ folger des famosen Münch⸗Ferber in der Ver⸗ tretung des Ordnungsbreis von Hof, schwang . Jungfernrede zugunsten der Kolonial⸗ politik. Nur Genosse Ledebour übte eine prinzi⸗ pielle Kritik von ätzender Schärfe an der ganzen Kolonialpolitik und vergaß auch nicht, die hohen Provisionen zu beleuchten, die gewissen sehr hohen Herrn bei Gelegenheit des projektierten Bahnbaus in den Schoß fallen. Dieser Kritik fügte er am Freitag noch einiges hinzu. Er geißte noch einmal das ungeheuerliche Urteil gegen die Akwaleute, den Kolonial⸗Assessorismus und das Provlstonswesen. Alsdann ging die Vorlage an die Budgetkommisston. Samstag war keine Sitzung. Ueber die Verhandlungen am Montag und Dienstag ist nichts von Be⸗ deutung zu berichten. Revolution in Nußland. Ein Aufruf des jüd. soz.⸗dem. Bundes sagt: „Ein Sturm der großen Revolution hat fich über Rußland entladen und hat das ganze un⸗ ermeßliche Land von einem Ende bis zum anderen erschüttert. Und diesem gewaltigen Sturme folgt auf dem Fuße der Wirbelwind eines blutigen und schonungslosen Bürgerkrieges, wie ihn nur die fiusteren reaktionären Kräfte eines rückständigen Landes, das so lange in den eisernen Fesseln der Selbstherrschaft geschmachtet hat, hervorrufen konnten. Die Reaktion mobilistert alle ihre Kräfte. Das sterbende Regime hat einen festen Bund mit dem Abschaum der Gesellschaft geschlossen. Sie hat diese finstere Macht gesammelt, sie organistert und bewaffnet, und diese Armee, die ihrer Führer würdig ist, zu einem blutigen Kriege, voll endloser Schrecken und tterischer Greuel, ausgerüstet. Das Maschinengewehr kracht in den Straßen der russischen Städte; es fallen Opfer ohne Zahl, das Blut fließt in Strömen. Das alte bewährte Mittel ist wieder in Gang gesetzt; die Jubenmetzeleten flammen wieder in so uner⸗ meßlichen Dimenstonen auf, daß vor ihnen alle bisherigen Schrecken der zahllosen Verbrechen des Zartsmus erbleichen und in ein Nichts zu⸗ sammensinken. Unter dem Schutz des Militärs und der Mitwirkung der Behörden, und der Oberleitung Trepows, nach einem einheitlichen Plane, bewußt und kaltblütig, morden die „schwarzen Hunderte“ der Regierung die jüdische Bevölkerung Rußland zu Tausenden dahin. Ganze Viertel werden ausgeschlachtet. Ganze Städte stehen in Flammen. Anarchie und Schrecken herrschen in Rußland. Das Werk der Befretung ist in Gefahr. Wir, die Ver⸗ treter der kämpfenden jüdischen Arbeitermassen, des Proletariats jener Nakion, die unter den bedrückten die am meisten bedrückte ist, haben längst unseren Befrelungskampf, mit der Idee der Selbstverteidigung vereinigt. Die jüdischen Proletarier haben stets in den vordersten Reihen des revolutionären Kampfes gestanden, und auf ste fielen stets die schwersten Schläge des schonungslosen Feindes; und gegenwärtig, wo diese Schläge mit unglaublicher Wucht auf ste niederfallen, ersteht die Aufgabe der Selbstver⸗ teidigung mit nie dagewesener Schärfe und Dringlichkeit vor ihnen. Indem sie sich zur Wehr setzen, dienen ste den Interessen der Re⸗ volution. Ihr Kampf um das Leben ist der Kampf für die Sache der Freiheit. Und alle, denen diese Sache teuer ist, müssen ihnen zu Hülfe kommen. Die russische Revolution ist gekommen. Wir haben den Sieg gesehen. Mag es ein Sieg für einen Augenblick gewesen sein— es ist dennoch ein Sieg gewesen. Wir sahen die Morgenröte eine neuen Tages hell aufleuchten, wir haben die Luft der Freiheit eingeatmet, und das, was wir durch Tausende von Opfern erkauft haben, wir werden es uns um keinen Preis entreißen lassen! Unsere Losung lautet: Tod oder Sieg! Wir erwarten den Sieg, wir glauben fest an den Triumpf unserer Sache, und wir rufen alle, die gleich uns den Triumpf der Freiheit wünschen, uns in dieser schweren Stunde zu Hülfe zu kommen.“ Hinrichtungen sind an der Tagesord⸗ nung. In Warschau sind in der Zitadelle vier Revolutionäre stand recht⸗ lich erschossen worden. Die bal⸗ tischen Provinzen werden seit Wochen durch Erschießung von Gefangenen „pacifiziert“. Ein anarchistisches Komplott gegen den Moskauer Generalgouverneur Dubasso w wurde nach dem Berichte bürgerlicher Blätter am Freitag aufgedeckt. Dieser sollte mittags bei der Zeremonie der Wasserweihe einer Bombe zum Opfer fallen. Die Leiterin des Komplotts war eine 25 jährige, in der Moskauer Gesell⸗ schaft sehr belannte Fürst in Koslowskaja, die sich bei ihrer Verhaftung so heftig zur Wehr setzte, daß ste durch einen Bajonettstich ver⸗ wundet wurde. Bei der Haussuchung fand man acht fertige Bomben und Dokumente, welche das Bestehen eines Komplottes bestätigten. Während der Hauss chung fanden sich ein Student und zwei Studentinnen ein, von denen man annimmt, daß sie den Mord Dubassows ausführen und die Bomben abholen wollten. Die Verhafteten weigerten sich, ihren Namen zu nennen. Weiter wurde berichtet: Die an⸗ 9 55 Fürstin Koslowskaja, in deren Wohnung omben gefunden wurden, ist eine Tochter des Generalleutnants Keller. Ueber einen gelungenen Streich der Revolutionäre wird aus Kiew berichtet: Revolutionäre drangen unbewaffnet in die Kanzlei des Gewehrdepots und eigneten sich dort Schlüssel und Passterscheine an. Zwel Personen, als Artllleristen verkleidet, begaben sich hierauf nach dem Gewehrdepot und wurden, da sie die Passterscheine vorwiesen, in das Ge⸗ wehr magazin eingelasseu. Dort öffneten ste alle Schränke, holten Gewehre, Muuition und Expostonsstoffe heraus und beluden damit vor dem Depot haltende Wagen. Erst am anderen Morgen wurde der Betrug entdeckt. Die Wache sagt, es wären so viele Explostonsstoffe fortgeführt worden, daß ganz Kiew damit in die Luft gesprengt werden kön ne. Politische Rundschau. Gießen, den 25. Januar 1906. Der sozialdemokratische Kriegerverein. Unserem Parteiorgan in Ludwigs⸗ hafen wird aus Nlederauerbach(Pfalz) geschrieben:„Ein Sozialdemokrat— Kriegervereins⸗Vorstand! So un⸗ Pact wie dieses klingt, ist es hier doch zur atsache geworden. Am vergangenen Sonntag hielt der seit ungefähr 26 Jahre bestehende Kriegerverein seine Neuwahl ab. Dabei wurde der seit der ganzen Zeit immer gewählte Vor⸗ stand zum Ehrenmitglied ernannt und ein Parteigenosse, der bei der letzten Land⸗ tagswahl als sozialdemokratischer Wahlmann fungierte, zum Vorsitzenden gewählt. Wie man in letzter Zeit wahrnahm, haben stch in diesem Verein zwei Strömungen bemerkbar gemacht. Diesem Umstande ist es auch zuzu⸗ schreiben, daß der Neugewählte das Amt als Vorstand annahm. Anstatt, wie sonst immer üblich war, mit Hoch⸗ und Hurrarufen die Versammlungen zu schließen, endete sie mit den Worten:„Freiheit, Gleichheit und Brüder⸗ lichkeit!“ Das ist ja nicht übel. Wir sind aber trotz⸗ dem der Meinuag, daß es für unsere Genossen richtiger wäre, dem Kriegerverein Valet zu sagen. Welchen Sinn hat es denn, für eine Sache Beiträge zu opfern und sie dadurch zu unterstützen, die der unseren schnurstracks zu⸗ widerläuft? „Vermögenskonsiskation.“ Von den durch die neuen Steuerüberrasch⸗ ungen beglückten Unternehmer, z. B. aus der Brennindustrie— schreibt der„Vorwärts“— hört man jetzt öfter den Vorwurf, der Staat übe durch seine Steuerpolitik Vermögenskonfis⸗ kation. So sagt z. B. das Böhmische Brau⸗ haus in Berlin in seinem Geschäftsbericht, die Aussichten für die Zukunft seien trübe, wenn die von der Regierung in Vorschlag gebrachten Steuersätze Annahme finden würden. Deren Sätze ergäben eine Erhöhung der Brausteuer um zirka 11 Proz. des Aktienkapitals. Das komme einer Vermögenskonfiskation gleich. Aber, es ist noch ein„Wenn“ dabei. Der Be⸗ richt macht den Vorbehalt, wenn„eine Ab⸗ wälzung unmöglich wäre“! Das heißt, mau wünscht die Steuer eventuell auf die Kon su⸗ menten abzuwälzen. Durch die indirekten Steuern werden den Aermsten der Armen nicht nur 10 Prozent von ihrem Vermögen, son dern von ihrem Existenzminimum genommen. Solche Konfiiskation macht das Bürgertum mit, und es wehrt sich gegen neue indirekte Steuern, wenn nicht die Aussicht besteht, die Konfiskation den Konsumenten aufzupacken. Wir sind gegen jede indirekte Stener, die Unternehmer zeigen aber mit solchen Hinterge⸗ danken, daß ste fich verteufelt wenig um das Allgemeininteresse kümmern. Sie reflektieren auf unsere Hülfe, sind aber damit einverstanden, daß die Aermsten noch mehr belastet werden. Die Wehrsteuer findet in den Kreisen, die immer neue Mil⸗ lionen für Militärtsmus, Marinismus uad Weltpolitik wegzuwerfen bereit sind, allem An⸗ schein nach mehr Anklang als früher. Der nationallib. Abg. Bassermann, hat sogar schon in einer Versammlung erklärt, daß er mit Sicherheit auf die„fast einmütige Annahme“ einer Wehrsteuer rechne. Soweit sind wir nun noch nicht. Bekanntlich hat der Reichstag 1881 eine Wehrsteuer mit großer Majorität abgelehnt, weil, abgesehen von den prinzipiellen Fragen, die praktische Ausführung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß. Auf diese Schwierigkeiten hat Finanzminister Frhr. b. Rheinbaben auch in der Steuerkommisston des Reichstags jüngst schon hingewiesen. Gleich⸗ wohl ist es nicht undenkbar, daß die auf neue Steuern brennende Mehrheit sich jetzt zu einem sehr bedenklichen Expertment entschließt. Bei den Stengelschen Steuerprojekten sind ja schon soviele Schädigungen des gewerblichen Lebens und Verkehrserschwerungen in Aussicht genom⸗ men, daß man nachgerade glauben muß, die Steuersucher seien zu allen Tollheiten fähig. Dekorierte Scharfmacher. Zu dem sogenannten Ordensfeste, das der Berliner Hof am Sonntag abgehalten hat, sind einige Ordensverleihungen erfolgt, die als poli⸗ tische Zeichen der Zeit Beachtung verdienen. Es wurden nämlich zahlreiche Politiker, die in der letzten Zeit als fanatische Gegner des gleichen Wahlrechts hervortraten, mit hohen Ordeusauszeichnungen bedacht. Dekoriert wurden u. a.: der Frhr. v. Zedlitz⸗ Neukirch, der im Landtag und in der Presse gegen das Reichstagswahlrecht und das gleiche Landtagswahlrecht südlich der Mainlinie hetzt. — Ferner erhielten Orden die beiden Chef- redakteure Rippler von der„Tägl. Rund⸗ schau“ und Runge von der„Nordd. Allg. Ztg.“, die sich in wüster Hetzerei gegen das Volk hervorgetan haben. —]7§j§ trug nach der Volkszählung am 1. Dezember Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. Ar. 4. Gräfliche Bauernleger. Im Jahre 1844 kauften die Grafen von Erbach eine ganze Ortschaft auf und zwar das Dorf Dürr⸗Ellen bach im hessischen Kreise Heppenheim. Bei der letzten Volks⸗ zählung wurden hier nur 2 Einwohner gezählt, während noch im Jahre 1844 die Gemeinde eine Schule wit 12 Kindern hatte. Die Bauern wanderten dann nach dem Verkauf ihrer Güter nach Amerika aus. Die neuen Besitzer rissen alsdann alle Gebäulichkeiten nieder. Nur ein Haus blieb stehen, das heute dem Förster als Wohnung dient. Alles Land wurde in Wald verwandelt, so daß heute der Ort verschwunden ist. Die Grafen aber lieferten 1846 zum Bau der Main⸗Neckar⸗Bahn aus den erkauften Wäldern soviel eichenes Schwellenholz, daß sie hierfür mehr einnahmen, als der ganze Ort gekostet hatte.— So„hschützen“ die großen Herren den Bauern. — Pon Rah und Fern. Hessisches. — Die Bevölkerung Hessens be⸗ 1905: 1,210,719 Personen gegen 1,118,979 am 1. Dezember 1900. Die Zunahme beträgt also 91,740 oder 8,2 Prozent. Gießener Angelegenheiten. — Amtsblatt⸗ Gemeinheit. In seiner Nummer vom Montag brachte der„Gieß. Anz.“ auch eine ihm angeblich anonym zuge⸗ gangene Zuschrift zum Abdruck, mit der er sich völlig einverstanden erklärte. Im Anschluß an die Hamburger Zuhälter⸗Krawalle heißt es da: „Man liest eben davon, daß es nicht die Sozialdemokraten wären, welche in Hamburg revolutionierten und Raub und Plünderung begingen, sondern nur der sogenannte Mob, das Gesindel und Lumpenzeug. Gut! Wer hat aber den Mob und das Gesindel aufgehetzt? Wer ist Schuld und trägt die Verantwortung an den Straßenkrawallen? Doch niemand anders als die Soztaldemo⸗ kraten. Und noch eins! Welcher pol i⸗ tischen Partei gehört denn der ge⸗ nannte Mob, das Lumpenzeug in den Großstädten an? Den bürgerlichen und staatserhaltenen Parteien doch ganz gewiß nicht. Der Prozentsatz, den aber der Mob und das Gesindel in den Großstädten einnimmt, beträgt etwa 30 bis 40% der übrigen Bevölkerung.“ So sagt wörtlich der anonyme Einsender und das Amtsblatt erklärt sich„durchaus mit ihm einverstanden“. Also die knappe Hälfte der Großstadtbewohner ist Gesindel! Von allen Albernen, was das Amtsblatt schon pro⸗ duzterte, ist das wohl das Albernste. Welcher politischen Partei gehört der großstädtische Mob an? Die Frage ist zu getistreich, als daß unsere bescheidenen Verstandskräfte zu ihrer Beantwortung ausreichten. Es gibt allerdings Leute, die von„Gesindel“ innerhalb der„Ord⸗ nungs“ parteien reden, indeß, wir geben uns nicht mit der Untersuchung dieser Frage ab.— Mit dem„Gesindel“ meint aber das Amts⸗ blatt die Arbeiter, die bei allem Fleiße ein kärgliches Leben führen und durch deren Arbeit die Kapitalisten Millionen aufhäufen. Ganz richtig sagt unser Offenbacher Parteiblatt dazu: Merkt's euch, Arbeiter! Bei der Wahl wird freilich das nationalliberale Ordnungsgesindel euch wiederum schmeicheln, wird buhlen um die Gunst der„braven, ehrlichen Arbeiter“. Dann schickt hohnlachend die Bande heim, die so denkt, wie der Gießener Anzeiger es ausspricht:„Die Arbeiter sind Gesindel!“ — Antisemitische Agitation. Dieser Tage ging eine Notiz durch die Presse, nach welcher die hessischen Antisemiten unter Führung Hirschels und Köhlers zu den„Deutsch⸗ Sozialen“, der Fraktion Liebermann v. Sonnen⸗ berg abgeschwenkt wären. Von dem Friedberger Bündlerblatte wird das zwar bestritten, trotz⸗ berartiges im Werke ist. Gegenwärtig bereift der Sekretär der Deutsch⸗Sozialen unsere Ge⸗ gend und hielt auch in Gießen zwei Versamm⸗ lungen ab. Er gibt sich Mühe, durch Lock⸗ Artikel wie Befähigungsnachweis, Bekämpfung der Warenhäuser ꝛc. dem Bazar der Firma Liebermann u. Co. Kundschaft zuzuführen. Und er findet immerhin noch welche, von denen die nicht alle werden. — Zur Gewerbegerichtswahl. Alle Arbeiter, die nicht in der Ortskrauken⸗ kasse versichert sind, müssen sich als Legtti⸗ mation für die Wahl eine Bescheinigung ihres Arbeitgebers beschaffen.— Die Wahl fi det bekanntlich Samstag, den 3. Februar in den Stunden von 12 Uhr mittags bis abends 6 Uhr im Bürgermeistereigebäude statt. Wahl⸗ berechtigt sind alle 25 Jahre alten Arbeiter, die in Gießen wohnen oder beschäftigt sind. Die von den freien Gewerkschaften Gteßens aufge⸗ stellte Liste für Arbeitnehmer beginnt mit dem Namen Christ, Wilhelm.— Diejenige für Arbeitgeber beginnt mit dem Namen Krumm, Eduard.- Alle Gewerkschaftsmit⸗ glieder sollten sich an der Wahl beteiligen nud für die vom Kartell aufgestellte Liste stimmen. Ebenso werden alle Parteifreunde, die als Ar⸗ beitgeber wahlberechtigt sind, ersucht, für die oben bezeichnete Liste zu stimmen. — Die Demonstrations⸗Ver⸗ sammlung am Montag war sehr stark be⸗ sucht. Gen. Vetters schilderte in kurzen Zügen die Freiheitskämpfe in Rußland und die Ent⸗ rechtung des preußischen Volkes durch die Drei⸗ klassenwahl. Auch in Hessen müsse endlich der Kampf für die Wahlreform mit Energie aufgenommen werden. Die Resolution des Landeskomités fand unter lebhaftem Beifall einstimmige Annahme. — Der Maurerverband Gießen und Umgegend hat sich in der letzten Zeit erfreulich entwickelt. Es werden uns von der Verwaltung folgende Notizen zur Veröffentlichung über⸗ sandt.— Die Mitgliederzahl betrug am Schlusse des Jahres 1904 341. Im Laufe des verflossenen Jahres traten 592 bei; zugereist sind 27. Wegen rückständiger Beiträge mußten 42 ausgeschlossen werden, 26 abgereist, 4 ge⸗ storben, 30 zum Militär eingezogen, sodaß am Schlusse 1905 858 Mitglieder vorhanden waren. — Die Einnahme betrug 9071,15 Mark, wovon 6935,49 Mark an die Hauptikasse ab⸗ gesandt worden.— Für Reiseunterstützung, Sterbeunterstützung, Krankenunterstützung und Rechtsschutz wurden 314,40 Mk. ausgegeben, an den Zweigverein abgeführter Betragsanteil 1821,26 Mk. Die Einnahme für die Lokal⸗ kasse betrug 3335,81 Mk., dem steht eine Ausgabe von 2898,75 Mk. gegenüber, bleibt also einen Lokalkassenbestand von 437,06 Mk. — Lohnbewegungen haben stattgefunden in Wetzlar, Lich, Lollar und Alsfeld, das auch zum Zweigvereingebtet gehört. In Wetzlar mußten wir in einen Streik eintreten, der nach 3wöchentlicher Dauer zu Gunsten unserer Kollegen verlief. Es wurde eine Aufbesserung des Stundenlohns von 7 Pfg. erzielt. In Lich erreichten wir ohne Streik 4 Pfg. Stunden⸗ lohnerhöhung, ebenso teilweise in Lollar.— In Alsfeld war unsere Bewegung für dies⸗ mal erfolglos. Um die geschäftlichen Arbeiten zu erledigen, waren 3 Mitgliederversammlungen, 14 öffentliche Versammlungen und 20 Sitzungen des Zweigvereinsvorstandes erforderlich. Außer- dem fanden viele Versammlungen und Sitzungen in den Ortschaften der Umgebung statt. Der Postverkehr des Zweigvereins betrug 327 Ein⸗ gänge und 1019 Ausgänge. f — Gewerkschaftsversammlung Sonntag, den 28. Januar, ½4 Uhr bei Orbig. Eingesandt. In der Stadtverordneten⸗Sitzung vom 18. Januar stand auch das Gesuch der Lesehalle betr. Be⸗ schaffung eines größeren Lokales mit auf der Tages⸗ ordnung. Hierbei erklärte Herr Löber, daß er die Frage, betreffs Beschaffung größerer Räume nicht für dringlich halte, denn so oft er in der Lesehalle war, seien nicht mehr als 3—4 Personen anwesend gewesen. Ich will nun gerne glauben, daß Herr Löber schon in nachgehen müssen. 5 Einsender dieses, der von der Gründung an ein fleißiger Besucher der Lesehalle ist, kann nur bekunden, daß der Verkehr in den letzten zwei Jahren, und zwar in beiden Räumen sehr groß ist. Waren doch am Sonntag, den 14. ds., mittags zwischen 1—2 Uhr 28 Personen anwesend, und am letzten Sonntag 11 Uhr mittags 30 Personen. Da nur für 25 Personen Sitz⸗ gelegenheit vorhanden ist, so mußten die Uebrigen wieder fortgehen. Der Hauptbetrieb ist in den Abendstunden zwischen 6— 10 Uhr. Außerdem handelt es sich auch uicht allein um die Lesehalle, sondern auch der Biblio⸗ thekraum hat sich jetzt als zu klein herausgestellt. Die Bibliothek allein hätte beide Räume vollständig zu brauchen. Eine schönere und gangbarere Lage als die jetzige, ist für eine Lesehalle mit Bibliothek in der Stadt wohl kaum anzutreffen. Und daß, wie von einer Seite behauptet wird, die Torhäuser keine Zierde für die Stadt wären, kann ich auch nicht einsehen. Wenn diese Häuser immer schön im Kleid gehalten werden, so erscheinen sie, weil in den Anlagen gelegen, und aus alter Zeit stammend, als Wahrzeichen Gießens dienend. recht interessant. Wie wäre es übrigens, wenn man z. B. in einem dieses Häuser eine Volksküche errichtete? Die vielen Arbeiter von außerhalb, die hier in Fabriken ꝛc. tätig sind, und denen Mittags nur eine Tasse schwarzen Kaffees zur Verfügung steht, würden es recht freudig begrüßen, wenn sie für wenig Geld ei warmes nahrhaftes Essen bekämen. B. Aus dem Rreise gießen. n. Wahlverein Wieseck. In der am Sonntag abgehaltenen Generalversammlung gab der Vorsitzende Schöffmann den Bericht vom verflossenen Jahre. Daraus ist zu entnehmen, daß auch im vergangenen Jahre ein gutes Stück Agitationsarbeit geleistet wurde. 11 Mit⸗ glieder⸗ und drei öffentliche Versammlungen fanden statt, außerdem wurden 19 Sitzungen abgehalten. An den Landes⸗ und Kreiskoafe⸗ renzen beteiligte sich der Verein mit der vor⸗ geschriebenen Zahl Delegierten und in 18 Orten wurden Landkalender durch die Wiesecker Ge⸗ nossen verteilt. Sämtliche vom Verein ver⸗ anstalteten Festlichkeiten, Weihnachtsfeier und Maifeier ꝛc. fielen zur größten Zufriedenheit aus; auch das Kreisfest wurde von Wieseck zahlreich besucht.— Beigetreten sind dem Verein im verflossenen Jahre 32 Mitglieder, abgereist oder wegen gewerblichen und sonstigen Verhält⸗ nissen 10, gestorben 4 Mitglieder.— Der vom Kassierer Körber erstattete Kassenbericht weist eine Einnahme von 645,61 Mark auf, der eine Ausgabe von 592,37 Mark gegenübersteht, sodaß also 53,24 Mark Bestand bleibt. Nach Wahl dreier Revisoren wurde die Vorstanrswahl vor⸗ genommen, die die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes ergab. Zu einem Rundschreiben des Kreiswahlvereins-Vorstandes wird bean⸗ tragt, daß eine Kreiskonferenz statlfinden soll und ferner wird vorläufig ein Beitrag für den Preßfonds bewilligt. Aus Heuchelheim wird uns geschrieben: In der alten Fabrik an der Gießener Straße stritten sich kürzlich die Tabakarbelter lebhaft über den Wert des Verbandes. Es wurde da gesagt, der Verband habe keinen Zweck und weiter kam man auf den Streik bei Schaff⸗ städt zu reden, wo dann fremde Arbeiter die Stelle der alten eingenommen hätten. Letzteres ist nun durchaus unrichtig. Schaffstädts Ar⸗ beiter sind sämtlich wieder eingestellt worden, mit Ausnahme derjenigen natürlich, die abge⸗ gereist waren. Sie haben auch ihre Forderungen so ziemlich durchgesetzt. Und es wäre doch sehr Verbande, der jetzt bei uns 50 Mitglieder zählt, anschließen würden, denn nur dadurch ist es möglich etwas zu erreichen.(Dem können wir uns nur anschließen. Uebrigens sollte sich doch der Arbeiter nicht so sehr vor seiner Entlassung fürchten, das kann ihm zu jeder Zeit und aus jedem Grunde passieren, ganz besonders dann, wenn er jahrzehntelang bei einem Arbeitgeber seine Kräfte verbraucht hat und nicht mehr voll arbeitsfähig ist. D. R.) 75 —„Lohnregulierung“. In Nr. 1 unseres Blatt's erwähnten wir die Weihnachts⸗ gaben, die eine Anzahl Arbeiter der Main- Weserhütte in Lollar erhalten und fügten dem neigen wir zu der Annahme, daß etwas der Lesehalle war, und daß seine Erklärung auch der hinzu, daß kurz darauf Lohnabzüge gemacht Wahrheit entspricht, aber jedenfalls ist das in einer Zeit 1 1 gewesen, in der die regelmäßigen Besucher ihrer Arbeit wünschenswert, wenn sich alle Tabakarbeiter dem 14 ( Arbeit u ein unden, zwar h am N uhr uhr Siz⸗ wlcher tunden auh Jbl. 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Zum Be⸗ weise dafür, daß keine Lohneinbuße eintreten werde, wird der Jahresverdienst eines Arbeiters angeführt, der sich von Jahr zu Jahr gesteigert habe.— Demgegenüber müssen wir das von uns Gesagte aufrecht erhalten. Die Lohnherab⸗ setzungen haben tatsächlich startgefunden. Wenn übrigens von„Lohnregulierungen“ die Rede ist, die vom Unternehmer ausgehen, so weiß jeder Arbeiter, daß das in den weitaus meisten Fällen eine Lohnkürzung bedeutet. Wenn trotzdem einzelne Arbeiter mehr verdienten, so beweist das nichts. Ste mußten dafür mehr Ar beit leisten, vielleicht hatten sie auch gewisse Vorteile bei der Arbeitsweise herausgefunden, oder besser bezahlte Stücke gefertigt. Prämien kommen nur einzelnen Arbeitern, bessere Löhne aber allen Arbeitern zu gute. h. Altenbuseck. In einer am Sonntag Abend hier abgehaltenen öffentlichen Orts ver⸗ sammlung bekundeten auch die hiesigen Arbeiter den russischen Freiheitskämpfern ihre Sympathie. Genosse Schildbach aus Offenbach, der das Referat übernommen hatte, führte den An⸗ wesenden in klarer und leichtverständlicher Weise Kampfe zu unterstützen und den Hinkel'schen Betrieb zu meiden. J ueber den Bergarbeiterstreik auf der Grube„Juno“ und„Uranus“ wird uns weiter berichtet: Am Montag(15.) war eine Arbeiter⸗Deputation beim Direktor Foelling der Braunfels'schen Bergverwaltung vorstellig. Der Herr Direktor kann gar nicht begreifen, wie die unterdrückten Bergarbeiter über Nacht dazu gekommen sind, ihre Menschenrechte zu fordern, das heißt als Mensch zu leben und als solcher behandelt zu werden. Er sagte zu der Kommission: Sie möchten sich doch einmal in seine Lage hineindenken, er möchte lieber bei geringem Lohn Steine klopfen, als einen solchen verantwortlichen Direktorposten vorzustehen. Mit un⸗ gläubigen Lächeln nahmen die Arbelter diese Versicherung entgegen. Wissen sie doch ganz gut, daß, wenn der Direktor sich nach dem Schlaraffenleben eines Stein⸗ klopfers sehnt, er täglich und stündlich mit einem solchen tauschen kann.(Das meinen wir auch. Vielleicht wäre dann beiden Teilen geholfen. D. R.) Direktor Foelling vertritt rücksichtslos das Unternehmerinteresse, das muß man ihm lassen. Wir sind die Herren und damit basta. Mit einem derartigen Auftreten wird man die Arbeiter schwerlich„zufrieden“ machen. Das scheint man auch in andern Kreisen zu fühlen. So wurde ein Kaufmann aus Niederquembach beim Bürger⸗ meister in Schwalbach vorstellig und ersuchte diesen, er möge doch die Vorsteher der einzelnen Gemeinden zu⸗ sammenrufen und zum Landrate sowie zum Prinzen von Braunfels schicken, damit die Arbeit wieder auf⸗ genommen würde, sonst würden die Bergleute der Sozial⸗ demokratie in die Arme getrieben. Und allerdings werden sie zur Einsicht kou men, wenn sie die gnädigen und sonstigen Herren in anderm Lichte als bisher er⸗ blicken.— Am Dienstag, den 16. war die Kommission die russischen Verhältuisse und Zustände, die Redner in Rußland selbst zu beobachten Ge⸗ legenheit hatte, vor Augen. Besonders die Schilderung der bäuerlichen Gemeinschaften, die teilweise recht kommunistischen Charakter tragen, waren ausgezeichnet und für das Ver⸗ ftändnis der russischen Bewegung sehr voll⸗ kommen. Nachdem er noch die verschiedenen Kämpfe beleuchtet hatte, ging er auf die deut⸗ schen Wahlrechtskämpfe ein, und forderte die Anwesenden auf, mitzuwirken an der Verbesse⸗ rung auch des hessischen Systems. Lebhafter Beifall folgte den trefflichen Ausführungen. Mit einem kräftigen Appell des Vorsitzenden, zahlreich dem Wahlverein beizutreten und die Arbeiterpresse zu lesen, schloß, nachdem noch die bekannte Resolution einstimmig angenommen wurde, die Versammlung. aus dem Rreise Alsseld⸗Cauterbach. d. Alsfeld. Die freie Turner⸗ 11 aft feiert am 3. Februar ihr Stiftungsfest m Saale des Hotel„Deutsches Haus“. Sämt⸗ liche Vereine des 3. Bezirks sind höflichst ein⸗ geladen. Aus dem Odenwald. — Die Steinarbeiter im Odenwald treiken schon seit mehreren Wochen. Ihr Kampf richtet sich besonders gegen die Lohn⸗ drückeret zweier Unternehmer, die in verhältnis⸗ mäßig kurzer Zeit ein bedeutendes Vermögen erworben, oder richtiger gesagt, den Arbeitern abgepreßt haben. Der Kampf ist für die Ar⸗ beiter schwer, doch haben sie bisher tapfer aus⸗ gehalten. Keiner der Ausgesperten ist abtrünnig geworden, mutig harren alle aus. Aber hart⸗ näcktger wird der Kampf von Tag zu Tag. Die protzigen Millionäre legen es darauf an, ihren Willen höher zu stellen als Gesetz und Recht, ste gehen darauf aus, das Koalitions⸗ recht der Arbeiter zu erwürgen. Das darf nicht geschehen! Die Arbeiter allerorts werden um nachhaltige pekunläre Unterstützung ersucht. Gelder sind zu senden an: Ph. Barwig, Bensheim, Friedhofstr. 20. Aus dem Rreise Wetzlar. t. Ueber die Handschuhfabrik J. Hinkel hat die Handschuhmacher-Organi⸗ sation die Sperre verhängt. Die dort be⸗ schäftigten Arbeiter hatten sehr viel über die Behandlung zu klagen, die als brutal und chikanös bezeichnet wird. Hinkel sucht nun überall Arbeitskräfte und verspricht sogar Retse⸗ vergütung. An die hiesigen und auswärtigen Lederbimser, Zurichter ꝛc. wird daher die Mahn⸗ ung gerichtet, die Handschuhmacher in ihrem zum Landrat beschieden worden, wo die Forderungen der Bergleute protokolliert und ihnen mitgeteilt wurde, daß Montag, den 23. vor dem Einigungsamt in Wetzlar verhandelt werden solle. Der Pfarrer Schneider von Nauborn, der doch in erster Linie ein Schützer für die Armen und Unterdrückten sein sollte, scheint sich ebenfalls auf Seite der Unternehmer zu stellen. Im Konfirmanden⸗ unterricht richtete er an ein Kind die Frage: War dein Vater auch am Sonntag in der Versammlung in Schwalbach? Als die Frage in bejahendem Sinne be⸗ antwortet wurde, meinte er weiter zu dem Kinde: Dann kann dein Vater jetzt noch mehr Trübsal blaseu; du bekommst jetzt schon nicht satt zu essen und siehst so spitz aus.— Wenn der Vater des Kindes ein Gehalt von 4 800 Mark jährlich beziehen würde, wie der Herr Pfarrer Schneider, würde das arme Wesen jedenfalls nicht so elend aussehen. Für soviel Geld muß ein Bergmann acht lange Jahre von früh bis spät sich ab⸗ quälen! Und wenn der Vater jenes Kindes durch An⸗ schluß an die Organisation seine traurige Lage ver⸗ bessern will, um die Seinen menschenwürdig ernähren zu können, macht der Prediger der christlichen Liebe Glossen darüber, die jehr wenig christlich sind. Christus handelte anders! Er besaß den Mut, auch den Reichen die Wahrheit zu sagen! Heute aber haben die meisten sogenannten Diener einen heillosen Respekt vor dem Geldsack!— Am Donnerstag ging die erste Auszahlung der Streikunterstützung unter Anwesenheit zweier Wacht⸗ meister vor sich. An Schutz fehlt es also nicht.— Die Stimmung unter den Streikenden ist gut. k. Die Gemeinde vorsteherwahlen in Krofdorf und Gleiberg sind vom Landrat bestätigt worden. Da sind nun doch die Treibe⸗ reien der Bürgervereinsleute vergeblich gewesen, die den gewählten Vorsteher Pfeifer in Krofdorf beim Landrat als Sozialdemokrat verdächtigten, um seine Bestätigung zu hintertreiben. Uns kann ja schließlich gleichgültig sein, ob dieser oder jener Gegner Vorsteher wird, aber es be⸗ friedigt uns doch, wenn schofle und hinterhäl⸗ tige Manöver mißlingen. - h. Die Demonstrations⸗Ver⸗ sammlun gen in Gleiberg und Launs⸗ bach waren voll besetzt und verliefen aufs beste. t. In der christlichen Konsum⸗ Verkaufsstelle in Langenaubach b. Haiger haben sich arge Mißstände heraus⸗ gestellt, so daß ste geschlossen wurde. Ueber den Verbleib von 140 Mk. soll der Nachweis fehlen; geleistete Anteilzahlungen sollen im Hauptbuch nicht eingetragen sein. Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain. Gegen die preußtische Schul⸗ gesetzvorlage nahm am Donnerstag eine namentlich von Akademikern und Lehrern stark besuchte Versammlung Stellung. Als Redner Es wurde eine längere Resolution beschlossen, die sich entschieden gegen die konfesstonelle Schule, besonders gegen die Eingriffe des Entwurfs in die kommunale Selbstverwaltung ausspricht. § Wahlverein. Die erste giesjährige Wahlvereinsversammlung findet diesen Samstag den 27. Januar bei Jesberg statt. Bekanntlich steht der Punkt: Beitragserhöhung auf der Tagesordnung. Die Genossen werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. Auch bittet der Kassterer, daß die Beiträge für das 4. Quartal 1905 beglichen werden mögen, damit die Ab⸗ rechnung nicht unnötig verzögert wird. „ Unsere Marburger Volksküche, ein Justitnt, das nur aus wohltätigen Mitteln erhalten wird, soll einem Gerücht nach am 155 März eingehen. Uns wundert überhaupt, daß dieses Institut noch besteht. Ist doch die Zahl der„Kostgänger“ von Tag zu Tag kleiner geworden. Wenn schon die in Bezug auf Kost den Gästen der Volksküche die Mehrheit bildeten, mit dem dort Gebotenen nicht zufrieden waren, dann muß es wirklich nicht weit her sein. Oder ist die Fleischnot daran schuld? Der Arbeitergesangverein„Ein⸗ tracht“ hält am Mittwoch, den 31. Januar, seine Generalversammlung ab, zu der die Mit⸗ glieder recht zahlreich erscheinen wollen. Beginn Abends ½9 Uhr bei Jesberg. Mit dem Bahnhofs um bau ist be reits begonnen worden. Zu diesem Zwecke ist in dem dies⸗ jährigen Etat eine weitere Rate von 200 000 Mk. ein⸗ gestellt worden. Außerdem wird der Bahnhof mit elek⸗ trischem Licht beleuchtet werden. * Der städtische Haushaltungsplan für das Rechnungsjahr 1906 schließt in Einnahme und Ausgabe im Ganzen mit 2 061510 Mk. Auf außer⸗ ordentliche Ausgaben entfallen davon 1 134 000 Mk., zu deren Deckung eine Anleihe von 853 000 dienen soll. Für die ordentlichen Ausgaben müssen 355 000 Mk. an Steuern aufgebracht werden. Der Magistrat schlägt u. a. vor, vom Grundbesitz in der Höhe von 1,8 vom Tausend des gemeinen Wertes zu erheben. Zuschlag zur Einkommensteuer soll 122„% betragen. Siehe Fortsetzung(Marburg) Seite 6. Kleine Mitteilungen. * Einstürz einer Brücke. Die Saarbr ücke in Settingen bei Trier stürzte vorige Woche ein. Fünf Arbeiter stürzten in die hochgehende Saar. Einer ertrank, die vler anderen konnten sich bis Rettung kam, an den Balken festhalten. * Opfer der Arbeit. Im Altenbeckener Tunnel wurden am Donnerstag drei Arbeiter verschüttet. Die Rettungsorbeiten waren erfolglos. Einem vierten an derselben Stelle beschäftigten Arbeiter war es möglich, sich mit Hilfe anderer Arbeiter zu retten. Partei-Nachrichten. Wahlverein Gießen. Die Parteigenossen werden frdl. ersucht, die ihnen zugestellten Fragebogen umgehend ausgefüllt zurückzugeben.— Die in der Ver⸗ sammlung am Montag veranstaltete Sammlung für die Opfer der russischen Revolution ergab 17 Mk., die an den Parteivorstand abgeschickt worden find. Quittung. Für den Preßfonds von Th. M. durch Sp. Mk. 10.— Der Vorstand. Versammlungs kalender. Samstag, 27. Januar. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Sonntag, den 28. Januar. Alsfeld. Freie Turnerschaft. Nachmittag s 3 Uhr im„Stadtpark“ Generalversammlung. Montag, den 29. Januar. Marburg. Schneider abends ½9 Uhr bei Hill⸗ berger. Dachdecker abends 8 Uhr öffentliche Versammlung bei Jesberg. Dienstag, den 30. Januar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Sonntag, den 3. Februar. Gießen. Brauer. Nachmittags 2 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof). Wahrer Jatob; Süddeulscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg traten die Herren Professoren Dr. Aschoff und Natorp, sowie Rektor Hentze auf. Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. gewiß nicht verwöhnten Bauarbeiter, die unter — —————b— —— 2———— ̃ ̃⁵—»9— ̃ ͤ————. 19———————ů—j— Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. * Revolution in Marburg. Am Sonn⸗ tag giebts Revolution! So konnte man in der vorigen Woche von Alt und Jung hören und jeder Spießer glaubte steif und fest daran. Marburger Reptil prophezeit, daß am 21. Januar ein Rauben, Norden, Sengen und Plündern beginnen werde. Aber schon Mitte der Woche wurde ein„Atben⸗ tat“ verübt. Nicht von Revolutionären, sondern von zwei Studenten, die eine blecherne Plakatsäule mit Pulver gefüllt und einer Zündschnur versehen hatten. Nach Mitternacht flog die Säule selbstverständlich unter donnerndem Getöse in die Luft. Nur gut, daß die Attentäter ertappt wurden, sonst wären selbstverständlich die Arbeiter dieses Attentates bezichtigt worden. Dies „Attentat“ mag der Grund gewesen sein, daß am nächsten Tage sämtliche Gendarmen der Umgebung mit langen Gewehren und noch längeren Säbeln in Marburg ein⸗ rückten. Nun stand der baldige Beginn der Revolution erst recht für jeden fest und noch mehr, als irgend ein Witzbold aus Spott das Gerü ht verbreitet hatte, daß am Sonntag um 3 Uhr nach ittags ein Zug der Revolutionären durch die Stadt marschieren würde, um alles zu rauben und zu plündern, was nicht niet⸗ und nagelfest sel. Das wurde bald Stadtgespräch und auch die Gendarmerie hatte davon Wind bekommen und sich am Bahnhofe eingefunden, um die Revolutionäre abzu⸗ fangen. Da aber nichts zu„fangen“ war, mußte man zum Gaudium der Schulkinder wieder abziehen. In⸗ zwischen wurde das Versammlungslokal von Neugierigen begafft. Auch die wohllöbliche Polizei ließ den ganzen Tag das Lokal nicht aus den Augen. Da nun am Tage kein Unheil geschah, auch noch keiner erschossen wurde, glaubten die Marburger Spießer, am Abend würde es losgehen. Vor dem Versammlungslokale fanden sich fortwährend Neugierige ein und warteten auf das Zeichen, wann es„losgehe“. Das Militär erhielt keinen Ausgang. Da es aber nach Ansicht diverser Behörden die Revolutionäre auf das Marburger Zeughaus(Saalbau) abgesehen haben könnten, hatte man schleunigst außer doppelten Posten noch eine halbe Kompagnie Soldaten hinkommandiert, die Hosen in den „Stiebeln“ und scharfe Patronen in den Patronentaschen, um so im Falle einer Mobilmachung kampfbereit zu sein, während die Gendarmen die Straßen abpatrouil⸗ lieren. Da es aber durchaus nichts zu„arbeiten“ gab, mußten die 20 Gendarmen abends um 10 Uhr ent⸗ lassen werden.— Inzwischen hatte sich unser Versamm⸗ lungslokal bis auf den letzten Platz gefüllt mit Ar⸗ beitern. Der geräumige Saal war nicht im Stande sämtliche Erschienenen zu assen, viele mußten fortgehen, da kein Platz zu finden war. Seit der letzten Reichs⸗ tagswahl hat die Marburger Arbeiterschaft eine derartige imposante Versammlung noch nicht wiedergesehen. Genosse Zimmermann⸗Frankfurt sprach über das Dreiklassen⸗ wahlrecht und die russische Revolution. In seinem 1% stündigen Vortrage verstand er es ausgezeichnet die Anwesenden, welche den Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörten, bis zum Ende zu fesseln. Als er seinen Vertrag mit den Worten endete, Nie der mit dem Wahlunrecht, heraus mit dem gleichen Wahlrecht, erscholl nicht endenwollender, rauschender Beifall. Die zwei Resolutionen des Parteivorstandes wurden einstimmig angenommen. Eine Tellersammlung zu Gunsten der russischen Freiheitskämpfer ergab 21 Mark. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie wurde die von 300 Personen besuchte Versammlung geschlossen.— Selbstverständlich verlief die Versammlung in vollster Ruhe und Ordnung, Daß die Bevölkerung so unnötig aufgeregt wurde, ist jenen edlen Blättern zu verdanken, die einen Mordartikel nach dem andern brachten und der unfinnigen Mobilmachung der Gendarmerie. S mancher ehemalige Genosse mag sich an seine Pflicht erinnert haben, daß es besser wäre, sich der politischen Organisation anzuschließen, als hinter den Flotten⸗ schwärmern herzulaufen, um sich uns ja nicht verdächtig zu machen, daß man eine umstürzlerische Gesinnung hegt. Durch den überaus starken Besuch der Protestversamm⸗ lung haben die Marburger Arbeiter gezeigt, daß sie Willens sind, jederzeit ihren Mann zu stellen, wenn es den Kampf für unsere wenigen Rechte gilt. Und nun ihr Marburger Arbeiter: Frisch ans Werk! In kurzer Zeit muß sich die Mitgliederzahl des Wahlvereins verdoppeln, ebenso die Abonnentenzahl der Arbeiterpresse. Vorwärts heißt die Losung, trotz Gendarmerie und Infanterie! Das Gebet des Verbrechers. Aus dem Elsaß schrieb man der Frkftr. Ztg. Kürzlich wurde ein Einbrecher erwischt und durch einen Schuß schwer verletzt. Der Ver⸗ brecher sagt, der Hunger habe ihn getrieben, da ihm als ehemals schon bestraften Menschen keine Arbeitsgelegenheit gewährt worden sei. Die Entdeckung beim letzten Einbruch erklärt er damit, daß er nicht wie in früheren Fällen um den Erfolg gebetet habe.— Wie Not Hatte doch auch das beten lehrt, davon noch ein anderes Beispiel: In bäuerlichen Kreisen bilden die für die arbeits⸗ unfähigen Eltern vertragsmäßig zu bringenden Opfer öfter den Gegenstand der Sorge. Und da soll es denn im Schwarzwald auch vor⸗ kommen, daß der Sohn um ein baldiges seliges Ende für den Vater betet. Bluttat eines Bürgermeisters. Von dem Augsburger Schwurgericht wurde der 53 jährige Bürgermeister Josef Dumbs aus dem bayerischen Orte Heret⸗ hausen, weil er den Dienstknecht Glas, als dieser von einem Tanzvergnügen heimkehrte, auf offener Straße erstochen hatte, zu drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Benjamin Franklin. Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburts⸗ tages, 17. Januar 1706. 2 Von Dr. R. Strecker. (Fortsetzung.) Er erkannte die Wesensgleichheit des Blitzes mit der elektrischen Kraft und konnte so den Blitzableiter erfinden. Mehrere Universitäten verliehen ihm daraufhin später ehrhalber den Doktortitel, nachdem die Gelehrtenwelt ihn erst eine zeitlang nicht hatte Ernst nehmer wollen. Dieser emsigen Arbeit an sich selbst entsprach auf der ande ren Seite das edle Streben, auch auf andere erzieherisch einzuwirken. Schon bet einem vorübergehenden Aufenthalt in London hatten seine englischen biertrinkenden Buchdrucker⸗ kollegen von dem„amerikanischen Wassermann“, wie sie ihn nannten, manches lernen können. In Philadelphia gründete er mit seinen Freun⸗ den eine Gesellschaft, die sich„Junto“ nannte. Sie tauschten Gedanken und Bücher mitein⸗ ander aus, übten in Rede und Schrift ihren Stil und verbreiteten je größer die Mitglieder⸗ zahl wurde, Aufklärung und Verständnis für viele Dinge in der Stadt. Um letzteres zu er⸗ reichen, wußte Franklin aber auch alle anderen Hebel in Bewegung zu setzen. Sein Haupt⸗ werkzeug war naturgemäß seine Zeitung, durch welche er die Stimmung für alle öffentlichen Unternehmungen vorzubereiten wußte. Dem gleichen Zweck diente aber auch der Volkska⸗ lender, den er alljährlich herausgab, und noch mehr die öffentliche Leihbibliothek, die geradezu seine Erfindung ist und von deren Wirkung er selbst schreibt:„Binnen weniger Jahre wurde es den Fremden bemerkbar, daß wir besser unterrichtet und einsichtsvoller waren, als ge⸗ wöhnlich Leute von demselben Stande in anderen Ländern sind.“ Seine phystkalischen Experimente machte er auch alle öffentlich, um durch ste gleichfalls zur Verbreitung von Bildung beizutragen. Neben der geistigen Förderung seiner Mit⸗ menschen war er auch ebensosehr auf ihre all⸗ täglich praktische bedacht. Die Ordnung des Nachtwächterdienstes, die Einrichtung der Feuer⸗ wehr, die Einführung der Straßenreinigung und Beleuchtung, die Begründung einer höheren Lehranstalt und so manches audere geht auf seine alleinige Anregung zurück! Diese seine geistige und moralische Tätigkeit, verbunden mit seinem ausgeprägten gemein⸗ nützigen Sinn, machten ihn naturgemäß für die verschiedensten öffentlichen Aemter berufen. So wurde er bald in den Stadtrat gewählt, kam dreißigjährig bereits als Schriftführer in die Generalversammlung von Pennsylvanien und wurde später darin selbst Abgeordneter für Phila⸗ delphia. Hier hatte er wiederholt Gelegenheit, seinen Ueberzeugungsmut und seinen Gerech⸗ tigkeitssinn zu bewähren. Pennsylvanien war näm⸗ lich gleich den übrigen nordamerikanischen Ko⸗ lonien Eigentum von Privaten(der Familie Penn, daher der Name zu deutsch: Penns⸗ Waldland). Diese Eigentümer suchten sich auf Grund alter Freibriefe jeder Besteuerung zu entziehen, sodaß die Abgeordneten der Kolonie mit ihnen einen ewigen Kampf zu kämpfen hatten. Franklin mußte sogar einmal selbst nach London, um dort dem Herrn Penn gegen⸗ über die Rechte der Kolonie zu verteidigen. Fortsetzung folgt. — *——— 2 Ans werk! Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Ans Werk für deine Rechte, Die Muskeln stramm, die Sinne klar, And vorwärts gegen di Gefahr, Daß man nicht ganz dich knechte. Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Eh alle Kräfte schwinden! Nicht zögre mehr— die Seit ist rar— Denn jede Stunde, jedes Jahr Wird dich sonst fester binden. Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Die stets so vieles schaffet, Damit nicht jetzt und immerdar, Das, was durch dich erschaffen war, Ein andrer sich erraffet. Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Du darfst nicht müde werden, Eh' nicht erkannt, was recht, was wahr, Eh nicht dein Schaffen dir gebar Den Himmel hier auf Erden! Herbei, Ihr Edlen, die das Leid Der Armut mit empfinden, Ist auch der Weg zum Siele weit, Kämpft ih nur mit zu rechter Seit, Wird schnell das Elend schwinden. Sur rechter Seit, am rechten Grt, Streut aus die Sukunftssaaten, Streut fleißig aus durch Schrift und Wort, Ermüdet nicht, streut fort und fort, Streut liebend aus durch Taten! Gesellensahrten. Eine Weih nachtsgeschichte von Philipp Schei deman u 6 Nachdr. verb. (Fortsetzung.) Mit Zuhtlfenahme unserer Spazierstöcke hatten wir die zierlichen Erzeugnisse der Porzel⸗ lanmanufaktur bald in unserem Besitz. Mit wahrer Todesverachtung begannen wir unser Kletter⸗ werk. Der Kupferschmied bestieg die Stacketen⸗ wand, ich mußte auf eine große Regentonne klettern, wie sie im Norden unter jeder Dach⸗ traufe stehen, damit sich die Frauen ihr Wasch⸗ wasser sammeln können. Ich band gerade den Knoten meines Taschentuchs, da ich ein anderes Bindemittel nicht hatte, fest, als mein neuer Freund, wohl als Zeichen, daß er sein Kunst⸗ werk glücklich vollendet habe, wieder zu singen begann: O, Susanna. In unserem Eifer, ein wichtig s und gutes Werk zu tun, hatten wir nicht bemerkt, daß zwei gefährliche Menschen leise heranschlichen: einer der beiden Schutz⸗ männer des Ortes und ein Nachtwächter. Und sie müssen uns wohl beide zu gleicher Zeit an die Beine geklopft haben, denn wie aus einem Munde erklangen unsere Schreckens⸗ rufe:O— ooh! Mit einer Gewandtheit, die ich ihm niemals zugetraut hätte, sprang mein Associen von dem Stacketenzaun und lief auf und davon, der alte klapperige Nachtwächter hinter ihm her. Ich konnte nicht auskneifen. Der Putz hielt mich krampfhaft an den Hosen fest und bei jeder heftigen Bewegung hätte ich in die riestge Regentonne fallen müssen. Ich blieb also auf der Tonne stehen und hielt mich an der Dachrinne fest. „Was machen Sie denn da oben?“ „Ach, ich wollte mal sehen, wie sich so'n Topp zwischen den Barbierbecken macht.“ „So, nn kommen Sie mal runter, ich will mal sehen, wie Ste sich zwischen uns beiden machen.“ Der alte Nachtrat kam nämlich gerade un⸗ verrichteter Sache pustend und hustend zurück; der Kupferschmied war ihm längst durch die Lappen gegangen. Ich machte gar keine An⸗ stalten, von der Tonne herunterzukommen. „Na, wird's bald? Kommen Sie jetzt bald herunter?“ — e r ——— x ⁰:M—VH— Milteldentsche Sonntags⸗ Zeitung. Seite 7. „Ne, mir gefällt's ganz gut hier oben. Was wollen Sie deen igentlich von mir?“ „Ich will blos Ihre Personalien feststellen, weiter nichts, wenn sie vernünftig sind und lommen herunter.“ Na, das ließ sich ja hören und ich kletterte herunter. „Sie heißen?“ „Gottlieb Schulze.“ „Was sind Sie?“ „Künstler!“ „Ach, machen sie keine fau en Witze. Hier giebt's keine Künstler.“ „Ich muß aber doch sehr bitten, Herr Wacht⸗ meister, ich bin ein Künstler, ich bin Typograph, ich kann die schwierigste Visitkarte setzen.“ „Na ja! Wenn ich's mir dicht gedacht habe: wieder ein Buchdrucker von Jungmüller. Sie wohnen auch dort?“ „Jawohl.“ „Wie heißt denn Ihr Kollege, der ausge⸗ kniffen ist?“ „Den kenn ich nicht.“ „Das ist doch fauler Zauber.“ „Herr Wachtmeister, mein großes Ehren⸗ wort, ich habe den neten jungen Mann erst heute Abend kennen gelernt. Wie er heißt, weiß sch wirklich nicht.“ „Und dann machen Sie gleich solche Manöver mit einem Menschen dessen Namen Sie nicht einmal kennen?“ „Aber Herr Wachtmeister, das kommt doch bei solchen großen eschäften nicht auf den Namen an, sondern auf die Talente.“ „Na, gehen Sie mal heim, wir werden Ihren Geschäftsfreund schon ausfindig machen.“ (Fortsetzung folgt.) Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. (Fortsetzung.) Aber wohl bemerkte die Welt, so weit sie mit der Familie Taubermann in Berührung kam und nicht blind war für das Guste, das ste dort antraf, daß das Hauswesen des Krämers ein? günstige Veränderung erfahren hatte, die vier Prinzeßchen, die trotz ihrer kostbaren Kleider und dem Anfalle von Hochmut, doch mit den Vergnügungen der Straßenjugend zu sympati⸗ sieren schtenen, waren bedächtiger unb manter⸗ licher geworden. Man sah sie nicht mehr mit Schuljungen sich prügeln, eine Lieberei, der sie früher ganz besonders ergeben waren; auch wurden die Vorübergehenden nicht mehr aus den Ladenfenstern mit Bohnen geworfen, und die jungen Hunde, von denen gesagt wurde, daß die Prinzeßchen sie groß ziehen wollten, die aber zu einem martervollen Tode bestimmt schienen, wurden außer dem Hause groß ge⸗ füttert. Auch die Käufer wurden nicht mehr als Barrikaden gebraucht, wenn sich die jungen Mädchen im Laden einen Kampf lieferten. Man fand sie jetzt in den freien Stunden auf einem Spaziergange und während der Unterrichts- stunden im Lernzimmer. Dies alles mußte man bemerken, aber die weisten Menschen sahen nur, daß Taubermanns eine Gouvernante hatten und fanden dies höchst lächerlich, uamentlich, weil Frau Taubermann in einem Band⸗ und Schnurladen groß geworden war. Solche Menschen durften keine Gouvernante nehmen; so etwas können sich nur Damen erlauben, die von vornehmer Abkunft und Stellung sind! Wohin sollte es in der Welt kommen, wenn Krämersleute sich Gouvernanten hielten! In der Familie Taubermann führte dieser Umstand dazu, daß die Frau des Hauses ihren Geburts⸗ tag, jenen Donnerstag, don dem wir vorhin sprachen, lieber in dem häuslichen Kreise ver⸗ leben wollte, als, wie es sonst geschah, eine Gesellschaft fremder Menschen um sich zu ver⸗ sammeln. Dadurch hatte Taubermann das Vorrecht, sich behaglich in seinen einfachen Kleidern zu be⸗ wegen können, ohne daß er, wie sonst, genötigt war, im steifen Frack seine Gäste zu empfangen. Früher ging man gegen elf Uhr, nach einem 11 Gespräch über Dinge, die Jeder bereits wußte, zu Tisch und gegen drei trennte man sich, wor⸗ auf sich am folgenden Tage bet den meisten Teilnehmern des Festes eine verdrießliche Stim⸗ mung geltend machte. Der Krämer trank den folgenden Tag gewöhnlich zwei Schnäpfe an⸗ statt einen und seine Frau hatte zwei Tage Kopfschmerzen. Gewöhnlich hatte Frau Taubermann bei solchen Gelegenheiten allerlei spitze Redensarten von Seiten ihrer Verwandten zu hören be⸗ kommen, und ste fürchtete, daß in diesem Jahre jedenfalls die Gouvernante zur Sprache kommen würde, über welche die Hausfrau in der letzten Zeit bereits genug zu hören bekommen hatte. Dies war ein Grund mehr, weshalb sie von der gewohnten Regel abging. Es versteht sich von selbst, daß von der anderen Seite diese Abwech iung einzig und allein dem immer größer werdenden Hochmut zugeschrieben wurde. Der Donnerstag kam und was noch nie an diesem Tage geschehen war, die Kinder waren schon zum Frühstück vollständig ange⸗ zogen. Als Taubermann dies sah, zog er schnell seine alte Lodenjacke aus, und einen Rock an, wobei er mit einem Gelegenheitsgestchte am Frühstückstische Platz nahm. Aber hierauf folgte ein etwas schwieriger Augenblick. Bei früheren Geburtstagen hatte das Haupt der Familie sich den Glückwünschungen dadurch er⸗ lebigt, daß er sehr rasch etwas sagte, was Nie⸗ mand verstand und dann sofort in den Laden eilte, indem er es den anderen überließ, ihre Gratulationen in angemessener Form zu äußern. In Gegenwart der Goubernante konnte dies nicht geschehen und während er über den pas— senden Anfang einer Rede nachdachte, wurde ihm nun die Mühe erspart, indem das füngste der vier Mädchen eines jener kleinen Gedichte aufsagte, welche wenig bedeuten und doch von den Eltean so gerne gehört werden. Auch die zwei folgenden rezitierten darauf in abwech⸗ selnden Versen ein Geburtstagsgedicht und zum Schluß fiel die älteste mit einem ernsthaft ge⸗ haltenen Verse ein, während die jüngsten das Zimmer verlassen hatte und mit zwei großen Bouquets und einem zusammengerollten Papier wieder hereinkamen. Während die Mutter das Papier aufrollte und die Verse durchlas, welche die Kinder selbst niedergeschrieben hatten, rollten die Tränen über ihre Wangen und das bunte Taschentuch des Krämers wurde sehr lebhaft in Anspruch genommen. So lange Frau Taubermann verheiratet war, hatte sie niemals eine Träne an ihrem Geburtstage vergossen und seit jener heftigen Erkältung, welche sich Taubermann bei einem zu langen Gespräche auf der Treppe zugezogen, hatte er nicht mehr geweint. Natürlich kamen damit andere ähn⸗ liche Erinnerungen zum Vorschein. Frau Tau- bermann wußte gewiß, daß ihr Mann einmal bei Gelegenheit einer Erzählung, die ihr nicht mehr ersinnlich war, Tränen vergossen habe. Herr Taubermann meinte, es wäre ihm, als sei es gestern gewesen, daß seine Frau an einem ihrer Geburtsta e durch einen Toast des Vetters Johann, der später mit der Kasse durch⸗ gebrannt war, vor Rührung geweint hatte. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Bekämpfung der Tuberkulose. Robert Koch veröffentlicht in der Deutschen Medtzinischen Wochenschrift einen Vortrag über den jetzigen Stand der Tuberkulosebekämpfung. Er bespricht zunächst in großen 8 Nel alle die Beftrebungen, die bisher auf die Bekämpfung der Schwindsucht erichtet waren. Er bekennt sich auch heute noch zu der Anschauung, daß der Erreger der Perlsucht beim Vieh für den Menschen unschädlich ist. Für die Schwind⸗ suchtbekämpfung kommen nach ihm mithin nur die vom Menschen ausgehenden Schwindsuchts⸗ keime in Betracht. Zu den schweren Waffen im Kampfe gegen die Tuberkulose zählt er die Anzeigepflicht der Aerzte, die gesetzlich eingeführt werden müsse, die Unterbringung der Schwindsüchtigen in geeigneten Anstalten, und zwar der Schwerkranken in besonderen Kranken⸗ häusern und der Leichtkranken in den Heilstätten und Fürsorgestellen, die den Kranken und seine Familie jederzeit mit Rat und Tat unterstützen ⸗ Zu den leichteren Waffen, die nicht so ein⸗ schneidend wirken, trotzdem aber nicht zu ent⸗ behren sind, rechnet Koch die ausgedehnte Be⸗ lehrung des Publikums über die Ansteckungs⸗ gefahr bei Tuberkulose. Die Hauptaufgaben, die dem Staate im Kampfe gegen die Seuche zufallen, bestehen in der baldigen Einführung der gesetzlichen Anzeigepflicht und in der Ver⸗ besserung der ungünstigen Wohnungsverhältnisse. Diesem Uebelstande gegenüber ist die private Tätigkeit fast machtlos, während der Staat durch geeignete Gesetze leicht Abhilfe schaffen kann. Koch hält den Kampf gegen die Schwind⸗ sucht, der von dem Volke geführt wird, für einen aussichtsreichen.„Der Kampf“, so schließt er,„ist auf der ganzen Linie entbrannt, und die Begeisterung für das hohe Ziel ist eine so allgemeine, daß ein Nachlassen nicht mehr zu befürchten ist. Wenn in dieser kraftvollen Weise weiter gearbeitet wird, dann muß der Sieg errungen werden.“— Humoristisches Die größte Sorge.„Schrecklich sieht's in Ruß⸗ land aus! Ueberall Empörung, Raub, Mord, Totschlag, Attentate, Plünderungen und Streiks!“—„Ach, liebes Männchen, dann wird wohl auch der russische Katar nächstens theurer werden?“(W Jak.) Gut abgefertigt. Flottenvereinler: Wir brauchen entschleden mehr Schiffe! Das Volk muß tiefer in die Taschen greifen! Arbeiter: Ja— wenn das Volk ein Spitzbub oder ein Flottenvereinler wär', der seine Hände immer in fremden Taschen hat! Die Hauptsache. Der Schwager eines Arztes ist schwer erkrankt und der berühmte Professor F. wird zu gemeinsamer Untersuchung und Besprechung des Falles hinzugezogen.— Als sich beide Doctores mit ernsten Gesichtern in ein Nebenzimmer zurückgezogen haben, sagt der Professor, der die verwandschaftlichen Beziehungen mittlerweile vergessen hat:„Also zunächst die Haupt⸗ sache, Herr Kollege— zu machen ist ja nichts mehr— was kann man dem Mann abknöpfen?“ Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhre Gold- und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Geschichtskalender. 28. Januar. 1887 Puttkamers Lockspitzeleien im Reichstag enthüllt. 29. 1887 4. Sozialistenges.⸗Verlängerungs⸗Debatte im Reichstag. 30. 1905. f Corrodi. Landschaftsmaler. 1640 König Karl I. von England geköpft, 1893 Bachem⸗Richtersche Zukunftsstaatsdebatte im Reichstag. 1. Februar. Düsseldorf. 2. 1904 f Labriola, ital. Soztald. 1868 f Leden⸗ Rollin, franz. Sozialdemokrat. 3. 1899 Löbtauer Urteil, 53 Jahre Zuchthaus 8 Jahre Gefängnis. 64 Beherzigens werte worte! Di Millionen Abonnenten und Leser der feindlichen Presse sind größtenteils Glieder des arbeitenden Volkes, und gerade sie sind es, welche dieser zu ihrer Knechtung bestimmten Presse die ungeheure Macht ver⸗ leiht, über welche sie verfügt. Der Ar⸗ beiter, der statt eines Arbeiter⸗ blattes ein Organ der Arbeiterfeinde hält, begeht einen geistigen Selbstmord, e in Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse⸗ Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Nebels und die Presse wird das wir k- samste Mittel der Befreiung sein. 31. 1905 4 Oswald Achenbach, Maler, wilhelm Liebknecht. eee eee . 4 0 0 1 . 1 1 5 10 0 11 0 5 0 N. 0 0 Site 8. Muteldeutsche Sonutags⸗Zeitun⸗ 8. Zur Gewerbegerichtswahl! Am Samstag, den 3. Februar finden die Beisitzerwahlen zum Gewerbegericht Gießen sratt. Die im Gewerkschaftskartell vereinigten Gewerkschaften bringen folgende Beisitzerlisten in Vorschlag: Arbeitgeber: Arbeitnehmer: 1. Krumm, Eduard, Kaufmann, Christ, Wilhelm, Schlosser, 2. Müller, Ludwig, Bäckermeister,. Hensel, Adolf, Schriftsetzer, 3. Dahmer, Georg, Spenglermeister, Holtberg, Gustav, Brauer, 4. Baum, Georg, Schuhmachermeister, Häuser, Karl, Fabrikarbeiter, 5. Dörflein, Leonhard, Küfermeister, Krüger, Gustav, Eisendreher, 1 6. Nitschkowski, Wilhelm, Buchdruckereibesitzer, Mandler, Albert, Maurer, 1 7. Gerlicher, Johann, Küfermeister, Männche, Heinrich, Schreiner, . 8. Allendörfer, Heir rich, Schreinermeister,„Meininger, Philipp, Maschinist, . Schäfer, Wilhelm, Schneider, O 5 9. Noll, Emil, Dachdeckermeister, 615 10. Bierau, Balthasar, Glasermeister, 10. Schneller, Wilhelm, Dachdecker, . 005 11. Heck, Justus, Schreinermeister, 11. Stock, August, Lackierer, 1 1 12. Minke, Peter, Küsermeister. 12. Sommerlad, Gustav, Küfer. Wähler! Arbeiter! Ihr alle wißt die Bedeutung der Gewerbegerichtswahlen zu würdigen! Als Beisitzer müssen Männer gewählt werden, von denen wir die Gewißheit haben, daß sie ihrem Amte in der Unparteilichkett und Gewissenhaftigkeit die erforderlich ist, vorstehen und auch das nötige Verständnis in gewerblichen und sozialen Fragen besitzen. Als solche empfehlen wir die oben vorge⸗ schlagenen Männer. Geht alle zur Wahl und stimmt für die Listen des Gewerkschaftskartell. Die Wahl findet im Bürgermeistereigebäude von Mittags 12 bis Abends 8 Uhr statt. 2 Das Gewerkschaftskartell. Ortskrankenkasse Giesten. 25 Verzeichnis der Kassenärzte: Für die Stadt Gießen: die Herren Dr. Zinßer, Dr. Ploch und Dr. Arndt. Für die Orte: Großen⸗Buseck, Alten⸗Buseck, Reiskirchen, Lindenstruth, Burckhardsfelden, Oppenrod, Rödgen, Trohe, Beuern, Bers⸗ rod und Annerod: die Herren Dr. Bockler und Dr. Geng⸗ nagel in Großen-Buseck. Für die Orte: Lich, Garbenteich, Dorf-Gill, Oberhörgern, Eberstadt, Muschenheim, Birklar, Bettenhausen, Langsdorf, Steinbach, Albach, Nonnenrod, Ettingshausen, Hattenrod, Münster, Nieder⸗Bessingen und Ober-Bessingen: die Herren Dr. Stamm und Dr. Schad in Lich. 0 Für die Orte: Hausen, Dutenhofen, Münchholzhausen, Klein⸗Linden: Herr Dr. Kipper zu Gießen. 1 . Für die Orte: Watzenborn⸗Steinberg: die Herren Dr. Kipper und 140 Dr. Wagner zu Gießen. Für die Orte: Großen⸗Linden, Allendorf a. Lahn, Leihgestern, Hörnsheim, Hochelheim, Lützellinden und Dornholzhausen: 0 die Herren Dr. Kipper⸗Gießen und Dr. Platz⸗Großen-Linden. 1 Für die Orte: Lang⸗Göns, Holen Grüningen und Nieder-Kleen: 5 Herr Dr. Reiff zu Lang⸗Göns 9 Für die Orte: Krofdorf, Wißmar, Launsbach und Gleiberg: Herr guten Sang Leistung! o Sarantie für und höckhiste pon jedermann selbst einstellbar! Karl Sermer, Beuchelheim Jauchepumpen 55 Dr. Seipp in Krofdorf. 755 Für die Orte: Rodheim, Fellingshausen, Crumbach, Frankenbach Fl t 5 und Bieber: Herr Dr. Klingelhöfer in Rodheim. EC El 10 Für den Ort: Vetzberg: die Herren Dr. Seipp⸗Krofdorf und Dr. And e eee 1 Klingelhöfer⸗Robheim. e Seb 1 Für den Ort: Wieseck: Herr Dr. Wöhrmann in Wieseck. ff. 15 3 Für die Orte: Heuchelheim, Atzbach und Kinzenbach: Herr Dr. Hof— O ene Füsse 2 mann in Heuchelheim. F 5 Ader- 105 Für die Orte: Lollar, Staufenberg, Mainzlar und Daubringen: 1 ind dg e 1 5 5 Herr Dr. Dickoré in Lollar. wer bisher vergeblich hoffte ür die Orte: Grünber Göbelnro 2 0 geheilt zu werden, mache noch einen 8 9, Göbel d. Queckborn, auter, Harbach Versuch mit der bestens bewährten und Saasen: Herr Dr. Werner in Grünberg. a n HIO- SALBE Zahnarzt: Herr Zahnarzt Jäger in Gießen. A en e eee Irische, Dauerbrand⸗, Amerikaner, Regulierheizs, Koch⸗, Wopewell⸗. und Darmstädter Oefen in diversen Fabritaten. ee e eee Ofenschirme. 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Vorstandswahl.* Lollar 2 „Wahl einer Rechnungs-Prüfungskommission. — 9 „Bericht, betreffend die Verhandlung mit, der Vertrags— e 8 5 Ahren, Gold-, Silber ⸗ 8 1 und 1 n Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnun äre ei 0 0 zahlreiches Erscheinen sehr a 85. Optische Waren. Der Vorstand. Eigene Reparaturwerkstätte. Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges GIESSEN I Lindenplatz 1. Giessener Hlusschuss für Volksporlesungen und perwandte Bestrebungen. Erste(geschichtliche) Vorlesungsreihe: Die Entstehung des modernen Deutschland(1730-—18ls) von Oberlehrer Dr. fl. Flein. sllittwoch, den 31. Januar 1906, abends 8½½ Uhr: Erste Vorlesung(mit Diskussion): Deutschland unter dem Einfluß der Rrvolution und Napoleons. Eintritt frei für Jedermann. Dle Vorträge finden sämtlich in der Turnhalle des Real- gumnasiums und der Oberrealschule slatt. Wetzlar. Klostergarten. Wetzlar. a Im Saale befindet sich seit einigen Tagen„Hoppes“ anato- misches Museum. Der organisierten Arbeiterschaft Wetzlar's ist Gelegenheit gegeben, bei ermäßigten Eintrittspreisen dasselbe zu N Karten sind zu haben, im Gasthaus„Zur Glocke“, sowie bei den Vorständen der Gewerkschaften. Besuchszeit von 9 Uhr vor⸗ mittags bis 11 Uhr abends. Letzter Tag, Montag, den 29. Januar. General-Versammlung der allgemeinen Sterbekasse Giesen. Montag, den 5. Februar 1906, abends 9 Uhr im Giessener Festsaal(Cafe Leib). Tagesordnung: Antrag auf Auflösung der Kasse, hiernach ausserordentliche deneralversammlung Tagesordnung: Beschlussfassung über die Auflösung der Kasse. (Siehe§ 21 des Statutes von 1889). Gießen, den 27. Januar 1906. Der Vorstand. Gewerkschaften Giessens. Samstag, den 3. Februar 1906, abends 9 Ahr Winter ⸗Fest= im Cafe Teib, bestehend in Festrede(Dr. Mickels Marburg Konzert. Gesang, turnerischen Aufführungen, omischen Vorträgen und Tanz. Zu zahlreichem Besuch ladet ein. Das Kartell. Eintritt à Person 20 Pfg. Bier im Glas. Etwaige Spenden zur Tombola wolle man Rittergasse 17 bei Herrn Orbig abgeben. Das Komits. Gewerkschalts⸗Oersammlung Sonntag, den 28. Jan. nachm. 4 Uhr im Lokale Orbig, Rittergasse 17, Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Ka senbericht des Kartellvorsitzenden. 2. Bericht über die uskunftstelle. 3. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen erwartet Dos Gewenrschaftskartell. 5 Verlag der Mitteld. Sonutags-Zeitung(E. Krumm) Gießen. Verantwortl. Redakteur J. A. Vetters Gießen. Druck von Heppeler& Meyer Gießen.“