——-————-—ꝛ ũ¼1ũb;.—— ů—— Nr. 21. . Gießen, den 27. Mai 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Rebaktionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 Ude. — gs⸗Jeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfeunig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung 33½% ͤ und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindestens Die„patriotischen“ Steuern. Mit dem landläufigen Patriotismus des deutschen Bürgertums und seiner politischen Vertreter erlebt man von Tag zu Tag selt⸗ samere Dinge. Bis vor kurzem bestand doch ziemlich unbestritten die Meinung, es sei patrio⸗ tisch zu tun, was dem Vaterlande nützlich sei, und es sei insbesondere die patriotische Pflicht der Gesetzgeber, dem Vaterlande die besten Ge⸗ setze zu geben. Jetzt aber— in den letzten Tagen des Kampfes um die Reichsfinanz⸗ reform hat man von allen bürgerlichen Seiten wiederholt versichern gehört, sie fänden ja die vorgeschlagenen Brau⸗, Zigaretten⸗-, Fahr⸗ kartensteuern, die Verteuerung des Po st⸗ portos im Ortsverkehr, bedenklich— aus„patriotischen Gründen“ aber stimmten sie dafür. Die„vaterlandslosen Gesellen“ haben mit gewohnter Ruchlosigkeit gegen alle diese selbst von ihren Erfindern als schlecht aner⸗ kannten Gesetze gestimmt, die Patrioten aber schimpften dagegen und stimmten dafür. So hat Graf Kantitz— er ist nur ein Beispiel für viele bei der Beratung der Fahrkartensteuer erklärt, je mehr er sich die Sache überlegt habe, desto größer seien seine Bedenken geworden, trotzdem stimmte er für sie— aus Patriotismus. Somit ist es klar, daß die alte Begriffserklärung des Patrioten unzutreffend geworden ist: den patriotischen Abgeordneten erkennt man daran, daß er schlechten Gesetzen zustimmt. Und je schlechter diese Gesetze sind, je größer die„Bedenken“, die er zu überwinden hat, desto größer ist sein Patriotismus. Das deutsche Volk wird nun sehr bald die — Segnungen dieses Patriotismus kennen lernen: den Sozialdemokraten, den einzelnen Genossen im Lande wird sich damit eine uner⸗ schöpfliche neue Quelle der Agitation eröffnen. Es wird im Reiche kein Haus und keinen Tisch geben, wo man nicht über die merkbaren Wir⸗ kungen der neuesten Reichstagsbeschlüsse disku⸗ tieren wird, und es wird keine große Ueber⸗ redungskunst dazu gehören, den Leuten begreif⸗ lich zu machen, daß sie alles neue Steuerunge⸗ mach den„patriotischen“ Parteien der Rechten, des Zentrums und der Nationalliberalen zu verdanken haben. Die Mißbwirtschaft der Parteien, die heute noch die Mehrheit des Reichstages bildet, trägt die Schuld daran, daß wir statt der großzügigen, einheitlichen Finanzreform, für die nur die Sozialdemokratie kämpfte, und die nur die stärksten Schultern, diese aber ausgiebig, belasten sollte, ein elendes Stück⸗ und Flickwerk, ein widerspruchsvolles System von Verärgerungssteuern bekommen haben, das den Verkehr und den Verbrauch besteuert und breite Schichten der arbeitenden Bevölkerung mit der Arbeitslosigkeit bedroht. Unsere Gegner sagen, die Sozialdemokratte könne nur zerstören. Auch das Zerstören kann unter Umständen eine nützliche Beschäftigung sein! Wäre es der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstage gelungen— was ihr bei ihrer gegenwärtigen noch zu geringen Stärke leider nicht gelingen konnte—, die unsinnigen Steuer⸗ pläne der Patrloten in Grund und Boden zu zerstören, das Volk hätte mit dieser Zerstörer⸗ arbett höchstlichst zufrieden sein dürfen. Aber die sozialdemokratische Fraktion hat sich gar nicht auf den Standpunkt der„starren Ver⸗ neinung“, des„bloßen Zerstörens“ gestellt, sie hat vielmehr ein höchst fruchtbares, schöpferisches Finanzreformprojekt entwickelt, das in der drei⸗ fachen Forderung der Reichseinkommen⸗ steuer, der Reichserbschaftssteuer und Reichs vermögenssteuer gipfelte. Nicht der Verbrauch der besitzlosen Massen, sondern die Riesen vermögen und Riesenein⸗ kommen der Reichen sollten die Last tragen. Der Vorschlag wurde aber von den Patrioten nicht patriotisch genug befunden: zur Reichs⸗ einkommensteuer wurde nur durch die Tantie⸗ mensteuer ein erster, bescheidener Ansatz ge⸗ schaffen, die Reichserbschaftssteuer blieb unaus⸗ geschöpft, da man die Besteuerung der direkten Linte, wie sie in England, Frankreich, der Schweiz besteht, unterließ, und sich mit eben⸗ soviel Dutzenden von Steuermilliönchen be— gnügte, als wan nach dem Vorbilde des Aus⸗ landes Hunderte hätte schöpfen können. Die Einführung der drei großen Reichs⸗ steuern, der Stenern auf den Reichtum, hätte aber auch darum den Zwecken der Finanz⸗ reform am besten gedient, weil diese Steuern den großen Vorzug der weitesten Clastizität besttzen. Wenn man nach englischem Vorbilde diese Steuern so gestaltet hätte, daß sie zu Zeiten größeren Bedarfes erhöht werden könnten, so hätten ste dauernde Abhilfe gegen künftige Reichsfinanznöte geboten, die die jetzt geschaffene Finanzreform der„Patrioten“ keineswegen bietet. Die jetzt beschlossenen Steuern sind nicht im mindesten mehr ausdehnungsfähig; das Volk wird schwerlich Geduld genung bestitzen, die Plackereien dieser Steuern in erhöhtem Maße nochmals über sich ergehen zu lassen. In wenigen Jahren wird das Reich wieder dort stehen, wo es vor dieser„großen“ Finanz⸗ reform gestanden hatte. Allerdings— wären die Vorschläge der Sozialdemokratie diesmal schon durchgedrungen, und müßten die besttzenden Klassen heute schon damit rechnen, daß die Vermehrung der Reichs⸗ lasten allemal ihre eigenen Schultern treffen würde, dann wäre wohl auch die neue Flotten⸗ vorlage, die wieder alles umwirft, was vor kurzem noch als„feststehender Plan“ und als „vollkommen ausreichend“ galt, schwerlich so glatt und mit so großer Begeisterung von der Mehrheit des Reichstages angenommen worden. Die Durchführung dieser Flottenvorlage wird aber weit größere Mittel erfordern, als ste jetzt durch die Reichsfinanzreform erschlossen worden sind, auf Defizit und Schulden bleibt nach wie vor das Reichssteuer gestellt! Und das alles ist„patriotisch“, so patriotisch, wie die patriotische Presse, von der uns, wie ein hervorragender englischer Politiker kürz⸗ lich sagte,„Gott befreien“ soll. Diese patri⸗ otischen Abgeordneten, diese Mitregierer aus sogenannter Vaterlandsliebe— Volk, befreie dich von ihnen! Politische Rundschau. Gießen, den 23. Mai 1906. Mehr Schutz für die Bergleute! Die sozialdemokratische Fraktion im Reichs⸗ tage hat einen Unfallverhütungsantrag eingebracht, in dem verlangt wird, daß die Regterung feststellen lassen soll, ob in den Un⸗ fallverhütungsvorschriften für die Grubenbetriebe Feuerlöscheinrichtungen und Rettungsapparate vorgeschrieben sind, wodurch Katastrophen der Art, wie die in den Schächten von Courrieres verhütet werden. Sollte festgestellt werden, daß ausreichende Sicherheit nicht gegeben ist, dann soll die Regierung schleunigst die Unfallverhü⸗ tungsvorschriften entsprechend ergänzen und ihre strengste Beachtung auf allen Gruben erzwingen. Dieser Antrag ist sehr notwendig und zeit⸗ gemäß, denn es ist damit in den deutschen Bergwerken schlecht genug bestellt. Nach der Katastrophe von Courrières rühmte die Presse der deutschen Gruben⸗Kapitalisten die vorzüg⸗ lichen Rettungseinrichtungen in Deutschland, die eine derartige Katastrophe verhüteten. Um diese Versicherung auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen, veranstaltete der deutsche Bergarbeiter⸗ Verband eine Umfrage, deren Resultat kürzlich in der„Bergarbeiter⸗Zeitung“ mitgeteilt wurde. Und das ist ein sehr trübes! Es ergab sich, daß in den mitteldeutschen Braunkohlen⸗ gebteten von Rettungsapparaten nichts bekannt ist, daß vielfach sogar Löschapparate fehlen. Aus Bayern wird berichtet, daß auf der Staatsgrube Preisenberg diese Apparate voll⸗ ständig fehlen. Im Lothringer und Aachener Bezirke ist ebenfalls nichts davon bekannt. Auch in Sachsen sind nicht auf allen Gruben die Rettungsmittel vorhanden; in Oberschlesien nur etwa auf 30— 40 Prozent der Anlagen und im Ruhrgebiete hat sich ergeben, daß noch ein Viertel der dortigen Zechen mit Rettungswerkzeugen und Apparaten nicht ausgerüstet ist.— Und wie viele Men⸗ schenleben hängen davon ab! So wird aus Courrléeres, wo ja überhaupt in geradezu ver⸗ brecherischer Weise gefrevelt worden ist, berichtet, daß vor Kurzem die Leiche eines Bergmannes namens Penti zutage gefördert wurde, der an⸗ scheinend erst vor wenig Tagen durch Hunger und Durst zugrunde gegangen war, da man Werg im Magen des Unglücklichen fand. Und auf der Grube„Borussia“ bei Dort⸗ mund sind noch am 1. und 2. Mai 25 Opfer der Brand⸗Katastrophe vom 10. Juli vorigen Jahres geborgen worden! Hier fragt sich, ob diese damals nicht doch noch ge⸗ rettet werden konnten, wenn zweckmäßige Ret⸗ tungseinrichtungen vorhanden gewesen wären, und diese Frage ist umso berechtigter, als das Organ der Grubenkapitalisten, die„Rheinisch⸗ Westf.⸗Ztg.“, berichtet, daß die Leichen alle mit entblößtem Oberkörper aufgefunden worden sind! Daraus geht hervor, daß die Unglücklichen„alle den Versuch gemacht haben, den Zuzug gefährlicher Gase dadurch zu hemmen, daß ste ihre Hemden auszogen und damit die Lücken in den Wettertüren dichteten!“ So berichtet das Kohlensyndikatsorgan und deutet damit an, daß die Unglücklichen wer weiß wie lange noch in der Tiefe gelebt haben können! Sie können schon nach kurzer Zeit erstickt gewesen sein, sie können aber auch noch tagelang gelebt haben in dieser entsetzlichen Lage!„In jenen aufgeregten Julitagen“, schreibt die„Bergarb.⸗Ztg.“ dazu,„behaupteten zur Hilfeleistung eingefahrene Rettungsmann⸗ schaften, es müßten noch Lebende unter ——— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. den eingeschlossenen Kameraden sein! Benimmt trat das Gerückt auf, die Unglück⸗ lichen hätten sich auf der fünften oder sechsten Sohle, im Flöz 10 zu retten versucht, indem sie die Wettertüren mit Kleidungsstücken ver⸗ dichteten, um sich von den Brandgasen abzu⸗ sperren. Deshalb belagerten jammernde Frauen und Kinder tagelang das Zechentor, deshalb drängten sich die Kameraden immer wieder zur Einfahrt, deshalb auch die Erbitterung über das rasche Einstellen der Rettungsarbeiten.“ Auf jeden Fall müssen die Grubengesellschaften ven Staats- und Gesetzeswegen verpflichtet werden, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, um das Leben der Arbeiter zu schützen und deshalb ist obiger Antrag durchaus notwendig. Der neueste Polizeispitzel⸗Skandal, den bei der Interpellation über die Russen⸗ ausweisungen unser Genosse Bebel zur Sprache brachte, beschäftigt noch lebhaft die Presse. Auf die Anklagen Bebels hüllte sich die Regierung in Schweigen, weshalb die Frei⸗ sinnigen im preußischen Landtage die Regierung zur Rede stellten. Der preußische Polizeiminister Bethmann⸗Hollweg versuchte zwar die Anklagen abzuschwächen und die skandalöse Spitzelwirtschaft in weniger schlimmem Lichte erscheinen zu lassen, doch ist ihm das in den Augen aller verständigen Leute schauderhaft mißglückt. Seinen gewundenen Erklärungen im Landtage setzte Genosse Dr. Liebknecht, der Anwalt des russischen Kaufmanns, der zum Landesverrat verleitet werden sollte, wahrheits⸗ gemäße Feststellungen der Tatsachen entgegen. Namentlich protestierte Liebknecht gegen die Behauptung des Ministers, daß sein Klient ursprünglich bereit gewesen sei, Spionendienste zu leisten, später aber anderen Sinnes geworden sei. Der Minister hat im Uebrigen im Landtage die Angaben Bebels in keiner Weise zu er⸗ schüttern vermocht. Er bestritt nur, was er auch in den offiziösen Veröffentlichungen tut, daß der Polizeikommissar v. Schöne den Kaufmann habe verleiten wollen. Er stützt sich dabei auf die allgemein zugegebene Tatsache, daß die erste Anregung zu dem sauberen Handel von Herrn v. Brockhusen ausging, er ver⸗ schweigt aber, daß der von diesem privaten Edelmaun angesponnene Faden von seinem amtlichen Edelmann, dem Herrn v. Schöne, begierig aufgegriffen und fortgesponnen wurde. Daß Herr v. Schöne dem Russen die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt in Preußen versprochen habe, falls er sich bereit erkläre, Vaterlands⸗ verrat zu begehen, daß er ihn zu diesem Zwecke mit genauen Instruktionen ans gestattet und das russische Generalkonsulat durch Ausstellung ge⸗ fälschter Urkuaden an den vermeintlichen Spion hintergangen habe, leugnet Herr v. Bethmann⸗ Hollweg nicht. Sein krampfhaftes Bestreben, den Kommissar vom Verdacht der Verleitung zur Spionage reinzuwaschen, wird auf diese Weise nur noch verdächtiger. Der Minister wird damit mehr und mehr selber zur beteiligten Person des Skandals. Dem Breslauer Handabbauer, der sich bisher bescheiden im Hintergrunde hielt, scheint man auf der Spur zu sein. Wie unser Breslauer Parteiblatt mitteilt, hat ein Volks⸗ schüler, Sohn eines Schutzmanns, am Morgen nach den blutigen Auftritten zu seinen Mit⸗ schülern, als diese ihm fragten, ob sein Vater auch in der Nikolaivorstadt tätig gewesen sei, gesagt: Freilich, mein Vater hat sogar einem die Hand abgeschlagen. Der Schutzmanassohn wurde sofort vom Poltzei⸗ präsidenten vernommen, er zeigte sich aber un⸗ sicher und leugnete schließlich, überhaupt etwas seinen Klassengefährten erzählt zu haben. Auch der Knabe, der an ihn die verhängnisvolle Frage gestellt hatte, wurde in Gegenwart seiner Mutter vernommen; er blieb mit aller Vestimmt⸗ heit dabei, daß der Vorgang sich so abgespielt habe, wie er oben geschildert worden ist. Dar⸗ auf wurden die beiden Knaben einander gegen⸗ übergestellt, und nun gestand der Schutzmanns⸗ sohn zögernd und mit großem Widerstreben, daß er bei seiner früheren Aussage gelogen habe, er habe wirklich gehört, wie sein Vater der Mutter mitgeteilt habe, daß er einem Manne die Hand abgeschlagen habe. Weiter weist unser Breslauer Parteiblatt auf die Tatsache hin, daß kurz nach dem 19. April in einem Breslauer Geschaͤfte ein mit Blut befleckter Schutzmannsmantel zur Reinigung abgegeben wurde, der die Nummer 145 trug. Ob man den Täter nun bald finden wird?— Gegen eine große Anzahl Arbeiter ist übrigens wegen„Aufruhr“ Untersuchung eingeleitet und es befinden sich deswegen viele in Haft. Das hat zu der Polizeitat noch gefehlt! Neueren Mitteilungen zufolge wurde der Schutzmann Thursch als derjenige ermittelt, der die Bestialität an Biewald verübte. Aufreizende Urteile. Gegen verschiedene unserer Parteigenossen wurden in der letzten Zeit wieder Urteile gefällt, die allgemeines Kopfschütteln erregen müssen. In Erfurt wurde unser Genosse Lojewsky zu acht Monaten Ge⸗ wegen„Aufreizung“ fänguts verurteilt. Diese Aufreizung soll Lojewsky durch mehrere Artikel in der„Thüringer Tribüne“, deren verantwortlicher Redakteur er ist, begangen haben. Ferner wurden in Magdeburg die Ge⸗ nossen Holzapfel, Bethge und Haupt zu je sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Gegen Lackenmacher, Gorgas, Vater und König⸗ stedt wurde auf Freisprechung erkannt. Hier handelte es sich um die Wahlrechtsflugblätter vom Januar, wegen deren in vielen andern Orten zwar Anklage erhoben, aber das Verfahren wieder eingestellt wurde. 5 Der Sozialismus ist der Friede. Anatole France, Frankreichs größter le⸗ bender Dichter, der auch dadurch sich einen Namen in der ganzen Welt erworben hat, daß er sich wie William Morris in die Reihen des kämpfenden Proletariats gestellt hat, schreibt in einem sehr interessanten Essay über die po⸗ litische Lage in Frankreich: „.... Die französischen Bürger haben der Komödie in Algeciras nicht beigewohnt; sie waren nicht eingeweiht. Aber sie haben vollkommen erkannt, daß man dort Komödie spielte, und sich deshalb nicht einen Augenblick geängstigt. Sie wußten den Ausgang. Dieses Vertrauen war kein Kind der Ueberlegung. Schließlich doch vernünftiger als unsre Weisheit. Man kann zweifellos im hohen Rat der Könige und Kaiser, selbst der Republiken, immer noch auf die Furcht vor oder die Hoff⸗ nung auf einen Geschäftskrieg hinarbeiten. Es hat, offen gestanden, niemals andre als Geschäftskriege gegeben, und die Kreuzzüge waren in Wirklichkeit Kolonial warenkriege. Die Fortschritte Kaspars in Handel und Schiffahrt mögen wohl John Bull einige Sorge machen, und er mag Jacques Bon⸗ homme ins Ohr flüstern:„Wenn Ihr Kaspar eine Tracht Prügel verabreichen wollt, ich bin dabei.“ Ganz richtig das. Doch es gibt in Deutschland genug Sozialdemokraten, in Frank⸗ reich sind die soztalistischen Arbeiterorgani⸗ sationen tätig genug und in England haben die letz'en Wahlen die Kräfte der Labour Party lenglische Arbeiterpartei) hinreichend gestärkt, um einen europäischen Krieg zu verhindern. Das internationale Proletariat ist entschlossen friedliebend. Dies bietet die sichersten Bürg⸗ schaften für den allgemeinen Frieden. Die Kapitalisten aller Länder möchten wohl lieber, daß es anders wäre. Aber niemand ist da⸗ rüber mehr im unklaren, und das große Wort Anseeles beginnt Warheit zu werden:„Der Bund der Arbeiter wird der Welt friede sein.“ Die Wahlen in Frankreich sind mit den am Sonntag stattgefundenen Stichwahlen beendet worden. Diese haben den entschiedenen Sieg der Republikaner zu einem vollständigen gemacht und ebenso die Niederlage der Realtionäre und Klerikalen besiegelt. Letztere verloren im Ganzen 59 Sitze, die bon der Linken erobert wurden. Die neue Kammer Nr. 21. setzt sich zusammen aus: 253 Radikalen und 1 Radikalsozialisten, 77 Mitgliedern der demokra⸗ tischen Union, 22 unabhängigen und 53 vereinigten Soztalisten. Zur Rechten gehören im Ganzen 181 Abgeordnete, darunter 64 Ge⸗ mäßigte, 23 Nationalisten und 94 Monarchisten. Unsere Genossen haben ganz bedeutende Erfolge 5 erzielt; sie sind jetzt, wenn man bloß die ver⸗ Diese A Sozialisten rechnet, fast 60 Köpfe stark. Diese Wahl hat die Hoffnungen der Klerikalen und Monarchisten auf Beseitigung der Republik endgültig vernichtet. Noch nie waren in einem französischen Parlament die entschiedenen Repu⸗ blikaner und Sozialisten in dieser Stärke ver⸗ treten. Somit hat das französtsche Volk sich mit aller Deutlichkeit für die Demokrutie und gegen das Pfaffentum erklärt und es ist die Möglichkeit einer freiheitlichen und fortschritt⸗ lichen Weiterentwickelung gegeben. Es geht vorwärts allerwärts! Kleine politische Nachrichten. Graf Reventlow, der antisemitische Vertreter des Reichstagswahlkreises Rinteln⸗Hofgeismar, ist am Montag Nacht im städtischen Krankenhause in Wiesbaden, 42 Jahre alt, gestorben. Mit ihm hat die Liebermannsche Richtung der Antisemiten zweifellos ihr fähigstes Mit⸗ glied verloren. R. wurde 1903 in der Stichwahl mit 1 gegen unsern Genossen Vetterlein(4030) gewählt. ee Revolution in Rustland. Die Antwortadresse der Duma auf die Thronrede wurde am Donnerstag nachts nach ausgiebiger Beratung von der Duma mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In der Adresse sind alle Forderungen, die das Volk zur Her⸗ beiführung geordneter Verhältnisse stellen muß, aufgezählt. In erster Linie steht Amnestie, Freiheit der Persönlichkeit, Freiheit der Presse, Versammlungen ꝛc. Die Adresse sollte von dem Präsidenten überreicht werden, Nikolaus will ihn aber nicht empfangen.— Von einer Offi⸗ ziers⸗Verschwörung, die die Du ma auseinanderjagen und eine Militärdiktatur er⸗ richten will, sind Gerüchte im Umlauf. Ueber die Zusammensetzung der Duma gibt die Wiener„Arbeiterzeitung“ fol⸗ gendes Bild: In diesem vlelartigen Gemenge (der Vertreter der verschiedenen Nationalitäten) überwiegen aber durchwegs die ursprünglichen Typen des russischen Volkslebens. Schon bei der Eröffnungsfeier im Thronsaale des Winter⸗ palastes fiel auf, daß im Gewoge der National⸗ trachten, Priesterröcke und Arbeiterkittel, die Fracks verschwanden, mit denen die Führer der konstitutionell⸗demokratischen Partei ihre Zuge⸗ hörigkeit zu den Sitten und Gewohnheiten des Westens zum Ausdruck brachten. Im Saale der Duma vertieft sich der Eindruck. In den Sitzreihen des sauftansteigenden Amphitheaters bilden die dichteste Schar die Männer in russt⸗ scher Bauerntracht, die Muschikt, die in ihren dunklen Kaftanen und mit ihren zumeist gut ⸗ mütigen gelb⸗ und 0 sozusagen die überwältigende seelische und körper⸗ liche Homogeneität“) des über Weltteilsweite aus⸗ gedehnten herrschenden großrusstschen Stammes repräsentieren. Bunter und farbiger wird es in kleineren Gruppen. Polnische und weiß⸗ russische Bauern in langen weißen Kaftauen, Tataren in schwarzen Mützen, die braunen schwarzumrahmten Gesichter der Steppenkirgisen in weißen Turbanen, einige orthodoxe Geistliche mit langen wallenden Locken, Donkosaken mit pludrigen Beinkleidern, blauen langschößigen Ueberrock, hochschäftigen Stiefeln, polnische Getst⸗ liche in Talaren, darunter mit den Zeichen des Erzbischofs der Pole von Ropp. Doch sind das mehr Kuriositäten, die dem Auge auffallen. Bezeichnender für das Wesen der Versammlung sind die Männer in unscheinbarer halbeuro⸗ pälscher Kleidung, doch mit schwarzem oder rotem Hemde, die Arbeitervertreter und die Dorfintelligenz, wie jener Dorfschreiber Onipko aus Stawropol. Semstwobeamte, Gemeinde- schreiber und Dorflehrer haben in unermüd⸗ licher, unscheinbarer Arbelt das Beste dazu ge⸗ ) Gleichartigkeit. grauumrahmten Gesichtern —— 0 . ich 150 des lag sche sut⸗ mit 30) auf e mit esse her⸗ 1 stie, esse, ul —— e Nr. 21. Mitteldenische Sounags⸗Zeitung. Seite 3. tan, dat das Land radikal wählte; sie sind mit efnigen echten„arbestenden“ und mit den „lateinischen“ Bauern die führenden Gestalten des großen Bauernheeres der Duma. Einigung der russischen Sozial⸗ demokratie. Die russischen Sozialdemo⸗ kraten haben einen Einigungs parteitag abge⸗ halten, der zu einem gedeihlichen Ende führte. Obwohl die Partei der sogenaunten„Mehrheit“ die Ueberzahl für sich hatte, hat sie sich doch der sogenannten„Minderheit“(„Iskra“) ange⸗ schlossen. Die„Iskra“⸗Fraktion hat einen voll⸗ ständigen Steg errungen. An dem Kongreß nahmen auch Vertreter der polnischen und let⸗ tischen Sozialdemokratie und des Bundes teil. Der Kongreß vereinigte beide bisher getrennten Fraktionen in einer Partei. Die„Iskra“⸗ Fraktion vertritt den rein europäischen Gedanken sozialdemokratischer Politik. Aus dem Neichstage. Die famose Reichssinanzreform kam am Freitag zur dritten Beratung. Der Nationalliberale Büsing sang ihr ein Loblied und bezeichnete sie als großes nationales Werk. Einer Reichsvermögenssteuer stünde ein Teil seiner Freunde nicht ablehnend gegenüber; zur Zeit aber lägen gegen dieser Steuer große Bedenken vor. Kein Mitglied seiner Partei werde die neuen Steuern als einwandfrei er⸗ klären; aber man dürfe die besitzenden Klassen nicht zu schwer belasten! Worin das große „nationale Werk“ der Steuerreform besteht, legte Genosse Molkenbuhr mit überzeugender Klarheit dar: um dem einzig rationellen Aus⸗ wege, der direkten Besteuerung des Besttzes, auszuweichen, sucht man in allen Ecken und Winkeln nach Steuern, und das Resultat ist wieder, wie immer, daß die breiten Massen neu belastet werden. Man will die Reichseinkommen⸗ steuer nicht, führte unser Genosse aus, weil ste die Besitzenden trifft. Das ist der wirk⸗ liche Grund; die verfassungsrechtlichen Bedenken sind nur Vorwand. Die Gesetze, die Herr Büsing als nattonale Tat feiert, tragen viel⸗ mehr alle Merkmale gesetzgeberischer Unreife an sich. An dem Reichsdalles ist allerdings die Reichstagsmehrheit durch ihren Bewilligungs⸗ eifer mit schuld. Vielleicht ist ihr die Finanz⸗ klemme nicht einmal unwillkommen, weil ste auch als Argument für die Hochschutzzölle dient. Redner geht dann auf das Zigarettensteuergesetz ein, das ein wahres Musterstück gesetzgeberischer Unfähigk⸗it sei. Die Sozialdemokratie lehne dieses Gesetz gleich allen indirekten Steuern ab. Die Konservativen Dietrich und v. Kar⸗ dorff, sowie der Zentrumsmann Spahn, traten dagegen für die Steuern ein und wehrten sich im Interesse ihrer besitzenden Klassengenossen gegen direkte Steuern. Zum Schluß der Ge⸗ neraldebatte betonte nochmals Genosse Robert Schmidt den Standpunkt unserer Partei zu de! Steuergesetzen und bemerkte dabet, daß bei einer allgemeinen Volksabstimmung über die Steuervorlagen diese mit großer Mehrheit vom Volke abgelehnt werden würden. Nun ging man an die einzelnen Steuer⸗ vorlagen, die mau im Galopp erledigte. Zuerst wurde die Brausteuer sast unverändert nach den Beschlüssen zweiter Lesung angenommen. Genosse Zubeil wies auf die schweren Schädi⸗ gungen hin, die die Mittelstandsfreunde dem Gastwirtsgewerbe zufügen, und Genosse Dr. Südekum bemühte sich, wenigstens eine kleine Verbesserung zugunsten der billigen obergärigen Biere einzuführen. Aber alles war vergebens. Fast noch schneller gings mit der Zigaretten⸗ steuer, gegen die sich Elm nochmals eingehend wandte, darauf hinweisend, daß die Arbeiter sowohl als Konsumenten wie auch als Produzenten getroffen würden. 1 Am Samstag wurde die doitte Beratung der Sammlung von Steuergesetzen, die den stolzen Namen„Finanzreform“ frägt, fortgesetzt und in großer Elle erledigt. Frachturkunden⸗ stempel, Fahrkartensteuer, Automobil⸗ Tan⸗ tlemen⸗ und Erbschaftssteuer und die Flotten⸗ vorlage noch dazu wurden der Reihe nach, wie sie nun eben waren, angenommen. Die Mehr- heit stimmte darauf los, wieviel gute Gründe die Minderheit auch immer dagegen vorbringen mochte. So wies Graf Kanitz in eigner Person den Blödsinn der Fahrkartensteuer nach, was ihn natürlich nicht hinderte, dafür zu stimmen. Den Standpunkt unserer Fraktion wahrte beim Frachturkundenstempel Genosse Lipinski, bei der Fahrkartensteuer die Ge⸗ nossen Herbert und v. Vollmar, der dem ge⸗ schniegelten Finanzminister v. Rheinbaben gründ⸗ lich heimleuchtete, bei der Erbschaftssteuer Gen. Bernstein. Gerade wie beim Zolltarif spielte auch jetzt wieder der Zentrumsmann und Reichs⸗ gerichtsrat Spahn die Rolle des Wortführers der Mehrheit. Am Montag wurde der Handels- vertrag mit Schweden beraten, den man ganz zweckloser Weise der Kommission überwies, die doch nichts daran ändern kann, wie Bern⸗ stein mit Recht ausführte. Die Agrarier jammerten über die Zollkreiheit der Pflaster⸗ steine und Preißelbeeren, die in diesem Vertrag vorgesehen ist. Das nahm sich besonders schön im Munde derselben Leute aus, die für die drakonische Forstgesetzgebung Preußens mit ver⸗ antwortlich sind.— Dann wurde in die Bera⸗ tung des Militärpensionsgesetzes eingetreten, die sich noch auf Dienstag erstreckte. Hierbei unternahmen die Nationalliberalen einen hinterhältigen Streich. Sie stellten Anträge auf Erhöhung der Pensionen, um sich nach außen den Anschein zu geben, als nähmen si sich der Militärpensionäre am meisten an. Singer vereitelte dies Manöver, indem er konstatierte, daß unsere Genossen bereits in der Kommission solche Anträge gestellt hätten, die aber abgelehnt wurden. Soziales. Achtung Tabakarbeiter und ⸗Arbei⸗ teriunen! Infolge Maßregelung mehrerer Arbeiter in der Zigarrenfabrik D. Haas in Heuchelheim ist die Sperre über diese Fabrik verhängt und es wird dringend ersucht, den Zuzug nach Heuchelheim streng fern zu halten. Dem Vorgehen der Firma muß die Einigkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen ent⸗ gegengesetzt werden. Die Kommisston. Tabakarbeitergenossenschaft. Wie dieser Tage berichtet wurde, hat die Tabakarbeiter⸗ enossenschaft in Hamburg in Hanau eine iltale errichtet, die am 15. Mai eröffnet worden ist. Genosse v. Elm hat kürzlich die nötigen Vorbereitungen in die 1 0 geleitet. Es wurde zu diesem Zwecke die Limbert'sche Zigarrenfabrik gepachtet. Gedacht ist ein Personal von 100 Personen. Es sind bereits eine Anzahl Kräfte gewonnen, die am 15. Mai in das Genossenschaftsunternehmen eintreten. Die Firma Hartmann und Cie. ließ den Arbeitern und Arbeiterinnen, die infolgedessen ihre Kündigung einreichten, durch den Werkmeister sagen, daß dafür Sorge getragen werde, daß diejenigen Arbeiter und Arbeiterinnen, welche ihre Tätig⸗ keit für die Genossenschaft aufnehmen, in keiner der Zigarrenfabriken Hanaus und Umgegend Arbeit wieder fänden. Hoffentlich lassen sich die Tabakarbeiter durch diese Drohung nicht abschrecken, meint die„Volksstimme“ dazu ganz richtig; wird ihnen doch in der Genossenschaft ein ganz bedeutender Mehrverdienst zu teil, und zwar sofort mit dem Eintritt in das Unter⸗ nehmen. Wir wollen nur wünschen, daß das Unternehmen immer mehr ausgebaut wird; daun werden auch bessere Zeiten für die elende Lage der Tabakarbeiter und Arbeiterinnen Hanaus zu erwarten sein, und nicht zuletzt wird die Organisation der Tabakarbeiter bedeutend ge⸗ hoben werden. Die Berliner Bäcker haben mit ihrer letzten Lohnbewegung eine Erhöhung ihres Mindestlohnes von 21 auf 23 Mk. erreicht. Darin besteht aber nicht der Haupterfolg. Er liegt vielmehr in andern nicht unwesentlichen Verbesserungen im Arbeitsverhältuis im Bäcker⸗ gewerbe. grundsätzliche Abschaffung des Kost⸗ und Logiswesens zu nennen. Als einziger Rest dieses einer läugst vergangenen Zeit ent⸗ In dieser Hinsicht ist zunächst die sprechenden Brauches ist die Bestimmung übrig geblieben, daß den Gesellen nur auf ihren Wunsch Kost und Logis im Hause des Meisters zu ge⸗ währen ist. Der Meister darf es also nicht mehr zur Bedingung machen, daß der Geselle bei ihm itt und sckläft. Ferner ist das patri⸗ archalisch⸗rxückständige System damit durch! ochen, daß Ueberstunden— natürlich soweit sis 5gesetz⸗ lih zulässig sind— bezahlt werden müssen, was die Bäckermeister bisher nicht als ihre Pflicht anerkannten. Ein weiterer Fortschritt ist es, daß die Mitglieder der paritätischen Schlichtungskommission das Recht haben, die Bäckereien auf die Innehaltung der Verein⸗ barungen hin zu kontrollieren. Dadurch wird es möglich sein, die strikte Innehaltung der Vereinbarungen, die ja von den Meister⸗ vertretern in der Kommisston rückhaltslos zu⸗ gesichert ist, auch bei denen zu erzwingen, die sich um ihre Verpflichtungen herumdrücken möchten. Nach alledem kann es nicht zweifelhaft sein, daß das Arbeitsverhältnis im Berliner Bäckerge⸗ werbe durch diese Vereinbarungen ein gutes Stück vorwärts gerückt worden ist. Ueberbleibsel mittelalterlich zünftlerischer Einrichtungen sind durch die Verwirklichung von Forderungen der modernen Arbeiterbewegung ersetzt worden, ein Erfolg, der höher anzuschlagen ist als die unmittelbaren materiellen Verbesserungen. Bei der Gewerbegerichtswahl in Nürnberg siegte die Liste der freien Gewerk⸗ schaften mit 9925 Stimmen gegen 827 christ⸗ liche und 550 Hirsch-Dunckerianische Stimmen. Vor drei Jahren erzielte die Gewerkschaftsliste 7613, die der vereinigten Christlichen und Hirsche 471 Stimmen. Der verhältnismäßig große Zuwachs der Gegner rührt daher, daß ste ihre Anhänger alle aufgeboten haben, um eine möglichst große Minorität zu erzielen und auf Grund dessen die Verhältniswahl durchzu⸗ setzen, die diesmal vom Magistrat abgelehnt wurde, weil die Minorität nicht in Betracht komme. Einige Tausend Gewerkschaftswähler konnten ihre Stimmen nicht abgeben, weil es ihnen wegen des großen Andranges der Wähler unmöglich war, ins Wahllokal zu gelangen. — ß Bon Nah und Lern. Hessisches. — Eine Landtags⸗Ersatzwahl wird am nächsten Mittwoch im Kreise Wörrstadt vorgenommen. Die Wahl des Freisinnigen Christ, der gegenwärtig diesen Kreis inne hat, wurde infolge autisemitischen Protestes für un⸗ gültig erklärt. Eine Neuwahl der Wahlmäuner findet nur in fünf Gemeinden statt. Die Bauernbündler machen alle im Verein mit den Zentrumsleuten Anstrengungen, den Antisemiten Wolf⸗Stadecken wieder durchzubringen. — Wahlschwindel der Orduungs⸗ parteien. Die Wahl in Wörrstadt wurde für ungültig erklärt, weil von verschiedenen Bürgermeistern—„freisinnigen“ sowohl wie bündlerischen— ungehörige Wahlbeeinflussungen getrieben wurden. In der Beziehung wird in Hessen überhaupt noch etwas geleistet; die Be⸗ nutzung der Ortspoltzisten als Stimmzettel ver⸗ teller und Wahlagitatoren durch die„Ordnungs““ parteien ist fast allgemein üblich und wurde auch bei der Darmstädter Wahl praktisiert. Das Schönste ist aber, daß dieselbe Gesellschaft, die den Wahlkampf in ruppigster undunanständigster Weise und mit den schofelsten Mitteln führten, die— Sozialdemokratie beschuldigte,„ehrlose und verbrecherische Wahlkniffe“ verübt zu haben. Die Reichsverbändler behaupteten, von den Sozialdemokraten wären Stimmzettel aus⸗ gegeben worden, die scheinbar auf den Namen des nationalliberalen Kandidaten Dr. Stein lauteten. In Wirklichkeit sei aber der Vorname Theodor in„Theobald“ umgeändert gewesen, habe ein Wähler die unscheinbare Aenderung übersehen, so gab er einen ungiltigen Stimm- zettel ab. Die Staatsanwaltschaft werde mit aller Entschiedenheit vorgehen und die Fälscher der verdienten Strafe überltefern. So verkündeten die Mischmaschleute durch Plakate und durch ihre Presse schon am Stichwahltage. Und das Geschrei erhob sich von neuem, als das Wahl⸗ —.— n . — — —:—— Seite 4. Mittelbeutsche Sountags⸗Zeiiung. mr. 21. resultat, 205 ungültige Stimmzettel für Stein verzeichnete. Als nun aber von Seiten unserer Genossen verlangt wurde, daß ein solcher ge⸗ fälschter Zettel vorgezeigt werde, konnte kein einziger, Theobald ⸗Zettel aufgetrieben werden! Und als das Großgerauer Kreisblatt festgestellt wissen wollte, wieviel Stimmen dem Dr. Stein durch die gefälschten Wahlzettel verloren ge⸗ gangen wären, erklärte das Bürgermeister⸗ amt Großgerau: „daß hier eine Abgabe von Stimmzetteln auf den Namen Theobald statt Theodor Stein überhaupt nicht stattgefunden hat.“ Und auch der Wahlkommissär Regierungsrat v. Stark erklärte, daß sich unter den ungültigen Zetteln nicht ein einziger Theobald⸗Zettel befinde! Also die ganze Geschichte stellte sich als plumpe Lüge, als elende Verleum⸗ dung heraus! Man wollte durch dieses er⸗ bärmliche Schwindelmanöver die Wähler gegen die Sozialdemokratie aufhetzen und so ihre Niederlage herbeiführen, was allerdings nicht gelungen ist. Nach die Probe kann man sich für die nächste Reichstagswahl auf allerhand Leistungen der Beckergarde und des Sozialisten⸗ vernichtungsverbandes, zu dessen Hauptleuten der Sprendlinger Becker gehört, gefaßt machen! Wo aber die Wahlfälscher und Stimmen⸗ käufer sitzen, das zeigte eine Gerichtsverhand⸗ lung, die am 7. Mat vor der Darmstädter Strafkammer stattfand. Dort wurde der Stadtrat Dehant wegen Stimmenkaufs zu 1 Monat und der Landwirt Peter Seeger zu 3 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Bei der Bürgermeisterwahl in Lämmerspiel hatte Dehant dem Seeger 30 Mark dafür ge⸗ geben, daß er seine Stimme für den national⸗ liberalen Kandidaten abgab! Und da haben die Ordnungsleate den traurigen Mut, die Sozialdemokratie des Wahlschwindels zu be⸗ schuldigen! — Polizei⸗Schnüffelei. Vorige Woche rügte unser Genosse Adelung in der Mainzer Stadtverordneten⸗Versammlung, daß die städti⸗ sche Polizei bei Wirten eine Untersuchung an⸗ stelle, ob dieselben Abonnenten sozialdemokrati⸗ scher Blätter, besonders der„Volkszeitung“ seien. Der Vorsitzende erwiderte, daß die Bürgermeisterei einen solchen Auftrag nicht erteilt habe, wohl sei ihm bekannt geworden, daß infolge eines anonymen Schreibens an das Gouverne⸗ ment der Territorialkommissar ersucht worden sei, nachzuforschen, ob ein hiestger Wirt die „Volkszeitung“ offen auslege. Daraufhin habe das Kreisamt das Polizeiamt ersucht, dieserhalb eine Nachforschung zu halten. Stadtverordneter Adelung bezweifelte, daß das Kreisamt ein Recht habe, die Schutzleute für solche Dienste zu mißbrauchen. Ob die Schutzleute weiter keinen Zeitvertreib haben? Gießener Angelegenheiten. — Für die Erhöhung der Brau- steuer hat Herr Heyligenstaedt nicht gestimmt, wie in unserer letzten Nummer irr⸗ tümlich behauptet wurde. Wohl aber ein großer Teil der Nationalliberalen. Die Folgen werden sich natürlich sehr bald in Form einer Preis⸗ steigerung des Bieres zeigen und der arme Teufel, der sich soust gar keinen Genuß als ein Gläschen Bier leisten kann, muß sich auch nach dieser Richtung hin einsch änken. Es wird nur noch einen Fingerhut voll für 10 Pfg. geben! Will der Arbeiter aber einen Pfennig mehr Lohn haben, so ist er„begehrlich und genuß⸗ süchtig“. t. Eine Brauereiarbeiter⸗Versamm⸗ lung am Montag befaßte sich u. a. mit den Verhältnissen in der Brauerei Denninghoff, die einer scharfen, aber sehr berechtigten Kritik unterzogen wurden. Von verschiedenen Seiten wurden eine Menge Klagen vorgebracht über die unwürdige Behandlung der Arbeiter durch Herrn Denninghoff und seinen Braumeister. Vor Kurzem wurde mitgeteilt, daß sich Unter⸗ nehmer und Arbeiter im hiesigen Brauerei⸗ gewerbe auf einen neuen Tarif geeinigt hätten, dem die Arbeiter zustimmten, wenn auch nur ein Teil ihrer Wünsche darin erfüllt war und sie gaben damit einen Beweis ihrer Friedens⸗ liebe. Was vereinbart war, wurde auch in allen Brauereien gehalten, nur bei Herrn Denning⸗ hoff nicht, der wiederholt an die Abmachungen erinnert werden mußte. Aber trotzdem er mehreremal die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen versprach, geschah dies doch nicht, namentlich nicht den Heizern und Maschinisten, sowie den Fahrburschen gegenüber. Einen Maschinisten, der schon 15 Jahre im Geschäfte treu und redlich gearbeitet hat, griff er sogar tätlich an, drohte ihn mit Erwürgen und traktierte ihn mit den gröbsten Schimpfworten, nannte ihn Spitzbub und anderes. Und das alles wegen einer Bagatelle, die nicht der Rede wert ist. Man muß sich wirklich wundern, daß der Mann nicht in der gleichen Weise antwortete. Mit solch' feinen und gebildeten Ausdrücken ist Herr D. überhaupt nicht sparsam. Worte wie: dummer Kerl, Wullewatz, altes Schwein, Lump ꝛc. bekommen die Arbeiter öfters zu hören. Die Affaire mit dem Maschinisten wollte Herr D. jedenfalls nur zum Vorwand für die Nichteinhaltung der tariflichen Abmach⸗ ungen benutzen. Es war ihm unangenehm, daß die Maschinisten sich nicht mit Versprech⸗ ungen abspeisen ließen, sondern ihren ehrlich verdienten Lohn haben wollten. Der Brauer⸗ verband wird aber dafür sorgen, daß die Ar⸗ beiter zu ihrem Rechte kommen. Die Ver⸗ sammlung beschloß einstimmig eine Resolution, in welcher das Verhalten des Herrn Denninghoff auf's schärfste verurteilt, den Arbeitern dagegen Sympathie ausgesprochen wurde.— Mit Vor⸗ stehendem sind die Beschwerden noch lange nicht erschöpft; gelegentlich wird noch weiteres Mate⸗ rial der Oeffentlichkeit übergeben werden. — Heilmittelschwindel. Das Poltzei⸗ amt warnt vor Ankauf eines Bruchgürtels, den eine Firma Dr. W. S. Rice in London anbietet. Die saubere Firma sucht durch An⸗ erbieten eines„Gratisversuchs“ ihres„wunder⸗ baren Verfahrens“ Dumme zu finden, denen sie einen Bruchgürtel für 60 Mk. aufhängen kann. Leider gibt es noch Seichtgläubige, die auf solchen plumpen Schwindel hineinfallen und ihr Geld für wertloses Zeug hinauswerfen. Man beachte daher die amtliche Warnung!— Vor Kurzem wurde auch in verschiedenen Zei⸗ tungen wieder das berüchtigte„Cosza⸗Pulver“ (angebliches Mittel gegen Trunksucht) empfohlen. Auch hier handelt es sich um groben Schwindel! Traurig genug, daß die Zeitungen— sogar Amtsblätter!— derartige Schwindelinserate aufnehmen. Uns wurde dasselbe ebenfalls zu⸗ geschickt, es wanderte natürlich in den Papierkorb. — Die aus dem gewerblichen Arbeits⸗ vertrag resultierenden Pflichten und Rechte sind in Arbeiterkreisen noch immer viel zu wenig bekannt, wie die tägliche Erfahrung lehrt. Der Arbeiter gerät dadurch oft genug in Nachteil. Wie soll er sich aber diese Kenntnis verschaffen? Größere Werke sind zu teuer; und schafft er sich die Gewerbeordnung an, die ja im Reklam'schen Verlage für 40 oder 60 Pfg. zu haben ist, so wird er Mühe haben, sich durch die Para⸗ graphen hindurchzuarbeiten und zu finden, was er am nötigsten braucht. Darum ist es zu begrüßen, wenn erneut der Versuch gemacht wird, die Vertiefung der Rechtskenntnis zu fördern. Diesem Zwecke dient das vom Genossen Lipinski vollständig neu bearbeitete Heftchen: Merkbüchlein über das Recht im ge⸗ werblichen Arbeits verhältnis, das zu dem billigen Preise von 10 Pfennig in den Parteibuch⸗ handlungen zu haben ist. In dem Heftchen wird in knappen aber erschöpfenden Sätzen das Arbeiterrecht nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch, der Gewerbeordnung und den Nebengesetzen dargelegt, sowie das Klageverfahren vor den Gewerbegerichten erläutert. Die Anschaffung sei darum allen Arbeitern angelegentlichst empfohlen, namentlich seien die Gewerkschaften besonders darauf aufmerksam gemacht. Wegen seines niedrigen Partie⸗ bezugspreises eignet sich das Werkchen vorzüglich zur Gratisverteilung an die Mitglieder. Der Partie⸗ preis außer Porto beträgt bei 100 Exemplare 5 Mark. In Partien und auch einzeln zu beziehen bei R. Lipin ski, Leipzig, Reudnitzerstraße 11. Aus dem Nreise gießen. — In Rödgen war die Festlichkeit des Wahlvereins am Himmelfahrtstage sehr gut besucht und nahm den besten Verlauf. — Landtagsabgeordneter Köhler-Langs⸗ dorf hatte gegen das Urteil der Gießener Strafkammer, durch welches er wegen Beleidigung verschiedener Gießener Justiz⸗ und Medizinalbeamten, begangen durch Veröffent⸗ lichung seiner Interpellation wegen des Cberstädter Kindesmordes, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, Revision eingelegt. Diese wurde jedoch vom Reichsgericht verworfen. 15 Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen. * Der Polizeiwachtmeister in Bad Nau⸗ heim, Möller, hatte sich am Freitag vor der Gießener Strafkammer zu verantworten. Er war angeklagt, gegen einen Lehrling Zwangsmittel zur Erpressung eines Ge ständnisses angewendet und außerdem Urkunden⸗ fälschung begangen zu haben. Möller war früher Weißbinder und Metzger, wurde später Polizist in Nau⸗ heim und avanzierte zum Polizeiwachtmeister und Kriminal⸗ schutzmann. Es stellte sich bei der Verhandlung heraus, daß der Wachtmeister nicht nur keine Ahnung von den Pflichten und Befugnissen eines Polizeibeamten hatte, sondern daß es auch mit seinen allgemeinen Kenntnissen höchst windig aussah. Er glaubte einfach das Recht zu haben, den Lehrjungen, der eine Sachbeschädigung be⸗ gangen haben sollte, so lange ins Gefängnis stecken zu dürfen, bis er die Tat eingestehe, dies drohte er dem Sünder auch an. In einem anderen Falle hatte er die Unterschrift eines Zeugen unter einem polizeilichen Proto⸗ koll gefälscht, dies allerdings ohne eine strafbare Neben⸗ absicht. Er fand milde Richter. Wegen der Geständnis⸗ Erpressung erzielte er Freisprechung; für die Urkunden⸗ fälschung erhielt er ganze zwei Tage Gefängnis. Aus dem Rreise Wetzlar. i Dem Schulwesen der Stadt Wetzlar ift auf der diesjährigen Lehrer⸗Konferenz des Schulauf⸗ sichtsbezirks Wetzlar eine berechtigte abfällige Beurteilung zuteil geworden. Nach dem Bericht des Kreisschul⸗ inspektors, Herrn Pfarrer Geibel⸗Dutenhofen, entfallen auf je eine Lehrkraft des Aufsichtsbezirks 65 Schüler und nur in der Stadt Wetzlar selbst herrschen Verhält⸗ nisse, die als nicht normal bezeichnet werden müssen. Wenn man bedenkt, daß der Kreisschulinspektor der orthodox⸗konservativen Schulrichtung angehört, die eben bei der Arbeit ist, um die freie Entwicklung des Volks⸗ schulwesens durch ein hinterhältiges sog. Schulunter⸗ haltungsgesetz zu unterbinden, so braucht sich die„auf⸗ geklärte“— scheinliberale— Stadtverwaltung von Wetzlar auf ihr Schulwesen um so weniger einzubilden. Hier ist das alte geflügelte Wort am Platze:„Zeige mir das Schulwesen einer Gemeinde, und ich sage Dir, was ihre Verwaltung wert ist.“ Die Volksschule zu Wetzlar befindet sich heute wie zu Großvaters Zeiten in der Rolle des armen Lazarus. Sie muß sich mit dem begnügen, was von der Reichen Tisch fällt. In der Volksschule zu Wetzlar fehlt es so ziemlich an Allem. Die Unterhaltung der Schulräume, der Zustand der Lehrmittel, die vorsintflutlichen Schulbänke, bilden neben dem fortgesetzten Mangel an durchschnittlich 2 bis 3 Lehrkrätten, den Gegenstand der Klagen seitens der Lehrerschaft wie von Seiten der Eltern. Die äußeren Mängel der sechsklassigen Volksschule finden in der Hauptsache schon darin ihre Bestätigung, daß die Eltern schulpflichtiger Kinder die Seminar⸗Uebungsschule förmlich mit Meldungen überlaufen, obwohl dort nur ein vier⸗ klassiges Schulsystem neben der Verpflichtung zum Besuch eines einklassigen Schulsystems besteht. Wie wenig die Stadtverwaltung für die Volksschule übrig hat, geht noch besonders daraus hervor, daß sie die gleichen Grund⸗ gehälter bezahlt, wie ste in mehr als 80 Prozent der Dörfer des Kreises Wetzlar bereits bezahlt werden. Nirgends kommen die Klassengegensätze mehr zum Aus⸗ druck, als wenn man die Aufwendungen der Stadt für die Volksschule mit denen für die„höhere Stadt⸗ schule“ vergleicht. Für die Volksschüler werden ganze 34,50 Mark aufgewendet, während bei der höheren Mädchenschule zu einem Schulgeld von durchschnittlich 72 Mark pro Jahr noch 67 Mark zugelegt werden müssen. Bei der höheren Mädchenschule kommen auf je eine Lehrkraft etwa 22 Schüler, bei den Volksschulen eine Schülerzahl von mehr als dreifacher Höhe im Verhältnis zu den vorhandenen Lehrkräften. Daß es sich bei den Aufwendungen für die höhere Stadtschule nur um solche zur Befriedigung des Kasten⸗ und Patri⸗ ziergeistes handelt, geht schon aus der Zahl der Schüle⸗ rinnen hervor, die das Lehrziel dieser Schule überhaup erreichen. Diese Zahl betrug im Jahre 5 1901 7 Schülerinnen, 1902 4 5 1903 5 15 1904 6 5 1905 5 5 Wenn die Stadtverwaltung den Vorwurf, dem Kasten⸗ und Patriziergeiste zu dienen, von sich fern halten wollte, dann müßte sie mindestens von dem Zeitpunkte an, wo der Unterricht in den fremden Sprachen beglunt, 1½ Dutzend Freiplätze zur Verfügung stellen, durch welche den fähigsten Volksschülerinnen Gelegenheit gegeben wäre, in eine Schule mit höherem Lehrziel überzutreten, dies andere Städte teilweise auch tun. Wenn in vielen Städten das Bürgertum berechtigt ist, auf eine Leitungen 2 „„———————...——..... zent egen nez hen 2 uber Mau⸗ inal⸗ tauz, den alte, nissen gt zu be: u zu dem r die roto⸗ leben. nls uden⸗ Flat lauf elung schul⸗ fallen ln hält nüssen. r det e chen Volls⸗ lunter⸗ uf⸗ bon ilben. Helge 5 Dir, lle zu fan in it den ju det Allem. 1d der 1 898 2 — f. 85 ä Nr. 21. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. für das Schulwesen stolz zu sein— ist die Stadt Wetzlar aus der Reihe solcher Städte von vornherein ausnehmen! h. Bürgerrechtsgel d. Von Seiten der Stadtverwaltung ist an verschiedene Ein⸗ wohner die Aufforderung ergangen 3 Mark Bürgerrechtsgeld zu entrichten. Wir raten unsern Freunden und Genossen, dieser Aufforde⸗ rung baldmöglichst nachzukommen, damit ste sich das Gemeindewahlrecht sichern. Wer Pflichten gegen das Gemeinwesen erfüllen muß, handelt nur verständig, wenn er sich auch seine ohnedies geringfügigen Rechte zu wahren sucht. h. Teure Fleischpreise müssen die Wetzlarer noch immer bezahlen. Während in vielen Orten eine Herabsetzung der Fleischpreise stattgefunden hat, erhöhte die Wetzlarer Metzgerinnung die Preise für Rind⸗ und Ochsen⸗ fleisch, letzteres um 4 Pfg. das Pfund! Gegen diese, nach unserer Meinung ungerechtfertigte Preissteigerung sollte sich das Publikum energisch zur Wehre setzen. h. Der Ausstand der Marmorarbeiter im Ne u⸗ mannschen Marmorwerke dauert noch an. Bereits viermal suchten die Streikenden erfolglos um Verhandlung nach. Herr Neumann, der sich nach außen als Bieder⸗ mann zu geben weiß, behandelte Leute, die bereits 20 Jahre bei ihm gearbeitet haben, geradezu empörend. Zu einem solchen sagte er:„Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht; Sie stehen nicht bei mir in Arbeit!“ Die Streikenden sollen die Arbeit aufnehmen, dann wolle er mit den Einzelnen verhandeln. Unternehmerdünkel, dem die Arbeiter festen Zusammenhalt entgegenstellen müssen! k. Krofdorf. Wegen Schüler miß⸗ handlung wurde gegen den hiesigen Lehrer Hofmann J. Strafantrag gestellt. Vor etwa 14 Tagen ohrfeigte er den 13 jährigen Sohn der Witwe Bender dermaßen, daß diesem, wie später durch den Arzt festgestellt wurde, das Trommelfell des einen Ohres zerriß und der Junge infolgedessen das Gehör zum Teil ein⸗ büßte. Und diese übertriebene Züchtigung er⸗ folgte nicht etwa wegen Ungezogenheit des Jungens, sondern, weil er die Rechenaufgaben nicht ordentlich ausgeführt hatte! Wir geben gerne zu, daß ein Lehrer seine Last und Mühe hat; gegen eine derartige verwerfliche Unter⸗ richts⸗ und Erziehungs⸗Methode muß aber mit aller Entschiedenheit protestiert werden. Ein alter Mann, wie der in Rede stehende Lehrer, sollte sich doch nicht zu solchen Ausschreitungen hinreißen lassen. Der Vorfall wird im Orte allgemein und mit Recht mißbilligt; selbstver⸗ ständlich wollen die Eltern ihre mit vielen Opfern und Mühen großgezogenen Kinder nicht zum Krüppel geschlagen haben. Es kam übri⸗ gens früher schon einmal ein ähnlicher Fall vor, der aber nicht weiter verfolgt wurde. h. Parteifreunde, Arbeiter! Jetzt, wo die Zeit der Ausflüge wieder gekommen ist, müssen wir besonders darauf achten, nur in solchen Lokalen einzukehren, die uns auch zu Versammlungen zur Verfügung stehen, oder in denen, wenn Lokalitäten zu Versammlungen nicht vorhanden sind, unsere Presse aufliegt und uns das gleiche Entgegenkommen wie anderen Parteien gezeigt wird. Als solche Lokale nennen wir vorläufig die folgenden: Wetzlar: Gasthaus„zur Glocke“; Gleiberg: „Zum Schwarzen Walfisch“ und bei Feußer; Krof dorf: Wtw. Abel; Launsbach: W. Komp; Schwalbach: Gastwirt Bender; Niederquembach: Gastw. Zimmermann; Bon baden: Wtw. Sorg; Burgsolms: Gastwirte Rühl, Tiefenbach und Viering. Westerwald und Anterlahn. h. Maurerstreik in Dillenburg. Auch auf dem Westerwald macht die Arbeiter⸗ bewegung trotz aller Unterdrückungsversuche durch die schwarze und blaue Gendarmerie er⸗ freuliche Fortschritte. Die Arbeiter beginnen zu erwachen; das Klassenbewußtsein fängt an, sich zu regen. Davon legt die Tatsache Zeug⸗ nis ab, daß seit Freitag in Dillenburg 40 Mau⸗ rer streiken, weil zwei ihrer Kollegen gemaß⸗ regelt worden sind. Es ist der erste Streik, der auf dem Westerwald zum Austrag kommt. Daß es ein Solidaritätsstreik ist, macht ihn um so bedeutungsvoller. Das dortige Spießer tum ist ganz erstauat ob dieses Ereignisses, Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. W. Ein Gewerbegericht und ein Kaufmanns⸗ gericht wird in Marburg am 1. Januar 1907 errichtet werden. Nachdem die Handlungsgehilfen die Errichtung eines Kaufmannsgerichts durchgesetzt haken, hat der Magistrat beschlossen, auch gleichzeitig ein Gewerbegericht zu errichten. Am Samstag fand die durch Gesetz vor⸗ geschriebene Anhörung von Beteiligten aus dem Kreise der Arbestgeber und der Arbeitnehmer statt. Von letzteren waren eingeladen und erschienen ein Buchdrucker, ein Mechaniker, ein Schreiner, ein Schlosser und ein Maurer; der erste Mitglied des Buchdruckerverbandes, der letzte christlich organisiert und die anderen drei bei keiner Organisation. Das Statut setzt die Zahl der Beisitzer auf sechs fest, drei Arbeitgeber und drei Arbeitnehmer, die Wahlperiode beträgt drei Jahre. Daz Gewerbe⸗ gericht wird nur für die Stadt Marburg errichtet, da die Kreisverwaltung die Ausdehnung auf den ganzen Kreis abgelehnt hat. Konsum⸗Verein. Die letzte Ge⸗ neralversammlung des Konsum⸗Vereins war infolge des schlechten Wetters nur von 65 Mitgliedern besucht. Geschäftsführer Fischer gab zunächst den Geschäftsbericht, der wiederum einen erfreulichen Mitgliederzuwachs und Steige⸗ rung- des Warenumsatzes verzeichnet. Mit der Errichtung der Bäckerei gab es indessen Schwierigkeiten. Zwar genehmigte die Bau⸗ behörde anstandslos die Zeichnungen zum Neu- bau, der Magistrat jedoch verweigerte die Bauerlaubnis, weil„ein Bedürfnis zur Errich⸗ tung einer neuen Bäckerei nicht vorliege“.(1!) Weiter führte der Magistrat als Grund seiner Verweigerung an, daß das Villenviertel, in dem der Konsum⸗Verein seine Bäckerei(im Hofe) bauen will, an Ansehen verlieren werde. Zur Erheiterung der Versammlung beschrieb der Geschäftsführer das„Villenviertel“ näher. In nächster Umgebung befindet sich zum Beispiel: das Gefängnis, eine Wurstfabrik, verschiedene Schreinereien, Bäckereien, Kunst⸗ glaserei und sonstige kleinere Betriebe. Durch Errichtung einer neuen modernen Bäckerei könnte also das„Villenviertel“ nur an Ansehen ge⸗ winnen. Man sieht daraus, welche Mühe es dem Magistrat verursacht haben muß, Gründe zu finden, um die Errichtung der Bäckerei zu verhindern. Schließlich mußte die Bedürfnis⸗ frage herhalten. Natürlich wird sich der Kon⸗ sumverein dabei nicht beruhigen, sondern sein Recht weiter verfolgen. i Wahlverein. Samstag, den 24. Mai findet bei Jesberg die monatliche Wahlvereins⸗ versammlung statt, die diesmal eine interessante und wichtige Tagesordnung aufweist. Zunächst hält Parteisekretär Gen. Rudolf⸗Frankfurt einen Vortrag. Ferner soll ein endgültiger Be⸗ schluß über die Kandidatenfrage zur nächsten Reichstagswahl gefaßt werden. Desgleichen werden die neuen Mitgliedsbücher verabfolgt. Ein Erscheinen sämtlicher Parteigenossen ist da⸗ her dringend notwendig. „Teures Brot. Es wird doch immer dafür gesorgt, daß der Arbeiter nicht zu üppig wird. Konnten wir in der vorigen Nummer ein Herabgehen der Fleischpreise berichten, so haben wir jetzt eine Steigerung der Brot⸗ preise zu beklagen. Die Marburger Bäcker⸗ meister haben beschlossen, den Preis des Brotes um 2 Pfg., pro Laib also auf 48 Pfg. zu er⸗ höhen. Für die minderbemittelte Klasse bedeutet das eine recht schlimme Pfingstbotschaft. „ Versammlung. Am Sonntag, den 27. Mai, nachmittags punkt 2 Uhr, findet im Hildemann'schen Lokale eine gemeinschaft⸗ liche Versammlung der Freien Turner⸗ schaft Ockershausen mit dem Arbeiter⸗Gesang⸗ Verein„Eintracht“ in Marburg statt. Der Zweck dieser Versammlung ist, nach dem Vor⸗ dilde anderer Städte, eine Verschmelzung der beiden Vereine zu einem gemeinschaftlichen Ar⸗ beiter⸗Verein herbeizuführen. Den Mitgliedern des neu zu gründenden Arbeiter⸗Vereins ist es dann in Zukunft möglich, bei einem monat- lichen Beitrage die Vorteile der jetzt bestehenden beiden Vereine zu genießen. Da die Vorarbeiten bereits erledigt sind, so erwarten wir, daß die Mitglieder beider Vereine in dieser Versamm⸗ lung recht zahlreich und pünktlich erscheinen. das an allen Biertischen Gegenstand der Er⸗ örterung ist. Arbeiterbewegung. Zur Metallarbeiter⸗Aussperrung. Während man in den letzten Tagen eine Beilegung des Konflikts in der Metallindustrie erwarten durfte, hat sich jetzt die Situation wieder verschäift. Es ist möglich, daß nächsten Samstag Handerttausende Metallarbeiter ausge⸗ sperrt werden, obwohl in Offenbach, Braunschweig, Dresden ꝛc. eine Einigung bezüglich der Former erreicht wurde. Partei-Nachrichten. Kreisfest in Hausen. Diejenigen Parteiorza⸗ nisationen, die einen Extrazug benutzen würden, wollen dies unter Angabe der ungefähren Beteiligungsziffer bis zum 3. Juni bei dem Festkomitee, Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44, angeben. Der Fahrpreis dürfte 35 Pfg.(Rückfahrtkarte) betragen, Schulkinder frei. Wersammlungskalender. Samstag, den 26. Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Alten⸗Buseck. Volksverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Becker. Wetzlar. Allgemeine Gewerkschaftsver⸗ sammlung abends ½9 Uhr im Lokale„zur Glocke“. Referent Genosse Engelmann⸗Worms. Sonntag, den 27. Mai. Alsfeld. Holzarbeiter. Nachm. 4 Uhr Versamm⸗ lung im„Stadtpark“. Refer. Engelmann⸗Worms An unsere Leser! Wiederholt sind bei uns Beschwerden wegen unpünktlicher Bestellung eingelaufen. Es wurde darüber geklagt, daß die Zeitung verspätet oder gar nicht in die Hände der Abonnenten gelange. Wir bitten, die Re⸗ klamationen zunächst bei dem Austräger oder bei der Expedition anzubringen; unter Um⸗ ständen Ersatznummern zu verlangen. Vielfach wird auch die Zeitung richtig bestellt, auf Treppen oder Vorplätzen niedergelegt, aber dann von Unbefugten weggenommen. Dem kaun man leicht damit begegnen, daß man am Hauseingang Briefkästen mit deutlicher Namensaufschrift aubringt. Schließlich richten wir die Bitte an unsere Abonnenten, den Abonnementsbetrag regelmäßig zu Beginn des Monats oder Ouartals zu entrichten. Literarisches. „Schule, Kirch⸗, Arbeiter“. Unter diesem Titel hat Genosse Paul Göhre eine Broschüre er⸗ scheinen lassen, in der er den Zweck darlegt, den die herrschenden Klassen mit der Unterjochung der Volksschule unter die Vormundschaft der Pfaffen vertolgen. Er zeigt dann, wie schon heute die Volksschule eine Pflanz⸗ stätte der Reaktion, ein Instrument der Kirche, eine Anstalt zur religiösen Dressur der Kinder des Volkes ist. Diesen Zustand zu verewigen, ist das Bestreben der herrschenden Klassen. Göhre sucht dann nach Mitteln, mit denen dieser Zweck vereitelt werden kann und er kommt zu dem Schluß, daß das wirksamste Mittel sei: der Austritt aus der Landeskirche! Der Preis dieser Broschüre ist 15 Pfg., sie ist in jeder Parteibuchhand⸗ lung zu haben; ebenso in der Expedition der Mittel⸗ deutschen Sonntags⸗Zeitung. *— 2 f — — 5 5 2 2 I 80—— 3323 2 8 K r E 2 S SS 2 E. 2 222 5 88 3 2 2 2 2 2 S 22 22 S 7 3223333 S8 2 3 8 SS 88 85 2 S SSS A 2 E 8 2 2 EE t . Sas 8 2„ 2 S— SSS 2 3 3 18 2 23832 3 3 2. 3 SS SSS 22 82 8 N 8 3 2& a S S 5828 2 3 S 0 8 8 2 8— S 2 2 8 2 3 8 8 2 2 S SSS 88 8 2283 2 8325& 2 22 2— — 2 9 282 8232 9*— 8 3 385388382 8 2 2 2 SSN S S — 8 S 5 8 8— 3 = 2 . 3* 3 88 8 8 f — 2 2 8 G 2— 2 0 G. 8 2 85 8 6 2 1 2 5 2 — —— — Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗geunng. . 21 Arbeiters Beimkehr. In Staub und Stank und giftigem Hauch Ist uns der frische Tag versunken, Es hat der Schlote schwarzer Rauch Das Sonnenlicht uns weggetrunken. Nun hat der schrille Glockenklang, Den Feierabend eingeläutet, Die dämmergrauen Straßen lang, Die Sorge uns zur Seite schreitet. Auch dann daheim, im engen Simmer, Verweilt sie und verläßt uns nie— Es bannt auf Augenblöcke sie Nur eines Vinderlächelns Schimmer. Josef Barbolani. Das Kind. Skizze von Ernst Preczang. Mitten im Walde, eine gute Stunde von der nächsten Stadt, lag die große Restauration mit dem weiten Garten.„Urwaldkneipe“ hieß sie, denn der Garten bestand nur aus einem großen Stück gesäuberten Waldes ohne Kies⸗ anschüttung und Blumenbeete. Die schatten⸗ gebenden Bäume, alte Eichen und Buchen, waren zum größten Teile stehen geblieben. Hölzerue Tische und Bänule— Bretter auf eingerammte Pfähle genagelt— bildeten das Mobiliar dieses Gartens und standen verein⸗ zelt noch an seiner Grenze zwischen verwilderten, dichtbelaubten Gebüschen. Das Ganze war primitiv wie zu einem vorübergehen Zwecke ein⸗ gerichtet. Aber für den an eine luxuslose 1 Gewöhnten saß sichs doch recht gut. ier. Insbesondere die Arbeiter aus der Fabrik⸗ stadt wußten sich bei ihren Familienausflügen am Sonntag kein schöneres Ziel als die„Ur⸗ waldkneipe“. Hier war vom höchsten Schlot nicht einmal der Blitzableiter zu sehen; hier versank unter kühlendem Waldeslaub auf Stun⸗ den das Andenken an die heißen Tage der Woche Auch heute, an einem schwülen Sommer⸗ sonntag, gings lustig hier zu. Die Frauen schleppten riesige Kaffeekannen daher; die Män⸗ ner spielten Karten oder politisterten; die Kin⸗ der jauchzten, lärmten und wälzten sich balgend auf den nahen Rasenplätzen. Ein Gewirr von Stimmen, Geschirrgeklapper und anderen Ge⸗ räuschen erfüllte die sonst so lebenverlorene Waldeinsamkeit. Es war, als breche das Ge⸗ fühl seltener Freiheit mit Macht aus seinen alltäglichen Ketten In einem abgelegenen Winkel, von über⸗ hängenden Zweigen fast völlig verdeckt, saß ein junges Paar, das nicht mit einstimmte in die allgemeine Lebhaftigkeit. Das harte, knoch⸗ ige Gesicht des Mannes war tiefgebräunt. Auch über den Zügen des jungen Weibes lags wie ein Schatten. Die eckigen, schwerfälligen Be⸗ wegungen der Beiden deuteten auf anstrengende Körperarbeit. Der Mann saß den Kopf in die Hand ge⸗ stützt, vor einem halbgeleerten Glase Bier und sah seinem Weibe zu. Das hatte aller let Näh⸗ ulensilien vor sich auf dem Tische liegen, dazu Leinenzeug, Bänder und Knöpfchen. Es ar⸗ beitete an niedlicher Wäsche, die ihrer Kleinheit nach für ein ganz, ganz junges Kindchen be⸗ stimmt sein mußte. Die Frau hob hie und da den Kopf, reckte sich im Kreuz und blickte wie besorgt auf den Mann, der stumm und wie gebannt auf ihre Hand starrte. Das ging nun wohl schon eine Stunde so. Er nippte nur hin und wieder an dem schalen Bier; über seine Lippen kam kein Wort. Seine Hand fuhr öfter, als wollte si schwere Gedanken verdrängen, über Stirn und Haare. Dabei atmete er tief, daß die breite Brust sich sichtbar hob. Die junge Frau sah wieder auf. Einen den gedankenvollen Zügen des Mannes. Dann sagte sie leise, fast vorwurfsvoll:„Freuste Dich den nich' n bischen, Karl?“ Er schrak wie auf einem sündigen Gedaaken ertappt, zusammen. wicht auf jedem Worte, sagte er:„Freu'n? Warum? Wzeil wir noch'ne ordentliche Sorge zukriegen? Weil wir dann, wenn es soweit mit Dir is und Du Schonung haben mußt und doch nichts verdienen kannst, überhaupt nicht mehr wissen, wie wir's machen sollen? Dadrüber komm' ich nich weg, Emma. Gestern hat's mir doch der Vorarbeiter für bestimmt gesagt: gerade um die Zeit is die Bahn fertig und ich hab' keine Arbeit mehr. Na, und es is auch gar keine Aussicht, was anders zu kriegen. Hab' schon genug bei den Bekannten rumgefragt. Ich will ja gern in die Fabrik geh'n, aber es ist doch nichts. Du weißt's Alle Samstag müssen ste doch am besten.. dutzendweise springen. Na, und Du wirst doch Deine Arbeit dann auch los. Was soll'n dann werden? Was?“ 5 Die junge Frau griff wieder zur Näharbeit. „Wart's doch man ab, Karl. Wir haben ja en paar Spargroschen.“ Er lachte grell auf:„Die paar Kröten! Davon kannste knapp die Hebamme bezahlen. Und was so noch dazu gehört!“ „Du verdirbst einem die Freude.“ „Ja!“ Er nahm einen heftigen Schluck. „Was ist'n das für'ne Freude, wenn man denken muß: Nu kommt so'n Dingelchen auf die Welt, und man weiß nich, wovon man's futtern soll. Und man weiß nich, ob man's überhaupt groß kriegt— und wie!... Emma!“ er legte seine Hand auf ihren Arm, der Ton seiner Simme wurde milder,„ich red' ja nich von uns Beiden. Ich halt schon was aus, das weißte. Und Du— na, Du arbeit'st und arbeit'st und lachst noch dabei, wenn Du nu auch nich mal mehr'n freien Sonntag hast. 125 Andern amüsieren sich, und Du flickst und ickst“ Sie unterbrach ihn schnell:„Ich hab' schon meine Freude, Karl. Darum!“ „Ja, ja!“ Er sah finster vor sich hin: „Aber das Kind, Emma, das Kind!“ „Laß doch, mein Karl. Es ist ja alles nich so schlimm wie's aussleht. Wir werden uns schon helfen.“ Und als ste sah, daß er unbeweglich blieb, bat sie:„Trink' doch noch eins.“ Ich kann nich. Es schmeckt mir „Nee! nich. Ich muß immer denken, ich stehl' dem armen Wurm was.“ Er stand und reckte die kräftigen Glieder:„Schuften und schuften und immer auf'm selben Fleck. Und daun wieder: gar nichts. Rumlungern, bummeln, weil Du mußt! Und dann heißt's: der Faullenzer! Ja! Faullenzer!“ In seinen Augen glomm der Haß auf.„Komm“, sagte er kurz. Frau Emma packte ihre Arbeit in ihre Tasche. Dann gingen sie. Durch das Laub und Gezweig der Bäume drangen in spielenden Lichtern die Strahlen der sinkenden Sonne auf den Waldweg, der zur Stadt führte. Eine zeitlang gingen die jungen Leute schwetgend neben einander dahin. Dann unter⸗ brach der Mann plötzlich die wilden Gedanken: „Und kriegte man's wirklich groß, was ist'n denn? Dieselbe Geschichte wie mit uns! Schuft⸗ ten und schuften, blos daß es nich verhungert. Haha! Lohnt sich, so'n Leben! Und da hilft man selber noch'n Menschen in dies Leben. 'ne Sünde ist's!“ „Was?“ Frau Emma sah erschreckt zu ihm auf. „Ja!“ Er machte eine heftige Bewegung: „ine Sünde!“ „Sowas mußte nich denken, Karl. Sowas darfste nich denken. Nee! Das darfste nich!“ „Nich dürfen!“ Er lachte wieder grell auf. „Mal muß es doch n Eude haben!“ 72 8 0 dringlich: „Es muß mal n Ende haben. Schwer, als laste ein Ge⸗ immer gesagt? Moment hafteten die Blicke fast angstvoll auf 1 und strich sich die heiße Strue. Unsere Kinder soll'n's mal besser haben als wir. Sie werden's fertig bringen, wenn wir nich mehr damit zu Rande kommen— daß kein's mehr zu hungern braucht und die Kinder ordentlich aufwachsen können. Und nu, wo die Not noch gar nich mal recht da ist, da redste so zag!“ „Zag?“ Er besanz sich. Wie ein Erwachen kam's über ihn. 5 Er blieb stehen, nahm den Hut vom Kopfe g Da sah er um sich. Da kamen sie an, die Familien: Vater, Mutter und eins, zwei, drei, ja auch bier und fünf Kinder! Mancher Arbeltskamerad war unter den Vä⸗ tern. Mancher, mit dem er seit Monaten in Regen und Sonnenglut am Bahndamm ge⸗ schafft hatte; mancher, der gleich ihm nicht wußte, was werden würde, wenn die Arbeit zu Ende. Und die auderen gar! Die, welche in den Fabriken arbeiten, was wußten die von ihrer Zukunft? Konnten sie nicht schon am nächsten Sonntag ohne Brot sein? Oder schon übermorgen, schon morgen?! 5 Und sie Alle, Alle zogen helter und gelassen daher, als wüßten sie nichts von den drohenden Nöten des Alltags. Ueber ihnen in den Wip⸗ feln splelte der Schein der Abendsonne, und in den Mienen der Dahinwandernden lag's wie ein froher Abglanz. Einige sangen. Und nebenan aus den Büschen klang wie ein Lob⸗ 15 auf das Leben die Weise vieler Vogelkeh⸗ en. Plötzlich brauste es hinter den Sinnenden 1 auf. Ein großer Trupp junger, frischer Gesellen kam daher. Ste schwangen Hüte und Stöcke und ließen ein Marschlied in den Abend er⸗ i Lied der freien Arbeit und Zu⸗ unft. In den Augen des jungen Mannes leuch⸗ tete es auf:„Komm Emma!“ Er richtete sich empor und legte halb den Arm um sie. Alle Bitternis schien plötzlich von ihm gewichen. Emma lächelte froh auf:„Siehste, Karl, Du freust Dich doch!“ Es klang fast wie ein Triumph durch. Er nickte uur. 5 Dann schritten ste der Stadt zu,— gefaßt den Tagen der Sorge entgegen. ———..——— Humoristisches. Wenigstens etwas. v. T.: Der junge Baron von Blödhausen ist tatsächlich der dümmste Mensch auf Gottes Erdboden. v. Y.: Bitte— eine Fähigkeit können Sie ihm wenigstens micht absprechen! v. X.: Und die wäre? v. N: Die Satisfaktionsfähigkeit. Vom Kasernenhofe. Unteroffizier: Meier, was sind Sie in Ihrem Zivilverhältnis? Meier: Diätist! Unteroffizier: Schafskopp! Drücken Sie sich doch deutsch aus und sagen Sie: Reichstagsabge⸗ ordneter. Vom Obotritenland. Ede: Wie steht et denn nu eijentlich? Ick denke, Mecklenburj sollte'ne Verfassung kriejen? Lude: J wo! Wat so'n richtijer oller jediejener„Ochsenkopp“ is, der is nich aus seine Verfassung zu bringen!„Südd. Postillon“. Moderner Haushalt. Dienstmädchen: „Bitt' schön, gnä' Frau, heut' abend möcht' ich zum Ausgang wieder meine Uhr, die ich Ihnen geliehen hab'.““ Konfirn 5 5 uber r Konfirmationsgeschenke ider deen Preislagen und in großer Auswahl in dem Ichren⸗, Gold- und Silberwarengeschäft von F. Kaminla, Markt⸗ platz 11, am Kriegerdenkmal. Man verl. Rabattmarken. Gef chichtskalender. 27. Mai. 1877 Letzter Partelkongreß vor dem Soziallstengesetz in Gotha. 28. 1871 Massenmord der Kommunarden durch die Soldateska in Paris. 29. 1862 Th. Buckle, engl. Kultuchistoriker, F. 30. 1824 Pariser Finden. 1525 Thomas Münzer, hingerichtet. 1431 Jungfrau v. Orleans als Hexe ver⸗ brannt. 31. 1817 Georg Herwegh,*. 1817 Wilh. Tölke, soz. Agitator,*. Sie holte tief Atem und sagte ein⸗ ö 6 Aber nich so'n Ende. Was haste mir denn sonst 1. Juni. eingebracht. 2. 1902 Internat, Textil⸗Arbeiter⸗Kongreß. 1878 Nobiling⸗Altentat auf Wilhelm I. 1899 Zuchthausvorlage im Reichstage Miiteldeutsche Sountags⸗Zeitung. 5 Möbel 5= Kinderwagen f . Au Kredit n erhalten Sie bei . kleinster Anzahlung g und denkbar bequemster Teilzahlung U unter Diskretion: Herren- Garderobe 1 0 1— N 8 . 80 4 1 sowie Knaben- und jünglings-Anzüge. 1 75* n 5 e N 8 5 3 Meine Konfektion a 5 Damen- Garderobe 2 1 1 5 8 wie= ö 3 8 Kostüms, Röcke, Blusen. Capes, Jacketts, Mäntel 5 1 Massarbeit 128— 3 25 5 8 8—= ö 80 Unterröcke te., Mädchen- Konfektion, Kinder- 8 N 5— hat mir in kurzer Zeit viele N— kleider, Manufaktur-, Weiss- und Modewaren ete.— ö 1—— S 1 0 5 2 5 Freunde . 22 + f g 8 Einzelne Möbel 8 0 1 . 1 ö 5 9 7 1 5 geschaffen. 15 Sou vollständige Zimmer- Hinrichtungen 1 Dieser Artikel ift so gebetet gegen wöchentliche, halhmonatliche oder monatliche alter Nai 2 g Kundenichts zu beanstanden findet. Teilzahlungen. N 50 f Oberhb. Kleider- Bazar. 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Krankenversicherung. in der Schule. 5 17717 7 chihel den Zeitgenossen zu— ortsetzung.) Ju der letzten Sitzung des Musikpädago- lten, n der Wende f 5 ö 4 7855 Atemzuge.“— Den Männern sag' ich dies: es Unterstützung. gaschen Kongresses ipruch Hchulinspertor Fricke git keine Kraft ohne Wahrheit, und den Feugen Die Unterstützungen und Voraussetzungen, unter denen sie gewährt werden, sind durch das Kassenstatut bestimmt; dieses darf mit dem Ge⸗ setz nicht in Widerspruch stehen. Aerztliche Behandlung muß dem Nr vom Beginn der Krankheit, so auch Medikamente und kleine Heilmittel, soweit solche vom Arzt verordnet werden, ge⸗ währt werden. Zahnersatz zu gewähren ist dagegen die Kasse nicht verpflichtet, ebensowenig künstliche Gliedmaßen und größere Apparate. Krankengeld. Spätestens vom dritten Tage, nach dem Tage der Erkrankung, ist dem erwerbsunfähigen Mitgliede ein Krankengeld bis zur Dauer von 26 Wochen zu gewähren. Das Krankengeld muß mindestens die Hälfte des Durchschnittsverdienstes betragen, welcher der Kasse zugrunde liegt, in welche der Ver⸗ sicherte nach dem Statut gehört. Bel 12 M. Wochenverdienst gibt es mindestens 6 M. „ 18 1 77„.„ 0 9 17 1 2 4 + 10 1 1 1 12 77 * 30 1 17* 15* als wöchentliches Krankengeld. Hat der Arbeitgeber den Arbeiter gar nicht oder in eine zu niedrige Klasse gemeldet, so steht dem Mitgliede doch auf alle Fälle Unter⸗ stützung nach dem Kassenstatute zu; letzteres gilt auch bei zu hoher Versicherung. Wöchnerinnenunterstützung wird auf die Dauer von sechs Wochen vom Tage der Entbindung in der Höhe des Krankengeldes gewährt, jedoch nur dann, wenn innerhalb eines Jahres von der Entbindung zurückge⸗ rechnet eine 26wöchige Mitgliedschaft— wenn auch bei mehreren Kassen— bestanden hat. Krankenhausbehandlung kann die Kasse, sie muß ste aber nicht gewähren. Wird ste von der Kasse angeordnet, so hat die Familie Anspruch auf das halbe Krankengeld. Als Sterbegeld für ein Kassenmitglied wird der awardigfen Betrag des durchschnitt⸗ lichen Tagesverdienstes gewährt. Die Ge⸗ meinde⸗Krankenversicherungen gewähren weder Sterbegeld noch Wöchnerinnenunterstützung. Beiträge und Unterstützungen werden bet diesen nach dem ortsüblichen Tagelohn gewöhnlicher Tageabeiter bemessen. Die Familienuterstützung ist eine Leistung, die gewährt werden kann, aber nicht gewährt werden muß, ihre Gewährung ist daher meist von einer längeren ununterbrochenen Mit⸗ gliedschaft abhängig gemacht. Daher ist es, wie oben gesagt, von großem Werte, wenn man sich die Mitgliedschaft un⸗ unterbrochen erhält und auch beim 1 von einer Kasse zur andern keine„Lücke“ läßt. Wer mindestens 21 Tage ununterbrochen egen Krankheit versichert war und in den ersten brei Wochen der Erwerbslosigkeit erkrankt, hat bei den Orts⸗, Betriebs⸗ und Innungs⸗Kranken⸗ kassen für seine Person Anspruch anf Kranken⸗ unterstützung, nicht aber auf Sterbegeld. Beschwerderecht. i Wer Ursache hat, sich über ungenügende F und dergleichen zu beschweren, wende sich zunächst mündlich oder schriftlich an den Kassenvorstand. Gibt dieser berechtigten Beschwerden keine Folge, so wende man sich an die Aufsichtsbehörde der Kasse. Das ist das Bürgermeisteramt oder Kreisamt, in Preußen der Landrat. Gegen eine Hilfskrankenkasse ist die Klage beim Amtsgericht, welches am Stitze der Kasse zuständig ist, anzubringen. ————— Hamburg u. a. über Verballhornung der Volks⸗ lieder in der Schule. Aus dem deutschen Schulgesange führte der Redner aus, müsse alles Geistlose entfernt werden. Ein flüchtiger Blick in die Gesanghefte zeige noch immer einzelne geradezu haarsträubende Umänderungen unserer schönsten Volkslieder. So sei in dem Liede vom wilden Jäger der Vers:„Er warf sein Netz wohl über den Strauch, da sprang ein schwarzbraunes Mädchen heraus!“ umgeändert in:„Da sprang ein munteres Hirschlein heraus!“(Heiterkeit.) Das wundervolle Lied: „Küsset Dir ein Lüftelein Wangen und Hände, denke, daß es ein Seufzer sei, den ich zu Dir sende!“ lautet heute in den Schulbüchern; „Denke, daß es Briefe sein, die ich abgesendet!“ (Hört, hört! Große Heiterkeit.) Die Stelle: „Was mag der Traum bedeuten, mein Liebchen, bist Du tot?“ ist verballhornt in:„Was soll das Laub bedeuten, das fahle Sommerlaub?“ (Erneute Heiterkeit.) In einem anderen Liede heißt es: O Mägdelein, wie falsch ist Dein Gemüt!“ Diese Stelle ist einfach gestrichen worden. Das Lied:„An der Saale hellem Strande“ darf überhaupt nicht mehr gesungen werden, weil es darin heißt:„Tücher 929 55 in der Luft!“(Stürmische Heiterkeit.) Auch das Lied:„O Straßburg“ ist aus ähnlichen faden⸗ scheinigen Gründen verpönt. Meint man denn wirklich, mit solchen Streichungen das Erotische aus dem Volkslied beseitigen zu können? Wenn die Jugend aus der Schule kommt, fingt sie einfach:„Der janze Klafter Sießholz kost'n Daler!“(Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Statt:„Bekränzt mit Laub den lieben, vollen Becher“ heißt es jetzt in den Liederbüchern: „Bekränzt mit Laub die Hüte und die Mützen! (Große Heiterkeit.) Aber draußen singt die Jugend wie zum Ersatz:„Trinken wir noch 'n Tröpfchen aus dem kleinen Henkeltöppchen!“ (Heiterkeit.) Wahrheit und Natur. Die ersten Heilmittel gegen alle Uebel, denen das menschliche Geschlecht unterworfen ist,— also auch die eigentlichsten Mittel, allen diesen Uebeln zuvorzukommen, sind— nun seht zu, wie ihr das Ei auf die Spitze bringt!— sind Wahrheit und Natur. 5 Wir können, auch wenn wir wollten, eines freien, reinen Daseins nicht genießen; denn eine einzige, große, allgemeine, unausweichliche Lüge umgibt uns, die Lüge des gesellschaftlichen Um⸗ ganges. Es ist ein Zwang, der uns von außen kommt,— dem wir nicht wehren können, ja der uns mitunter Achtung abnötigt. Aber ihm noch einen andern selbstauferlegten Zwang, von innen heraus, hinzuzufügen,— das ist eine Torheit, die uns Niemand zumuten sollte,— die unsere innere und äußere Gesundheit allmählich aber unüberwindlich untergraben muß, und der wir uns alle mehr oder weniger schuldig machen. Es gibt nur eine Sittlichkeit, und das ist die Wahrheit, es gibt nur ein Verderbeu, und das ist die Lüge. Dort ist Leben und Gesundheit, hier ist Verwesung. Wie ein heimliches Gift nagt und frißt die beständige Lüge, der pein⸗ liche Selbstzwang an den innersten Kräften un⸗ seres Daseins, und mit krankhaftem Behagen füttern wir den Wurm, der uns verzehrt. Nie war diese Kunst soweit gediehen, als in unseren Tagen, und wie wir überhaupt auf unsere Kränklichkeit, wie törichte Städterinnen auf ihre blassen Wangen, uns etwas zugute tun, so sehen wir in dieser Spitzfindigkeit, zu welcher wir die Verwicklung unwahrer Verhältnisse ge⸗ bracht haben, die Höhe der Bildung, auf welcher wir uns zu stehen rühmen. Niemand hat den Mut er selbst zu sein; und doch beruht alle Wollen! sei es gesagt: ohne Wahrheit gibt es keine An⸗ mut. Wir sind nichts, weil wir falsch sind. Scham und Reue sind die entnervenden, die lähmenden Nachübel, die uns auf diesen Wegen erwarten. Wir können aber dem Tode von dieser Seite entgehen, wenn wir nur Mut fassen; Mut, andere und uns selbst nicht zu belügen, — Mut, zu sein, was wir sind. Seine Selig⸗ keit in sich haben! immer und überall sein Glück in sich!... gibt es ein anderes Glück? Ueber⸗ all und immer gibt der Gedanke Stoff zum Selbstgespräch, die Dichtungskraft Bilder, das Dasein Raum für Gefüyle, für ein reines Wer aber rettet uns aus der Lüge, die uns von außen umgibt? Die Freude an der Natur. Ueber den Vesuv dichtete Peter Schlemihl im Simplieisstmus: Der Vesuv, indem er speit, mit nichten Darf man gegen ihn die Klagen richten, Insofern ja die Besonderheit Darin liegt, daß er mitunter speit. Halten Sie den Vorwurf für ersprießlich!? Wenn man schon Vulkan ist, muß man schließlich, Und man regnet Asche oder speit, Ob die Menschheit auch betroffen schreit. Aber dieses scheint gesagt zu werden Doch am Platze: wenn sich auf der Erden So was zubegibt, wie der Vesuv, Trifft der Tadel den, der ihn erschuf. Und man fragt mit Recht den Himmelvater, Ob es schön ist, wenn sich aus dem Krater So viel Unglück auf die Täler stürzt, Manchem auch die Lebenszeit verkürzt. Weiter frägt der sonst im Glauben Schwache: Fällt noch überhaupt kein Spatz vom Dache? Oder hatte dieser Bibelsatz Geltung nur für einen frühern Spatz? Diese— sagen wir Unstimmigkeiten— Können böse Zweifel uns bereiten. War es zu verhindern, dächte man, Warum speit dann der Vesuvvulkan? Mir natürlich scheint noch viel verdächtig; Der Vesuv ist lang schon niederträchtig. Damals schien es eine Götterscharf Bei Pompeit, die so freundlich war. Damals bat der Mensch in Aschenregen Inpiter um den besondern Segen. Heute bittet man Gott Zebaoth Um die Rettung aus der bittern Not. Also sieht man, daß die Glauben wechseln An die Sötter, die das Unheil drechseln. Der Vesuv jedoch bleibt auf dem Platz, Und vom Dache fällt noch mancher Spatz. Splitter. Ein unterdrückte Klasse ist die Lebensbe⸗ dingung jeder auf den Klassengegensatz be⸗ gründeten Gesellschaft. Die Befreiung der unter⸗ drückten Klasse schließt also notwendigerweise die Schaffung einer neuen Gesellschaft ein. Soll die unterdrückte Klasse sich befreien können, so muß eine Stufe erreicht sein, auf der die bereits erworbenen Produktiokräfte und die geltenden Einrichtungen nicht mehr nebenein⸗ ander bestehen können. Von allen Produktions- instrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionären Klasse selbst. Die Organtsation der revolutionäre Elemente als Klasse setzt die fertige Existenz aller Produktivkräfte voraus, die sich überhaupt im Schoß der alten Ge⸗ sellschaft entfalten konnte. Karl Marx,„Elend der Philosophie“. Seit; 10. Mitteldeutsche Sonutags-Zeitung. Nr. 21. Sommer⸗Schuhwaren in Leder und Segeltuch, in nur guten Qualitäten und billigsten Preisen empfiehlt GIESSEN I Lindenplatz 1. N. N. Reiss Giessen Für Arbeiter und Landleute Frankfurter Sehublager empfehle mein reichhaltiges. N 12 Mäusburg 12 Schuhwaren⸗Lager— in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel Flechten Kinderwagen Marktkörbe sowie alle sonstigen Schuhwaren. e Soeren; derer 75 Leit n Waschkörb in jeder Preislage und reicher Auswahl Offene Füsse b Wasen d wehe ee ee ee Blumentische Wäscheklammern Justus Benner Giessen, bein dak one Beiectebe Bürsten u. Besen 3 C sowie alle Arten Haus- und Küchengeräte Marktstrasse 34. Versuch mit der bestens ben zhries in großer Auswahl zu billigen Preisen. — 1 5 Carl Müller Dankschreiben gehen täglich ein. Edgar Bormann Giessen n essen, Plockkstrasse 4 1 2 Zu haben in den Apotheken. 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