3 — RFPBBB————————————————————jj j pp r eseck men 1 e eee, Nr. 12. — 388 N32 90 Gießen, den 25. März 1906. 13. Jahrgang. Medaktion: Eichenplatz 11. Schloßgasse. I! onnt Mitteldeutsch l 9⸗3titu Wedaftionsschlag Doemnerstag Nachmittag 5 U 2 Abounementspreis: Die Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere gehmen alle Austräger in Stadt und Land, di, Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt nnd die Expedition unter Kreuzband dierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107) Bestellungen 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗irung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 500% Rabatt. Bei mindesten s Ausgleichende Gerechtigkeit und Steuerpolitik. Ausgleichende Gerechtigkeit— wie schön, wie versöhnend das klingt! Besonders wenn die Worte gesprochen werden im frommen sal⸗ bungsvollen Tone! Wenn aber jemals die Worte mit den Taten im Widerspruch stehen, dann, wenn die Verheißung der ausgleichenden Gerechtigkeit mit den Steuerleistungen in Ver⸗ bindung gebracht wird. Bei der schändlichen Ungerechtigkeit, welche inbezug auf die Auf⸗ bringung der Mittel für das Reich herrscht, ist es tatsächlich ein grober Unfug, wenn man hier⸗ bei von ausgleichender Gerechtigkeit reden will, eine blutige Verhöhnung des Volkes. Nein, im Klassenstaat versteht es sich ganz von selbst, daß die Bescherung neuer Steuern immer in erster Reihe den arbeitenden Klassen keene ist, nach dem herrlichen Prinzip der apitalistischen Wirtschaftsordnung, daß ihnen die Lasten und die Pflichten gebühren, während den herrschenden Klassen die Genüsse und die Rechte vorbehalten sind. Es versteht sich nicht minder von selbst, daß diese Gerechtigkeit des Klassenstaates nach Möglichkeit verheuchelt werden muß, wofür die Soldschreiber der herr⸗ schenden Klassen alles, was ste noch an Verstand 9 haben, bis zum äußersten anstrengen müssen. Seitdem es eine große Arbeiterpartei gibt, die das innere Getriebe des kapitalistischen Klassenstaates durchschaut, ist damit freilich nicht mehr allzugroße Wirkung zu erzielen. Man ist deshalb, um den bitteren Geschmack der neuen Steuern, die hauptsächlich auf Bier und Tabak gewälzt werden sollen, einigermaßen zu mildern, auf den genialen Gedanken verfallen, ihnen den Plan einer Erbschaftssteuer belzumischen, von der sich nicht bestreiten läßt, daß sie auf die besitzenden Klassen fallen würde. Denn Erbschaften kann es nur geben, wo Erb⸗ schaften sind, und Erbschaften gibt es nur, wo Eigentum ist. Und da die arbeitenden Klassen kein Eigentum besitzen, so können sie auch nie in die Verlegenheit kommen, Erbschaftssteuern zu zahlen. Soweit ist die Sache klar. Von unserer Presse wurde aber von Anfang an be⸗ zweifelt, daß bei dieser Steuer viel heraus kommen werde, wetl man den Besttzenden nicht weh' tun und nur die Menschen blenden will. Wie wir gesagt, so ist es gekommen. Die meisten Erbschaften, die der Kinder und Ehegatten, sollen frei bleiben. Und gerade die Partet, die fortgesetzt das Wort von der „ausgleichenden Gerechtigkeit“ im Munde führt, die Zentrumspartei, hat sich gegen eine ernst⸗ hafte Erbschaftssteuer ausgesprochen. Freilich wagt die„christliche Volkspartei“ nicht zu er⸗ klären, daß sie prinzipiell gegen die Besteuerung der Erbschaften für Kinder und Ehegatten sei, nein, ste sagt„diesmal“ stimmte sie dagegen. Das ist aber nichts als eine leere Ausrede. Die Drückebergeret vor einer ernsthaften Erbschaftssteuer offenbart die Klassenselbst⸗ sucht in der krassesten Form. Denn wenn man sonst gegen Steuern auf das Kapltal ein⸗ Wen pflegt, daß sie die Entwicklung in der apitalistischen Produktlonsweise zu hindern ge⸗ eignet seien— eine Auffassung, die vom kapi⸗ talistischen Standpunkt aus unter Umständen berechtigt sein mag— so gilt es jedenfalls nicht von Erbschaftssteuern. Der Beweis dafür wird sehr einfach dadurch erbracht, daß die Erbschaftssteuer nirgends höhere Erträge abwirft, als in dem kapttalistisch entwickeltsten Lande der Welt. Der Ertrag der englischen Erb⸗ schaftssteuer beläuft sich auf jährlich 170 Mil⸗ ltonen Mark. Aber auch die französische Erb⸗ schaftssteuer wirft jährlich 130, selbst die öster⸗ reichische 25 und die russische 14, die preußische dagegen nur 6 Millionen Mark jährlich ab. In Deutschland will man der besitzenden Klasse nicht einmal ein Minimum der Lasten aufer⸗ legen, welche diese nicht nur in bürgerlich zivlli⸗ sterten Ländern, wie England und Frankreich, sonderu selbst in so zurückgebliebenen Ländern, wie Oesterreich und Rußland auf sich nehmen. In geradezu wahnstnniger Weise sind die bürgerlichen Parteien im edlen Wetteifer be⸗ müht, neue Steuern ausfindig zu machen. Seit Jahren wird bei allen Wahlen von ihnen gepredigt, durch die Lasten für neue Flotten⸗ bauten sollten die ärmeren Volksklassen nicht belastet werden, wird jetzt lustig der Bier⸗ und Zigaretlensteuer zugestimmt. Ansichtskarten⸗ und Juseratensteuer wurden ausgeheckt(der Vater er letzteren, der Stöckerianer Burckhardt, hat allerdings sein Kind wieder erdrosselt) und als schöuste Blüte präsentiert sich die Wehr⸗ steuer. Für manchen mag es auf den ersten Augen⸗ blick nicht ungerecht erscheinen, daß derjenige, der nicht Soldat zu werden braucht, dafür eine Steuer zu leisten habe. Aber man braucht sich nur die Konsequenzen einer solchen Steuer vor Augen zu führen, um sich von ihr abzuwenden. Die Befreiung vom Militärdienst erfolgt ent⸗ weder wegen körperlichen Gebrechen oder Schwäche, oder aus Rücksicht auf die elterliche Familie, deren Ernährer oder unentbehrliche Miternährer der junge Mann ist. In jedem Falle hanbelt es sich also um Leute, die im Kampf ums Dasein an sich schon schlimm gestellt sind. Nun soll die Wehrsteuer aber nicht etwa nur für die Jahre geleistet werden, in welchen die anderen den aktiven Milttärdienst absol vieren, o nein, bis zu ihrem 40. Lebensjahre soll die„Ungedienten“ diese famose Steuer begleiten! Natürlich sind die Zentrumsleute ebenso wie die Konservativen und die meisten National⸗ liberalen bereit, auch für die sonstigen chikanösen und den Fortschritt hemmenden Steuern— Fahrkartensteuer, Quittungsstempelsteuer ꝛc. zu stimmen. Um den Blick der Arbeiter von dieser schändlichen Politik abzuwenden, haben diese fo mosen Volksvertreter noch die Frechheit, die sozialdemokratischeg Abgeordneten zu beschuldigen, die Interessen de: Reichen zu vertreten, weil ste nicht für die Automobilsteuer stimmten. Ist es nicht Wahnsinn, hat es doch Methode! Die Sozialdemokraten sollen die Interessen der Reichen vertreten! Das wagt man zu behaupten in einem Augenblick, wo unter dem wiehernden Beffallsgeheul der bürgerlichen Parteien die Prozesse gegen Sozialdemokraten wegen angeblicher Aufretzung der Arbeiter gegen die besitzende Klasse wie Pilze aus der Erde schießen und wahre Schreckensurteile schon gefällt worden sind! Mit der Automobilsteuer verhält es sich ungefähr wie mit dem Erbschafts⸗ steuerflitter— es sieht ein wenig gut aus, aber es kommt nichts dabei heraus. Es soll der Anschein erweckt werden, als wolle man auch die Reichen treffen, aber was 1 Aide es denen, die viele Tausende für ein Automobil zum Zwecke Vergnügungsfahrten zahlen können, wenn ste pro Jahr ein paar Mark Steuern dafür zu zahlen haben. Die Automobilsteuer bringt 3 Millionen, die andern neuen Steuern aber über 150 Millionen, darunter die Bier⸗ steuer 26, die Fahrkartensteuer 50 Millionen. Die Sozialdemokraten sind eben grundsätzlich gegen das System der indirekten Steuern und sie sind konsequent in ihrer Politik. Sie verlangen— das muß immer wieder gesagt werden— anstelle der indirekten Steuern die Einführung einer Reichseinkommen⸗ steuer, wobei die unteren Einkommen frei bleiben und der Prozentsatz mit dem Einkommen steigt. Das ist die einzige gerechte Steuerpolitik, bei der die armen Leute geschont und die Reichen entsprechend ihrem Vermögen und ihrem Ein⸗ kommen getroffen werden. Dabon aber wollen die bürgerlichen Parteien insgesamt nichts wissen. Und daraus ergibt sich in unanfechtbarer Weise, daß das sogenannte „Sand der Sozialreform“ in Wirklichkeit das Land der schroffsten und unerbittlichsten Klassen⸗ gegensätze ist und daß die Sozialdemokratie ganz allein die Interessen der Unbemittelten vertritt. Politische Nundschau. Gießen, den 22. März 1906. Wem der Zolltarif nützt. Jetzt zeigt es sich deutlich, daß infolge der Brotwuchergesetzgebung eine ungeheuere Steige⸗ rung der Grundrente und damit selbstverständlich der Güterpreise eingetreten ist. Das ist übrigens von der Sozialdemokratie sowie auch von bürger⸗ lichen Gegnern des Zolltarifs vorausgesagt worden. Von dem„Berliner Tageblatt“ wurden eine Anzahl Güterverkäufe berichtet, die eine gewaltige Preissteigerung erkennen lassen. Wir wollen folgende davon anführen: Das dem Grafen Schimmelmann gehörende Gut Exlental im Kreise Schildberg wurde von diesem vor drei Jahren mit 217,500 Mk. bezahlt, in diesem Jahre erhielt er 450,500 Mk. Befitzer Peters in Ludwigshorst, Kreis Gnesen, kaufte vor fünf Jahren sein Tut für 65 000 Mk., vor ein paar Monaten erhielt er 116,000 Mk. Besitzer Pörschke kaufte vor ein paar Jahren sein Gut Ritters bei Liebstadt im Kr. Mohrungen für 64000 Mk. und erhielt vor ein paar Monaten von Herrn Dreher aus Koppe 83,000 Mk. g Herr Besitzer Wandtne hat sein 1050 Morgen großes Gut Kl.⸗Baben im Kreise Rosenberg für 220,000 Mk. an Herrn Schulz verkauft; für dieses Gut wurden vor 2 Jahren nur 165,000 Mark bezahlt.. e Herr Lange in Auxkallählen verkaufte sein Gut von 400 Morgen für den Preis von 120,000 Mk., nach Verlauf von 3 Monaten erhielt der jetzige Besttzer 135,000 Mk. Vor 5 Monaten kaufte Herr Schweder in Schöneich, Kr. Schwetz, die ca. 300 Morgen große Besitzung des Herrn Foth für 100,000 ..—Zꝛm— ̃—— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeltung. Nr. 12. Mk., jetzt hat er das Gut für 128,000 Mark verkauft. 8 Das Herrn Robitzkt gehörige Lippau im Kr. Neidenburg(Ostpreußen) wurde von diesem vor fünf Jahren mit 240000 Mk. bezahlt, vor ein paar Monaten erwarb es Herr Kittler für 510,000 Mk. Das Gut Kegelsmühle Nr. 2 im Kreise Deutsch⸗Krone bei Schneidemühl bekommt dem⸗ nächst seit einem Jahr den vierten neuen Besttzer, Herr Reichert hat es für 350,000 Mk. er⸗ worben. Das Gut hat 60,000 Mk. mehr ge⸗ bracht als vor einem Jahre, und jeder der Besitzer hat in den wenigen Monaten je 20,000 Mark daran verdient. Das Gut Lubahn im Kr. Berent, Herrn John gehörig, ist im September v. J. von einem Herrn aus Westfalen für 314,000 Mk. gekauft worden. Vor nicht zu langer Zeit hat. Herr John das Gut für 210,000 Mk. von den Erben übernommen. Herr Pahl hat sein Gut Schützen B. im Kreise Rastenburg an Herrn Roll verkauft für 340,000 Mk. Vor vier Jahren brachte das Gut beim Verkauf 240,000 Mk. Gutsbesitzer Peters in Ludwigshorst, Kreis Wittkowo, hat seine Besttzung von 300 Morgen für 120,000 Mk. verkauft. Das Gut hat vor sieben Jahren 66,000 Mk. gekostet. Das sind nur wenige Beispiele. Sie zeigen aber den Kleinbauern und Arbeiter auf das Deutlichste, für wen der Zolltarif gemacht worden ist. Die Großgrundbesitzer⸗ und Junkergesellschaft wußte ja ganz gut, daß ihnen ungehcuere Summen zufließen würden und deshalb schrieen sie auch nach den Zöllen. Lange wird es nicht dauern und es werden die neuen Besitzer wieder nach dem alten Schreirezept über die„Not der Landwirtschaft“ klagen und neue Zollerhöhungen verlangen. Die Folgen des Hungertarifs. Aus vielen Orten wird eine auffällige Ab⸗ nahme der Schwei ne⸗ und zum Teil auch der Rindviehschlachtungen berichtet. Besonders stark zeigt sich das in Düsseldorf. Dort wurden nach den statistischen Aufzeichnungen im Februar vorigen Jahres 5126 Schweine eschlachtet, im gleichen Monat dieses Jahres doch nur 1938, also weit wentger als die Hälfte des vorjährigen Verbrauchs! Pferde wurden dogegen 191 geschlachtet, im Februar vorigen Jahres nur 142.— Auch im städtischen Schlachthof in Dortmund wurden im Februar 1100 Schweine weniger geschlachtet als im gleichen Monat des Vorjahres, obwohl im Vorfahre zu dieser Zeit dort der Bergarbeiter⸗ streik den Fleischkonsum ganz bedeutend ver⸗ minderte. So betrachtet, weiß man erst, was diese fehlenden 1100 Schlachtungen bedeuten. Im Saarrevier kostet jetzt das Pfund Schweinefleisch eine Mark. Die Metzger müssen selbst 78 bis 82 Pfennige für das Pfund Lebendgewicht bezahlen. Für ein Sechswochenferkel fordert und erhält der Bauers⸗ mann 30 Mark, das Doppelte des früheren normalen Preises. * Um die Wirkung der Zölle den Konsu⸗ menten klar und deutlich vor Augen zu führen, macht Genosse Scheidemann in Kassel einen nach unserer Meinung sehr acceptablen Vorschlag. In der in Berlin erscheinenden Wochenschrift „Neue Gesellschaft“ empfiehlt er nämlich, nach⸗ dem er darauf hingewiesen hat, daß die Lebens⸗ mittelpreise in nächster Zeit nicht herabgehen, sondern eher noch steigen dürften, daß man Plakate anfertigen solle, auf denen die Ver⸗ teuerung des Fleisches durch die Zölle anschau⸗ lich zum Ausdruck gebracht wird. Diese Plakate 055 in Metzgerläden, Wirtschaften ꝛc. zum ushang gebracht werden und ungefähr so aussehen: 70 Bemüht Parteifreunde! cs le; nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! Woher die hohen Fleischpreise? 1. Infolge der Grenzsperren für Schlachtvieh. 2. Infolge der hohen Zölle auf Schlachtvieh. Der neue Zolltarif ist am 1. März 1906 in Wirksamkeit getreten. Auf 1 Kilo Schlachtgewicht 5 stellen sich die neuen Mindest⸗Zollsätze au 28,8 Pfennig bei Kuhfleisch 28,8„ Stierfleisch 28,8„ Ochsenfleisch 28,8„ Kalbfleisch 36,0„ Hammelffleisch 18,0„ Schweinefleisch. Die Reichstagsmehrheit, die den Zolltarif geschaffen hat und die Grenzsperren billigt, setzt sich zusammen aus konservativen, antise⸗ mitischen, nationalliberalen und Zent⸗ rums⸗ Abgeordneten. JJC Da bis jetzt solche Plakate noch nicht ange⸗ schafft sind, haben wir den Inhalt abgedruckt. Wir empfehlen unsern Lesern obiges auszuschneiden und überall für beste Verbreitung zu sorgen. Polizeigeist in Baden. Im badischen Landtage gab es an einigen Sitzuugstagen voriger Woche lebhafte Debatten, bei denen unsere Parteigenossen der Regierung und besonders dem Minister Schenkel gehörig die Meinung sagten. Ueber die mehrfach erfolgte Auflösung sozialdemokratischer Ver⸗ sammlungen wurde lebhaft Beschwerde er ⸗ hoben. Genosse Eichhorn stellte fest, daß seine Partei in sozialer wie politischer Beziehung zu dem Ministerium des Innern kein Vertrauen abe. Mit der Liebedienerei gegen Preußen und damit auch gegen Rußland, wie ste sich in den Auflösungen und Verboten von Volksver⸗ sammlungen gezeigt habe, sollte man doch endlich einmal aufhören. Auch die Sozialdemokratie habe ihre Vaterlandsliebe, wenn sie sich auch nicht wie eine Hammelherde in den Krieg treiben lasse. Die ewige Rücksichtnahme auf Preußen, das sei eigentlich der stärkste Vorwurf, den man dem Minister des Innern machen müsse. Auch auf soztalem Gebiete bleibe Baden bedauerlicherweise im Rückstand. Das zeige ein Blick auf das Budget, das wohl Millionen für die Landwirt schaft gewähre, aber nur wenig für die sozialen Einrichtungen auf dem Arbeitergebiete. Minister Schenkel schwieg sich zu diesen Vorwürfen aus. Es ging ja wohl auch nicht gut an, daß er die Liebedienerei gegen Preußen leugnete. Die Tatsachen reden eine zu offene Sprache. Bei den weiteren Beratungen kam es am Sams⸗ tage zu einem heftigen Zusammenstoße unserer Parteigenossen mit dem Minister Schenkel. Es handelte sich um Forderungen der Schutz⸗ leute, die letzteren hatten auch bei den soztal⸗ demokratischen Abgeordneten ihre Beschwerden eingebracht. f In der Kammersttzung erklärte der Minister Schenkel, er halte es für eine Pflicht⸗ widrigkett, wenn Schutzleute sich mit ihren Beschwerden an die Partei wenden, welche die Autorität der Beamten zu untergraben bemüht ist. Abg. Geck: Wir sind zu recht in diesem Hause: das ist eine Beleidigung der Ab⸗ geordneten. Minister Schenkel: Den Schutz⸗ leuten werde ich verbieten, sich an die Sozialdemokratie zu wenden. Abg. Geck: Nein, das werden Sie nicht tun! Ich bitte den Präsidenten, den Minister zur Ordnung zu rufen wegen dieser Frivolität. Minister Schenkel: Ich behaupte nach wie vor, daß die Schutzmannschaft das nicht darf. Geck (laut schreiend): Das dürfen Sie nicht. Das ist eine Beleidigung des Hauses und meiner Fraktion. Prästdent Dr. Wilckens: Ich rufe den Abg. Geck zur Ordnung und drohe ihm mit dem Eintrag in das Protokollbuch und werde die Sitzung schließen. Abg. Geck erklärt zur Geschäftsordnung, daß die Erklärung des Fraktion sei, und daß diese sich weitere Schritte vorbehalte. Präsident Dr. Wilkens: Ich habe eingreifen müssen, weil der Abg. Geck in hef⸗ tigster und leidenschaftlichster Weise den Minister unterbrochen hat. Abg. Eichhorn: Wir haben die Empfindung gehabt, daß die Auffassung des Ministers eine Beleidigung des Hauses ist. Hier gibt es nur Abgeordnete, keine Parteien. Der Prästdent hätte das an der Rede des Ministers rügen sollen, dann wäre der Zwischenfall nicht eingetreten. 0 Die Debatten über diesen Zwischenfall und die Aeußerungen des Ministers setzten sich noch am Montag und Dienstag fort, wo von unseren Genossen die Maßnahmen des Mannheimer Poltzeidirektors gegen die Märzfeier scharf kriti⸗ sterte wurde, während der Minister den Poltzei⸗ mann zu verteidigen suchte. Die Hetze gegen die Sozialdemokratie wird noch immer fortgesetzt und dabei von Behörden und Gerichten Unglaubliches geleistet. Unser Erfurter Parteiblatt, die„Tribüne“, ist wegen nicht weniger als 57 Notizen und Ar⸗ tikeln angeklagt, die in 28 Nummern erschienen sind. Darunter ist auch unter anderem ein Lichtbildervortrag angeführt, der— man denke! — die russische Revolution behandeln sollte. In drei Fällen soll Aufreizung zu Gewalttätig⸗ keiten, in vier Verächtlichmachung von Staats⸗ einrichtungen vorliegen. Wenn die Suppe so heiß vom Gericht gegessen würde, wie sie die Staatsanwaltschaft kocht, dann käme Genosse v. Brjewski aus dem königlich preußischen Ge⸗ fängnis überhaupt nicht wieder heraus.— Auch die bekannte Genossin Zietz aus Hamburg hat der Erfurter Staatsanwalt angeklagt. Sie soll in einem Artikel in der Erfurter Tribüne Staatseinrichtungen„verächtlich“ gemacht haben. Wegen eines Artikels über den Hamburger Wahlrechtsraub wurde Genosse Däumig vom „Halle'schen Volksblatt“ zu der unerhörten Strafe von drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte sogar 6 Monate beantragt. Das Gericht führte in seiner Begründung aus, der Schlußsatz in dem Artikel:„Und setzet Ihr nicht das Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein,“ wirke in Verbindung mit den Dar⸗ legungen im Artikel zweifellos aufreizend. We sich das, was der Angeklagte beabsichtigt hat, abspielen könnte, bleibe dahingestellt. Fest⸗ gestellt() sei, daß eine„Stimmung zu Gewalttätigkeiten“ erzeugt(22) worden ist. In der deutschen Rechtsprechung ist nach t alles möglich. Schiller hätte sich gewiß ni träumen lassen, daß im zwanzigsten Jahrhundert ein Zitat aus seinem Reiterlied einem Zeitungs- redakteur drei Monate Gefängnis wegen Auf⸗ reizung zu Gewalttätigk⸗iten einbringen würde. Welch ein„Fortschritt“ der deutschen Justiz! Merkwürdige Geschichtsauffassung. Vor Kurzem hat Wilhelm II. eine Ansprache au die Marinerekruten in Wilhelmshaven ge⸗ halten, in der er unter anderem gesagt haben soll: „Hundert Jahre sind seit einem der trübsten Unglückstage vergangen, der unser Volk l der Schlacht bei Jena 1806. Ihr alle wißt von dieser Schlacht und dem großen Un. glück, das sie über das ganze deutsche Vo gebracht hat. Lernt daraus erkennen, da wahres Gott vertrauen allein eine Stütze im Unglück ist, und daß das Unglück kommt, wo die wahre Religtosität fehlt, wo man die Gottesfurcht nicht kennt.“ 3 Daß ein Hohenzoller an die Schlacht von Jena erinnert, ist sehr interessant.* scheint uns Wilhelms II. Auffassung von der Urfache dieses grandiosen Zusammenbruchs des alten Preußen nicht ganz richtig zu sein. An offizieller Gottesfurcht und Religiosität hat es kaum gefehlt, und die st⸗greichen Feinde, die Franzosen, waren sicherlich alles Andere, nur nicht gottesfürchtig oder religiös. Unser Untertanenverstand und die paß ep der Ge⸗ schichte sagen uns vielmehr, daß Preußen ein Jena finden mußte, weil eine unfählge Re⸗ gierung ihre Zeit nicht begriff und der Idee Minfsterg eine Beleidigung der sozlaldemakralsschen en nd len ner it zel. lie on el. lr⸗ Jen eln el lte. lig ite die osse Ge. uc hat, Sie üne ben. get pom tei lit 6 il en hen dal⸗ ee rn Me. 12, — 8. ˙— ˙²˙m»- ˙AmA. ̃ ˙ Mitteldentsche Sonnags⸗Zeitung. St ite 3. der Volkssouveränttät das alte Gottesgnaden⸗ tum entgegensetzte; weil eine Militärautokratie unter Berufung auf die Siege Friedrichs des angeblich Großen durch Begünstigung der Sol⸗ datenschinderei die Kaserne zu einem Zucht⸗ haus machte und die, die das Vaterland ver⸗ teidigen sollten, zu grimmiger Erbitterung gegen die Repräsentanten dieses Vaterlandes prügelte; weil eine kulturell tiefstehende Sippschaft von Junkern das Land systematisch in unerhörter Weise ausplünderte und das Polk ruinierte; weil Adel, Königtum und Bureaukratie jede freiheitliche, selbständige Kegung des Volkes ene unterdrückten; weil die„Stützen des hrones“ in der Stunde der Gefahr stch feig und verräterisch zeigten. Aus dem Reichstage. Die letzten Sitzungstage nahm fast aus⸗ schließlich der Kolountaletat in Anspruch. Und„unsere“ Kolonialpolitik fordert allerdings zu schärfster Kritik heraus, an der es die Abg. Bebel und Ledebour auch nicht fehlen ließen. Tatsächlich liegen Dinge vor, die zum Himmel schreien und man muß sich wirklich wundern, daß von dem verantwortlichen Reichs⸗ beamten, dem Kolontaldirektor Hohenlohe, Menschen in Schutz genommen werden, die sich die schwersten Verfehlungen, sogar Verbrechen haben zu schulden kommen lassen. Einer dieser Musterbeamten und Kulturverbreiter ist der Jesko von Puttkamer. Der Träger dieses Namens, ein Verwandter des Spitzel ministers aus der Sozialistengesetzzeit, hatte sich offenbar den Helden Peters zum Muster genommen und hauste in Kamerun, daß es aller Beschreibung spottete. Er nahm sich gleich eine Halbwelt⸗ dame aus Berlin mit nach Kamerun, wo er sie bei den Offtzteren als Freifrau v. Eckardstein einführte und ihr auf diesen Namen auch einen Paß ausstellte! Auch sonst trat dieser Kolontal⸗ held ganz in die Fußtapfen der Leist, Peters und Konsorten. Sein Ideal war Suff und Spiel. Bei der weiteren Debatte versuchten der Freikonservative Arendt und Junker Kardorff sogar den Verbrecher Peters weißzuwaschen. Bebel vereitelte diesen Versuch aber gründlich und hielt den braven Christen— Arendt ist allerdings noch nicht lange Christ— ihr merk⸗ würdiges Christentum vor.— Aus der weiteren Debatte und besonders den Ausführungen des Obersten Deimling am Montag ging hervor, daß der südwestafrikanische Krieg noch jahrelang dauern und uns noch viel Geld kosten wird. Ein Nachtragsetat von dreißig Millionen Mark wurde wiederum bewilligt! Die N Gruben Katastrophe von Courrières hat, wie berichtet wird, noch mehr Opfer ge⸗ fordert, als vorher angegeben wurde. Ein französisches Blatt gibt die Zahl der Toten auf 1475 an, andere Berichte sprechen von über 2000!— Daß die Herren Unternehmer an dem fürchterlichen, in der Geschichte einzig da⸗ stehenden Unglück nicht ganz unschuldig find, muß auch jetzt die kapitalistische Presse zugeben. Sie sucht aber den Eindruck durch eingehende Schilderung der Einzelheiten und Geldsamm⸗ lungen abzuschwächen. Doch kann ste die skan⸗ dalöse Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die Gruben in Courrietes die reichsten sind, die den größten Profit abwerfen, die aber zu gleicher Zeit am schlechtesten gegen Un⸗ fälle gesichert sind. Die Erbitterung und der Zorn der Grübenarbeiter kamen bei der Be⸗ gträbnisfeier für die Opfer zum Ausdruck. Man rief den Vertretern der Grubenkompagnie „Mörder!“,„Bauditen!“ zu. Es kam dabei zu erschütternden Szenen. Viertausend Menschen umstanden schluchzend die Särge. Nach der religtösen Feier ergriff Genosse Selle, der Bütgermeister und Deputterte von Lens, das Wort und erklärte, daz Klarheit darüber ge⸗ schaffen werden müsse, inwieweit menschliche Schuld an dem entsetzlichen Ereignis mitbeteiligt sei. Er schloß:„Gerechtigkeit muß werden und die Verantwortlichen werden festgestellt werden müssen!“— Die Bergleute sind in den Streik eingetreten; F ird L u. uf 35000 angeg Kleine politische Nachrichten. In den ober bayrischen Landrat(kKreisaus“ schuß) wurde zum ersten Male ein Sozialdemokrat, der prakt. Arzt Dr. Lehmann, gewählt. Der Direktor des Reichstagsbureaus Dr. Knack ist am Samstag gestorben. Der Verstorbene hat seinem Amte fast seit Bestehen des Reichstags vor⸗ gestanden und leitete mit Umsicht und großer Sachkenntnis die keineswegs einfachen und sehr umfangreichen Ge⸗ schäfte des Bureaus. Der freisinnige Abgeordnete Lenzmann⸗Lüden⸗ scheid ist an einem Schlaganfalle gestorben. Er ver⸗ trat den Wahlkreis Altena⸗Iserlohn, wo er 1903 in der Stichwahl mit 19175 Stimmen gegen unsern Ge⸗ nossen Gewehr, der 10030 Stimmen erhielt, gewählt wurde. Eine Reichstagsersatzwahl fand am Mittwoch im Wahlkreise Kaiserslautern(Pfalz) an Stelle des wegen Weinpantscherel verurteilten Abg. Sartorius statt. Von unserer Partei war Landtagsabgeordneter Klement aufgestellt, auf den 7568 Stimmen fielen. Der Liberale erhielt 7565, der Bündler 6597 und der Zentrumsmann 3784 Stimmen. Seit 1903 gewannen wir bis jetzt über 500 Stimmen. —— Die Märzfeier ist auch in diesem Jahre wieder unter allge⸗ meiner Teilnahme der Arbeiterschaft im ganzen Reiche imposant verlaufen. In Preußen hatten unsere Genossen den Tag in den Dienst der Wahlrechtspropaganda gestellt. In Berlin wurden am Vormittag Kränze in großer Menge an den Gräbern der Märzgefallenen im Fried⸗ richshain niedergelegt. Vor einigen Jahren wurde in der Berliner Arbeiterschaft einer Ver⸗ ringerung der Grabspenden das Wort geredet, doch war davon nichts zu bemerken. Nicht weniger als 160 Deputationen legten bis mittag 1 Uhr Kränze nieder und die Zahl der Besucher wurden von Amtswegen auf etwa 25000 ge⸗ schätzt. Die zahlreichen Spenden beweisen, daß die Ruhmestat des 18. März im Volke un⸗ vergessen ist, sie geben auch ein Bild von der wachsenden Ausbreitung des nevolutionären Gedankens; man kann an den Inschriften sogar die Fortschritte des Industrialismus verfolgen. In der schweren Sorge um die Aufrechterhaltung der Ruhe in der Stadt scheint die Polizei ihre fröhliche Zensurpflicht übrigens nicht mit dem Eifer früherer Jahre erfüllt zu haben, trotzdem die Inschriften nichts an revolutionärem Gehalt vermissen ließen. Nur zwei fielen der Polizet⸗ scheere zum Opfer. 104 Versammlungen fanden statt, die sämt⸗ lich stark besucht, zum Teil überfüllt waren und in denen Resolutionen zu gunsten des allgemeinen Wahlrechts beschlossen wurden.— Die Poltzei hielt in Berlin, wie auch anderwärts, ihre Maßnahmen in vernünftigen Grenzen, ste scheint vom 21. Januar etwas gelernt zu haben und wollte sich jedenfalls nicht aufs neue blamieren. Doch in Magdeburg hatte man das Militär konsigniert und außerdem hielt man auf fünf Plätzen der Stadt Militärkonzerte ab, die jeden⸗ falls den Demonstrations⸗Versammlungen Ab⸗ trag tun sollten. Genützt hats aber nichts. In Frankfurt wurden neun große Protest⸗ versammlungen abgehalten, die von ca. 15000 Personen besucht waren. Nach einem neuen Ortsstatut über völlige Sonntagsruhe mußten die Versammlungen um 12 Uhr beginnen und bereits um 1 Uhr wieder schließen! Diese merkwürdige Verordnung schränkt das Ver⸗ sammlungsrecht in ganz ungehöriger Weise ein und es müßte von unsern Genossen dagegen energisch protestiert werden.— Starke Betelli⸗ Ne wiesen auch die Versammlungen in Köln, reslau, Hamburg, Braunschweig, München ꝛc. auf, die überall den besten Ver⸗ lauf nahmen.— In Mannheim zogen etwa 68000 Personen zum Grabe der 1849 dort erschossenen Freiheitskämpfer v. Trütschler, Höfer, Lacher, Dietz und Streuber, wo viele Kränze niedergelegt wurden und Abg. Geck eine Ansprache hielt, o 1 90 der Polizeidirektor eine Gedenkfeier verboten hatte. —— von Rah und Lern. Hessisches. Aus dem Landtage. Im Verlauf der Etatsberatung, die nunmehr beendet ist, griffen unsere Parteigenossen Dr. Fulda und Ulrich mehrfach bei Beratung des Justiz⸗ etats ein. Ersterer erkannte an, daß man in Hessen, abgesehen von einigen Fällen, nicht von Klassenjustiz reden könne. Er kritisterte jedoch, daß einem Arbeiter wegen einer formellen Be⸗ leidigung des Abg. Becker drei Monate Ge⸗ fängnis zudiktiert worden seien, während der Amtsrichter Mahr nur eine geringe Geldstrafe erhielt, obwohl er einen Mitreisenden im Eisen⸗ bahnwagen in gröblichster Weise insultierte.— Ulrich fragte, ob in der Kommission für die Reform der Strafprozeßordnung die Vertreter von Hessen für Abschaffung der Schwur⸗ gerichte seien oder nicht. Man müsse Beibe⸗ haltung und Ausbau der Schwurgerichte ver⸗ langen. Er ging dann ebenfalls noch auf den Fall Mahr ein; als der Antisemit Bähr einen Zwischenruf machte, durch den er das Verhalten Mahrs billigte, sagte ihm Ulrich, daz Bähr und Mahr auf gleicher Höhe der Bildung ständen.— In der Nachmittagssitzung erklärte Justizminister Ewald in Bezug auf den Fall Mahr, daß er eine politische Tätigkeit des Richters für bedenklich halte und auf die Ausführungen Fuldas und Ulrichs bemerkte er, daß bereits Schöffen aus Arbeiterkreisen tätig gewesen wären. Im weiteren äußerte der Minister sein Erstaunen darüber, daß die Justtz⸗ kommission des Reichstags sich für die Ersetzung der Schwurgerichte durch Schöffengerichte erklärt habe.— Dienstag wurde das Finanzgesetz gegen die Stimmen unserer Parteigenossen angenom⸗ men. Dann sollte die(endgültige) Prästdenten⸗ wahl stattfinden, die jedoch auf Mittwoch ver⸗ tagt wurde. Gegen die Vertagung wendete sich Ulrich, der erklärte, daß man nur wieder einen(Köhler) aus dem Präsidium heraus⸗ wimmeln wolle. Die Wahl am Mittwoch ergab die Wiederwahl des bisherigen Prästdiums. — Sozialdemokratische Kommunal⸗ politik. Am 11. März fand in Offenbach eine Konferenz soztaldemokratischer Gemeindevertreter für den Wahlkreis Offenbach⸗Dieburg statt, die von 68 Gemeinde⸗ vertretern aus 24 Orten besucht war. Ulrich erörterte in längeren Ausführungen die Frage der Gemeindenutzungen(Allmenden). Er führte an, daß in ganz Hessen 995 Gemeinden Nutzungen aus Gemeindeländereien ziehen. Be⸗ rechtigt sind die Bürger zum direkten Bezug solcher Nutzungen in 495 Gemeinden. Da nun wir im allgemeinen auf dem Standpunkt stehen, daß die direkten Bezugsrechte(Holz ꝛc.) zu be⸗ seitigen sind, so ergibt sich mit logischer Folge, daß wir das System der Bürgergemeinde als veraltet bekämpfen, um an deren Stelle die Einwohnergemeinde zu setzen, sodaß die Gemeinde⸗ nutzungen, deren stetige Vermehrung ganz in der Richtung unserer Wünsche liegt, in Form eventl. Steuerermäßigungen der Gesamtheit, nicht einer auserlesenen Zahl von„Bürgern“, zu gute kommen soll. 5 Ferner unterbreitete der Kreisvorstand fol⸗ genden Antrag der Konferenz: „Die heutige Konferenz fordert nachstehende Abänderungen des Verwaltungsrechts und em⸗ pfiehlt der diesjährigen Landeskonferenz als Antrag zur Annahme: 1. Aufhebung des Bestätigungsrechts für Bürgermeister und Beigeordnete. 2. Festlegung der endgürkigen Beschlußfassun über die Aufbringung der Gemeindesteuern dur die Gemeindevertretung im Rahmen des Ge⸗ meindesteuergesetzes. 3. Festlegung des ausschließlichen Rechts der Gemeinden, Bebauungspläne gemeinsam mit der Kreisbaubehörde endgültig aufzustellen. 4. Bei Aufstellung von Ortsstatuten über die Erhebung der Besträge für Herstellung von Straßen, Fußwegen und Kanälen ist darauf zu sehen, daß die Grundeigentümer die Kosten pro Rate der Front ihrer Grundstücke zu tragen haben. Die Landeskonferenz fordert alle unsere ——* 8 ö Seite 4. Mitteidentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 12. Gemeindevertreter im ganzen Lande auf, dies⸗ bezügliche Anträge in ihren Gemeinderatssttzungen einzubringen und zur Annahme zu empfehlen, diese Beschlüsse dem Großh. Ministerium zu unterbreiten, sowie dem Landtag einzureichen. Den Genossen wird empfohlen, Versammlungen zu veranstalten, in welchen obige Forderungen zur Annahme empfohlen werden. Nach längerer Debatte wird auf einstimmigen Beschluß der Antrag des Kreisvorstandes dem Landes vorstand als Material überwiesen und weiter wird der Landesvorstand ersucht, er möge einen Aufruf wegen Gewinnung von Material über die Mängel im Verwaltungs wesen erlassen. — Ein Ordnungsheld besonderer Art trat neulich in einer Versammlung in Darmstadt auf, um zur Sozialistenvernich⸗ tung mit beizutragen. Ein bürgerliches Blatt berichtete, daß dieser Mann„mit rücksichtsloser Schärfe die Kampfesweise und die wahren Bestrebungen und Ziele der Sozialdemokratie charakteristerte, sie als ausgesprochene Revolu⸗ tionäre, als die Todfeinde von Thron und Altar, von Ordnung und Sitte, Ruhe und Sicherheit des Bürgertums, sowie der Wohlfahrt und segensvollen Entwicklung des Vaterlandes kennzeichnete und brandmarkte“ ꝛc. Und wer war dieser brave Musterpatriot? Ein Herr Amtsrichter Mahr, dessen Name vor längerer Zeit dadurch bekannt wurde, daß er mit anderen„gebildeten“ Leuten in einem Eisenbahnkoupe auf der Fahrt von Mainz nach Darmstadt einen jungen jüdischen Kaufmann aus Groß⸗Gecau in der unerhörtesten Weise ohne jede Veranlassung beschimpfte und beleidigte. Für diese Heldentat erhielt dieser Gesetzeswächter nur eine geringe Geldstrafe. Er ist der richtige Kämpe für Sitte und Ordnung und den Na⸗ tionalliberalen kann man zu der Erwerbung Glück wünschen. Im Landtage haben unsere Parteigenossen Ulrich und Dr. Fulda ge⸗ sagt, wie sie über das Auftreten dieses Gesetzes⸗ wächters denken und wie überhaupt anständige Leute darüber denken müssen. Für ihn wäre es jedenfalls klüger, politisch nicht hervorzutreten. — Die Retichs⸗Sozialistenvernichter wollen, wie der Frkftr. Ztg. mitgeteilt wird, in den Wahlkampf im Darmstädter Wahlkreise eingreifen und haben auch dem Pfarrer Korell ihre Hülfe angeboten, der sie indessen abgelehnt hat. Wir hoffen, daß unsere Genossen trotzdem das Mandat behaupten, wenn auch solche käuf⸗ liche Kreaturen unsere Partei herunterzureißen suchen. Unsere Leute werden jedenfalls nicht verfehlen, diesen Burschen gehörig auf die Finger zu klopfen.— Uebrigens zeitigt dieser Wahl⸗ kampf merkwürdige Erscheinungen. So tritt z. B. an der Seite der Mahr, Becker⸗Sprend⸗ ingen ꝛc. auch der Landtagsabgeordnete Noack für die antisemitisch⸗nationallib.⸗ultramontane Kandidatur ein. Das Köstlichste dabei ist aber, daß Noack zur freisinnigen Partei gehört! Es wird also die freistnnige Kandidatur Korells selbst von Freisftnnigen bekämpft!— Noch merkwürdiger ist aber, daß die Bauern⸗ bündler in Trebur für die Kandidatur Korells eintraten und das Hirschelblatt in Friedberg über die betr. Versammlung einen begeisterten Bericht veröffentlichte, obwohl sie vorher Korell schon oft als Nationalsozialen gehörig heruntergerissen hatte! Später wurden die Treburer Bündler wieder zurückgepfiffen. — Gegen die Ansichtspostkarten⸗ steuer protestierte eine am Freitag in Dar m⸗ stadt stattgefundene, stark besuchte Versamm⸗ lung der Angehörigen der graphischen Gewerbe. Abg. Dr. David legte als Referent dar, wie schwer eine Anzahl Gewerbe und viele kleine Geschäftsleute geschädigt werden würden, wenn diese Steuer nach den Beschlüssen der Reichstagskommission zur Einführung gelangte. An der Diskusston beteiligten sich noch Kommer⸗ zienrat Langenbach und Fabrikant Lautz, die sich beide als Gegner der indirekten Steuern erklären. David forderte noch im Schlußwort auf, bei der bevorstehenden Ersatzwahl für Berthold zu stimmen, der nicht für indirekte Steuern zu haben sei, welche Arbeiter und kleine Geschäftsleute empfindlich schädigen und ruinie⸗ ren. Eine Protestresolution wurde beschlossen. Gießener Angelegenheiten. — Müheloser Gewinn. Vor Kurzem kaufte der Schreinermeister Schön von dem Bankier Herz ein Stück Land an der Stephan⸗ straße für 52 000 Mk., was der bisherige Besitzer vor etwa 12 Jahren für ganze 3500 Mk. kaufte! Das heißt man ein Geschäft! Man sieht hieran wieder, welche ungeheuren Summen auf diese Weise verdient werden. Wäre die hesstsche Gemeindesteuer⸗Reform nicht von den Privile⸗ gierten hintertrieben worden, so könnte die Stadt wenigstens einen kleinen Prozentsatz von diesem Gewinne als Wertzuwachssteuer einziehen. — Die Stadtverordnetensitzung hatte am Donnerstag wieder eine reichhaltige Tagesordnung zu erledigen. Eine längere Debatte rief die Eingabe der Weißbinder⸗ Innung hervor, die sich über die Vergebung der Weißbinderarbeiten am Neubau der höheren Mädchenschule beschwert. Stadtv. Petri sucht die Beschwerde zu rechtfertigen und meint, der Bürgermeister hätte darüber erst die Zustimmung der Stadtverordneten einholen sollen, ferner sollten in erster Linie die in der Innung ver⸗ einigten Handwerksmeister berücksichtigt werden. Der Oberbürgermeister erklärt, daß er den ge⸗ setzlichen Bestimmungen gemäß verfahren sei. Außerdem habe man anderwärts mit der von Petri empfohlenen Praxis sehr schlechte Erfah⸗ rungen gemacht; die Innungen hätten vielfach die Preise un verhältnismäßig in die Höhe ge⸗ trieben. Krumm und Gutfleisch können den Ausführungen Petri's nicht zustimmen. Eine Regelung in seinem Sinne sei sehr schwierig; man würde in die ärgste Zünftlerei hineingeraten. Eine Konkurrenz müsse gewahrt werden. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt.— Der Omnibusgesellschaft bewilligt man Deckung des im Vorjahre entstandenen Deftzits von 3755 Mk. Wirklich nicht wenig!— Bei dem Punkte Ueberlassung der Faßhalle der Aktien⸗ brauerei zu dem Säkularfeste der Universttät im nächsten Jahre kommt die Sache mit dem Ankauf der Aktienbrauerei zur Sprache. Ober⸗ bürgermeister Mecum erklärt hierzu, daß er in der letzten Sitzung mißverstanden worden sei. Er habe nicht sagen wollen, daß Herr Bichler vor dem Verkauf erklärt habe, daß er im Besitz sämtlicher Aktien sei. Auch darüber kam es zu einer längeren Debatte, in der von Kirch bemerkt wurde, daß Herr B. bereit sei, den Verkauf rückgängig zu machen. Es wurde mit Mehrheit beschlossen, die Sache für erledigt zu erklären. Klargestellt wurde eigentlich nichts; man weiß über den Sachverhalt so viel wie vorher. Daß die Stadt trotzdem kein schlechtes Geschäft gemacht hat, mag ja ganz richtig sein; Krumm meinte aber mit Recht, daß man noch lange nicht jedes gute Geschäft zu machen brauche.— Ueber die Schülerzahl in den Volks⸗ schulklassen kam es zu etner längeren Debatte, die durch Stadtv. Jann angeschnitten wurde, der möglichst Verminderung der Schülerzahl wünschte.— Die Verteilung der für das Uni⸗ versttätsfest bewilligten 30000 Mk. wurde nach dem Vorschlage des Oberbürgermeisters be⸗ schlossen. 20000 Mk. davon sollen zu einer Stiftung für Stipendien verwendet werden. — Majestätsbeleidigung und Sittlichkeitsvergehen— diese unge⸗ heuerlichen Verbrechen sollen wir durch Abdruck der humoristischen Notiz in Nr. 10 begangen haben. Auf dem Gebiete der Rechtspflege ist ja in Deutschland gewiß viel möglich; um aber diese Vergehen aus jener Notiz herauszudestil⸗ lieren, wäre schon ein Uebe r⸗dolus eventualis nötig. Man darf wohl gespannt sein, ob sich ein hesstsches Gericht dazu versteht. Was sich Unternehmer er⸗ lauben. Die Gießener Weißbinder⸗ meister beglückten ihre Arbeiter mit einem Schriftstück, das sie mit dem stolzen Namen „Arbeitsvertrag“ bezeichnet haben und die Arbeiter unterschreiben sollen. Wenn man nun schon von einem Arbeitsvertrage spricht, so sollte man doch meinen, daß beide Teile sich über den Inhalt desselben einig geworden sind. Das ist aber keineswegs der Fall; die Herren Arbeitgeber diktieren einfach die Bedin⸗ gungen von oben herunter. Und welcher Art diese Bestimmungen sind, dafür wollen wir nur einige Beispiele anführen. Zunächst ist Kündigung ausgeschlossen, was ja schließ⸗ lich von keiner großen Bedeutung Wenn aber der Arbeiter ein paar Stunden versäumt, soll ihm für die doppelte Zeit Lohn abge⸗ zogen werden. Frühstücken und Vespern im Wirtshaus, ebenso wie Rauchen bei der Arbeit ist untersagt. Der Lohnsatz wird am Zahltage festgesetzt; mit anderen Worten: wenn der Arbeiter eine Woche gearbeitet hat, gibt ihm der Meister was er Lust hat. Das Schönste aber ist der Entlassungsschein, der gleich fein säuberlich an das vom Arbeiter zu unterschreibende Vertragsformular angefügt ist und den man auf diesem Wege einführen möchte. Es ist darauf auch gleich die Angabe des Stundeulohnes vorgesehen, so daß dem Arbeiter, wenn er sich verbessern will, Schwierig⸗ keiten gemacht sind.— So glatt wird allerdings die Einführung dieses Arbeilsvertrags nicht von statten gehen. Die Maler und Weißbinder beschlossen vielmehr in einer stark besuchten Versammlung am Samstag, daß niemand diese von den Meistern einseitig aufgestellten Arbeits⸗ bedingungen unterschreiben solle. Ferner stimmte die Versammlung einem neuen Lohntarife zu, der den Arbeitgebern demnächst vorgelegt wer⸗ den soll. — Die Steinmetzen Gießens haben ihren Arbeitgebern einen neuen Arbeitsvertrag unterbreitet, in dem unter Hinweis auf die gesteigerten Lebenshaltungskosten eine Verbesse⸗ rung der Arbeitsbedingungen gefordert wird. Die hauptsächlichsten Forderungen sind 9 stündige Arbeitszeit und 45 Pfg. Minimal⸗Stundenlohn. — Die Gedenkfeier der 48er Revo⸗ lution hielten die Gießener Genossen diesmal in Wieseck ab, wo ste sich in dem geräumigen Wacker'schen Saale mit den Wieseckern sehr zahlreich eingefunden hatten. Nach einem Lieder⸗ vortrag des Gesangvereins„Eintracht“ ergriff Genosse Dr. Michels ⸗Marburg das Wort, um die politischen Zustände, wie ste sich von der großen französischen Revolution bis 1848 entwickelt hatten, darzulegen und dann die deutsche Revolution in großen Zügen zu schildern. Zum Schlusse führte er aus, wie heute noch nicht die Forderungen erfüllt seien, die damals der Liberaltsmus aufgestellt habe, auch heute noch habe das Volk fast nichts zu sagen, sei einflußlos in bezug auf die Gestaltung seines eigenen Geschickes. Wir müssen deshalb unab⸗ lässig kämpfen für unser gutes Recht! Und besonders gelte es, das freie Wahlrecht zu er⸗ kämpfen und die politische Bevormundung, wie sie durch das korrupte preußische Wahlrecht ausgeübt werde, zu beseitigen. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Die gut verlaufene Feier schloß mit dem Liede: „Ein Sohn des Volkes“.— Zu wünschen wäre nur, daß bei derartigen Versammlungen Stö⸗ rungen durch Hin- und Hergehen mehr zu ver⸗ meiden gesucht würden. — Der Sanitätsverein hält Mon⸗ tag, den 26. März, seine Generalversammlung im Restaurant Albold ab. Wir machen auf das Inserat aufmerksam. — Vor der eigenen Türe kehren sollte die Ordnungspresse und speziell der Gieß. Anzeiger. Letzterer brachte dieser Tage eine Notiz, in der gesagt war, daß die Sozialdemo⸗ kratie nur immer schimpfe. Und das sagt ein Blatt, das zu jeder Zeit, besonders aber zu Wahlzeiten in der Beschimpfung und Verdäch⸗ tigung unserer Partei das Möglichste leistet! Von den Schweinburg, Reichsverband und Konsorten wird der Schmutz und die Lügen waggonweise über unsere Partei ausgeschüttet! Um nur ein Beispiel anzuführen, bringt der „Anzeiger“ den offenbaren Schwindel, daß sozialdemokratische Redner in einer Wahlver⸗ sammlung in Darmstadt an dem Kandidaten Korell nichts als dessen„vaterländische Ge⸗ stnnung“ auszusetzen hätten! Aus dem Rreise gießen. 2 Eine bedeutende Erdsenkung ist infolge des Regens am bac Linie Gießen⸗Gelnhausen zwischen 8 Heß 10 90 17 5 r P ˙— ͤR Nr. 12. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Schiffenberg eingetreten. Längere Zeit konnten die Züge die Unfallsstelle nicht passteren und die Reisenden mußten umsteigen. Hätte der Bahuwärter die Senkung nicht rechtzeitig be- merkt, so konnte ein großes Uuglück passteren. — In Klein⸗Linden starb der Schul; knabe, welcher, wie wir in Rr. 10 berichteten, vom Lehrer Herrn Möller an den Kopf ge⸗ schlagen wurde und von der Zeit an bettlägerig war. Es hat sich aber durch die Settion her⸗ ausgestellt, daß der Knobe an Gehirntuber⸗ kulose gestorben ist und nicht an Gehiru⸗ erschütterung von dem Schlage. Das gericht⸗ liche Verfahren gegen den Lehrer wurde daher eingestellt. Aus dem Rreise friedberg⸗Büdingen. d. Ordnungswidrige Zustände scheinen in der Landwirtschaftlichen Genossen⸗ schaft in Friedberg zu herrschen, wie uns berichtet wird. Diese Woche waren der Unter⸗ suchungsxichter und ein Büchersachverständiger aus Gleßen mit Prüfung der Bücher beschäftigt. Gegen den Direktor Hirschel soll eine Unter⸗ suchung eingeleitet sein. Aus dem Rreise Weßlar. h. Unternehmer⸗Gewinne. Die Bu⸗ derus'schen Eisenwerke haben im vergangenen Jahre einen Bruttogewinn von 2 184 720 Mk. zu ver⸗ zeichnen, das sind 300 000 Mk. mehr als im vorigen Jahre. Nach dem vor Kurzem in der Aufsichtsrats⸗Sitzung vorgelegten Rechnungsabschlusse sollen davon 1 380 000 Mark füc Abschreibungen verwendet werden, so daß noch 804720 Mk. zur Verteilung übrig bleiben. 630 000 Mk. werden davon als Dividende(6 Pzt.) verteilt; für Ver⸗ gütung an Aufsichtsrat und Vorstand sowie Belohnungen der Beamten sind 111487 Mk. vorgesehen. Die Arbeiter des Werkes bekommen wie gewöhnlich nich ts, obwohl sie es vornehmlich waren, durch deren Hände Arbeit dieser bedeutende Gewinn hervorgebracht wurde.— 630 000 Mark säckeln die Dividenden⸗Empfänger ein. Nehmen wir an, es kämen als solche 30 Personen in Frage, so erhielte jeder dieser Herren durchschnittlich zwanzigtausend Mark ohne daß er das ganze Jahr auch nur einen Finger zu rühren braucht!— Natürlich gibt es viele Unter⸗ nehmungen, die noch viel höhere Dividende einsacken. Um nur einige Beisplele herauszugreifen erzielten die Adler⸗Fahrradwerke vorm. Kleyer in Frankfurt im verflossenen Jahre eine Dividende von 20 Prozent, gegen 16 im Vorjahre— Der Verein chemischer Fabriken ver⸗ teilt 19 Prozent; die Hannoversche Continental⸗Kautschuk⸗ und Guttaperchakompagnie schüttete sogar 40 Prozent aus. Dafür kürzte diese Gesellschaftden Arbeitern auch den Lohn um 20 Peozent! Es läßt sich denken, daß unter solchen Umständen der„Fleiß“ der Prozent⸗ kapitalisten seine Früchte trägt. Herr Behrens, der stöckerische Reichstags⸗ kandidat für den Kreis Weslar hatte den Redakteur Leimpeters verklagt, weil dieser geschrieben hatte, Behrens habe den Bergarbeiterverbandsvorstand beschuldigt 90 000 Mark von den Streikgeldern der Bergleute nach Rußland geschickt zu haben. Da das Schwindel ist, nannte Leim⸗ peters den Franz Behrens einen Lügner. Behrens gab daraufhin au, nicht er, sondern sein Parteigenosse Lic. Mumm habe die Streikgeldergeschichte in einer Wählerversammlung während der Reichstags⸗Ersatzwahl in Essen ausgebeutet. Dösse Richtigstellung hatte Leim⸗ peters seinerzeit auch schon gebracht; trotzdem klagte der fromme Christ Behrens. Die Sache wurde kürzlich vor dem Gericht in Essen verlandelt. In der Verhandlung wurde dem Behrens durch das Zeugnis seines früheren Arbeitskollegen Albrecht(Brlin) eine hinterlistige, zweideutige arbeiterschädigende Hal⸗ tung in Sachen der Gäftnerorganisation nachgewiesen. Durch das Zeuguis des Lc. Mumm wurde festgestellt, daß dieser den Schwindel son der Vergeudung von Berg⸗ arbeitergeldern von Behrens übermitttelt be⸗ kommen haben muß. Ferne wurde unter Beweis gestellt, daß Behrens, der christlichsofaler Reichstagskandidat war, von dem Pfarrer Rachel öffentlich wiederholt der wissentlichen Lüge geziehen worden ist, ohne darauf zu reagieren. Ferner gelangten Flugblätter der Stöckerianer aus dem ssener Reichstagswahlkampfe zur Verlesung, die von den ungeheuerlichsten, gemeinsten Beschimpfungen der Sozlal⸗ demokratie und der sozialdemokratischen Führer strotzt. Der Verteidiger Jr. Niemeyer stellte fest, daß gegenüber diesen„christlichn“ Druckerzeugnissen erscheine die sozialdemokratische Dnaxt als wahrer Salonton. Leimpeters habe als Pajeigenosse und Redakteur der Bergarbeiter⸗Zeitung in a berechtigter Interessen gehandelt, als er die Vileumdungen und Besudelungen der Stöckerlaner scharf zrückwies. Demgegenüber ver⸗ krochen sich Behrens un sein Anwalt hinter die Aus⸗ rebe, Leimpeters sei in hen Schmutzblättern nicht per⸗ ö sönlich genannt. Unverständlicherweise verurteilte das Gericht Leimpeters zu 14 Tagen Gefängnis.— Aus alledem geht aber hervor, daß der Wetzlarer Wahlkreis zur nächsten Wahl einem sehr angenehmen Wahlkampfe entgegensteht. Die Stöckerleute trieben bei der Essener Wahl sowie auch in den Versammlungen, die sie hier abgehalten haben, eine so niedrige gemeine Kampfesweise, wie sie selbst in den halbkultivierten Ländern nicht anzu⸗ treffen ist. Ein weiteres Stückchen christlicher „Redlichkeit“ sei hier ebenfalls gleich mit angeführt. Die„christlichen Generalsekretäre“ Efferts und Behrens hatten eine weitere Klage gegen Leimpeters erhoben, die am gleichen Tage wie die obige verhandelt wurde. Es drehte sich hierbei um die Frage, ob 10 000 Butterbons 4a ½ Kilo, welche die Firma Vitello während des Bergarbeiterstreiks für die Streikenden stiftete, regelrecht an die Mitglieder aller Verbände ver⸗ teilt worden seien, oder ob sie nur den christlichen Ge⸗ werkvereinlern zugeschoben worden sind. Efferts hatte öffentlich erklärt, die Bons seien ihrer Bestimmung gemäß vertellt worden. Leimpeters bezeichnete Efferts als einen „wissentlichen Lügner“, der recht gut wisse, daß seine Behauptung unwahr sei. Vor Gericht bekundete der Vertreter der Firma Vitello, die 10 000 Bons(Wert 8000 Mar) seien bestimmt gewesen für alle Strei⸗ kenden ohne Unterschied der Partei. Die Bons seien an die Geschäftsstelle des christlichen Gewerkvereins gesandt worden, und diese habe ihn(den Firmenvertreter) in den Glauben versetzt, die Vertellung geschähe bestimmungs⸗ gemäß durch die Siebenerkommission. Genosse Sachse, Mitglied der Stebenerkommission, bekundete, die Bons seien ihr nicht übergeben worden, sondern es wäre durch die geladenen Zeugen zu bewelsen, daß die 10 000 Bons von der christlichen Geschäftsstelle nur an die eigenen Mitglieder versandt worden selen. Efferts gab dies zu, erklärte aber, er habe damals von dieser ungerechten Verteilung nicht gewußt. Es kam dann ein Vergleich zustande, in dem ausdrücklich anerkannt wird, daß die Gewerkvereinsleitung die Butterbons wiede rrechtlich nur an die eigenen An⸗ hänger verteilt, die anderen Streikenden also übervorteilt hat! Damit ist der Kern der Behauptung Leimpeters als richtig erwiesen. 5 h. Den ortsüblichen Tagelohn für Wetzlar um 20 Prozent zu erhöhen beantragte das Gewerkschafts⸗ kartell bei der Stadtverordneten-Versammlung. Die Antragsteller begründeten dies damit, daß die Lebens⸗ mittelpreise und die Wohnungsmieten erhebliche Steige⸗ rungen aufweisen. Der Bürgermeister beantragt als Referent für den Finanz⸗ und Tiefbau⸗Ausschuß Ueber⸗ gang zur Tagesordnung, da schon von seiten des Tief⸗ bau⸗Ausschusses eine Erhöhung der Löhne der städtischen Arbeiter in Anregung gebracht sei. Stadtverordneter Michgeli bemerkt, daß der Antrag mit den Absichten der Tiefbau⸗Deputation kaum in Zusammenhang zu bringen sei. Der ortsübliche Tagelohn habe in der Versicherungsgesetzgebung eine weitere Bedeutung. So im Krankenkassengesetz, Unfallgesetz, Invalidengesetz und im Gesetz betr. die Unterstützungen bei Frledensübungen. Er bitte den Antrag anzunehmen und der höheren Ver⸗ waltungsbehörde die anderweitige Festsetzung zu empfehlen. Ohne weitere Debatte wird der Ausschußantrag auf Uebergang zur Tagesordnung mit allen gegen eine Stimme angenommen.— Demnach hat sich Graf Posa mit seinen diesjährigen— von weitgehendem sozial⸗ politischem Verständnis zeugenden— Reden als ein Prediger in der Wüste erwiesen. Wenigstens soweit das Wetzlarer Stadtparlament in Frage kommt. h. Den Steuerzuschlägen, wie ste von den Stadtverordneten beschlossen worden sind, hat der Bezirksausschuß zugestimmt, wie das Amtsblatt mitteilte. Somit sind die Machen⸗ schaften des„städtischen Wählervereins“, welcher bei der Regierung zu Coblenz um Nicht ge⸗ nehmigung der Steuererhöhung winzelte und damit für die abgelehnte Biersteuer scharf machte, fruchtlos geblieben und die Sache erledigt.— Es werden im nächsten Jahre 145%ͤ der Ein⸗ kommen- und 195% der Realsteuer als Gemeinde⸗ steuern erhoben. h. In Gleiberg und Launsbach wurden am Sonntag ebenfalls Versammlungen zur Märzfeier abgehalten. Beide waren gut besucht; in Launsbach meldeten sich 10 Mann zur Aufnahme in den Wahlverein, ebenso wurden neue Abonnenten für die Volksstimme gewonnen. Eine Tellersammlung ergab 8,30 Mk. Aus dem Rreise Marburg⸗ Kirchhain. Eine Gewerkschaftsversamm⸗ lung findet Samstag, 24. März, im Lokale Jesberg statt. Die Gewerkschaftskommisston wird zunächst ihren Jahresbericht geben, worauf Arbeitersekretär Heiden Frankfurt einen Vortrag über„Arbeiterversicherung“ halten wird. Ueber diesen Gegenstand herrscht noch viel Unklarheit in Arbeiterkreisen; es ist des⸗ halb für jeden nützlich, sich diesen Vortrag an⸗ zuhören. Die Gewertschaftsmitglieder wollen deshalb recht zahlreich erscheinen und Kollegen auf die Versammlung aufmerksam machen. * Unsere Märzfeier hatte eine sehr starke Beteiligung aufzuweisen. Genosse Gböller⸗ Frankkurt sprach in 1½ stündigem, sehr beifällig aufgenommenem Vortrage über die bürgerliche Revolution von 1848/49 und das preußische Dreiklassenwahlsystem. Sechs neue Genossen murden für den Wahlverein gewonnen. * Die Stadtverordneten beschäf⸗ tigten sich in den letzten beiden Sitzungen mit der Beratung des Etats. Zu Beginn derselben erinnerte Engel an die Einführung der Wert⸗ zuwachssteuer, deren Einführung unbedingt notwendig sei. Bei dem Etat des Gaswerk wird eine Neuregelung der Preise für Kraft⸗ und Leuchtgas von der Kommisston vorgeschlagen. Sie sollen probeweise auf 12, 15 und 17 Pfg. festgesetzt werden.— Bezüglich des Volks bades teilte der Oberbürgermeister in der letzten Sitz⸗ ung mit, daß ein solches in der Herrenmähle errichtet werden solle.— Eine lebhafte Debatte rief die Fensterlteferung im neuen Schul⸗ gebäude hervor. Mehrere Redner kritisieren, daß hier keine genügende Kontrolle geübt worden sei. Der Lieferant Fauser in Weimar habe die Bedingungen nicht eingehalten und nun hätte die Stadt bei der„billigen“ Lieferung nur Schaden. Eine endgültige Entscheidung darüber bleibt vorbehalten. Auf Schwindelmanöber scheint sich der frühere Kolontalwarenhändler und jetziger Kolporteur für nationalliberale Broschüren, Bechnitz, zu legen. Im Laufe des Winters schwätzte er einem Arbeiter das Buch„Kaiser Friedrich“ auf unter der Vorspiegelung, daß er dann eine Stelle an der Kreisbahn bekomme. Natürlich stellte sich das als Schwindel heraus; der Mann ist sein Geld los und Bechnitz lacht sich ins Fäustchen. Es ist merkwürdig, daß doch auf den dreistesten Schwindel noch Dumme hereinfallen. Hoffentlich beschäftigt sich mal die Staatsauwaltschaft mit diesem spekulativen und patriotischen Herren. Wablkreis Alsfeld⸗ Lauterbach. Sonntag, den 1. April, vormittags 10 Uhr, im Lokale„Zum Stadtpark“ Kreis konferenz. Tagesordnung: 1. Bericht des Kreisvertraueus— manns. 2. Ahrechnung. 3. Verschledenes. Zu zahlreichem Besuch ladet ein. Der Kreisvertrauensmann. Versammlungskalender. Samstag, 24. März. Gießen. Wahlverein. Abends 9 uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Wetzlar. Wahlverein. Abends ¼9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Vortrag von Gen. Vetters⸗Gleßen über„Zukunftsstaat“. Launsbach. Wahlverein. Nachmittags 4 uhr Versammlung bei Wirt Komp. Die Genossen von Wißmar sind dazu eingeladen. Heuchelheim. Brau ereiarbeiter-Verbaud. Allgemeine Mitgliederversammlung nachm. 4½ Uhr bei Wirt A. Rinn. Dienstag, den 27. März. Gießen. Gewerkschaftskartell, Abends 9 uhr Sitzung bei Orbig. N. N. Lollar. Die Hebamme darf nach der Instruktion eine ihre Niederkunft erwartende Frau nicht verlassen, wenn der Geburtsakt bereits begonnen hat. Nach der Geburt muß sie mindestens zwei Stunden bei der Wöchnerin verweilen.— Stets Namensunterschrift! auch bei Anfragen. Oduhsn. Soviel wir aus Ihrer Darstellung sehen, hat der Bürgermeister ganz richtig gehandelt. Jede Ge⸗ meindeverwaltung muß bestrebt sein, das Gemeindevermögen zu vermehren, namentlich das an Grund und Boden. Sie handelt im Gesamt⸗JInteresse, wenn sie solchen nach Möglichkeit erwirbt; an Private soll sie aber nur ausnahms⸗ weise abgeben und natürlich nur, wenn der Fall für die Gemeinde günstig gelegen ist.— Wir empfehlen jedem, der sich in kommunalpolitischen Dingen aufklären will, die im Verlage des„Vorwärts“ erscheinenden billigen Heftchen:„Sozlaldemokratische Gemeindepolitit“, die von unserer Expedition besorgt werden. — FF... — — wurden vom Militär 18 Personen 621 ersch hüben 9 1 ebäude, 22 städtische Häuser und 3 Klub ⸗ Seite 6. Mitteldeuische Sonutags⸗Zeuung. Nr. 12. Von Nah und Fern. Ein agrarischer Skandal Gegen die Mitglieder des Vorstandes und Auffichtsrates des Neustettiner landwirtschaft⸗ lichen Ein⸗ und Verkaufsvereins ist auf Grund des§ 147 des Genossenschaftsgesetzes Anklage erhoben worden, weil mehrere falsche Bi⸗ lan zen und Geschäftsberichte aufgestellt und veröffentlicht worden sind, um die großen erlittenen Verluste der vom Verein verwalteten genossenschaftlichen Kornhäuser in Neustettin und in Grammen zu verschletern. Zu den Angeklagten gehören unter anderen das Herren⸗ hausmitglied Landschaftsrat v. Hertzberg⸗ Lottin, der Landrat des Neustettiner Kreises v. Bonin⸗Vangerow und das Reichstags⸗ und Abgeordnetenhausmitglied v. Bonin⸗ Bahrenbusch. Auf Antrag des letzten ist vom Reichstag in der Sitzung vom 10. Januar die Einstellung des Verfahrens während der Dauer der Session ohne Diskusston beschlossen worden. Die spätere Verhandlung vor der Strafkammer in Neustettin verspricht recht in⸗ teressant zu werden. Die beiden aus Staats; mitteln mit Mk. 253 700 Kosten erbauten Korn⸗ häuer stehen seit dem 1. Juli 1904 auf Kosten der Steuerzahler unbenutzt da und werden wohl auf Abbruch verkauft werden müssen, da sich bisher keine andere Verwendung hat finden lassen. Angesichts solcher, nicht selten vorge⸗ kommener Skandale steht es den Agrariern und der konservativen Presse sehr hübsch zu Gestcht, wenn ste über die Konsumvereine der Arbeiter schimpfen und geifern. Unschuldig im Zuchthause gesessen. Vom Dortmunder Schwurgericht wurde im Wiederaufnahmeverfahren ein Mann freige⸗ sprochen, der seinerzeit wegen Straßenraubes zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt war, wovon er schon 2¼ Jahre verbüßt hat. Es gelang ihm, seine völlige Unschuld nachzuweisen. Es hat der größten Anstreugungen bedurft, um endlich das Wiederaufnahme verfahren zu erzielen. — Das geht nicht so schnell wie die Verur⸗ teilung. e 22 MNevolution in Rußland. Ein neuer Ausbruch der Revo⸗ lution steht, wie allseitig zugegeben wird, bevor. Die militärischen Garnisonen werden in allen russischen Städten durch politisch ver⸗ läßliche Truppen verstärkt. Sämtliche Eisen⸗ bahnlinien werden ununterbrochen von Kosaken bewacht, um Anschläge auf Brücken und auf den Schienenweg zu verhindern. In vtelen Städten werden Straßenbahnwagen zu Kriegs⸗ zwecken hergerichtet. Man glaubt, daß die neuen Kriegswagen gute Dienste bei den bevor ⸗ stehenden Straßenkämpfen leisten werden. In den Schwarzemeerhäfen bereiteten die Ma⸗ trosen der russischen Kriegsmarine eine neue Meuterei vor. Eine Verschwörung unter den Matrosen, die den Zweck hatte, die Land⸗ befestigungen von Sewastopol zu besetzen und als Festung gegen die„Obrigkeit“ zu halten, wurde rechtzeitig entdeckt und vereitelt. Der Fan hat befohlen, daß 100000 Mann aus harbin nach Rußland zurückgebracht werden sollen, um au der Unterdrückung der bevor⸗ stehenden Revolution teilzunehmen. Die werden wohl gerade darauf gewartet haben. arische Mordtaten. Leutnant Schmidt, der; ührer der Matrosen⸗Erhebung in Otschakow, wurde dort am Montag mit noch drei Matrosen erschossen. Der Admiral Tschuknin hatte dem Kassattonsgesuche Schmidts keine Folge ten die Zeitungen über die furchtbaren Unter⸗ be e den baltischen Provinzen be⸗ drückungsmaßregeln der russischen Regierung. In der Zeit vom 14. Dezember bis 14. 5 ehäng en, 320 bei bewaffneten Zu ammen⸗ tet, 251, darunter zwei Frauen 97 Bauernhäuser, 2 Rathäuser, 4 häufer niedergebrannt. Unter den Hingerichteten befinden sich 13 Schullehrer und 29 Bauern- gutsbesitzer. Die Hinrichtungen während des Monats Januar im ganzen Reich werden auf 397 angegeben.— Für jeden der Gemordeten müßten tausend Rächer erstehen! In Tschita wurden vorige Woche wieder 7 Personen zum To de verurteilt, darunter der Professor des dortigen ethnographischen Museums, Kusnezwo, der sich un die Er⸗ forschung Transbaikaliens viel Verdienste er⸗ worben hat. Parte i-Nachrichten. Rosa Luxemburg ist in Warschau, wo sie sich schon seit Monaten aufhielt, verhaftet worden. Die Ordnungspresse forderte sie ja schon des Oefteren auf, doch nach Rußland zu gehen und sich an der Revolution dort aktiv zu beteiligen, statt in. Deutschland revolutionäre Agitation zu treiben. Während Genossin Luxemburg so be⸗ geifert wurde, hatte ste schon getan, was, um sie herabzusetzen, spottweise von ihr verlangt wurde. Sie war in Polen und war dort unermüdlich und, ohne die Gefahr zu scheuen, unter den Arbeitern tätig. Nun ist ste ein Opfer ihres revolutionären Elfers geworden. Wie der Vorwärts aus einem ihm von Genossin Luxemburg zugegangenen Briefe mit⸗ teilte, war diese im Warschauer Stadtgefäng nis untergebracht, wo schauderhafte Zustände herr⸗ schen. Sie teilte ihre Zelle mit 16 anderen Personen— Männer und Frauen— zeitweilig befanden sich in derselben Zelle nicht weniger als 60 Personen. Nach späteren Nachrichten soll ste in der Zitadelle untergebracht sein.— Der Vorwärts bemerkte dazu noch, daß er aus leicht begreiflichen Gründen es unterlassen habe, bekanntzugeben, daß Genossin Luxemburg schon lange in Polen weile.„Als im Dezember die Reaktion im Zarenreich mit vehementer Gewalt einsetzte, als die Freiheitskämpfer von den Schergen Nikolaus des Blutigen niedergemetzelt und massenweise ins Gefäuguts geworfen wurden, als überall in die Reihen der Revolutionäre blutige Breschen gerissen wurden, da lttt es ste nicht mehr in unserer Mitte, da hielt sie es für ihre Pflicht, ihre Person einzusetzen für ihre Ideale. Während die Tintenkulis der bürger⸗ lichen Presse, von denen keiner unter diesen Umständen den gleichen Mut bekundet haben würde, in ihren Zeitungen und Witzblättern über sie höhnten und sie aufforderten, in Ruß⸗ land ihre„blutigen Tiraden“ anzubringen, setzte ste dort ihr Leben ein. Wir konnten und wollten damals auf das Gegeifer der Gegner nicht antworten; sehr oft ist uns aber der Zolasche Ausspruch eingefallen:„Quels gredins que les honnétes gens!“(Was für Lumpen find doch diese anständtgen Leute!)“ Das ist ganz richtig gesagt. Es muß noch hinzugefügt werden, daß auch angeblich„vor⸗ nehme“ Blätter in der Verhöhnung der Genossin Luxemburg das Möglichste leisteten. Auch in dem Ableger der„Frkftr. Ztg.“, der„Kl. Presse“, konnte man wiederholt von der„blutigen Rosa“ lesen. Mag man immerhin mit diesem oder jenem nicht einverstanden sein, was diese Frau gesagt oder geschrieben hat— soviel steht aber fest: 7 90 in Bezug auf Kenntnisse, wie in Bezug auf persönlichem Mut ist sie den bürger⸗ lichen Zeitungsschreibern hundertmal über. Johann Most ist in Amerika gestorben. Mit ihm sinkt ein Stück Parteigeschichte ins Grab, obwohl er unsere Reihen schon längst verlassen hatte und unsere Partei seit Erlaß des Sozlalistengesetzes stets auf das Schmählichste angriff und 0 e Er war 1846 in Augsburg geboren. Als Buchbindergeselle durchreiste er Deutschland, Oesterreich, die Schweiz und Italien. Er kam zur Sozialdemokratie und wurde einer ihrer elfrigsten und unerschrockensten Vorkämpfer. Der Wahlkreis Chemnitz wählte ihn 1874 in den Reichstag, 1878 bet der Sozialistenhetze fiel er aber zurch. Darauf ging er nach London, wo er die„Freiheit“ herausgab, mit der er immermehr ins anarchistische Fahrwasser geriet. Das Blatt wurde eine Zeit lang von der preußischen Pollzei finanziell unterstützt, wovon aber Most stcher nichts gewußt hat. Der erste sozialdemokratische Kongreß unter dem Sozialistengesetz auf Schloß Wyden schloß Most aus der Partei aus. Das Bombenattentat egen den russtschen Kaiser Alexander II. ver⸗ herrlichte er in der„Freiheit“ und forderte zur Vernichtung auch der übrigen Fürsten auf. Wegen dieses Artikels verurteilte ihn ein eng⸗ lisches Gericht zu 18 Monaten Zwangsarbeit. Er stedelte, nachdem er die Strafe verbüßt hatte, 1882 nach den Vereinigten Staaten von Amerika über, wo er wegen seiner auarchistisch⸗ publiztstischen Tätigkeit(er hatte die Herausgabe der Freiheit fortgesetzt) wiederholt die Bekannt⸗ schaft mit den Gefängnissen machen mußte. Für seine Ueberzeugung hat er stets tapfer gekämpft und Opfer gebracht; er wird deshalb auch bei den deutschen Arbeitern nicht vergessen werden. 5 b Anterhaltungs-CTeil. Die Freiheit! das Aeeht! O, glaubt nicht, sie ruhe fortan bei den Toten, O, glaubt nicht, sie meide fortan dies Geschlecht, Weil mutigen Sprechern das Wort man verboten Und Nichtdelatoren verweigert das Recht! Nein, ob ins Exil auch die Eidfesten schritten; Ob, müde der Willkür, die endlos sie litten, Sich andre im Kerker die Adern zerschnitten— Doch lebt noch die Freiheit, und mit ihr das Recht! — Die Freiheit! das Recht! Nicht mach' uns die einzelne Schlappe verlegen Die fördert die Siege des Ganzen erst recht; Die wirkt, daß wir doppelt uns rühren und regen, Noch lauter es rufen: die Freiheit! das Recht! Denn ewig sind eins diese heiligen Sweie! Sie halten zusammen in Trutz und in Treue; Wo das Recht ist, da wohnen von selber schon Freie Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht!. — Die Freiheit! das Recht! Ferdinand Freiligrath. Am 18. März waren es 30 Jahre, daß Ferdinand Freiligrath die Augen für immer schloß. Der Dichter war mit Fr. Engels und anderen Redakteur der von Marx geleiteten„Rheinischen Zeitung“ in Köln. Infolge des Erstarkens der Reaktion mußte das Blatt sein Erscheinen 1849 einstellen. In der letzten Nummer veröffentlichte Freiligrath folgendes Gedicht: Abschieds wort der Neuen Rheinischen Zeitung. Mai 1849. Kein offener Hieb in offener Schlacht— Es fällen die Nücken und Tücken, Es fällt mich die schleichende Niedertracht Der schmutzigen West⸗Kalmücken! Aus dem Dunkel flog der tötende Schaft, Aus dem Hinterhalt fielen die Streiche— Und so lieg' ich nun da i meiner Krast, Eine stolze Rebellenleiche! Auf der Lippe den Trotz ind den zuckenden Hohn, In der Hand den blitzendm Degen, Noch im Sterben rufend:„Die Rebellion!“— So bin ich mit Ehren erkgen. f O, gern wohl bestreuten nein Grab mit Salz Der Preuße zusamt dem Care Doch es schicken die Ungern, es schickt die Pfalz Drei Salven mir über de Bahre! Und der arme Mann im zerrisseuen Gewand, Er wirft auf mein Haup die Schollen; Er wirft sie hinab mit dr fleißigen Hand, Mit der harten, der schwilenvollen. Einen Kranz 5 belngt er aus Blüten und Nen, ein, 5 Zu ruh'n auf meinen Wuden; Den e Weib und sein Töchterlein Nach der Arbeit für mich ewunden. Nun ade, nun ade, du kämfende Welt, Nun ade, ihr ringenden Here! Nun ade, du pulvergeschwürfes Feld, Nun ade, ihr Schwerter un Speere! t! Toten, chlech, rboleyn ten; „ 1— it iht echt! legen regen, i ue; cho Frei, chtl bb) . felt hn da Jung! „ Nr. 12. n Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. — Seite 7. Nun ade— doch nicht für immer ade! Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder! Bald richt' ich mich rasselnd in die Höh', Bald kehr' ich reisiger wieder! Wenn die letzte Krone wie Glas zerbricht In des Kampfes Wettern und Flammen, Wenn das Volk sein letztes„Schuldig!“ spricht, Dann steh'n wir wieder zusammen! Mit dem Wort, mit dem Schwert, an der Donau, am Eine allzeit treue Gesellin[Rhein— Wird dem Throne zerschmetternden Volke sein Die Geächtete, die Rebellin Lebenswert! Von Elisabeth George. Dämmerung lag über der Erde, jene zaube⸗ rische traumhafte Daͤmmerung eines Hochsommer⸗ abends. Längst schon war die Sonne verglom⸗ men. Tiefblau wölbte sich der Himmel. Und das Zirpen der Heimchen, das leise Gemurmel eines nahen Baches, dazu das monotone, ein⸗ förmige Geschrei der Unken und die nächtliche Stille ringsum war wohl recht dazu angetan, des Tages Last und Mühen vergessen zu machen, das Herz der Stimme der Natur zu öffnen und jenen Frieden einzusaugen, nach dem man in den Wirren und Jagen des lauten Lebens vergeblich sucht. An den Stamm einer Buche gelehnt, die Arme ineinander geschränkt und den Kopf leicht nach vorne geneigt, stand eine Frauengestalt. Etwas in sich zusammen gesunkenes, müdes und abgespanntes drückte die ganze Haltung des Körpers aus. Es war ein wunderbares Gemälde, das sich vor ihr ausbreitete. Tief unten die Stadt mit ihren tausend und abertausend Lichtern, droben der klare, wolkenlose Himmel mit seinen funkelnden, glänzenden Sternen und dort über den Wipfeln des dunklen, finsteren Tannenwaldes der Mond in seiner majestätischen Ruhe. Aber sie schien nichts von der zauberhaften Märchen⸗ pracht ringsum zu empfinden. Denn finster und trübe schweifte ihr Blick über das alles hinweg, unbestimmt in die Ferne, gleichsam als weile er in einem Meere von Gedanken. Da fing ganz in ihrer Nähe leise und klagend eine Drossel an zu schlagen. Sie fuhr zusam⸗ men und mit einer mechanischen Bewegung mit der Hand über die Stirne fahrend, ließ sie langsam ihre Blicke umher gleiten und leise murmelten ihre Lippen: Du bist schön, o Welt, wunderbar schön, so lange— man nicht über dich nachdenkt. Aber wenn man angefangen hat, über dich nachzudenken, immer weiter, immer weiter, da seufzt man wohl: Ach, wer doch 7 hätte, dir zu entfliehen, dort hinauf in jene Regionen, wo man nichts von dir hört und sieht und sich in dem unendlichen All ver⸗ lieren kann. Warum wohl die Menschen solche Angst vor dem Tode haben? Man nennt ihn unbarm⸗ herzig und unerbittlich und doch— ich denke es mir so schön, wenn er kommt und seine Hand auf unser Herz drückt, daß es aufhört du ile. und es 0 stille in uns wird, so anz stille.— 8„Guten Abend, mein Fräulein!“ klang da plötzlich eine tiefe Stimme an ihr Ohr und eine Hand streckte sich ihr er a „Herr Ronau, Sie? Haben Sie mich er⸗ schreckt. Ich hatte Sie nicht kommen hören.“ „Ja, wenn man so in seinen Träumen ver⸗ sunken ist. Woran dachten Sie denn?“ „Ach, es war nichts. Wenn ich es Ihnen sagen würde, Sie könnten's doch nicht verstehen.“ „Natürlich nicht. Wir Männer sind ja so dumm. Wir verstehen uns nicht auf die Träume eines Mädchenherzens.“ 5 Ein leichtes Lächeln huschte über ibr Gesicht. „Aber wissen Sie auch, Fräulein Helgen, daß ich, wenn ich ein Recht dazu hätte, jetzt tüchtig mit Ihnen schimpfen würde? Wie können Sie nur so unvorsichtig sein und sich ohne jeden Schutz so weit wagen?“. „Warum soll ich denn nicht? Sie sind ja doch auch hier. O bitte, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Das ist natürlich etwas ganz anderes.“ Ein Schatten legte sich über Ronaus Gesicht. „Da wären wir ja glücklich wieder bei unserem alten Streitthema angelangt. Aber, nicht wahr“, und er sah ihr bittend in die Augen,„wir wollen uns den schönen Sommerabend nicht dadurch verderben. Wollen wir ihn zusammen enießen? Der Zufall, oder ich will lieber fügen eine gütige Vorsehung hat uns doch nun einmal zusammen geführt. Gelt, Sie gestatten mir, daß ich bei Ihnen bleibe?“ „Ich hätte keinen Grund, Sie fortzuschlcken“, entgegnete sie kühl. „Ich danke Ihnen!— Ein wundervolles Plätzchen hier, das Sie sich ausgesucht haben zum Träumen. Ach, Fräulein Helgen, nicht wahr, die Welt ist wunderschön! Wenn man so durch Gottes Natur wandert und man in vollen Zügen ihre ganze große Schönheit ge⸗ nießt, da lehrt einem jeder Baum und jeder Strauch, daß das Leben wert ist, gelebt zu werden, daß man dem Schöpfer Dank schuldet, hundertfältigen Dank dafür schuldet.“ „Das Leben wert, gelebt zu werden!“ wieder⸗ holte sie leise wie im Traume,„und dankbar dafür sein! Das hab' ich nie empfunden. Was ist denn an unserem Leben lebenswertes? Etwa, daß man seinen Beruf hat, um sein tägliches Brot zu erwerben und man nicht zu hungern braucht, daß man sich hin und wieder ein Ver⸗ gnügen erlauben kann, auf das viele andere verzichten müssen? Kann das für Sie einen Lebenswert bedeuten? Kann Sie das mit dem Leben aussöhnen?“ Ein erstaunter, fragender Blick traf ste aus seinen Augen. Seine Stimme lang innig und bewegt, als er sagte:„Fräulein Helgen, es ist das erste Mal, daß Sie mich einen Blick in Ihre Seele tun lassen. Ich bin Ihnen dankbar dafür. Ich habe Sie bisher nur heiter und fröhlich gesehen. Ich liebte das so an Ihnen. Ich ahnte ja nicht, was stch darunter verbarg.“ Er faßte ihre Hand.„Und doch meine ich, wenn Sie wollen, Sie können sich Ihres Lebens freuen. Ich wollte, ich könnte Sie so recht davon überzeugen. Wenn Sie auf die Stimme der Natur achten und Ihr Herz nicht vor ihr verschließen, so müssen Sie empfinden, was sie Ihnen predigt und glauben Sie mir, Ihr Herz wird und muß ihr zustimmen, daß die Welt doch wunderschön ist!“ „O ja, die Welt ist wunderschön. Aber man muß gut lernen und gut acht geben, daß man zur rechten Zeit und am rechten Ort Augen und Ohren schließt. Wenn man das gelernt hat, ja, dann ist die Welt wunderschön.“ „Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Helgen.“ „Kann denn ein Mensch, wenn er nicht taub und blind an all den Elend vorübergeht, das einem Tag für Tag, Schritt auf Schritt ent⸗ gegen tritt, von einer schönen Erde reden? Sehen Sie sich das Bild an, das da vor Ihnen liegt. Betrachten Sie's lange und lassen Sie's auf sich einwirken. Nicht wahr, das er- hebt, das ist wunderbar! Nur dürfen Sie nicht dabei denken. Ganz dem Scheine müssen Sie sich hingeben.“ „Was ich sehe, ist kein Schein. Das ist etwas, was nie und nimmer eine Menschenhand erschaffen könnte. Das vermag eben nur ein Gott zu gestalten.“ Er sagte das ernst und feierlich. Fräulein Helgen sah ihn an mit einem spöttischen, hohn⸗ vollen Lächeln. Mit hastiger Bewegung faßte ste fat Arm und sie sprach leidenschaftlich erregt: „Und das, was dieses Bild verbirgt, gleichsam wie ein Schleier verhüllt? Heben Sie einmal diesen Schleier. Macht es Sie nicht entsetzen, was Sie da sehen und hören? Hunger, Not, Elend, Niederträchtigkeit und Gemein⸗ heit, ein Ringen und Jagen nach dem Glück und ein tausendstimmiger Schrei unbefriedigter Seelen! Vermag das auch nur ein Gott zu gestalten? Ist nicht die ganze große Schönheit der Natur Hohn, fürchterlicher Hohn für das, was sich in ihr abspielt? Er war blaß geworden. „Mein Gott, Fräulein Helgen, Sie find krank, entschtieden krank.“ „Ach nein, nur müde, so unendlich müde.“— Sie schweigen beide eine ganze Weile. Mit einem tiefen Seufzer, den Blick zu Boden ge⸗ richtet, begann er dann stockend und zögernd: „Fräulein Helgen, und haben Sie nie daran edacht, daß, wenn Sie einen Mann durch hre Liebe beglücken könnten, dies einen Wert in Ihr Leben bringen würde?“ Er beugte sich über sie. Durch seine Stimme klang tief verhaltene Leidenschaft. „Ich liebe Sie, Else, liebe Sie so tief und wahr. Ist es vermessen, wenn ich denke, daß ich Ihnen etwas sein könnte, das Sie bei mir das finden, was Sie suchen, Friede und Ver⸗ gessen? Kommen Sie, werden Sie mein! Lassen Sie mich das Glück kosten, nach dem ich mich so lange gesehnt.“ Sie hatte sich hoch aufgerichtet und war einen Schritt zurückgetreten. Was war es was sich ihr da bot, war das Glück? Sie sah seine schöne, hohe Gestalt, sein Auge mit unend⸗ licher Zärtlichkeit auf sich gerichtet in banger Frage. (Schluß folgt.) e Humoristisches Beim Reichskanzler.„Durchlaucht, es ist eine Arbeiterdeputation draußen— soll ich sie herein⸗ lassen?“—„Na, meinetwegen! Aber bring' mir vor⸗ her meine Rhinozeroshaut.“ Politische Wetterregel. Wird auf den Konferenzen geredet viel Mist, Aendert sich die Lage oder— sie bleibt wie sie ist! (W. Jak.) 1 ndet jeder ⸗ Konfirmationsgeschenke aan aalen Preislagen und in großer Auswahl in dem Jlhren-, Gold- und Seeg von D. Kaminsia, Markt⸗ platz 11, am Kriegerdenkmal. Man verl. Rabattmarken. ——— Liter arisches „Der Zukunftsstaat.“ Thesen über den Sozia lismus, sein Wesen, seine Durchführbarkeit und Zweck⸗ mäßigkeit. Unter diesem Titel gibt die Buchhandlung Vorwärts, Berlin, eine Arbeit von J. Stern heraus.— Fürst Bülow, der schon so oft den Reichstag mit seinen Plaudereien über den Zukunftsstaat amüfierte, mag an dieser Schrift seine Freude haben. Oder auch nicht; denn er kann daraus ersehen, daß seine Geistreicheleien — nichts weniger waren als geistreich.— Nicht ein Guckkasten will die Schrift sein, worin zu sehen, wie man in der sozialistischen Gesellschaft lebt und leibt, sondern die landläufigen Vorurteile und Einwürfe gegen unser Endziel entkräftigen und widerlegen und die glän⸗ zenden Vorzüge der soztalistischen Produktions weise zeigen. — Sie wird der sozlaldemokratischen Aufklärung und Agitation gute Dienste leisten. Die Broschüre ist in der Expedition der Mitteldeutschen Sonntagszeitung für 60 Pfg. zu haben; eine Agitattonsausgabe kostet 30 Pfg. „Wie sollen wir uns kleiden?“ Diese Frage behandelt Dr. Paul Bernstein in dem eben erschienenen Heft 9 der Arbeiter⸗Gesundheits⸗ Bibliothek. Welche gesundheitlichen Anforderungen wir an die Klei⸗ dung zu stellen haben, an Kleiderstoffe und ihre Ver- arbeitung, an Unter⸗ und Oberkleidung, Männer⸗, Frauen“, Kopf⸗ und Fußbekleldung ꝛc. ꝛc., all das ist der Gegen⸗ stand der vorliegenden Arbeit, welche besonders die Vet⸗ hältulsse, Bedürfnisse und Gewohnheiten des Arbeiters bei der Darstellung berücksichtigt. Die Abbildung eines Reformbeinkleides für Frauen, Sohlenmaße ꝛc. erhöhen den Wert der kleinen Schrift, deren Anschaffung wir hiermit empfehlen. Das Heftchen ist in unserer Expe⸗ dition für 20 Pfg. zu haben. Geschichtskalender. 25. März. 1898 Christlicher Bergarbelterstreik am Piesberg. 1872 Bebel und Liebknecht werden in Leipzig zu 2 Jahren Festung wegen Hochverrats ver⸗ urteilt. 26. 1827 Beethoven, Komponist, f. 1793 Revo⸗ lutlonärer Sicherheitsausschuß eingesetzt. 27. 1897 Kardorff's Gründerbrief wird im Reichs⸗ tage verlesen. 1905 Erster preußische'r Bergarbeltertag in Berlin. 1849 Kalserposse im Frankfurter Parlament. 29. 1888 Max Kayser, soz. Reichtagsabg., F. 1882 Soztloldemokratischer Kongreß in Kopenhagen. 1826 W. Liebknecht,“. N 30. 1903 Bauarbeitersckutzkonferenz in Berlin. 1882 Attentat auf General Strelnikow in Odessa. 31. 1881 Erste Verlängerung des Sozdalisten⸗ gesetzes. Seite 8. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 12. e SSS C UC NCS Seer 2 Mahmasch f GIESSEN I Lindenplatz 1. Wer Milch per Liter 18 Pfg. frei ins Haus beziehen will, trage seine Adresse in die im Konsumverein auf⸗ liegende Liste ein. Schuhmacher gesucht. J. Fleischmann, Weidengasse 1. Guten bürgerlichen Verband der baugewerbl. Hilfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Gießen. Achtung! Achtung! Samstag, den 24. Märzecr., abends 8 Ahr im Saale des Herrn wacker zu wieseek Doffentl. Versammlung. Tagesordnung: Die Errungenschaft der Organisation und unsere benorstehende Aufgabe. Referent: Kollege Fischer, Mannheim. Zutritt und Redefreiheit für Jedermann. Das Erscheinen sämtlicher Bau⸗ und Erdarbeiter ist in An⸗ betracht der erbärmlichen Lebenslage, in der wir uns am Orte bestiden, Pflicht und Ehrensache eines jeden Kollegen. Auch unsere 3 die Maurer, sind zu diefer Versammlung freundlichst aden. Die Ortsverwaltung Gießen. Sanitätsverein. Montag, den 26. März, abends pünktlich 8 ½ Uhr Generalversammluug im Saale des Herrn Restaurateur Albold, Wetzsteinstraße. Tagesordnung: 1. Bericht über den mit der hiesigen Vertrags⸗Kommission der Aerzte abgeschlossenen Vertrag. 2. Vorstandswahl. 3. Wahl einer Rechnungs⸗Prüfungskommission. 4. Statutenänderung— Verschiedenes. Der Vorstand. bei A. Albold, Flechten ass, und trockene Schuppenflecnte, shroph. Ekzema, Hautausschläge, Offene Füsse Beinschäden, Beingeschwüre, Ader- beine, böse Finger, alte Wunden sind oft hartnäckig; wer bisher vergeblich hoffte geheilt zu werden, mache noch einen Versuch mit der bestens bewährten HO- SALBE frei von Gift u. Säure, Dose Mx. 1.—. Dankschreiben gehen täglich ein. Wachs, Naphtalan je 18, Walrat 30, Benzoefett, Venet. Terp., Tampferpflaster, Perubalzam je 6, Higelb 30, Chrysarebin 6,6. Zu haben in den Apotheken. Man achte genau auf die Original- Packung weiss- grün- rot und die Firma Rich. Schübert 4 Co. Wein- böbla, u. weise Fälschungen zürück Täglich frisches Kaffeegebäck sowie alle Neuheiten in Osterartikeln L. Müller Friedr. Schuyy Lollar- Uhren, Gold-, Pilber⸗ und. Optische Waren. Eigene Reparaturwerkstätte. Mittagstische zum„Gambrinus“, Kirchstraße.— 22 heue Früh kartoffel, Erstling“ „Die deutsche Malta“ hat sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens als die früheste und schönste Kartoffel die es gibt bewährt. 890 Sie wurde von keiner bis jetat existierenden Frühsorte an Frühzeitigkeit auch nur an- nähernd erreicht, denn„Erstling“ war schon vor Mitte Juni als neue Kartoffel auf dem Markte und war kostbar mehlig und schmackhaft. So bleibt sie auch den ganzen Winter hindurch.„Erstling“ ist sehr wũiderstandsfähig gegen Nasse, gelbfleischig und kurzlaubig. Die erstaunliche Frühzeitig- keit, sowie der enorm hohe Ertrag (es wurden 2. B. von 10 Pfd. Aussaat 294/ Pfd. geerntet), sollten jeden, ob Privatmann od. Marktgärtner zum Anbau dieser garantierten Neu- heit allerersten Ranges veran- lassen. Viele Anerkennungen. Ich offeriere: 1 Ztr. Mk. 12.—, % Ztr. Mk. 7.—, 20 Pfd. Mk. 3.50 10 Pfund-Postpaket Mk. 2.—. F Genaue Angabe der Adresse, Post- u. Bahnstation erwünscht. Paul Haupt, Erfurt Nr. 342. Thüringer Centrale für Saatkartoffeln. — 57 5— .— 3 3 5 2— 2 58 A 1 S F. 83 5 1 8. O E 8.. 2 2 8 5 3 8 enn — 2 1 1 + 8—— 8 Konfirmandenstiefel in jeder Preislage und reichster Auswahl, sowie Arbeiter-Schuhe und Stiefel, Sonntagsstiefel 1 5 — sowie alle Arten Haus- und Küchengeräte in großer Auswahl zu billigen Preisen. Carl Müller 1 Giessen, Plockstrasse 12 E— eee eee Edgar Borrmann: Giessen Telephon 228 Neustadt 11 Eisenhandlung, Stahlwaren, Wersizeuge HGaus- und Küchengeräte-Handlung. Spaten Landwirtschaftl. Geräte Herde und Oefen Drahtgeflecht 1 6 5 u. Wringmaschinen Petroleum⸗ u. Gaskocher Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Fleischhack⸗ u. Reibemasch. Rasenmäher Waagen und Gewichte Dr. Kleinsgleischsaftpresse Stehleitern Messerputzmaschinen Pferdeschoner Munition ete. .. Kinderwagen Marktkörbe Sportwagen Markttaschen* Leiter wagen Waschkörbe 1 l sse rk ruge Sessel Wäscheleinen Packkörbe Blumentische Wäscheklammern kaufen Reise körb Bürst B eise Körbe rsten u. Besen Benner& Krumm Zur diesjährigen Zuchtperiode stelle mein Kr.-Rammser(11 Pfd.) zum Decken gesunder Häsinen. H. Melcher, Giessen, Wetzsteing. 10. 75.— und die Revolution Von ADOLF BRAUN Preis 20 Pfg. Zu beziehen durch die Expedition der Wheteld. Sonntags⸗Ztg. Sasiuldtnoßratishes Liederbuch von Max Kegel. — Preis 40 Pfg. Zu beziehen in der Expedition und alle sonstigen Schuhwaren in den besten Qualitäten zu den billigsten Preisen empfiehlt Justus Benner Giessen —— Marktstrasse 34. Reparaturen in eigener Werkstätte rasch, gut und billig. Anfertigung nuch Mass. Im Verlage m. Ernst⸗München erscheint alle 14 Tage Der üddeutsche Postillon Bumorissisch-safirisches Witzblaff. 2 U*—*— 2 2* N* 2 2 2 Groß 4“, 8⸗seitig, reich und originell illustriert, schwarz And in prächtigem Farbendruck. FEET Zu berieben durch die Exped. der mitteid. Sonntags-Zig. Preis pro Nummer 10 Pfg. Jeder Arbeiter trage zu seiner weitesten VUerbrestung bel. der„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm) Gießen. Verantwortl. Redakteur F. A. Vetters Gießen. Druck von Heppeler& Meyer Gießen,