48...— N ————-—.———— Ne 25. Gießen, den 24. Juni 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 9 Nedaktionsschluß: irchenplaß 11. Schloßgasse. M sch achmitta ee, itteldeutsche Inntags⸗Zeitun Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Au sträger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/0% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindestens Bierrevolution. Ein westpreußischer Landrat ist vom Geiste ergriffen und predigt in beredten Worten den Kreuzzug wider die Ausbeutung; das Stuhmer Kreisblatt(Regierungsbezirk Marien⸗ werder) erläßt eine geharnischte Proklamation an das Volk, worin zur Selbsthilfe und ent⸗ schlossener Abwehr aufgefordert wird. Und das alles hat das Bier getan! Der Deutsche läßt sich viel gefallen, trägt Not und Knechtschaft jahrzehntelang, duldet das Unrecht, die Nieder⸗ tracht mit gleichmütiger Miene, als ob es so sein müßte— geht es aber um's Bier, so werden selbst die preußischen Landräte rebellisch und reden wie gelernte Marxisten. Nichts Heiliges ist mehr, es lösen sich alle Bande frommer Scheu! Der Aufruf zur Verteidigung, den jener Landrat, Herr Dr. Anwers, in seinem Kreis⸗ blatt erlassen hat, hat folgenden Wortlaut: „Das vom Reichstag verabschiedete Gesetz betreffend eine erhöhte Besteuerung des Biers wird in vielen Teilen des preußischen Staates als Vorwand benutzt, um dem Publikum das Bier zu erheblich teureren Preisen als bisher zu verkaufen, als Vorwand deshalb, weil die neue Steuer die kleineren Brauereien überhaupt nicht höher belastet, die mittleren nur in ver⸗ schwindendem Maße und nur die Großbrauereien mit etwa/ Pfennig für das Liter trifft. Auch in Stuhm ist anscheinend seitens einzelner Bier ⸗ verleger der Zeitpunkt für günstig erachtet worden, um dem Publikum ohne gerechtfertigten Grund das Bier erheblich zu verteuern. Es geschieht dies in der Weise, daß die Flasche Bier, die für 10 Pfg. verkauft wird, nicht mehr dreiachtel Liter Inhalt hat, sondern nur noch dreizehntel Liter. Die Steigerung des Bier⸗ preises beträgt also das etwa Achtfache der höchsten Steuer. Die bestehende Gewerbeord⸗ nung läßt es ausgeschlossen erscheinen, daß von seiten der Behörden gegen die Bierverleger, die durch ihre ungerechtfertigte Preissteigerung einen erhöhten Schnaps verbrauch veranlassen werden, eingeschritten werden kann, es muß vielmehr der Einsicht und der Entschlossenheit des Publi⸗ kums überlassen bleiben, sich gegen diese Aus⸗ beutung zu wehren. Im Interesse eines ange⸗ messenen Bierprelses empfehle ich, von dem Mittel der Selbsthilfe alsbald energischen Ge⸗ brauch zu machen.“ Kleine Ursachen, große Wirkungen! Der Landrat Anwers hat sicher nicht gedacht, daß er mit seinen Bemühungen, im Kreise Stuhm einen angemessenen Bierpreis zu erzielen, die Grundlagen der bestehenden Ge⸗ sellschaftsordnung erschüttern würde. Und dennoch ist es so. Denn was dieser Landrat den Bierverlegern seines Kreises zum Vorwurf macht, bas ist nichts anderes, als daß ste die Grundsätze der kapttalistischen Gesellschaftsord⸗ nung auf ihr Geschäft anwenden. Herr Dr. Anwers scheint mit seinen Gedanken schon in einer sozialistischen Gesellschaft zu leben; er weiß nicht, das Plus macherei heutzutage eine bürgerliche Tugend ist. Was der Stuhmer Landrat an den Bierverlegern seines Kreises zu tadeln hat, kann er fast genau mit denselben Worten allen übrigen Stützen des Staates nachsagen: den agrarischen Brot- wucherern, den Bäckern, den Fleischern, den Grundstücksspekulanten, den Hausbesitzern, dem Kohlensyndikat, den Kohlenhändlern, den Panzer⸗ plattenfabriken und den Kolontallieferanten. Jede Gelegenheit benützen, um die Preise beim Einkauf— vor allem die Preise der wichtigsten Ware: Arbeitskraft— zu drücken— sie aber beim Verkauf möglichst hinaufzu⸗ schrauben, daran erkennt man in unserer Zeit den tüchtigen Geschäftsmann, damit bringt man es zu Orden, Ehren, Würden, Titeln und vor allem, was ja die Hauptsache ist, zu Mitteln, bis man schließlich sogar den Königen Geld auf Zinsen leihen kann. Man denke nur, ein kapitalistisches Unternehmen erfaßte irgend eine gule Gelegenheit beim Schopf, um die Löhne der Arbeiter zu reduzieren, ihre Arbeits- bedingungen zu verschlechtern. Dann müßte Herr Dr. Anwers, wenn er sich selber treu bleiben will, in seinem Kreisblatt doch gewiß erklären: Es muß der Einsicht und der Entschlossen⸗ heit der Arb eiter überlassen bleiben, sich gegen diese Ausbeutung zu wehren. Im Interesse der Erhaltung eines angemessenen Arbeits ⸗ lohnes empfehle ich, von dem Mittel der Selbsthilfe alsbald energischen Gebrauch zu machen. Daß er sich aber zu einem derartigen Auf⸗ ruf verstehen würde, ist schwerlich zu glauben! ä Politische Rundschau. Gießen, den 21. Juni 1906. Neue Millionen⸗Opfer für die Flotten ⸗ Politik! Als zugleich mit der nusmehr bewilligten neuen Flottenvorlage das Gerücht auftauchte, der Bau größerer Schlachtschiffe werde. die Verbreiterung des Nordostseekanals u wendig machen, wurde diese Nachricht von Aofstziöser Seite entschieden bestritten. Wollte man einen Ausbruch allgemeiner Mißstimmung verhindern, der es dem Zentrum am Ende doch unmöglich gemacht hätte, die neuen Hundertmillionenopfer auf den Altar des Vaterlandes zu legen, so mußte man die Kosten der neuen Vorlage so ering wie möglich angeben, und die kostspleligen Ausgaben, die durch die Bewilligung der Vor⸗ lage weiter entstehen mußten, tunlichst verheim⸗ lichen. Nun aber berichteten die Scherlblätter, eine Kommission von 30 höheren Regierungs⸗ beamten habe kürzlich die Strecke des Kanals bereist, um ein umfassendes Projekt für die Verbreiterung des Wasserweges auf seine Durch⸗ führbarkeit zu prüfen. Die Kosten des Projekts werden vorläufig auf 200 Millionen Mark veranschlagt. Es kann vielleicht also schon im nächsten Winter eine Schlachtflotten⸗Kanalvor⸗ lage vor den Reichstag kommen. Diese abzu⸗ lehnen wird dann umsomehr Pflicht des Reichs⸗ tags sein, als eine gewisse Perfidie, die bei der Einführung dieser Vorlage geübt worden ist, 0 von naiven Gemütern nicht verkannt werden ann! Mit der„Not der Landwirtschaft“ ist's wirklich nicht 1 schlimm, als die agrarischen Agitatoren den Leuten weiß machen wollen. Tatsache ist vielmehr, daß heute die Landwirt⸗ schaft erhebliche Gewinne abwirft, Groß⸗ und Mittelbauern sich in recht günstiger Lage befinden. Auch die kleineren Landwirte— wir meinen nicht diejenigen Kleinbauern, die nebenbei noch in der Industrie Beschäftigung suchen müssen— stehen sich nicht schlecht, jedenfalls bedeutend besser wie selbst gut bezahlte Arbeiter, die alle Nahrungsmittel kaufen und teuer bezahlen müssen. Die Richtigkeit des hier Gesagten be⸗ stätigt auch ein Land⸗Lehrer in der Thüringer Lehrerzeitung. In einem Artikel„Lehrer und Landwirt“ stellt er zunächst fest, daß aus Bauern⸗ familien jetzt nicht mehr, wie früher, Söhne zum Lehrerberufe kämen, weil sie sich eben in der Landwirtschaft besser stünden. Der Artikel⸗ schreiber sagt dann weiter:„Ich entstamme einem Bauernhause, behielt von meinem Ver⸗ mögen Mk. 4000 übrig und nahm mir eine echte und rechte Bauerntochter, die auch ihr gut Teil Vermögen besaß. Jetzt, nach mehr als 20 Jahren, wo die Kinder Geld kosten, will es nicht mehr zureichen; der eiserne Bestand schwindet. Was sind auch heute Mk. 2200 Besoldung! Ich habe mehrere Brüder, von denen jeder ein Gütchen im Werte von Mk. 5060000 besitzt. Sie sind in der Wahl ihrer Schwiegereltern auch nicht vorsichtiger Kale 18 1 7 8 aber 50 85 ährend ockor zukaufen können enne 5 Landwirte mit za. 18 e n 1555 hat der eine in 1 ahren Mk. 5500 „gut gemacht“] also in einem Jahre Mk. 2750! Derselbe ist mit Mk. 1800 eingeschätzt und gibt für Arbeitskräfte gar nichts aus. Wie hoch ist wohl der Lebensunterhalt seiner sechs⸗ köpfigen Familie zu veranschlagen? Müßte er nicht mit mehr als Mk. 4000 eingeschätzt werden? Was geht daburch doch dem Staate an Steuern verloren? Was macht nun der Bauer mit dem Geld? Er läßt es nicht in der Lade liegen, sondern tut es auf die Sparkasse. Leider vergißt er immer die Anmeldung bet der Steuerkommisston. Darum geht dem Staate die Steuer verloren! Die Sparkassen wissen oft nicht, wohin mit dem Gelde. Mir sagte einmal ein Kassierer:„Sie glauben nicht, was die Bauersleute jetzt für Summen einzahlen; es ist ganz enorm.“ Mag das hier Gesagte auch nicht überall zutreffen, es bestätigt aber, was seit Jahren bekannt ist, daß von einer Notlage unter den Agrariern gar keine Rede sein kann. Schauergeschichten über einen angeblichen sozialdemokratischen„Ge⸗ heimbund“ setzte das berüchtigste und ver⸗ logenste aller Kapitalistenblätter,„die Post“, in die Welt. Es fabelte seinen Lesern vor, daß ein Postbeamter in Berlin wegen Unter⸗ schlagung amtlicher Papiere in Untersuchungs⸗ haft genommen worden sei. Dieser wäre So⸗ zialdemokrat und Mitglied des„Geheimbundes“ und habe dem„Vorwärts“ amtliche Postsachen ausgeliefert. So sei der Vorwärts vor einigen Monaten in der 12 gewesen, allerlei Mittei⸗ lungen über die Entlarvung eines Berliner Polizeibeamten durch Sozialdemokraten in Brüsfel zu veröffentlichen. Die Berichte des Polizeibeamten, die das sozialdemokratische Blatt publizierte, seien nicht, wie der„Vorwärts“ angegeben, von dem Beamten in Brüssel in * — 1 2 —— 3 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 25. dem Zustande der Betrunkenheit verloren, son⸗ dern nach Berlin gesandt worden. Sie kamen auch in Berlin au, verschwanden hier aber auf geheimnisvollem Wege und tauchten dann in der Redaktion des„Vorwärts“ auf. Dr. Lieb⸗ knecht sei der Verteidiger des Postbeamten. Der„Vorwärts“ schreibt zu dem Geflunker: Genosse Liebknecht hat einen Briefträger als Klienten, und zwar, wie er so freundlich war, festzustellen, seit einem halben Jahre nur einen Briefträger. Dieser Briefträger ist Ende März des Jahres auch in Untersuchungshaft genommen, und zwar weil man ihn im Verdacht hatte, dem„Vorwärts“ Briefe oder Drucksachen über⸗ mittelt zu haben. Die Untersuchung hat die völlige Unschuld des Postboten und die Haltlosigkeit der Anschuldigung ergeben. Darauf ist der Postbote am 29. Maf aus der Untersuchungshaft entlassen. Er ist lediglich beschuldigt, ein paar Geschästsdrucksachen nicht bestellt und dadurch sich eines Vergehens schuldig gemacht zu haben. Zu einer internationalen Sozialistenhetze versuchten die deutschen Scharfmacher und ihre Gesinnungsverwandten im Auslande anläßlich des jüngsten Attentats in Madrid die Regierungen aufzustacheln. Man schreit nach Maßregeln gegen Anarchisten, dabei ist es unseren Scharfmachern natürlich viel mehr um die Sozialdemokratie, als um die Anarchisten zu tun, deren zur„Propaganda der Tat“ neigende Spezies es in Deutschland ja überhaupt kaum noch gibt, dank der eif⸗ rigen Arbeit der Sozialdemokratie, die sich stets mit aller Energie gegen die un⸗ sinnige Menschenvernichtung gewendet hat, die nicht nur der freiheitlichen Entwicklung nichts nützt, sondern nur die Reaktion zu stärken ge⸗ eignet ist. Aber den Scharfmachern, die das sehr gut wissen, kommt es ja auf eine Handvoll Lügen nicht an, wenn sie nur hoffen dürfen, scharfe Zwangsmaßregeln gegen die so tief ge⸗ haßte Arbeiterbewegung zu erreichen. Darum werden auch gewissenlos die spanischen Sozialisten und Anarchisten in einen Topf geworfen, ob- wohl auch dort die schärfsten Gegensätze —* 1— bestehen. Ba lohnt es sich, festzustellen, was darüber ein spanisches bürger⸗ liches Blatt zu sagen weiß. Im Gemeinderat von Madrid hatte man unseren Genossen Pablo Iglesias, als er sich zum Attentat äußern wollte, nicht zu Worte kommen lassen. Dies tadelt die Madrider Zeitung„El Pais“ sehr entschteden und schreibt dann weiter:„Die sozialistische Partei ist diejenige, die am meisten Einfluß besitzt, um mit Ruhe und Geschlossenheit und unter Vermeidung des Tagesgezänks vorzugehen; sie hat noch stets die Attentate verurteilt und sich dadurch den grimmigsten Haß der Anarchisten zugezogen. Noch nie haben die Sozialisten ein Attentat gutgeheißen, nicht einmal damals, als Mac Kinley einem solchen zum Opfer fiel, während die spauische Bour⸗ Pont e Auch den Bombenwurf des Morales verurteilen die Sozialisten, und sie bedauern die Opfer des⸗ selben herzlicher und aufrichtiger, als es die⸗ jenigen tun, welche sich an Stierkämpfen und dergleichen belustigen. Die Haltung der Sozialisten, die bei aller Gegnerschaft wider das monarchische Prinzip das Attentat gegen das junge Königspaar verwerfen, sticht vor⸗ teilhaft ab von dem verwerflichen Beginnen, das Verbrechen in eigen⸗ nütziger Weise politisch auszu⸗ beuten.“ And das Zentralorgan der spanischen So⸗ zialisten schreibt in der ersten nach dem Attentat erschienenen Nummer:„Wie alle Welt, so ver⸗ urteilen auch wir Attentate wie das vom 31. Mai, die der Allgemeinheit nichts nützen, dagegen ein⸗ zelne verwunden oder vernichten. Ebenso wenden wir uns aber auch gegen jene, die sich über das Attentat wohl entrüͤsten, sich anderseits aber nicht genug tun können, die Attentäter möglichst qualvoll zu richten, und die— um nur recht viele Schuldige zu finden— auch Unschuldige mißhandeln. Obwohl wir die größten Gegner der Anarchisten sind, verurteilen wir es doch, daß man ste wie wilde Tiere hetzt, statt nur diejenigen zu bestrafen, die wirklich Verbrechen begangen haben.“ Natürlich werden derartige, schon oft wiederholte Erklärungen die kapitalistischen Soldschreiber und die gewerbs⸗ mäßigen Verleumder nicht zur Wahrheit bekehren. Das Lügen im Interesse der Reaktion ist ihr 1 Geschäft, und so wird weiter gelogen werden. Opfer des Majestätsbeleidigungs⸗ Paragrapben. Die Strafkammer in Liegnitz verürtelste den Arbeiter Wilhelm Putschkeit aus Schweidnitz wegen Majestätsbeleidigung zu der unerhörten Strafe von drei Jahren Gefängnis! Die Verhandlung wurde unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt. Solche Urteile müssen natürlich in den weitesten Kreisen Erbitterung erregen und geben uns, ohne es zu wollen, neue Agitationswaffen für die Be⸗ seltigung des§ 95 in die Hand. Der Respekt vor der Majestät gewinnt dabei aber stcher nicht. Die Revision unseres Genossen Kressin von der Leipziger Volkszeitung, der wegen eines in seinem Blatte erschienenen Aufsatzes: „Albertinische Profile“ zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden war, hat das Reichsgericht verworfen. Damit hat das Reichsgericht, wie auch bürgerliche Blätter betonen, sich eine Ausdehnung des Begriffs der Majestäts⸗ beleidigung zu eigen gemacht. Denn in jenem Aufsatze, der übrigens Feststellungen bürgerlicher Geschichtsschreiber über sächsische Fürsten wieder⸗ gab, war der gegenwärtige König mit keinem Worte erwähnt! Sogar das„Berliner Tageblatt“ wendet stch gegen diese Rechtsprechung, indem es schreibt:„Uns ist es unverständlich, wie man irgend jemanden, ob er nun ein Fürst oder irgendwer sonst sei, dadurch beleidigen kann, daß man seine Vorfahren herabsetzt. Vor allem aber entsteht durch die neuerliche Reichs⸗ gerichtsentscheidung die Frage, ob es dann überhaupt noch eine historische Kritik geben kann.“ In Geestemünde verurteilte die Straf⸗ kammer einen schwedischen Matrosen zu sechs Monaten Gefängnis. Der Matrose soll die Beleidigung am Bord eines Fischdampfers auf hoher See begangen haben, gelegentlich einer Auseinandersetzung mit seinem Kapitän. Außer diesem hat niemand die betreffende Aeußerung gehört! Der Staatsanwalt hatte nur 4 Monate beantragt. Der beleidigte Amtsblatt⸗Redakteur. Genosse Ig os in Gotha hatte als Redak⸗ teur des„Volssvlattes“ in einer Polemik gegen einen Amtsblatt⸗Redakteur, der sich eine An⸗ pödte, g der Genossin Luxemburg leistete, in berechtigter Abwehr den Ausdruck„Hundsfott“ angewendet. Diese verdiente Abfuhr versuchte der Beschimpfer der Genossin Luxemburg da⸗ durch zu rächen, daß er vom Staatsanwalt verlangte, er möge im„öffentlichen Interesse“ Strafantrag erheben. Der Staatsanwalt wei⸗ gerte sich, wurde aber vom Oberstaatsanwalt in Jena belehrt, daß er sich einem Amtsblatt⸗ Redakteur zu fügen habe. Die Anklage wurde erhoben und Genosse Joos vom„Volksblatt“ zu Mk. 300 Geldstrafe verurteilt. Die rüpel⸗ hafte Beleidigung, mit der der Amtsblatt⸗Re⸗ dakteur glänzte, blieb natürlich straflos, da sich kein Staatsanwalt und kein Oberstaatsanwalt efunden hätte, der gegen beleidigende Amtsblatt edakteure Strafverfolgung erheben würde. Der Jenaer Oberstaatsanwalt hätte den schimpfenden Amtsblattschreiber auf den Privatklageweg ver⸗ weisen sollen— aber freilich, da wäre er glänzend reingefallen, denn dann hätte Genosse Joos Widerklage erheben können. Man sieht: der Mensch hat„oben“ Glück, er braucht nur ein Regierungsblättchen zu redigieren und im In⸗ teresse von„Religion, Ordnung und Sitte, Thron und Altar“, die Sozialdemokratie zu verlästern. Dann wird ihm allemal geholfen. Meutereien in Südwestafrika. Der Vorwärts teilte dieser Tage nach Privat- briefen mit, daz unter den deutschen Truppen in Südwestafrika Meutereien vorgekommen seien. Das wurde zunächst von den offlziösen Blättern als unwahr hingestellt, daun aber gab eine halbamtliche Korrespondenz zu. daß auf einer Station im Windhuker Distrikt die Reiter bei einem Trinkgelage und unter dem Einfluß über⸗ mäßigen Alkoholgenusses einen Portepee⸗Unter⸗ offtzier bedroht und ihn gezwungen() haben, mit ihnen ein Hoch auf die Sozialdemokratie auszubringen. Die Beteiligten seien vor ein Kriegsgericht gestellt und zu schweren Freiheits- strafen verurteilt worden. Und den Münchener „Neuesten Nachr.“ wird ebenfalls aus Berlin mitgeteilt, daß man dort an amtlichen Stellen nicht in Abrede stelle, daß einige ernste Fälle von Insubordination, Diebstähle u. a. m. wie stie bei jeder größeren Truppe in Friedens⸗ wie in Kriegszeiten vorkommen, sich in Südwest⸗ afrika ereignet haben und mehrere Soldaten deshalb mit schweren Freiheitsstrafen belegt und nach Deutschland ins Gefängnis geschickt worden sind. Also ist die Sache schon so! Das dem Abg. Erzberger nahestehende Zentrumsblatt in Stuttgart fügt den Mit⸗ teilungen des Vorwärts hinzu, dem Kolonial⸗ amt sei von einem Offizier der Schutztruppe mitgeteilt worden, daß am 1. Mai deutsche Schutztruppensoldaten die rote Flagge ge⸗ hißt haben und den Abgeordneten Bebel hochleben ließen. Aus dem berrlichen Kriegsheer. Ein scheußlicher Soldatenschinder war der Sergeant August Schirmel beim 3. Feld⸗ artillerie⸗Regiment in Riesa, Sachsen, der sich vor dem Kriegsgericht in Dresden wegen Miß⸗ handlung von Rekruten zu verantworten hatte. Schirmel ließ z. B. seine Leute bei großer Kälte nach dem Reitplatze abrücken, wo sie das Eis der zugefrorenen Wasserpfützen eintreten und dann mit den Händen das Eis herausschöpfen und forttragen mußten. Dabei sind einem der Rekruten beide Hände erfroren. Einem andern Rekruten zählte er zehn Peitschen⸗ hiebe auf. Erst als die Gemißhandelten zur Entlassung kamen, erstatteten sie Anzeige. Das Kriegsgericht verurteilte den Sergeanten zu einem Jahr einem Monat Gefängnis und zur Degradation. Fünf Jahre und einen Tag() Gefängnis erhielt dagegen der Gefreite Fischer dom sächsischen Fußartillerie⸗Regiment Nr. 12 wegen tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten vom Oberkriegsgericht in Metz zudiktiert. Das erstinstanzliche Urteil hatte auf 6 Jahre Ge⸗ fängnis gelautet.— Ebenfalls wegen tätlichen Angriffs auf Vorgesetzte bekam der Arbeitssoldat Bernhardt aus Monsheim bei Worms 4 Jahre Gefängnis vom Oberkriegsgerichte in Mainz. In diesem Falle hatte die Vorinstanz auf sieben Jahre erkannt gehabt. Der Prozes gegen den Oberst Hüger hat nach vier wöchentlicher Verhandlung vor der Dortmunder Strafkammer(in letzter Nr. war in der politischen Rundschau irrtümlich gesagt, daß der Prozeß in Herne stattfinde) mit einer Freisprechung des Angeklagten geendet. Oberst Hüger war früher Kommandeur eines württembergischen Artillerie⸗Regiments, schied nach beine Konflikten mit untergebenen Offi⸗ zieren und Vorgesetzten aus dem Dienst und wurde später vom Ehrengerichtshof zum Verlust der Uniform und Aberkennung des Offizters⸗ charakters verurteilt. Er schrieb dann einige Broschüren, in denen er heftige Anklagen gegen die Mitglieder des Ehrengerichts und verschie⸗ dener Militärgerichte er ob. Deswegen wurde er angeklagt. Die Verhandlung verlief sehr ungünstig für ihn, doch gab der Psychiater Dr. Murmann ein Gutachten ab, nach dem Oberst Hüger seit Jahren an einer als Queru⸗ lantenwahn zu bezeichnenden Geistesstörung leide. Trotzdem beantragte der Staatsanwalt 3 Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte jedoch auf Freisprechung wegen Geisteskrankheit. Es wurde ferner auf die Einziehung seiner Broschüre; „Wie es meiner Petition im Reichstag erging und Vernichtung der Platten erkannt. — ö. fel, fern at ler lber lter: ben atie eil tits, ener erlin alen bol Oe⸗ chen dat 5 4 lan ger der Nl. lch Alt det. ies ed f 2 0. b Nr. 25. Mitteldentsche Sonnags⸗Zeitnug. Se ite 3. Verunglückte Staats aktion. Die Dresden er Staatsafwaltschaft hatte gegen die Gauleitung des Metallarbeiterver⸗ handes und die„Sächsische Arbeiter⸗Zeitung“ ein Strafverfahren eingeleitet. Es sollte fürch⸗ terlich vergolten werden, daß zu der Zeit, als der Riesenkampf in der Metallindustrie begann, von der genannten Gauleitung in obengenannter Zeitung alle organisterten Metallarbeiter auf⸗ gefordert worden waren, die Erklärungen ruhig zu unterzeichnen, durch welche der Verband der Metallindustriellen vor der Aussperrung die indifferenten Schafe von den organisterten Böcken zu scheiden suchte, um nur letztere durch die Aussperrung zu treffen. Sowohl der verant⸗ wortliche Redakteur wie der Gauleiter des Metallarbeiterverbandes erhielten eine auf A n⸗ reizung zum Massenbetrug lautende An⸗ klage. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, um zu erkennen, daß die auf diese Art und Weise zusammengekünstelte Aktion zu einer Niederlage der Staatsanwaltschaft führen müsse. Das hat diese jetzt auch selbst eingesehen und einen Zurückzieher einer Niederlage vorgezogen. Dem Genossen Heldt ist mitgeteilt worden, daß die Anklage zurückgezogen worden ist. Der große Eifer ist also in nichts verpufft. Reichstagswahlen. Im Wahlkreise Hanno ver findet diesen Freitag die Ersatzwahl für unseren verstorbenen Genossen Meister, der im Jahre 1903 mit 29 381 Stimmen im ersten Wahlgange gewählt wurde. Hoffentlich wird auch dies mal unsere Partei ihren Kandidaten Aug. Brey auf's erste Mal durchbringen, wenn auch die Gegner, unterstützt von dem Reichs⸗Schwindel⸗Verband die größten Anstrengungen machen.— Für Rinteln⸗ Hofgeismar wurde wiederum Genosse Vetterlein als Kandidat aufgestellt. Von den Gegnern treten zwei antisemitische, drei liberale und noch einige andere Kandidaten auf. Diese Wahl findet am 25. Juli statt. Für das allgemeine Wahlrecht! Eine großartige Wahlrechts⸗Demonstration veranstaltete die Wiener Sozialdemokratie am letzten Sonntag. Riesige Massenversammlungen fanden in der Volkshalle und unter freiem Himmel vor dem Rathause statt, an denen etwa 40000 Arbeiter teilnahmen, die aus allen Be⸗ zirken mit Fahnen herbeigezogen waren. Fast sämtliche soztaldemokratische Abgeordnete sprachen. Es wurde eine Resolution beschlossen, in der die Gesetzwerdung der Wahl⸗ reform mit Ungeduld erwartet und die Kampf⸗ bereitschaft angekündigt wird. Nach Absingen des Liedes der Arbeit erfolgte der Abzug in die Bezirke ohne Ruhestörung. Die Vertrauensmänner der Wiener Gewerk⸗ schaftsorganisationen faßten in einer gemein⸗ samen Sitzung einstimmig den Beschluß, der Proklamation der Parteivertretung über die dreitägige Arbeitsruhe in Wien vollinhaltlich uzustimmen. Sie haben sich ferner verpflichtet, sofort die notwendigen Vorarbeiten zu beenden, um auf das vom Zentralkomitee gegebene Signal sofort die Arbeitseinstellung zur Durchführung zu bringen. Die Eisenbahner haben in einer Massenversammlung besonders Stellung zu der Frage genommen. Unter stürmischem Beifall wurde auch hier beschlossen, erforderlichenfalls sofort in den Generalstreik einzutreten. Revolution in Rustland. Grauenhafte Juden metzeleien. Wieder ist es in Bialystock zu furchtbaren Juden ⸗ schlächtereien gekommen, die von dem Pöbel, den sogenannten Hooligans unter Führung der Polizei und des Militärs verübt wurden. Von amtlicher Seite wurde die Lüge verbreitet, die Juden hätten eine Bombe auf die Fronleichnamsprozession geworfen, wo⸗ durch mehrere Personen getötet wurden; darauf seien von der entrüsteten Menge die Judenhäuser gestürmt worden. Daß die ohnehin das ganze Jahr in Angst lebenden Juden Blalystocks eine solch unsinnige Handlung nicht begehen, ist von vornherein fuͤr jeden Verständigen klar. Jetzt stellt, daß es sich um Schandtaten handelt, die von Mörderbanden unter dem Schutze der Polizei, ja unter tätiger Mit⸗ wirku 15 von Polizeibeamten verübt wurden. Während der am vorigen Donnerstag durch die Stadt ziehenden Fronleichnamsprozesston hörte man plötzlich einen lauten Krach; was es war, ist nicht festgestellt, jedenfalls aber diente er den schon bereit stehenden Mördern als Signal, die sofort alle Judenhäuser, Läden usw. plünderten und demolierten und alle ihnen in die Hände fallenden Juden, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, er; mordeten. Bald lagen Dutzende von Leichen auf den Straßen. An der Plünderung beteiligten sich Polizei und. Militär. Besser situierte Israeliten eilten zur Bahn, um Bialystok zu verlassen. Sie wurden aber von Soldaten aus den Waggons herausgezerrt und auf dem Bahnsteig ermordet. Die Zahl der Ermordeten läßt sich auch nicht annähernd an⸗ geben. Die Metzeleien wiederholten sich Freitag und Samstag und auch in der Nacht von Samstag auf Sonntag; erst am Sonntag trat verhältnismäßige Ruhe ein. Vom Samstag wurde noch berichtet, daß das Milstär die Stadt umzingelt hält und die Hooligans morden uad plündern. Nach dem Walde Geflüchtete wurden vom Militär eingeholt und ermordet. Allgemeine Panik er⸗ greift auch die Nachbarstädte. Von Bialystok nach Grajewo zurückgekehrte höhere Zollbeamte erzählen, sie hätten selbst gesehen, wie Polizei⸗ beamte der Mordbande vorangingen. Offtziere teilen mit, daß niemand während der Prozession eine Bombe geworfen habe, vielmehr habe die Prozessionsmenge Feuerwerk explodieren lassen, was die Polizei als Signal zur Metzelei be⸗ nutzte. Durchreisende wurden wiederholt aus dem Zuge herausgeschleppt und in Gegenwart der Gendarmen und Soldaten von Hooligans totgeschlagen. Die Duma hat sich bereits mit den aller Veschreibung spottenden Vorgängen beschäftigt. Mehrere Redner vorlangten, daß die Duma unverzüglich gegen diese verabscheuungswürdigen Verbrechen vorgehen müsse. Es wurde ein von dem Arbeiterführer Aladjin gestellter Au⸗ trag angenommen, nach welchem die bereits ge⸗ bildete Kommisston zur Untersuchung ungesetz⸗ licher Akte der Regierung zwei ihrer Mitglieder nach Bialystock entsenden solle, um die Ursachen festzustellen. Die Regierung und die Reaktionäre wollen offenbar einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufhetzen, um einen Bürgerkrieg hervor⸗ zurufen, um hlerin die Regierung ihre Rechnung finden zu lassen. Die Hetze in Bialystock war von der Polizei planmäßig vorbereitet und es sollen auch in anderen Städten ähnliche Metze⸗ leien geplant sein, so daß die Lage der Juden verzweifelt ist. Wertzuwachssteuer. In der letzten Zeit beschäftigen sich viele größere Gemeinwesen mit der Wertzuwachssteuer und ziehen ihre Einführung in ernste Erwägung. Dadurch werden auch unsere Genossen gezwungen — besonders die Gemeindevertreter find— sich mit diefer Frage näher zu beschäftigen. Des⸗ halb halten wir es für zweckmäßig, folgenden in der kommunalen Praxis erschienenen Artikel, der diesen Gegenstand eingehend behandelt, hier 1 Verfasser des Artikels ist Ge⸗ nosse Lindemann, der auf kommunalpolitt⸗ schem Gebiete besonders tätig und sachkundig ist und zu der Sache ausführt: Für die Gemeindeverwaltung ist die intime Verbindung mit dem Grund und Boden der Gemeinmarkung vor allem charakteristisch. Fast jede ihrer Aeußerungen geht von diesem aus und wirkt auf ihn zurück. Ihren finanziellen Ausdruck findet diese Verbindung unter dem heutigen System des Privateigentums in den Wertbewegungen des Grund und Bodens, die sich in wachsenden Gemeinden im wesentlichen ist vielmehr endgültig und zweifelsfrei festge⸗ nach aufwärts vollziehen. Gerade in dieser Wertsteigerung ist das spezielle Steuerobjekt der kommunalen Besteuerung zu erblicken. Die Grundwertzuwachssteuern sind ihrem Charakter nach spezifisch kommunale Steuern. Sie haben die Ergänzung zu denjenigen Teilen des kom⸗ munalen Steuersystems zu bilden, die im An⸗ 11 an gleiche staatliche Steuern ausgebildet nd. Der 8 25 des preußischen Kommunalab gaben⸗ gesetzes von 1893 gestattet den Gemeinden die Einführung besonderer Steuern vom Grundbesitz und nennt von Veranlagungsmaßstäben nach dem Reinertrage beziehungsweise Nutzungswerte eines oder mehrerer Jahre, nach dem Pacht- oder Mietwerte, oder nach dem gemeinen Werte der Grundstücke und Gebäude, nach den in der Gemeinde stattfindenden Abstufungen des Grund⸗ besitzes, oder nach einer Verbindung mehrerer dieser Maßregeln. Den Gemeinden wurde diese Steuerautonomie gewährt, weil die ihnen über⸗ wiesenen staatlichen Grund- und Gebäudesteuern nach Gesichtspunkten veranlagt waren, die mit den aktuellen Bedürfnissen und Leistungen der Gemeinden ohne Zusammenhang dastehen. Die preußischen Grund⸗ und Gebäudesteuern sind nämlich, wie wohl fast allgemein die Grund⸗ und Gebäudesteuern in Deutschland, katastrierte Ertragssteuern. Die preußischen Grundkataster sind in den sechziger Jahren festgestellt und vollständig veraltet. Zwischen den Steuerkapi⸗ talien des Katasters und den wirklichen Rein⸗ erträgen der einzelnen Grundstücke haben sich die schreiendsten Widersprüche herausgebildet. Die gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse sind von Grund aus andere geworden. Die Kultur ist beim ländlichen Grund und Boden intensiver geworden usw. Landwirtschaftlich benutzte Grundstücke haben sich in Bauplätze verwandelt, die nach ihrem landwirtschaftlichen Reinertrage versteuert werden, als Lagerplätze, Holzplätze usw. so lange benutzt werden, bis der gestiegene Bodenpreis die Bebauung lohnt. So liegen im Kreise der städtischen Bebauungs⸗ zone große Ländereien, die zum Teil bereits baureife Bauplätze, zum Teil schon mehr oder weniger in die Baureife hineinwachsende Grund⸗ stücke sind. Ihre gewaltigen Werte haben aber dabei keine anderen Steuern als die landwirt⸗ schaftlichen Ländereien zu tragen. Die Grundlage für die Gebäudebesteuerung bildet der durchschnittliche jährliche Bruttomiet⸗ ertrag, der zum Beispiel in Preußen alle 15 Jahre aus den Mieten der letzten zehn Jahre berechnet wird. Seitdem sind die Gebäude⸗ steuerkapitalien unverändert geblieben, soweit nicht Veränderungen in den Bestandtetlen der Gebäude eintraten. Was für das Grundsteuer⸗ kataster gilt, gilt ebenso für das Gebäudesteuer⸗ kataster. In unseren schnellwachsenden Groß⸗ und Industriestädten spielen sich die tiefgreifend⸗ sten baulichen Revolutionen in kurzen Perioden ab. Der Verfall früher glänzender Geschäfts⸗ viertel, wie das Aufblühen neuer Geschäfts⸗ zentren, verbunden mit gleichgroßer Entwertung wie Preissteigerung der Hausgrunostücke, er⸗ fordert jetzt eben so viel Jahre wie früher Jahr⸗ zehnte. Diesen Entwickelungen vermag die kata⸗ strierte Gebäudesteuer überhaupt nicht zu folgen. Außer diesem Mangel an Anpassung an die tat⸗ sächlichen Verhältussse führt die Gebäudesteuer noch den Uebelstand mit sich, die Hausgrund⸗ stücke mit kleinen Wohnungen relativ stärker zu belasten, als die mit besseren Wohnungen, weil sie im Verhältnis zum Werte größere Bruttomieterträge abwerfen. Da sich di staatlichen Grund- und Gebäude⸗ steuern als unfähig erwiesen, den Wert und Ertragsbewegungen des Grund und Bodens, vor allem des städtischen, zu folgen, empfahl, wie wir bereits sahen, das preußische Kommunal⸗ abgabengesetz die Einführung besonderer kom⸗ munaler Steuern vom Grundbesitz, und gewährte außerdem den Gemeinden das Recht, Liegen⸗ schaften, welche an einer Baufluchtlinte gelegen find, mit einem höheren Steuersatze als die übrigen Liegenschaften heranzuziehen(Bauplatz⸗ steuer). Unter den im Kommunalabgabengesetz besonders empfohlenen Besteuerungsmaßstäben hat der nach dem gemeinen Werte rasch große Verbreitung gefunden, während sich die Bau⸗ platzsteuer als unpraktisch und undurchführbar erwies. FP 3 Seite 4. Mitteldenische Sountags⸗Zeitung. Nr. 24. Non Rah und Lern. Hessisches. — Erfolg sozialdemokratischer Kritik. Wie erinnerlich, brachte die Mainzer „Volkszeitung“ die Meldung, daß in den hesst⸗ schen Domänenwaldungen oftmals eine unpünkt⸗ liche Auszahlung der Löhne erfolge. In dieser Frage waren unsere Genossen im Landtag auch vorstellig. Jetzt wird berichtet:„Infolge ein⸗ gelaufener Beschwerden, daß die in hessischen Staatswal dungen beschäftigten Holz⸗ und Kulturarbeiter durch die Schuld einzelner Ober⸗ förstereien 6 bis 11 Wochen warten mußten, bis ihnen der Lohn ausbezahlt wurde, hat die oberste Forstbehörde jetzt durch eine generelle Verfügung angeordnet, daß die Abnahme der Arbeiten durch die Forstbeamten so zeitig zu geschehen habe, daß den Arbeitern der Lohn entweder ganz oder teilweise höchstens alle 14 Tage zur Auszahlung gelange.“ Warum geht es denn jetzt! — Gemaßregelter Pastor. Der liberale Kandidat bei der Darmstädter Reichs⸗ tagsersatzwahl, Pfarrer Korell in Königstädten, hat vom Oberkonsistorium einen Rüffel er⸗ halten und zwar wegen seines Verhaltens bei der Stichwahl. Hierbei habe er, wie es in der langen, in der Darmstädter Zeitung veröffent⸗ lichten Begründung heißt, seine Pflichten als Geistlicher verletzt, weil er nicht gegen die revolutionäre, religions⸗ und kirchenfeindliche Sozialdemokratie Stellung genommen habe und dadurch die Meinung aufkommen ließ, daß er deren Sieg billige. Deshalb wird er mit einem Verweise bestraft. Also: der Geistliche, der Diener der Kirche, Verkünder des Evangeliums, muß die Interessen und die Politik der b e⸗ sitzenden und herrschenden Klassen ver⸗ ireten oder er ist unmöglich!— Herr Korell soll nach Mitteilung eines Frankfurter Blattes „den Kampf für seine Ueberzeugungstreue bis zum äußersten Ende durchführen“ wollen. Man wird ja sehen, was er zu diesem Zwecke unter⸗ nehmen wird. — Einige gewerbsmäßige Ver⸗ leumder der Sozialdemokratie werden sich demnächst in Darmstadt vor Gericht zu verant⸗ worten haben. Es handelt sich um die gemeinen Verleumdungen, die vor Kurzem von Darmstadt aus gegen den Genossen Berthold in die Welt gesetzt wurden und diesen als Trunkenbold und Rowdy hinstellten. Als Haupttäter kommt der Jouralist Haunemann in Betracht, der sich Inhaber eines Redaktionsbureaus für die Heyl⸗ sche Wormser Zeitung nennt. Außer gegen diesen hat Rechtsanwalt Dr. Fulda als Ver⸗ treter Bertholds noch gegen einige andere ehren⸗ werte Darmstädter Bürger, die sich bei der Verbreitung jener Lügen hervorgetan haben, Strafantrag bei der Staatsanwallschaft gestellt und man darf gespannt sein, wie diese Behörde, die sich dem Abgeordneten Becker gegenüber so bereitwillig zeigte, sich im Fall Berthold stellt. Sollte sich die Staatsanwaltschaft ablehnend verhalten, so wird gegen die Betreffenden Privat- klage erhoben werden. Hannemann soll bei Dr. Fulda verschiedentlich um Zurücknahme der Klage ersucht haben, man sollte aber diesem groben rücksichtslosen Verleumder gegenüber keine Nachficht üben. — Die Landtagsersatzwahl in Wörr⸗ stadt hat mit dem„Siege“ des Bündlers Wolf⸗Stadecken geendet, nachdem der erste Wahlgang infolge Wegbleibens der freistnnigen Wahlmänner, ergebnislos geblieben war. Wolf bekam 17 Simmen, 15 fielen auf den national⸗ liberalen Bürgermeister Geil⸗Schornsheim. Der freisinnige Kandidat und bisherige Abge⸗ ordnete Chr ist hatte also seine Kandidatur zurückgezogen und es war Geil aufgestellt worden, der vorher als Kandidat nirgends genannt wurde und nicht in Betracht kam. Viel fehlte nicht und er wäre gewählt worden— eine hübsche Illustration der indirekten Wahl! Gießener Angelegenheiten. — Aus dem Geschäfts⸗Bericht der Ortskrankenkasse, der in der General- .—— —̃——— 0 versammlung gegeben und den Vertretern ge⸗ druckt zugestellt wurde, sei hervorgehoben, daß das letzte Geschäftsjahr mit einem Deftzit von 3572 Mark abschloß. Für Krankengeld wurden allein zirka 17422 Mk. mehr als wie im Vor⸗ jahre ausgegeben, während nur 11862 Mk. mehr Beiträge eingingen. Doch wird sich das Jahr 1906 günstiger gestalten. Durchschnittlich betrug die Mitgliederzahl 5681, 600 mehr als wie im Vorjahre. Die Lage der Kasse ist im allgemeinen keine ungünstige; der Reservefonds beträgt 134352 Mk., während er der gesetzlichen Vorschrift gemäß nur 120619 Mk. zu betragen hätte. Im Verhältnis zu andern Städten arbeitet die Kasse günstig, indem sie nur 30% des durchschnittlichen Tagelohns an Beiträgen erhebt, aber nicht nur in vielen Punkten über die gesetzliche Mindestleistungen hinausgeht, son⸗ dern auch ohne Zusatzbeiträge eine gut ausge⸗ baute Familienversicherung besitzt. Die durch die Familienversicherung ꝛc. entstehenden Mehr⸗ Ausgaben belaufen sich in 1905 auf ungefähr 28 000 Mk. Gewiß ein gutes Zeichen, daß die Kasse bei dem minimalen Beitragssatze von 30% sehr gut wirtschaftet. In den meisten Nachbar städten werden 3½% bis 4% an Beiträgen er⸗ hoben, ohne daß derartige weitgehende Mehr⸗ leistungen eingeführt stend. Was aber das Er⸗ heben von ½% Beiträgen mehr bedeutet, dürfte gewiß daraus erhellen, daß dadurch z. B. der Ortskranlenkasse Gießen zirka 24000 Mk. Mehr⸗ einnahmen pro Jahr zufließen würden. Die Gesamt Einnahmen für 1905 betragen rund 1755539 Mk. Die Ausgaben beziffern sich auf 157186 Mk. und setzen sich wie folgt zusammen: Für ärztliche Behandlung 27067 Mk., Arznei und Heilmittel 14574 Mk., Krankengeld an Mitglieder 79 182 Mk., Unterstützung an Wöchnerinnen 1928 Mk., Sterbegeld 4743 Mk., Kur⸗ und Verpflegungs⸗ kosten 6 999 Mk., Ersatzleistung für gewährte Krankenunterstützung 1752 Mk., zurückbezahlte Beiträge 329 Mk., Kapitalanlagen 1000 Mk., Verwaltungskosten 18 732 Mk., sonstige Aus⸗ gaben 874 Mk.— Zu dem Bericht über die Generalversammlung vom 10. Juni sei noch hinzugefügt, daß Stadtv. Kirch in der Debatte über den Vortrag Gräfs sich ebenfalls für die Errichtung eines Krankenhauses erklärte und dabei bemerkte, daß ihm selbst schon der Mangel eines solchen bei Erkrankungen in seinem Personal Schwierigkeiten verursacht habe. Er schlug vor, die alte chirurg. Klinik für ein solches ins Auge zu fassen. Dagegen wurden jedoch von andern Rednern nicht unbegründete Bedenken erhoben. — Das Schwurgericht verhandelte noch den ganzen Freitag und Samstag über die Sache Carlé. Die am Freitag zu Ende geführte Beweisaufnahme ergab, daß zunächst sich der Angeklagte alle Mühe gegeben hatte, das Rothenberger'sche Anwesen zu erwerben. Er ersuchte auch den Oberbürgermeister, ihm dazu behülflich zu sein, was dieser natürlich ablehnte. Ferner wurde festgestellt, daß durch die Wand des Lumpenmagazins ein etwa 5 em großes Loch geschlagen war, das mit einem gleichen in der Wand der angrenzenden früher Luh'schen Werkstätte korrespondierte. In diesem Raume lagert der Angeklagte Abbruchsmaterial. Von der Innenseite der Werkstelle war das Loch mit einem Stück Mörtel verstopft. Ein Holzstäbchen war durch die beiden Löcher gesteckt und an dem in das Lumpenlager hinein ⸗ reichenden Ende mit einer Papierhülse umwickelt, die mit Petroleum getränkt war. Außerdem fand sich zwischen den beiden Wänden ein halb verbranntes Kouvert, das Carlés Namen trug. Diese Dinge in Verbindung mit dem Verhalten C's. am Tage des Brandes(24. Febr.) erachtet der Staatsanwalt Hoos als hinreichenden Beweis für die Täterschaft des Angeklagten. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Jung, bemüht sich, die Beweise zu ent⸗ kräften und bestreitet besonders, daß C. zu der kritischen Zeit noch ein Interesse an dem Besitz des Rothenberger⸗ schen Anwesens gehabt habe. Die Geschworenen bejahten nach langer Beratung die Schuldfrage, worauf das Gericht den Angeklagten zu zwei Jahren Zucht⸗ haus verurteilte.— Ein Meineidsprozeß wurde als letzte Sache in der diesmaligen Schwurgerichtsperiode am Montag und Dienstag verhandelt. Angeklagter war der Kaufmann Franken aus Köln. Dieser besaß dort ein Farbengeschäft und reiste dafür in hiesiger Gegend. Verschiedentlich hatte er Geschäftsleuten, be⸗ sonders Weißbindern, mehr Waren, als diese bestellt hatten, zugesandt, es kam darüber zu Prozessen und in diesen beschwor Franken, daß die Bestellung so gelautet habe, wie sie von ihm ausgeführt wurde. Nach der Anklage soll er in drei Fällen wissentlich falsch geschworen haben. Trotz der ausgezeichneten Verteidigung durch die Herren Rechtsanwälte Gutfleisch und Jung lautet der Spruch der Geschworenen in zwel Fällen auf schuldig und das Gericht erkennt auf eine Zuchthausstrafe von 4½ Jahren und 10 jährigem Ehrverlust. — Der Prozeß Carl é und die schwere Verurteilung des Angeklagten bildete in den letzten Tagen das allgemeine Gespräch in Gießen. Dabei fällt auf, daß fast nirgends Teilnahme für den Verurteilten bemerkbar wird, eher das Gegenteil, ein Beweis dafür, daß sich C. nicht allzugroßer Beliebtheit erfreute. Den Arbeitern gegenüber kehrte er stets den schroffsten Unter⸗ nehmerstandpunkt heraus und kam ihren be⸗ rechtigten Forderungen in keiner Weise entgegen. Die Sucht, sich möglichst schnell zu bereichern, kennt keine Rücksicht auf den Nebenmenschen und führt schließlich zum Verbrechen, die meistens in den heutigen Verhältnissen ihre Ursache haben. Wäre es nicht möglich, sich zu bereichern und hätte jeder bei mäßiger Arbeit menschenwürdige Existenz, ein Zustand, wie wir ihn erstreben, so würden auch die Verbrechen verschwinden. — Die Erhöhung des Postkarten⸗ portos für den Ortsverkehr soll schon am 1. Juli in Kraft treten und zwar soll die Stadtpostkarte wie früher 5 Pf. kosten. Zu dieser Maßnahme hat die bürgerliche Reichs⸗ tagsmehrheit die Regierung in einer Reso⸗ lution direkt aufgefordert. Und damit wird gerade der sogenannte Mittelstand empfindlich belastet, der sich dafür bei seinen national⸗ liberalen, antisemitischen ꝛc.„Rettern“ bedanken mag. J. Zum deutschen Freidenkerkongreß, der vom 9.— 12. Juni in Stettin tagte, hatten auch die Gießener Freidenker einen Delegierten entsandt. Die 25 jährige Jubelfeier des Freidenkerbundes war mit dem Kongreß verknüpft, zu dessen Empfangsfeier im festlich geschmückten Saale des Konzerthauses Stadtverordneter Vogtherr⸗Stettin im Namen der freireligtösen Ge⸗ meinde die aus allen Teilen Deutschlands erschienenen Delegierten begrüßte. Sonntag Morgen wurde dann der Festakt zur 20 jährigen Jubelfeier des Freidenker⸗ bundes veranstaltet. Orgelspiel, Prolog und Chorgesang bildeten die Einleitung, worauf Herr Vogtherr in einer kurzen Ansprache als Zlel des Freidenkertums bezeichnete, die Menschen durch Freiheit zur Schönheit zu führen. Der Bundespräsident, Tschirn⸗Breslau hielt hierauf den leitenden Vortrag:„Die Moral ohne Gott“. Aus den Kongreßverhandlungen ist zu erwähnen, daß der Bund in das württembergische Vereins register eingetragen werden soll, und daß eine Resolution gefaßt wurde, die besagt, der Vorstand solle zwecks eines Zu⸗ sammenschlusses aller freien Geister mit den Vorständen der verschiedenen anderen Vereinigungen verwandter Be⸗ strebungen in Unterhandlungen eintreten. Als Vor⸗ und Kongreßort wurde Frankfurt a. M. gewählt.— Herr Vogtherr sprach dann über„Freidenkertum und Schule“ und seine Ausführungen gipfelten in folgendem einstimmig gefaßten Beschlusse:„Der Kongreß verurteilt die preußische und jede ähnliche Schulpolitik als einen gewaltsamen Eingriff in das Erziehungsrecht der Eltern und als eine kulturseindliche Herabdrückung des gesamten Bildungswesens. Um den aus diesem reaktionären Vor⸗ gehen sich ergebenden Gefahren nach Kräften zu begegnen, empfiehlt der Kongreß den Gesinnungsgenossen aller Länder: 1. mehr als bisher den gerichtlichen Austritt aus den konfesstonellen Religionsgemeln⸗ schaften zu propagieren. 2. Ueberall da, wo es die Verhältnisse zulassen, die Befreiung der Jugend vom Religionsunterricht als selbstverständliche Pflicht zu er⸗ füllen. 3. In Schule und Haus für Verbreitung der neuen einheitlichen und freiheitlichen Weltanschauung zu wirken. Auf diesem Wege ist die mit aller Kraft anzu⸗ strebende Trennung von Staat und Kirche und von Kirche und Schule praktisch vorzubereiten“. — Richtigstellung. In dem Artikel Sozialdemokratie und Freidenkertum auf Seite 6 ist die zweite Fußnote redaktionelle An⸗ merkung. Aus dem Nreise gießen. — Unser Kreisfest. Mit unserem dies jährigen vierten Kreisfest können wir recht zufrieden fein; wir haben uns nicht umsonst auf unser gutes Glück ver⸗ lassen! Die Beteiligung war stärker als bei den früheren Festen und der Verlauf der denkbar beste. Schon der bestellte Extrazug konnte die herbeigeströmten Festtell⸗ nehmer bei weitem nicht alle fassen und es mußten noch vier weitere Wagen eingestellt werden, wodurch natürlich Verspätung eintrat. Den Feuplatz hatten die Hausener Genossen gut hergerichtet; ein großes Zelt war aufge⸗ schlagen worden, das bei dem kurz nach Begiun des Festes eintretenden, wenn auch nicht sehr heftigen lit den festlich rbnetet en Ge ienenen c dann bbenler⸗ tgesang n einet ichnete, führen. f den nähen, greg 1 fegt 158 J. fstüuhn tet de g Nur zahlt. um u Agenbn seruttel. b enn 1 Eltn geamn . ren Nn. 110 1 —. — —— CCC Nr. 25. m itteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Gewitterregen recht gute Dienste leistete, es fanden Alle darunter Schutz. Der Regen beeinträchtigte denn das Fest auch in keiner Weise, im Gegenteil, er brachte er⸗ wünschte Abkühlung und verhinderte die Staubentwicke⸗ lung, was sich besonders bei dem Festzuge als recht an⸗ genehm erwies. Der Festzug selbst wies eine respeltable Länge auf; denn aus fast allen Orten des Kreises waren die Parteigenossen erschienen. Nur einzelne Orte, wo Festlichkeiten stattfanden, an denen die Parteigenossen beteiligt waren(Daubringen, Wieseck ꝛc.), fehlten oder hatten nur eine schwache Vertretung geschickt. Nachdem der Zug auf den Festplatz zurückgekehrt und der Hausener Arbeiter⸗Gesangverein ein Begrüßungslied vorgetragen hatte, ergriff Landtagsabgeordneter Orb das Wort zur Festrede. Seine beifällig aufgenommenen Aus füh⸗ rungen können wir nur kurz andeuten. Er bemerkte eingangs, daß sich auch bei diesem Feste wieder zeige, wie der Gedanke der Arbeiterbewegung in immer weitere Kreise dringe. Die besitzlose Klasse müsse rastlos bemüht sein, den auf ihr lastenden Druck abzuschütteln. Ihr lege man Pflichten und immer größere Lasten auf; und während Millionen darben, in kümmerlichsten Verhält⸗ nissen dahin leben, keinen Lebens genuß kennen, schwelgen einzelne im Ueberfluß. Um bessere menschenwürdigere Zustände herbeizuführen, sei fester Zusammenschluß aller Unter drückten notwendig, jeder müsse mitarbeiten, in die Reihen der Kämpfer treten und seine ganze Kraft für die große Sache der Völkerbefreiung einsetzen. Nur dann sei der Sieg und die Erringung einer besseren Zukunft möglich.— Jeder gab sich nunmehr der Unterhaltung hin und rasch verflogen die paar Stunden. Gegen 8 Uhr bereits mußten die meisten wieder zur Heimkehr auf⸗ brechen und sie taten es in dem Bewußtsein, ein echtes Arbeiterfest gefeiert zu haben. Die Hausener Genossen senden uns folgen⸗ des zur Bekanntgabe:„Hiermit sprechen wir für die zahlreiche Teilnahme an unserem Feste und den guten Verlauf desselben allen Teilnehmern den besten Dank aus. Wir freuen uns darüber umsomehr, als man auf gegnerischer Seite gespannt war, in welcher Art und Weise sich so ein sozlaldemokratisches Fest abspielen würde und Schlimmes erwartete. Man konnte sich aber über⸗ zeugen, daß dieses Fest so ruhig und friedlich verlief und zwar ohne Gendarmen, wie man es bei Krieger ⸗ und anderen Festen nicht gewohnt war, Durch rege Agitation für unsere Sache werden wir unsern Dank abzustatten suchen.“ 1. In Trohe starb am Montag unser Genosse der Zigarrenmacher Jakob Licher im Alter von 49 Jahren. Er war seit etwa 5 Wochen Mitglied des Gemeinderates und ge⸗ hörte seit langer Zeit dem Wahlverein an, in dessen Vorstand er war. Nach verhältnis⸗ mäßig kurzer Krankheit ritz ihn ein tückisches Halsleiden nieder. An seinem Grabe wurden vom Gemeinderat wie auch vom Wahlverein Kränze niedergelegt. Ehre seinem Andenken! — Die Arbeitsverhältnisse auf der Grube Friedrich bei Trais⸗Horloff lassen sehr viel zu wünschen übrig. Die Löhne betragen 2.80 3.— Mk. für eine zwölsstündige Schicht. Das Strafwesen ist der⸗ art im Schwunge, daß für ganz geringfügige Verfeh⸗ lungen 1 Mk. bis 1.50 Mk. Strafe verhängt wird. Eine Badeinrichtung besteht hier wohl, doch nur für den Herrn Direktor, die Beamten und deren Frauen. Ferner fehlen Krankenwagen und Tragbahren, deren Stellen hier Kohlenwagen vertreten. Abortkübel kennt man auch hier noch nicht, und doch bestraft man die Arbeiter, wenn sie ihre Notdurft unten verrichten müssen. Der Fahrschacht ist so naß, daß beim Eln⸗ und Aus- fahren die Arbeiter keinen trockenen Faden am Leibe behalten. Der Kutscher des Werkes gewährte unlängst einem kranken Arbeiter, der schlecht laufen konnte, Platz in der Kutsche aus Nächstenliebe. Erfolg war hohe Bestrafung des Kutschers. Noch vor wenigen Jahren bekamen die Arbeiter Hausbrandkohlen zu einem billigen Preis. Dies hat heute aufgehört, man scheint bei den „hohen“ Arbeiterlöhnen dies nicht mehr für nötig zu halten. Sollen diese Mißstände beseitigt werden, so muß die Werksverwaltung sehen, daß alle Kameraden wirklich einig sind und samt und sonders auf Abschaffung derselben dringen. Darum müssen sie sich alle der Organisation anschließen, treu zu ihr stehen und nicht bei jeder Gelegenheit die Flinte ins Korn werfen. aus dem Rreise Wetzlar. J Agrarische Fürsorge für die Volks⸗ gesundheit. Durch die bündlerische und reaktionäre Presse ging vor Kurzem ein Artikel, der sich mit den unerhörten Schweinereien in der amerikanischen Fleisch⸗ industrie beschäftigte und den auch der Wetzl. Anz. ab⸗ druckte. Natürlich wird darin das Loblied der agrari⸗ schen Fleischwucherpolitik gesungen und es so hingestellt, als hätten unsere Junker und ihr Anhang einzig nur die Gesundheit des Volkes im Auge gehabt. Es heißt da u. a.: „Damals und immer wieder, wenn Sicherheitsvor⸗ kehrungen gegen diese tatsächlich vorhandene Wirkung der„amerikanischen Gefahr“ gefordert wurden, war es die freihändlerische und besonders die sozialdemo⸗ kratische Presse, die solche Ansprüche als agrarische Begehrlichkeit oder Schlimmeres verschrie. Die Vertreter der deutschen Landwirtschaft, die derartige Schutz⸗ vorschriften als nötig bezeichneten, wurden des Fleisch⸗ wuchers beschuldigt, der tatsächlich in den amerikanischen Schlacht⸗ und Packhäusern in schamlosester Weise und in gewissenlosester Habgier betrieben wurde.“ Die sozialdemokratische Presse hatte damals sehr recht und heute noch. Den Agrariern liegt doch die Volks⸗ gesundheit nicht mehr am Herzen als den amerikanischen Fleischbaronen, sie erstreben einzig höheren Gewinn. Uebrigens erlebten wir ja auch in Wetzlar schon Dinge, die elwas amerikanisch aussahen, da hatte aber der An- zeiger kein Wort der Kritik. 2. Ein Mohr, der seine Schuldigkeit ge⸗ tan hat, ist der bereits seit einem Menschenalter bei dem Generaldirektor Kayser vom Buderus werke im Dienste stehende Kutscher. Dieser wurde kürzlich entlassen, weil der Herr Direktor— ein Automobil angeschafft hatte. War für diesen alten ergrauten Mann nicht noch ein Plätzchen auf dem Werke frei und wäre es auch nur das eines Kroaten gewesen? Jetzt mußte er auf der Karolinenhütte Arbeit nehmen, wo er schließlich kaum so viel verdienen wird, um sein Essen bestreiten zu können. Nette Arbeiterfürsorge! t. Unglück bei der Arbeit. Am Samstag stürzte ein bei dem Weißbindermeister Vogels beschäftigter und erst kürzlich eingestellter Gehilfe hoch vom Gerüst ab. Schwer verletzt wurde er nach der Gießener Klinik gebracht, doch ist sein Zustand nicht hoffnungslos, son⸗ dern er soll sich nach uns zugegangenen Mitteilungen erfreulicherweise auf dem Wege der Besserung befinden. h. Eine Parteiversammlung findet Sonntag, den 1. Juli, nachmittags 3 ½ Uhr, im Lokale des Herrn Gastwirt Feußer⸗Gletberg statt. Zum ersten Punkte der Tagesordnung wird Parteisekretär Genosse Dittmann⸗ Frankfurt über„die politische Lage“ sprechen und an zweiter Stelle sollen Parteiangelegen⸗ heiten des Wahlkreises erledigt werden. Die Mitglieder werden ersucht, vollzählig zu erscheinen und ihre Partei⸗ legitimation mitzubringen. Westerwald und Anterlahn. + Ein blutiges Kriegerfest spielte sich vor Kurzem in Weidenhahn t. Westerw. ab. Die Feier, an der eine Anzahl anderer Vereine teilnahm, wurde mit einer Festrede des Pfarrers eingeleitet. Nach⸗ dem die Patrioten den obersten Kriegsherrn, die deutschen Frauen, die Kameradschaft und noch vieles andere be⸗ sungen und eine Unmenge Alkohol vertilgt hatten, ver- sammelten sich die guten Leute am Abend wieder im Festlokal. Hier war die Stimmung aber mittlerweile umgeschlagen. Die einzelnen Vereine gerieten einander in die Haare, und in kurzer Zeit war eine regelrechte Schlacht im Gange, die nicht eher ruhte, bis der Feind zum Saal und zum Ort hinausgeworfen worden war. Das Ergebnis des Kampfes waren sechs Schwerverletzte und eine ganze Reihe Leichtverwundeter. Es würde sich kaum lohnen, von dieser Schlägerei zu berichten, wenn hier nicht eine kleine Erinnerung angefügt werden müßte. Vor einigen Jahren bestand in diesem Orte elne Stein⸗ hauerorganisation, die aber nicht den Beifall des Pfarrers fand. Der Herr arbeitete so lange selbst von der Kauzel herab gegen diese friedliche Arbeitervereinigung, bis sie aufgegeben werden mußte. Vielleicht benutzt der Geist⸗ liche die blutigen Vorgänge dazn, seine Ansichten über den Wert der Kriegervereine und der gewerkschaftlichen Berufsvereine einer erneuten Prüfung zu unterziehen. Bei einem anderen Kriegerfeste in dem hannöverschen Orte Meensen wurde der Vorsitzende des Krieger⸗ vereins im Streite durch einen Stich ins Herz getötet. Es läßt sich nicht von der Hand weisen, daß durch die immerwährende Verherrlichung der Mordkultur in den Kriegervereinen Rohheits verbrechen gefördert werden. Aus dem Nreise Marburg⸗Kirchhain. Schreinerstreik. Am Samstag haben die Marburger Schreiner die Arbeit eingestellt, nachdem ihre Forderungen von dem Arbeitgeberverband abgelehnt wurden. Bisher befinden sich 60 Gehilfen im Aus stand. Die Meister versuchten soviel als möglich Arbeitswillige von Auswärts heranzuziehen; besonders suchen sie nebst ihren Söhnen die Dörfer in der Um⸗ gebung von Marburg danach ab, aber bis jetzt ohne Erfolg. Destomehr widmen sie sich dem Streikposten⸗ stehen! in aller Frühe die Bahnhöfe besetzen, um etwaige Ar⸗ beitswillige abzufangen. Einige tun sich in diesem Fach besonders hervor. geblieben sind, erfreuen sich natürlich jetzt der besonderen Des Morgens werden sie von den Gunst ihrer Meister. Meistern von der Bahn geholt und abends wieder hin⸗ gebracht zum Gaudium der übrigen Bauarbeiter. Trotz⸗ Belustigend ist es anzusehen, wenn die Meister Die paar Arbeitswillige, die stehen 0 1 dem die Arbeitgeber jetzt nicht genug schimpfen können über ihre schlechten Arbeitskräfte, denken sie nicht daran, in Unterhandlungen mit den Arbeitern zu treten. Einige von ihnen würden wohl gerne Frieden machen, doch sie müssen sich den Anordnungen ihres Vorstandes fügen, Sie wissen sehr genau, daß gerade die besten Arbeits⸗ kräfte in den Ausstand getreten sind, die nicht so leicht ersetzt werden können und sie wären froh, wenn sie ihre alten Leute wieder bekommen würden.— Alle Arbeiter, besonders die Bauarbeiter, haben aber die Pflicht, dafür zu sorgen, daß keine arbeitswilligen Schreiner nach Marburg kommen. Eine vernünftige Verordnung hat die Polizeibehörde in Bezug auf das Probieren der Butter auf dem Wochenmarkte erlassen. Es bestand bisher die Unsitte, daß die Käufer mit einem vom Ver⸗ käufer bereit gehaltenen Messer probierten Jetzt wird bekannt gemacht, daß zu diesem Zwecke Probterhölzchen an der Stempelstelle 5 Stück für 1 Pfennig zu haben sind. Aus Gesundheitsrücksichten empfiehlt sich die Be⸗ nutzung dieser Einrichtung. Verkehrte Erziehungspraktiken übt der Herr Lehrer Eckhardt in Kappel und die kleinen erst 6 jährigen, an Ostern in die Schule aufgenommenen Kinder haben darunter sehr zu leiden. Kürzlich kekam ein 6 jähriges Mädchen solche Schläge, daß ärztliche Hülfe in Anspruch genommen werden mußte. Es soll öfters vorkommen, daß Herr E. erregt aufspringt und die Kinder der Reihenfolge nach durchhaut. Damit ist doch wirklich nichts getan und den Kindern jede Lust und Liebe zur Schule und zum Lernen genommen. Sache des Gemeinderats wäre es, einzugreifen und den Lehrer zu veranlassen, solche bedenkliche Erziehungs⸗ methoden nicht anzuwenden. a Ein schwerer Gewitterregen ging am Dienstag über unsere Gegend nieder und richtete nicht unerheblichen Schaden an. In Michelbach drang das Wasser in die Ställe ein und verschiedentlich ging das Vieh zu grunde. Mehrere Personen wurden durch Blitzschläge verletzt. Soziales. Lohnkämpfe. Die Glaser in Mainz waren im Streik getreten und hatten sich eine Verkürzung der Arbeitszeit von 60 auf 57 Stunden sowie eine Lohnaufbesserung erkämpft. Als der Streik beigelegt und die Arbeit wieder aufgenommen werden sollte, maßregelten die Meister eine Anzahl Gehilfen. Infolgedessen brach der Streik aufs neue aus. i Der polizeilich totgeschlagene Streik lebt wieder. Die Zwickauer Polizei hatte, wie in voriger Nummer mitgeteilt wurde, durch eine amtliche Verfügung den dortigen Maurerstreik für erloschen erklärt, das Streik⸗ komitee aufgelöst, den Maurern verboten wetter zu streiken und den Wirt des Parteilokals „Belvedere“ verboten, sein Lokal fernerhin der Streikleitung der Maurer zur Verfügung zu stellen. Natürlich erhoben die Maurer sofort Beschwerde und daraufhin wurde selbstverständ⸗ lich die merkwürdige Verfügung aufgehoben. Man scheint sich von ihrer vollständigen Unge⸗ setzlichkeit überzeugt zu haben, und da die Maurer natürlich gar nicht daran dachten, den Streik aufzuheben, weil das„Wohlfahrtsamt“ der Stadt Zwickau das wünscht, hebt man jetzt die Verfügung auf. Versammlungskalender. Samstag, den 23. Juni. Gießen. Holzarbeiter. Abends 7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Wetzlar. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Vortrag. Vollzähliges Erscheinen wird erwartet. Sonntag, den 1. Juli. Wetzlar⸗Altenkirchen. Kreiswa hlverein. Nachmittags 3/ Uhr Parteiversammlung in Glei⸗ berg. Parteilegitimation mitbringen. Wetzlar. In der neulichen Quittung:„Für die alte Tante“ muß es nicht 14 Mk., sondern 10 Mk. heißen. r. Stbg. uns bemühen, wir wollen dann ihre Beschwerden gern veröffentlichen.— Reiskrchn. Eine Zuschrift von dort ist nicht vorhanden; senden Sie die Sache noch⸗ mals ein.— Leihgestn. Wir halten es nicht für nötig, den Pfingst⸗Heldentaten der Jungen Arnold und Textor einen besonderen Artikel zu widmen, diese werden schon ihre Lektien bekommen. Die Betreffenden sollen sich selbst zu 9 1 Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung. Nr. 25. Von Nah und Fern. Humor im Lohnkampf. In Mannheim wo jetzt die Weißbinder schon 10 Wochen streiken, stellte ein Tüncher⸗ meister, um die an seinem Hause auf und ab⸗ marschterenden Streikposten zu verhöhnen, ein rot angestrichenes Schilderhauns auf die Straße. Die Streikenden säumten nicht lange, diese Einrichtung in Gebrauch zu nehmen. Die nächste Ablösung marschierte mit blumen⸗ geschmückten alten Schießprügelhn auf, die um billiges Geld bei einem Trödler erstanden worden waren, und der Meister erhielt einen Doppelehrenposten. Die Polizei fand aber ein Haar darin, daß sich eine große Menge vor dem Hause ansammelte und sich an der spassigen Ehrenwache belustigte. Sie zwang den Meister, das Schilderhaus wegzunehmen, und die Posten, ihre Schießeisen heimzutragen. Der versilberte Innungsbecher. Die Breslauer Fleischerinnung hat einen Innungsbecher um 15000 Mark an den Münchener Antiquitätenhändler Leopold Stern verkauft. Nun verlangte ste die Rückgabe, weil sie zu dem Verkauf nicht berechtigt gewesen wäre. Stern verweigerte die Rückgabe. Es kam zur Klage und am Mittwoch sollte die Verhandlung stattfinden. Inzwischen hat die Fleischerinnung vom Stadtmagistrat Breslau wegen des Ver⸗ kaufs, zu dem sie nicht berechtigt gewesen sei, ein Strafmandat von 150 Mk. erhalten. Gegen dieses hat die Fleischerinnung mit der Begrün⸗ dung Einspruch erhoben, daß sie berechtigt ge⸗ wesen sei. Es wurde deshalb beschlossen, bis zur Entscheidung des Breslauer Prozesses die Münchener Verhandlung auszusetzen. Sozialdemokratie und Freidenkertum, zugleich eine Betrachtung über das Wesen des Letzteren. Von einem Freidenker. Im Hinblick auf das 25jährige Bestehen des deutschen Freidenkerbundes, das vor wenigen Tagen, vom 9. bis 12. Juni 1906, in Stettin gefeiert wurde, ist es wohl angebracht, über die Beziehungen zu reden, die zwischen der Sozialdemokratie und dem Freidenkertum be⸗ stehen. Auf die langdauernde Mißstimmung, ja Feindschaft, die einst die Arbeiterschaft gegen⸗ über den Freidenkern hegte, näher einzugehen, ist überflüssig, denn alles Wissenswerte darüber ist nachzulesen in dem prächtigen Aufsatz von Fr. Wilh. Gerling)(Wiesbaden). Hier soll vielmehr die Rede sein von den Ursachen, die auch jetzt noch weite Kreise der Arbeiterschaft von allen freidenkerischen Bestrebungen fern halten. Das ist um so mehr der Erörterung bedürftig, als der einst starren Opposttion settens der Arbeiter gegenüber den Freigeistern doch schon seit langer Zeit gegenwärtig ein intenstves Begehren nach Aufklärung auf allen Gebieten des Wissens, der Kunst, der Religion usw. sich innerhalb des arbeitenden Volkes kundgibt. Trotz der bedeutenden Arbeiten hervorragender Naturforscher, die es sich zur Aufgabe machen, die Naturerkenntnis und deren Gesetze immer mehr im Volke zu verbreiten, speziell die ma⸗ türliche Entwickelungsgeschichte des Menschen klar zu 50 5(vor Allem: Darwins Haupt⸗ werk(1859):„Ueber die Entstehung der Arten im Tier⸗ und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampf um's Dasein“; ferner die Werke derjenigen Forscher, die Darwin's Er⸗ gebnisse fortsetzen: Haeckel's„Natürliche Schöpfungsgeschichte(1868), Welträtsel“ 1899) und„Lebenswunder“, Büchner's Arbeiten, Wilh. Bölsche's Aufsätze ꝛc.), verhält sich die Arbeiterschaft im Großen und Ganzen recht bassiv. Umso auffallender ist diese Tatsache, als ja die Meisten unter ihnen innerlich schon längst jedes Glaubensbekenntnis abgestreift haben ) In der Zeitschrift„Der Freidenker“, Doppel⸗ nummer 11 und 12 vom 1. Juni 1906. Zu beziehen bei jedem Postamt, auch von der Gießener Freidenker⸗ Vereinigung. Schriftführer: Herr Siegel, Löberstr. 26. und die Befreiung des Individnums von allen Ketten kirchlicher, polizeilicher und sonstiger Willkür sehnsüchtig herbeiwünschen, d. h. mit anderen Worten: Freunde einer allgemeinen Menschheitserneuerung sind. Dem kundigen Betrachter fällt da sofort als deutliche Erklärung für diese Erscheinung ein Satz in's Auge, der in dem Programm der sozialdemokratischen Partei festgelegt ist: „Religion ist Privatsache“). Das soll doch heißen: Das Glaubensbekenntnis irgend Jemandes ist eine reine Angelegenheit seiner selbst und hat weder einen anderen Menschen noch den Staat irgend etwas zu kümmern. An und für sich ist dieser Satz gewiß ein sehr eklatanter Ausdruck des allgemeinen Freiheits⸗ dranges, der für das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts so charakteristisch ist. Und die Wirkung dieses programmatisch verkündeten Satzes? Die„Religion“ wurde so sehr zur„Privatsache“, daß die Sozialdemokratie, getreu ihrem Beschluß, jede Erörterung religiöser Fragen perhorreszierte(ablehnte) und sich nur mit den sozialen Angelegenheiten nach wie vor beschäftigte. Es fragt sich aber: Ist die Voraus setzung für diese Auffassung richtig? Ist unter dem Worte„Religion“ immer und überall der Be⸗ griff„Glaubensbekenntnis“ zu verstehen? Nach der Auffassung der Gläubigen und der Mog Zahl Gedankenloser zweifellos. Welche religlöse Gemeinschaft es auch gibt, ob Protestanten, Juden, Katholiken oder sonstige Anhänger irgend eines Religionssystems,— immer wieder ist der Glaube an das Vorhandensein eines Gottes oder mehrerer Götter das Wesentliche der „Religionen“. Der oder die Götter erschaffen die Welt und alles, was auf ihr existiert, ste sind allmächtig, thronen über der Erde und gebieten über Leben und Tod. Mit einem „Glauben“ wird natürlich Niemand geboren, vielmehr wird jener anerzogen, d. h. die Phan⸗ tasie des Kindes wird mit allen möglichen biblischen Vorstellungen und Begriffen so stark überschwemmt, daß sie den Verstand in Sachen der natürlichen Vorgänge völlig unterjocht— und der„Glaube“ ist da. „Wer trotz der mächtig fortschreitenden Auf⸗ klärung, die uns die Naturwissenschaften brachten und noch täglich darbieten(z. B. der durch Darwin begonnene und durch Haeckel in seiner„Generellen Morphologie der Organismen“ (1866) im Einzelnen erbrachte Nachweis, daß jeder Mensch ursprünglich aus niederen Tier⸗ formen stamme und erst durch allmähliche Ent⸗ wickel ung aus jenen, die dem Neugeborenen eigentümliche Beschaffenheit aufweise)— wer trotzdem an der bliblischen Schöpfungsgeschichte mit allen ihren„Wundern“ ehrlich festhält, von dem„Allmächtigen“ Hilfe in der Not und Bedrängnis erwartet, wenn er, der sterbliche Mensch, dieses oder jenes gute Werk tut, der wird natürlich niemals von einem Freidenker eines Anderen belehrt werden können. Hier ist also der Satz:„Religion ist Privatsache“ voll⸗ kommen verständlich und berechtigt. Ganz anders aber wirkt der Spruch da, wo es sich um die„Religion“ der sogenannten Gläubigen handelt. Bekanntlich gehört ihr „Glaube“ zum guten Ton, genau so, wie moderne Kleider, Hüte ꝛc. Die infame Lüge ist also da, denn das Leben dieser Leute ist mit ihrem geheuchelten Bekenntnis unver⸗ einbar. Hier eine Privatsache konstituteren, indem man sich nicht um die Heuchelei jener kümmert, heißt dieser Tür und Tor öffnen und sich an dem kulturellen Fortschritt schwer ver⸗ gehen. Kampf ist hier die einzige Lösung, also vorher: Zusammenschluß aller freidenkeri⸗ schen Kräfte. Das kührt uns zu der wichtigsten Gruppe, der übergroßen Mehrzahl der Arbeiter. Sie sind wirkliche Freidenker, d. h. frei zum Denken, nicht etwa, wie unsere Gegner zu behaupten wagen: frei vom Denken!„Frei“ ) So steht dieser Satz nicht im Programm. Es heißt vielmehr: Die Sozialdemokratie fordert: Er⸗ klärung der Religion zur Privatsache. Doch ist die Auslegung, die der Verfasser unserer Pro⸗ grammforderung gibt, durchaus richtig. zum Denken sind ste insoweit, als ste sich von dem Zwang irgend einer erstarrten Lebensformel kirchlicher oder sonstiger Art( Dogma) be⸗ wußt losgemacht haben und nun erst fähig werden, ihr ganzes Denken und Fühlen unter eigene Gesetze zu stellen, die ewig wechseln je nach der bunten Beschaffenheit der Einzelwesen (Individuen), immer aber die Freiheit eigener Bestimmung zum Ziele haben. Die Freidenker zählen nach Millionen gleich ihren Gestnnungs⸗ genossen in allen übrigen Gesellschaftsschichten, die Geistlichen nicht ausgenommen! (Fortsetzung folgt.) 2 1 r Zwischen Beichte und Kommunion. Nach einer wahren Begebenheit von E. Rieger. (Schluß.) An einem Sonntag im Herbst wurde Marie Dörfler— die Mutter des Knaben— vor den versammelten Gemeindeausschuß geladen. Die Taglöhnerin erschten. Der Vorsteher der Ge⸗ meinde— ein robuster Bauer— stellte an das Weib die Frage, ob ste einwillige, daß Adolf nach Brünn überstellt werde. Die Mutter er⸗ schrak nicht wenig. Sie hatte von der Absicht der Dorfregierung wohl schon früher gehört, aber ste wollte nicht daran glauben, daß man ihr Kind ernsthaft von ihr trennen wolle. Ihr ind, das ihrem Herzen so nahe stand! Von ihrem einzigen Kinde sich trennen? Nein, das wollte sie nicht. Und so weigerte sie sich ent⸗ schieden, ihre Einwilligung zu erteilen. Daß die Mutter so„beschränkt“ sein werde, darauf waren die Bauern nicht gefaßt gewesen. Doch der Vorsteher ließ sich nicht irre machen. „Wir brauchen Dich nicht,“ erklärte er un⸗ wirsch der geängstigten Mutter,„wir werden den Vormund fragen“. Auf den Vormund setzten die Bauern ihre Hoffnung. Aber auch der Vormund— ein Onkel des Knaben— verweigerte seine Zu⸗ stimmung. Die Bauern ließen indes nicht locker. Sie hatten es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, das Kind der Taglöhnerin zu„retten“ und waren von ihrem Vorhaben nicht abzubringen. Sie traten mit der Obervormundschaft in engere Verbindung. Und die bewog den Vormund— einen Taglöhner und armen, eingeschüchterten Menschen—, zurückzutreten. Der Mann ließ sich überreden. g Zum neuen Vormund wurde ein Bauer aus Strozengrund bestellt, und er willigte in die Ueberstellung seines Mündels nach Brünn ohne Zögern ein. Die Bauern hatten den rechten Vormund gefunden, das Schicksal des kleinen Adolf war bestegelt. Die Arbeiterin mußte sich mit dem Gedanken vertraut machen, ihr Liebstes zu verlieren. III. Acht Tage vor Ostern— am Palmsonntag — wurde die Mutter des„gefährlichen“ Knaben abermals vor den versammelten Gemeindeaus⸗ schuß geladen. Wieder fragte sie der Vorsteher, ob sie die Einwilligung zu der Trennung von ihrem Kinde erteilte. Und wieder antwortete ste mit einem entschiedenen Nein. „Wenn Du ihn nicht Hergos, so wird der Censdarm ihn holen,“ erklärte kategorisch das Oberhaupt des Dorfes. Und als die Mutter darauf wissen wollte, an welchem Tage man den Jungen abholen werde, erhielt sie zur Ant⸗ wort:„In der Mitte der Woch.“ Für den folgenden Tag war die Schuljugend von Strozengrund zur Beichte und Kommunion bestimmt. Sie mußte am frühen Morgen— um halb fünf Uhr— nach dem benachbarten Pfarrdorf aufbrechen. Die Kinder legten in gehobener Stimmung den Weg gemeinsam und in Begleitung ihrer Angehörigen zurück. Alle angetan mit dem sonntäglichen Gewande. .—— Taglöhnerin. Nr. 25. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Unter ihnen befand sich auch das Kind der Seine Mutter war zurückge⸗ blieben und wollte erst später nachkommen. Lustig und guter Laune, nichts Schlimmes ahnend, marschierte Adolf Dörfler flott mit. In dem Pfarrdorf hatten sich auch der neue Vormund und ein Gensdarm eingefunden. In der Kirche angelangt, wurde ein Kind nach dem anderen vor dem Beichtstuhl vorge⸗ lassen, zuerst die Mädchen und dann die Knaben. Nach der Beichte sollten die Kinder gemeinsam die Kommunion empfangen. Als der elfjährige Adolf Dörfler seine „Sünden“ gebeichtet hatte, erschien sein Vor⸗ mund in der Kirche, trat zum Beichtstuhl und wechselte mit dem Pfarrer einige Worte. Die Unterredung dauerte nur wenige Minuten. Gleich darauf ergriff der Vormund sein Mündel und wollte es aus der Kirche hinaus zu einem be⸗ reitstehenden Bauernwagen führen. Dem Kinde der Taglöhnerin dämmerte nun plötzlich auf, was man mit ihm vor hatte. Er leistete dem Vorhaben des Vormundes ver⸗ zweifelten Widerstand. Die weihevollen Räume des Gotteshauses— von den Beichtkindern und deren Angehörigen ausgefüllt— durch⸗ hallten von dem ängstlichen Schreien und jämmerlichen Weinen des vergewaltigten Kindes. Der Vormund machte kurzen Prozeß. Er packte mit kräftiger Gewalt den schreienden Knaben und schleppte ihn mit roher Gewalt aus der Kirche hinaus. Der Pfarrer aber hatte mit den vielen„Sünden“ der Schulkinder zu tun. Er protestierte nicht gegen das widerliche Schauspiel, er ließ die Schändung des ernst⸗ esche weihrauchduftenden Raumes ruhig geschehen. Draußen an dem Kirchentor stand ein Wagen bereit. Auf diesen Wagen lud der zärtliche Vormund sein erschrockenes Mündel. Er wehrte sich vergeblich mit seinen schwachen Kräften. In diesem Augenblick erschien die Mutter. Sie stürzte auf die Hilferufe ihres Kindes auf den Wagen zu und kletterte, ohne daß es ver⸗ hindert werden konnte, auf das Gefährte. Sie wollt den Knaben befreien. Weinend fiel dieser der Mutter um den Hals und schrie unausge⸗ setzt:„Mutter, hilf mir! Mutter, hilf mir!“ „Rings um den Wagen standen die Ange⸗ hörigen der Beichtkinder, die das Gotteshaus verlassen hatten, um Zeugen der Szene zu sein. Nun trat der Gensdarm in Aktion. Er forderte die Umstehenden auf, die Taglöhuerin, die ihr Kind verteidigte, zu halten. Niemand leistete der Aufforderung Folge. Da zerrte der Gensdarm die Mutter vom Wagen, drückte ihr die Kehle zusammen, damit ste nicht schreien konnte, und hielt sie fest. Inzwischen fuhr der Wagen mit dem Kinde davon. Das jämmer⸗ liche Weinen und Schreien des Knaben konnte man noch lange aus der Ferne vernehmen. Der Wagen fuhr zur nächsten, etwa eine Stunde entfernten Eisenbahnstation. Dort nahm der Personenzug den kleinen Adolf Dörfler auf und brachte ihn nach Brünn. Das ist die Geschichte von der Taglöhnerin und ihrem Kinde. Nicht lange ist es her. Noch heute weint die Mutter um den Knaben. Die frommen Bauern aber sagen sich:„Wir haben ein gutes Werk vollbracht.“ Ein gutes Werk zwischen Beichte und Kommunion. Splitter. Nicht die Freiheit, sondern, was scharf zu unterscheiden ist, die individuelle Willkür, hat ihre Grenze, eine Grenze, die gerade durch das posttive und substantielle Wesen der menschlichen Freiheit an ihr gesetzt wird. Lassalle. ** * Einmal grüßt das Sonnenlicht Jedes Blatt im grünen Hain; Ist es auch am Morgen nicht, Wird es doch am Abend sein. Einmal sonnt sich in dem Tal Jedes Blümchen, noch so klein; Ist es nicht im Morgenstrahl, Ist es doch im Abendschein. Humoristisches. Mißverständnis. Kolonialschwärmer: Sie sind doch gewiß auch für die Kubub⸗Eisenbahn in Süd⸗ westafrika? Bauer: Noa! Wenn in Südwestafrika scho jeder Kuhbub sei b'sondre Eisenbahn hab'n soll — dös is mir z'vill! Erkannt. Fabrikant: Ich bin ein frommer Mann. Ich halte es noch mit dem guten alten Spruche: „Bete und arbeite!“ Arbeiter: O, das stimmt doch nicht ganz! Das beten besorgen Sie schon, aber das arbeiten, das überlassen Sie vorsichtigerweise uns! Offenherzig. Richter:„Sie sind wegen Vaga⸗ bundierens ergriffen und eingebracht worden. Wie haben Sie Ihre Nächte zugebracht?!“ Vagabund:„Danke, abgesehen von einem Alpdrücken hie und da, habe ich stets gut geschlafen.“ Unüberlegt. Vorsitzender:„... Sie lächeln, wenn ich Sie nach Ihren Vorstrafen frage, Angeklagter? Ich finde das sehr sonderbar!... Ich würde nicht lachen, wenn man mich nach meinen Vor⸗ strafen fragen würde!“— — Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Golds und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Geschichts kalender. 24. Juni. 1905 Matrosen⸗Revolte auf dem russischen Kriegsschiffe„Pot mkin“(Odessa). 25. 1849 Einzug der Preußen in Karlsruhe. 1792 Manifest des Herzogs von Braunschweig gegen die 80. 1 Revolutionäre. London. 1893 Gouverneur Altgeld begnadigt Chicagoer Anarchisten Schwab, Fielden und Neebe. 27. 1900 Rede Wilh. II. an die nach Ostasien gehenden Truppen in Bremerhafen(Hunnenrede). 1896 Der„Sozialrerorm“-Minister Berlepsch wird entlassen. 23. 1874 J. B. v. Schweitzer, Präsident des allgem. deutschen Arbeitervereins, f. 1794 Robespierre guillotiniert. 1719 Jean Jacques Rousseau,*. 29. 1900 Attentat Bresci auf den ital. König Humbert. 1577 Peter Paul Ruberns,*. 30. 1896 Soz. Wahlsieg in Halle. Dortu in Rastatt standrechtlich erschossen. die 1848 Max C. F. Schwarz Söhne Inhaber: Carl Schwarz beehren sich ihren früheren Kunden- und Freundeskreisen mitzuteilen, dass sie ihr Mass- u. Herren-Konfektionsgeschält Ecke Marktstrasse und Wettergasse von Sonntag, den 20. Mai ab wieder übernehmen mussten. 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