r ³ d. 8 7 Nr. 209. Gießen, den 22. Juli 1906. 13. Jahrgang Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. FJonnt Mitteldeuts che 1531 Redaktions schluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. itung. Abonnementspreis: 5 Bestellungen Juserate 2 Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Lundes-Konferenz der Sozialdemokraten Hessens Samstag 25. und Sountag 26. August in Mühlheim. Das Lokal wird später bekannt gegeben. Vorläufige Tages⸗Ordnung: 1. Geschäfts bericht des Landes⸗Komitees und des Landes⸗ Sekretärs. Referenten Genossen Ulrich und Dr. David. „Rechnungsablage. Reserent Genosse Orb. Die Aenderung des Landes⸗Organisations⸗Statuts. Referent Genosse Orb. „Der Parteitag in Mannheim. Referent Genosse Dr. Da vid. „Die stattgehabten Landtagswahlen und die Tätigkeit des Landtags. Referent Genosse Adelung. 6. Unsere Taktik für die Kommunalwahlen. Referent Genosse Ulrich. Einlaufende Anträge. „Wahl des Landes ⸗Komitees. Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz. Parteigenossen! Rüstet zur Landes⸗Konferenz. Dis⸗ kutiert die Tagesordnung und sendet etwaige Anträge an den unterzeichneten Genossen Ulrich ein, damit ste veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden können. Die Delegierten haben sich von ihren Organisationen eln Mandat ausstellen zu lassen; Formulare dafür sind ebenfalls durch den Genossen Ulrich zu beziehen.— Ge⸗ nossen! Auf zur Konferenz! Sorgt dafür, daß dieselbe zahlreich besucht wird. Offenbach, 16. Juli 1906. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, J. Orb, Große Marktstraße 23. Friedrichstraße 24. D itiiͤ— IBB Grundbegriffe der Politik). (Fortsetzung.) Die Sozialdemokratie, die die größte Frei⸗ heit und das beste Wohlergeben aller Einzelnen will, strebt naturgemäß zur reinen Demokratie. Sie ist eine Gegnerin zunächst des Absolutismus, dann aber auch der konstituttonellen Monarchie, well sie noch immer Monarchie ist, ste steht im parlamentarischen System einen Fortschritt, setzt aber bei diesem die Gleichheit des Wahl⸗ rechts zur Grundbedingung, sie strebt noch über das parlamentarische System hinaus, in⸗ dem ste direkte Gesetzgebung und Wahl der Behörden durch das Volk verlangt. Als Gegnerin K r D d D 90 der Monarchie ist sie unbedingt republikanisch, aber sie verwirft die obligarische, aristokratische oder plutokratische Republik, sie ist eine Geg⸗ nerin der Prästdentenschaft, weil diese ein letzter Rest der Monarchie ist. 5 Handelt es sich darum, eine bestehende Staats⸗ form zu beurteilen, so kann das vom sozial⸗ demokratischen Standpunkt nur nach ihrem Ver⸗ hältnis zur reinen Demokratie geschehen. Dabei wird sich herausstellen, daß Staaten, die dem Namen nach Monarchien sind demokratischer organistert sein können, als manche, die Republiken heißen. Man darf sich daher von dem bloßen Namen„Republik“ nicht gefangen nehmen lassen, sondern muß immer auf das Wesen der Staatsverfassung eingehen, die in ) Siehe Artikel in voriger Nr. hohem Maße demokratisch sein kann, obgleich ihr noch die Etikette der Monarchie anklebt, die aber oligarchisch ja sogar monarchisch⸗ tyrannisch sein kann, obgleich sie sich mit den Zeichen der Republik schmückt. Die deutsche Verfassung(d. h. die Verfassungen des Reichs und jene der Bundes⸗ staaten) bildet ein Gemisch absolutistisch⸗monarchi⸗ scher, plutokratischer, konstitutioneller, parla. mentarischer, republikanischer und demokratischer Elemente. Der Absolutismus herrscht fast un⸗ eingeschränkt im Militärwesen und in der aus⸗ wärtigen Politik. Die erste Kammer des größten deutschen Bundesstaates, ebenso die der meisten anderen Einzelstaaten, vertritt das aristokratische, die zweite Kammer das Abgeordnetenhaus, das plutokratische Prinzip. Plutokratisch ist auch die Verfassung der deutschen Stadtrepubliken. Die Konstitution besteht faktisch fast nur in der Teilnahme der Parlamente an gesetzgebenden Gewalt. Das eigentlich parlamentarische Re⸗ gierungssystem hat sich noch keinen Eingang zu schaffen gewußt. Von demokratischen Ele⸗ menten ist schließlich nur das allgemeine(aber durch die Bevölkerungsbewewegung der Wahl⸗ kreise ungleich gewordene Wahlrecht) zum Reichs⸗ tag, sowie das allgemeine, gleiche Wahlrecht für vereinzelte Bundesstaaten vorhanden. Indem die Sozialdemokratie für das gleiche Wahlrecht, für erweiterte Parlamentsrechte, und vermehrtes Selbstverwaltungsrecht der Ge⸗ meinden kämpft, kämpft sie gegen Monarchie, Oligarchte und unberechtigten Zentralismus. Hat dieser Kampf Erfolg, so wird dadurch freilich die Monarchie nicht ihrer äutzeren Würde entkleidet, sondern allmählich ihres Machtinhalts beraubt. So stellt sich der Gang der Ereignisse in ruhigen Zeiten organischer Entwickelung dar. Würde diese Entwickelung aber auf die Dauer gewaltsam aufgehalten oder unterbrochen, träte Deutschland in eine Periode der sprunghaften, revolutionären Entwickelung ein, dann würde die Sozialdemokratie alle Kraft daran setzen müssen, mit einem Male die reine Demokratie durchzusetzen und sie von allen Resten der Monarchie zu säubern. Denn die demokratische Republik ist, wie wir weiter sehen werden, die einzige Staatsform, in deren Rahmen die Gesamtforderung der Sozialdemokratie ihre reine Erfüllung finden kann. 1 Staat und Gesellschaft.— Klasse, Klassenstaat, Klassenkampf. Der Staat ist etwas anderes als die Ge⸗ sellschaft, die Staatsform also auch etwas anderes als die Gesellschafts form. Auch in vergangenen Jahrtausenden hat es Staaten gegeben, welche, wie die Staaten von heute, monarchisch, oligarchisch oder demokratisch ge⸗ ordnet waren, die gesellschaftlichen Zustände waren aber ganz anderer Art als zu unserer Zu Umgekehrt sind heute die gesellschaftlichen ustände der weitesten Gebiete einander durch⸗ aus ähnlich, die Staatsformen aber völlig von⸗ einander verschleden. Die Gesellschaft war da, ehe noch der Staat bestand; ste wird da sein, wenn der Staat nicht mehr bestehen wird. Es ist also klar, daß die Gesellschaft der weitere, der Staat aber der engere Begriff ist. Die Menschen bilden durch ihr Zusammen⸗ leben die Gesellschaft, ihr gehören alle an, die durch wirischaftliche und geistige Beziehungen mit einander verbunden sind. Dagegen ist der Staat eine auf einem bestimmten, um⸗ grenzten Gebiete organisierte Zwangsgewalt. Indem ich arbeite und verbrauche, setze ich mich in Beziehung zur menschlichen Gesellschaft, außerhalb welcher ich nicht existieren kann, ohne auf die Stufe der Tierheit herabzusinken. Die Gesellschaft als solche sagt mir aber nicht, was ich tun und lassen muß, um meinen Schaden zu vermeiden; sie zwingt mich nur durch ihre Tatsachen, sie befiehlt mir nicht. Um befehlen und ver⸗ bieten zu können, dazu bedarf es der ausdrück⸗ lichen Willenskundgebung und der ausdrücklichen Zwangsdrohung, der Ausrufer, der öffentlichen Anschläge, der Gesetzbücher, der Steuereinnehmer, Gerichtsvollzieher, Polizisten, Soldaten, Ge⸗ fänguiswärter und Henker, mit einem Wort: des Staates. Durch den Mund des Staates spricht die Gesellschaft die Regeln aus, die be⸗ folgt werden müssen, wenn die Gesellschaft be⸗ stehen soll, durch die Faust des Staates er⸗ zwingt sie die Einhaltung dieser Regeln. Der Staat, dessen die Gesellschaft bedarf, kann monarchisch, oligarchisch oder demokratisch sein; an dem Bestande der Gesellschaft in ihrer besonderen Form wird dadurch vorerst nichts geändert. Der bestehenden Gesellschaft kann es gleich sein, wer Befehle erteilt— ob der König oder das Volk— wenn der Inhalt dieser Befehle ihrem Wesen angepaßt ist. Es gibt keine monarchische Gewerbeordnung und kein demokratisches Wechselrecht; denn der Wille der Gesetzgeber ist beschränkt durch die Macht der Gesellschaft, und so kommt es, daß Gesetze, die von absoluten Monarchen und andere, die von freien Völkern erlassen wurden, einander oft ähneln wie ein Ei dem andern. Die demo⸗ kratische Republik beruht auf der vollkommenen politischen Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Aber staatliche Gleichberechtigung bedeutet noch keine gesellschaftliche Gleichstellung. Die„Be⸗ seitigung der Standes vorrechte“, die durch die bürgerliche Revolution ausgesprochen worden ist, bedeutet keineswegs die Aufhebung der Klassenunterschiede. (Fortsetzung folgt.) Politische Rundschau. Gießen, den 19. Juli 1906. 120 Millionen Mark für die afrikauischen Sandwüsten soll das deutsche Volk wieder opfern. So will es die Deutsche Tageszeitung, das Hauptorgan der agrarischen Wucherzöllner. Die Linie Kubub⸗ Keetmannshoop, deren Bau der Reichstag ab⸗ gelehnt hat, ist ihr nur ein kleiner Anfang. Sie will nicht ruhen, solange nicht alle Wasser⸗ stellen und Kafferndörfer durch Eisenbahnen miteinander verbunden sind, und schätzt, daß man zu diesem Zwecke achtzehnhundert Kilometer und etwa hundertzwanzig Millionen Mark in Südwestafrika verbauen müsse. Diese Summe müßte nach ihrem Plan durch eine Anleihe des südwestafrikanischen Schutzgebietes aufgebracht und mit 3 ½ Prozent verzinst und mit 2 Prozent getilgt werden!— Die Hintermänner der Deutschen Tageszeitung das Organ der deutschen Getreide- und Fleisch⸗ produzenten, das ja sonst nicht so verkehrs⸗ 5 Seite 2. Mittelbeutsche Sonntags⸗Beitung. Nr. 29. . treiben ihre Frechheit so weit, für die 350 Millionen südwestafrikanischer Kriegskosten und für die Opfer an„Blut und Tränen“ die „falsche Sparsamkeitspolitik“ des Reichstags berantwortlich zu machen. Die bürgerliche Reichstagsmehrheit hat Steuergelder mit vollen Händen in die Wüste geworfen und die deutschen Kolonialschmarotzer bis zum Platzen gemästet. Jetzt, wo das schändliche Treiben endlich auf einen toten Punkt gelangt ist, sucht man über diesen hinwegzukommen, indem man das Schlag⸗ wort von der„falschen Sparsamkeitspolitik“ ausgibt. Während ein ehrlicher Mann wie der ehemalige Gouverneur Oberst v. Leutwein offen zugibt, es sei gar nicht daran zu denken, daß man die verausgabten Riesensummen aus Südwestafrika wieder herausholen könne, suchen die kolonialpolitischen Geschäftemacher durch schwindlerische Vorspiegelungen von künftiger Rentabilität es zu erreichen, daß immer noch größere Summen in das völlig bankerotte Ge⸗ schäft hineingesteckt werden. Mit ihren heiß⸗ hungrigen Wünschen nach neuen Geldern wenden sie sich aber nicht an die Börse, wo man ste auslachen würde, sondern an das Volk, die Wähler und Zahler. Da hoffen sie noch immer Dumme genug zu finden! Und das Organ der Agrarier gibt sich zu diesem Schwindel her. Würde es sich um ein reelles Geschäft handeln, wäre Aussicht vorhanden, Südwestafrika zu einem Agrikulturland zu machen, das billige Lebensmittel nach Deutschland lieferte, so würde freundlich ist, sich schwer hüten, den Bahnbau in Südwestafrika zu fördern. Es hätte den Artikel, der im Hinblick auf küuftige„Renta⸗ bilität“ neue Millionen für Südwastafrika fordert, schleunigst in den Papierkorb befördert, hätte es nicht die beruhigende Gewißheit, daß in jenem glückverheißenden Lande kein Korn und keine Kartoffel wächst. Auch von Errichtung einer Kolontal⸗ armee faseln die Ordnungsblätter wieder einmal. Als ob dem deutschen Michel die ver⸗ rückte Kolonialpolitik noch nicht genug kostete! Kolonialheld Peters, unter dem Namen„Hänge-Peters“ bekannt, machte wieder mal von sich reden. Mit der ihm eigenen Unverfrorenheit behauptete er, Bebels Anschuldigung, daß er(Peters) einen Diener deshalb habe hinrichten lassen, weil er mit seiner Konkubine geschlechtlichen Verkehr gepflogen habe, sei unwahr gewesen. Diese Frechheit des Hänge⸗Peters ist bezeichnend für den Mann! Lautete doch das Urteil des Dis⸗ ziplinarhofes in Leipzig am 15. November 1897 dahin, daß es der Gerichtshof als erwiesen erachtet habe, daß Peters den Diener Mabruch habe hinrichten lassen, weil er ihn in Verdacht hatte, mit seinen Weibern sexuellen Nerkehr gepflogen zu haben. Die ganzen Schurkereien des Peters sind auch allgemein bekannt und im Reichstage wiederholt erörtert worden. Trotzdem wagt es der Mann, jetzt gegen Bebel solch unverschämte Anschuldigungen zu erheben. Und zahlreiche„Ordnungsblätter“ stellen ihm ihr Papier für seine Schwindeleien zur Ver⸗ fügung!— Im„Vorwärts“ veröffentlicht Genosse Bebel eine Antwort auf die fjüngsten Angriffe Dr. Peters. Er sagt u. a., er habe angenommen, daß die wiederholten Angriffe, welche die Freunde Peters zur Verteidigung seiner Heldentaten gegen Bebel unternahmen, und die Antworten, welche sie darauf erhalten haben, bei Herrn Dr. Peters nicht gerade das Verlangen nach wiederholter Erörterung seiner Heldentaten hervorrufen werde. Er werde ihm jetzt aber die Antwort nicht schuldig bleiben, doch in seinen Ferien lasse er sich durch Peters nicht stören. Der Fall Peters werde auch in wiederholter Beleuchtung zeigen, daß er immer 70 der skandalöseste von allen Kolonialskandalen e 5. Ein Edelster der Nation. In Frankfurt starb vor einigen Tagen einer jener„Edelsten“, mit dem seine Staatsgenossen ningen. An der Bahre dieses Grafen trauert alles, was ein Anrecht hat, zur Halbwelt gerechnet zu werden. Der Dahingeschiedene war ein Sproß des alten Dynastengeschlechts derer von Leiningen in Ober hessen und im Jahre 1846 in Mainz geboren. Seine Erziehung erhielt er in Ungarn im Hause seiner Tante, der Witwe des im Jahre 1848 hingerichteten Generals Grafen Karl v. Leiningen. Mit 16 Jahren wurde er östreichischer Leutnant. Als solcher machte er den Feldzug von 1866 mit. Dabet benahm er sich aber so feig, daß er mit schlichtem Ab⸗ schied entlassen wurde. Nun entwickelte er bald sein Talent nach einer andern Richtung. Nach⸗ dem er eine Zeitlang päpstlicher Zuave gewesen war, suchte er sein Glück an den Spielbanken von Homburg v. d. H., Nauheim und Monte Carlo. Und er hatte Glück. Nicht nur im Spiel, auch in der Liebe. Nachdem er sich an den Spielbanken die Taschen gefüllt, wußte er einen Wiener Großkaufmann, Fischel v. Zumpen⸗ dorf, so zu betören, daß ihm dieser seine Tochter und etliche Millionen anvertraute. Mit den Millionen räumte der Graf in so kurzer Zeit auf, daß sich der Großkaufmann genötigt sah, eine Trennung von Tisch und Bett zwischen seiner Tochter und dem Grafen herbeizuführen. Nun ging es mit dem Grafen rasch bergab. Er geriet in Wien unter die Zuhälter und Hochstapler und saß bald wegen Diebstahls auf zwei Jahre im schweren Kerker. Zugleich erhielt er Landesverweis, denn Oesterreich hat sebst genug adliche Lumpen, es braucht nicht auch die noch aus Deutschland. Der Herr Graf schüttelte also den östreichischen Staub von seinen Füßen, attachierte sich eine bekannte Wiener Kupplerin und zog mit ihr durch die Lande, trieb Mädchenhandel und betrog und stahl wie ein Rabe. Bald saß er in Sachsen auf mehrere Jahre hinter Schloß und Riegel. Als er wieder auf freien Fuß kam, ging er nach London, wo er sich als sogen. Schlitten⸗ fahrer etablierte. Jahrelang war er einer der verwegensten Betrüger dieser Spezies. Er brand⸗ schatzte insbesondere Frankfurter Firmen, die er wie er selbst rühmend sagte, für besonders dumm hielt. In England lernte er die be⸗ rühmte Tretmühle kennen. Als er diese ver⸗ ließ, wirkte er vorbildlich als Spitzenschmuggler von Brüssel nach Amerika. Er verdingte sich als Kohlenzieher und beförderte die Spitzen an seinem Leibe hinüber, bis er abgefaßt und wieder eingelocht wurde. Nachdem er noch im Jahre 1895 in Gemeinschaft mit einer„Freundin“ die 15jährige Lisette Schweighofer aus Eschbach bei Usingen im Taunus entführt, in London verhandelt und dafür dort zwei Jahre gesessen hatte, ließ er sich zu dauerndem Aufenthalt in Frankfurt nieder, wo er sich seinen Lebensunter⸗ halt durch Spiel, Schwindel und Zuhälterei verdiente. Vor Jahresfrist erkrankte dieser sonder⸗ bare Graf— übrigens ein Vetter des wegen Ehebruchs mit 6 Monaten Gefängnis bestraften und seit dieser Zeit in Oesterreich lebenden Majoratsherrn Graf Friedrich von Lei⸗ ningen— an Zungenkrebs. Er litt nament⸗ lich in der letzten Zeit schrecklich, da Naßrungs⸗ sorgen das Krankenlager umschwebten. Es wird nun niemand glauben, daß dieser dem Tode geweihte gräfliche Verbrecher noch irgend einen Wert für die Menschheit gehabt hätte. Man konnte erwarten, daß er sang⸗ und klanglos, wie andere Verbrecher, in die Ewigkeit abfahren würde. Aber dem ist nicht so. Noch auf dem Totenbett stieg der Mann im Kurse. In der bürgerlichen Gesellschaft gibt es Leute, die selbst für den Namen eines solchen gräflichen Lumpen Geld, schweres Geld ausgeben. Als spekulative Freunde von dem nahen Tode dieses Erzschelms erfuhren, sagten ste sich, mit dem sterbenden Grafen lasse sich insofern ein Geschäft machen, als gar manche wohlhabende Dame, sei es Witwe oder„Jungfrau“, danach trachten werde, Gräfin zu werden, selbst wenn der Grafentitel noch so anrüchig sei. Man streckte seine Fühler aus, setzte sich mit einer Frank⸗ furter Heiratsvermittlerin in Verbindung, und diese brachie den Major a. D. Max Menzel aus Dresden, der das dringende Bedürfnis nicht viel Staat machen können: Graf Emil von Leiningen⸗Westenburg⸗Alt⸗Lei⸗ fühlte, seine Geliebte, ein Fräulein Hedwig von Nordeck, mit der er früher in Wiesbaden wohnte, Gräfin zu Alt⸗Leiningen⸗Westerburg werden zu lassen. Den Tod im Herzen, erklärte sich der Graf bereit, gegen Zahlung von 2000 Mk. das Fräulein zu ehelichen, ihr Kind als das seinige anzuerkennen und auch dasjenige, welches sie unterm Herzen trägt, als seines zu legitimieren, obwohl er die Nordeck erst seit acht Tagen kannte und der wirkliche Vater dieser Kinder Major Menzel ist. Ein Attest, daß der Graf nicht verrückt sei, wurde beige⸗ bracht, die Papiere waren bald alle in Ordnung, und so fand am 30. Juni, sechs Tage vor seinem Tode, im Krankenzimmer des Grafen die standesamtliche Trauung statt. Nachdem die Trauung vollzogen war, haute der Major ihn noch übers Ohr, indem er bloß 200 Mk. in bar auszahlte und für den Rest einen wertlosen Schuldschein hergab. Für die 200 Mk. wurde Sekt herbeigeschafft und zum letzten Male spülte der gräfliche„Hochzeiter“ die sektfrohe Kehle mit dem geliebten Tranke aus. Am 5. Juli war er tot. Noch im Sterben hat er einen großen Betrug mit der Legitimierung der Nordeckschen Kinder ausgeführt. Aber in der bürgerlichen Gesellschaft scheinen solche„Ehen“ Kurswert zu haben. Denn kurz bevor Graf Leiningen den Pakt mit der Nordeck bezw. ihrem Onkel abschloß, erschien, von einem„Freunde“ des Grafen geführt, eine Mannheimer„Dame“ und bot 20000 Mk., wenn ste der Graf„het⸗ raten“ und ihr seinen„schätzbaren Namen“ geben würde. Die Offerte kam aber zu spät; die„Trauung“ war bereits perfekt. Jedenfalls steht dieser Namensschacher am Sterbebette eines gräflichen Verbrechers einzig da. Er ist ebenso bezeichnend für die Ver⸗ worfenheit des Verstorbenen, wie für die Moral gewisser bürgerlicher Gesellschaftskreise. Die unpolitischen Kriegervereine. Zum Kampfe gegen die Sozialdemo⸗ kratie bei den nächsten Reichstagswahlen rufen die Kriegervereine auf, die sonst immer„un⸗ politisch“ sein wollen. Die Kuyffhäuser⸗ Korresp., das Organ des Kyffhäuserbundes der deutschen Landeskriegerverbände, bringt einen Aufruf an die bürgerlichen Parteien zu gemein⸗ samer Arbeit, in dem es heißt: „Der Reichstag hat seine Pforten bis Ende November geschlossen, und für die Politik ist eine Zeit der Ruhe eingetreten... Ist es jetzt aber Zeit zur Ruhe, zum sorglosen Schlaf? O nein, keineswegs! In kaum zwei Jahren finden wieder die allgemeinen Reichstagswahlen statt, und auf die gilt es für die bürgerlichen Parteien zu rüsten.... Die Reichstagswahl er⸗ fordert an Vorbereitungen eine solche Menge Kleinarbeit, 1 so viel Fäden müssen zwischen den einzelnen bürgerlichen Parteien herüber und hinüber gesponnen werden, daß 0 es die höchste Zeit ist, mit einer planmäßigen Werbe⸗ arbeit zu beginnen. Die bürgerlichen Parteien können von der Sozialdemokratie, was Arbeitsfreudigkeit und Opferwilligkeit betrifft, viel lernen. Bei den letzten Wahlen war der Erfolg drei Millionen Wähler. Wie viele staatsfeindliche Stimmen sich das nächste Mal in den Urnen finden werden, ist schwer zu sagen. läßt sich aber mit aller Bestimmtheit voraussagen, daß es, wenn die bürgerlichen Parteien nicht ebenfalls baldigst⸗ einsetzen mit ihrer Gegenarbeit, es unmöglich ist, im letzten Augenblick die Sozialdemokratie von den Schanzen zu vertreiben. Dazu ist aber nicht nur eine jahrelange planmäßige Kleinarbeit nötig, sondern da ist vor allem auch Eintracht erforderlich. Einigkeit macht stark, das sieht man nirgends besser, als bei den Wahlen.“ Hier zeigt sich wieder ganz deutlich, das die Kriegervereine nichts anderes sind, als eine Schutztruppe der arbeiterfeindlichen, ordnungs⸗ parteilichen Politik und ein Werkzeug der be⸗ 7 Das 0 sitzenden Klassen im politischen Kampfe. Unbe⸗ greiflich und bedauerlich bleibt nur, daß viele Arbeiter, ja sogar noch solche, die sich zur Sozialdemokratie zählen, den Kriegervereinen angehören. Genosse Reichstagsabgeordneter Karl Grünberg gestorben. K Wieder ist ein Kämpfer gefallen. 1 Samstag starb in seiner Heimatstadt Hartha der Parteigenosse Grünberg, der Vertreter des sächsischen Reichstagswahlkreises Döbeln⸗ Mit ihm ist wieder einer der alte Roßwein. Er ist bereits das vierte M Garde gefallen. Am ahl el⸗ sarbeit, gerlichen e, Daß Vetbe⸗ können iat und lehlen 1 Nr. 29. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. glied, das der 1903 gewählten soztaldemokra⸗ tischen Fraktion durck den Tod entrissen wird. Kat! Grünberg stammt aus einer Weberfamilie, in der er mit seinen Geschwistern von früher Jugend an im Hausbetriebe tätig war und nach der Schulentlassung die Weberei erlernte. Der Webereibetrieb der Eltern Grünbergs ge⸗ hörte zu den wenigen, die sich aus dem Hand⸗ zum Maschinen⸗ und Großbetrieb zu entwickeln vermochten. Nachdem er als Weber ganz Deutschland durchwandert und später Reisen nach England, der Schweiz und Frankreich ge. macht hatte, übernahm er nach dem Tode seines Vaters die Fabrik, die sich unter seiner Leitung immer mehr und mehr entwickelte. In solchen Verhältnissen wandeln sich die Empörkömmlinge in der Regel nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch zu Bourgeois. Bei unserem Grünberg vollzog sich gerade eine umgekehrte Wandlung. Er, der 1870/71 mitgemacht, schloß sich nach der Rückkehr aus Frankreich einem Krieger verein an und machte auch in Patriotismus. Bald aber entwickelte er sich nach links und kam schließlich bei der Sozialdemokratie an. Zu⸗ nächst als Freisinniger und dann als Sozlal⸗ demokrat wurde er in das Stadtverordneten⸗ kollegium zu Hartha, seiner Vaterstadt, gewählt. 14 Jahre lang war er Mitglied dieses Kollegiums und hatte sich durch seinen biederen Charakter auch als Sozialist die Achtung, die ihm anfangs als bürgerlichen Stadtverordneten gezollt wurde, zu erhalten gewußt. Im Jahre 1896 wurde er in den sächsischen Landtag gewählt, dem er angehörte, bis der Wahlrechtsraub die sozial⸗ demokratische Vertretung beseitigte.— Ein schweres Magenleiden hat nun unsern Genossen in seinem 59. Lebensjahre dahingerafft. Seine Leiche wurde nach Gotha zur Einäscherung überführt.— Den Döbelner Wahlkreis eroberte Grünberg zum ersten Male bei der Nachwahl 1902, wo er an Stelle des verstorbenen National⸗ liberalen Lehr gewählt warde. Damals siegte er mit 402 Stimmen Mehrheit über die ge⸗ samten Gegner; im Jahre 1903 dagegen wurden für Grünberg 13 162 Stimmen abgegeben, während die bürgerlichen Parteien 11003 auf sich vereinigten. Trotz dieser Mehrheit werden unsere Genossen alle Anstrengungen machen müssen, den Kreis zu behaupten, denn die Gegner werden sicher ihr Möglichstes tun, ihn uns zu entreißen. Sie sollen bereits in der Person des Nationalliberalen Hasse, der 1903 in Leipzig durchfiel, einen gemeinsamen Kandi⸗ daten aufgestellt haben. Für den Mannbeimer Parteitag wird folgende Tagesordnung bekannt ge⸗ geben: 1. Bericht des Parteivorstandes: a) All⸗ gemeines. Berichterstatter: W. Pfannkuch. b) Kassenbericht. Berichterstatter: A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommisston. Berichter⸗ statter: A. Kaden. 3. Bericht über die parla⸗ mentarische 58 der Reichstagsfraktion. Berichterstatter: G. Schöpflin. 4. Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. 5. Massenstreik. Berichterstatter: A. Bebel. 6. Internatlonaler Kongreß. Berichterstatter: P. Singer. 7. Sozialdemokratie und Volkserziehung. Be⸗ richterstatter: Schulz und C. Zetkin. 8. Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug. Berichterstatter: H. Haase. 9. Sonstige An⸗ träge. 10. Wahl des Vorstandes, der Kontroll- kommisston und des Ortes des nächsten Partei⸗ tages.— Der Parteitag wird am 23. Septbr. eröffnet. Ueber den Massenstreik werden in der Parteipresse noch lebhafte De. batten geführt und es kommen dabei natürlich sehr abweichende Meinungen über diese Streit⸗ frage zum Ausdruck. Darauf können wir je⸗ doch jetzt nicht näher eingehen, das wird noch später geschehen. In verschiedenen Versamm⸗ lungen in Berlin wurden von sogenannter „anarcho-sozialistischer“ Seite gegen den Partei⸗ borstand und namentlich gegen Bebel schwere Vorwürfe erhoben und über„Parteiverrat“ ge⸗ schrieen. Wir finden aus allem, daß der Partei⸗ vorstand durchans im Sinne des auf dem Jenaer Parteitage gefaßten Beschlusses und des Bebelschen Referats verfahren ist.— Uebrigens ist dieser Gegenstand wieder auf die Tages⸗ ordnung des Mannheimer Parteitages gesetzt. Bebel hat das Referat.— Entschieden zu ver⸗ urteilen ist übrigens der Vertrauensbruch der „Einigkeit“, des Organs der Berliner lokalen Gewerkschaften, die aus dem nicht für die Oeffentlichkeit bestimmten Protokoll Auszüge abdruckte und damit die zum guten Teil über⸗ flüssige Debatte herauf beschwor. Ende der Dreyfus⸗Affaire. Vom Kassationshofe in Paris, dem obersten Gerichte Frankreichs, ist vorige Woche das Urteil in der Revistonsverhandlung des Prozesses Dreyfus gesprochen worden. Dadurch wird das Urteil des Kriegsgerichts zu Rennes vom Jahre 1902 aufgehoben und Dreyfus frei⸗ gesprochen. Durch ein von dem Parlament beschlossenes Gesetz wurden Dreyfus und Piquart, der ebenfalls, weil er die Fälschungen der Ge⸗ neralstäbler aufdeckte, aus dem Heere entfernt worden war, wieder in ihren Rang als Offi⸗ ziere eingesetzt und ihnen die Gehälter nachbe⸗ zahlt. Damit hat eine große Justiztragödie, die in der ganzen Welt Aufsehen erregte, ihr Ende erreicht und die Gerechtigkeit hat gestegt. An ihrem Siege haben die besten Männer Frankreichs unermüdlich gearbeitet, Zola, Jaures und viele andere. Alle die Wirrnisse, Fälschungen, Verbrechen und Lügen, mit denen die klerikal⸗antisemitisch⸗reaktionäre Klique, die vor wenigen Jahren in Frankreich allmächtig war, die Wahrheit hintanhalten, das Werk der Gerechtigkeit zerstören wollte, haben das nicht vermocht. Denn was verfolgt wurde, war die Wahrheit, und wenn ihre Verfolger über eine noch so große Machtfülle verfügten, die Macht, die von den Verteidigern des Dreyfus mobil gemacht wurde, erwies sich als stärker: Sie rüttelten das öffentliche Gewissen auf, und ste konnten das, weil sie in einem demokra⸗ tischen Staate mit unbeschränkter Preßfretheit lebten. Ihnen verdankt in letzter Linie Dreyfus seine Rettung und wiedergewonnene Ehre. Kleine politische Nachrichten. Der liberale Reichstagsabgeordnete Sattler ist gestorben. Er vertrat den 18. hanno⸗ verschen Wahlkreis Stade-Bremervörde, in dem bei der letzten Reichstagswahl für den Nationalliberalen 6466, für den Sozialdemokraten 5964, für den Frei⸗ sinnigen 3524, für den Welfen 2138 und für den Bauernbund 1918 Stimmen abgegeben wurden. In der Stichwahl siegte der Nationalliberale mit 12 232 Stimmen über den Sozialdemokraten, der 7178 Stimmen erhielt. Wir haben also dort wenig Aussicht. Die abgehauene Hand. Der neulichen Zeitungs⸗ meldung gegenüber, daß das gegen den Arbeiter Biewald in Breslau eingeleitete Gerichtsverfahren eingestellt sei, wird jetzt mitgeteilt, daß dies keineswegs richtig sei, die Akten sind vielmehr der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Biewald wird sich also vor Gericht zu ver⸗ antworten haben, wie er dazu kommt, sich eine Hand abhacken zu lassen! Pücklerfünger. Vor einer Berliner Strafkammer hatten sich vergangene Woche drei Personen wegen schwerer Mißhandlung eines jüdischen Handelsmannes zu verantworten und das Gericht erkannte auf Strafen von 2 Jahren, 1 Jahr 9 Monaten und 1 Jahr Ge⸗ fängnis, weil es sich um einen unglaublichen Roheitsakt von drei Personen gegen eine zudem noch schwächliche Person handelte. Der am schwersten Bestrafte war stets ein elfriger Besucher der Pücklerversammlungen, be⸗ richtet selbst die aatisemitische Staatsbürgerzeitung, die jahrelang die Hetzreden des Dreschgrafen verbreitete und verherrlichte. Revolution in Rußland. Große Spitzbuben. Was für Un⸗ summen an Liebesgaben die russischen Beamten 2c. schlucken, davon bringt das„20. Jahrhundert“ interessante Betspiele: so erhlelt der Graf Woron⸗ zoff⸗Daschkoff, als man ihn zum Statthalter des Kaukasus ernannte, 110 000 Mk.; General- adjudtant Pantelejeff, als er zum General- ouverneurvon Irkutsk befördert wurde, 32000 Mark. Dem seligen Ssipiagin hat man für die Ausstattung seines Hauses 1400 000 Mk. Aebelan ein Beamter wurde speziell nach dem uslande abkommandiert in der hoch wichtigen Aktion, Türklinken zu kaufen! Ungeachtet seiner Reichtümer erhiehlt Ple we 420000 Mk. Gehalt. Die Witwen Plewes und Ssipiagins sind jetzt mit einer Trostrente von je 122 000 Mk. bedacht worden. Das ist dieselbe heillose Verschwendung, wie sie die Strauchdiebe in Frankreich trieben, bis sie vom eisernen Besen der Revolution in den Schutt gefegt wurden. Da ist es aller⸗ dings auch kein Wunder, daß die Reglerung für die hungernden Bauern kein Geld hat. Leo Deutsch, dem gegenwärtig im Peters⸗ burger Gefängnisse sitzenden Genossen, der seiner⸗ zeit von Bismarck an Rußland ausgeliefert wurde und 16 Jahre im sibirischen Eiskerker saß, aus dem er 1900 entfloh, ist jetzt erklärt worden, daß zwar der Prozeß gegen ihn ein ⸗ gestellt ist, daß er aber trotzdem auf adminti⸗ oll. Wege wieder verbannt werden 0 Pon Nah und Fern. Hessisches. — Der frühere hessische Justiz⸗ minister Dr. Dittmar ist am Sonntag in Darmstadt im Alter von 65 Jahren gestorbeu. Dittmar war seit 1879 Rechtsanwalt beim Landgerichte in Gießen, 1888 erfolgte seine Berufung ins Ministerium. 1898 wurde er Justizminister, welchen Posten er bis voriges Jahr inne hatte, wo er in den Ruhestand trat. Der Verstorbene war ein tüchtiger Jurist und es muß anerkannt werden, daß er sich als Leiter der hessischen Justizverwaltung in politischer Beziehung möglichster Neutralität befleißigte. — Zum Fall Korell haben vorige Woche die oberhessischen Pastoren in einer Konferenz Stellung genommen. Sie haben sich gegen Korell und für das Oberkonsistorium erklärt, ihre Aufgabe also in dem Sinne auf⸗ gefaßt, der wir sie in letzter Nummer als die Anschauung der Mehrheit der Geistlichen be⸗ zichtigten: sie halten sich für Schützer der kapi⸗ talistischen Ordnung. Den Vorsitz in jener Konferenz hatte der als Anhänger der Stöckerei bekannte Pfarrer Berubeck aus Staden, da ist der Veschluß nicht verwunderlich. Gießener Angelegenheiten. — Die Schulferien in der Volks⸗ schule waren in der letzten Stadtverordneten⸗ sitzung Gegenstand lebhafter Erörterung. Vom Stadtverordneten Jann war angeregt worden, die Volksschulferien in die gleiche Zeit zu legen, wie die der höheren Schulen. Er begründete dies recht unglücklich damit, daß dies ein kleines Mittel zur Erhöhung des Ansehens der Volks⸗ schule sei. Von verschiedenen Seiten wurde gewünscht, die Piingstferien um eine Woche zu verkürzen und dafür die großen im Herbst auf 5 Wochen auszudehnen, wofür auch unser Ge⸗ nosse Krumm eintrat. Wir halten die Schul⸗ ferien um diese Zeit für ganz unzweckmäßig gelegt und haben dieser Meinung noch fast jedes Jahr Ausdruck gegeben. Jetzt müssen die Kinder in der schönsten und wärmsten Jahreszeit in der Schule sitzen und während der Ferien müssen sie womöglich auch in der Stube bleiben, denn um diese Zeit sind die Tage schon bedeutend kürzer, das Wetter kühler und unfreundlicher. Soviel wir wissen, sind auch nirgends in den Städten der Umgebung die Ferien so unglücklich gelegt. wie bei uns in Gießen. Warum diese merk⸗ würdige Einrichtung? Die Volksschule braucht sich in keiner Weise nach der Universttät und den anderen höheren Schulen oder der Reisezeit zu richten, denn leider können sich die meisten Volksschüler und ihre Eltern keine größere Vergnügungsreise erlauben. Hier sollte doch einfach entscheidend sein, was für die Kinder das Zweckmäßigste ist. Und das ist zweifellos eine längere Pause in der heißesten Jahreszeit Juli⸗August. Man könnte die Pfingstferten ganz streichen und im Hochsommer 4 Wochen und Ende September nochmals 14 Tage geben. Eine derartige Einteilung würde nach unserer Meinung dem Erholungs- und Ruhebedürfnis der Kinder bedeutend besser entsprechen als die jetzige, und auch die Lehrer dürften damit ein⸗ verstanden sein. In diesem Sinne sprach sich auch der Stadtverordnete Heyligenstaedt ans, ——— Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung: Nr. 29. den wir hierin durchaus beistimmen. Die Eltern der Volksschüler sollten sich mal mit dieser Frage befassen und diesbezügliche Anträge an die Stadtverwaltung stellen. — Von einem durchgebrannten Ge⸗ werkschaftskassierer wußten neulich die „Ordnungs“blätter zu berichten und selbstver⸗ ständlich fehlte dabei auch der„Gieß. Anz.“ nicht, der immer dabei ist, wenns der Sozial⸗ demokratie oder der Arbeiterbewegung eins an⸗ zuhängen gilt. In Münster(Westf.) sollte der Kassterer des Maurerverbandes 25 000 Mk. unterschlagen haben. Es war sofort auffällig, wie ein Filtalkassterer zu einer so großen Summe kommen sollte, besonders, da in jener Gegend die freien Gewerkschaften nicht stark sind. Jetzt macht jedoch der Zentralvorstand der Maurer bekannt, daß dort 310 Mitglieder seien, die ganze letzte Jahreseinnahme betrug 4667 Mk., der Kassterer rechnete regelmäßig ab und hatte am 1. Juli nur 1098 Mk. am Orte. Wenn also ein Kassierer durchgebrannt sei, dann könne nur ein„Bruder in Christo“ in Betracht kommen. Also, es war wieder mal geschwindelt. Auf Seite der Ordnungsleute kann man jetzt allerdings Dutzende von Kassterern aufzählen, die anderer Leute Geld verputzten. — Das valerlandslose Hoch⸗ zeits mahl. Der„Gießener Anzeiger“ regte sich in seiner Nummer vom Samstag gewaltig über die Speisekarte auf, nach der bei einer in Gießen stattgefundenen Hochzeit gegessen und getrunken wurde. Sie lautet folgendermaßen: Hors d'oeuvres froids. Oeufs de russie et Majonnaise en coquille.— Menu: Bouillon de poulet à la Marengo. Saumon de Rhin à la Majonnaise, Petits pois à Panglaise Escalope à la viennoise, Choux-fleurs Escalope à la Viennoise. Oison roti, Compotes, salades. Mandelberg. Glace à la 9 0 Torte. Dessert. Café. Der urteutsche Redakteur des Amtsblattes faucht die Hochzeitsgäste wegen dieser französtschen Speisekarte nicht schlecht als„vaterlandslose Gesellen“ an und bemerkt dazu entrüstet:„Leben wir denn hier in Gießen nicht im echtesten Deutschland? Ist ein solches Protzen mit fran⸗ zöstschen Wortungetümen nicht ein klägliches Zeichen für die Vaterlandslofigkeit der Hoch⸗ zeitsgeber?“— Wir als notorisch„Vaterlands⸗ lose“ empfinden mit den so Gerüffelten eine gewisse Seelen verwandschaft, können uns also über die„französischen Wortungetüme“ der Hochzeitstafel⸗Programmnummern nicht weiter aufregen. Aber aus anderen Gründen halten wir es für nützlich, diese Speisekarte in unser geltebtes Deutsch zu übertragen, weil wir über⸗ zeugt sind, daß 99/100 unserer Leser nicht wissen, was sich für Leckerbissen unter obigen französischen Bezeichnungen verbergen.(Dabei müssen wir zu unserm Bedauern gestehen, daß sie uns in natura ebenfalls vollkommen unbekannt sind.) Man speiste also etwa: Kalte(appetitreizende) Vorspeisen; Eier in Mayonnaisensauce(russ. Salat); Hühnersuppe; Rheinsalm in Mayonnaise; Wiener Schnitzel mit kleinen Erbsen auf englische Art; Wiener Schnitzel mit Blumenkohl; gebratene junge Gänse; Kompots, Salate, Mandelberg(Süßes Mandelgebäck), Eis, Gebäck, Nachtisch, Kaffee. Seht ihr Proleten, so lebt man in besseren Kreisen! Diese Mahlzeit, von der unsere Ueber⸗ setzung nur einen unvollkommenen Begriff gibt, würde ein Arbeitermagen gar nicht bewältigen und vertragen können, deshalb bleibt bei Euren Kartoffeln! Was also hier den patriotischen Zorn des Anzeigers erregte, gibt nebenbei ein kleines Bildchen von dem Unterschiede zwischen Hüben und Drüben, von der Schönheit unserer heutigen Ordnung! — Eingesandt. Ein Wort an die Bergarbeiter von Gießen und Um⸗ gegend! Kameraden! Euer ärgster Feind, der wie Zentnerlast euch niederdrückt und die Bewegung hindert, ist Eure Gleichgültigkeit. Sind Eure Arbeits, Lohn- und sanitären Ein⸗ richtungen tatsächlich so gute, daß ste keiner Aufbesserung bedürfen? Kann Eure Familie heute noch mit einem Lohne von 2,50 bis 3 Mk. auskommen? Wir bezweifeln es und können an vielen Beispielen beweisen, daß dem Berg⸗ mann heute eine menschenwürdige Existenz ver. sagt ist. Eine Arbeitszeit von täglich 12 bis 15 Stunden richtet außerdem die Gesundheit mit Gewalt zu Grunde. In sanitärer Beziehung bleibt auf der Braunstein⸗Grube viel zu wünschen übrig. Man muß sich wundern, daß von der Behörde aus solche Baracken als Wohnungen erlaubt sind, wie auf dieser Grube. Ich will nicht alle bestehenden Mißstände aufzählen, die Kameraden kennen sie und wissen, daß ein Einzelner sie nicht beseitigen kann, daß es nichts nützt, über niedrigen Lohn zu schimpfen, sondern, daß nur durch gemeinsames Vorgehen eine Besserung erreicht werden kann. Die Forde⸗ rungen, welche der Verband an die Werksbesitzer stellt, sind: Verkürzung der Arbeitszeit, aus⸗ kömmlichen Lohn, Abschaffung der mörderischen Akkordarbeit, bessere Behandlung seitens der Grubenbeamten, mehr Schutz für Leben und Gesundheit, bessere sanitäre Einrichtung, befsere Knappschafts⸗ und Krankenkassenverhältnisse. Wer also mit helfen will, daß diese Forderungen verwirklicht werden, muß Sonntag, den 22. Juli, nachmittags 2 Uhr, die öffentliche Bergarbei⸗ ter⸗Versammlung in Gießen im„Pfau“ (Neustadt) besuchen. Seid alle Mann zur Stelle! — Abg. Dr. David wird nächste Woche in Gießen und Umgebung einige Versammlungen abhalten. o- Die Freie Turnerschaft Gießen veranstaltet am Sonntag den 29. Juli im Garten⸗ Etablissement Pulvermühle ein großes So mm er fest, welches gleichzeitig einen Er satz für das in diesem Jahr ausfallende Bezirksturnfest bieten soll. Nach den bis jetzt getroffenen Vorbereitungen und der großen Zahl von Anmeldungen auswärtiger Vereine zu urteilen, ver⸗ spricht das Fest ein in allen Teilen schönes zu werden, weshalb wir schon heute auf dasselbe aufmerksam machen. (Näheres Inserat). — Gegen den Abgeordneten Hirschel soll, wie berichtet wird, Anklage wegen Unterschlagung erhoben worden sein. — Berichtigung. In Nr. 27 unseres Blattes vom 8, Juli muß es in dem Schluß ⸗Artikel über„Frei⸗ denkertum und Sozialdemokratie“, Seite 6, Absatz 1, Zeile 5 von unten richtig heißen:„Dieser Mut ist sicherlich ein Zeichen geist igen Vorwärtsstreben denn er entspringt(licht entspricht) dem Drange nach Wahrheit.“ Aus dem Rreise gießen. — Das Sängerfest in Wieseck war vom besten Wetter begünstigt und infolgedessen war auch ein zahlreicher Besuch aus den Orten der Umgebung zu verzeichnen, es zeigt sich auch, daß die Arbeitergesang⸗ vereine in diesem Bezirke zahlreicher werden und in er⸗ freulichem Aufschwunge begriffen sind. Ihre gesanglichen Oistungen sind auch immer bessere geworden, was man besogders bei dem Massenchor feststellen konnte, den Herr Bauer jun., Gießen, dirigierte. In den Gesangs⸗ vorträgen der einzelnen Vereine wurde ebenfalls recht Anerkennenswertes geboten, nur kamen die meisten auf den unruhigen Festplatze nicht voll zur Geltung. Das lag auch mit an der unzweckmäßigen Anlage des Sänger⸗ podiums, das mit Guirlanden ꝛc. verhängt war, anstatt sich nach vorn frei zu öffnen, damit die Töne ungehindert herausdringen können! Es müßte aber auch das Publikum während der Vorträge mehr auf Ruhe halten und mehr Rücksicht auf die Sänger nehmen.— Der Festzug wies eine stattliche Länge auf; nachdem er auf den Festplatz zurückgekehrt war, hielt Genosse Fladung⸗Frankfurt eine sehr beifällig aufgenommene Ansprache, in der er die Bestrebungen des Arbeitersäugerbundes darlegte. Das Fest nahm den besten Verlauf. l. Heuchelheim. Zu dem Feste der Tabak⸗ arbeiter am 29. Juli, zu dem die Kollegen der Um⸗ gebung eingeladen sind, wird auch ein Festzug durch den Ort stattfinden. Die Heuchelheimer Genossen werden daher freundlich gebeten, durch Schmückung der Häuser mit zur Verschönerung des Festes beizutragen. — Mehr Klarheit! Aus Alten⸗Buseck er⸗ halten wir als Antwort auf die in letzter Nummer ver⸗ öffentlichte Einsendung betreffend die Beteiligung des Arbeitergesangvereins und der Arbeiterturner am Krieger⸗ fest folgende von 3 Genossen unterzeichnete Zuschrift: „Die große Mehrzahl der Mitglieder der hier in Frage kommenden Vereine war allgemein der Ansicht, daß in einem Orte von 1100 Einwohnern man einen solchen Schritt nicht wagen sollte, da bei jedem hier noch abgehaltenen Fest sich der Kriegerverein vollzählig be⸗ teiligt hat und zudem eine Anzahl Mitglieder dieses Vereins unsere Parteizeitungen abonnieren, Eltern unserer jungen Turner und Mitglieder des Gesangvereins find. In beiden Vereinen sind kleine Handwerker, deren Eylstenz mit in Frage tritt; übrigens ist auch der hiesige Krieger⸗ verein noch kein Hemmschuh für unsere politische Be⸗ wegung gewesen, das beweisen zur Genüge unsere letzten Wahlresultate. Allgemein wird hier davor gewarnt, derartige lokale Angelegenheiten in der Weise, wie es in der Einsendung geschah, auszuposaunen.“ B Zu dieser, Angelegenheit gestatte man uns auch einige Bemerkungen. Wir waren nicht im Zweifel darüber, daß die Einsendung in letzter Nummer einige Erregung und eine abfällige Kritik hervorrufen würde. Wir lehnten trotzdem ihre Aufnahme nicht ab, weil das, was ste sagt, richtig ist, wie jeder Parteigenosse bei ruhiger Ueberlegung zugeben muß. Nur bezüglich der tatsäch⸗ lichen Behauptungen muß richtig gestellt werden, daß der Gesangverein nicht speziell für diesen Fall eine Strafe festsetzte, sondern, daß dies im Statut festgelegt ist für diejenigen, die einem gefaßten Beschlusse nicht nachkommen. Sonst aber ist alles richtig. Nun wird gesagt, daß in Alten⸗Buseck ein freundliches Verhältnis zwischen Partei⸗ und Kriegervereinsmitgliedern besteht, was ja recht erfreulich ist. Gewiß können gebildete Menschen auch als politische Gegner mit einander freund⸗ schaftlich verkehren, sollen es sogar. Man darf und wird doch aber bei aller persönlicher Freundschaft nicht die gegnerischen Tendenzen und Bestrebungen unterstützen, denn damit würde man zugleich seine In⸗ teressen schädigen und seine Grundsätze preisgeken.— Früher verhielten sich die Kriegervereine politisch neutral, verfolgten nicht die reaktionären, a ebeiterfeind lichen Bestrebungen wie gegenwärtig, wie z. B. auch aus dem Aufruf des Kyffhäuserbundes hervorgeht.(Siehe pol. Rundschau in dieser Nummer.) Man denke ferner an das Verunglimpfen unserer Partei durch die Krieger⸗ vereinsorgane(„Parole“ ꝛc.), das Vorgehen der„Hassta“ bei den letzten Reichstagswahlen, denke daran, wie lang⸗ jährige Mitglieder wegen Zugehörigkeit zur Sozial- demokratie, der Gewerkschaft oder auch nur eines Konsum⸗ vereins ausgeschlossen wurden und ihrer wohlerworbenen Rechte verlustig gingen. Kurz, heute sind die Krleger⸗ vereine nichts anderes als ein Werkzeug der be⸗ sitzenden Klasse und der politischen Macht⸗ haber gegen die Befreiungsbestrebungen des unterdrückten Volkes! Das sollte doch jeder Arbeiter längst erkannt haben und für unsere Alten⸗ Bnusecker Genossen müßte es ein Leichtes sein, ihre dem Kriegerverein angehörigen Freunde davon zu überzeugen und sie veranlassen, einer derartigen Vereinigung den Rücken zu kehren, wie es in Sachsen im letzten Jahre 4500 getan haben. Unsere Genossen sind aber überaus geduldig und gutmütig. Nur ein Beispiel dafür! Wie das Friedberger Bündlerblatt mitteilte, hatte kürzlich bei dem Kriegerfeste in Burggräfenrode der dortige partei⸗ genössische Wirt Kohl ebenfalls geflaggt und geschmückt, Und diesen Wirt mißhandelten im Jahre 1903 die dortigen Kriegervereinler, demolierten sein Lokal und denunzierten ihn auch noch wegen Majestätsbeleidigung, weshalb er zu 2 Monat Gefängnis verurteilt wurde! — Gewiß, wir Sozialdemokraten sollen auch dem Gegner gegenüber zuvorkommend, freundlich und hilfreich sein; wir können aber nicht unsere Grundsätze mit Füßen treten, den blutigen Völkerkrieg feiern, wo wir doch für den Weltfrieden eintreten und jeden 1. Mai dafür demonstrieren! Aus dem Rreise ꝗriedberg⸗Püdingen. tz. Eine Partei⸗Bezirks⸗Konferenz für den Bezirk Büdesheim tagte am Sonntag(8. Juli) in Heldenbergen. Sie beschäftigte sich hauptsächlich mit Agitations⸗Fragen. Auf Antrag des Gen. Dietz wurde beschlossen, daß rednerisch befähigte Genossen im Kreise mindestens zweimonatlich in den einzelnen Filialen Mitgliederversammlungen abzuhalten haben. Eine Be⸗ zirkskasse zu gründen, wurde bis zur nächsten Konferenz aufgeschoben. Ein beim Maifest in Oberau erzielter Ueberschuß soll der Kreiskasse überwiesen werden. Schließ⸗ lich wurde noch beschlossen, demnächst ein Bezirksfest in Heldenbergen abzuhalten und die nächste Konferenz nach Rommelshausen einzuberufen. tz. Die Arbeiter- und Parteibewegung im unteren Teile des Kreises Büdingen, bestehend aus den Orten Rommelhausen, Eckartshausen, Oberau, Höchst a. d. N., Altenstadt, Hainchen usw., ist im letzten Jahre einen großen Schritt vorwärts gegangen. Die erwähnten Orte, in denen überwiegend Arbeiter wohnen, die größtenteils in Frankfurt, Offenbach usw. als Bauhandwerker be⸗ schäftigt sind, haben in den letzten Jahren durch die⸗ Lohnbewegungen das Ausbeuter⸗System der Unternehmer kennen gelernt und wissen, daß nur in geschlossenen Reihen in der gewerkschaftlichen Organisation bessere Existenzen errungen werden können. So haben es die älteren Kollegen verstanden, in den letzten Wochen den lauesten Arbeiter der Bewegung zuzuführen. Unter den schwierigsten Verhältnissen, mit welchen der Verband der Bau⸗, Erd⸗ und Ziegeleiarbeiter zu kämpfen hat, konnte trotzdem im verflossenen Jahre in Rommelhausen und Höchst a. d. N. Zahlstellen errichtet werden. Ebenfalls haben sich ein großer Teil Konfektionsschneider aus der Umgegend aufgerafft und sind in den Verband eingetreten. Die Ursache bot wohl allein die Lohnbewegung der Frankfurter Konfektionsschneider, welche hinausgingen, um ihre Kollegen auf dem Lande über ihre erbärmliche Lage aufzuklären.— Mit dem Interesse für die gewerk⸗ schaftliche wuchs auch das für die politische Organisation⸗ So konnten in den genannten Orten fast überall Wahl⸗ U c e — Nr. 29. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. — ere Seite 5. vereine gegründet werden und dabei sei anerkannt, daß die Bezirksleitung hre volle Schuldigkeit getan hat, um jahrelang versäumte Arbeit nachzuholen. Immerhin ist noch eine große Arbeit zu verrichten, und das ist die Agitation für die Parteipresse. Vor allem ist es eine unbedingte Notwendigkeit für die Arbeiter der hiesigen Gegend, welche die Woche über in den Städten sind und dort die Volksstimme und das Offenbacher Abend⸗ blatt lesen können, daß dieselben für sich und ihre Familien auf die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung abon⸗ nieren. Denn es ist noch eine traurige Tatsache, daß in einem Orte, wo Gewerkschaftszahlstellen und ein Wahlverein bestehen, noch kein einziger, und in anderen Orten noch nicht die Hälfte Kollegen und Genossen Abonnenten der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung sind. Im Gegenteil lassen viele noch ihre Familien angehörigen von Pfaffenblättern abspeisen, welche doch nur stets Partei und Gewerkschaft in unerhörter Weise beschimpfen. Hier ist noch große Arbeit zu schaffen und eine spezielle Agitation für die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung ist am Platze. 5 994 5 2 2 5 r 25 e 8 —— 2—— Aus dem ⸗Rreise Alsseld-Cauter bach. * Parteiagitation. Im Alsfelder Wahlkreise hat Genosse Dr. David in den letzten Wochen eine Anzahl Versammlungen abgehalten, die von gutem Erfolg begleitet waren. Es war auch unbedingt nötig, daß etwas in diesem Kreise getan wurde, unsere Bewegung lag sehr darnieder, es find hier wenig Genossen vor⸗ handen, die für die Partei agitatorisch wirken können und dazu gewillt find. Hoffentlich entwickeln die Als⸗ felder Genossen nunmehr wieder eine regere Parteitätig⸗ keit.— In Lauterbach fand am Samstag im Saale des Gasthofs„Felsenkeller zum Johannesberg“ eine öffentliche Volksversammlung statt, in welcher Genosse Dr. David referierte. Die Versammlung hatte das erfreuliche Resultat, daß sich 21 neue Mitglieder zur Parteiorganisation meldeten. Am Sonntag Nachmittag sprach Genosse David in Frischborn und am Abend in Angersbach. In beiden Orten war ein guter Besuch zu verzeichnen und der lebhafte Beifall bewies, daß die Saat auf guten Boden gefallen ist. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Bürgerliste! Wir machen nochmals dar- auf aufmerksam, daß die Liste der stimmfähigen Bürger bis 30 Juli auf dem Rathause zur Einsicht aufliegt. Sehe sie eder Wahlberechtigte nach! Andernfalls kann er bei der Gemeindewahl nicht wählen, hat also kein Recht, sondern darf nur bezahlen. * Aus der Sudelküche des Sozialisten⸗ töter-Verbandes schöpft das Wetzlarer Kreisblatt mit vollen Händen; das Schwindelmaterial ist ja diesen Ordnungsblättern immer willkommen. Neulich erzählte es seinen Lesern, Mehring habe in der„Leipz. Volksztg.“ die im Vorwärtsverlage erscheinende Literatur als minder⸗ wertig bezeichnet und über die„Hohenzollern⸗Legende“ Maurenbrechers geurteilt:„Es ist eben doch nichts Rechtes mit dieser Hetzarbeit, die sich„wissenschaftlich“ nennen mag, aber dennoch noch nicht wissenschaftlich ist.“ Bei dem Worte„Hetzarbeit“ machte der Reichsverbändler ein Ausrufungszeichen, um damit den Sinn zu verdrehen, in dem der Satz von der Leipziger Volkszeitung gemeint war, nämlich, daß die Arbeit schnell, ohne die wün⸗ schenswerte Muße geleistet werden mußte. Man sucht diese Bemerkung so hinzustellen, als habe die Leipz. Voltsztg. das Werk als ein hetzerisches bezeichnet. Eine ganz niedliche Fälschung! Soviel steht fest: Das ge⸗ ringste Broschürchen, was der Vorwärtsverlag herausgibt, ist mehr wert, als ein ganzer Jahrgang des„Anzeigers“! n. Arbeitervereine nach dem Herzen der Reptilpresse. Der„Wetzlarer Anzeiger“ er⸗ zählte kürzlich davon, daß in Crimmitschau nach dem Terxtilarbelterstreik ein nationaler Arbeiterverein gegründet worden set, der bereits 1800 Mitglieder zähle.„Der Geist, der in ihm herrscht,“ sagt er weiter„leuchtet aus folgender Ansprache seines Vorsitzenden hervor: Im Nationalen Arbeiterverein sind freie Arbeiter vereint. Ich sage frei, weil wir einen Zwang, wie ihn die sozial⸗ demokratische Organisation als überflüssig betrachten und vertrauensvoll mit den Arbeitgebern zusammengehen. Immer kleiner wird die Zahl derer, die jährlich 15 bis 25 Mark in die Verbandkasse zahlen, um sich im„Tex⸗ tilarbeiter“ gehörig anlügen und aufhetzen zu lassen. Kleiner ist die Schar derer geworden, die den Trug⸗ bildern der berufsmäßigen Volksbeglücker noch Glauben schenken, für die Ideen derselben ihren freien Willen opfern und auf Befehl dem Hunger und der Not ent⸗ gegen treiben.“ Bedauernswerte Arbeiter, die sich noch solches Zeug erzählen lassen! Viel solcher Dumme gibts aber nicht mehr und werden immer weniger. Die kapitalistischen Soldschreiber wissen auch warum sie diese geistig Armen als Muster hinstellen, g. Aus Launsbach. Am Sonntag vor acht Tagen hielt der neugegründete Lahntal⸗Dünsberg⸗Turner⸗ bund sein erstes Turnfest hier ab. Herr Rinn von hier und Herr Daubert aus Wieseck hielten Festreden, aus denen zu entnehmen war, daß dieser Bund dieselben Tendenzen wie der Deutsche Turnerbund verfolgt. Diese find sattsam bekannt und bewegen sich in einer Richtung, der ein denkender Arbester niemals folgen wird. Die hiesige Freie Turnerschaft, die sich schon recht gut entwickelt hat, beteiligte sich ebenfalls an dem Feste, weil sie der Meinung war, der neue Lahntal⸗ Dünsberg⸗ Turnerbund sei politisch neutral, was sich aber durch die Festreden als ein Irrtum herausstellte. Leider gibt es Parteigenossen, die noch gegen die freie Turnerschaft agitieren, anstatt sie nach besten Kräften zu fördern. X. Eine öffentliche Turnerversammlung, die sich eines sehr guten Besuches zu erfreuen hatte, fand am Samstag Abend im schwarzen Walfisch zu Gleiberg statt. Turngenosse Noll-Gießen, welcher als Referent erschienen war, gab in seinen?/ stündigen Aus⸗ führungen zunächst einen Ueberblick über den Wert des Turnens im allgemeinen, hielt im weileren Verlauf derselben eine gründliche Abrechnung mit der Deutschen Turnerschaft und kam am Schlusse seines beifällig auf⸗ genommenen Referats auf Zweck und Ziel der Arbeiter⸗ turnbewegung zu sprechen. Im Anschluß hieran fand die Gründung einer„Freien Turnerschaft Gleiberg“ statt, welcher sofort 45 Turngenossen beitraten. In den provisorischen Vorstand wurden die Turngenossen Ludwig Göbler, Albert Müller und Karl Zecher gewählt. Ein kräftiges Frei Heil! diesem jüngsten Glied in der Kette des Arbeiterturnerbundes. Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. * Gewerkschaftliches aus Marburg. Eine Bauarbeiterversammlung, einberufen vom freien Maurerverbande und vom Verbande der christlichen Bauhandwerker, fand am Dienstag hier statt, um Stellung zu nehmen zum gegenwär tigen Bauhilfsarbeiterstreik in Marburg. Die streikenden Bauhilfsarbeiter hatten schwer zu kämpfen, weil die Mitglieder des freien, wie auch die des christlichen Maurerverbandes Streikarbeit ver— richteten. Von dem freien Maurerverbande waren es fünf Mitglider, die Streikarbeit verrichteten, von dem christlichen Verbande waren es fünf, die keine Streik⸗ arbeit verrichteten, während die übrigen Mitglieder des christlichen Verbandes sämtlich Streikarbeit leisteten. Genosse Fischer vom Bauhilfsarbeiterverbande, der das einleidende Referat hielt, brandmarkte auch in gebührender Weise diese Streikbrecher. Genosse Schneider vom Maurer⸗ verbande erklärte ebenfalls, daß es eines freien Maurers unwürdig sei, Streikarbeit zu verrichten. Die elende Lage der Bauhilfsarbeiter zu verbessern, dazu könnten die Maurer viel, sehr viel beitragen, indem sie sich mit denselben solidarisch erklärten und die von Streik⸗ brechern verrichtete Arbeit verweigerten. Die sehr stark besuchte Versammlung nahm auch einstimmig eine Reso⸗ lution an, in der hervorgehoben wurde, daß das un⸗ kollegiale Verhalten der Maurer endlich aufhöre, zumal, gestützt auf den Kartellvertrag, es ein organisterter Maurer von selbst unterlassen sollte, Streikarbeit zu verrichten. * Einen vollständigen Sieg errangen die organisterten Dachdecker von Marburg. Obwohl erst 4 Wochen organisiert, stellten sie an ihre Arbeitgeber die Forderung: Einführung der 10 stündigen Arbeitszeit bei Beibehaltung des bisherigen Lohnes. Diese Forde⸗ rung erkannten fast sämtliche Meister an. Nur die Firma Giller hatte noch keine Antwort gegeben. Die dort beschäftigten Dachdecker reichten darauf ihre Kündi⸗ gung ein. Da bei dieser Firma nur ledige Leute in Betracht kommen und diese Marburg verlassen, so kann sie zusehen, wie sie ihre Arbeit fertig bringt. Daß keine Streikbrecher herein kommen, dafür ist schon gesorgt. Einbruchdiebstahl. In die Bureau⸗ räume der Tapetenfabrik wurde diese Woche eingebrochen, wobei den Dieben 700 Mk. in die Hände fielen. Der ,christliche“ Schneider verband will in Marburg eine Zahlstelle errichten, wie die Hess. Landesztg. mitteilte. Zu diesem Zwecke soll nächsten Montag eine Versammlung in der„Sonne“ stattfinden. In der Hess. Landesztg. heißt es weiter:„Es ist Pflicht eines jeden Kollegen, mag er in einem größeren Geschäft oder bei einem kleineren Meister in Arbeit stehen, daß er sich einer Organisation anschließt, welche sür ihn die geeigneteste ist und stets die Interessen des friedlichen Einvernehmens zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bewahrt.“ Für das national⸗soziale Blatt sind diese Bemerkungen sehr bezeichnend.— Die 13 Schneider, welche nach uns gewordenen Mitteilungen dem christ⸗ lichen Verbande beigetreten sind, gehörten zum Teil schon mehrmals dem Zentralverbande an, wo sie aber wegen restierendee Beiträge ausgeschlossen werden mußten. Bei der Reichstagsersatzwahl in Hagen am Donnerstag erhielt König(Soz.) 15864; Cuno (freis.) 10 228, Beck(Zentr.) 4909, Moldenhauer(natl.) 4430 Stimmen.(1903 erhielt unser Genosse 13 870, die gesamten Gegner 22 739 Stimmen.) Par tei-Uachrichten. Lohnkämpfe. Der Streik der Ziegelei⸗ arbeiter bei Gail in Gießen dauert unver⸗ ändert fort. Die Zahl der Streikenden ist nicht wentger, sondern größer geworden. Eine ganze Anzahl haben sich noch der Bewegung angeschlossen. Halten diese aus und wird der Zuzug ferngehalten, dann wird ein bal⸗ diges, für die Streikenden günstiges Ende des Kampfes zu verzeichnen sein. Bis jetzt sind schon eine ganze Anzahl anderweitig in Arbeit untergebracht. Bedauerlich ist es nur noch, daß es eine kleine Anzahl Arbeiter nicht übers Herz kann bringen, immer noch den Raus⸗ reißer zu spielen. Würden sich auch diese einmal etwas mehr um ihre Arbeiterpflichten kümmern, dann wäre ein derartiger Kampf erspart geblieben. Hoffen wir, daß dieselben dies noch nachholen. 2 Mit Errichtung einer Parteibildungs⸗ schule für befähigte Parteigenossen beschäftigte sich der Partei⸗Vorstand seit längerer Zeit. Seine Beratungen sind nun zum Abschluß gekommen und zum Herbst soll sie ihre Tätigkeit eröffnen.— Ferner soll eine Partei- korrespondenz herausgegeben werden, deren Aufgabe es ist, der Parteipresse und den zur Leitung und Betreibung der Agitation berufenen Genossen das Agitationsmaterial zu liefern. Die Redaktion der Korrespondenz liegt in den Händen der Genossen Dr. Erdmann-⸗Düsseldorf, M. Grunwald⸗ und W. Schröder⸗Berlin, Expedient ist der Genosse Geithner.— Diese Unternehmungen sind im Interesse der Weiterentwickelung mit Freuden zu begrüßen und sie werden einem fühlbaren Mangel abhelfen, wenn die Sache, woran kaum zu zweifeln ist, am richtigen Ende angepackt wird. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Gemäß§ 11 der Statuten flindet die Generalversammlung des Kreiswahlvereins(Kreiskon ferenz) Sonntag, den 5. August, vormittags 10 uhr, im Lokale„Zum weißen Roß“ in Assenheim statt. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Jahres- und Kassen⸗ bericht des Vorstandes. 2. Bericht der Bezirksleiter. 3. Neuwahl des Vorstandes. 4. Die stattgehabten Landtagswahlen. 5. Nominierung des Reichstagskandi⸗ daten. 6. Presse. 7. Die diesjährige Landeskonferenz. 8. Der diesjährige Parteitag und eventuell Wahl eines Delegierten. 9. Anträge und Verschiedenes. Die Filialen werden ersucht, umgehend zur General⸗ versammlung Stellung zu nehmen und die Delegierten⸗ wahl nach§ 13 des Statuts vorzunehmen. Etwaige Anträge sind bis spätestens den 1. August schriftlich dem Kreisvorstande einzureichen. Die Bezirksleiter werden ersucht, für angemessene Bekanntmachung in ihrem Be⸗ zirke Sorge zu tragen. Die noch ausstehenden Abrech⸗ nungen sind unverzüglich an den Kreiskassierer einzusenden. Vilbel, 13. Juli 1906, Der Vorstand des Kreiswahlvereins Friedberg⸗Büdingen. J. A.: Karl Armbrust, Vorsitzender. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Kreiskonferenz Sonntag, den 29. Juli, nachmittags 2 Uhr, im„Stadtpark“ zu Alsfeld. Tagesordnung: Ausbau der Organisation, Die Parteigenossen im Kreise werden ersucht, sofort zur Wahl von Delegierten zu schreiten und überhaupt für eine zahlreiche Beteiligung an der Konferenz Sorge zu tragen. Der Kreis vorstand. Wahlverein Wetzlar⸗ Altenkirchen. Unter⸗ zeichneter ersucht die Mitglieder, ihre bis Ende Juni fälligen, etwa noch restierenden Beiträge, baldigst zu begleichen, da von da ab neue Bücher und Marken zur Einführung gelangen. Aussteller der Bücher sind A. Fauth und O. Teichmann.— Quittung. „Für die alte Tante“ Mk. 3.—. O. Teichmann, Kassierer. Versammlungskalender Samstag, den 21. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Launsbach. Freie Turnerschaft. 1/9 Uhr Versammlung bei Wirt Ko mp. Wieseck. Wahlverein. Abends ½9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Sonntag, den 22. Juli. Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags ½3 Uhr Versammlung bei Wirt Wagenbach. T.⸗O.: 1. Kreiskonferenz. 2. Verschiedenes. Pünkt⸗ lich erscheinen! Hausen. Arbeiter⸗Verein. Nachmittags 3 Uhr General⸗Versammlung bei Wirt Wallbott. Abends Samstag, den 28. Juli. Wieseck. Tabakarbeiter⸗Verband. Abends 9 Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Wacker. „5 „ c Agrarier entrüsten sich über die Chicagoer Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung⸗ 8 Nr. 29. Von Uah und Fern. Appetitlicher Schmierkäse. Eine tote Katze war in einem Faß der Posener Molkerei, das 400 Liter Buttermilch enthielt, entdeckt worden. Der Obermeier Nöske gab Anordnung, diese Buttermilch in Quark (Schmierkäse) zu verarbeiten, was auch geschah. Das Schöffengericht verurteilte den Oberquark⸗ meier nur zu 300 Mk. Geldstrafe.— Und die Schweinereien! vierzig Jahre Preußenherrschaft. 1 Am 3. Juli 1866 wurde die Schlacht von Königgrätz geschlagen. Im Streite mit Oesterreich um die deutsche Vorherrschaft hatte sich Preußen gegen halb Deutschland mit Italien verbündet. Erlitten auch die Italiener zu Wasser und zu Lande schwere Niederlagen, so konnte sich Oesterreich doch nur mit ge⸗ schwächter Kraft seiner Hauptaufgabe, der Ver⸗ teidigung Böhmens, zuwenden. Sie mißlang, und am Abend des 3. Juli hatte das Schick⸗ sal für Preußen entschieden. Oesterreich trat als⸗ bald aus dem deutschen Bunde aus; Preußen annektierte Hannover, Kurhessen, Nassau, Schleswig⸗Holstein und Frankfurt am Main. Es erweiterte seinen ausschlaggebenden Ein⸗ fluß über sein neues Staatsgebtet hinaus durch die Einrichtung des norddeutschen Bundes, der nach dem glücklichen Krieg gegen Frankreich im deutschen Reiche in seiner heutigen Gestalt em⸗ porgedieh. So hatte die neue nationale Aera des heiligen Throns und des heiligen Eigen⸗ tums begonnen durch einen Bund Deutscher mit Fremden gegen Deutsche, sie wurde geweiht durch den Umsturz von Thronen und gefestigt durch die gewaltsame Einziehung fremden Eigentums. Auch das neue Preußen, das Land der Untertanentreue, der Gottesfurcht und frommen Sitte ist emporgewachsen auf dem vulkanischen Boden revolutionärer Entwickelung. Kein Umsturz gelingt allein durch rohe Ge⸗ walt; auch das revoluttonäre preußische Gottes⸗ gnadentum hat seinen Kampf nicht bloß mit Pulver und Blei geführt. Vielmehr trat es in Deutschland als der Verfechter bürgerlicher Interessen auf den Plan, es scheute sich auch nicht, außerhalb und innerhalb seiner Grenzen die stets ausschlaggebenden Massen des Volkes zu umschmeicheln und den Strom demokratischer Entwickelung auf das Schwungrad seiner Mühle zu leiten. Es reizte deutsche Untertanen zu Eidbruch und Hochverrat wider ihre ange⸗ stammten Landes väter auf.„Se. Majestät der König von Preußen hat das Schwert gezogen, um Deutschland vor dem Unglück zu bewahren, aus der Bahn einer glänzenden materiellen und geistigen Entwickelung zurückzufallen unter die entnervende Herrschaft dynastischer JIuteressen und einseitiger Sonderbestreb⸗ ungen.... Ich hoffe um des nassauischen Landes willen, daß die Haltung seiner Bewohner keinen Zweifel darüber lassen wird, daß sie nicht Teil haben an dem verblendeten Beginnen ihrer Regierung.“ So hieß es in der Proklamation, die das hohenzollernsche Gottesgnadentum an die Nassauer erließ.— Ein Beipiel für viele, welches beweist, daß das revo⸗ lutionäre Hohenzollerntum nicht bloß die Ziele zur Revolution— Verfassungsumsturz, Mo⸗ narchenvertreibung, Expropriation— mit hand⸗ festem Eifer verfolgte, sondern auch unbedenklich alle Mittel der Revolution— Gewaltan⸗ wendung, Aufreizung zum Hochverrat und Widerstand gegen die Staatsgewalt— für sich in Anspruch nahm, die ste freilich, um auch in so verkehrter Zeit ihre christlich⸗nationale Eigenart zu bewahren, noch durch ein weiteres ergänzte, das sonst nicht zu den revolutionären Mitteln zählt, nämlich zum Mittel der Be⸗ stechung. Denn Bismarck war wie in so vielem auch ein Meister in der Preßkorruption; das nichtpreußische Deutschland wimmelte vor dem Kriege wie nach ihm von preußischen hirten“ nannte, da ja. doch„kein anständiger Mensch“ für ihn schrieb. Solche abstoßende Züge, die der Hohen⸗ zollern⸗Revolution in reicherem Maße zu eigen sind als irgend einer anderen, können uns doch nicht daran irre machen, daß auch diese in Blut und Schmutz sich vollziehende Umwälzung der Ausdruck einer geschichtlichen Notwendigkeit gewesen war. Der alte deutsche Bund war der überlebte Rest einer vorkapitalistischen Ent⸗ wickelungsperiode, den vorwärtsschreitenden Kapitalismus war er nur die Kette, an der er sich den Fuß wundscheuerte. Preußen, ein⸗ heitlicher als Nationalstaat, vorgeschrittener als Industriestaat, überlegen daher durch einheitliche Führung, Intelligenz und Beweglichkeit der Massen, durch bessere Verkehrseinrichtungen und höher ausgebildete Technik der Bewaffnung, zerrüttet durch innere Kämpfe zwar, doch immer noch stärker als das morsche Oesterreich errang den Siegespreis unter den modernen Feldzeichen des Kapitalismus und der Demokratie. 2 Die kapitalistische Mühle. Menschen, tausend, hunderttausend, Millionen, welch Gewühle! Dampfend, stampfend, sausend, brausend Mahlt die mitleidslose Mühle. Welch ein Cärmen, welch ein Toben, welch Gedränge, dicht und dichter, Quirlend bald emporgehoben, Bald zerstäubt im großen Trichter. Immer neue schwarze Massen, Atem fordernd, Platz erheischend, In verzweifeltem Amfassen Sich begehrend, sich zerfleischend. Alle hoffend, alle wähnend Des Geschickes Lauf zu zwingen, Und der Riesenabgrund gähnend Schon bereit, sie zu verschlingen. Jeder nur im Meer ein Tropfen, Nur ein Staubkorn, windgetragen Aber ach, die Pulse klopfen, Und das Herz will nicht entsagen. Will die Täuschung, will den Glauben Wichtig sei der Welt sein Trachten Und die Mühlenräder schnauben, Ohne seines Traums zu achten. Ludwig Fulda. Der Dieb. Von Karl Zielke. (Schluß.) f Ich erbot wich, gar meine Kleider durch⸗ suchen zu lassen, wenn man mir nicht glauben wolle. Die Fleischerin reichte mir zögernd die Leber, die ich an mich riß, um davon zu stürzen. Aber man machte Miene, mich nicht gehen zu lassen. Ich war völlig umringt. O, diese empörten Blicke, die auf mich fielen. Einige der Weiber schlugen die Hände zusammen und wiegten den Kopf; und das sollte heißen: Wie müsse man die Eltern eines solchen Spitz⸗ buben doch bedauern— wie auständig er ge⸗ kleidet geht— man hält es kaum für möglich. Die Tränen stürzten mir aus den Augen. Tränen der Wut. Ich hatte die Empfindung, daß ich ein Recht gehabt hätte, dem be⸗ stohlenen Weibe, das mich anschuldigte, etwas bitterböses ins Gesicht zu schreien. Aber meine Stimme erstickte. „Es kauu ja auch heruntergefallen sein“, rief plötzlich ein junges Mädchen mit nackten roten Armen, und dabet nickte sie mir zu. Alles wich einen Schritt zurück und begann mit den Blicken auf dem Boden herumzusucheu. Mit einigen wütenden Ellbogenstößen machte ich mich frei und sprang aus dem Laden. An Agenten, jenen Leuten, die der Begründer des neuen preußischen Reiches liebevoll seine„Sau⸗ Ich ballte die Faust und wollte schreien im Gefühl meiner Ohnmacht einer so gemeinen Be⸗ leidigung gegenüber; aber ich brachte keinen Laut hervor, und von neuem kamen die Tränen. Ich schlug die Augen nieder vor jedem, der mir begegnete. Ich glaubte, alle Welt müßte sehen, welchen Schimpf man mir angetan, und ich ging schnell, denn ich koante mich nicht be⸗ ruhigen. Ein klatschendes Weib, das nicht Acht Oe dapsese sein Geld, hatte mich tief beleidigt. — diese—— f Ich ballte meine Kinderfäuste. Und dann sah ich vor mir einen Schlingel gehen. Er trug Papier mit Schmalz in der linken Hand und hatte merkwürdig geformte Ohren. Den rechten Daumen hatte er in die Westentasche gebohrt. Er pfiff laut und falsch. Mein erster Gedanke war, daß er das ge⸗ stohlene Geld in der Westentasche haben müsse. Das Geld um das man mich einen Dieb ge⸗ scholten! Und dieser Gedanke peitschte mich. Wie ein Panther sprang ich auf den Bengel zu und umkrallte sein Ohr. „Verfluchter Spitzbube, die Mark her, die Du gestohlen hast!“ Ich schrie laut und im Zorn riß ich ihn hin und her. Ich hätte ihm diese Ohren aus⸗ reißen können! Aber er ließ das Schmalz auf den Boden fallen und reichte mir stumm die Mark hin, die er aus der Westentasche hervor⸗ gezogen. Aber seine kleinen Augen liefen an mir herum, als er mit den Fingern die Sand⸗ körner aus seinem Schmalzklumpen strich. Endlich machte er den Mund auf und sagte: „Straßenräuber!“— Voller Verachtung gab ich ihm einen tüchtigen Stoß und lief zurück in dem Verlangen, das Geldstück im Fleischerladen wieder abzuliefern. Jawohl, das wollte ich. Sie sollten schon sehen, daß ich kein Dieb sei. Und ich würde sagen:„Hier liebe Frau, Sie haben mir schweres Unrecht getan, ich habe es dem Spitzbuben ab⸗ Ihnen wieder—“ 3 Du gibst das Geld nicht zurück!“ rief es. Erschrocken blieb ich stehen. Nein, wenn Du das Geld jetzt zurückbringst, wird das häßliche Weib glauben, Du brächtest es aus kindlicher Reue über die begangene Tat. Sie wird Dir sagen, daß das böse Gewissen Dich niemals wieder zu stehlen. Niemals wird Dir volle Genugtuung werden. Dieb hat man mich gescholten und Lügner! Straßenräuber! Gut, so will ich ein Dieb sein und ein Straßenräuber. Und nun erst recht, denn man kann mir keine Genugtuung geben. Niemals! Und ich behielt das Geld voller Trotz und ging nach Hause. Die Mutter schalt, da ich so lange ausge⸗ nicht auch die Entschuldigung, die ich vorbringen konnte, so wuchtig, daß ich sogar noch auf ihr Bedauern rechnen konnte? Ich erzählte vollen ich wurde ein Gefühl der Unruhe und des Un⸗ behagens nicht los, als ich zum Schluß eilte— Geld wiedergegeben. es sehr gut gemacht hätte. nur behalten sollen.“ mich nicht selber der Lüge zeihen. war erschüttert. Und die Folge war, daß ich ste noch öfter belog und später gar bestahl, wenn ste mich zu Unrecht schalt oder gar kränkte, denn auch Eltern können ihre Kinder beleidigen. Ich bin dem Jungen, der dies ganze Un⸗ glück angerichtet hatte, im Leben später begegnet. Ich erkannte ihn an den Ohren. Er machte der nächsten Ecke wischte ich die Tränen aus den Augen. In meiner Kehle quoll etwas. Karriere und heute besitzt er ein vornehmes Haus. Seine Mitbürger rühmen seinen Wo genommen, hier ist es, das Geld, ich gebe es —— zurückgetrieben und sie wird Dich ermahnen. 2—.—.9f—,˖ blieben; und konnte es anders sein? Aber war 4 kindlichen Ingrimms, was geschehen. Ich er⸗ 1 zählte wahrheitsgemäß bis aufs kleinste— aber und ich log und sagte, ich hätte der Frau das f Und ich glaubte, daz ich Die Mutter aber rief:„Junge, das war sehr dumm von Dir, Du hättest das Geldstück Ich schwieg, denn wenn sie mir auch recht 4 gegeben, falls ich die Wahrheit gesagt, so mußte sch doch das Geld vor ihr berhehleu, sollte ich Aber mein Vertrauen zu der Rechtlichkeit meiner Mutter * 2 Nr. 29. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. 0— ö 9 tätigkeitssinn, und die Kirch g f„ verdankt ihm reich⸗ se Fi 1 liche Zuwendungen. Da 5 ni„ Die Firma, D. Kamink emals selbst pro] Kriegerdenkmal, hä na, marktplatz t, r . r 1 8 e Leute sagen ihren⸗Gold⸗ und Silberw 0 0 d 1 rgermeister?“„Ganz 6 145 viel Glück gehabt, beweisen ihm 0 150 1 1 h e 2 aufe c ue 05 10 5. e... Den Hut 6 e e e fe bo Beten. 1 Webel.. . Pielich 6 ist er sehr vorstchtig gewesen, Humoristi 23 Literarisches. bed Gad wir gehürz doch auch mich, ristisches. i e eee e 0 Und er hatte e ea, 15 18 nahm. 9 1 Darmstadt⸗Großgerau. Sarl d e u Aua e. men z. einen Straßen⸗ as hohe Konsistorium. uflage mit einem Vorwort 5 N räuber zu Reinl Damals e eee 5 von K. Kautsky im Verlage der Buch wor „. Pastor Korell k Berlin i handlung Vorwärts, it Aber ich kann seine Ohren nicht ans Daß er dem roten Demok rumm, 7—.— erschienene Kommunistische Manifest von Karl W ohne daß mich die Lust anwandelt, si ehen, Nicht scharf emokrat arx und Friedrich Engels. Das im J ar 1 b e ihm 5 e e entgegentrat. verfaßte Manifest ahre 1847 0 herauszureißen. N Ich verzeihe ihm nie. 2 0 1 1 drum der Mann, ba en de e e a 5 e Lehr' man ziehen kann: hritt haben darin die aufgestellten all 1 * Wer dienen will dem„Gottes sohn“ säze im gan eee „, uch alen Meuchen il ez eigentlich um D bie auth d bu e ee hier ihre Bildung zu tun;„el ch Hei 1 chaft und programmatischer Kür g 5 7 5 n; viele wünschen nur so mgeschickt. Philister: Jetzt wird' entwickelte Marr⸗Engelsche Auffassung ist heut 05 96. 5 e zum Wohlbefinden, Rezepte a no teurer! J soag Ihna:„rot“ wer'n 16 Bier schaflliche Grundlage der. wissen⸗ gl are. und zu jeder Art von Glück⸗ Sch 32 e 1 So? J 109 e e Preis der gut e 1 bei dr letztn Wahl 1 g'wen seid bestemmte Adee f ü e ie Goethe. g'wählt habt! Zentrumsleut zu hab 1 zum Preise von 20 Pf a(Sud. Postil.) 5200 10 90 Broschüre kann durch die Expedition 1 2.— schen Sonntags-Zeilung bezogen werden. 8 2 20 3 4 E. I Filiale Ludw 70 1 1 ig Sommer- Giessen f C III 0 1 N 1 N E 29 12 arl Müller 15 9 Walltorstrasse 8 i. V. J. 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Freunde des Vereins werden gebeten, ihre Häuser zu schmücken. Es ladet ergebenst ein Der Fest⸗Ausschuß. Eintritt pro Person 10 Pfennig. l %%%%%% ber Mann hat Recht welcher seinen Bedarf an Garderobe IA Wäsche 1 Schuhwaren 11 kurz alles was er zur Bekleidung braucht, in dem bestrenommierten Warenhause von J. Ittmann, Plockstrasse 14-16 Giessen kauft. Die Firma bietet volle Ge- Währ für reelle Bedienung und gewährt an Jedermann bei Kleinsten Ratenzahlungen die günstigsten Bedingungen 175777776777 Enorme Auswahl für jeden Ge- schmack bei billigsten Preisen d. AIHANN Giessen Plockstraße 14-16 Plockstraße 14-16 J 2eeeeeeeseeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee . 5 a Wilhelm Peppler, Uhrmacher Wieseck, Gießener Straße Empfiehlt sein reichhaltiges Lager in Regulatoren, Wand-, Weck-, und Taschenuhren sowie Gold- und Silberwaren — Wacker von 2.50 Mk. an Taschenuhren von 5 Mk. an .— Kere 1 ‚ 8— euchelheim. . re Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung. cdtosse Auswahl Rudolf Richter 2 Marktstraße 26. 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