bu: er: eins der. mer. afel⸗ men. gesen auge. aren. 1 00 zung oll. ung inn 3 50 — e 9 Gießen, den 21. Januar 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche Nedaktionsschluß; Donnerstag Nachmittag 4 Nhe 5 UIgs⸗Jeitung. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen 2 JInserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33¼½% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt Bei mindestens Revolution und Umsturz. Die Sozialdemokratie hat von jeher auf dem Standpunkt gestanden, daß Revolutionen nicht gemacht werden können. Schon Lassalle hat dagegen protestiert, daß, wenn er das Wort Rebolution gebrauche, er dieses im Sinne des Straßenkampfes anwende. Für ihn war die Revolution die Umgestaltung eines soztalen und politischen Zustandes von Grund aus, der neue Prinzipien an Stelle der alten setzt, auch wenn das auf durchaus fried⸗ liche Weise geschehe. Diese Auffassung ist die der ganzen Partei. Eine Revolution im Sinne der Gewalt kann sogar reaktionär sein, indem ste einen neuen Zustand beseitigt und einen alten wieder herstellt. Die Sozialdemokratie steht auf dem Boden der Entwicklung; sie geht von der Ansicht ans, daß kein neuer politischer Zustand dau⸗ ernd geschaffen werden kann, wenn nicht al le Bedingungen für seine Existenz vorhanden sind und zugleich der neue Zustand einem allgemeinen Bedürfnis großer Gesellschaftsschichten entspricht. Einer der Vorkämpfer des Liberalismus, der Staatsrechtslehrer Professor Bluutschli, er⸗ klärte in dem von ihm und Brater herausge⸗ gebenen Staats lexikon die Revolution also: Sie hat zur Voraussetzung einen starken Wider⸗ spruch zwischen dem politischen Treiben und Verlangen einer Nation und der bestehenden Staatsform, der sich bis zur Unerträglichkeit steigert... den Maugel an gesetzlicher Be⸗ friedigung der dringend gewordenen Volksbe⸗ dürfnisse, der einen Notzustand des Volkes her⸗ vorgerufen hat. Das einzige und sichere Mittel, die Revolution zu vermeiden, sei die recht⸗ zeitige und gründliche Reform. Die Haupt⸗ schuld an einer Revolution liege auf Seiten der legitimen Gewalthaber, die ihre Autorität mißbrauchen und ihre Pflicht verletzten, nicht auf der Seite der miß⸗ regierten Nationen,, die einen natürlichen und besseren Rechtszustand forderten. Re⸗ volution sei jede Umgestaltung von Grund aus, gleichviel, ob sie ihren Anstoß von oben oder unten her erhalte, ob dabei die bestehenden Rechtsformen beachtet oder der Drang der Aenderung gewaltsam losbreche. Schon im Jahre 1867 schrieb Karl Marx in der Vorrede zum ersten Band des Kapital über die Notwendigkeit sozialer Reformen auch in Deutschland: f „Von höheren Motiven abgesehen, gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegräumung aller gesetzlich un⸗ kontrollierbaren Hindernisse, welche die Ent⸗ wicklung der Arbeiterklasse hemmen. Ich habe deswegen u. a. der Geschichte, dem Inhalt und den Resultaten der englichen Fabrikgesetzgebung einen so ausführlichen Platz in diesem Baude eingeräumt. Eine Nation kann und soll von der anderen lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist— und es ist der letzte Endzweck dieses Werkes, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Ge⸗ sellschaft zu enthüllen—, kann sie naturgemüße Entwicklungsphasen weder über⸗ springen noch Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“ Kann man sich klarer nud bestimmter aus⸗ drücken? Und in der Vorrede zu der Marxschen Schrift:„Die Klassenkämpfe in Frankreich“ schreibt Friedrich Engels im Jahre 1895, nachdem er nachgewiesen, wie unmöglich es ge⸗ worden sei, Revolutionen alten Stils— d. h. durch Straßenkämpfe durchzuführen: „Die Ironie der Weltgeschichle stellt alles auf den Kopf. Wir, die Revolutionäre, die Umstürzler, wir gedeihen weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz. Die Ord⸗ nungsparteien, wie sie sich nennen, gehen zu Grunde an dem von ihnen selbst geschaffenen gesetzlichen Zustand. Sie rufen verzweifelt mit Odelon Barrot: la légalité nous tue, die Gesetzlichkeit ist unser Tod, während wir bei dieser Gesetzlichkeit prallle Mus⸗ keln und rote Backen bekommen und aussehen wie das ewige Leben.“ Auch diese Auffassung von Friedrich Engels ist deutlich. Die Sozialdemokratie weiß, daß ste ihren Feinden den größten Gefallen erwiese, wollte sie zur Gewalt aufreizen; sie wird aber ihren Feinden diesen Gefallen nicht tun. Ihr Ziel ist nicht, die Fäuste auf ihre Seite zu bekommen, sondern die Köpfe, und gegen eine Mehrheit einsichtiger Köpfe, die ein klares Ziel vor Augen haben, kann auf die Dauer keine Macht der Welt ankommen. Eine Waffe hat die Arbeiterklasse, die sie anwenden wird, wenn der Druck durch die be⸗ sitzenden Klassen sich bis zur Unerträglichkeit steigert— ihre Arbeitskraft! In der Verweigerung derselben liegt ihre ge⸗ waltige Macht! Zum Wahlrechtskampfe. Der Kampf um das Wahlrecht ist in den letzten Tagen lebhaft in Fluß gekommen und die Frage des Wahlrechts dürfte nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden. Dafür sorgen schon die Polizei und die Gerichte. Die unerhörte Verurteilung des Ge⸗ nossen Löbe in Breslau, die von den Dres⸗ dener Gerichten gefällten Schreckensurteile bleiben nicht ohne Wirkung im Volke und müssen jedem die Augen über die Dreiklassenschande öffnen. Ebenso bringen die zahlreichen Flug⸗ blatt⸗Konfiskationen, die am Sonntag in Preußen vorgenommen wurden, Erregung in weite Volks⸗ kreise, die bisher dem Wahlrechtskampfe teil ⸗ nahmslos gegenüberstanden. Und es giebt keinen Frieden, solange nicht das Unrecht beseitigt ist! Die preußischen Arbeiter wissen sehr gut, daß ste von der Einsicht der herrschenden Klassen nichts zu erwarten haben. Nicht an diese mußte sich daher ihre Forderung auf Aufhebung der bestehenden Rechtsungleichheit richten, sondern an die Massen des Volkes, die vor dem gel⸗ tenden preußischen Wahlrecht zwar nichts sind, aber im Verlauf der Wahlrechtsbewegung doch alles werden können. Doch diese Massen auf⸗ zurütteln, ihnen klarzumachen, wieviel für sie in diesem Kampfe auf dem Spiel steht, ihnen das Bewußtsein ihrer Rechtlosigkeit zu wecken und ihren Willen auf das eine Ziel, die Er⸗ wegdekretieren.] ringung der Wahlgleichheit zu richten— das schien eine schwierige Arbeit, die kaum so bald gelngen konnte, wenn unsre Gegner da⸗ bei nicht halfen. Unsre Gegner aber, die in ihrem Unver⸗ stande immer dis Cgente! von dem erreichen, was sie beabsichtigen, haben uns geholfen und werden uns weiter helfen! Durch ihr törichtes Geschrei, durch die unsinnigen Vorkehrungen die sie im Kampfe gegen die Wahlrechtsbe, wegung getroffen, haben sie sel bst den Zünd⸗ stoff der Erregung ins Land geworfen und einen Zustand geschaffen, in dem die Augen schärfer sehen, die Pulse schneller schlagen und die Gedanken rascher fliegen. Der Kampf gegen das Preußenwahlrecht war bisher beinahe nur ein Gegenstand der Beratung im Kreise unserer Partei; seit ein paar Tagen ist er eine Ange⸗ legenheit des ganzen preußischen Vol⸗ kes geworden! Seit ein paar Tagen gibt es wirklich eine preußische Wahlrechtsfrage. Unterdessen hat man im preußischen Drei⸗ klassenhause selbst über die Wahlrechtsfrage verhandelt. Der konservative Freiherr v. Erffa fand sich bemüßigt, allem Volke zu zeigen, was Junkerfrechheit ist. Er rief für die Ge⸗ walt⸗ und Räuberpolitik der Junker die Hilfe der preußischen Polizei und Gerichte an. Seine Partei, die Mehrheit des Dreiklassenhauses, hat den Breslauer Richtern dafür, daß sie unserm Genossen Löbe als Buße für einen Zeitungs⸗ artikel ein Jahr Gefängnis aufdiktierten, wahre Loblieder gesungen. Sie gab der Hoff⸗ nung Ausdruck, daß Genosse Löbe nicht der Letzte sein werde, der seine Agitation für die Abschaffu g des konservativen Minderheits⸗ Terrorismus im Kerker zu büßen habe. Der neue preußische Justizminister Dr. Beseler zeigte sich geneigt, den junkerlichen Aufforde⸗ rungen— die jedenfalls bestellte Arbeit waren— entgegenzukommen. Zwar kann er nicht den Richtern Anweisung geben, aber doch den Staatsanwälten, die sich schon den Schutz der geheiligten Dreiklassen-Institution und der Junker⸗ und Geldsacks⸗Vorrechte angelegen sein lassen werden. Die Staatsanwälte, die an⸗ geblichen Rechtswächter, werden sich die Aus⸗ führungen des Justizministers merken und mit Vergnügen in seinem Sinne verfahren. Hatte die sozialdemokratische Presse schon bisher nichts zu lachen, so wirds nun bald die reinste Hetze auf Rotwild geben. Aber was machts? Jeder Prozeß giebt neue Anregung, feuert unsere Kämpfer aufs neue au und schafft weiteren Zuzug in unsere Reihen. Darum muß der Kampf unablässig weitergeführt werden Nieder mit dem Dreiklassen⸗Unrecht! Bürger, Arbeiter! Laßt euch nicht länger als rechtlose Heloten behandeln. Tretet ein in den Kampf 155 pofttische Gleichheit, für Recht und Gerech⸗ tigkeit! Heraus mit dem gleichen Wahlrecht! Gegen die Tabakssteuer. Am Freitag ergriff im Reichstage unser Genosse Geyer, der Vertreter für Leipzig⸗ Land das Wort, um sich hauptsächlich gegen die geplante Erhöhung der Tabakssteuer zu wenden. Geyer ist selbst in der Zigarren ⸗Judustrie tätig und verfügt deshalb über eine umfassende Sach —.]˙ 47 ll 7.——˙¹² ö 4 ö N 0 Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 3 kenntnis. Aus seiner Rede wollen wir das Folgende wiedergeben: Zuerst wandte er sich gegen den preußischen Finanzminister Rheinbaben, der behauptete, die Arbeiter seien noch immer zahlungsfähig ge⸗ nug, um erhöhte Steuern zahlen zu können, in⸗ dem er dem Budget eines Münchner Arbeiters nachrechnete, daß dieser nicht weniger als 86 Mark jährlich an die sozialdemokratische Partei⸗ kasse gezahlt habe. Gegenüber diesen Ver⸗ drehungen wies Geyer nach, wie der Minister dieses Arbeiterbudget zu verschleiern ge⸗ sucht hat und führte dazu aus: In diesem Budget findet sich eine Posttion: Kassageld an Organisationen 83 Mark, und davon gesondert: für den sozialdemokratischen Verein monatlich 25 Pfg., gleich fährlich 3 Mark. Das macht in der Tat zusammen 86 Mark. Der Finanzminister aber behauptete, daß diese ganze Summe an die soztaldemo⸗ kratische Organisation bezahlt worden sei. Wie konnte er zu einer solchen Behauptung kommen, nachdem ausdrücklich ein besonderer Posten für den sozialdemokratischen Verein in dem Budget vorhanden ist? Ich will ihm erklären, wofür diese Beiträge aufgebracht worden sind. Unter dem Kassageld an Organisation sind die Bei⸗ träge an die Kranken- und Invalidenversicher⸗ ungen, sowie an die Gewerkschaften zu verstehen. In München hat ein Arbeiter pro Jahr für die Kranken versicherung etwa 47, für die Invaliden versicherung etwa 10 Mark auf⸗ zubringen, und die Gewerkschaftsbeiträge eines Arbeiters betragen im Durchschnitt 27 Mark. Das ergibt ungefähr die im Budget angegebene Summe, die der Finanzminister als„Beiträge für die sozialdemokratische Organisation“ be⸗ zeichnet. Angenommen, der Arbeiter, um den es sick handelt, wäre ein Buchdrucker— das könnte er bei seinem verhältnismäßig hohen Gehalt sein—, so hätte der preußische Finanz⸗ minister behauptet, daß die Beiträge für die Buchdruckerorganisation ebenfalls für sozial⸗ demokratische Zwecke gezahlt würden. Die Ge⸗ werkschaft gewährt dem Arbeiter Rechtsschutz, Krankenzuschuß, Reiseunterstützung, Arbeits⸗ losenunterstützung, Umzugsgeld, Unterstützungen bei Streiks und Aussperrungen. Daß alle diese Beiträge für die Gewerkschaften nicht für sozialdemokratische Zwecke gezahlt werden, das müßte doch auch der preußische Finanz⸗ minister wissen. Die Tabakindust rie ist in den letzter Jahren wiederholt beunruhigt worden. Die Schatzsekretäre haben es sich im letzten Jahrzehnt nicht versagen können, immer wieder auf die stärkere Heranziehung des Tabaks hin⸗ zuweisen. Als jedoch vor drei Jahren bei der Beratung des Zolltarifs vom Freiherrn von Heyl und anderen ein höherer Zollschutz für den Tabak befürwortet wurde, erklärte Graf Posa⸗ dowsky, die Regierung denke nicht daran, eine höhere Belastung des Tabaks vorzuschlagen. Wir hatten gegen diese Erklärung Mißtrauen, und wie berechtigt das war, zeigten die späteren Aeußerungen des Schatzsekretärs, der erklärte, daß man Bier und Tabak stärker belasten müsse. Diese Erklärung hat damals in der ganzen Tabakindustrie ein Sturm der Entrüstung her⸗ vorgerufen. Unternehmer und Arbeiter in der Tabak⸗ industrie sind sich einig in der Verurteilung des rücksichtslosen und widerspruchsvollen Vor⸗ gehens der Regierung. Die segierung hat jetzt dem alten System der Gewichtssteuer ein neues System hinzugefügt, nämlich das nach der Stückzahl: die Zigaretten sollen ja nach der Zahl versteuert werden. Die Regierung hat den Konkurrenz neid, der zwischen der Zigarren⸗ und Zigarettenindustrie bestand, be⸗ nutzt, um beide Zweige stark zu belasten. Das sehen jetzt die Unternehmer ein, habe ihre Kon⸗ kurrenz beiseite gestellt und bekämpfen gemein⸗ sam die Vorlage. Nachdem der Redner noch die für die Ge⸗ schäftsleute ungemein lästigen Kontrollbe⸗ stimmungen scharf kritisiert hat, entwickelt er die schädlichen Folgen, welche die ewigen Beunruhigungen der Tabakindustrie für diese und die darin beschäftigten. Arbeiter zeitigen müssen. Durch die beständigen Drohungen seitens der Regterung ist die Entwicklung der Tabaktndustrie außerordentlich beeinträchtigt worden, und dar⸗ unter haben besonders die Tabakarbeiter zu leiden gehabt, deren Löhne nach den Feststel⸗ lungen des Kaiserlichen statistischen Amts zu den niedrigsten gehören. Der Schatz⸗ sekretär meinte, die Löhne seien gestiegen. Das wissen wir besser, Herr Schatzsekretär, die wir am eigenen Leibe gespürt haben, was die Re⸗ gierung 1879 mit der Erhöhung der Tabak⸗ steuer der Tabakindustrie angetan hat. Die Zahl der Tabakarbeiter ist zurückgegangen. Die letzte Steuerhöhung hat zahlreiche Kon⸗ kurse in der Tabakindustrie herbeigeführt. Und da will man jetzt glauben machen, daß die früher erfolgte höhere Belastung des Tabaks dieser Industrie keine Wunden geschlagen habe. Zahllose Tabakarbeiter mußten damals ihr Vaterland verlassen, weil sie in ihrer Heimat durch ihre Arbeit nicht fortkommen konnten. So steht es auch mit der jetzigen Vorlage. Aber die Regierung hat auch die Verteuerung durch die Steuererhöhung ganz falsch berechnet. Sie gibt die bisherige Belastung der Zigarre durch den Zoll auf 0,5 Pfg. an, dabei ist sehr leicht zu berechnen, daß, da der Doppelzentner Tabak 85 Mk. Zoll trägt, das Kilo 85 Pfg., und zu einem Mille Zigarren 8 Kilo gehören, der Aufschlag pro Mille Zigarren 6.80 Mk., pro Zigarre also nicht 0,5 sondern beinahe 0,7 Pfg. beträgt. Und wenn künftig der Zoll um 40 Mk. pro Doppelzentner aufgeschlagen wird, auf 125 Mk. pro Doppelzentner, so wird der Aufschlag pro Mille Zigarren rund 10 Mk. betragen. Eine solche Verteuerung des Fabrikats um rund 25- 30 Prozent ist eine unerträg⸗ lich schwere Belastung. Wie kann die Regierung eine Industrie so schwer belasten, die schon jetzt dem Staatssäckel jährlich 70 Millionen einbringt und ihn bei der fortschrei⸗ tenden Bevölkerungsziffer und der Entwicklung der Tabakindustrie bald das nette Sümmchen von rund 100 Millionen zugeführt hätte! Die „Tabakindustrie hat sich alle Mühe gegeben, den Reichstag über die wirkliche Lage und die Ge⸗ fahren dieser neuen Steuer aufzuklären. Sie hat ganz andere Berechnungen aufgestellt, als die Regterung vorgibt, aus fachmännischen Kreisen erhalten zu haben. Und die Regierung wird doch wahrlich nicht behaupten können, daß die ganze Industrie regierungsfeindlich gesinnt sei. Die Verschlechterungen der Existenzbe⸗ dindungen der Tabakindustrie muß auch dazu führen, daß die Kluft zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden immer mehr erweitert wird. Der Klassenkampf, den Sie so sehr verabscheuen, muß durch solche Steuermanipulationen geschürt werden, denn die Unternehmer suchen jeden Schaden durch Lohndruck auf die Arbeiter ab⸗ zuwälzen, und die Arbeiter müssen sich gegen eine weitere Herabdrückung ihrer Löhne wehren. Aber das alles kümmert die Regierung nicht, die vorgibt, durch sozialpolitische Rücksichten, auf die Zigarrenindustrie zu ihrem Vorgehen veranlaßt zu sein. Das sind schöne sozial⸗ politische Rücksichten, aus denen heraus man einer ganzen Industrie einen schweren Schlag versetzt und den Kampf zwischen Unternehmern und Arbeitern noch verschärft. Nach der Be⸗ lastung des Tabaks im Jahre 1879 suchte selbst⸗ verständlich das Unternehmertum sovicl zu retten, als möglich und verlegte deshalb die Fabri⸗ kation aus den Großstädten in die keinen Städte und Dörfer. Mit der Verlegung der Industrie auf das platte Land ist auch die Heimarbeit gefördert worden. Die Unternehmer werden dadurch in die Lage versetzt, die Löhne noch mehr zu drücken. Sie beeinflussen die Arbeiter bei der Ablieferung der Ware in der unerhörtesten Weise und sptelen den einen gegen den anderen aus, nur um die Löhne noch mehr herabzusetzen. Viele verdienen im Jahr nicht mehr als 500 Mk. Und da sagt die Regierung, die Löhne in der Tabak⸗ industrie seien erheblich gestiegen; das trifft auch für Süddeutschland nicht zu. Die Organtisation der Tabakarbeiter gibt sich alle Mühe, die süd⸗ deutschen Tabakarbeiter zu organisteren, damit ste ihre Löhne erhöhen. Es gelingt aber nicht, weil durch Verlegung der Fabriken in die Dörfer die Heimarbeit um sich gegriffen hat. Durch einen Rückgang des Konsums wurden 40—50 000 Arbeitskräfte in der Tabakin⸗ dustrie frei. Die Steuerreform ist am ganz verkehrten Ende angefaßt. Statt nämlich die Hebung der Steuerkraft des Volkes ins Auge zu fassen, schmälert man sie auf jede Weise. Denn wenn die Waren teurer werden, kann das Volk nur wenig davon kaufen, die Industrie wird also geschwächt und die ganze Volks wirtschaft gerät ins Stagnieren. Alle direkten Steuern schwächen die Kaufkraft des Volkes. Wir sind schon aus diesen prinzipiellen Gründen. gegen die Tabaksteuerprofekte. Ich fasse meine Ausführungen dahin zusammen: Die Finanz⸗ reform bedeutet keine Reformierung, sondern. eine Deformierung des Steuersystems. Im Jahre 1894 und im Jahre 1895 hat der Reichs⸗ tag jedes Fabrikatsteuer⸗Projekt abgelehnt. Wenn Sie noch dieselben Gründe wie damals gelten lassen wollen, müssen Sie auch die gegen⸗ wärtige Vorlage ablehnen. Die Wähler der⸗ denigen Wahlkreise, in denen die Tabakindustrie stark vertreten ist, haben ihre Abgeordneten(zur Rechten gewandt) darüber interpelliert, wie ste sich zu diesem Steuerprojekt stellen. Erfreu⸗ licherweise haben verschiedene Abgeordnete der Rechten sich entschieden gegen ste ausgesprochen. Das ist sehr gut, den durch solche Anfragen bei Abgeordneten werden diese doch gelegentlich daran erinnert, daß sie Volksvertreter sind. Die Gestaltung der Vorlagen macht es dem Reichstage leicht, sie abzulehnen. Tun sie das nicht, dann nehmen Sie die Verantwortung auf sich, ein Gesetz durchgebracht zu haben, das für die deutsche Volkswirtschaft die schwersten Schäden und insbesondere für die beteiligten e fast den Ruin herbeiführen wird. Politische Rundschau. Gießen, den 18. Januar 1906. Im Reichstage wurde in der zweiten Hälfte voriger Woche die Beratung über die Steuerpläne fortgesetzt. Energisch bekämpfte unser Genosse Geyer am Freitag die Erhöhung der Tabaksteuer. Seine Ausführungen haben wir zum Teil oben wieder⸗ gegeben.— Am Montag beschäftigte sich das Haus mit der Duell fexe rei bei Besprechung einer Zentrums ⸗Interpellation. Hervorgehoben muß dabei werden, daß der Reichskanzler in einer Erklärung, die er durch den Kriegs⸗ minister verlesen ließ, das Duell ver⸗ teidigte, also der Mißachtung der Gesetze das Wort redete. Für den obersten Reichsbeamten wirklich ein starkes Stück! Bebel nagelte dies gehörig fest und verlangte sehr mit Recht, daß Bülow in Anklagezustand wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen. die Gesetze versetzt würde. Marokko⸗Kriegsgeschrei. Diese Woche sind die Delegierten der Mächte in dem am Meerbusen von Gibraltar gelegenen Städtchen Algeciras zur Konferenz über Marokko zusammengetreten. Jeder vernünftige Mensch erwartet, daß es dort zu einer Ver⸗ ständigung kommt. Diese muß leicht zu er⸗ reichen sein, denn es handelt sich in der Tat nur um Bagatellen. Speziell Deutschland ist herzlich wenig an Marokko interesstert und könnte der ganzen Geschichte sehr kühl gegen⸗ stehen. Unser Handel mit Marokko ist kaum der Rede wert, die Ausfuhr beträgt im ganzen 5 Millionen Mark! Trotzdem wird von den deutschen Flottenfexen und Prozentpatrioten ein wüstes Kriegsgeheul vollführt, ein künstliches Kriegsfieber erzeugt, das auch ernstere Kreise beunruhigt. Das ist eine Frivolität, ein ge⸗ wissenloses Spiel verbohrter Tröpfe, die durch einen Krieg persönliche Vorteile erhoffen. Das Volk soll Gut und Blut opfern, wegen der paar lumpigen Millionen Ausfuhr nach Ma⸗ rokko! Das ganze Volk sollte mit aller Ener⸗ gie den Kriegsgelüsten entgegentreten, wie das die Sozialdemokratie tut. teu ten 7 4 1 4 Nr. 3. Witteldentsche Sonnags⸗Zeitung. Seite 8. Neue Aufruhrprozesse. Der von den Antisemiten in Eisenach anläßlich der dortigen Stichwahl provozterte Wahlkrawal! soll das Gericht noch länger beschäftigen. Erst vor ein paar Tagen sind zwei jugendliche Arbeiter, die sich den„Ulk auch mal ansehen“ wollten, zu 1 Monat 2 Wochen, bezw. 1 Monat Gefängnis wegen Aufruhrs und Landfriedensbruchs ver⸗ urteilt worden. Es verlautet, daß noch gegen 30 Teilnehmer das Verfahren eingeleitet ist. Ein bürgerliches Blatt in Eisenach schreibt hierzu:„Hierdurch würde den von allen be⸗ sonnenen Leuten als harmlose Ulkszenen charakte⸗ risierten Begebenheiten nach der Wahl eine Ausdehnung gegeben, die ja geeignet ist, das Volksempfinden zu verletzen und augerhalb Eisenachs Erstaunen und Aufsehen hervor⸗ zurufen.— Was scheren stch gewisse Kreise um d s„Volksempfinden“, wenn nur die„Ord⸗ nung“ geschützt wird! In Dresden sind ebenfalls wieder eine ganze Anzahl Demonstranten verurteilt und neue Schreckensurteile gefällt worden. Dabei handelt es sich fast ausnahmslos um Leute, die an den Versammlungen gar nicht teil⸗ genommen haben, sondern zufällig unter die aus den Versammlungen kommenden Massen gerieten. Es wurden neun Arbeiter(einer darunter war früher Schutzmann) zu Strafen von 2 Monaten bis 1 Jahr vier Monaten Gefäng⸗ nis verurteilt. Die Dresdener Richter glauben doch wohl selber nicht, daß sie damit„beruhigend“ wirken. Auch den Wahlrechtskampf werden sie dadurch nicht aufhalten, sondern es wird mit desto größerer Erbitterung gegen die Drei⸗ klassenschande gekämpft werden. Sozialdemokratischer Präsident. Im badischen Landtage wurde vor Kurzem unser Genosse Geck zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Am Dienstag leitete er als Präsident die Verhandlungen des Landtags, da die beiden andern Präsidenten durch Krankheit verhindert waren. Das mag manchen biedern Spießern etwas ungewohnt vorgekommen sein, sie werden sich aber mit der Zeit noch an manches andere gewöhnen müssen. Anutisemiten⸗Held! Was für ein feiger Jammerkerl der Dreschgraf Pückler ist, geht daraus hervor, dat er, wie berichtet wird, seine neuliche Begnadigung sich dadurch erkauft haben soll, daß er demütig zu Kreuze kroch und für die Zukunft auf öffentliche Tätigkeit in der bisherigen Art ver⸗ zichtet habe. So sind tapfern Teutonen⸗Helden! — In der neuesten Nummer des„Süddeut. Postillon“ ist Liebermann v. Sonnenberg mit einem ungeheuer großen Maul abgebildet. Das ist der richtige Antisemiten⸗Typus! Parlamentswahlen in England. In den letzten Tagen haben in England die Neuwahlen zum Parlament stattgefunden. Sie bedeuten eige fürchterliche Niederlage der Konservativen und Unionisten, die bis vor Kurzem die Regierung innehatten und eine Verurteilung der Zollpolitik, die von Seiten der Konservativen propagiert wurde. Sogar der frühere Ministerpräsident Balfour ist in dem Wahlkreise, den er seit 22 Jahre vertritt, unterlegen. Bis Dienstag Abend waren 127 Liberale, 21 Vertreter der Arbeiterpartei und Sozialisten, 34 Unionisten und 39 Nationalisten gewählt und die Liberalen hatten 65 Site gewonnen. Die neuesten Telegramme melden weitere Siege der Liberalen. In England er⸗ 7 sich die Wahlen nämlich auf mehrere age. Neuer Präsident der franz. Republik, Die Präsidentenwahl in Frankreich hat am Mittwoch in Versailles stattgefunden und mit dem erwarteten Siege des Kandidaten der „entschiedenen“ Republikaner, Armand Fallieres geendet. Dieser erhielt 449 Stimmen, sein Gegenkandidat der Kammerpräsident Doumer erhielt nur 371.— Zur Wahl des Prästdenten treten die Deputiertenkammer und der Senat, die im Ganzen 891 Mitglieder zählen, als Nationalversammlung in Versailles zusammen. Trotzdem von reaktlonären Seite stark gegen Fallseres gearbeitet wurde, stegte er im ersten Wahlgange. Die Sozialisten haben, wie es scheint, auch für ihn gestimmt. Kleine politische Nachrichten. Eine Landtagsnachwahl fand am Sams⸗ tag in Mannheim statt, wo die Wahl unseres Ge⸗ nossen Kramer für ungültig erklärt worden war. Kramer wurde mit 1422 Stimmen gewählt. Auf den Freisinnigen Duttenhöfer fielen 842 Stimmen. Der sächsische Min ister v. Metzsch wird nach Schluß des Landtags zurücktreten. Die Wahl⸗ rechtsdemonstrationen müssen ihm doch arg in die Glieder gefahren sein. Sein Nachfolger v. Hohenlohe soll er⸗ klärt haben, daß die Wahlrechtsreform seine erste Auf⸗ gabe sein werde. Man wird abzuwarten haben, was da kommt. An den Landtagswahlen in Schaumburg⸗ Otppe, die am Samstag stattfanden, beteiligten sich unsere Genossen zum ersten Male. Sie brachten zwei ihrer Kandidaten in Stichwahl. Sartorius, der wegen Weinpantscherei ver⸗ urteilte Reichstagsab geordnete, hat sein Mandat endlich niedergelegt. Revolution in Rußland. Auf der sibirischen Eisenbahn herrschen anarchistische Zustände. Durch den Eisenbahnbeamtenstreik ist die Lage dort uner⸗ träglich geworden. Ju ganz Sibirien sowie im Transbaikalgebiel mangelt es an jeder Zu⸗ fuhr, wodurch viele Ortschaften dem Hunger preisgegeben sind. Viele Stationsvorsteher sind spurlos verschwunden, ihre Posten sind vom Streikkomitee besetzt. Massenhafte Ueberfälle der Passagiere erstes und zweiter Klasse durch Holigans ereignen sich; einzelne große Bahn⸗ stationen sind eingeäschert. Witte soll erklärt haben, er beabsichtigte durchaus nicht, die Selbstherrschaft zu beseitigen. Daß er ein Schwindler ist, wußte man läugst. N 8 62 92. 6. Bon nah und Lern. Hessisches. — Der Landtag tritt am 30. Januar wieder zusammen. Er wird zuerst die Wahl⸗ prüfungen vornehmen. Als erster Punkt stehen dann die Anträge betreffend Reform des Wahlvrechs, welche von Seiten des Zentrums und der Sozialdemokratie gestellt sind, zur Beratung. — Der sozialdemokratische Bei⸗ geordnete. Genosse Zahn ist zum Bei⸗ geordneten von Mühlheim gewählt worden aber noch nicht bestätigt. Er ist nun zum Kreisrat zitiert worden, der ihn einem Verhör unterzog, an dessen Schluß Genosse Zahn den Schwur leistete:„Jawohl, ich bin überzeugter Sozialdemokrat!“ Punktum, Streusand darauf. Und nun harren wir, wenn die behördliche Sanktion kommen wird. — Wieder eine Kindesmord⸗ Juterpellatton. In der Zweiten Kammer hat der antisemitische Abg. Bähr eine Anfrage eingebracht wegen rigoroser Uebergriffe der Staatsauwaltschaft bei der Untersuchung des Kindesmordes in Hergershausen bei Baben⸗ hausen. Dort wurde nach Angabe des Herrn Bähr anfangs Noveqhber eine Kindesleiche ge⸗ funden. Daraufhin ordnete die Staatsanwalt⸗ schaft an, daß die in Hergershausen wohnenden Frauen und Mädchen durch die daselbst wohnende Hebamme sich einer Untersuchung unterziehen mußten, die auch bei dem weitaus größten Teil der weiblichen Einwohner vollzogen wurde, in dem die Hebamme von Haus zu Haus ging, begleitet von der Gendarmerie, die sich jeweils vor das betreffende Haus postierte. Von dem Kreisarzt sei auch die Ehefrau eines Müllers, die schon 20 Jahr verheiratet ist, untersucht und dieser erklärt worden, daß sie bas Kind geboren habe. Die betreffende Frau habe sich dann von einem Darmstädter Arzt untersuchen lassen, der die gänzliche Haltlosig⸗ keit jener Beschuldigungen festgestellt habe. Trotz⸗ dem sei die Frau nochmals zu einer dritten Unter⸗ — suchung ge zwungen worden, wobet sich wieder ihre völlige Schuldlostgkeit ergeben habe. Wenn der Sachverhalt von dem Interpel⸗ lanten richtig wiedergegeben ist, so muß aller⸗ dings gegen ein solches Verfahren der Staats⸗ behörde auf das Entschiedenste protestiert werden. Man wird ja hören, was die Regierung darauf zu antworten hat. Herr Bähr wird wohl vor⸗ sichtiger gewesen sein als sein Parteigenosse Köhler in der ähnlichen Eberstädter Ge⸗ schichte. — Lernmittelfreiheit. In Mom⸗ bach bei Mainz beschloß der Gemeinderat auf Antrag der sozialdemokratischen Mitgl ieder, die Lernmittel für die Volksschule vom 1. April ab an alle Kinder unentgeltlich zu liefern, mit Ausnahme der Schreibutensilien, wie Griffel, Bleistifte, Federn usw. Weiter wurden 500 Mark bewilligt als Grundstock für eine Ge⸗ meindebibliothek. Gießener Angelegenheiten. — Die„nationalen“ Arbeiter wollen sich, wie schon kürzlich mitgeteilt, auch dieses Mal wieder mit einer eigenen Liste an der Gewerbegerichtswahl beteiligen. Am Sonntag hielten sie zu diesem Zwecke eine Ver⸗ sammlung bei Sauer am Oswaldsgarten ab. Von ihrer Seite waren etwa 15(fünfzehn) Mann dazu erschienen. Es ging ziemlich kunter⸗ bunt zu. Herr Ritzert, der Vorsitzende redete weniger von der Bedeutung der Gewerbegerichte, als vielmehr von den angeblichen Sünden der freien Gewerkschaften, von Flottenpolitik und anderen„nationalen“ Dingen. Er stieß damit auf lebhafte Opposition. Man bemühte sich dann vergeblich, eine„nationale“ Kandidaten⸗ Liste für die Gewerbegerichtswahl zusammen zu bringen. Auch diese Wahl wird, wie schon die letzte, zeigen, daß für diese Art„Arbeiter“ Organisationen hier kein Boden ist. — Turnertsches. Der auf dem Bezirksturntag in Höchst gegründete 3. Bezirk des IX. Kreises des Arbeiter⸗Turnerbundes, dem die Vereine in Gießen, Alsfeld, Alten- Buseck, Launsbach, Heuchelheim, Staufenberg und Ockershausen angehören, hielt am ver⸗ gangenen Sonntag im Lokale von Korndörfer seine erste(konstituierende) Versammlung ab, die von Turngenossen aus allen Orten sehr stark besucht war. Nachdem Turngenosse Stroh⸗ wig einen übersichtlichen Bericht über die Höchster Verhandlungen gegeben hatte, wurde die Vor⸗ standswahl vorgenommen, welches folgendes Ergebnis hatte: Turngen. Hch. Noll, Gießen, Bezirksvorsitzender, A. Lenz, Gleßen, Bezirks- kassierer, H. Rößler, Ockershausen, Schrift⸗ führer, A. Böttger, Gießen, 1. Bezirks⸗ turnwart, L. Wagner, Launsbach, 2. Bezirks⸗ turnwart. Die Satzungen des 2. Bezirkes wurden mit einigen kleinen Aenderungen an⸗ genommen. Als Ort für den im nächsten Jahre stattfindenden Bezirksturntag wurde Alten⸗ Buseck gewählt. Mit einem Appell an die Versammelten, den Vorstand bei Ausübung seines Amtes nach Kräften zu unterstützen und immer mehr für die Arbeiterturnsache tätig zu sein, wurde die imposante Versammlung ge⸗ schlossen. Bei der Gelegenheit verfehlen wir nicht an die im Bezirke bestehenden Arbeiter⸗ turnvereine, welche noch nicht zu uns gehören, die dringende Bitte zu richten, dem Arbeiter⸗ turnerbund beizutreten. Anmeldungen nimmt der Bezirksvorsitzende Noll⸗Gießen, Mäusburg 16 jederzeit gern entgegen. Die Freie Turnerscho ft Gießen, deren großartig verlaufenes Winter⸗ fest bei allen Teilnehmern in guter Erinnerung bleiben wird, veranstaltet im Februar in den Räumen des Lenz'schen Felsenkellers eine große karnevalistische Damensitzung. Hervorragende Karnevalisten, wie Mainzer Büttel, Darmstädter Heiner, und andere Spezialitäten haben ihr Erscheinen zugesagt, die Leitung liegt in bewährten Händen und— last not least— auch sonst sind noch Ueber⸗ raschungen mannigfaltigster Art vorgesehen, welche einen echt närrischen Verlauf der Sitzung außer Frage stellen. Weiteres folgt in späteren Publikationen. folgt in sp Seile 4. mitteldentiche Sonn'ags⸗geitung. 7 Nr. 8.* — Aus der Stadtverordneten⸗ Sitzung. Am Donnerstag bewilligten die Stadtverordneten die Mittel für Herstellung einer Gasheizung im alten Schloß zur Heizung der Ausstellungsräume des Oberhessischen Ge⸗ schichtsvereins.— Die Erweiterung der Lese⸗ halle wird vertagt. Es sollen ferner dem Sanitätsverein die Mittel zur Beschaffung eines Krankenwagens bewilligt werden.— Um den Theaterbau gabs eine lebhafte Debatte. Der Oberbürgermeister teilte über die Ergeb⸗ nisse der Besichtigung auswärtiger Theater durch die Kommisston einiges mit und gab im Anschluß daran die Gesamtkosten des Baues auf 600000 Mk. an, wovon durch private Zeichnungen 386000 Mk. aufgebracht sind. Schmall findet, daß die Belastung der Stadt doch größer sei, als man früher angenommen habe. Es seien als Gesamtkosten nur 450000 Mark angegeben worden. In Gießen wäre die Studentenschaft ärmer als anderwärts, meist auf Stipendien angewiesen. Dagegen protestierte der Oberbürgermeister mit erhobener Stimme. Löber fürchtete, daß später einmal das Theater„als Kainszeichen den roten Finger gen Himmel strecke“, zum Entsetzen der Steuer⸗ zahler. Haubach legte dar, daß man doch etwas Anständiges machen müsse, wenn man einmal ein Theater baue. Für die Stadt sei es auch billig, da sehr stark gezeichnet worden sei. Das Theater werde den Verkehr der Stadt heben und ihr Nutzen bringen. Krumm pflichtet Haubach bei. Erfahrungsgemäß werde jedes städtische Projekt teurer als vorher an⸗ gegeben.— Darauf wird beschlossen, die Heiz⸗ ungsanlage einer Firma in Dortmund zu über⸗ welsen.— Nun kommen die Löhne der städtischen Arbeiter an die Reihe. Dazu führt der Oberbürgermeister eine solche Menge von Zahlen vor, daß viele Stadtväter die Flucht ergreifen. Wir können darauf erst später inn Einzelnen eingehen. Sektkkeller brauchen sich die städtischen Arbeiter auf diese Lohnerhöhung hin noch nicht anzulegen.— Schließlich gabs noch eine Debatte über den Seefischmarkt, der mit dem 16. Februar auf⸗ gehoben werden soll. 5— Der erste Volksvorlesungs⸗ Abend am Montag war recht gut besucht. Nach einer kurzen Einleitung über den Zweck der Vorlesungen ging Herr Oberlehrer Dr. Klein auf sein Thema:„Die Entwickelung des modernen Deutschland“ ein und behandelte zunächst den alten Staat im 18. Jahrhundert. Auf den gutdurchdachten Vortrag selbst können wir an dieser Stelle natürlich nicht eingehen, müssen vielmehr unseren Lesern empfehlen, die Vorträge, die viel des Interessanten bieten, zu besuchen. Zwei Herren ergriffen in der Dis⸗ kussion das Wort. Es sei hier darauf hinge⸗ wiesen, daß jeder, dem etwas im Vortrage unklar geblieben ist, Anfragen stellen kann und soll.— Nächster Vortrag Mittwoch, 24. Januor. — Der Lichtbilder⸗Vortrag über den russischen Freiheitskampf war sehr stark besucht und hat, soweit wir feststellen konnten, allgemein befriedigt. Soweit es in der knappen Zeit möglich war, schilderte der Vortragende die Zustände in Rußland in anregender Weise unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer. Durch gelegentliche, manchmal humoristische Bemerkungen streifte der Vortragende auch die politischen Zustände in Deutschland, die oft den russischen wenig nachgeben. Interessant wäre vielleicht gewesen, wenn der Vortragende bei diesen Ausführungen, die im Uebrigen bei⸗ fällig aufgenommen wurden, auf den Matrosen⸗ aufstand der Schwarzen⸗Meerflotte hätte ein⸗ gehen können. — Die Gewerkschafts⸗Versamm⸗ lung am Sonntag war gut besucht. Nach längeren Ausführungen verschiedener Redner über die Gewerbegerichtswahl wurde die Kan⸗ didatenliste festgesetzt, die demnächst bekannt gegeben wird.— Die allgemeine Gewerk⸗ f e findet Sonntag, den 28. Jan. att. Aus dem Rreise gießen. r. Ein Steinberger Antisemitrich schreibt dem Friedberger Hirschelblatt unter der Spitzmarke:„Der Tod und die Sozialdemo⸗ kratie“ Folgendes: „Wie es Jemand fertig bringt, ein soztal⸗ demokratisches Blättchen Woche für Woche zu lesen, das ist uns ein Rätsel. Von vorn bis hinten nichts wie Verhetzung— die Arbeiter und Sozzen sind lauter Engel und alles andere in der Welt ist schlecht. Man kann sich gar keinen Begriff davon machen, welche Menge von Haß und Streit die Gießener Agitatoren schon in vielen Häusern und Familien an⸗ gerichtet haben. Unfrieden und Zwietracht unter den Eltern und Kindern, unter Geschwistern und Verwandten. Von Gott und der Kirche wollen die Sozzen nichts wissen, wenn aber einmal einer plötzlich stirbt, dann kriegen die Verwandten und befreundeten Genossen einen widerlichen Schrecken, dann sind sie auf einmal ganz brav, loben den Toten beim Pfarrer und in den„Gießener Anzeiger“ setzen sie eine An⸗ zeige, die mit den Worten anfängt:„Es hat Gott dem Allmächtigen gefallen“. Wer die richtigen Genossen näher kennen lernt, wie wir dazu auf unseren Dörfern so schön Gelegenheit haben, der lernt dieselben als Heuchler und Scheinheilige verachten.“ Zu dieser ordnungsbrüderlichen Fastenpredigt schreibt man uns aus Steinberg K.: Was Verhetzung, Haß und Streit anbelangt, so wäre dem Hirschelpapier zu empfehlen, mal hier in Watzenborn⸗Steinberg genauer nachzusehen, wie es bei seinen getreuen teutschen Mannen mit der Heiligkeit der Ehe und Familie vielfach gehalten wird und dann der Wahrheit gemäß darüber zu schreiben! Wie oft wären wir schon in der Lage gewesen, diesen und jenen eifrigen und christlichen Antisemitrich an den Pranger zu stellen, der es damit sehr wenig genau nimmt. Wegen Haß und Streit haben die hiesigen Anhänger des Leun und Hirschel andern Leuten gar keine Vorwürfe zu machen. Sie haben da genug bei sich zu tun. Gerade bei der letzten Landtagswahl haben wir es erlebt, daß die gemeine Hetze der Antisemiten viele Familienstreitigkeiten zur Folge hatten. Die ganze Einwohnerschaft unseres Ortes wird die Unwahrheit und Grundlosigkeit der anti⸗ semitischen Anwürfe bestätigen müssen. Nicht das Geringste kann unseren hiesigen Partei⸗ genossen bezüglich ihres allgemeinen Verhaltens nachgesagt werden. Natürlich hat jeder Mensch seine Fehler und es fällt uns gar nicht ein, unsere Parteigenossen als„Engel“ hinstellen zu wollen. Aber es wird bei uns eine Disziplin gehalten, die auch auf das Verhalten des Genossen im bürgerlichen Leben günstig ein⸗ wirkt.— Das von der Todesanzeige ist bewußt gelogen. Wir wissen nichts von einer der⸗ artigen Anzeige und übrigens haben die An⸗ gehörigen unserer Genossen das Geld nötiger zu brauchen als dem Gießener Amtsblatt hin⸗ zutragen. Im Uebrigen erinnern wir das Antisemitenblatt an den Ausspruch seines Partei⸗ freundes Wilberg, der bekanntlich erklärte: Keine Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger, Phrasenhelden und elende Spekulanten gezählt, als die antisemitische. Also vor der eigenen Türe kehren! — Gipfel antisemitischer Scham⸗ losigkeit. Angeblich aus Garbenteich bringt das Friedberger Antisemitenblatt einen Artikel, der die niedrigste Denunztations⸗ sucht dieser Gesellschaft so recht erkennen läßt. Wir müssen dieser Erzeugnis einer erbärmlichen Gesinnung hier unbedingt niedriger hängen, so leid uns auch der Raum tut. Es wird da zunächt behauptet, daß ein „Gießener Sozzenblatt“ bemerkt hätte, ein dor⸗ tiger Eisenbahnbeamter sei aus dem Krieger⸗ verein ausgetreten und wisse wohl warum. Dann fährt die schöne Seele wörtlich fort: „Offen wagen die Sozialdemokraten doch noch nicht die Unterbeamten zum Austritt aus den nationalen Vereinen aufzufordern. Denn ste sind sich ihrer Sache bei den Eisenbahnunter⸗ beamten nicht sicher. Ein großer Teil dieser Beamten und Bahnarbeiter will von den Lock⸗ ungen der Sozzen nämlich nichts wissen, die Arbeiter sind sich wohl bewußt, wie kratzig es ihnen früher ging und daß sie jetzt vom Staat augelt alleroiugs ait den Sozzeu. Wir mochten denselben aber nur raten, sehr vorsichtig zu sein, sonst könnten ste eines Tages in die Lage kommen, statt beim Staat ihr stcheres Brot zu erhalten, sich in Gießen bei den sozialdemo⸗ kratischen Weltverbesserern Unterstützung zu holen, und das wäre, glaube wir, eine faule Sache. Wir können den sozialdemokratischen Bahnarbeitern aus guter Quelle mitteilen, daß die Eisenbahnbehörde ein scharfes Auge auf ihre Beamten hat und jeder, der das Brot des Staates ist(soll wohl heißen i ß t) und der sich an staatszerstörenden Bestrebungen be⸗ teiligt, unter keinen Umständen im Dienst be⸗ halten wird, und das mit vollem Recht. Es wäre doch noch schöner, wenn der ganze Eisenverkehr eines Tages stocken soll, weil's einer Anzahl verhetzter Bahnarbeiter so paßt. Wenn morgen einmal Ernst gemacht würde und von den Gießener sozialdemokratischen Hetzern die drei ersten besten wegen staatszer⸗ störenden Umtriebe nach Ostafrika deportiert würden, kröchen alle anderen Maulhelden in Mauslöcher und Keiner tät sich mehr mucksen. Wie mancher brave Arbeiter ist schon unschul⸗ digerweise vom Eintritt in den Eisenbahndienst zurückgewiesen worden, weil er aus einem sozial⸗ demokratischen Dorfe stammte! Das sind die Folgen der sozialdemokratischen Verhetzung!“ So unverhüͤllt hat wohl die antisemitische Gesellschaft noch nie ihre schmutzige Kosaken⸗ und Denunzianten⸗Gesinnung offenbart! Diese Meuschen wagen sich noch Volkspartei zu nennen und schreien nach behördlichem Terro⸗ rismus und Maßregelung! Der Staatsarbeiter soll keine eigene politische Ueberzeugung haben dürfen! Die Sozialdemokraten haben jederzeit bewiesen, daß sie Verfolgungen nicht fürchten, die antisemitischen Helden klappen aber er⸗ fahrungsgemäß vor ein paar Wochen Gefäng⸗ nis zusammen, wie ein Taschenmesser! Leihgestern. Als Ordnungssäule und Sozialistenfresser will sich der Herr Lehrer Lotz in Leihgestern bemerkbar machen. Am Samstag hielt er im Kriegerverein eine Pauke, in der er beklagte, daß bei der letzten Landtagswahl viele Kriegervereinler sozialistisch gestimmt hätten und die sollten doch austreten. Seine Rede, auf die wir noch zurückkommen werden, wurde vielfach mit Murren iin der Versammlung aufgeuommen. Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen. r. Wetterauer Volksbildungsver⸗ sammlung, Der Rhein⸗Mainische Verband für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen ladet seine körperschaftlichen und persönlichen Mitglieder sowie alle Freunde der Volks wohlfahrt in der Wetterau und den angrenzenden Gauen auf Sonntag, 21. Januar, nachmittags 4 Uhr, in das Gasthaus„Zum Gam⸗ brinus“ in Friedberg ein zu einer Besprechung über Stand, Aufgaben und Methode der Volksbildungsarbeit in der Wetterau und den benachbarten Bezirken.— Herr Dr. Strecker aus Bad Nauheim sowie der Ver⸗ bandssekretär Herr G. Volk aus Offenbach und Ver⸗ treter der einzelnen Orte werden durch sachgemäße Aus⸗ führungen und Mitteilungen über ihre Erfahrungen wertvolle Fingerzeige auf dem Gebiete des Volksbildungs⸗ wesens geben. Alle, die in dieser Beziehung mitarbeiten wollen, sind freundlichst eingeladen. Aus dem Odenwald. Z. Die Christlich⸗Sozialeu im Odenwald. Die Herren von der Stöcker⸗Partei geben sich seit einiger Zeit Mühe, der Sozialdemokratie, die im Odenwald zu⸗ sehends an Boden gewinnt, das Wasser abzugraben. Sie haben damit aber wenig Glück. Auch dort ist die Ar⸗ beiterschaft schon einigermaßen aufgeklärt und die„christ⸗ lich⸗nationalen Kinkerlitzchen“ verfangen nicht mehr. Da ist der„Volksmann“ Rippel aus Hagen, den sie mitt großem Tamtam ankündigten, schon um etwa ein Jahr⸗ zehnt zu spät aufgestanden. In Höchst, Mümwling⸗Grum⸗ bach, Kirch⸗Brombach, Michelstadt und Erbach ist dem Herrn in einer Weise gedient worden, daß ihm wohl für einige Zeit die Lust vergangen sein wird, den Oden⸗ wald mit seiner Anwesenheit„glücklich“ zu machen. In Michelstadt war das Versammlungslokal dicht mit Ar⸗ beitern besetzt, die alle neugierig waren, diesen Aller⸗ weltshelfer einmal zu hören. Da wurde den paar an⸗ wesenden Bürgerlichen gruselig gemacht vor der blutigen Revolution. Dann wurde auf Sozialdemokratie und bersorgt stad. Ein Teil der Essenbahner lich freie Gewerkschaften geschimpft, was das Zeug hielt. 5 nd. n Te 25 enbahner lieb⸗ Unsern Gen. Hasenzahl, Funke und Klein war es ein de hen zer⸗ lat en. ul⸗ ust jal⸗ die 0 1 00 El art! tei he 1 ter ben elt len, el⸗ ing⸗ Und C5 det ahl tell ede, rde fung . ek: IBC ale D b 17 Gan- 0 a bl 12— N Ua Au- unge k ellen — Nr. 3. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Leichtes, die Mätzchen dieses Arbeiterzersplttters zurück⸗ zuweisen. Unsere Redner fanden stürmischen Beifall. Am letzten Sonntag fand dann in Erbach eine Ver⸗ sammlung statt, die sehr stürmisch verlief, da auch hier der Herr die Partei und Gewerkschaften mit Schmutz bewerfen wollte. Wenn da die Anwesenden in gerechte Entrüstung versetzt wurden, und ihr durch lebhafte Zwischenrufe Ausdruck gaben, so hat er das sich selber zuzuschreiben, und nicht die Zwischenrufer mit Titeln wie blöckende Schafe ꝛc. zu belegen. Aus dem Rreise Wetzlar. * Gemeindewähler in Preußen! Die Wähler⸗resp. Bürgerlisten liegen in den preuß⸗ ischen Gemeinden von 1 5. bis 3 0. Januar auf dem Bürgermeister⸗ oder Vorsteher⸗Bureau zur Einsicht auf. Sehe jeder Wahlberechtigte die Liste nach! Wer nicht in der Liste steht, kann nicht wählen! W. Bergarbeiterstreik. Seit acht Tagen stehen die Arbeiter der Grube„Juno“ und„Uranus“ bei Nauborn im Streik. Wer vor einem Jahre den Leuten hier gesagt hätte, daß es hier zu einer Arbeits⸗ niederlegung kommen würde unter den Bergarbeitern, dem hätte man nicht geglaubt. Die Löhne sind hier außerordentlich niedrig, solche von 20—40 Mark monat⸗ lich sind keine Seltenheiten. Die Behandlung seitens der Beamten läßt viel zu wünschen übrig. Der Ober⸗ steiger Schmidt von diesen Gruben legt geradezu ein protzenhaftes Benehmen an den Tag. Am 30. Dezem⸗ ber 1905 legte der Mann den Leuten vom Uranus einen Gedingvertrag vor, den dieselben jedoch nicht unter⸗ schrieben, weil die Löhne zu niedrig waren. Am 8. Januar ließ der Obersteiger die betreffenden 19 Mann zu sich kommen und verlangte von ihnen, den Geding⸗ vertrag zu unterschreiben, andernfalls würde bis zum 15. Januar im Normalschichtlohn gearbeitet, der jetzt 2 Mk. beträgt, vor kurzem noch 1,60 Mk. auf 8 stün⸗ dige Schicht. Darauf fuhren die Leute am 9. Januar nach einer halben Schicht aus, als sie aber den anderen Morgen am 10. Januar wieder aufahren wollten, wurde ihnen erklärt, die Grube Uranus sei geschlossen. Darauf erklärten sich die Leute von der Grube Juno solidarisch und es stehen nunmehr seit einer Woche 82 Mann im Streik. Als Leiter des Streiks weilt das Mitglied des Verbands vorstandes Waldhecker aus Bochum hier, der am Donnerstag sowie am Sanntag in Nieder- quernbach, Bonbaden, Schwalbach in überfüllten Ver⸗ sammlungen über die Lage der hiesigen Bergleute sowie über den Stand des Streiks sprach. Sämmtliche 82 Ausständige gehören dem Verbande der Bergarbeiter Deutschlands an und erhalten vom ersten Tage ab pro Woche 9 Mark Streikunterstützung und für jedes Kind 50 Pfg. mehr. Die Stimmung unter den Ausstän⸗ digen ist gut. Eiue Deputation von drei Mann steht mit dem Bergrat Höchst in Wetzlar sowie mit der Braunfels'schen Bergverwaltung in Verhandlung. Einen kleinen Erfolg hat der Streik schon gehabt. Waldhecker hatte am Donnerstag, den 11. d. M. in der Versammlung in Niederquernbach das Benehmen des Obersteigers Schmidt, der den Leuten gegenüber den Protz markiert, unter die kritische Luppe genommen. Der Herr Bergrat hatte die Deputation befragt, ob Obersteiger Schmidt viel leiste in Konsum von Spirituosen. Als die Deputation die Antwort auf die Frage, wahrscheinlich aus Furcht ver⸗ weigerte, erklärte ihnen der Herr Bergrat, daß Ober⸗ steiger Schmidt nicht wieder auf den Gruben Uranus und Juno in Funktion treten würde. An seiner Stelle trete der Obersteiger Heil von Braunfels. Obgleich ja nun die Belegschaft nicht weiß, welche Saiten Ober- steiger Heil aufziehen wird, ist man doch sehr damit einverstanden, daß der„schneidige“ Herr Schmidt den Gruben auf Nimmerwiedersehen den Rücken kehrt. Man wird ihm jedenfalls keine Träne nachweinen.— Wenn man den Bergarbeitern in Bezug auf die Lohnverhältnisse etwas entgegenkäme, würde der Streik bald beigelegt sein, was im gegenseitigen Interesse zu wünschen wäre, Heißt es doch schon in der Bibel, daß man den Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden soll. Die Berg⸗ leute wären vorläufig zufrieden, wenn sie wenigstens 3 Mk. täglich verdienten. Das zeigt wie erbärmlich die Verhältnisse sind, und wie bescheiden die Ansprüche der Leute. Ihre Lebenshaltung ist genau so wie die der Vogelsberger Arbeiter, die kürzlich in der Mitteld. Sonn⸗ tags⸗Ztg. geschildert wurde. * Vorsicht! Vor Ankauf eines sogenannten „Volkslerikons“, das besonders in Fabriken von zu⸗ dringlichen Reisenden den Arbeitern angeboten wird, und fünfzehn Mark kostet, warnt die Parteipresse. Das Volkslexikon ist nun ein Buch, dessen Wert keines wegs dem dafür gezahlten Preise entspricht. Insbesondere Arbeiter erleben jedesmal eine Enttäuschung, wenn sie es erhalten. Die nationalökonomischen und sozialpoli⸗ tischen Artikel sind wissenschaftlich wertlos, voller unrichtiger Angaben und gehässiger Bemerkungen gegen die Arbeiterbe⸗ wegung und Sozialdemokratie, Das wird begreiflich, wenn man sich die Mitarbeiterliste ansieht. Unter der Mitarbeiterliste für Sozialpolitik prangen die Namen Stöckerl Weber! Mumm! Burkhardt usw., lauter Wortführer der Christlich⸗ sozialen, Antisemiten und Sittlichkeitsvereinler. Das ganze Lexikon ist nichts anderes als ein Versuch der Stöckerianer, für ihre Anschauungen unter den Arbeitern Propaganda zu machen und gegen die Sozialdemokratie und die freien Gewerkschaften zu hetzen, und da sie offen nicht hervortreten dürfen, benutzen sie das Deckungsschild eines neutralen Volkslexikons. In recht raffinierter Weise suchen die Agenten des Verlags be⸗ sonders unter den Arbeitern in den Fabriken Abnehmer für das Machwerk, wobei sie ihnen natürlich bon dem wahren Charakter des„Volkslexikons“ keine Mitteilung machen. Merkwücdigerweise werden sie sogar in Fabriken zugelassen, in denen sonst kein Händler oder Reisender Eintritt erhält. Das sieht gerade so aus, als seien die Fabrikinhaber über die wahre Natur des„Volkslexikon“ orientiert. Wir warnen die Arbeiter mit allem Nach druck vor dem Ankauf von Dennerts Volks⸗Univer sallexikon. Das Buch kostet fünfzehn Mark. Jeder, der es bestellt, muß einen Schein unterschreiben, in dem er sich zur Abnahme und Bezahlung verpflichtet. Es muß bezahlt werden, wenn unterschrieben ist. Also Vorsicht! 5 h. Protestversammlungen finden Sonntag in Gleiberg und Launsbach statt. Siehe Inserat. 5 Westerwalsd und Anterlahn. v. Behördliche Nadelstiche. Unsere Partei⸗ genossen im Limburger Kreise„erfreuen“ sich der Auf⸗ merksamkeit der Behörden im weitesten Maße. So wurde kürzlich eine Versammlung in Kirschhofen verboten, weil angeblich„der Saal zu alt und die Treppe zu schmal“ sei. Noch vor einem halben Jahr war dies nicht der Fall. Man hielt deshalb später die Versamm⸗ lung in Oders bach ab. Als es 5 Uhr und dunkel war, wurde von einem Genossen die im Saal hängende große Petroleumlampe angezündet. Jetzt hat der Gast⸗ wirt Schneider eine Vorladung vor den Kadi erhalten, weil er in einer öffentlichen Versammlung eine Petro⸗ leumlampe gebrannt habe(11). Außerdem müßten alle Türen nach außen aufgehen. Die Wirtschaft Schneider ist erst vor sieben Jahren umgebaut und durch das Landratsamt abgenommen worden. Was für Licht wird wohl bei den Versammlungen der patriotisch Gesinnten gebrannt. Wenn man glaubt, uns durch solche Nadel⸗ stiche in unseren Bestrebungen stören zu können, so irrt man. Wenns nicht anders ist, werden wir unsere Ver⸗ sammlungen bei Tage abhalten. Im übrigen schaden uns die Nadelstiche nicht so viel, wie einige Herren glauben, das beweist doch schon der Umstand, daß die Parteipresse in Odersbach täglich an Verbreitung ge⸗ winnt. Was die Polizei macht, brauchen wir nicht zu machen.— Auch in Niedershausen hat es die Behörde soweit gebracht, daß unsere Genossen kein Lokal mehr bekommen. Sie wissen sich aber zu helfen und halten ihre Versammlungen in Wäldern, Burgruinen ꝛc. ab. — Eine Genossenschaftsbäckerei ist in Wirges im Westerwald gegründet worden. In diesem Orte besteht eine der Firma Siemens gehörige Glasfabrik und die dort beschäftigten Arbeiter haben die Errichtung der Bäckerei in die Wege geleitet. Veranlaßt dazu wurden sie durch die Erhöhung der Brotpreise, die von den dortigen Bäckern vorgenommen wurde. Man will auch einen Konsumverein gründen. Aus dem Nreise Marburg⸗Kirchhain. Zwei öffentliche politische Ver⸗ sammlungen fanden in kurzer Zeit in Marburg statt. Am Freitag hielten die Nationalliberalen eine Versammlung ab, in der Privatdozent Dr. Köppe über die Reichsfinanzreform sprach.— Am Montag hielten die Antisemiten unter Leitung des sich christlich⸗sozial nennenden Herrn Sonnenschein eine öffentliche Versamm⸗ lung ab, in der Reichstagsabgeordneter Latt mann und der Berliner Bündler Dr. Böhme sprachen, welch letzterer bekanntlich auf den Marburger Wahlkreis speku⸗ liert. Beide versuchten der meist aus Handwerkern be⸗ stehenden Versammlung das sogenannte Programm der Liebermann⸗Partet mundg erecht zu machen. Lattmann empfahl die Kandidatur Dr. Böhmes, wobei er gehörig gegen die Nationalsozialen zu Felde zog. Dabei ver⸗ wechselte er diese öfters mit der Sozialdemokratie und nannte sie„verkappte Sozialisten“. Selbstverständ⸗ lich fehlten auch die Verläumdungen gegen die Sozial⸗ demokraten nicht. O Keine Studenten, sondern Arbeiter, sechs junge Burschen aus Cölbe, waren es, welche vorige Woche sich vor dem hiesigen Schöffengericht wegen eines kleinen Krakehls zu verantworten hatten. Fünf wurden freigesprochen und nur einer zu 30 Mk. verurteilt, allen wurde jedoch trotz der Freisprechung und der geringen Verurteilung bedeutet, daß die Sache nicht so harmlos gewesen, da anfänglich die Untersuchung wegen„Lan d⸗ friedensbruch“ eingeleitet worden wäre. Ob wohl bei einem von Studenten verursachten Krakehl auch der Landfriedensbruch⸗Paragraph in Erwägung gezogen wird? Bei dem großen Studenten⸗Krawall vor dem hiesigen Rathause hat man nichts dergleichen gehört! § Aus Ockershansen wird uns geschrieben: Am Mittwoch Abend hielt hier Herr Nuschke, Redakteur der Hess. L.⸗Ztg., eine Versammlung ab, die von Arbeitern gut besucht war. Er sprach über die „Tätigkeit des Herrn von Gerlach im Reichstage.“ Am Schlusse seines Vortrages erntete er stürmischen Beifall von— einer Person. Das hatte Herr N. wohl nicht geahnt, daß er so schlecht abschneiden würde. Herr N. soll doch ein für alle mal wissen, daß für die Partei der ganz Schlauen, zu der Herr N. sich rechnet, in Ockers⸗ hausen nichts zu holen ist, Wahlrechtskampf in Hamburg. Eine machtvolle Demonstration gegen den Hamburger Wahlrechtsraub veranstaltete am Mittwoch die dortige Arbeiterschaft. An diesem Tage begannen die Beratungen der Vorlage in der Bürgerschaft. Die Hambur ger Parteileitung hatte auf vier Uhr nachmittags acht Protestversammlungen einberufen, die sämtlich überfüllt waren. Bereits um Mittag hatten die Arbeiter vieler Betriebe die Arbeit eingestellt. Die Arbeit in den Häfen und Werften ruhte vollständig; die Blätter berichten, daß weniger als Sonntags gearbeitet wurde. Sogar die Alsterdampfer verkehrten nicht. Tausende standen auf der Straße. Der Ver⸗ band der Eisen⸗Industriellen beschloß, die Arbeiter bis zum Montag auszusperren, doch wurde dieser Beschluß nur teilweise durch⸗ geführt. Tausende von Arbeitern zogen in einem Zuge vor die Wohnung des Bürgermeisters, der ein Gegner des Wahlraubs ist. Er mahnte zur Ruhe, es werde sich schon alles zum Besten wenden. Die Menge ließ den Bürgermeister hochleben und zog ruhig weiter. Erst abends suchten einige hundert junge Burschen unter Pfeifen und Johlen zum Rathaus vorzudringen. Schutzleute zogen blank und trieben die Menge in die Schmiedestraße hinein. Die Stra ßen, in denen diese Szenen vorkamen, grenzen an das dunkelste Hamburg. Nach der Frkftr. Ztg. sollen in diesem Viertel arge Ausschreitung en vorgekommen sein, doch waren, wie alle Blätter hervorheben, nicht die Arbeiter, sondern zweifel⸗ hafte Elemente beteiligt. Letzte Nachrichten. Russisches in Deutschland. Der kommandierende General in Königsberg macht bekaunt, daß am Sonntag in allen Garni⸗ sonen der Provinz mit scharfer Munition ausgerüstete Truppen bereitgestellt werden. Pfui Teufel!— In Görlitz übte sich die Polizei im Revolverschießen. Das Mllitär am Sonntag in der Kaserne gehalten. 20/ Jahre Gefängnis stud bis jetzt im Ganzen gegen 25 Wahlrechtsdemonstranten in Dresden ver⸗ hängt worden.— In Leipzig wurden die Versammlungen auf Sonntag ver⸗ boten.— Der sächs. Landtag stellte gegen die Leipziger Volkszeitung Strafantrag wegen Beleidigung. Sieht ihm ähnlich!— Ein Buchdruckerstreik ist in der„Rhein. ⸗ Westf.⸗Ztg.“(dem Organ der Kohlenbarone) ausgebrochen. 3 B Wahlkreis Gießen⸗Grünberg. Sonntag, den 18. Februar Mittags 1 Uhr Kreiskonferenz im Lokale Orbig in Gießen. 5 Tagesordnung: Vorstands⸗ und Kassenbericht; Sonstiges. Der Vorstand des Wahlvereins. Versammlungskalender. Samstag, 20. Januar. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b. Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 21. Januar. Heuchelheim. Tabakarbeiter. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Aug. Rinn. Sonntag, den 28. Januar. Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags ½3 Uhr Versammlung bei Wirt Siegfried am Bahnhof. T.⸗Ord.: 1. Jahresabrechnung 2. Vorstandswahl, Mittelbeutsche Souutagz · Zeitung · Ne. 3. von Nah und Lern. Cie Jubelgarde. Ein merkwürdiges Geschichtchen weiß der „Roland von Berlin“ zu erzählen. Die silberne Hochzeit des Kaiserpaares soll in aller Stille gefeiert werden vornehmlich deshalb, weil der Onkel in London unter den gegenwärtigen politischen Umständen keine Lust zeigt, das Fest zu verschönern. Um nun aber doch etwas Ab⸗ wechslung in die zu befürchtende Eintönigkeit zu bringen, soll man auf den Gedanken ge⸗ kommen sein, eine„Jubel garde“ zu for⸗ mieren. Diese Jubelgarde soll aus den Mann⸗ schaften der zwetten Kompagnie des ersten In⸗ fanterieregiments bestehen, die der jetzige Kaiser vor 25 Jahren als Hauptmann befehligt hat. Es handelt sich um gesetzte Männer im Alter von 45-50 Jahren, die dem Militärdienst längst entwachsen sind und den verschtedensten politischen Richtungen angehören: nach dem Roland sollen sogar„viele der ehemaligen Kameraden des Kaisers“ zur roten Fahne schwören und darum strafweise von der Jubel⸗ garde ausgeschlossen bleiben. Der Rest soll mit silbernen Tressen und weißen Gamaschen angetan, das höftsche Fest zieren helfen.— So N das Blatt. Möglich ist heutzutage ja alles. Liebesroman im Kloster. Der Franziskanermönch Pater Konrad vom Fuldaer Monte Mariae wurde beauftragt, einer im dortigen Englischen Fräulein⸗Institut internierten Altkatholikin Unterricht in der katho⸗ lischen Religion zu erteilen. Die öfteren Zu⸗ sammenkünfte der beiden erweckte in ihnen jedoch nicht die Allmacht des dreieinigen Gottes, sondern die Gott Amors. Pater Konrads Be⸗ nehmen fiel auf, und er wurde deshalb in ein Filtalkloster nach dem Rhein versetzt, jedenfalls, um ihm andere Gedanken beizubringen. Später wurde er für eine Mission in die Rhön berufen. Von hier aus bereitete er unter irgend einem Vorwand seine Flucht mit der Nonne vor. Er kehrte nicht mehr zurück, sondern sandte sein Habit mit einer Vermählungsanzeige seinem Mutterkloster von Greifswald aus. Dort gedenkt er protestantische Religionslehre zu studieren. Ein sozialdemokratischer Nörgler wurde bei der letzten Gemeindewahl in Esten⸗ feld bei Würzburg gewählt. Der Mann machte sich bei den die Ruhe liebenden ultra⸗ montanen Gemeindevätern sofort äußerst un⸗ beliebt, weil er außerordentsich neugierig war und seine Nase in alle Dinge steckte, die ihn nach der Meinung seiner schwarzen Kollegen nichts angingen. Schließlich verlangte er gar von dem Gemeindekassierer Walz, einem großen Zentrumsagitator und Sozialisteufresser, eine genaue Abrechnung über die Kasse. Darob war der Mann sehr indigniert, aber der hartnäckige Nörgler ließ nicht locker und beschuldigte zuletzt den Herrn Kassierer frei und offen, daß er große Unterschlagungen zum Nachteil der Ge⸗ meinde begangen habe. Nun stellte der Herr Klage gegen unsern Genossen, aber er wartete das Ergebnis nicht ab, sondern nahm plötzlich französischen Abschied. Wie sich jetzt heraus⸗ gestellt hat, sind die Unterschlagungen sehr um⸗ fangreich. Wäre nicht der rote Hecht in den schwarzen Karpfenteich gekommen, so hätte der Mann seine Gaunereien noch jahrelang fort⸗ setzen können.— Oenjamin Franklin. Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburts⸗ tages, 17. Januar 1706. Von Dr. R. Strecker. Ein ungemein vielseitiger Mensch und zu⸗ gleich ein rechter Vertreter seines Jahrhunderts in praktischer, wissenschaftlicher, politischer und religiös philosophischer Hinsicht war der Ame⸗ rilaner Benjamin Franklin. Die Lektüre seiner von ihm selbst verfaßten Lebensbeschreibung wiegt in der Tat, wie einer seiner Freunde schreibt, die Lektür: aller plutarchischen Lebens⸗ beschreibungen auf.(In Reklams Universal⸗ bibliothek für 40 Pfg. erhältlich.) Er schildert hier sein Emporkommen aus den kleinsten Ver⸗ hältnissen, so recht das, was der Engländer einen Self- made man(ein Mann, der nur feiner eigenen Kraft seine ganze Existenz verdankt) nennt. Als Sohn eines Seifensteders in Boston bei New⸗York mußte er zunächst seinem Vater beim Lichterziehen helfen, bis er seiner Neigung zu den Büchern entsprechend, zu seinem Bruder, einem Buchdrucker, in die Lehre kam. Schon hier zeigten sich die Eigenschaften, die ihn später so groß machen sollten, sein Fleiß, seine Spar⸗ samkeit, seine Mäßigkeit. Er ließ sich sogar statt des Mittagessens Geld geben, um einen Teil davon für Bücher verwenden zu können. Gleichzeitig regte sich aber auch sein starkes Selbständigkeitsgefühl. Als sein Bruder ihn unwürdig hart behandelte, ging er ihm und den Eltern durch nach Philadelphia. Hier trat er bei einem Buchdrucker Keimer in Dienst, und es ist eine ganz interessante Schilderung, wie er es fertig brachte, neben diesem und noch einem zweiten Drucker der Stadt sich selbständig zu machen. Alle seine Bekannten hatten den Versuch für aussichtslos gehalten, zumal die eine Druckerei durch staatliche Aufträge ver⸗ schiedener Art sehr im Vorteil war. Franklin aber hatte etwas anderes in die Wagschale zu werfen, wodurch er jene beiden andern weit hinter sich ließ, seinen Geist. Diesen fortzu⸗ bilden war er auch stets unermüdlich tätig. Bei allen Gelegenheiten und von allen Menschen suchte er zu lernen. Das machte ihn schließlich zu dem großen Gelehrten, der auch ohne höhere Schulbildung die wichtigsten Entdeckungen machen konnte. Fortsetzung folgt. 88 8 Anterhaltun Nationalität. Volkstum und Sprache sind das Jugendland, Darin die Völker wachsen und gedeihen, Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien, Wenn sie verschlagen sind auf fremden Strand. Doch manchmal werden sie zum Gängelband, Sogar zur Rette um den Hals der Freien; Dann treiben Längsterwachsene Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand. Hier trenne sich der lang vereinte Strom! Versiegend schwinde der im alten Staube, Der andre breche sich ein neues Bette! Denn einem Pontifex nur paßt der Dom, Das ist die Freiheit, der polit'sche Glaube, Der löst und bindet jede Seelenkette! Gesellensahrten. Eine Weihnachtsgeschichte von Philipp Schei demanu 5 Nachdr. verb. (Fortsetzung.) Zu Elbeck sollte eine Gewerbe- und In⸗ dustrieausstellung stattfinden. Gerade deshalb hatte mein Chef noch einen Gehilfen gebraucht. Wir hatten stramm zu tun und mußten notge⸗ drungen Ueberstunden machen. Und da wir bei unserem, übrigens recht liebenswürdigen Herrn und Meister in Kost und Logis waren, kamen wir in der Mittagsstunde kaum einmal vor die Tür. Abends, wenn wir zum Hause hinaus kamen, war es bereits ziemlich dunkel. Ich sah nichts von der schwarzen Hexe und war auch nicht in der Lage, mit Bestimmtheit zu sagen: in diesem Hause hast du gefochten, gegessen und gesungen, hier hast du sie gesehen. So vergingen an die 14 Tage. Sonntag Nachmittag. Die Ausstellung wurde feierlich eröffnet. Wir durften selbstver⸗ ständlich bei solch einem wichtigen Ereignis nicht fehlen. Am Arme eines lieben Kollegen, der hier schon mehrere Jahre tätig war, er einige Glas Bier. stammte aus dem gottbegnadeten Schwiebus und hieß Gustab, durchwanderte ich Raum für Raum. Gustav war bekannt, wie eine bonte Kuh, mich kannte niemand, um so mehr guckten die Kleinstädter nach dem fremden langen Kerl. Da— mein Führer schaute mich verwun⸗ dert genug an, als ich plötzlich heftig zusammen⸗ zuckte— kein Zweifel! Das war sie. An der Wand hing als gewichtigstes Reklamestück eines Photographen das lebensgroße Brustbild eines jungen Mädchens im Zigeunerkostüm. Ja, das mußte sie sein. Genau so hatte sie mich angeschaut, damals, als ich sie anbettelte.. Du, Gustav, wer ist das? Die Zigeunerin? Das ist Liesbeth Dierksen, die lenne ich. O, das ist'ne fidele Kruke! Na, fidele Kruke, das schien gerade keine sonderlich passende Bezeichnung. Aber, daß sie fidel war, wußte ich, und daß sie hübsch war, bestätigte mir von neuem das Ztigeunerbild, ebenso daß sie ganz verteufelt schwarze Augen und ebensolche Haare hatte. Gustab versprach, mich sobald als möglich mit der Hexe zusammen zu bringen. Schon am kommenden Abend würde das möglich sein. Zu dem großen Garten⸗Konzert, das anläßlich der Ausstellung stattfinden sollte, könne er 5 8 Dierksen in unauffälliger Weise ein⸗ aden.—— Inzwischen hatte Frau Schulze, wie ich wohl bemerkte, sehr eindringlich auf meine Gattin eingeredet und unter dem Vorwand, daß sie nach den Kindern sehen wollten, ver⸗ ließen sie das Zimmer. * Gottlieb erzählte weiter: Wie das so zu gehen pflegt. Hier ein Glas Grog, da ein Glas Grog und zwischendurch Na, wir hatten am selben Abend so gegen 10 Uhr zwel gediegene Affen durch Elbeck zu führen. Und mit etwa einem Dutzend angesehenen Bürgersöhnen stand ich um elf Uhr schon auf dem Duzfuße. O, es gefiel mir großartig in Elbeck. Leider verlor ich später mein Freund Gustav, oder er verlor mich, genau ist das niemals festzustellen ge⸗ wesen, und nun faad ich wich nicht ohne weiteres heim. Ich kam in eine schmale Verbindungs⸗ straße, in der nur wenige Häuser standen, und hier begegnete mir ein kreuzfideler Kupfer⸗ schmid, ber mit steinerweichender Stimme sang: O Susanna, wie bist du doch so schhn! Er nannte mich Bruderherz und fiel mir um den Hals. Er war z erstaunt, einen Menschen zu treffen, den er noch nicht kannte. Ich mußte mich mit ihm auf die Stufen vor dem Hause eines Barbiers niedersetzen. Und dann erzählte er immer zu und sang zwischendurch: O, Su⸗ sanna, wie bist du doch so schön! Elbeck sei ein famoses Nest, hier wohnten wirklich lustige Leute und er ginge keinen Abend zu Bett, er habe denn einen tollen Streich ausgeführt. Er sei ganz unglücklich, weil er nicht wisse, was er in dieser Nacht noch anstellen solle. Na, das war gerade der, der mir an jenem Abend noch gefehlt hatte. Das war ganz mein Fall: jetzt irgend eine kapitale Dummheit machen! Ach, und das Unglück kam so schnell. Zwischen den Stake en auf der anderen Seite der Straße hindurch lachten uns zwei weiße Töpfe entgegen, zwet jener Töpfe, von denen man nie spricht, bie man aber in allen Schlaf⸗ stuben findet. Sie hingen an großen hölzernen Pflöcken. Und über uns klapperten die goldig⸗ glänzenden Becken des Barbiers. Das war eine Idee: an die Becken die Töpfe zu binden! Aber war das auch wirklich lustig genug? Wir hielten Kriegsrat. Und da knarrte das Eisen⸗ schild zweier alter Jungfern, die unserem Sitz⸗ platz schräg gegenüber eine Damenschneideret betrieben. Auf dem Schild, das der Wind jetzt zur Seite geweht hatte, konnten wir deutlich lesen:„Modewarenhandlung“. Nun waren wir vollkommen einig. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz, geteilte Freude doppelte Freunde. Der Kupferschmied sollte den alten Jungfern und ich dem Putzbüttel je eines der schönen weißen Töpfchen an die Reklameschilder binden. (Fortsetzung folgt.) N „r l „ r r r Nr. 3. Milteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. (Fortsetzung.) Sein Kollege Werner verhielt sich genau wie immer, mit dem einzigen Unterschtede, daß er sich eine Bemerkung über die Zukunft junger Leute erlaubte. Weiter zu gehen, hätte er für unbescheiden gehalten. Morsen seinerseits schwebte es dreimal auf den Lippen, etwas über den Besuch des vorigen Tages zu sagen, aber— genug er tat es nicht aus sehr gewichtigen Gründen, die er selbst nicht wußte. So ging es auch den folgenden Tag und den Tag dar⸗ auf und die ganze Woche; die beiden Bureau⸗ genossen nahmen jeden Morgen ihre bestimmten (10 Plätze ein, plauderten über die Wärme, sahen nach dem Fenster gegenüber, nach den Steinen und den weißen Wänden, tranken zuweilen von dem lauen Wasser, und setzten ihre täglichen Arbeiten und ihr eintöniges Leben fort. Nur in Morsens Leben kam eine ganz kleine Abwechselung. Vor und nach seiner Bureauzeit ging er nicht mehr den kürzesten Weg nach Hause, sondern er passterte die Breitestraße und blickte nach dem hossen Taubermann'schen Hause, bis er dicht dabei war. Dann sah er direkt vor sich und nahm seinen Hut vor dem Fenster einer Seitenstube ab, wo er eine mensch⸗ liche Gestalt zu erblicken glaubte. Endlich waren die vier Wochen um, nach denen er, ohne zudringlich zu erscheinen, wieder einen Besuch bei Taubermann machen konnte. Eines Nachmittags zog er sich noch sorgfältiger an als gewöhnlich, warf häufig einen Blick in den Spiegel, worin er noch immer Malvinens Augen zu sehen glaubte und machte sich auf den Weg zu der Krämerfamilie. „Nächsten Donnerstag Abend wollen wir einmal ganz unter uns bleiben,“ hatte Frau Taubermann zu ihrem Manne gesagt. „Schön, schön, liebe Frau,“ hatte der Krämer geantwortet, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte;„wenn es am Donnerstag so warm ist wie heute, wie heute, will ich froh sein, wenn ich mir's in meinem eignen Hause bequem machen kann.“ „Wenn du dann nur nicht wieder den ganzen Abend im Komptoir bleibst.“ „Das tue ich nie, wenn es nicht nötig ist,“ entgegnete Taubermann,„und namentlich in 15 letzten Zeit, seitdem die Kinder artiger ud“ So war es. In der letzten Zeit hatte Taubermann mehrmals den Abend in der Familie zugebracht, während er dies früher stets auf dem Komptoir oder im Kasino tat. Er war nähwlich eines Abends in die Wohnstube gekommen, als Malvine gerade aus einem Buche vorlas, wie er gar nicht dachte, daß sie für die Kinderwelt beständen— ein Buch, bei dem die Kinder weder schläfrig noch bange wurden und das auch die Eltern unterhalten konnte. Das hatte ihm gefallen und den folgenden Abend war er wieder herübergekommen und fand seine Kinder mit einem Spiel beschäftigt, was ihm so sehr gefiel, daß er bald Lust ge⸗ habt hätte, sich zu beteiligen; den dritten Abend wurden Bilder betrachtek und Malvine hatte viel Unterhaltendes dabet zu erzählen; den vierten Abend sagten die beiden ältesten ein Gedicht auf, wobei er als Zuhörer eingeladen wurde, und so fand Tauberman nach und nach in seiner Wohnstube, die er früher mehr ge⸗ flohen als gesucht hatte, eine angenehme Zer⸗ 5 8 nach einem arbeitssamen ermüdenden age. 8 Frau Taubermann hatte sich längere Zeit in einem gewissen Abstand von der Gouber⸗ nante gehalten. Sie hatte mit Würde ihre Meinung über Erziehung und Unterricht ge⸗ äutzert und war überzeugt, daß diese Würde sie in den Augen der Gouvernante sehr hoch stellen werde. Sie hatte mit Strenge auf die Befolgung der häuslichen Anordnungen ge⸗ drungen, aber so scharf Malvine auch nachsah, ste konnte das Bestehen dleser Anordnungen gar nicht entdecken, da die Frau nach und nach die Sklavin ihrer Kinder geworden war und ihre ganze Haushaltung von diesen abhängig 17 0 5 hatte. Sie hatte auch viel von dem ermögen ihres Mannes geredet, damit die Gouvernante sich ja nicht einfallen lasse, sich auf denselben Fuß mit der Familie Tauber⸗ mann zu stellen. Kurzum, Frau Taubermann hatte sich alle Mühe gegeben, der Erzieherin ihrer Kinder zu imponteren und sie hatte sich dadurch in ihrer ganzen Einfalt gezeigt. Und als sie nach ein paar Monaten die Rolle, die der einfachen Frau denn doch etwas zu schwer wurde, nicht mehr durchführen konnte, war ste in den direkten Gegensatz verfallen und hatte Malbine mehr als einen vornehmen Gast, denn als abhängige Gouvernante behandelt. Es war eine kurze Unterhaltung gefolgt, in welcher Werners Tochter aufrichtig und natürlich ihre Meinung ausgesprochen hatte— etwas, das so häufig unterlassen wird, wo es unentbehrlich wäre, und von diesem Augenblicke an war zwischen den beiden Frauen, so verschieden ihre beiden Charakter auch sein mochten, ein Band entstanden, welches sie nicht vorgesehen hatten. Malvine und Frau Taubermann waren Freun⸗ dinnen geworden; äußerlich war die Frau des Hauses die erste, im inneren Wesen war die Gouvernante die Hauptperson, aber ste ver⸗ stand mit jenem Takte, den nur eine Frau be⸗ sitzt, die ältere und bevorzugt gestellte Frau zu lenken, ohne daß diese es bemerkte und nament⸗ lich, ohne daß die Welt elwas davon erfuhr. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Vorläusige Volkszählungsergebnisse. Von der am 1. Dezember d. J. erfolgten Volks⸗ zählung liegen bis jetzt folgende Ergebnisse aus Groß⸗ städten mit mehr als 100 000 Einwohner vor. Seit 1900 ist die Zahl der Großstädte von 33 auf 39 gestiegen. 1905 1900 Berlin 2 033 000 1888 848 Hamburg 800 582 705 738 München 537 808 499 952 Dresden 514 683 481 059 Leipzig 502 605 456 158 Breslau 470 018 492 709 Köln 425 944 372 200 Frankfurt a. M. 336 985 288 989 Nürnberg 290 868 261081 Düsseldorf 252.630 171 Hannover 249 619 235 666 Stuttgart 246 988 216 088 Chemnitz 243 964 206 913 Magdeburg 240 709 229 667 Charlottenburg 236 634 189 300 Stettin 230 578 210 680 Essen 229 270 118 863 Königsberg 220 212 189 482 Bremen 214 954 182 918 Duisburg 191 551 93 605 Dortmund 175 292 144 374 Halle a. S. 169 640 156 724 Elberfeld 167 710 156 503 Altona 167 590 161 501 Straßburg i. E. 167 342 151 041 Kiel 163 288 121 824 Mannheim 162 607 141 131 Danzig 159 088 147 301 Barmen 155 974 141 944 Rixdorf 152 868 90 422 Gelsenkirchen 146 742 95 787 Aachen 144 110 135 245 Schöneberg 140 932 95 998 Braunschweig 136 423 128 226 Posen 135 743 117 033 Krefeld 122 000 106 900 Kassel 120 272 106 034 Karlsruhe 111 337 96 976 Plauen 105 172 73 888 Woran erkennt man den Chatten? Die Chatten, oder wie man ste heute nennt, die Hessen, sind bekanntlich ein Stamm, der niemals seine Ursitze verlassen hat, wenn er auch zu allen Zeiten zahlreiche Auswanderer aussandte. Immer haben sie in dem Raum gesessen, den heute die beiden Hessen und der Regierungsbezirk Wiesbaden einnehmen. Nur Rheinhessen und der südlichste Teil von der Provinz Starkenburg sind nicht chattisch, Oden⸗ wald und Mainebene aber wahrscheinlich erst nach der Niederlage der Alemannen bei Zülpich fränkisch chattisch geworden. Die Chatten grenzen im Norden und Nordwesteu an die Sachsen, im Osten an die Thüringer und im Maintal an die Nachkommen der Hermunduren, im Süden an die suebischen Pfälzer, im Westen an die Rheinfranken. Von den Sachsen trennt ste sofort das Plattdeutsch dieses Stammes. Von den Thüringern und Hermunduren unter⸗ scheidet sich der Chatte dadurch, daß er Perd, Plug, Kop, Shtrump sagt, der Thüringer Ferd, Flug, Kopf, Shtrumpf; der Hermundute Pferd, Pflug, Kopf, Shtrumpf. Der Pfälzer sagt Pälzer, Plug, ꝛc. wie der Chatte, aber wo dieser st spricht, hat er sht(Lusht, Lasht, Shwester, Weshpe). Schwerer ist die Scheidung gegenüber dem Rhe infranken, der ja mit den Chatten stammverwandt, ein direkter Nach⸗ komme chattischer Auswanderer ist. Doch ist nach dem Major von Pfsster, dem genauesten Kenner der chattischen Dialekte, auch hier noch eine sichere Scheidung möglich: der Chatte sagt Waib, Laib, Hob, aber: das, was, es, der Rheinfranke Waif, Leif, Hof, dat, wat, et.— Fremdartig dem Dialekt nach stehen die Rhein⸗ gauer. Pftster hält sie für Alemannen, welche dem Andrang der Chatten Trotz geboten haben. Humoristisches. Triftiger Grund. Agrarischer Ab⸗ geordneter: So leid mir's tut— für die Er⸗ höhung der Brausteuer kann ich nicht stimmen! Industrieller: Aber warum denn nicht? Das Reich braucht einfach die Vermehrung der Flotte und infolge dessen auch die Erhöhung der Steuern! Agrarier: So? Und wer soll denn nachher das Freibier bei den Wahlen bezahlen, wenn die Brau⸗ steuer erhöht wird? •— ͤ.—I„ Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren ⸗Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. 3———— Literarisches. „Der politische Massenstreik und die Sozialdem okratie“. Unter diesem Titel gibt die Buchhandlung Vorwärts soeben den Sonderabdruck der Verhandlungen in Jena über diesen Gegenstand heraus. Der Parteitag hatte beschlossen, nur die Bebel'sche Rede über den politischen Massenstreik als besondere Broschüre zu drucken. Der Parteivorstand glaubte aber die Debatte in dieser, für die Massenagitation bestimmten Broschüre ebenfalls veröffentlichen zu müssen, um so auch die An⸗ sicht der Gegner des politischen Massenstreiks in weitere Kreise zu tragen und so zur Klärung der Frage bei⸗ zutragen. Das jetzt ausgegebene Heft erscheint als das fünfte der Sammlung, die unter dem Titel:„Sozlal⸗ demokratische Agitations⸗Bibliothek“ erscheint und dere n Aufgabe es ist, wichtiges Tatsachenmaterial den Genosse n dauernd zu erhalten, in indifferenten Kreisen aber durch solche Gelegenheitsschriften auf die Sozialdemokratie und ihre Forderungen aufmerksam zu machen. In dieser Sammlung sind bisher 5 Hefte erschienen: Prinz Arenberg und die Arenberge— Der Zukunftsstaat der Junker— Der Klassenkampf im Ruhrgebiet— Das neue Ausnahmegesetz gegen die Bergarbeiter— und Der politische Massenstreik und die Sozialdemokratie. Jedes Heft der Sammlung kostet 20 Pfennig, die Agitationsausgabe der Broschüre, die nur an Vereine, Vertrauensleute ꝛc. zum Zwecke der Massenverbreitung geltefert wird, ist zu einem billigeren Preise zu haben. a Geschichts kalender. 21. Januar. 1793 Hinrichtung des Königs Ludwig XVI. von Frankreich. 22. 1887 Die sozialdemokratischen Arbeiter aus Berlin Hensel, Lachmann und Nauen brechen auf einer Flugblattverteilung nachts beim Ueberschreiten des Havel⸗ Eises ein und ertrinken. 1729 Gotthold Ephraim Les⸗ Le l 23. 1873 Gust. Doré, Maler der„Marseillaise“ F. 1536. Wiedertäufer Joh. v. Leyden zu Münster hin⸗ gerichtet. 24. 1890 Der Reichstag lehnt die Verlängerung des Sozialistengesetzes mit 169 gegen 98 Stimmen ab. 26. 1901 Bülow tritt im Landtage für höheren Brodzoll ein. 27. 1901 Verdi, ital. Komponist F. Lissagaray, franz. Kommunard T. 1878 1. franz. Arbeiterkongreß nach der Kommune. Seite 8. Mitteldeutsche Sonutags⸗ Zeitung. Protest gegen das Dreiklassenwahlrecht!l Montag, den 22. Januar 1906, abends 9 Uhr im Lokale Orbig. Rittergasse: Große öffentliche Demonstrations⸗Versammlung Tagesordnung: Der 22. Januar 1905 in Petersburg und die Verfassungs- Kämpfe der Gegenwart. Arbeiter, Parteigenossen: Wir richten an Euch die Aufforderung durch masseuhaften Zesuch Eure Solidarität mit den russischen Freiheitskämpfen zu beweisen und Protest zu erheben gegen die Mletzeleien der Zarenschergen. Der Vorstand des sozialdemokratischen Wahlvereins. Versammlungen im HKreise Wetzlar: Sonntag, den 21. Januar 1906 (leiberg im Lokale z.„Schwarzen Walfisch“ nachm. 3½ Uhr Redner: Fladung- Frankfurt. Launsbach im Lokale des Herrn Ho mp. Redner: K. Elbers- Frankfurt. Tagesordnung: Die Volksentrechtung in Preussen und die russische Freiheitsbewegung. Erscheint zahlreich in den Versammlungen. Marburg. Marburg. Sonntag, den 21. Januar, abends 7 Ahr Oeffentliche Persammlung im Hildemaun' chen Saale, Barfüßertor. Tagesordnung: Das preussische Dreiklassenwahlsystem. Referent: Gen. Zimmermann⸗Fraukfurt a. M. Die Parteigenossen werden hierdurch nochmals aufgefordert, für recht zahlreichen Besuch dieser Protestversammlung Sorge zu tragen. Der Vertrauensmann. 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