„ — 1 11 J 4 1 immer weiter. i führt unser Hamburger Parteiblatt aus— Nr. 20. Gießen, den 20. Mai 1906. 0 PPP— eee eee. 2. n—** 13. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche 1-31 Redaktiensschluz: 8 Nachmittag 4 Ude. jtung. Abonnements preis: Die Mitteldeutsche Aus träger frei ins die Expedition unter Kreuz Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% band vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107)[31 Bestellungen Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Juserate 2 Die 5 gespalt. Bei mindestens bei 6 mal. Bestellung 2% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Raum kostet 10 Pfg. Niedergang. Mit vollen Segeln steuert das Deutsche Reich auf finanzielle und wirtschastliche Zerrüttung und Auflösung los. Wer das noch nicht erkannt hat, dem war bei den Steuer debatten, die dieser Tage im Reichstag stattgefunden, vollauf Gelegen⸗ heit geboten, es zu erkennen. Die herrschenden Klassen halten nach wie vor daran fest, den Hauptanteil der öffentlichen Lasten und Auflagen auf den Mittelstand und das Proletariat abzu⸗ wälzen. Der„kleine Mann“ ist schwer belastet, der Arbeiter am schwersten. Es ist, als ob die verschiedenen Schichten der„Besitzenden“ und„Gebildeten“ einen Vertrag abgeschlossen hätten, die Schultern des armen Mannes ohne Unterlaß weiter zu bepacken, bis er zusammen⸗ bricht. Natürlich besteht da kein förmliches Abkommen, aber ein gemeinsames Interesse, und das bindet fester als alle äußerlichen Formen. Die herrschenden Klassen wollen, so lange es geht, nach dem Grundsatz handeln, daß die beherrschten Klassen die Kosten des ganzen Systems zu tragen haben, während die oberen Zehntausend ihre Vorrechte genießen. Wie wenig man das bekannte Gerede von der„Schonung der schwächeren Schultern“ erust nehmen darf, hat gerade wieder der Ausgang dieser Steuerdebatten bewiesen. Bier, Tabak und Verkehrswesen sind neu belastet worden und zwar in einer für die armen und arbeitenden Klassen ganz besonders empfindlichen Weise; den„stärkeren Schultern“ hat man nur die Tantiemen⸗ und Erbschaftssteuer zugemutet, die in der gegenwärtigen Form beide die besitzenden Klassen ganz gewiß nicht allzu schwer drücken. Aber das Loch in den Reichsfinanzen ist mit dieser sogenannten Finanzreform nur sehr schlecht geflickt. Es wird zunächst abzuwarten sein, was die neuen Steuern einbringen, denn bei den jetzt oftmals so jäh wechselnden wirtschaftlichen Kon⸗ junkturen ist da kaum dauernd auf einen stcheren kund bestimmten Ertrag zu rechnen. Aber wenn trotzdem für den Augenblick die„Sanierung“ der Reichsfinanzen gelingen sollte, so bleiben doch die Umstände bestehen, welche die Finanz⸗ Uemme herbeigeführt haben. Obwohl nämlich alle Mächte ihre Friedens- lebe betonen, geht das allgemeine Wettrüsten Und das Deutsche Reich— gehört zu den Gemeinwesen, die von diesem Zustand mit am schwersten betroffen werden. Seine Mittel sind weit geringer, als die Mittel N bun England und Frankreich; diese beiden Läuder haben Hülfsquellen, die ihnen eine bedeutende leberlegenheit verleihen. Nichts destoweniger wird n Deutschland der Versuch unternommen, eine Ecemacht zu schaffen, die der von England und Frankreich gewachsen sein soll, während man scher annehmen kann, daß England allein schon t seine Ueberlegenheit zur See niemals wird hmen lassen. Und dieses Wettrüsten wird bald wieder ein ce Loch in die Finanzen des Deutschen striches machen und man wird wieder nach enen Auflagen und Steuern suchen. Die e rschenden Klassen werden sich dabei manchmal n kleines und nicht allzu empfindliches Opfer erlegen, wie wir eben gesehen, nur damit E großen Masse wieder die Hauptlast auf die Spultern gewälzt werden kann. U Natürlich hat auch dieses System seine Grenzen. Unser Volk wird es wohl noch eine Weile ertragen müssen, daß die„oberen Zehn⸗ tausend“ bei Wein und Braten Toaste auf Heer und Flotte ausbringen und glauben, damit den Hauptteil ihrer patriotischen Pflichten getan zu haben, während die große Masse so tief in den Beutel greifen muß. Es müßte denn sein, daß besondere Ereignisse eintreten. Derweilen steigt die Teurung, das Volk wird von den beute⸗ gierigen Agrariern ausgepowert zur gleichen Zeit, da es mit neuen Steuern belastet wird. Die oberen Zehntausend streiten sich dabei im wesentlichen nur über die Interessen des mobilen und des immobilen Kapftals und werden in der Erfindung neuer Steuern noch Erkleckliches leisten. Schließlich wird man noch genötigt sein, einzelne Betriebszweige zu verstaatlichen und zu monopolisieren, um Geld zu bekommen; aber auch damit wird man auf die Dauer den Moloch Militarismus nicht sättigen können. Während Auflagen und Lebens mittelpreije einen so großen Teil des Volkseinkommens verschlingen, geben sich die Industriekönige alle Mühe, die gerechten Ansprüche der Arbeiter abzuweisen. Sie wollen die großen Arbeiter⸗ organisationen zertrümmern; daher die bekannten Provokationen, die man benutzt, um Massenaussperrungen vorzunehmen. Ge⸗ waltige Kämpfe stehen da bevor. Wie ste aus⸗ gehen werden, kann niemand sagen; stcher ist nur, daß da, wo die Arbeiter unterliegen, auch deren Lebenshaltung herabgedrückt werden wird. Unter solchen Verhältnissen versagt bald das gegenwärtige Steuersystem: das erschöpfte Volk kann nicht mehr aufbringen, was man von um verlangt, und das Deutsche Reich wird dahin kommen, wohin Rußland gekommen ist— es wird den Bestand seiner Finanzen nur durch den Pump sichern können Wohin man aber damit kommt, zeigt wieder das Beispiel Ruß⸗ lands und anderer Staaten, Die herrschenden Klassen werden dem Staate, resp. dem Reiche, gern ihr Geld zu annehmbaren Zinsen vor⸗ strecken, aber sie werden damit ängstlich zurück⸗ halten, sobald einmal ihr Vertrauen erschüttert ist. Nun, davon sind wir noch weit entfernt, werden unsere„Patrioten“ sagen, und wenn sie unter sich sind, meinen sie, daß dies gute Volk, das nun schon so lange geduldig seine Lasten getragen, sie auch noch weiter und noch mehr tragen werde. Man hat sich durch die lange Gewohnheit so sehr in diese Auffassung hineingelebt, daß man sich in derselben nicht so leicht erschüttern läßt. Aber da könnte eines Tages eine schreckliche Enttäuschung eintreten; plötzlich könnte dem bisherigen System der Boden unter den Füßen weichen, nachdem man ihn so beharrlich unterhöhlt hat. Ein Gemeinwesen kann nur dann stark sein und auf Dauer rechnen, wenn sein Volk auch wirtschaftlich stark ist. Das deutsche Volk wird durch hohe Auflagen und Lebensmittel⸗ preise geschröpft, von dem industriellen Kapi⸗ taltsmus und von dem agrarischen Großgrund⸗ besttz ausgebeutet— da muß eine innere Schwäche entstehen, die man mit noch so wohl ausgerüsteten und gedrillten Heeren und mit noch so glänzenden Flotten nicht beseitigen Reich so wenig Kredit mehr haben wird, wie das alte Rußland. Dann muß eine Wiedergeburt eintreten; aber die ste bewirken, werden die Vorrechte der herrschenden Klassen von heute nicht mehr an⸗ erkennen. Aus dem Reichstage. Die neuen Steuern waren am Mittwoch und die folgenden Tage noch Gegenstand der Verhandlungen. Nach Ablehnung der ungeheuerlichen Quittungs⸗ steuer, wurde die Automobilsteuer mit großer Mehrheit angenommen. Genosse Lipinskt begründete den ablehnenden Stand⸗ punkt unserer Fraktion, die für dieses Dekora⸗ tionsstück zu stimmen um so weniger Veraulassung hat, als es wieder die Arbeiter der Automobil⸗ Industrie sein werden, die den Schaden von dieser Gesetzmacherei haben. Mit großer Mehr⸗ heit wurde die Tantiemensteuer ange⸗ nommen, die an sich zwar auch nicht gerade ideal ist, aber wenigstens den ersten Schritt zu direkten Reichssteuern darstellt, wie Südekum in wiederholten Ausführungen überzeugend nach⸗ wies. Der Antisemit Raab geftel sich in der Rolle seines schwarzgefiederten Namensvetters, des Spaßmachers im Geflügelhofe. Die frei⸗ sinnige Vereinigung stimmte gleich unserer Frak⸗ tion für die Vorlage. Dann wurde der kläg⸗ liche Stummel der Erbschaftssteuer vor⸗ genommen, wie er aus den Pfuscherhänden der Kommisston hervorgegangen ist. Genosse Bern⸗ stein begründete in trefflicher Rede eine Reihe bon Verbesserungsanträgen, deren Annahme diesem erbärmlichen Embryo erst zum Leben verhelfen würde. Aber selbst der klägliche Kommissionsentwurf geht den Junkern zu weit, deren Wortführer fortgesetzt über„Vermögens⸗ konfiskation“ jammern. Alle Verbesserungs⸗ auträge Min unter den Tisch geworfen. Trotzdem stimmte die sozialdemokratische Frak⸗ tion für den entscheidenden§ 12, da selbst diese Erbschaftssteuer immerhin noch einen Fortschritt bedeutet. Die weitere Verhandlung, die sich noch auf den Freitag erstreckte, endete mit An⸗ nahme des ganzen Gesetzes. Ein von Bernstein begründeter Antrag unserer Genossen, aus den Mitteln der Erbschaftssteuer die Abgaben auf Salz und Petroleum aufzuheben, wurde natürlich abgelehnt. Kein Bürgerlicher stimmte für ihn! Diäten für die Kerls wird's nun bald geben. Am Samstag wurde die zweite Lesung der Diätenvorlage erledigt. Es wurde wenigstens der ärgste Stein des Anstoßes aus dem Wege geräumt, indem der Reichstag dem Kommisstonsantrag entsprechend die Abänderung des Art. 28 der Reichsverfassung (Minimalpräsenzziffer) ablehnte und damtt den Eingriff der Reglerung in die Geschäftsordnung des Reichstags abwehrte. Die Regierung scheint sich in diese Ablehnung trotz der wüsten Angriffe fügen zu wollen, die die Arendt, Kardorff, Staudy und Gevossen deswegen gegen den Staatssekretär Grafen Posadows ky richteten. Die Streichung dieser Verfassungsänderung erlaubte unserer Fraktion, für die Genosse kann. Wenn man so fortfahren wird, gelangt man dahin, daß eines Tages das Deutsche Singer mehrere Male zu kurzen, kräftigen Ausfuͤhrungen das Wort ergriff, für die —— Seite 2. WMitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Xx. Diätenvorlage zu stimmen. Ein ideales Kunstwerk ist freilich auch nicht aus den Kom⸗ misstonsberatungen hervorgegangen. Es bleibt die Pauschalsumme und damit der Anreiz zur oberflächlichen Akkordarbeit; es bleiben die ent⸗ würdigenden Abzüge für Nichtteilnahme an namentlichen Abstimmungen. Genosse Singer geißelte scharf diese Bestimmung; die Mehrheit aber nahm sie an. Gegen den Wegfall der Landtagsdiäten der Doppelmandatare für die Tage der Reichstagssitzungen liefen die Konser⸗ vativen und Reichsparteiler Sturm, die sogar der preußischen Regierung wegen dieser Be⸗ stimmung mit einem Donnerwetter im Drei⸗ klassenhause drohten. Am Dienstag wurde dann nach einigem Wortgeplänkel die Vorlage in der dritten Lesung mit 221 gegen 52 Stimmen angenommen. Vorher war mit dem gleichen Stimmenverhältnis die Aenderung des Artikels 28 der Verfassung abgelehnt worden. So be⸗ kommt nun jeder Reichsbote jährlich 3000 Mk. Eine Art Steuerhinterziehung durch die Aktiengesellschaften soll ein Gesetzent⸗ wurf verhüten, der am Montag beraten wurde. Es handelte sich um eine Aenderung des Stempel⸗ steuergesetzes. Viele große Aktiengesellschaften haben nämlich ihre Aktien nicht in den Handel gebracht und auch dafür keine Stempelsteuer entrichtet. Diese Lücke soll durch die Aenderung ausgefüllt werden. Dagegen zeterte die„frei— sinnige“ Geldaristokratie, die hier wieder über Vermögenskonfiskation jammerte. Singer erklärte demgegenüber, daß die Sozialdemokraten dem Gesetze zustimmten. Politische Rundschau. Gießen, den 17. Mai 1906. Oben und unten. In der alten Bischofsstadt Trier wurden jetzt Weinverseigerungen vorgenommen. Die höchsten Preise erzielte dabei Fretherr von Schorlemer⸗Lieser, der Oberpräsident der Rhein⸗ provinz. Er erhielt für seine 12 Fuder Mosel⸗ wein mehr als 100 000 Mk., für eines dieser Fuder sogar 19060 Mk. Das ist für das Liter etwa 20 Mark. Wenn dieser Wein in den Handel käme, würde die Flasche wohl 40 Mk. und im Laufe der Zeit noch mehr kosten. Aber der Wein kommt nicht in den Handel; denn er war im voraus für Kölner Gelbleute und Großindustrielle bestimmt, die den Ansteigerer beauftragt hatten, um jeden Preis das beste Fuder Brauneberger aus der Creszenz des Freiherrn von Schorlemer zu er⸗ werben. Bis 19050 Mk. hatte der Beauftragte des Kaiserlichen Hofmarschallamts mitgeboten; er mußte aber vor dem Abgesandten der Kölner Industriefürsten die Waffen strecken, weil dieser höhere Vollmachten harte. Die 19060 Mt. sind der höchste Preis, der jemals für ein Fuder Mosel gezahlt worden ist. Die Kölner Industriemagnaten haben's ja; ste münzen täglich neues Gold aus der Lebenskraft und dem Lebensglück der ausgesogenen Arbeiter. Zu dem märchenhaft teuren Wunderwein muß man sich das entsprechende Mahl und den dazu gehörenden verschwenderischen Glanz hinzudenken! Etwa zur selben Zeit spielte sich in dem nämlichen Trier vor der Strafkammer das folgende entsetzliche Drama aus der christlichen Staats- und Gesellschaftsordnung ab: Ein Tag⸗ löhner war von dem Schöffengericht Uerzig mit einem Tage Haft bestraft worden, weil er seine Kinder während der Schulzeit betteln schickte. In der Berufungsinstanz erklärte der Mann, er sei damals in großer Not gewesen und habe kein Brot für seine acht Kinder ge⸗ habt, von denen das älteste erst 14 Jahre zähle. Er wohne in einer elenden Hütte, die nicht einen gesunden Dachbalken habe und der sogar der Fußboden fehle. Weiter sagte der Mann:„Ich bin elend und krank infolge der ungesunden Wohnung und des Nah- rungsmangels. Ich bin so voller Rheumatismus, daß ich nicht mehr imstande bin, allein zu essen. Kein Gefängnis kann mich gebrechlichen Mann mehr gebrauchen; sprechen Ste mich frei!“— Das Gericht aber sprach nicht frei; denn es fühlte sich an die Gesetze des christlichen Staates gebunden. Der Sieche mußte seinen Tag im Gefängnis abbüßen— von Rechtswegen! Höhere Bierpreise sind die selbstverständliche Folge der Brau⸗ steuer⸗Erhöhung. Die sächsischen Brauerei⸗ vereine haben bereits beschlossen, sobald die höhere Steuer in Kraft getreten ist, den Bier⸗ preis um 2 Mk. den Hektoliter zu erhöhen. Auch eine am vorigen Mittwoch in Köln ab⸗ gehaltene größere Versammlung von Brauerei⸗ leitern und Vertretern der rheinisch⸗westfälischen, norddeutschen und südrheinischen Brauereiver⸗ bände beschloß einstimmig, vom Tage der Steuererhöhung die Bierpreise entsprechend zu erhöhen und setzte gegen zuwiderhandelnde Brauereien hohe Konventionalstrafen fest. So wälzen die Brauherren die Steuer schleunigst auf die Konsumenten ab und dem armen Teufel wird der Trunk Bier, das einzige vielleicht, was er sich an Genuß bieten kann, verteuert! Und die Junker und ihr nationalliberaler und Zentrums⸗Anhang sind es, die dem Volke immer höhere Lasten auferlegen, nicht nur Genußmittel, sondern auch die notwendigsten Lebensmittel verteuern. Ein Toter der Breslauer Polizeischlacht. Bei der Polizei⸗Attacke, welche die Breslauer Polizei am Abend des 19. April auf wehrlose Arbeiter unternahm, erhielt unter anderen auch der Arbeiter Baum eine schwere Kopf⸗ verletzung. Er begab sich zunächst in privat⸗ ärztliche Behandlung, mußte aber wegen einer eingetretenen Gehirnvereiterung vor einigen Tagen in das Allerheiligenspital aufgenommen werden, wo der junge, noch nicht 21 Jahre alte Mann in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag verstorben ist. Also ein Toter, eine abgehauene Hand, viele andere Verletzungen sind das Ergebnis der Schlacht, welche die wildgewordenen Breslauer Ordnungshüter dem „inneren Feinde“ lieferten.— Wird man die Schuldigen nicht zur Verantwortung ziehen? Freilich, bis jetzt hat man sie noch nicht„er⸗ mittelt“). Es wurde Biewald allerdings eine Anzahl Schutzleute vorgeführt, er konnte aber den Täter nicht herausfinden, was ganz erklär⸗ lich ist, da die Schutzleute ziemlich gleich aus⸗ sehen und der Vorgang sich in wenigen Augen⸗ blicken in dem mangelhaft beleuchteten Hausflur abspielte. Die Säbelhelden, die so tapfer auf Wehrlose einschlagen konnten, haben nicht den Mut, sich zu melden!— Dem Bierfüller Bie⸗ wald, dem die Hand abgehauen wurde, scheint diese Polizeitat die Augen über die herrschenden Zustände gründlich geöffnet zu haben. In einer großen Protestversammlung gegen die Breslauer Vorfälle in Dresden erzählte der Referent, Genosse Zimmer⸗Breslau, Biewald habe ihm, dem Redner, wörtlich erklärt: Kollege, ich bin ein Christ gewesen, aber durch den Polizeisäbel bin ich eines anderen belehrt worden. Sei versichert, mit der einen Hand werde ich meine Pflicht als aufgeklärter Arbeiter erfüllen. — Die Versammlung wurde übrigens aufgelöst. Hinzugefügt sei noch, daß Baum nicht in Breslau beerdigt wurde, wie es erst vorgesehen war, sondern in seinem Heimatsorte Schmolz. Und selbst hier hatte die Polizei aus Furcht vor Demonstrationen besondere Maßnahmen getroffen; zwei Gendarmeriewachtmeister und eine große Anzahl von„Geheimen“ waren zur Stelle. Auf dem Friedhofe hielt ein Pastor eine fast einstündige Rede, in der er davon erzählte, daß der Verstorbene den Gefahren der Großstadt durch einen frühen Tod entronnen sei, denn wenn er die Großstadt erst kennen zu. lernen e de gehabt hätte, dann wäre er ihr auch bald verfallen!— Das Interessanteste aber ist, daß der Getötete weder zu den Aus⸗ esperrten, noch zu den Skandalmachern gehörte, ode— ein Arbeitswilliger war! Maifeier ostpreußischer Landarbeiter. Es dürste wenig bekannt sein— wurde dem„Vorwärts“ dieser Tage aus Ostpreußen geschrieben— daß auf einem 4000 Morgen großen Rittergute in Ostpreußen der erste Mai seit Jahren durch v IHA nbITgeTrherfg. ruhe gefeiert wird. Auch in diesem Jahre herrschte am 1. Mai sowohl auf dem Gute und seiner großen Brennerei als auch auf den dazu gehörigen Vorwerken feierliche Stille. Kein Schlot rauchte, kein Pflug, keine Egge war in Bewegung. Es war eben ein Arbeiter⸗ feiertag. Abends vergnügten sich die Land⸗ arbeiter mit ihren Familien bei Musik, Tanz und einem vom Besttzer kredenzten Trunk. Die zahlreichen Landarbeiter dieses großen Gutes sind meist polnisch⸗masurischer Abstam⸗ mung und daher der deutschen Sprache wenig mächtig. Trotzdem bemüht stch der Besitzer (Ernst Ebhardt), der natürlich Parteigenosse ist, die Leute über den Zweck der Maifeier sowie über die Ziele der Sozialdemokratie nach Mög⸗ lichkeit aufzuklären. Es kann den ostelbischen Junkern gar nicht dringend genug empfohlen werden, sich an diesem Mustergut— es heißt Kommorowen bei Btalla— ein Beispiel zu nehmen, wie man ein gutes Einvernehmen zwischen Landarbeitern und Besitzer herstellt, ohne daß dabei die Landwirtschaft ande geh Antisemitischer Bank f In Sachsen hat der Antisemitismus de; dort im Anfang der 90er Jahre aufkam und 1 bei der Reichstags⸗Wahl vom Jahre 1893 eine ganze Reihe seiner Kandidaten durchbrachte, gründlich abgewirtschaftet. Ueber sein Organ, die„Deutsche Wacht“ ist jetzt der Konkurs verhängt worden. Von allem, was sich berufen fühlte, die Sozialdemokratie aus⸗ zuschalten und zu„vernichten“, ist wohl kein Unternehmen so schnell und so unsagbar kläglich gescheitert wie die Partei der„Reformer“ und ihre Presse. Die„Deutsche Wacht“ wurde 1893 von Zimmermann, Dr. Liman, dessen Name jetzt in Leipzig durch seine Anpöbelungen unserer Partei eine traurige Berühmtheit erlangt hat, und einigen hundert reformerischen Aktionären verschiedener Städte und Stände mit einem Aktienkapital von Mk. 250000 ins Leben ge⸗ rufen. Das Unternehmen schien anfangs unter Leitung Dr. Limans und begünstigt von der im Lande herrschenden reformerischen Mittel⸗ standspolitik einen Aufschwung zu nehmen, denn die Abonnentenzahl stieg auf 12 000. Aber bald trat die Reaktion auf die 1893er Reichstagswahl ein. Ein Skandal folgte dem andern. Die Partei der Reformer verlor an Ansehen und Anhängern und die„Deutsche Wacht“ an Bedeutung und Leserzahl. Ein Redakteur nach dem anderen mugte springen und schließlich die Liquidation der Aktiengesell⸗ schaft erfolgen. Ein Deutschösterreicher rettete das Unternehmen durch Kauf, sah aber bald das vergebliche Bemühen, es wieder lebensfähig zu gestalten, ein und überließ die Zeitung seinem Metteur Wolf und dem Kaufmann Götze. Zimmermann schied als Direktor aus. Die gutgehende Akzidenzdruckerei hielt jahrelang die Zeitung über Wasser, bis es plötzlich mit Zimmermann, der konservativ geworden ist, zum offenen Bruch kam, der zwar notdürftig verkleistert wurde, den Ruin aber doch beschleu⸗ nigte. So ist das Blättchen nun heimgegangen. Sozialistenfressern empfehlen wir seine Jahr⸗ gänge als Nachschlagebuch zur Beschimpfung und Verlästerung der Sozialdemokratie. Erfolgreiche Obstruktion gegen Wahlrechts raub. Im Landtage von Schwarzburg⸗ Rudolstadt wollten die Bürgerlichen das Landtagswahlrecht dadurch schmälern, daß sie beantragten, den Wahlzensus für die Höchst⸗ besteuerten auf 200 Mk. zu erhöhen. Das sollte eine Antwort auf den Antrag unserer Genossen sein, nach welchem die Landtagswahl an einem Sonntage stattfinden, und gleichmäßige, von der Regierung hergestellte Stimmzettel verwendet werden sollten. Nachdem dieser Antrag mit gegen 7 Stimmen abgelehnt worden war, verließen unsere Genossen bei der Abstimmung über den Antrag der Gegner den Saal, so 5 der Landtag beschlußunfähig wurde. Da wiederholte sich bei einer neuen Sitzung noch einmal, womit der Wahlraub vorläufig abge⸗ schlagen ist. loßen ton, We 5 ee e g on My iche sohleg ech elspil mn stell, un ein acht seh t del 1 du e agli I 1800 Name ele hit Hälen em l ge⸗ iler del. slel⸗ mel, 00, A dall N a c Ui 1 inen gel f bib fa Nr. 20. — eee ee eee Mitteldentsche Sonnags⸗Zeitung. Seite 3. DSoftaldemokratischer Sieg in Wien. Einen großartigen Wahlerfolg erkämpften unsere Parteigenossen in Wien be den dortigen am vorigen Donnerstag stattgefundenen Ge⸗ meinderats wahlen für den vierten Wahlkörper. Bisher hatten unsere Parteifreunde nur drei Mandate inne, die sie nicht nur behaupteten, sondern noch vier dazu gewannen. Von 21 Mandaten, die zu vergeben waren, eroberten unsere Genossen 7, während den Christlichsozialen nochmals 14 zufielen. Der Erfolg läßt si aber erst richtig würdigen, wenn man erwägt, daß die soztaldemokratischen Stimmen von 56000 auf 97000 stiegen, und sie sind damit den Antisemiten ganz nahe gerückt, dle trotz der riesenhaftesten Agitation und trotz der Popu⸗ larität ihres Häuptlings Lueger nur 110000 aufbrachten. Bei der nächsten Wahl wird die christlich⸗soziale Herrschaft sicher zusammen⸗ brechen. Man muß bei Würdigung dieses Resultats ferner bedenken, daß für den vierten Wahlkörper dreijährige Seßhaftigkeit gilt, eine Beschränkung, die ausschließlich die Arbeiter trifft. Der„Frkftr. Ztg.“ wurde darüber geschrieben: „Die Wlener Gemeinderatswahlen im vierten Wahlkörper haben die herrschende Partei vier Mandate gekostet und außerdem ein Stimmen⸗ verhältnis gezeigt, das den Klerikalen schwer in die Glieder gefahren ist. Obschon die Christlich⸗ sozialen Virtuosen der Wahl⸗ und selbst der Wählermache sind und alles aufgeboten haben, den Soztaldemokraten ihre bisherigen Mandate zu entreißen, ist es ihnen bei fast vollständiger Wahlenthaltung der indifferenten und sicher nicht klerikalen Schichten nicht ge⸗ lungen, auch nur ein Drittel der möglichen Stimmen ihren Kandidaten zuzuführen. Nur der sehr raffinkerten Wahlkreis⸗ geometrie ist es zuzuschreiben, daß trotzdem den Christlich⸗sozialen von 21 Mandaten 14, den Sozialisten nur 7 zugefallen sind. Der Vorsprung von 13000 Stimmen ist sehr leicht eingeholt. Es brauchen nur die Fortschrittlichen sich ein wenig zu ermannen und die ganze christlich⸗soziale Herrlichkeit ist gewesen.“ Kleine politische Nachrichten. Oberschlesische Justiz. Die Beuthener Straf⸗ kammer verurteilte den dreizehnjährigen Schulknaben Schulz und dessen zwölf jährige Schwester für einen Dummenjungenstreich zu je einem Jahre Gefängnis, weil sie unweit der Myslowitzgrube Steine auf die Straßenbahngleise gelegt hatten, wodurch die Entgleisung eines elektrischen Wagens herbeigeführt wurde. Revolution in Rußland. Das russische Parlament, die„Reichsduma“ ist seit voriger Woche in Tätigkeit. Es wurde im Winterpalast, dem alten Sitze des russischen Despotismus mit mittelalterlichem Prunk und Pomp eröffnet. Mehr goldstrotzende Uniformen waren dabei nach den Berichten zu sehen, als Volksvertreter. Man hatte zu dem welthistorischen und gewissermaßen doch festlichen Ereigms Soldaten in Masse zu⸗ sammengezogen, Petersburg glich einem riestgen Heerlager. Zar Nikoläuschen wagte sich nach Petersburg und hielt vor den Mitgliedern des Reichsrats und der Duma eine Ansprache, in der die Ansprüche des Absolutismus überwiegen und der Schein erlogen wird, als sei die Duma eine freiwillige Gabe von Väterchens Gnaden. Die aus weinerlicher Frömmelei und absolutisti⸗ schem Dünkel gemischte Ansprache wird natürlich für den Gang der Ereignisse keinerlei Bedeutung haben. Dann hat sich die Duma selbst im Tausischen Palais, der ehemals dem berüchtigten Potemkin von der Kaiserin Katharina ge⸗ schenkten Palast, konstitulert. Ste erwählte den Moskauer Professor Morowzew zu ihrem Präsidenten. Das erste Wort in diesem ersten Parlament Rußlands sprach dann der Führer der konstitutlonellen Demokraten, Rechtsanwalt Petrunkowitsch. Es war ein gutes Wort, ein Wort für die Oprer des Freiheits⸗ kam pses, für die in den Kerkern Schmachtenden. Der Redner bezeichnete es als Pflicht, daß das erste freie Wort denen geweiht sei, die für die Fretheit der Heimat ihre Freiheit geopfert haben.(Stür⸗ mischer Belfall.) Alle Gefängnisse seien überfüllt. Es sei ihre Pflicht, alles daran zu setzen, daß die Freiheit, die sich Rußland erkauft habe, keine neuen Opfer mehr koste. Das freie Rußland fordere die Befrei⸗ ung der Verhafteten. Nachdem dankte Morozew für das ihm durch die Wahl zum Prästdenten bewiesene Vertrauen und betonte, die Arbeit der Duma gehe auf dem Boden völliger Erneue⸗ rung der Regierung vor sich. In der Sitzung am Samstag wurden viele Begrüßungstele⸗ gramme und Glückwünsche verlesen. Bei Ver⸗ lesung von Telegrammen politischer Ge⸗ fangener und Verbannter erhob sich die Versammlung unter anhaltendem Beifall. Die ganze Versammlung rief:„Amnestie! A m⸗ nestie!“ und man beschloß, den Gefangenen im Namen der Duma zu danken. Während der Adreßdebatte an den folgenden Tagen ver⸗ langten alle Redner Befreiung der Gefangenen. Gapons Leiche ist nunmehr in einem Vororte Petersburgs gefunden worden. Es bestätigt sich, daß Gapon wegen Verrats der Arbeitersache hingerichtet wurde. Der Unter⸗ suchungsrichter begab sich am Samstag in das Bankzebäude des Credit Lyonnais behufs Fest⸗ stellung des Inhaltes einer von Gapon dort deponierten Kassette. Man fand in dieser die Summe von 14500 Rubel in russischen Staatspapieren und 14000 Franks in französischen Banknoten. Das Geld soll Gapon für seinen Verrat erhalten haben. Heerschau. Der Malentag, der Weltfeiertag des Prole⸗ tariats, der Tag, an dem die unterdrückte Volksklasse stolz und kühn das Haupt erhebt und die herrschende Gesellschaft immer aufs neue an ihre Forderungen mahnt, die im Interesse der Volkswohlfahrt durchgeführt werden müssen, liegt hinter uns. Ein erhebender Tag, der durch seine aufrüttelnde Wirkung einen unauslöschlichen Eindruck auf Freund und Feind der modernen Arbeiterbewegung ausübt. Spiegelt sich doch in der Matfeier der Kampf zweier Weltanschauungen wieder. Die innerlich brüchig gewordene bürgerliche Gesellschaft kämpft um Aufrechterhaltung und e ihrer angemaßten Rechte gegen die junge, von Lebens⸗ kraft strotzende, aufwärtsstrebende neue Kultur, der Welt und Zukunft gehören werden. Noch sind die Vertreter der alten Anschauung im Besitz der Gewalt und— ste nutzen sie aus. Rücksichtslos und brutal schwingen die„Herren vom Hause“ die Hungerpeitsche über Tausende, die es wagen, einen eigenen Willen zu äußern. Man beschimpft, verfolgt und bedroht die den⸗ kenden Arbeitermassen; die elendesten Verleum⸗ dungen und Verdächtigungen gelten unseren Gegnern als„geistige“ Waffen, und trotz alle⸗ dem bricht sich der sozialistische Gedanke, der in Millionen Herzen lebendig wirkt, mit Allge⸗ walt Bahn. Es ist die historische Aufgabe und Bestimmung des Proletariats, Grundstein und Träger der neuen Kultur zu sein. Der Sozlal⸗ demokratie ist die führende Rolle in diesem Kampfe zwischen alter und neuer Kultur zuge⸗ fallen. Unter ihrem roten Banner werden die Schlachten gegen den sich enger und fester zu⸗ sammenschließenden Gegner geschlagen! Immer ernster und hartnäckiger wird der Kampf, immer größere Kämpfermassen sind notwendig, um der Gesamtheit des Volkes die hehrsten Güter, Freiheit und Recht, zu erobern. Erfreulich ist es, daß in diesem sich immer mehr zuspitzenden Kampfe auch die Frauen und Mädchen des Proletariats nicht untätig abseits stehen. Von Jahr zu Jahr ist das wachsende Interesse der Frauen an den wirtschaftlichen und politischen Kämpfen mehr und mehr zutage getreten. Auch die großartige Beteiligung der Frauen an der Maidemonstration zeigt das Erwachen derselben. Die letzte Mai⸗Heerschau hat das Bild der gemeinsamen Demonstration herrlicher und schöner denn je gestaltet. Nicht nur in den Städten, auch in kleinen, entlegenen Landorten haben die Frauen in größerer Anzahl an der Maifeier teilgenommen. Und so ist es recht! Denn die Gedanken, die in dem Maifest der Arbeit pulsen, müssen gerade in den Herzen der Arbeiterfrauen, der doppelt Aus gebeute⸗ ten und Entrechteten, begeisterten Wider⸗ hall finden. Die Arbeitskraft der Frau wird mit Hungerlöhnen entlohnt; heute ist die Ar⸗ beiterin durch den Druck des Unternehmertums zur Schmutzkonkurrentin des Mannes und des Bruders geworden. In heuchlerischen Salbadereien über die Heiligkeit des Familienlebens, der Ehe usw. ergehen sich die Interessenten der heutigen„gött⸗ lichen“ Weltordnung, das hindert ste aber nicht, Mann, Weib und Kind der arbeitenden Klasse in ihr Sklavenjoch zu spannen. Das Leben gestaltet sich für die Proletarierin immer qual⸗ voller; es ist nichts auderes, denn eine lange Kette von Trübsal und Leiden, denen meistens erst der Tod, der Freund und Erlöser der Armen, ein Ende macht. Wirtschaftliche und häusliche Pflichten und Sorgen bilden zumeist den Lebensinhalt der Arbeiterfrau. Doch auch als Staatsbürgerin hat sie die gleichen Pflichten wie der Mann; auch sie muß dem Staat und Gemeinwesen direkte und in⸗ direkte Steuern und Verbrauchsabgaben zahlen. Staat und Privatkapital bereichern sich durch ihre Arbeitskraft, und als Lohn dafür hat der heutige Staat sie aller Rechte beraubt. Die Frau besitzt kein Wahlrecht, kein Mitbestimmungsrecht in Fragen, die für die Arbeiterin, die Hausfrau, die Mutter von größter Tragweite und Bedeutung sind. Auflehnung, Empörung gegen so scham⸗ lose Entrechtung und Knechtung ist Pflicht aller Frauen des Proletariats. Die Sozial⸗ demokratie ruft die Frau in ihre Reihen zum gemeinsamen Protest; Frauen, folgt dem Ruf! Die Frau, in der das sozialistische Bewußtsein wach geworden ist, demonstriert für Gleich⸗ berechtigung alles dessen, was Menschen⸗ antlitz trägt, für den Völkerfrieden, gegen den barbarischen, kulturvernichtenden Martnis⸗ mus und Militarismus, für das Wahl⸗ recht der Frau und sie demonstriert als das geknechtete, unterdrückte und entrechtete Weib. Frauen, herbei! Agitiert und werbt in euren Reihen immer neue Kampferinnen für die Sozial⸗ demokratie! „Und setzet ihr nicht das Leben ein, Nie wird euch das Leben gewonnen sein!“ Don Nah und fern. Hessisches. — Ueber die Beigeordnetenwahl in Mühlheim am Main verhandelte am Samstag der Provinzialausschuß der Provinz Starkenburg. Bekanntlich wurde in Mühlheim unser Genosse, Konsumvereinsleiter Peter Zahn, mit großer Mehrheit als Beigeordneter gewählt. Obgleich der Bürgermeister vor dem Kreisaus⸗ schusse zu Offenbach dem Gewählten bestätigte, daß gegen seine Person nichts einzuwenden sei, viel⸗ mehr könne er mit dessen Tätigkeit im Gemeinde⸗ rat durchaus zufrieden sein, hat doch der Kreis⸗ ausschuß die Wahl beanstandet, weil Zahn sich zur Soztaldemokratie bekennt. Zahn hat Rekurs ergriffen. Regierungsrat v. Stark warf die Frage auf, ob die Wahl überhaupt gültig sei, da in den Wahlakten ein Protokoll fehle über die vom Gemeinderat vollzogene Wahl des Vorsitzenden der Wahlkommisston, der dahingehende Beschluß müsse gemäß 8 41 der Landgemeindeordnung in's Protokollbuch eingetragen werden. R.⸗A. Dr. Fulda als Vertreter des Gewählten sprach sein Bedauern aus, daß diese formale Frage noch aufgerollt werde. Mühlheim werde durch eine Ungültig⸗ keitserklärung nochmals in die Aufregung einer Wahl gestürzt, deren Resultat nach seiner Auf- fassung nicht anders ausfallen werde. Eine derartige Protokollierung werde in den§§ 31 und 41 der Landgemeindeordnung nicht gefordert, nach§ 6 der L.⸗G.⸗O. habe ja der Bürgermeister die Wahlhandlung zu leiten, nur die Beisitzer PPP * ö 2 9 * . 10 1 95 1 —— Seite 4. Mittel dentsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 20. hat er wählen und über deren Wahl ein Pro⸗ tokoll aufnehmen zu lassen. Das sei geschehen. — Nach längerer Beratung wurde die Sache an den Kreisausschuß zurückverwiesen, damit er erst die formelle Seite prüft und feststellt, ob die Wahl gültig oder eine Neuwahl vorzunehmen ist.— Son: it ist die Entscheidung noch auf eine Zeit hinausgeschoben. — Streikjustiz in Hessen. Ein über⸗ aus hartes Urteil, wie man es bisher nur aus Erfurt, Breslau, Magdeburg ꝛc. zu hören ge⸗ wohnt war, fällte die Straffammer in Darm⸗ stadt. Der Schuhmacher Dobrinski aus Offenbach, der beschuldigt war, einen Streik⸗ brecher geprügelt zu haben, wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, obwohl der Staatsanwalt nur acht Monate beantragt hatte. Daß Dobrinsei der Schuldige wirklich war, dafür war nur das Zeugnis bes Streikbrechers vorhanden, den man übrigens als einen gewerbs⸗ mäßigen Streikbrecher bezeichnen kann, denn er trat in vielen Fällen immer dort in Arbeit, wo gestreikt wurde. Gießener Angelegenheiten. — In der Stadtverordnetensitzung am vorigen Donnerstag gab es wieder eine lange Debatte über die Geländeabschätzungen durch die Lokal⸗ kommisnon. Wau er sich dabei handelt. ist in unserer vorigen Nummer näher dergetau. Die Auseinander⸗ setzung indete wit einer Erklärung des Stadtverordneten Helfrich, daß er eine etwa gegen den Oberbürgermeister äusgesprochene Beleidigung zurücknehme.— Am Schluß der Sitzung kam noch die Anlage einer Straße n⸗ bahn zur Erörterung. Der Oberbürgermeister wird beauftragt, dazu die nötigen Vorarbeiten alsbald in die Wege zu leiten.„Alsbald“ heißt in diesem Falle in etwa 4 bis 5 Jahren. — Herr Heyligenstaedt,„unser“ Abgeordneter, stimmte ebenfalls der Fahrkarten⸗ und Erhöhung der Biersteuer zu, die gerade das minderbemittelte Volk belasten. Für eine stärkere Heranziehung der reichen Leute durch Ausgestaltung der Erbschaftssteuer wird Herr Heyligenstaedt dagegen nicht zu haben sein. Die Wähler der Arbeiterschaft und des Mittelstandes, den die Nationalliberalen angeblich schützen wollen, mögen sich das merken. — Die Volksversammlung am Dienstag war recht gut besucht, auch Frauen waren erfreulicherweise recht zahlreich vertreten. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten die Zuhörer die klaren und interessanten Aus⸗ führungen der Genossin Zietz, welche das Thema„Unser Todfeind“ behandelte. Mit dieser Bezeichnung meinte sie die Gleichgültigkeit und Denkfaulheit vieler Arbeiter und besonders vieler Arbeiterfrauen gegenüber dem Be⸗ freiungskampfe der unterdrückten und besfitzlosen Klassen. Heute stürme und dränge alles zur Entfaltung der Per⸗ sönlichkeit. Das müssen auch die Frauen, die heute im Staatsleben als Menschen zweiter Klasse behandelt, mit Unmündigen auf eine Stufe gestellt werden. Und wo Frauen ihre Rechte erkämpfen wollen, werden sie als „Gefallene“„Entartete“ verspottet und bekämpft, von Spießern im Unterrock und in der Hose. Diese be⸗ kämpfen auch die Sozialdemokratie, die jederzeit für die Rechte der Frau eingetreten ist. Man sage zwar, die Frau sei durch ihre natürliche Veranlagung auf die Familie angewiesen. Diese Redensarten sind längst durch die wirtschaftlichen Verhältnisse abgetan. Heute trifft längst nicht mehr zu, was Schiller im Liede von der Glocke über die Stellung und Aufgabe der Frau sage. Die technische Entwicklung habe die Stellung der Frau revolutioniert; ihre Arbeitskraft sei ebenso wie die des Mannes Ausbeutungs projekt geworden, Millionen Frauen sind in allen Berufen tätig, auch in solchen, die sich für sie gar nicht eignen, im Bergwerk, Bauge⸗ werbe ꝛc. Aus Not muß die Frau hinaus, als Lohn⸗ arbeiterin tätig sein, weil der Verdienst des Mannes nicht zum Lebensunterhalt der Familie ausreicht. Und gerade wenn der Arbeitsmarkt überfüllt ist, Arbeitslosigkeit herrscht, spannt man Frauen und Kinder in den Dienst, um diese als Lohndrücker zu verwenden. Hierin zeigt sich der Wahnsinn der heutigen Ordnung ganz besonders! Rednerin geht dann weiter auf die unzähligen Mißstände ein, denen wir heute auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet begegnen, und unter denen die Frauen am meisten zu leiden haben. Sie schildert mit eindringlichen Worten die verderblichen Folgen der Zollpolitik und des Mili⸗ tarismus. An zahlreichen Beispielen aus der letzten Zeit weist sie nach, wie das arbeitende Volk auf allen Gebieten ausgebeutet und unterdrückt wird. Dagegen anzukämpfen, müsse sich auch die Frau angelegen sein lassen, müsse mitarbeiten und sich politisch betätigen. Rednerin schloß mit der Aufforderung au die Frauen, zunächst Abonnentin des sozialdemokratischen Frauenblattes „Gleichheit“ zu werden, welcher Aufforderung auch etwa 45 Frauen nachkamen. Also ein recht erfreulicher An⸗ fang, dem eine ebensolche Weiterentwicklung folgen möge! — Die gesicherte Existenz des Ar⸗ beiters oder der glückliche Reichs⸗ rentner. Ein Arbeiter, der sich in der wenig beneidenswerten Lage befindet, die Invaliden⸗ versicherung in Anspruch nehmen zu müssen, sendet uns mit der Bitte um Aufnahme Fol⸗ gendes:„Es wird viel gesagt und geschrieben über die Bekämpfung der Tuberkulose. Behörden und sonstige Vereinigungen sind be⸗ müht, dieser schrecklichen Volkskrankheit Einhalt zu bieten. Nun liest man zwar in den Sta⸗ tistiken der Heilanstalten für Zungenkranke, daß soundsoviel Personen Aufnahme fanden, man hört aber nichts von den vielen Gesuchen um Aufnahme, die nicht berückstchtigt werden konnten. Was geschieht nun mit diesen? Es wird den Gesuchstellern ganz einfach mitgeteilt, daß ihr Gesuch abgelehnt ist und sie eine Rente von so und so viel erhalten. Ein Zeit lang erhält der Erkrankte von den Krankenkassen, denen er an⸗ gehört, noch Unterstützung. Ist aber diese Zeit vorüber, so ist der Betreffende auf die Rente angewiesen. Wie hoch ist nun diese? Schreiber dieser Zeilen bekommt— als Familienvater!— das Jahr 204 Mark, was monatlich ganze 17 Mark ausmacht. Staats- und Kommunal⸗ steuern betragen zusammen 1.15 Mk.; es bleiben also nicht gan: 16 Mi. für den Monat. Was bleibt nun noch für den Lebensunterhalt übrig, da man für Wohnungsmiete doch mindestens 16 18 Mk. ausgeben muß? Dabei wird vom Arzt einem solchen Kranken kräftige Kost ver⸗ ordnet, was ja auch ganz richtig ist, es bleibt aber bei dem Verordnen, er bekommt sie nur leider damit nicht. Kehrt nun so ein armer Teufel, wenn er irgend kann, in die Werkstelle zurück— vorausgesetzt, daß es ihm glückt Arbeit zu erhalten, so tritt die sogenannte Renten⸗ quetsche in Funktion und er bekommt einen Teil der Rente abgezogen oder sie ganz entzogen. Anstatt, daß man sie ihm ließe, damit er seinem Körper etwas zuführen und ihn wenigstens einigermaßen widerstandsfähiger erhalten könnte, muß der Unglückliche seine letzten Kräfte einsetzen, um für sich und seine Angehörigen das Not⸗ wendigste herbeizuschaffen. Jeder denkende Mensch kann sich vorstellen, was nun die Folge davon ist. Wollen die Behörden, Landesver⸗ sicherungsanstalten ꝛc. die Lungenschwindsucht wirklich bekämpfen, dann muß nach dieser Rich⸗ tung Abhilfe geschaffen werden.“ E k. Die Maler und Weißbinder hielten am Samstag im Lenz'schen Felsenkeller eine Versammlung ab, in welcher Kollege Wittazscheck⸗Frankfurt über die Taktik der Unternehmer in den diesjährigen Lohnkämpfen sprach. Redner schilderte die seither geführten Lohnkämpfe und ging auch auf den Gießener näher ein. Ueberall zeige sich das Unternehmer⸗ tum bemüht, die Organisation der Arbeiter zu zersplittern. Dank der entschiedenen Haltung der Arbeiterschaft sind in einer Anzahl Orten die Lohnbewegungen zu ihren Gunsten ausge⸗ fallen. Zum Beispiel war in Homburg v. d. H. nur ein einziger Arbeitswilliger vorhanden, den man auch weiter nicht ersuchte, von seinem Ver⸗ halten abzulassen. In Wiesbaden dagegen sei leider der Streik resultatlos verlaufen. In vielen Fällen sptelten sich gerade Kleinmeister als die größten Scharfmacher auf, die die größeren Unternehmer von einer Bewilligung der Forde⸗ rungen abzuhalten versuchten, obwohl gerade diese den größten Schaden bei einem Ausstande haben. Auch bei der Bewegung in Gießen haben die Meister in der Forderung des Mindestlohnes kein Entgegenkommen gezeigt; die geringe Lohn⸗ erhöhung, die nur bei einem Teil der Arbeiter erfolgte, sei eine Abschlagszahlung, mit welcher die Kollegen keineswegs zufrieden sein könnten. Die Anwesenden erklärten sich mit den Aus⸗ führungen vollständig einverstanden und be⸗ schlossen einstimmig nachfolgende Resolution: „Die heute im Lenzschen Felsenkeller tagende stark besuchte Versammlung der Maler-, Lacklerer⸗ und Weißbindergehilfen von Gießen u. Umge⸗ gend spricht ihre Mißbilligung aus über das ablehnende Verhalten der Arbeitgeber gegenüber einer Festsetzung des Mindestlohnes. Die Ver⸗ sammelten betrachten die bewilligte Lohnerhöhung ehen 8 f 4 gegebener Zeit wiederum erhoben werden, stet hochzuhalten, und mit aller Energie an 155 Durchführung derselben zu arbeiten.“ — Wegen der humoristischen Notiz in Nr. 10 unseres Blattes stand Genosse Vetters am vorigen Freitag vor der Strafkammer. Die Verhand⸗ 51 e e Verteidiger zwei Richter, orverfahren mitgewir= Wen gewirkt hatten, wegen Befangen -- Waldfest. Die„Freie Turner⸗ schaft“ und der Gesang verein„Ein⸗ tracht“ Gießen halten am 2. Pfingstfeiertag im Gießener Stadtwald, Licherstraße(1. Schneise rechts) ein gemeinsames Waldfest ab, das nach den bis jetzt getroffenen Vorbereitungen ein großartiges zu werden verspricht. Konzert, Ge⸗ sangs⸗ und turnerische Darbietungen(u. a. Auf⸗ führungen der neugegründeten Damenriege) Bretzelpolonaise, Kinderspiele mit Verteilung besserer Preise, Tanz, Preisschießen und sonstige Beluffigungen sind vorgesehen, sodaß allen Teil⸗ nehmern einige recht genußreiche Stunden in in Aussicht Günstiges Wetter voraus⸗ gesetzt, wird Fel zu einem rreauißel Volksfest gestallen, welches alle Arbcdet hinreichend für eine größere Pfingsttour ent⸗ schädigt, die sich wohl viele wegen„Mangel an Ueberfluß“ versagen müssen.(Weiteres im Inserat in nächster Nummer.) Aus dem Nreise gießen. — Ueber eine Tabakarbeiterversammlung in Wieseck, die dort am Samstag vor 8 Tagen statt⸗ fand und sehr gut besucht war, müssen wir nachträglich noch kurz berichten. Der Verbands vorsitzende Deich⸗ mann ⸗Bremen hielt das mit großem Beifall aufge⸗ nommene Referat. Im Laufe seiner Ausführungen be⸗ schäftigte sich der Referent auch mit den törichten und lächerlichen Bemerkungen, die der Werkführer einer Gießener Fabrik einer Arbeiterin gegenüber in Bezug auf die Verbandsbestrebungen gemacht hatte. Daß doch diese Leute, selbst Arbeiter, und oft nicht einmal die besten, sich verpflichtet fühlen, di⸗ Kapltalsinteressen mehr noch als der Unternehmer selbst wahrzunehmen und sich manchmal so arbeiterfeindliche Allüren angewöhnen!— Der Verband macht in Wieseck recht gute Fortschritte. ck. Rödgen. Der Wahlverein Rödgen und Trohe veranstaltet auf Himmelsfahrtstag eine kleine Festlichkeit im Garten des Wirtes Balßer in Rödgen. Unsere Freunde und Partei- genossen auch aus den umliegenden Orten sind dazu freundlichst eingeladen. Eintritt kostet 20 Pfg. Beginn ½3 Uhr, von 4 Uhr ab Tanz. p. Staufenberg. Das vom Volksverein am Sonntag abgehaltene Maifest wurde etwas durch die ungünstige Witterung beeinträchtigt; trotzdem hätte der Besuch noch stärker sein können. Frau Dr. Michels⸗ Marburg hielt eine Ansprache, in der sie betonte, daß die Frauen unserer Bewegung mehr Interesse als bisher entgegenbringen und die Männer in dem Befreiungs⸗ kampfe unterstützen müßten, denn gerade die Frauen leiden doppelt unter den heutigen Zuständen. Schließlich gab Rednerin der Hoffnung Ausdruck, daß auch in Staufenberg im nächsten Jahre die Genossen am 1. Mai feiern und sich nicht mit einer Nachfeier zufrieden geben. Möchten die hiefigen Arbeiter die mit so lebgaftem Bei⸗ fall aufgenommenen Worte beherzigen! Gibt es doch hier noch viele Arbeiter, die ihre Lage noch nicht be⸗ griffen, noch nicht zum Verständnis unserer Sache ge⸗ kommen sind. Schließt euch deshalb der gewerkschaft⸗ lichen und politischen Organisation an! Für Verbesserung eurer Lage mitzukämpfen seid ihr euch selbst und euren Angehörigen schuldig!— Schließlich sei noch dem Gesangverein Staufenberg, dem Arbeitergesangverein „Vorwärts“ Lollar und der Freien Turnerschaft Staufen⸗ berg für ihre Darbietungen bei der Feier bestens gedankt, Aus dem Nreise griedherg⸗Büdingen. — Zum Kapitel Strafvollzug. Wer schon einmal einen in der Zellenstrafanstalt Butzbach verwahrten Gefangenen besucht hat, wird sich gewiß der höchst peinlichen Gefühle erinnern, die der Aufenthalt im Sprechzimmer in ihm hervorrief. Dieser Raum(in manch anderer Strafanstalt wird es ähnlich sein) ist en bis zur Decke reichendes engmaschiges Geflecht aus Eisendraht in zwei Teile scheidet. 2 Bänke, 1 Stuhl und 1 Schrank bilden das Mobiliar. Man braucht das alles nur zu betrachten, um die Tatsache zu ver⸗ stehen, daß diejenigen, die hier nach den Leiden und dem Schmerz der Trennung im Wiedersehen Trost und Kraft zu neuen Leiden suchten,— daß diese Leute nicht nur keinen Trost aus diesem„Zusammensein“ schöpfen als eine Abschlagszahlung für später. Sie ver⸗ gestellten Forderungen, welche zu eine geräumige, fast quadratische Zelle, die ein beinahe ——— 10 l 10 ge⸗ be⸗ 15 1 — ——ç 19 ch ie t te. en es i⸗ Sechs Bergleute, anderen Gruben daß Arbeitskräfte 1 diese alten Leute um Nr. 20. Mittel deutsche Sountags⸗ Zeitung. q——ꝛ—— ñ ͥ 2— Seite 5. können, sondern Besucher ist von trennt. Letzterer daß es sie noch elender macht. Der dem Gefangenen durch das Gitter ge⸗ steckt überdies in Kalmuckkleidern und wird vom Aufseher überwacht, der die„Unterhaltung“ verfolgt. Man kann es daher begreiflich finden, daß schon wiederholt sowohl Gefangene, als auch deren An⸗ gehörige auf Zusammenkünfte dauernd verzichteten, die ihnen nur Qual, Erniedrigung und Erbitterung verur⸗ sachten. Das beschriebene Gitter existiert nicht in allen Strafanstalten, und da wo es errichtet ist, ist es ein un⸗ nötiges Folterwerkzeug.— Wir sind Optimist genug, zu hoffen, daß diese Zeilen zu seiner recht baldigen Beseitigung beitragen werden. Wir gestehen, daß wir nicht so optimistisch veranlagt sind, wie der Einsender obiger Zuschrift, mit der wir im Uebrigen uns durchaus einverstanden erklären. — Antisemitisches Stegessfest mit Kellerei. Vor der Gießener Strafkammer wurde am 4. Mai gegen 7 Angeklagte aus Oberwöllstadt verhandelt, die an der Prügelei auf dem Siegesfeste beteiligt waren, das die Hirschel und Co. im Dezember v. Js. zur Feier des Landtagswahlsieges des Bündlers Breidenbach in Ober⸗ wöllstadt veranstaltet hatten. Die Sache kam infolge Berufung verschiedener von dem Friedberger Schöffen⸗ gerichte Verurteilter zur nochmal anglung. Bei kten bt eine Ger⸗ derkranz zur Perschöner„ Zwischen beiden bestehen Sängerkrieg veranlaßten. der Kämpfer wäre fast totgeschlagen worden, steben Angeklagten hatten Erfolg; vier erhielten höhere Strafen, als das Schöffen⸗ Differenzen, die am selben Abend den Es floß ziemlich Blut; einer Von den nur zwei mit ihrer Berufung gericht erkannt hatte und zwar 5 Wochen, 1 Monat, 2 Wochen und 1 Woche Gefängnis. Bei dem letzten blieb es bei der Geldstrafe von 20 Mark. Die Herren Hirschel, Breidenbach, Wolf 20. die natürlich ebenfalls auwesend waren, hatten sich als tapfere Teutsche recht⸗ zeitig vom Kampfplatze zurückgezogen. Aus dem Nreise Wezlar. h. Ein neues Schlachthaus soll in Wetzlar endlich gebaut werden, wie die Stadtverordneten am Montag beschlossen haben. Der Bürgermeister erklärte dazu u. a., daß das jetzige Schlachthaus in leiner Welse den Mindestanforderungen entspräche, die im sanztäts⸗ polizeilichen Interesse gestellt werden müßten. Damit bestätigte er das, was von uns schon vor Jahren über die Zustände im Schlachthaus gesagt worden ist. Allmenröder wandte sich gegen den Neubau mit recht merkwürdigen Gründen. h. Mit schwarzen Listen scheint das Bud erus⸗ Leuten, die sich dort sche Eisenwerk zu aperieren. auf Arbeitergesuche für die Röhrengießerei meldeten, wurden über ihre vorhergegangene Beschäftigung befragt und besonders, ob sie zu den Streikenden der Marmor⸗ schleiferei gehörten. Das zeigt wieder, wie das Unter⸗ nehmertum zusammenhält! Die Arbeiter sollen sich daran ein Beispiel nehmen! h. Eine öffentliche Gewerkschafts⸗ versammlung findet Samstag, den 26. Mai, im Gasthaus„Zur Glocke“ statt. Als Redner wird Genosse Engelmann⸗Worms erscheinen. Die Arbeiter aller Berufe wollen sich recht zahlreich einfinden. h. Auf der Grube Amanda, die jetzt den Buderus werken gehört, sind die Söhne immer noch jämmerlich. Der Bergarbeiter⸗Zeitung lagen Lohnzettel vor, von denen der höchste pro Schicht 2,27 Mark beträgt, also noch nicht einmal den Schichtlohn, der 2,40 Mark beträgt, zahlte man den schwer schuftenben Bergarbeitern, wenn sie bei so niedrigem Gedinge nichts verdienen können. Daß bei solchen Löhnen keine Zu⸗ friedenheit unter der Bergarbeiterschaft herrscht, davon kann Herr Obersteiger Gau! versichert sein. Auch bringen diese schlechten Löhne die Bergarbeiter am aller⸗ besten zur Erkenntnis; besser wie der beste Agitator; die Behandlung seitens der Beamten trägt das ihrige dazu bei, daß sich die Arbeiter der Organisation an⸗ schließen. Sollte der Herr Obersteiger Gaul auch der Ansicht sein, daß die hiefigen Bergarbeiter nicht so viel zu verdienen brauchten, weil sie etwas Feld haben, so können wir Herrn Gaul nur raten, sich einmal die Kontobücher des Herrn Rosenthal in Wetzlar und des Kaufmanns Herrn Zimmermann in Niederquembach vor⸗ legen zu lassen, dann wird es sich zeigen, daß er es nicht mit reichen Bauern, sondern mit verschuldeten Bergarbeitern zu tun hat. Auch die Kuh ist in vielen Fällen nicht das Eigentum des Bergmanns, sondern gehört noch dem Biehhändler, und würde von dieser Seite nicht die größte Rücksicht genommen, so würde wohl mancher Bergarbeiter dieselbe verkaufen müssen. die mit in den Streik getreten waren, wieder eingestellt, obwohl Leute von angenommen werden und die Ausrede, genug vorhanden wären, nicht gelten kann. Es scheint, als wolle man den Betreffenden die Macht des Kapitals fühlen lassen; oder wird beabsichtigt, ö ihre Knappschaftskassenrechte zu bringen?— Jedem Arbeiter müssen die Dinge zum sind noch nicht Nachdenken über seine Vage und die heutigen Zustände zwingen und ihn vera mlasßen, vereint mit seinen Klassen⸗ genossen für Besserung f zu kämpfen. Aus dem Nr eise Marburg⸗Nirchhain. O Zur Kran kensersicherungssta⸗ tistik wurde der hiesigen„Oberh. Ztg.“ von einem Marburgler Arzte ein Beitrag geliefert, der einige nicht umninteressante Momente bietet, namentlich dadꝛarch, daß ein Vergleich gezogen wird zwischen den Ausgaben der hiesigen Orts⸗ krankenkasse für 1905 und der Verstcherungs⸗ statistik des Jahres 1903 für die Ortskranken⸗ kassen des deutschen Reiches. In der letzten Generalversammlung der rtskrankenkasse wurde nach Erst attung des Rechenschaftsberichtes für 1905 vom Vorsitzenden auf die gewaltige Steige⸗ rung der Ausgaben der Kasse für Aerzte und Apotheken aufmerksam gemacht. Während noch vor ca. 8 Jahren die Kosten der ärztlichen Behandlung und Medikamente nur ca. die Hälfte des Krankengeldes betrug, haben sie jetzt bereits die Ausgaben für Krankengeld über⸗ stiegen. Der Durchschnitt für das deutsche Reich beträgt für Arztkosten 3,99 Mk. pro Mitglied Marburger Ortskrankenkasse dagegen 4,69 Mk. pro Mitglied oder 28,7 ozent der Gesamt⸗ ausgaben. Für Arzneikosten muß die Orts⸗ krankenkasse 17 Prozent der Gesamtausgaben verwenden gegen 15,9 Prozent im Durchschnitt. Auf die Ursache dieser Mehrbelastung geht der Marburger Arzt nicht näher ein, Sache des Vorstandes der Kasse aber ist es, sich näher mit dieser Tatsache zu befassen. Dieser Mehr- belastung der Marburger Kasse steht gegenüber zunächst die Minderausgabe für Verwaltungs⸗ kosten(6,3 Prozent gegen 9 Prozent im Durch⸗ schnitt), au Krankenanstalten(9,6 Prozent gegen 13 Prozent im Durchschnitt), und hauptsächlich aber eine wesentliche Minderausgabe an Kranken⸗ geld. Die Marburger Kasse zahlt nur 6.50 Mk. pro Kopf oder 40,7 Prozent der Gesamtaus⸗ gaben gegen 7.74 Mk. oder 43,7 Prozent im Durchschnitt der Ortskrankenkassen. Die Mar⸗ burger Kasse bleibt also am 1.24 Mk. in ihren Leistungen an Krankengeld zurück gegen den Gesamtdurchschnitt. Die erkrankten Mitglieder müssen also zugunsten der immer höherer Forde⸗ rungen stellenden Aerzte und Apotheker pro Mitglied jährlich 1.24 Mk. opfern und sich weiterhin mit den vom Gesetz festgelegten Mindest⸗ leistungen begnügen. * Nette Arbeiterfreundlichket legte die „Hessische Landeszeitung“ in einer ihrer letzten Nummern an den Tag. Es war da ein schofler Waschzettel der Scharfmacher in der Metallindustrle abgedruckt, in dem es in Bezug auf die Metallarbeiter⸗Aussperrung und die Lohnforderungen der Former u. a. heißt: oder 22,5 Prozeut der Gesamtausgaben, in der Uhr seine Generalversammlung m Restaurant Geisler ab. Die Mitglieder des Konsumverelns werden gebeten, sich recht zahlreich und pünktlich einzufinden.(Siehe Inserat.) Folgen des Zolltarifs? Die Marburger vereinigten Fuhrwerksbesitzer machten bekannt, daß sie vom 1. Mai ab die Preise für Herrschaftsfuhrwerk ꝛc. erhöhen müßten, weil die Futterpreise im stetigen Steigen begriffen seien. Da spüren auch wenigstens die „Herrschaften“ die Wirkungen des Zolltarifs ein klein wenig. N Ausflug am Himmelfahrtstage. Einen gemeinsamen Ausflug veranstalten am Himmelfahrtstage der Arbeitergesangverein„Eintracht“ und die„Freie Turnerschaft“. Pro gramm: Abmarsch morgens 6 Uhr vom Restaurant Hildemann durch den Wald nach Niederweimar. Daselbst Empfang sämtlicher freier Turner von Gießen und Umgebung. um 10 Uhr Abmarsch von Niederweimar durch den herrlichen Buchen wald, Dreiersquelle und Ockershausen nach Mar⸗ burg zum Restaurant Hildemann. Daselbst Kommers und Turnen. Nachmittags 2 Uhr Besichtigung der Stadt. Von 4 Uhr ab Familienfest im Gartenrestaurant Hildemann. Von abends 8 Uhr ab Tanz. Bei un⸗ günstiger Witterung von nachmittags 4 Uhr ab Schau⸗ turnen, verbunden mit Tanz. An diesem gemeinsamen Ausfluge wollen sich die Genossen recht rege beteiligen, gilt es doch, den Turngenossen des Gießener Kreises zu zeigen, daß auch die Marburger Arbeiter zusammenhalten. Arbeiterbewegung. Die Metallindustriellen wollen auf Pfingstsamstag die Metallarbeiter a us sperren, wenn bis dahin nicht die Differenzen, die mit den Formern in verschiedenen Orten bestehen, erledigt sind. Die Former sind zu einer Verständigung auf derselben Grundlage wie sie in Offenbach und Braunschweig bereits 1175 ist, bereit, aber die Eisenkönige wollen nicht. Vartei-Uachrichten. Der diesjährige Parteitag, der nach dem Beschlusse des Jenaer Parteitages in Mannheim ab⸗ gehalten wird, soll vom 16.— 22 September stattfinden. Versammlungs kalender. Samstag, den 19. Mai. Gießen. Wahlvereln. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Vortrag von Genosse Diehl: Der II. Teil unseres Programms. Friedberg. Wahl verein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Ihl. Sonntag, den 20. Mai. Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Wagner, „Das Endziel ist dann, daß dieser Mindestlohn T.⸗O.; 1. Agitation. 2. Kreisfest. Vollzählig fortdauernd in die Höhe geschraubt wird, bis er zum allgemeinen gleichen Normallohn der Former für ganz Deutschland sich auswächst. Die Former wurden vor⸗ geschickt, weil sie den sozialdemokratischen Prin⸗ zipien am meisten huldigen. Zweifelsohne läßt man andere Arbeiterkategorien folgen, sobald man mit den Formern einen Erfolg erreicht hat. Der Gesamtverband der Industriellen läßt sich dadurch nicht beirren, sondern wird sich gegen die Aufzwingung solcher Forderungen, deren Annahme die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Metallindustrie auf dem Weltmarkt erschüttern muß, nach Kräften wehren.“ Dieses unsinnige, unwahre und arbeitekfeindliche Zeug druckt ein Blatt nach, das für soziale Dinge und die Bestrebungen der Arbeiter Verständnis zu haben vorgibt. Die Fleischpreise sind endlich gefallen. Unsere Metzgermeister haben allergnädigst geruht, den Preis für Schweinefleisch um 10 Pfennig pro Pfund herabzusetzen. Leider ist nach den bisherigen Erfahrungen zu befürchten, daß diese herabgesetzten aber immer noch sehr hohen Preise bald wieder in die Höhe getrieben werden.— Andere notwendige Lebensmittel speziell Batter und Eier, haben immer noch ihre„festen“ Preise, das heißt, das Pfund Butter kostet nach wie vor 1,30 Mk. Was diese Preise für eine Arbeiterfamilie bedeuten, das kann man tagtäglich von den Arbeiterfrauen hören. Aussicht auf Verbilligung der Lebensmittel ist kein e vorhanden, wes⸗ halb die minderbemittelten Klassen sich desto mehr und sester zusammen schließen müssen, um gemeinsam eine Verbesserung ihrer Lage herbeizuführen. Vor allen Dingen ist Aufklärung nötig, die in unserer Presse und in Versammlungeu geboten wird. Der Konsum verein für Marburg und erscheinen! Montag, den 21. Mai. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Orb ig. Mittwoch, den 28. Mai. Rödgen. Wahlverein. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Bal ßer. Alles erscheinen! Arbeiter Turnerbund. Zu dem gemeinsamen Turngang der Ver⸗ eine des 3. Bezirks am Himmelfahrtstag ist Treffpunkt Lollar um 7½ Uhr bei Gastwirt Schupp. Um 3 Uhr pünktlich Abmarsch nach Marburg. Die Freie Turnerschaft Gießen versammelt sich/ Uhr am Torhäuschen in der N alltorstraße. Zahlreiche Beteiligung aller Vereine erwartet Der Bezirksturnwart. (Siehe Notiz aus Marburg.) Abends 9 Uhr Arbeiter Sängerbund (Rhein⸗ und Maingau) 2. Bezirk Gießen. Sonntag, den 20. Mai 2 Uhr nachmittags im Saale des Hotel Einhorn, Gießen Lindenplatz: Gesamt probe. Der Bezirksobmann. Briefkasten. Zuschriften für die nächste Nummer erbitten wir wegen des Himmelfahrtsta ges möglichst früh⸗ Umgebung hält am Montag, den 29. Mal Abends 8/ zeitig.— Wtizlr. Loralliste nächste Nummer. Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung. Nr. 20 Von Uah und Lern. Ein grausiger Leichenfund wurde am vorigen Freitag bei einem Frankfurter Spediteur gemacht. In einem von Bad Wil⸗ dungen am 25. April nach Frankfurt aufge⸗ gebenem Koffer entdeckte man die Leiche einer älteren Frau, die man als die 74 Jahre alte Marie Vogel aus New⸗ Pork erkannte. So⸗ fortige Nachforschungen ergaben, daß ihr Neffe, der aus Meschede(Westfalen) gebürtige Möbel⸗ händler Wilhelm Meyer, der Mörder ist. Er war bereits mit seiner Geliebten, Frl. Christtani, Tochter einer angesehenen Familie in Wildungen, auf der Fahrt nach New⸗Nork. Man stellte fest, daß das Paar mit dem Dampfer„Waldersee“ reiste, der wenige Stunden nach Entdeckung der Tat in New⸗York ankommen mußte. Sofort wurde die dortige Polizei in Kenntnis gesetzt, die denn auch Meer am Samstag schon ver- haftete. Fürstliche Silberdiebin. Gegen die Fürstin Wrede auf Basedow ist jetzt wegen fortgesetzter Hoteldiebstähle Voruntersuchung beim Landgericht Güst ro w eingeleitet. Durchlaucht hatte, wie in voriger Nummer bereits mitgeteilt, in den Hotels Silber⸗ zeug in großer Menge mitzunehmen geruht. Jetzt kommt ste erst zur Beobachtung ihres Gessteszustandes in eine Nervenheilanstalt. Nicht bloß die Kirche, auch ihre Diener haben gule Magen. Zur Bischofswahl in Hildesheim vertilgte der hohe Klerus zusammen mit den irdischen Spitzen dieses Mahl: Malossol⸗Kaviar— Sekt. Klare Schildkrötensuppe— Cherry. Mastkalb garniert— Champagner und Rotwein. Bachforellen— Mosel. S mit Lammk .. e Rauenthaler Auslese. Französische Poularden— Rotwein. Nachtisch: Eis, Käse, Sekt, Liköre, Mokka. Dieses fromme Gedeck kostete mit Getränken bloß die Kleinigkeit von 20 Mark. Jeder einzelne aus dieser gut essenden und trinkenden Schar heiliger Männer hat sich das Mahl also den Wochenverdienst eines ziemlich gut entlohnten Arbeiters kosten lassen. Pfarrer mit 182000 Mk. Schulden. In dem Konkurs über das Vermögen des früheren Pastors Kreusler in Celle sind 182 000 Mk. bevorrechtigter Forderungen zur Aumeldung gekommen, denen nur 11 000 Mk. Aktiva gegenüberstehen. Kreusler wurde wegen AUnterschlagung von Amtsgeldern und weiterer Betrügereien zu insgesamt 5 Jahren Gefängnis verurteilt. Er war Ende Oktober 1904, nach⸗ dem er erhebliche Schulden gemacht, in Beglei⸗ tung seiner Geliebten aus Celle geflüchtet, wo er seine Familie in größter Notlage zurück ließ. Später wurde er in Wien verhaftet. Gute Ordnungsleute— aber schlechte Kassenverwalter. In einer Versammlung des Fürsten⸗ walder Spar⸗ und Vor schuß vereins wurde festgestellt, daß im Laufe der Jahre durch frühere Mitglieder des Vorstandes und Auf⸗ sichtsrats Unterschlagungen, Wechsel⸗ fälschungen und Betrügereien im Betrage von 361000 Mk. vorgenommen worden sind. Der frühere Vorsitzende des Vereins, Kaufmann Thieß, wurde verhaftet. Weitere Verhaftungen stehen bevor. Fälle dieser Art kamen in letzter Zeit recht häufig vor! N Wissenswertes über unsere Arbeiterversicherung. A. Krankenversicherung. Beginn und Ende der Versicherung. Wer in ein gewerbliches Arbeitsverhältnis gegen Gehalt oder Lohn eintritt, wird, wenn er nicht bereits Mitglied einer ihn davon be⸗ fretenden Hilfskasse ist, ohne weiteres Mitglied der für den Betrieb zuständigen Krankenkasse. Eine vorübergehende, nicht regelmäßig wie⸗ derkehrende Beschäfttgung, die von vornherein auf höchstens fünf Tage begrenzt wird, macht den Beschäftigten nicht krankenversicherungs⸗ flichtig. 5 Die im Privathaushalt beschäftigten Dienst⸗ boten sind weder durch Reichs- noch Landes⸗ gesetze kranken versicherungspflichtig gemacht, aber vielerorts durch Ortsgesetze. 1 In diesem Falle brauchen Beiträge und Unterstützungen nicht den reichsgesetzlichen Be⸗ stimmung zu entsprechen. Betriebsbeamte, Werkmeister, Techniker, Handlungsgehilfen sowie Bedienstete bei Rechts⸗ anwälten sind nur so welt verstcherungspflichtig, 1 Gehalt 2000 M. pro Jahr nicht er⸗ reicht. Bei Beendigung der Beschäftigung erlischt sofort und ohne weiteres die Mit⸗ gliedschaft bei der Krankenkasse; ste kann nur dadurch aufrecht erhalten werden, daß man vom Tage der Beendigung der Beschäftigung angerechnet, binnen einer Woche bei der betr. Kasse mündlich oder schriftlich erklärt, während der erwerblosen oder nicht versicher⸗ ungspflichtigen Zeit freiwilliges Mitglied bleiben zu wollen. Die Fortsetzung der Mitgliedschaft steht jedem Mitgliede ohne Rücksicht auf Beruf und Einkommen zu. Die Unterbrechung der Mitgliedschaft, und währt ste auch nur einen Tag, kann für den Versicherten schwer schädigende Folgen haben. Daher ist es empfehlenswert, selbst bei einer Unterbrechung von einem Tag(abgesehen von Sonn- und Feiertagen) die freiwillige Mitglied⸗ schaft zu erklären. Das ist um so nötiger, als viele Kassen die erhöhte Unterstützung oder die Familienunterstützung von einer längeren ununterbrochenen Mitgliedschaft ab⸗ hängig machen. Während der freiwilligen Mitgliedschaft hat der Verstcherte den vollen Beitrag allein zu bezahlen. Die Restbeiträge werden ohne vor⸗ herige Klage wie die Steuern eingetrieben. Die freiwillige Mitgliedschaft erlischt ohne vorangehende Mahnung, wenn an zwei hinter⸗ einanderfolgenden Zahlungsterminen die Bei⸗ träge nicht entrichtet sind. Bei einem Teil der Kassen finden die Zahlungen wöchentlich, bei anderen monatlich statt, darüber beachte man das Statut der betr. Kasse genau. Beiträge. Wer bei Eintritt in die Beschäftigung der Krankenkasse nachweist, daß er innerhalb der letzten 26 Wochen Mitglied eiuer Krankenkasse war, hat kein Eintrittsgeld zu entrichten. Die Kassen haben verschiedene Beitrags⸗ und Unterstützungsklassen. Um kontrollieren zu können, ob man vom Arbeitgeber in die richtige Lohnklasse angemeldet ist, muß man sich ein Kassenstatut verschaffen; jedes Mitglied kann ein solches von der Kasse oder seinem Arbeit⸗ geber verlangen. Beim Steigen oder Fallen des Lohnes auf längere Dauer, tritt eine Klassenversetzung und damit eine Aenderung in der Beitragshöhe ein. Der höchste Tagesverdienst, welcher der Bei⸗ tragsleistung und der Unterstützung zugrunde liegt, ist 5 M. Krankmeldung. Wer die Kassenleistungen in Anspruch nehmen will, hat sich unter Vorlegung seines Mitglieds⸗ buches oder eines sonstigen Ausweises über seine Mitgliedschaft an die Kasse zu wenden. Bei dringenden Krankheits: oder Unglücksfällen kann man den Kassenarzt ohne weiteres und wenn dieser nicht zu erreichen, den nächsten Arzt auf Kassenkosten herbeirufen bezw. aufsuchen. Zur zweiten Hilfe ist aber der Kassenarzt zu rufen und der Krankenschein vorzulegen. (Fortsetzung folgt.) Ehre und Schande. „Armut in Ehren ist besser als Reichtum ia Schanden!“. So lautet das Sprichwort, mit dem der Besitzende den Armen tröstet, womit er Aufruhr eg 0 8 9 gr 5. Oel der esignation(Verzichtleistung) über die Wogen gießt. Vom ABC an wird das Wort mit fetten Buchstaben in das Kinderhirn eingeprägt und nach einem Leben sowohl voller Armut als voller Schande, ertönt an der Bahre wieder das Sprichwort vom Munde des Priesters. Aber welcher schändlicher Widersinn ist doch schon der Satz„Armut in Ehren“. Wann in aller Welt hat man die Armut geehrt? Niemals. „Die Armut“ erhebt indessen auch gar keinen Anspruch darauf. Sie ist zufrieden, wenn ste, ohne besonders geehrt zu werden, wenigstens vor unverdienter Schande frei bleibt. Aber für manche Leute ist die Armut unauflöslich mit dem Begriff Schande verbunden. Wie oft liest man nicht, wie oft hört man nicht einen so erbärmlichen und doch so herkömmlichen Ausdruck, wie daß„der und der von armen, aber(also trotz alledem) ehrlichen Eltern“ stamme. Damit wird geradezu vorausgesetzt, daß Armut und Ehrlichkeit zwei Dinge sind, die nur aus⸗ nahmsweise zusammentreffen. Oder weiter, man hört den Ausdruck, der auch beleidigend wirken muß, weil er einen Ausnahme zustand andeutet:„ein ehrlicher Arbeiter“. Wo findet man einmal den Aus⸗ druck:„er stammt von reichen, aber ehrlichen Eltern“. Dabei entsteht aber doch gerade der Reichtum recht selten auf ehrliche Weise. Nein, der Reichtum hat keine zierenden Bei⸗ worte nötig, denn wer Reichtum hat, der be⸗ kommt die Ehre immer als Zugabe, wie auf die Armut immer die Schande gehäuft wird. So steht es nun einmal im Moralgesetz des Kapitalismus geschrieben. Oder wann tut es not, daß man, um sicher zu gehen, schreibt:„ein ehrlicher Graf“— ob⸗ gleich es wahrhaftig oft geuug Anlaß gabe zu betonen, daß man die Ausnahmebezeichnung brauchen muß. Aber nein, hier gilt es als lächerlich, denn in der Gesellschaftsschicht der Grafen kommt man ehrlich zur Welt und stirbt ehrlich, da ist ja die Ehrlichkeit eine gegebene Tatsache. So sieht's mit der Gesellschaftsmoral noch im Jahre 1906 aus. ** E „Armut in Ehren“...„Reichtum in Schandennn a Ein Arbeiter macht eine Erfindung und ein Fabrikant oder eine Aktiengeselschaft eignet sich das Eigentumsrecht an dieser Erfindung an. Der Erfinder bleibt arm und trägt infolgedessen mehr oder weniger Schande in seinem Leben mit sich herum. Aber der Fabrikant oder der Direktor der Aktiengesellschaft, sie werden reich — natürlich nicht in Schanden, sondern in Ehren. Zu diesem Beispiel lassen sich leicht noch viele andere fügen. Unsere Gesellschaft ist eben so eingerichtet, daß der Spruch logisch lauten müßte:„Armut ist Schande, aber Reichtum ist Ehre“. Das lautet nicht so schön wie der erste Spruch, aber es ist wahrer. Du kannst Dir eine, zehn, zwanzig Millionen erschwindeln, wenn Du willst, und Du bist selbst dann der Bewunderung sicher, wenn Du auf der Anklagebank sitzest. Aber auf keinen Fall darfst Du es wagen— und wenn auch Dein Weib, Deine Kinder verhungern— in Not und Arbeitslosigkeit ein Stück Abzahlungs⸗ möbel zu versetzen, denn da wird niemand mit Dir Mitleid haben und auf ewig wird das n der Schande in Deine Stirn einge⸗ rannt. i Der rücksichtslose Geschäftsmann, der sich ein Vermögen sammelt, indem er Dir einen Hungerlehn gibt, hat ein langes, glückliches a und ehrenvolles Leben und bekommt, wenn er stirbt, spaltenlange Nachrufe in den bürgerlichen Lügenblättern. rühmen, es seien denn Deine Brüder in Armut und unverdienter Schande. Warum? Du lebtest ja in Armut und starbst in Armut. Das aber ist in den Augen des Kapitalismus eine Schande! a —————— m— — Dich wird aber niemand nach Deinem Tode . Nr. 20. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Humoristisches. Der Geschäftsmann. Hebamme:„Zwillinge, Herr Silberstein!“— Silberstein: „Macht nix, mer hab'n ausgemacht zwanzig Mark, mehr kriegen Sie nicht!“ Ein Patriot. Junger Prinz(auf der Treib⸗ jagd zu einem Treiber)„Na, mein Lieber, Sie werden es mir gewiß nicht übel'nehmen, wenn ich Ihnen mal aus Versehen eines hingufbrenne?“— Treiber:„König⸗ liche Hoheit, mein ganzer Hinterteil steht Ihnen zur Verfügung!“ (Igd.) — Konfir mationsgeschenke an gelen Preislagen und in großer Auswahl in dem Ahren⸗, Gold- und Pilberwarengeschäft von F. Kaminka, Markt⸗ platz 11, am m Kriegerdenkmal. Man verl. Rabattmarken. iphie neu heraus zu geben. Berkchen neu durchgesehen und vielfach ergänzt, der Literarisches. Ueber Wilhelm Liebknecht, sein Leben und Wirken hatte Kurt Eisner eine Schrift verfaßt, die jetzt vergriffen und in neuer Auflage erschienen ist. Die ständige Nachfrage gab dem Verlag die Anregung, zur 80. Wiederkehr des Geburtstags unseres„Alten“ die Der Verfasser hat Verlag hat es reich und geschmackvoll ausgestattet, so daß auch die Genossen, welche im Besitze der ersten Aus⸗ gabe sind, eine Fülle neuer Anregungen darin finden werden. Unsere jüngere Genergtion aber soll sich an dem, an Kämpfen so reichen und dabei doch immer von froher Siegeszuversicht beseelten Leben des„Alten“ ein nach⸗ ahmenswertes Beispiel nehmen. Die Broschüre kostet 1.50 Mk.; für Vereine ꝛc. ist eine billigere Ausgabe für 60 Pfg. zu haben. Der Führer durch das Invalidenver⸗ sicherungs⸗Gesetz ist im Verlage des Vorwärts in neuer Auflage erschienen. Es ist nicht jedem Arbeiter möglich, sich die teuren und vielkach schwer verständlichen Texte der Gesetze zugänglich zu machen. Und doch ist es für jeden Arbeiter und für jede Arbeiterin, die dieser Versicherungspflicht unterstellt sind, notwendig, sich mit dem wesentlichen Inhalt des Gesetzes vertraut zu machen, Da nehme man dann den Führer zur Hand, der in übersichtlicher Weise und leicht verständlicher Form den Inhalt des Gesetzes erläutert. Beigegebene Muster zu Anträgen und Beschwerden erleichtern jedem Versicherten den Verkehr mit den zuständigen Behörden. Der Preis des Führers ist 30 Pfg. Er ist in jeder Parteibuch⸗ handlung und auch in der Expedition der Mitteldeutschen Sonntags⸗Ztg. zu haben. Bereits früher erschienen sind: Führer durch Gewerbe⸗ Forstwirtschaft a 25 Pfg., Unfallvers., Bauunfallvers., Unfallvers. f. d. Land⸗ und Krankenvers., Landgemeinde⸗ ordnung, Vereins⸗ und Versammlungsrecht f. d. Militär⸗ pflichtigen A 30 Pfg., d. d. Strasprozeßordnung A740 Pfg. Geschichtskalender. 20. Mai. 1820 Student Karl Ludwig Sand, der Kotzebue als russischen Spion erdolchte, in Mannheim 1799 Balzac, ber. franz. Romanschrift⸗ hingerichtet. steller, k. 1631 Tilly zerstört Magdeburg. 21. 1882 Eröffnung der Gotthardbahn. Kolumbus, T. 1471 Albrecht Dürer,“. 22. 1898 Gruben-Unglück auf Zeche Zollern⸗ Dortmund, 45 Tote. 1879 Klaas Reinders, 1872 Kongreß der„Eisenacher“ (der Richtung Bebel⸗Liebknecht in der damaligen soz. Reichstagsabg., 5. Arbeiterpartei) in Gotha. 23. 1905 Kalajew, der den Großfürsten Sergius tötete, gehängt. 1498 Savonarola zu Florenz verbrannt. 24. 1897 Prozeß Tausch in Berlin. Erstes Sozlalistengesetz abgelehnt. 25. 1871 Ende der Kommune in Paris; Er⸗ schießung der Geiseln; Tod des Kriegsministers Delescluze. 26. 1904 Marinekadett Hössener zu 4 Jahre Ge⸗ (Später wurde wegen Erstechens eines Einjährigen die verhängte Strafe auf 2 Jahre 1 etzt.) 1875 Einigung der beiden soz. Parteien, fängnis verurteilt. Eisenacher“ und Lassalleaner, in Gotha. — — — Dr rr—— Neu eröslnet! Gegen bar! 5 Manufaktur-Waren f Kleiderstoffe Blusenstolfe Weisswaren Bettzeuge Leinen Handtuchstoffe Gardinen Vitrages Borden Tischdecken Steppdecken Schlafdecken Federbetten Kopfkissen etc. etc. etc. Kleinste Anzahlung 0 gequeme Teilzahlung Se e ee ee J. 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