2 „ N ö Nr. g 335 55 Gießen, den 19. August 1906. Mitteldeutsche Sonntags⸗Ztitun 13. Jahrgang Nedaktionsschluß: Dannerstag Nachmittag 4 Uh 19 RNedaktion: Mirchenplatz 11. Schloßgasse. in ge, Abonnementspreis: Bestellungen Juserate 7 85 Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. * Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng 5 Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung — die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(PB.⸗Z.⸗K. 5107) 33/% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt .——ç— a F N — Der Kolonialsumpf nimmt immer mehr an Umfang und Tiefe zu, höchst übelriechende Düfte steigen von ihm in die Höhe und zahlreiche emporsteigende Blasen lassen erkennen, daß noch mancher Unrat ver⸗ borgen liegt, der noch nicht ans Tageslicht kam. Soviel steht fest, daß die bisher bekannt gewordenen Dinge sich getrost neben allem sehen lassen können, was in dieser Beziehung inner⸗ halb und außerhalb Deutschlands geleistet worden ist. Die Korruption geht selbst den gestnnungstüchtigen Blättern, die sonst alles zu beschönigen und zu vertuschen bereit sind und jede Kritik als Ausfluß gehässiger Nörgelsucht und vaterlandsloser Gesinnung verurteilten, zu dadurch, daß über einzelne Vertragsbestim⸗ mungen zu ihren Gunsten hinweggesehen wird. Zum Beispiel war vorgesehen, daß die Firma die Waren im eigenen Betriebe herstellen sollte. Tippelskirch handelte ste aber von anderen Firmen ein und verschacherte sie dem Reiche mit ungeheurem Gewinne. Er „verdiente“ 50, 80, sogar 100 Prozent dabei! So kaufte er Zehnspännergeschirre mit 900 Mk. ein und verkaufte sie dem Reiche mit 2000 Mk.! Dabei kam's vor, daß viele der unerhört teuren Waren aus dem Tippelskirchschen Geschäft in Afrika gar nicht verwandt wurden; in Berlin verkaufte ein Sattler nagelneue, amtlich ge⸗ stempelte, für Südafrika bestimmte Geschirre, die er zu Spottpreisen bei Versteigerungen ge⸗ kauft hatte! Kein Wunder, daß die Firma stedelt, so bringt er nicht bloß seine Waren, seine Maschinen, seine technischen und organisa⸗ torischen Fähigkeiten. sondern auch seine Auf⸗ fassung von der Aufgabe des Staates und seine Gesetzbücher mit. Die Aufgabe des Staates aber ist nicht nur, die Rechtsordnung zu schützen, sondern auch sie zu verändern. Er hat seine Interessen gegen⸗ über andern Staatsgebilden wahrzunehmen, er hat schließlich auch durch Ausführung öffent⸗ licher Arbeiten und Leistung öffentlicher Dienste allgemeine Bedürfnisse zu befriedigen. Die Funktion der Gesellschaft ist die durch menschliches Zusammenwirken ermöglichte Be⸗ friedigung geistiger und materieller Bedürfnisse: die Wirkschaft. Die Funktion des Staates ist die Politik. Als selbständiger Wirtschafts⸗ weit. So war im Gieß. Anz. zu lesen: 855 f 1 5 5 13 5 lich etwa zwei Millionen Ueber- körper übt also der Staat auch direkt gesell⸗ „., Wir haben schwere Opfer für 98 0 einheimste, wie ihr im Reichstage] schaftliche Funktionen. Politik treiben unsere Kolonien zu bringen und ungezühlte 108 1 75.. 5 heißt auf die Tätigkeit der Staaten(oder ihrer Millionen sind in den letzten Jahren bewilligt worden. Wenn ein Teil dieser ungezählten Millionen dem Reich abgeschwindelt wurde, dann wird man es dem Parlament nicht verdenken können, wenn es die alleräußerste Vorsicht übt. Wir wissen nicht, wie die Affäre Tippelskirch endigt, wir wissen gicht, was die Disziplinaruntersuchung gegen Herrn v. Putt⸗ kamer über dessen Verhältnis zu den großen Terraingesellschaften ergeben wird, wir wissen nicht ob und wie das Reich bei den Verträgen mit der Wörmannlinie übers Ohr gehauen wurde, aber Treu und Glauben wurden so sehr erschüttert, daß man jeden Heller zweimal um⸗ kehren wird, ehe man ihn ausgibt. Mit großen Opfern treiben wir Kolonial⸗ politik und es sind der Leute nicht wenige, die diese ganze Kolontalpolitik für verfehlt und für ewig aussichtslos halten. Kommt nun doch dazu, daß das Reich trotz dieser bedauerlichen Sachlage unerhört be⸗ stohlen worden ist— wird sich da die Zahl der Kolonialgegner nicht ganz bedeutend steigern? Man wird mit Mißtrauen dem Kolonial- amt gegenüberstehen und dieser Zustand wird als weitere Folge die haben, daß man mit den Mitteln für die Kolonialpolitik noch wesentlich sparsamer umgehen wird als bisher.“ Und weiter ist von dem Augiasstall die Rede, der mit eisernem Besen ausgefegt werden müsse.— Wenn sich ein natlonalliberales Amts⸗ blatt zu einer derartigen Sprache aufschwingt, muß es gewiß schon sehr schlimm sein. Und das ist's in der Tat. Es ist unmöglich, hier die Einzelheiten der Skandalaffaire aufzuzählen. Doch müssen sich unsere Leser wenigstens das Wichtigste davon merken und sich daran erinnern, wenn demnächst wieder oder bei der nächsten Reichstagswahl die nationalliberalen, konservativen, stöckerischen ꝛc. Agitatoren versuchen, mit„nationalem“ Phrasen⸗ schwall das Volk für Kolonialpolitik und die größere Flotte einzuseifen. Eine einzige Firma, Tippelskirch u. Co. in Berlin sichert sich durch langfristige Verträge auf viele Jahre hinaus die Lieferungen von Kleidern und Lederzeug für die Kolontaltruppen und verdient Millionen dabei. Sie erhöht ihre Verdienste noch dadurch, daß sie den bei der Lieferungsvergebung und Abnahme hauptbe⸗ teiligten Offtzier, den Major Fischer mit großen Geldsummen besticht. Sie erreicht Wie eine solche Gaunerwirtschaft bei unserer vielgerühmten gewissenhaften Verwaltung jahre⸗ lang möglich war, ist kast unbegreiflich. Viel⸗ leicht setzten die Beamten in die Reellität der Firma größeres Vertrauen, weil sie wußten, daß der preußische Landwirtschaftsminister Podbielski Teilhaber ist! Nicht direkt zwar, sondern„seine Frau“ besitzt die nicht unbedeutenden Geschäftsanteile. Nach alledem haben wir nicht das Recht, höhnisch auf das„Panama“ in Frankreich hin⸗ zuweisen. Die Sozialdemokraten haben von An⸗ fang an die Kolonial- und Flottenpolitik grund⸗ sätzlich bekämpft. Site haben auch darauf hingewiesen, daß nur einzelne Großkapt⸗ talisten daran ein Interesse haben, die Wör⸗ mann, Krupp c., die ihr Geschäft ebensogut verstehen wie Tippelskirch. Die bürgerlichen Parteien haben es zu verantworten, daß dem deutschen Volke fasttausend Millionen Mk. für die unsinnige Kolonialpolitik abgenommen und zwecklos verpulvert wurden. Das arbei⸗ tende Volk darbt und entbehrt, während aus seinen Steuergroschen einzelne Unternehmer Mil- lionen aufhäufen! Mit dieser„Ordnung“ gründlich aufzuräumen, muß die Wählerschaft für ihre Aufgabe und Pflicht halten. Grundbegriffe der Politik). (Fortsetzung.) IV Wirtschaft und Politik.— Partei und Interessenverband.(Gewerkschaft.) Wenn wir Staat und Gesellschaft von ein⸗ ander begrifflich unte scheiden gelernt haben, so sind wir uns dabei doch dessen bewußt geblieben, wie eng beide miteinander zusammenhängen. Der Staat ist der Hüter und Zwangsvollstrecker jener Rechtsordnung, welcher eine bestehende Gesellschaftsordnung zu ihrer Erhaltung bedarf. Der Kapitalismus braucht zu seinem Gedeihen nicht bloß die natürlichen Hilfskräfte der Erde, nicht bloß gewisse Methoden der Technik und tüchtige Arbeiter, sondern auch den Staat und die von ihm geschützte Rechtsordnung. Wenn er aus seiner Heimat in fremde Länder über⸗ ) Siehe den betr. Artikel in Nr. 28, 29, 30, 31 und 32 der M. S. ⸗Ztg. untergeordneten Teile: Provinzen, Gemeinden) Einfluß üben, oder doch wenigstens eine solche Einflußnahme zu versuchen und vorzubereiten. Es ergiebt sich also auch hier wieder, daß der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Politsk sehr enge ist. Sofern der Staat selbst Wirtschaft treibt, ist dieser Zusammenhang un⸗ mittelbar gegeben. Er ist auch mittelbar vor⸗ handen, wo der Staat seine Interessen nach außen wahrnimmt, oder wo er seine Rechts⸗ ordnung durch Rechtspflege und Verwaltung aufrecht erhält oder auf dem Wege der Gesetz⸗ gebung verändert. Politik ohne Wirtschaft ist Form ohne Juhalt, Wirtschaft ohne Politik ist Stoff ohne Form. Sobald die menschliche Wirtschaft zu einer gewissen Stufe emporgediehen ist, ist ste nicht denkbar ohne Politik, die selbst erst wieder mit dem Staate verschwinden kann. Eine Anzahl Menschen, die sich zusammen⸗ findet um gemeinsam in gleichem Sinne die staatliche Tätigkeit zu beeinflussen, um Politik zu treiben, bildet eine Partei. Durch die Verbindung der Menschen behufs Wahrung ihres gemeinsamen wirtschaftlichen Vorteils gegen andere entgegengesetzten Interessen entsteht ein Interessenverband. Der Interessenverband der Arbeiter ist die Gewerkschaft; sie verteidigt die Lebenshaltung der Arbeiter gegen die entgegengesetzten wirt⸗ schaftlichen Interessen der Kapitalisten. Die Partei des Proletartats ist die Sozialdemokratie; ste sucht die Tätigkeit des Staates dahin zu beeinflussen, daß der geistigen und materiellen Bedürfnisbefriedigung der Proletarier ein freierer Spielraum geschaffen wird; sie sucht schließlich durch Beseitigung der bestehenden Rechtsordnung der kapitalistischen Oesellschaft die Bedingung ihrer Existenz zu entziehen und die eroberte Staatsgewalt zur Organistierung einer neuen Gesellschaftsordnug zu benützen. So gehört die Partei zur Gewerkschaft, wie der Staat zur Gesellschaft, wie zur Wirtschaft die Politik. Jeder Interessenverband ist im Kampf um seine wirtschaftlichen Ziele in die Grenzen der gel⸗ tenden Rechtsordnung verwiesen, die ihm günstig oder ungünstig sein lann. Er kann diese Rechts⸗ ordnung aber weder erhalten, noch ändern, so⸗ lange er auf dem Gebiet der Wirtschaft bleibt: er muß vielmehr auf das Gebiet der Politik übertreten, sich zur Partei wandeln, um dieses zu bewirken. Ein Interessenverband, der es ere 8 1 e Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 33. unterließe, seine Tätigkeit in irgend einer Form auf politischem Gebiete fortzusetzen, würde sich damit selbst zum ständigen Mißerfolge verur⸗ teilen, weil seine Gegner, schlauer als er, seinem wirtschaftlichen Bemühen unübersteigbare Schranken der Rechtsordnung entgegenstellen würden. Es gibt Interessenverbände, die sich in der politischen Fortsetzung ihrer Tätigkeit nicht ausschließlich auf eine bestimmte Partei stützen wollen. Zu ihnen gehören der Bund der Landwirte und die verschiedenen industriellen Unternehmerverbände; von ihnen zu sagen, daß sie„keine Parteipolitik“ treiben, ist nur in dem Sinne richtig, daß sie die Vertretung ihrer politischen Interessen nicht einer einzelnen Partei anvertrauen. Ihr Streben geht dahin, altüber⸗ kommene Parteigebilde zu einer Grundbesitzer⸗ oder Unternehmerpartei zusammenzuschweißen. In diesem Sinne treiben auch sie„Parteipolitik.“ Als Vertreter e Klasse haben sie ja auch Aussicht, bei mehr als einer bürgerlichen Partei Unterstützung zu finden. Dagegen vertritt die Arbeitergewerkschaft die wirtschaftlichen Interessen der ausgebeuteten und unterdrückten Klasse. Die bestehende Rechts⸗ ordnung, auf deren Boden sie ihre Tätigkeit zu entfalten gezwungen ist, ist auf die Interessen ihrer wirtschaftlichen Gegner zugeschnitten. Als Gewerkschaft vermag sie nichts zu jener ein⸗ schneidenden Aenderung der Rechtsordnung bei⸗ zutragen, deren ste bedarf, um ihren Kampf mit steigendem Erfolge weiter fortzuführen. Aber ein einziger Akt der Gesetzgebung kann schwebende Fragen zu ihren Gunsten lösen, um deren Entscheidung jahrzehntelang in opfervollem Kampfe gerungen worden ist. Auf der anderen Seite ist ihren Gegnern selbst jenes Maß der Freiheit zu groß, das ihnen von der bestehenden Rechtsordnung zugeteilt ist; gegen die Versuche, es zu beschränken, ist Verteidigung wieder nur auf politischem Boden möglich. Solcher Angriff und solche Verteidigung im Interesse des wirt⸗ schaftlichen Kampfes der Arbeiter kann aber nur von einer Partei erfolgreich geübt werden, die das Gesamtinteresse des Proletariats mit zielbewußter Energie vertritt. Der Klassenkampf des Proletariats kann also nur geführt werden durch Gewerkschaft und Partei, durch die ständige Wechselwirkung wirtschaftlicher und politischer Kämpfe. Das Verhältnis beider Zweige der Arbeiterbewegung kann nur immer enger werden, je mehr sich der Klassenkampf seinem Ziele nähert, die Wirt⸗ schaft völlig der proletarischen Politik zu unterwerfen. In allen Entschei⸗ dungsschlachten müssen sich Partei und Gewerkschaft zusammenfinden. Beider Aufgaben enden nur mit dem Ende der kapitalistischen Wirtschaft, der Aufhebung der Klassenunterschiede, beider Interesse ist es, ihre Funktion restlos zu erfüllen und das Endziel der gesamten proletarischen Bewegung zu er⸗ reichen. So notwendig, auch oh ne polizeiliche Bevormundung, die Arbeitsteklung zwischen beiden ist, so notwendig ist, auch trotz polizei⸗ licher Bevormundung, das ständige Aneinander⸗ anpassen und die schließliche Ar beitsver⸗ einigung beider. Der Weg der Gewerkschaft geht also nicht immer weiter von der Partei weg, sondern immer näher zur Partei hin. Eine Gewerkschaft kann nicht„neutral“ sein in dem Sinne, daß sie sich zu allen Fragen der Politik gleichgiltig verhielte; denn das hieße für sie sich zu ihren eigenen Existenz⸗ bedingungen neutral verhalten. Sie kann auch nicht den verschiedenen politischen Parteien gegenüber neutral sein; denn sie kann die Parteien, die ihr die Erfüllung ihrer Auf⸗ gaben erschweren, nicht gleichstellen mit anderen Parteien, die ihr ihre Tätigkeit erleichtern. Sie, die für die Gleichberechtigung der Arbeiterschaft und des Unternehmertums im Fabrikbetriebe kämpft, die den Arbeitnehmer lehrt, als Gleich⸗ berechtigten und sich gleich Fühlenden mit dem Arbeitgeber zu verhandeln, kann nicht gleiches Wohlwollen hegen für Parteien, die auf poli⸗ tischem Gebiete den Grundsatz der Gleichheit vertreten, und andere Parteien die das alte Prinzip der Untertänigkeit in irgend einer Form zu erhalten oder durchzuführen suchen. Da⸗ rum muß es immer die Aufgabe der Gewerk⸗ schaften sein, ihre Mitglieder die politischen Freunde und die politischen Gegner der Arbeiter⸗ gewerkschaften kennen zu lernen. Der Begriff der politischen Neutralität, auf die gewerkschaftliche Tätigkeit angewendet, kann also nur so verstanden werden, daß die Gewerk⸗ schaft erstens die Grenzen, die ihr durch die notwendige Arbeitsteilung zwischen ihr und der Partei gesetzt sind, respektiert, und daß ste zweitens die Aufnahme von Mitgliedern nicht abhängig macht von deren politischem Bekenntnis. Denn die Pflichten des Gewerkschafters sind andere als die des Parteimannes. Der Ge⸗ werkschafter verpflichtet sich zu einem bestimmten Handeln, das im nächstliegenden Interesse der Arbeiter notwendig ist, und kann zu diesem wirtschaftlichen Handeln auch durch eine gewisse wirtschaftliche Pression angehalten werden. Pflicht des Parteimannes dagegen ist es, poli⸗ tische Ueberzeugungen zu vertreten und zu propa⸗ gieren, und zur Erfüllung dieser Pflicht kann ihn nur freiester Entschluß, nicht wirtschaftlicher Zwang bestimmen. Die Gewerkschaft kann und muß tolerant sein gegenüber abweichenden poli⸗ tischen Ueberzeugungen ihrer Mitglieder— in diesem Sinne übt ste Neutralität, denn ste kann Ueberzeugung nur wieder mit Ueberzeugung, nicht aber mit den Mitteln gewerkschaftlicher Disziplin bekämpfen— ste kann aber nicht tolerant sein gegenüber Handlungen, die ihre wirt⸗ schaftlichen Absichten durchkreuzen. Nicht der „Christliche“, nicht der„Freistunige“, sondern der Disziplin⸗ und Streikbrecher ist ihr Feind. Politische NRundschau. Gießen, den 16. August 1906. Hungersnotpreise. Fortwährend befinden sich die Preise der notwendigen Lebensmittel im Steigen. Besonders die Fleischpreise sind für wentger Bemittelte fast unerschwinglich geworden; sie verzeichnen im Monat Juli eine weitere Steigerung. Nach der„Statist. Korresp.“ stellten sich die Preise pro Kilogramm in Pfennigen: Rind⸗ Rind⸗ Schweine- Kalb⸗Hammel⸗ fleisch fleisch fleisch fleisch fleisch Speck 1. Sorte 2. Sorte Juli 1906 1, ee s i e ,,,. Juli 1905 150 12 15, 152 150 170 Es ist danach nur bei Speck ein Rückgang um 1 Pfennig gegen den Juni eingetreten, während auch Speck gegen das Vorjahr noch um 13 Pfennig gestiegen ist. Alle Fleischsorten zeigen eine Zunahme, die bei Schweinefleisch 5 Pfennig gegen den Vormonat ausmacht. Selbst Hammelfleisch ist wieder gestiegen. Trotz⸗ dem werden gewisse Kreise fortfahren, die Fleisch⸗ not zu bestreiten und das baldige Ende der Teuerung zu prophezeien. Neue Massenmord⸗Instrumente. Ein neues Schnellfeuergeschütz ge⸗ langt bei der deutschen Marine zur Einfüh⸗ rung. Die bisher auf den kleinen Kreuzern als Anti⸗Torpedowaffe und auch zur arttlle⸗ ristischen Armierung der Torpedoboote benutzte 5 Zentimeter⸗Schnellfeuerkanone von 40 Kalibern Rohrlänge wird in Zukunft durch die 5,2 Zenti⸗ meter⸗Schnellfeuerkanone von 55 Kalibern Rohr⸗ länge ersetzt werden. Auch das viel benutzte 3,7 Zentimeter⸗Maschinengeschütz kommt mehr und mehr in Wegfall. Es wird gerühmt, die Tragfähigkeit des neuen Geschützes sei erheblich größer und die Zielstcherheit wesentlich besser. Selbstverständlich verursacht die Einführung der neuen Kanone wieder ungeheure Kosten. Und bald wird eine noch bessere aufkommen und 11075 Millionen kosten, die dem Volke abgepreßt werden. Die reiche Kauonenkönigin und hohe Herren. Das„Bochumer Volksblatt“ erzählte dieser Tage folgende Begebenheit: Vor einigen Tagen kam die Frau Krupp hei Gelegenheit eines Besuches der Kolonie Altenhof in das Häuschen eines Penstonärs. Es entspann sich dann zwischen der Frau Krupp und der Frau des Penstonärs, nachdem man über das Wetter geplaudert hatte, nachfolgendes Zwiegespräch: Pensionärsfrau: Frau Krupp, was sind Sie aber doch reich! Frau Krupp: Denken Sie, es wäre denn so gewaltig, wie man annimmt? Penstonärsfrau: O ja, Sie haben doch soviel Einkünfte. Frau Krupp: Liebe Frau, der beste Brunnen läßt sich ausschöpfen, wenn hohe Herren kommen und schöpfen. Was mögen das für hohe Herren sein, die diesen gutgefüllten Brunnen ausschöpfen können? Wie Staatsgelder verpulvert werden. Für die Entsendung eines Kammerjägers nach Samoa hat Gouverneur Dr. Solf einen Reichszuschuß von nicht weniger als 12 000 Mk. bewilligt. Wie das Berl. Tagebl. jetzt behauptet, ist der nach der fernen Kolonie für eine außer⸗ ordentlich hohe Summe entsandte„Experte zum Studium der Rattenplage“ ein Berliner, ein Herr Rittershofer, der in der Reichshauptstadt ein chemisches Laboratorium und eine Kammer⸗ jägerei unterhält. Also ausgerechnet von Berlin aus mußte man sich einen„Experten“ für Rattenvernichtung kommen lassen! Sollte es, so fragt das Blatt mit Recht, nicht möglich gewesen sein, aus Sidney oder Adelaide(Austra⸗ lien), wo doch auch eine Rattenplage besteht und zweifelsohne erfahrene Kammerjäger vor⸗ handen sein werden, eine geeignete Persönlichkeit herbeizuholen? Wahlrechtsraub⸗Pläue. Im Verlage der Gehestiftung in Dresden ist eine Flugschrift von Petermann erschienen, die an Stelle des allgemeinen Wahlrechts ein „berufsständisches“ setzen will, wie es von den Konservativen und den Stöckerleuten ver⸗ langt wird. Dieses berufsständische Wahlrecht würde dann natürlich so ausgestaltet werden, daß die Masse der Lohnarbeiter in eine Minori⸗ lätsgruppe zusammengepreßt und den„besitzenden und gebildeten Ständen“, vornehmlich den Junkern, auf ewig die Herrschaft über den Staat gesichert würde. Die Schrift des Herrn Petermann wird daher auch bereits im„Tag“ von dem konservativen Junker Dietrich v. Oertzen sehr sympathisch besprochen. Herr v. Oertzen ist kein Unmensch; er will gnädigst noch die Reichstagswahlen von 1908 abwarten. Sollten die Kerls bis dahin Räson annehmen und statt der roten Umstürzler lauter ostelbische Ritter⸗ gutsbesitzer wählen, so soll dem Reichstags⸗ wahlrecht noch Pardon gegeben und alles ver⸗ ziehen und vergessen sein. Wenn aber die Sozialdemokratie weiter zunimmt bis zu einem Punkt, daß keine Regierung länger mit dem von ihr beherrschten Reichstag regieren kann, dann muß eben das Vaterland gegen die Partei gerettet und die Verfassung geändert werden. Wie die Verfassung nach den Wünschen des Herrn Dietrich v. Oertzen geändert werden kann, wenn nicht er, sondern die Sozialdemo⸗ kratie den Reichstag beherrscht, verrät er leider nicht; man muß sich an Herrn v. Oldenburgs Rede über„Krummstock und Säbel“ ertunern, um die Lösung des Rätsels zu finden. Herr Oertzen fordert ganz einfach zum gewalt⸗ samen Umsturz auf, und weun er diese Aufforderung im gegebenen Augenblick wieder⸗ holt, so wird man ihn dafür, streng nach dem Gesetz verfahrend, ins Zuchthaus stecken müssen. — Im Uebrigen wird schon die Soztaldemo⸗ kratie dafür sorgen, daß die Bäume der Wahl⸗ rechtsräuber nicht in den Himmel wachsen. Die klagenden Reichsverbändler. Der berühmte Sozialtstenvernichtungsver⸗ band hat den Redakteur und Verleger des sozialdemokratischen Norddeutschen Volksblattes in Bant wegen Beleidigung verklagt. Diese finden die Reichsverbändler in einem Artikel des genannten Blattes, in dem u. a. gesagt war, daß der Reichsverband nicht daran denke, sachlich gegen die Sozialdemokratie zu kämpfen, sondern sie hinterrücks mit den gemeinsten Mitteln überfalle. Der Beweis für diese Be⸗ doch beste wenn fen.“ , die nnen? rden. gers einen 00 M. auptet, dußer⸗ te zum er, ein plstadt immer⸗ 5 2 ür lte es, Höglich ustt⸗ besteht 1 bor lichkett dresden chienen, 8 ein es bon n be- teck verde, uno ⸗ enden 9 den er den — 1 — 104 —————— ——— 1 haupfung ist bereits durch die Veröffentlichung des Reichsverbandsmaterials im„Vorwärts“ Nr. 33. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. erbracht worden; der Reichsverband erbringt jetzt durch seine Klage denselben Beweis zum zweiten Male. Es ist bisher nicht Sitte ge⸗ wesen, daß sich politische Parteien oder Korpo⸗ rationen gegenseitig vor Gericht verklagten. Sie kämpften ihren Kampf mit der Feder oder in Versammlungen aus. Der Reichsverband führt jetzt eine andere Praxis ein. Er selbst bewirft aus sicherem Versteck heraus durch Uebersendung seiner Korrespondenz an willfährige bürgerliche Blätter die Sozialdemokratie fort⸗ während mit gemeinstem Schmutz. Packt man ihn aber dafür an den Ohren und verabreicht ihm die wohlverdiente Zurechtweisung, dann läuft er zum Kadi und klagt wegen Beleidigung. In der Tat eine Kampfesweise, mit der sich der Reichsverband mitsamt den ihm dienstbaren Blättern außerhalb der Grenzen der journa⸗ listischen Konvention und des literarischen An⸗ standes stellt! Aus dem Breslauer Aufruhrprozeß, dem man überall mit Spannung entgegensah, scheint nichts zu werden. Nachdem vor einiger Zeit die Voruntersuchung ihren Abschluß ge⸗ funden, ist nun gegen die ermittelten„Täter“ die Anklage erhoben worden. Von zirka 125 Personen, gegen die die Voruntersuchung eingeleitet wurde, sind 65 außer Verfolgung gesetzt worden. Etwa 55 Angeklagte werden sich nacheinander gegen Ende August vor der Ferienstrafkammer wegen Gewerbevergehen (§ 153) usw. zu verantworten haben. Vor das Schwurgericht kommt nur ein einziger An⸗ geklagter, und zwar der„Kaiserdepu⸗ fierte“ Vorschmied Hirsch, der seinerzeit auf dem Oberschlesischen Bahnhofe in Breslau die Kalserrede von der gestcherten Existenz der Ar⸗ beiter mit anhörte. Eine große Anzahl von Personen, die lange Wochen die Qualen der Untersuchungshaft über sich ergehen lassen mußten, kommen also nicht einmal unter An⸗ klage, und— wie viele der Angeklagten werden freigesprochen werden müssen! Und während alle diese Opfer der Polizeitaten seit April hinter Kerkermauern schmachten mußten, durften die wahren Uebeltäter, d. h. die Breslauer Polizeimannschaften, sich nicht nur der goldenen Freiheit erfreuen, sondern wurden ob ihrer 1 ihrem höchsten Vorgesetzten feierlich elobt! Kosakentat eines Polizisten. Aus Köln wird ein unerhörtes Vorkommnis berichtet. Dort wurde am Montag(6. Aug.) der Taglöhner Heinrich Berndt, ein allgemein geachteter Mann, von einem Polizisten er⸗ schossen. Die Frau des Erschossenen, eines etwa vierzig Jahre alten Mannes und Vaters von neun Kindern, macht über den Vorfall folgende Angaben: „Wir waren von einer Versammlung des Krieger⸗ vereins heimgekehrt und im Begriff, zu Bett zu gehen. Da hörte mein Mann draußen singen und er sah, wie zwei Schutzleute mit gezogenem Säbel hinter zwei jungen Leuten feldeinwärts liefen. Aus Neu⸗ gier begaben wir uns auf die Straße. Dort schlugen die inzwischen zurückgekehrten Schutzleute ohne jede Veranlassung auf meinen Mann ein. Den ersten Schlag erhielt er mit einem Revolver gegen die Stirne. Trotz seiner flehenden Bitten schlugen die Schutzleute dann auf meinen Mann, mich und unsere beiden 14 bis 15 jährigen Söhne. Der Schutzmann Weis schoß jetzt zwei Revolverkugeln auf meinen Mann ab. Dieser schrie: Ich bin getroffen, ich sterbe! Aber der Schutzmann ließ nicht von ihm los, sondern kniete sich auf ihn und schoß ihm eine dritte Kugel in den Leib. Eine Kugel sitzt über den Schamteilen, eine unterhalb der Brust und eine dritte streifte das Nasenbein und versengte das Gesicht. Ferner hat die Leiche schwere Hieb⸗ und Stichwunden und blutunter⸗ laufene Striemen. Mein Mann ist in der ganzen Bürgerschaft als ehrenhaft und charaktervoll bekannt. Der Schutzmann warf nach der Tat den Revolver weg und suchte das Weite. Auf meinen Hilferuf erschienen erst Leute, die meinem Manne beistanden. Die beiden Schutzleute kümmerten sich nicht um ihr Opfer.“ Die Darstellung der unglücklichen Frau wird durch sämtliche Begleitumstände und durch den allen Teilen bestätigt. Die Frau selber hat bei der Affäre einen Säbelhieb über die Hand erhalten. Die Polizei erklärt demgegenüber, Berndt habe die Poltzisten tätlich angegriffen, so daß in dem Handgemenge zwischen Berndt und dem Schutzmann Weis infolge des Hin⸗ und Herziehens des Revolvers drei Schüsse hintereinander losgegangen seien. Einen Tag vorher noch hatte die Polizei erklärt, nur ein Schuß sei zufällig losgegangen. Das konnte sie natürlich nicht aufrechterhalten. Aber auch die jetzige Behauptung ist nicht nur durchaus unwahrscheinlich, sondern widerspricht auch den Aussagen der Frau. Ein kurioser Revolver, der dreimal nacheinander selbst losgeht. Die weitere Untersuchung wird von der Staatsan⸗ waltschaft geführt. Der sächsischen Klassenjustiz hat die Leipziger Volkszeitung, wohl das meist verfolgte sozialdemokratische Blatt, wieder ein Opfer bringen müssen. Ihr Re⸗ dakteur, Genosse Seeger, wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Warum? Er hatte in seinem Blatte ein Urteil des Land⸗ gerichts in Insterburg als Klassenjustiz bezeichnet, was die Leipziger Richter als schwere Beleidigung ihrer Insterburger Kollegen ansahen und ihn wie angegeben bestraften.— Ueber unser Leipziger Parteiblatt wurden in diesem Jahre bereits 3¼ Jahre Gefängnis verhängt. Gutes Zeugnis für sozialdemokratische Abgeordnete. Ueber die Tätigkeit der Sozialdemokraten sagt ein bayrisches Zentrumsblatt: „Am besten organistert zeigten sich auch bei dieser Gelegenheit, wie überhaupt im ganzen Jahr, die Herren Genossen auf der äußersten Linken. Bei ihnen herrscht stramme Arbeits⸗ teilung, da wird vorher genau geregelt, wer spricht und worüber... Beim Zentrum da⸗ gegen... herrscht volle Anarchie. Wo jeder⸗ mann seitens einer großen Partei eine groß⸗ zügige Rede erwartet, erhebt sich eine meter⸗ buckelbreite Persönlichkeit und fragt, ob an irgend einer Schiene seiner Lokalbahn nicht ein Nagel verkehrt eingeschlagen set und glaubt damit das Vaterland gerettet zu haben.“ Das heißt also zu deutsch: Die Sozial⸗ demokraten wissen, was sie wollen, das Zentrum dagegen als Partei, die augeblich allen recht tun und nirgends anstoßen will, treibt Kirch⸗ tumspolitik und vertrödelt dabei die kostbare Zeit im Parlament. Ein bemerkenswertes Eingeständnis! Männerstolz vor Königsthronen! Vor einigen Tagen hat Wilhelm II. die Familie Krupp in Essen besucht. Von diesem Besuch erzählt die„Rheinisch⸗westfälische Ztg.“ folgende amüsante Geschichte: „... Der Kaiser unterhält sich einige Augenblicke mit Frau Krupp und wendet sich dann an Fräulein Berta und Barbara Krupp mit den Worten:„Also das sind die beiden Verlobten!“ Dann begrüßt er die Herren v. Bohlen⸗Halbach und v. Wilmowski. Nachdem er einige Worte mit diesen gewechselt hat, winkt Frau Krupp ins Gebüsch hinein, und von dort tritt Oberbürgermeister Holle vor, und Frau Krupp stellt ihn dem Kaiser als den neuen Obercbürger⸗ meister von Essen vor. Der Kaiser drückt ihm die Hand, beglückwünscht ihn zu seiner Wahl zum Ober⸗ bürgermeister von Essen.“ Der Oberbürgermeister im Busch, ein reizendes Bild! Kleine politische Nachrichten. Die Ersatzwahl in Döbeln-Roßwein ist auf den 22, Oktober festgesetzt. Revolution in Rußland. Genosse Parvus nach Sibirien verschickt! Um seine Kräfte der Befreiung seines rus⸗ sischen Volkes zu widmen, war auch Gen. Par vus nach Rußland geeilt. Er ist eine Beute der Zarenschergen geworden. Am Dienstag morgen erhlelt die Sächsische Arbeiter⸗Ztg. folgendes Befund der entsetzlich zugerichteten Leiche in Telegramm: Sende„dritte Ausgabe meiner„Gewerk⸗ schaften“ und„Hungerndes Rußland“ an % ee verschickt. Gruß Parvus. Kampffreudig und bereit, sich selbst und sein Leben zum Opfer zu bringen, stellte sich unser Genosse Parvus in die Reihen der Tapferen, denen der Kampf gegen das fluchbeladene Zaren⸗ tum, gegen die Schmach Europas, das auto⸗ kratische System des Mordens Lebensaufgabe wurde. Jetzt wurde er in den Kerker geworfen und soll in der stbirischen Eiswüste begraben werden. Hoffentlich gelingt es dem Tapferen, den zarischen Henkern zu entkommen. Revolutionäre Unruhen werden täglich aus dem ganzen Lande gemeldet. Die Unruhen greifen besonders nach den Agrar⸗ bezirken über. Die Bauern stürmen die Be⸗ sitzungen der Gutsbesitzer und brennen Häuser und Felder nieder. Auf einem Gute im Gou⸗ vernement Satalow wurden schreckliche Ver⸗ wüstungen angerichtet. Truppen wurden heran⸗ gezogen, um gegen die Aufständischen zu kämpfen. Dochfraternisierten sie mit den Bauern. Die Soldaten empörten stch und erschossen sieben Offiziere.— Aus dem Kaukasus hat die Regierung sehr bedenkliche Nachrichten erhalten, dort bereitet sich eine Erhebung der gesamten Bevölkerung des Kaukasus gegen die russische Herrschaft vor. Die Rebellion im Heere. Die Ma⸗ trosen der Schwarzemeerflotte haben sich in einem Schreiben an den Admiral Birilew gewendet, worin ste ersuchen, die Hinrich⸗ tungen ihrer Kameraden zu unterlassen. Wenn ihre Wünsche nicht erfüllt werden, drohen sie mit einer neuen Revolte. Aus Sebastopol wird gemeldet, daß die im Ausland weilenden Ma⸗ trosen des„Potemkin“ sich ebenfalls an den Admiral Birilew gewandt haben mit dem Er⸗ suchen, ihnen die Rückkehr nach Rußland zu erleichtern. Schreckliche Hungersnot herrscht im Gouvernement Samara. Die Bauern sterben in Massen dahin. Große Aufrufe zur Unter⸗ stützung der Notleidenden blieben ohne Erfolg. Die Mönche des Klosters Laura bewaffneten sich mit Revolvern, um die großen Reichtümer des Klosters zu schützen. 2 Die Berichte des Landeskomitees an die Landes konferenz. Das Landeskomitee erwähnt zunächst die Einrichtung des Parteisekretariats, das dem Genossen David übertragen wurde. Die Leitung der Landtagswahlen erforderte lebhafte Tätigkeit; irgend welche Klagen dar⸗ über liefen nicht ein. Der Beschluß der vor⸗ jährigen Landeskonferenz, für die Landtags⸗ wahlen ein Handbuch herauszugeben, wurde ausgeführt und hat das Buch der Agitation wesentliche Dienste geleistet. Die angeregten Protestversammlungen gegen die Fleischverteuerung wurden gehalten und waren überall gut besucht. Die Preßverhältnisse nahmen einen beträchtlichen Teil der Tätigkeit des Landes⸗ komitees in Anspruch. Der Bericht erwähnt dann die unsern Lesern bereits bekannten Ver⸗ handlungen der Gießener Genossen mit dem Landeskomitee, die auf Schaffung eines Tage⸗ blattes abzielen und ersucht die Konferenz um Zustimmung zu diesen Vorschlägen. Das Komitee beschäftigte sich dabei auch mit dem Wunsche der Darmstädter Genossen, ein eigenes Tageblatt herauszugeben. Man warnte vor übereilten Schritten und empfahl den Darm⸗ städter Genossen zunächst im Auschluß an die „Mainzer Volksztg.“ an die Herausgabe eines Kopfblattes zu denken. Die Verbreitung des Agitations⸗ Kalenders, der in 131566 Exemplaren her⸗ gestellt wurde, ging ziemlich glatt von statten, doch ließ sie stellenweise zu wünschen übrig. So sind dieselben im Kreise Alsfeld einfach liegen geblieben, trotzdem das Landes⸗Komitee für die Kosten der Verbreitung aufgekommen war. Im Laufe des Jahres bekam das Landes⸗ Komitee durch den Genossen Michels⸗Marburg 2 ä Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung Nr. 33. Kenntnis von Zerwürfnissen unter den Genossen des Kreises Alsfeld. Es beauftragte den Ge⸗ nossen Orb⸗Offenbach, die Verhältnisse dort an Ort und Stelle zu prüfen. Diese Prüfung ergab ganz unhaltbare Zustände und veranlaßte das Landes⸗Komitee, auf Aenderung zu dringen. Der Sekretär ist der Sache näher getreten und die Aenderung ist in die Wege geleitet. Nach Erwähnung der Darmstädter Nach⸗ wahl schließt der Bericht: Das abgelaufene Jahr war ein arbeitsretches und für die Landesorganisation, wie insbesondere durch die um 23,6 Prozent gestiegene Mitgliederzahl ge⸗ zeigt wird, ein recht erfolgreiches Jahr! Der Rechnungsabschluß balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 23 698 12, bei einem Kassenbestand von 747304 Mk. Für das Parteisekretariat wurden 3355 Mk. aufge⸗ wendet; die Landkalender kosteten 1862 Mark. Das Sekretariat. Aus dem Berichte des Parteisekretärs Ge⸗ 1 95 Dr. David sei folgendes hervorge⸗ oben: Nachdem zu Beginn des September 1905 das Parteisekretariat in's Leben getreten war, galt es zunächst, die Einrichtungsarbeiten zu erledigen. Dabet wurden, soweit es zweckmäßig erschien, die Einrichtungen des Parteisekretariats für Hessen⸗Nassau zum Vorbild genommen. Am 1. Oktober siedelte der Parteisekretär, gemäß dem Beschluß der Alzeyer Landeskonferenz, nach Offenbach a. M., Bahnhofstr. 39, über. Während der Monate Oktober und November konzentrierte sich die Tätigkeit des Sekretärs auf die Vorbereitung und Durchführung des Wahlkampfes zum hessischen Land⸗ tag. In 10 Wahlkreisen trat die Partei mit eigenen Wahlmännern und Kandidaten auf den Plan. In diesen Bezirken wurde im Auftrag der Landesorganisation ein umfassendes Flug⸗ blatt mit angefügtem Landtagsprogramm ver⸗ breitet und 29 Versammlungen mit den Refe⸗ renten David, Orb und Ulrich abgehalten. Weitere zahlreiche Versammlungen wurden von den Kandidaten und lokalen Kräften abgehalten. Es gelang, die beiden alten Bezirke: Isenburg⸗ Langen und Groß⸗Gerau mit glänzenden Mehr⸗ heiten zu behaupten. Der Berzirk Pfung⸗ stadt⸗Eberstadt wurde nen erobert. Der Bericht macht im Weiteren Mitteilungen über die Arbeiten des Sekretärs zur Erlangung einer Statistik über die Parteiorganisation. Er klagt darüber, daß die Fragebogen nicht mit ber wünschenswerten Pünktlichkeit einge⸗ gangen sind. Nach dem erhaltenen Matertal umfaßt die Gesamtorganisation 171 Ortsvereine mit 13772 Mitgliedern, das sind 20 Prozent der bei der Hauptwahl im Jahre 1903 abge⸗ gebenen sozlaldemokratischen Stimmen(1903: 68 834). Das ist für ein ganzes Land mit vielen rein landwirtschaftlichen Bezirken kein ungünstiges Berhältnis. Im Laufe der Berichtszeit wurden insgesamt 43 neue Organisationen gegründet, 6 davon entfallen auf den Kreis Gießen, 15 auf Fried⸗ berg. An Abonnenten der Parteipresse wurden 17473 ermittelt. In dieser Beziehung müsse es bedeutend besser werden. Die Genossen dürfen sich nicht verhehlen, daß Vereins mitglieder, die nicht eine vertiefende politische Bildung durch unsere Presse erhalten, keine zuverlässigen Mitkämpfer sein können. Es muß aller wärts mit aller Energie darauf hingearbeit werden, daß die nächstjährige Statistik dieses Mißver⸗ hältnis zwischen Mitgliederstand und Abonnenten⸗ stand nirgends mehr aufweist. Bei der Beteiligung an mehreren Kreis⸗ konferenzen hat der Sekretär die Ueberzeugung gewonnen, daß die innere Organisation der Kreise eine einheitlichere Struktur gewinnen müßte. Mit der Durchführung einer Bezirks⸗ einteilung sieht es in einigen Kreisen noch sehr mangelhaft aus und es herrschen weitgehende Verschiedenheiten in der Gestaltung der Bezirke wie in den Bestimmungen über die Aufgaben der Bezirksobmänner, ihre Rechte im Kreisvor⸗ stand usw. Eine einheitlichere innere Gliede⸗ rung der Kreisorganisationen durchzuführen, ist als eine der nächsten Aufgaben an⸗ zusehen. Eine Konferenz der Kreisvorsitzenden mit dem Parteisekretär und dem Landeskomitee müßte sich mit der Frage eines einheitlichen Kreisorganisationsstatuts befassen. Nur auf diesem Wege kann es erreicht werden, daß die guten Erfahrungen, die man in einzelnen Kreisen mit bestimmten Einrichtungen gemacht hat, auch für 11 übrigen Kreise alsbald nutzbar gemacht werden. Schließlich beschäftigte sich der Parteisekretär noch mit der Frage, wie ein geschulter Stab von politischen Referenten für den Bezirk zu beschaffen sei. Auf die in der Parteipresse ergangene Aufforderung hin meldeten sich 45 großenteils jüngere Parteigenossen aus allen Teilen des Landes. Es wird nun beabsichtigt, an den vier Sonntagen im Oktober, Vor⸗ und Nachmittags, an zwei Hauptorten einen Refe⸗ rentenkursus für Anfänger abzuhalten. Es gilt nach allen Richtungen unsere Vorbereitungen zu treffen, um für die Reichstagswahlen von 1908 in jeder Hinsicht gerüstet zu sein. SD——— Non Nah und Fern. Gießener Angelegenheiten. — Zentrale oder lokale Partei⸗ blätter? Auf der Friedberger Kreiskonferenz am Sonntag vor 8 Tagen hat man sich sehr ausgiebig über die hessischen Preßverhältnisse unterhalten. In einer beschlossenen Resolution „wünscht die Konferenz der Frage einer Ver⸗ schmelzung der für uns in Betracht kommenden Organe zu einem Zentralorgan für Hessen bezw. Hessen⸗Nassau näher zu treten und dies bei der hessischen Landeskonferenz zu beantragen.“ Der hier ausgesprochene Gedanke ist schon alt. Vor etwa 12—15 Jahren wollte man die „Volksstimme“ zu einem Zentralblatt ausge⸗ stalten und einige andere Parteiorgane in ihr aufgehen lassen, der Plan wurde aber— glück⸗ licherweise— nicht verwirklicht und sehr bald wieder aufgegeben. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Zentralblätter für größere Bezirke nicht zweckmäßig sind, sondern daß mit lokalen Or⸗ ganen in jeder Beziehung besser gewirkt werden kann, und diese auch verhältnismäßig größere Verbreitung erzielen. Warum das so ist, wollen wir hier nicht weiter auseinandersetzen; Tatsache ist aber, daß die Genossen in Thüringen, Westfalen, Bayern ꝛc. dieselbe Erfahrung machten und Lokalblätter schufen. Merkwürdig genug bleibt ja, daß die Friedberger Konferenz sich„einstimmig“ für einen unzweck⸗ mäßigen und veralteten Vorschlag aussprach, auf den die Landeskonferenz in keiner Weise eingehen kann und wird.— In der Debatte kamen mehrere Redner auch auf die Gießener Verhältnisse zu sprechen. Busold meinte nach dem Berichte der„Volksstimme“:„In Ober⸗ hessen habe man mit einem nur hessischen Tage⸗ blatt keinen Erfolg. Selbst in Gießen fehlen Vorbedingungen.“ Wir achten die Meinung unseres Freundes Busold sehr; doch wird er wohl auch den Gießener Genossen die richtige Beurteilung ihrer Verhältnisse zutrauen und die Freundlichkeit haben, ihnen die Entscheidung darüber zu überlassen. — Im Wahlverein erstattete der Vor⸗ stand am Samstag in der Generalversammlung Bericht über seine Tätigkeit. Danach hat im letzten Jahre die Mitgliederzahl erfreulich zu. genommen und beträgt jetzt 221. Das ist natürlich immer noch verhältnismäßig wenig; viele Parteigenossen stehen der politischen Orga⸗ nisation leider noch fern. Daher muß noch viel Arbeit geleistet werden, denn wenn wir unsere Sache vorwärts bringen wollen, müssen wir über starke Organisattonen verfügen. Der Kassenbericht weist eine Einnahme von 344.95 Mark und eine Ausgabe von 228.07 Mark auf, es verbleibt demnach ein Kassenbestand von 116.88 Mark. Bei der Vorstandswahl wurden folgende Genossen gewählt: Volz, 1. Vor⸗ sttzender, Schupp, Kassterer, Fourier, Schrift⸗ führer, Franz und Schmidt, Beisttzer.— Hierauf wurden die Beratungsgegenstände der Landeskonferenz besprochen, wobei man sich fast allgemein gegen die vom Landeskomitee beantragte Beitragsregelung aussprach. Man wollte es bei dem bisherigen Beitrag und seiner Verteilung belassen wissen. Als Delegierte wurden Bock und Noll gewählt. Schließlich wur de beschlossen, am 2. Sept. eine Lassalle⸗ feier in Klein⸗Linden abzuhalten. r. Zum Streik in der Gail'schen Dampfziegelei. Den kurzen Mitteilungen über den Stand des Streiks in voriger Nummer sei noch einiges hinzugefügt. Was zunächst die Forderungen der Arbeiter betrifft, so sind dies folgende. Es werden verlangt: 1. für Arbeiter von 16—18 Jahren 20 Pfg., nach halbjähriger Tätigkeit 25 Pfg. die Stunde; 2. für Arbeiter von 18 20 9 5 26 Pfg., nach halbjähriger Tätigkeit 30 Pfg. die Stunde; 3. für alle Arbeiter über 20 Jahren 29 Pfg., nach halbjähriger Tätigkeit 34 Pfg. die Stunde. Arbeiter, die über 5 Jahre im Betriebe tätig sind, sollen für je 5 Jahre 1 Pfg. Stundenlohn mehr erhalten, seither bekamen diese/ Pfg. mehr. Für die Ofenarbeiter wird eine Erhöhung der Akkordsätze um 15 Prozent unter Wegfall der seither gezahlten 5 Prozent vom Jahres⸗ lohn, welche zu Weihnachten in Form eines Geschenks ausbezahlt wurden, verlangt. Für Ueberstunden werden 10 Prozent, für Sonntags⸗ arbeit 50 Prozent und für Nachtarbeit 25 Pro⸗ zent Zuschlag verlangt. Dies sind im Wesent⸗ lichen die Forderungen. Hiernach kann jeder Verständige leicht beurteilen ob die Forderungen übertrieben sind. Bei einigem guten Willen wäre es Herrn Gail gewiß möglich, die be⸗ scheidenen Forderungen zu bewilligen. Sein Millionen⸗Vermögen dürfte dadurch nicht in Gefahr gebracht werden. Wie bei allen Streiks sich die Liebediener des Unternehmertums als treue Schildknappen erweisen, so auch bei diesem Streik. Einige Fälle dieser Art können wir hier anführen. So leisten die bei Gail be⸗ schäftigten Proletarier von der Feder jeden Tag Streikarbeit. Die Streikenden finden es vergnüglich, wie die Herren sich als Karren⸗ schieber betätigen. Die Antreiber oder Aufseher, wie man sie nennt, legen gegen die Streikenden eine unverständliche Wut an den Tag. Einer von ihnen, Schäfer, sagte zu einigen Bauern in Hausen, wenn die Streikenden wieder bei ihm in Arbeit kämen, müßten sie arbeiten, daß ihnen das Blut unter den Nägeln vorkäme! Dieser Herr meint vielleicht wie ein afrikanischer Sklavenvogt mit den Leuten umspringen zu können, doch seine Macht wird wohl auch noch ihre Grenzen finden. Die Streikenden müssen dafür sorgen, daß solcher Uebermut und Dünkel abgekühlt wird.. — Die Tabakarbeiter haben fast in ganz Deutschland eine Aufbesserung ihrer kärglichen Löhne durchgesetzt, in Gießen dagegen geben die Herren Fabri⸗ kanten auf diesbezügliche Vorstellungen ihrer Arbeiter noch nicht mal eine Antwort. Und da sollen die Ar⸗ beiter nicht„unzufrieden“ werden?— Der Gieß. Anz. brachte am Dienstag über den Streik bei der Firma Kehl u. Gustine in Hanau eine durchaus unwahre Mit⸗ teilung, die er nicht berichtigte, trotzdem von der Leitung des Tabakarb.⸗Verb. sofort eine Berichtigung eingeschickt wurde. Der Streik bei dieser Firma wurde nach 5 wöchiger Dauer zu Gunsten der Arbeiter entschieden. Aus dem Rreise gießen. r. In der Bezirkskonferenz, die am Sonntag (5. Aug.) in Trohe für die Orte Wieseck, Rödgen, Trohe und Alten⸗Buseck stattfand, kam der Vorsitzende zunächst auf verschiedene Beschlüsse der vorjährigen Konferenz zurück, die nicht mit der wünschenswerten Pünktlichkeit durchgeführt wurden und hofft, daß es diesmal in dieser Hinsicht besser würde. Alsdann wurden verschiedene Anträge zur Landeskonferenz besprochen und ein solcher betr.:„Abhaltung der nächsten Landeskonferenz in nächster Nähe Gießens“ angenommen. Als Delegierter zur Landeskonferenz wurde Genosse Muhl-⸗Alten⸗Buseck gewählt. Unter Verschiedenem wurde beschlossen, es Großen⸗Buseck anheim zu stellen, dem Bezirk beizutreten. Außerdem wurde ein neues Regulativ in der Delegation zur Bezirkskonferenz beschlossen und gewünscht, daß die⸗ selbe öfters stattfinden solle. Nachdem Alten⸗Buseck wieder zum Vorort bestimmt und die alte Bezirksleitung einstimmig wiedergewählt war, wurde die gutbesuchte Konferenz mit einem Appell des Vorsitzenden und einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen. L. Eine imposante Turnerversammlung fand am vergangenen Samstag im Saale des Gastwirs Wacker in Wieseck statt, in welcher Bezirksvertreter Noll⸗Gießen über:„Feinde der Arbeiterturnbewegung referierte. Das sehr belfällig aufgenommene Referat 991 einen Ueberblick über den Wert des Turnens für die — 2 2 2 2 jeder tungen Wilen die he⸗ Sei! in Sei s ale Niesen, en all he. jedel den es arren⸗ uffeher, kenden. Cinet Bauern der bel 1, daß käme! anische gen fl 0 ft müsse Dünl ————— ů U ..... in gal u Loh n Fable Abel die W. c. Al, i dit hte M. Leitl wehe vöchh — Nr. 33. Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung. Seite 5. arbeitende Klasse im Allgemeinen, beleuchtete die erbärm liche Kampfesweise der teutschen Turner und wilden Vereine gegen den Arbeiterturnerbund und schilderte Zwecke und Ziele des Letzteren. Im Anschluß hieran gründete sich eine Freie Turnerschaft, welcher sofort 80 Turngenossen beitraten.— An alle noch abseits stehenden Kollegen sei bei dieser Gelegenheit die Bitte gerichtet, sich der Freien Turnerschaft anzuschließen. Als klassen⸗ bewußte Arbeiter können und dürfen sie nicht einem Turnvereine angehören, der die Bekämpfung der Arbeiter⸗ turnbewegung als seine Aufgabe betrachtet. Deshalb heraus aus diesen Vereinen und hinein in die Freie Turnerschaft Wieseck! st. Hausen. In der Generalversammlung des Wahlvereins am Sonntag legte der Kassierer Münch die Abrechnung vom 1. Halbjahr 1906 sowie vom Kreisfest vor, die als richtig befunden wurde. Die Vorstandswahl ergab die Wiederwahl sämtlicher Vor⸗ standsmitglieder, in deren Namen der langjährige Vor⸗ sitzende Schtenbein für das bewlesene Vertrauen dankte. Für den Preßfonds wurden 10 Mk. bewilligt. Aus dem Nreise Sriedberg⸗Püdingen. — Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen, die am Sonntag vor acht Tagen in Assenheim abgehalten wurde, war von 60 Delegierten aus 35 Orten besucht. Vom Landeskomitee war Orb, vom Offenbacher Abendblatt Genosse Witt⸗ risch anwesend. Die Frankfurter Volksstimme war durch die Genossen Heinisch, Bernhardt und Zander vertreten.— Nach dem vom Vorsitzenden Armbrust erstatteten Bericht hat die Organisation im Kreise recht gute Fortschritte gemacht; sie zählt jetzt 1635 Mitglieder in 36 Vereinen, gegen 1050 Mitglieder und 21 Vereine im Vorjahre. Im verflossenen Jahre wurde auch eine sehr lebhafte Agitation entwickelt. Der Kassenbericht welst eine Einnahme von 3006,21 Mark und eine Ausgabe von 2455,67 Mark auf. An die Berichte schloß sich eine kurze Diskussion, in der man allgemein Befriedigung über die Tätigkeit des Vorstands äußerte, der denn auch wiedergewählt wurde. Genosse Bu sold spricht hierauf über die verflossene Landtagswahl. Der Mißerfolg in den einzelnen Bezirken set auf die ungünstigen Bestimmungen des indirekten Wahlrechts zurückzuführen. Es halte schwer, Wahlmänner zu bekommen. Die Partei müsse übrigens ihre Agitation nach der geänderten Taktik der Gegner einrichten und mehr durch Flugblätter agitteren. Dem Landeskomitee könne der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß es diesmal seine Schuldigkeit nicht getan habe. Das erste Flugblatt hätte früher erscheinen müssen. Orb erklärt, daß wegen dem späten Schluß des Land⸗ tags ein früheres Erscheinen nicht möglich war.— Als Reichstagskandidat wird hierauf wiederum Genosse Busold aufgestellt. Eine lange Debatte verursachte der Punkt eiiie worüber Schmidt⸗Vilbel referierte. Er schlug eine Resolution vor, in der erklärt wird, daß man an der „Volksstimme“ festhalten wolle, weiter aber der Wunsch ausgesprochen wird, für Hessen und Hessen⸗Nassau ein „Zentralorgan“ zu schaffen. Diese Resolution wird an⸗ genommen, nachdem Orb, Heinisch, Wittrisch, Bernhardt, Busold und andere dazu gesprochen hatten.— Zur Sandeskonferenz wird ein Antrag beschlossen, nach welchem der Beitrag auf 25 Pfg. monatlich fest⸗ gesetzt werden soll.— Zum Parteitag wird Arm⸗ brust⸗Vilbel als Delegierter gewählt. aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach. d. Zur Bürgermeister wahl wird eine nächsten Sonntag stattfindende Versammlung Stellung nehmen und sie dürfte voraussichtlich dahin beschließen, daß die Partei als solche sich nicht beteiligt.— Das ist auch bei der Wahl des Beigeordneten nicht geschehen, von der in letzter Nummer berichtet wurde. Die Par tei als solche konnte weder für Weitz noch für den andern Kandidaten eintreten, sie hat von beiden nichts zu er⸗ warten. Aus dem Nreise Weßlar. n. Das Bürgerrechtsgeld war in der letzten Stadtverordnetensitzung Gegenstand langer Verhandlungen. Seine Aufhebung war vom Stadtverordneten Michaeli sowie vom Wehlerverein beantragt worden. Trotzdem Michaeli diese Anträge eingehend begründete, wurde der alte Zopf noch nicht abgeschnitten und die Aufhebung abge⸗ lehnt. Nur wenige Stadtväter stimmten dafür. I. V. Ein Werther⸗Museum in Wetzlar. Das Geburtshaus der Charlotte Buff, das durch Goethes Leiden des jungen Werther so bedeutungsvoll geworden ist und jährlich von zahlreichen Verehrern des großen Dichters aus allen Ländern aufgesucht wird, hat seit einiger Zeit einen wertvollen Besitz erhalten durch eine recht ansehnliche Sammlung von Originalbriefen, bildlichen Darstellungen und alten Drucken der Werther⸗ Literatur, die zur Besichtigung ausgelegt sind. n den Originalhandschriften befindet sich als Seltenheit ersten Ranges ein sehr charakteristischer Brief von Karl Wilhelm Jerusalem, Goethes Werther, geschrieben in Wetzlar 1770 an seine Schwester. Ferner sehen wir Briefe von Lotte, von ihrem Vater, dem alten Amtmann, und von Kestner, ihrem Gatten. An bildlichen Dar⸗ stellungen fesselt den Besucher eine größere Anzahl vor⸗ trefflicher Silhouetten, die Geschwister und den Bräutigam der Lotte darstellend; desgleichen sind bemerkenswert Porträts des jungen Goethe, sowie deutsche, englische und französische Darstellungen von Szenen aus Werthers Leiden. Die so überaus reichhaltige Werther⸗Literatur ist in einer ganzen Reihe seltener Exemplare vertreten, die eine Anschauung von der bedeutenden Einwirkung geben, die Goethes Roman auf die Gemüter der Zeit⸗ genossen ausgeübt hat. Wir empfehlen unsern Lesern den Besuch des Lotkehauses angelegentlichst. k. Krofdorf. Die Gemeindekranken⸗ kassen der Bürgermeisterei Atzbach⸗Launsbach sollen zu einer Ortskrankenkasse zusammengefaßt werden. Kürzlich war von der Bürgermeisterei dafür eine Versammlung einberufen worden, die aber so schlecht besucht war, daß eine Besprechung der Frage nicht stattfinden konnte. Die Arbeiterschaft sollte dieser wichtigen Frage ihr Interesse in höherem Maße zuwenden. — Wieder einer. In Niedertiefenbach bei Nassau hat sich der dortige Rechner der Raiffeisen⸗ kassen das Leben genommen. Seine Verhaftung stand bevor, weil er sich jahrelang grobe Unregelmäßig⸗ keiten zu schulden kommen lassen, wodurch viele Personen erheblich geschädigt sein sollen. Aus dem Nreise Marburg⸗Kirchhain. xy. Zur Bier verteuerung im Konsum⸗ verein. Der Geschäftsführer des Marburger Konsum⸗ vereins sieht offenbar Gespenster, wenn er in seiner Er⸗ klärung von„Feinden des Konsumvereins“„falschen Freunden“ usw. spricht, denn bei ruhiger Ueberlegung hätte er sich doch sagen müssen, daß Feinden des Kon⸗ sumvereins die Spalten der„Mitteldeutschen“ nicht ge⸗ öffnet würden und daß sich für solche Leute andere Ge⸗ legenheit bietet, ihre Produkte abzuladen, wo ein ver⸗ ständnisvolleres Publikum dafür vorhanden ist. Warum sollen denn die Wirte angegriffen werden, da sie ihre Preise bis jetzt nicht erhöht haben? Wenn Herr F. von Preisen von 31— 40 Pfg. pro Liter schreibt(Ge⸗ spenster), so weiß er doch sehr gut, daß man in Mar⸗ burger Wirtschaften in allen Stadtteilen Bier in Hülle und Fülle für 25 Pfg. vro Liter haben kann; Münchener Salvator kostet im Museum 40 Pfg. laut Inserat. Was den Vorwurf anbelangt, daß derartige Klagen nicht in der Versammlung vorgebracht werden, so hat das seinen Grund hauptsächlich in der Art und Weise, wie jede sachliche Kritik in persönlich gehässiger Form be⸗ kämpft, wie ja auch daraus hervorgeht, daß Herrn F. von der Redaktion die„persönlichen Spitzen“ gestrichen werden mußten, und sein Schlußsatz läßt weiteres in dieser Richtung erwarten. Solange solche Gewohnheiten in Marburg herrschen, wird wohl mancher Versammlungs⸗ bericht über schlechten Besuch klagen. Auf den übrigen Inhalt der Erklärung einzugehen, ist überflüssig, es ge⸗ nügt vollständig, daß nach der Erklärung des Geschäfts⸗ führers die Leitung des Konsumvereins gar nicht den Willen hat, sich darum zu kümmern, daß die Waren aus Betrieben stammen, in denen geordnete Verhältnisse für Arbeiter herrschen. Und damit Schluß! O Byzantinismus. Ein konservatives Blatt wie die„Oberh. Ztg.“ über Byzantinismus spotten zu sehen, ist ein Genuß, den man nicht jeden Tag hat. In der letzten Sonntagsnummer bringt das Blatt eine Nottz eines westfälischen Wurstblättchens: „Stadtlohn, 25. Juli. Am Montag mittag gegen 12 Uhr trafen Se. Durchlaucht der Erbprinz Emanuel zu Salm⸗Salm mit Allerhöchst seiner Gemahlin Christina, geborenen Erzherzogin von Oesterreich, nebst Prinzessinnen⸗ Nichten, von Schloß Rheda kommend, mit seinem auf das feinste und eleganteste eingerichteten Automobil hier ein. Die Allerhöchsten Herrschaften verweilten für die Zeit ihres Aufenthalts im Hotel Sonntag, wo sie die Damen des Hauses durch längere, in leutseliger Weise geführte Unterhaltungen auszeichneten. Während Aller⸗ höchst ihres Aufenthaltes nahmen höchstdieselben im Hotel Sonntag nach voraufgegangenem Frühstück mittags ein solennes Diner ein und sprachen sich über die Vor⸗ züglichkeit der verabreichten Speisen und Getränke in huldvollster Weise aus.“ der es folgende Bemerkung anhängt:„Vielleicht hat sich dieser biedere Reporter einige Spelsereste von der aller⸗ höchsten Tafel in untertänigster Weise zu retten gewußt, um sie fortan als Reliquien aufzubewahren.“ Die „Oberh. Ztg.“ brauchte doch nur für den Namen jener Durchlaucht den einer anderen Persönlichkeit zu setzen und fast täglich kaun man dann in seinen Spalten solche Briefe finden. Werden da auch Reliquien aufbewahrt? Streikbrechers Freud und Leid. Bei dem neulichen Schreinerstreik erhielten die Arbeitswilligen Unter oder wie sie anderwärts genannt werden, die„Nicht⸗ raucher“ für ihre Rausreißerdienste 3 Mk. die Woche extra als Prämie von den Unternehmern. Nun aber, nachdem der Streik beendigt ist, bekamen sie zum Dank für ihre Dienste die 3 Mk. wieder abgezogen! Da⸗ rob große Entrüstung bei den Streikbrechern, die sich möglicherweise soweit steigert, daß es noch zu einem „Streik der Streikbrecher“ kommt! Jeder verständige Arbeiter gönnt natürlich jenen Menschen diese Behand⸗ lung, die sie für ihr unsolidarisches Verhalten redlich verdient haben. Schlimm genug, wenn die Menschen dumm sind, sind sie aber noch boshaft dazu, so muß ihnen auf diese Art Verstand eingeprügelt werden. Die Freie Turnerschaft begeht diesen Sonntag, den 19. August ihr 2. Stift ung sfest im Gartenrestaurant Hildemann. Zu dieser Feier, die nachmittags 3 Uhr ihren Anfang nimmt, wird sich hoffentlich di: Arbelterschaft von Marburg und Ockers⸗ hausen recht zahlreich einfinden. Für Unterhaltung ist in jeder Hinsicht gesorgt, so daß jeder Teilnehmer zu⸗ friedengestellt werden dürfte. 1. Die städtischen Gasarbeiter reichten am 15. Juli eine Lohnforderung ein, die auf 35 Pfg. Stundenlohn lautete. Diese Forderung wurde von der Gasinspektion und der städtischen Verwaltung auch be⸗ willigt. Doch wurde auch eine neue Arbeitsordnung in Aussicht gestellt, die vom Herrn Gasinspektor mit den Worten empfohlen wurde:„Wenn euch das Leben bei der alten Arbeitsordnung noch nicht sarer genug geworden ist, so wird es euch bei der neuen noch viel saurer ge⸗ macht werden.“ Auf diese angenehme und vielversprechende Zusicherung hin stellten die Gasarbeiter die Arbeit ein und nahmen sie erst wieder auf, als der Inspektor die Aeußerung zurücknahm resp. ihr eine harmlose Deutung gab. Wenn in der Stadtverordneten⸗Sitzung behauptet wurde, die Lohnerhöhung sollte erst am 1. September eintreten, so trifft das nicht zu, vielmehr hat der Leiter der Gasaustalt den(gewiß sehr mäßigen!) 35 Pfg.⸗ Stundenlohn von jetzt ab zugesichert. „Opfer des Alkohols. Am Sonntag Abend hob die Polizei einen finnlos betrunkenen zehnjährigen Knaben auf, der von seinem eigenen Vater in diesen Zu⸗ stand versetzt worden war. Bei dem Vater ist aller⸗ dings trotz wiederholter Versuche alle Mühe vergebens, ihn wieder auf rechtliche Wege zu leiten. Armut und Elend haben den Vater zum Schnaps geführt und die Nachkommen müssen bedauerlicherweise mit darunter leiden, Arbeiterbewegung. Friede im Lithographengewerbe. Einen schönen Ersolg haben die Arbeiter im Lithographengewerbe errungen. In der ver⸗ gangenen Woche haben neue Einig ungs⸗ verhandlungen stattgefunden. Die Arbeit geber waren den Arbeitnehmern in Vorverhand⸗ lungen entgegengekommen. Sie waren nun⸗ mehr bereit, die lokalen Differenzen vor der Arbeitsaufnahme zu regeln. Das sind insbe⸗ sondere die Fragen des Lohnes, der Lehrlings⸗ skala und des Arbeitsnachweises. Diese Ver⸗ handlungen haben zu einem für die Arbeitnehmer annehmbaren Resultat geführt. Eine Konferenz der Vertrauensmänner der Arbeitnehmer aus allen Streik- und Aussperrungsorten Deutsch⸗ lands hat am Freitag und Samstag Stellung genommen und am Samstag wurde der Friede geschlossen. Zur Landeskonferenz! Die gewählten Dele⸗ girten wollen ihre Adressen sofort an den Vorsitzenden des Kreiswahlvereins, Gg. Beckmann, Grünberger- straße 44 mitteilen, damit ihnen das Material zuge⸗ schickt werden kann. Preßfonds. Die Genossen werden gebeten, alle Geldsendungen für den Preßfonds an Genossen Heinrich Fourier, Gießen, Ludwigstraße 12 zu richten. Die Preßkommission. Versammlungskalender. Samstag, den 18. August. Gießen. Holzarbeiter. Abends 1½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei bei Löb(Wiener Hof).— Freie Turnerschaft. Abends 9 Uhr Versammlung im Vereinslokal(Pfau). Sonntag, den 19. August. 5 Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Mit⸗ gliederversammlung im„Stadtpark“. Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Wagner. T. O.: Bericht von der Kreiskouferenz, Verschiedenes. Briefkasten. Löhnberg. Bezüglich der Zustände auf der Post erwarten wir noch genauere Darlegung der einzelnen Fälle und Angabe zuverlässiger Zeugen.— Btzbch. Findet gelegentlich Aufnahme, doch sind einige Korrekturen nötig. 0 — S 28 r 9— ——— — 1 2 4 FTCFFFCFCCTCCC—TTTTT————— 9 ö 10 7 15 . 6 „ 1 410 441 1 1 3710 77 5 i—— ——— Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung. Nr. 33. Von Uah und Lern. Geistliche Leute. Wegen Falscheides und wegen Betruges wurde der katholische Pfarrer Roth im Revi⸗ sionsverfahren vor der Strafkammer in Mül⸗ hausen(Elsaß) zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung entrollte insofern ein liebliches Bild christlichen Lebens, als sich der Verurteilte und mehrere als Zeugen geladene Geistliche gegenseitig des Meineids bezichtigten. Unverschämter Agrarier. In dem Städtchen Friedberg, einer stcheren Domäne des bayerischen Zentrums, wo sich der liebe Herrgott lauter echter Christen erfreut, muß der„irdische“ Richter alle Augenblicke so einen echten Christen wegen gemeiner Lumpereien in Form von Milchfälschungen am Kragen packen. Nun hat so ein echter Christ auf dem Gebiete der Milchfälschung sicher für ganz Deutschland den Rekord erreicht; er hat an Arbeiter- familien für teueres Geld„Milch“ geliefert, die einen Wasserzusatz von 90 pt. aufwies, also nur 10 Teile Milch und 90 Teile Wasser! Und da besaß der unverschämte Kerl noch die Frechheit, um seine Freisprechung zu bitten, „weil ich es nicht so gemeint habe“. Der fromme Betrüger wurde zu 10 Tagen Gefängnis und noch zu 100 Mk. Geldstrafe verurteilt. Verurteilter Schweinepfaffe. In Reichenberg(Böhmen) hatte sich der Pfarrer Schlenz aus Christofsgrund wegen des Verbrechens der Schändung und der Ueber⸗ tretung der öffentlichen Sittlichkeit zu verant⸗ worten. Die Verhandlung wurde geheim ge⸗ führt. Schlenz spielte die Rolle der verfolgten Unschuld; er leugnete alles, was aber angestchts der klaren und bestimmten Aussagen der Mäd⸗ chen ganz nutzlos war. Schlenz suchte sich da⸗ durch reinzuwaschen, daß er behauptete, es be⸗ stehe ein„Komplott“ gegen ihn, und zwar ein sozialdemokratisches; er habe sich durch die Verbreitung des Bonifazius⸗Blattes die Feindschaft der Sozialdemokraten zugezogen. Den Kindern seien ihre Aussagen suggertert worden. Diese„suggerierten“ Aussagen waren so bestimmt, daß sich sowohl der Staats⸗ anwalt als auch der Verteidiger veranlaßt sahen, den hartnäckig Leugnenden zu ermahnen, er möge doch ein Geständnis ablegen. Schlenz leugnete jedoch weiter und als garnichts mehr half, trieb er seine freche Verlogenheit soweit, daß er sagte, er könnte ihnen entlastende An⸗ gaben machen, doch er sei durch das— Beicht⸗ siegel gebunden. Natürlich nützte ihn auch diese letzte Ausrede nichts. Er wurde für schuldig erkannt und zu fünfzehn Monaten schwerem Kerker verurteilt. —— eee Soziales. Für die Kapitalisten 127 Prozent, für die Arbeiter die Schwind sucht. Im frommen Remagen am Rhein hatten sich 200 Arbeiter des Apollinarisbrunnen dem christlichen Hilfs⸗ und Transportarbeiterverbande angeschlossen. Der Vorsitzende des Verbandes war an die Direktion herangetreten mit einigen Forderungen. Wie er in einer Versammlung in Remagen berichtete, hatte die Direktion es abgelehnt, mit dem Verbande über seine Forde⸗ rungen zugunsten der nichtorganisterten Arbeiter zu verhandeln. Die von der Firma gemachten Zugeständnisse befriedigten die Arbeiter in keiner Weise. Die Füller, die fast alle an der Schwind⸗ sucht sterben, erhalten einen wahren Hungerlohn, trotzdem die Gesellschaft im letzten Jahre 127 Prozent Dividende verteilte gegen 106 Pro⸗ zent in früheren Jahren! Man unterbandelt nur mit den „eigenen“ Arbeitern und wenn diese kommen, werden sie verprügelt. Bete fast allen Lohn⸗ bewegungen weisen die Unternehmer die Vertreter der Organisation ab mit der Begründung, daß man nur mit„unsern“ Arbeitern verhandeln will. So erging es auch dem Vertreter der Nürnberger Brauerorganisation, als er zwecks Beilegung eines Streiks in einer Brauerei in Simmerberg im Allgäu bei der Direktion erschien; er wurde abgewiesen mit den Worten: „Wir verhandeln nur mit„unsern eigenen“ Arbeitern. Daraufhin gingen, so wird aus Nürnberg geschrieben,„unsere eigenen“ Arbeiter selbst zum Direktor und dieser packte einen von„seinen“ Arbeitern an den Ohren und mißhandelte ihn derart, daß der Arbeiter an Händen und Gesicht blutete.— Das ist die Geschichte von„unseren eigenen“ Arbeitern. 1 5 57 . 5 Unterhaltungs Gel. 12 N A Sturm und Fehde. Ich sag' es frei und unumwunden: Ich sag' euch Sturm und Fehde an! Hetzt mich mit euren Schergenhunden, Nehmt mir das letzte, schlagt mir tausend Wunden— Ich habe meine Pflicht getan! Mich schrecken nicht mehr eure Schrecken; Jetzt heißt es bei mir: drauf und dran! Not und Verderben— einerlei wir stecken Die Welt an allen ihren Ecken Mit unsres Sornes Fackeln an! Leon Holly. In den Kerkern des Zarismus. Von einer russischen Genossin. Tiefe und undurchdringliche Nacht umgibt sie. Stöhnend erhebt sie sich von dem klebrig nassen Fußboden, macht, mit vorgestreckten Händen vorsichtig tastend, einige Schritte vor⸗ wärts und berührt eine feuchte, kalte Wand. Dann wendet sie sich der entgegengesetzten Richtung zu und ihre Stirn stößt an die eiserne Tür. Aus Furcht, sich noch einmal zu stoßen, kauert ste auf dem Steinboden nieder, dem eine eistge Kälte entströmt. Den schmerzenden Kopf in die Hand gestützt, bemüht ste sich lange ver⸗ geblich, sich zu besinnen, wo sie sich befindet. Die kalte Dunkelheit hat sich wie lähmend um ihr Hirn gelegt. Allmählich kehrt die Erinnerung der letzten Zeit in ihr Gedächtnis zurück. Sie befindet sich in einer Strafzelle des Gefängnisses. Vor zwei Monaten hat man sie unter der An⸗ klage, sozialdemokratische Propaganda getrieben zu haben, hierher gebracht. Jene furchtbare Nacht tritt mit allen ihren Einzelheiten ihr ins Gedächtnis zurück. Todmüde war sie abends nach Hause ge⸗ kommen, hatte sich zur Ruhe gelegt und war eben eingeschlafen. Da weckte sie der schrille Ton der Glocke, und ehe sie noch Zeit hatte, sich anzukleiden, wurde die Tür aufgebrochen, und im Nu war ihre kleine Stube von Polt⸗ zisten und Gendarmen angefüllt. Im höflichen Ton, der im lächerlichen Widerspruch zu dem räuberisch nächtlichen Ueberfall stand, erklärte ihr der Gendarmerie⸗Oberst, daß er gezwungen sei, bei ihr eine Haussuchung vorzunehmen. Schweigend, mit fest aufeinander gepreßten Lippen sah sie, wie die wilde Horde Schränke, Betten, Tische aufriß, in ihren Büchern und Briefen wühlte, die Photographien ihrer Freunde durcheinanderwarf und jeden Winkel durch⸗ stöberte. Endlich, nach mehrstündigem Suchen erklärte sie der Oberst für verhaftet. Da dringt ein gellender Schrei an ihr Ohr. Vom wüsten Treiben geweckt, war die Mutter herbeigeeilt und stand nun totenblaß an der Tür. Einen Augenblick drohte die Selbstbeherrschung sie zu verlassen, schon wankte ste, doch plötzlich raffte sie sich auf, warf den Kopf zurück und verließ hochaufgerichtet das Zimmer. Im Gefängnis erfuhr sie, daß in derselben Nacht einige hun⸗ dert Personen verhaftet waren. Seitdem waren nun bereits zwei Monate verflossen. Zwei Monate— in langer qual⸗ voller Ungewißheit. Gestern, am Vorabend des 1. Mat, hatte sie, von überwältigenden Em⸗ pfindungen bewegt, sich auf das Fensterbrett geschwungen, ans Gitter geklammert und mit lauterhobener Stimme die Marseillaise ange⸗ stimmt. Hell und kräftig waren einige Stimmen, an denen sie ihre Freunde erkannte, eingefallen. Der Marseillaise folgte ein andres revolutionäres Lied. Plötzlich fuhr der Schlüssel rasselnd ins Schloß. Die Tür ging auf und— von wacht⸗ habenden Soldaten gefolgt— betrat der Ge⸗ fängnisinspektor die Zelle. Mit wutbebender Stimme erklärte er ihr, daß er sie für ihre un⸗ erhörte Dreistigkeit auf dreimal vierundzwanzig Stunden in Strafarrest setze. Ein verächtliches Lächeln war ihre Antwort. Sie erhob sich, schlug ihr Tuch fester um die Schultern und folgte dem voranschreitenden Aufseher. Eine Tür wurde aufgeschlossen. Eine schmale Treppe führte in gähnende Tiefe. Unwillkürlich stockte ihr Fuß, sogleich aber schüttelte ste die instinktive Furcht ab und stieg langsam die Treppe hinab. Ein eigentümlicher Modergeruch schlug ihr ent⸗ gegen. Endlich hatte sie die letzte Stufe erreicht. Die kleine Blendlaterne des Aufsehers warf einen matten Schein auf einen langen dunklen Gang. Irgendwo wurde eine Tür aufgeschlossen. Kaum hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt— fiel die Tür hinter ihr ins Schloß— sie war allein. Sie machte einige Schritte vor⸗ wärts, fuhr aber, durch den dumpfen Widerhall threr eignen Schritte erschreckt, zusammen. Darauf streckte ste sich, von Furcht und Aufregung töd⸗ lich ermattet, auf den kalten, nassen Steinboden hin und fiel in einen tiefen Schlaf.. Wie lange ste geschlafen, wußte ste nicht, ebensowenig, ob es Nacht oder Tag sei. Tiefe Grabesstille umgab sie. Die eisige Kälte, die vom Fußboden ausging, machte ihre Glteder erschauern. Plötz⸗ lich fuhr ihr ein wahnsinniger Gedanke darch den Kopf: Wie, wenn man ste hierher gebracht, um sie langsam zu Tode zu quälen? Doch in demselben Moment wies sie diesen Gedanken als unsinnig zurück. Nein, nein, das würden ste nicht wagen, ste sind ja zu feig dazu. Da klingt ein eigentümlich hallender Ton, fast wie ein Wehklagen, an ihr Ohr. Ein freudiger Schreck durchzuckt sie— kein Zweifel, es ist die Melodie der Marseillaise! Genossen, Freunde sind in der Nähe. Also nicht allein!— Sie schluchzt vor Freude, dann beginnt sie zu rufen. Jemand antwortete ihr, es ist wie sie später erfuhr, ein bekannter Arbeiter, den man vor einigen Stunden hierher gebracht, weil er einem auf dem Gefängnishof spazterenden Ge⸗ nossen mit einem roten Tuche gewinkt und„Es lebe der 1. Mai!“ zugerufen hatte. Vom andern Ende des Ganges schallt eine zweite Stimme herüber. Mit Mühe nur kann man si verstehen. Es ist ebenfalls ein Genosse, den man hierher geschleppt hakte. Das Bewußtsein, nicht allein zu sein, Freunde in der Nähe zu wissen, läßt sie ihre Lage erträglicher finden. Fretlich ist es schwer, sich mit ihnen zu ver⸗ ständigen, weil die schwere eiserne Tür den Klang dämpft. Allmählich gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit, ste macht einige Schritte, ohne sich zu stoßen. Unzähligemal geht ste auf und ab, bis ihr der Kopf zn schwindeln beginnt, dann setzt ste sich erschöpft nieder, lehnt den Kopf an die Wand und sitzt so lange, bis die Kälte so empfindlich wird, daß ihr die Zähne aufeinander schlagen. Dann erhebt sie sich, nimmt ihren unterbrochenen Gang wieder auf, bis ste erschöpft zu Erde sinkt. Ste möchte sich wieder erheben, aber ste hat das Gefühl, daß irgend eine bleierne Schwere sie zu Boden drückt. Aus allen Ecken tauchen fratzenhafte Gestalten auf, winken ihr, greifen nach ihr, dringen mit geballten Fäusten auf sie ein. Pur⸗ purnes, brennendes Rot erfüllt ihre Zelle, hüllt ste ein— sie fühlt sich empor gehoben und stürzt mit rasender Geschwindigkeit in jähe Tiefe. Kein Schrei, nur ein dumpfes Stöhnen entringt sich ihren Lippen.—— Die Natur ist gütig. Als ste nach einiger Zeit aus tiefer Ohn⸗ macht erwacht, empfindet ste einen brennenden Durst. Sie steht auf. Aber eine seltsame Schwäche übermannt sie, ste bricht erschöpft zu⸗ sammen. Leise stöhnend preßt ste den Kopf in beide Hände und verharrt so längere Zeit auf dem Boden zusammengekauert, unfähig etwas zu denken. Abgerissene Bilder, halbver⸗ wischte Eindrücke, Erlebtes und Gesehenes, alles erwacht mit einer Stärke, lebt in ihrer Er⸗ innerung auf, nimmt greifbare schmerzhafte ä. SEC 2 —— N er e D e eee * — 1—̃ä— e 5 bree eee. 0 Nr. 33. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Formen an. Sie steht sich während einer Straßen⸗ demonstration. Ein ungeheurer dunkler Menschen⸗ zug füllt einen breiten Platz. Kein Laut wird hörbar. Bange, schwüle Erwartung auf fahlen Gesichtern. Langsam entfaltet sich eine mächtige rote Fahne und strebt wie ein blutiger Protest zum sorglos lächelnden Himmel emporr. Da erklingen Hufschläge. Die Kosaken— die Ko⸗ saken—— Näher und näher klingt das Pferde⸗ getrappel. Von allen Seiten tauchen die ver⸗ haßten Gestalten auf. In halbliegender Stellung, den Kopf an den Hals des Pferdes gelehnt, gleichsam als wären sie mit ihnen verwachsen, saust die wilde Schar heran, umzingelt die wehrlose Menge. Ein kurzer Befehl ertönt: die Nagaika saust durch die Luft... ein ein⸗ ziger mächtiger Schrei, in dem sich tierische Wut und ohnmächtiger Schmerz mischen, und unter den Hufen der Pferde wälzen sich blutige Menschenkörper.—— Kalter Schweiß bedeckt ihre Stirn. Halbe Bewußtlostigkeit umfängt sie. Da weckt ste ein rasselndes Geräusch. Der Gefängniswärter be⸗ tritt mit einer Blendlaterne ihre Zelle, schweigend stellt er einen mit Wasser gefüllten Krug hin, legt ein Stück Schwarzbrot daneben, und ehe sie noch Zeit hat, eine Frage an ihn zu richten, fällt die Tür hinter ihm ins Schloß. Sie ist wieder allein. Gierig setzt ste den Krug au den Mund und löscht ihren Durst. Dann befeuchtet sie ihr Taschentuch mit dem kalten Wasser und legt es an die heiße Stirn. Gestärkt und gekräftigt erhebt sie sich und singt mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft: Schmiedet uns in eiserne Ketten, Wie wilde Tiere uns reißt, Ihr könnt unsern Körper nur töten Aber nicht den heiligen Geist. Tyrannen ihr könnt uns ermorden, Neue Kämpfer wird bringen die Zeit, Wir kämpfen und streiten so lange, Bis die Menschheit wird endlich befreit! Befreit!— hallt das dumpfe Echo wider. 1 N feiert die in Kerkernacht Gefangene ihren Mai. Beim nächsten Jourwechsel fand sie der Aufseher bewußtlos am Boden uledergestreckt. Er erstattete Rapport. Sie wurde in ihre Zelle hinaufgetragen, und erst nach längeren ange⸗ strengten Bemühungen gelang es dem Gefängnis⸗ arzt, sie ins Bewußtsein zurückzurufen. Beim nächsten Transport führte sie ein langer, trostloser Weg in die Eisfelder Sibiriens. Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Humoristisches Im Eifer. Richter:„Es wird Ihnen zur Last gelegt, daß Sie bei der Rauferei dem Kläger das linke Ohr zur Hälfte abgebissen haben!“ Ange⸗ klagter:„Das dürfen S' ja nicht glauben, Herr Richter! Der Hias ist ein schlechter Mensch— das hat er sich g'wiß selber ab'bissen!“ Ein Unterschied. Leutnant: Olschansky, was bist du in Zivil? Olschangsky: Zu Befell, Herr Leutnant! Bin ich glückliches Mensch.(Wahr. Jak.) Die Fürstin Wrede oder Ein rührender Zug der preußischen Rechtspflege. Der Tatbestand ist solchermaßen: Wir haben erst die Fürstin Wrede, Dann den Gemahl, den Diener Glasen, Von diesen dreien ist die Rede. Gestohlen haben Hochgeboren Frau Fürstin Wrede. Dieses Faktum Ging im Prozesse nicht verloren, Und gilt noch heute als intactum. Auf den Objekten der Vergehen Aß der Gemahl. Aus welchem Grunde Das Monogramm er nicht gesehen, Erhellt nicht aus dem Tatbefunde. Der Diener Glase ist der dritte, Der äußerst unbeliebt sich machte, Indem er gegen alle Sitte Den Saustall in die Zeitung brachte. Dies alles war dem Landgerichte Zur Urteilsfällung unterbreitet. Es hat auch die Skandalgeschichte Schon in die rechte Bahn geleitet. Die Fürstin fiel in Wahnsinnsnächte, Der Fürst braucht einfach nischt zu wissen, Doch den Gemeinsten aller Knechte Hat man sofort ins Loch geschmissen. (Von Schlemihl im Simplieissimus.) HAusberkduf in Oberhes. leider Goar in Zlurburg. 2 Das Geschäft hält jährlich einen, höchstens zwei Ausverkäufe und bietet dann, wie bekannt, stets Ausser gewöhnliches 1 Die Einzelheiten und hervorragend billigen Jachen werden an dieser Stelle noch bekannt gegeben, hierunter gebe ich unr eine Aufstellung der zum Ausverkauf gestellten Artikel. Leber 2000 Anzüge Grösse bis 58 Sommer⸗ und Winter⸗Havelocks und Pgletots für jede Größe und in jeder Qualität.— „ kolossaler Auswahl und in jeder Größe in Leinen, Lüster, Loden ꝛc. für Haus, Garten, Jagd und Reise.— soppeu in Einzelne Hosen jeder Art über 2000 Stück.— Saccos, Radfahrer, Lawnu⸗tennis⸗Anzüge und einzelne Röcke. 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