4 1 * — 37 . Gießen, den 16. September 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Mirchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitu Nedaktionsschlußs Donnerstag Nachmittag 4 Ne I Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfeunig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und Bestellungen 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung Bei mindesten die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107) 38/0% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Für unsere Presse! Mit dem Wachsen der Arbeiterbewegung ist auch der Leserkreis der Parteizeitungen ununterbrochen gewachsen. Mit Genugtuung können wir daher feststellen, daß unser Bestreben, stets unerschrocken und in aller Rücksichtslostgkeit die Interessen des arbeitenden Volkes zu ver⸗ treten, nicht ohne Erfolg geblieben ist. Doch das bisher erreichte genügt bei weitem noch nicht. Die Zahl der Abonnenten der täglich erscheinenden Arbeiterblätter steht noch immer sehr weit zurück hinter der Zahl der Wählerstimmen, die für die Sozialdemokratie abgegeben wurden. Ja noch schlimmer: zahlreiche gewerkschaftlich orga⸗ nisierte Arbeiter bringen es über sich, die eigene Presse zu vernachlässigen und die volksfeindlichsten Preßerzeugnisse zu unterstützen. Das muß anders werden! Das kapitalistische Herrentum be⸗ herrscht brutal die Massen des Volkes. Der Kapitalismus vernichtet fortdauernd die kleinen selbständigen Existenzen oder macht ste von seiner Geldmacht völlig abhängig. Der Kapitalismus will uneingeschränkt über die proletarisierten Arbeitermassen, über die Arbeitskraft, über Gesundheit und Leben des Arbeiters gebieten. Der Arbeiter soll nur das eine„Recht“, die eine„Freiheit“ haben, dem Kapital zeit seines Lebens um niederen Lohn bei möglichst langer und schwerer Arbeit dienstbar zu sein. Wollen die Arbeiter nur einigen größeren Anteil an dem von ihnen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Reichtum für sich in Anspruch nehmen, so ant⸗ wortet die kapitalistische Tyrannis durch ruch⸗ lose Willkür von Maßregelungen und Massenaussperrungen. Der Staat aber und die Reaktions⸗ parteien unterstützen nicht nur das Herrentum der Unternehmerschaft, ste bürden noch besondere schwere Lasten den unbemittelten Klassen auf. Der Reichstag hat wiederum Hunderte Millionen für vermehrte Kriegsschiffsbauten durchgesetzt, aber die Steuern, durch welche die„herrliche Flotte“ bezahlt werden soll, werden zum größten Teil herausgepreßt auf Kosten wichtiger Industriezweige und threr Arbeiterschaft, sowie durch skandalöse Ver⸗ teuerungen des Eisenbahn⸗ und Post⸗ verkehrs. Der Kapitalismus, der alles Hohe erniedrigt und alles Heilige entheiligt, hat auch das e schmählich korrumpiert. r hat die Presse zum Werkzeug gemacht, die kapitalistische Interessenwirtschaft zu begünstigen und die Volksmasse über sein Tun zu täuschen. Und gerade die sogenannte„unpartetische“ Presse, die in allerlei Färbungen schillert und durch mannigfache Lockmittel die unerfahrenen verführt, ist zur schlimmsten Verderbnis unseres öffent⸗ lichen Lebens geworden. Es vergeht kein Tag, an dem diese Presse nicht irgend eine Verleumdung der Ar⸗ beiterbewegung oder deren Träger in die Welt setzt! Ja, diese Presse geht augenscheinlich von dem Standpunkt aus: je dümmer und ur ⸗ teilsloser ihr Lesepublikum. k st, desto ärger kann ste in Lügen über die Sozkaldemokratie auftragen. Die Presse, die elne heillose Angst davor hat, irgend etwas kritisches über„mächtige Personen“ zu bringen, sie greift mit wahrer ier nach Mitteilungen, die Beschimpfungen und Verleum⸗ dungen von Sozialdemokraten oder Gewerk- schaftsführern enthalten, weil sie weiß, daß Sozialdemokraten es im allgemeinen unter ihrer Mürde halten, die Verleumder vor Gericht zu ziehen. Es offenbart sich bei dieser Sorte Preß⸗ menschen neben der Schlechtigkeit auch noch eine gute Dosts Feigheit. Wann endlich werden die Arbeiter gegen die Lügen der im 25 des Kapitalismus stehenden Presse gefeit ein Gegen die Uebermacht des Kapitals des kapitalistischen Staates und der kapitalistischen Presse gibt es nur das eine Rettungsmittel: die Organisation der Bedrückten und Ausgeplünderten. Diese Organisation ist aus den wirtschaftlichen Notwendigkeiten er⸗ wachsen und mächtig erstarkt. Sie führt den großen Kampf, der unser ganzes Zeitalter er⸗ füllt, den Kampf um die politische und wirt⸗ schaftliche Befreiung der Arbeiterklasse, um die Herbeiführung einer gerechten Gesellschaftsord⸗ nung! Das Banner dieses Kampfes aber trägt voran die Arbeiter⸗ Zeitung! Darf es da— in dieser Zeit des großen Werdens, in dieser Zeit der herrlichen Freiheitskämpfe ringsum in allen Ländern! — noch Arbeiter geben, welche einsichtslos Feinde ihrer Klasse und ihrer Interessen, welche die kapitalistische Presse unterstützen? Der Ar⸗ beiter und die Arbeiterfrau, welche dies tun, wüten gegen ihr eigen Fleisch. Sie versündigen sich an der eigenen Zukunft und an ihren Kindern. Ehrlos und schimpflich ist es für einen Arbeiter, wenn er an Vorteilen und Erfolgen teilnehmen will, die andere erkämpft und wofür ste Opfer gebracht haben. Wer so handelt, wer die arbeiterfeindliche Zeitung durch Abonnement stärkt, übt Verrat an seinen Arbeits⸗ kameraden und am Gemeinwohl! Es gilt, daß auch der bisher Unaufgeklärteste, der vielleicht gedankenlos oder durch kleinliche Gründe geleitet, diesen traurigen Verrat begeht, endlich zur Erkenntuis gelangt. Wer wagt es denn, in unserer Zeit der Streberei und Kriecherei nach oben hin die Wahrheit zu sagen? Wer beugt sich nicht vor Reichtum und Macht? Wer kritistert unbarm⸗ Nen alle Versündigungen des herrschenden egiments? Wer steht dem Arbeiter im Lohn⸗ kampfe zur Seite? Wer kämpft euergisch gegen Fleisch⸗ und Brotverteuerung, gegen Wohnungs⸗ wucher und Steuerdruck? Allein die Soztal⸗ demokratie und ihre Zeitung verrichten diese Kulturaufgaben! Wie verhalten sich die bürgerlichen Zeitungen bei Lohnkämpfen? Ist bei denen, die sich in unserm Verbreitungsbezirke abgespielt haben, auch nur ein einziges gegnerisches Blatt mit auch nur einer Zeile für die Arbeiter eingetreten? Niemals! Wir finden im Gegenteil die Amts⸗ blätter wie die andern stets auf Seiten des Kapitals, des Unternehmertums, stets nehmen ste in einsettiger Weise gegen die Arbeiter Stellung, beschimpfen sie womöglich noch. Daher muß es Ehrenpflicht für jeden ver⸗ ständigen Arbeiter und für jeden freiheits⸗ liebenden Menschen sein, nur die Zeitung der Partei, die jederzeit für wirtschaftliche und . Befreiung des Volkes gestritten hat, ie sozialdemokratische Zeitung zu unterstützen und in seiner Wohnung zu halten. Unsere Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung hat in dem Kampfe für Freiheit und Volkswohlfahrt ihre Schuldigkeit stets getan, sie hat stets zu den Bedrückten gestanden! Das wissen ihre Leser. Nun hat jedoch ihr letztes Stündlein bald geschlagen! Ste stirbt aber nicht an Krankheit und Siechtum, sondern ste setzt ihrem Leben freiwillig ein Ziel, um in der Oberhessischen Volkszeitung eine fröhliche Auferstehung zu feiern. Für das neue Blatt jetzt schon zu arbeiten, ihr die größtmögliche Verbreitung zu verschaffen, sei Aufgabe aller unserer Freunde und Parteigenossen. ——— Grundbegriffe der Politik“). (Fortsetzung.) Die Gegenstücke zum Patriotismus und Nationalismus der herrschenden Klassen bilden der Kosmopolitismus und die Inter⸗ nationalität. Der erste entspringt der philosophischen Einsicht des 18. Jahrhunderts, die die Gleichheit der Menschen aller Staaten verkündete, die Menschheit als eine Kulturge⸗ meinschaft auffaßte, und den Weltbürger(Kos⸗ mopoliten) über den Staatsbürger stellte. Die zweite aber, die Internationalität, ist hervor⸗ gegangen aus der tatsächlichen Erkenntnis einer wirtschaftlich⸗gesellschaftlichen Zu sammen⸗ gehörigkeit, die alle Staatsgrenzen über⸗ springt, und aus dem praktischen? edürfnis des proletarischen Klassenkampfes. Der Kampf 1 5 Ausbeutung und Unterdrückung muß inter⸗ ub sein, so wie diese selbst international nd. International sein heißt demnach, die angeblich nationalen Interessen herrschender Klassen bekämpfen und für das Interesse des gesamten Proletariats eintreten, das in Wahrheit das gemeinsame Interesse aller Nationen ist. Als Feindin aller chauvinistischen Kriegshetze, aller imperia⸗ listischen Eroberungs⸗ und nationalen Unter⸗ drückungspolitik ist die proletarische Internatio⸗ nale nicht anti national, sondern allnatio⸗ nal. Sie kämpft dafür, daß die Völker aus bloßen Uutertanenschaften herrschender Personen und Klassen zu wahren, sich selbst regierenden und selbstbewußten Nationen werden, die alle⸗ samt Glieder einer friedlichen und freien Ge⸗ sellschaft sein sollen. Dieses Ziel der Völkerdemokratie kann nur im Kampfe mit dem landläufigen Patriotismus und Nationalismus erreicht werden, und dieser Kampf muß um so heftiger sein, je weiter sich das„Vaterland“ und„Nation“ von der Aner⸗ kennung demokratischer Grundsätze entfernt halten. Im Streite der Staaten und Natio⸗ nalitäten wird die Internationale daher immer dort zu finden sein, wo die größere Frei- heit oder das bessere nationale Recht ist; denn es ist nicht der Sieg einer Nation, sondern der Sieg aller Völker, um den ste kämpft. Die parlamentarische Ablehnung des Etats, besonders der milltärischen Forderungen, ent⸗ springt nicht der Absicht,„die Nation wehrlos zu machen“, sondern ist der Ausdruck der oppo⸗ ) Siehe den betr. Artikel in Nr. 28, 29, 30, 31, 32, 38, 34, 35 und 36 der M. S. Ztg. 2 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 37. sitionellen Gesinnung gegenüber der Regierung und dem von ihr vertretenen System. Die Sozialdemokrarie wünscht und ist bereit, dafür zu wirken, daß jede freie Nation über die Mittel verfüge, die zur Herstellung oder Ver⸗ teidigung ihrer Freiheit und Selbständigkeit nach innen und außen notwendig sind. Sie ist aber zugleich der Ueberzeugung, daß die Notwendigkeit solcher Verteidigung nach außen desto geringer werden wird, je mehr sich ihre Ideen bet den zivilisterten Völkern Eingang ver⸗ schaffen. Denn sowie die Anerkennung der Volksrechte nach innen alle Gefahren des ge⸗ waltsamen Umsturzes beseitigt, so bedeutet die Anerkennung aller nationalen Rechte nach außen die Beseitigung der Kriegsgefahr, die nur durch den Interessengegensatz herrschender Klassen genährt wird. VIII. (Schluß.) Prinzip und Taktik.— Bewegung und Endziel. Prinzip ist Grundsatz, unverrückbare Richt⸗ linie des Handelns. Parteiprinzipien sind Regeln, die von der Partei nicht verlassen werden können, weil sie selbst das Wesen der Partei ausmachen, die nicht aufgegeben werden können, ohne Aufgabe der Partei. Als Or⸗ ganisation, als Körper, kann eine Partei noch bestehen und ihren Namen behalten, wenn ste ihre Prinzipien verlassen hat, als politischer Begriff ist sie eine andere geworden. Die Prin⸗ zipien der Partei festsetzen heißt also das Wesen der Partei sebst bestimmen. f Das Prinzip ist demnach nicht gleichbedeu⸗ tend mit dem Programm. Das Programm ist ein zu einem bestimmten Zeitpunkt unter⸗ nommener Versuch, die Prinzipien der Partei zusammenzufassen; die Disziplin fordert von dem Parteigenossen, daß er sein politisches Handeln dem Programm unterwerfe. Kritik aber, die an dem Programm geübt wird, ist noch keine Verleugnung der Prinzipien. Viel⸗ mehr kann sie gerade dem Wunsche entspringen, dieser Prinzipien schärfer zu formulteren. Ohne solche Kritik wären ja zeitgemäße Aenderungen und Läuterungen eines Parteiprogramms un⸗ möglich. Dazu kommt, daß Parteiprogramme wie das sozialdemokratische, nicht bloß„Prin⸗ zipien“ als Grundsätze des politischen Handelns aussprechen, nicht bloß ein„Sollen“ verkünden, sondern auch wissenschaftliche Urteile über den Stand der Gesellschaft und ihre Evolution aussprechen, also ein„Sein“ feststellen. Solche Erkenntnisse können durch Erfahrung ergänzt und berichtigt werden, ohne daß dadurch die grundlegenden Regeln des parteipolitischen Handelns berührt zu werden brauchen. Erst wenn diese Berichtigung so tief eingreift, daß die Partei die bisherige Richtung ihres Handelns folgerichtig aufzugeben gezwungen wäre, wenn Grundsätze angefochten werden, die nicht auf⸗ gegeben werden können, ohne daß die Partei begrifflich aufhören müßte zu sein, was sie ist, erst dann kann man sagen, daß die Krttik die Prinzipien der Partei angreift. 1 Es ist daher eine sehr heikle und schwierige Aufgabe, festzustellen, was eigentlich die Prin⸗ zipien einer Partet, in unserem Falle der sozial⸗ demokratischen, sind. Man gerät leicht in die Gefahr, den Begriff zu eng oder zu weit zu fassen. Es kommt auf den Versuch an, der hier gewagt werden soll. Die Soztaldemokratie will als Staats- form die Demokratie, als Gesellschaftsordnung den Sozialismus. Wir haben bereits gesehen, daß in der Willensvorstellung der Partei beide — Demokratie und Sozialismus— eine un⸗ trennbare Einheit von Form und Inhalt bilden; wir haben ferner erkannt, daß die Entstehung der soztalistischen(demokratischen) Gesellschaft kein Vorgang unbewußten Werdens, sondern nur eln Akt bewußten Schaffens sein kann. Die Partei muß zu diesem Zwecke als Klassen⸗ partei(weil die Erreichung ihres Ziels im Interesse der proletarischen Klasse liegt), die Klasse der Kapitalisten und Großgrundbesitzer bekämpfen, die an der Erhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung interesstiert sind. Dieser Kampf richtet sich aber nicht gegen einzelne Menschen, sondern gegen ein Herrschafts⸗ prinzip, dem die Partei ihr sozialdemokra⸗ tisches Freiheitsprinzip entgegengestellt. Zu Handeln in dem Willen, die sozia⸗ listische Gesellschaftsordnung zu er⸗ reichen, ist das Prinzip der Partei. Die Partei ist ferner der grundlegenden Ueberzeugung, daß jede Veränderung der Staats⸗ und Gesellschaftsordnung, die durch Beschneidung politischer oder wirtschaftlicher Privilegien der herrschenden Klasse nach der Richtung der Demokratie oder des Sozialismus hinführt, dem Interesse der proletarischen Klasse entspricht, deren politische Vertretung sie führt, und daß jebe Aenderung, die die Wirkung hat, die bestehende Ordnung zu befestigen, dem Interesse des Proletariats widerspricht. Es ist hier Prinzip, im erkannten Interesse des Prole⸗ tartats zu handeln; sie kann das nach ihrer grundlegenden Ueberzeugung nicht anders als 1 des Sozialismus und der Demo⸗ ratie. Die Frage aber, wie eine bestimmte Reform auf den Gang des Klassenkampfes einwirken werde, ist im Einzelfalle schwierig zu entscheiden und hat daher schon oft zu lebhaften Meinungs⸗ kämpfen unter Genossen geführt, die alle das Prinzip der Sozialdemokratie anerkennen. Hier betreten wir bereits die Brücke, die vom Ge⸗ biet des Prinzips auf ein anderes führt, auf das der Taktik. Taktisch ist jenes Verhalten, das angewendet werden muß, um dem Prinzip Geltung zu ver⸗ schaffen. Das Prinzip bestimmt unser Verhält⸗ nis zum Ganzen der bestehenden Zustände und Einrichtungen, es gilt also, solange dieses Ganze, die kapitalistische Gesellschaftsordnung besteht. Die Taktik aber bestimmt, dem Prinzip ent⸗ sprechend, unser Verhältnis zu den einzelnen räumlich und zeitlich getrennten und mannig⸗ fach verschiedenen wirtschaftlich⸗politischen Er⸗ scheinungen. Um ein Bild zu gebrauchen: Es ist unser Prinzip, den alten Bau abzu⸗ tragen und durch einen neuen zu ersetzen. Die Taktik aber besteht darin, daß wir Hacke, Spaten und Dynamitpatronen richtig anzu⸗ wenden wissen, daß wir das Werkzeug der Zerstörung dort zuerst anwenden, wo die Aus⸗ sicht auf Erfolg am größten ist, und den An⸗ bau so beginnen, daß kein Einsturz droht. Das Prinzip beantwortet die Frage nach dem Was, die Taktik die Frage nach dem Wie. Soweit eine taktische Handlung nicht dem Willensprinzip der Partei oder den Regeln der Disziplin— der demokratischen Unter- ordnung des Handelns unter das Gebot der Partei— widerspricht, ist ihre Beurteilung eine reine Frage der Zweckmäßigkeit. Hier entwickeln sich innerhalb der Schranken des Prinzips und der Disziplin nahzu unbe⸗ grenzte Möglichkeiten, die mit dem Orte und der Zeit, den augenblicklichen Erscheinungen und politischen Situattonen, unveränderlich sind. Der Festigkeit des Prinzips entspricht die größte Beweglichkeit der Taktik. Solange das Prinzip nicht beseitigt, nicht„in Fleisch und Blut“ der Partei übergegangen ist, be⸗ steht die Gefahr, daß Handlungen der Partei, die an und für sich zweckmäßig wären, un⸗ zweckmäßig werden dadurch, daß ste fälschlich als symboliche Prinziptenerklärungen erscheinen. Beispielsweise: Stände im Bewußtsein der Proletariermassen nicht das Prinzip des Klassen⸗ kampfes fest, so würde eine Stichwahltaktik, die zur Wahl bestimmter bürgerlicher Kandi⸗ daten auffordert, eine Gefahr für das Prinzip bedeuten. Stünde nicht ebenso das Prinzip der Demokratte fest, so könnte eine Beteiligung an den preußischen Dreiklassenwahlen den An⸗ schein erwecken, als hätte die Partet das Prin⸗ zip der Demokratie aufgegeben. Daraus folgt, daß die Taktik der Partei desto gebundener ist, je schlechter es mit der prinzipiellen Aufklärung bestellt ist, und daß ste desto freier wird, e weiter die prinzipielle Auf⸗ klärung fortschreitet. Um zu dem alten Bei⸗ spiel zurückzukehren: Die Ablehnung jeder Stichwahlhilfe an bürgerliche Kandidaten wirkt lehrhaft im Sinne des Klassenkampfprinzips, das ist ihr unleugbarer Vorteil. Hier wird durch die Tat klar gemacht, daß die Sozial⸗ demokratte in ihrem Wesen von den bürger⸗ lichen Parteien völlig verschieden ist. Diese Ablernung hat aber auch den ebenso unleug⸗ baren Nachteil, daß ste die Klassenkampfstellung unserer Gegner unmittelbar stärkt, den schlimmsten von ihnen zum augenblicklichen Vorteil dient, uns die Möglichkeit nimmt, einen Keil in die Reihe unserer Feinde zu stoßen, sie gegenein⸗ ander auszuspielen und durcheinander zu treiben. Diese Möglichkeit ist aber nur vorhanden, so⸗ bald die Massen hinreichend geschult sind, um zwischen der unverrückbaren Prinzipienstellung der Partei und den wechselnden taktischen Situ⸗ ationen unterscheiden zu können. In der Sicher⸗ heit und Zähigkeit des Willens zum Ziel und in der Fähigkeit, sich auf dem Wege dahin schnell veränderlichen Situationen ebensoschnell anzupassen, besteht die Stärke der Partei. Das Prinzip ist hilflos ohne Taktik, die Taktik sinnlos ohne Prinzip. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen der„Bewegung“ und dem„Endziel“. Dem Endziel verdankt die Bewegung ihre Richtung, ihre Ordnung und ihre Stoßkraft. Aber auch das Endziel wäre ohne die Bewegung nichts als ein bloßer Philosophentraum. Kein System der Politik, das den Namen eines solchen verdient, kann auf diesen in der Zukunft und in der mensch⸗ lichen Vorstellungskraft sicher ruhenden Punkt verzichten, der der praktischen Arbeit ihren Kurs weist. Im System der sozial demokratischen Politik aber ist das Endziel mehr als ein„un⸗ erreichbares Ideal“, denn aus der Erkennt⸗ nis der bestehenden Zustände hat ste die wissen⸗ schaftlich begründete Zuversicht geschöpft, daß es nur einer Reihe taktisch geordneter mensch⸗ lich politischer Willensakte bedarf, um das zu. erreichen, was unserer zeitlich beschränkten Vor⸗ stellung als höchstes und letztes Ziel der Vollen⸗ dung erscheinen muß. Politische Hundschau. Gießen, den 13. September 1906. Schmarotzer. 60 Millionen Mark Tantiemen sollen nach Schätzungen in Fachkrelsen die in Deutschland vorhandenen 5000 Aktiengesell⸗ schaften an rund 20000 Aufsichtsratsmit⸗ glieder jährlich zahlen. Die Frage nach der Gegenleistung beantwortet der„Deutsche Oeko⸗ nom“ in folgender Weise:„Die den Aufsichts⸗ ratsmitgliedern vom Gesetz zugewiesene Aufgabe, die Verwaltung der Gesellschaft in allen Teilen zu überwachen, wird nicht erfüllt und kann in größeren Betrieben nicht erfüllt werden, weil der reguläre Betrieb durch eine so eingehende Kontrolle in ganz unzulässiger Weise gestört würde und weil die Inhaber dieser Aufsichts⸗ ratsstellen, und zwar der wichtigsten, zu ein⸗ gehender Kontrolle gar nicht die nötige Zeit neben den Arbeiten ihres Hauptberufes finden können. In der Prapis ist die eee keit des Aufsichtsrates bei allen größeren Gesell⸗ schaften durchaus Neben- und Formsache.“ Diese Herren sind Paraftten der schlimmsten und verächtlichsten Art, zumal ihre Tantiemen Blutgeld sind, das der ehrlichen Arbeit ab⸗ gepreßt wird. Aus dem Kolonialsumpfe. Schundware von Tippelskirch und Co. Kürzlich brachte der„Hannoversche An⸗ zeiger“ einen längeren Artikel, worin mitgeteilt war, daß im Herbst vorigen Jahres eine mili⸗ tärische Kommission, die unter dem Vorsitze eines Oberleutnants in Windhuk in Südwest⸗ afrika zusammengetreten war, um über die Erfahrungen mit den von Tippelskirch gelteferten Uniformen und Lederzeug Bericht zu erstatten, sich sehr abfällig über das Material ausge⸗ sprochen hat. Es heißt darüber: „Das Lederzeug erwies sich als nicht haltbar. Es kam vor, daß Gewehrschuh⸗ riemen und andere Lederbestandtelle nach kurzer Benutzung rissen. Auch die Stiefel trugen sich nicht gut. Selbst wenn man berücksichtigt, daß auf den harten, scharfen Steinen, die in Südafrika häufig sind, das Leder stark mitge⸗ 0 Vor len. 11 gelt 0 vefl⸗ die fel 12 . 101 10 10 10 üht, 1 0 Nr. 37. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. —— CCͤĩ⁵˙1¾w1.1.. ᷣ ⁰.—— Se ite 3. nommen wird, muß es doch auf schlechte Be⸗ schaffenheit schließzen lassen, wenn die Sohlen oft nach acht Tagen, in Einzelfällen nach zwei bis drei Tagen durchgelaufen waren. Der betreffende Bericht, dessen Abschrift in Windhuk bei den Akten liegt, ist seinerzeit an das Oberkommando der Schutztruppe, bei dem auh der Major Fischer beschäftigt war, abgegangen. Man hat aber nie etwas von den Folgen dieses Berichts gehört. Woran mag das liegen? Die vielfach schlechte Qualität der teueren Tippelskirchschen Lieferungen ist in der Kolonie Gegenstand allgemeiner Klage.“ „Das ist ja bald wie bei den Russen, die im türkischen Kriege die Soldaten mit Schuhwerk aus Pappdeckel ausstaffiert hatten! Die Reichsregierung wäre schließlich besser daran gewesen, wenn stie die Kriegsausrüstung bei Schmoller oder einem andern der vielangefein⸗ hätte Warenhäuser oder„Ramschbazare“ gekauft ätte! Agrarisch⸗konservative Handwerker⸗ freundlichkeit. Daß es mit der angeblichen Handwerker⸗ freundlichkeit der Agrarier Schwindel ist, zeigt sich wieder einmal im schönsten Lichte in einer Notiz der„Korrespondenz des Bundes der Landwirte“, die geradezu auf eine Bäcker⸗ hetze gerichtet ist. Wegen der hohen Fleisch⸗ preise haben die Agrarier die Metzger denunziert. Wird das Brot teurer, so müssen die Bäcker⸗ meister herhalten. Das hat den Konservativen vor nunmehr 28 Jahren— woran die„Berl. Volksztg.“ erinnert— Fürst Bismarck vorge⸗ macht, der damals besonders den Berliner Bäckerweistern vorwarf, sie wollten zu schnell Hausbesitzer werden; darum nähmen sie mög⸗ lichst viel Geld für möglichst kleine Backware. So beschuldigt die neueste Nummer der„Korre⸗ spondenz des Bundes der Landwirte“ die Ber⸗ liner Bäckermeister, daß nur ste allein an der Teurung der Backwaren schuld seien. Auf diese Weise will das agrarische Organ die Tatsache hinwegtäuschen, daß die agrarische Zoll⸗ und Liebesgabenpolitik die Hauptursache der Lebens⸗ miltelverteurung ist. Gescheitelte und Geschorene. Kürzlich hatten die Seelenhirten von der evangelischen Richtung in Dresden ihren „Tag“. Von großer Bedeutung sind ihre Ver⸗ handlungen und Beschlüsse gerade nicht. Die Vertreter der Kirche suchen eben nach Mitteln, der mehr und mehr um sich greifenden Kirchen⸗ flucht zu begegnen. Sie können sich der Er⸗ kenntnis nicht verschließen, daß die Kirche bei den Massen immer mehr an Boden verliert; höchstens gelingt es der katholischen Kirche noch, größere Massen gehorsamer Schäflein unter ihrer Obhut zu halten. Auch über ihre Stel⸗ lung zur Sozialdemokratie verhandelten die Herren Pfarrer, wozu ihnen der„Fall Korell“ Veranlassung gab, der im Anschluß an die Darmstädter Wahl spielte. Ganz einig war man allerdings nicht. Ein Pfarrer Arper hatte den Mut, es für verfehlt zu halten, einen Be⸗ schluß gegen die Sozialdemokratie zu fassen. Ein solcher Beschluß werde den sozialdemo⸗ kratischen Führern willkommene Gelegenheit bieten, offen gegen die Kirche und den Pfarr⸗ staud vorzugehen. Arper ahnte also, daß allein die Kirche die Leidtragende sein wird, wenn Pfarrer Arm in Arm mit den Wanderaposteln des Reichsverbandes marschieren. Pfarrer Wahl aus Langen kanzelte aber seinen Bruder in Cheisto in unsanften Tönen ab. Der Fall Korell ist dem Manne zu kitzlich,„da er für die öffentliche Meinung nicht genügend geklärt“ sei. Wahl meinte aber, daß die Geistlichen nicht das Machtbewußtsein der Sozialdemokratie stärken dürften, die die religtösen wie sittlichen Grundlagen unseres christlichen Volkslebens tat sächlich zu zerstören sucht. Und ein Lizentiat Schäfer aus Remscheid gab folgende Weisheit von sich: Der Geistliche sei verpflichtet, das Zukunftsparadies der Sozialdemo⸗ kraten als Unsinn„das es doch sei“ zu bezeichnen. — Für was er sein„Paradies“ hält, von dem er seinen Gläubigen predigt, sagte er nicht. Es gibt Leute, die darüber eigene Ansichten haben.— Kurz, es wurde dort bei den Ge⸗ scheitelten gerade so gegen die Sozialdemokratie gewettert, wie vor Kurzem in Essen bei den Geschorenen, auf dem Katholikentage. Lassen wir die Herren. Beiden wird es nicht gelingen unsere Bewegung niederzukämpfen. Die sozialdemokratische Gräfin. Die englische sozialdemokratische Federation hielt am Dienstag vor 8 Tagen in London eine große Versammlung ab, in der die Gräfin Warwick sprach. Sie unterstützte eine Reso⸗ lution, in der es hieß, daß eine unabhängige Arbeiterpartei notwendigerweise den Sozialismus zur Basis haben müsse. Die Gräfin kam dabei auch auf ihre eigene Person zu sprechen. Sie sagte, daß ste von ihrer eigenen Klasse wegen ihres politischen Standpunktes viele Angriffe zu erdulden habe, was ihr aber am meisten weh tue, das sei das Mißtrauen, das ihr aus den Reihen derjenigen entgegengebracht werde, denen ste ehrliche und treue Kameradschaft biete. Vielleicht, so meinte sie, würden ihre sozialisti⸗ schen Freunde mit weniger Mißtrauen zu ihr blicken, wenn sie erst den Ernst ihrer Absichten und Grundsätze bewiesen habe.— Darin mag die gräfliche Genossin Recht haben. Kleine politische Nachrichten. Zur Ersatzwahl in Döbeln haben die Frei⸗ sinnigen beschlossen, den Stadtverordneten Lehrer Beck aus Dresden aufzustellen. So ist's also nichts mit dem gemeinsamen bürgerlichen Kandidaten. Aus dem Lande des Ochsenkopfes. Die Regierungen der beiden mecklenburgischen Großherzog⸗ tümer verboten die Abhaltung des sozialdemokratischen Parteitages für die beiden Mecklenburg auf Mecklen⸗ burger Gebiet. Der Parteitag findet deshalb in Lübeck statt. Unsere Bewegung aufzuhalten, wird selbst den Gewaltigen in Mecklenburg nicht gelingen. Die Jungliberalen hielten am Sonntag in Hannover einen Delegiertentag ab. Man diskutierte lebhaft über das allgemeine Wahlrecht, gegen das sich eine ganze Reihe Redner erklärten! Der junge Liberalismus taugt so wenig wie der alte! Soziales. Kinderausbeutung in der Landwirt⸗ schaft. Ueber himmelschreiende Ausnützung von Dienstkindern in landwirtschaftlichen Betrieben läßt sich der„Schwarzwälder Bote“, ein der nationalliberalen Partei nahestehendes weilver⸗ breitetes württembergisches Blatt, von einem Lehrer berichten. Der Lehrer beobachtete, wie eines Tages ein sonst ordentlicher Schüler sich nur mit Mühe wach erhielt und nach kurzer Zeit einschltief. Der Lehrer ging der Sache gewissenhaft auf den Grund und gelangte durch Umfrage bei den Bauern zu folgendem Ergebnis: „Der 11 Jahre alte Knabe mußte um ½3 Uhr in der Frühe aus dem Bette; Feterabend gab tes erst wieder nachts 1½11 Uhr! Es war also dieser nicht sehr entwickelte Knabe volle 20 Stunden im strengen Erntedienst.“ Der Lehrer konstatiert dann weiter, daß bei allen übrigen Dienstbuben die Verhältnisse ganz gleich liegen, erklärt unter solchen Umständen die Schule außerstande, Entsprechendes zu leisten, und be⸗ dauert das Fehlen einer gesetzlichen Handhabe, um solchen himmelschreienden Zustän den begegnen zu können. Zum Schluß meint der Lehrer dann:„Der muß hart werden!“ hört man oft den Unverstand reden. Ja, diese bedauerns⸗ werten Dienstbuben werden so„hart“, daß ste mit 17 Jahren steif und krüppelig, mit 40 Jahren aber Greise sind.— Und der Schauplatz dieser schandbaren, durch einen unverdächtigen Zeugen festgestellten Ausbeutung ist das fromme katholische Oberschwaben, die Domäne der großen Zentrumspolitiker Gröber, Erzberger u. a. Während man die schönen Worte des christlichen Welterl ösers:„Lasset die Kindlein zu mir kommen“ heuchlerisch zwischen den Zähnen murmelt, saugt man eben diesen Kindern Mark und Herzblut aus dem Leibe und zerstört ihnen rücksichtslos die sonnige Jugendfreude. — Revolution in Rußland. In der sibirischen Eiswüste. In einem Bezirk des Kreises Kolymsk Gakutengebiet in Sibirien) haben vor einigen Monaten sämtliche Tschuktschen, welche die ein⸗ heimische Bevölkerung des Bezirks bildeten, auf einmal Selbstmord begangen. Ihre Renntiere nämlich waren zugrunde gegangen; sie hatten keinen andern Ausweg als den Tod. Unter solchen Tschuktschen und den stamm⸗ verwandten Jukagiren hat auch der Schriftsteller Tann als politischer Verschickter gelebt. Da geschah es zum Beispiel, daß zwei Jukagiren⸗ familien, von Hunger getrieben, zuerst ihre Kinder und dann einander aufgegessen haben. Ein Knabe ist durch Zufall diesem Schicksal entgangen. Seine Erzählungen waren entsetzenerregend. Am längsten hatte eine alte Frau gelebt; vor dem Tode wurde ste wahn⸗ sinnig und starb mit einem Stück Menschenfleisch in der Hand; so wurde sie später von vorüber⸗ ziehenden Nomaden aufgefunden— bei einem ausgegangenen Feuerstoß, vor den Resten ihres entsetzlichen Essens, war sie erfroren. Einige Jahre später ist das ganze zahlreiche Geschlecht, zu dem diese Jukagiren gehörten, des Hungers gestorben. In den früheren Jahrhunderten lebten diese wilden Völker inmitten der rauhen Natur, ohne zugrunde zu gehen. Aber die Raubwirtschaft des Zarismus, die Streifzüge der Kosaken, die die Pelztiere ausrotteten, die Steuern, die Exekutionen, die Ausbeutung der Urbevölkerung— dies alles brachte die Ur⸗ stämme zu einem chronischen Hungertod. Es kommen dahin Auswürfe der russischen Bureau⸗ kratie als Machthaber, Isprawniks, Kosaken⸗ offiztere, Polizisten, Popen, deren Lieblings- beschäftigung Saufen ist. In diese Polarhölle werden schon 25 Jahre lang„Unzuverlässige“ ohne Gerichtsurteil verschickt. In Kolymsk lebte Taun 8¼ Jahre lang. Ein ähnlicher Verbannungsort ist Turuchansk am Jenissej, wohin jetzt Parvus und Deutsch trans- porttert werden. Die Verschickten leben nicht besser als die Einheimischen; sie sterben an Hunger und Kälte. „Wir waren über 50 Personen stark“, erzählt Tann,„wir hatten ein halbzerfallenes Haus als Zufluchtsstätte; wir hatten russische Winter⸗ pelze, Schafsfellmützen, gestrickte Handschuhe an; mit solchen Kleidungssachen war es sogar schwer gewesen, bis Kolymsk zu gelangen, ohne zu erfrteren. Wenn wir einen Feuerstoß erreichten, steckten wir die Hände ins Feuer hinein und heulten vor Schmerz, bis unsere Hände auf⸗ lauten.“ Ewiger Hunger herrschte. Roggen⸗ mehl kostete 40 Kopeken(90 Pfg.) pro Pfund, und die Verschickten hatten Schulden statt Geld. Wir aßen verfaulten Fisch, gefrornes Fleisch, rohe gefrorne Fische; es war aber von allem viel zu wenig, die Portionen waren winzig klein.„O Gott, wie haben wir gehungert!“ ruft Tann aus.„Am meisten hungerten wir im Frühling. Alle Lebensmittel sind aufge⸗ gessen worden, es gibt kein Fleisch, Fisch ist beinahe zu Ende, Fett ist nicht mehr da. Alle hungern, sogar der Isprawnik und die Popen. Die Hunde fallen vol Schwäche; die einen krepieren vor Hunger, die andern fressen ihre Leiber. Ich riß einmal das Leder von der Tür weg, und zwei Tage lang kochten wir davon Suppe. Wir suchten uns schwarze Klumpen verfaulten Mehls zusammen, die aus Speichern herausgeworfen waren, und machten davon Kuchen.“ In solchen Polarhöllen quält der Zarismus die Besten des russischen Volkes, die für bessere Zustände in ihrem Vaterlande kämpften, zu Tode und auch Parvus und Deutsch werden dort schmachten müssen. Man sollte doch meinen, es hätte den Genossen gelingen müssen, die beiden zu befreien! Eine neue Judeumetzelet hat in Siedlcee, einer Stadt in Russisch⸗Polen, statt⸗ gefunden. Am Samstag waren zwei Soldaten in der Nähe eines Schnaps⸗Monopolladeus er⸗ schossen worden. Darauf umzingelten sofort zahlreiche Infanteriepatrouillen die Häuser, aus denen die Schüsse gefallen waren, und gaben mehrere Salven ab. Gleichzeitig begannen —ͤ———————.—— Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung⸗ Nr. 37. beurlaubte Soldaten des Libauer Regiments, das schon in Rußland an Strafexpeditionen beteiligt war, mit der Zerstörung und Berau⸗ bung jüdischer Läden. Als die Laden⸗ besitzer sich mit Revolverschüssen zu verteidigen suchten, veranstalteten die Soldaten ein allge⸗ meines Judenmassaker. Auf alle Straßenpassanten und auf Hauseinwohner, die am Fenster erschienen, wurde sofort geschossen. In sechs verschiedenen Stadtvierteln brachen Feuersbrünste aus. Niemand wurde in die Stadt hinein⸗ oder herausgelassen. Am Dienstag wurde aus Warschau weiter berichtet, daß die Judenhetze in Siedlee offen⸗ bar vorbereitet war. Große Banden Fremder, angeblich Beurlaubter, nahmen neben den Soldaten tätigsten Anteil daran. Die Opfer werden nach Hunderten gezählt.— Am Montag früh wurde mit Kanonen geschossen. Durch zwölf Schüsse wurden vier Privathäuser gänzlich zerstört. Etwa 150 jüdische und einige polnische Läden sind zerstört und beraubt worden. Die Soldaten verkaufen die geraubten Gegenstände halb um⸗ sonst. Die Zahl der erschossenen und ermor⸗ deten Juden wird auf hundert geschätzt, die der Verletzten ist viel größer. Aus allen christlichen Wohnungen wurden Heiligenbilder herausgehängt. Das Verlassen der Stadt wird durch den Truppenkommandanten nur wenigen Christen gestattet, den Juden wird es untersagt. Etwa 1000 Personen wurden verhaftet und viele von ihnen durch die Soldaten schrecklich geschlagen. So verfahren die zarischen Bestien mit Wehrlosen und vielleicht auch gänzlich Unbe⸗ teiligten. Es ist sehr erklärlich, wenn diese dann zur Bombe greifen. Bomben. In dem Fabrikort Zyrardow wurden am Montag von Unbekannten gleichzeitig zwei Bomben geschleudert, die wit weithin hörbarem, furchtbarem Getöse explodierten. Durch die eine, welche man auf dem Markt gegen acht Polizisten geworfen hatte, wurden zwei Schutzleute tötlich, die sechs andern leichter verletzt. Sofort waren Infanterie und Kosaken zur Stelle, die zahlreiche Salven nach verschiedenen Seiten abfeuerten und vierzig unbeteiligte Einwohner töteten. Viele der Verletzten wurden noch nachträglich durch das Militär erschossen.— In Grodno wurde der Gendarmerie⸗Oberst erschossen.— In Odessa wurde die Attentäterin Schakermann, die gegen den Poltzeiofftzier Poltawischenko, einen Teilnehmer an den Judenkrawallen, eine Bombe geworfen hatte, zum To de verurteilt. — Ein weiteres Todesurteil wurde am Sonntag gegen die Konopliannikova, die den General Minn tötete, vom Petersburger Militärgericht ausgesprochen. Das Zentral- komitee der sozialrevolutionären Partei macht durch ein Flugblatt bekannt, daß General Minn auf das Urteil der Partei hin getötet wurde. General Rtemann, der gleich⸗ falls an der Moskauer„Strafexpedition“ be⸗ teiligt war, verließ nach Blättermeldungen eilig das Land, als er von dem Attentat auf General Minn erfuhr. Statistik der Zaren⸗Opfer. Nach einer Aufstellung wurden von Februar 1905 bis Mai 1906(ohne März 1905) in Rußland getötet: 13650, verwundet: 12 828 und hin⸗ gerichtet 1159 Menschen. Die Vertreter der Regierung hatten 720 Getötete und 810 Ver⸗ wundete zu verzeichnen. Pon Nah und Lern. Hessisches. — Noch ein sozialdemokratischer Beigeordneter wurde am Donnerstag in Kelsterbach a. M. gewählt. Unser Genosse Kilbert siegte mit 217 Stimmen über den bisherigen Beigeordneten Bausch, der nur 176 Stimmen erhielt. Nun harren also drei der Bestätigung: außer Kilbert noch die Genossen Zahn⸗ Mühlheim und Eißner t⸗Offenbach, Regierung sich verhalten wird, ob sie die Gleich⸗ berechtigung aller Staatsbürger anerkennen wird. Hehl und die Antisemiten. Der Lederkönig v. Heyl in Worms erklärt zu der neulich durch die Presse gegangenen Nach⸗ richt, daß er 10000 Mk. dem Bündlerblatte in Friedberg zur Verfügung gestellt habe, folgendes:„Die Freisinnige Zeitung schreibt, daß ich mich an dem antisemitischen Blatte in Marburg beteiligt habe. Ich erkläre diese Nachricht für eine willkürlich er⸗ erfundene Uuwahrheit.“— Wir wissen nicht, bemerkt das Offenb. Abendblatt, ob die Frei⸗ sinnige Zeitung sich den Scherz erlaubt hat, durch eine falsche Behauptung Herrn v. Heyl zum Reden zu bringen, aber wir und die ganze Oeffentlichkeit weiß, daß in bündiger Form gesagt worden ist, Freiherr v. Heyl habe einen ansehnlichen Betrag gezeichnet zur Umwandlung des Friedberger antisemitisch⸗bündlerischen Wochenblättchens in ein Tageblatt. Das De⸗ menti ist also von der Art, daß es in der Nordd. Allg. Zeitung stehen könnte: Es be⸗ stätigt die behauptete Förderung des Antise⸗ mitismus mit Geldern des Lederkönigs von Worms! Der nationalliberale Führer als 0 der Radau⸗Antisemiten, ein schönes FFFFTTCCCVCVVCVVTTVVTVTT———— Vom 1. Oktober an erscheint täg⸗ lich in Gießen die Oberhessische Volkszeitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. 2 Probenummern gelangen vom nächsten Samstag, den 22. September ab zur Aus⸗ gabe und werden überall im bisherigen Ver⸗ breitungsgebiete der Mitteldeutschen Sonn⸗ tags⸗Zeitung verbreitet. Unsere Parteifreunde wollen bei der Verbreitung nach besten Kräften behilflich sein und ebenso sich die Werbung von Abonnenten angelegen sein lassen. Besonders ist es Aufgabe der Vor⸗ stände unserer Parteivereine hierbei regelnd und fördernd einzugreifen. Bestellungen wolle man vorläufig an die Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung, später an die Expedition des neuen Blattes, Neustadt Nr. 14 gelangen lassen. Inserate nehmen die erwähnten Stellen ebenfalls entgegen. Der Abonnementspreis beträgt monatlich 60 Pfennig frei ins Haus, wöchentlich 15 Pfg. Parteigenossen, Arbeiter! Seid unermüdlich tätig für Euer Blatt! — Gießener Angelegenheiten. — Der Bierkrieg wird in Frankfurt, Hanau, Offenbach, Mainz und anderen Orten des Maingaues mit aller Schärfe weitergeführt und der Blerkonsum ist auf ein Minimum zurück⸗ gegangen. Den Brauereien wird natürlich da⸗ durch ein gewaltiger Schaden zugefügt, den sie sich aber selbst zuzuschreiben haben. In Frank⸗ furt und Hanau sind Verhandlungen im Gange, die auf eine Verständigung ta der Frage abzielen. — Der Konsumverein für Gießen und Umgebung hat auch im verflossenen Geschäftsjahre wieder gute Resultate aufzuweisen. Seine Mitgliederzahl stieg von 365 auf 520; in einem noch stärkeren Verhältnis stieg aber der Umsatz, nämlich von 43000 auf 70000 Mk., wobei ein Reiagewinn von zirta 8900 Mk. er⸗ zielt wurde. Der am 30. September statt findenden Generalversammlung soll vorgeschlagen werden, vom Reingewinn über 3000 Mk. für Rücklagen, Reservefonds ꝛc. aufzuwenden und 5 Prozent Rückvergütung auf entnommene Waren an die Mitglieder auszuzahlen. Da die schon vor längerer Zeit gewählt wurden. Man darf gespannt darauf sein, wie die„liberale“ außer dem oben angeführten Umsatz im eigenen Geschäften gekauft wurden, werden insgesasmnt etwa 6000 Mk. an die Mitglieder zur Aus⸗ zahlung gelangen. — Der Referentenkursus, den Gen. David am Sonntag abhielt, war recht gut besucht und die Zuhörer folgten aufmerksam den interessanten Darlegungen des Vortragenden, die eine Fülle des Wissenswerten und Belehrenden boten. Natürlich muß jeder den Willen zum Lernen mitbringen, wenn er den Kursus mit Nutzen besuchen will und muß auch fernerhin eifrig und ernsthaft an seiner Weiterbildung arbeiten und bestrebt sein, seine Kenntnisse zu erweitern. Es kann ihm hierbei nur gesagt werden, was und wie er lernen soll. Diesen Sonntag findet der zweite Kursus statt, zu dem sich die Teilnehmer wiederum pünktlich 9 Uhr morgens im Orbig'schen Lokale einfinden wollen. — Eine öffentliche Tabakarbeiter⸗ versammlung findet diesen Samstag, abends 9 Uhr, im„Wiener Hof“ statt. Frau Kkesel⸗ Berlin wird sprechen über:„Neue Tahaksteuer in Aussicht“. Die Tabakarbeiter und ⸗Arbeiter⸗ innen werden zu dieser Versammlung freund⸗ lichst eingeladen und ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. Im Uebrigen ist natürlich jedermann freundlichst willkommen. — Eine Frauen versammlung findet nächsten Mittwoch, den 19. September, abends 9 Uhr, im oberen Lokale des„Wiener Hofs“ statt. Es wird ein Vortrag gehalten werden über:„Licht⸗ und Schattenseiten des Sparens“. — 101 Jahr alt wird am 1. Oktober Herr Geometer Euler, der älteste Einwohner Gießens. Der alte Herr erfreut sich noch guter Rüstigkeit, die wir ihm auch fernerhin wünschen. 1. Der Streik auf der Gail'schen Dampf⸗ ziegelei dauert unverändert fort. Von Seiten gewisser Leute wurde diese Woche das Gerücht verbreitet, der Streik sei beendet, Herr Gail hätte alles bewilligt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Herr Gail hat zwar erklärt, daß er vor dem Gewerbegericht als Einigungsamt mit den Streikenden verhandeln wolle, jedoch haben bis jetzt noch keine Verhandlungen stattgefunden. Von der Streik⸗ leitung wurde diese Woche nochmals Anregung gegeben, bis jetzt ist aber noch keine Antwort erfolgt. Wie es scheint, will Herr Gail die Sache so lange hinausschieben, bis sich noch mehr Streilbrecher gefunden haben, weil er dann eine günstigere Position hat. Wir richten an alle denkenden Arbeiter das dringendste Ersuchen, nicht zum Streikbrecher zu werden. Vielmehr hat jeder die Pflicht, den Zuzug fern zu halten, bis der Kampf be⸗ endet ist. Aus dem Rreise gießen. 1. Wieseck. In der Zigarrenfabrik Noll haben 1 die Wickelmacherinnen die Arbeit niedergelegt, weil die Firma den bewilligten einen Pfennig für das Pfund Einlage zu entrippen nicht auszahlte. Wegen des geringen Lohnes find keine Leute zum Entrippen mehr zu bekommen. 40 — Das Turnfest in Altenbuseck hatte einen recht zahlreichen Vesuch zu verzeichnen, namentlich waren die Turngenossen aus Gießen und Wieseck stark vertreten. Von prachtvollem Wetter begünstigt, nahm das Fest den besten Verlauf. r. Watzenborn⸗Steinberg, Der sozialdemo⸗ kratische Wahl verein hielt am Sonntag seine gut besuchte Versammlung ab. Zunächst erstattete der Dele⸗ gierte Bericht von der Landeskonferenz. In der sich an den Bericht anschließenden Diskusston wurden von allen Genossen die Beschlüsse der Landeskonferenz, in erster Linie die Zustimmung für die Schaffung unserer neu erscheinende Tageszeitung mit Freuden begrüßt. Von allen Genossen wurde darauf hingewiesen, daß es für uns jetzt Zeit wäre die Agitation für das neu er⸗ scheinende Arbeiterblatt mit aller Energie zu betreiben. Beschlossen wurde mit dem Erscheinen der ersten Nummer eine plaumäßige Hausagitation vorzunehmen. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Wohltaten. Neulich schwang sich der Gruben besitzer und Stadtvater Raab zu einer hochherzigen Handlung auf. Er überließ der Kantine seiner Gruben⸗ arbeiter einen Transport Kartoffeln aus seinem Privat? keller. Das wäre gewiß aller Ehren wert; leider waren aber die Kartoffeln für menschlichen Genuß durchaus nicht geeignet, denn fie stammten noch vom vorigen Jahre und wiesen alle Mängel alter Kartoffeln auf. Für die Proleten wären sie jedenfalls noch längst gut gewesen, aber die Gesellschaft wird immer unzufriedener Geschäft noch für 39 000 Mk. Waren in andern und üppiger bei ihren vollen Kompottschüsseln. . — II 5 en at sun dan, aden I dung . fat ien dem Uhr leg, ter. end esel teuer eiter. eund⸗ 0 zu mann ung ber, diener galten 1 dez ltober ohner guter schen. ampf⸗ geuser et, der Dies erllür, nt ut is jezt Strel⸗ geben, Wie ez schebel, 1, wal, ten al „ nich der die f be⸗ r— Nr. 37. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. —— Seite 5. W. Gesundheitsschädliche Arbeitsräume. In dem was in vorigen Nr. über die Arbeitsräume der Firma Mo mma gesagt wurde, muß noch einiges hinzugefügt werden. Besonders über ungenügende Venti⸗ lation haben sich die Arbeiter beschwert, ohne daß Ab⸗ hilfe geschaffen wird. Der Rauch zleht so schlecht ab, daß die Arbeiter oft und lange in Qualm arbeiten müssen. Infolgedessen läßt der Gesundheitszustand zu wünschen übrig; starben doch in verhältnismäßig kurzer Zeit vier Mann im besten Mannesalter an der Schwind⸗ sucht! Daß dadurch furchtbares Elend über die Familien gebracht wird, sollte sich der Inhaber der Firma, Herr Stadtverordnete Coers, doch vor Augen führen und Besserung herbeiführen. Aber auch die Arbeiter sollten sich besser darum bekümmern und vor allem sich der Gewerkschaft anschließen, die in der Lage ist, Wandel zu schaffen. * Die Kriegervereins⸗Festrede. Wir er⸗ wähnten neulich, daß am„Sedantage“ der Lehrer Petri eine Festrede im Kriegerverein hielt. Wie alle solche Produkte brachte auch diese das Amtsblatt ausführlich und wir ersehen daraus, daß sich die Schulmeister⸗Rede auch angelegentlich mit der Sozialdemokratie beschäftigte. Gleich am Anfang entrüstete sich Herr Petri üver unsere Partei folgendermaßen:„Geht doch ein böser, vaterlands⸗ feindlicher Geist in den deutschen Landen um, ein Geist des Hasses und des Aufruhrs wider alle Autorität, der neuerdings sogar eine planmäßige Wühlerei unter unserem jungen Nachwuchs entfachen will, als deren Ergebnis eine Art soztaldemokratischer Jugendwehr und sozialdemokratischer Kindergärten erstehen sollen.“— Dem solle die Sedanfeier entgegen wicken. Herr Petri mag sich über die Wirkung nur keinen allzugroßen Hoffnungen hingeben. Die Sozialdemokratie ihrerseits wird darüber ruhig bleiben und weiter arbeiten. Ob Herr Petri übrigens schon einmal einen Blick in die sozialistische Literatur geworfen hat, bezweifeln wir stark, er würde sonst objektiver urtellen und nicht einfach abgedroschene Phrasen nachbeten. Er verglich dann das römische Reich mit dem heutigen Deutschland, welcher Vergleich natürlich zu Gunsten des letzteren ausfiel. Es gibt sehr tüchtige und gelehrte Leute, die ganz anderer Meinung sind, und zwar der, daß die heutigen sozlalen Zustände nicht besser als im alten Rom sind. Unermeßlicher Reichtum auf der einen Seite, Entbehrung, Not auf der andern! „Diese Reichtümer waren in den Händen weniger, während die Massen nach Brot schrien. Daraus er⸗ wuchsen sittliche Schäden, welche auf die Entwicklung und Kraft des Staates die verderblichsten Wirkungen übten.“ Was Herr Petri hier vom römischen Reiche sagt, haben wir genau so in Deutschland. Er gibt das ja auch weiterhin zu, aber mit der„christlichen Liebe“ wird keine Besserung geschaffen. Nur die Verwirklichung des Sozialismus bringt allgemeine Wohlfahrt, ein gesundes und freies Volk! Aus dem RNreise Marburg⸗Kirchhain. * Ueber die Preissteigerung der Lebens⸗ mittel beklagte sich ein Beamter in der„Hessischen Landeszeitung“. Er rechnet vor, daß er für die not⸗ wendigsten Lebensmittel bet seiner aus 7 Personen be⸗ stehenden Familie 20 2 Mk. jährlich mehr aufwenden müsse als seither und für den ganzen Haushalt betrage die Mehrausgabe 4— 500 Mk. Die Rechnung mag schon ungefähr stimmen. Nicht zutreffend ist aber, wenn der Beamte sagt: „Während die Handwerker und Gewerbetreibenden die entstehenden Mehrausgaben dadurch zum Teil decken, daß der Preis der Erzeugnisse und Waren entsprechend erhöht wird, während der Arbeiter unter Hinweis auf die Verteuerung der Lebens weise leichter eine Lohnerhöhung erwirken kann, stehen dem Beamten keine Mittel zur Seite, sein Einkommen zu verbessern und die entstehenden Mehrausgaben zu decken.“ Jawohl, der Arbeiter kann„leichter eine Lohnerhöhung bewirken“! Hätte der Mann eine Ahnung, welche Kämpfe die Arbeiter durchführen müssen, um 1 oder 2 Pfennige Erhöhung des Stundenlohnes zu erreichen, so würde er den Satz nicht niedergeschrieben haben. Wochen⸗ lang muß gestreikt werden, Opfer und Entbehrungen aller Art müssen die Arbeiter auf sich nehmen, bis die Unternehmer einen Pfennig zulegen! Das hat man ja erst kürzlich bei dem Schreinerstreik gesehen, der zudem noch ungünstig für die Gehilfen verlief. Handwerker und Gewerbetreibende können vielleicht schon eher eine „Preiserhöhung ihrer Erzeugnisse“ eintreten lassen, immer geht's bei denen aber auch nicht, namentlich nicht in Gewerben, wo starke Konkurrenz herrscht. Vielfach find sie(und besonders die Kleinen) eben so schlimm und noch schlimmer daran als die Beamten.— Aber sind letztere nicht selbst schuld? Haben nicht die meisten Beamten die Wucherpolitik bei den Wahlen unterstützt und gegen die Sozialdemokratie gewettert, die jene volks⸗ feindliche Politik bekämpfte? Ob ste jetzt durch Schaden klug werden? „Eine Genossenschaftsbrauerei wollen die Marburger Gastwirte gründen. In einer General ver⸗ stattfindet, soll darüber Beschluß gefaßt werden, * Genosse Dr. Michels hat kürzlich von der Schweiz aus, wo er sich befand, in einer Eingabe an das Marburger Steueramt Protest gegen die jüngst er⸗ folgte Beschlagnahme seiner Bücher eingelegt, die er an den Genossen Härtling gesandt hatte. Das Steueramt hat die Broschüren übrigens sehr bald wieder heraus⸗ gegeben und dem Adressaten zugestellt. Man hat jeden⸗ falls eingesehen, daß die Konfiskation völlig ungesetzlich war. f. Nette„Studentenstreiche“. Ende Juli lockte der in der Wilhelmstraße 7 wohnhafte Student Siegfried May aus Zittau i. S. die 13 jährige Tochter eines Marburger Arbeiters in seine Wohnung, verschloß Türen und Fenster, machte die Gardinen zu, hob dem Mädchen die Röcke hoch und„drückte es fest an sich“, wie das Kind selbst erzählte. Auf heftiges Schreien ließ er schließlich sein Opfer laufen. Trotzdem die Polizei damals sofort zur Stelle war, ist gegen den Studenten nichts erfolgt, weil kein öffentliches Interesse vorliege. Allerdings hat der Vater gegen ein Zwanzig⸗ markstück von der Stellung eines Strafantrages abge⸗ sehen. Man ist ja längst gewohnt, daß Exzesse der Studenten und anderer„besserer“ Leute anders beurteilt werden, als wenn sich Angehörige des arbeitenden Volkes mal vergehen. Daß aber hier keine Verfolgung einge⸗ treten ist, muß denn doch allgemein befremden. Partei-Uachrichten. Zum Parteitage sind bereits 120 Anträge gestellt und im Vorwärts veröffentlicht worden. Die wichtigsten davon seien hier kurz inhaltlich wiedergegeben. Zum Bericht des Parteivorstandes wird von einer ganzen Anzahl Orte Vermehrung der Mitglieder des Parteivorstands beantragt. Die Frankfurter Genossen beantragen z. B.: Zusammenarbeiten zwischen Partei und Gewerkschaften. Der Parteivorstand ist um mehrere Mitglieder zu verstärken. Dabei ist der Frage näher zu treten, ob durch eine Personalunion oder auf anderem Wege eine ständige enge, an Zahl gleichmäßige Ver⸗ bindung des Parteivorstandes mit der Generalkommission der Gewerkschaften herbeizuführen ist. Die Breslauer verlangen eine umfassende Agi⸗ tation gegen den Militarismus. Zu„Presse“ beantragen Hanau, Kassel und andere Orte: Den Parteivorstand zu beauftragen, ein Flugblatt heraus⸗ zugeben, in welchem die Tätigkeit des Reichstages wäh⸗ rend der letzten Sesston kritisch beleuchtet wird. Die Vorstände der Wahlvereine werden gebeten, die etwa noch eingegangenen Gelder für den Preßfonds umgehend an H. Fourier, Ludwiostr. 12 ab⸗ zuliefern. Zum Parteisekretär für Hessen hat das Landeskomitee an Stelle des Anfang Oktober aus sein em Amte scheidenden Genossen Dr. David den Landtags⸗ abgeordneten Orb gewählt. Ein Arbeitersekretariat wird zum 1. November in Offenbach errichtet. Die Stelle des Sekretärs ist bereits ausgeschrieben. Versammlungskalender. Samstag, den 15. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 16. September. Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung im„Stadtpark“. Tages⸗Ordnung: Die hessische Landeskonferenz. Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags ½3 Uhr Versammlung bei Wirt Wagen bach. Tagesordnung: Agitation für die Presse. Ver⸗ schiedenes. Zahlreich erscheinen! Gleiberg⸗Krofdorf. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gastwirt Feuße r⸗Gleiberg. Launsbach. Oeffentliche Tabakarbeiter⸗ versammlung. Nachmittags 3 Uhr im Saale bei Wirt Ko mp. Montag, den 17. September. Gießen. Schneider verband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. T.⸗O.: 1. Kartell⸗ bericht. 2. Vortrag: Gewerkschaft und Partei. 3. Neuwahl der Ortsverwaltung. 4. Stiftungsfest. Dienstag, den 18. September. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends ½9 Uhr Sitzung bei Orbig. Duittung. Zur Unterstützung der Tabakarbeiter gingen ein von den Brauern: Liste Nr. 40, Mk. 9,30, L. 33, Mk. 14,10, L. 31, Mk. 20,15. Von den Maurern: Liste Nr. 8, Mk. 3,.—.— R. Heuchelheim. Olste Nr. 34, Mk.— 30. sammlung des Gastwirtevereins, die nächsten Dienstag Tätigkeit der Sozialdemofratie im Reichstage. Aus dem sehr umfangreichen Bericht,. 3— den unsere Reichstagsfraktion über ihre Tätigkeit in der letzten Session an den Mannheimer Parteitag erstattet, können wir des geringen Raumes wegen nur einige Auszüge wieder⸗ geben.— Nicht weniger als 35 Gesetzesvorlagen wurden dem Reichstage an den ersten beiden Sitzungstagen präsentiert, beginnt der Bericht, darunter die sehr umfang⸗ reichen,„Finanzreform“ titulierten Steuervorlagen und die Militär⸗Pensionsgesetze, von denen die verbündeten Regierungen wissen mußten, daß ihre Be⸗ ratung viel Zeit in Anspruch nehmen werde. Um so un verantwortlicher war daher die zu späte Einberufung des Neichsparlaments, die bei der Etatsberatung auch eine scharfe Kritik erfahren hat. In der Usus gewordenen späten Einberufung scheint System zu liegen, getragen von der Absicht, sowohl die Etatskritik wie auch die gesetzgeberische Initiative des Reichstags möglichst ein⸗ zuschränken, was, soweit die letztere in Betracht kommt, in der verflossenen Session in hohem Maße gelungen ist, denn sie war beinahe gleich Null, obwohl der Senioren⸗ konvent unter Zustimmung des Präsidenten zu Beginn der Session beschlossen hatte, die sogenannten Schwerins⸗ tage regelmäßig innezuhalten. Durch die drängenden Etats⸗ und Steuerberatungen wurde der Beschluß jedoch in der Praxis umgestoßen, ungeachtet des Umstandes, daß der Etat nicht rechtzeitig, d. h. bis zum 1. April, fertig gestellt werden konnte. Reichshaushalts⸗Etat für 19 0 6. Der Reichshaushaltsetat ist in Einnahme und Ausgabe auf 2406 274999 Mk., festgesetzt, und zwar im ordent⸗ lichen Etat auf 1898 421 152 Mk. an fortd auern den, 248 221 248 Mk. an einmaligen Ausgaben und 2 146 642 400 Mk. an Einnahmen. Im außer⸗ ordentlichen Etat beziffert sich Einnahme und Aus⸗ gabe auf 259 632 599 Mk. Der Etat fordert zur Be⸗ streitung einmaliger Ausgaben die Su mme von 254,7 Millionen, die auf dem Wege des Kredits flüssig zu machen find; ferner zur Verstärkung der Betriebsmittel des Reiches die Ausgaben von Schatzanweisungen im Betrage bis zu 275 Millionen Mark. Mit der Generaldebatte über den Etat wurde auch die erste Lesung der neuen, in schale Friedens versiche⸗ rungen einzewickelten Flotten forderungen(sechs große Kreuzer mit einem Kostenaufwand von 165 Mil⸗ lionen Mark), sowie der neuen Steuer vor lagen verbunden; die Debatte also außerordentlich mit Material belastet. Die einleitende Rede des Reichskanzlers brachte das Geständnis, daß die Finanzverhältnisse des Reiches traurige,„daß es so nicht weiter geht“. Sechs Jahre vorher hatte aber der damalige Reichsschatzsekretär v. Thielmann unter dem Beifall der bürgerlichen Par⸗ teien den gewissenlosen Satz aussprechen können:..„wir schwimmen im Golde.“ Es galt damals, die Milliarden⸗Flottenvorlage durchzudrücken. Daß der Reichs⸗ kanzler weder die wahren Ursachen der Finanzmisere er⸗ wähnte noch eingestand, nämlich die ungeheueren Rüst⸗ ungen zu Wasser und zu Lande und die Verschleuberung der Gelder für eine wahnsinnige Kolonialpolitik, war von ihm nicht zu erwarten, und sein kategorischer Aus⸗ spruch,„daß es so nicht weitergeht“, war selbstverständlich auch nicht gegen diese Politik gerichtet, vielmehr gegen die bisherigen Einnahmequellen, die erheblich vermehrt und ertragreicher gestaltet werden müssen.„Die zweck⸗ mäßigsten Objekte der Besteuerung seien die Genußmittel der Allgemeinheit“ und diese Erwägung mußte die Regierungen auf die in⸗ direkten Steuern führen, erklärte Fürst Bülow am 6. Dezember vorigen Jahres im Reichstage. Der Reichsschatzsekretär sang das von seinem Chef angestimmte Finanz⸗Trauerlied weiter; das Reich habe im Jahre 1905 rund 900 Millionen Mark Schatzan⸗ weisungen bei der Reichsbank diskontieren müssen, um nicht in Zahlungsschwierigkeiten zu kommen. Mehr Steuereinnahmen, mindestens 200 Millionen Mark, da⸗ rauf waren die belden Reden gestimmt. Und Preußens Finanzminister v. Rheinbaben versuchte zu„beweisen“, daß speziell auch die Arbeiterklasse die Neu⸗ belastung sehr wohl ertragen kann. Zu dieser famosen Behauptung hatte dem Minister irgend ein Geheimerat tolles Zeug von Angaben über das Ein⸗ kommen der Arbeiter und über deren angebliche enormen finanziellen Opfer für Partei- und Gewerkschaftszwecke unterbreitet. Aber auch der steuersüchtige preußische Finanzminister hat ein mitleidiges Herz im Leibe, wes⸗ halb er mit großer Wärme gegen die Heranziehung der Deszendenten und Ehegatten bei der vorgeschlagenen Erbschaftssteuer sprach. Dies zum Schutze der besitzenden Klassen, während er gleichzeitig au den Patriotismus des Volkes zur Behebung der Finanznot appellierte—, und zur selben Stunde, wo er im trauten Vereln mit den deutschen Regierungen Schikanierungssteuern für Handel und Gewerbe vorschlug. wie z. B. die Quittungs⸗ und Zigarettensteuern, uns — eine Erhöhung der Tabak- und Brausteuer, die vor⸗ —. Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗Zzunng. Nr. 37. wiegend die breiten und minderbemittelten bezw. armen Volksmassen treffen; oder wie die geforderte Erhöhung der Tabaksteuer, außerdem noch den Ruin tausender kleingewerblicher und proletarischer Existenzen bedeutet haben würde. Und die Behandlung der Steuervorlagen durch den Reich sztag bewies, daß die Mehrheitsparteien für eine solche Sorte Steuerpolitik Verständnis hatte, sie auch in der Tat umsetzte. Unser Feaktionsredner zur Generaldebatte bekämpfte aufs schärfste diese Steuerpolitik, wie die Finanzmiß⸗ wirtschaft überhaupt, ebenso auch die unerträglich ge⸗ steigerten Ausgaben für den Militarismus und Mari⸗ nismus und zerstörte dabei die demagogische Legende, die Vergrößerung der Flotte liege im Interesse der weiteren Entwickelung des Handels und der deutschen Industrie. Beim Etat des Reichskanzlers stand die Marokkoaffäre im Vordergrund. Die einleitende Rede des Reichskanzlers speiste den Reichstag ebenso notdürftig ab wie das Weißbuch, dessen inhaltliche Kläglichkeit unser Redner treffend kennzeichnete. Während dem fran⸗ zösischen Parlament über diese A äre, die beinahe zu einem schweren Krieg geführt hat, 366 Aktenstücke vor⸗ gelegt worden sind, mußte sich das deutsche Reichs⸗ parlament mit 27 Aktenstücken begnügen— und dazu noch den nichtssagendsten. Der in allen Fragen der auswärtigen Politik so unendlich bescheidene Reichstag ist ja, wie die Regierung weiß, schon zufriedengestellt, wenn ihm überhaupt ein paar armselige Mitteilungen über die äußere politische Situation gemacht werden. Und Fürst Bülow versteht es, in schön gedrechselten Sätzen nichts von Belang über die auswärtige Politik zu sagen. Das Schlimmste im Verlauf dieser Affäre, mit ihrem für die deutsche Politik so unrühmlichen Abschluß auf der Konferenz in Algeciras, war, wie unser Redner her⸗ vorhob, daß aller Welt sichtbar die isolierte Lage Deutsch⸗ lands klar vor Augen geführt worden ist. Die Politik, überall hin mit hochtönenden Worten Versprechungen zu machen, ohne sie zu halten und halten zu können, hat mit die Isolierung Deutschlands geschaffen. Beim Etat des Auswärtigen Amtes wurde die skandalöse Behandlung des holländischen Anarchisten Domela Nieuvenhuis verurteilt, die für Deutsch⸗ land als Kulturstaat einfach eine Schmach war. Ein Geheimrat blamierte in seiner Antwort die Regierung so, daß die Blamage als eine Art Sühne für die an Nieuvenhuis begangene Unbill betrachtet werden kann. Etat des Reichsamt des Innern. Die Beratung dieses Etats hat in den letzen Jahren zu steigend heftigeren Debatten geführt; einmal, weil das bißchen Sozialreform, mit der die Regierung und die bürgerlichen Parteien so marktschreierisch hausieren gehen, ziemlich zum Stillstand gekommen ist, dann aber auch, weil die schweren Mängel, die den bestehenden sozial⸗ politischen Gesetzen, besonders den Arbefterschutz⸗ gesetzen, anhaften, sich immer klaffender offenbaren, und Regierung und Reichstag blutwenig oder gar nichts tun, um diese Mängel zu beseitigen. Selbstverständlich muß angesichts dieser Tatsachen die sozialdemokratische Kritik eine sehr scharfe werden, wie es unsere Redner auch pflichtgemäß nie unterlassen, das Elend der deutschen Sozialreform zu zeigen und vor allem zu betonen, daß mit der von der bürgerlichen Mehrheit praktizierten sozial⸗ politischen Flickschusterei nie eine vernünftige Arbeiter⸗ schutzgesetzgebung geschaffen werden kann, als deren Fundament volles und freies Koalitionsrecht zu betrachten ist. Und das fehlt in Deutschland für die— Arbeiter. Den Mehrheits parteien sind diese Tatsachen bekannt, ihre Neigung jedoch, sie im Interesse der Arbeiter zu ändern, ist noch geringer ge⸗ worden, als sie ohnehin schon war. Statt beim Etat des Reichsamt des Innern ernstgemeinte und ehrliche Beratung zu pflegen, wie die Mängel beseitigt, die sehr ungenügenden Arbeiterschutzgesetze zweckmäßig ausgebaut werden können, inszenieren die bürgerlichen Wortführer alljährlich eine Sozialistendebatte niedrigster Art, und keine Verdächtigung und keine Behauptung ist ihnen dabei zu gewagt, auch wenn ihre Unwahrhafligkeit auf der Hand liegt. Wir erinnern nur an die frivole Hetze gegen die Krankenkassenverwaltungen, die unter freisinniger Führung und dem Beifallsjubel der Mehrheitsparteien speziell im verflossenen Sessions⸗ abschnitt betrieben worden ist, in der ausgesprochenen Absicht, das Selbstverwaltungsrecht der Ortskrankenkassen zu vernichten, die Arbeiter auch bei dieser Institution zu möglichst großer Einflußlosigkeit zu verdammen. Nicht minder frivol wurde gegen die Gewerkschafts be⸗ wegung gehetzt, mit ebenso unwahren wie phantastisch ausgemalten Märchen über den angeblichen Terrorismus, den streikende Arbeiter ausüben sollen. Dagegen wurden die immer mehr sich häufenden wirklichen terroristischen Akte der Unternehmerverbände entweder mit beredtem Schweigen übergangen oder direkt lobend hervorgehoben. Man versuchte das ohnehin ungenügende Unfallver⸗ sicherungs⸗Gesetz noch zu verschlechtern, und für Beein⸗ trächtigungen der Erwerbsunfähigkeit unter 20 Proz. kleine Rente mehr zu zahlen. Diesem fanatisch⸗arbeiter⸗ seindlichen Kesseltreiben dienten unsere Redner nicht nur mit der gebührenden Antwort, sondern sie betonten und vertraten um so kräftiger die Forderungen der Arbeiter⸗ schaft auf sozialpolitischem Gebiete durch die Wucht ein⸗ wandsfreier Argumente. Verschiedene von unserer Fraktion gestellten Anträge, die auf besseren Arbeiterschutz besonders im Bergbetriebe abzielten, wurden abgelehnt. Dagegen hatten unsere Genossen Erfolg mit einer Resolutton, die eine Unter⸗ suchung über die Arbeitsverhältnisse in der Großeisen⸗ industrie verlangt. Schluß folgt.) Von Nah und Fern. Chikagoer Praktiken eines adligen Agrariers. Der Rittergutsbesitzer Karl Maximilian Freiherr von Fritsch auf Rittergut Zschochau bei Lommatsch(Sachsen) war vom Amtsgericht zu Lommatsch wegen Betruges in drei Fällen und Uebertretung des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1906 zu 80 Mark Geldstrafe ver⸗ urteilt worden. Der Freiherr war schuldig befunden worden, das Fleisch eines erkrankten Kalbes als vollwertig verkauft und die Käufer nicht darauf aufmerksam gemacht zu haben, daß eine Notschlachtung vorgenommen worden war. Gegen das Urteil des Amts⸗ gerichts Lommatsch hatte der Freiherr Berufung eingelegt. Das Landgericht Dresden als Be⸗ rufungsinstanz sprach ihn auf Grund der er⸗ neuten Beweisaufnahme frei und erkannte nur wegen Uebertretung des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1906 auf eine Geldstrafe von 10 Mark. Na, also. Es war bloß die„plumpe Sprache“ des Amtsgerichts, die es Betrügen nannte, wenn der edle Freiherr krankes Fleisch statt gesundes verkaufte, während er doch nur dem Volke eine Wohltat erzeigen und die Fleischnot nicht noch vergrößern wollte! Ein Graf als Streikposten. In der Liste der streikenden Kohlenakkord⸗ arbeiter vom Görlitzer Bahnhof in Berlin — berichten die Zeitungen— findet sich auch der Name eines Grafen verzeichnet. Der Graf war ein flotter Offtzier, der sein Leben iu vollen Zügen genoß und es toller trieb, als alle seine Kameraden, so toll, daß schließlich die väter⸗ liche Börse und die Hilfe der Verwandten nicht ausreichten, um ihn über Wasser zu halten. Der Graf wurde schließlich aus dem Regiment ausgestoßen, er ging aber nicht, wie seine bis⸗ herigen Freunde erwartet hatten, nach Amerika, um dort Kellner zu werden, sondern verwertete seine großen Körperkräfte als Kohlenträger am Görlitzer Bahnhof. Er fühlte sich in seinem jetzigen Beruf ganz wohl. Bei seinen jetzigen Kollegen ist er wegen seines gefälligen Wesens sehr beliebt; als der Streik proklamiert wurde, machte er gleichfalls mit. Er versieht jetzt seinen Dienst als Streikposten.— Der frühere Offizier beweist also, daß er sich nach stürmisch verlebter Jugend doch zu einem tüchtigen Manne entwickelt hat. Seinen Namen verschweigen jene bürgerlichen Blätter, wohl hauptsächlich aus Rücksicht auf seine Verwandten? 2 Eine alte Frau. Von A. R. Der Weg zur Stadt war weit. Marie achtete nicht mehr auf den langen, langen Weg, der staubig und hell zwischen hohen Pappeln durch grüne und gelbe Wiesen führte. Einmal hatte der Weg ein Ende, am Mittag in dem Torbogen der kleinen Wirtschaft neben dem Rathaus und abends bei dem niedrigen Häuschen am Ausgang eines Dorfes. Die Frau besorgte Pakete nach diesen beiden Orten und fuhr mit Der war gerade so ge⸗ Und Nero zog einem kleinen Wagen. brechlich wie die alte Frau. den Wagen. Der Hund war stark und gut und ging schnell auf der ebenen Straße. Die blanke Kette an seinem Halse klirrte leise. Die Frau schaute mit Liebe auf den großen, braunen Hund, und sie rief ihn beim Namen. Es war ein weicher Klang in der Stimme. So rufen Mütter in Feierstunden ihre Kinder, um ihnen ein wenig ins Sesicht zu sehen und über das Haar zu streichen und sich zu freuen. Der Hund wandte den großen Kopf nach dem Weib⸗ lein und sah mit klugen treuen Augen nach Marie und nickte. Die Frau nickte auch mit ihrem grauen Kopf und sah den Hund ereundlich an. Das tat sie oft. wieder auf die staubige Straße. Heute war viel zu besorgen. Marie hatte noch zwei Körbe mit einem Strick hinten am Wagen festmachen müssen. Es wird wohl Nacht werden bis zu ihrer Heimkehr. Aber Marie fürchtete sich nicht. Ihre Lieben waren fern oder lagen auf dem stillen Friedhof, und blaue Schwertlilten und Immergrün wuchsen auf den eingesunkenen Gräbern. Für Marie waren die Fernen und die Toten immer nahe und auf ihren langen einsamen Wegen redete ste mit ihnen. Die Leute wunderten sich darüber, blieben stehen, wenn sie vorbei fuhr und sprachen:„Die alte Frau! sie ist doch ganz lindisch geworden.“ Aber sie gaben der alten Frau gern ihre Be⸗ sorgungen, weil sie immer freundlich war und nie etwas vergaß.— Und denn hatte Marie den Hund, der ging doch auch mit nach Hause. Da brauchte man sich nicht zu fürchten; der Hund ging ja mit. So dachte Marie und kam in die Stadt. Die war voll Lärm; die Menschen hatten keine Zeit, und flinke Wagen fuhren auf blanken Schienen. Der Weg zum Rathaus wurde steil, und Marie ruhte etwas und der Hund auch. Ein Schutzmann drängte zum Weiterfahren, und das Weiblein ging zu dem Hund. Der war müde und atmete schnell, und die Zunge hing rot und lang aus seinem Maule. Marie griff mit ihren schwachen, alten Händen nach einer blanken Zugkette und zog mit Nero, und Mensch und Tier hielten die Köpfe tief. Langsam drehten sich die Räder. Studenten fuhren auf einem Sommerwagen vorüber. Neben dem Kutscher lagen leere Fässer, und die Pferde und die jungen, frohen Menschen trugen grüne, lustige Reiser. Die Studenten sangen und lachten über das Gespann und einer, der den Takt zu dem Liede schlug, warf mit einem Tannenzapfen nach den beiden. Der Hund knurrte und schaute mit einem bösen, schiefen Blick nach der fröhlichen Gesellschaft. „Sei ruhig, Nero, ruhig; sie haben mich getroffen; dir sollen sie nichts tun; komm, zieh nur; bald sind wir oben, zieh nur. Laß ste werfen; jetzt werfen sie alle mit Tannenzapfen. Da können wir uns nicht wehren, und wie sie lachen. Das ist die Ingend, sei still, Nero.“ Eine feine Röte lag über dem runzeligen Gesicht der Frau; sie blickte nicht auf,— und der Wagen mit den Studenten fuhr vorüber.— Nero hielt treue Wacht bet dem Wagen im Torbogen, und die Frau ging mit eiligem, kurzem Schritt an den bunten Schcufenern entlang und machte die Besorgungen. Dann aßen sie zusammen und gingen den langen Weg zurück und kamen an das kleine Haus. Es war gerade Nacht geworden. Die beiden ruhten von dem Wege, und der Hund hatte seinen Kopf auf die Knie der Frau gelegt. Das tat er jeden Abend. „Da ruhe dich nur, mein guter Kerl; du hast mich gern und kommst immer zu mir. Die andern sind gestorben. Und meine Tochter ist davongelaufen, nur du bleibst bei mir.“ Und sie legte ihre Hände um den Hundekopf und strich leicht über die langen Ohren, und es war ganz still in dem Zimmer. Der Hund schloß von Zeit zu Zeit die Augen. Eine Uhr meldete mit heiserem Schlag eine späte Stunde. 5 „Nun müssen wir schlafen, gelt, und müde sind wir, aber nicht davon träumen, daß sie uns geworfen haben, gelt, und nun geh und E und morgen gehen wir wieder in die 5* Dann schauten beide —. . ⏑ 1 C enten elner, F t Der bosen, e 8 e —— billige Lampe, und sie hatte keinen Schirm. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Die Frau löschte die Lampe. Es war eine Der Mond schien hell durch die Fenster, an denen keine Vorhänge waren. Er freute sich an dem stillen Gesicht der alten Frau und ging leise zur Seite und sah sich den Tisch mit der Lampe und der Kaffeekanne an; wie schön die Frau schlief! Man durfte sie doch nicht wecken! Der Mond ging nach einem Weilchen ganz aus dem Zimmer und schien über das kleine, braune Dach des Häuschens und wachte bis an den Morgen. 3 Wie Millionäre werden. In der Wall Street in New⸗ Pork, wo stch die Börse befindet, ist der Geburtsplatz der modernen Krösusse. Durch die letzte Dividendenerklärung der Union Pacsfic Eisenbahn hat sich die Zahl der New Yorker Millionäre wiederum vergrößert. Eine gewaltige Aufwärtsbewegung der amert⸗ kanischen Eisenbahnwerte hat eine Anzahl Männer, die bisher ein mäßiges Vermögen besaßen, in den letzten zwei Tagen vergangener Woche zu Millionären gemacht. Diese Leute haben nicht durch produktive Arbeit ihre Milltonen verdient, sie haben es einfach verstanden, sich zu den Besitzern des Geldes zu machen, das die weniger glücklichen und betrogenen Spieler an der Börse in jenen Tagen verloren. Millionäre und Amerika scheinen gleichbe⸗ deutend zu sein, denn in keinem anderem Welt⸗ teile sind in den letzten 20— 30 Jahren so viele Vermögen gemacht worden. Im Jahre 1902 waren nach dem„American Reference⸗Book“ 3500 Männer und Frauen in Amerika, welche mehr als 1 Million Dollar besaßen, und von allen diesen waren kaum 12, welche den Reichtum ererbt hatten. Fast jeder von ihnen hat die Schätze mehr oder weniger schwer„verdient“. Seit jener Zeit hat sich aber die Zahl der Millionäre um hunderte vermehrt. Die Geschichte der amerikanischen Millionäre veginnt mit Jay Gould. Es waren aller⸗ dings die Astors und Vanderbilts schon da, bevor man von Gould etwas hörte, aber ihre Methoden, Geld anzuhäufen, gehören nun einer vergangenen Zeit an. Der Reichtum der Astors entstand durch Landankänfe und durch die Wertsteigerung, die das Land von Jahr zu Jahr erfuhr. Der alte Astor hatte eine Vorliebe für Landerwer⸗ bungen und kaufte in großem Maßstabe. Seine Nachkommen konnten die Hände ruhig in den Schoß legen und ihren Reichtum lawinenartig auwachsen sehen. f a Die Vanderbilts haben ihr Vermögen durch Eisenbahnbauten in der ersten Zeit, alsdann durch Städtebauten und durch Landankäufe „verdient“.— Aber Jay Gould ist offenbar der erste, den der Typ des modernen Krösus darstellt. Seine Gegner nannten ihn den „Finanzpiraten.“ 1 Es ist erwiesen, seine erste Million reprä⸗ sentiert keine produktive Arbeit; ste ist an der New⸗Yorker Börse gewonnen. Später hat er allerdings durch Eisenbahnbauten seinen Reich⸗ tum vermehrt. Sein Sohn, George Gould, ist heute ein konservativer Elsenbahnmagnat. Nach Gould, aber bedeutend hervorragender in der Anhäufung von Millionen, kommt John D. Rockefeller, unzweifelhaft der reichste Mann der Geld zu verdienen, sind nicht schön zu nennen, aber nicht zu verkennen ist sein Genie, durch welches er alle Geldquellen Amerikas zu dem Riesenunternehmen„The Standard Oel Co.“ vereinigt hat. Nach seinem Vorbilde haben sich die anderen großen„Trusts“ gebildet. Rockefellers Vermögen wird abweichend auf 2 bis 5 Milliarden Mark geschätzt. Einige von den anderen amerikanischen Millionären sind: Andrew Carnegie(Stahl) 1600 000 000 Mark; William Rockefeller(Oel) 800 000 000 Mark; W. K. Vanderbilt(Eisen⸗ bahnen) 500 000 000 Mark; George J. Gould (Eisenbahnen) 400 000 000 Mark; D. O. Mills (Bankgeschäft) 300 000 000 Mark; H. M. Flagler Oel) 240 000 000 Mark; J. P. Morgan(Bank) 00 600 000 Mark; Frau Hetty Green(Geld⸗ verleihen) 400 000 000 Mark. Dies sind nur einige von den vielen. Russel Sage hinterließ mehr denn 600 000 000 Mark. Er begann seine Laufbahn als Ladenjunge in einem Materialwarengeschäft, aber sein Geld hat er durch Wuchern erworben. Der ver⸗ storbene Marshall Field hinterließ 720 000 000 Mark, welche er mit seinem Manufakturwaren⸗ geschäft„verdient“ hat. Die melsten der Ge⸗ segneten haben ihre Millionen an der Börse in Wall Street, New⸗Pork, erspielt. ————— Ä——— Die russischen Morde. Den Mördern flucht, wer menschlich nur gesinnt, Wer noch ein Herz im Leibe hat auf Erden Und flucht mit Recht: nur wer die Mörder sind? Der Frage, dünkt mich, soll erst Antwort werden! Die nenn' ich Opfer, die verzweiflungstoll In grausen Tate selbstvernichtend toben, Und Mörder heiß ich jene, die den Groll, Den fürchterlichen, aufgewühlt von oben! Die stets noch hoffen, mit der Peitsche Zucht Und frechem Trug die Ruh' im Land zu fördern, In Selbstsucht und in Dünkel— denen flucht, Dann flucht ihr sicher auch den wahren Mördern! Hurra Byzanz! Kaiserstraßen, Kaisersäle, Kaiseralleen und Kanäle. Kaiserauen drauf zu schauen, Kaiserstatuen, fein behauen. Kaiserseifen, Kalserschleifen, Kaiserkakes und Kaiserreisen, Kaiserpudding, Margarine, Schön geschmückt mit Kaisers Miene, Kaisersekt und Kaiserkümmel, Kaiserschnaps für deutsche Lümmel, Kaisermäntel, Kaiserhüte, Kaiserkäse und Biskuite, Kaisersänge schwere Menge, Kaiserlieder klingen wieder Aus der Untertanen Munde, Ihm zum Preis zu jeder Stunde. Kaiserjachten, Kaiserlande Fern im afrikan' schen Sande, Kaiserbärte, Kaiserschwerte Von dem zweifelhaften Werte, Schokolade und Pomade All empfohlen Kaisers Gnade, Kaiserhölzer ohne Schwefel Für Hausgebrauch und Brandstiftfrevel, Kaiserwichse für die Stiebel, Auch im Graubart wirkt's nicht übel Ja, sogar'ne Kaiserpeitsche Hat der biedre, fromme Deutsche. Samson im„Vorwärts“. Welt; er selbst hat gesagt, daß er nicht genau weiß, wie viel er wert sei. Auch seine Methoden, — ̃— — Julius Phinpp- Giessen 10 Helgerdenten 8 Dieustag und Freitag lederlage der Union Borlogere Biel, Glashütte I. S., Gent u. Auslande. Gemeinsame Garantieübernahme f. verkaufte Uhren durch alle Vertret. hrmacher Bahnhofstraße 50 E ca. 1000 Vertreter im In⸗ Reichhaltiges Lager zin Eigene Reparaturwerkstätte Optische Waren Brillen ung Zwicker nach ärztlicher Reelle Bedienung. Uhren, Gold- und Filberwaren Vorschrift. Billige Preise. Täglich frischen Obstkuchen * 9 E 2 Zwiebelkuchen L. Müller aninchen, sener mit Stallungen billig zu verkaufen* Hch. Melcher, Wetzsteingasse 10 8 empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen. Lang& Wiederstein Splitter. Ob du wenig tust, oder viel, Daraus kommt's nicht an; Ich seh' nur auf dein Ziel; Die Richtung macht den Mann! 5 Bauernfeld. ** Wem zu glauben ist?— redlicher Freund das kann ich dir sagen; Glaube dem Leben Er lehrt besser als Redner und Buch. Goethe. Humoristisches. In der Kolonialabteilung meldete sich ein verdächtiges Individuum. Es uurde mißtrauisch em⸗ pfangen:„Gouverneur von irgend einer Kolonie wollen Ste werden? Wie wollen Sie das begründen?“—„Ich bin wegen Urkundenfälschung vorbestraft, bin Speztalist für Körperverletzungen und außerdem Quartalssäufer. Meine Marie hab' ich gleich mitgebracht. Wat krieg ich Gehalt?“(W. Jak.) Drohung.„Här'n Se, wenn Se sich so was noch ämal erlob'n, da gäun Se doch ämal von mir Ausdricke zu här'n begomm', wie m'rsche sonst bloß in d'r Familie gebraucht.“ Eine Entschuldigung.„Meine Tochter Lisbeth konnte gestern nicht zur Schule kommen; meine Frau liegt nämlich in den Wochen und Fräulein werden ja wissen, wie das ist. Hochachtungs voll A. Schmidt“ (Lust. Bl.) Der Herr Ortspfarrer inspiztert die Schule und läßt sich von den Kindern verschiedene Vögel auf⸗ zählen. Der Pfau ist noch nicht genannt worden. Er sucht daher die Kinder darauf zu bringen:„Nun, wie mag dieser Vogel heißen? Er geht immer sehr stolz umher und kümmert sich um niemand. Na? Ueberlegt Euch, wer ist denn das, der immer so aufgebläht herum⸗ läuft? Ihr kennt ihn alle. Er läuft oft über den Gutshof und tut, als wenn er der liebe Herrgott selber wär?— Na, seht, der kleine Karl wirds Euch sagen.“ — Der kleine Karl(der den Finger erhoben hat): „Das it der Herr are Das letzte Mittel. Versicherungsagent. Scheußlich! Kein Mensch will bei diesen schlechten Zeiten sein Leben versichern lassen! Wenn alle Stränge reißen, gehe ich nach Rußland und mache den Min istern mal Offerte! Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Geld⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Literarisches. Sozialdemokratie und Antisemitismus. Unter diesem Titel ist eine Broschüre von August Bebel im Verlage des„Vorwärts“ in neuer Auflage erschienen. Es ist der Sonderabdruck der Rede, die Bebel über dieses Thema auf dem Parteitage in Köln gehalten hat. Die Broschüre war seit längerer Zeit vergriffen. Die empö⸗ renden Judenverfolgungen in Rußland und die Haltung der deutschen antisemitischen Presse zu diesen Schandtaten der russischen Reaktton gaben dem Verlag Veranlassung, die Schrift neu herauszugeben. Bebel legt zunächst den prinzipiellen Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Antisemitismus fest und erklärt die antisemitische Be⸗ wegung aus den historischen Ursachen und den sozialen Verhältnissen. Im Anhang weist Bebel nach, daß die Junker die wirklichen Feinde des Klein⸗ bauern sind, und in einem, der neuen Ausgabe bei⸗ gefügten Nachtrag berührt er die russischen Zustände, die zu den dortigen Judenhetzen geführt haben. Die Broschüre kostet 30 Pfg. in der Agitationsausgabe und ist von der Expedition der Mitteldeusschen Sonntags Zeitung zu beziehen. s-, Porzellan- und Steingutwaren e* Marktstraße 4 iessen. Telephon 394 Seite. 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