Eee... 7 2 A a eeeese sessel Nr. 28. Gießen, den 15. Juli 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Nirchenplatz 11. Schloßgasse. Sonnt Mitteldeutsche s ⸗Jeit Redaktions schluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uher. 1 Au sträger frei ins Abonnemeutspreis: Die Mitteldeutsche die Expedition unter Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druck erei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗ Bestellungen 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesten und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun K. 5107) 33¼% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatte Ein reichsverbändlerischer Jozialisten⸗ vernichter. In der letzten Nummer der„Bergarbeiter⸗ zeitung“ wird das Bild eines der Wanderredner des Reichs⸗Sozialistenverbandes gekennzeichnet. Diese Darstellung zeigt so recht, was für Ele⸗ mente es sind, die jene Gesellschaft im Interesse des Ausbeutertums und der Geldsacksherrschaft gegen die Sozialdemokratie und die Arbeiter⸗ bewegung hetzt. Den interessanten, von sehr kundiger Seite stammenden Angaben entnehmen wir das Folgende: Gustav Ermert, heute wohlbestallter Generalsekretär des reichstreuen Knappen⸗Ver⸗ eins von Niederschlesten, mit einem Jahres⸗ gehalt von 5000 Mark und Reisespesen, ist noch vor einigen Jahren ein armer Erzberg⸗ mann im Siegerland gewesen. Er hat sich in wenigen Jahren„glänzend eutwickelt“, sodaß er heute einer der Hauptwanderredner des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozial⸗ demokratte ist, wo er ebenfalls eine zeitlang als Sekretär mit einem Jahresgehalt von 3000 Mark angestellt war. Bei der Reichstags⸗Nach⸗ wahl in Essen war Ermert vom Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie für eine Agitationstour ins Ruhrrevier angekündigt, er⸗ schien aber nicht, weil er jedenfalls einen Zu⸗ sammenstoß mit den Leitern des Bergarbeiker⸗ Verbandes befürchtete, der für ihn nicht ange⸗ nehm sein konnte, aber am Niederrhein hat er damals gewirkt und jetzt wieder bei der Reichs⸗ tagswahl in Hannover. Zur Reichstags.Nach⸗ wahl in Jena⸗Eisenach erschien er ebenfalls, vom Reichsverband entsandt, als Drachentöter auf dem Kampfplatz und verzapfte gegen die Sozialdemokratie die ungeheuerlichsten Gemein⸗ heiten, und als Genosse Leber⸗Jena diese Ge⸗ meinheiten zurückwies, lief„Ehren“ ⸗Ermert nach dem Kadi, und Leber wurde wegen Beleidigung des Reichsverbändlers mit 50 Mark bestraft. Auch das Königreich Sachsen und Mitteldeutsch⸗ land hat er schon bereist und die unglaublichsten Räubergeschichten von der Sozialdemokratie und den sozialdemokratischen Gewerkschaften vorge⸗ tragen. Im niederschlesischen Bergarbeiterstreik hat er seine ganze Beredsamkeit in den Dienst der Unternehmer gestellt und die Arbeiter zum Streikbruch und gegen den Bergarbeiter⸗Verband aufzuhetzen versucht, zum Glück ohne Erfolg. Auch die„christlichen“ Gewerkschaften bekämpft Ermert heute. Am 1. Oktober 1902 traten aus dem unter R. Breidebachs Leitung stehenden„christlichen Verein der Berg⸗, Hütten⸗ und Metallarbeiter“ etwa 6000 Mann zum christlichen Gewerkverein unter August Brust über. Diesem Verein ge⸗ hörte Ermert an und war zweifellos eines seiner befähigtsten Mitglieder, weshalb man ihn auch auf Kosten des Gewerkvereins nach M.⸗Glad⸗ bach in die jesuitische Drillanstalt schickte 5 einer der Ersten evangelischer Konfession, die dort als„Kämpfer“ ausgebildet worden sind— wo er die erste Weihe für seine Laufbahn erhielt. Er hat dem Gewerkverein und vor allem seinem damaligen Beherrscher, auf dessen Veranlassung ihm die Ausbildung wurde, sehr schlecht gedankt. m dieselbe Zeit ging man auch zur Gründung elnes Konsum⸗Vereins für die stegerländischen Berg⸗ und Hüttenarbeiter über und Ermert wurde mit der Leitung dieses Vereins betraut. August Brust erlebte wenig Freude an seinen Siegerländer Untertanen, denn schon auf der General⸗Versammlung des Gewerkvereins 1903 in Dortmund kam es zu Reibereien zwischen den Siegerländern und Brust. Sie protestierten gegen den Zuschuß von 2000 Mark aus der Gewerkvereinskasse für die damals schon banke⸗ rotte Krankenzuschußkasse„Glück auf“, ebenso protestierten sie gegen die schofle und ruppige Schreibweise des„Bergknappen“ gegenüber den freien Gewerkschaften und vor allem dem Ver⸗ bande und schließlich verlangten ste mehr Be⸗ rücksichtigung ihrer lokalen Verhältnisse im „Bergknappen“. Brust behandelte sie hoch⸗ fahrend und protzig, was zu einer offenen Re⸗ bellton gegen ihn führte, die noch in dem sselben Jahre mit dem Abfall der Stegerländer endete. Diese Rebellion wurde geleitet von Ermert, Will, Schneider und Laus, jedoch war Ermert der geistige Leiter derselben, denn er war es, der in jener für Brust so denkwürdigen Konfe⸗ renz in Betzdorf, Herbst 1903, die Skegerländer derart gegen ihn aufhetzte, daß Brust in einem Geheimzirkular vom 23. November 1903 schrieb: „, Und einer drohte sogar, wenn er mich allein hätte, würde er mir das Messer im Leibe herumdrehen. Schönes Gesindel, diese Heuchler, welche sich christliche Arbeiter nennen.“ Die„Bergarbeiter⸗Zeitung“ erzählt dann weiter, daß Ermert ihr unaufgefordert Material geschtckt hat, daß sie gegen Brust und die Christlichen verwenden konnte. Als Genosse Leimpeters Ermert 1903 in Eiserfeld aufsuchte, wurde L. von dem heutigen Scozialistenfresser Ermert aufs freundschaftlichste aufgenommen und bewirtet. Bei dieser Gelegenheit sagte Ermert, daß er die„Bergarbeiter⸗Zeitung“ mit Vorliebe lese und die Bestrebungen des Ver⸗ bandes im vollen Umfange anerkenne. Zur Sozialdemokratie dürfe er sich aus wirtschaft⸗ lichen Rücksichten nicht bekennen, auch wäre er noch nicht Sozialdemokrat, da er noch nicht Gelegenheit und Zeit gehabt hätte, sich dem Studium der Parteiliteratur zu widmen, aber sympathisteren tue er mit der Sozialdemokratie und ihre Tätigkeit im Reichstage fände seine Anerkennung. So handelte und sprach der Sekretär des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie noch vor drei Jahren. Durch die Streitigkeiten mit Brust hatte auch der unter Leitung Ermerts stehende Kon⸗ sumyerein sehr zu leiden und geriet in Zahlungs⸗ schwierigkeiten. Deshalb wandte sich der heutige Reichsverbändler Ermert in einem Schreiben am 8. April 1904 an den sozialdemokra⸗ tischen Verband um ein Darlehn von 20000 Mark. Würde das Darlehn gewährt, schrieb er, würde das zur Förderung unseres und auch ihres Verbandes bedeutend beitragen, oder mit anderen Worten, es sollte zur Ver⸗ schmelzung der 8 40 mit dem Verbande führen. Das Darlehn mußten wir ablehnen, und damit war die Ermert'sche„Freundschaft“ dann auch zu Ende. Im September 1904„legte“ Ermert die Leitung des von ihm geschaffenen Konsum⸗ f hat Vereins plötzlich„nieder“. Mehrfach hatte er seine Befugnisse überschritten und lebte mit seinen Kollegen in ständiger Feindschaft, suchte einige hinauszubeißen, bis er selbst„hinausgebissen“ wurde. An die Lieferungsfirma Wallbrecht⸗ Düsseldorf hatte er das Ersuchen gestellt, ihm von den bezogenen Waren Provisionen zu ge⸗ währen, dann wollte er der Firma alle Auf⸗ träge zukommen lassen. Der Idealismus des Konsumvereinsleiters und„christlich⸗sozialen“ Arbeitervertreters lief nach Provision. Der Reisende der Firma teilte dem Aufsichtsrat dieses Ansinnen Ermerts mit, worauf eine lange Nacht⸗ Sitzung stattfand, deren Resultat war, daß Ermert am anderen Morgen die Schlüssel ab⸗ gab und die Stätte seiner Tätigkeit verließ. Auf Protektion Stöckers wurde er dann als Sekretär des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie mit 3000 Murk Jahresgehalt angestellt und zog als Wanderredner mit Stöcker⸗Ware und M.⸗Gladbacher Zitaten zur Vernichtung der Arbeiterpartei und Bewegung durchs Land der Gottesfurcht und frommen Sitte. Später ver⸗ schafften seine Freunde ihm eine noch bessere Stellung beim Fürsten Pleß, wo er jetzt„königs⸗ treue“ Meinung auf fürstlichen Wunsch macht und nebenbei mit der alten Ware noch weiter auf Reisen geht und mit pfäffischer Demagogie die schändlichsten Gemeinheiten mit überlegter und ausgeklügelter Raffinesse gegen die Arbeiter⸗ partei und die freien Gewerkschaften sowie ein⸗ zelne leitende Personen schleudert. ä politische Rundschau. Gießen, den 12. Juli 1906. Die Verpfaffung der preußischen Volksschule. Das sogenannte„Volksschulunterhaltungs⸗ gesetz“ ist am 7. Juli vom Dreiklassenhanse, wie auch dem Junkerparlament a ngenommen worden. Mit diesem Gesetze soll die pfäffische Reaktion befestigt, die freie geistige Entwickelung des Volkes gehindert und dieses gewissermaßen in eine geistige Dunkelkammer gesperrt werden. Das Schlimmste an dem Gesetz ist die Au s⸗ lieferung der Volksschule an den Konfessionaltsmus. Klerikalismus und Orthodoxie triumphierten. Er stimme für das Gesetz, weil es das„Kleinod der Konfesstons⸗ schule sicher stelle, erklärte im Herrenhause ein Vertreter der ktrchlichen Orthodoxie, der Generalsuperintendent Faber, und ein Vertreter der politischen Orthodoxie, Junker von Man⸗ teuffel:„Besonders befriedigt seien seine Freunde über die Festlegung der konfesstonellen Volks⸗ schule. Es sei fraglich, ob dieser Erfolg zu erreichen sein würde, wenn die Konservativen jetzt nicht zugreifen.“ Noch vergnügter ist das Zentrum, und daß die Nattonalltberalen ihm diesen Triumph bereitet haben, ist einer der vielen Geniestreiche, womit diese groß⸗ mäuligen, tolpatschigen Widersacher des Ultra⸗ montanismus demselben immer mit Taten in den Sattel geholfen haben, während sie jahr⸗ aus jahrein über dessen wachsenden Einfluß und Macht platonische Jeremiaden anstimmen. Der Berliner Oberbürgermeister Kirschner im Herrenhaus noch in den letzten Tagen üůĩ————..— — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 28. eine tapfere Rede gegen die Festlegung des Volksschulkonfesstonalismus 9 65 Unter anderm verwies er auf Frankreich, wo der Religlonsunterricht so gut wie ganz aus den Schulen entfernt ist, auf England, wo jetzt dem Unterhaus ein Gesetzentwurf vorliegt, der den konfessionellen Unterricht in der Schule grund⸗ sätzlich h Herr Kirschner ließ auch in freisinniger Manier die Sozialdemokratie aufmar⸗ schieren und behauptete unsere Partei wolle seit einiger Zeit den Satz:„Religion ist Privat⸗ sache“ aufgeben und statt dessen erklären: „Ebenso wie wir die Staatsordnung bekämpfen, müssen wir, um zu unserem Ziele zu kommen, die Religion bekämpfen.“ Damit hat sich Herr Kirschner gründlick vergaoppiert. Nur darin hat er recht, daß er voraussagte, das Schul⸗ verfassungsgesetz werde der antikirchlichen Bewegung innerhalb der Sozialdemokratie Vorschub leisten. Der religiösen Meinungs- freiheit werden wir auch künftig nicht zu nahe treten; im Gegenteil, weil wir diese Frei⸗ heit hochhalten, werden wir gegen die zwangsmäßige Knechtung der Volks jugend unter die Kirche mobil machen. Das ist nicht ein Kampf gegen, 55155 für die Freiheit, also ein politischer ampf. Das beleidigte Dreiklassenhaus. Das preußische Abgeordnetenhaus geht vor Gericht, um die verantwortlichen Redakteure unserer beiden Parteiblätter in Erfurt und Düsseldorf wegen„Beleidigung“ zu ver⸗ klagen. Der Justizminister 0 die Ermächti⸗ gung zur n Verfolgung der beiden Genossen„und der etwa sonst verantwortlichen Personen“ verlangt und auch erhalten. Nur die Freisinnigen und die Polen stimmten gegen diesen in der Parlamentsgeschichte einzig da⸗ stehenden Beschluß. Da die Nationalliberalen mit den beiden konservativen Fraktionen gingen, war eine geschlossene Mehrheit für die Straf⸗ verfolgung vorhanden— was freilich das Zentrum nicht hinderte, gleichfalls mit Rede und Abstimmung für jene neue Methode einzutreten, durch die sich das preußische Parlament fortab die Liebe und Achtung des von ihm„vertretenen“ Volkes sichern will. Kurzum, man hat das hohe Haus Preußens selten noch so einig gesehen, wie an jenem Tage, da es beschloß, unbequeme politische Gegner womöglich in den Kerker zu bringen und das freie Wort mit Paragraphen zu knebeln! Die Verfassungs reform in Württemberg ist nun nach langem Hängen und Würgen endlich zu Stande gekommen. Länger als ein 0 7 haben die Beratungen darüber gedauert; in den letzten Monaten hat der Landtag seine ganze Zeit an diesen Gegenstand gewendet. Am Montag erfolgte nun die Schlußabstimmung, in welcher die Reform mit 66 gegen 22 Stimmen des Zentrums angenommen wurde. Durch diese Reform werden die Grundlagen des zurzeit auf dem Gesetz von 1819 beruhenden württembergi⸗ schen Verfassungslebens zwar wesentlich ver⸗ ändert, einen Fortschritt jedoch, der große Lob⸗ reden verdiene, bedeutet die Reform nicht. Wirft man einen Blick auf die langwierigen, von Feilschen und Handeln zwischen beiden Häusern und der Regierung häßlich beeinflußten Ver⸗ handlungen, betrachtet man ferner mit kritischen Augen das schließliche Resultat des harten Kampfes, so vermag in den Herzen der Freunde einer wahrhaft demokratischen und fortschritt⸗ lichen Gestaltung der Verfassung das Gefühl der Freude nicht Platz zu greifen. Die erste Kammer besteht zurzeit aus 29 Mitgliedern, darunter 23 hochfeudalen, erblichen Gesetzgebern. 6 Mitglieder sind vom König auf Lebenszeit ernannt. Die 93 Mitglieder zählende zweite Kammer setzt sich zusammen aus je einem Vertreter der 63 Oberämter, 7 Abgeordneten der sogenannten„guten Städte“, die seit 1868 aus allgemeinen Wahlen hervor⸗ gehen, 13 Abgeordneten der Ritterschaft, 6 evan⸗ gelischen Generalsuperintendenten(Prälaten), dem Landesbischof, einem Vertreter des Dom⸗ kapitels, dem dienstältesten katholischen Dekan und dem Kanzler der Universttät Tübingen. Künftighin setzt sich die erste Kammer aus 53 Mitgliedern zusammen, 23 Vertretern des Adels, 6 vom König ernannten Mitgliedern, Ver⸗ tretern der Ritterschaft, Kirche ꝛc. Die zweite Kammer zählt 93 Abgeordnete. Für die 6 Vertreter Stuttgarts ist die Verhältniswahl eingeführt, ebenso für 17 sogenannte Ersatzabge⸗ ordnete. Die Art der Wahl hätte, wenn man den sozialdemokratischen Anträgen gefolgt wäre, viel gerechter und zweckmäßiger sein können. Die Verstärkung der ersten Kammer lag der Regierung am meisten am Herzen, und die bürgerlichen Parteien des Landtages waren töricht genug, der ersten Kammer noch mehr aufzwingen zu wollen, als diese selbst begehrte. Noch vor wenigen Tagen wäre die Reform beinahe an dieser superklugen Taktik gescheitert. Man fand aber einen Weg, der das verhütete, und der auch der Sozialdemokratie, die mit dem ganzen Volk ein Interesse an einer möglichst schwachen ersten Kammer hat, die Zustimmung zur ganzen Reform etwas erleichterte. Als einer der empfindlichsten Punkte entpuppte sich von vornherein die Frage der Zusammensetzung der zweiten Kammer. Die Regierung mutete zuerst dem Volke zu, es solle sich mit 75 Ab⸗ geordneten begnügen und auf einen Ersatz für die ausscheidenden Privilegierten überhaupt ver⸗ zichten. Darin fand die Regierung natürlich Unterstützung bei der ersten Kammer, die oben⸗ drein noch Ansprüche in bezug auf das Steuer⸗ bewilligungsrecht stellte. Hierin sind auch er⸗ hebliche Zugeständnisse von der zweiten Kammer gemacht worden, doch gelang es, das Vorrecht der zweiten Kammer beim Ausgabeetat im vollen Umfange aufrechtzuerhalten. Die Sozialdemo⸗ kratie hat der Reform zugestimmt; sie bildete das Zünglein an der Wage. Die Entscheidung ist ihr nicht leicht gefallen; aber sie glaubt, unter dem neuen System besser zum Zuge zu gelangen, und wollte die reine Volkskammer nicht vereiteln. Ueberdies wird unser Ruf nach einer Verfassungsreform im wahrhaft demokra⸗ tischen Sinne nicht verstummen. Die Partei der Arbeit wird nicht ruhen und rasten, um unter anderen Machtverhältnissen ihrer Volks⸗ parole(Abschaffung sämtlicher Privilegien der Geburt und des Standes) zum Siege zu verhelfen. Sieg in Altena⸗Iserlohn! Die am Dienstag erfolgte Stich wahl zwischen dem Zentrumskandidaten Klocke und unserm Genossen Haberland endete zu unserer freudigen Ueberraschung mit dem Siege Haberlands. Dieser erhielt 15884 Stimmen, während es der Zentrumsmann nur auf 14068 brachte. Aus dem Resultat ergibt sich, daß ein Teil der Freisinnigen trotz der gegenteiligen Parole ihrer Parteileitungen für unsern Kandi⸗ daten eingetreten ist. Und das mit Recht! Ein wirklich freisinnig und freidenkender Mann wird, wenn er die Wahl zwischen Zentrum und Sozialdemokratie hat, doch nicht für die in jeder Beziehung rückständige, für Lebensmittel⸗ verteuerung und Juukerherrschaft eintretende Pfaffenparkei eintreten! Unser Sieg also als ein Sieg des freiheitlichen Gedankens zu be⸗ rüßen. Ob wir den Kreis bei den nächsten ahlen halten können, ist allerdings sehr fraglich, denn die gesamten Gegner sind doppelt so stark wie wir. Anmtisemitischer Bruderkrieg. Im Wahlkreise Hofgeismar⸗Rinteln, wo am 20. Juli die Ersatzwahl für den Grafen Reventlow stattfindet, tobt gegenwärtig der Wahlkampf ganz gewaltig. Und besonders sind es die beiden anttsemitischen Richtungen, die Liebermänner und Zimmermänner(Deutsch⸗ soziale und„Reformer“), die sich allerhand Liebenswürdigkeiten an den Kopf werfen. Der Bruderzwist kommt natürlich auch in den Preß⸗ organen der beiden Richtungen in Form heftiger und giftiger Polemiken zum Ausdruck. Man muß aber nach dem Anhören der Ergüsse der Disputierenden zu demselben Urteil kommen, wie die Königin in Heine's Disputation sie riechen beide nicht gut! Augst vor Attentaten. Dieser Tage wurde eine fürchterliche Atten⸗ tatsgeschichte aus Hamburg berichtet und mit allem Ernst und dem nötigen Entsetzen von den gutgesinnten und königstreuen Blättern weiter verbreitet. Ein friedlicher Bürger namens Rosenberg aus Seattle im Staate Washington (Nordamerika) war nach seiner deutschen Heimat gereist, um hier in Frieden zu er poll Irgend ein Polizeispitzel hatte aber der Polizei mitge⸗ teilt, daß Rosenberg ein Anarchist sei und ein Attentat auf den Kaiser plane. Natürlich wurde er sofort bei seiner Ankunft in Hamburg ver⸗ haftet und einem peinlichen Verhör unterzogen. Es stellte sich aber, nachdem der Mann längere Zeit in Haft gesessen hatte, seine völlige Un⸗ chuld und Harmlosigkeit heraus, so daß man ihn freilassen müßte. Müßte, sagen wir. Man ließ ihn aber doch nicht frei, weil er noch„verdächtig“ ist!— Die Anarchistenfurcht der Polizei wird für die Bürger geradezu gefährlich. Der vornebme Sünder bleibt straflos. Die„Thür. Tribüne“ in Erfurt berichtet: Ein reicher Ziegeleibesitzer in Schmira hat. an dem Stiefkinde eines armen Arbeiters Handlungen begangen, die in Schmira seit einiger Zeit das Tagesgespräch bilden. Der Stiefvater des Mädchens reichte bei der Staats⸗ anwaltschaft Erfurt endlich Anzeige ein, worauf ihm vom Ersten Staatsanwalt, Geheimrat Wippermann, folgendes Schreiben zuging: „Das Verfahren gegen den Ziegeleibesitzer Heuer in Schmira wegen gewaltsamer Vornahme un⸗ züchtiger Handlungen an Ihrer Stieftochter habe ich eingestellt. Das Mädchen hat nur zu bekunden vermocht, daß Heuer sie einmal herumgezerrt und ihr zuweilen unter die Röcke gegriffen habe, ohne dabei, als sie sich wehrte, Gewalt anzuwenden. Einmal habe er sie, so bekundet sie weiter, trotz ihrem Sträuben geküßt. Diese Aussage rechtfertigt nicht(1) die Annahme, daß Heuer mit Gewalt unzüchtige Handlungen an Ihrer Tochter vorgenommen habe. Soweit tätliche Beleidigung in Frage kommt, fehlt es an dem erforder⸗ lichen Strafantrag, dessen Stellung nicht Ihnen, sondern nur dem Vormund des Mädchens zusteht. Aber auch wenn ein ordnungsmäßiger Strafantrag vorläge, könnte die Aussage Ihrer Stieftochter allein einen zur An⸗ klageerhebung hinreichenden Verdacht gegen Heuer nicht(1) begründen.“ Man sieht, was vornehme Leute mit einem armen Mädchen alles ungestraft vornehmen dürfen. Was würde wohl geschehen sein, wenn umgekehrt ein armer Arbeiter mit dem Mädchen eines reichen Besitzers derartigen Unfug getrieben, ihm unter die Röcke gefaßt und es gewaltsam abgeküßt hätte! Die Organisation des Zentrums ist der sogenannte„Volksverein für das katho⸗ lische Deutschland“, der nach Mitteilung unseres Kölner Parteiblattes gegenwärtig eine halbe Million Mitglieder zählt. Die Zentral⸗ stelle des Vereins ist in M.⸗Gladbach, wo anderthalb Dutzend Beamte„Aufklärungsarbeit“ verrichten. Von dort werden die Sudelschriften gegen die Sozialbemokratie und die freien Ge⸗ werkschaften durch Deutschland geschwemmt, dort erhalten jährlich zahlreiche Agitatoren und Ge⸗ werkschaftsführer ihre Ausbildung in jesuttischer Verschlagenheit und heuchlerischem Radikalismus. Für die 1800 000 Wähler, die das Zentrum bei der letzten Reichstagswahl erhielt, ist die Mitgliederzahl von einer halben Mill on be⸗ deutend; allerdings wird die Mitgliedschaft leicht gemacht, der Jahresbeitrag ist eine Mark. In Rheinland und Westfalen hat der Verein im letzten Jahre 38 000 Mitglieder zugenommen, dort steht auch seine Hauptmacht.— Was der Volksverein geworden it, hätte er nicht werden können ohne die Kirche, die treue Helferin des entrums. Die kirchliche Gemeinde bildet die rundlage seiner Organisation, der Pfarrvor⸗ steher ist der Organisator, der, Kaplan der Agitator und der Pfarrer der Protektor. In einem Rundschreiben an die Mitglieder einer Kölner Pfarre heißt es, daß gegen den Beitrag von einer Mark jährlich die Vereinshefte kosten · los geliefert werden; außerdem wird jedes Jahr ein feierliches Hochamt für lebende und verstorbene Mitglieder gehalten. Das Zentrum dlungen litliche sordet⸗ sondern er auch könnte r An⸗ gegen einem sehmen penn lͤdchen kleben, altsam m5 sees halbe Nr. 28. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. bersteht es meisterhaft, aus allem ein Geschäft zu machen. —— Revolution in Rußland. Eine Erklärung des Komitees der soztaldemokratischen Partei wird in dem Pariser Organ der russtschen Revolu⸗ tionäre veröffentlicht, in der es heißt:„Das Gerücht, daß sich die Revolutionäre zu Streiks und bewaffneten Aufständen vorbereiten, ist von Provokateurs, Agenten der Polizei, mit der Absicht verbreitet worden, Putsche hervorzurufen, die leicht im Blute zu ersticken sind. Die Partei hält es für nötig, das Proletariat vor solchen Handlungen zu warnen; die Partei hat jeden aktiven Kampf bis auf jenen Augenblick vertagt, bis die Regierung gegen die Volksvertretung Gewalt anwenden wird.“ Die Rebellion im Heere hat noch immer weiter um sich gegriffen, wie zahlreiche Nachrichten von den letzten Tagen beweisen. Aus Odessa wird über eine Soldaten⸗Ver⸗ sammlung berichtet, an der 1300 Mann teil⸗ nahmen. Offiziere versuchten, die Soldaten zu beruhigen, indem sie ihnen das Wort gaben, daß die Vorgesetzten ihre Forderungen prüfen und nach Möglichkeit befriedigen würden. Die Soldaten antworteten jedoch:„Sie wissen sehr gut, daß wir nicht allein unsere Lage beraten, wir beraten die Forderungen ganz Rußlands, um sie bei der Reichsduma einzubringen.“ Die Offiziere sahen sich infolgedessen gezwungen, fortzugehen. So oft ste hatten sprechen wollen, mußten sie sich zunächst vom Vorsttzenden in die Rednerliste eintragen lassen. Auch in der Garnison von Kursk herrscht starke Gärung unter dem Militär, besonders bei den ausge⸗ dienten Soldaten, deren Entlassung verzögert wird.— In Kronstadt wurden kürzlich 80 Matrosen wegen revolutionärer Tätigkeit ver⸗ haftet.— In Tiflis wurde der General⸗ ausstand erklärt, aus Anlaß eines Prozesses gegen 27 Soldaten, welche der Teilnahme an Auflehnungen angeklagt sind.— Unter den Truppen in Odessa zirkuliert ein Aufruf, der von vier Regimentern der Schützenbrigade unterzeichnet und in Tausenden von Exemplaren verbreitet ist. Der Aufruf fordert die Haupt⸗ personen der Arbeitsgruppe der Duma auf, das Volk und seine Vertreter in der Duma zu unter⸗ stützen und sich zum Kampf gegen die Re⸗ gierung vorzubereiten. Infolge dieser Gärungen im Heere sind alle Manöver abgesagt worden. Hetztätigkeit der Polizei. In Peters⸗ burg wurde festgestellt, daß in der Geheim⸗ druckerei des Polizeidepartements Proklamattonen mit Aufforderungen zu Juden⸗ schlächtereien hergestellt wurden. Beamte der Poltzet verfaßten die hetzerischen Proklamationen und Gendarmen fungierten als Setzer. Der Minister des Innern ordnete die sofortige Schließung der Geheimdruckerei an. Schon Witte hatte einmal eine derartige Druckerei aufgehoben.— In Kowno wurde der Schrift⸗ führer des dritten Polizeireviers ver⸗ haftet, bei dem eine Bom be gefunden worden war. Es wurde festgestellt, daß er der Autor der Drohbriefe ist, die im Namen des „Bundes“ an den Polizeimeister gerichtet wurden. Der Fall erinnert an einen Vorgang, der sich in Bialystok vor dem Pogrom“) abspielte. Dort wurde der Polizeimeister einige Tage vor dem traurigen Ereignis ermordet und, wie be⸗ hauptet wird, von der Polizei selbst. Man hatte ihn für allzu„liberal“ gehalten und man wollte ihn los werden. In Kowuno scheinen die Dinge ebenso wie in Bialystok zu liegen. Blutige Zusammenstöße haben am Sonntag in Petersburg stattgesunden. Sie waren offenbar von dem Polizeigesindel der Hooligans veranlaßt, die, wie es scheint, jetzt als Spitzel und Provokateure benutzt werden. . Grundbegriffe der Politik. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Fr. Stampfer in der Parteipresse Aufsätze, die ) Pogrom heißt Judenhetze. das Verständnis für die politischen Dinge, bei allen denjentgen wecken sollen, die bisher noch keine Gelegenheit fanden, sich damit zu befassen. Diese Aufsätze wenden sich an diejenigen, be⸗ merkt er dazu im Vorwort, die in ihrem ehr⸗ lichen Drang nach Aufklärung Lust haben, für je einen Tag der folgenden Wochen zur ersten Stufe der Selbstverständigung zurückzukehren, und das ABC des politischen Denkens zu wiederholen. Von der Klarheit in der Er⸗ kenntnis von politischen Grundbegriffen hängt aber unendlich viel ab! Durch sie werden wir erst bekrähigt, hinter dem tönenden Wort das Wesen der Dinge zu finden. Unzählige Male geschieht es im politischen Kampf, daß durch den Gebrauch ein und desselben Wortes in zwei verschiedenen Bedeutungen der wirkliche Sach⸗ verhalt absichtlich oder unabstchtlich verdunkelt wird. Klares Erfassen der Grundbegriffe be⸗ fähigt uns also, nicht bloß den logischen Sprüngen unserer Gegner auf die Spur zu kommen, son⸗ dern auch in der Diskussion mit Gleichgesinnten, Hindernisse der Verständigung zu beseitigen, vorhandene Meinungsverschiedenheiten auf ihr wirkliches Maß zurückzuführen und ihre prak⸗ tische Bedeutung richtig zu beurteilen. Man muß unterscheiden, um urteilen zu können. Wir halten derartige belehrende Artikel für sehr nützlich und bringen deshalb die Dar⸗ legungen Stampfers zum Abdruck.— Politik — das sei noch vorausgeschickt— heißt Staats⸗ kunst, man versteht darunter alles, was mit dem Staatsleben und der Staatsprexis zu⸗ sammenhängt. Die innere Politik beschäftigt sich mit den Verwaltungs⸗ und Verfassungs⸗ Angelegenheiten, die äußere mit Verhäͤlinisfen der Staaten untereinander. 1 Monarchie, Republik, Absolutismus, Oligarchie, Aristokratie, Plutokratie, Konstitution, Parlamentarismus, Demokratie. Monarch ist der eine, der herrscht; Monarchie ist die Herrschaft des Einen. In diesem wörtlichen Sinne ist jeder Staat monarchisch regiert, der ein persönliches Oberhaupt besitzt, mag dieses seine Würde durch Erbschaft oder Wahl, lebenslänglich oder für bestimmte Dauer besitzen. Wenn man indes heutzutage von Monarchie spricht, so meint man damit regel⸗ mäßig die Erbmonarchte, in der die höchste Staatswürde von ihrem Träger auf die Lebens⸗ dauer geübt wird, und nach dem Tode auf den Nächstberechtigten(nach dynastischem Hausgesetz) übergeht. Dagegen versteht man unter einer Repu⸗ bl ik einen Staat, dessen Oberhaupt resp. dessen Gesamtleitung(„Direktorium, Konsulat“) nach bestimmten Grundsätzen gewählt, und dessen höchste Würde normalerweise nicht durch den Tod ihres Inhabers, sondern durch den Ablauf seiner Amtsperiode erledigt wird. Ein Staat, dessen Oberhaupt auf Lebenszeit gewählt wird, steht an der Grenze zwischen Republik und Monarchie. Das Oberhaupt der Monarchie oder der Republik kann in seinen Vollmachten durch ge⸗ wählte Körperschaften beschränkt oder unbe⸗ schränkt sein. Die unbeschränkte Herrschaft des Monarchen heißt Absolutis mus, die des republikanischen Staatslenkers Diktatur. Ist das Staatsoberhaupt durch gewählte Körper⸗ schaften in seinen Vollmachten beschränkt, 1 regiert es konstituttionell. Uebt der Wille der gewählten Körperschaften, des Parlaments, auf die Zusammensetzung und die Handlungen der Regierung entscheidenden Einfluß aus, so spricht man von einem parlamentarischen Regierungs system. Das parlamentarische Regierungssystem kann aber wieder verschiedene Herrschaftsformen re⸗ präsentieren, je nach den Grundsätzen, nach denen die Wahl des Parlaments erfolgt. Es kann aristokratisch sein, wenn das Parla⸗ ment noch nach dem alten ständischen System gewählt und dabei dem Adel der maßgebende Einfluß eingeräumt wird. Es ist pluto⸗ krattsch, d. h. auf die Herrschaft der Reichen zugeschnitten, wenn das Wahlrecht nach Ver⸗ mögens⸗, Einkommensverhältnissen, Steuer⸗ leistungen abgestuft wird. Ju diesen beiden Fällen ist das parlamentarische System eine Oligarchie, d. h. eine Herrschaft, die von Wenigen über die Masse geübt wird. Nur wenn das Parlament vom ganzen Volke nach den Grundsätzen des gleichen Wahlrechts gewählt wird, ist das parlamentarische Regierung ssystem eine Form der Demokratie. In der Demokratie regiert das Volk; alles, was im Staate geschieht, geschieht seinem Namen, nach seinem Willen und Auftrag. Das Volk in rein demokratischem Sinne besteht aber aus allen erwachsenen Bewohnern des Landes ohne Unterschied des Geschlechts und der Herkunft. Das Männerstimmrecht beraubt die Hälfte des Volkes seines Anteils an der Demokratie; das Bürgerprivileg der Eingeborenen verwandelt die Demokratie bei wachsendem Zustrom einwan⸗ dernder Fremden zur Oligarchie. Das souveräne Volk kann entweder sich auf die Wahl des Parlaments beschränken, aus dessen Mitte die Regierung gebildet wird, welche die Beamten ernennt, oder es kann sich die Entscheidung über die Abschaffung und Einführung von Gesetzen vorbehalten und die Wahl der Behörden un⸗ mittelbar selber vollziehen. Die Demokratie kann ferner zentralistisch oder förde⸗ ralistisch sein, je nachdem das Gesamtvolk durch seinen Mehrheitsbeschluß unbedingte Ge⸗ walt üben kann über alle einzelnen lokal be⸗ grenzten Volksteile, oder den Bewohnern der einzelnen Landestetle ein reichlich bemessenes Selbstverwaltungs⸗ und Selbstbestimmungsrecht (Autonomie) erhalten bleibt. So kann die Demokratie die verschiedensten Formen annehmen vom streng zentralisterten Volksstaat bis zur losen und zwanglosen Vereinigung sich selbst regierender kleinerer Volksgruppen. Sie bleibt aber Demokratie, solange alle Volksglieder gleichberechtigte Anteilhaber der Staatsgewalt sind, die in der Hand des ganzen Volkes ruht. Sie hört erst auf, wenn sie durch Gewalt zer⸗ stört wird, oder durch freiwilligen Volksbeschluß sich selber aufgibt. (Fortsetzung folgt.) ü Don Nah und Lern. Hessisches. — Sozialdemokratischer Beigeord⸗ neter. Die Stadtverordneten in Offenbach wählten den Genossen Eißnert zum unbe⸗ soldeten Beigeordneten mit 20 gegen 10 Stim⸗ men. Eißnert ist seit 8 Jahren Mitglied der Stadtverordneten⸗Versammlung; die bürgerlichen Stadtväter hatten auch an ihm nichts weit r auszusetzen, nur, daß er ausgesprochener Partei⸗ mann sei und deshalb stimmten sie gegen ihn! Als ob diese Herren keine Partetleute wären! Man darf nun wohl gespannt sein, ob die Regierung ihn bestättgen, oder ihren in früheren derartigen Fällen beobachteten rückständigen Standpunkt beibehalten wird.— Zum Ablauf der Amtsperiode des Offenbacher Oberbürger⸗ meisters Brink beschlossen die Stadtverordneten, den Posten auszuschreiben. Genosse Ulrich erklärte, daß er für seine Person Brink nicht mehr wählen werde. Und damit hat er nach unserer Meinung ganz recht, denn Brink hat jederzeit die nötige Unparteilichkeit vermissen lassen und stets einen sozialistenfresserischen Standpunkt herausgekehrt. Als vor vielen Jahren Ulrich als erster Sozialdemokrat in die Offenbacher Gemeindevertretung einzog, verweigerte Brink ihm sogar einen Stuhl und der soztaldemokratische Stadtverordnete mußte darum erst einen erbitterten Kampf ausfechten! — Von der Steuerhinterziehung eines hervorragenden Mitgliedes der höheren Verwaltung der evangelischen Landeskirche erzählt unser Mainzer Parteiblatt. Es handelt ch um 31000 Mark, die der betreffende gute Christ bei Einschätzung eines Hauses hinter⸗ zog. Der Fall ist um des willen beachtenswert, bemerkt die Mainzer Volkszeitung dazu, weil von der evangelischen Kirchenverwaltung an⸗ läßlich des„Fall Korell“ so verwilderte Begriffe über Christentum entwickelt wurden.— Fehlte blos, daß der Name genannt würde. Aber wer einigermaßen in Darmstadt Bescheid weiß, ——— 53— Seite 4. Mitteldentsche Sonuntags⸗ Zeitung: Nr. 28. kann aus den Andeutungen seine Schlüsse ziehen. Der Oberkirchenrat kann zu dieser Sache nicht wie zur Korellaffäre sich äußern, wohl aber kann und muß es die Steuerverwaltung tun. Steuerhinterziehung wird übrigens mit Strafe bedroht, man hat aber nichts von einem Straf⸗ verfahren gehört. Nun kann es freilich vor⸗ kommen, daß der„gute Glaube“ einem Hinter⸗ zieher zugute gerechnet und er nur zur Nach⸗ zahlung herangeholt wird. Immerhin würde die Steuerbehörde wohl auch in solchem Falle die Akten zur selbständigen Prüfung der Justiz⸗ behörde überreichen.— Von Seiten der Regie⸗ rung wird man sich wohl darüber äußern müssen. Gießener Angelegenheiten. — Ueber den„Fall Korell“ äußerte sich kürzlich auch Herr Pfarrer Schlosser in einer Zuschrift an den„Gieß. Anz.“ Darin wehrte sich der Pfarrer entschieden gegen die Ansicht des Amtsblattes, daß die Kirche eine „staatserhaltende“ Aufgabe habe und setzt seine gegenteilige Meinung in längeren Aus⸗ führungen auseinander. Was er sagt, ist vom wahren religiösen Standpunkte aus vollkommen zutreffend; einen solchen Standpunkt nehmen aber die Ordnungsblätter nicht ein, nach ihnen hat die Kirche die Aufgabe, für Aufrechterhaltung der heutigen Ordnung und des kapttalistischen Staates zu wirken, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen als gottgewollte Einrichtung zu erklären. Natürlich! Zu was brauchen denn sonst die Bestitzenden„Religion“, wenn ihre Diener den Ausgebeuteten und Unterdrückten nicht Zufriedenheit und Ergebung in ihr hartes, unabänderliches Schicksal predigen? Unzufrieden⸗ heit zu säen und zu„hetzen“, dafür sind die Sozialdemokraten da, die mit Stumpf und Stiel auszurotten der Pfarrer als seine heilige Pflicht erachten muß. So, im Sinne des Amts⸗ blattes fassen aber tatsächlich die Mehrheit der Geistlichen ihr Amt auf; nur wenige teilen die von Schlosser vertretenen vernünftigen An⸗ sichten, viel mehr fühlen sie sich meistens als Stützen der heutigen Ordnung und Wortführer der be⸗ sitzenden Klassen und deshalb wendet sich die arbeitende und besitzlose Bevölkerung mehr und mehr von der Kirche ab. Und zur allgemeinen Flucht aus der Kirche trägt das famose Urteil des Oberkonsistoriums gegen den Pfarrer Korell nicht wenig bei. — In der Stadtverordneten⸗ Sitzung am Donnerstag teilte Beigeordneter Curschmann zunächst mit, daß gegen die Be⸗ merkungen eines Staatsanwalts Beschwerde erhoben worden sei, die dieser gelegentlich einer Gerichtsverhandlung über eine Strafsache wegen Uebertretung der Feldpoltzeigesetze gemacht hatte. Diese Bemerkungen gingen dahin, daß die Feld⸗ schützen nicht zu viele Anzeigen erstatten sollten, in denen eine Verurteilung nicht erfolgen könne, die also grundlos seien. Der Beigeordnete be⸗ dauerte, daß ein Staatsanwalt derartiges gesagt, das die Bevölkerung zu der Meinung bringen müsse, daß ste von dem Feldschutzpersonal chika⸗ niert würde. Er führte die Zahl der Anzeigen und Verurteilungen wegen solcher Delikte aus den letzten Jahren an, woraus hervorging, daß nur in sehr wenig Fällen Freisprechung erfolgt sei. Diesen Ausführungen wurde zwar von verschiedenen Seiten zugestimmt, doch wir meinen, der betr. Staatsanwalt hat in diesem Falle doch nicht so ganz unrecht gehabt. Die Zahl der erfolgten Verurteilungen will nicht viel beweisen, denn es können sich unter Verurteilten noch viele Unschuldige befinden. Uns sind schon viele derartige Fälle mitgeteilt worden, in denen die Schuld des Bestraften mindestens zweifelhaft war.— Dann gab es wieder eine lange Debatte über die Volksschul verhält⸗ nisse. Oberbürgermeister Mecum nahm Bezug auf eine in der vorhergegangenen Sitzung von Dr. Ebel gemachte Bemerkung über die Ueber⸗ füllung verschiedener Volksschulklassen und legte eine umfangreiche statistische Aufstellung vor, die beweise, daß das Volksschulwesen in Gießen sich stets verbessert habe und nicht schlechter als in anderen hessischen Städten sei. Der Vor⸗ wurf Dr. Ebels sei also unbegründet. Dieser erklärte, daß er doch keinen Vorwurf gegen die Stadtverordneten oder den Schulvorstand er⸗ hoben habe. Kirch meint, das sei doch ge⸗ schehen. Krumm bemerkt, man solle doch nicht so zimperlich sein. Ebel habe die 5 Klassen erwähnt, in denen Ueberfüllung herrscht; damit sei niemanden ein Vorwurf gemacht. Kirch: Ebels Rede sei zum Fenster hinaus gehalten worden, um den kleineren Leuten zu sagen, daß für die armen Kinder nicht so, wie für die besseren gesorgt würde.(Krumm: Das ist auch so!) Die weitere Debatte gestaltete sich ziemlich erregt; unter anderem beschwert sich Herr Schmall über den„Ton“ Krumm's und wüuscht, daß der Oberbürgermeister künftig„energisch dreinfahren“ möge! Krumm lehnte es mit Recht ab, über den„Ton“ Lehren entgegen zu nehmen. Wenn auf bestehende Mißstände hingewiesen wird, so ist damit nicht gesagt, daß der Schulvorstand oder sonst jemand daran schuld sei. Im übrigen sollten sich die Herren nur den Ton vor Augen halten, den sie gegen die Sozialdemokratie anzuschlagen be⸗ liebten!— Nachdem noch Herr Sch mall seine absolute Unempfindlichkeit gegenüber etwaiger abfälliger Preßkritik festgestellt hatte, schloß die lange, lebhafte und überflüssige Debatte und man ging zur Tagesordnung über. Was davon noch von Wichtigkeit ist, nächste Nr. — Auf dem Sängerfestplatze hat es am Dienstag in der Frühe noch eine blutige Schlägerei abgesetzt. Zwischen einer Anzahl Festbesucher, meistens Studenten, die die Nacht hindurch gezecht hatten, kam ez zu Streit und Lärm. Schutzleute suchten Ruhe zu stiften, stießen aber dabei auf Widerstand, wurden auch, wie mitgeteilt wird, tätlich angegriffen. Die Schutzleute schlugen mit blanker Waffe zu und mehrere Studenten wurden verletzt. — Im Wahlverein wird diesen Samstag— den 14. Juli, den Jahrestag der Erstürmung der Bastille — ein kurzer Vortrag über dieses weltgeschichtliche Er⸗ eignis gehalten werden. An zweiter Stelle der Tages⸗ ordnung steht die Kreiskonferenz und die Wahlen der Delegierten dazu. Die Mitglieder wollen deshalb recht zahlreich und pünktlich erscheinen. — Freie Turnerschaft. Zur Teilnahme an dem 10jährigen Stiftungsfest des Arbeitergesangvereins Sängerkranz Wieseck werden die Turngenossen ersucht, sich Sonntag den 15. d. Mts. mittags 12 Uhr im Vereinslokal(Rest. Pfau, Neustadt) einzufinden. Ab⸗ marsch punkt 12 Uhr. Aus dem Nreise gießen. n. Wieseck. Der Wahlvereinsvorstand ersucht die Parteigenossen, sich am Sonntag Nachmittag punkt 2 Uhr bei Wacker einzufinden.— Die Wahlvereinsversamm⸗ lung findet nicht diesen Sonntag, sondern erst den nächten, am 21. Juli, statt. Dazu ist vollzähliges Erscheinen wegen wichtiger Tagesordnung notwendig. Aus Alten⸗Buseck schreibt man uns: ck. Sonn⸗ tag, den 22. Juli, feiert der hiesige Kriegerverein, an⸗ läßlich der Verleihung der Kaiserschleife, ein Fest. Man sollte nun annehmen, daß dieses Ereignis die hiesige Arbeiterschaft kalt lassen würde. Doch weit gefehlt. Unter den mit einer Einladung Beglückten befindet sich auch der Arbeitergesangverein Germania, Mit⸗ glied des Arbeiter⸗Sängerbundes, und der Turnverein, welcher der Freien Turnerschaft angehört. Beiden Vereinen gehören eine beträchtliche Anzahl, dem Gesang⸗ verein ungefähr die Hälfte, Mitglieder des sozialdemo⸗ kratischen Wahlvereins an, aber fast alle zählen sie sich zur sozialdemokratischen Partei. Man hätte nun erwarten sollen, daß diese auf dem Boden der modernen Arbeiter⸗ bewegung stehen wollenden Arbeiter, dieses Ansinnen ruhig zurückgewiesen hätten. Doch nein! So weit geht das Klassenbewußtsein der guten Leute nicht. In ge⸗ heimer Abstimmung beschlossen beide Vereine mit über⸗ großer Majorität, sich an dem Kriegerfest zu beteiligen. Den Gipfel der Selbstverhöhnung erklomm aher der Gesangverein. Er beschloß, solche Mitglieder, die ihre sozialdemokratische Ueberzeugung nicht über Bord werfen, und dem Feste fern bleiben wollen, mit 1 Mk. zu be⸗ strafen. Wenn wir nun die Ereignisse der letzten Zeit an uns vorüberziehen lassen: die Hinmordung unserer russischen Brüder, den blutigen russisch⸗japanischen Krieg, das vergossene Arbeiterblut und die abgehauene Arbeiter⸗ hand in Breslau, die Mißhandlung unserer Soldaten in deutschen Kasernen und die inhaltsschweren Worte, welche einst an deutsche Soldaten gerichtet wurden: selbst auf Vater, Mutter und Bruder zu schießen, dann über⸗ kommt einem ein eigenartiges Gefühl, wenn man sehen muß, wie politisch und gewerkschaftlich organisterte Ar⸗ beiter, dem Militarismus, der einzigen Stütze unserer ka pitalistischen Gesellschaft, solche Ovationen darbringen. Hoffen wir, daß doch noch das Schamgefühl der sozial⸗ demokratischen Arbeiter erwacht, und sie diesem Feste fern bleiben. — Der Gemeinderechner Zimmer in Bisses⸗ wurde vorige Woche verhaftet. Es wird ihm zur Last gelegt, Gemeindegelder in der Höhe von 3000 Mk. unterschlagen zu haben. Das Manko suchte er durch fälschliche Bucheintragungen zu verdecken. Die Kontrolle scheint auch nicht mit der nötigen Gründlichkeit ausgeübt worden zu sein. Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen. V. Wegen Milchpantscherei wurde der Milch⸗ händler Philipp Wiegand von Niederdorfelden vom Frankfurter Schöffengericht nur mit 50 Mk. Geld⸗ strafe belegt, obwohl er schon öfters gewässerte Milch verkauft hat und deshalb schon einmal vorbestraft i st. Am 10. April hat ein Schutzmann in Frankfurt wieder eine Flüssigkeit bei ihm beschlagnahmt, bei der auf 100 Teile Milch 18 Teile Wasser kamen. Wahrscheinlich ist die Milch aber schon vom Produzenten ge⸗ wässert worden, denn die Proben, die sich Wiegand einige Tage später von seinem Lieferanten in einer ver⸗ stegelten Flasche schicken ließ, wiesen denselben Prozentsatz Wasser auf. Deshalb nahm das Frankfurter Schöffen⸗ gericht nochmals Fahrlässigkeit an, sodaß Wiegand mit obiger Strafe davonkommt. Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach. g. Volksversammlung in Alsfeld. Am Samstag fand im Saale zum„Deutschen Haus“ eine gut besuchte Versammlung statt, in der Genosse Dr. David über:„Wichtige Fragen der Reichs politik“ sprach. Redner erntete stürmischen Beifall. Nachdem in der Diskussion Herr Bücking über die lokalen Schulverhältnisse gesprochen hatte, schloß der Vorsitzende, Genosse Karl Orbig, die öffentliche Versammlung mit einer Aufforderung zur regen Mitarbeit in der Organi⸗ sation. In der sich anschließenden Besprechung der Parteigenossen wurden zirka 20 Neuaufnahmen gemacht. Das Ergebnis des regen Meinungsaustausches war der allseitige feste Entschluß, von jetzt ab mit aller Kraft den weiteren Ausbau der Organisation zu betreiben, damit die Partei auch in Alsseld zu einem Machtfaktor werde. Am 29. Juli soll eine Kreiskonferenz stattfinden, um auch die Kreisorganisation neu zu beleben. W. Alsfeld. Die freie Turnerschaft feiert am Sonntag, den 22. Juli, ihr Sommerfest in dem großen, schattigen Garten des„Stadtpark“. Das Fest zu einem wahren Volksfeste zu gestalten, ist der Verein und das Komitee seit langem bemüht. Neben turnerischen Aufführungen, Konzert und Preisschießen werden Volks⸗ belustigungen aller Art geboten werden. Abends werde. Pyramiden bei bengalischer Beleuchtung gestellt und der ganze Garten mit Lamplons erleuchtet. An die Freunde und dle Arbeiterschaft Alsfelds, sowie an alle Vereine des 3. Bezirks ergeht die Bitte, sich recht zahlreich an diesem Feste zu beteiligen, das unsere Sache fördern helfen und den Teilnehmern einmal ein paar Stunden Erholung verschaffen sol. — Heinzerling Nr. II. In Decken bach bei Homberg a. d. O, ist die Sparkasse nebst dem(länd⸗ lichen) Konsumverein verkracht. Der Zusammenbruch ist auf die Lotterwirtschaft und auf Unterschlagungen des vor einiger Zeit verstorbenen Leiters der beiden Instltute zurückzuführen. Es wurde ein Fehlbetrag von etwa 90000 Mark festgestellt. Fast jeder Ortseinwohner ist bei der Affaire in Mitleidenschaft gezogen. Was würde es in den Ordnungsblättern für ein Lärmen geben, wenn Sozialdemokraten an der Verwaltung dieses Konsum⸗ vereins beteiligt wären! So handelt es sich aber um einen ländlichen Konsumverein, eine Gründung der Landwirtsbündler. Die antisemitischen Konsumvereins⸗ töter, die Henningsen und Comp., sollten diesen Fall ihren Akten einverleiben! Aus dem Rreise Wetzlar. h. Seht die Bürgerliste nach! Vom 15. bis 30. Juli liegt auf dem Rathause, Zimmer Nr 2, die Liste der stimmfähigen Bürger zur allgemeinen Ein⸗ sicht auf. Einwendungen gegen ihre Richtigkeit können während dieser Zeit erhoben werden. Unsern Partei⸗ freunden, soweit sie wahlberechtigt find, sei dringend empfohlen, sich zu überzeugen, ob ihr Name in der Liste eingetragen ist, andernfalls verlieren sie ihr Wahlrecht! p. Bureaukratismus. Vor dem Schöffen⸗ gericht stand am Freitag der Schneidermeister Glaßner aus Schwalbach, der gegen einen Strafbefehl Wider⸗ spruch erhoben hatte. Dieser Strafbefehl war ihm zu⸗ diktiert worden, weil er ohne Erlaubnis— eine Ueber⸗ brückung über den Straßengraben vor seinem Hause an⸗ gelegt hatte! Das Gericht konnte sich nicht von der Strafbarkeit der Handlung des Angeklagten überzeugen und sprach ihn frei.— Es ist ein starkes Stück, daß ein Mensch deshalb überhaupt vor Gericht kommen kann und diese„Straftat“ näher zu erklären. Wie überall, so sind auch im Landkreis Wetzlar die Provin⸗ zial⸗, Kreis⸗ und Landstraßen an beiden Seiten mit einem Wassergraben versehen, und wo die Straßen durch Land⸗ gemeinden führen, werden auch die Wassergräben mit- 9 „F leer auf lich ge and ber⸗ lat ffen⸗ mit Am eine Dr. itil hdem kalen ende, mit gani⸗ der lacht. r der straft alben, saltot den, felert dem gest etein sschen olls⸗ elde der unde relne 9 an dern unden 0 bel (länd⸗ h it 1 des situte eto r it würde wenn nsum⸗ * um g der telub⸗ laubnis höchstens in den Graben fallen—, die ihm Nr. 283. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. geführt, was eigentlich selbstverständlich erscheint. Nun haben die Bürger der Landgemeinden ihre Häuser aber nicht auf die Landstraßen gebaut, sondern daneben und zwar jenseits des Wassergrabens, und da die Wasser⸗ gräben in den Ortschaften durchweg nicht kanalisiert sind, müssen sich die Bewohner der Häuser selbst den Ueber⸗ gang über den Graben verschaffen. Wer nun den Graben am Eingang seiner Wohnung überbrücken will, muß sich bei der Kreisstraßenverwaltung, also auf dem Land⸗ ratsamt, die Erlaubnis dazu holen— ohne obrigkeit⸗ liche Erlaubnis darf ein guter„Untertan“ nichts unter⸗ nehmen; er darf bei einem pariotischen Fest ohne Er⸗ auch erteilt wird mit der gleichzeitigen Bedingung, den Durchfluß unter Brücke stets offen, also im Stande zu halten. Soweit alles gut und schön. Doch der der⸗ zeitig regierende Landrat, Herr Satorius, hat bei einer Durchfahrt durch„seinen Kreis“ herausgefunden, daß diese Straßengrabenüberbrückungen sich als Ein⸗ nahmequellen für die Kreiskasse benutzen lassen und hat somit kraft seines Amtes verfügt, daß nach 1901 jeder Brückenbesitzer außer den sonstigen Bedingungen, all⸗ jährlich noch bis eine Mark Steuer zahlen muß. So begeistert man sonst im Landkreis Wetzlar für den „guten Landrat“ und alles, was von„oben“ kommt, auch ist, so hat diese Verfügung bei den Bauern arg verschnupft. Sie können nicht begreifen, wie die Kreis⸗ verwaltung, die doch eigentlich verpflichtet wäre, die Gräben zu kanalisieren, das jedoch nicht tut, sondern es den Bewohnern selbst überläßt, sich den Uebergang zu ihren Wohnungen zu bauen, von ihnen nun noch obendrein Steuer verlangen kann. Wer diese jedoch nicht zahlt, dem wird sein Uebergang durch die Behörde fortgerissen und muß er über den Graben springen, wie das eben dem Angeklagten geschehen ist. Nun hat er aber, wie das Urteil zeigt, in dem Konflikte obgestegt. Immerhin bleibt die Sache für den in der Verwaltung herrschenden bureaukratischen Geist kennzeichnend. h. Der frühere Gensdarm Glaus war im vorigen Jahre wegen Mißhandlung des Dachdeckermeisters Kottmann zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Er hatte gegen das Urteil Revision ergriffen und erst jetzt ist die Sache endgiltig vom Reichsgericht entschieden. Die Reviston wurde verworsen, Glaus behält seine 6 Monate, die ihm jeder gönnt, der je mit ihm zu tun bekam. Glaus war nämlich ein Ordnungshüter nach russischer Art. 1. Eine öffentliche Turnerversammlung findet am Samstag, den 14. Juli, abends 8/ Uhr im„Schwarzen Walfisch“ in Gleiberg statt. Bezirks⸗ leiter Noll⸗Gießen wird über„Deutsche Turnerschaft und Arbeiterturnerbund“ sprechen; im Anschluß hieran findet die Grandung eines Arbeiterturnvereins statt. Die Genossen von Krofdorf⸗Gleiberg werden hierzu freund⸗ lichst eingeladen und um zahlreiches Erscheinen ersucht. Aus dem Rreise Murburg⸗Nirchhain. * Gewerkschaftliches. Die gewerkschaftliche Bewegung in Marburg macht beständige Fortschritte. Der Verband der Dachdecker, der sich erst kürzlich gegründet hat, sah sich bereits veranlaßt, die Forderung: Einführung der 10 stündigen Arbeitszeit statt der bis⸗ herigen 11 stündigen bei Beibehaltung des bisherigen Lohnes, einzureichen. Da die Dachdecker gut organistert find, ist anzunehmen, daß die Forderungen ohne weiteren Kampf durchgehen, zumal die Dachdecker die einzigen Bauarbeiter sind, die noch die 11 stündige Arbeitszeit haben. Auch die Transport⸗ und Verkehrs- Arbeiter regen sich endlich. Am Donnerstag fand eine sehr gut besuchte Versammlung statt, in der zwei Marburger Genossen den erschienenen Kutschern und Fuhrleuten die heutigen Zustände schilderten. Lebhafte Klagen wurden in der Diskussion laut, besonders in Bezug auf die Behandlung, sowie die Lohn⸗ und Kost⸗Verhältnisse. Der durchschnitt⸗ liche Stundenlohn eines Fuhrmanns beträgt ganze 15 Pfennige! Dabei eine mindestens 14 stündige Arbeitszeit, auch Sonntagsarbeit gehört mit zum Beruf. Diese Zu⸗ stände schreien zum Himmel und müssen unbedingt be⸗ seitigt werden! Das haben auch die Kutscher und Fuhr⸗ leute selbst eingesehen und die Gründung einer Zahlstelle des Handels⸗, Transport⸗ und Verkehrs⸗Arbeiter⸗Ver⸗ bandes beschlossen.— Der Streik der Schreiner und ebenso derjenige der Bauhilfsarbeiter dauert unver⸗ ändert fort. 5 Die Hand abgefahren! Ein recht bedauer⸗ licher Unglücksfall trug sich am Donnerstag voriger Woche am Rudolfsplatz zu. Dort spielte das zweijährige Töchterchen des Fahrradhändlers Rahler auf dem Trottoir, als ein schwerer Kohlenwagen vorüber fuhr und jedenfalls durch Unachtsamkeit des Fuhrmanns auf den Bürgersteig kam. Dabei ging ein Rad dem Kinde über die rechte Hand, die fast abgequetscht wurde! Das bedauernswerte Kind wurde in die Klinik gebracht. Eine Ausstellung„Marburger Altertümer“ ist am Mittwoch in Marburg im früheren Kunstsalon Schramm eröffnet worden. Die Silberdiebstähle der Fürstin Wrede waren vorige Woche Gegenstand einer Verhand⸗ lung vor der Strafkammer des Landgerichts J in Berlin. Angeklagt war der Diener Glase, der früher im fürstlich Wrede'schen Diensten stand, wegen Erpressung. Glase hatte Diffe⸗ renzen mit der Fürstin bekommen, die zu seiner Entlassung führten. Von Paris aus schrteb er dem Fürsten, daß er die Hoteldieb⸗ stähle anzeigen werde. In dem betr. Briefe befand sich aber auch die Bemerkung:„Wie wäre es mit 50 000 Mk. 2“ Damit will Glase aber keine Erpressung haben ausüben wollen, zumal er, ohne die Antwort des Fürsten abzu⸗ warten, Anzeige erstattet habe. Glase wurde zu der auffällig hohen Strafe von neun Mo⸗ naten Gefängnis und zweijährigem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt.— Gott⸗ lieb im„Tag“ dichtet dazu: Fürstin Wrede. Stehlsucht. Geiz. Gasthof. Spanien, Frankreich, Schweiz. Silberzeug. Versuchung. Reiz. Diener petzt infolge Streits; Droht; in alle Winde schreit's. Steckbrief.— Fürstin andrerseits Krankhaft. Staatsanwalt verzeiht's. Ihr geschah bis jetzt kein Leids. Und der Diener sitzt bereits. Ordnungsstützen. Das Schwurgericht in Aachen verurteilte den katholischen Kirchenrendanten Hamacher aus Rüsbach bei Stolberg wegen Unterschlagung von Kirchengeldern, sowie Buch⸗ und Bilanzfälschungen in Höhe von rund 20500 Mark zu 1 Jahr Gefäugnis.— Das Land⸗ gericht zu Frankenthal verrrteilte den prak⸗ tischen Arzt Dr. Willt Tändler aus Speier wegen eines Sittlichkeitsverbrechens, das er an einem 15 Jahre alten Dienstmädchen verübt hatte, zu zehn Monaten Gefängnis.— Eine Million Mark unterschlagen hat der Direktor des Vorschußvereins von Kappel⸗ rodeck bei Offenburg i. Baden, Bürgermeister Haas, ein patentierter Ordnungsmann. Auch in diesem Falle fehlte es an der nötigen Kon⸗ trolle, weil die Herren Aufsichtsräte nicht wagten, den Herrn Bürgermeister und Direktor zu revi⸗ dieren und sie werden für ihre Fahrlässigkeit Hlrekof cn gemacht werden. Der ungetreue Direktor wurde zu 10 Jahren 7 Monaten Zuchthaus verurteilt.— Hinzugefügt sei noch, daß Haas als sehr vermögend galt; er betrieb Oekonomie und Weinhandel; seine beiden Aemter brachten ihm auch erhebliche Einnahmen. Er soll ungeheure Summen für das Lotterie⸗ spiel aufgewendet und verloren haben. Schon seit 1880 verübte er die Unterschlagungen, die er später durch Urkundenfälschungen zu ber⸗ decken suchte.— Noch ein weiterer Darlehens⸗ kassen⸗Vorsttzender, der Bürgermeister Welzen⸗ bach von Obersinn wurde am 25. Juni vom Landgericht Würzburg wegen Unter⸗ schlagung von 17000 Mk. und Urkundenfälschung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Arbeiterbewegung. Achtung Arbeiter allerorts! Auf der Gailschen Dampfziegelei und Tonwarenfabrik in Gießen sind am Donnerstag den 12. Juli zirka 200 Mann in den Streik getreten. Für jeden ehrlichen und anständigen Arbeiter ist es Pflicht, den Zuzug streng fern zu halten. Alle arbeiter⸗ freundlichen Blätter werden um Abdruck ge⸗ beten. Die Streikleitung. Lohnkämpfe. Die Dachdecker in Frankfurt befinden sich noch immer im Ausstande, doch steht die Sache günstig für die Arbeiter.— Die Metallarbeiter bei der Firma Brust und Post in Darmstadt, Fabrik und Gießerei für Gas⸗, Wasser⸗ und Dampfanlagen, haben sämtlich ge⸗ kündigt. Die Verbandsleitung ersucht daher alle Former, Gießereiarbeiter, Dreher und Schlosser, in diesem Betrieb keine Arbeit zu nehmen. Die Firma versucht unter Verschwei⸗ reichten Kündigung auswärts Arbeiter zu be⸗ kommen.— In Erfurt streiken die Holz⸗ arbeiter, denen die Unternehmer einen lang⸗ fristigen ungünstigen Tarifvertrag aufzwingen wollten. Die Holzarbeiter werden ersucht, Erfurt zu meiden. Aus den Gewerkschaften. Der Maurer- verband hat jetzt ebenfalls eine Mitglieder⸗ zahl von über 200 000 erreicht. Das Er⸗ eignis feierte das Organ des Verbandes, der „Grundstein“, durch mehrere von Päplo w und Bömelburg verfaßte Festartikel. Letzterer wies darauf hin, welche Verbesserungen ihrer wirtschaftlichen Lage die deutschen Maurer durch ihre Kampfesorganisation erreicht haben. Der Zentralverband der Maurer stellt gegenwärtig die größte Branchen⸗Organisation der Welt dar. Wenn auch der Metallarbeiterverband ihm in der Mitgliederzahl numerisch über ist, so ist doch bei einem Vergleich zu beachten, daß in letzterem Verband eine Reihe von Branchen vertreten sind, während dem Zentralverband lediglich Maurer angehören. Das Ereignis sei ein Anlaß zu neuem Schaffen für die Kampfes⸗ organisation.— Auch mit dem Verband der Bauhilfsarbeiter geht es erfreulich vorwärts, er zählt gegenwärtig berelts 85000 Mitglieder. Partei-Uachrichten. Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Kreiskonferenz Sonntag, den 29. Juli, nachmittags 2 Uhr, im„Stadtpark“ zu Alsfeld. Tagesordnung: Ausbau der Organisation, Die Parteigenossen im Kreise werden ersucht, sofort zur Wahl von Delegierten zu schreiten und überhaupt für eine zahlreiche Beteiligung an der Konferenz Sorge zu tragen. Der Kreisvorstand. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 29. Juli, vormittags 10 Uhr, Kreiskonferenz(Generalversammlung) im Lokale C. Orbig in Gießen, Rittergasse. Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht; 2. Neuwahl des Vorstandes; 3. Presse; 4. Parteitag in Mannheim; 5. Sonstiges. Die Vorstände der Mitgliedschaften werden ersucht, die Wahlen von Delegierten rechtzeitig zu veranlassen. Nach§ 3 des Kreisstatuts können Vereine bis zu 25 Mitgliedern zwei Delegierte, stärkere für jedes weitere volle Viertelhundert Mitglieder einen mehr entsenden. Die Mandate müssen von mindestens zwei Vorstands⸗ mitgliedern unterzeichnet und mit dem Vereinsstempel versehen sein. Formulare sind beim Kassterer August Bock, Gießen, Bleichstraße 29 III, zu haben.— An⸗ träge zur Generalversammlung, sowie Wünsche in Bezug auf den Ort des nächstjährigen Kreis festes wolle man rechtzeitig an den Vorsitzenden Gg. Beckmann, Grün⸗ bergerstraße 44, gelangen lassen. Gießen, den 26. Junt 1906. Mit Parteigruß! Der Vorstand des Kreis⸗Wahlvereins. Wetzlar. Die neuen Mitgliedsbücher für den Kreiswahlverein gelangen vom 1. Juli ab zur Aus⸗ gabe und sind vom Vertrauensmann O. Fauth, Wetzlar, Mühlgrabenstraße 9 II zu beziehen. Versammlungskalender. Samstag, den 14. Juli. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. 1. Vortrag: Die Er⸗ stürmung der Bastille. 2. Kreiskonferenz. Gießen. Freie Turner:schaft. Abends 8/ Uhr Monats⸗Versammlung im Vereinslokal(Pfau). Alten⸗Buseck. Volksverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Becker. Steinberg. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Schwarz. Friedberg. Wahlverein. Abends ½9 Uhr Versammlung in der„Konkordia“. Sonntag, den 22. Juli. Hausen. Arbeiter⸗Verein. Nachmittags 3 Uhr General⸗Versammlung bei Wirt Wallbott— Briefkasten. Btzbch. Mk. 1.50 für ausgesperrte Buchbinder ꝛc. an zuständige Stelle befördert, ebenso kürzlich die Mk. 2 für die Tabakarbeiter.— tz. Bericht über die Bez.⸗ Konf. Heldenbgn. nächste Nummer.— W. Lanns⸗ gung der durch die seitherigen Arbeiter einge⸗ bach. Die Sache zurückgestellt, bitte nochmals vorzu⸗ sprechen. — . 2 3 —— — Seite 6. Mitteldeuische Sountags⸗ Zeitung. Nr. 28. Wissenswertes über unsere Arbeiterversicherung. (Aus der„Sächs. Arbeiterztg.“) C. Juvalidenversicherung. Schluß.) Wartezeit. a Wer Invalidenrente beziehen will, muß nach⸗ weisen, daß er mindestens 200 Wochenbeiträge entrichtet hat; unter diesen 200 Beiträgen müssen sich 100 befinden, die er bezahlte, als er gegen Gehalt oder Lohn bei einem Arbeitgeber beschäftigt war, sonst müssen 500 Beiträge nachgewtiesen werden. Die Zeit der Krankheit, in welcher man erwerbsunfähig war, zählt bis zur Dauer von 52 Wochen als Beitragszeit, als hätte man Beiträge nach der 2. Klasse bezahlt. Das⸗ selbe gilt für die Wöchnerinnen. Ebenso zählt die Zeit militärischer Uebung als Beitragszeit, auch die aktive Dienstzeit, wenn unmittelbar von dem Eintreffen bereits Beiträge zur In⸗ validenverst herung gezahlt wurden. Die Krank⸗ heitszeiten hescheinigt die Krankenkasse oder die Gemeinde, die Militärdienstzeit geht aus dem Militärpaß hervor. Wartezeit bei Altersrente. Altersrente wird ohne Rücksicht auf den Gesundheitszustand mit erfülltem 70. Lebeus⸗ jahre gewährt, doch sollen mindestens 1200 Bei⸗ träge nachgewiesen werden. Soviel Beiträge sind zurzeit aber noch von niemand geleistet. Die jetzigen Altersrentner erhalten die Rente auf Grund von Uebergangsbestimmungen. Am 1. Januar 1891 trat das Gesetz in Kraft, für jedes Jahr, welches sie damals über 40 Jahre alt waren, werden ihnen 40 Beiträge gutgerechnet. Wer Altersrente beantragt, muß aber seit 1901 mindesters für jedes Jahr 40 Beiträge nachweisen. Mit 70 Jahren ist man meist auch Invalid und wird daher in der Regel viel leichter die Juvpalidenrente, als die Altersrente erlangen. Die Höhe der Rente richtet sich nach der 950. und der Höhe der geleisteten Beiträge. er viel und hohe Beiträge bezahlte, bekommt also mehr als derjenige, der wenig und niedrige Beiträge leistete. Zu jeder Rente zahlt das Reich pro Jahr 50 Mk. als Reichszuschuß. Die im Jahre 1904 bewilligten Invaliden⸗ renten betrugen im Durchschnitt pro Jahr 155 Mk. 13 Pf., die Altersrente 157 Mk. 18 Pf. Die früher bewilligten Renten sind entsprechend niedriger. Die Anträge auf Renten sind bei der Gemeindebehörde zu stellen; von dieser werden sie geprüft und dann an die Versicherungsanstalt weitergegeben. Rückzahlung von Beiträgen. Weibliche Versicherte, die mindestens 200 Beiträge entrichtet haben, können sich binnen eines Jahres vom Tage der Eheschließung die Hälfte der Beiträge zurückerstatten lassen. Dem ist aber entschieden zu widerraten, weil dadurch jeder Anspruch verloren geht; vielmehr sollten auch die Ehefrauen die Verstcherung, wie oben gezeigt, fortsetzen. Da⸗ gegen sind die Beiträge unbedenklich zurückzu⸗ erheben, wenn Verstcherte versterben und Frauen oder Kinder unter 15 Jahren hinterlassen, wenn Frauen sterben und einen hilflosen Mann oder Kinder unter 15 Jahren zurücklassen, und wenn jemand infolge schweren Unfalls eine hohe Rente bezteht und daher keine Invalidenrente beziehen kann. In letzterem Falle brauchen auch nicht 200 Beiträge entrichtet sein. Die Heilbehandlung, welche von den Versicherungsanstalten zur Verhütung der In⸗ validität in vielen Fällen gewährt wird, ist von großem Werte, sie ist aber eine Leistung, die nicht gewährt werden muß. Nur wenn Aus⸗ sicht auf Heilung vorhanden ist, wird die Heil⸗ behandlung übernommen, besonders bei Lungen⸗ leiden. Wo solche Behandlung, z. B. in einer Lungenheilanstalt, geboten ist, wende man sich zur Vermittlung an seine Krankenkasse. Wer keiner Kasse angehört, wende sich direkt oder durch seinen Arzt an die Versicherungsanstalt. Bet Heilbehandlung übernimmt auch die Ver⸗ sicherungsanstalt die Unterstützung der Familie. Von den Versicherungsaustalten werden auch, wenn nötig, Badekuren ange⸗ ordnet, Hilfsmittel und Beihilfe zum Zahn⸗ ersatz gewährt. Ein klagbares Recht darauf sowie auf Heilbehandlung steht den Verstcherten aber nicht zu. Mit ihrer Zustimmung können Invalide in Invalidenhäuser untergebracht werden; für diejenigen, die keinen Familienan⸗ schluß haben, ist das sehr vorteilhaft. Berufung. Wegen der Höhe, des Beginns der Renten, der Verweigerung oder Entziehung derselben ist binnen eines Monats Berufung an das Schiedsgericht für Arbeiterverstcherung zulässig. Revision gegen das Schiedsgerichtsurteil kann binnen eines Monats beim Reichs⸗Versicherungs⸗ amt eingelegt werden, diese kann nur darauf gestützt werden: 1. daß die angefochtene Entscheidung auf Nicht⸗ anwendung oder unrichtige Anwendung des bestehenden Rechtes oder auf einen Ver⸗ ben 19 5 den klaren Inhalt der Akten eruhe; leide. Gegen Verweigerung der Beitragserstattung ist Beschwerde beim Reichs⸗Versicherungsamt zulässtg. Das letztere entscheidet in allen Fällen endgültig. 5 1 Der Dieb. Von Karl Zielke. Man vergißt so mancherlei im Leben, und es ist zuweilen gut, wenn man vergißt. Selbst bei Betrachtung der Narben, die man im Kampf ums Dasein davongetragen hat, wird die Vor⸗ stellung von dem Urheber der Verwundung, die die Narbe hinterlassen, manchmal recht undeutlich. Aber man vergißt niemals diejenigen, die uns in unserer Jugend tief beleidigt haben. Ich hatte noch niemals gestohlen, als ich erleben mußte, daß man mich Dieb schalt. Ich zählte dreizehn Jahre, ich erinnere mich dessen sehr genau. Alle Einzelheiten des Vor⸗ ganges hat die Erinnerung mir aufb⸗wahrt. Denn riesengroß erschien mir die Kränkung, die ich erlitten. Und das war alles so einfach, so natürlich und selbstverständlich vor sich gegangen.— Ich trat in den Fleischerladen, in den meine Mutter mich geschickt hatte, um Kalbsleber zu kaufen. Mehrere Frauen standen vor dem Ladentisch und begehrten; jede auf ihre Art. Ich drängte mich langsam nach vorne, denn Kinder läßt man mit Vorliebe warten; oft unnützerweise, denn man könnte auch wartende Kinder bedienen unbeschadet des Fortganges der oft müßigen Gespräche, die Verkäufer mit ihren weiblichen Kunden führen. Wenigstens glaubte ich dies, als ich dreizehn Jahre alt war. Seit ich die Menschen besser kenne, weiß ich, daß viele die Hände nicht bewegen können, wenn ste sprechen. Und Sprechen im Kaufladen halten viele für unbedingt nützlich. Ich durfte niemals übermäßig lange aus⸗ bleiben; am allerwenigsten sollte ich es an diesem denkwürdigen Tage, wie man daraus ersteht, daß ich Leber kaufen mußte, die sich schnell an⸗ richten läßt. Die Mutter hatte eben wieder einmal versäumt, rechtzeitig nach der Uhr zu sehen. Vater kam stets pünktlich zu Tisch. Ich reichte sogleich mein Geldftüc hin und forderte, was mir aufgetragen worden war. Die Fleischerin behielt das Geld lange in der Hand, die sie geschlossen über ihren Bauch hielt und sprach sehr interesstert mit einem häßlichen Weibe, das links neben mir stand und sein Fleisch bereits im Korbe hatte. Ich begriff damals nicht, warum das Weib nicht ing, um anderen, die auf ihr Fortgehen warteten, Plaz zu machen. Vor mir auf dem Ladentisch lag ein Mark⸗ stück. Es lag dort schon, als ich an den Tisch herantrat. f Rechts neben mir stand ein Schlingel, der einen Kopf kleiner war als ich. Er hatte kleine blanke Augen, die üherall herumliefen, und merk⸗ würdig geformte Ohren, die mir auffielen. Noch heute kann ich diese Ohren nicht sehen, ohne daß mich die Lust anwandelt, daran zu reißen. Auch er hielt Papier mit Schmalz in der Hand und hätte bereits gehen können. Die rechts und links von mir standen, hatten ihre Ware erhalten und gingen nicht. Ich wollte iel schnell wieder fort und doch hielt die leischerin mein Geld in der Hand, ohne mich bedient zu haben. „Du“, sagte der Schlingel im entschiedenen Ton zu mir,„das ist doch nicht Deine Mark, nicht?“ und damit wies er auf das Markstück, das vor ihm lag. „Nein“, sagte ich gleichgiltig. Und dann zur Fleischerin aufblickend, mit bittender Miene: 2. daß das Verfahren an wesentlichen Mängeln„Ich bekomme noch Leber.“ Der Schlingel neben mir hatte sich wie ein Aal durchgewunden, nachdem er das Geldstück an sich genommen. Man konnte glauben, daß er einen Augenblick im Zweifel gewesen sei, ob es für ihn oder für mich herausgegeben worden sei, da es gerade vor mir liegt. „Das macht zusammen eine Mark“, sagte die Fleischerin, nunmehr das Gespräch beendend, indem sie der häßlichen Frau neben mir die Hand hinhielt. „Und Du, mein Kleiner, Du bekommst Leber“, damit meinte sie mich. „Aber ich habe doch schon bezahlt“, rief jetzt das Weib neben mir.„Hier hab' ich's hingelegt, das Geld!“ rief sie ganz laut, und stieß wiederholt und schnell mit ihrem Zeige⸗ finger auf die Stelle, wo das Markstück, das der Schlingel an sich genommen, gelegen hatte. Plötzlich ergriff das Weib meine Schulter und schrie:„Sofort gibst Du die Mark heraus, die hier gelegen hat! Sollte man wohl glauben können, daß so ein Bengel das Geld vom Entsetzt prallte ich zurück.„Ich hab's nicht genommen“, sagte ich mit ungekünstelter Ent⸗ Ladentische stiehlt? rüstung. „Hier hat's gelegen! An dieser Stelle!“ schrie das Weib von neuem.„Heraus damit, oder wir holen die Polizei! Niemand stand hier als Du!“ Hastig erzählte ich mit überstürzenden Worten, was ich von dem Markstück wußte; beschrieb den Schlingel, der's genommen bis auf die Ohren, die mir sofort aufgefallen waren und beteuerte meine Unschuld. „Seht diesen Lügner! Müßte man dieser Kröte nicht das Maul e Schimpfworte der Umstehenden trafen mein Ohr. Gemeine Worte, die wie rostige Nadeln, die man auf dem Dünger aufgelesen, in meine Kinderseele drangen. N (Schluß folgt.) Allerlei. Heilkraft des Sonnenbades. Durch Experimente und Erfahrungen weiß man heute, daß das Sonnenbad als natürliches Schwitzbad zu betrachten ist und vor allem ein kräftigendes Mittel darstellt. Eingehende Unter⸗ suchungen über die Wirkung des Sonnenbades auf den Organismus verdankt man Dr. Lenkei. Er stellte fest, daß bei schlage ig. Dauer des Sonnenbades die Pulsschläge sich um 5—10 vermehren; es steigt der Druck sowohl in den Schlagadern, wie in den Blutadern; die Zahl der Atemzüge nimmt zu, ebenso die Körper⸗ temperatur, das Gewicht nimmt ab. nach Beendigung des Bades. Bemerkenswerte Heilerfolge erzielte Dr. Guhr mit den Sonnen⸗ bädern bei Schuppenflechte, worüber er auf dem diesjährigen Balneologen⸗Kongreß in Dresden berichtete. Dr. Guhr beobachtete zufällig einen Kuaben, der an Schuppenflechte litt. Dieser. nahm öfters kalte Bäder von kurzer Dauer im Flusse und ließ sich alsdann von der Sonne VDiese 3 Veränderungen dauern noch etwa 15 Minuten Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. eine Stunde lang bestrahlen. Als er dies sein; besonders darf man niemals, wenn man ili, mehrere Wochen lang getan hatte, fielen die erhitzt ist, sofort trinken, ohne vorher etwas umoristisches. Schuppen ab und die Haut heilte. Die Wirkun Kapitalistenrache. Bankier Goldberger: kam in der Weise zustande, daß der Schwei die Schuppen erweichte und zur Abstoßung brachte. Als nun Dr. Guhr die Sonnenbäder daraufhin öfters bei Schuppenflechten anwandte, blieb der Erfolg nicht aus. Die Sonnenbäder müssen an einem gegen Wind und kühle Luft⸗ zuströmungen geschützten Orte genommen werden; die Dauer beträgt 20—50 Minuten. Den Ab⸗ schluß des Bades bildet eine kühle Wasser⸗ egessen zu haben, es könnte sonst üble Folgen Nabe uch ist der Genuß von Speiseeis, so wohltuend derselbe auf den ersten Augenblick auch erscheinen mag, nicht zu empfehlen. Das Trinken von Bier übt bei der Sommerhitze geradezu eine erschlaffende Wirkung aus und dürfte deshalb gleichfalls verwerflich sein. Ab⸗ gestandenes Wasser mit etwas Kognak vermischt, oder Selterswasser mit Kognak wirkt wohltuend und erfrischend. Hat man dieses nicht zur „Wenn de russische Regierung noch emol wird abschlachten lassen mei arme jüdische Glaubensgenossen in Bialystok, werd ich verlangen bei der nächste Russenanleihe e Bro⸗ zent mehr!“ Ein Grobian. Serenissimus kommt auf der Rundreise durch sein Ländchen auch in einen Fabriks⸗ hof, wo es mörderisch stinkt.„Aeh! Aeh! Was ist denn das?“ sagt indigniert der Landesherr.—„Ho f⸗ luft!“ antwortete ihm der Arbeiter, der gerade vor⸗ überging.(Südd. Postill.) L. Müller 1 anwendung, eine Douche, Abwaschung und Hand, so int kalter, schwarzer Kaffee vorzügliche Anspruchsvolles Pferd und bescheidener 9 Frotttierung. Darauf folgt ein Spaziergang Dienste, er wird besonders gern von Radlern Beamter. Im„Wetzlarer Anzeiger“ fand sich kürzlich 0 bon etwa halbstündiger Dauer. Fiebernde, auf anstrengenden Touren genommen. Wasser folgendes Inserat: Kleine Wohnung mlt Stallung 1 entkraftete, herzleidende, zu Blutungen neigende mit etwas Zitrouensaft vermischt, löscht den für 1 Pferd und Heuboden für einen Beamten 1 Ae 1 bb wan ohe 1 0 h deshalß ale zu mieten gesucht. , erhaupt schlecht vertragen, dürfen Sonnen⸗ aushaltungen ronensäure zu halten, um ie Fi 8 f bäder nicht gebrauchen. mu gehe, ds e ae at en re gl e e 15 U 10 5 zu haben, das besser als ohol enthaltende leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von 5 an our Tear unnd war keene Gerne d„» vorsichtig mit dem Trinken von kaltem Wasser prompt und preiswert. n 2 f—— 4 ö 8 77777... 0 2 0 2 0 0 a Filiale Ludwig Sommer. Ciessen 35 WO dg ur er te J. V. J. Käfer g 0 0 2 2 9775 Walltorstrasse 8 Walltorstrasse 8 5 A b f 0 5 1 esch 82 Arbellerschuhe 1 Manufaktur-, Kurz-, Moden- und Konfektionsgeschäft E 5 4 „ 5 2 2 U 8 5 f* in Wetzlar? 8 1 4 5 Anfertigung nach Maass 32 5 8 3 .. 5 0 6 in eigener Werkstätte 28chuhwarenhaus Heinr. 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Samstag, den 14. und Sonntag, den 15. Juli 1906: Samstag, den 14. Juli, abends 8¼ Uhr Festkommers auf dem Festplatze. Sonntag, den 15. Juli, morgens 6 Uhr Weckruf; 10—12 Uhr Frühschoppen; 12—1 Uhr . n auswärtiger und hiesiger Vereine; 2 Uhr Aufstellung des Festzuges auf auf dem Festplatze, alsdann Festzug durch die Hauptstraßen des Ortes nach dem Festplatze: Begrüßung der Festgäste durch den Präsident. Festrede gehalten durch den Vorsitz. des Rhein⸗ u. Maingau⸗Arb.⸗Sängerbundes Georg Fladung. Gesangsvorträge, Gruppen⸗ und Nasseuchöre der Bezirksvereine TCanz Turnerische Aufführungen der freien Turnerschaft Gießen. Abend 6 Uhr Aufstieg eines Riesen⸗Luftballons. Bei eintretender Dunkelheit: Großes Brillaut⸗Feuerwerk. Eintrittspreis: Dauerkarten 30 Pfg., Einzelkarten 20 Pfg. pro Person. N. B. Der Festplatz befindet sich in dem schönen gelegenen Wiesengrund unterhalb des Mar Marum Telephon 228 Bahnhofstr. 4. Spaten Landwirtschaftl. 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