—— s—— 856082 r 53 rr — 2 —— 49 . 15. Gießen, den 15. April 1906. 13. Jahrgang. odaktton: Mechenplatz 11 Ichloßgasse. Sount Mitteldeutsche Mebaktlonsschtß; Hauderztag Nachmittag„ Mchn. s gs⸗Zeitung. Abonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeltung kostet durch unsere] nehmen alle Austruger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Haus geltefert monatlich 25 Pfennig.] Expedition in Gleßen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen viertelfährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerel, Ludwigstr. 30, sede Postanstalt und die Expedition unter Kreugbend vliertelfährlich 1 Mark seder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. K. 5107) Bestellungen finden in der M. S.⸗Itg. welteste Verbreltung. Petitzelle oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 20% bei 6 mal. Bestellung 398 ¼% und bei mindesteng 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt, 1 Juserate Die ö gespalt. Bel mindestens Auferstehen! Tag der Erlösung, nahe heran, Siehe die Völker in Fessel und Bann, Siehe die Wahrheit gefälscht und geächtet, Siehe die Arbeit gedrückt und geknechtet, Siehe die Freiheit im Süchtlingskleid, Tag der Erlösung, o komm! es ist Seit! Sinstens, erzählen die Sagen, da hab' Man die Wahrheit versenkt in ein steinern' Grab, Und dennoch habe sie kühn sich entfaltet, Habe den mächtigen Felsen zerspaltet, Und, wie die Sonne das Dunkel durchbricht, Sei sie aufs neue gestiegen zum Licht. Man feiert dies herrliche Wunder noch heut' Mit Orgeltönen und Glockengeläut', Doch siehe, der Finsternis Schergen, sie haben Die freie Wahrheit aufs neue begraben, Sie ward von den Mächtigen gegeißelt, verlacht, Gekreuzigt und endlich zur Ruhe gebracht. Wir stehen am Grabe mit düsterem Blick, Mein Engel wälzt heute den Grabstein zurück. Nur durch der Völker vereinigtes Wollen Bringt man den Felsen aufs neue ins Rollen, Wenn an die Arbeit gemeinsam wir gehn, Dann wird die Begrabene wieder erstehn. Darum, Proletarier, macht Euch bereit, Hur Auferstehung ist endlich die Seit, Ju lange die Freiheit iin Kerker schen schmachtet, Zu lange die Wahrgeit und Recht schon verachtet, Stehet zusamme n, sei jeder ein Mann, Dann nahet das Ostern der Freiheit heran. Map Kegel. Ostergedanken. g In Goethes„Faust“ finden wir eine Oster⸗ lurch Faust hat sich durch alle Wissenschaften urchstudiert und hat doch schließlich nicht f es 1 wisfen, die Welt in ihrer ganzen Unendlich⸗ it und Ewigkeit zu begrelfen, das ist 190 as einsehen zu müssen, bringt Faust zunächst zur Verzweiflung, da er irgend ein anderes Ziel seines Lebens bisher überhaupt nicht hatte. Schon hat er Da vernimmt er Es bricht des rauch Ehristi Leldensgeschichte als frommes Trauer splel in der Kirche zur it Faust f gebracht Faust so, daß er funden, was er suchte: Dle Befrledigung, al dem Gelehrtesten ein unerreichbares Ziel. Er will Selbstmord begehen. den Gifttrauk in der Hand: Chöre aus der benachbarten Kirche. nach durchwachter Nacht eben der Ta Osterfestes an, wo nach mlttelalterlichem wird. Dleser Gesang rührt dem Leben dadurch wieder gewonnen wird. Nicht, als ob er kirchlichen Eindrücken zu— Klar und einfach sagt er viel- mehr:„Die Botschaft hör' ich wohl, alleln es Mit der Kirche ist Faust Was 1 hält, ist dle„Erinnerung“ mit ihrem„kind⸗ Sehn⸗ gänglich wäre. fehlt der Glaube.“ ebenso fertig, wie es Goethe Na war. All die Jugendlust und lichen Gefühle“. sucht erwacht wieder in ihm, die vordem in ihm lebte, ehe er zu einem einseltigen trocknen 10 0 0 Wissen hier zum ersten Mal iu ihm entscheldend eine andere innere Macht: eben das Gefühl. Das ist der„dunkle Drang“, der ihn dann lehrten geworden war. So tritt neben durch alle Irrungen des Lebens hindurch schlleß⸗ lich doch auf den„rechten Weg“ führen soll. Und diesen rechten Weg hat der Dichter sehr fein schon in dem Ostergesaug selbst angedeutet, ohne daß Faust allerdings dessen tieferen Sinn sofort begreift. Es versteht sich von selbst, daß ein Goethescher Ostergesang nichts enthält von den hohl klingenden Phrasen und Aeußerlichkeiten, die sonst wohl von untergeordneten Geistern zu solchen Gelegenheiten gereimt werden. Ueber die„Auferstehung des Flessches⸗ und ähnliche Zumutungen dachte Goethe genau so, wie Rückert singt: Wenn der Geist sich dem Leib entschwingt, In Cüften seine Tänze schlingt, Schleicht ihm als heimliches Ungemach Die Auferstehung des Fleisches nach. Soll er sich wieder behängen Mit dem, dem er glücklich entgangen d Mit dem Fraß von Würmern und Motten — Wer wagt es, ihn so zu verspotten! Dle— übrigens auch sehr widerspruchsvoll in den verschledenen Evangelien überlieferte— Sage von der Wiederbelebung des toten Christus wird vielmehr rein symbollsch(sinnbildlich) ver⸗ wandt. Da singt erst der Chor der Engel: Christ ist erstanden! Freude dem Sterblichen Den die verderblichen Schleichenden, erblichen Mängel umwanden. Die Kirchenlehre von der„Erbsünde“ klingt in den Worten au. Aber doch wie anders aus— gedrückt und gedeutet! Stellen wir uns unter den schleichenden, erblichen Mängeln der Meusch— heit Dummheit, Egoismus, Träghelt, Verzagthelt, überhaupt alles Phlllsterhafte, „Ewig Gestrige“, stampfstunkg Gewohnhelts⸗ mäßige vor, dann erst wird uns die Strophe ganz lebendig werden! Bei den Frauen hat die Llebe zu Christt irdischem Tell eine Hauptrolle mitgespielt, sie haben den Menschen verehrt, den Leichnam noch mit Zeichen dieser Verehrung umgeben und so sind sie unn enttäuscht, da ihnen auch dleser Rest bon Liebesbezeugungen unmöglich gemacht ist: Mit Spezereien Hatten wir ihm gepflegt, Wir, seine Treuen, Hatten ihm hingelegt; Tücher und Binden Reinlich umwanden wir, Ach, und wir finden Christ nicht mehr hier. Etwas höher schon liegt die Gedankenwelt der Jünger. Sie denken sich Christus Gott dem Schöpfer und seiner„schaffenden Freude“ jetzt nah, allem ledischen Lelde entrückt. Und so benelden sie ihn; Hat der Begrabene Schon sich nach oben, Lebend Erhabene Herrlich erhoben, Ist er in Werdelust Schaffender Freude nah— Ach an der Erde Brust Sind wir zum Leide da, Ließ er die Seinen Schmachtend uns hier zurück, Ach, wir beneiden, Meister, dein Glück! Des Dichters Standpunkt aber ist dleses Schmachten nach dem Jenseits, diese gänzliche Nichtachtung des irdischen„Jammertals“, durch⸗ aus nicht. Ebenso, wie Herder melnt:„Das Ziel ausschließlich jenselts des Grabes setzen ist dem Menschengeschlecht nicht förderlich, sondern schaͤdlich“, so dachte auch Goethe: Das Jen⸗ seits solle man auf sich beruhen lassen und zunächst einmal endlich die Arbeit tun, die in diesem Leben zu erledigen ist. Und mit einer solchen Lobpreisung der Arbelt und des Wirkens in dieser Welt schließt der Oster⸗ gesang ab. Christus ist nicht dem Leibe, sondern dem Geiste nach auferstanden, d. h. sein Gelst lebt fort in denen, die wie er Menschenliebe predigen und betätigen und„Wonne verheißen“, das bedeutet im Goetheschen Sinn gewiß nicht nur die billige Vertröstung auf das Jenselts, sondern das Streben nach hohen Zielen, nach Idealen überhaupt, nach„Zukunftsstaaten“, uber die der Phtlister zu allen Zeiten immer so gern seinen billigen Spott ausgegossen hat und die schließlich doch immer die Wolke bet Tag und die Feuersäule bei Nacht waren, nach denen die Menschhelt in der Wüste des Lebens ihre mühsamen, kampf- und entbehrungsreichen Fortschritte machte. So klingt der Ostergesang aus mit dem Grundgedanken des ganzen„Faust“, mit der dringenden Empfehlung der energischen Tat. Denn she ist es, die Faust endlich dle lang vergeblich gesuchte innere ee gewährt, die er im ewigen Lernen und Studseren nicht fand, die ihm ein rücksichtsloser stunlicher wie geistiger Genuß des Lebens nicht gab. Erst als ihm das neue schöne Ideal erschetnt„auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen“, erst als er zur Verwirklichung dieses praktischen weltlichen Zleles die erste Arbeit tut, da kann er sagen, daß„er den höchsten Augenblick ge- nießt“. Nicht übel spricht mau nach dem allen von Goethes„Weltfrömmigkeit“ und hat seinen Faust das„Evangelium der selbstlosen Tat“ genannt. Ju diesem Sinne können auch wir fromm sein und Ostern felern, in diesem Sinne lebt auch in uns Christt Geist fort, so sehr auch in äußerlichen Dingen die Apostel unsrer Ideale heute sich von denen jeuer früheren Zelten unter- schelden, in dlesem Sinne stimmen auch wir fröhlich⸗andächtig ein in den Schlußchor der Engel, worin der Dichter zum Schluß seine elgnen Anschauungen zusammenfaßt: Aus der Verwesung Schooh— Reißet von Banden Freudig euch los! Tätig ihn preisenden, Liebe beweisenden, Brüderlich speisenden, Predigend reisenden, Wonne N Euch ist der Meister nah, Euch ist er da! Nüstet zur Maifeier! Wleder naht das Fest der Arbelt, der 1. Mal. Trotz vleler Anfeindungen und Maßregelungen hat der Malfeiergedanke mehr denn je Kopf und Herz der werktätlgen Bevölkerung exoberk und bricht sich immer mehr Bahn. Jeder Tag zeigt dem arbeitenden Volke mehr, wie notwendig sein Zusammeuschluß zur Durchführung der Forderungen ist, welche dle knternattonale — . . 0 — —— ——— — — — 1 * 1 — 8* 7060 — 3 e — Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 15. Sozialdemokratie zur Befreiung der Arbeit erhebt. Lauter Protest gegen die heutige Gesellschaftsordnung soll am 1. Mai erhoben werden! Und niemals hatte das werk⸗ tätige Volk mehr Anlaß dazu, als in diesem Jahre. Durch die neuen Handelsverträge ist die Lebenshaltung der Arbeiter so gefährdet, daß er kaum mehr imstande ist, seine Familie zu ernähren, die Unstcherheit seiner Existenz nimmt in erschreckendem Maße zu. Statt den deutschen Arbeitern auf ihren millionenfach er⸗ hobenen Wunsch, mehr politische Rechte zu geben, plant man neue Attentate auf die ohnehin dürftigen Freiheiten. Deshalb, Genossen, agitiert überall für eine würdige Feier des ersten Mai! Politische Rundschau. Gießen, den 12. April 1906. 5 Heinrich Meister f DDD Wie in voriger Nummer kurz mitgeteilt wurde, ist unser alter Parteigenosse Heinrich Meister, der langjährige Vertreter der Stadt Hannover im Reichstage, am Donnerstag, den 5. April, in Hannover verstorben. Mit ihm ist wieder einer der ältesten und verdientesten unserer Vorkämpfer dahingegangen. Seinen näheren Freunden kam der Tod des alten Kameraden nicht überraschend. Er litt schon seit längerer Zeit an einer Herzverfettung und es gelang diesmal der ärztlichen Kunst nicht, ihn am Leben zu erhalten. Ein Zufall be⸗ schleunigte, wie mitgeteilt wird, seinen Tod. Er wurde, als er sich in den letzten Tagen in Berlin aufhielt, nachts 3 Uhr durch ein drin⸗ gendes Telegramm aus dem Schlafe geweckt. Er vermutete, von seiner Familie eine schlimme Nachricht zu erhalten; als er die Depesche ent⸗ faltete, enthielt sie eine auf die Zigarettensteuer bezugnehmende ganz gleichgiltige Nachricht aus Interessentenkreisen. Diese plötzliche Störung in der Nacht hat das Leiden unseres Genossen derart verschlimmert, daß er nach Hause reisen und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte, aber umsonst. Heinrich Meister wurde am 2. Oktober 1842 zu Hildesheim geboren, er erlernte die Zigarren⸗ macherei, mit zweiundzwanzig Jahren trat er in Hannover dem 1865 von Fritzsche gegründeten Allgemeinen deutschen Zigarrenarbeiterverein bei, in dem er bald eine leitende Stellung ein⸗ nahm. Mährend Fritzsche Vorsitzender war, präsidierte Meister dem Ausschuß dieser in früheren Jahren schon verhältulsmäßig stark entwickelten Gewerkschaftsorganisation. Das Sozialistengesetz vernichtete nicht allein die politische, sondern auch die gewerkschaftliche Arbeiterorganisation. Wie so viele Gewerk⸗ schaftler, wurde auch Meister durch die Bis⸗ marck'sche Drangsalterungspolitik mehr und mehr in die politische Bewegung gedrängt. Im Oktober 1884 erlebte die Welt bei den Reichstagswahlen die Ueberraschung, daß 24 Sozialdemokraten gewählt wurden; unter ihnen befand sich auch Heinrich Meister als Vertreter des 8. hannoverschen Wahlkreises. Im Grunde verdankte Meister seinen erbitterten Gegnern, den Nationalliberalen, das erste Reichstags⸗ mandat. Er hatte bei der Hauptwahl 8839 Stimmen erhalten, der Welfe 8939, der Natio⸗ nalliberale 4890, der Freisinnige 956. Es war die Zeit, wo die„Kölnische Zeitung“ erklärte, ein Sozialdemokrat sei ein kleineres Uebel als ein anderer Reichsfeind und der Magdeburger Polizeipräsident unter der Devise Zuckerbrot und Peitsche ähnliche Austichten aussprach. Meister wurde gewählt und behauptete auch bei allen späteren Wahlen das Mandat. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes be⸗ kleidete Meister das wichtige Amt ded Vor⸗ sitzenden der Kontrollkommission. Als solcher hatte er viel mit den Streitigkeiten der Partei- genossen untereinander zu tun, welche der Kontrollkommisston zur Beurteilung resp. Schlich⸗ tung überwiesen waren. Da mußte er oft diesen oder jenen Genossen persönlich anfassen, doch er tat es in einer Weise, daß keine persönliche Animosttät gegen ihn zurückblieb. Im Reichs⸗ tage trat der Verstorbene selten im Plenum hervor: dafür arbeitete er umso eifriger in den Kommissionen; jahrelang gehörte er dem wich⸗ tigsten Ausschusse des Parlaments, seiner Bud⸗ getkommisston neben Bebel und Singer an. Am Sonntag erfolgte die Bestattung des teuren Toten in seinem Heimatsorte Hannover unter massenhafter Beteiligung der Arbeiterschaft. Im Ballhofsaale fand die Trauerfeier statt. Aus allen Teilen des Reiches waren prächtige Kranzspenden sowie aus den näher gelegenen Orten Delegationen eingetroffen. Der geräumige Saal war bei weitem nicht im Stande, die Massen der Leidtragenden aufzunehmen. Nach⸗ dem die Sänger das ergreifende Lied:„Ein Sohn des Volkes“ vorgetragen, ergriff Froh me das Wort, um in schwungvoller Rede das Charakterbild des Toten zu zeichnen. Singer widmete ihm im Namen des Parteivorstandes und der Reichstagsfraktion ergreifende Abschieds⸗ worte. Für die Partei, für die darbende Mensch⸗ heit habe Meister außerordentlich viel getan, namentlich unter dem Druck des Sozialisten⸗ gesetzes, und als es galt, die widerstrettenden Für die herrlichen Siege Kämpfer zu vereinen. in Hannover gebühre ausschlteßlich dem braven Heinrich Meister die Palme.„Not und Kummer, Sorge und Elend“ sind die Seiten seines Lebens beschrieben. Aber auch Seiten reicher Freude, reicher Erfolge fanden sich darunter, und diese Seiten waren der einzige Lohn, der einzige Dank, den er erstrebte. Unser Dank, den wir ihm über das Grab hinaus darbringen, bestehe darin, daß wir in seinem Sinne weiter streiten, in seinem Geiste weiter kämpfen. Ein Trauer⸗ lied schloß die Feier. Nun setzte sich der Leichen⸗ zug in Bewegung. Viele Tausende gaben unserm Vorkämpfer das letzte Geleite, Zehntausende von Menschen bildeten auf dem lange Wege zum Friedhöfe Spalier. Dort angekommen, wird der Tote unter den Klängen des Barden⸗ chors in's Grab gesenkt, auf dem sich bald die 0 i Majestätsbeleidigungsmanse des trunksüchtigen Massen der Kranzspenden auftürmen. So hat sich das Grab geschlossen über einen der Aeltesten, Besten aus unsern Reihen, einen jederzeit treuen und opfermutigen Vorkämpfer. Meisters Name, der mit der Parteigeschichte eng verknüpft ist, wird in der Partei nie ver⸗ gessen werden, wir werden sein Andenken in hohen Ehren halten. Die ewige Marokko⸗Konferenz ist am Samstag nun endlich geschlossen worden und die Beschlüsse wurden unterzeichnet. Die Diplomaten haben Algeciras verlassen und Eu⸗ ropa hat Ruh! Die Vertreter von Amerika erklärten, an Marokko kein Interesse zu haben und sonst keine Verpflichtung für die Durch⸗ führung der Beschlüsse übernehmen zu können. Die Hauptbeteiligten, die Vertreter Marokkos, lehnten die Unterzeichnung ab. Besonders im⸗ ponierend ist dieser Schluß der mit so viel Geräusch in Szene gesetzten Konferenz wirk⸗ lich nicht. 197 Millionen neuer Steuern, das ist das Resultat der eifrigen Arbeit iu der Steuerkommission, soweit sich der Ertrag der neuen Steuern im voraus einigermaßen richtig abschätzen läßt. Zu hoch ist die Schätzung stcher nicht, denn der Regierung muß ja daran liegen, recht viel herauszuschlagen, um wenigstens für einige Zeit aus dem permanenten Reichsdalles herauszukommen. Lange wird es wohl nicht dauern, denn weder der Land⸗ noch der Wasser⸗ milttarismus werden Ruhe geben und bald wieder mit neuen neuen gewaltigen Ansprüchen kommen. Das wird um so eher geschehen, je mehr beim Reichsschatzsekretär das Geld im Kasten klingt. Von der deutschen Gerechtigkeit. Bereits ein Vierteljahr befindet sich unser Genosse Stadtv. Schumann in Bielefeld in Zeugniszwangshaft und wie es scheint, will man diese Haft bis zur äußersten gesetz⸗ lichen Grenze(sechs Monate) ausdehnen, um Schumann zu zwingen, eine ehrlose Handlung zu begehen und den zu verraten, der ihm über die dortigen Polizeiverhältnisse Mitteilung machte, die er dann in seiner Etigenschaft als Stadt⸗ verordneter verwendete. Man wird den Genossen Schumann damit nicht mürbe machen, aber das schändliche Instttut der Zeugniszwanghaft wider Leute, die, wenn sie Ehrenmänner bleiben wollen, ihre Gewährsmänner nicht nennen dürfen, vor aller Welt noch weit mehr diskre⸗ ditieren, als es durch andere Fälle ohnehin schon geschehen ist.— Sechs Jahre Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung! Vor etlichen Wochen wurde der obdachlose 50 Jahre alte Schuhmacher Gustav Schön von der Gör⸗ litzer Strafkammer wegen wiederholter Maje⸗ stätsbeleidigung zu vier Jahren Gefäng⸗ nis verurteilt. Verschiedene Zeitungen äußerten damals die Meinung, daß allem An⸗ schein nach der„Majestätsverbrecher“ ein be⸗ dauernswerter kranker Mensch set, der ins Irrenhaus, aber nicht ins Gefängnis gehöre. Jetzt hört man, daß derselbe Mann sich vor der Sorauer Strafkammer nochmals wegen „Majestätsbeleidigung“ zu verautworten hatte. In diesem Falle handelte es sich darum, daß Schön in einer dicht besetzten Gastwirtschaft in Kromlau in betrunke em Zustande, weil er kein Obdach für die Nacht hatte(0), über den Kaiser ein Schimpfwort sagte, worauf er ergriffen und in Staatspenston nach Görlitz gebracht wurde. Schön ist vielfach vorbestraft, er macht den Eindruck eines völlig unzurech⸗ nungsfähigen Menschen und ist dem Alkohol völlig ergeben. Trotzdem schleppte man den armen Teufel aus dem Gefängnis auch diesmal wieder auf die Anklagebank, und die Straf⸗ kammer verhängte eine Zusatzstrafe von zwei Jahren Gefängnis über ihn. Durch das sinnlose Gestammel eines halbverrückten Schuapofreundes soll also die Majestät des deutschen Katsers dermaßen befleckt worden sein, daß deutsche Richter tusgesamt sechs Jahre Gefängnis verhängen zu müssen glaubten! Es ist schwer zu sagen, was verwirrter ist: die Schuhmachers oder die Irrwege, auf welche die deutsche Justiz durch den Majestätsbeleibi, gungsparagraphen gerät. Und wieviele Hunderte ehrliche Leute mußten schon dafür monate⸗, jahrelang im Gefängnis büßen, weil sie in der Trunkenheit ein unbe⸗ dachtes Wort ausgesprochen hatten! Daram fort mit den Majestätsbeleidi ungsparagraphen! Ein deutscher Kulturförderer. Der Jesko von Puttkamer, der als Gouverneur von Kamerun wegen allerhand un⸗ sauberer Dinge fortgejagt werden mußte, trotz⸗ dem er als„Edelster und Bester“, Sohn eines früheren mächtigen Ministers, gewiß genug Schützer in Regierungskreisen hatte, trieb schon in seiner Jugend allerhand Sachen. Unserem Münchener Parteiblatt wird darüber geschrieben: In seinen fröhlichen Jugendtagen war Jesko erst Bursche des feudalen Leipziger Korps(letzt eingegangen) der Meißner, und tat als solcher später das ebenso feudale weißbestürmerte Korps der Freiburger Hassoborussen auf. Beide Korps waren aber geußtigt— infolge gewisser sehr— unschöner Handlungen— ihm nicht nur das Band zu entziehen, sondern ihn cum infamia(als ehrlos) zu erklu⸗ dieren, ihn für der Ehre vollständig verlustig zu erklären. Man denke, das geschah dem Sohn des allmächtigen Ministers, daraus kann man auf die Handlungen einen Rückschluß ziehen. Vater Puttkamer setzte es daun— nachdem sein Sohn natürlich gänzlich unmöglich für den Staatsdienst durch die Ex⸗ kluston gemacht war— nach vielen Jahren durch, daß die Exkluston in perpetuelle Demission (Ausschluß für immer) umgewandelt ward, wo⸗ mit die Ehre freilich auf das notwendigste ge⸗ geflickt wurde. Im Inlande ging das Dienen noch immer nicht, so wurde der Junge nach Afrika expediert, um dort den Häuptlingen Ju imponteren.— Im März verlieh der König 81 a enberg dem Eblen erst noch einen rden 1 . — ü adlung 6 1 achte Sul. enosse 1 gh füh Hennen dil nehn e el etlich ie alte Gör, Ma tungen n A. ein be. er in gehöre, ch bor wegen halle. , daß haft „weil! tte ch, word Görl estrafß, ur ech⸗ Alkohl an den eam Stra e bol 0 1 fing. Durd rückten at de i seh, jah te ubten! * die ligen welche helelll, mußten ang Une Dan hel . 4 der dl J, g 10 1 bit gent 0 fol Inseach che, 90 1 15 f 70 afl t bell till, Jh , 0 Rr. 15. Mitteldentsche Sonnags⸗Zeitung. Ueber die Verhaftung RNosa Luxemburgs berichtet die„Voss, Zig.“, daß ste sich nach ihrer Ankunft in Warschau in ein Penstonat einlogierte, wo sie sich mit schriftstellerischer Arbeit beschäf⸗ tigte. An der Propaganda der dortigen Sozial⸗ demokratie nahm sie keinen Anteil und besuchte keine einzige ihrer Versammlungen. Von ihrer Anwesenheit in Warschau wußten nur vier oder fünf Parteimitglieder. Die Polizei wurde erst später durch eine Denunziation aufmerksam auf ie gemacht. Am 1. März beabsichtigte Rosa Luxemburg mit dem 12 Uhr⸗Nachtzuge abzu⸗ reisen, aber schon um 8 UÜhr abends drang Polizei in ihre Wohnung ein. Die Polizisten hatten den Befehl, ste ohne Rücksicht auf das Ergebnis der Durchsuchung zu verhaften. Sie wurde sodann nach dem Polizeigefängnis ge⸗ bracht und von dort am nächsten Tage nach dem Untersuchungsgefängnis überführt. Der Partei⸗ vorstand wird natürlich Schritte tun, einen Justizmord an unserer tapferen Genossin zu verhüten. Kleine politische Nachrichten. — Zur Ersatzwahl für Eugen Richter im Wahlkreise Hagen⸗Schwelm stellt unsere Partei den Genossen König auf. Die Freisinnigen stellen einen Dr. Kollmann, die Nationalliberalen den Prof. Molden⸗ hauer auf. Am 16. Juni 1903 war das Stimmen⸗ verhältnis gewesen: Genosse Timm 13870, Richter 10572, der Nattonalliberale 5786, der Zentrumskandidat 4526, der Christlichsoziole 1855 Stimmen. In der Stichwahl siegte Richter mit 20987 Stimmen gegen Timm, der 15018 Stimmen bekam. Im Wahlkreise Iserlohn, in dem infolge von Lenzmanns Tode eine Nachwahl stattfinden muß, kandidiert von unserer Seite Genosse Haberland⸗ Barmen; die Stöckerischen haben den Buchhändler Rüppel als Kandidaten aufgestellt. Hier wurden 1903 für die Sozialdemokratie 10146, für die gesamten Gegner über 23000 Stimmen abgegeben. Maifeierumzüge sind bereits jetzt in verschiedenen Orten verboten worden, so z. B. in Leipzig. Der Magistrat in Fürth hat auch diesmal den Maifestzug genehmigt, obwohl alljährlich das Bezirksamt den Ge⸗ nehmigungsbeschluß des Magistrats aufhebt. Das bayerische Wahlgesetz hat der Prinzregent unterzeichnet; es ist somit in Kraft getreten. Revolution in Rußland. Grausame Urteile wurden wieder in Chita(Sibirien) gefällt. Drei Jour na⸗ listen wurden wegen einiger Artikel zum Tode verurteilt. In Esthland wurde ein Redakteur, der in einem Artikel einen Bürger⸗ meister(deutschen Baron) beleidigt haben soll, zu 50 Knutenschlägen verurteilt. Er hat ste auch ausgehalten. Das sind Urteile, die wohl in der Justizgeschichte aller Völker als Unikum dastehen. Die Wahlen zur Reichsduma hatten nach vorläufiger Feststellung folgendes Ergebnis: Von 178 in 27 Provinzen zu wählenden Mit⸗ gliedern der Duma sind bis jetzt 141 gewählt. Davon gehören 79 der Linken, 16 dem Zentrum, 4 der Rechten an; 42 Mitglieder nehmen keine bestimmte Parteistellung ein. In 37 Fällen findet eine engere Wahl statt. Die Liberalen haben überall bedeutende Stege zu verzeichnen. Der Reichstag hat sich am Freitag Osterferien gegeben. Kachdem er am Mittwoch die zurückgestellten Titel des Koloutaletats erledigte, bei welcher Gelegenheit ein Versuch des gescheitelten und geschorenen Pfaffentums, die Konfesslous⸗ schule in Afrika einzuführen, abgeschlagen worden war, ferner eine Resolution Annahme fand, die sofortige Lösung der Verträge mit der Firma Tippelskirch verlangt, ging er am Don ners⸗ tag zum Etat des auswärtigen Amtes und des Reichskanzlers über. Man hatte allgemein einen großen Tag erwartet und Haus und Tribünen waren demzufolge überfüllt. Aber die Erwartung wurde nur zum Teil erfüllt. Ein unvorhergesehener Zwischenfall gab der Sitzung einen ganz anderen Verlauf als er⸗ wartet wurde und zu erwarten stand. ö 6 Zu Anfang der Sitzung ehrte das Haus das Andenken des verstorbenen Genossen Meister durch Erheben von den Sitzen. Dann gab der Reichskanzler eine kurze, nüchterne, dürftige Darlegung der Konferenz in Algeciras. Er konnte nicht in Abrede stellen, daß sehr, sehr wenig erreicht worden ist, wenn er sich auch naturgemäß bemühte, das Erreichte möglichst wichtig und bedeutsam erscheinen zu lassen. Besonders interessant war die Feststellung, daß Deutschland gar keine politischen In⸗ teressen in Marroko hat, und die An⸗ erkennung, daß Spanien und Frankreich in ganz anderem Maße in jenem Maurenlande interesstert sind. Der Sprecher des Zentrums, Freiherr v. Hertling, gab die Zufriedenheit der Ultramontanen mit der deutschen Reichs⸗ politik zu Protokoll. Das demokratische Oel, mit dem einstmals der Ultramontanismus gesalbt erschien, hat sich spurlos verflüchtet, und die Papstpartei scheint Sehnsucht nach einem Römerzage des neudeutschen Kaisertums zu haben, um die verhaßten Kirchenfeinde Italiens unter das päpstliche Joch zurückzuzwingen. Nach dem Zentrumsredner ergriff Genosse Bebel das Wort. Er nagelte fest, daß es sich beim ganzen Marokkorummel um viel Ge⸗ schrei und wenig Wolle gehandelt habe. Das einzig greifbare Resultat der vlelbeschriebenen Konferenz ist die Offenbarung einer vollstän⸗ digen Isolierung Deutschlands. Die Hoff⸗ nungen der braunen Haremsmajestät in Ma⸗ rokko, die durch die Tangerreise erweckt wurden, sind eben sowenig erfüllt worden, wie die Hoff⸗ nungen, die bei früheren Gelegenheiten in den Chinesen, den Buren ꝛc. erweckt worden sind. Bebel kam dann auf die Fußtritte zu sprechen, mit denen der moskowitische Erbfreund für Jahrhunderte lange Speichelleckereien quittiert, und beleuchtet die Greuel, mit denen der Zaris⸗ mus die Schandtaten der Bourbonen und Obreno⸗ witsche zu überbieten versteht. Als Bebels Rede sich dem Ende näherte, befiel den Reichskanzler ein plötzlicher Ohnmachtsanfall. So heißt es wenig⸗ stens offiziös, während ein sehr bestimmt auf⸗ tretendes Gerücht wissen will, daß es sich um einen durchaus nicht ungefährlichen Schlag ⸗ anfall handelt. Selbstverstäudilch unterbrach Bebel sofort seine Rede, wie auch die Sitzung auf eine Vlertelstunde unterbrochen wurde. In der wieder aufgenommenen Sitzung sprachen der Präsident und verschiedene Redner unter allseitigem Beifall die wärmsten Wünsche für die Genesung des Kanzlers aus. als es ohne den Zwischenfall geschehen wäre, wurde der Etat des Reichskanzlers zu Ende geführt. Die Sprecher der verschiedenen Frak⸗ tionen und Fraktiönchen beteten ihre gewohnten Sprüchlein her. So sprach Bassermann, der die Gestade des Neckars, der Saale und der Oder nach Wahlkreisen abgerast hat, über sein Lieblingsthema, den antisozialdemokratischen Block; so hetzte der abgetakelte Diplomat Graf Vimburg⸗Stirum mit seiner leisen Stimme gegen die Diäten, so rieß Liebermann von Sonnenberg die rohblutigen Clowuspäße, die den Pferdestallgeschmack der ostelbischen Kraut⸗ junker so überaus glücklich zu treffen wissen. Ihm wurde vom Genossen Bebel die gebüh⸗ rende Abfertigung zuteil. Lau und matt war, was Schrader von der weiblichen Freisinnslinie zu sagen hatte; noch lendenlahmer war, was Eugens sel. Erbe, Herr Müller aus Sagan, vorzubringen hatte. Beim Etat des Auswärtigen Amtes brachte Bebel die unsinnige Ausweisung Domelar Nieuwenhuis und dessen Verhaftung in Köln zur Sprache und verlangte über diese ungeheuerliche Freiheitsberaubung und schwere Rechtsverletzung Auskunft von der Regierung. Ein Geheimrat Frantzius stellte sich, als ob ihm Nieuwenhuis nicht bekannt wäre und zeigte damit so recht den kleinlichen Bureaukratismus der deutschen Regierung. Bebel und Ledebour kennzeichneten gebührend das blamable Verhalten der deutschen Regierung. Hierauf wurde die Sitzung bis 24. April vertagt. — De Weit schneller Se ite 3. Karl Marx. Ein Vortrag von Karl Kaut sky. 3(Fortsetzung). Am wichtigsten wurde die Verbindung Marx und Engels mit dem Bunde der Kon aunisten in England. Der Bund hieß ursyrünglich „Bund der Gerechten“ und wir dem Blanquismus augeschlossen. Als die Blanquisten 1839 einen Putsch versuchten und niederge⸗ schlagen wurden, da mußte der Bund sein Haupt nach England verlegen. Dort kam er in nähere Beziehungen zum Chartismus, und damit nahm auch das Denken und die theoretische Auffassung der Führer des Bundes einen ganz anderen Charakter an. Sie bequemten sich nunmehr dem chartistischen Gedankengang an, lernten den Klassenkampf verstehen, und so kamen sie zu Engels und Marx, die ja die gleichen Ge⸗ dankeugänge in ihren Schriften entwickelten. Sie fragten bei ihnen an, ob sie dem„Bunde der Gerechten“ beizutreten geneigt seien und teilten mit, daß der Bund sich auf denselben Standpunkt stellen würde wie Marx und Engels. Ein Kongreß 1847 in London begründete eine nähere Verbindung mit ihnen, und im Novem⸗ ber 1847 fand ein zweiter Kongreß statt, wo diese Verbindung dauernd wurde. Er nannte sich nun Bund der Kommunisten; er gab sich eine andere Organisation; er wurde eine Propa⸗ gandagesellschaft und hört auf, ein Verschwörer⸗ bund zu sein. Marx und Engels wurden auf⸗ gefordert, das Manifest zur Darlegung der Grundsätze aufzustellen, die der Bund vertreten würde. Es erschien im Jahre 1848, es ist das „Kommunistische Manifest“. Es war eine Zusammenfassung aller Ele⸗ mente, die von den Vorgängern von Marx und Engels zu der Arbeiterbewegung geliefert waren. Vor dem Kommunistischen Manifest waren diese Elemente getrennt gewesen, hatten sie keine Kraft erlangt und sich gegenseitig eher noch gestört und gehindert: auf der einen Seite der uto⸗ pistische Sozialismus, auf der anderen Seite die Arbeiterbewegung. Bis dahin war die Arbeiterbewegung von den Philanthropen ge⸗ tragen, die keine Verbindung mit den eigentlichen Arbeitern besaßen, die hofften, daß sie wohl⸗ tätige Fürsten und einsichtige Regierungen finden würden, die hofften, daß sie eine Gesellschafts⸗ ordnung gründen könnten, die das Proletariat befreien würde. Diese Utopisten wollten von der Arbeiterbewegung nichts wissen, weil sie fürchteten, daß diese Bewegung die Fürsten und die Bourgeoisie erschrecken und ihnen die Lust zu Reformen verleiden würde. Auf der anderen Seite hatten die Arbeiter selber ein großes Mißtrauen dagegen. Sie trauten den Philan⸗ thropen nicht, sie trauten ihrem guten Willen nicht, uud wo sie ihn anerkannten, mißtrauten ste der Kraft, ihn durchzusetzen. Aber die Arbeiterbewegung selber besaß kein Ziel, das sie erstreben konnte, tappte im Blinden herum und besaß nicht die Kraft, über die nächsten Ziele hinaus etwas zu erstreben und große Massen um sich zu vereinigen. Auf der einen Seite hatten wir den Gegensatz zwischen der politischen und der ökonomischen Bewegung, wie ste der Gegensatz zwischen Blanquismus und Proudhonismus gekennzeichnet. Diese Ein⸗ seitigkeit mußte überwunden werden. Weder der einseitige politische Kampf noch allein die gewerkschaflliche Organisation kann die Eman⸗ zipation des Proletariats bewirken. Nur weun diese sich vereinigen, erhalten sie die Kraft zur dauernden Befrei⸗ ung der Arbeiterklasse. Im Kom⸗ munistishen Manifest sind die Elemente zu einer Einheit vereinigt. Es ist sozialistisch, aber nicht philanthropisch bürgerlich. Es gibt der Arbeiterbewegung ein weiteres Ziel als das der Arbeiterschutzgesetzgebung und der Erobe⸗ rung des Wahlrechts. Es gibt nicht nur eine Einheit dem Sozialismus und der Arbeiterbe⸗ wegung, sondern begründet auch die Einheit von politischer und ökonomischer Bewegung, und dadurch verlieh es der Arbeiterbewegung ihre Kraft, die ihr bis heute immer erlaubt hat, immer siegreich vorwärts zu gehen. Damals freilich ward das Kommunistische Manifest nur B.—ää—ä—ä—ä—ä—ß—ß—ß — — — .———— — n Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. von sehr wenigen begriffen und blieb ein Stück Papier, daß keine große Einwirkung auf die Entwicklung der Dinge hatte. Die Revolution aber, die das Kommunsstische Manifest ankündigte, die trat bald, wenige Wochen nach seinem Er⸗ scheinen, wirklich ein: die Februarrevolution in Paris, und sofort machten sich Marx und Engels auf, nach Paris zu gehen, und die Brüsseler Poltzei half nach durch eine Bedroh⸗ ung mit der Ausweisung. (Fortsetzung folgt.) Von Nah und Lern. Hessisches. — Die Wahlbeweg ung im Darm⸗ städter Kreise sst im vollen Gange. Zahlreiche Versammlungen werden von unserer Seite ab⸗ gehalten und sind noch geplant, in welchen unsere Genossen aus dem ale Landtage sowie auch die Reichstagsabg. Stücklen und Ledebour u. a. als Redner auftreten. Nach dem Verlauf der Versammlungen und der Stimmung der Bevölke⸗ rung zu urteilen— was allerdings kein sicherer Maßstab ist— dürfte die Sozialdemokratie wiederum als Sieger aus dem Kampfe hervor⸗ gehen, zumal sich der nationalliberale Dr. Stein als Wahlrechtsfeind und Reaktionär auf allen Gebieten entpuppt. Gießener Angelegenheiten. — Fröhliche Ostern! Nach dem un⸗ freundlichen Wetter der letzten Wochen atmet die Menschheit auf, wenn nun endlich der viel⸗ besungene schwermütig erwartete Frühling mit prächtigem Wetter einzog. Hoffentlich hält es sich auch über die Feiertage, damit wenigstens auch der vielgeplagte Arbeiter sich einmal im Freien ergehen und der erwachenden Natur freuen kann. Sonst kann er und die Seinen sich doch nicht viel leisten. Die Preise für die notwendigsten Lebensmittel sind kaum noch er⸗ schwinglich und zwingen die arbeitende Klasse zu dürftigster Lebenshaltung und fast gänzlichem Verzicht auf allen Lebensgenuß. In Gießen kommt dazu noch der Hausherr und steigert die Wohnungsmiete, von wegen der Kanali⸗ sationskosten! Ueberall will man vom Arbeits. mann mehr haben, geben will ihm niemand mehr! Er muß immer wieder den Kampf auf⸗ nehmen für Besserung seiner Lage, für Fort⸗ schritt, Kultur, Freiheit und Gerechtigkeit! Ju fester Hoffnung auf Sieg in diesem Kampfe be⸗ grüßen wir das Frühltugsfest mit dem Dichter: Und dräut der Winter noch so sehr Mit grimmigen Geberden— So fürchten wir uns nicht so sehr Es muß doch Frühling werden! — In der Wahlvereinsversammlung am Samstag, die recht gut besucht war, stand der Bericht unserer Stadtverordneten auf der Tagesordnung. Vor Eintritt in dieselbe ehrte die Versammlung den ver⸗ storbenen Genossen Meister durch Erheben von den Sitzen.— Genosse Krumm ergriff hierauf das Wort und ging zunächst auf die Oktroifrage ein. Die Geldbedürfnisse der Stadt waren stark gewachsen, wes⸗ hasb man 100000 Mt. aus dem Oktroi herausschlagen wolte. Im Einzelnen wurden unerhörte Sätze verlangt und es war erklärlich, daß eine große Erregung in den Kreisen der Konsumenten und Gewerbetreibenden Platz griff, die diese Steuer in der Hauptsache tragen müssen. Die Vorlage wurde glücklich zu Fall gebracht, wenn auch mit geringer Mehrheit. Viele Stadtverwaltungen haben die Hoffnung, daß die Bestimmung im Zolltarif⸗ gesetz, daß 1910 in allen deutschen Städten die Ver⸗ brauchssteuern abgeschafft werden sollen, nicht zur Durch⸗ führung gelangen werde. Desto mehr müssen wir den Kampf dagegen führen.— Die Beerdigungskssten versuchten wir herabzumindern, was aber vorläufig noch nicht gelang. Von der Bürtzermeisterei wurde erklärt, daß man hierin erst Erfahrungen sammeln wolle. Hier find diese Kosten höher als anderwärts; eine Ermäßi⸗ gung muß unbedingt angestrebt werden.— Für das Theater stimmten wir, obwohl wir wußten, daß es teurer würde, als es vorher hieß. Durch die pri⸗ vaten Sammlungen kamen überraschend hohe Beträge zusammen, dadurch wurde die Zustimmung erleichtert. Uebrigens bringt ein Theater der Stadt auch mancherlei Vorteile.— Bei Errichtung einer lñandwirtschaftl. Winterschule wollten die Agrarier der Stadt eine solche Menge Lasten aufhalsen, daß wir auf das Institut verzichteten.— Für Zuschüsse zu Nebenbahnbauten waren „Uebernahme der Sandgruben wir, weil dadurch Verkehr nach der Stadt gezogen wird. Dagegen waren wir nicht für den Neubau der höheren Mädchenschule.— 30 000 Mk, wurden für das Uni⸗ versttätsfest bewilligt. Orbig sei nicht dafür gewesen, er (Krumm) meinte aber, daß die Stadt in diesem Falle wohl etwas leisten müsse. 20 000 Mk. davon sollen übrigens für Stipendien angelegt werden.— Wir haben ferner angeregt, die Wertzuwachssteuer sobald als möglich einzuführen, die hier ebenfalls be⸗ deutende Erträge liefern dürfte. Wichtig war ferner die und Stein⸗ brüͤche in städtische Regie. Diese Maßnahme hat sich sehr gut bewährt.— Die Kanalisationsar⸗ beiten haben trotz des Konkurses der Firma Jäger und Rumpf ihren Fortgang genommen und die Stadt hat keine Verluste erlitten. Die Risse in dem Kanal wären nicht so schlimm, als in der Oeffentlichkeit ge⸗ glaubt wurde.— Ueber die Errichtung eines Fisch⸗ marktes hörte man vielfach Klagen, namentlich von den Händlern, trotzdem habe er seinen Nutzen gehabt, auch für diese selber und es sollte der Versuch damit im stärkeren Maße wiederholt werden.— Die Löhne der städtischen Arbeiter wurden erhöht. Zwar nicht um viel, doch ist wenigstens etwas erreicht worden. — Verschiedenes Gelände wurde von der Stadt er⸗ worben. An die bedeutendst« Erwerbung, die Aktien⸗ brauerei, knüpfte sich eine unliebsame Debatte. Er (Redner) sei dafür gewesen, den Kauf rückgängig zu machen, trotzdem es kein schlechtes Geschäft für die Stadt sein mag. Aber man soll das Geschäft ablehnen, wenn derartige Manipulationen gemacht werden, von denen man noch nicht weiß, wer sie anregte.— Der Vorteil städtischen Betriebs zeigt sich beim Elektrizitäts⸗ werk, und beim Gas⸗ und Wasserwerk. Ersteres hat sich recht gut entwickelt; es kounte 40000 Mk. zur Schuldentilgung verwenden. Auch das Gaswerk konnte 24000 Mt. abgeben, und die Befürchtungen, die mit der Errichtung des Elektrizitätswerkes für das Gaswerk auftauchten, erwlesen sich als grundlos.— Bei Sub⸗ misstonen ist es schwer, ein taugliches und gerechtes System zu finden. Es gibt da stets Haken. Der Gemeinde stehen die organisierten Unternehmer als Gegner gegenüber und versuchen, wie in Mainz, der Stadt die Preise zu diktieren. Anderseitz hat oft die Vergebung an die Mindestfordernden Bedenken. Schwierig ist auch die Frage der Kostendeckung für die Kanalisation. Hier muß gesucht werden, Hausbesitzer wie Mleter in gerechter Weise heranzuziehen. Bei der letzten Etats⸗ beratung brachten wir u. a. zur Sprache, daß Leute bel der Freibank kaufen, die es nicht nötig hätten Man sollte in erster Linie Minderbemittelte berücksichtigen und auch größere Quantitäten an eine Person nicht ab⸗ geben. Auch bei Geländeverkäufen sind manche Miß⸗ stände zu verzeichnen, die besonders darin bestehen, daß für Gelände, das die Stadt braucht, von den Sach⸗ verständigen enorme Preise festgesetzt werden. Krumm schloß seine betfällig aufgenommenen Ausführungen mit der Bemerkung, daß bei der geringen Vertretung unserer Partei im Stadtparlament nicht mehr von dem erreicht werden konnte, was die sozlaldemokratische Kommunal⸗ politik fordert. Orbig ging hierauf auf verschiede ne Dinge im Schulwesen ein und betonte, daß der Schul⸗ vorstand wenig Einfluß auf das Schulwesen, zum Teil auch auf die Einrichtungen selbst besitze. Es kommen manche Dinge vor, die zu beanstanden selen; unser Volks⸗ schulwesen sei im Allgemeinen noch keineswegs ideal.— Vor Kurzem habe z. B. der Verleger der„Neuesten Nachrichten“ Kaiserbilder in der Schule verkauft und Lehrer hätten verschiedentlich Kinder zum Kauf dieser Bilder veranlaßt! Das sei entschieden ungehörig. Wir treten dafür ein, daß Lehrmittel und den bedürftigen Kindern auch Frühstück gegeben werde und auf solche Weise macht man den Eltern wieder unnötige Ausgaben. Für die Volksschule werde herzlich wenig geleistet. Eine neue Volksschule sei notwendiger gewesen als die höhere Mädchenschule; die Baracken sind zweifellos ungenügend, ja gesundheitsschädlich. Bezüglich der Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter sei zu bemerken, daß die Arbeiter selber sich mehr um ihre eigenen Interessen bekümmern und nicht sich einzig auf die zwei soztaldemokratischen Vertreter verlassen sollten. Sie sollen kämpfen, nicht betteln. Die Beamten wollen stets mehr haben, den Arbeitern will man nichts geben. Es ist auch die Zahl der Beamten in den letzten Jahren bedeutend vermehrt worden. An diese Berichte schloß sich eine längere Diskussion, an der sich Fourier, Vetters, Beckmann, Groh u. a. beteiligten, auf deren Einzelheiten wir jetzt aber nicht eingehen können.— In später Stunde brachte Genosse Keßler den Artikel Krumm's in voriger Nr. über die Konsumvereine zur Sprache und bedauerte die darin enthaltenen Angriffe auf die Konsumvereinsbeweg⸗ ung. Es entspann sich auch darüber eine lange Dis⸗ kussion, in der Krumm seinen in dem Artikel dargelegten Standpunkt vertrat, der indessen von keinem andern Redner geteilt wurde. — Ihre silberne Hochzeit feiern am 16. April unser Freund und Parteigenosse Buchdrucker Michael Keßler und Frau Magdalena. Zu dlesem seln n Ehrentage dem allgemein, besonders aber in Partei⸗ und Gewerkschaftskreisen geachteten und be⸗ liebten Paare unseren herzlichsten Glückwunschl Möge es ihm vergönnt sein, noch viele glückliche Jahre Seite an Seite durchs Leben zu wandeln! Während der langen 25 Jahre hat sich Freund„Adebar“ bei Keßlers nicht sehen lassen und es erscheint deshalb keine Nachkommenschaft in der Reihe der Gratulanten. Desto mehr haben sie sich durch ihr freundliches und zuvor⸗ kommendes Wesen viele Freunde erworben, in deren Namen wir wohl die besten Wünsche aussprechen dürfen. o- Die freie Turnerschaft Gießen macht in letzter Zeit recht erfreuliche Fortschritte. Die Mitgliederzahl von 200 ist bald erreicht und auch die kürzlich gegründete Damenriege entwickelt sich zur Zufriedenheit. Aber trotzdem steht diese Mitgliederzahl in keinem Verhältnis zu der organisterten Arbeiterschaft Gießens und der Umgegend. Die Frkftr.„Volksst.“ brachte kürzlich einen sehr beachtenswerten Artikel über den Arbetterturnerbund, in dem sie u. A. aus führte:„Leider haben immer noch sehr viele aufgeklärte Arbeiter den richtigen Wert des Turnens für dle Gesundheit nicht erkannt. Keiner sollte sagen, ich kann nicht turnen, oder man lacht mich aus. Turnen, wie es die Ge⸗ sundheit verlangt, kann jeder, und im Arbeiter⸗ turnverein ist jeder unter seinesgleichen. Die⸗ jenigen, die da glauben, nach getaner Arbeit müde zu sein, erhalten durch Turnen neue Stärkung der Muskeln“.— Soweit genanntes Blatt. Wir haben dem Gesagten nichts mehr hinzuzufügen, richten vielmehr an alle organi⸗ sierten Arbeiter, namentlich aber an die jüngeren unter ihnen das dringende Ersuchen, sich der Freien Turnerschaft anzuschließen. Beitritts erklärungen nimmt A. Lenz, Steinweg, gern entgegen. — Der Tapeziererstreik ist am Sonntag beigelegt worden und die Arbeit wurde am Montag allerwärts wieder aufgenommen. Was von den Arbeitern erreicht wurde, ist aller ⸗ dings nicht viel. Die wöchentliche d wurde auf 59 Stunden festgesetzt und die Löhne etwas erhöht. In einigen Geschästen bestand schon vorher die 9½½ stündige Arbeitszeit, in diesen wurde ebenfalls die längere Arbeitszeit eingeführt! Dem hätten die Gehilfen unbe⸗ dingt widerstreben sollen; in den Geschäften mit kürzerer Arbeitszeit mußte diese unbedingt bei⸗ behalten werden. Andererseits handelten die Arbeiter richtig, wenn sie einen Kampf abbrachen, der nicht viel Aussichten auf größere Erfolge bot. — Die Steinarbeiter Gießens waren, wie wir bereits vor kurzem berichteten, mit einer Lohn⸗ forderung an ihre Arbeitgeber herangetreten. Es wurde bei 9stündiger Arbeitszeit ein Stundenlohn von 85 Pfg. für ausgelernte, 50 und 55 Pfg. für ältere Arbelter gefordert. Die Arbeitgeber zeigten wenig Entgegen ⸗ kommen; nur vier bewilligten, während zwei die Forde⸗ rung zurückwiesen. Bei drei werden noch Unterhand⸗ lungen gepflogen. Das Hauptgewicht legen die Arbeiter mit Recht auf die Beseitigung der Akkordarbeit. In dieser Beziehung zeigt sich besonders Herr Kling in Wieseck recht unzugänglich, weshalb von den zwei dort beschäftigten Steinmetzen der eine die Arbeit einstellte, während der andere noch nicht begriffen zu haben scheint, daß gerade in seinem Berufe Alkordarbeit Mordarbeit ist. k. Eine öffentl. Metallarbeiter Versammlung findet Donnerstag, 12. April abends 6¼ Uhr in Lonys Bierkeller statt. Der vom Metallarbeiter⸗Verband nen angestellte Be⸗ zirisleiter für Gießen⸗Wetzlar⸗Lollar Kollege Fuhrmann⸗Gießen wurd sprechen über: „Die Kämpfe in der Metallindustrie und was lehren uns dieselben.“ — Dre Schneider unternehmen am 2. Feiertag einen Ausflug nach der Rindsmühle. Treffpunkt 7 Uhr morgens bei der kath. Kirche. Freunde sind dazu eingeladen! aus dem Nreise Alsfeld-Cauterbach. at. Alsfeld. Die Kreiskonferen: für den Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach, die am 1. April im Stadtpark an wurde, war schlecht besucht. Bemerkenswerte Beschlüsse wurden nicht gefaßt.— uncmag, prend Genosse Dr. Michels im nämlichen okale einer gut besuchten Versammlung über die 1 litische Lage. Reduer besprach die Wahlreg 5 demonstration vom 21. Januar und ihre Wir⸗ kungen, die Kolonial- und Flottenpolltik un reh eule Agen haltet U bh f ban .% Ab d rann. l, dg de G. bel „ D.. 5 Aha f fel nauntg g nah organ Lagern sich hy zeitekte ch, gl tu lt vu long. ist ala cbeltthel le he beach elt, f heiteeb( 1 ub Mien n fagt be en d bbrachg, ER 1 val, inn da 05 u. 1 550 K Abel D —— 2 : e— 22 — 2 2— Nr. 15. Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. Seite 5. führungen fanden lebhafte Zustimmung. gab schließlich ein anschauliches Bild über die heutige Rechtspflege und ihre Verschledenheit gegenüber den besitzenden Klassen und der Ar⸗ beiterschaft. In der Diskussion bezeichneten die Gen. Herrmann und Schieferstein, beide Maurer aus Frankfurt, die hier eine Hausagitation hielter, die politische Organisation als eine un⸗ bedingte Notwendigkeit für die Au beiterschaft, die ihre spärlichen politischen Rechte wahren müsse. Der letztere sprach sein Erstaunen da⸗ rüber aus, wie es den hiesigen Arbeitern eigent⸗ lich möglich sei, mit so geringem Lohn zu exi⸗ stieren. Er habe allerdings erbärmliche Woh⸗ nungen hier gekunden, in denen ein erwachsener Mensch nicht gerade stehen könnte! Diese Aus⸗ Aus dem Rreise Wetzlar. h. In dem Marmor- und Granitwerk Dykerheff und Neumann droht ein Ausstand der dort beschäftigten Steinarbeiter auszubrechen. Mitte März hatten diese durch den Bezirksleiter ihrer Organi⸗ sation einen Arbeitsvertrag an die Firma eingereicht, in dem eine kleine Aufbesserung der Arbeitsbedingungen vorgesehen war. Hauptsächlich forderten die Arbeiter einen Stundenlohn bon 40—45 Pfg. für ältere Schleifer. Von einer Reih! nebensächlicher Forderungen ist die ö wichtigste, daß alle Schlelferarbeiten im Tagelohn ausgeführt werden sollten. Schließlich wurde die Firma in höflichster Form ersucht, sich über die Eingabe zu äußern. Diese Aeußerung der Herren Dykerhoff und Neumann erfolgte durch eine„Bekanntmachung“, die am 31. März im Werke angeschlagen war und die am Schluß lautete:„Da bei den Löhnen, welche wir zahlen, es kaum noch möglich ist, überhaupt Arbeit heranzuziehen, und wir unsere Einrichtungen nicht beliebig ändern lönnen, geben wir denjenigen, die mit den bisherigen Verhältusssen nicht einverstanden sind, anheim, durch ordnungsmäßige Kündigung das Arbeitsverhältnis auf⸗ zulösen.“ Daraufhin reichten die Arbeiter die Kündi⸗ gung ein, die am Samstag abläuft. Eine etwas entgegenkommendere Haltung der Firma gegenüber den geringfügigen Forderungen der Arbeiter wäre wohl am Platze gewesen und hätte im Interesse beider Teile gelegen. Herr Neumann ist nebenbei Stadtvater. h. Die Handschuhmacher in Wetzlar haben eine kleine Lohnerhöhung ohne schweren Kampf erreicht. Vor 14 Tagen reichten sie eine Forderung an die Fabrikanten ein, worauf zwei Firmen, darunter die größte am Orte, die bescheidene Erhöhung sogleich be⸗ willigten, eine andere am darauffolgenden Montag, während in der vierten in Betracht kommenden Fabrik die Kündigung eingereicht werden mußte. Erst hier⸗ auf besann sich der Fabrikant eines besseren und folgte nach, sodaß ohne Kampf und ohne beiderseitige Verluste eine Besserung durchtesetzt wurde. Die Handschuhfabrik Justus Hinkel kommt nicht in Betracht, da sie für Ver⸗ bandsmitglieder gesperrt ist und nur zwei Zuschneider (Nichtmitglieder) beschäftigt. Der Erfolg ist vornehmlich der guten Organisation der Handschuhmacher zu danken; dann aber auch der sofortigen Bewilligung des größten Wetzlarer Geschäftes, dessen Inhaber den Arbeitern gegen⸗ Aber Einsicht und Entgegenkommen zeigte. n. Krofdorf. Das Wachstum des Tabak⸗ arbetterverbandes in unserer Gegend scheint einer in Wißmar stationierten„schneidigen“ Ordnungs⸗ stütze nicht angenehm zu sein, denn sie sucht ihn nach Möglichkeit zu bekämpfen. Mit ehrlichen Mitteln aller⸗ dings nicht, sondern mit den krassesten Lügen und Ver⸗ leumdungen, So log der Betreffende verschiedenen Leuten vor, daß ein Krofdorfer— er meinte den Genossen Stork— seine Exlstenz fast vollständig vom Tabak⸗ arbeiterverband friste. Und weiter erzählte er, der Maurer Schieferstein, der als Kassierer des Verbandes fungiert, mache dabei ein schönes Geschäft, er erhalte 8 Pfg. von jeder verkauften Marke. Was Stork an dem Verbande„verdient“, das wäre er jedenfalls bereit, dem Herrn zur Verfügung zu stellen, der das dumme Sewäsche in die Welt setzt, Er besteht darin, daß er jede Woche aus Solidaritätsgefühl 40 Pfg. Beiträge entrichtet, wobei er noch nicht eiumal des Vorteils teil⸗ haftig wird, den sich seine Kollegen in nicht allzuferner Zeit durch die Organisation erringen werden. Und was den„Verdienst“ des Kassierers betrifft, so wird ja in der Versammlung Rechnung abgelegt und dann kann ja jene Staatsstütze genauestes über Verwendung der Gelder hören. Solch albernes Geschwätz wird aber bei denken⸗ den Tabakarbeitern oder„Arbeiterinnen keinen Eindruck machen. Jeder muß vielmehr seine wirtschaftliche Lage erkennen und einsehen, daß er sie nur durch die Orga⸗ nisation verbessern kann. Deshalb herein in die Orga⸗ nisation und sich nicht abhalten lassen von Leuten, denen man beim ersten Blick ansieht, daß ihnen die Arbeit von jeher ein Greuel war und die somit auch kein Recht haben, sich in Arbeiterangelegenheiten hinein zu mischen. n. In Krofdorf starb am 7. April der Gas⸗ arbeiter Genosse Georg Bork. Am Dienstag wurde er unter zahlreicher Betelligung zur letzten Ruhe bestattet. Wir verlieren in ihm einen treuen Mitkäupfer, der bet allen, die ihn kannten, beliebt und geachtet war. Seit 23 Jahren war er im Gießener Gaswerk beschäftigt. Eine Witwe mit 6 Kindern betrauert den Verlust ihres Die Krofdorser Arbeiterschaft wird ihm in Ernährers. gutem Andenken behalten. h. Kontrollversammlungen finden statt in: Aßlar, Bahnhof, Mittwoch, 18. April vormittags 10 Uhr 30 für Aßlar, Berghausen, lasbach, Klein⸗ Alteustädten, Werdorf. Wetzlar, Schützengarten, Mittwoch, 18. April nach⸗ mittags 2 Uhr nur für Landwehr von Wetzlar ein⸗ . schließlich Wetzlar⸗Niedergirmes. Dutenhofen, Bahnßof, Donnerstag, 19. April vormittags 11 Uhr 40 für Atzbach, Dorlar, Dutenhofen, Kinzenbach, Münchholzhausen. Wetzlar, Schützengarten, Donnerstag, 19. April nachmittags 3 Uhr nur für Reserve von Wetzlar elnschließlich Wetzlar⸗Niedergirmes. Oberndorf, Ausgang nach Wetzlar, Freitag, 20. April vormittags 10 Uhr 30 für Albshausen, Bonbaden, Braunfels, Burgsolms, Oberndorf. Wißmar, Bahnhof, Wirtschaft Brück, Samstag, 21. April, 11 Uhr 30 vormittags, für Glelberg, Krofdorf, Launsbach, Odenhausen, Salzböden, Vetzberg, Wismar, nur für Reserve; nachm. 1 Uhr nur für Landwehr und Ersatzreserve. Wetzlar, Schützengarten, Dienstag, 24. Aprll, 10 Uhr vormittags, nur für Ersatz⸗Reserve von Wetzlar einschließlich Wetzlar⸗Niedergirmes. Wetzlar, Sophienhütte, Mittwoch, 25. April, 6 Uhr nachmittags, nur für die auf den Buderus'schen Eisenwerken, dem Portland⸗Zement⸗Werk und der Karo⸗ linenhütte beschäftigten Kontrollpflichtigen aus dem ganzen Kreise. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. Arbeiterhäuser mit„billigen“ Woh⸗ nungen will die Baugenossenschaft des evang. Arbeiter⸗ vereins in Marburg herstellen. Die Genossenschaft baut z. Zt, ein Doppelhaus in der Gemarkung Wehrda für 20 000 Mk. Einige Arbeiter, die Mitglieder der Bau⸗ genossenschaft sind, freuten sich bereits, endlich einmal eine billige Wohnung zu bekommen, sintemal es auch einem christlichen und lammesfrommen Arbeiter schwer fällt, bei diesen teuren Zeiten die teure Wohnungs⸗ miete aufzubringen. Wie sehr wurden aber die christ⸗ lichen Brüder enttäuscht, als sie hören mußten, daß die Arbesterwohnungen mindestens 220—250 Mk. jährlich an Miete kosten würden. Darob natürlich große Ent⸗ rüstung bei den christlichen Arbeitern. Für solchen Mietspreis könnte man aber auch in Marburg selbst wohn en, da braucht man nicht nach Wehrda zu Mit Recht sagten einige christliche Arbeiter, daß ehen. 77 Beamten wohnungen in den„Arbeiter⸗ häusern“ entstehen würden und nicht billige Arbeiter⸗ wohnungen, wie sie vorgesehen waren. Einige christliche Arbeiter, die Mitglieder der Baugenossenschaft find, fangen bereits an, nachzudenken, ob es wirklich mit der Zeit ratsam ist, noch länger einer solchen Baugenossen⸗ schaft anzugehören. Da es nun schon mit den Arbeiter⸗ wohnungen nichts für die Mitglieder wird, wie soll es dann erst mit den Arbeiter häusern für jedes Mitglied werden, die leider noch einige Arbeiter hoffen, für einen Monatsbeitrag von 20 Pfg. zu erhalten. e n de Geleimte? Wie bekannt hatte der Marburger Magistrat aus„Sparsamkeitsgründen“ die Lieferung der Fenster für die neue Volksschule an den Hof, schreinermeister Fauser in Weimar vergeben. Darüber waren die Marburger Schreiner meister nicht wenig erregt, sie beriefen sogar eine Bürger⸗ versammlung ein, worüber wir seiner Zelt be⸗ richteten, die dem Magistrat den Marsch blasen sollte. Die Schreinerzwangsinnung ging sogar zum Regierungspräsidenten, aber es half alles nichts, Fauser behielt die Arbeit. Als die Probearbeit ankam, hieß es sofort, sie wäre nicht vorschriftsmäßig und man hatte allerlei daran auszusetzen. Schon frohlockten dle Mar⸗ burger Meister, daß die Arbeit womöglich doch noch hierbleiben würde. Die Stadtverordneten schickten darauf den Haupt- Wortführer der Innungsleute, Obermeister Bang und den Stadt⸗ baumeister Brög nach Weimar,(auf Kosten der Steuerzahler) um zu sehen, ob Fauser überhaupt im Stande sei, die Arbeit zu liefern. Die beiden Herren Sachverständigen erlebten eine große Enttäuschung. Nach ihrer Meinung waren die bereits fertiggestellten Fenster seh r sauber gearbeitet. Nur beklagte sich Herr Fauser, daß er 1000 Mk. bei der ganzen Arbeit drauf legen müsse. So hat sich endlich der ganze Streit erledigt, der so viel Staub einen aufwirbelte. Die Marburger Schreiner meister, die bei der ganzen Affaire den Schlauen spielen wollten, haben als„Geleimte“ den Rückzug angetreten. ö Die Gemeinderatswahl in Ockershausen, welche am Freitag in der dritten Klasse stattfand, ergab 39 Stimmen für den Bürgervereinskandidaten Fey, 34 fielen auf Herrn Weißbinder Pfeffer. Ersterer ist somit gewählt. Die vorhergehende Wahl war für un⸗ gültig erklärt worden. Ein neuer Ausbruch des Vesuv setzt die Bewohner der in der Nähe des Vul⸗ kans gelegenen zahlreichen Orte in Schrecken. In der Nacht zum 5. April öffnete sich am Fuße des Vesuys ein neuer Krater, aus dem sich ein Lavastrom ergoß der sich mit einer Ge⸗ schwindigkeit von hundert Metern pro Stunde in der Richtung gegen Boscotrecase wälzte, dessen Einwohner ihre Wohnungen verließen. Das war auch sehr gut, denn bereits am Samstag war der Ort von dem Lavastrom vollständigeingeschlossen. Fast alle Gebäude gingen in Flammen auf.— Am Samstag Nacht erfolgte eine weitere gewaltige Eruption, durch welche viele Orte schwer bedroht sind. Der Vesuv glich einem einzigen riesigen Feuer⸗ herde und unter Erdbeben und fürchterlichem Getöse wurden die glühenden Massen viele Hunderte von Meterr in die Luft geschleudert. Der Hauptkegel ist eingestürzt. In den Ort⸗ schaften der weiteren Umgebung fiel dichter Aschenregen. Hunderte Menschen komen um. Partei-Nachrichten. Unfallverletzte! Ju den Verhandlungen des Landtags wurden von dem Unterzeichneten Klagen Unfallverletzter über ihnen zugefügte Nachteile durch an Berufsgenossenschaften er⸗ stattete Gutachten Großh, Hessischer Kreisärzte zur Sprache gebracht. Es gilt nun, im Einzelnen festzustellen, wie das geschehen ist, um gegen die Verwendung Großh. Hessischer Kreisärzte bezw. Kreisassistenzärzte als„Ver⸗ trauensärzte“ der Unfallberufsgenossenschaften Stellung zu nehmen. Ich ersuche deshalb alle Unfallrentner und ⸗ Rentnerinnen, welche in den letzten Jahren durch Gutachten erwähnter Aerzte benachteiligt wurden, mir Mitteilung davon zu machen und mir, wo irgend möglich, Gutachten der erwähnten Art und Urteile, die sich auf diese Gutachten stützen, zuzusenden. Eben so wäre es von Interesse zu erfahren, in welchen Fällen derartige Gutachten bei Anträgen für die In validen⸗ Versicherung maßgebend waren. Offenbach, 6. April 1906. C. Ulrich, Große Marktstraße 23. Ueber die Maisestzeitung, welche die Buch⸗ handlung„Vorwärts“ in diesem Jahre herausgibt, teilt sie Folgendes mit:„Das Titelbild, von dem bekannten Mitarbeiter des Simplizissimus Wilhelm Schulz ge⸗ zeichnet, bietet dem russischen Arbelter freundliches Will⸗ kommen in den Relhen des internationalen organisterten Proletariats. Entgegen der bisher üblichen Anordnung bringen wir in dieser Nummer eine Bil erfolge von sechs Kopfleisten als Illustration für eine Gedichtserse „Gegenwart und Zukunft“, von Edmund Edel gezeichnet. Eine Karrikatur,„Die eine reaktionäre Masse“ darstellend, bildet den Abschluß der Nummer. Zu dem textlichen Teil haben belgetragen die Genossen Pannekoek, Henriette Roland-Holst, J. Stern, G. Lede⸗ bour und E. Klaar.“ Es geht daraus hervor, daß das Blatt auch dles⸗ mal wieder sehr viel des Interessauten und Belehrenden bletet und wir können den Genossen überall seine An⸗ schaffung nur empfehlen. Die Partelorganisationen müssen sich deshalb die weiteste Verbreitung angelegen seln lassen und dle Bestellungen recht bald bei den belannten Stellen bewirken. Versammlun gs kalender Samstag, den 14. April. Gießen. Holzarbeiter. Abends%½8 Uhr Ver ⸗ sammlung bei Lö b.— Metallarbetter abends 9 Uhr Versammlung bel Orbig. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Briefkasten. W. Gr. Bss. Für ein Geldstück mit dem Bild⸗ nis Kalser Friedrichs bezahlen höchstens Sammler oder Llebhaber etwas mehr als ihren Nennwert; im allze⸗ meinen Verkehr gibt niemand einen Pfennig mehr. eeite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zenung. Von Uah und Fern. 30 Menschen unter Trümmern. Eine schreckliche Katastrophe, die einem halben Hundert Menschen das Leben kostete, ereignete sich Donnerstag voriger Woche in dem württem⸗ bergischen Städtchen Nagold. Dort stürzte das Gasthaus„zum Hirsch“, worin sich weit über 200 Menschen befanden, zusammen, alles unter seinen Trümmern begrabend. Das Haus wurde von einem Bauunternehmer, namens Rückgauer um ein Stockwerk gehoben, weil man Raum zu einem Saale gewinnen wollte. Solche Haushebungen hat der Unternehmer schon mehrfach ausgeführt und er scheint seinem Sy— stem allzuviel Vertrauen geschenkt zu haben. er unterließ die einsachsten und selbstverständ— lichsten Vorsichtsmaßregeln; anstatt daß während der Arbeit das Betreten des Gebäudes unter⸗ sagt worden wäre, lud man eine große Anzahl von Personen ein, zur Feier, daß die Hebung vollendet war. Als das Unglück geschah, war die Wirtschaft in vollem Betriebe. Die Hebungs⸗ arbeiten waren noch im Gange, als man einen Riß bemerkte, worauf das Kommando Halt! ertönte. In demselben Augenblick stürzte das Haus in sich zusammen. Es sind 50 Tote ge⸗ zählt, mehr als 100 schwer und leicht Verletzte. Die Leichen sind gräßlich verstümmelt und ihr Aussehen läßt auf fürchtbare Todesqualen schließen. Die Ursache des Unglücks wird von den Beteiligten in der Weise angegeben, daß beim Heben des Baues von den 80 Schrauben nicht alle gleichmäßig angetrieben worden seien und der hintere Teil des Hauses etwas lang⸗ samer in die Höhe ging als der übrige Teil. Als man an dieser Stelle die Schrauben etwas stärker antreiben ließ, bekam das Haus das Uebergewicht nach vorne und stürzte nach der Vorderseite hinüber. Etwa eine bis zwei Se⸗ kunden lang schwankte der Giebel des Hauses, und alsdann stürzte es unter einer furchtbaren Wolke Staubes, die jedes Sehen unmöglich machte, mit dumpfem Krachen ein. Gegen den Unternehmer ist eine Untersuchung eingeleitet. Geborstene Zentrums ⸗Ordnungssäule. Gegen den Münchener Stadtverordneten Peter Stadlmaier hat der Münchener Staatsanwalt ein Verfahren wegen Mein eids⸗ Verleitung, Notzucht und Wucher ein⸗ geleitet. Dieser Wackere zeichnete sich im Ge— meindekollegium durch große Schweigsamkeit, dann aber auch durch einen besonderen Haß gegen die„Sozi“ und gelegentlich durch mucke⸗ lische Redeanwandlungen für die Sittlichkeit und Moral aus. Herr Stadlmaier soll schon seinen Koffer gepackt haben, um den Staub des schönen Bayerlandes von seinen Pantoffeln zu schütteln. Hoffentlich läßt er dem Staatsan⸗ walt seine neue Adresse zukommen. Bestechlicher Richter. Der vor einigen Wochen vom Landgericht in Beuthen(Oberschlesten) wegen Betrugs verurteilte Landgerichtsnrat Blumenberg wird sich noch kor dem Schwurgericht wegen schwerer Amts verbrechen zu verantworten haben. In seiner früheren Eigenschaft als Vorsitzender einer Zivilkammer ist Blumenberg, wie sich nun ergeben hat, der Bestechlichkeit zugänglich gewesen. Er hat von Parteien, zu deren Gunsten er eine Urteilssprechung herbeigeführt hatte, mehrfach größere Geldbeträge entgegen⸗ genommen. Paläste für Katzen! Zum besseren Verständnis unserer heutigen Welkordnung, die unzählige Proletarier zwingt, bei Wind und Wetter im Freien zu schlafen, diene folgende Notiz, die bürgerliche Blätter bringen: Das Heim, das die 26 Katzen der Prinzessin Viktoria von Schleswig⸗Holstein im Windsor⸗Park bewohnen, ist ein schöner zwei⸗ stöckiger Bau, der keinem besseren Wohnhaus an Komfort nachsteht. Er hat zwei Fenster im n und zwei im ersten Stock; beide Stockwerke sind durch eine Leiter verbunden, und wenn die Katzen zu Bett gehen wollen, steigen ste die Leiter empor und finden oben ein bequem eingerichtetes Schlafzimmer, in dem jede Katze ihre Bettstelle und ihre Betten hat. Alle die Bewohner dieses Katzenhauses sind preisgekrönte Chinchilla- und Perser-Katzen. Die schönste unter allen Katzen der Prinzessin, die Chinchilla⸗Katze„Puck“, wohnt in einem besonderen Hause, und ein genaues Verzeichnis über alle bei Ausstellungen von ihr gewonnenen Preise ist als stolzeste Zier darin angeschlagen. Bei zaltem Wetter werden die Betten der Katzen mit Wärmflaschen angewärmt, damit sie sich nicht erkälten, und ist überhaupt in jeder Be⸗ ziehung für ihre Bequemlichkeit gesorgt. 2 e 2 U. . „ Anterhaltungs Teil. R——ͤ 4 Enfant perdu.“ Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm' ich gesund nach Haus. Ich wachte Tag und Nacht— ich konnt' nicht schlafen, Wie in dem Lagerzelt der Freunde Schar— (Auch hielt das laute Schnarchen dieser Braven Mich wach, wenn ich ein bißchen schlummrig war.) In jenen Nächten hat Langweil' ergriffen Mich oft, auch Furcht—(nur Narren fürchten nichts)— Sie zu verscheuchen, hab' ich dann gepfiffen Die frechen Reime eines Spottgedichts. Ja, wachsam stand ich, das Gewehr im Arme, Und nahte irgend ein verdächt'ger Gauch, So schoß ich gut und jagt' ihm eine warme, Brühwarme Kugel in den schnöden Bauch. Mitunter freilich möcht' es sich ereignen, Daß solch ein schlechter Gauch gleichfalls sehr gut Zu schießen wußte— ach, ich kann's nicht leugnen, Die Wunden klaffen— es verströmt mein Blut. Ein Posten ist vakant!— Die Wunden klaffen— Der eine fällt, die andern rücken nach— Doch fall' ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen— Nur mein Herze brach. *) Verlorenes Kind. Heinrich Heine. Der Bräutigam. Episode aus der Zeit der großen Revolution. Nacherzählt von H. Devidee. Das schöne Fräulein Celine von Keriac war einer Ohnmacht nahe, als ste erfuhr, daß ihr Bräutigam, der Vicomte von Brussac, gefäng⸗ lich eingezogen und zum Tode verurteilt worden war. Aber tapfer kämpfte ste den Schwäche⸗ aufall nieder, bedurfte sie doch ihrer ganzen Geisteskraft, um ihren Verlobten zu retten, denn das wünschte, wollte sie. Und sie sann. Was tun? Sollte sie versuchen die Wachen zu bestechen, in seinen Kerker zu dringen? Ach sie wußte, daß das unmöglich war. Sollte sie zu ihm, dem Machthaber, gehen und ihn kniefällig um Gnade anuflehen? Ach, Robespierre war als unerbittlich, unzugänglich bekannt. Da kam ihr plötzlich eine Eingebung; Paul, ihr Jugendgenosse und Spielgefährte, der Sohn ihrer Amme, war jetzt der Freund Robespierres, seine rechte Hand, und was ihr, dem adeligen Fräulein, nicht gelingen würde, das kounte er, das Kind aus dem Volke, vollbringen; ja, Paul mußte helfen! Ob er aber auch wollte? Kein Zweifel! Ste waren zusammen auf⸗ gewachsen, hatten als Kinder miteinander ge⸗ spielt und immer gute Kameradschaft gehalten. O, sie erinnerte sich, er war stets ihr Ritter ge⸗ wesen, der ihre Farben trug und jeden ihrer oft recht kindischen Wünsche erfüllte. Nein, Paul wird sich nicht geändert haben, er war ihr ge⸗ wiß noch treu ergeben, wenn sie auch längst durch die Umstände getrennt und Jahre über ihre Kinderspliele dahingegangen waren. Rasch entschlosfen machte sich das Fräulein von Keriac auf den Weg. Ein freudiger Schreck durchfuhr den Freund Robespierres, als ihm gemeldet wurde, daß ihn die„Bürgerin“ Keriac zu sprechen wünsche. „Celine!“ jubelte sein Herz, und froh be⸗ wegt eilte er ihre entgegen. Aber ihr Aussehen erschreckte ihn. „Celine, was ist geschehen? Was führt Sie zu mir?“ i „Paul“, entgegnete ste,„erinnern Sie sich noch unserer Kinderjahre?“ „Ob ich daran denke! Meine liebste, schönste Erinnerung ist die kleine Celine, die ich gegen Drachen und Räuber verteidigte!“ „Erinnern Sie sich auch, daß Sie mir schwuren, alle meine Wünsche zu erfüllen?!“ „Gewiß, und Celinchen begehrte nichts Ge⸗ ringes; bald sollte ich Löwen und Bären be⸗ zwingen, bald goldene und silberne Aepfel ee 1 215 Fräulein von Keriac mußte unwillkürlich ächeln. g„O“, sagte sie,„ich verlangte auch erreichbare nge.“ „Das wohl, aber die schwierigen Aufgaben reizten mich; denn für die Erfüllung wollte Celine meine Frau werden.“ Das Fräulein von Keriac errötete, doch erwiderte sie nichts, sie sagte nur: „Ich komme heute als Bittende zu Ihnen, Paul. Im Namen unsrer gemeinsamen Jugend⸗ erinnerungen bitte, beschwöre ich Sie...“ „O, Celine, Sie wissen, daß Sie über mich verfügen können.“ „Retten Sie meinen Bräutigam!“ Pauls Gesicht verfinsterte sich. „O, ich vergaß ganz, daß das Fräulein von Keriac verlobt ist,“ sagte er bitter, und leiser fügte er hinzu:„Das trieb mich ja aus der Heimat fort... Celine“, fragte er nach einer kurzen Pause,„lieben Sie denn den Vicomte von Brussac?“ a Das Fräulein von Keriac warf den Kopf zurück und sagte hochfahrenden Tones: „Er ist mein Bräutigan-!“ Paul verneigte sich. „Ich will mein möglichstes tun“, sagte er einfach. Celine streckte ihm die Hand entgegen. „Dank, tausend Dank, ich wußte es ja, daß mein Ritter mir beistehen, mir helfen würde!“ Paul hatte sich abgewendet und tat, als bemerke er die dargereichte Hand nicht. „Ich will mich sogleich zu Robesplerre be⸗ geben“, sagte er und verneigte sich förmlich, zum Zeichen, daß Celine entlassen war. Das schöne Fräulein von Keriac war über Pauls verändertes Wesen genz bestürzt und mit einem leise geflüsterten„Dank“ entfernte ste fich. Als Paul allein war, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er böse Gedanken verscheuchen. „Sie liebt ihn,“ sagte er sich seufzend,„es sei!“ Und er begab sich zu Robespierre. „Freund, ich komme als Bittender: Gib mir einen Gefangenen frei.“ „Du bittest, Paul?“ entgegnete der Gewaltige. „Du hast noch nie einen Wunsch geäußert. Einen Gefangenen willst Du? Zehn für einen 90 vorausgesetzt, daß sie nichts zu bedeuten aben.“ „O, er ist höchst unbedeutend: der ehemalige Vicomte von Brussac.“ „Brussac!“ rief Robespierre,„dieser Schurke, der seine Bauern bis zur Erschöpfung aus⸗ beutete, die Weiber verführte, die Kinder miß. handelte— diesen Elenden willst Du losbitten! Aber er hat ja den Tod hundertfach verdient!“ „Celine liebt ihn,“ sagte Paul leise, fast unhörbar. l Aber Robespierre hatte ihn doch gehört. Er sah Paul halb bewundernd, halb mitleidig an, zuckte die Achseln und dachte: „Sonderbarer Kauz; statt froh zu sein, daß man ihn des Nebenbuhlers entledigt. Laut aber sagte er: 1 „Es tut mir leid, Paul, verlange von mir, was Du willst, aber Brussac kann, darf ich nicht freigeben.“ 15 1 10 are ben lte doch nen, end⸗ lich bon eiser der ier e hf l gel. daß dell fl be lch, über Nr. 15. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. Paul antwortete nicht, er wußte, daß sein Freund ein einmal gesprochenes„Nein“ nie zurücknahm— jedes weitere Bitten wäre ver⸗ geblich gewesen. Mit stummen Gruß ging er. fühlte sich tief unglücklich: er halte Celine 15 Wort gegeben und konnte es nicht halten! Würde ste ihm Glauben schenken? Würde sie nicht vielmehr denten, daß es eine Ausflucht sei, daß er Brussac, den er im innersten Herzen haßte, nicht reiten wollte?! Tag und Nacht wälzte er diese Gedanken in seinem Kopfe und schließlich sagte er sich, daß er sein Wort um jeden Preis einlösen müsse: galt es doch Celines Glück! Und rasch entschlossen stellte er für den „Bürger“ Brussac einen Enklassungsschein aus, indem er Robespierres Unterschrift fälschte. Schuster legen?“ Gerechte Entrüstung. hat meine Schuhe Konnten Sie Dienstmädchen: Ich hatte ihm selbst Er selbst begab sich ins Gefängnis, um dem Vlcomte seine Freilassung anzukünden. „Sie sind frei, Bürger rufe „gehen Sie und sagen Sie Celine, daß ich ihren Wunsch erfüllt und mein Wort eingelöst habe. Uebergeben Sie ihr landpässe, womit Sie beide ungehindert über die Grenze kommen werden. bald als möglich, aber solange Sie noch in Paris sind, halten Sie sich verborgen, und nun gehen Sie.“ diese Papiere, es (Schluß — —— Numorifstisches Ma dam: wieder denn nicht'mal fünf Mark für eine Rechnung zu Reisen Sie so mitgenommen 2 „Leider nicht, Madam l(entrüstet):„Daß ist eine Unverschämtheit. meine Schuhe gehen doch vor!“— Praktischer Anfang.„Haben Sie eine Zigarre für mich, Herr Huber?“—„Gewiß!... aber ich dachte, Sie wollten sich das Rauchen ganz abgewöhnen 2“ —„Stimmt. Das geht jedoch nicht so plötzlich— das Rauchen eigner Zigarren hab' ich mir allerdings schon abgewöhnt!“— Drastische Hilse. Richter(im Raufprozeß): „... Die andren Raufenden haben sich nur mit den Fäusten bearbeitet— Sie waren der einzige, der sich eines schweren Stuhles zum D'xeinschlagen bedient hat!“— Angeklagter:„Jawohl— ich hab' halt n gestiftet, Herr Richter!— „Wie, der 11 18 Toufir mationsges chenke e n mich aus Madam Preislagen und in großer Auswahl in dem Ihren, Madam] Gold- und Hilberwarengeschäft von D. Kaminsia, Markt⸗ bezahlen!“ platz 11, am Kriegerdenkmal. Man verl. Rabattmarken. sagte er, sind Aus⸗ folgt.) Konsum- Verein Giessen und Umgegend. Für die bevorstehenden Oster-Feiertage empfehlen: Oster-Eier, Oster-Hasen, Eier-Farben Mikado⸗Papier zum Färben der Eier, Garantiert naturreine Weine der Winzergesellschaft Eltville a. Rh. Ia. Mehl, der besten deutschen Mühlen, Alle Kolonialwaren in nur guten, frischen Qualitäten und vollgewichtig, it itt kann täglich in unseren Verkaufsstellen Asterweg 6 kl kl und Bahuhofstraße 31 erfolgen. 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