ö Nr. 19. . Gießen, den 13. Mai 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Solntags⸗Zeitung. Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. Abonunementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Haus gelsefert monatlich 25 Pfennig. Eppedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] leder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreirung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung 981/% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Die Darmstädter Wahl. Die am Freitag voriger Woche im Reichs- tagswahlkreise Darmstadt erfolgte Stichwahl hat mit dem Siege der Sozialdemokratie geendet. Nach den amtlichen Ermittelungen wurde unser Gonosse Berthold mit 16632 Stimmen gewählt, sein Gegner, der Mischmasch⸗Kandidat Rechtsanwalt Dr. Stein brachte nur 15805 Stimmen auf. Die Wahlbetetligung stieg gegen die Hauptwahl um 2800 Stimmen, es gingen also 85 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne. Schon die außerordentlich starke Wahlbeteiligung zeigt, wie heftig in dem Kreise gekämpft wurde, den uns zu entreißen sich die nationalliberal⸗ autisemitisch⸗ultramontane, von dem saubern Reichsverbande agitatorisch unterstützte Gegner⸗ schaft alle Mühe gab. Es ist ihr nicht gelungen! Siegreich weht wieder das rote Banner über Darmstadt, das der Sprendlinger Wunderdokter Becker herunter holen wollte. Einen sehr schweren Kampf hat die Sozialdemokratie er⸗ folgreich bestanden. Bei der Hauptwahl am 25. April erhielt Berthold 13801, Dr. Stein 10315, Pfarrer Korell 5808 Stimmen. Für den Reichs⸗ verband⸗Kandidaten brachte die Stichwahl 5700 Stimmen Zuwachs, während unser Kandidat nur 2800 mehr als bei der Hauptwahl erhielt. Was geht daraus hervor? Daß die freisinnigen Korellwähler, entgegen der von ihrem Wahl⸗ ausschuß ausgegebenen Parole, für den Sozial- demokraten einzutreten, zum weitaus größten Teile, wenn nicht alle, für den Reaktlonär Stein gestimmt haben. Damit ist auch von unserer Seite von Anfang an gerechnet worden, jahrelange Erfahrungen haben uns in der Ueber⸗ Viera befestigt, daß auf den„entschiedenen“ iberalismus im Kampfe Haben die Reaktion absolut kein Verlaß ist. Und die Erfahrung wird immer wieder bestätigt. Mögen immerhin unter den sogenannten„vereinigten Liberalen“ einige wirkliche Liberale sich befinden, die bei der Entscheidung zwischen reaktlonärem Misch⸗ masch und Sozialdemokratie für letztere ein- treten— es sind nur Ausnahmen, die die allgemeine Richtung nicht beeinflussen können. In einzelnen Orten des Darmstädter Wahl⸗ kreises zeigt sich ganz deutlich, daß Stein sämt⸗ liche Korell⸗Stimmen bekommen hat. Lieber wählen sie den schwärzesten Reaktlonär, als daß ste den Mut hätten, für den Sozialdemo⸗ kraten einzutreten. Resultate anderer Orte zeigen allerdings, daß die Liberalen die Parole ihres Wahlausschusses befolgten, und für die Sozialdemokratie stimmten, aber das sind nur wenige. Sicher scheint, daß vier Fünftel für Stein stimmten; und das trotz der schofeln Kampfesweise, die die Reichsverbändler auch den Freisinnigen gegenüber beobachteten, deren Agitatoren sie sogar verprügelten! So kann die Sozialdemokratie getrost sagen, daß sie den Sieg in Darmstadt aus eigener Kraft erfochten hat. Die 2800 Stimmen, die sie in der Stichwahl mehr aufbrachte, sind zur größten Hälfte eigene Reserven. Wir können mit diesem Resultate sehr zufrieden sein. Der Kampf war gerade in diesem Kreise für uns kein leichter; durch die opferfreudige Tätig- keit unserer Genossen im Kreise war es möglich, die Angriffe der Gegner siegreich abzuschlagen. Leisten sie weiter zielbewußte, unablässige Partei⸗ arbeit, so ist kein Zweifel, daß bei den allge⸗ meinen Wahlen in zwei Jahren der Kreis zu unserem sicheren Besttzstande gehört. * Ueber den Ausgang der Wahl erhob sich im bürgerlichen Blätterwalde ein ungeheueres Gezeter. Die von der Drehscheiben-Partei kündigten den Korellianern alle und jede Freundschaft, bezeichneten ste als Verbündete der Sozialdemokratie, wobei sich über unsern Kandidaten eine Flut von Beschimpfungen er⸗ goß. Anderseits gaben stie ihrer Schadenfreude Ausdruck über die Disziplinlosigkeit der Mehr⸗ heit der Korellwähler, die trotz der Aufforde⸗ rung des Wahlausschusses, für den Mann des Kuddelmuddels stimmte. Von konservativer, nationalliberaler und freisinniger Seite wurden die„vereinigten Liberalen“ Verräter an der Sache des Bürgertums gescholten. Diese Preß⸗ äußerungen sind insofern lehrreich, als ste beweisen, daß wirklicher Liberalismus im deutschen Bürgertum heutzutage verpönt ist, und daß der Bürgerliche, dem es mit freiheit⸗ lichen Forderungen und Beseitigung der Miß⸗ stände im Staasswesen ernst ist, die schärfsten, ruppigsten Angriffe von seinen angeblich„libe⸗ ralen“ Klassengenossen zu erwarten hat. Die freiheitlichen Forderungen zu vertreten, bleibt einzig der Sozialdemokratie überlassen. ee eee Aus dem Reichstage. Mit dem vom Zentrum eingebrachten Tole- iin füllte der Reichstag seine Mittwochs ⸗Sitzung aus. Toleranz ist ja ein recht schönes Wort und eine schöne Sache. Es besagt im Allgemeinen, daß die Meinungen und Gefühle, die Ueberzeugungen Aller geduldet werden sollen. Das Zentrum will mit diesem seinen Gesetzentwurfe die Freiheit des religlösen Bekenntuisses und Unterrichts sichern; wenigstens tut es so. Wer aber diese gerade auf religtösem Gebiete unduldsamste Partei kennt, wird sich des Verdachtes nicht erwehren können, daß das Zentrum Absichten hegt und Ziele verfolgt, die sorgfältig verborgen gehalten werden. Dieser Ueberzeugung gab auch Genosse David scharf Ausdruck und vertrat im übrigen den Stand⸗ punkt der Partei in der Frage der Religion. Er erklärte, daß das tonsurierte Pfaffentum ebensowenig von wahrer Freiheit wissen wolle, wie das gescheitelte. Nur die Trennung von Kirche und Staat kann Klarheit, kann wirkliche Freiheit bringen. Immerhin bezeichnet der Toleranzantrag, vorausgesetzt, daß bedeutende Verbesserungen an ihm vorgenommen werden, einen unleugbaren Fortschritt. Aus diesen Er— wägungen stimmt unsere Fraktion für ihn. Die Vertreter des Christentums von der andern Sorte, die Stücker und Gesinnungsgenossen, lehnen den Gesetzentwurf ab; sie wollen über⸗ haupt keine Toleranz, well sie Furcht vor der römischen Konkurrenz haben. Genosse Hoffmann illustrlerte an drastischen Beispielen die heute ausgeübte Unduldsamkeit in religiösen Fragen und wies nach, wie behördliche Bevormundung in rigoroser und selbst ungesetzlicher Weise sich geltend mache, um zu verhindern, daß die Kinder dem christlich⸗dogmatischen Unterricht entzogen werden. Sehr wirksam war, was unser Genosse über das heutige Volksschulelend sagte. Als ihm dabei ein sprachlicher Schnitzer unterlief und die Mehrheit in Gelächter ausbrach, ergriff er die Gelegenheit, den Mehrheitsparteien kräftig und ungeschminkt einmal die Meinung zu sagen, unter dem lebhaften Beifalle unserer Genossen. Den mit ihrer Scheinbildung prahlenden Spöttern wird wohl auf eine Zeit die Lust vergangen leihe sich in dieser Beziehung an Hoffmann zu reiben. Die Polizeiwillkür und Spitzel schmach befand sich am Donnerstag auf der Anklage⸗ bank und es setzte für die Bülow⸗Reglerung eine fürchterliche Niederlage ab. Unsere Fraktion hatte eine Interpellation wegen der massenhaften Ausweisungen von Russen aus Berlin und den Vororten eingebracht. Graf Posadowsky erklärte im Namen des Reichskanzlers, daß dieser die Beantwortung der Anfrage ablehne. Trotzdem wurde die Besprechung beschlossen und Genosse Bebel hielt an der Hand eines massenhaften Materials eine wuchtige Anklagerede, deren Eindruck sich auch die Reichsboten nicht entziehen konnten, die sonst mit der Regierung durch dick und dünn gehen. Raummangel zwingt uns, von einer Wiedergabe der von Bebel angeführten Fälle abzustehen; jeder einzelne beleuchtet die in Preußen⸗Deutschland herrschenden Zustände, jeder einzelne gereicht der Berliner Poltzei zur Schande! Man weist Leute aus, die sich in keiner Weise öffentlich oder politisch betätigt hatten, auch nicht unterstützungsbedürftig waren. Das kollste aber ist, daß man einen russischen Kaufmann zu landesverräterischen Diensten gegen sein eigenes Vaterland ver- aulassen wollte. War er dazu bereit, so wäre die Ausweisung unterblieben. Mit dieser Affatre ist Deutschland auf's schwerste vor der ganzen Welt blamiert! Die Redner der übrigen Par⸗ teien mußten die Berechtigung der Bebel'schen Ausführungen anerkennen, wie ihm überhaupt jeder anständige Mensch recht geben muß. Aus⸗ nahme davon machten allerdings der Junker v. Oldenburg und seine antisemitischen Gesinn⸗ ungsverwandten, welche die Polizei-Taten ver⸗ teidigten und im übrigen bewiesen, bis zu welchem Grade der Gestnnungsroheit sie es gebracht haben.— Freitag und die übrigen Tage wurde über die sogenaunte Steuerreform in zweiter Lesung verhandelt. Zuerst kam die Zigarettensteuer an die Reihe, mit der sich das Haus noch am Samstag und Montag beschäftigte. Sie wurde nach den Kommisstons⸗ beschlüssen angenommen; trotzdem unsere Genossen mit Energie dagegen auftraten. So- mit ist dem Volke wieder eine schwere Last aufgehalst! Die Quittungssteuer wurde abgelehnt. N Ueber die Fahrkartensteuer wurde am Dienstag verhandelt und nach den Vorschlägen der Kommisston mit 157 gegen 138 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten außer unsern Genossen noch die Frei⸗ innigen, Volkspartei, Polen und Antisemiten. Die Steuersätze betragen: . m 7˙ —ͤ—ñ——t 2— — Seite 2. Nitteldeutsche Sonntags · Zeitung · Fahrkarten 35 Kl: 2. Kl. 1. Kl. vou 60 Pfg. bis 2 Mk. mit Mark—.5—.10—.20 „ mehr als 2—5„„„—.10—.20—.40 J „„„ 10-20„„„—.40—.80 1.60 „7 17„ 20—30„„*—.60 1.20 2.40 „5555; ᷑ ré!nnñ]n]!i!]i!;. „%„ d e 0 „ über 50„ 2.— 4.— 7.— Fahrkarten von Straßen⸗ und ähnlichen Bahnen, welche getrennte Wagenklassen nicht führen, sollen wie Fahrkarten 3. Klasse be⸗ handelt werden. Mittwoch wurde die Automobil- und Tantiemensteuer beschlossen. Für letztere stimmten auch unsere Genossen. Politische Rundschau. Gießen, den 10. Mai 1906. Die abgehauene Hand in Breslau. Der arme Teufel, dem bet der Polizeiattacke in Breslau von einem rasenden„Schutz“ manne die Hand abgehauen wurde, der Bierfüller Biewald, ist Mitglied des Handelshilfs⸗ arbeiter⸗Verbandes und dieser hat den Justizrat Mamroth beauftragt, die Interessen und Schadensersatzansprüche seines zum Krüppel geschlagenen Mitgliedes zu vertreten. Dr. Mam⸗ roth gab in Breslauer Zeitungen eine Dar⸗ stellung des Sachverhalts, aus dem Folgendes hervorgeht: Franz Biewald ist 21 Jahre alt und wird von seiner Wirtin als ein schüchterner, ruhiger, fleißiger und sehr gutherziger Mensch geschildert, der von seinem Arbeitsverdienste seine in Juliusburg lebende Mutter unterstützte. Als er am 19. April von der Arbeit zurück⸗ gekehrt war, holte ihn später sein Arbeitskollege Hartmann aus seiner Wohnung zu einem Spaziergange ab. Beide standen auf der Straße vor seiner Wohnung, als eine Schutzmanns⸗ patrouille herankam. Biewald trat mit den übrigen an der Haustür stehenden Personen in den Hausflur zurück. Ein Hausbewohner machte die Haustür von innen zu. Unmittelbar darauf wurde ste jedoch durch einige Schutzleute von außen aufgestoßen, und die Schutz⸗ leute stürmten mit gezogenen Säbeln in das Haus hinein. Biewald und Hart- mann liefen nach der anderen Seite des Haus⸗ flurs. Bevor Biewald jedoch die Treppe er⸗ reicht hatte, erhielt er von einem der Schutzleule von hinten einen Säbelhieb über die Schulter und unmittelbar darauf einen zweiten über den Hinterkopf, so daß ihm das Blut herunterlief. Er hob bittend die Hände und rief dem Schutzmann zu, er solle doch von ihm ablassen, er sei ja ganz unbe⸗ teiligt, er sei Arbeiter bei Mende und wolle nur in seiue Wohnung hinauf. Der Schutzmann machte trotzdem Miene, weiter auf ihn einzuschlagen. Biewald wollte deshalb die Treppe hinauf flüchten. Kaum hatte er aber die ersten Stufen erstiegen, so erhielt er vom Schutzmann von rückwärts einen Säbelhieb, der die linke Hand, mit der er das Treppengeländer erfassen wollte, latt von dem Arm abschlug. Der ent⸗ fett um Hilfe rufende Biewald wurde von der Bäudlersfrau Buchmann, die den Hilferuf ge⸗ hört hatte, in deren Bäudelei(Kramladen) hin⸗ eingenommen, wo ihm der erste notdürftige Verband angelegt wurde. Der Schutzmann war, als Frau Buchmann hinzukam, bereits verschwunden und ist bisher nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln gewesen. Die alsbald herbeigerufene Feuerwehr legte dann dem Verwundeten einen ordentlichen Ver⸗ band an, schaffte ihn nach dem Allerheiligen⸗ Hospital und nahm auch die noch im Hausflur liegende abgeschlagene Hand mit. Soweit die jedenfalls durchaus objektive Darstellung des Falles durch den Justizrat. Er macht dann weiter noch auf die gesetzlichen Bestimmungen aufmerksam, nach welchen der Verstümmelte Entschädigungsansprüche an die Stadt geltend machen kann. Ein ebenso großer Skandal aber als die Affaire selbst ist die Tatsache, daß der schuldige Schutzmann— es soll Nr. 145 ge⸗ wesen sein— noch nicht zur Verantwortung gezogen ist! Für die Polizei müßte doch die Ermittelung des Betreffenden eine Kleinigkeit sein. Aber die„Ordnungspresse ist im Gegen⸗ teil bemüht, den klar zutage liegenden Sach⸗ verhalt zu verwirren. Es wurde ein plumper Rechtfertigungsschwindel der Breslauer Schutzleute in Szene gesetzt und behauptet, daß dem Biewald die Hand in der Klinik abge⸗ nommen worden sei. Dem Schwindel ist aber durch die Veröffentlichung des Rechtsanwalts Mamroth der Boden entzogen und die Kosaken⸗ presse dürfte mit ihren Rettungsversuchen der Breslauer Schutzmannschaft kein Glück haben. Traurig ist es übrigens, und für unsere Ver⸗ hältnisse bezeichnend, daß der Breslauer Poltzei⸗ prästdent nicht für Ermittelung und Bestrafung des Schuldigen sorgt. Der Hamburger Schopenstehl⸗Prozeß wurde am Freitag voriger Woche vor dem Hamburger Schwurgericht zu Ende geführt. Angeklagt waren 29 Personen wegen Land⸗ friedensbruch, Plünderung, Diebstahl, Hehleret ꝛc. Wie bekannt, kam es nach den Demonstrations⸗ Versammlungen gegen den Wahlrechtsraub, welche unsere Genossen am 17. Januar veran⸗ stalteten, auf dem„Schopenstehl“, zu Aus⸗ schreitungen. Der„Schopenstehl“ ist eine ver⸗ rufene Straße, die vom polizeilichen Schutz zu dieser Zeit entblößt war, weil die Hamburger Polizeimannschaft überflüssiger Weise in großen Massen aufgeboten wurde, um bei den Wahl⸗ rechtsdemonstrationen die„Ordnung aufrecht zu erhalten.“ Man wollte aus der Affaire einen politischen Prozeß machen und die „Schopenstehler“ der Sozialdemokratie anhängen. Das ist aber gänzlich mißglückt. Wie von Seiten unserer Hamburger Parteigenossen da⸗ mals sofort festgestellt wurde, hat, was übrigens ganz selbstverständlich ist, die Sozialdemokratie damit nicht das Mindeste zu tun. Trotz eifrigen Nachforschens hat die Staatsanwaltschaft nur einen einzigen entdecken können, der politisch organistert war, der aber sonst nicht das ge⸗ ringste politische Verständnis bekundete. Nur ein einziger wußte, um was es sich bei der Protestaktion des 17. Januar eigentlich gehau⸗ delt hatte. Die überwiegende Mehrzahl der Verurteilten hat niemals auch nur das geringste politische Interesse bekundet. Erst einige Stunden nach Beendigung der politischen Demonstration, als das Verbrecher⸗ und Zuhälterviertel von der üblichen Besetzung mit Polizei vollständig entblößt war, als die ganze Hamburger Poltzei zur Rettung der gefährdeten„Ordnung“ auf dem Rathaus platze zusammengezogen war, be⸗ gannen die Plünderungen, an denen die Poltzei alle, die Sozialdemokratie nicht die mindeste Schuld trägt. Mehr als merkwürdige Ansichten äußerte aber der Staatsanwalt in seiner Anklage⸗ rede. Er sagte u. a.:„Wenn Sie heute be⸗ strafen, sostrafen Ste die nicht Gefaßten mit. Zeigen Ste, meine Herren Geschworenen durch eine strenge Auffassung der Sachlage, daß es Ihnen bitter ernst ist um die Anwen⸗ bung der bestehenden Gesetze; fällen Sie Ihren Spruch so, daß es dem Gerichtshof möglich ist, die Angeklagten mit der ganzen Schwere des Gesetzes zu treffen, damit eine tatsächliche Sühne für die verletzte Ordnung eintritt. Bedenken Sie, daß Furcht das beste Erziehungs⸗ mittel ist. Lassen Sie sich nicht durch Milde dazu verführen, die Angelegenheit uuter einem falschen Gesichtswinkel zu betrachten. Die Angeklagten tragen hier ein so gesittetes Wesen zur Schau, das in diametralem Gegen⸗ satz steht zu ihren Taten. Gleichfalls bitte ich Sie, kein Gewicht auf das gute Leu⸗ mundszeugnis, das vielen Angeklagten ausgestellt wird, und auf die Unbestraft⸗ heit der meisten zu legen.“ Das ist doch wirklich ein starkes Stück. Die Angeklagten sollen also für Taten verur⸗ teilt werden, die sie gar nicht begangen haben. Des Staatsanwalts borsintflutliche, durch die Erfahrung von Jahrhunderten tausendfach widerlegte und auch von der modernen wissen⸗ schaftlichen Kriminalistik längst über Bord ge⸗ worfene These, daß die Verbreitung von Furcht und Schrecken„das beste Erztehungsmittel“ sei, seine haarsträubende Ansicht, daß auf das ge⸗ sittete Benehmen der Angeklagten, das Fehlen von Vorstrafen bei den meisten von ihnen und auf das ihnen ausgestellte gute Leumunds⸗ zeugnis nichts zu geben sei: das alles illustriert den in unsrer Justiz heute gesteuerten Kurs so drastisch, daß jedes Wort der Kritik überflüssig ist. Verurteilt wurden 9 Angeklagte zu Zuchthaus von 1—3 Jahren, 19 zu Ge⸗ fängnisstrafen von 1 Woche bis zu 1½¼ Jahren. Nur ein Angeklagter wurde freige⸗ sprochen. Die Geschworenen haben also durch⸗ aus keine Milde walten lassen, obwohl sich unter den Angeklagten welche befanden, deren Taten, bei Lichte besehen, sich als ziemlich harmlos herausstellten, nicht schlimmer als die Erzesse der Marburger Studenten vor etwa zwei Jahren. Fürstliche Silberdiebe. Der Fürst und die Fürstin Wrede zu Basedow in Mecklenburg werden vom Staats- anwalt wegen Diebstahls verfolgt! Auf die Anzeige des Dieners Glase hin, der früher bei diesen Edelsten in Stellung war, hat eine Haussuchung im Schlosse stattgefunden, bei der man in der Silberkammer des Schlosses zahl⸗ reiche silberne Tafelgeräte und Vorräte von Tischwäsche fand, die aus— großen Hotels zu Paris, Berlin und München stammen! Es war so viel an solchem Silber vorhanden, daß es in mehreren Kisten und Körben nach dem Kerichte gebracht werden mußte. Das Parisce Hotel d' Orsay ist am meisten in Mit⸗ leidenschaft gezogen, es wurden aus seinen Be⸗ ständen allein 58 Platten, 9 Saucieren, 11 Gemüseschüsseln, 4 Salzgefäße, 1 Dutzend Milch⸗ und Kaffeekannen, Suppenterrinen und noch andere Kleinigkeiten, wie Messer, Gabeln und Löffel, gefunden. Die übrigen Sachen stammen nach den Zeichen aus dem Palast⸗Hotel und dem Kaiserhof in Berlin und dem Bahyrischen Hof in München. 8 Außerdem hat man aber auch noch Löt⸗ werkzeuge gefunden, die dazu dienten, die Zeichen und Monogramme aus den gestohlenen Geräten zu entfernen! Die fürstliche Diebin, die, wie berichtet wird, an Kleptomanie(Stehl⸗ sucht) leiden soll(natürlich!), treibt sich mit ihrem edlen Gemahl in Spanten auf einer Vergnügungsreise herum. Die französischen Wahlen haben am Sonntag stattgefunden. Sie waren diesmal von ganz besonderer Bedeutung; man war gespannt darauf, ob die Polittk der jetzigen linksrepublikanischen Regierung die Billigung des Volkes finden würde. Die Klerikalen und Monarchisten hatten es an Wühlereien und Hetzereten gegen die Regierung auch nicht fehlen lassen. Die Pfaffen hetzten die gläubige Be⸗ völkerung auf wegen des Treunungsgesetzes und der Inventuraufnahme in den Kirchen. Trotz⸗ dem hat die republikanische Linke und die Sozialtsten bedeutende Erfolge aufzuweisen und die Wahl charakterisiert sich als ein entschtedener Sieg der Regierung. Von den 588 Wahlkreisen brachten 433 ein endgültiges Resultat, während in 155 Stichwahlen stattfinden müssen. Von den 433 Gewählten gehören 113 der klerikalen Opposition an; 165 sind Radikale und Radikal⸗ Sozialisten, außerdem sind 11 unabhängige und 33 vereinigte Sozialisten gewählt. Von unsern bekannteren Genossen sind gewählt: Jaur es, Guesde, Vaillant, Sembat, Basly, f Delvy, Vivian ꝛc. Nach einer vorläufigen Zusammenstellung haben am Sonntag 8900 000 Wähler abge⸗ stimmt, 800 000 mehr als bei den Wahlen vor 4 Jahren. Davon entftelen auf die Radikalen und„Sozialistisch“ Radikalen 3 100 000, auf die Republikaner der Linken 850 000, auf die unabhängigen Sozialssten 160000, auf die Fenn obe gad 1150000 Gemäßigt⸗Republikaner(Progresststen 0 auf die Kandidaten der klerikalen Aktion 1240000, auf die Konservativen 900 000 und auf die Nationalisten 380 000 Stimmen. Gegenüber Nr. 19. —..]. ²˙.]˙ ³ ˙——— Mitteldeutsche Sounags⸗Zeitung. Seite 3. den Ziffern von 1902 gewannen die Radi⸗ kalen und„Sozialistisch“⸗Radikalen über 250 000 Stimmen und die Sozialisten über 270000 Stimmen. Die Progressisten verloren 270000 Stimmen. Unsere Parteigenossen haben dem⸗ nach recht gut abgeschnitten. — Revolution in Nußtland. Wieder ein Gerichteter. Ein Bomben⸗ angriff wurde am Sonntag auf den Gouverneur Dübassow von Moskau gerade vor seinem Palais ausgeführt. Der Gouverneur wurde am Fuße verwundet, sein Adjutant und eine Schildwache wurden getötet. Einige Per⸗ sonen aus dem Publikum wurden verwundet. Der Attentäter, der ebenfalls umgekommen sein soll, trug Offiziersuniform. Inder Schwarzenmeerflotte gärt es wieder. Aus Sewastopol habe die Moskauer Polizei Nachrichten erhalten, wonach unter den Matrosen von neuem Unruhen ausgebrochen sind. Unter den Flottenmannschaften findet die Agi⸗ tationsliteratur der sozialistischen und revolutionären Parteien kolossale Verbreitung. Der Priester Gapon ist nach ziemlich bestimmt lautenden Nachrichten doch hinge⸗ richtet worden. Petersburger Blätter ver⸗ öffentlichen das Protokoll des Arbeiterge⸗ richts, das Gapon zum Tode verur⸗ teilt hat. Darin sind die Gründe der Ver⸗ urteilung angegeben. Es wurde Gapon nach⸗ gewiesen, daß er Polizeispitzeldienste leistete und dafür von der Regierung viel Geld erhtelt. Außerdem hat er aber auch noch Geld unter⸗ schlagen, das ihm für die Sache der Arbeiter übergeben worden war. Letzteres hat er selbst eingestanden. Das Protokoll schließt: „Georg Gapon ist ein Verräter, Agent provocateur und hat Arbeitergeld unterschlagen, er hat das Andenken und die Ehre der am 22. Januar 1905 gefallenen Genossen geschändet. Georg Gapon ist zum Tode verurteilt. Dieser Spruch ist ausgeführt worden.“ Wir sind Gegner der Todesstrafe; sind auch der Meinung, daß es noch andere Mittel ge⸗ geben haben müßte, den Verräter unschädlich zu machen. Aber andererseits muß zugegeben werden, daß die Situation, in der sich die Revolutionäre befinden, solches Vorgehen not⸗ wendig machen. Das Ministerium Witte hat abgedankt und Goremykin ist sein Nachfolger geworden und man kann hier sagen, daß nichts besseres nachkommt.— Nachträgliches zur Maifeier. Der Maitag zeitigt in diesem Jahre Folgen in größerem Umfange als in früheren Jahren und das beweist schon für sich, daß diesmal allgemeiner gefeiert wurde. Nun üben die Unsernehmer Rach e. Eine kleinliche und törichte Rache. Die Arbeiter haben sich erkühnt, gegen den Willen der Unternehmer einen Festtag zu begehen, nun wollen diese zeigen, daß sie noch die„Herren im Hause“ sind und sperren aus. Sie erreichen damit das Gegenteil von dem, was sie bezwecken wollen. Je größer die„Strafe“ ist, das heißt je länger die Aussperrung währt, um so begehrenswerter und erkämpfenswerter wird den Arbeitern der Weltfeiertag. Es ist das größte Lob für die deutschen Arbeiter, daß alle Erfolge, die sie erzielt und alle Fortschritte, die sie gemacht haben, ihnen nicht mühelos, als reife Frucht in den Schoß gefallen sind, sondern daß sie mit Opfermut und Entbehrungen er⸗ kämpft werden mußten. So auch der erste Mai. Die inszenierten Aussperrungen werden nicht im mindesten hindern, daß die nächste Maffeter noch imposanter wird.— N In Berlin sind in den Betrieben der Metallindustriellen rund 16 000 ausgesperrt. Auf dem Bureau des Holzarbeiterverbandes hatten sich 1663 Mitglieder als ausgesperrt angemeldet. Die Holzarbeiter, Zimmerer, Maurer ꝛc. wurden nur einen Tag ausgesperrt. In Hamburg hat das Reederprotzentum, durch den Widerstand der Seeleute erbost, das Signal zur Aussperrung gegeben. Die Gesamtzahl der in den Werft und Hafenbetrieben Ausgesperrten wird auf zirka 10000 geschätzt, darunter etwa 4000 Metall- arbeiter, die auf zehn Tage ausgesperrt sind. Aussperrungen wurden ferner in Hannover, Leipzig, Gotha, Breslau und anderwärts vor⸗ genommen.— Anderseits sind aber auch Er⸗ folge zu verzeichnen. In Berlin bewilligte ein größeres Geschäft den Achtstundentag. Ein Maifeiernder als Lebensretter. Der viel verlästerten Maifeier hat eine Bürger⸗ familie in Nürnberg die Rettung ihres Kindes vom Tode zu verdanken. Am 1. Mat vor⸗ mittags ging ein Matfeiernder über die Wöhrder Wiese, um sich ins Versammlungslokal zu be⸗ geben, als er plötzlich ein Kind in die Pegnitz stürzen und mit den Wellen forttreiben sah. Ohne Besinnen sprang er dem Kleinen nach, rettete ihn und verbrachte ihn zu seinen Eltern, um dann sofort wieder zu verschwinden. Den Eltern des geretteten Knaben gelang es erst nach umfangreichen Nachforschungen, den be⸗ scheidenen Retter ausfindig zu machen, der mit zu den wegen der Maifeter Ausgesperrten gehörte. Sie sandten ihm 100 Mk.„für einen neuen Anzug“. Wenn der Vater des Kindes schon mit seinen Klassengenossen über die Mai⸗ feier geschimpft hat, so wird er es wohl in Zu⸗ kunft nicht mehr tun, denn ihr hat er die Er⸗ haltung seines Kindes zu verdanken. Revolver weglassen! In Magdeburg hielt man es auf einem Polizeirevier für nötig, angesichts der Mai⸗ feier Revolver⸗Schießübungen zu veranstalten. Dabei schoß der Schutzmann Hecht seinem Kollegen Schmidt eine Revolverkugel in die Brust. Der Verletzte wurde in hoffnungslosem Zustande in das Krankenhaus gebracht, wo er nach kurzer Zeit star b. Sollte dieser für den Schutzmann und feine Hinterbliebenen traurige Fall bewirken, daß man von Polizeiseite gegen die Arbeiter weniger„Schneide“ entwickelt, so hätte er wenigstens etwas Gutes gehabt. Wir glauben aber nicht daran. Von Nah und Lern. Hessisches. — Der hessische Staat als Arbeit⸗ geber. Vor Kurzem teilte unser Mainzer Parteiblatt die unerhörte Tatsache mit, daß der Vater Staat den Arbeitern den ohnehin sauer verdienten kärglichen Lohn wochen⸗ lang schuldig bleibt! Sind da in Raun⸗ heim eine Anzahl Arbeiter, die während der Wintermonate in den Domauialwaldungen mit Holzschlag beschäftigt waren. Diese Arbeiter haben heute, nach 11 Wochen, ihren Lohn noch nicht bekommen! Sollte man das für möglich halten? Aber es ist so! Als ein Arbeiter den Großh. Oberförster einmal ange⸗ legentlich an den rückständigen Lohn erinnerte, stellte dieser großmütig in Ausstcht, daß„die Sache demnächst geregelt werden solle.“ Das ist eigentlich schon mehr wie Großmut, das ist Seelengröße! Was würde wohl mit einem Prlvatunternehmer geschehen, fragt mit Recht unser Mainzer Parteiblatt, von dem die Ar⸗ beiter nach einem Vierteljahre noch nicht einmal ihren verdienten Lohn bekommen könnten. Jeden⸗ falls würden hier die staatlichen Organe alsbald einschreiten. Aber der Staat selbst kann sich ja über Gesetz und Moral hinweg⸗ setzen. Nebenbei bemerkt soll diese Art der „nachträglichen“ Lohnzahlung bet den Großh. Oberförstereien ganz gang und gäbe sein. Vielleicht ist aber der Staat den Arbeitern gegenüber gleich rücksichtsvoll wie diese gegen ihn und stundet die Steuerzahlung? Unsere Abgeordneten im Landtage werden jedenfalls Veranlassung nehmen, diesen Fall im Landtage zur Sprache zu bringen, wie ste es sich stets angelegen sein ließen, für Auf⸗ besserung der jämmerlichen Löhne der beim Staate beschäftigten Arbeiter einzutreten. Gießener Angelegenheiten. — Eine Frauenversammlung findet nächsten Dienstag, den 15. Mat, im Saale „Lony's Bierkeller“ statt. Schon lange war eine solche geplant, aber jetzt erst ist es dem Wahlverein gelungen, eine Rednerin dafür in der Person der Frau Zietz⸗Hamburg zu ge⸗ winnen, die gegenwärtig im Agitation⸗bezirke Frankfurt eine Reihe Versammlungen abhält. Genossin Zietz ist als tüchtige, eindrucksvolle Rednerin bekannt. Neulich erst sprach sie in Launsbach und wer ste dort gehört hat, lobte die Klarheit und Gediegenheit ihrer Ausfüh⸗ rungen. Wir brauchen wohl nicht weiter zu zahlreichem Besuch aufzufordern; es versteht sich das von selbst, besonders müssen aber die Frauen anwesend sein. Die Versammlung soll spätestens 9 Uhr beginnen, damit ste frühzeitig wieder geschlossen werden kann. Die verheirateten Genossen müssen mit dafür sorgen, daß ihre Frauen in die Versammlung gehen, lieber sollen die Männer einmal zu Hause bleiben, wenn Kinder überwacht werden müssen. Darum auf in die Versammlung! Satte Spießer und rückständige Tröpfe sagen zwar:„Die Frau gehört ins Haus!“ Ist den Besitzenden und Herrschenden schon ein Gräuel, daß sich der männliche Teil der Arbeiterklasse politisch betätigt, so entrüsten sie sich noch viel⸗ mehr, wenn die Frauen in den öffentlichen Angelegenheiten mitreden wollen. Das findet die„gute“ Gesellschaft unschicklich, unpassend, „unweiblich“. Die Frauen der arbeitenden lasse sollen als Dienstmädchen und Fabrik⸗ sklaven geduldig die Rolle der Arbeststiere spielen, während diejenigen der besitzenden Klasse zu Salondamen und Zierpuppen erzogen werden. Aber Rechte soll die Frau nicht haben; überall wird ste unterdrückt. Einzig die Soztal⸗ demokratie trat bisher grundsätzlich für die vollständige Gleichberechtigung der Frau auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ein. Mit Recht wird oft über die Gleichgültigkeit der Frauen gegenüber unserer Bewegung geklagt. Aber ist diese nicht ganz erklärlich? Sobald das Mädchen aus der Schule ist, wird es in den Dienst gespannt und melstens kümmert sich Niemand mehr um seine weitere geistige und sonstige Ausbildung; höchstens suchen die Muckergesellschaften sie für ihre Zwecke einzu⸗ fangen, um den jungen Dingern das Hirn noch vollends zu verkleistern, ihnen noch mehr Unterwürfigkeit und Sklavensinn einzuimpfen. Und die verheiratete Arbeiterfrau ist Tag für Tag, Jahr ein und aus in der Hausarbeit angespannt; die Beschäftigung am Kochherd, Wartung der Kinder, Reinigung des Haus⸗ halts ꝛc. lassen ihr kaum eine Minute übrig. Wo soll da die nötige Einsicht und das Ver⸗ ständnis für unsere Befreiungsbewegung her⸗ kommen? Wie viele Frauen gibt es daher noch, die jeden Groschen für weggeworfen halten, den der Mann für Besserung seiner Lage aufwendet. Es ist klar, daß dadurch unsere Bewegung gehindert wird und außerdem ist dieses Unverstäudnis die Ursache vieler ehe⸗ licher Zwistigkeiten. Darum muß die Frauenwelt auf⸗ geklärt werden! In den letzten Jahren sind ja bedeutende Fortschritte nach dieser Richtung hin gemacht worden; die soztaldemo⸗ kratische Frauenorgantsation ist mächtig empor⸗ geblüht. Die„Gleichheit“, das trefflich geleitete und sehr belehrende Frauenblatt, erscheint jetzt in 37000 Exemplaren! Im Verhältnis zu der großen Zahl der Arbeiterfrauen sind die Erfolge aber immer noch als gering zu be⸗ zeichnen. Es muß besser vorwärts gehen und auch Gießen darf nicht zurückstehen! Gegen den vielfach hervortretenden kleinstädtischen, rückstän⸗ digen Geist muß angekämpft werden! Unsere Genossen, die Gewerkschafter, alle denkenden Arbeiter haben die Pflicht, an der Förderung der Frauenbewegung mitzuarbeiten, die unserer Sache einen starken Rückhalt zu geben geeignet ist. — In der Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung am Donnerstag(3. Mai) kam die famose Abschätzung des Geländes an der Klärbeckenanlage durch die Sachverständigen⸗ Kommission wieder zur Sprache. Der Ober⸗ Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. Nr. bürgermeister bewies in durchaus klarer, unan⸗ fechtbarer Weise, daß das ihm unterstellte Gebot von 18 Prozent über die Taxe nur auf einem Mißverständnis beruhen könne, da 1903 bereits die Enteignung beschlossen wurde, während die neue Taxe erst 1904 gemacht wurde. Die Lokal⸗Kommissions⸗Tätigkeit des Herrn Helfrich bringe ihn in Konflikt mit seiner Stadtverord⸗ netentätigkeit. Krumm erklärte, daß die Lokal- Kommission den Hektar mit 7000 Mk., eine andere neue Kommission sogar mit 10000 Mk. bewerte; solche Schätzungen könnten nur be⸗ wirken, daß die Vermögenssteuer⸗Kom⸗ mission sich auch diese Werte zu Grunde lege, dann möchten sich die Bauern bei der Kommission bedanken. Nach seiner Ansicht sei es ein Unsinn, kleine Bauern mit 5 Hektar Land 35 oder 50000 Mark reich zu halten. Die ver⸗ schiedenen Schätzungen gingen derart ausein⸗ ander, daß man an dem Sachverständnis der Schätzer zweifeln müsse. Herr Helfrich rekla⸗ mierte für sich den guten Glauben, den ihm unseres Wissens noch Niemand bestritten hat. Hoffentlich kommt der Fall nicht wieder vor, daß ein Stadtverordneter Arm in Arm mit den Herren Leun und Schlenke Abschätzungen vornimmt, die von jedem städtischen Steuer⸗ zahler als übertrieben hoch angesehen werden. Und wenn wieder ein Lamento über die„Not“ und„Verschuldung“ des Bauernstandes kommt, empfehlen wir unseren Freunden die Schätzungen der Herren Leun, Schaum, Schlenke usw. vorzulegen. Entweder ist die Not der Landwirtschaft oder diese Schätzung unrichtig. — In der gleichen Sitzung sprach der Ober⸗ bürgermeister der Bürgerschaft seinen Dank für Schmückung der Stadt bei dem Kaiserbesuch aus. Dafür hatten die Stadtverordneten aller⸗ dings in einer am Sonntag vorher zusammen⸗ getrommelten Sitzung 3000 Mk. bewilligt, wo⸗ gegen sich unser Genosse Krumm aussprach. Für solche Dinge ist doch immer Geld da, während oft notwendige Sachen wegen Mangel an Mitteln unterbleiben müssen.— — Der gute Ton im Amtsblatt. Wir haben schon öfters Beispiele dafür erbracht, in welch' niedriger Weise der„Gießener An⸗ zeiger“ unsere Partei und die ihrer Angehörigen herunterreißt und beschimpft. Besonders bei den letzten Reichstagswahlen hat er in dieser Beziehung etwas geleistet und zeigte damit die „Bildung“, die dem betreffenden Macher eigen ist. Den Gipfel seiner Gemeinheit erreicht der Anzeiger aber in der Nummer vom 5. Mai, in der er seiner Wut über den Wahl⸗Ausfall in Darmstadt in einem unflätigen persönlichen Angriff gegen den Abgeordneten Berthold Juft macht, von dem er sagt: „Aber er ist ein Mann von dem Weit⸗ und Scharfblick eines höheren Hausburschen, ein blutiger Ignorant, ein treuer Schildknappe der Mehring und Konsorten, ein Mensch der ver⸗ ächtlichsten Pöbeltonart.“ Mehr kann man von dem„gebildeten“ Re⸗ dakteur eines Amtsblattes nicht verlangen. Er will offenbar beweisen, daß er ebenso schimpfen kann, wie Schweinburg und die Reichs verbändler und wir geben zu, daß er den Beweis vollständig erbracht hat. Er erhebt diesen schmutzigen und gehässigen Angriff gegen einen Ehrenmann, den er gar nicht kennt und der ihm dazu nicht die geringste Veranlassung gab. Das läßt die Pöbelei in umso schlimmeren Lichte erscheinen. Und das ist die Gesellschaft, die ost genug der Sozialdemokratie vorwirft, daß sie den„Ton“ im politischen Kampfe verrohe, die Gesellschaft, die eben in Darmstadt⸗Groß⸗Gerau den Kampf in der ruppigsten, rohesten Weise führte! Nun legen wir's zu dem Uebrigen! Die Ehre unseres Genossen Berthold kann durch einen derartigen Anwurf nicht beeinträchtigt werden.— Das Amtsblatt schlägt sich aber selbst auf den Mund, indem es ein paar Nummern später Berthold als ruhigen und verständigen Mann bezeichnet. Allerdings— diese Nummer wurde nicht von dem„Chef“, sondern von dem andern Redakteur hergestellt, den wir als anständigen Mann kennen gelernt haben und dem wir keinen Vor⸗ wurf machen. — Mit unserm Maifest haben wir diesmal wieder Glück gehabt. Noch am Sams⸗ tag war das Wetter derart regnerisch und kühl, daß Jedermann die Abhaltung eines Waldfestes für unmöglich hielt. Noch bis Mitternacht regnete es in Strömen! Trotzdem strahlte am Sonntag die Maiensonne freundlich auf die Erde hernieder, ein Frühlingstag, wie er präch⸗ tiger kaum denkbar ist! Er lockte jeden ins Freie und unser Fest hatte unter diesen Um⸗ ständen gewaltigen Zuspruch. Man wird die Zahl der Teilnehmer mit 2500 nicht zu hoch schätzen. Das Fest nahm auch sonst einen in jeder Beziehung guten Verlauf; die Ansprache des Genossen Deichmann ⸗ Bremen, Vor⸗ sitzenden des Tabakarbeiter⸗Verbandes, der zu⸗ fällig hier anwesend war, fand stürmischen Beifall. Der Festzug wies zwar ebenfalls eine starke Teilnehmerzahl auf, mehr als in früheren Jahren, doch meinen wir, müßten die Gewerkschaften vollzähliger am Platze sein, es wäre auch sonst noch manches zu tun, um dem Maifestzug das ihm zukommende Gepräge zu geben. — Ein starker Mann. Uns wird geschrieben: Die Metallarbeiter von Gießen sind gewiß friedfertige Menschen, aber wenn man die Friedensliebe mißbraucht, so braucht man sich nicht zu wundern, wenn zuletzt dem Gemütlichsten die Galle überläuft. Des⸗ halb müssen wir der Oeffentlichkeit mitteilen, wovon das Herz voll ist. Wie den Lesern dieses Blattes bekannt sein dürfte, stehen die Former und Gießereiarbeiter vor einer Lohnbewegung. Der Chef der Firma Heyligenstädt hat mit der von den Formern gewählten Kommission einige⸗ mal verhandelt, aber nur 10% Lohnerhöhung bewilligt, worauf die Former nicht eingehen können. Die Arbeiter haben aber auch noch sonst Beschwerden und zwar betrifft dies das Auftreten und Verhalten des Sießermeisters Rohleder. Das ist derart, daß wir es der Oeffentlichkeit unterbreiten müssen. Herr Roh⸗ leder verfährt mit den Arbeitern und gebraucht ihnen gegenüber Ausdrücke, daß man daran zweifelt, sich in einem kultivierten Lande zu befinden.„Euch schlage ich einen mit dem an⸗ dern tot!“„Mir ist keiner von Euch gewachsen!“ So und ähnlich lauten die Redensarten, mit denen die Arbeiter regaltiert werden. Wir sind aber noch Weiteres anzuführen genötigt. Daß ein Formermeister Werkzeug verkauft, wäre zu entschuldigen(So? D. R.), daß aber Manu⸗ fakturwaren in einer Gießerei verkauft werden, ist etwas stark. Zu diesen beiden Aemtern als Meister und Händler kommt noch eine Lebeusverstcherungsagentur. Natürlich erhoffen die Konsumenten der Manufakturwaren und die in die Lebensversicherung Aufgenommenen Vor⸗ teile im Arbeits- und Lohnverhältnis. vorgekommen, daß ledige Arbeiter die Quittung von der Lebensversicherungsprämie zugleich mit Lohn bekamen, natürlich war die Prämie am Lohn abgezogen. Nachdem in letzter Zeit sich die Arbeiter mehr der Gewerkschaft angeschlossen haben und gegen diese Mißstände energisch an⸗ kämpfen, sind die oben erwähnten Ausdrücke noch öfter zu hören. Mag aber Herr R.„seine“ Arbeiter bei dem Chef der Firma anschwärzen wie er will, wir werden nicht ruhen, bis diese Mißstände beseitigt sind. Finden unsere Be⸗ schwerden kein Gehör, müssen wir uns eben in die Oeffentlichkeit flüchten. Dies nur ein kleiner Auszug aus dem Beschwerde⸗Register; wenn er nicht genügen sollte, wollen wir weiteres Mate⸗ rial bringen. Was nun die Lohnbewegung an⸗ belangt, so ist eine Erhöhung von 10% sehr mäßig. Wir müssen weiter verlangen, daß eine Akkordpreisliste bekannt gegeben wird. Wenn jetzt ein Former fragt, was er für das Stück Arbeit bekomme, antwortet ihm der Meister: „seid ihr aber neugierig!“ oder gibt ihm sonst eine höhnische Antwort? Ist es zuviel verlangt, wenn der Arbeiter wissen will, was er für seine Arbeit bekommt. Würde die Behandlung eine bessere und unsere sehr berechtigte Lohnforde⸗ rung berücksichtigt, so ist friedliches Zusammen⸗ arbeiten leicht zu erreichen. Aber Krieger und Frieden, wie reimt sich das zusammen? — Zur Metallarbetiterbewegung. Wohl die stärkste Versammlung der Arbeiter Es ist eines einzelnen Berufes, die je in Oießen abge⸗ halten wurde, war die Metallarbeiter⸗Versamm⸗ lung, die am Freitag im Saale des Café Leib stattfand. Die von den Unternehmern geplante General⸗Aussperrung der Metallarbeiter bildete den Gegenstand der Tagesordnung, über den Fuhrmann⸗Gießen und Böckler ⸗Frankfurt sprachen. Ersterer besprach nochmals die Forde⸗ rungen, welche die Former gestellt haben und wegen der die Aussperrung erfolgen soll, die völlige Berechtigung der ersteren nachweisend. In den letzten Jahren habe die Metall⸗ und Montanindustrie ungeheuere Gewinne abge⸗ worfen; ein Goldregen habe sich über ste er⸗ gossen, wenn die diese Werte schaffenden Arbeiter davon einen bescheidenen Anteil haben wollten, so sei dies ihr gutes Recht. Um diesen Kampf aber durchführen zu können, brauche man große, starke Organisationen, die kleinen, als welche die„christlichen“ in Betracht kämen, an denen übrigens noch vieles andere auszusetzen sei, sind kampfunfähig.— Der zweite Redner betonte, daß der Metallarbeiter⸗Verband schon vor zwei Jahren mit den Unternehmern verhandeln wollte und die Hand zum Frieden geboten habe. Das sei damals höhnend zurückgewiesen worden. Redner setzte im weiteren die Vorteile ausein⸗ ander, welche der Verband bietet und legte dessen bisherige Leistungen dar. Komme die Aussperrung, so muß jeder auf dem Posten sein! Jeder schließe sich der Gewerkschaft an, lese und unterstütze unsere Parteipresse, die jederzeit für die Interessen der Arbeiterschaft eintrete. Mit einem Hoch auf den Verband schloß die begeistert verlaufene Versammlung. — In der Gail'schen Tabakfabrik sind die Differenzen, die von der Firma durch die Aussperrung der Tabakspinner hervorgerufen wurden, noch nicht beigelegt. Die Firma suchte im Gießener wie im Wetzlarer Anzeiger Arbeiter bei hohen Löhnen, bis jetzt haben sich aber, wie wir hören, noch keine Streikbrecher gefunden. Herr Kommerzienrat Gail sollte doch wirklich sein Möglichstes tun, die Sache beizulegen, er kann es sehr leicht. Aus dem Rreise gießen. — Kommunales aus Alten⸗Buseck. Vor Kurzem, als noch ziemlich kalte Witterung herrschte, schickte einer unserer Lehrer die Kinder nach Hause, und ließ jedes ein Scheit Holz holen. Jedenfalls war kein Holz zum Heizen der Schulräume vorhanden und der Lehrer verfiel auf diesen Ausweg, damit die Kinder nicht in der Kälte sitzen sollten und da hatte er ganz recht. Warum sorgt aber die Gemeinde⸗Verwaltung nicht für Brennmaterial? Das ist doch ihre selbstver⸗ ständliche Pflicht! Bei uns liegt überhaupt manches im Argen. Der Fußweg nach Trohe, den täglich Hunderte von Arbeitern benutzen müssen, um zur Bahn zu gelangen, befindet sich in einem jammervollen Zustande. Schutt, Scherben, sogar Tierkadaver liegen da herum und machen den Weg in der Dunkelheit fost unpassterbar. Daß hier einmal etwas zur Verbesserung getan würde, wäre wirk⸗ lich die höchste Zeit. Schon längst hätte der Gemeinderat dafür sorgen können, daß eine Bauflucht in der Richtung nach Trohe angelegt würde. Das ist schon östers an⸗ geregt worden und es würde damit nicht nur ein ordent⸗ licher Weg nach der Bahn geschaffen, sondern auch Baugelände aufgeschlossen, das recht notwendig gebraucht würde. Es werden Wohnungen nötig gebraucht, viele Familien müssen sich recht mühsam behelfen und zu⸗ sammenpfergen. Baulustige Leute gibt es hier genug, aber es ist kein Gelände vorhanden. Unsere Genossen sollten zu diesen Angelegenheiten einmal Stellung nehmen und energisch auf Abhilfe dringen. Besonders müssen wir uns bei der Gemeinderatswahl die Kandidaten genau ansehen und nur solche Leute wählen, die das Interesse der Gesamtheit wahrzunehmen gewillt und für den Fort⸗ schritt zu haben sind.— Auch der Mangel einer Gemeindewaage macht sich bemerkbar. Eine solche muß in einem Orte wie Alten⸗Buseck unbedingt vor⸗ handen sein, es kann sonst mancher leicht in Nachteil geraten. Nachträgliches von der Maifeker. Heuchelheim. Die Maifeler am Sonntag war sehr stark besucht, namentlich die Frauen Heuchelheims waren sehr zahlreich vertreten. die Festrede hielt, wandte sich in eingehender Weise gegen den Flotten⸗, Militair⸗ und Kolontalkoller. Hand in Hand mit dieser„patriotischen“ Simpelei gehe eine geradezu krankhafte Steuer scheu der Besitzenden. Zigarettensteuer, Biersteuer, Fahrkartenstempel usw. 5 5 die duftigen Blüten am Steuerbaume, den man 1 kleinen Leuten pflanze.— Die Justiz sel in vielen Genosse Krumm, der i te on llt de⸗ ind die id. 1 e er. ler el, pf e, ce nen sei, lte, wei lte 05 en. gte Ko —— e e ee eee eee ee —— 5 Nr. 19. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Bundesstaaten nur noch ein Hohe auf die Rechtsprechung. Eine Reihe Urteile, die in den letzten Jahren gefällt wurden und deutlich beweisen, daß es etwas anderes ist, ob ein Besitzender oder ein armer Teufel vor Gericht steht, müßten allein schon den letzten Arbeiter die Schlaf⸗ haube vom Kopfe ziehen.— Die erfreuliche Entwickelung der Organisationen dürfe uns nicht genügen;„immer vorwärts“ müsse die Loosung sein. Zu einem Sozial⸗ demokraten gehört auch, daß er sein Haus rein hält von der Reptil⸗ und„Ordnungs“presse. Beim Quartals⸗ oder Monatswechsel möchten unsere Genossen sich nur des pöbelhaften Anwurfs erinnern, den der„Gieß. Anz.“ gegen unsern Genossen Berthold richtete. So ein West⸗ kalmücke, der hier ohne jeden Grund einen ehrenwerten Handwerker beschimpfe, bloß weil dieser nicht zur Clique der sogenannten„Gebildeten“ gehöre, sei für jeden an⸗ ständigen Menschen ein verächtliches Subjekt, für den der einzige Milderungsgrund nur angeborene Dumm⸗ heit sei. Unter stürmischem Beifall schloß Krumm mit der Mahnung zur Einigkeit und unverdrossenem, unab⸗ lässigem Weiterarbeiten.— Recht schnell verflogen die paar Stunden geselliger Unterhaltung, die nunmehr folgten. Wle es sich bei unsern Festen von selbst versteht, wurde die Feier durch keinen Mißton beeinträchtigt. f. In Lollar wurde der 1. Mai durch eine Abend⸗ versammlung begangen, die im Saale zum„Schwanen“ stattfand und sich eines recht guten Besuches zu erfreuen hatte. Nur hätten die Frauen noch zahlreicher anwesend sein sollen, denen doch Aufklärung über die wirtschaft⸗ lichen und sozialen Fragen noch sehr not tut. Genosse Schnell-Gießen, der über die Bedeutung der Mai⸗ kundgebung sprach, entledigte sich seiner Aufgabe in ein⸗ stündiger Rede zur allgemeinen Zufriedenheit. Der erst vor Kur zem gegründete Arbeiter⸗Gesangverein„Vorwärts“ trat bei dieser Gelegenheit zum ersten Male auf und konnte schon mit sehr anerkennenswerten Leistungen auf⸗ warten. Es traten noch eine Anzahl Mitglieder bei, so daß der Verein jetzt über 38 Sänger verfügt. Trotz⸗ dem gewisse Leute ihm die Existenzfähigkeit absprachen, macht der Verein gute Fortschritte. n. Maifeier mit Hindernissen. Der Wahl⸗ verein in Harbach wollte am Sonntag seine Maifeier begehen, die in einer Festrede und darauffolgender Tanz⸗ unterhaltung bestehen sollte. Der Herr Bürgermeister verweigerte aber die Ausstekung einer Bescheinigung zur Tanzerlaubnis; er erklärte einfach:„es gibt keine“. Der gute Mann scheint entweder die gesetzlichen Be⸗ stimmungen nicht zu kennen, oder er wollte damit den bösen Sozialdemokraten eins auswischen. Die ärgern sich aber so leicht nicht! Leider war es zu spät, um eine Beschwerde über das bürgermeisterliche Vorgehen anzubringen, vielleicht wird es aber noch nachgeholt. Uebrigens ging's auch ohne Tanz. Genosse Beckmann⸗ Gießen hielt einen Vortrag über die Bedeutung der Maifeier, der mit Beifall aufgenommen wurde. Aus dem Nreise Wetzlar. h. Mordkultur. Im„Schützengarten“ wurden in den letzten Tagen sogenannte„Kriegs⸗ festspiele“ aufgeführt, die ein gewisser Werning arrangiert. Wie das Kreisblatt berichtet, hätten diese Vorstellungen„bei brechend vollen Häusern“ stattgefunden. Die Mehrheit der Zuschauer waren aber Schulkinder. Fast hat es den Anschein, als wären diese in Massen dahin kommandiert worden. Soll damit etwa ein erzieherischer Zweck verfolgt werden? Jeder vernünftige Mensch muß zugeben, daß diese Darstellungen auf die Kinder höchst ungünstig einwirken müssen. Soll es veredelnd auf das Kindergemüt wirken, wenn das blutige Hand⸗ werk sich vor ihren Augen abspielt? Tatsächlich wurden verwundete, blutende Krieger markiert und verbunden, wobei es Kindern übel wurde. Außerdem knöpft man jedem Kinde, auch wenns erst 8 Jahre alt ist, 30 Pfg. dafür ab. Der Veranstalter macht daher ein gutes Geschäft, er soll für jede Vorstellung 75 Mk. bekommen, dazu noch einen bestimmten Prozent⸗ satz der Einnahme. Sein Patriotismus lohnt sich also. eee don Neumann und Dyckerhoff befinden sich die Steinarbeiter noch immer im Ausstand. Wäh⸗ rend die Firma den Arbeitern in ihren Werken in Villmar Zulage gewährte, verhält ste sich den Forderungen ihrer Wetzlarer Arbeiter gegen⸗ über schroff ablehnend. Diese sind doch wahr— lich nicht aus Wollust in den Streik getreten; der Lebensunterhalt ist in Wetzlar sicher teurer als in Villmar, wenngleich auch den dortigen Arbeitern eine Aufbesserung, die sie sehr nötig haben werden, wohl zu gönnen ist. Westerwald und Anterlahn. h. Die Maifeier in Nieder shausen, die dort am Sonntag zum ersten Male abgehalten wurde, nahm bei prächtigem Wetter den besten Verlauf. Die Genossen von Weilburg und Odersbach waren in stattlichem Zuge erschienen. Die Festrede hielt Genosse Hopf⸗Frankfurt, dessen Ausführungen lebhafte Zustimmung fanden. Von behördlicher Seite sucht man unsern Genossen stets Schwierigkeiten zu machen und es sind oft schon klein⸗ liche Maßnahmen berichtet worden. Jetzt wieder mußte der Wirt die zum Saale führende Treppe ändern lassen. Er ließ sich aber nicht abschrecken, sondern stellte trotz⸗ dem sein Lokal zur Verfügung, und am Sonntag zeigte sich, daß er damit ganz klug handelte. Aus dem RNreise Marburg⸗Nirchhain. Das Maifest der Arbelter Marburgs fand am Sonntag unter starker Beteiligung statt. Besonders waren diesmal die älteren Genossen stark vertreten, von denen in der Festversammlung am 1. Mai viele fehlten. Der Arbeitergesangverein„Eintracht“ sowie die„Freie Turnerschaft“ erfreuten die Festteilnehmer durch ihre Darbietungen. Schon frühzeitig mußten sich die Genossen trennen, da der nötige„Stoff“ mittlerweile ausgegangen war. Allgemein aber war man der Ansicht, daß der⸗ artige Familienfeste im Sommer öfters stattfinden möchten ein Zeichen, daß ein jeder Genosse mit dem Verlauf des Waldfestes zufrieden war. e Der Konsum verein Marburg entwickelt sich in recht erfreulicher Weise und hal in der letzten Zeit wieder recht gute Fortschritte zu verzeichnen. Die Mitgliederzahl ist über 600 gestiegen und dementsprechend notürlich auch der Umsatz. Trotzdem gibt es leider noch immer Gewerkschaftsmitglieder und Genossen, die sich nicht entschließen können, dem Konsumverein als Mit⸗ glied beizutreten. Und gerade bei der jtzigen teuren Zeit ist ein Zusammenhalt der minderbemittelten Klasse doppelt notwendig. Pflicht eines jeden Arbeiters ist es daher, sich dem Konsumvereine anzuschließen. Eine glückliche Gemeinde. Obwohl die Stadt Klingenberg a. M. (Bayern) ein Elektrizitätswerk erbaute, stattliche Schulräume errichtete, ein Schlachthaus auf⸗ führte, einen großen städtischen Fest⸗ und Spiel⸗ platz am Main erwarb, eine Brücke über den Main erbaute und keinen Pfennig Gemeinde⸗ umlagen erhebt, ist sie noch in der Lage, jedem ihrer Bürger alljährlich die Summe von etwa 400 Mk. bar aus den Ueberschüssen des städti⸗ schen Touwerks auszuzahlen. Freilich hat das Ding noch eine andere Sette, nur die Orts⸗ bürger sind daran beteiligt, den„Hergeloffenen“ wird es recht schwer gemacht, in die glückliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Versammlungskalender. Samstag, den 12. Mai. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wack er. Wetzlar. Wahl verein. Abends ½9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Vortrag Donnerstag, den 17. Mai. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 19. Mai. Wieseck. Tabakarbeiter⸗Verband. Abends 9 Uhr Mitglieder Versammlung bei A. Ziegler. Vollzählig erscheinen! Nach Lollar. Die Mitglieder des Metallarbeiter⸗ Verbandes, des Wahlvereins und des Arbeiter⸗ Gesangvereins werden gebeten, nächsten Sonntag, den 13. Mai, punkt ¼2 Uhr zum Abwarsch nach Staufenberg im„Schwanen“ zu erscheinen. Auch Nichtmitglieder sind fr undlichst eingeladen. Die Vorstände. Briefkasten. Zuschriften aus Wieseck, Marburtz, Wetzlar ꝛc. mußten leider zurückgestellt werden. Singer Co. Nähmaschinen Act. Ges GIESSEN I Lindenplatz 1. 4 Giessen und Umgegend. Ia. weiße Kernseife Ia. Schmierseife Ia. Toiletteseife Raiser-gorar Ia. Stärke Kugelblau, lose und in Beuteln. 7 2 2 0 Wil beiden Verkaufs⸗ Konsum Große Volksversammlung. Dienstag, 15. Mai 1906, abends 9qubr, in[Lony'sf;ierkeller: Vortrag der Frau Zietz aus Hamburg über: Unser Todfeind. .„ Alle Arbeiterinnen und Arbeiter werden zum zahlreichen Besuch Neueintritte können täglich in dieser Versammlung höflichst eingeladen. Der Einberufer. Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges Schuhwaren⸗Lager emden in gediegenen, soliden Qualitäten zu billigsten Preisen. Arbeiterschuhe und Stiefel stellen: Asterweg e Büglerin im Hause. Neustadt 15, Hths. Wieseek. Habe die Wirtschaft Bahnhofstrasse sl erfolgen. Wetzlar. Für Arbeiter und Landleute bietet mein Lager die größte Auswahl in dauerhaften Wetzlar. 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Nach vier Jahren wohnten dort bereits 35000 Menschen und immer rascher blühte die Stadt, die bedeutendste des kalifornischen Goldlandes, eine der schönsten des amerikanischen Kontinents, auf. 1890 hatte San Franzisko bereits 300000 Einwohner, heute zählt es deren mehr als 400 000. Dar- unter sind mehr als ein Drittel Ausländer, gegen 40 000 Deutsche, viele Tausende Italiener, Franzosen, Schweden, auch 2000 Oesterreicher und 30000 Chinesen. Die Stadt, die der wichtigste Handelsplatz an der Westküste Amerikas ist, liegt auf einer 48 Kilometer langen und 10 Kilometer breiten Landzunge, die die San Franzisko Bai vom Stillen Ozean trennt. Sie steigt vom Meer an die hügelige Landschaft empor etwa 110 Meter hoch und fällt dann wieder gegen die Bucht ab. Die Betriebsamkeit der Amerikaner hat die Unebenheit zwischen den einzelnen Hügeln meist ausgeglichen. Die Stadt wird durch die Marketstreet in zwei gleiche Teile geschnitten. Sie hat breite geradlinige Straßen, die einander rechtwinkelig schneiden. Im Süden der Stadt liegt der große Golden Gate⸗Park. Im Mittel- punkt der Stadt ist das Chinesen⸗Viertel, aus großen Miethäusern mit ganz engen Gassen bestehend, das mehrere Theater, buddhistische Tempel und natürlich auch zahlreiche Opium⸗ kneipen enthält. Die Chinesen sind fast durchgehends Männer. Die Marketstreet ist jene Straße, die vom Erdbeben ganz besonders heimgesucht wurde. Nordwestlich von ihr liegt das Geschäftsviertel. In San Franzisko kom⸗ nen Erdbeben sehr häufig vor. Seit dem letzten großen Erdbeben, das großen Schaden ange⸗ richtet hat, werden die Privathäuser meist aus Holz hergestellt. Dagegen hat man für die öffentlichen Gebäude eine ganz besondere Art der Herstellung erfunden. Diese Häuser werden auf eine tiefe Betonschicht aufgebaut, die die Wirkung des Erdbebens verringern soll. Die Mauern sind dann aus solidester Arbeit, aus gutem Stein hergestellt. So ist das Rathaus erbaut, eines der schönsten Gebäude, mit hohen Türmen und korinthischen Säulen, bei dem die Betonschicht allein fast 12 Millionen Dollars gekostet hat, ebenso auch die große Oper, die Warenhäuser, die großen Hotels, unter denen das Palace⸗Hotel, das drei Millionen Dollars gekostet hat, das bedeutendste ist, dann die Banken in der Californtastreet, die Paläste der Eisenbahnkönige auf„Nob Hill“, die Börse, der Palast der Zeitung Chronicle, die Kirchen, die Universität und viele andere. Aber alle diese„erdbebensicheren“ Gebäude haben diesmal dem Erdbeben keinen Widerstand entgegenzusetzen vermocht. Ein Kunstwerk ist die Wasser⸗ lettung, die 32 Kilometer lang ist und das Wasser aus dem südlich gelegenen Pllarcitostal herbeischafft. Auch sie wurde zerstört. San Franzisko hat sowohl einen bedeutenden Handel, als auch eine hervorragende Industrie. Es sind dort an 50000 Arbeiter beschäftigt, und zwar in Eisengießereien, Schiffswerften, Gerbereien, Großschlächtereien, Konserben⸗ fabriken, Mühlen, Schuhfabriken. Die Handels⸗ flotte, die in San Franzisko liegt, zählte 1898 549 Segel⸗ und 258 Dampfschiffe. Kalifornien liegt unter dem 37. Grad 48 Minuten nördlicher Breite, also etwa auf der Höhe von Sizilien. Das Klima ist sehr mild, aber auch im Sommer nie drückend heiß. Schnee ist nur sehr selten. Die Zeit von San Franzisko ist gegenüber der mitteleuropäischen Zeit ungefähr um 9 Stunden zurück, so daß, wenn hier schon Mitternacht ist, dort erst 3 Ahr nachmittags ist. 7 Anterhaltungs-CTeil. Nationalitäat. Volkstum und Sprache ist das Jugendland, Darin die Völker wacksen und gedeihen, Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien, Wenn sie verschlagen sind auf fremdem Strand. Doch manchmal werden sie zum Gängelband, Sogar zur Kette, um den Hals der Freien, Dann treiben längst Erwachs'ne Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand. Hier trenne sich der langvereinte Strom! Versiegend schwinde der im alten Staube! Der andre breche sich ein neues Bette! Denn einen Pontifex nur faßt der Dom, Das ist die Freiheit, der polit'sche Glaube, Der löst und bindet jede Seelenkette. Gottfried Keller. Der Keeigeist. Erzählt von C. A ristides. (Schluß.) Kaum hatte Ernst neben seiner Partnerin am Mittagstisch Platz genommen, als die Stiche⸗ leien über den Freigeist wieder losgingen. Doch er fand sehr schnell das rechte Mittel, sich für den ganzen Tag Ruhe zu verschaffen. Als man sogar über den Pfarrer herfiel— na⸗ türlich nicht ohne sich vorher zu überzeugen, daß derselbe noch nicht im Anzuge sei— weil dieser in seiner Predigt dem verstockten Sünder nicht die Feuerhölle in sichere Ausicht gestellt, da er⸗ hob sich plötzlich Ernst zu folgender Rede— es war seine erste: „Was wollt Ihr von mir? Was habe ich getan, daß Ihr glaubt berechtigt zu sein, mich zu verdammen? Ich habe ein Abzeichen nicht an meinen Rock geheftet, das einen hübschen Blumen⸗ stock seine besten Zweige gekostet hat. Wird das dem Kind, für dessen Erziehung zu sorgen wir soeben eine gewisse moralische Verpflichtung übernommen haben, etwas schaden? Lächerlich, wer das behaupten wollte. Ich soll unchristlich gehandelt und der Pfarrer seine Pflicht nicht getan haben? Macht sich das wahre Christen⸗ tum in solchen Aeußerlichkeiten geltend? Hat der Stifter der christlichen Religion auch Sträuße, Bänder und Federn getragen? Nein, wohl aber eine Dornenkrone. Und warum hat man ihn gemartert, gepeinigt und gekreuzigt? Weil er sich widersetzt hat den damals geltenden gesell⸗ schaftlichen Einrichtungen und Gebräuchen, weil er diejenigen, die nicht auf ihn hörten und sich mit ihrer Frömmigkeit brüsteten, Pharisäer und Heuchler nannte, kurz weil er für seine Ueber⸗ zeugungen einzutreten Mut genug hatte. Meine Ehre finde ich darin, wahr zu sein und so zu handeln, wie ich denke und nicht darin, daß ich einen toten Strauß auf die Brust heftete. Einen Sinn für Euere alten Bräuche wißt Ihr. selbst nicht, Ihr macht sie mit, weil es so Mode ist. Ich aber habe keine Lust, Werke zu thun, die ich für unsinnig erklären muß. Ich hoffe, das jetzt Jeder sich um sich selbst bekümmern wird und mich in Ruhe läßt.“ Ernst hate geendet. Atemlos, voller Staunen und Aerger hatte man ihm zugehört, der nun selbst sich wunderte, wie er an all diese Worte gekommen. In diesem Augenblicke trat der Pfarrer ein. Stumm grüßend er⸗ hoben sich die Verlegenen. „Nun lieben Freunde, was geht denn hier vor“, unterbrach er die lautlose Stille. Es war Louise, welche die verdutzten Bauern aus ihrer Verwirrung riß.„Ach, der Ernst hat uns gesagt, daß man von dem Nebenmenschen nicht immer gleich das Schlimmste denken, sondern sich um den Balken im eigenen Auge kümmern soll, wie ja auch der Herr Pfarrer heute Morgen so hübsch gepredigt hat.“ „So, so meine Tochter, behalte nur immer so hübsch meine Predigten, und der Herr wird Dich segnen“, mit diesen Worten wich der Pfarrer in ebenso salbungsvoller als geschickter Weise der heiklen Sache aus. Acht Tage später hatte Ernst Hüttenberge den Rücken gekehrt. Sein Vater, der selbst Handwerksbursche gewesen, wußte sehr wohl, daß der Junge zur weiteren Ausbildung in „die Fremde“ mußte und dazu hielt er den jetzigen Zeitpunkt gerade für geeignet. ** *. Fünfzehn Jahre sind ins Land gegangen. Die heiße Augustsonne senkt ihre brennenden Strahlen nieder auf Menschen, Vieh und Feld. Auf einem an die Landstraße grenzenden Felde, nahe an Hüttenberge, mahnt der Besitzer die Mitarbeitenden— seine Frau, die Magd und eine Taglöhnerin— wiederholt: Sputet euch, damit wir noch vor Mittag das Stück fertig kriegen. Alle sind in Schweiß gebadet und Niemand hat den Herrn bemerkt, der, gemäch⸗ lich auf einem Fahrrad über die Landstraße gleitet. Doch was ist das? Auf dem Felde entsteht große Aufregung. Alle drängen sich um die Frau des Bauern, welche plötzlich taumelnd zusammengesunken. Der Bauer be⸗ mühte sich, sie aufzurichten, während die andern rathlos die Hände rangen. Der Fremde auf der Straße ahnte sofort, um was es sich handelte; er stand plötzlich an der Seite des Bauern und als er die Krämpfe sah, in welchen sich die Kranke wand, fand er seine Ahnung bestätigt: die Frau war vom Hitzschlag befallen. Ohne seine Umgebung zu fragen, öffnete er der Kranken die oberen Kleider, schob ihr seinen Rock, den er auszog, unter den Kopf, befahl schleunigst Wasser zu holen und hielt der Kranken ein stark riechendes Fläschchen unter die Nase. Die Kranke begann tief Athem zu holen, da kam die Magd mit einer Tasse voll Wasser, das sie an einer Quelle aufgefangen hatte. Benetzungen wurden vorgenommen und der Kranken unter Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen eine Zeit lang Ruhe gewährt, während auf Anordnung des Fremden das Fuhrwerk eines anderen Bauern requiriert wurde, auf welchem man die Kranke bettete und nach Hause fuhr. Der Fremde gab nähere Anweisungen, wie die Kranke zu Hause bis zur Ankunft des Arztes zu behandeln sei, er selbst aber schwang sich auf sein Zweirad und sauste nach der zwei Stunden entfernten Stadt, um die ärztliche Hülfe zu holen. Der Bauer hatte sprachlos den Anordnungen des Fremden Folge geleistet, er glaubte, einen Arzt vor sich zu haben und wurde erst aus dessen letzten Maßnahmen von seinem Irrtum überzeugt. Schon nach reichlich einer Stunde kam der Fremde zurück und kehrte in das Haus des Bauern ein, zu dessen größten Erstaunen, denn er, der Bauer, hatte in der Aufregung vergessen, Namen und Wohnung anzugeben. Der Arzl habe, so sagt der Fremde, sofort auspannen lassen; dann teilte er noch die vorläufigen An⸗ ordnungen des Arztes mit. Auch jetzt folgte der Bauer blindlings, jedoch nicht, ohne dem Fremden, der sich nun schnell verabschiedete, einen vielsageuden, dankbaren Blick zuzuwerfen. Bald darauf erschten der Arzt. Er unter⸗ suchte die Kranke, ließ sich den Hergang der Sache noch einmal schildern und erklärte daun mit dumpfer Stimme:„Sie haben dem fremden Manne das Leben Ihrr Frau zu danken.“ Ohne die schnelle und sachgemäßige Hülfe wäre sie jetzt nicht mehr unter den Lebenden.— Bald darauf lag die Kranke in einem erquickenden Schlaf. „Wißt Ihr auch, wer der fremde Mann ist?“ fragte nun die Magd den Bauern.„Es ist Ernst Kampf!“—„Recht Louise, ich habe ihn vorhin auch erkannt. Wer hätte das ge⸗ dacht. Doch Gott sei Dank, meine Frau ist ge⸗ rettet.“—„Gewiß sei Gott gedankt,— aber Ihr habt gehört, wie der Doktor sagte, daß Ernst Kampf sie gerettet habe.“—„Ja, ja, ge⸗ wiß, gewiß, aber den hat uns der liebe Gott— doch nein— nun, wir wollen auf ein andermal darüber sprechen; ich habe jetzt keine Zelt“. ** * r 2** 22——— —. Nr. 10. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Der Fremde war in der Tat Ernst Kampf. Er hatte, seit er vor fünfzehn Jahren sein Heimatsdorf verlassen, dasselbe nur noch einmal, nach dem Tode seines Vaters, der nach vier Jahren eintrat, wieder gesehen. Nach seinem Eintritt in die Fremde hatte er sich neben seinen Berufspflichten ernsten Sachen gewidmet. Wenn seine Kollegen ihrem Vergnügen nachgingen, widmete er sich dem Studium der Naturwissen⸗ schaft und dann recht bald den sozialpolitischen Fragen. Er wurde ein brauchbares Mitglied der Arbeiterbewegung und focht mit in den ersten Reihen. Dabei blieb es nicht aus, daß er, wie so viele andere Mitkämpfer, dem Staatsanwalt Opfer für seine Ueberzeugung bringen mußte. Diese Sachen waren auch in seiner Heimat be⸗ kannt geworden und man bekreuzigte sich vor dem„bösen Gott vergessenen Sozialdemo⸗ kraten.“ Eine aber gab es im Dorfe, welche nicht das„Kreuzige“ über ihn gerufen hatte: das war Schneiders Louise, denn niemand anders als sie- war die Magd des Bauern, und nie⸗ mand anders, als Heinrich Henz, der ehemalige Schulkamerad von Ernst Kampf, war der Bauer, dessen Frau Kampf vom Tode rettete!— Kampf kehrte, nachdem er Heinrich Henz verlassen, bei dem einzigen Verwandten, den er im Dorfe noch besaß, ein. Die Kunde von dem Vorgefallenen ging schnell durch das ganze Dorf. Henz wartete nicht, bis Kampf den ver⸗ sprochenen Besuch ausführte; alsbald erschien er bei diesem, um seinen Dank abzustatten. Dabei konnte er seine Bewunderung nicht ver⸗ hehlen, daß gerade er, Kampf es sei, der sich in so liebevoller Weise seiner angenommen habe.—„Laß das doch nur“ erwiderte Kampf, „was ist da zu reden und zu danken, ich habe einfach meine Pflicht als Mensch getan!“ Noch bevor die Dorfbewohner ihre Stroh⸗ säcke an diesem Tage aufsuchten, war die Stimmung gegen Kampf völlig umgeschlagen Als er längs einer Gartenecke schritt, hörte er das Gespräch zweier Männer, die sich auf der andern Seite befanden.„Demnach ist dem Kampfs Ernst doch Unrecht geschehen, er kann doch kein„Sozialer“ sein“, sagte der Eine. Worauf der Andere erwiderte:„Ein Sozialer ist er schon, das steht fest, aber weißt Du, was ich glaubte: der Pfarrer und der Schul⸗ lehrer und der Bürgermeister und der Landrat und wie die Vornehmen alle heißen, sie haben uns alle belogen über das, was die Sozialdemokraten sind und was sie wollen!“ Hm, Du könntest auch Recht haben, war die Antwort des Ersten.——— Auf dem Rückwege von seiuem Spaziergang traf Kampf Loutse. Seiner Einladung zu einem kleinen Spaziergang folgte ste gerne. Das Gespräch wurde bald sehr vertraulich und die Art und Weise, in der Louise fragte, ob er verheiratet sei und wieviel Kinder er habe, ließ ihm zur Gewißheit werden, daß da ein treues Herz für ihn schlug. Kampf war in Wirklichkeit noch unverheiratet und schon am nächsten Tage war er mit Louise im Reinen. Diese hatte längst bei der harten Arbeit, dem knappen Lohn und der schmalen Kost in ihrer Eigenschaft als Magd des Bauern Henz em⸗ pfunden, daß keine Veranlassuug da sei, die bestehende Weltordnung göttlich zu preisen. Sie folgte Kampf nach dessen jetzigen Wirkungs⸗ kreis und wurde ihm eine treue Lebensgefährtin. e Allerlei. Die Fenster auf! muß jetzt mehr als je der Ruf sein. Alle Frühjahrskrisen, wie Schnupfen, Husten, Müdig⸗ keit und nervöse Verstimmungen aller Art werden leichter überwunden, wenn jetzt durch geöffnete Fenster die anregende Frühlingsluft in die Zimmer dringen kann. Der dauernde Aufenthalt in der verdorbenen Luft der Woh⸗ nungen, Werkstätten und Vergnügungslokale mit ihrem Tabaksrauch, Kohlenruß und Staub, ihren sauerstoffzehrenden Oefen und Lampen, die mangelnde Bewegung der Städter in frischer Luft während des Winters führen in ihrer Zusammenwirkung zu Störungen des Stoff⸗ wechsels. Es sind Folgen des Mangels reiner Luft, die sich dann in den Beschwerden des Frühjahrs entladen. Darum gilt es, vor⸗ nehmlich in den Schlafzimmern, diesem Mangel abzuhelfen. Denn im Schlafe bedürfen wir besonders reiner Luft, damit das Blut einen Sauerstoffvorrat für den kommenden Tag ge⸗ winnen kann und wir nicht immer wieder mit der ausgeatmeten Kohlensäure uns vergiften. Es gibt ja noch immer Leute, die davon durch ein Zureden nicht zu überzeugen sind. Ihnen ist folgende Probe zu empfehlen: Nach dem Erwachen am Morgen mögen sie recht bald ihr Schlafzimmer mit geschlossenen Feustern und Türen verlassen und nur zehn Minuten tief atmend draußen in der friscken Morgen- luft spazieren gehen. Sodann sollen sie zu— rückkehren in das verlassene, noch geschlossene Schlafzimmer und jetzt ihre Nase gebrauchen! Sie werden erschreckt sein über die Stickluft, in der sie sich stundenlang befunden haben. Vielleicht begreifen sie auch nun, warum sie oft benommen und müde das Lager verließen. Ihnen fehlte die reine Luft während der Nacht, ohne die sich nun einmal im Schlaf keine Er⸗ neuerung unserer Spannkraft vollziehen kann. — Wer es also im Winter nicht wagte, der öffne jetzt die Fenster seines Schlafzimmers. Er stelle sie so, daß Zugluft die Schläfer nicht treffen kann, und bedecke sich gut. Ruhiger Schlaf wird diese„Kur“ lohnen, zu der weder . Geldaufwand noch Heroismus ge⸗ ören. Splitter. Ju ein Stammbuch. Ich will nicht faseln Dir von frommen Werken Und nicht von Tugend, die Du üben mögest Und Dich nicht bitten, daß Du von Dir legest Die Sünden— und im Glauben Dich bestärken. Das überlaß' ich Weibern, Muckern, Pfaffen, Die sind nicht rar und werdens niemals werden Bis wir dereinst uns selber hier auf Erden Mit eigner Hand das Himmelreich erschaffen. Mit eigner Hand! Der Weg geht berghenan. So folg auch Du! Die Fesseln wirf von hianen, Richt auf den Blick! Schon röten sich die Zinnen, Und golden bricht der Freiheit Morgen an. H. B.⸗Marburg. 9 „ Konfirmationsgeschenke dan aden Preislagen und in großer Auswahl in dem Ihren, Gold- und Pilberwarengeschäft von F. Kaminka, Markt⸗ platz 11, am Kriegerdenkmal. Man verl. Rabattmarken. Numoristisches Kindermund tut Wahrheit kund. Ein heiteres Vorkommnis ist in Zipsendorf bei Zeitz passiert. Fragt da ein Lehrer einen Knaben: Was ist Dein Vater? Keine Antwort. Dieselbe Frage wird wiederholt, aber⸗ mals keine Antwort. Da endlich hebt ein anderer den Finger hoch und antwortet„Streikbrecher“. Der letzte Groschen. Ein biederer Londbe⸗ wohner passiert die neue Fußgängerbrücke in Nienburg. Beim Visitieren des Portemonnaies entrollt ihm der letzte Groschen in die Weser,„Ja,“ seggt Dierk, ihm verblüfft nachschauend,„versupen woll eck dick schon, awer nich op düsse Art!“ Ein sindiger Kopf. Fabritant: Das ist mal schön vom Gewerbegericht zu Essen, daß es die Streikbrüder, die ohne Einhaltung der Kündigungsfrist in den Ausstand treten, zu Schadenersatz verurteilt. 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