I ——— 1 22. Gießen, den 12. August 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Nebaftionsschluß Mirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerdtag Nachmittug& Ubhe⸗ 2 Mitteldeuts che anntags⸗ kitun N Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. „Segnungen“ der neuen Steuern. Als die Regierung wieder mal notwendig Geld brauchte, trat sie mit dem Projekt einer „Reichsfinanzreform“ hervor. Ein schöner Name. Wer sich aber darunter etwas wie eine Besserung, eine Erleichterung der Steuerlasten für die minderbemittelte Masse vorstellte, der sah sich gründlich getäuscht. Man fügte im Gegenteil zu den ungeheuren Lasten des Zolltarifs noch neue hinzu durch Erhöhung indirekter Steuern und Einführung neuer. Die Folgen davon zeigen sich jetzt schon in einer schweren Erschütterung des Wirtschafts⸗ und Geschäftslebens. Durch die Verteuerung des Orts postverkehrs und die Fahrkartensteuer ist der Verkehr empfindlich belastet und besonders auch die kleinen Geschäftsleute leiden schwer darunter. Ueberall begegnen diese unsinnigen Steuern der schärfsten Opposttion der Bevölke⸗ rung, die sich so gut wie möglich dagegen zu schützen sucht. Noch eine größere Erregung ruft aber die Biersteuer hervor. An allen Ecken und Enden des Reiches, in Leipzig, Chemnitz, Gotha, Erfurt, Kassel, Hanauf, Frankfurt, tobt der Bierkrieg in schärfster Form. Das Volk — und nicht bloß der besttzlose Arbeiter, sondern auch der besser gestellte Bürger— wehrt sich gegen die sehr erhebliche Verteuerung des ge⸗ wohnten Genußmittels. Die meist schwerreichen Brauereibesttzer wollen die von ihren politischen Vertretern beschlossene Steuer nicht tragen, sondern wälzen sie nach bekannter Methode auf die Konsumenten ab. Und ste erhöhen den Bierpreis nicht bloß um die Steuer, sondern sie wollen dabei noch einen Extraprofit erzielen. Sie sind nicht blöde und erhöhen den Preis des Hektoliters unbedenklich um das Doppelte dessen, was die Steuererhöhung austrägt und überlassen es dann den Wirten, die Schröpfung der Konsumenten zu vollenden. Natürlich wollen die Gastwirte dabei auch nichts einbüßen, was man ihnen auch gar nicht verübeln kann, da sie meist noch mit vielen andern Abgaben und Steuern beglückt sind, die sie aus den Gästen herauspressen müssen. Sollen aber die Biertrinker, die sich größten⸗ teils aus den Minderbemittelten rekrutieren, die Steuer und den Aufschlag bezahlen? Niemand kann's ihnen zumuten und sie wären töricht, wenn ste sich nicht dagegen wehrten. Es ist ja auch nicht so schwer, sich diese Steuer vom Halse zu halten, ist sogar von Vorteil für den Konsumenten, finanziell und unter Umständen auch gesundheitlich: man braucht bloß kein Bier zu trinken! Und so sehen wir denn, daß in vielen Städten trotz der Sommerhitze der Bierboykott wirksam durchgeführt wird. In Kassel währt er schon fast zwei Wochen und Wirte und Brauereien spüren ihn empfindlich. Und in unserer Nachbarstadt Frankfurt beschäftigten sich am Dienstag steben große, von Tausenden besuchte Ver⸗ sammlungen mit dem Bleraufschlag und überall kam die Neigung zum allgemeinen Bier⸗ boykott entschieden zum Ausdruck. Natürlich versäumten die Redner in diesen Versammlungen nicht, die verderbliche Zoll⸗ und Steuerpolitik und die dadurch am Volke ver⸗ übten Plünderungen zu beleuchten und auf die tolle Verschwendung der Gelder durch den Militarismus, die Weltpolitik ꝛc. hinzuweisen. Bel dem Bierkrieg werden viele Geschäftsleute schmer in Mitleidenschaft gezogen. Sie mögen sich für die Schädigungen bei den„Ordnungs“⸗ parteien, Nationalliberalen, Zentrumsleuteu, Antisemiten ꝛc. dafür bedanken! Die Biersteuer zeigt ihnen am deutlichsten die Schönheiten der Reichs⸗Steuerpolitik und auch der bisher poli⸗ tisch Gleichgültige wird ihre Schädlichkeit für das Volk erkennen lernen und diese Erkenntnis wird auch bezüglich der Zölle nicht ausbleiben, wenn deren Wirkung fühlbar wird. Grundbegriffe der Politik“). (Fortsetzung.) Als bürgerliche Parteien bezeichnen wir alle, die das Interesse der herrschenden Klasse vertreten. Und da keine Partei außer der Sozialdemokratie das Interesse der unterdückten Klasse vertritt, jede also in ihrer Weise die Interessen der herrschenden Klasse fördert, so haben wir uns gewöhnt, alle nichtsozialdemo⸗ kratischen Parteien als bürgerliche zu bezeichnen. Diese Parteien vertreten mit mehr oder weniger Folgerichtigkeit und Geschick die Interessen der verschiedensten Teile der herrschenden Klasse und alter Ständereste, als da sind: Adel Kirche, Großgrundbesitzer, industrielle Unternehmer, Großhändler, sogen.„Mittelständler“ usw., so daß man im engeren Sinne des Wortes die Liberalen und Freisinnigen als eigentlich bürgerliche Parteien bezeichnen kann, weil ste es sind, die das wirkliche Bürgertum politisch vertreten. Nicht zur bürgerlichen Klasse gehört das Proletariat, es bildet eine Klasse, und zwar die weitaus zahlreichste Klasse, für stch. Das Proletariat besteht aus der Masse der Besttz⸗ losen oder fast Besttzlosen, die in notdürftigen, oft unzureichenden und unsicheren Existenber⸗ hältnissen dahinleben, die gering gelohnte müh⸗ same Arbeit leisten oder zu Zeiten der Fähig⸗ keiten und Gelegenheiten des Erwerbs geleistet haben. Zum Proletariat gehören somit alle, deren Daseinsbedingungen unter einer gewissen Stufe der Behaglichkeit oder Sicherheit stehen. Den Kern des Proletariats bildet die Arbeiter⸗ klasse, die zur Kapitalistenklasse im direkten Verhältnis der Ausbeutung und des Kampfes gegen die Ausbeutung steht. Das sind die Ar⸗ beitermassen der Industrie, des Bergbaus, der Landwirtschaft, des Handels(Warenhäuser!), der Verkehrs⸗Unternehmungen. Ihnen schließen sich die Arbeiter der noch handwerksmäßig be⸗ triebenen Gewerbe, der Gasthöfe, Spetse⸗ und Schankwirtschaften an. Zum Proletariat ge⸗ hören die kleinen schlechtbezahlten Bediensteten und Beamten des Reiches, der Staaten, Kreise und Gemeinden und der Privatunternehmungen. Zu ihm gehören die häuslichen Dienstboten. Zu ihm gehört aber auch der schlechtbesoldete oder um seinen Erwerb schwer ringende Lehrer, Arzt, Mustker, Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Außerhalb des Proletariats stehen nur jene, denen arbeitsloser Gewinn oder die außer⸗ ordentliche Höhe ihres Arbeitseinkommens ein ) Siehe die vier vorhergegangenen Nummern der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung. über den dürftigen Daseinsgewohnheiten der Masse stehendes Lebensniveau sichert. Diesen Kreis begüterter oder mit reichlichem Einkommen gesegneter Personen bilden die direkten oder indirekten Nutznießer der bestehenden Gesellschafts⸗ ordnung, während die andern, die Proletarier, ihre Leidtragenden und Ausgebeuteten sind. Kann man also die herrschende und die unter⸗ drückte Klasse trotz der großen Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen in ihrer Masse ganz genau voneinander unterscheiden und die zahlen⸗ mäßigen Verhätnisse beider ungefähr abschätzen, so verschwimmt doch die obere Grenze des Prole⸗ tariats gegen die untere Grenze des Bürger⸗ tums. Hier finden sich Schichten der Bevölker⸗ ung, deren Stellung im Klassenkampf schwanken muß, weil sie teils an der Ausbeutung, teils aber am Kampfe gegen die Ausbeutung in⸗ teresstert sind. Der Bauer, der Handwerker, der selbständige kleine Kaufmann findet sich in Abhängigkeit von übermächtigen Kapitalisten, will aber oft selbst noch übermächtig bleiben über seinen Knecht, Gesellen oder Kommis. So ist er als Ausgebeuteter am Kampfe gegen die Ausbeutung, als Ausbeuter aber gleichzeitig an der Erhaltung gegen die Ausbeutung in⸗ teressiert. Erst wenn sein Interesse an der Aus⸗ beutung schwindet, geht er ganz im Proletariat auf. So finden wir, daß die Lohnarbeiterschaft den festen Kern des Proletariats darstellt, wie die Kapitalisten und Großgrundbesttzer den festen Kern der herrschenden Klasse bilden. Aber so wenig sich der Begriff der Kapitalisten⸗ und Großgrundbesitzerklasse mit dem der herrschenden oder„bürgerlichen“ Klasse deckt, so wenig deckt sich der Begriff der Lohnarbeiterklasse mit dem des Proletariats. Jeder Lohnarbeiter ist Prole⸗ tarter— auch wenn seine Lebenshaltung eine gewisse Höhe erreicht hat— aber nicht jeder Proletarter ist Lohnarbeiter. In der Lohn⸗ arbeiterschaft, die in die vorderste Reihe des Klassenkampfes gestellt ist, finden wir prole⸗ tarisches Klassenbewußtsein am schärfsten aus⸗ geprägt. Die Führung des Klassenkampfes ist 11 die Angelegenheit des gesamten Prole⸗ tariats. Die herrschende Klasse kann ihren Klassen⸗ kampf nur mit Söldnern und Mitläufern führen, die Wähler der bürgerlichen Parteien sind zum allergrößten Teile Angehörige des Proletariats. Es ist daher die Haupt⸗ aufgabe der schon klassenbewußten Teile des Proletariats, die proletarischen Mitläufer der bürgerlichen Parteien auf ihre Seite zu ziehen, ste klassenbewußt zu machen. Sobald die Masse der Proletarier sich selbst und die Solidarität der proletarischen Interessen erkannt hat, bedarf es nur mehr eines sicheren Schrittes zum vollen Siege! (Fortsetzung folgt.) Politische Rundschau. Gießen, den 9. August 1906. Lebensmittel⸗Teuerung. Eine so günstige Witterung, wie sie im Juli herrschte, pflegt gewöhnlich eine Ver⸗ billigung der meisten Nahrungsmittel zu bringen. Gingen doch selbst im Jahre 1905, dem vielbesprochenen Teuerungsjahr, die Lebens⸗ ...... ͤ ͤ—— Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 32. mittelpreise im Juli infolge günstiger Saaten⸗ standsberichte etwas zurück. Im Juli des laufenden Jahres erfuhr aber trotz befriedigender Ernteaussichten das Preisniveau noch eine weitere Erhöhung: Getreide, Kartoffeln, Vieh, Butter war durchweg Ende Juli teurer als Ende Juni. Ganz besonders kontrastiert die Preis⸗ bewegung bei Getreide im diesjährigen Juli mit der des vorjährigen. Während 1905 die Preise bei sämtlichen Sorten Ende Juli tiefer standen als Ende Juni, stehen sie im Juli des laufenden Jahres mit Ausnahme des Gersten⸗ preises, der stabil geblieben ist, höher als Ende Juni. Man vergleiche. Es betrug der Mittelpreis pro Doppelzentner im Reiche 1905 bei Juni Weizen 17,45 Roggen 15,30 Hafer 15,60 in Hessen 1905 1906 Juni Juni 18,72 18,93 16,40 17,59 16,81 18,52 16,96 15,94 1906 Juni Juli 18,05 18,20 15,35 15,40 18,20 18,60 Gerste 14,50 14,00 15,20 15,20 Mais 10,21 10,17 9,70 12,75— 8 Der Mehlpreis stieg in Hessen gleichfalls. Das Weißmehl galt im Juni 1905 im Mittel 34 Pfg. pro Kilogramm, 1906 dagegen 35 Pfg., das Roggenmehl stieg gar von 25 auf 27 Pfg. So geht es durchweg, alle Nahrungsmittel, ausgenommen Kartoffeln und Eier, wurden Juli 17,30 15,50 15,45 teurer. Immer Mittelpreise angegeben kosteten in Hessen im Juni in Mark 1905 1906 per Kilogramm Ochsenfleischh. 1,49 1,56 Kuhfleisch 8 1,39 1,45 Kalbfleisch 1 52 1764 Hammelfleisch! 8 1,38 1,52 Schaffleisch 2 0,80 135 Schweinefleisch 1,44 1,56 1 Liter Milch 9,18 0,19 10 Eier 0,68 0,68 1905 1906 per 100 Kilogramm Kartoffeln 6,82 5,84 Erbsen 2563 2727 Bohnen 30,91 33,00 Linsen 33,11 46,16 Gemischtes Brot per kg 0,26 0,28 Roggenbrot. 5 0,23 0,24 Butter 6 8 75 2,24 2,38 Dabei weisen die noch nicht amtlich publi⸗ zierten Berichte für Jult abermalige Ver⸗ teuerung nach, speziell auch für Schlachtvieh. So geht die Ausbeutung des Volkes immer weiter. Steuerscheu der„Patrioten“. Durch die indirekten Steuern haben unsere „Staatserhaltenden und Besitzenden“ schon dafür gesorgt, daß die Hauptlasten den minder⸗ bemittelten Schichten der Bevölkerung, die sich zum großen Teile zu den„Vaterlandslosen“ zählen, aufgebürdet wurden. Aber auch von den direkten Steuern verstehen sich viele Musterpatrtoten in meisterhafter Weise zu drücken. Dafür haben wir schon viele Beispiele angeführt. Ein neues dieser Art berichtete die Frkftr. Ztg. aus Karlsruhe, von wo mitgeteilt wurde, daß dort vor Eintritt der Fahrkartensteuer massenhaft Kilometerhefte verkauft worden waren.(Dies sind Eisenbahnbillets für je 1000 Kilometer, die auf beliebigen badischen Strecken verfahren werden können.) Und es wurde hinzugefügt: Die Käufer der Kilometer⸗ hefte waren meist recht patriotische Leute, die für die„Reichsfinanzreform“ am Biertisch und auch sonst lebhaft geschwärmt haben, jetzt derselben aber vorsichtig aus dem Wege gingen und sich Kilometerhefte in größerer Anzahl zu⸗ legten, um die lästige Steuer zu 19 6 5 Das Schönste aber ist, daß, wie glaubhaft verstchert wird, am 30. Juli der Hof, der großherzog⸗ liche Hof, durch einen Diener in voller Livre für 13⁰⁰ Mark Kilometerhefte einkaufte, die noch einige hundert Mark Fahrkartensteuer⸗ Ersparnis brachten. Es scheint also die Be⸗ geisterung für die Reichsfinanzreform selbst bis in die höchsten Kreise hinein in ihrem Effekt inbezug auf die Fahrkartensteuer die patriotischen Folgen nicht hervorgebracht zu haben, die bei⸗ spielsweise der Eisenbahnminister v. Marschall von ihr erwartete. Aus dem Kolonialsumpfe. Zu der Skandalaffatre Major Fischer⸗ Tippelskirch erzählt die Zeitschrift„Häute und Leder“, die als Fachblatt in das schamlose Treiben der Betreffenden gut eingeweiht zu sein scheint, noch interessante Einzelheiten. „In der Kolontalverwaltung,“ so heißt es in dem Artikel,„ist es ein offenes Geheimuts, daß man an den obersten Stellen allerseits mit klaren Augen darüber hinwegsah, wenn Tippel, der brave Tippel, statt seiner eigenen Produkte, wie es die Satzungen vorschreiben, die Waren ganz anderer Leute auf dem kolonialen Verwaltungsamt zur Ablieferung brachte. Der kleine Fischer stand in solchen Zeiten auf dem Kasernenhof und schnauzte die Mannschaften an. In den Stuben fertigten die Subalternen,„die von nischt nischt verstehen“, die Lieferungsverträge mit der Klausel„eigene Fabrikate“ und im Hofe— luden die Kammer⸗ jäger, von dem Maulwerk des Herrn Majors wohl behütet, von— Loh'schen Fabrik⸗ wagen Tippelskirch'sche Geschirre ab. Das ist nicht einmal geschehen, das ist zur Regel geworden. Und inzwischen erließ Kanzler Bülow ahnungslos seine Submisstons⸗ vorschriften, die über die Vergebung staatlicher Ordres genau das Gegenteilige von dem vor⸗ schrieben, was Tippelsklrch und Fischer mit ⸗ einander kontrahierten. Die Firma war jah re⸗ lang nichts als ein Maklerhaus. Daß Tippelskirch ihre Geschäfte verstanden, wird kein Zweiter bestreiten. Sie haben an den Massen von Kolonialstiefeln 5 Mark und 20 Pfennig pro Paar verdient. Zehnspänner⸗Pferde⸗Geschirre, die sie selbst⸗ verständlich kauften, brachten ihnen statt des Einkaufspreises von zirka 900 Mark 2000 Mark und darüber. Da braucht es nicht zu wundern, wenn der Jahresver⸗ dienst derer von Tippelskirch in die Millionen ging. Was brauchte man da mit lumpigen 100000 Mk., die Fischer grade brauchen konnte, zu knausern! Die Verträge mit dem sonst so schnauzigen Major rentieren sich und wo andere Leute Stiefelsohlen durchliefen, um für ihren Betrieb einen Auftrag zu erhalten, da hielt bei Tippelskirch das einfache Entretenue, das Aus⸗ halten eines preußischen Majors, die„Tüchtig⸗ keit“ der Firma bei gesunden Formen. Es ist ein Spaß, wie leicht mitunter die Geschäfte sind. Man soll ste nur mit den richtigen Persönlich⸗ keiten anfassen.“ Der Major Fischer bezog, wie dem Vor⸗ wärts mitgeteilt wird, ohne Extravergütungen ein Einkommen von 8000 Mk. und nach seinem vor zwei Jahren erfolgten Avancement zum Major sogar von 10000 Mk. Diese festen Bezüge von 8 resp. 10000 Mk. erhöhten sich noch durch öftere Inspektionsreisen nach Ham⸗ burg, für deren jede er extra 150 bis 200 Mk. liquidierte, sowie Reisen nach Kapstadt und Swakopmund(zum Zwecke der Ablieferung), für die er jedesmal extra 4000 Mk. Ent⸗ schädigung erhielt. Während Major Fischer sich bei seinen Beziehungen zur Firma Tippels⸗ kirch lange Jahre sehr gut stand, bekam einem Zahlmeister⸗Aspiranten ein ähnlicher Versuch, seine Geschäftsverbindung zu Tippels⸗ kirch auszunutzen, sehr schlecht. Dleser Zahl⸗ ee der sich in einer momentanen Notlage befand, hat sich von dem Kassierer der Firma Tippelskirch unter Berufung auf eine angebliche Verständigung mit dem Chef der Firma 200 Mk. Darlehen auszahlen lassen. Diese Geschichte kam übrigens ohne Zutun des Chefs der Firma an die Oeffentlichkeit. Der blosgestellte Darlehens bedürftige beging in seiner Verzweiflung Selbstmord. Zu der Affaire wurden dem Berl. Tagebl. aktenmäßige Beweise dafür beigebracht, daß die Firma von Tippelskirch und Co. entgegen kontraktlichen Verpflichtungen nicht eigene, sondern fremde Produkte geliefert hat. Es wird nachgewiesen, daß die Aktsengesellschaft Loh Söhne im Jahre 1904 bei einem Ge⸗ samtumsatz von rund 750000 Mk. allein an Tippelskirch für zirka 400000 Mk. und im Jahre 1905 dei einem Gesamtumsatz von 432 000 Mk. allein an Tippelskirch für 133000 Mark Ware geliefert hat, von denen weitaus der größte Teil für die Kolonien be⸗ stimmt war. Also ungeheuerlicher Schwindel und Durchstechereien! Und an der feinen Firma ist der preußische Landwirtschaftsminister Po d⸗ bielskt beteiligt. Gegnerische Anerkennung der Sozialdemokratie. Der Berliner Universttätsprofessor Paulsen, ein gut bürgerlicher Mann, schrieb am 9. Juni 1906 in der Deutschen Tageszeitung, dem Organ des Bundes der Landwirte:„Man mag der mächtigen Arbeiterbewegung, die beherrschend durch unsere Zeit geht, manchen Vorwurf machen ..„ trotz alledem bedeutet sie eine große Auf: wärtsbewegung; die Massen sind aus dem trägen Dahinleben zwischen stumpfsinnig ertragener Arbeitslast und bloß sinnlichem Genießen er⸗ wacht, eine Idee der Zukunft ist in ihnen lebendig und zieht alle Kräfte in ihren Dienst. Eine Fülle lebendiger Interessen ist dadurch entbunden worden; Natur und Geschichte sprechen zu den Menschen, die eine Frage, die Frage der Zukunft an sie zu richten haben. Eine umfangreiche Literatur in Gestalt von Büchern und Zeitschriften ist erstanden, die alle Dinge mit der neuen Idee durchleuchtet. Diese Literatur mag sehr weit von wissenschaftlicher Exaktheit und kritischer Vorsicht, sehr weit auch von der Wahrheit sich entfernen(2), eines hat sie für sich: sie wird mit Leidenschaft gelesen, studiert, an⸗ geeignet; ihr erst ist es gelungen, die Massen zu Lesern zu machen. Und auch daran zweifle ich nicht, daß die neue Arbeiterbewegung auch sittliche Kräfte entbunden hat, Kräfte der Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin, der Hingebung und der Aufopferung für die Sache. Ob die Sache an sich gut und möglich ist, diese sittlichen Kräfte behalten ihren Wert und werden nicht verloren sein... Das Utopien der Sozialdemokratie liegt vielleicht nirgends auf der Welt; führt aber das Suchen danach unserer allzu bequemen, auf dem Faul⸗ bett der Macht und des Herkommens sich streckenden Gesellschaft neue Ideale und neue Kräfte zu, so hat es seine Bestimmung erfüllt.“ Das ist jedenfalls ein Urteil über die sozialistische Bewegung, das sich vorteilhaft von den blöden Schimpfereien der Reichsverbändler und des ord⸗ nungsparteilichen Preßgelichters unterscheidet. Die Stichwahl in Hofgeismar⸗Rinteln endete, wie vorauszusehen war, mit der Wahl des deutsch⸗sozialen Bürgermeisters Herzog, der 9100 Stimmen erhielt. Unser Genosse Vetterlein erhielt 4500 Stimmen. Die feind⸗ lichen antisemitischen Brüder, die Liebermänner und Zimmermänner, gingen wieder zusammen, obwohl sie sich während der Hauptwahl die Köpfe, verprügelt haben und die sogenannten „Reformer“ stimmten für den Junkertrabanten Herzog. Wir können mit dem Wahlausgange ganz zufrieden sein, wir haben einen für die dortigen Verhältnisse ganz erfreulichen Stimmen⸗ zuwachs aufzuweisen. Bei der Stichwahl von 1903 bekam der Antisemit 9543 und unser Genosse 4030 Stimmen. Das Verhältnis hat sich also für uns verbessert. Wenn der Kaiser kommt. Die gutgestunten Blätter berichteten dieser Tage:„Umfangreiche Maßregeln zum Schutz des Kaisers sind aus Anlaß des bevor⸗ stehenden Besuchs Kaiser Wilhelms in der Villa Hügel bei Frau Krupp getroffen worden. Auf der Hütte wird kein ausländischer Ar⸗ beiter mehr angenommen. Aus den Haupt⸗ städten des Rheinlands ist eine große Anzahl von Kriminalbeamten nach Essen abko mandtert worden.“ Man scheint danach in die vielgerühmte„unerschütterliche Treue und Liebe 1 e nicht allzuviel Vertrauen zu setzen. Nr. 32. SFC ˙ 000 Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. Wie die Millionen„verdient“ werden. Aus Rom wird geschrieben: Die Aktien⸗ gesellschaft Stahlwerke Ternt, mit deren redlichem Geschäftbetrieb sich die Enquete über die Reichs⸗ marineverwaltung so viel beschäftigt hat, konnte im Jahre 1905 die Kleinigkeit von 4,348,560 Lire(1 Lire= 0,80 Mk.) Dividende verteilen, ungefähr 27 Prozent. Dafür liefert sie dem Staate das berühmte gute Kriegsmaterial— Panzerplatten, die nur den Kugeln Ternischer Herkunft, nicht aber den normalen Geschossen anderer Fabriken Widerstand leisten— und dafür schindet ste ihre Arbeiter. In den Stahl⸗ werken, wo sie 3000 Personen beschäftigt, streiken jetzt seit Wochen 350 Mechaniker, weil sie Mehr- bezahlung für die Nachtschicht verlangen, während die Akttengesellschaft die Arbeiter nötigt, in der zweistündigen Pause die Fabrikssäle nicht zu verlassen, aber aus Sparsamkeit das elektrische Licht abstellen läßt, so daß die Menschen ein⸗ gesperrt bleiben ohne Licht und ohne Lagerstätte. In Spoleto, wo dieselbe Aktiengesellschaft mächtige Braunkohlenlager abbauen läßt, wurde dieser Tage in Gegenwart des Polizeikommissars, eines Vertreters der sozialistischen Stadtver⸗ waltung und des Rechtsanwalts Genossen Bezzi konstatiert, daß alle die Wagen, auf denen die zutage geförderte Kohle gewogen wird, viel schwerer ausgezeichnet sind, als dies der Wahrheit entspricht. Die Aktiengesellschaft schämt sich also nicht, arme Arbeiter um den kontraktlich festgesetzten Lohn zu betrügen, indem stie Tag für Tag von der gewonnenen Kohle, die sie nach Gewicht bezahlen sollte, fälschlicherweise einen Teil als Tara in Abzug bringt. Die Differenz zum Schaden der Ar⸗ beiter fand sich bei jedem einzelnen Wagen; ste betrug im Mindestfall 15, im Höchstfall 30 Kilo! Die Arbeiter wollen sich nun für die seit fünf Jahren währende Beraubung durch einen Straf- und Zivilprozeß schadlos halten. Kleine politische Nachrichten. Zur Ersatzwahl in Döbeln ist von unserer Seite Genosse Pinkau-⸗Leipzig aufgestellt worden. Gemeinsamer Kandidat der Gegner ist der Flottenprofessor Hasse. Revolution in Nußland. Ueber die Kämpfe in Finnland er⸗ hielt die„Leipziger Volkszeitung“ eine längere Zuschrift vom 1. August, der wir folgendes entnehmen: Die erstklassige russische Seefestung Speaborg ist auf den etwa ½ bis 5 Kilometer von der Hauptstadt Helsingfors entfernt liegenden 7—8 Inseln angelegt. Der Zugang in den Hafen führt zwischen den Festungsinseln durch und soll nur mit Zustimmung der Festungsbefehls⸗ haber erfolgen können. Auf diesen Inseln be⸗ finden sich insgesamt etwa 3000 Mann Artillerie Mineure und Infanterie. Auf einer größeren! der Helsingfors zunächst liegenden Insel befindet“ sich das Kasernenstädrchen Sveaborg mit etwa 3000 Einwohnern. Am Abend des 30. Juli verweigerten die Artilleristen ihren Offizieren den Gehorsam, töteten einige von ihnen, setzten andere gefangen und forderten die übrigen Truppenteile auf, sich zu ihnen zu schlagen. Die Mineure folgten der Aufforderung sofort. Ein Teil der Fuß⸗ truppen wurde gegen die Artilleristen, die am Abend gewaltsam aus den Arsenalen Waffen entnommen hatten, ins Treffen geführt. Sie traten aber zu den Artilleristen über. Darauf wurden in der Nacht aus Helsingfors, wo mehrere Tausend Infanteristen einquartiert sind, zwei Kompagnien hinübergeführt, die aber eben⸗ falls zu den Aufständischen übergingen. In der ersten Nacht wurde zwischen den regierungs⸗ treuen und aufständischen Truppenteilen auf den Juselu ein erbitterter Kampf geführt. In der Stadt konnte man deutlich die Kommandos, Hurrarufe, Geschret und Gewehrgeknatter hören, und der Kanonendonner lockte Tausende von Einwohnern auf die Anhöhen, von wo aus man Speaborg überblicken kann. Der von den Rebellen verwundete General Akejew war von den übrigen gefangenen Offi⸗ zieren gesondert gefangen gesetzt worden. Wie viel Verwundete und Tote es bereits gibt, ist nicht bekannt. In die städtischen Krankenhäuser sind bisher nur wenige gebracht worden. Von jenen ist ein Flottenoffizier gestorben. Weiter wird berichtet, daß am 1. August früh 3 Uhr der Artilleriekampf mit erneuter Heftigkeit entbrannt. Die regierungstreuen Abteilungen wurden nun von Geschossen über⸗ schüttet. Neben der Revolte auf den Inseln spielte sich gestern(31. Juli) noch eine kleinere in der Stadt ab. Auf der äußersten Spitze der Fels⸗ rippe Skatudden befindet sich eine Marinekaserne, in der zirka 200 Matrosen einquartiert waren. Die Revolutionäre aus der Festung sandten gestern morgen zu ihnen und forderten ste auf, zur Revolution überzugehen. Die Matrosen waren sofort bereit und hißten die rote Fahne. Die hinzugestürzten Offiziere wurden entweder erschossen, gefangen genommen oder in die Stadt geschickt, während die Matrosen sich hinter den Felswänden verbarrikadierten. Zwei der in den Hafen liegenden Minenboote eröffneten hier⸗ auf auf die Marinekaserne das Feuer. Dabei wurde auch das in der Nähe liegende Zeug⸗ haus beschädigt und ohne weiteres den Matrosen zugänglich. Vorsorglich gaben die Matrosen davon der Stadt Nachricht und alsbald eilten größere Menschenmassen nach Skatudden, um sich aus dem Arsenal Waffen und Munition zu holen. Die Finnländer verstehen so etwas zu schätzen. Die Matrosen versahen sich selbst mit Waffen und Munition und verhalfen auch den Arbeitern und Bürgern dazu. Das Feuer, das die von Kadetten bedienten Schiffe auf die Kaserne richteten, war ziemlich unwirksam, die Matrosen und das Volk nahmen daran fast gar keinen Schaden. Einzeln und in kleinen Trupps eilten sie, mit Waffen versehen, zurück. Die Matrosen sahen ein, daß sie sich in der Kaserne nicht lange halten konnten, und es hatte für sie auch keinen Zweck, sich dort auf⸗ reiben zu lassen. Sie verkleideten sich notdürftig und entkamen bis auf ein paar Mann alle. Auch die Arbeiter entkamen bis auf 11 Mann, die von den später auf einer Brücke aufgestellten Infanteristen und Kosaken festgenommen wurden. Ueber den Aufstand wurde anfangs der Woche berichtet, daß er endgültig unterdrückt sei. Die Krtegsschiffe hätten etwa 450 Bomben geworfen. 150 Artilleristen und 100 brillen Sozialdemokraten sind gefallen, 800 Artilleristen und 50 Sozialdemokraten gefangen. Die Ge⸗ samtziffer der Aufständischen belief sich auf 1400. Das bereits in Tätigkeit befindliche Kriegs⸗ gericht wird 700 Artilleristen, 300 Infanteristen und 100 Mann Marinetruppen abzuurteilen haben.— Hoffentlich sorgen die Revolutionäre dafür, daß es nicht zur Aburteilung kommt. Massenhin richtungen werden aus Kronstadt berichtet, wo 300„Rädelsführer“ vom Kriegsgerichte zum Tode verur⸗ teilt und bereits hingerichtet wurden. Unter ihnen befinden sich viele Zivilpersonen und das ehemalige Dumamitglied Michatliczenko. Trotz der Niederwerfung der Revolten in Svea⸗ borg und Kronstadt herrscht im Generalstab der Marine noch große Besorgnis, daß sich die Ereignisse in Sebastopol wiederholen, wo es unter der Besatzung gärt. Nikolaus bekommt Angst. Die Um⸗ gebung des Zaren scheint auf schlimme Dinge gefaßt zu sein. Der Hausminister des Zaren, Baron Frederiks, soll Befehl erteilt haben, daß die Jacht des Zaren seeklar zu machen sei. Diese Verfügung läßt darauf schließen daß, wenn die Situation des Zaren in P' terhof unhaltbar geworden sein sollte, er den Versuch unternehmen will, mit seiner Familie zur See nach dem Auslande zu gelangen. Seine Frau (bekanntlich eine Schwester des Großherzogs von Hessen) soll zur Flucht drängen. Ueber die Gewtkshaftsorganisatinnen im ate 190⁵ macht die Generalkommission folgende Mittei⸗ lungen. Die Unterdrückungs⸗ und Sprengver⸗ suche, die von Seiten des Unternehmertums gemacht wurden, hatten vermehrte Agitation zur Folge und infolgedessen starke Mitglieder⸗ zunahme. Insgesamt hatten die Gewerkschaften 1905 1344803 Mitglieder. Im Jahre 1905 vermehrte sich die Zahl der Mitglieder im Jahresdurchschnitt um 292 695, das sind 46 201 Mitglieder mehr, als die gesamten Zentralverbände im Jahre 1904 hatten. Vom Jahre 1891 bis zum Jahre 1893 ging die Zahl der Mitglieder der Gewerkschaften von 277659 auf 223 530 zurück. Von da ab zeigte sich eine ständige Aufwärtsbewegung. Alle Gewerkschaften, mit alleiniger Ausnahme der Kürschner, haben bedeutende Mitglieder⸗ zunahme zu verzeichnen. Im Durchschnitt des Jahres 1905 hatten Mitglieder: Metallarbeiter 233 323, Maurer 155 911, Bergarbeiter 124976, Holzarbeiter 119925, Textilarbeiter 66 959, Fabrikarbeiter 66689, Handels- und Transport⸗ arbetter 46 906, Bauhilfsarbeiter 46 308, Buch⸗ drucker 43 251, Zimmerer 42 249, Maler 29 470, Schneider 28 626, Schuhmacher 26 366, Tabak⸗ arbeiter 24619, Brauereiarbeiter 21697, Ge⸗ meindearbeiter 17926, Buchbinder 16 787, Schmiede 15820, Hafenarbeiter 14 229, Stein⸗ arbeiter 13869, Lithographen 12270, Töpfer 10941, Maschinisten 10477, Bäcker 10 285, Porzellanarbeiter 10084, Glasarbeiter 8940, Steinsetzer 7157, Stukkateure 7091, Buchdruckerei⸗ hilfsarbeiter 6896, Böttcher 6825, Tapezierer 6638, Lederarbeiter 6403, Sattler 5606, Hut⸗ macher 5158, Bildhauer 4843, Handlungs⸗ gehilfen 4796, Dachdecker 4750, Glaser 4412, Werftarbeiter 4192, Gärtner 3936, Müller 3 880, Kupferschmiede 3 721, Gastwirtsgehilfen 3656, Seeleute 3348, Portefeuiller 3318, Konditoren 3071, Handschuhmacher 3050, Wäschearbeiter 2884, Schiffszimmerer 2788, Fleischer 2338, Graveure 2313, Kürschner 1939, Vergolder 1807, Zigarrensortierer 1718, Lager⸗ halter 1429, Barbiere 1321, Buchdrucker Elsaß⸗ Lothringens 907, Zivilmusiker 722, Bureau⸗ angestellte 667, Asphalteure 568, Formstecher 568, Formstecher 517, Blumenarbeiter 475, Notenstecher 433, Schirmmacher 327. Die Zahl der weiblichen Mitglieder der Zentralverbände betrug im Jahresdurch⸗ schnitt 1905 in 34 Verbänden 74 411 gegenüber 48 604 im Durchschnitt des Jahres 1904. Das macht, unter Berücksichtigung des Umstandes, daß in 3 Organisationen ein Verlust von 13 Mitgliedern im letzten Jahre eingetreten ist, eine Zunahme von 25807 oder 53,1 Prozent. Im Jahre 1892 waren nur 4355 weibliche Mitglieder in den Verbänden. Mehr noch als bei der Organisterung der männlichen Arbeiter ist bet dem Heranziehen der Arbeiterinnen zur Organisation in der Zukunft zu tun. Legen wir die Ziffern der Gewerbezählung von 1895 zugrunde, so ergibt sich, daß die 74411 weib⸗ lichen Gewerkschaftsmitglieder nur 7,9 Prozent der organisationsfähigen weiblichen Arbeiter⸗ schaft ausmachen. Ein lächerlich geringer Pro⸗ zentsatz, besonders wenn man berücksichtigt, daß die Zahl der weiblichen Arbeiter sich seit dem Jahre 1905 prozentual stcher erheblich mehr gesteigert hat, als die der männlichen. Ein gewaltiges Stück Agitationsarbeit ist hier von den Gewerkschaften noch zu leisten. In der Finanzgebarung der Ge⸗ werkschaften sind im Jahre 1905, wie schon eingangs erwähnt, die gleichen Fortschritte zu verzeichnen, wie im Mitgliederbestand. Während im Jahre 1904 die Einnahme in 63 Verbänden 20 190 630 Mk. betrug, stellte ste sich im Jahre 1905 in 64 Verbänden auf 27812 257 Mk. Im Jahre 1891 hatten die 49 Verbände, welche Bericht erstatteten, nur eine Gesamteinnahme von 1116588 Mk. Bis zum Jahre 1900 war die Einnahme in 58 berichterstattenden Verbänden auf 9 454075 Mk. gestiegen. In den Jahren von 1891 bis ein⸗ schließlich 1905 vereinnahmten die Verbände insgesamt 126710621 Mk. 2———— Bon Nah und Lern. Jessisches. — Gegen Mainzer Polizeibeamt hat die dortige Bürgermeisterei eine Disziplinar 1— —.— Seite 4. WMitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Untersuchung eingeleitet, weil sie, wie unser dortiges Parteiblatt, die„Volkszeitung“, kürz⸗ lich berichtet hatte, säumige Schulkinder des Morgens statt sie von der elterlichen Wohnung aus direkt zur Schule zu führen, zuerst auf den betr. Polizeibezirk transportiert und dort körperlich gezüchtigt bezw. mißhandelt haben. Auch in der letzten Sitzung des Schul- vorstandes kamen diese Fälle zur Sprache, worauf der Herr Oberbürgermeister die ange⸗ führte Untersuchung ankündigte. Gießener Angelegenheiten. — In der letzten Stadtverordneten⸗ Sitzung teilte der Oberbürgermeister mit, daß das Ministerium für Schulangelegenheiten er⸗ klärt habe, es sei außer Stande, der Stadt Gießen die unbedingt nötigen Schulverwalter zu überweisen. Der Oberbürgermeister bemerkte dazu, dieser Mangel an Volksschullehrern sei hoffentlich nur vorübergehend, denn man könne sich doch nicht denken, daß der hessische Staat nicht in der Lage sei, die nötigen Lehrkräfte für die Volksschule zu beschaffen.— Das wäre allerdings sehr auffällig und bedauerlich zugleich und müßte noch zu schlimmeren Folgen führen, als sie jetzt schon an der Volksschule bestehen.— — Zur Gewerkschaftsversammlung schreibt ein Gewerkschaftler: Auf der Tages⸗ ordnung der am nächsten Sonntag stattfindenden Gewerkschaftsversammlung steht auch die„Saal⸗ frage“ verzeichnet. Es ist ein Erfordernis, daß die Vorsteher aller Arbetterorganisationen in dieser Versammlung erscheinen; denn es ist eine Schande, daß den Arbeitern in der„freigesinnten“ Stadt Gießen kein größeres Lokal zur Ver⸗ fügung steht, in dem sie ihre Angelegenheiten besprechen können. Anderwärts hat der Gast⸗ wirteverein es mit Erfolg fertig gebracht, daß der Militärboykott nur an solchen Tagen gilt, an dem in den betr. Lokalen eine Versammlung oder Arbeiter⸗Festlichkeit stattfindet. Hier küm⸗ mert sich der Gastwirteverein nicht das Geringste um diesen Mißstand. Bei größeren Volks⸗ festen steht man Zivil⸗ und Militärbehörden einträchtig in Ehrenwagen fahren, die wohl auch von Arbeitern mitbezahlt werden, sollte nicht auch in diesem Punkte eine freundschaft⸗ liche Einigung möglich sein, wenn unsere libe⸗ ralen Stadtväter sich darum bemühten?— Wir fürchten, daß der gute Glaube des Gewerk⸗ schaftlers in diesem Falle schmählich zu schanden werden wird. Die Arbeiter müssen sich selbst helfen und sie können es, wenn sie nur wollen. Wir verweisen deshalb auf das in Nr. 23 der Mitteldeutschen Sonntags ⸗Zeitung von uns Gesagte: Meidet die Säle, die uns zu Versammlungen verweigert werden! — Die Grün dung eines sozial⸗ demokratischen Frauenvereins wurde in einer am Dienstag stattgefundenen, von etwa 30 Frauen besuchten Versammlung voll⸗ zogen. Frau Dr. Michels⸗Marburg erörterte vorher in einem kurzen Vortrage die Frage, warum sich die Frauen um Politik bekümmern müßten. Sie wies darauf hin, daß heute die bekannten schönen Redensarten und alte über⸗ lieferte Ansichten über die Aufgabe der Frau, die in den Haushalt gehöre ꝛc., keine Berech⸗ tigung mehr hätten. Die Frau habe im Gegen⸗ teil ein ebenso großes Interesse an der Gesetz⸗ gebung und der Gestaltung der öffentlichen An⸗ gelegenheiten als der Mann. Sie erinnerte an den Zolltarif, der tief in ihre häuslichen Verhältnssse eingreife, ferner an die Rechtlosig⸗ keit der Frau auf politischem und rechtlichem Gebiete. Man denke nur an die Dienstboten⸗ ordnung! Deshalb müsse sich auch die Frau politisch betätigen und ihre Rechte zu er⸗ kämpfen suchen. Nach dem beifällig aufge⸗ nommenen Vortrage wurde beschlossen, einen Frauenverein zu gründen. Der Beitrag wurde auf 10 Pfg. monatlich festgesetzt und ferner beschlossen, allmonatlich eine Versammlung ab⸗ zuhalten. Weiter wurde ein Vorstand von 5 Personen gewählt. Möge jede verständige Frau dazu beitragen, daß der Verein sich kräftig entwickele! — Die letzte Wahlvereins versammlung war außerordentlich interessant. Genosse Dr. Michels hielt ein gut durchdachtes Reserat über den politischen Ma ssenstreik, an das sich eine lebhafte Diskussion anschloß, in der auch ein Russe und ein Engländerßdas Wort ergriffen. Auf die Darlegungen Michels kommen wir noch eingehender zurück.— In der Versammlung diesen Samstag steht in erster Linie die Landeskonferenz auf der Tagesordnug. — Die städtischen Arbeiter hielten am Montag eine Versammlung ab, die beschloß, eine Eingabe an die Stadtverwaltung zu richten, in der verlangt wird, allen über ein Jahr in städtischen Diensten stehenden Arbeitern alljährlich mindestens 14 Tage Ferien zu gewähren. Weiter wird ersucht, der soztalpolitische Ausschuß der Stadtverordneten wolle das Nähere über diese Frage mit dem Arbeiterausschuß verhandeln. r. Der Streik der Ziegeleiarbeiter bei Gail dauert unverändert fort. Obwohl einige von den Strei⸗ kenden Verräter an sich selbst und an ihren Kollegen geworden sind, herrscht bei den noch im Ausstande befind⸗ lichen dieselbe zuversichtliche Stimmung, wie zu Anfang der Bewegung. Von den Streikenden sind bis jetzt 130 anderweitig in Arbeit untergebracht. Es bleiben nur etwa 35 zu unterstützen. Die Absicht, die Verbands⸗ kasse zu schwächen, was bei allen Streiks die Unternehmer so gerne möchten, ist vei diesem Streik nicht durchzuführen. Läßt sich Herr Gail nicht bald zu Unterhandlungen mit den Streikenden herbei, so dürfte er so bald seine alten geschulten Arbeiter so schnell nicht wieder bekommen. Alle Arbeiter werden ersucht, den Zuzug streng fern zu halten. — Freidenker⸗Vereinigung Gießen. Nächster Vereinsabend am Freitag, den 17. August 1906, abends 8 ¼ Uhr, im Vereins⸗ lokal Hotel Einhorn. Gäste ohne Weiteres willkommen. Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen. k, Gebrochene Ordnungsstützen. Aus Röd⸗ gen bei Bad⸗Nauheim brachte dieser Tage unser Offen⸗ bacher Parteiblatt folgende Mitteilung: In der Privat⸗ klage des Maurermeisters und zum Beigeordneten ernannten Georg Hensel gegen den Lehrer Fleisch⸗ hauer, wegen Beleidigung, beschloß das Schöffengericht zu Bad⸗Nauheim nach kurzer Verhandlung, die Akten der Staatsauwaltschaft Gießen einzusenden, die eine Unter⸗ suchung gegen Hensel wegen wiederholten Be⸗ trug es einleiten soll. Er wird beschuldigt, seit Jahren an der Gemeinde betrügerische Manipulationen geübt zu haben und dürfte diese Sache wohl noch mehrere Ordnungsstützen in Mitleidenschaft ziehen. Anzeige beim Kreisamt Friedberg wurde schon im Mai d. J. über etliche Fälle dieser Sorte von dem Vorsitzenden des Soztal⸗ demokratischen Wahlvereins gemacht, doch war bis jetzt die Sache noch nicht in Fluß gekommen. Dieser Hensel wurde am 2. Juli zum Beigeorbneten vom Kreisamt Friedberg, nachdem ein Genosse von den Bürgern ge⸗ wählt worden war, die Bestätigung aber nicht erhalten hatte, weil er sich als Sozialdemokrat bekannte, ernannt. Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach. a. Beigeordnetenwahl in Alsfeld. Am Montag wurde in Alsfeld die Wahl eines 2. Beigeordneten vorgenommen, deren Aus⸗ gang von einigem Interesse ist. Bereits vor zwei Monaten war dafür ein Kan⸗ didat in den Blättern genannt worden, der aber in Bürgerkreisen nicht auf besondere Sym⸗ pathien stieß, weil er dem sogenannten Kasino⸗ ring angehörte, der ohnehin die ganze Gemeinde⸗ vertretung beherrscht. In letzter Stunde wurde in der Person des Herrn Karl Weitz ein Kan⸗ didat aus Bürgerkreisen in Vorschlag gebracht, der auch die Unterstützung unserer Parteigenossen fand und der infolgedessen auch mit 173 gegen 137 Stimmen gewählt wurde. Wäre von sozialdemokratischer Seite ein Kandidat aufge⸗ stellt worden, so wäre natürlich an die Wahl Weitz nicht zu denken gewesen.— Die Bürger⸗ meister: Wahl steht ebenfalls in einiger Zeit bevor. Da der bisherige Bürgermeister wegen hohen Alters eine Wiederwahl ablehnen wird, sind schon mehrere Personen in Vorschlag ge⸗ bracht worden. Unsere Parteigenossen werden zu dieser Wahl noch Stellung nehmen. Aus dem Nreise Wetzlar. + Die egyptische Augenkrankheit ist unter kroatischen Arbeitern, die an der Kanalisation in Nieder⸗ girmes beschäftigt waren, ausgebrochen. In der Sießener Klinik wurde die Aufnahme der Erkrankten verweigert, man erklärte dort, daß man schon genug solcher Kranke habe. Sie befinden sich im Wetzlarer Krankenhause. So werden ansteckende Krankheiten durch die fremden Lohnstlaven eingeschleppt, die patriotische deutsche Unter⸗ nehmer aus dem Auslande importtert haben, vielfach nur deshalb, um ste gegen die deutschen Arbeiter als a Konkurrenz auszuspielen.— In der Sophienhütte sind ebenfalls eine Anzahl Kroaten beschäftigt, die furchtbar unsauber sein sollen. w. Ihr erstes Stiftungsfest feierte am Sonn⸗ tag die Zahlstelle Wetzlar des Metallarbeiterverbandes in den Räumen des Gasthauses„Zur Glocke“, Die gut besuchte und bestens verlaufene Feier wurde mit dem Vortrage des Arbeiterbundesliedes durch den voll⸗ zählig erschienenen Gesangverein„Vorwärts“ ⸗Lollar er⸗ öffnet. Hierauf hielt Koll. Ziegler aus Frankfurt einen beifällig aufgenommenen Vortrag über die Notwendigkeit der Organisation. Daran reihten sich noch verschiedene Vorträge der Sänger, die leider schon um 8 Uhr die Heimreise antreten mußten. Allgemein wurden die ge⸗ sanglichen Leistungen des unter Leitung des Herrn Di⸗ rigenten Kümmel stehenden Vereins anerkannt. Am Abend fanden sich noch eine große Anzahl Kollegen und Freunde des Verbandes zusammen und vergnügten sich bis Mitternacht mit geselliger Unterhaltung. Die Ver⸗ anstaltung zeigte, daß auch hier unsere Sache vorwärts schreitet. Zwei Ordnungshüter bewachten uns den ganzen Tag. Sie werden mit der Ueberzeugung nach Hause gegangen sein, daß ihre Anwesenheit gänzlich überflüssig war. Launsbach. Mitglieder der Freien Turnerschaft entgegnen auf die Bemerkungen des Lahntal⸗Dünsberg⸗ Turnerbundes in voriger Nummer: Der Dünsberg⸗ Turnerbund will seine politische Neutralität damit be⸗ weisen, daß er die Einladungen zu seinem Feste an alle hiesigen Vereine habe ergehen lassen. Doch es stellte sich bet dem am 8. Juli abgehaltenen Bundesfeste heraus, daß er dieselben Zwecke, wie die Deutsche Turnerschaft verfolgt.— Weiter sei klargestellt, daß der Betreffende, der dem Gendarmen auf die Uebertretung des Tanzver⸗ bots aufmerksam machte, nur gerechte und gleichmäßige Behandlung aller Wirte erreichen, keineswegs dem Turn⸗ verein oder sonst jemandem Strafe verschaffen wollte. Herr Gastwirt Komp hat schon viele Strafen dieser Art bezahlen müssen, was bei einem anderen Wirte nicht der Fall gewesen ist. g. Die Freie Turnerschaft Launs bach hielt am Sonntag in der Gartenwirtschaft Komp ihr erstes Abturnen ab. Die Veranstaltung erfreute sich eines sehr guten Zuspruches, obwohl die Lahntal⸗Dünsberg⸗ Turner in ihrer politischen Neutralität die Festlichkeit der Freien Turnerschaft nicht besuchten, sondern sich ge⸗ schlossen an einer anderen Veranstaltung in Wißmar beteiligten.— Die turnerischen Aufführungen(Stab- übungen ꝛc.) fanden den ungeteilten Beifall der Zuschauer. Abends fand Tanz und Pyramidenbau statt, welch“ letztere sehr gut ausgeführt wurde. Die Festlichkeit verlief sehr ruhig, trotz des starken Polizeiaufgebots. Dies war jedoch in Wißmar nicht der Fall, dort ent⸗ stand sogar eine Schlägerei mit der Polizei. Hier kann man wieder sehen, daß die Arbeiterfeste immer ruhig und einig verlaufen. Westerwald und Anterlahn. n Zur Maurerbewegung in Weilburg. Am Sonntag fand in Niedershausen eine gut be⸗ suchte Maurerversammlung statt, in welcher der Gau⸗ leiter Hüttmann⸗Frankfurt über die Ursachen und den Verlauf der Maurer⸗Bewegung in Weilburg und Umgebung sprach. Er wies auf die gesteigerten An⸗ forderungen hin, die infolge der hohen Lebens mittelpreise an den Arbeiter gestellt werden und es sei selbstverständ⸗ lich, daß dieser ein paar Pfennige mehr Lohn zu er⸗ reichen suchen müsse, wenn er nicht einer erheblichen Verschlechterung seiner Lage ruhig zusehen wolle. Redner geißelte ferner das Verhalten der Polizei, die in durch⸗ aus ungesetzlicher Weise vorging und Streikposten ver⸗ haftete. Damit stellt sie sich auf die Seite des Unter⸗ nehmertums, verteidigt dessen Interessen gegen die durch⸗ aus berechtigten der Arbeiter. Folgende Resolution ge⸗ langte zur Annahme: 5 „Die heute in Niedershausen tagende Versammlung der streikenden Maurer erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Sie halten an den maß⸗ vollen Forderungen, die sie an die Unternehmer in Weil⸗ burg und Umgegend gestellt haben, unbedingt fest und verpflichten sich, nicht eher zu ruhen und vom Kampf zurückzutreten, bis der geforderte Stundenlohn und die Regulierung der Arbeitszeit neben den sonstigen Forde⸗ rungen erfüllt sind.“ Im Anschluß an die Maurer⸗Versammlung sprach Genosse Habicht⸗ Frankfurt in öffentliche Volksver⸗ sammlung über die heutigen politischen Verhältnisse. Er wies zunächst auf den Gegensatz hin, der schon in der Lebensweise eines reichen Mannes und eines Arbeiters zutage tritt. Dann führte er die ungeheuren Summen vor, die für Militarismus, Panzerkähne, Kolonien ꝛc. zum größten Teile zwecklos verausgabt würden. Die Ausführungen Habichts wurden sehr beifällig aufge⸗ nommen. Innungsherrlichkeit. Den Beispielen vieler andern Orte folgend, hat auch die Glaser⸗ und Schreiner⸗ e ——— EE SS S 2 2 1 8 die 1 U. k; len it elle dit g lm 0 0 era 18 en le 0 9 uU 150 1 l sse b 1 ell 77 2 Nr. 32. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. innung in Limburg mit 19 gegen 3 Stimmen beschlossen, sich aufzulösen, trotzdem der anwesende Landrat wünschte, die Innungsmitglieder möchten sich die Sache noch ein⸗ mal überlegen. Die Meister werden wohl ein Haar in der Innung gefunden haben. Die Handwerker lernen nach und nach erkennen, daß das von den Mittelstands⸗ rettern als Gnadenbrocken hingeworfene Innungsgesetz den Handwerker nicht vor dem Ruin schützt, wohl aber ihn an Händen und Füßen bindet. Es tagt auch schließ⸗ lich in dem schwärzesten Winkel! Aus dem RNreise Marburg⸗Rirchhain. * Um Irrtümmer zu vermeiden. Herr Schreinermeister Hch. Textor, Wörthstr. 12 ersucht uns, die in letzter Nr. enthaltene Notiz„Schöffengericht“ dahin zu erläutern, daß der verurteilte Schreinermeister Karl Textor am Pilgrimstein wohnt, mit ihm(Och. Textor) also nicht zu verwechseln ist. Die öffentliche Gewerkschaftsversamm⸗ lung am Dienstag war recht gut besucht. Genosse Dißmann⸗Frankfurt sprach über die Bedeutung der Gewerbegerichte. Da am 1. Januar n. J. in Marburg ein Gewerbegericht errichtet wird, so war eine Aufklärung darüber wirklich nötig. Dißmann erledigte sich seiner Aufgabe zur vollen Zufriedenheit. Er besprach, nachdem er in großen Zügen die Entstehung der Gewerbegerichte klarlegte, besonders die Marburger Verhältnisse. Am Schlusse seiner Ausführungen besprach er die Arbeiter⸗ bewegung im Allgemeinen und forderte zur lebhaften Agitation für die gewerkschaftliche und politische Be⸗ wegung, sowie für die Parteipresse auf. * Die Lohnbewegungen der Schreiner und Bauhilfsarbeiter sind am Samgtag beendet worden. Beide Berufe nehmen die Arbeit bedingungs⸗ los wieder auf. Während die Bauunternehmer die Streikenden wieder einstellten, find bei den Schreinern nur 11 Mann eingestellt worden, während man den übrigen mitteilte, daß ihre Plätze besetzt und sie daher auf Stellung nicht mehr zu rechnen brauchten. Doch es dürfte ihnen nicht schwer fallen, jetzt anderwärts Be⸗ schäftigung zu erhalten. Von den Landorten der Um⸗ gebung hatten sich zahlreiche Streikbrecher eingefunden, wodurch die Bewegung scheiterte. * Konsum verein. Die am Samstag abge⸗ haltene Generalversammlung war leider sehr schlecht besucht. Geschäftsführer Fischer erstattete den üblichen Geschäftsbericht, aus dem die sehr erfreuliche Tatsache zu entnehmen war, daß die Mitgliederzahl auf über 600 angewachsen ist. In der Diskussion wurde besonders der Artikel in der Mitteld. Sonntags⸗Ztg. über die Bierverteuerung besprochen. Fast alle Redner fanden es eines Genossenschaftlers unwürdig, öffentlich in der Zeitung über Dinge herzuziehen, die vor allem dem Vorstand als Beschwerde überweisen werden sollten. So aber müsse man annehmen, daß es auch Mitglieder gäbe, welche ihren eigenen Verein öffentlich in Mißkredit bringen. Daß solche Mitglieder der günstigen Weiter⸗ entwicklung des Vereins nicht förderlich sind, sollten vor allem die Berufsnörgler einsehen.— Bei der Neuwahl zum Vorstande wurde der bisherige Kassierer Gustav Rohr wiedergewählt. In den Aufsichtsrat wurden Herr Schäfer und Schätzle gewählt. — Zur Bierpreiserhöhung im Konsumverein, die in der Einsendung mit der Stichmarke„Teure Zeiten“ in voriger Nummer abfällig kritistert wurde, sendet die Verwaltung des Konsumvereins Marburg eine Zuschrift von solcher Länge, daß wir nicht in der Lage sind, sie unverkürzt aufzunehmen. Vor allem haben wir daher zahlreiche, gegen den Einsender der erwähnten Rotiz gerichteten persönlichen Spitzen ausgemerzt. Wir müssen überhaupt dagegen Verwahrung einlegen, daß diesem vorgeworfen wird, es sei ihm darum zu tun gewesen, den Verein in Mißkredit zu bringen. Er hat in durch⸗ aus sachlicher Welse Kritik geübt, die auch von anderen Mitgliedern und auch von uns als berechtigt anerkannt wurde.— Die Zuschrift lautet: „Die einfache Tatsache, daß der Marburger Konsum⸗ verein sein Flaschenbiergeschäst anders gestaltet hat, weil er bei der früheren Einrichtung nicht auf die Kosten kam, wird benutzt, um die Verwaltung so hinzustellen, als trete sie die Interessen der Arbelterschaft und der Konsumenten mit Füßen, mache den organisierten Ar⸗ beitern Versprechungen, die sie in der Praxis in das Gegenteil umkehre. Bei der Konstatierung, daß das Bier im Marburger Konsumverein um 8 Pfg. pro Liter teurer geworden ist, wird vorsichtigerweise verschwiegen. daß man trotzdem das billigste Bier in Marburg kauft, denn während man im Konsumverein für das Liter Bler 25 Pfg. bezahlt, nehmen z. B. die Wirte 31 bis 40 Pfg. für das Liter. Hätte der Artikel⸗ schreiber nun die Wirte hergenommen und von diesen verlangt, daß ste mit dem Bier abschlagen sollten, so wäre das immerhin noch eher zu begreifen, als diese Gelegenheit zu benutzen, sich an der Verwaltung zu reiben. Dieselbe hat die Mitglieder über ihr Vor⸗ haben keineswegs im Zwelsel gelassen, und in ver⸗ schiedenen Versammlungen in dieser Beziehung Er⸗ klärungen abgegeben, ohne daß auch nur ein Mitglied Bedenken dagegen geäußert hätte. Hätte es der Artikel⸗ schreiber ehrlich gemeint, so wäre er in den Versamm⸗ lungen dem Vorhaben der Verwaltung entgegengetreten. Aber hier treffen wir des Tadels Kern. Er hätte dann die Verwaltung nicht öffentlich angreifen können, und die Gegner der Genossenschaftsbewegung wären um ein Argument ärmer gewesen. Um den Konsumverein bei den organisierten Arbeitern in Mißkredit zu bringen, wird angezogen, daß man sich die Bierverteuerung nur gefallen lasse, wenn das Bier aus einer Brauerei stammt, wo in bezug auf Organisation und Behandlung der Arbeiter geordnete Zustände herrschten. Inwieweit die Verwaltung eines Konsumvereins für die Zustände in einem Privatbetrieb verantwortlich gemacht werden kann, weiß unser guter Freund wohl selber nicht. Aber sicher weiß er, daß die hiesige Arbeiterschaft kein anderes als hiesiges Bier trinken mag und infolgedessen der Kon⸗ sumverein gezwungen ist, will er sein Biergeschäft einiger⸗ maßen forcieren, hiesiges Bier zu führen. Unbekannt ist ihm jedenfalls auch nicht, daß schon vor einem Jahr einmal auf Drängen verschiedener„Radikaler“ ein Ver⸗ such gemacht wurde, Bier aus einer Brauerei zu beziehen, wo nach ihrer Meinung bessere Zustände herrschten, und zwar aus der Aktienbrauerei SchöfferhofKassel. Der Erfolg war aber der, daß die Verwaltung dieses Bier selbst trinken konnte und der Verein durch Verderben ansehnliche Verluste erlitt. Wenn in irgend einem Privatbetriebe für die Arbeiter schlechte Zustände herrschen, so sind unserer Meinung nich doch zuerst die dort be⸗ schäftigten Arbeiter die Schuld. Konsequenz scheint übrigens die starke Seite des Einsenders nicht zu sein. Zum Schluß fordert er nämlich die Marburger Arbeiter indirekt auf, dies verteuerte Bier des Marburger Konsumvereins nicht zu trinken. Das noch viel teurere Bier der hiesigen Wirte aber und der Flaschen⸗ bierhändler soll demnach einen Mehrumsatz erfahren, damit der„millionenreiche Unternehmer“, wenn der Bier— umsatz im Konsumverein zurückgeht, keine Einbuße er⸗ leidet. Daß in der betreffenden Brauerei in letzter Zeit Arbeiterbewegungen stattgefunden haben, weiß wohl außer dem Artikelschreiber niemand. Bekannt dürfte allerdings sein, daß vor einiger Zeit ein größerer Arbeiterwechsel in der betr. Brauerei stattfand. te Veranlassung hierzu wird allerdings verschieden darge⸗ stellt. Warum sorgt nun unser„Freund“ nicht dafür, daß sich das Gewerkschaftskartell mit der Angelegenheit befaßt und die Sache klarstellt. ist es keine Streikbewegung, wenn einige Arbeiter aus irgend einem Grunde die Arbeit niederlegen und dann den Schauplatz ihrer Taten verlafsen. Alles in Allem genommen, dürfte der Zweck unseres lieben„Freundes“, den Konsumverein oder dessen Leitung bei der hiesigen Arbeiterschaft in Mißkredit zu bringen, nicht erreicht werden, denn die Marburger Arbeiterschaft weiß zur Genüge, welche Vorteile ihr der Konsumverein schon gebracht hat und bei weiterem Streben und gutem Zusammenhalt noch bringen wird. Unsere„Freunde“ sind jedoch unsere ärgsten Feinde, und denen werden wir in Zukunft eine verstärkte Aufmerksamkeit widmen. 5 Franz Fischer, Geschäftsführer. Partei-Uachrichten. Reichstagskandidatur. Genosse Hüttmann, Gauleiter der Maurer und Stadtverordneter in Frank⸗ furt a.“ M. wurde von der Genralversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins für den Kreis Kassel⸗ Melsungen einstimmig als Reichstagskandidat auf⸗ gestellt. Hessisches Parteisekretariat. Genosse David hat einen Echolungsurlaub bis zum 23. August an⸗ getreten. Der Landeskassterer, Genosse Joh. Or b. Offen⸗ bach a. M., Friedrichstr. 24, verwaltet inzwischen ver⸗ tretungsweise das Parteisekretariat. Zusendungen sind für diese Zeit an ihn zu richten. Zur Landes⸗ Konferenz in Mühlheim. Mit dem Heutigen hat die Versendung des Berichts des Landes⸗Komitces, des Landes⸗Sekretariats, des Landes Kassierers und der Landtags-Fraktion an die Adressen der Kreis vorstände stattgefunden. Dieselben wollen dafür sorgen, daß den Delegierten ihres Kreises zur Landes⸗Konferenz das Material sofort zugestellt wird. Delegterte, die dabei übersehen werden, wollen sich direkt an den Genossen C. Ulrich, Gr. Marktstraße 23, wenden. Offenbach, 7. August 1906. Das Landeskomitee. Zur Landeskonferenz der Soztaldemokratie Hessens. Die Berichte des Landeskomitees, des Partei⸗ sekretärs und der Landtagsfraktion sind erschienen. Wir können infolge unserer Raumberhältnisse erst in nächster Nr. Auszüge daraus wiedergeben. Weitere Anträge zur Landeskonferenz. Die Kreiskonferenz des Wahlkreises Fried⸗ berg⸗Büdingen hat betr. der Grenzstreltig⸗ Unserer Ansicht nach 1 * keiten der Presse beschlossen, in Anbetracht der gewerkschaftlichen, sowie wirtschaftlichen Bezieh⸗ ungen zu Frankfurt, an dem seitherigen Organ, der Frankfurter Volksstimme festzuhalten. Um jedoch ein Organ zu erhalten, welches neben unseren wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Interessen unsern hessischen Verhältnissen mehr Beachtung schenken kann, wünscht die Konferenz, der Frage einer Verschmelzung der für uns in Betracht kommenden Organe zu einem Zentral⸗ Organ für Hessen bezw. Hessen⸗Nassau näher zu treten und dies bet der hessischen Landes⸗ konferenz in Mühlheim zu beantragen, damit die Streitigkeiten über die Presse endgültig gehoben werden. Die Kreiskonferenz des Kreises Friedberg⸗ Büdingen beantragt, die Landeskonferenz be⸗ auftragt die sozialdemokratische Landtagsfraktion dahin zu wirken, daß künftig in den Lehrplan der Fortbildungsschulen ein Unterricht über die soziale Gesetzgebung, Kranken-, Unfall- und Invaliditätsversicherung eingeführt werde. Die Kreiskonferenz des Kreises Darmstadt— Groß⸗Gerau in Gräfenhausen beantragt, die Landeskonferenz in Mühlheim wolle beschließen: Die Landtagsfraktion zu beauftragen, im Land⸗ tag dahin zu wirken, daß auch den Abgeord— neten, die in Darmstadt wohnen, der übliche Diäten satz gewährt werde. Die Kreiskouferenz des Kreises Friedberg beantragt: Die Landeskonferenz wolle beschließen: Der Parteibeitrag beträgt pro Monat 25 Pfg. Davon erhält der Parteivorstand 5 Pfg., das Landeskomitee 5 Pfg. und die Kreisorgani⸗ sation 15 Pfg. Für zurückgebliebene Gegenden oder bei besonderen Verhältnissen kann ein ge⸗ ringerer Beitrag gestattet werden. An die Parteigenossen der Orte Hausen, Garbenteich, Watzenborn⸗Steinberg, Großen⸗Linden und Leihgestern! Gemäß des Beschlusses der vorjährigen Bezirks⸗ konserenz beruft der unterzeichnete Vorstand auf Sonntag, den 12. August, nachmittags 3 Uhr, in das Lokal„Zum grünen Baum“ in Steinberg eine Bezirkskonferenz ein. Tagesordnung: 1. Die Landeskonferenz in Mühlheim. 2. Stellung von Anträgen und Delegiertenwahl. Parteigenossen! In Anbetracht der Wichtig⸗ keit der Tagesordnung ist es notwendig, daß eine zahl⸗ reiche Vertretung aller in Betracht kommenden Orte erfolgt. Mit Parteigruß Der Vorstand des sozialdemokratischen Wahlvereins Steinberg Wersammlungskalender. Samstag, den 11. August. Friedberg. Wahlverein. Abends ½9 Uhr Versammlung in der„Konkordia“. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt K. Stumpf. Lollar, Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Schupp. Launsbach. Freie Turnerschaft. 9 Uhr Versammlung bei Wirt Ko m p. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Sonntag, den 12. August. Gießen. Allgemeine Gewerkschafts⸗ Versammlung. Nachmittags 3 Uhr bei Orbig. Tagesordunng: 1. Abänderung des Regulativs; Antrag der Metallarbeiter. 2. Saal⸗ frage. Hausen. Arbeiter⸗Verein. Nachmittags 3 Uhr General⸗Versammlung bei Wirt Wallbott. Heuchelheim. Tabakarbeiter. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Aug. Rinn. Heuchelheim. Turnabteilung. ½3 Uhr Versammlung im Turnlokal. Nieder⸗Eschbach. Wahl verein. Nachmittags ½4 Uhr Mitgliederversammlung bei Wilh. Holz. Ober Ohmen. Arbeiter⸗Wahl⸗Verein. Nachmittags 4 Uhr außerordentliche General-Ver⸗ sammlung. Reißkirchen. Arbeiterverein. Abends 9 Uhr General⸗Versammlung bei Wirt Wild. Sonntag, den 19. August. Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Mit⸗ gliederversammlung im„Stadtpark“. Briefkasten. Viele Zuschriften mußten zurückgestellt werden Abends Nachmittags —— — — K— 222 DS Seite 6. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. — Nr. 32. 7— 1 Dienstbotensehlaf. O, weckt sie nicht, ihr kommt vom Trinkgelage, Sie haben sich gemüht für euch bei Tage; Ihr leertet aus den Becher süßer Lust, Sie stellten hin den bittern Kelch der Plage. Legt Sanftmut auf die ungerechte Wage, Daß euch nicht einst ihr blasses stummes Aug' Und ihrer Wangen Blässe furchtbar frage: Wer gab in eure Hand das Recht der Plage d Für euch nur raffen sie die Kraft so eilig Im kurzen Schlaf zusammen— stört sie nicht! Auf ihren Stirnen steht es hundertzeilig: Dienstbotenschlaf ist heilig, dreimal heilig! So heilig wie das Schwert des müden Kriegers, So heilig wie das Selt ruhmvollen Siegers Und wie der Stab, daran zusammenbricht Vom letzten Kampf die Kraft des Unterliegers. Legt Sanftmut auf die ungerechte Wage! O, weckt sie nicht— ihr kommt vom Trinkgelage, Geht leisen Schritts, reißt an der Glocke nicht— Wer gab in eure Hand das Recht der Plage d Moritz Hartmann. Die verarmten. Blühend und duftend, prangend in ihrer ganzen Maienpracht lagen die Gärten am Kur⸗ fürstendamm; Goldlack, Narzissen, Stiefmütter⸗ chen und Vergißmeinnicht leuchteten wie funkelnde Edelsteine aus dem Smaragdgrün des jungen Rasens, der Faulbaum hing voll weißer Trauben, an den Fliederbüschen sprangen die ersten Blüten, und über allem warmer, lachender Sonnenschein. Ja es war wundervoll! Marie blieb einen Augenblick stehen, ließ das Auge entzückt über all die Pracht schweifen und atmete die frische, reine Luft in vollen Zügen ein. Das war hier ein anderes Wandern als drinn in der Markusstraße. Wer hier wohnen konnte! Wer überhaupt so hinaus konnte in den Frühling, aufs Land! Na, vielleicht können sie es nun auch einmal. Sie seufzte schwer, und über ihr Gesicht ging ein sorgenvoller Zug, verschwand aber auch so⸗ fort wieder. Ach gewiß können ste! Tante Wanda würde das Geld schon geben; wenn sie hörte, daß Max so krank war und daß er unbedingt hinaus müßte, um die schwachen Lungen wieder zu kräftigen, konnte sie doch nicht nein sagen, sie konnte doch den Sohn ihrer einzigen Schwester nicht verlassen! Nein, nein, ste war ja immer gut gewesen. Und Marie beflügelte ihren Schritt, schon nach wenigen Minuten hatte stie das elegante Haus an der Uhlandstraße erreicht. a Eine Zofe mit koketter weißer Schürze und ebensolchem Häubchen öffnete. „Ja, die gnädige Frau war zu Hause— aber ob auch zu sprechen?...“ Etwas herablassend maß das Mädchen die 9 55 gekleidete junge Frau: Na, sie wollte ehen. Eine Flucht eleganter Salons, Teppiche, in denen der Fuß versank; schwellende Polster, geschnitzte Möbel, Gemälde erster Meister. Marte hielt unwillkürlich den Fuß an, es überkam sie wie eine geheime Scheu, aber sie schüttelte sie rasch ab. Ach was! Es war doch ihre Tante, und wenn sie zehnmal hier in Prunk und Reichtum saß. Gut, daß sie da saß, nun konnte sie wenigstens helfen, daß ihr armer kranker Mann wieder gesund wurde. „Na Mariechen, wirklich? Was führt Dich denn hierher?“ 5 Eine Stimme schreckte sie aus ihren Träumen auf. Tante Wanda stand vor ihr und streckte ihr die Hand entgegen:„Setze Dich, Du warst ja so lange nicht hier?“ „Ja, Du weißt ja, Tante, Max war krank, er hat beinah sieben Wochen gelegen. Lungen⸗ entzündung und anderes dazu...“ da „Ja eben, Du schriebst davon.“ Frau Wanda nickte...„Ich wär' ganz gern mal hinge⸗ kommen, aber Du weißt ja, meine Verpflichtungen, alle Tage muß man wo anders hin, und Ihr wohnt ja auch zu entfernt, in einer geradezu unmöglichen Gegend.“ „Schön ist sie nicht,“ sagte Marie. „Mehr als das, scheußlich ist sie! Und die Luft da bei Euch— ekelhatt! Ich hab' noch von meinem einzigen Besuch bei Euch genug. Da muß der Mensch ja krank werden.“ „Davon ist es bei Max nicht gekommen.“ Marie schüttelte den Kopf.„Ueberanstrengung; er hat Ueberstunden gemacht im Kontor, um ein paar Taler mehr zu verdienen. Aber frei⸗ lich, die Luft kommt noch dazu.— Der Doktor hat auch gesagt, er müßte aus der Luft raus...“ „Da hat Euer Doktor auch sehr recht,“ stimmte Tante Wanda zu.„Und obenein nach solcher schweren Krankheit! Und jetzt im Sommer. Geht nur aufs Land! Urlaub bekommt er ja doch?“ „Gewiß, den bekommt er.“ Marie sah vor sich hin.„Seine Chefs haben mir gleich Vor⸗ schuß gegeben, der wird nur mit zehn Mark abgerechnet, weil Max schon so lange da und so tüchtig ist. Aber Tante, das ist ja so teuer! Und was die Krankheit alles gekostet hat! Da ist das Geld draufgegangen. Das ist unmöglich.“ „Das muß einfach möglich gemacht werden. Hör' mal, Maxens Leben steht ja dabei auf dem Spiel.“ „Ja, das steht es.“ In Maries Augen glänzten Tränen.„Wir haben auch schon hin und her überlegt, aber wissen keinen Rat. Und ja Tante, darum komme ich ja eben, da dacht' ich, Du könntest... Du würdest.“ „Ich... Euch helfen?... Lieber Himmel!“ Die Tante schlug die Hände zusammen. „Vielleicht mit zweihundert Mark,“ sagte Marie flehend.„Wir würden uns ja so ein⸗ Lichten „Aber ich kann doch nicht, Mariechen!“ Frau Wandas Stimme klang wirklich kläglick. „Ja, wenn ichs könnte! Nicht mehr wie gern! Du weißt doch, ich bin nicht so. Ich hab' Dir die halbe Aussteuer gekauft, damit Max Dich heiraten konnte, obwohl Du'n armes Mädchen warst. Und mein Mann wollte, er follte die Tochter von seinem Kompagnon nehmen, dann konnte er heute auch Bankier sein. Aber Miez⸗ chen, die Zeiten sind gewesen, wir haben ja beim letzten Börsenkrach so viel Geld verloren, wir sind ja mehr als unser halbes Vermögen los!“ „Aber Tante... nein... das ist ja schrecklich, Tante!“ Marie vergaß ihr eigenes Leid und streckte der alten Dame die Hände entgegen. 1 „Ob es schrecklich ist!“ Frau Wanda führte das Taschentuch an die Augen.„Und Du brauchst nicht etwa zu denken, daß ich bloß so sage. Wir müssen uns ja jetzt furchtbar ein⸗ richten, wir geben ja auch hier zum Oktober die teure Wohnung auf.“ „Nein, Tante, wie mir das leid tut, wo Du hier bald zehn Jahre wohnst.“ „Ja, damit hat es jetzt ein Ende.“ Die alte Dame seufzte.„Dreitausend Mark Miete können wir nicht mehr zahlen. Wir haben in der Eisenacher Straße gemietet, für zweitaufend einhundert Mark. Sieben Zimmer werden wir bloß haben, und der Kurfürstendamm ist es auch nicht.“ „Na aber, immer noch ganz annehmbar.“ Der teilnehmende Zug in Maries Gesicht verflog plötzlich. Sie wiederholte:„zweitausend ein⸗ hundert Mark— nur für Miete. Dann ist es ja noch nicht ganz so schlimm, Tante.“ „Ja, das sagst Du so, Mariechen.“ Frau Wanda schluckzte wieder ein bißchen.„Es ist nicht das bloß allein. Ueberall heißt es sparen. Sonst sind wir nach Italien gereist oder nach der Schweiz und nachher nach Ostende. Dies Jahr müssen wir uns mit Heringsdorf begnügen, wo jeder kleine Kaufmann hinfahren kann.“ „Wenn wir nur könnten,“ sagte Marie ton⸗ los. Frau Wanda überhörte den Einwurf: „Den Diener haben wir auch entlassen. Von Oktober ab nehme ich nur ein Mädchen. Und denkst Du etwa, wir trinken noch Wein? Nein, jetzt heißt es, schön sich mit Bier begnügen. Und wie ich mich erst mit meiner Toilette ein⸗ richten muß.“ „Ja, ja.“ Marie sah starr und wie geistes⸗ abwesend vor sich hin. „Ja, ja!“ wiederholte die Tante.„Nicht wahr, wer hätte gedacht, daß wir noch mal verarmen, und daß es uns so schlecht gehen würde? Ja, Miezchen, ich hülfe Euch ja gern, aber Du stehst doch ein, es geht doch nicht, wo wir uns selbst so furchtbar einschränken müssen.“ Allerlei. Wie Hessen Großherzogtum wurde. Am 13. August werden 100 Jahre verflossen sein, seit aus der Landgrafschaft Hessen⸗Darm⸗ stadt ein Großherzogtum wurde. Die Großh. Hessische Landeszeitung v. 19. August 1806 enthielt an der Spitze ihrer Nummer den fol⸗ genden Erlaß, den die Frankfurter Zeitung wiedergibt: Wir Ludwig, von Gottes Gnaden Groß⸗ herzog von Hessen, Herzog in Westfalen pp. Tun kund und fügen hiemit zu wissen: Zu⸗ folge des am 12ten Juli dieses Jahres zu Paris zwischen seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen, Könige von Italien und Uns, in Vereinigung mit mehreren bisherigen höchsten und hohen Deutschen Reichs⸗Ständen, abgeschlossenen Bundes ⸗ Vertrags, ist Uns die völlige Souverainetät, sowohl über Unsre angestammte und durch den letzten Reich⸗Deputations⸗Schluß erworbene, als auch nachbenannte Lande und Besitzungen beigelegt worden: Ueber das Burggraftum Friedberg mit allen Zubehörungen, die Herrschaften Breu⸗ berg, Heubach und Habtzheim, die Grafschaft Erbach, die Herrschaft Ilbenstadt, den Stoll⸗ berg⸗Gederischen Anteil an der Grafschaft König⸗ stein, die Besitzungen der Fürst⸗ und Gräflich Solmsischen Häuser in der Wetterau mit Aus⸗ schluß der Aemter Hohensolms, Braunfels und Greifenstein, über die Grafschaften Wittgenstein und Wittgenstein⸗Berleburg, das Amt Homberg vor der Höhe, die bisherigen unmittelbaren von Riedeselischen, nebst mehreren Reichsritterschaft⸗ lichen Besitzungen pp. Die Oberhoheit über letztgedachte Lande und Besitzungen begreift die Gesetzgebung, die Ober⸗ Gerichtsbarkeit, die Ober⸗ Polizei, die Militär⸗Hoheit und das Recht der Auflagen. Vermöge desfelben Staats⸗Vertrags, und nach der nun förmlich erfolgten Auflösung des Deutschen Reichs⸗Verbands, haben wir den Großherzoglichen Titel mit allen von der Königlichen Würde abhängenden Rechten, Ehren und Vorzügen, für Uns und Unsere Nachkommen angenommen und Unsere sämtlichen Herzogtümer, Fürstentümer, Grafschaften und Herrschaften pp. zu einem souverainen Großherzogtum erklärt, und machen solches, kraft dieses, zu Jedermanns Nachachtung kund. In der Ueberzeugung, daß alle Unsere An⸗ gehörigen, Diener und Untertanen an diesem für Uns und Unser Großherzogliches Haus so wie für Unsere gesammten Lande höchst wich⸗ tigen und erfreulichen Ereignisse, den lebhaftesten Anteil nehmen werden, gereicht es zu Unserer größten Zufriedenheit, ihnen zugleich die Verstcherung zu erteilen, daß Wir der mit der neuen Würde erlangten unumschränkten Gewalt auch insofern einen ganz vorzüglichen Wert beilegen, als sie Uns die frohe Aussicht eröffnet, das Unserem Landes väterlichen Herzen so teure Glück Unserer Angehörigen, Diener und Untertanen, so wie die allgemeine Wohl⸗ fahrt des Staats, noch wirksamer, wie bisher, erhöhen und befestigen zu können. Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und beigedruckten Staatssiegeln.— Gegeben in 8 Residenz Darmstadt den 13. August (L. S.) LU DEW JG. Interessant ist dabei, daß sich der beroßeßeg gar nicht genierte, seine Würde aus den Händen des„Erbfeindes“ entgegen zu nehmen. Heute wäre er ein„vaterlandsloser Geselle“. Ein amerikanischer Millionär als Sozialist. 8 J. Phelps Stockes, ein junger Millionär, der vor einiger Zeit durch seine Heirat mit ol lig lich le⸗ md ein erg bol ber die 2 der ind ben len fel, Nr. 32. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. einer armen russisch⸗jüdischen Zigarrenarbeiterin und durch seine offenherzig bekannten Sympa⸗ thien für den Sozialismus Aufsehen in der amerikanischen„Gesellschaft“ erregte, hatte sich zunächst der Hearstbewegung angeschlossen, ist jetzt aber zu der soztalististischen Partei über⸗ getreten. Aus dem Ideologen ist ein Sozialist geworden. In einem von der Presse vielver⸗ sprochenen offenen Briefe erklärt er seinen Werdegang: Wie es ihm fast unmöglich schien, die Hoffnung fahren zu lassen, daß die Menschen auch ohne den Sozialismus sich„bessern und bekehren“, bis er endlich einsah, daß auf dem Boden der heutigen Gesellschaft eine sittliche Wiedergeburt des Menschengeschlechtes so wenig stattfinden könne, wie das Reifen von Früchten im Wüstensande. Wie er zu der Erkenntnis kommt, daß der große Kampf unserer Zeit nicht ein solcher gegen Personen, die einzelnen Groß⸗ lapitalisten, sondern gegen das System des Kapitalismus ist, wie er offen bekennt, daß die führung und die rücksichtslose Brandmarkung der Ausbeuter und Unterdrücker, unter denen er doch so viele gute Freunde und auch sonst vortreffliche Menschen kannte, ihn abgehalten hätten, sich den 0 früher anzuschließen, bis er endlich begriff, daß die Schärfe der Kriegs⸗ führung durch das provokatorische Verhalten der Kapitalistenklasse gegen die Arbeiter als Klasse gerechtfertigt ist. Es heißt dann in dem Briefe:„Außerdem habe ich beobachtet, daß unter unserem gegenwärtigen industriellen System der Pauperismus unter den Reichen ebenso stark wie unter den Armen besteht. Unter einem Pauper verstehe ich einen Menschen, der entweder unfähig ist, sich selbst zu ernähren, oder der dazu zu träge ist und auf Kosten des Volkes ernährt werden muß.— Ich beabsichtige, meine Dienste der sozialistischen Partei anzu⸗ bteten. Entweder mit ihr oder als gänzlich unabhängiger Bürger, werde ich die Erkenntnis zu verbreiten suchen, daß das kapttalistische dustriell durch Lohnsklaverei, zu welcher es führt, vernichtend wirken muß und durch ein gerechteres System des Genossen⸗ schaftswesens und der gegenseitigen Unterstützung ersetzt werden muß.“ Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Humoristisches. Sachverständig.„Sie haben sehr feines Obst, solches sieht man im Dorf drinnen nicht. Die Landleute verstehen wohl nichts vom Edelobst?“ „O, die verstehen's schon! Wenn mir Obst gestohlen wird, sind es immer die besten Sorten.“ Pfaffenspiegel. Himmlische Freuden ver⸗ sprichst du? Schmach auf dich, falscher Prophet! Zeigt mir dein irdischer Wanst doch deutlich, wie du mich unerbitterliche Schärfe der sozialistischen Kriegs⸗ System e und in⸗ täuschst. een 0 * eee eee dd dd d dd dd dd hat jeder Kunde auf 20 Kilometer Entfernung, der seinen Bedarf auf . 85 Teilzahlung oder gegen Baar in Möbel. Betten, Polsterwaren, sowie Garderobe für Herren Damen u. Kinder im anerkannt grössten, ältesten u. koulantesten Waren- und Möbel-K RE DIT. aus d ATHANN deckt. Giessen Plockstraße 14.16 Plockstraße 14-16 Kleinste Anzahlung! Bequemste Teilzahlung! 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S eee Ge ee Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm) Gießen. Verantwortl. Redakteur F. A Vetters Gießen. Druck von Heppeler& Meyer Gießen,