al⸗ el ber. ler. en. sen ell. ol. en 1 1 1 1 1 1 Nr. 10. r Gießen, den 11. März 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Sunn 9g. d Mitteldeutsche gs⸗Jeitu Nebaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag„ U. 10. Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unseref nehmen alle Austräger in Stadt und Land, di! Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreicung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 93/8 und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Gerechtigkeit. Die gescheitelten wie die geschorenen Diener der Kirche finden wir im Allgemeinen im Lager der„Ordnungs“parteien. Wo irgend einer dieser Herren auftritt, hält er es für seine Auf⸗ gabe, der heutigen Ordnung das Wort zu reden, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Scheidung in Arme und Reiche als eine unabänderliche, gottgewollte Einrichtung hinzu⸗ stellen und die Schale seines Zornes über die gott⸗ und vaterlandslose Sozialdemokratie aus⸗ zuschütten. Und in welcher Art der Kampf von dieser Seite gegen uns geführt wird, dafür bieten Stöcker und seine Trabanten ein leben⸗ diges, abschreckendes Beispiel. Schlimmer ver⸗ höhnt der ärgste Spötter das Christentum nicht, als es durch diese Leute geschieht! Aber es gibt auch schon hier und da andere Geistliche, wirkliche Christen, die die Bestrebungen der Sozialdemokratie als durchaus richtig aner⸗ kennen— wie vor Kurzem erst der katho⸗— lische Pfarrer von den Brink in Holland — und sich auflehnen gegen das herrschende Maul⸗ und Schein⸗Christentum, dem sie in ihrem heiligen Zorn das Spiegelbild setner Verkom⸗ menheit vorhalten. Ein solcher Strafprediger ist der reformierte Pfarrer Kutter in Zürich, der auf seine aufsehenerregende erste Schrift „Ste müssen!“ kürzlich eine zweite, im selben Geiste geschriebene Schrift„Gerechtigkeit“ hat folgen lassen. Mit seiner neuen Schrift hat Kutter den Mut seiner Ueberzeugung bewiesen, schreibt unser Dresdener Parteiblatt dazu, denn nach der Herausgabe der ersten Schrift wollten ihm die guten Christen anläßlich der Pfarrer⸗Neuwahl die Existenz rauben und ihn so für seine frei⸗ mütige Kritik an dem entarteten modernen Christentum der besitzenden und herrschenden Klassen bitter strafen. Es bedurfte des Ein⸗ greifens der gottlosen Sozialdemokraten durch die Ausübung ihres kirchlichen Stimmrechts, um die Schurkentat der Bourgeoiste zu vereiteln, die einen von der Schablone abweichenden Pfarrer genau so maßregelt wie einen unzu⸗ friedenen Arbeiter. Die Lektüre der Kutterschen„Gerechtigkeit“ ist ein erhebender Genuß für Kopf und Herz, und man legt die Schrift nicht ohne Befriedigung und Gewinn aus der Hand. Rücksichtslos deckt er die Fäulnis, die Heuchelei, die Herzlosigkeit, die alles zerstampfende Jagd nach Gewinn und Reichtum der Besitzenden auf, denen das Christen⸗ tum, die Religion, ein Stück Mode⸗ und zugleich ein Herrschaftsinstrument gegenüber den besitz⸗ losen und unterdrückten Klassen ist. Ganz frei und offen fragt Kutter, nachdem er die Bibelstelle zitiert:„Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die da Gutes tun, vor⸗ nehmlich den Juden und auch den Griechen“, was bedeute es demgegenüber, ob einer ein Heide, ein Jude oder ein Christ sei? Und er läßt die„guten Christen“ darauf antworten: „Aber es ist doch ein großer Unterschied zwischen einem Christen und einem Heiden. Es ist doch etwas ganz anderes, ob ein Mensch von Jugend auf ben Unterricht einer Religion genossen hat, die ihm nicht nur die edelsten Grundsätze bei⸗ bringt, sondern die sein Wesen durch die Lehre von der natürlichen Sündhaftigkeit des Menschen Familien und lassen uns nichts als ein elendes und von der Gnade Gottes in Christo Jesu von Grund aus erneuert— oder ob einer von dem allen nichts gehört hat. Wie sagst du denn, der Christ habe vor dem Heiden nichts voraus?“ Darauf erwidert Kutter: Frage die Völker rings um dich her, was die Christen für sie zu bedeuten haben, die Stämme alle, die ein bru⸗ tales Regiment christlicher Regierungen zugrunde gerichtet, die heidnischen Untertanen, die das Glück haben, die„Segnungen“ der christlichen Kultur zu genießen. Frage das vom christlichen Volk ausgesogene Indien, die von deutschen Spekulanten zur Verzweiflung getriebenen Here⸗ ros, die Bewohner Madagaskars, dessen Boden die Franzosen mit dem Blut seiner Kinder ge⸗ tränkt— einstimmig werden sie dir sagen: Christentum ist gleichbedeutend mit Hölle, die Christen sind Teufel. Sie zerstampfen unsere Länder, rauben unsere Güter, zerstören unsere Dasein, gut genug, um der nimmersatten Geld⸗ gier unserer Peiniger Handlangerdienste zu leisten. Christentum und Geldgier— immer haben wir beide zusammen gesehen. Treulosigkeit im Handel, Grausamkeit in der Behandlung der Wehrlosen, Schlauheit und Ueberredungskunst an den Höfen unserer Fürsten, Ausschweifung, wie wir sie selbst kaum gekannt, Zerstörung, Plünderung, Mord— das ist das uns bekannte Christentum! Aber nun in unserer eigenen Mitte — welch furchtbares Schauspiel!„Eine Gesell— schaftsordnung, die den billigsten Anforderungen Hohn spricht, eine NMammonsherrschaft, von der sich auch das gewalttätige Heidentum nichts träumen läßt. Denn wir rauben und plündern nicht nur, wir treiben nicht nur von Haus und Hof, wir zwingen den Kleinen nicht nur, in unserem Dienste ein mehr als kümmer⸗ liches Dasein zu fristen, wir verachten und ver— höhnen die Armut nicht nur— nein, wenn wir es getan, dann weben wir um diese Ruchlosig⸗ keit den Glorienschein einer philosophischen oder religlösen„Weltauffassung“, oder sprechen wir von den„unabänderlichen Gesetzen“, die uns zwingen, so und nicht anders zu handeln, von Gott, der beide, reich und arm geschaffen habe. Die Christenheit mordet. Unser Produktions⸗ system ist vielfach nicht anderes als ein lang⸗ samer Mord an den Schwachen und Geringen. Der Kapitalismus ist der Tod der kleinen Leute. Die Syndikate, Ringe und Trusts sind nichts als organisterte, vom Staate eduldete Mördergruben. Tausend kleine Exi⸗ tenzen werden alljährlich von ihnen vernichtet. Die manchesterliche Maxime: laisser faire, laisser aller,“ von der man sich nicht weniger als dle blühende Wohlfahrt aller versprochen, hat ein furchtbares Ausbeutungssystem großgezogen, ein um so furchtbareres, als kein einzelner dafür verantwortlich gemacht werden kann, vielmehr jeder einzelne, wenn er überhaupt in Betracht kommen will, gezwungen ist, seine christlichen Grundsätze an ein mörderisches System auszu⸗ liefern.— Und der christliche Staat, dessen Auf gabe es wäre, den Kleinen vor der Tyrannei der Großen zu schützen, steht mit verschränkten Armen zu, wie ein Verzweifelter nach dem an⸗ dern in den Abgrund stürzt— ein Beschützer schamloser Vernichtungs⸗Praxis!“ * Das Gehenlassen, wie es geht. Nicht ohne Grund hat man vom„Schlacht- feld der Industrie“ gesprochen.„Unser ganzes Lohnsystem ist ein Mordsystem.“ Man mag sagen, was man will, auf die bessere Lebensführung des modernen Arbeiters, auf die vielen Begehrlichkeiten desselben im Unterschied von der Genügsamkeit des früheren hinweisen — es bleibt immer noch zu viel des Jammers, als daß man sich durch die Beruhigung mittels solcher Reflexlonen nicht den Vorwurf der Grau⸗— samkeit zuziehen würde. Solange die Löhne der Mehrzahl das Niveau der unentbehrlichsten Lebensführung nicht überschreiten, ja oft noch unter demselben bleiben, solange Arbeiterkinder in Krippen untergebracht werden müssen, damit ihre Mutter Gelegenheit bekomme, den kargen Verdienst des Vaters durch anstrengende und aufreibende Arbeit zu ergänzen, solange die arbeitende Klasse sich kaum über Wasser zu halten vermag, um bei unvorhergesehenen Krank⸗ heiten oder Unglücksfällen sofort in Elend zu versinken, solange wir die Armen durch die Armenpflege in ein herzloses Beobachtungssystem einschnüren und ihnen jedes Glas Bier vor⸗ enthalten, während die Oberen Unsummen an das Vergnügen verschwenden, solange wegen mangelnden Verdienstes Famtlien zersprengt, kleine Kinder der Heimakgemeinde überliefert werden, solange Mädchen und Frauen infolge übermäßiger Arbeit bei kargem Lebensunterhalt frühzeitig dahinwelken— darf sich die Christen⸗ heit dem furchtbaren Vorwurfe, daß sie morde, nicht entziehen!“ Pfarrer Kutter bespricht dann in objektiver Weise die Sozialdemokratie, die die äußeren Verhältnisse der Menschen bessern wolle, um sie auch innerlich, sittlich zu heben, und die han⸗ delt, während die„guten Christen“ so viel von der inneren Besserung der Menschen reden, damit aber nie Ernst machen. Und er ruft ihnen zu: Warum mutet ihr uns zu, in die Verdammnis jener Bewegung einzustimmen, die unter dem Namen Sozial demokratie durch die Welt braust? Wo ist heute ein wirklicher Fort⸗ schritt im Guten, der nicht auf ihre Rechnung käme? Und ihr verdammt da, wo ihr den Arm des lebendigen Gottes wieder erkennen solltet? Christenheit, wann hörst du auf, zu verdammen?“ Kutter sieht in der Sozialdemokratie das Christentum zur Wahrheit werden und erwartet von den Sozialdemokraten die Schaffung der Gerechtigkeit. Und daran arbeiten ste alltäglich; seine Hoffnung erfüllen sie mit jedem Tage durch initiative, tatkräftige Wirksamkeit! politische Nundschau. Gießen, den 8. März 1906. Im Reichstage wurde in der letzten Woche die Beratung des Justizetats und des Postetats fortgesetzt. Von unsern Genossen Heine und Stadthagen wurden der Klassen⸗Charakter der deutschen Justiz und ihre Tendenzurteile scharf kritistert. — Die Bubgetkommisston hat die Flotten vor, lage mit großer Mehrheit angenommen nur die Sozialdemokraten stimmten dagegen! — Weiter wurde in der Kommisston von Bebes bei dem Kolontaletat festgestellt, daß für dag Drecknest Tsingtan jetzt bereits 90 Millione, /, ¹wä—* 1 65 10 Soiie 2. Mitteldeutsche Sanntags⸗ Zeitung. Nr. 10. Mark ausgegeben worden seien! Unterdeß sucht die Steuerkommission noch immer neue Steuern. Bei der Erbschaftssteuer wurden Bestimmungen angenommen, die den Ertrag derselben bedeutend herabmindern. Die künstliche Fleischverteuerung. Wie hoch die Zölle für Fleisch und Vieh ab 1. März find, ist so ziemlich bekannt, aber weniger bekannt dürfte sein, wie hoch die Ein⸗ fuhrspesen für Fleisch überhaupt sind. An Un⸗ kosten für Zoll und Fleischbeschau sind, wie die„Deutsche Fleischerzeitung“ berichtet, von jetzt ab zu zahlen für frisches Rindfleisch per Pfund 16 Pfg., frisches Schweinefleisch 17 Pfg., gesalzenes Rindfleisch 20 Pfg., gesalzenes Schweinefleisch 21 Pfg. und gesalzener Speck 22 Pfg., alles per Pfund oder/ kg! Fetter Rückenspeck ist heute zu kaufen zum Preise von 38 Mk. per 100 Pfund franko Kopenhagen, London oder Rotterdam. Franko Hamburg kostet dieser Speck jedoch 44 Pfg., trotz gleicher Fracht, weil die deutsche Regierung von Amerika Trichinenatteste fordert, die ste selbst nicht an⸗ erkennt, die aber die Wirkung haben, daß die sechs amerikanischen Schlachtereien, die staatliche Trichinenschau haben, ein Monopol der Speck⸗ Ausfuhr nach Deutschland besitzen und dieses in der Weise ausnutzen, daß sie sich 6 Pfg. per Pfund mehr bezahlen lassen. Preußzische Polizeispitzelei. Die Regierung kann noch immer nicht ohne die Tätigkeit der„Ehrenmänner“ auskommen, die unter dem Namen„Spitzel“ bekannt sind und in den Zeiten des Sozialistengesetzes zu trauriger Berühmtheit gelangten. Am Sonntag gab der„Vorwärts“ Folgendes bekannt: „Bei unserer Geschäftsstelle liegen zur Ab⸗ holung Zweihundert Mark, welche am 24. Februar bezw. 3. März von dem Kriminal⸗ beamten Gustav Neumann, Oldenburger⸗ straße 11a VI., zwecks Verrats von Partei⸗ genossen und Parteibeschlüssen gezahlt wurden. Diese 200 Mark können— nach vorheriger Mitteilung über die Zeit der Abholung— von der politischen Pollzei nach Ausweis über die Identität der Persönlichkeit des Abholers und seines amtlichen Charakters gegen Quittung von unserer Geschäftsstelle: Lindenstraße 69, 2. Hof II., abgeholt werden.“ Der Vorwärts gab in der folgenden Nummer eine ausführliche Darstellung dieses Reinfalles der politischen Polizei. Diese wollte ein Mitglied des Vorstandes der sozialdemokratischen Organisation im sechsten Wahlkreis, den Ge⸗ nossen Karl Fischer kaufen und hat beretts 200 Mk. au ihn bezahlt. Da⸗ für sollte der Genosse die Beschlüsse des Vor⸗ standes ꝛc. verraten. Die gewünschten Mit⸗ teilungen hat sie nicht erlangt, dafür aber ist ihr eigenes Treiben abermals enthüllt worden. Als Genosse Fischer am Spätabend des 19. Februar aus einer Vorstandssitzung kam, gesellte sich zu ihm ein Individuum, und fing an, mit ihm zu philosophteren über die Misere der jetzigen Verhältnisse, um damit zu schließen, daß für einen intelligenten Mann es immer Mittel und Wege gebe, seine Verhältuisse auf⸗ zubessern und für Weib und Kind mehr heim⸗ zubringen. Wer so viel wisse und erfahre, wie F., der könne gewisse Nachrichten immer verwerten: andere tun das auch und man ver⸗ lauge ja nichts zu wissen, was man später nicht doch erfahre. Und als unser Freund sagte, damit gebe er sich nicht ab, er wolle kein Reporter werden, verabschiedete er sich an der Türe mit der Bitte, F. möge darüber nach⸗ denken, er werde gelegentlich wiederkommen. Am vierten Tage darauf kam er wieder. Aber unser Genosse F. hatte gleich am anderen Morgen mit ein paar Freunden Rücksprache genommen, die freilich seinem Vorschlage, dem sauberen Burschen die Verräterabsichten mit Proletarierfäusten ein für allemal und so gründlich aus dem Leibe zu treiben, daß er die Lust an solcher Arbeit auf die Dauer ver⸗ lieren solle, nicht zustimmten. Vernünftiger sei es, wleder einmal die Beweise zu erbringen, daß die Polizei mit den alten Mitteln der Korruption arbeite. Daher solle er sich den Wünschen des Poltzisten geneigt zeigen. So ging F. auf eine Zusammenkunft ein und dort erhielt er 100 Mk. sofort in die Hand gedrückt. Am 3. März fand abermals eine Zusammenkunft statt, wo Fischer für einen Bericht, der natürlich ganz gleichgültige Dinge enthielt, wieder 100 Mk. erhielt. Aber während der Unterhaltung erschienen plötzlich die von Fischer vorher verständigten Genossen Ernst und Abgeordn. R. Fischer auf dem Plane, worauf natürlich der Spitzel die Flucht ergriff. Er ließ einen Fragebogen zurück, der enthält, was die Polizei zu wissen wünscht.— Also man denke: Aus öffentlichen Mitteln werden geheime Fonds gebildet, die dazu dienen, an⸗ ständige Leute systematisch zu Schuften zu machen. Zu diesem moralischen Zwecke wird das Geld der Steuerzahler mit vollen Händen hinaus geworfen! Diesen Skandal sucht die bürgerliche Presse zu vertuschen! Die Justiz Hetze gegen die Sozialdemokratie. Schon wieder ist ein Redakteur der Leipziger Volkszeitung zu schwerer Gefängnisstrafe ver⸗ urteilt worden. Wegen angeblicher Majestäts⸗ beleidigung stand der Genosse Kressin am Donnerstag vor der Leipziger Strafkammer. Durch einen in dem genaunten Parteiblatt er⸗ schienenen Artikel„Albertinische Profile“ über⸗ schrieben, soll der sächs. König beleidigt sein. Dieser Artikel beschäftigte sich mit den Fürsten des Wettinischen Hauses, vom Herzog Moritz aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts, bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, samt deren Regierungswerkzeugen und zwar mit dem aus⸗ gesprochenen Zwecke, einmal die Rechtstitel zu untersuchen, auf die sich das heutige Regierungs⸗ system stützt, und sich anmaßt, dem werktätigen Volke die Rechte vorzuenthalten, die dieses in einem modern bürgerlichen Staate zu seiner Interessenwahrung unter allen Umständen haben muß. Diese historisch kritische Untersuchung lieferte freilich kein schmeichelhaftes Bild der damaligen Wettiner und ihrer Werkzeuge, was die Staatsanwaltschaft nun so auslegte, als sollte damit nur ein Hieb gegen den jetzigen König geführt werden. Sechs Monate Ge⸗ fängnis wurden dem Genossen Kressin auf⸗ diktiert! Dabei war der Name des jetzigen Königs in dem Artikel gar nicht genannt! Das Gericht meinte aber in der Urteilsbegründung, daß der jetzige König damit getroffen werden solle. Man vergegenwärtige sich bei dieser Urteilsbegründung die Tatsache, daß die„Alber⸗ tinischen Profile“ ein historischer Aufsatz ist und sein Matertal ausschließlich aus bürgerlichen Geschichtswerken genommen ist. Mit dieser Ver⸗ urteilung des Genossen Kressin ist auch die bürgerliche Geschichtsschreibung(Carlyle, von Treitschke usw.) mit verurteilt. Ein Glück, daß Jene längst im Grabe ruhen,— der Arm der sächsischen Gerechtigkeit würde auch sie packen, dieselbe sächstische Gerechtigkeit mit der Binde vor den Augen, würde auch sie wenn sie in unserer von politischen Stürmen bewegten Zeit lebten, verurteilen.— Als Schreckensurteile müssen auch die gegen unsere Genossen Witte und Sied⸗ schlag in Stargard gefällten bezeichnet werden. Wegen Verteilung des Wahlrechts⸗ flugblattes wurden diese beiden zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Dabei steht bei Witte fest, daß er nicht ein einziges Flug⸗ blatt verbreitet hat!— In Danzig hat man wegen Verbreitung derselben Flugblaͤtter gegen zehn Genossen auf Geldstrafen erkannt. In vielen anderen Städten wurde überhaupt die Beschlagnahme der Flugblätter aufgehoben; in Berlin, Düsseldorf, Elberfeld ꝛc. fand man darin nichts Strafbares. Von dem Nückgang der Sozialdemokratie wußte die bürgerliche Presse in den letzten Tagen viel zu erzählen. Sie stützt sich dabei auf einen in der„Neuen Gesellschaft“ erschienenen Artikel des Genossen August Müller in Magdeburg. Dieser Genosse machte sich den Zeitvertreib, die Nachwahlergebnisse seit 1903 zusammenzustellen und er konstatiert, daß in diesen Wahlen unsere Partei über 14000 Stimmen eingebüßt, dagegen die Gegner etwa 17000 zugenommen haben. Er meint weiter, daß dieser Rückgang durch die Parteistreitigkeiten, Fehler einzelner Partei⸗ genossen und kleinlicher Gehässigkeiten in der Partei veranlaßt worden sei. Dadurch seien den Gegnern Waffen in die Hände gegeben worden, die ste jetzt wirksam gegen uns an⸗ wendeten. Nun ist es ja ganz gut, den mut⸗ maßlichen Gründen des Stimmenrückgangs nachzuspüren und es schadet auch weiter nicht, wenn dabei Selbstkritik geübt wird. Doch aus diesen Zahlen Rückgang sonern zu wollen, geht unseres Erachtens nicht an. Man muß schon die Wahlziffern von der vorhergegangenen Wahl(1898) mit heranziehen, um ein klares Urteil zu gewinnen. Und da zeigt sich, daß auch die Ergebnisse der Nachwahlen gegen 1898 bedeutende sozialdemokratische Forkschritte darstellen. Nach unserem Wunsche müßten wir ja bei jeder Wahl Zunahme haben; aber es bleibt zu berücksichtigen, daß die Steigerung unserer Stimmenzahl bei den letzten allgemeinen Wahlen eine so starke, teilweise sprunghafte (Essen!) war, daß Rückschläge als ganz natur⸗ gemäß erwartet werden mußten. Schließlich sind wir der Meinung, daß Genosse Müller wohl noch ein Thema gefunden hätte, dessen Erörterung für die Partei und die Genossen nützlicher und fruchtbringender war, als das von dem„Rückgang“. 5 Fort mit dem Kriege! Das internationale sozialistische Bureau hielt am Sonntag eine Sitzung in Brüssel ab, bei welcher die Hauptländer vertreten waren. Aus Deutschland waren Bebel und Kautsky, aus Frankreich Jaures und Vaillant, aus England Keir Hardie und Hyndmann, aus Belgien Vandervelde und Anseele anwesend. Holland, Oesterreich, Rußland ꝛc. hatten eben⸗ falls Delegierte entsandt. Zur Kriegsfrage wurde eine von Vaillant gestellte Resolution beschlossen, welche besagt, daß sobald ein kriegerischer Konflikt auszubrechen droht, die sozialistischen Parteien sofort in Verbindung mit einander treten sollen, um alles zu tun, den Krieg zu verhüten. Das Bureau verhandelte dann noch über Bestimmungen, welche die Vertretung der ein⸗ zelnen Nationen auf den internationalen Kongressen regeln, sowie die Art der Ab⸗ stimmung festlegen. Auch darüber wurde eine Verständigung herbeigeführt.— Abends fand eine große von 3000 Personen besuchte Ver⸗ sammlung statt, in welcher Jaurés, Hyndmann und der Holländer Troelsta über das Thema: „Krieg dem Kriege“ sprachen. Die Redner ernteten stürmischen Beifall. Eine Resolutton, welche die Sozialisten aller Länder auffordert, eine Störung des Friedens zu verhindern, fand einstimmige Annahme. Kleine politische Nachrichten. Die Landtagswahlen in Rudolstadt sind mit der am Freitag stattgefundenen Stichwahl in Leute n⸗ berg erledigt. Bei dieser unterlag leider unser Genosse Hartmann dem Bauernbündler Fiedler und somit besteht der Landtag aus 7 Sozialdemokraten und 9 Bürgerlichen. Das französische Ministerium Rouvier ist am Mittwoch gestürzt. Die Kammer verhandelte über eine Interpellation wegen des Trennungsgesetzes, dessen Durchführung und besonders der Inventurauf⸗ nahmen, die Pfaffen gewaltsamen Widerstand ent⸗ gegensetzen. Die Tagesordnung Peret's, die von Rouvier angenommen wurde, erhielt nur 234 Stimmen, während 267 dagegen stimmten. nicht leicht sein. Revolution in Rußland. Ueber den Priester Gapon zirkulieren dunkle Geschichten. Der Vorsitzende der Fabrik⸗ arbeiter, Nikolaus Petrow, gab in der Zeitung„Ruß“ bekannt, daß Gapon kurz nach dem blutigen 21. Januar 30000 Rubel. vom Grafen Witte erhalten habe, damit er ins Ausland verschwinden könnte. Vorher sollte er jedoch alle Verluste, die den Die Lösuug der Krise dürfte len sere gen en. I tel der den ben an. lut⸗ 1 cht, aus ht hon len res 908 tte wir eb ing nen lr daß den und der au sel ell. h, aus aus and. el age on ein die ung un, lber eln len Ab⸗ eine and ber⸗ an Na 1 fol ell, and ful tel ost fut hel. iet delle che, zaul⸗ csl⸗ le U u I — Nr. 10. —]]. 7²— MNitteldenesche Sonnags⸗ Zeitung. Seite 3. Arbeitern durch die Schließung ihrer Vereine nach dem 21. Januar entstanden waren, von dieser Summe decken. Gapon habe für diesen Zweck tatsächlich 7000 Rubel hergegeben, während er die übrigen 23000 Rubel ein⸗ fach einsteckte und damit ins Ausland ab⸗ reiste. Zum Schluß schreibt Petrow:„Ich entschloß mich, die problematische Persönlichkeit Gapons endlich sowohl allen Arbeitern wie dem russtschen Volke zu enthüllen, ebenso das Faktum, wofür die Regierung ihre Gelder hinaus wirft.“ Das Zeutralkomitee des russischen Arbeiter⸗ verbandes stellte darauf richtig, daß nicht Gapon, sondern dessen rechte Hand, Matjuschenski, 30000 Rubel im Auftrage Wittes erhalten habe, daß dieser mit 23 000 Rubel verduftet sei und jetzt gesucht werde. Das Komitee spricht die feste Ueberzeugung aus, daß Gapon von diesem Gelde keinen Groschen genommen habe. Ebenso bestritt Witte, daß er Gapon Geld gegeben habe.— Nach einer neueren Meldung soll Gapon jetzt ganz unbehelligt in Petersburg sich aufhalten und habe sich bereits in Ver⸗ sammlungen gegen die ihm gemachten Vor⸗ würfe verteidigt.— Uns hat dieser Mann von Anfang an kein besonderes Vertrauen eingeflößt. Zum Tode verurteilt. Am 4. März ging der Prozeß gegen den Leutnant Schmidt und einer Anzahl Matrosen vor dem Kriegs- gericht zu Otschakow zu Ende. Schmidt wurde zum Tode durch den Strang, 3 Matrosen zum To de durch Erschießen und verschiedene andere zu Zwangsarbeit verurteilt. Zehn Angeklagte wurden freigesprochen. Als das Urteil bekannt wurde, verweigerte die Mannschaft des Kreuzers Pruth den Gehor— sam. Sie verlangt, daß Schmidt die Todes⸗ strafe nicht erleiden dürfe. Auf Befehl des Hauptkommandanten sind drei Kriegsschiffe nach dort unterwegs. Beim Abschied sagte Schmidt zu seinem einzigen Sohne Eugen: „Vergiß nicht, daß dein Vater für die Freiheit Rußlands gestorben ist.“ Schmidt führte vorigen Sommer das Kommando des rebellischen Krlegs⸗ schiffes„Potemkin“. Zar Nikoläuschen will seine selbst⸗ herrliche Macht behalten, wie er einer Deputation erklärt hat. Hoffentlich bringt das Volk dem Manne noch andere Anstchten bei. Mus dem hessischen Landtage. Wie bereits in unserer letzten Nummer kurz erwähnt, begann die Zweite Kammer am Donnerstag voriger Woche die Beratung des Staatshaushalts. Dabei gibt es regelmäßig eine Erörterung über allgemeine Landespolitik. Von unserer Partei ergriff Genosse Ulrich das Wort, der zugleich auf die Augführungen seiner Vorredner Reinhart und Molthan antwortete. Eingangs seiner Ausführungen bemerkte Ulrich, daß die Finanzlage nicht so günstig sei, als es von der Regierung und den Vor⸗ rednern dargestellt worden set. Eine Verbesse⸗ rung der Landesfinanzen werde auch die Reichs⸗ finanzreform nicht bringen, da Militarismus und Martknismus immer höhere Opfer fordern. Schön sei es nicht, daß die Besitzenden diese Kosten auf dle Besitzlosen ab⸗ wälzen, etwas anderes geschehe gegenwärtig in Berlin in der Steuerkommission nicht. Wenn sich die Herren ein Bild von der Lebenslage des Volkes machen wollten, solle man die Steuerlisten zur Haagd nehmen und man sehe, es haben in Hessen 70 Prozent der Bewohner ein Einkommen unter 1000 Mark. Redner schildert das auf der Heimarbeiterausstellung in Berlin und besonders auch das in der Tabak⸗ industrie herrschende kaum glaubliche Elend. Durch die Verkehrssteuern, Ansichtskarten⸗ und Fahrkartensteuer, die eine unglückliche Idee sind, werde der erhoffte Steuerbetrag nicht eingehen und der Reichspostsekretär und der Eisenbahn⸗ minister würden sauere Gestchter machen, weun sie die Verminderung der Verkehrseinnahmen in Folge solcher Steuern sehen würden. Das einzige gerechte Steuersystem sei die Reichs⸗ einkommen und Reichserbschaftssteuer. Man würde wohl wieder entgegnen, es sei zu schwer, eine Reichseinkommensteuer zu erheben; das sei nicht der Fall, man könne ste als Zu⸗ schlag auf Landes- oder Gemeindesteuern legen. Wo ein Wille, set auch ein Weg. Redner ist der Meinung, auf Grund des Neem eee durch eine Erhöhung der ermögenssteuer, durch eine Progresston dieser Steuer lasse sich eine Besserung der Finanzen erzielen, bei einer solchen Steuer würde man die kleinen Landwirte, Handwerker und Arbeiter nicht treffen. Die Besitzenden würden wegen 25 Pfg. pro 1000 Mk. nicht auswandern, auswandern tun diese Leute, wenn sie im gesellschaftlichen Verkehr beiseite gesetzt werden. Der springende Satz in der Rede des Staatsministers war, daß er eine Systems⸗ änderung nicht eintreten lassen wolle, sondern daß er auf dem Standpunkt seines Vorgängers stehe. Dieser habe den Grundsatz ausgesprochen, daß er eine Gleichberechti⸗ gung aller Parteien anerkenne. Dies treffe im Lande draußen nicht zu. Er müsse Anklage erheben, daß die von Sozialdemo⸗ kraten gewählten Bürger meister und Beigeordneten nicht bestätigt werden. Man werde zur Begründung dieser Maßregeln antworten, die Sozialdemokratie sei eine„Um⸗ sturzpartei“. Die Sozialdemokratie strebe eine Fortentwicklung, eine Demokrattsterung aller politischen Verhältnisse an. Man mißt mit zweierlei Maß und dagegen müsse Ver⸗ wahrung eingelegt werden. Einen Mann nicht zu bestätigen, nur weil er Sozialdemokrat set, wäre ebenso stark wie die Beschneidung der Gewissensfreiheit gegen Andersgläubige. Die hessischen Arbeiter verlangen endlich ihr Recht. Nicht er säe hier Klassen⸗ haß, sondern diejenigen, die die Gleich berechti⸗ gung der Arbeiter nicht anerkennen. Die Re⸗ gierung habe die Pflicht angesichts der Situation, wenn sie die Gemeindesteuerreform nicht bald bringen könne, wenigstens die Wertzu⸗ wachssteuer zu bringen. Wenn sich die Regierung nicht auf die Zweite Kammer stütze, werde sie die Gemeindesteuerreform nicht be⸗— kommen. Durch den Widerstand der Ersten Kammer werde die Regierung auch auf den Standpunkt kommen, daß die Erste Kammer ein Hemmschuh sei. Einen Regulator, wie Abg. Reinhart die Erste Kammer betrachtet, der nur die Steuergesetze und die Fortentwicke⸗ lung der politischen Verhältnisse hemme, wünsche er am liebsten auf dem Blocksberg. Ulrich schließt, indem er nochmals für Gleichberechtigung der Arbeiter eintritt. Am Freitag eröffnete der Zentrums mann Schmidt die Debatte, der die Berufungen in die Erste Kammer kritisterte, für den sozial⸗ demokratischen Antrag auf Abschaffung der Ersten Kammer aber nicht zu haben ist. Finanz⸗ minister Gnauth meint, Ulrich habe die Finanzverhältnisse zu schwarz() geschildert. Der neue Ministerpräsident Ewald meint be⸗ züglich des Vorwurfs, den Ulrich wegen der Nichtbestätigung von Sozialdemokraten als Gemeindebeamte erhebt, es sei ein Unterschied, ob ein Arbeiter oder ein Sozialdemo⸗ krat bestätigt werden solle. Auch die übrigen Parteien hätten Arbeiter unter ihren Mitgltedern. Seine persönliche Ansicht wolle er zurückstellen, weil die Angelegenheit im Verwaltungsstreit⸗ verfahren anhäugig sei. Ministerialpräsident Braun teilt bezüglich der Kreisblätter mit, daß die Absicht besteht, durch eine besondere Beilage die amtlichen Bekanntmachungen allen Blättern zugänglich zu machen. Staatsrat Krug v. Nidda geht auf die Frage der Schiffahrtsabgaben ein, deren Einführung von Preußen geplant werde. Genosse Dr. David bemerkte hierauf, daß nach dieser Erklärung die Regierung bereit sei, den Wünschen Preußens auf Einführung von Schiffahrtsabgaben Rechnung zu tragen und der frühere ablehnende Standpunkt sei schon auf dem halben Wege gefallen. Bei den Interessenten am Rhein werde diese Erklärung eine große Enttäuschung hervorrufen. Die Wiedereinführung von Schiffahrtsabgaben sei ein ostelbisches Bestreben, das durch den Einfluß der höchsten preußischen Beamten als gleichzeitige Reichsbeamten auf das Reich und von diesem wieder auf die Einzelstaaten übertragen werde. Wenn man bet den Verhandlungen die Inter⸗ essenten frage, solle man auch die breite Masse des werktättigen Volkes fragen, weil es sich bei Einführung von Abgaben um eine Erhöhung der Preise auch der Lebensmittel handele. Daran würden auch die niederen Abgabensätze, von denen der Regierungsvertreter gesprochen, nichts ändern, denn deren Festsetzung geschieht durch die Regierungen, die Volksvertretungen könnten nur Wünsche äußern und wie die beachtet würden, ersehe man aus den Tarifreformbestre⸗ bungen bei den Eisenbahnen. Man sage auch, die Einnahmen aus den Schiffahrtsabgaben sollten nicht in die Staatskassen, sondern in eine Strombaukasse fließen zur Unterhaltung der Wasserstraßen, das werde aber noch anders kommen, das sei nur ein Vorwand, denn: Mit Speck fängt man Mäuse! Redner kommt dann auf die inneren politischen Verhältnisse des Reichs, insbesondere derjenigen Preußens zu den süddeutschen Staaten zu sprechen und meint, daß man die dortigen reaktionären Verhältnisse auch gern auf Süddeutschland übertragen möchte, Preußen und Berlin marschiere i« allen poli⸗ tischen und allen Kulturfragen hinten nach. Hinsichtlich des Wahlrechts set zu hoffen, daß die Regierung die Sache etwas energischer in die Hand nehme, sie würde auch schneller zum Ziele kommen, wenn ste einen Schritt weiter gehe und das Proportionalwahl⸗ verfahren mit in die Vorlage aufnehme. — Auffallend sei es auch, daß man ausge⸗ zeichnete Staatsbürger nicht aus den Kreisen der Arbeiter, kleinen Handwerker und Bauern in die Erste Kammer berufe. Dadurch würden ganze Klassen von der Mitwirkung an der Politik ausgeschlossen und das sei Klassen⸗ politik. Dabei denke er an das Sprüchwort: Neuen Wein fülle man nicht in alte Schläuche. Wenn man aber einen Sozialdemokraten in die Erste Kammer hineinnehme, könne der alte Schlauch platzen. Zurückzuweisen seien auch die Behauptungen, daß der sozialdemokratische Antrag auf Abschaffung der Ersten Kammer nur Agitationswert habe. Das sei zwar immerhin schon ein Wert, wenn dadurch der Gedanke weiter und die große Masse des Volkes ergreife, wodurch die Erste Kammer schlteßlich zur Einsicht komme und freiwillig gehe. In Bezug auf die Mühlheimer Beigeord⸗ netenwahl müsse man erwarten, daß eine Bestätigung erfolge. Ein Arbeiter ist freilich noch nicht von vornherein Sozialdemokrat, aber die meisten Arbeiter erblicken in der Sozial⸗ demokratie ihre Vertreter. Die Kousequenz der Erklärungen des Finanzministers sei eine Er⸗ höhung der Vermögenssteuer. Die Sozialdemo⸗ kratie verlange auch hier eine progressive Besteuerung und die Zweite Kammer habe auch schon einmal einen solchen Antrag angenommen, der durch den Widerstand der Ersten Kammer gescheitert ist. Redner fordert von der Regie⸗ rung für direkte Steuern im Reich einzutreten, heute hätten die Aermsten Ste ganzen Lasten zu tragen, die bis zu 10 Prozent ihres Ein⸗ kommens für indirekte Steuern hergeben müßten. Bei Fortsetzung der Generaldebatte am Dienstag sprach zuerst der Bauernbündler Brauer, welcher für Schiffahrtsabgaben und für Beibehaltung der indirekten Steuern ein⸗ tritt; ganz nach Muster der ostelbischen junker⸗ lichen Agrarier. In der Nachmittagssitzung wies Genosse Ade lung verschiedene Ausfüh⸗ rungen der Vorredner zurück. Der National- liberale Reinhart ist für indirekte Steuern dort, wo der Konsument den Verbrauch selbst in der Hand habe, wie beim Biergenuß. (An den Minderkonsum und die dadurch ent⸗ stehende Arbeitslostgkeit scheint der gute Mann nicht zu denken.) Ulrich bemerkte ihm gegen⸗ über, nicht, daß die Zahl der Betriebe oder Arbeiter in der Tabakindustrie zurückgehe sei wesentlich, vielmehr tritt als Folge der Steuer eine merkwürdige Steigerung für die Heim⸗ arbeit ein, die doppelt gefährlich ist, weil sie in einem schwer kontrollierbaren Raum statt⸗ findet. Die Heimarbeitausstellung in Berlin Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 10. eigte, daß in der Heimarbeit der Tabakindustrie 5 Pfennig pro Stunde gezahlt werde. Deshalb soll die Regierung helfen. Alle Sozialdemo⸗ kraten, französische wie andere, sind gegen in⸗ direkte Steuern. Seine Freunde hätten mehr Vaterlandsliebe als manche anderen, die den Patriotismus öffentlich zur Schad trügen. Daß die Bestitzenden für Heer und Flotte hauptsächlich auflommen müßten, sei eine ge⸗ rechte Forderung, denn die Besitzenden hätten die meisten Vorteile. Echte Vaterlandsliebe sucht nicht den anderen die Lasten aufzubürden, sondern sie zahlt. Die Organisation der Tabak⸗ arbeiter könne allein nicht helfen, wenn nicht die Gesetzgebung mit eingreife. Nach einer längeren Rede des Ministers Braun wird die Generaldebatte geschlossen. von Nah und Fern. Hessisches. — Die Darmstädter Ersatzwahl ist auf den 25. April, einen Mittwoch, festgesetzt worden.— Die Kreiskonferenz, welche am Sonntag in Darmstadt abgehalten wurde und von 43 Delegierten besucht war, beschloß einstimmig den Genossen Berthold⸗ Darmstadt als Kandidaten aufzustellen. Die Nationalliberalen haben bekanntlich in Ver⸗ bindung mit den Landwirts⸗Bündlern den Darmstädter Rechtsanwalt Dr. Stein, die Freisinnigen haben den Nationalsozialen Pfarrer Korell von Königsstädten aufgestellt. Gießener Angelegenheiten. — Auskömmliche Existenzen. Aus dem städtischen Verwaltungsbericht für 1904 ist ersichtlich, daß wir in Gießen etwa 200 Steuerzahler mit recht gutem, sogar glän⸗ zendem Einkommen haben. Nicht weniger wie 130 verfügen über ein Einkommen von 10 bis 20000 Mk., also soviel und noch mehr im Monat, was durchschnittlich bezahlte Arbeiter im ganzen Jahre verdienen. 32 befinden sich in noch besseren Verhältnissen, ste haben 20- 30000 Mk. jährliches Einkommen. Weitere 15 find in die Einkommensteuerklassen von 30 bis 50000 Mk. eingeschätzt; 7 haben 5080000 Mark pro Jahr und 4 haben gar über 100000 Mark! Damit läßt sich gewiß leben und diese Leute brauchen sich über die Verteuerung der Lebensmittel allerdings weiter keine Gedanken zu machen. Wie anders bei dem Arbeiter, dem jeder Pfennig Ve·teuerung der notwendigsten Lebensmittel Entbehrung auferlegt. — Ersolgreiche Spekulation. Hunderttausend Mark hat Herr Brauerei⸗ besitzer Bichler bet Verkauf der Aktlenbrauerei im Handumdrehen„verdient“. Die nette Sache kam in der Stadtverordnetensitzung am Donners⸗ tag zur Sprache. Oberbürgermeister Mecum teilte auf eine Anfrage mit, daß der Kaufvertrag am 29. März vorigen Jahres perfekt war, wonach er das Gelände der Aktienbrauerei für 494000 Mk. verkaufte. Am 8. April erklärte Bichler, daß er nickt allein Besitzer der Aktien sei— wie er vorher behauptet hatte— sondern seine Frau besitze einen Teil und erhebe Einspruch gegen den Verkauf, wenn für das Objekt nicht 605000 Mk. bezahlt würden. Die Stadtverordneten genehmigten damals den Kayf, wußten aber nichts von den vorhergegangenen Abmachungen. Sie würden andernfalls, wie von verschiedenen Stadtverordneten betont wurde, ihre Zustimmung nicht gegeben haben. Von mehreren Seiten, besonders von Herrn Georgi wurde der Trick des steinreichen Herrn Bichler entschteden verurteilt. Die Geschichte wird wohl noch lange die Gießener Einwohnerschaft be⸗ schäftigen. Jedenfalls bietet sie eine hübsche Illustration zu dem Kapitel:„Wie man zu etwas kommt“— durch Fleiß und Sparsamkeit natürlich. — In der Stadtverordneten ⸗Sitz⸗ ung am Donnerstag herrschle eine gewisse „Schwüle“. Lange wurde über die Herstellung des Landgraf. Philipp⸗Platzes debattiert, bei welchem Punkte auch die Sache mit der Aktien⸗ braueret zur Sprache kam. Für die Herrichtung des Platzes wurden 26000 Mk. verlangt, mit gärtnerischer Anlage. Dieser Betrag erscheint mehreren Stadtvätern zu hoch; eine Befestigung mit Schotter und Kies müsse sich viel billiger herstellen lassen. Die Sache wird an das Stadt⸗ bauamt mit dem Auftrage ein billigeres Projekt auszuarbeiten, zurückverwiesen.— Eine weitere Anfrage, was eigentlich am Kanal passtert sei, rief ebenfalls eine lange Debatte hervor. Herr Oberbürgermeister Mecum erklärte, daß sich ver⸗ schiedentlich Risse im Kanal gezeigt hätten, die ausgefugt werden müßten. Zur Beunruhi⸗ gung liege aber kein Anlaß vor. Immerhin betragen die Reparaturkosten 2500 Mk. Das seien keine Kleinigkeiten, meinte Beigeordueter Georgie dazu und man hätte der Versammlung davon Mitteilung machen sollen. Orbig ist durch die Auskunft auch nicht beruhigt; es sei nicht so unbedenklich. Stadtbaumeister Braubach wiederholt, daß sich derartige Risse fast regel⸗ mäßig zeigten, sie seien von keiner Bedeutung, es ist kein Grund zu Besorgnissen vorhanden; am 1. April wird die Anlage dem Betrieb über⸗ geben. Ein Projekt für Herstellung einer Ver⸗ bindungsstraße vom Kreuzplatz nach der Johannes⸗ straße, das der Bauunternehmer Carlé angesucht hat, wird abgelehnt. Dagegen wird ein Kosten⸗ beitrag von 1600 Mk. zur Herstellung eines Fußweges an der Straße Gießen⸗Gleiberg be⸗ willigt. Ein solcher ist auch sehr notwendig. — Zum Austritt aus der Kirche. Zu den Aufruf der fünf Leipziger Studenten, der kürzlich auch hier verbreitet wurde und der die Akademiker zum Austritt aus der Kirche aufforderte, machte der„Gieß. Anz.“ höhnische und unsachliche Bemerkungen. Dies hatte mehrere Erwiderungen aus dem Publikum zur Folge. Die Aufnahme der untenstehenden lehnte das Blatt jedoch ab. Wir kommen der an uns ge⸗ richteten Bitte um Abdruck umso lieber nach, als wir im Allgemeinen mit dem Inhalt ein⸗ verstanden sind. Obgleich ich aus Nr. 48(26. Febr.) ersehe, daß Sie die Debatte über den Leipziger Aufruf zum Austritt aus der Kirche bereits geschlossen haben, so schöpfe ich aus dem Umftand, daß Sie doch noch 2 Tage später den„Schwäb. Merkur“ zu Worte kommen lassen, die Hoffnung, daß Sie auch meine Zeilen aufnehmen werden. Auf das Sachliche, ob Kirche und Wissenschaft überhaupt vereinbar sind, will ich nicht eingehen; ich stimme mit dem Vertreter der Kirche, Herrn Pfarrer Schlosser durch⸗ aus überein, daß die Religton im Leben des Einzelnen nicht in den Bereich der Wissenschaft fällt, daß man also ruhig der Wissenschaft dienen kann, ohne der Kirche untreu zu werden, sobald man in der Kirche eine Be⸗ friedigung des religiösen Lebens zu finden glaubt. Und das haben die Leipziger Kommilitonen durchaus aner⸗ kannt, worauf Sie Herr Dr. Spohr berelts aufmerksam gemacht hat. Es entspricht also nicht den Tatsachen. wenn der„Schwäb. Merkur“ und der„Gieß. Anz.“ in Ausdrücken, die meines Erachtens nicht der Wichtig⸗ keit des Gegenstands entsprechen, den„fünf jungen Herrchen“(wie sich der„Gieß. Anz.“ auszudrücken be⸗ liebte) es als„Diktatorspielerei“(so„Schwäb. Merkur“) oder gar als„anmaßende Ungezogenheit“ und„blöde Jugendeselei“(Gieß. Anz.!) anrechnen, ihren Professoren eine religlöse Stellung vorschreiben zu wollen. Die „lächerlichen Fünf“(Gieß. Anz!) haben sich nur an die gewandt, die bereits mit der Ueberlieferung innerlich ge⸗ brochen haben. Ich gebe zu, daß die philosophischen Gründe, die sie in dem Aufrufe ihrer Stellungnahme zu Grunde legen, nicht die stärksten und stichhaltigsten sind; das halte ich aber für keinen Grund, den Aufruf lächerlich zu machen oder ihn als„unreifes Phrasen⸗ heldentum“ zu bezeichnen, wie der Herr Vertreter der Kirche für gut befunden hat. An derselben Stelle (Nr. 48 des Gieß. Anz.) hält Herr Pfarrer Schlosser es ebenfalls für angebracht, dem„Gieß. Anz,“ für die m. E. wenig geschmackvolle Polemik noch seinen Dank auszusprechen, indem er die Taten der verehrlichen Re⸗ daktion(„lächerliche junge Herrchen“,„ungezogene An⸗ maßung“,„blöde Jugendeselei“, Unterschiebung eines Maskenscherzes, Ruf nach disziplinarer Ahndung, Lob⸗ preis der Kirche als„wichtiger Faktor zur Aufrecht⸗ erhaltung unserer wohlgefügten staatlichen Ordnung“ usw.) für einen Beweis höheren und gewaltigeren Mutes als die„billigen Lorbeeren“ der Leipziger Studenten be⸗ zeichnet. Ich möchte mir erlauben anderer Meinung zu sein und glaube, daß grade im Gegensatz zur kirchlichen Verknöcherung, die eine unbestrritbare Stagnat'on des religlösen Lebens aller Gesellschaftsschichten verschuldet hat, Jeder nach geistigem Leben strebende(und das will doch die moderne Theologie!) die Tat der fünf Studenten, mag man sich zum Inhalt stellen, wie man will, als ein Zeichen mutigen, frischen Erwachens des geistigen Lebens in der Studentenschaft freudig begrüßen muß. e 2 Es freut mich übrigens, daß der„Gieß. Anz.⸗Zin seinen Zeilen zum Briefe des Herrn Dieterich⸗Berlin (Ar. 49), dessen„ruhige und höfliche Tonart“ gerne an⸗ erkennt() und am Schlusse selbst zugibt, daß das Ganze keine„blöde Jugendeselei“, sondern ehrliches Ringen“ ist,„ein Weg der Suche rechter Erkenntnis. Hochachtungsvoll Fr. Noack, 8 stud. hist. Auch in Professorenkreisen wird, wie uns zuberlässig berichtet wurde, die Haltung des „Gteß. Anz.“ entschieden verurteilt. — Bruno Wille hielt Donnerstag Abend in der hies. Freidenker⸗Vereinigung einen Vor⸗ trag im„Einhorn“ über„Goethes Faust, das Hohelied vom Sinne des Lebens“. Die gut durchdachten klaren und formvollendeten Dar⸗ legungen wurden von dem zahlreichen Publikum mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und beifällig aufgenommen.— Wille ist in unserer Partet nicht unbekannt; er spielte 1890 eine Rolle in der Jungen Bewegung. Ob er noch Mitglied der Partei ist, wissen wir nicht. — Im Wahl verein ist diesen Samstag Vortrag über Heinrich Heine, Freiheits⸗ bewegung. Wir machen unsere Genossen hier⸗ auf besonders aufmerksam; den Vortrag hat ein hiesiger Akademiker freundlichst übernommen und er wird in der Lage sein, ihn lehrreich und interessant zu gestalten. Man wolle des⸗ halb recht zahlreich und pünktlich erscheinen. Gäste haben natürlich Zutritt; namentlich ist das Erscheinen der Frauen erwünscht. Zugleich machen wir auf die im Verlage des„Vorwärts“ erschienene, Heine gewidmete März⸗ Zeitung aufmerksam. Die prächtig ausgestattete Zeitung kostet 20 Pfg. — Volkskonzert. Der Gießener Volksvorlesungsausschuß hat für diesen Sonntag einen zweiten— musikalischen— Volksunter⸗ haltungsabeud im Saale Steins Garten veran⸗ staltet. Wir verweisen auf das Inserat und empfehlen unsern Lesern den Besuch der Ver⸗ anstaltung, da hier etwas Ausgezeichnetes ge⸗ boten wird. Eintritt kostet 30 Pfg. à Person. Restauration findet nicht statt, es erwachsen also keine weiteren Unkosten für die Besucher. Es kann sich also jeder einen billigen Kunstgenuß verschaffen. — Das Schwurgericht verhandelte am Montag gegen die ledige Louise Schneider aus Lauterbach wegen Kindestötung unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Die Angeklagte wurde, nachdem die Geschworenen auf schuldig erkannt, aber auch die Frage nach mildernden Umständen bejaht hatten, zu 2 Jahren 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Wegen Verbrechens im Amt hatte sich am Dienstag der Stattonsassistent Otto Schneider aus Nieder⸗ Wöllstadt zu verantworten. Er hatte wiederholt Geld⸗ beträge aus der Bahnstationskasse entnommen, zusammen etwa 559 Mk. und für sich verwendet. Später sind aber die Fehlbeträge von ihm selbst und seinem Vater wieder gedeckt worden. Der Verteidiger bemerkte in seinem Plädoyer, daß der Angeklagte mit dem geringen Gehalt von 1600 Mk. jetzt bei den hohen Lebens mittel⸗ preisen nicht auszukommen in der Lage sei. Im Uebrigen war der Angeklagte geständig. Auch in diesem Falle erkannten die Geschworenen auf schuldig, sahen aber die einzelnen Fälle als ein fortgesetztes Delikt an und billigten dem Angeklagten ebenfalls mildernde Umstände zu. Das Urteil lautete auf 8 Monate Gefängnis. Am Mittwoch stand der 19 jährige, aus Sießen ge⸗ bürtige Dienstknecht Karl Krauskopf wegen Brand⸗ sttftung vor den Geschworenen. Der junge in der Erziehung verwahrloste und offenbar geistig minderwertige Mensch hatte in Queckborn, wo er in Arbeit stand, eine dem Nachbar seines Dienstherrn gehörige Scheuer in Brand gesteckt. Glücklicherweise wurde der Brand bald. gelöscht. Ein bestimmtes Motiv hat der Täter offenbar nicht gehabt; er„wollte nur mal brennen sehen.“ Nach den Gutachten zweier medizinischen Sachverständigen ist er für seine Handlung verantwortlich zu machen. Die Gesch worenen sprechen ihn schuldig und er bekommt unter Zubilligung mildernder Umstände 8 Monate Gefängnis. Aus dem Rreise gießen. — Das Kreisfest in Hausen soll nicht, wie es bestimmt war, am 24. Junt, sondern 8 Tage früh er, am 17. Juni, stattfinden. Wegen des am 24. Jun in Hanau stattfindenden Bezirksfestes des Arbeiter⸗Sänger⸗ bundes, an dem sich eine Anzahl unserer Gesangvereine beteiligen, ist es ouf den früheren Termin verlegt worden. chez 15 ung dez end or. it, Die ar⸗ um lig tel led — 1 3——ͤ—— eee 4 3 eee eee 2 ˙ Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. — Der Stock als Erzieher. Aus Klein⸗ Linden wird uns berichtet, daß der Lehrer Möller vor etwa 4 Wochen den 13 jährigen Sohn des dortigen Bürgers Ludwig Weller dermaßen über den Kopf schlug, daß der Junge jetzt noch schwer krank an Ge⸗ hirnerschütterung darnieder liegt. Und jetzt noch ist sein Zustand so bedenklich, daß der Arzt an seinem Aufkommen zweifelt. Herr Möller ist aus Angersbach, er amtierte vorher in Alten⸗Buseck. Wir geben ja gerne zu, daß es oft auch an den Kindern liegt, wenn ein Lehrer in Zorn gerät, aber so weit sollte sich doch kein Erzieher vergessen, daß er die ihm Anvertrauten halb tot oder zu Krüppeln schlägt. Es sollten sich aber auch die Eltern angelegen sein lassen, die Lehrer nach Mög⸗ lichleit zu unterstützen und nicht, wle es leider oft vor⸗ kommt, den trotzigen oder unartigen(was„trotzig und unartig“ ist, darüber gehen zwar die Meinungen aus⸗ einander; ein gesunder Trotz ist beim Kinde durchaus nicht vom Uebel) Kindern Rückhalt gewähren. Herr Möller scheint allerdings Vorliebe für den Bakel zu haben. Wir empfehlen ihm die Anschaffung der im „Vorwärts⸗Verlage erschtenene Broschüre:„Wie sollen wir unsere Kinder ohne Prügel erziehen“, die in unserer Expedition für 30 Pfg. zu haben ist. Dieses Büchelchen ist überhaupt für alle Eltern sehr lesenswert; wir machen bei dieser Gelegenheit auch unsere Genossen darauf auf⸗ merksam.— Der Fall beschäftigt bereits die Staats⸗ anwaltschaft, wie uns noch weiter mitgeteilt wird. Dann sei noch hinzugefügt, daß der Lehrer den Jungen nicht mit dem Stock, sondern mit der Faust auf den Kopf geschlagen hat. — Die Versammlung in Leidhecken am Sonntag war gut besucht. Nach dem Vor⸗ trage des Genossen Vetters wurde die Grün⸗ dung eines Wahlvereins für Leidhecken, Blofeld und Bisses beschlossen. Ueber 20 Anwesende erklärten sofort ihren Beitritt. Aus dem Rreise Wetzlar. * Kreisblattliches. Der„Wetzlarer Anzeiger“ fühlt sich veranlaßt, auf unseren Artikel in voriger Nummer einiges zu erwidern. Hören wir, was das Kreisblatt zu sagen hat: „Das Gießener Sozialdemokratenblatt, die„Mittel⸗ deutsche Sonntagszeitung“ bringt in seiner neuesten Nummer eine schon vor 3 Wochen angekündigte Erwide⸗ rung auf einen Artikel, der bereits vor einem Monat oder länger im„Wetzlarer Anzeiger“ erschienen ist. Inhaltlich ist diese„Erwiderung“ so lendenlahm wie nur möglich; dafür fehlen die üblichen Schimpfwörter wie„Reptil“,„Lakai“,„Büttel“ und dergl. mehr natür⸗ lich auch diesmal nicht. Lassen wir sie! Man weiß ja, ohne derartige Anwürfe kann die sozialdemokratische Presse einmal nicht leben, und bleibt vollständig kalt dabei. Auch über die Geschmacklosigkeit, die Schimpfe⸗ reien von soztaldemokratischen Redakteuren mit dem Leben und Tun des Heilandes in Parallele zu stellen, soll nicht gestritten werden. De gustibus non est dispu- tan dum!“ Daß aber die„M. S.“ die staatliche Arbeiter⸗ versicherung„niemals wegwerfend behandelt“ haben will, wird ihren eigenen Parteigenossen neu sein. Wünscht sie vielleicht Zitate? Wenn schließlich die„M. S.“ den Kreisblättern die Eigenschaft einer„eigenen Meinung“ bestreitet, so hätte sie besser getan, eine solche Behauptung in einem Augenblicke zu unterlassen, wo die Affäre der„Vorwärts“⸗Redakteure, die„hinausfliegen“ mußten, gerade weil sie eine„eigene Meinung“ haben, weil sie der Ordre„von oben“, d. h. den Befehlen der Parteigewaltigen Herren Bebel und Singer„nicht parieren“ wollten, noch in der allerfrischesten Erinnerung ist. Wer in einem Glashause sitzt, soll am allerwenigsten mit Steinen werfen.“ Wenn das Blatt glaubt, mit den letzten Bemerkungen einen Trumpf auszuspielen, müssen wir ihm schon sagen, daß es gehörig daneben haut. Entweder kennt es die Sache nicht, oder es entstellt bewußtermaßen. Der Vorwärts⸗Konflikt führte zur Entlassung der Redakteur⸗Mehrheit, weil diese das Blatt zur Verfechtung ihrer persönlichen Ange⸗ legenheiten benutzte. Niemals erlaubt sich ein einzelner Parteigenosse, einen Einfluß auf ein Parteiorg en auszuüben, es würde sich auch kein sozialdemokratischer Redakteur solches bieten lassen! Dieser besitzt vielmehr— das haben viele angesehene bürgerliche Preßleute 1 an⸗ erkannt— völlige Freiheit; innerhalb des Rahmens des Parteiprogramms natürlich. Es ist selbstverständlich, daß es einem Redakteur in unserer Presse unmöglich wäre, da etwa konser⸗ vative oder Kreisblatt-Polttik zu verzapfen. Immer untersteht er aber den Beschlüssen der zuständigen Parteikörperschaften, die im Auf⸗ trage der Gesamtheit handeln. Wenn * Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. also der„Wetzl. Anz.“ davon redet, daß die damaligen Vorwärts⸗Redakteure entlassen wor⸗ den wären, weil ste eine eigene Meinung ver⸗ treten, oder den„Befehlen“ einzelner Partei- genossen„nicht pariert“ hätten, so ist das un⸗ sinnig und un wahr. Also wir bleiben dabei: die Kreisblätter unterordnen ihre Meinung der⸗ jenigen des Landrats oder wirklichen oder ein⸗ gebildeten Bürgermeistern.„Was in den Kreis⸗ blättern steht, hat nichts zu bedeuten“, so sagte selbst der Redakteur des Offenbacher Amtsblattes Franz Beer und der muß es doch wissen. Es ist auch ganz bedeutungslos, was der „Anz.“ uns hier geantwortet hat. b. Ueber die Agitation der Stöckerleute stand im Kreisblatt zu lesen:„An verschiedenen Orten, so in Kinzenbach und in Aßlar kam es dabei zu Zusammenstößen mit den Sozialdemokraten, welche unter Führung von Gießener Genossen, Redakteur Vetters usw. erschienen waren. Im großen und ganzen kann man sagen, daß die christlich⸗sozialen Redner dabei nicht übel abgeschnitten haben, denn die sozialdemokratischen Ueber⸗ treibungen und Verlästerungen von allen möglichen Dingen werden nachgerade jedem denkenden Menschen, der nicht unrettbar im Banne der roten Partei steht, zuwider.“ Wer das dem Anzeiger geschrieben hat, weiß also noch nicht einmal, wo die Versammlungen statt⸗ gefunden haben, er weiß aber, daß die Stöcker'schen „nicht übel abschnitten“! In Aßlar war nämlich gar keine Versammlung; wir wissen wenigstens nichts davon, daß dort Parteigenossen gewesen wären. Und wenn da von„sozialdemokratischen Uebertreibungen“ ge⸗ faselt wird, so ist das einfach Blödsinn. Umgekehrt ist richtig! Gerade von den sogenannten„Christlichen“ wurde an Uebertreibungen nicht nur, sondern in Ver⸗ läumdungen und Schimpfereien Unglaubliches geleistet. Gegenüber den Leistungen der Stöcker'schen wird jeder Unbefangene die sozialdemokratische Agitation als sehr sachlich und anständig bezeichnen müssen. h. Einen einträglicheren Posten hat sich der bisherige Generalsekretär der nattonalliberalen Partei, Dr. Johannes, in Köln gesucht. Er ist, wie be⸗ richtet wird, in den Vorstand des Stahlwerks⸗Verbandes in Düsseldorf ein getreten. Dr. Johannes trat öfters im Wetzlarer Bezirke als Redner auf. Vielleicht ist er zu der Einsicht gekommen, daß es klug ist, das national⸗ liberale Schiff zu verlassen, das ziel⸗ und steuerlos auf den politischen Wellen treibt. h. Die Brotpreise sind ab 1. März erhöht worden und zwar bis zu 5 Pfg. der Laib. Auch von andern Städten wird Preis⸗ erhöhung berichtet, die auf das Inkrafttreten des Zolltarifs zurückgeführt wird. h. Zur Märzfeier finden Sonutag, den 18. März in Bleiberg und Launs bach Versammlungen statt. In ersterem Orte bei Wirt Feußer, in Launsbach in der Gast⸗ wirtschaft von Ko mp.— Die Redner in diesen Versammlungen werden die Bedeutung der 48 er behandeln. Westerwald und Anterlahn. n. Die Gemeindevertreterwahl in Nieder s⸗ hausen findet Montag, den 12. März, von 10—11 Uhr vormittags statt. Unsere Kandidaten in der dritten Klasse sind: Theodor Schmidt, Former und Hermann Weber, Maurer. Alle Parteifreunde und Arbeiter müssen sich an der Wahl beteiligen und ein kleines Opfer an Zeit bringen. Es ist unbedingt nötig, daß endlich einmal ein anderer Geist in die Gemeindevertretung einzieht; es ist, wie jeder weiß, in sehr vielen Din gen eine Besserung zu schaffen. Seid deshalb alle zur Stelle und wählt unsere oben bezeichneten Kandidaten! Aus dem Rreise Marburg⸗RNirchhain. Ueber die Schulfrage spricht diesen Sams⸗ tag Dr. Penzig⸗ Charlottenburg in einer öffentlichen Volksversammlung, die im Lokale Hildemann abends punkt 9 Uhr stattfindet. Das Thema lautet: „Die rein weltliche Schule— Konfessions- oder Moral⸗ unterricht?“ Herr Dr. Penzig ist Herausgeber der Zeit⸗ schrift„Ethische Kultur“. Unter seinen vielen Schriften, seien folgende besonders erwähnt:„Ernste Antworten auf Kinderfragen“.— Zum Kulturkampf um die Schule.“—„Massenstreik und Ethik“ usw.— Es darf wohl erwartet werden, daß die Genossen mit ihren Frauen und Freunden recht zahlreich in dieser Ver⸗ sammlung erscheinen. * Wenig christliche Nächstenliebe bekundete neulich ein Marburger Geistlicher. Er saß in der Pferdebahn, als auch ein alter schwächlicher Manu aufstieg, um sich für sein Geld nach dem Bahnhof befördern zu lassen. Einige Passagiere halfen ihm in den Wagen, es regnete nämlich furchtbar. Kaum hatte sich der Mann gesetzt, da traf ihn der gestrenge Blick des Herrn Geistlichen. Mit barscher Stimme fuhr er ihn an und sprach:„Na, Sie könnten aber auch laufen!“ Der arme alte Mann wurde bleich vor Schrecken und die übrigen Passagiere, welche wahrlich keine Sozialdemokraten waren, entrüsteten sich ebenfalls über dieses sonderbare Benehmen des Herrn Geistlichen. Der Maun hat sich aber vorgenommen, nicht mehr in die Kirche zu gehen. Cortsetzung siehe Seite 6.) Partei-Machrichten Parteipresse. Die„Leipziger Volkszeitung“ hat es jetzt auf 40000 Abonnenten gebracht; in den letzten Monaten, seit Beginn der Wahlrechtsbewegung, hat sie einen Zuwachs von 3000 erhalten, den sie vornehmlich der Justizhetze zuschreibt, der sie in jüngster Zeit aue⸗ gesetzt war. Hoffentlich hält der Aufschwung des Partei⸗ blattes auch weiter an! Versammlungskalender. Samstag, 10. März. Gießen. Wahlvereln. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Karl Steinmüller. T. O.: Bericht von der Kreiskonferenz; Maifeier Verschiedenes. Staufenberg. Volks verein. Abends 8/ Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Geiß ler. Watzenborn⸗Steinberg. Wahlverein. Abends 8 Uhr Versammlung im Lokale„Zur Wetterau“ T.⸗O.: Bericht von der Kreiskonferenz. Garbenteich. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Abends 8½ Uhr Versammlung bei Heinr. Freund. Wetzlar. Wahlverein. Abends ½9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Gasthaus„Zur Glocke“. Montag, den 12. März. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 18. März. Hausen. Arbeiter⸗Verein. Nachmittags 3 Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Wirt Wallbott. Pünktlich eischeinen Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags ½3 Uhr Versammlung bei Wirt Wagner, März⸗ feier und Verschiedenes. —— Briefkasten. Wtzlr. Es ist schon besser, wenn die Versammlungen jedesmal einzeln angegeben werden, weil sehr leicht Jer⸗ tümer entstehen und oft auch ein anderer Tag festgesetzt wird. Abends 9 Uhr Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozlaldemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften. Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen à 20 Pfg. Gebunden 2 Mk. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner Preis 20 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft A 10 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. Die zehn Gebote und die besitzende Klasse. Von Adolf Hoffmann, Berlin. Preis 30 Pfg. Das Schriftchen ist besonders geeignet, die Arbeiter über die heutigen Zustände und die sittlich⸗ religtöse Heuchelei der herrschenden Klassen aufzuklären, die Schreib weise ist packend und dem Verständnis der Arbeiter angepaßt. Marktbericht. Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 6. März: Butter per Pfund Mk. 1,00—1,05, Hühnereier 1 St. 7-8 Pfg., Käse pr St. 6—8 Pfg., Käsematte 2 St. 5—6 Pfg., Erbsen per Liter 21 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 5,50— 6,00 Mk., Weißkraut pr. Stck. 10— 30 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 6,00— 8,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,00—1,60 Mk., Hahnen per St. 0,80— 1,80 Mk., Enten per St. 1,80 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00— 00 Pfg. 28 —— 4 11 161 11 4 6 b N 140 1 9 6 11 14 95 14 41 40 9 1 410 14 1 — Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeuung. Kr. 10. Die Sozialdemokraten zum Mords⸗ patriotismus zu bekehren, hatte neulich ein Kriegervereins⸗Vorsitzender aus einem benachbarten Dorfe unternommen. Er geriet in eine Gesellschaft leibhaftiger Sozialdemokraten, die ihm von seinem Vereinsorgan, der„Parole“, von sonstigen Reptilien, sowie in den Reden der diversen Kriegervereins⸗Generäle, als eine ganz nichts würdige Rotte geschildert werden. Er begab sich auch sofort an das vorschriftsmäßige„Vernichten“ und zog über die vermaledeste Sozialdemokratie her. Und als er für seine Deklamationen Interesse zu finden glaubte, verstieg er sich zu einer gewaltigen Pauke für die Kriegervereine, erbot sich sogar, in Marburg einen Vortrag zu halten. In einer Woche hätte er sämtliche Sozialdemokraten„bekehrt“. Der gute Mann geriet ganz in Ekstase und paukte zur Belustigung der Partei⸗ genossen folgendermaßen: „Kameraden! Wir haben nicht nur einen äußeren Feind, sondern auch einen inneren Feind.] Dieser innere Feind, der an den Säulen unseres Vaterlandes rüttelt, hat weder Heimat, noch Glauben, noch Königs⸗ treue. Dem Vaterland ist dieser Feind ein Dorn im Auge. Darum können wir diesen inneren Feind nur entgegentreten durch einen glühenden Pa⸗a⸗a⸗triotismus. Mit offenem Visier wollen wir diesem Feind entgegen⸗ treten. Wir wollen die Lauen und Gleichgültigen für unsere Ideale gewinnen, damit sie nicht verfallen in die Hände der vaterlandslosen Gesellen. Unser Vaterland darum dreimal hurra!“ So sieht's im Kopfe eines Muster⸗ und Hurra⸗ patrioten aus. Als ihm unsere Genossen nun ihrerseits ihre Meinung sagten, auf die Soldatenmißhandlungen, die militärische Rechtsprechung, die Kosten unseres herrlichen Kriegsheeres hinwiesen, und wer diese auf⸗ bringen müßte, sperrte er allerdings„Maul und Nase“ auf. So etwas hatte weder der Landrat bei der Fest⸗ rede gesagt, noch hatte es in der Kriegerzeitung gestanden. Es ist nur schade, daß nicht einmal einem ganzen Kriegerverein ein Licht über diese Dinge aufgesteckt werden kaun, mancher Krieger— die meiften sind's ja unfreiwillig — würde für unsere Bestrebungen gewonnen werden. Auch jener Vorsitzende hat manches Neue mit nach Hause genommen, was er seinen Kameraden mitteilen will. Wenn's ihm nur nicht geht, wie dem Vorsitzenden des Kriegervereins in der pfälz ischen Gemeinde Nieder⸗ auerbach, den man ausschließen will, weil er die Ver⸗ sammlung mit den Worten schloß: Für Freiheit, Gleich⸗ heit und Brüderlichkeit! Eine Streikschlacht sollte nach Berichten bürgerlicher Blätter sich kürzlich in AL z ey abgespielt haben. Streikende Schuhmacher hätten Monteure, die Maschinen in der Huddelmaierschen Fabrik auf⸗ stellten, mit Revolvern angegriffen und mehrere verletzt. Die Geschichte sah von vorn⸗ herein höchst verdächtig aus; jetzt hat sich her⸗ ausgestellt, daß die Sache umgekehrt liegt. Die grauenhafte Tat eines Ordnungshelden wird möglicherweise zwei braven Arbeitern das Leben kosten. 5 In Alzey streikt seit einigen Wochen das Personal der Schuhfabrik von Huddel⸗ maier, es fordert einige Verbesserungen im Arbeits verhältnis. Am Fastnachtsdienstag hatten sich gleich vielen anderen drei am Streik nicht beteiligte Arbeiter maskiert, davon trug einer ein Beil, ein anderer eine alte Flinte, deren Schloß mit einem Tuch zusammengebunden war. Alle drei kamen unter anderen zum „Badischen Hof“. Dort saß der Fabrikant Huddel mater mit seinem Schwager Rein⸗ heimer, mehreren Freunden und wohl auch Monteuren und Arbeitswilligen. Als der erste der drei über die Schwelle ins Zimmer getreten war, zog sofort einer der Huddelmater⸗Zech⸗ kumpaue die Tür zu und riegelte ab, so daß die beiden anderen maskierten Arbeiter nicht mehr hereinkonnten. Eine Anzahl Huddelmaler⸗ scher Zechkumpane fiel nun im Zimmer über den Arbeiter her und prügelte ihn fürchter⸗ lich durch. Die draußenstehenden Zwei wurden unruhig, einer, Kayser, ging nach dem Hof, der andere trat an ein Fenster. Plötzlich kam Reinheimer aus der Wirtsstube e tür her⸗ aus und gab ohne irgendwie angegriffen zu sein, auf den im Hof stehenden unbewaffneten Kayser einen Revolverschuß ab, der den Kayser in den Kopf traf. Kahser stürzte zusammen. Reinheimer rannte dann anf die Straße, hinter ihm her wurde gerufen: „Der hat geschossen!“ Mit dem Revolver in der Hand rannte R. die Straße entlang. Da trat ihm ein mit seiner Frau am Arm spazieren⸗ gehender Tapezierer entgegen; um weiteres Un⸗ heil zu verhüten, wollte er dem R. den Revolver aus der Hand schlagen. Reinheimer erhob den Revolver und gab noch einen Schuß a h, der den Tapezierer in die Herzgegend traf und ihn schwer verletzte. Die Streikenden sind an der Schießerei und den ganzen Vorgängen unbeteiligt. Dem Schießhelden ist wesentlich zuzuschreiben, daß der Streik ausbrach; er hat seinen Schwager immer aufgehetzt. Aber auch Huddelmater leistete in der Provokation der Streikenden Erkleckliches; wenn diese dennoch Ordnung bewahrten, so ist das anzuerkennen. Das Kaiserhoch der Narren. Ueber den Fastnachtszug in Essen⸗West be⸗ richtete das Essener Zentrumsblatt: „Die Aufstellung der Wagen zum Zuge er⸗ folgte auf dem Ehrenzellerplatz. Kurz uach 2 Uhr hielt der Präsident der großen Kar ne⸗ val s gesellschaft Herr Neuburg eine zündende Ansprache, welche in ein Hoch auf den Kaiser ausklang. Die Musik intonierte das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“, in das die tausendköpfige Menge einstimmte. Dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung.“ Ob der Staatsanwalt nicht die ganze Ge⸗ sellschaft wegen Majestätsbeleidigung anklagt? Zwar, er wird sich sagen, daß die Hochschreier doch alle Narren sind. Ein„Schweine“ metzger, der die„gute Gesellschaft“ mit Dreck gefüttert hat, wurde in Metz abgefaßt. Der Hofmetz⸗ germeister Rehmenklau, Lieferant der vornehmsten Kreise von Metz und des Schlosses Urville, hat stinkendes, madiges Fleisch zu Wurst verarbeitet und diese Würste in die Schloßküche geliefert. Er und sein Sohn wurden zu je 1 Monat Gefängnis verurteilt. Wie oft haben Leute wegen viel leichterer Missetaten viel härtere Strafen bekommen! Ein Edelster. Aus Ungarn wird berichtet, daß ein früherer preußischer Offizier, Graf Nyhaus wegen Giftmordes verhaftet worden ist. Er soll die 83 jährige Witwe Beniczky, deren Nichte er geheiratet hatte, mit Arsenik vergiftet haben, um sich in Besitz ihres zwei Millionen Kronen betragenden Vermögens zu setzen. Seine in Preuzen lebende Frau und Kinder habe er verlassen. Tabakarbeiter⸗Genssseuschaft Hamburg hielt am 26. Februar ihre General⸗ Versammlung ab. Der Geschäftsführer v. Elm Die erstattete den Jahresbericht pro 1905. Der Absatz stieg von 12859 Mille Zigarren im Jahre 1904 auf 13 593 Mille im Jahre 1905; an dem Gesamtabsatz waren die Konsumvereine 1904 mit 56,4 Prozent, 1905 mit 58,4 Prozent beteiligt. Das Geschäftsergebnis war ein sehr günstiges, sodaß die Verwaltung wie im Vorjahr wiederum beschloß, den Konsumenten eine Waren⸗ rückbergütung von 3 Prozent auszuzahlen; der gleiche Prozentsatz wird den Arbeitern als Zu⸗ schlag zu ihrem Lohn gewährt. An Zoll! verausgabte die Genoffenschaft im letzten Jahre 82864 Mk.; die Annahme der Regterungsvor⸗ lage würde für dieselbe eine Mehrausgabe von mindestens 40000 Mk. an Zoll bedeuten. Die bisherige Belastung von einem Mille Zigarren durch den Zoll betrug bei der Genossenschaft durchschnittlich 6,10 Mk.; durch die Regierungs⸗ pläne würde diese Belastung auf 9—10 Mark anwachsen. Kinder-Kultur. K. Unzweifelhaft ist die Erziehungs⸗ frage eins der wichtigsten Probleme. Wohl sind bedeutsame Fortschritte in der Entwicklung der Menschheit im Verhältnis zu der Kultur⸗ stufe, auf der die Völker früherer Jahrhunderte standen, vor sich gegangen. Und doch hat die Menschheit noch keineswegs den Gipfel der Kultur erklommen. Wenn auch wirkliche Rassen⸗ veredelung im Menschen selbst geboren wird, muß doch der Keim all des Edlen und Guten, der im Kinde schlummert, entwickelt und gepflegt werden, wenn er voll zur Entfaltung und Blüte kommen soll. Soll die Menschheit an Schönheit und Kraft, an Kultur wachsen, so müssen die Individuen von einer Generation zur anderen besser und vollkommener werden. Die Kinder ererben die Eigenschaften der Eltern. Durch individuelle Erziehung lassen ste sich jedoch bis zu einem bestimmten Grade veredeln. Als Fünpesten Zeitpunkt für Veredelung muß die Kindheit angesehen werden.— Wie der Gärtner jede Pflanzengattung ihrer Eigenart entsprechend behandelt, damit sie sich zur vollen Schönheit entfalten kann und Blüten und Früchte bringt, so sollen auch die jungen Menschenkinder indi⸗ viduell behandelt werden, denn in jedem Kinde schlummern verschiedene Neigungen und geistige Fähigkeiten, so daß jede allgemeine Erziehung nach Schema F volltändig ihr Ziel verfehlt. Eine ganze Summe verschiedener Gewohnheiten und Gebräuche der Erziehungspraxis haben sich von Generation zu Generation vererbt und werden auch heute noch als maßgebend betrachtet. Törichte und leichtsinnige Handlungen junger Menschen kommen nicht immer auf Rechnung der„Jugend und Unerfahrenheit“, sondern nicht selten ist die Art der Erziehung dafür verant⸗ wortlich. Es ist ganz falsch, wenn die Eltern den Erfolg ihrer Kindererziehung etwa nur nach dem Gehorsam ihrer Kinder beurteilen und ein aufs Wort folgendes Kind als Ideal aller Kinder betrachten, dagegen ein minder folgsames Kind, das sich auflehnt und auch einmal sagt: „Ich will nicht!“ als böse uud störrig be⸗ zeichnen. Ein an Sklaven⸗Gehorsam gewöhntes Kind treibt es dann um so toller, wenn es sich frei und von seinen Eltern oder seinem Erzieher unbeobachtet wee ß. Statt blinden Gehorsam soll man das Kind eine gewisse Rücksicht auf andere lehren und darauf achten, daß sie auch von dem Kinde geübt wird. Die Handlungen und das Vorbild der(Erwachsenen sind dabei von großer Bedeutung für die Jugend und ihre Erziehung. Rücksicht ist aber nicht gleich⸗ bedeutend mit blindem Gehorsam.— Durch allzuviel Gehorsam wird die eigene Denk⸗ kraft nicht entwickelt, sondern geschwächt, und gerade die Kindheit soll und muß dazu benutzt werden, eigene Urteils⸗ und Willenskraft zur Gewohnheit zu machen. Das Kind, das seine Wißbegierde und sein erwachendes Interesse äußert, soll man nicht stören, sondern fördern; siud doch die Fragen,„warum ist dieses so und jenes so?“ die von unverständigen Eltern so oft als müßig, überflüsstg und töricht, ja gar als lästig schroff zurückgewiesen werden, die ersten Denkaufgaben des Kindes. Mit 15 Jahren können Knaben und Mädchen bereits derart an logisches Denken und Handeln gewöhnt sein, daß sie die Grundlinien eines vernünftigen Lebens verstehen und die indivi⸗ duellen Fähigkeiten, sich der gesamten Menschheit nützlich zu erweisen, erkennen. Glauben und blinden Gehorsam haben die weltlichen und geistlichen Machthaber aller Zeiten stets von den breiten Volksmassen ver⸗ langt, durch Drohungen und brutale Gewalt erzielt und dadurch ihre Macht befestigt. Der Militarismus bietet ja das beste Bild, zu welchem Drillsystem blinder Gehorsum führt, und mehr noch geben uns die granenhaften Soldatenmißhandlungen Veranlassung, Gehor⸗ sam nnd Dressur solcher Art zu allen Teufeln zu wünschen. d (Schluß folgt.) Nate üht Parteifreunde! ca uch nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! 7 gen dabe ihte leich durch Denk. und nutz 1 f fell. ft dell, m 11 0 f fl „ jochen l elle dll l l 15 l hel Nl * f 4 5 ů r— —— 8— r Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. 5 5— 2 e 80 „ Kuterhalfung⸗- Teil. 8 1 5 1 eee eee 2 i a Der wanzerich. Es saß ein brauner Wanzerich Auf einem Pfennig und spreizte sich Wie ein Rentier und sprach:„Wer Geld hat, Auch Ehr' und Ansehn in der Welt hat, Wer Geld hat, ist auch lieblich und schön— Es kann kein Weib ihm widerstehn; Die Weiber erbleichen schon und zittern, Sobald sie meinen Odem wittern, Ich habe manche Sommernacht Im Bett der Hönigin zugebracht; Sie wälzte sich auf ihren Matratzen Und mußte sich beständig kratzen.“ Ein lustiger Seisig, welcher gehört Die prahlenden Worte, war drob empört; Im heiteren Unmut sein Schnäbelein schliff er, Und auf das Insekt ein Spottlied pfiff er. Gemein und schmutzig, der Wanzerich, Wie Wanzen pflegen, rächte er sich: Er sagte, daß ihm der Seisig grollte, Weil er kein Geld ihm borgen wollte. Und die Moral p Der Fabulist Verschweigt sie heute mit klugem Sagen, Denn mächtig verbündet in unseren Tagen Das reiche Ungeziefer ist. Es sitzt mit dem Geldsack unter dem A—, Und trommelt siegreich den Dessauer Marsch. . Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. 17)(Fortsetzung) „Wenn ihr nun einmal ein Heiratsantrag gemacht würde?“ „Wie kommst du denn darauf?“ sagte seine Frau etwas entrüstet.„Laß uns lieber über das sprechen, was Malvine für dich tun will.“ „Ganz recht, Liebe,“ fuhr Werner fort, „wenn aber Malvinen einmal ein Heiratsantrag 9 5 wird, wird ste das Geld selbst nötig aben.“ „Oder den Antrag ablehnen,“ ergänzte Mal vine. N „Ablehnen? Herrn Morsen ablehnen?“ Da hatte Werner sein ganzes Geheimnis verraten, aber durch diese Dummheit war das Anklopfen bei Malvine erspart worden. Und darauf verwirrten sich Morsens Autrag und Malvinens edle Handlungsweise und die Zu⸗ kunft von Franz und die Taubermann'sche Wohnung mit allen Bequemlichkeiten, und alles vermischte sich und verdrängte einander, wie Nebelbilder und geriet zum Schlusse, wie dies bei ethischen Erscheinungen zu geschehen pflegt, in eine solche allgemeine Unklarheit, daß man endlich beschloß, vorerst einmal ruhig— sehr ruhig— darüber zu schlafen. Herr Werner schlief mit den Bankscheinen unter seinem Kopf⸗ kissen und seine Frau glaubte zweimal zu hören, daß Jemand ins Haus geschlichen sei. Franz band sich diese Nacht ein Tuch um den Kopf — genau, wie dies Herr Morsen zu tun pflegte.— Zuvor aber hatte Franz Malvine nach Taubermanns Wohnung begleitet und dabei ganz zufällig bemerkt, daß Jemand über die Straße gegangen, der ihnen zwei Straßen weiter wieder begegnete und endlich in der Nähe des Krämerladens noch einmal, aber immer in einiger Entfernung und auf der andern Seite der Straße. Franz wußte genug, leider konnte Morsen dies nicht von sich sagen, denn Werners Vorgesetzter war bei Lichte be⸗ sehen noch gerade so klug wie vor seinem Antrag. Denjenfgen, welche vielleicht die Bemerkung wachen könnten, daß das Lotterielbos etwas gar zu zufällig eingetreten sei, geben wir be⸗ schelden zur Antwort, daß wir noch niemals von einem Lotteriegewinn gehört haben, der nicht zufällig gekommen wäre und was im täglichen Leben— dessen Skizzierung auch hier unser Hauplzweck war— so ganz außer aller Berechnung liegt, dürfen wir wohl auch, ohne 1 ar zu unwahrscheinlich zu sein, ohne Voraus⸗ sicht des Lesers einführen. Das Glück ist ja so launenhaft! Die Familie Werner hatte da⸗ von wieder einmal den treffendsten Beweis, zum größten Verdrusse der kränklichen alten Jungfer gegenüber, die nun schon mehr als dreißig Jahre ein Sechszehntel spielte und niemals einen Gewinn erhalten hatte. Eine kleine Entschädigung empfand ste übrigens in dem reichen Stoff, den ihre gegenüber wohnenden Nachbarn ihr jetzt zum Beobachten boten. Schon am zweiten Tage wurde vom Bäcker Brot gebracht und am dritten Tage öffnete ihm ein Dienstmädchen, ein Dienstmädchen mit voll⸗ ständigen Augen. Der älteste Sohn erhielt einen Hut und Herr Werner einen Winterrock. Die kränkliche alte Jungfer sah auch, wie Kohlen gebracht wurden, und wenn sie sich nicht täuschte, war auch ein Winterhütchen für das Töchterchen in Arbeit, denn ste hatte schon dreimal ein Mädchen mit einer Hutschachtel auf der Treppe gesehen. Die Ankündigung blieb hängen, aber der Hausherr war bereits mehrmals oben gewesen, jedenfalls, weil er seine Mieter zu behalten wünschte. Aus der⸗ selben Quelle, woher sie die Lotteriegeschichte wußte— näwlich durch die Magd aus dem Tabaksladen an der Ecke, wo Werner seine Zigarren holen ließ— erfuhr sie nun auch, daß die Familie Werner das Taubermann'sche Haus beziehen würde, und dieselbe gut unter⸗ richtete Person wollte wissen, daß der Beamte alle seine Schulden bezahlt habe, oder sie wenig⸗ stens in festen Terminen bezahlen werde, was er jetzt auch sehr gut könne. Drei Tage später hatte die alte Jungfer das Vergnügen, Herrn Morsen wieder ankommen zu sehen, und als er heraufgekommen war, sah ste die Kinder vom Fenster verschwinden und Werner und seine Frau mit dem Besucher in der Nähe des⸗ selben erscheinen. Dann bemerkte sie, daß Frau Werner das Taschentuch hervorzog und Herr Morsen und Werner sich die Hand reichten. An demselben Abend hörte sie gegenüber wohl viermal klingeln, und als sie unter der Gardine durchsah, erkannte sie in der Dämmerung Mal ⸗ deline— der Name war so schwer zu behalten— und nun wußte ste gewiß, daß irgend etwas vorgehen mußte. Auch Taubermann und seine Frau kamen den folgenden Tag und darauf — die alte Jungfer hatte seit Jahren nicht so viel zu sehen gehabt— darauf war an einem Sonntag eine Gesellschaft bei Werners; sie sah den Konditorburschen mit der Torte und das Mädchen mit einem ganzen Korbe voll Düten verschiedenen Inhalts. Acht Tage später mußte irgendwo anders Gesellschaft sein. Da kam nämlich eine Droschke und Herr und Frau Werner und Franz und seine drei Brüderchen und sein Schwesterchen stiegen alle hinein und fuhren in ganz neuen Kleidern nach der Fest⸗ lichkeit. Diese Gelegenheit benutzte die Nachbarin, um einmal fragen zu lassen, ob das, was ste vermutete, wahr sei. Ja, wirklich, Fräulein Maldeline war verlobt mit Herrn Morsen— das Mädchen von unten, dessen Bruder Lohn⸗ diener bei einem Bekannten von Morsen war, kannte ihn ganz genau. Am dritten Januar kam dann ein großer Wagen vorgefahren, worauf alle Möbel der Familie Werner gepackt wurden und die kleinen Werverchen gingen alle neben her und jedes trug irgend etwas nach der neuen Wohnung. Es waren altmodische verbrauchte Möbel— wie konnte Jemand eine Gesellschaft geben mit solchen Möbeln! dachte die alte Jungfer. Und dann stand die Wohnung leer und die arme, kranke alte Fuel war um eine Unter⸗ haltung ärmer! Zuweilen haben sie noch Jemand von der Familie Werner vorübergehen, aber ste waren kaum mehr zu erkennen, so hübsch waren sie gekleidet. Man schien viel ausgerichtet zu haben mit dem, was Malvine gegeben hatte. Es ist ja auch nicht so sehr viel nöltg, um eine zerrüttete bürgerliche Haushaltung wieder in Stand zu setzen. Seitdem Werner weniger durch Sorgen gedrückt wurde, zeigte er etwas mehr Energie, Franz war seinen Eltern nicht mehr zur Last und— es geschehen so viele Dinge, die selbst eine alte kranke Jungfer, die * 75 ihre Nachbarn[fortwährend beobachtet, nicht bemerkt. ee ö 3 (Schluß folgt.) 2— Splitter. Das Glück ist eine leichte Dirne, Sie weilt nicht gern am selben Ort; Sie streicht das Haar Dir von der Stirne Und küßt Dich rasch und flattert fort, Frau Unglück hat im Gegenteile Dich liebefest an's Herz gedrückt; Sie sagt, sie habe keine Eile, Setzt sich zu Dir an's Bett und strickt. („Romanzero II.“) * Jungfräuliche Seelen gibt es, Die nach grüner Seife riechen, Und das Laster hat zuweilen Sich mit Rosenöl gewaschen. („Atta Troll“.) Humor islisches. Böser Druckfehler. Das„Homburger Kreis⸗ blatt“ kauft seine Nummer vom 22. Februar zurück. Es befindet sich darin nämlich in einem Artikel zur silbernen Hochzeit des Kaiserpaares folgender fatale Druckfehler:„Und wo so zwei Menschenkinder unentwegt bemüht sind, das Rechte zu tun und ihrem Volke darin mit glänzendem Bipel voranzugehen, da bleibt auch der Segen von oben nicht aus.“ Aus Dresden. Unser Genig hat auf der Ber liner Geweihausstellung bloß den zweiten Preis gekriegt Er hat aber stark auf den ersten gehofft. (Simpl.) Muckerlogik. Gott schuf das erste Menschenpaar Ganz pudelnackt, das weiß ein jeder. Demnach ist Gottes Tugend offenbar So stark nicht, wie die seiuer Stellvertreter? Fromme Denunzianten. Daß einst die Sünder in die Hölle kommen, Das scheinen zu bezweifeln selbst die Frommen. Auch ihnen scheint bedeutend sich'rer halt Auf Erden schon der liebe Staatsanwalt. Geschichtskalender. 11. März. 1887 Septennatsvorlage im Reichstage. 1882 Leipziger Hochverratsprozeß. 12. 1895 Erste Lesung der Umsturzvorlage. 13. 1881 Zar Alexander II. durch eine Bombe in Petersburg getötet. 14. 1892 Gewerkschaftskongreß 1883 Karl Marx f. 15. 1896 Bebel briugt den Petersskandal vor den Reichstag. 16. 1875 Tessendorf beantragt die Schließung des Allg. Deutschen Arbeitervereins. 17. 1890 Bismarcks Entlassung. zustands⸗Debatte im Reichstage. in Halberstadt. Belagerungs⸗ Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Geld⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. ———„———— Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeltung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen: Generalstreik und Sozialdemokratie. Von Henriette Roland⸗Ho st. Mit Vorwort von Kautsky. Preis 1.20 Mk. 6 Die Agrarfrage. 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