hen und ht hen 1. las, 17 e —.. ⁰ U.—— Nr. 6. Gießen, den 11. Februar 1906. 13. Jahrgang. Nedaktion: 2 Nedaktionsschluß Hirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsch Donnerstag Nachmittag 4 Uhr gs Abounementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25%% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/5 und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Mobilmachungen gegen das eigene Voll. Man ist im Deutschen Reiche„höheren Ortes“ zwar sehr erbost über die Sozialdemokratte, aber dennoch unbewußt so freundlich, ihr Be⸗ weis⸗ und Agitattonsmaterial für ihre Theorie vom kapitalistischen Klassenstaat in Massen zu liefern. Wir wollen jetzt nicht, schreibt Ge⸗ nosse R. K., von den indirekten Steuern, die dem Proletarier das Geld ebenso ergiebig wie heimlich aus der Tasche holen, sprechen, auch die politische Entrechtung des Besitzlosen in Punkto Landtagswahl sei unbeachtet gelassen. Heute interessiert uns nur die am 21. Januar erfolgte Mobilmachung der preußischen Armee gegen die prenßische Arbeiterschaft. Die Gutgesinnten verübeln der Sozialdemo⸗ kratie ihre Haltung gegen Heer und Marine ganz besonders. Namentlich die prinzipielle Ablehnung aller Militär⸗ und Marineausgaben durch die Sozialdemokratie schmerzt die Herr⸗ schaften sehr. Der 21. Januar 1906 hat aber die Taktik des„Umsturzes“ vollkommen e rechtfertigt. Die Sozialdemokratie hat dret Gründe, die sie zu ihrem Verhalten auf dem Gebiete der Armee und der Marine veranlassen. Erstens ist sie eine grundsätzliche Gegnerin des Klassenstaates und des Kapftalis⸗ mus, zweitens ist sie eine ebensolche Gegnerin des jetzigen militärischen Systems, und drittens weiß sie nur zu gut, daß die Armeevermeh⸗ rungen sich in erster Linie gegen sie richten. Wie sehr letzteres der Fall ist, konnte man am 21. Jauuar 1906 in Preußen, und vor allem in Berlin, zur Genüge beobachten. Und predigt im Reichstag der Herr Reichkanzler oder ein Scharfmacher aus dem Hause der Sozialdemo⸗ kratie wieder einmal Militärfrömmigkeit, dann genügt der Zwischenruf:„21. Januar“, um den Redner in Sand zu strecken. Es kann doch kein Mensch von der Sozialdemokratie ver⸗ langen, daß sie Soldaten, Pferde, Gewehre und Kanonen bewilligen soll, die man sehr gern gegen sie selbst verwenden würde. Aber die Regierung hat der Partei noch weitere Gefälligkeiten erwiesen, von denen die erste darin besteht, daß die hohe Obrigkeit selbst unbewußt in der Armee Propaganda für die Sozialdemokratie trieb. Vom Stand⸗ punkt der Verfechter des„Bestehen⸗ den“ aus wäre es nämlich das klügste, den Soldaten gegenüber überhaupt nich? von der Sozialdemokratie verlauten zu lassen. Die⸗ jenigen, die bereits Sozialdemokraten sind, werden in der Kaserne gewiß nicht bekehrt, und die polttischen indifferenten Mann⸗ schaften sollten von din Anhängern des Gegen⸗ wartsstaates möglichst in threm Dämmerzu⸗ stand erhalten, denn wenn der Soldat polittsch aufwacht, so ist meistens die Sozialdemokratie die Partei, der er seiner ganzen Lebenslage nach am nächsten steht. Dazu kommt, daß die Mann⸗ schaften nach ihrer Entlassung sehr häufig auch dann in den Städten, also in den Brutöfen der Sozialdemokratie, bleiben, wenn sie vom Lande stammen. Nun stelle man sich vor, welchen Eindruck die Maßregeln vom 21. Januar auf politisch gleichgiltige Soldaten machen mußte n. Man rief hier mit den drastischsten Mitteln das Interesse der Mannschaften an einer Sache wach, für die sie sich eigentlich nicht interessteren dürfen. Und was haben die Genossen, die momentan in des„Königs Rock“ stecken, sich wohl gedacht? Sie wußten genau, daß der ganze Spektakel umsonst war. Es ist aber nicht disziplinfördernd, wenn man die Mannschaft mit Dienstleistungen belästigt, von den ste fest über⸗ zeugt sind, daß sie nicht notwendig wären. Und lehrt die Erfahrung, daß sie wirklich voll⸗ kommen überflüssig waren, und nur auf Ge⸗ spensterseheret beruhten, so kann es sehr leicht geschehen, daß die Untergebenen sich über die Herren Vorgesetzten mokteren. Die Mann⸗ schaften mit soztaldemokratischer Gesinnung mußten innerlich gewiß lachen, als ste am 21. Januar Abends ihre scharfen Patronen und die bereitgehaltenen Schrapnells ein⸗ lieferten. Und welche„Begeisterung“ für das Heer und Vaterland mögen die Genossen, die der Reserve und Landwehr angehören, emp⸗ funden haben, als ste die aktibe Armee, mit der ste im Kriege gemeinsam gegen den Feind kämpfen sollen, in dieser Weise aufgeboten sahen. Merken denn die Herren am Ruder nicht, welch' sonderbares Verlangen sie mit der Forderung stellen, daß im Kriege aktive Armee, Reserve und Landwehr freudig neben⸗ einander fechten sollen, nachdem im Frieden die aktive Armee gegen einen großen Teil der Landwehr und Reserve mobil gemacht wurde? Endlich ist es sehr fraglich, ob die jungen Genossen, die in Bälde Rekruten sein werden, der Aufmarsch der Armee gegen das Volk, das nichts als ein gerechtes Wahlrecht verlangte, sehr gefreut hat. Auf jeden Fall ist derartiges nicht dazu angetan, in ihnen Lust zum Soldatenstand zu erwecken. Will die Regierung den Rummel vom 21. Januar wiederholen, so kann es der Sozial⸗ demokratie nur recht sein. Je mehr es offen⸗ kundig wird, daß die Armee auch die Rolle einer riesigen Poltzeitruppe zu spielen hat, und das Haupthilfsmittel der Reaktion bildet, um so leichter wird die Agitation gegen sie, umso mehr werden die politisch indifferenten Soldaten mit politischem Interesse erfüllt und auf die Sozialdemokratie aufmerksam gemacht. Uebrigens dürften die„maßgebenden Kreise“ sich die Konsequenzen des Blutver⸗ gießens leichter vorstellen, als sie sind. In Bayern wurde vor ungefähr zehn Jahren nur ein einziger Zug Infanterie gegen arme Bauern geschickt, die sich das ihnen nach ihrer Meinung ustehende Holz aus dem Walde des Inhabers des Lehensgutes Fuchs mühl mit Gewalt holen wollten. Dabei wurde ein Bauer mit dem Bajonett erstochen. Wegen dieser„Fuchs⸗ mühlerei“ hatte die bayerische Regierung sehr viel zu ertragen. Will ein bayerischer Abge⸗ ordneter einem bayrischen Miuister unangenehme Gefühle bereiten, so braucht im Landtag nur das Wort Fuchsmühl auszusprechen. Es wirkt jetzt noch! Handelt es sich aber um große Konflikte zwischen Armee und Volk, so tritt auch eine bedenkliche Schwächung des Landes nach außen ein. Man kann nicht heute auf Reservisten und Landwehrleute schießen lassen und am nächsten Tage verlangen, daß ste begeistert für König und Vaterland ins Feld ziehen. Die Kleinigkeit, daß man die verhaßten Sozialdemokraten im Kriege sehr nötig hat, scheint„oben“ leider nur zu oft vergessen zu werden. Der Tabakarbeiter- Kongreß welcher vorige Woche in Berlin abgehalten wurde, nahm den seiner hohen Bedeutung ent⸗ sprechenden Verlauf. Es gab wohl kaum einen deutschen Landstrich, aus dem nicht ein Ver⸗ treter zu Worte kam, und was dann der Redner vorbrachte, waren erschütternde Anklagen gegen ein Elend, das höchstens von dem der schlestschen Weber übertroffen wird. Wie ein Lichtstrahl ging es über die Versammelten, als am zweiten Verhandlungstage Abgeordneter von Elm das Ergebnis der Kommisstonsberatungen aus dem Reichstage mitteilte(die Reichstagskommisston lehnte die Tabakssteuererhöhung ab) und da⸗ durch die Hoffnung weckte, daß der Schlag, den die Reichsregierung gegen das Gewerbe führt, wirkungslos gemacht werden kann. Es waren noch einige fünfzig Redner eingetragen, als der Kongreß am Mittwoch Nachmittag an die Be⸗ endigung seiner Arbeiten denken und die Redner⸗ liste schlteßen mußte. In einer einstimmig be⸗ schlossenen Resolution erklärte der von 93 De⸗ legierten aus 537 Ortschaften besuchte Kongreß sodann: „Die Tabakarbeiter glauben umsomehr be⸗ rechtigt zu sein zu einem Protest gegen jede weitere Steuererhöhung, 1. weil in der Tabak⸗ industrie eine große Zahl schwächlicher und verkrüppelter Arbeiter Unterschlupf gefunden haben, die in keiner anderen Industrie sich zu ernähren imstande sind und bei der durch die Steuererhöhung bewirkten Arbeitslosigkeit nur den Gemeinden zur Last fallen würden; 2. weil durch den am 1. März 1906 in Kraft tretenden Zolltarif eine weitere Herabdrückung der elen⸗ den Lebenshaltung der Tabakarbeiter bewirkt wird; 3. weil die jetzige Steuergesetzgebung für die Tabaksindustrie zur Folge hatte, daß die Tabakarbeiter, die vor dem Jahre 1879 mit zu den besser entlohnten Arbeitern gehörten, jetzt nach der Lohnstatistik der Berufsgenossen⸗ schaften mit ihrem Jahresverdienst um 404 Mark unter dem Durchschnittsverdienst der gegen Unfall versicherten Arbeiter stehen. Die all ⸗ jährlichen enormen Einnahmen, die das Reich durch die im Jahre 1879 erfolgte Erhöhung des Tabakzolles und der Tabaksteuer hat, werden hauptsächlich getragen durch die in der Tabak⸗ industrie und deren Nebengewerbe beschäftigten Arbeiter, in Form der damals in großem Um⸗ fange vorgenommenen Lohnreduktioncn, die ste über sich ergehen lassen mußten auf Grund der durch das Sozialistengesetz herbeigeführten Wehr⸗ losmachung der Arbeiter und durch die in er⸗ heblichem Maße betriebene Verlegung der Fa⸗ brikation aufs flache Land.“ Der Kongreß protestierte dann noch gegen den Plan der Zigarettensteuer und sprach die Erwartung aus, daß die Regierung die Steuer⸗ gesetzentwürfe zurückziehen werde und auch in Zukunft die Tabakindustrie nicht weiter bedrohe. Sollte dies nicht eintreten, so erwartete der Kongreß, daß der Reichstag ebenso einstimmig wie seine Kommission in erster Lesung das Schicksal der Vorlage durch ein ablehnendes Votum besie eln wird. Seite 2. Milteldeutsche Sanntags⸗Zeitung. Sr. 6 Debatten. beleuchtete Gen. Fischer⸗Berlin in einer vor- trefflichen Rede die Stockung der Sozialpolitik und die ganze politische und soziale Reaktion, Hoffentlich erhört der Reichstag den Not · schrei der deutschen Tabakarbeiter, es gilt eine Viertelmillion Arbeiter und deren Angehörige, die heute schon schwer zu kämpfen haben, vor dem äußersten Elend zu schützen. politische Nundschau. Gießen, den 8. Februar 1906. Im Reichstage gab es in den letzten Tagen bei Beratung des Etats des Innern soztalpolitische Am Donnerstag voriger Woche die in Deutschland herrscht. Dem Zentrum warf er die von ihm beobachtete Halbheit auf diesem Gebiete vor.— Am Samsctag setzte sich die sozialpolitische Debatte fort. An diesem Tage zeigte sich der Arzt Mugdan in seiner ganzen„freisinunigen“ Glorie. Dieser Mensch hielt eine zweistündige Sozialistenvernichtungs⸗ Rede, wie ste„besser“ der selige Stumm oder ein preußischer Junker niemals gehalten hat. Zu Dreiviertel bestand die Rede aus Angriffen auf die Sozialdemokratie, auf einzelne Sozial⸗ demokraten und auf die Krankenkassen. Die Kassen sollen nach Mugdans Plan den Ge⸗ meinden unterstellt werden, in denen unter froher Zustimmung des Freisinns der Geldsack herrscht. Die Militäraufgebote des 21. Januar fanden die volle Billigung dieses sonderbaren „Freisinnigen“. Was Wunder, daß der brül⸗ lende Beifall der Rechten die Rede dieses Frei⸗ stnnsmannes begleitete, während seine Fraktions⸗ kollegen die Flucht ergriffen. Und der Frei⸗ sinnige Dove lehnte später die Scharfmache⸗ reien Mugdans entschieden ab.— Die gebüh⸗ rende Antwort gab ihm aber am Montag unser Gen. Stücklen, der Herrn Mugdan die Fabrikinspektoren⸗Berichte unter die Nase hielt, die am besten dartun, wie unbefriedigend in Wahrheit die Lage der Arbeiter ist und wie dringend die Erfüllung der Forderungen, die wir an die sozialpolitische Gesetzgebung stellen. Das Wahlrecht her! Der Kampf um das Wahlrecht kommt nicht mehr zum Stillstand und darf es auch nicht. Der sozialdemokratische Parteivorstand hat eine Petition um Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts an das Dreiklassenhaus gerichtet. Die bürgerliche— auch die„liberale“ — Presse hat darüber höhnische Bemerkungen, was ja für die Gesellschaft bezeichnend ist, aber die Sozialdemokratie in ihrem gerechten Kampfe in keiner Weise irre machen wird.— Unsere Genossen im Reichstage haben einen Gesetzent⸗ wurf eingebracht, nach welchem in jedem Bundes⸗ staat eine auf Grund des allgemeinen gleichen Wahlrechts gewählte Landesvertretung bestehen muß. Am Mittwoch kam der Antrag zur Verhandlung und Bernstein begründete ihn. Im Laufe der Debatte ergriff Graf Posa⸗ dowsky das Wort, um in längeren Aus- führungen den Antrag zu bekämpfen. Es wird darauf noch zurückzukommen sein.— Auch im sächsischen Landtage debattierte man über die Wahlreform, ohne indessen zu einem Resultat zu gelangen. Die Wahlreform in Bayern ist gesichert. Am Montag hat die bayrische Reichsrats⸗ kammer sich mit der Wahlrechtsvorlage befaßt und derselben zugestimmt. Prinz Ludwig, der die Debatte darüber eröffnete, sprach sich, wie schon kürzlich einmal, für das allgemeine und direkte Wahlrecht aus und empfahl die Zustimmung zu der Vorlage schon mit Rück⸗ sicht auf die kolossale Mehrheit, die sich bei den letzten Wahlen für die Wahlreform ergeben habe. Alle Wünsche wegen Abänderung von Einzelheiten müsse man jetzt zurückstellen vor der großen Frage, ob es gelingen werde, endlich ein Gesetz zustande zu bringen, das Ruhe im Lande schaffe.— Minister Feilitzsch betonte, die Regierung lege Gewicht auf die Annahme dieser Vorlage. Denn die n werde nicht zur Ruhe kommen, aber es sei sehr zweifelhaft, ob man in Zukunft jemals die „Kautelen“ erreichen werde, die jetzt im Gesetz enthalten seien, namentlich die Hinaufrückung des wahlfähigen Alters auf das 25. Jahr, die einjährige Staatsangehörigkeit und die Steuerleistung. Der vorliegende Entwurf sei von konservativen Grundsätzen getragen, es sei besser, die Wahlreform jetzt zu gewähren, als sie später sich abzwingen zu lassen. In der Spezialberatung wurde dann die ganze Vorlage in namentlicher Abstimmung einstimmig angenommen. Damit ist die Wahl⸗ reform in Bayern endgültig gesichert. Die Wahlreform bedeutet unbedingt einen Fortschritt, wenn auch verschiedene Forderungen, die unsere Partei stellen muß, noch nicht erfüllt sind.— Preußen wird auch noch kapitulieren müssen! Der Hamburger Wahlrechtsraub ist, wie bereits in voriger Nummer kurz er⸗ wähnt, leider gelungen und die Hamburger Rhederprotzen, Geld⸗ und Pfeffersäcke atmen er⸗ leichtert auf, die Vergewaltigung der Arbeiter ⸗ schaft und des Mittelstandes ist geglückt. Die Senatsvorlage, die den Arbeitern das ohnehin schon arg beschränkte Wahlrecht so gut wie vollends raubt, ist mit 120 gegen 35 Stimmen angenommen worden. Die Vorlage wäre gefallen, der Raub abgeschlagen worden, wenn statt der 35 sich 39 Opponenten gefunden hätten. Vier Stimmen hüben und drüben entschieden über den Ausgang des acht⸗ monatigen Kampfes; vier Stimmen hüben und drüben haben dem senatorischen Rechtsraub zum Rechtssiegel verholfen. Es stand auf des Messers Schneide. Das wußten die Wahlrechtsräuber bis zum letzten wortreichen Vertreter der„Mittelstandsinteressen“. In zwölfter Stunde gruben sie daher eine Be⸗ stimmung der Geschäftsordnung aus, die die Möglichkeit der geheimen Abstimmung für die Bürgerschaftsmitglieder vorsieht. Der Paragraph ist so gut wie niemals benutzt worden; in der entscheidenden Stunde des Mittwochabend wurde er von denselben Leuten der Vergessenheit entrissen, die für die Wähler⸗ massen nicht laut genug die Vorzüge der öffentlichen Abstimmung zu preisen wissen. Warum das geschehen? In der öffentlichen Begründung beteuerten die Räuber: um die Freiheit der Abstimmung zu sichern, um die Wegelagerer vor dem Boykott der Beraubten zu sichern. In Wahrheit geschah es, um einige Schwankende, die im Geruch des Liberalismus stehen und öffentlich höchst ungern für die Vor⸗ lage votiert hätten, insgeheim ins Lager der Räuber hinüberzuziehen und durch ste die er⸗ forderliche Dreiviertelmehrheit zu sichern. Der Plan ist gelungen. In geheimer Abstimmung wider Brauch und Sitte ist der minderbemittelten Bevöl⸗ kerung Hamburgs, insonderheit der Arbeiterschaft, das bisher gesetzlich gewährleistete Wahlrecht geräubert; hinterrücks ist sie um den größten Teil ihres bisherkgen Staats- bürgerrechts betrogen worden. Nicht in offener Entscheidung, nein, aus dem heiwlichen Hinter⸗ halt heraus ist sie um ihr Recht geprellt, um ihr politisches Hab und Gut gemeuchelt worden. Und warum das? Weil man der Soztal⸗ demokratie das bischen politischen Einfluß nehmen will, was sie bisher hatte, weil die herrschenden Geldsäcke die Möglichkeit haben wollen, weitere Verfassungsverschlechterungen jederzeit nach Belieben vorzunehmen. Die Dreiviertelmehrheit, an die die Verfassungs⸗ änderungen bisher geknüpft waren, ist gefallen. Das Wahlrecht wird so zugestutzt, daß die be⸗ sitzeuden Klassen unter allen Umständen die Macht in Händen halten, jedem Rechtsbruche den Stempel der Gesetzmäßigkeit aufzudrücken. — Der Schlag ist gelungen. Doch die Ham⸗ burger Kapitalisten täuschen sich, wenn sie etwa glauben, daß ihre Position nun gestchert sei. Die Beraubten werden sich ihr Recht zu er⸗ 1 wissen, mehr als ihnen genommen urde! Die Kaiserin und die Heimarbeit. Vor zwei Jahren wurde in Berlin ein Heimarbeiter⸗Kongreß abgehalten, an den sich eine Ausstellung von Produkten der Heimin⸗ dustrie anschloß. Damals faßte man den Plan, baldmöglichst eine neue Ausstellung zu arran⸗ gieren, weil gerade dadurch das Elend der in der Heimindustrie beschäftigten Arbeiter am deutlichsten vor Augen geführt werden kann. Vor Kurzem wurde die Ausstellung eröffnet und sie erfreute sich sehr lebhaften Besuches, 4500 Personen haben sie in der ersten Woche besichtigt. Auch die deutsche Katserin war unter den Besuchern. Was in bürgerlichen Blättern über den Eindruck, den die Ausstellung auf die Kaiserin machte, berichtet wird, zeigt, daß die Kaiserin die ganze Tiefe dieses Elends nicht begriffen hat, nicht begreifen konnte, da es für sie etwas vollkommen Neues, Unbekanntes war. Es ist unmöglich, daß sich die Katserin von der Höhe ihrer Lebensstellung herab eine klare Vorstellung von dem flüchtig Gehörten und Ge⸗ sehenen machen konnte. Ueber die Stundenlöhne von 7 und 8 und weniger Pfennigen, die an man⸗ cher Arbeit verdient werden, war die Kaiserin erstaunt und soll gefragt hab en: „Warum machen die Leute das, wenn es so schlecht bezahlt wird?“ Die Antwort lautete:„Weil die Löhne der Männer so niedrig sind, daß auch die Frauen mitverdienen müssen.“ Da meint die Kaiserin: „Das wird sich schwer, sehr ch wer ändern lassen.“ Die Gewerkschaften, die den Kampf gegen das himmelschreiende Elend in der Heimin⸗ dustrie führen, verzagen nicht, ob der schweren Aufgabe; sie sammeln die Arbeiter in Verbände, um durch deren Macht diese Zustände zu be⸗ seitigen. Man hätte der Kaiserin noch sagen können, daß diese bedrückten Heimarbeiter die Stief⸗ kinder der ohnehin unzulänglichen sozialen Ge⸗ setzgebung sind, daß die skandalösen„Arbeits. räume“ der Heimarbeiter, die zugleich als Wohn⸗ und Schlafräume dienen, nicht der Kon⸗ trolle der Gewerbeinspektoren unterstellt sind. Weiter hätte man die Kaiserin darauf ver⸗ weisen können, daß eben jetzt durch eine nimmer⸗ satte Steuerpolitik diesen Aermsten ein neuer vernichtender Schlag droht; daß die herrschende Fleischnot und die zu erwar⸗ tende Steigerung der Preise aller Lebensmittel durch den Zolltarif eine verheerende Wirkung unter diesen untersten Schichten des deutschen Volkes anrichten. Vielleicht hätte dann die Frau des Deutschen Kaisers die Ueberzeugung gewonnen, daß all dieser Jammer und diese Not geändert werden müssen, und daß eine Pflichtverletzung begeht, wer nicht tatkräftig mithilft, solche Zustände zu beseitigen. 1 Freilich, mit der Aufklärung der einen Frau wäre auch nicht viel gewonnen. Einzelne — und seien sie noch so hochgestellt— sind machtlos gegenüber den wirtschaftlichen Macht- faktoren. Darum ist al lein die Sozial⸗ demokratie auf dem richtigen Wege, die weder ihr Heil auf Einzelne setzt, noch ihren Kampf gegen Einzelne richtet, son⸗ dern die entschlossen und unablässig gegen die Ursache des heutigen Elends, gegen das kapi⸗ 1 talistische Wirtschaftssystem, kämpft.— l 4 I ²˙ AA ˙ U 1 Gegen die Schulverpfaffung! Eine großartige Kundgebung jgegen den preußischen Schulgesetzentwurf, der die Volksschule vollends den Händen des Pfaffentums überliefert, wurde am Sonntag in Frankfurt von den liberalen Parteien und der Sozialdemokratie veranstaltet. Etwa 5000 Personen hatten sich im Schumann: Theater eingefunden, um gegen die pfäffische Verkleisterung der Volksschul⸗Kinder Protest zu erheben. Zuerst sprach Oberlehrer Nier⸗ haus, der die schultechnische Seite des Gesetz⸗ entwurfs kritisterte. Darauf ergriff unser Ge- nosse Dr. Quarck das Wort, der betonte, das geistige und materielle Volksinteressen nicht zu trennen seien, und in scharfer Weise gegen die Untergraburg des Selbstverwaltungsrechts de Gemeinden durch den Gesetzentwurf zu Feld — 0 kin fac uin lan, Lau: f in am un. fue hes, oche nter tern auf daß nicgt für War. n der klare Ge- e bon nan⸗ serin, a5, d“ e der auen rin: ehrt gegen min⸗ weren ände, i be⸗ nnen, Stie⸗ f Ge⸗ beitz⸗ h als kon- ind. ber⸗ mer u eln 5 die erwal⸗ mittl Irn ischen u de Agung diese 5 nt kräffg einen Izelue 5 Nach“ bal, igen e 1 „ sob“ el die bah 9 Nr. 6. —— B Mitteldeutsche Sonnags⸗Zeitung. Seite 3. og. Keller. Auch er gebrauchte scharfe Worte egen die Macht des Klerikalismus und seine engen, die Volksschule zu verpfaffen und die Lehrer noch abhängiger von Pfaff und Landrat zu machen, wie sie es heute schon find. Das Gesetz werde revolutionär wirken, indem es weite Kreise der Kirche noch mehr entfremden werde, wie es heute schon der Fall set. Weiter sprachen noch die Frauen Adele Schreiber und Henriette Fürth, sowie die Landtagsabgeordneten Funk und Oeser und der freireligiöse Prediger Klauke, der mit seiner e e aus der Landeskirche auszutreten, vielen Beifall fand. Das halten wir auch für den wirksamsten Protest! Gerechtigkeit. Ein„Aufruhrprozeß“ hat sich wieder mal in Sachsen abgespielt und zwar vor dem Leipziger Schwurgericht. Der Anklage lagen Vorfälle zu grunde, die sich während eines Streiks der Kürschner in Markranstädt ereignet hatten. Die Fabrikleitung der Aktien⸗ gesellschaft Walthers Nachfolger, Rauchwaren⸗ zurichterei hatte aus Leipzig und Umgegend einige Arbeitswillige kommen lassen, die im September v. Js. morgens mit der Bahn von Leipzig nach Markranstädt und abends wieder zurückfuhren. Der Betrieb in der Fabrik konnte notdürftig aufrecht erhalten werden. Im Laufe der nächsten Tage kam es zu Reibungen zwischen Ausständigen und den Streikbrechern. Zu einem ernsteren Zusammenstoß kam es am Abend des 11. Oktober, als sich unter den Ausständigen das Gerücht verbreitet hatte, die Arbeitswilligen hätten sich allerhand Waffen zugelegt, um einem eventuellen Angriffe gewachsen zu sein. Es haben sich nun ziemlich erregte Szenen auf der Straße und vor dem Bahn⸗ hofe abgespielt, die Polizei griff ein und es wurde eine Anzahl von„Radelsführer“ ver⸗ haftet. Die Staatsanwaltschaft hat aus dem Ganzen eine Haupt⸗ und Staatsaktion gemacht und hatte Anklage wegen Landfriedens⸗ bruchs und Aufruhrs erhoben. Vor dem Leipziger Schwurgericht hatten sich deswegen neun Arbeiter zu verantworten. Nach fünf⸗ tägiger Verhandlung hat das Schwurgericht drei der Angeklagten zu je einem Jahr und drei Monaten Gefängnis und fünf⸗ jährigem Ehrverlust verurteilt. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Rebellische Pfaffen. In Frankreich ist durch die Einführung des Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat eine Aufnahme des Kirchenvermögens notwendig geworden. ventar der Kirchen aufgenommen werden, was durch staatl e che Beamte geschieht. Da⸗ gegen rebellieren die Pfaffen. Sie verhindern die Beamten gewaltsam an der Ausübung ihrer Pflicht und in einer Anzahl Kirchen kam es zu schweren Kämpfen. Die von den Pfaffen aufgehetzte Menge verbarrikadierte sich in den Kirchen mit Stühlen, Bänken ꝛc. und griffen die Beamten tätlich an. Verschiedentlich mußte die republikanische Garde zum Schutze der Be⸗ amten eingreifen. Doch man ging ziemlich gelinde gegen die frommen Rebellen vor; mit streikenden Arbeitern wäre man stcher anders umgesprungen. Der ganze Rummel soll gegen die Republik Stimmung machen, aber er wird seinen Zweck verfehlen. Soziales. Die volle Kompottschüssel. Vor uns liegt, so schreibt der„Proletarier aus dem Eulengebirge“, ein Bescheid der Landes⸗ versicherungsanstalt Schlesien, durch den die Invalidenrente ver ⸗ sagt wird. Die Antragstellerin ist eine 60 Jahre alte Zigarrenarbeiterin resp. Wickel⸗ macherin, eine Arbeit, bei der wesentlich die Muskeln der Finger und Hände angestrengt werden, infolgedessen starkes Zittern der Hände und allgemeine Abmagerung und Schwäche bei Nach Quarck sprach Seminardirektor Dr. Es muß auch das In⸗ der Antragstellerin, welche über 700 Beitrags- wochen 14 Karten erfüllt, also sehr regelmäßig gearbeitet hat. Der Versagungsbescheid sagt 11 der bet diesen Bescheiden üblichen lakontschen ürze: „Sie sind noch imstande, durch Arbeit den gesetzlichen Mindestlohn von 133 Mark ährlich zu verdienen“, also wöchentlich 2,55 Mark oder täg⸗ lich das Rieseneinkommen von 36¼ Pfennig zu erzielen, und deshalb bleibt ihr die„fette“ Rente vorenthalten. Formell ist die Rentenanstalt wohl im Recht, um die Wahrheit des alten Bibelwortes„Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig,“ braucht ste sich ja nicht zu kümmern. Die untere Verwaltungsbehörde und deren Beisttzer haben übrigens die dauernde Er werbsun⸗ fähigkeit der Antragstellerin bejaht, wodurch aber eben nur wieder einmal bewiesen ist, was wir Sozialdemokraten immer gesagt haben: daß diese Einrichtung etwa ebenso nützlich ist, wie das fünfte Rad am Wagen. Doch was bedarf es weiterer Worte. Die einfache Tat⸗ sache, daß ein Menschenkind, wenn es nach den Urteilen eines Arztes noch imstande ist, ein tägliches Einkommen von 36 ½ Pfennig zu ver⸗ dienen, keine Rente bekommen kann, beleuchtet die vielberufene deutsche Arbeitergesetzgebung greller, wie es das größte Brillantfeuerwerk tun könnte. Und da wundert sich die satte Spießerei und die hirnverbrannte Scharfmacheret 101 125 das stete Wachsen der Sozialdemo⸗ ratie!— Au die Gewerbegerichts⸗Beisitzer Deutschlands richtet der im vorigen Jahre in Würzburg gewählte Zentralausschuß in Dresden die Mitteilung, daß er sich konsti⸗ tuiert und zu seinem Vorsitzenden Arno Holz, Dresden A., Am See 33 IV. ernannt habe, an den alle Zuschriften zu richten sind. In der Veröffentlichung heißt es weiter: „Um eine engere Fühlung mit den Gewerbe⸗ gerichtsbeisttzern anzubahnen und zu unterhalten, fordern wir deren Obmänner oder Vertrauens⸗ männer auf, ihre Adresse an den Obenstehenden einzusenden. Wo die Beisitzer an den Gewerbe⸗ gerichten solche Vertrauenspersonen oder auch, je nach der Größe des Gewerbegerichts, Kommis⸗ stonen nicht ernannt haben, richten wir an die jeweiligen Vorsttzenden des Gewerkschaftskartells das Exsuchen, für deren Wahl und Erledigung dieser Aufforderung baldigst Sorge zu tragen. Revolution in Rußland. Die Revolution erwacht aufs Neue. Aus Petersburg wird berichtet: In amtlichen Kreisen herrscht große Beunruhig⸗ über die Fortschritte der Revolution im Kau⸗ kasus. Die Regierung hat beschlossen, gegen die Behörden vorzugehen, die die Unruhen durch ihr Verhalten gefördert haben.() Ueber ver⸗ schiedene Beamte soll eine Untersuchung einge⸗ leitet sein. Die Lage in den baltischen Provinzen ver⸗ schärft sich wieder zusehends. Bei Bukkume kam es zwischen Truppen und Letten, unter denen sich auch Frauen befanden, zu einem Zusammen⸗ stoß, wobei es auf beiden Seiten zahlreiche Tote und Verwundete gab. Der Adelsmarschall Fürst Trubetzkoi äußerte sich in einem Interview, daß er für das Früh⸗ jahr eine Agrarbewegung schärfster Art erwarte, und daß es bei der Landver⸗ teilung zwischen den Bauern selbst zu blutigen Kämpfen kommen werde. Es sei daher dringend notwendig, daß die Reichsduma baldigst ein⸗ berufen werde. von Nah und Lern. Jessisches. — Die neuen Minister in Hesseu. An Stelle des verstorbenen Staatsministers Rothe ist der Justizminister Ewald an die Spitze des Ministeriums getreten. Zum Präst⸗ denten des Ministeriums des Innern wurde der bisherige Ministerialdirektor Braun er⸗ naunt. Letzterer war aufangs der achtziger Jahre als Assessor im Bureau der Rechtsan⸗ walts Gutfleisch in Gießen tätig, später war er Amtmann in Alzey und Lauterbach. Seit 1896 ist er mit einen halbjährigen Unter⸗ brechung im Ministerium tätig. — Vom gleichen Recht in Hessen. Die Wahl unseres Genossen Peter Zahn zum Beigeordneten in Mühlheim a. M. ist vom Kreisausschuß nicht bestätigt worden! Als Zeuge hatte der Bürgermeister Büttner erklärt, daß keinerlei Einwendungen gegen die Person des Gewählten zu erhebe! seien; er er⸗ freue sich eines guten Rufes und sei nicht be⸗ straft. Mit Zahns Tätigkeit im Gemeinderat könne er(der Bürgermeister) nur zufrieden sein. Trotzdem wird die Bestätigung versagt; der Sozlaldemokrat, der politische Gegner ist nicht würdig des Amtes! Das zeigt, wie man auch im„liberaleu“ Hessen nach preußisch⸗junkerlichen Mustern arbeitet. Die Sozialdemokraten, die auch in Hessen die stärkste Partei bilden, werden als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt! Wenn die Leute vom Kreisausschuß etwa des Glaubens sind, damit die Sozialdemokratie in threm Siegeslaufe aufhalten zu können, so werden ste das als gewaltigen Irrtum erkennen. Natürlich werden unsere Mühlheimer Genossen die Sache weiter verfolgen und bis zur höchsten Instanz treiben, denn es muß vor aller Oeffent⸗ lichkeit festgestellt werden, ob es in Hessen ein gleiches Recht gibt oder nicht. Gießener Angelegenheiten. Die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter. Vor Kurzem hat eine englische Arbeiter⸗Deputation Deutschland bereist, um hier die Arbeiterverhältnisse, Verftcherungsein⸗ richtungen ꝛc. zu studieren. Ueber ihre Wahr⸗ nehmungen haben sie sich verschiedentlich ge⸗ äußert und Graf Posadowsky hat bereits im Reichstage erwähnt, daß sie sich über das deutsche Arbeiterverstcherungswesen sehr lobend ausgesprochen hätten. Es ist aber nicht er⸗ wähnt worden, daß jene Deputation über die enorm hohen Lebenspreise erstaunt war. Daß die Lebenshaltung der deutschen Arbeiter durch die kaum erschwinglichen Preise für Lebensmittel herabgedrückt ist, und tiefer steht als die Lebenshaltung der Arbeiter anderer Länder, ist besonders von der sozialdemokra⸗ tischen Fraktion im Reichstag anläßlich der Zolltarifdebatten unwiderleglich nachgewiesen worden. Neuerdings wurden vom Haller Volks⸗ blatt Marktpreise aus Winnipy in Nordamerika mitgeteilt und die Zahlen zeigen, daß der Kon⸗ sum des amerikanischen Arbeiters an guten und kräftigen Nahrungsmitteln weit größer ist als beim deutschen Arbeiter. Danach werden be⸗ zahlt für: Ein Pfund Rindfleisch, beste Qualität. 30—35 K ein Pfund Rindfleich, zweite Qualität, 24 4 ein Pfund Rindfleisch, Farm 20 4 ein Schaf 2.40 J bis 3.— l. ein Lamm 1.40„ bis 2.20„ ein Pfund Hammelfleisch, bestes 16—22 4 Schweine, 150 bis 250 Pfund, pro Pfund 24„ Schweine über 250 Pfund, pro Pfund 20„ ein Pfund Kalbfleich, bestes 30„ ein Pfund Kalbfleisch, gewöhnliches 22—25„ Butter, beste Farmware, pro Pfd5D 72— 120„ Eier, pro Pfund 90 Käse, beste Farmware, pro Pfund 50—55 eine Gans 60„ eine Ente 62-65„ Truthühner pro Stück 90—95„ Wie würden unsere Hausfrauen sich freuen, wenn ste mit solchen Fleischpreisen rechnen könnten! Dabet muß noch berücksichtigt werden, daß das Fleisch in Amerika bedeutend besserer Qualität ist. Bei dem hohen Stande der Volksernährung ist es erklärlich, wenn der Alkoholverbrauch nur die Hälfte von den im Deutschland üblichen betraͤgt. Je besser die Lebenshaltung, je mehr wird der Alkohal ver— drängt. Der durchschnittliche Arbeitslohn eines amerikanischen Arbeiters ist 1920 Mk., der eines deutschen 780 Mk. Das Geld selbst hat in Amerika für Lebensmittel eine höhere Kaufkraft als bei uns, wo alles durch Zölle hinaufge⸗t schraubt wird. Der amerikanische Arbeiter iß, dreimal so viel Fleisch, Mehl, Zucker, Gemü —— — * Seite 4. Mitteldentsche Sonufags⸗ Zeitung. 2 Nr. 6. Obst, zweimal soviel Eier, die Hälfte Kartoffeln, und ein Sechstel der Brotmenge, die der deutsche Arbeiter verzehrt. In der letzten Zeit sind verschiedentlich Arbeiterhaushaltungs Budgets veröffentlicht worden, aus denen allgemein ersichtlich war, wie wenig der deutsche Arbeiter für Fleisch⸗ nahrung aufwenden kann. Die Frkf. Volks⸗ stimme brachte kürzlich die Aufzeichnungen eines Arbeiters in Euskirchen. Danach hatte dessen siebenköpfige Familie 1905 u. a. 52 ½ Kilo⸗ gramm Fleisch, 191 Liter Milch und 69 Stück Eier verbraucht, das war auf den Tag noch nicht 150 Gramm Fleisch, etwa ein halbes Liter Milch und alle fünf Tage ein ganzes Ei— für steben Personen. Der Kampf gegen die Lebensmittel verteuerer ist eine Hauptaufgabe der deutschen Arbeiter. Ein paar Pfennige Lohnerhöhung werden sofort aufgewogen durch Steigerung der Lebensmittelpreise. Der Kampf gegen die Lebensmittelvertenerer heißt Kampf gegen alle bürgerlichen Parteien, die mehr oder weniger diese schlimmen Zustände mit ver⸗ schuldet haben. Er heißt Unterstützung der sozialdemokratischen Arbeiterpresse und Anschluß aller Arbeiter an jene Partei, die allein den Kampf für billiges Brot energ sch führt, an die Sozialdemokratie! Dazu wird noch berichtet, daß im Vogels⸗ berg die Fleischpreise im rapiden Steigen be⸗ griffen sind, es ist also zu erwarten, daß die Fleischnot noch lange nicht ihr Ende erreicht. Auch aus Köln und anderen Orten wird gleiches berichtet. Und da wagen die Bauernbunds⸗ agitatoren und die bündlerisch⸗antisemttische Presse von einem„Fleischnotrummel“ zu sprechen! — Gewerbegerichtswahl. Die am Samstag erfolgte Wahl der Beisitzer zum Ge⸗ werbegericht bedeutet einen schönen Erfolg der Freien Gewerkschaften. Sie brachten 200 Stim⸗ men mehr auf, als bei der Wahl vor 3 Jahren, obwohl gegenwärtig bedeutend weniger Bauar⸗ beiter als zu anderer Jahreszeit in Gießen be⸗ schäftigt sind. Die Beteiligung war im allge⸗ meinen stärker. Auf der Arbeiterseite wurden 1071 Stimmen abgegeben, gegen 832 bei der vorhergehenden Wahl. Die Liste der Freien Gewerkschaften erhielt davon 962 gegen 763 im Jahre 1903. Die„nationalen“ Arbeiter brachten bei außerordentlicher Anstrengung 109 Stimmen auf, 40 mehr als 1903. Sie erhalten also wiederum 1 Beisitzer, den ste übrigens auch schon mil 50 60 Stimmen bekommen hätten.— Für die Arbeitgeberliste wurden 115 Stimmen abgegeben, wovon 15 für die Liste des Gewerk⸗ schaftskartells. Von letzterer sind also wieder zwei Kandidaten gewählt; die ganze Besetzung des Gerichts bleibt also wie bisher. — Ein Volksunterhaltungs⸗ abend wird am Sonntag im Saale des Turn⸗ vereins am Oswaldsgarten abgehalten. Nach einem kurzen einleitenden Vortrag des Herrn Dr. Strecker⸗Bad⸗Nauheim über Hans Sachs und Wilh. Busch werden von Mitgliedern des Dürer⸗Bundes zwei sehr lustige Fastnachtspiele von Hans Sachs aufgeführt, worauf einiges aus Busch's Werken in Lichtbildern gezeigt wird. Wir können den Besuch dieser Veranstaltung nur empfehlen. Eintritt kostet an der Kasse 30 Pfg. Für Gewerkschaftsmitglieder sind Karten für 10 Pfg. bei den Vorständen zu haben. lichen Preisen. — Das Gewerkschaftsfest am Samstag war sehr stark besucht und nahm den besten Verlauf. Die Festrede des Gen. Göller⸗ Frankfurt wurde mit starkem Beifall aufge⸗ nommen und ebenso die zur Unterhaltung vor⸗ getragenen Stöcke. Zur Verlosung waren eine ziemliche Anzahl nützlicher Gegenstände gestiftet worden, es gab also viel mehr glückliche Ge⸗ winner als neulich bei der Freien Turnerschaft. So werden gewiß alle das Fest befriedigt ver⸗ lassen haben. Doch halt, nuch t alle, denn wir erhielten folgende Zuschrift: Bei Arbeiterfestlichkeiten sollte doch mehr Rücksicht auf die Damen genommen werden. Viele Männer tanzen nicht, weshalb öfters Frauen mit einander tanzen und warum sollen sie auf die Gnade und Barmherzigkeit der Männer warten? Auf dem Gewerk⸗ Anfang ½6 Uhr. Bier zu gewöhn⸗ schaftsfest kam es aber vor, daß, wenn zwei Frauen zusammen tanzten, diese recht unsanft von den Ordnern aus den Reihen der Tanzenden hinaus befördert wurden. Dabei hatte der Festredner kurz vorher aufgefordert, die Frauen aufzuklären, weil sie heute vielfach noch die Männer verhinderten, ihre Pflichten in Bezug auf die Arbeiterbewegung zu erfüllen, während sie doch dieselben in ihren Kämpfen unterstützen sollten. Gewiß, das ist ganz richtig; aber dann sollten auch gerade die in der Bewegung stehenden Männer, den Frauen das gleiche Recht zubilligen! Aber man behandelt uns immer als willenlose Geschöpfe! Es handelt sich ja hier nur um eine Bagatelle. Aber wie hier, so auf andern Gebieten. Darum sollten wir auch hier in Gießen und Umgebung uns endlich eine Frauen⸗Organisation schaffen, wie solche in andern Orten Deutschlands längst bestehen, um uns aufzuklären und wirksam in den Kampf für Menschenrechte und gegen Unterdrückung eingreifen zu können! Frau E. Wir können dem nur vollkommen zustimmen. Aus dem Rreise gießen. — Weitere Protest⸗Versamm⸗ lungen gegen die Tabaksteuer und die in⸗ direkten Steuern überhaupt wurden noch von Sonntag bis Mittwoch in Großenlinden, in Krofdorf, in Steinberg und in Staufenberg abgehalten. Alle diese Ver⸗ sammlungen waren recht gut besucht, Gauleiter Franz Schnell sprach über die ungeheure Belastung der Tabakindustrie, die ihr durch die Tabaksteuer⸗ Erhöhung droht. Zwar hat die Reichstagskommission die Steuer abgelehnt, doch ist die Gefahr noch keineswegs vorüber; man weiß noch nicht, ob das Zentrum bis zuletzt standhalten wird. Weiter wurde über den Tabakarbeiter⸗Kongreß in Berlin be⸗ richtet, mit dessen Haltung sich die Versamm⸗ lungen einverstanden erklärten. Die Resolution des Kongresses finden unsere Leser auf der ersten Seste abgedruckt. — Die Landwirts bündler betreiben während der Wintermonate die Agitation nachdrücklich. Zahlreiche Wanderredner ziehen im Lande herum und suchen auf allen Dörfern Mitglieder für den Junkerbund zu werben. Von ihrer Seite wird bereits stark auf die kommende Reichstagswahl hingearbeitet und man hofft besonders den Kreis Gießen wieder zu erobern. Am Dienstag war ein Bündler⸗Agitator in Alten⸗Buseck, der eine auswendig gelernte Rede herunterschnurrte, die mit Auf⸗ forderung zum Beitritt in den Bund der Landwirte und zur Wahl von Bündlern in den Reichstag schloß. Der anwesende Genosse Vetters beleuchtete darauf die Tätig⸗ keit und die Politik jenes Bundes, die eine verderbliche für das ganze Volk und auch für den Kleinbauern sel. Niemand aus der gut besuchten Versammlung meldete sich zum Beitritt. — Der Bürgermeister in Ober⸗ Oh men will sich auch an dem Kampfe gegen die vermaledeite Sozialdemokratie beteiligen. Er wendet aber dabei sehr unschöne Mittel an und scheint es nicht einmal für nötig zu halten, ein gegebenes Versprechen einzulösen. Am Sonn⸗ tag vor acht Tagen sollte dort eine öffentliche Versammlung stattfinden, für welche der Rathaus⸗ saal vom Bürgermeister zugesagt worden war. Als aber die Vorbereitungen getroffen waren und der Redner erschien, lehnte der Bürger⸗ meister die Hergabe des Lokales ab. Daß sein Verhalten nicht recht und auch nicht schön set, mußte er selber zugeben; er versuchte sich damit herauszureden, daß er behauptet, es müsse des⸗ wegen erst bei dem Kreisamt angefragt werden, daß man es von„oben“ nicht gern sehe ꝛc. Aber auch der Bürgermeister von Ober⸗Ohmen wird so wenig wie viele andere mächtigere Leute in der Lage sein den Fortschritt unserer Bewe⸗ gung aufzuhalten. Gerade solche Schwierig ⸗ keiten müssen die Arbeiter anfeuern sich zu⸗ sammenzuschließen und sick ihr Recht zu er⸗ kämpfen. Sie sollen sich üher ihre Lage und die politischen und wirtschaftlichen Fragen aufzu⸗ klären suchen. Das kann zweckmäßig nur in öffentlichen Versammlungen geschehen; daher müssen diejenigen, denen es mit der Sache ernst ist, solche zu ermöglichen suchen. Vor allem nur bei den Wirten verkehren, die ihre Lokali⸗ täten auch zu Versammlungen hergeben! Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. * Ueber die Wahl des Kreisrats Wallau liegt jetzt der Bericht der Wahl⸗ prüfungskommission des Reichstags vor. Be⸗ kanntlich haben die bei der Wahl unterlegenen Antisemiten Protest gegen Wallaus Wahl er⸗ hoben und zwar mit Recht. Aber dieselbe Kommisston, die ohne weiteres Kassation der Mandate der Sozialdemokraten Braun und Buchwald vorschlug, obwohl die Wahlbeein⸗ flussung der Behörden zu ihren Ungunsten ausgeübt worden war, nimmt die zu Gunsten Wallaus vorgekommenen Beeinflussungen ziem⸗ lich leicht. Eine ganze Reihe erheblicher Protest⸗ punkte erklärte die Kommisston für unbeachtlich. So z. B. die folgenden: Kreisamtmann Werner habe in seiner amt⸗ lichen Eigenschaft Bürgermeister, Förster, Lehrer beeinflußt, für Wallau zu stimmen und zu wirken, wofür der Protest eine ganze Anzahl Zeugen nennt; der Forstwart Boos von Metzloos⸗Gehag habe geäußert:„Es erhält Nie⸗ mand mehr Streulaub, der den Kreisrat nicht wählt“; in Rebgeshain habe der Flur⸗ schütz Stimmzettel verteilt mit dem Bemerken: „Wenn ihr den Stimmzettel für Dr. Wallau nicht hintragt, dann werdet Ihr die Flur⸗ strafen nimmer los“. Für belanglos wird ferner erllärt, daß in Udenheim der Bürger⸗ meister sagte:„Wenn die Gemeinde nicht für Wallau stimmt, gibt es keinen staatlichen Zu⸗ schuß von 1000 Mk. für den Brückenbau.“ Verschiedene Aeußerungen von Gendarmen dc. und sogar die amtliche Beeinflussung zur Saalverweigerung wird, obgleich mit Zeugen belegt, als„nicht genügend sub⸗ stanzstert, für unbeachtet erklärt.“ Für unzulässige amtliche Wahl⸗ beeinflussung wird folgendes erklärt: daß Kreisamtmann Werner dem Krieger⸗ verein zu Langenhain eröffnete, die Ueber⸗ lieferung der vom Kaiser gestifteten Fahnen⸗ schleife könne nur erfolgen, wenn der Krieger⸗ verein Wallau wähle; daß der Kreis schul⸗ inspektor des Kreises Lauterbach, Herr Andres, die Lehrer seines Kreises versammelte und sie ermahnte, für Wallau zu stimmen; daß Kreisrat Schönfeld aus Schotten im Kreise Schotten für seinen Kollegen öffentlich agitierte; endlich: daß ein Flugblatt verbreitet wurde, das die Bürgermeister von 34 Ortschaften mit ihrem Namen unterzeichneten. Sowohl die Agitation des Kreisrats Schönfeld als das Bürgermeister⸗Flugblatt wären geeignet, ohne weiteres zur Kassation des Wallauschen Mandats zu führen, es soll aber Beweis er⸗ hoben werden, in welcher Weise Kreisrat Schönfeld agitiert hat und in welchem Umfange hessischen Bürgermeistern Polizeigewalt zusteht. Einstweilen verkriechen nämlich die Wallauschen Ordnungsbrüder sich hinter die Ausrede, die hesstschen Bürgermeister hätten ja so gut wie keine Polizeigewalt. Auf alle Fälle erreichen die Herrschaften, daß, wenn auch das Wal⸗ lausche Mandat schließlich kasstiert wird, doch der Kreisrat Wallau jahrelang das Mandat ausgeübt hat. Alsfeld. Das erste Stiftungsfest der Freien Turnerschaft fand am Samstag im Hotel Deutsches Haus statt, die Beteiligung war eine starke. Sämtliche turnerischen wie theatralischen Darbietungen ernteten stür⸗ mischen Beifall. Der Freien Turnerschaft von Gleßen für ihr Telegramm noch nachträglich unseren verbind⸗ lichsten Dank. Die Nachfeier fand im Vereinslokal statt. Auch hier war jeder Platz besetzt. Durch heitere sowle 1 ernste Deklamationen unterhielt man sich bis spät in die Nacht hinein. In allen Teilen kann die Freie Turner? schaft auf ihr erstes Stiftungsfest mit Stolz zurückblicken. (Man soll nur in Alsfeld der Partei⸗ und Gewerkschafts⸗ bewegung mindestens das gleiche Interesse entgegen bringen! D. R.) Aus dem Rreise Wetzlar. 75 — Polizeiliche Nadelstiche. Größere Ver sammlungen kann unsere Partei in Wetzlar wegen Lolal⸗ mangel nicht abhalten. Und daß die Partel keinen Saal bekommt, das liegt an Einflüssen von oben. Dem Besitzer von Göths Garten wurde auferlegt, noch einen fünften Ausgang zu den vorhandenen vier herstelen zu lassen. Dabei sind aber in diesem Saale große 0 Feste, Maskenbälle ꝛc. abgehalten! Meint man, die Soztaldemskraten mit solchen kleinlichen Dingen ver⸗ nichten zu können? h.„Fürstliche“ Löhne. Wie die Löhne der Eisensteinberzleute im Wetzlarer Bezirke stehen, darüber macht die Bergarbeiter⸗Zeitung einige zahlenmäßige Mit⸗ tetlungen. Das Blatt gibt einen Auszug von über Me⸗ rat ur⸗ ken: — C.... ͤ—— ä elke S RAA c ĩ Ü TA Nr. 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. 80 Lohndüten, die ihr von den Gruben„Juno“ und „Uranus“ vorlagen und es bemerkte dabei, daß es nicht die schlechtesten Löhne herausgegriffen habe. Danach ver⸗ dienten die Arbeiter: Abzüge für Gefälle, Schichten Oel, Gezähe Reinverdienst 8 Mk. Mk. 11% 45,88 6,90 38,98 21 52,85 6,41 46,44 22 56,87 6,41 50,46 23 62,00 8,43 53,63 25 61,43 6,49 53,03 26 67,21 6,55 60,66 27 69,79 6,54 63,25 29 75,95 6,40 69,55 29½ 82,48 6.68 75,80 Das macht, wie jeder berechnen kann, auf die Schicht, daß heißt den Tag von mindestens 10 stündiger Arbeits⸗ zeit, 2,10 bis 2,30 Mk.! Dabei können es sich die Proleten bei der gefüllten Kompottschüssel wohl sein lassen! Ob den steinreichen Grubenherren nicht einmal das Ge⸗ wissen schlägt, wenn sie sich diese Hungerlöhne betrachten? Ist es ein Wunder, wenn die Leute zum Streik uriffen? — Von den fürstlichen Bergherren aber meldet das Amtsblatt, daß der eine in Italien, der andere in Berlin weilt, wo sie jedenfalls im Schweiße ihres Angesichts für das Wohl ihrer Bergarbeiter sich abmühen! h. Halbrussisch. Daß der Streik der Berg⸗ leute von Juno und Uranus noch fortdauert, haben wir in letzter Nummer bereits mitgeteilt. Das Resultat der Verhandlungen vor dem Einigungsamt war mit großer Fixigkeit im Amtsblatt publizjert worden; daß aber die Bergleute dem niemals zustimmen konnten, was als„Einigung“ verkündet wurde, war ohne weiteres klar. Das zeigte auch der einmütige Beschluß, die Arbeit nicht aufzunehmen.— Bei dieser Bewegung fällt aber das Vorg hen der Behörde, des Landrats auf. Nirgendwo sind Ausschreitungen vorgekommen oder ist die Ruhe gestört worden. Die Streikenden geben nicht den geringsten Anlaß zu Beschwerden. Trotzdem wird die bewaffnete Macht in erheb⸗ licher Stärke und auffälliger Weise im Streikgebiet zusammengezogen. Die im Streik befindlichen Gruben werden von reitenden Gendarmen sorgfältig bewacht; in Nauborn ist sogar ein Gendarm stationtert. Kein Mensch weiß, was diise überflüssigen Maßregeln bedeuten sollen und man führt sie darauf zurück, daß das Landratsamt von irgend einer Seite total falsch über die Sachlage unterrichtet wird. In Nauborn geht das Scherzwort, daß es nächstens eine Kompagnie„Friedberger“ als Einquartierung bekommen werde. Es wäre zu empfehlen, daß die Bergleute über das Vorgehen der Behörde Matertal sammeln und sich beschwerdeführend au die höheren Instanzen wenden. Jedenfalls dürfen sie sich ihr gutes Recht nicht beein⸗ trächtigen lassen. Neulich verlangte z. B. ein Gendarm nach Schluß der Versammlung die sofortige Räumung des Lokals. Dazu hat er gar kein Recht. Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain. Marburger Wohnungselend! Schon des öftern haben wir in dieser Zeitung auf die in Marburg herrschende Wohnungsnot hingewiesen. All⸗ gemein wurde gehoff“, daß sich unser wohll. Magistrat dieser Wohnungsnot einmal annehmen werde, diese Hoffnung erwies sich stets als trügerisch. Zwar hieß es einmal, im Afföllerweg sollten Arbeitshäuser erbaut werden; aber dies ganze Strohfeuer sollte nur ein Be⸗ sänftigungsmittel sein für diejenigen, die fortwährend eine Abhülse der Wohnungs mißstände verlangen. Da nun aber die Wohnungsnot in Marburg selbst von den Allerhöchsten Beamten auf dem Rathause nicht bestritten wird, so machte man den Anfang zu ihrer Bekämpfung, indem man eine— christliche Baugenossenschaft gründete. Die christliche Baugenossenschaft ist aus dem evang. Arbeiterverein entstanden. Laut Statut der christl. Genossenschaft kann nur der Mitglied werden, der Mitglied des— evang. Arbeitervereins ist. Durch diesen unschönen Beschluß glaubten die Gründer zugleich mit der Baugenossenschaft einen mächtigen„nationalen“ und christlichen Arbeiterverein zu schaffen. Inzwischen werden die Gründer wohl cingesehen haben, daß mit dem Lockmittel wenig anzufangen ist. Nach einjährigem Bestehen zählt die Baugenossenschast erst 42 Mitglieder und an weiteren Zuwachs ist kaum zu denken. In der Mehrzahl find die Mitglieder „bessere“ Leute(3. B. Gutbesitzer Hoffmann, Fabrikant Niederehe, Lehrer Fenner, sämtliche Pastoren 2c.), nur die Minderheit gehört zu den Arbeitern. Letztere sind froh, bel diesen teueren Zeiten ihr Leben zu fristen, erstere können leicht eine Anzahl Anteilscheine à 100 Mk. nehmen. Nur mit Mühe und Not wurde ein Haus in der Gemarkung Wehrda gebaut. Einige Arbeiter, die der Genossenschaft angehören, glauben törichterweise mit einem Vochenbeitrage von 20 Pfg. in 3—4 Jahren zu einem eigenen Hause zu kommen. Wer ihnen die Wohnungsnot nun in Marburg selbst von den oberen Beamten nicht mehr bestritten werden kann, so können wir als Bürger und Steuerzahler von unserer Behörde verlangen, daß endlich hier einmal Wandel geschaffen wird. Nicht durch Gründung von Vereinen und Verein⸗ chens wird diese Not beseitigt, sondern nur dadurch, daß die Behörde Hand an's Werk legt. Dies ist eine Forderung unseres Kommunal⸗Programms. Gewerkschaftsfest! Auf das am Sonn⸗ tag stattfindende Gewerkschaftsfest im Café Quentin (Höck) sei nochmals besonders hingewiesen. Siehe Inserat. s. Säuglings⸗Pflege. Nur wenigen Mit⸗ gliedern der Marburger Ortskrankenkasse wird bekannt sein, daß seit einem Jahre in der Säuglingsabteilung der medizinischen Klinik ein Freibett für kranke Säuglinge sich befindet. Da die Ortskrankenkasse jähr⸗ lich 300 Mark dafür bezahlt, so wollen die Mitglieder von dieser Einrichtung Gebrauh machen. Selbstver⸗ ständlich ist die Verpflegung und ärztliche Behandlung für Säuglinge der Kassenmitglieder frei. * Freigesprochen. Im Herbste vorigen Jahres berichteten wir, daß der frühere Stations⸗ assistent Bode in Marburg, der zuletzt einen Kartoffel- handel betrieb, seinen Knecht mit einer Axt niederschlug und sich noch seiner Tat rühmte. Bode, der inzwischen Pleite gemacht hat, wurde vom Schöffengericht ob seiner Heldentat zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. Auf seine Berufung sprach ihn die Strafkammer frei, da Prof. Hildebrandt begutachtete, daß B. an nervösen Störungen leide. O Ein Hauspascha wurde am Donnerstag vor acht Tagen vom hiesigen Schöffengericht in eine wohl⸗ verdiente Strafe genommen. Derselbe war vor einiger Zeit in die Wohnung eines Mieters eingedrungen und hatte die Möbel des Mieters und schließlich auch die Kinder, von denen das jüngste noch ein Säugling war, trotz des Regenwetters auf die Straße gesetzt. Der „wundermilde“ Wirt erhielt 14 Tage Gefängnis wegen Hausfriedensbruch, seine Ehefrau wegen der„liebevollen“ Behandlung des Säuglings 35 Mk. Geldstrafe. Die„Heiligkeit der Ehe“ bei den oberen Zehntausend wurde in dem Prozeß gegen den Landgerichtsrat Blumenberg in Beuthen— wir berichteten in voriger Nummer darüber— grell beleuchtet. Folgende Szene aus den Verhandlungen war in dieser Be⸗ ziehung charakteristisch: Als der Vorsitzende dem Angeklagten Vorhalt machte, daß seine Handlungsweise notwendig zur Katastrophe führen mußte und er sich das ols Landrichter doch habe selber müssen, antwortete der Ange⸗ klagte: 50 hoffte immer, es werde mir gelingen, durch eine reiche Me dat alles wieder gut zu machen. Vorsitz.: Glaubten Sie, eine vermögende Dame würde Ihnen die Hand zum Ehebund reichen, wenn sie Ihre Schuldenlast erfahren habe?— Angekl.: Ich lernte im Jahre 1904 in Breslau eine Dame kennen. Diese besaß außer vielen Wert⸗ papieren eine sehr gute Hypothek über 60000 Mark— Vors.: Kannte diese Dame ihre Schuldenlast?— Blumenberg: Jawohl. Vors.: Weshalb kam die Heirat nicht zu stande? — Angekl.: Die Dame war Witwe. Sie er⸗ zählte mir schließlich, sie habe zwei Söhne und eine 18jährige Tochter im Hause, für deren Verheiratung vorläufig keine Aussicht verhanden fee ei Umstand paßte mir nicht, deshalb nahm ich von Heirat Abstand. Später lernte ich eine Dresdener Dame kennen. Es wurde mir mitgeteilt, das diese mindestens ein Vermögen von 100 000 Mk. besitze. Schließlich erfuhr ich aber: Der Vater der Dame sei ein Fabrikbesitzer, das Vermögen stecke in der Fabrik, die Tochter erhalte nur einen Zuschuß. Deshalb nahm ich auch von dieser Heirat Abstand. Aus ähnlichen Grün en habe ich schon 1897 eine Verlobung mit einer Lübecker Dame zurückgehen lassen. Ich erteilte auch einem Stellenvermittler den Auftrag, mir eine passende Frau zu verschaffen. Es wurde mir bald darauf eine Bergrats⸗Tochter empfohlen. Aber auch bei dieser war das Vermögen nicht flüssig. Endlich hatte ich mich in Breslau mit einer sehr vermögenden Dame verlobt. Kurz vor der bereits festgesetzten Hochzeit wurde ich jedoch verhaftet. Hier haben wir die Heilighaltuug der Ehe diesen Glauben eingetrichtert hat, hat wahrlich nur auf die— Beschränktheit dieser Leute spekuliert.— Da in lieblichster Form. Der Herr Landgerichts. rat sitzt wie gewisse Leutnants bis an den Hals in Schulden und liebt sich so„international“ durch. Wenn er nicht wegen seiner Gaunereien verhaftet worden wäre, hätte er sein geliebtes Weib in die„Gesellschaft“ eingeführt und dort den Glauben genährt, daß die— frechen Sozis mit ihrem„Dogma von der freien Liebe“ die „Heiligkeit der Ehe“ mit Füßen treten. Partei-Machrichten. „Affäre Cramer.“ Mit einem Fall Cramer beschäftigte sich in den letzten Tagen nicht nur die Parteipresse, sondern auch die bürgerliche in ausgiebiger Weise. Genosse Cramer— bekanntlich sozialdemo⸗ kratischer Reichtagsabgeordneter von Darmstadt und Stadtverordneter— ging mit einer Deputation zum Großherzog, um diesen für ein Projekt des Prof, Olbrich, für die Anlage einer Gartenstadt vor Darmstadts Toren zu gewinnen. Auf die Sache selbst können wir Raumes halber nicht eingehen. Doch wir sind der Meinung wie unser Mainzer und Offenbacher Partei⸗ blatt, daß nämlich Cramer es hätte andern Leuten überlassen sollen zum Großherzog zu gehen. Der beleidigte Reichs ⸗Schwindel⸗Ver⸗ bändler. Durch einen Versammlungsbericht, der in der Mainzer Volksztg. erschien, fühlte sich der Ge⸗ schäftsführer des Reichsverbandes gegen die Sozialdemo⸗ kratie, Dr. Bovenschen beleidigt. Vom Mainzer Schöffen⸗ gericht wurde deshalb am Samstag der Redakteur Gen. Hitz ler zu 30 Mk. Geldstrafe verurteilt. Soviel ist der ganze Reichsverband nicht wert! Genosse Eduard Leidig, der Bezirksleiter des Bäckerverbandes in Frankfurt ist am Montag Nacht gestorben. Als Todesursache ärztlicherseits wurde ein schweres Magenleiden festgestellt. Wahr⸗ scheinlich hat seine Gesundheit auch durch die vielen Agitationsreisen, die er für den Bäckerverband unter⸗ nehmen mußte, Not gelitten. Leidig war öfters auch in Gießen, Marburg und Wetzlar tätig und erfreute sich bei den organisierten Bäckern großer Beliebtheit. Wahlkreis Gießen⸗ Grünberg. Sonntag, den 18. Februar Mittags 1 Uhr Kreiskonferenz im Lokale Orbig in Gießen. Versammlungskelender. Samstag, 10. Februar. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. 5 Heuchelheim. Arb eiterbildungsverein. Abends e Versammlung bei Wirt Kröck. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Sonntag, den 11. Februar. Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Mit⸗ gliederversammlung im„Stadtpark“. Großen Linden. Arbeiter Bildungs: Verein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Fischer. Tagesord. Kreiskonferenz. Montag, den 12. Februar. Gießen. Schneider verband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Or big. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8/ Uhr Monatsversammlung bei Mißler. Dienstag, den 13. Februar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Donnerstag, 15. Februar. Gießen. Frei Tur nerschaft. Abends 9 Uhr Sitzung des Vorstandes und der Damenriege bei Orbig. Briefkasten. Großenlinden. Wegen der Konsumvereins⸗ Angelegenheit bitten wir den Einsender bei uns noch⸗ mals vorzusprechen. Btzbch. Sie müssen uns mindestens zwei zuver⸗ lässige Zeuge nennen, die bereit sind vor Gericht die be⸗ richteten Vorfälle zu bestätigen. Harbach. Wir kommen auf die Sache noch ge⸗ legentlich zurück. Alsfeld. Das andere zurückgestellt. Wtzlr. Mit dem„Hetzblatt“ beschäftigen wir uns in nächster Nummer. Volksverein Staufenberg. Samstag, den 17. Februar, abends 9 Uhr: Kappensitzung im Verein mit der Freien Turuerschaft. Seite 6. Nitteldeutsche Sountags⸗Zeuung. Nr. 6. Sozialdemokratische Kommunalpolitik. Mit diesem Gegenstande beschäftigte sich eine am Sonntag in Vilbel abgehaltene Konferenz sozialdemokratischer Gemeindever⸗ treter. Auf dieser waren aus 12 Gemeinden 26 Delegierte erschienen, außerdem eine etwa ebensogroße Anzahl als Zuhörer oder Organi- sattons⸗Vorstände. Abgeordn. Dr. David besprach in einem längeren Vortrage unsere Aufgaben in der Gemeinde und begann mit der im Landtage gescheiterten Gemein de⸗ steuer⸗Reform. Die Steuerfrage ist für die Gemeinden von größter Bedeutung, von der Deckungsfrage hängen alle Reformen innerhalb der Gemeinde ab. Die Regierungs⸗ vorlage enthielt eine Reihe von Verbesserungen, die Besitzenden wären etwas stärker zur Steuer herangezogen worden, deshalb leisteten ste unter Führung des Freiherrn v. Heyl Widerstand und erreichten, daß die Regierung den Rückzug antrat. Die Vorlage wird wieder an den Land⸗ tag gelangen, doch sicher in einer Form, die die Armen belastet und die Reichen schont. Sobald vie Vorlage erscheint, sollen sich die oberhessischen Geuossen die hessische Parteipresse be⸗ schaffen. Darin werden dann die Veränderungen gegenüber der alten Vorlage eingehend behandelt werden. In der Schulfrage sei auch in den Gemeinden die Forderung: Uebernahme der ge⸗ samten Sckullasten auf den Staat, zu propagieren. Die Staatssteuern würden dann eine Erhöhung von etwa 6 Millionen Mark erfahren müssen, demgemäß werden aber auch die Gemeindeum⸗ lagen geringer oder es werden Mittel frei zur Erledigung anderer ebenfalls sehr wichtiger Aufgaben der Gemeinden. Unter den gegen⸗ wärtigen Verhältnissen ist für rationelle Ver⸗ wendung der Mittel für die Schule einzutreten. Die Beseitigung der Konfessionsschule, die doppelte Verwaltungskosten und höhere Aufwendungen für Lehrer usw. erfordert, ist anzustreben. Ebenso ist die Beseitigung des Schulgeldes und die unentgeltliche Abgabe der Lernmittel zu verlangen. Das Schulgeld belastet die armen kinderreichen Familien am meisten. Die Lernmittel, im Großen beschafft, bedeuten keine besonders hohe Ausgabe für die Gemeinde. Durch Anstellung von Schulärzten, auch auf dem Lande, kann die Volksgesundheit gehoben werden. Je früher gegen gesundheitliche Schäden an Kindern vor⸗ gegangen wird, umso erfolgreicher wird die ärztliche Tätigkeit sich erweisen. Der Woh⸗ nungsfrage ist durch eine gesunde Boden⸗ politik beizukommen. Als Grundsatz muß hier gelten: Der Gemeindegrundbesitz ist zu erhalten und zu erweitern. Der Geländeankauf ist mit keinerlei Risiko für die Gemeinde verbunden, Geld ist von der Landes⸗ hypothekenbank und der Landeskreditkasse für solche Zwecke zu haben. Zur Pflege der Volks⸗ gesundheit ist die Errichtung von Volks⸗ bädern zu empfehlen. Im Mittelalter herrschten in dieser Beziehung noch bessere Zu⸗ stände als heute. Gegenwärtig ist der Sinn für eine genügende Hautpflege in der Bevölkerung geschwunden, Krankheiten, Epidemien sind die Folge dieser Vernachlässigung der Körperpflege. Von sanitärer Notwendigkeit ist auch eine geord⸗ nete Massenversorgung. Für Anlagen dieser Art muß der Staat Zuschüsse leisten. Zur Armenpflege fordern wir ebenfalls Uebernahme der Lasten auf den Staat. Das Armenwesen liegt in den Gemeinden ganz be⸗ sondes im Argen. Der Referent ersucht, Berichte über mangelhafte Einrichtungen in dieser Be⸗ ziehung dem Genossen Orb⸗Offenbach als Material zur Verwendung im Landtag ein⸗ zusenden. In bezug auf die spezielle Arbeiter⸗ politik muß die Errichtung von Gewerbe⸗ gerichten für Bezirke angestrebt werden; und bei Vergebung von kommunalen Ar⸗ beiten sind die Unternehmer vertraglich zu verpflichten, die von den Gewerkschaften er⸗ kämpften Arbeitsbedingungen zu beobachten. Bei Submissionen soll nicht dem billigsten Bewerber der Zuschlag erteilt werden, denn dadurch wird die Unsolididät der Arbeiten be⸗ —— meinde schädliche Schmutzkonkurrenz groß⸗ gezogen. Am Schlusse seiner interessanten Aus⸗ führungen kündigt Genosse Dr. David an, daß eine Reform der hessischen Verwaltungs⸗ gesetze in naher Aussicht stehe. Da gelte es, das Eisen zu schmieden, so lang es warm ist. Wenn etwas für uns erreicht werden soll, dann müssen über alle die Mißstände, die in den Gemeindeverwaltungen sich in der Praxis er⸗ geben haben, schriftliche Berichte den sozial⸗ demokratischen Landtagsabgeordneten zugestellt werden. So hat sich bezüglich der Festsetzung der Gemeinderatssitzungen ein unhaltbarer Zu⸗ stand ergeben. Die Behörden sind sich selbst nicht klar, wer befugt ist zur Festsetzung! Die betreffenden gesetzlichen Bestimmungen lassen sich— und das ist schon geschehen— ver⸗ schieden auslegen. Aehnliche Mängel gibt es noch mehr, nur müssen die in den Gemeinde⸗ kollegen tätigen Genossen Material beschaffen, ohne das läßt sich wirksam nichts vertreten.— In der dem beifällig aufgenommenen Vor⸗ trage folgenden Diskussion verlangte Busold⸗ Friedberg, daß die Gemeinden die Kosten für die vorschriftsmäßigen Wohnungsdesinfek⸗ tionen zu übernehmen haben. Bei den Holz⸗ hauerarbeiten sorgt die Gemeinde nicht für die nötigen Vorkehrungen bei vorkommenden Unfällen. Für die Anschaffung von Ver- bandszeug und der nötigen Transportmittel — Krankenwagen, Tragbahren— muß ein⸗ getreten werden. Wo Gemeindevertreter ihre Kenntuis in Gemeindebausachen zu Speku⸗ lationszwecken ausnützen, muß energisch vorgegangen werden. Solche Fälle kommen häufig vor!— Kiefel⸗Steinbach teilt mit, daß die Genossen, die die Majorität im Ge⸗ meinderat haben, Oeffentlichkeit der Sitzungen und die Unterstützuag einer Baugenossenschaft sowie die Uebernahme der Beerdigungskosten durchfetzen sollen. Der Bürgermeister setzt neuer⸗ dings die Gemeinderatssitzungen nachmittags auf 3 Uhr an, obwohl er vor der Wahl ver⸗ sprach, Rücksicht auf die auswärtig beschäftigten Gemeinderatsmitglieder zu nehmen. Die Holz⸗ fällerarbeiten sollten von ortsansässigen Steuer⸗ zahlern ausgeführt werden, wenn solche arbeits⸗ los sind.— Klinkel⸗Vilbel bespricht die schlechten Erfahrungen, die beim Schulneubau mit der staatlichen Bauverwaltung in Friedberg gemacht wurden. Der Wohnungegeldzuschuß von jählich 350 Mk. für die Lehrer legt den Gemeinden nahe, selbst Lehrerwohnungen zu bauen. Lu x-Nieder⸗Florstadt empfiehlt den Genossen, bestrebt zu sein, in die Steuerkom⸗ missionen zu gelangen und für Bildung von Bauausschüssen einzutreten. Es ist dafür ein⸗ zutreten, daß die Hebammenfrage der Gemeindevertretung unterstellt wird.— Von anderen Redyern wird die Abschaffung der Ortsbürgernutzungen gegen die Verwendung von Erträgnissen zu gemeinnützigen Ausgaben der Gemeinde gefordert, ferner die Beseitigung der Grundbesttzervorrechte in den Gemeindever⸗ tretungen und obligatorische gesetzliche Festlegung der Oeffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen. Genoffe Dr. David machte die Mitteilung, daß voraussichtlich die Wahl des Abgeordneten Ullmann kassiert werde. Es müssen daun die Genossen alle Kräfte anspannen, um bei der Neuwahl den Sieg zu erringen. Also sei jeder auf dem Posten! Armbrust die Konferenz mit dem Danke an die Delegierten und der Bitte, die gegebenen An⸗ regungen zum Besten der Partei zu verwerten. — 4 rede Unterhalfungs-Cell. Freiheit. Die Freiheit läßt sich nicht gewinnen, Sie wird von außen nicht erstrebt, günstigt und eine den Arbeitern wie der Ge⸗ Wenn nicht zuerst sie selbst tief innen Im eig'nen Busen dich belebt. Hierauf schloß der Kreisvertranensmann Willst du den Kampf, den großen wagen, So setz' zuerst dich selber ein: 0 Wer fremde Fesseln will zerschlagen, Darf nicht sein eigner Sklave sein. Nur reinen Herzen, reinen Händen Gebührt der Dienst im Heiligtum. Der Freiheit Werk rein zu vollenden, Dies, Arbeitsvolk, dies sei dein Ruhm! Die Tüge winkt, die Schmeichler locken, Mit seiner Kette spielt der Knecht, Du aber wandle unerschrocken, Und deine Waffe sei das Recht. Robert Prutz. Ges ellenfahrten. Eine Weihnachtsgeschichte von Philipp Scheidemanu 7 Nachdr. verb. (Fortsetzung.) Wiedersehen. Wir sahen uns zuerst an einem Sonntag Nachmittag. Gustav hatte die Begegnung mit feiner Diplomatie arrangiert. Wir trafen uns außerhalb des Städtchens, in der Nähe des Wohnhäuschen der Hexe, das in einem hübschen Gärtchen staud. Und ich hätte laut aufjubeln mögen! Sie erkannte mich auf den ersten Blick wieder. Und sie freute sich. Wir sahen uns dann häufiger. Und an einem schönen Oktobertag spazierten wir hinaus nach Neufeld, einem kleinen Hafenort, mit einer Rettungsstation für Schiffbrüchige. Sie zeigte und erklärte mir die ganze Einrichtung. Auf einer kleinen Ersöhung, etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt, stand ein kleines Häuschen, aus dem heraus Schienen direkt in das Wasser führen. Im Häuschen selbst steht auf den Schienen das ausgerüstete Boot, bereit, jede Minuten von unerschrockenen Männern zur Rettung in Seenot befindlicher Menschen dem nassen Elemente zugeführt zu werden. Das schlanke Mädchen in der schwarzen Sammettaille sprach sachverständig, wie ein alter Seemann. In mir kochte und brodelte es, wie die Flut, die dem Hafen zu unseren Füßen geräuschvoll ungeheuere Wassermassen zuführte. Aber gerade heute schien mir der Mund den Dienst aufgesagt zu haben. Wir gingen schweigend den Deich entlang, der die i N vor dem ungeberdigen Element ützt. Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Luft war so klar, daß wir weit drüben über dem schier unendlichen Wasserspiegel Cuxhaven erkennen konnten. Wie ein riesiges Spielzeug, dem der richtige Antrieb fehlt, schlich mit Flut ein stolzer Segler langsam der Elbe zu. Und noch weiter drüben sahen wir zwei Dampfer der Nordsee zu⸗ streben. Schweigend setzten wir uns nieder. Eine feierliche Stimmung war über uns gekommen. Ich nahm ihre kleine Patschhand in die meine. Dunn gab es eine lange Pause. „Fräulein Liesbeth, Sie haben mir die Rettungsstation so genau beschrieben, es war die erste, die ich gesehen habe... Das heißt die erste dieser Art. Eine andere habe ich doch schon gesehen.“ Sie blickte mich fragend an. „Wissen Sie noch, wie ich zu Ihnen auf die Hausflur kam als armer Handwerks⸗ bursche?“ „Ob ichs noch weiß!“ antwortete sie blitz⸗ schnell mit vergnügtem Lachen.. „Ja, sehen Sie, Liesbeth, dieser Hausflur war für mich auch eine Rettungsstation. Ihre Freundinnen gehörten zur Besatzung des Rettungsbotes und Sie waren dessen Führerin.“ 5 e Herr Schulze, der Vergleich inkl.“ „Mag er hinken! Merken Sie nicht wohin ich will, Fräulein Liesbeth? Vom Rettungs⸗ boot in den Hafen! Ach, ersparen Sie mit das Reden, gerade heut will es nicht gehen—“ Sie war feuerrot geworden und schnell auf⸗ gesprungen, sie wandte sich ein wenig zur Seite, so daß es mir zuerst schien, als wollte ste da⸗ von laufen. Aber sie blieb stehen und drehte eos r v/ r — a ee e abe se e 2 ——— r —— l——— ——— . Nr. 6. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung. Seite 7. ihren großen Strohhut in den Händen, genau so, wie ich meinen Filzhut bei dem Fechtver⸗ such auf dem Hausgang dereinst gedreht hatte. Ich nahm ihre Hand, die ste mir ohne Sträuben überließ. „Sind Sie mir böse, Liesbeth?“ „Nein.“ „Ich danke Ihnen! Haben Sie nicht längst bemerkt, wie lieb ich Sie habe? O, Liesbeth, wenn Sie mich auch so recht lieb haben könnten——“ Sie sprach kein Wort, aber der eine Blick hatte mir genügt. Fest hielt ich stie in den Armen und küßte ihr den Mund, die Stirn, die Ohren, die Nase, ich hätte sie am liebsten aufgefressen. Ach, wir waren so überglücklich. Je näher wir dann nach Elbeck kamen, um so mehr schlug uns dann das Gewissen. Was würde der Alte sagen? Der durfte zunächst nichts wissen von unserer jungen Liebe. a „Vater vergißt Dir den Streich in der Nacht auf dem Steindamm nicht. Der hat schon damals, nachdem Betty, die die Einladung zum Konzert brachte, fortgegangen war, gesagt: ein Mensch, der solche Streiche macht, sei zu allen Schandtaten fähig.“ Uns schauderte ob meiner Schlechtigkeit. Zum Troste gaben wir uns zwei Küsse. (Fortsetzung folgt.) Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. 1 Wieder waren einige Monate verstrichen. Die hungrigen Jungen des Herrn Werner, das kleine Fräulein mit inbegriffen, waren noch etwas mehr aus ihren Kleidern gewachsen und Franz hatte große Ursache zur Unzufriedenheit über die ganze Welt und Herrn Morsen im besonderen, der ihn noch immer auf eine Stellung warten ließ. Es war düster und kalt. Die ersten No⸗ vembertage waren bereits vorüber, aber ste hatten in diesem Jahre die Oefen noch nicht gut zur Geltung kommen lassen. Das kleine Dienstmädchen, deren Auge so schlimm geworden, daß sie den Dienst hatte verlassen müssen, war durch keine andere ersetzt worden und über der Haustüre hing ein Zettel, durch welchen den Vorübergehenden mitgeteilt wurde, daß die Wohnung der Familie Werner demnächst durch andere bezogen werden könnte. Wo sie selbst bleiben sollte, war noch unbestimmt, denn die Besitzer von Häusern hatten die Familie Wer⸗ ner unter die Kategorie derjenigen versetzt, die ein Vierteljahr vorausbezahlen mußten, und da Herr Werner die rückständigen Quartale nicht einmal berichtigen konnte, war wenig Aussicht vorhanden, daß jener weisen Maßregel ent⸗ sprochen werde. „Die Hausbesitzer werden immer reicher,“ sagte Frau Werner, die gegen ihren Willen fortwährend die Anzeige vor Augen sah, welche ihr bevorstehendes Schicksal verkündigte.„Alle Menschen werden reich, wir ausgenommen,“ brummte auch Franz entrüstet. „Die Beamten ausgenommen,“ entgegnete sein Vater, der in allem also auch in dieser Schicksalsgenossenschaft einen Trost erkannte. „Es ist eine Schande“, entgegnete Franz, „wenn das Land ihrer Dienste bedarf, muß es sie auch in den Stand setzen, zu leben.“ Solch eine Meinung war viel zu kindisch, um darauf zu antworken. Werner zuckte die Achseln.„Ich begreife nicht, Franz daß du dennoch ein Beamter werden willst,“ sagt er nach einer Weile. i „Bis ich etwas besseres finde,“ antwortete der Jüngling,„und überdies werde ich schon sorgen, daß ich besser als andere vorwärts komme, ich habe Ehrgeiz.“ Werner schien den Verweis, den ihm sein Sohn erteilte, nicht zu fühlen, oder vielleicht glaubte er auch weise genug zu sein, um nicht darauf antworten zu müssen. Es hatten sich ja so viele in ihren jungen Jahren der Täu⸗ 18) schung hingegeben und waren später auf die Seite geschoben oder übersprungen worden. „Vater, du mußt heute mit Morsen noch einmal über mich sprechen,“ sagte Franz. „Lieber Junge, dein Vater hat so viele Sorgen; falle ihm nicht noch damit zu Last.“ „Aber Mutter, ich will euch ja die Sorgen erleichtern; wenn ich nur etwas tun könnte, aber ich warte und warte, meine besten Jahre gehen vorüber und— wir werden jeden Tag ärmer.“ Ach es war kein Geheimnis mehr für die Kinder, daß der Vater schwere Geldsorgen hatte; ste hatten es nicht nur fühlen müssen, es war ihnen auch oft genug gesagt worden und es ist keine leichte Aufgabe für Eltern, die Sorg⸗ losigkeit der Jugend durch solch eine Mitteilung zu stören. Die Kleinsten bildeten sich bereits ein, daß sie nächstens zerlumpte Kleider be⸗ kommen würden, um daxin zu betteln, und das Töchterchen war eines Morgens in einer Jacke und dem Rocke des schlimmäugigen Laufmäd⸗ chens heruntergekommen, um zu erklären, daß es einen Dienst annehmen wolle. Das Gesicht der Mutter widersprach der Wahrheit in den Worten ihres Sohnes nicht 1 auch Herr Werner hat nichts dagegen zu agen. „Run ich werde einmal sehen, ob sich die Gelegenheit dazu bietet,“ sagte er, indem er seinen Hut aufsetzte, um nach dem Bureau zu gehen, aber zuvor noch bei Malvine vorzu⸗ sprechen. „Guten Morgen, Herr Werner, Guten Morgen, Herr Werner!“ rief Taubermann, als der Beamte in den Laden trat.„Es ist frisch draußen! Herr Gott, laufen Sie noch ohne Ueberrock? „Freilich, sonst fühlt man ja den Unter⸗ schied nicht,“ antwortete Werner, um doch etwas zu sagen und Taubermann, der diese Art von Erklärung zwar nicht begriff, aber doch von ihrer Richtigkeit überzeugt war, entgegnete nun, daß er anders darüber dächte. Für ihn, der zwei Winterröcke und einen Pelz besaß, war dies ebeufalls bequemer, als für Werner, dessen Ueberzieher nur nur noch des Abends getragen werden konnte. „Sie wollen ausziehen?“ fuhr Taubermann fort;„vorhin als ich nach Kanal ging, um eine Ladung Kaffee zu sehen, die für mich an⸗ gekommen war, kam ich bei Ihnen vorbei und sah die Ankündigung. Sapperlot, dachte ich, ich habe gerade eine Wohnung für Werner, allerliebst gelegen mit einem kleinen Garten, das Haus wird gerade neu angestrichen. Das müssen Sie sich einmal ansehen, Werner! Sie können morgen bereits einziehen.“ (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Alter Speisezettel. Im Jahre 1497 bestimmte der Bischof von Mainz Folgendes:„Jedweder Tagwerker, er arbeite auf dem Felde oder sunst, erhält morgens eyne Suppe, gut fleisch und gemüse und einen halben Krausen(Krug) gemaynen weins, abends fleisch und brodt oder eine starke suppe und brodt.“ Aus Sachsen ist vom Jahre 1482 folgender Speisezettel bekannt:„Die Werkleute und Mäher sollen zufrieden sein, wenn sie außer ihrem Lohn täglich Mittags und Abends vier Speisen— Suppe, zwei Fleischgerichte und ein Gemüse erhalten.“— O schöne Zeit, o selige Zeit, wie bist Du fern, wie bist Du weit! Wo ist der Arbeiter, der heute sich solche Nahrung bieten kann? Heute wirft die antisemitische Presse den Arbeitern schon Genuß⸗ sucht und Schlemmerei vor, wenn sie sich zum Vesper ein Stück schlechte Wurst oder Käse leisten. Die Fleischpreise vor hundert Jabren. Bei der jetzigen anhaltenden Fleischteuerung dürfte es interessant sein, einmal die Preise zu erfahren, die unsere Altvorderen für dieses wichtige Nahrungsmittel vor hundert Jahren anlegen mußten. In der Nummer vom 16. Januar 1806 der Hanauer Privllegierten Wochen⸗ Nachricht befindet sich eine von der kurfürstl. Hess. Polizeikommission zu Hanau aufgestellte Liste über die zu fordernden Preise für die haup tsächlichsten Fleisch⸗ und Wurstwaren. Da⸗ nach sollte gelten: ein Pfund gutes Ochsenfleisch 9 Kreuzer 3 Heller, nach heutiger Währung ungefähr 30 Pfennige, ein Pfd. Stier⸗ oder Kalbinfleisch ungefähr 25 Pfg.,(2 Pfd. Sülzen wurden für ein Pfund Fleisch gerechnet), ein Pfd. gutes Kalbfleisch, ein Kalbskopf sowie ein Kalbsgelünge mit dem Netz je ungefähr 25 Pfg., ein Kalbsgekröse 21 Pfg., vier Kalbsfüße 17 Pfg., ein Pfd. gutes Hammelfleisch, ein Hammelskopf und ein Hammelsgelünge je 30 Pfg., ein Pfd. gutes Schweinefleisch 33 Pfg., eine halbpfündige Bratwurst 25 Pfg., ein Pfd. gute pure Schweine⸗ Leber- und Blutwurst mit Grieben 38 Pfg., ein Pfd. gemischte Wurst, worin Lunge und Leber von anderem Vieh ist, ungefähr 23 Pfg. immer nach der heutigen Währung umgerechnet. umorislisches Wandlung. In Bayern werden nach alter Sitte an Wallfahrtsorten Votivtafeln aufgehängt; die frommen Pilger sprechen darauf öffentlich dem Heiligen ihr en Dank aus. Seit mehreren Jahren liest man häufig folgende Widmungen:„Der heilige Josef hat ge⸗ holfen, ich bin Staatsanwalt geworden!“—„Heiß en Dank dem heiligen Sebastian; durch seine Fürbitte bin ich nach München versetzt worden.“—„Ich hatte einen Dreier im Examen; alle menschliche Kunst war ver⸗ gebens, da habe ich mich in den Schutz des heiligen Liborius begeben; jetzt bin ich Amtsrichter.“(Simpl.) Offerte. Zur prompten und gründlichen Reinigung der während der bangen Stunden des roten Sonntags unbrauchbar gewordenen Hosen empfiehlt sich einem hohen Adel und verehrlichen Bürgerpublikum Spindler, Chemische Waschanstalt. Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhre Geld- und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. 5 Literarisches. „Kommunale Schulpolitik.“ Unter diesem Titel ist soeben als drittes Heft der von Paul Hirsch herausgegebenen kommunalpolit'schen Abhandlungen im Verlag der Buchhandlung Vorwärts ein Führer durch die Gemeindetätigkeit auf dem Gebiete der Volksschule erschienen. Der Verfasser, behandelt in sechs Kapiteln die Volksschulgesetzgebung und Schulverwaltung— die Volksschullasten der Ge⸗ meinden— die innere Schulorganisation— die Schul⸗ gesundheitspflege— den Mißbrauch der Volksschule zu kirchlichen und politischen Zwecken— und die Wege und Ziele einer volkstümlichen Schulpolitik. Treffend hebt der Verfasser auf jeder Seite die Mängel unserer heutigen Volksschule hervor und beweist die Berechtigung der soztaldemokratischen Forderungen. Durch die Zeitum⸗ stände ist die Broschüre, in der die unendlich mannig⸗ faltigen deutschen Einrichtungen bürgerlicher und die Forderungen soztalistischer Gemeindepolitik zum ersten Male zusammenhängend und kritisch dargestellt find, zu einer wahren Gegenschrift gegen das preußische Ver⸗ faffungsattentat, den Volksschulgesetz entwurf geworden. Im Kampfe gegen das Attentat, das die Reaktlon gegen die preußische und damit auch gegen die ganze deutsche Volksschule plant, bildet das Heft eine gute Waffe, und auch in dem Kampfe gegen das Dreiklassen⸗Wahlunrecht in Preußen wird es treffliche Dlenste leisten. Die Broschüre kestet 1 Mark; eine Agitationsaus⸗ gabe 50 Pfennig. Ethik und materlalistische Geschichtsauf⸗ fassung. Diesen Gegenstand behandelt Karl Kautzky in einem Buche, das kurzlich bei Dietz in Stuttgart er⸗ schienen ist. In seiner Vorrede sagt der Verfasser unter anderem:„Wie so manche andere Schrift des Marxtmus ist auch diese eine Gelegenheitsarbeit, aus einer Polemik herausgewachsen. Die Kontroverse, die ich im September des vergangenen Jahres mit der damaligen Mehrheit der Redaktion des„Vorwärts“ führte, veranlaßte mich, auch deren„ethische Tendenzen“ zu streifen. Meine Ausführ⸗ ungen darüber wurden aber auf der einen Seite so viel⸗ fach mißverstanden, sie trugen mir auf der anderen Seite so zahlreiche Aufforderungen ein, meine Auffassung der Ethik eingehender und systematischer darzulegen, daß ich mich veranlaßt sah, eine Entwicklung der Ethik auf der Grundlage der matertalistischen Geschichtsauffassung wenig⸗ stens kurz zu skizzieren. Ich fuße dabei auf jener mate⸗ rialistischen Philosophie, wie sie einerseits Marx und Engels, und in einer anderen Weise, aber in gleichem Sinne, Josef Dietzgen begründet haben Für die Resul⸗ tate, zu deneu ich gelange, bin ich jedoch allein veraut⸗ wortlich.“— Das Buch kostet broschtert 1 Mk. und ist in unserer Expedition zu haben. — Genosse Max Qu ark, Seite 8. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. 6 In dem soeben beginnenden 10. Jahrgang der im Verlage der Buchhandlung Vorwärts erscheinenden Wochenschrift„In Freien Stunden“ gelangt zum Abdruck: Daneben ver⸗ ö 13 tli Von Robert öffentlichen wir: Der lüch ing Hartmann. Eine Novelle aus der Zeit der Revolutionskämpfe des Jahres 1848. Der Held ist ein junger, von den Schergen der Reaktion gehetzter Rebell, der durch ein mutiges Mädchen vor seinen Verfolgern gerettet wird. Der verlorene Bohin Illustriert von J. Damberger-München. Roman von Hall Caine. Dieser Roman des schnell berühmt gewordenen Verfassers hat bei seinem ersten Erscheinen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Es ist ein Familienroman im besten Sinne des Wortes, nicht nur Unterhaltung nach des Tages schwerer Arbeit bietend, sondern auch belehrend, ohne doch aufdringlich zu sein. G Y G Y Außerdem enthält jedes Heft eine kleine Skizze oder eine kurze Novelle, kleine unterhaltende oder belehrende Notizen und„Witz und Scherz“. Die Parteigenossen sollten den Beginn des neuen Jahrgangs benutzen, um diese in weiten Kreisen bereits gekannten und beliebten Wochenhefte in ihrer Familie einzuführen. Den Arbeitern, ihren Frauen, den heranwachsenden Rindern bieten sie gediegenen Unterhaltungsstoff. In jeder Woche erscheint ein illustriertes, 24 Seiten starkes Heft für 10 Pfennig. Zu beziehen ist die Wochenschrift„In Freien Stunden“ durch die Expedition der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung, Gießen, Rittergasse 17. 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