—— N Nr. 36. Gießen, den 9. September 1906. PPC ⁵˙mi—— 8 13. Jahrgang. Argent 11. Sab Mitteld euts ch E 3 e 4 Uhr. e. tags⸗Zeitun Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräg Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, Direkt durch[ Druckere Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Bestellungen 1 Jnserate er in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbrettung. Die 5 gespalt. die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. i, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.K. 5107) 33/% Bei mindesten z Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Wer teilt? Preußen zählt zurzeit etwa 37 Millionen Einwohner, Kind und Kegel mitgerechnet. Die 37 Millionen bilden etwa 7¼ Millionen Haus⸗ haltungen. Weit über die Hälfte derselben, fast zwei Drittel, müssen mit weniger als 900 Mark Jahreseinkommen auskommen, und zwar auch dann, wenn mehrere Familienglieder er⸗ werbstätig sind. Nur ein sehr knappes Drittel der Bevölkerung erhebt ihr Einkommen auf mehr als 900 Mk., davon hatten wiederum 550000 Personen mehr als 6000 Mk. Jahres; einkommen und 1637000 ein solches zwischen 3000 und 6000 Mark; die andern zur Staats- einkommensteuer veranlagten 12 ¼ Millionen haben nur 900 bis 3000 Mark; am weitaus meisten davon nur 900 bis 1500 Mark, also das allermindeste, was heutzutage zur Erhaltung einer Familie gebraucht wird, wenn nicht Er⸗ nährung und Wohnung unter das von der Gesunderhaltung diktierte Maß gedrückt werden oll. Alle zur Staatseinkommensteuer veranlagten Personen brachten in den letzten zehn Jahren von 18961905 9668 Millionen Mark(9 und zwei Drittel Milliarden) Steuern auf. Da⸗ don entfiel aber fast die Hälfte, nämlich 4451 Millionen Mark, auf die Personen mit über 3000 Mark Jahreseinkommen; bei den andern 12¼ Millionen Veranlagten war das Ein⸗ kommen so gering, daß sie zusammen nur 5217 Millionen Mark aufzubringen hatten. Von den Wohlhabenden erzielten 277 123 ein Jahreseinkommen von Mk. 6000— 9500 227251„ 5„„ 9500— 30500 45 454„ 0„„ 30500100 000 9010„ 1„ über Mk. 100 000 Da Gehälter von mehr als 35000 Mark jährlich nicht zu häufig sind, ergeben sich die meisten Einkommen der beiden letzten Stufen fast nur aus dem Kapital⸗ oder Grundbesttz. Wer aber mehr als 35000 Mark jährlich aus seinem Kapital Zinsen zieht, wird den Millio⸗ nären zugezählt, deren es in Preußen demnach 50 000 geben mag. Zur Ergänzungssteuer werden in Preußen herangezogen alle die, welche mindestens 6000 Mark Vermögen besitzen. Das Gesamtvermögen dieser 383 846 Personen betrug nach ihren eigenen Angaben, die sicher nicht zu hoch waren. sondern zu niedrig, nicht weniger als 82 410 290 000 Mark, fast 82⅛ Milliarden.(Jede Milliarde sind 1000 Millionen Mark.) Noch vor zehn Jahren, 1896, betrug das Gesamtvermögen erst 64 Milliarden; es war 1900 auf 70 Milliarden gestiegen, 1903 auf 75 und zwei Drittel Milli⸗ arden und jetzt fast auf 82 ¼ Milliarden Mark. Die Sozialdemokratie denkt nicht an das „Teilen“, sie will im Gegenteil den materiellen Reichtum zusammenfassen und der demokratisch organisterten Gesellschaft zur Anwendung im Interesse aller Volksgenossen überantworten. Aber schlecht käme der Arbeiter beim Teilen nicht weg; denn auf jeden Einwohner, auch auf jedes Kind, kämen bei einer Teilung des aufgestapelten Vermögens mindestens 2750 Mark, so daß eine fünfköpfige Familie einen Anteil von 13 750 Mark fordern dürfte. Da nun das in Fabriken, Bergwerken, Maschinen, Grundstücken und Aeckern steckende Kapital selbstverstänblich nicht„geteilt“ werden kann, müßte sich jede Familie mit dem Zinsertrag des ihr vom Nationalreichtum zu⸗ stehenden Kapitals zufrieden geben; diese Zinsen würden bei 4 Prozent für eine fünfköpfige Familie jährlich 550 Mark ausmachen. Die Arbeiterfrauen würden gewiß nicht nein sagen, wenn sie jede Woche 10 Mark als Ertrag ihres Anteils am Nationalvermögen erhalten würden. Schlecht käme also der Arbeiter nicht weg, wenn wirklich„geteilt“ würde, oder wenn er wenigstens die auf ihn und seine Familie ent⸗ fallenden Zinsen seines Anteils am Nattonal⸗ vermögen erhielte. Grundbegriffe der Politik“). (Fortsetzung.) Wo der Staat als Unternehmer in der Produktion von materiellen Gütern(als Berg⸗ werk⸗,Eisenbahnunternehmer usw.) auftritt, spricht man von Staatssozialismus. Wirklicher „Staatssozialismus“ ist aber erst dort vor⸗ handen, wo der Staat nicht etwa als juristische Person die Rolle der ausbeutenden Kapitalisten spielt, sondern den von ihm beherrschten Teil der Produktion nach soztalistischen Grundsätzen zu organisieren bestrebt ist. Wo der Staat seine Arbeitskräfte so billig als möglich kauft, ja am Ende darauf bedacht ist, nicht durch Ueberan⸗ gebote die Lage des Arbeitsmarktes zuungunsten seiner Arbeitgeberkollegen zu verschlechtern, wo er seine Waren so teuer als möglich verkauft und mit seinen Konkurrenten Abmachungen zur Haltung der Preise trifft, kurz, wo er als Aus⸗ beuter und solidarischer Genosse von Ausbeutern auftritt, ist es richtiger, das von ihm geübte System als Staats kapitalismus denn als Staatssozialismus zu bezeichnen. Wenn aber die Erzielung von Unternehmer⸗ gewinn aufhört der leitende Gedanke der staatlichen Produktion zu sein, wenn der Staat als Produktionsleiter vielmehr darauf bedacht ist, zwischen den Interessen der durch ihn be⸗ schäftigten Produzenten(Arbeiter) und der durch ihn zu befriedigenden Konsumenten(Verbraucher) einen möglichst angemessenen Ausgleich zu er⸗ zielen, dann allerdings befindet er sich in den Anfängen einer sozialistischen Wirtschaft. Daraus ergibt sich, daß dort, wo der Staat sich bereits im Besitze von Produktionsmitteln befindet, wo Staatskapitalismus vorhanden ist, eine nachfolgende Sozialisterung eintreten kaun dadurch, daß das Proletariat im Klassenkampfe vordringt, und seine wirtschaftlichen Auffassungen Einfluß auf die Gesetzgebung und Verwaltung des Staates gewinnen. In diesem Sinne ist beispielsweise der preußische Wahlrechts ⸗ kampf ein Kampf nicht allein um die Demo⸗ kratie, sondern auch um den Sozialismus. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht macht die unterdrückten, um alle verfassungsmäßigen Rechte betrogenen Lohnsklaven des Staats kapitalismus zu gleichberechtigten Staatsbürgern und mit⸗ bestimmenden iteigentümern der staatlichen Produltionsmittel; es gibt ihnen die Möglich ⸗ keit, sich mit Hilfe des gesamten Proletariats und zu dessen ungeheuerem Vorteil aus ihrer unwürdigen Lage zu befreien. Ein wirklicher preußischer Staatssozialtsmus würde auch vor⸗ 4) Siehe den betr. Artikel in Nr. 28, 29, 30, 31, 32, 38, 34 und 35 der M. S. ⸗Ztg. erst zu Expropriationen schreiten müssen, die die rechtliche und materielle Lage der ganzen deut⸗ schen Arbeiterschaft mit einem Schlage günstig verändern. Eine solche Aenderung ist aber nur erreichbar durch eine von sozialistischem Geiste durchtränkte Demokratie. Hier tritt die ungeheure Bedeutung zutage, die der Staatsform im Zusammenhange mit der Gesellschaftsordnung zukommt. Die Phan⸗ taste vermag sich einen Zustand vorzustellen, der die Fürsorge der sozialistischen Gesellschaft für alle Einzelnen mit einer unfreien Staats⸗ form verbindet, und aus dieser Verbindung entspringen alle Schreckensbilder, die unsre Geg⸗ ner vor dem sozialdemokratischen„Zuchthaus⸗ Zukunftsstaat“ entworfen haben. Soztalismus ohne Demokratie ist satte Sklaverei, und mit dem größten Recht wehren sich die Arbeiter gegen die Idee einer patriarchalischen Sozial⸗ monarchie, die darauf ausgeht, alles Streben nach staatsbürgerlicher Selbständigkeit in Schüsseln voll Brei zu ersticken. Der Versuch aber, die Arbeiter durch eine gewisse Sicherung ihrer Existenz zum Verzicht auf ihre staats⸗ bürgerliche und persönliche Freiheit zu bewegen, ist nicht vor der Sozialdemokratie unternommen worden; er ist unternommen worden von ihren Gegnern, um die Sozialdemokratie zu be⸗ kämpfen. Das Streben des klassenbewußten Prole⸗ tariats geht dahin, alle vorhandenen Ansätze des Sozialismus zu demokratisteren und alle Demokratie zu sozialisteren. In der engsten Durchdringung des demokratischen Freiheits⸗ mit dem sozialistischen Fürsorgegedanken liegt das Wesen aller sozialdemokratischer Politik. VII. Vaterland. Nation. Patriotismus. Nationalismus. Internationalität. Der Mißbrauch, der in der Politik mit Worten getrieben wird, hinter denen kein klarer Begriff steht, tritt nirgends deutlicher zutage, als auf diesem Gebiet. Das„Vater⸗ land“, die„Nation“ sollen uns, so belehren uns unsere Gegner, das Höchste sein— und jeder Versuch, dieses politische Dogma auf seine innere Bedeutung zu untersuchen, wird von ihnen als Ausfluß tiefster sittlicher Verkommenheit betrachtet.„Das Vaterland!“—„Die Nation 15 — Was sind sie eigentlich? Jenes Staatsgebiet, dem ich durch Ab⸗ stammung zugehöre, ist mein Vaterland. Das Land, die Menschen, die es bewohnen, und die Formen staatlicher und gesellschaftlicher Organi⸗ sation, die diese Menschen untereinander ver⸗ binden, bilden zusammen das Vaterland. Da nun Patriotismus die Liebe zum Vaterland ist, so entsteht die Frage, was ich lieben muß, um Patriot zu sein: das Land, die Menschen, oder die diese beherrschenden Personen und Zu⸗ stände. Bloße Liebe zu dem Lande macht noch keinen Patrioten aus, ebensowenig bloße Liebe zu den Menschen des Landes. Man kann aber auch nicht 1 5 daß die Liebe zu den bestehenden Zuständen, die Ergebenheit an herrschende Klassen, Schichten, Personen den Patrioten mache. So sehr auch herrschende Mächte den Begriff das Patriotismus in diesem letzten Sinne zu ver⸗ Ealahr bemüht sind, so lehrt die geschichtliche Erfahrung, daß Rebolutionäre, sogar Königs⸗ mörder als Patrioten bezeichnet und daß deutsche * 157 14 1 51 * 75 0 1 Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung. Nr. 36. Vaterlandsfreunde noch vor zwei Menschenaltern von deutschen Staaten grimmiger verfolgt worden sind, als heutzutage die„vaterlandslosen Sozial- demokraten“ von ihnen verfolgt werden. Nun könnte man auch sagen: Vaterland sei nicht der Staat schlechthin, sondern der Staat in seinem Verhältnis zu den anderen Staaten. Der Patriotismus bestehe demnach in der freien Bereitwilligkeit, die Interessen des Vaterlandes gegen die fremden Staaten wahrzunehmen. Damit ist aber erst recht nicht geholfen. Denn solange der Begriff des Vater⸗ landes im Dunkeln schwebt, ist es durchaus nicht gewiß, daß die Interessen, die der Diplo⸗ mat X. und der Feldherr Y. wahrnehmen, auch die wirklichen Interessen des Vaterlandes, und nicht etwa ihre eigenen Interessen oder die ihrer nächsten Freunde und Auftraggeber sind. Der landläufige dogmatische Patriotismus setzt das, was in jedem Falle besonders zu unter⸗ suchen wäre, im allgemeinen als selbstverständlich voraus. Er bedient sich nebelhafter Begriffe, um ein Verhältnis der Abhängigkeit, Unselb⸗ ständigkeit und Gehorsamspflicht mit einem ge⸗ wissen Scheine von Freiwilligkeit zu umkleiden. Nicht mindere Schwierigkeiten bereitet die Umschreibung des Begriffs der Nation. Hier laufen zwei Definitionen nebeneinander her. Die eine betrachtet jede durch Sprachgemein⸗ schaft verbundene Volksmasse als Natton, während die andere nur ein politisch zusammengehöriges, staatsbildendes Volk als Nation anerkennt. Nach dieser zweiten Definition kann weder ein auf verschiedene Staatsgebiete verteilter unselbständiger Volks⸗ stamm(„Nationalttät“), noch eine bloße Unter⸗ tanenschaft als Nation betrachtet werden. Nach der ersten Definition besteht die deutsche Nation aus allen Deutschen der Welt, also nicht nur den Deutschen des Reichs, sondern auch Amerikas, Oesterreichs und der Schweiz. Nach der zweiten gehören die amerikanischen Staatsbürger deut⸗ scher Zunge der amerikanischen, die schweizerischen der Schweizer Nation an, während es fraglich erscheinen muß, ob von einer deutschen oder gar österreichischen Nation gesprochen werden kann, oder ob man utcht vielleicht besser bloß von reichsdeutschen und österreichischen Unter- tanenschaften redet. Nimmt man aber an, daß die Bevölkerung des deutschen Reiches in der Selbstregierung schon weit genug vorgeschritten sei, um als eine Natlon bezeichnet werden zu können, so ist es klar, daß dieser Nation auch die Polen, Dänen und Franzosen zugehören, die im Reiche Bürgerrecht besitzen. Die erste kann man als die ethnographische, die zweite als die politische Definition des Begriffes der Nation bezeichnen. Beide Definitionen laufen aber unaufhörlich ineinander, wo von„natio⸗ naler Gesinnung“ gesprochen wird. Nationale Gesinnung kann sich in dem Be⸗ streben betätigen, den Volksstamm, dem man zugehört, zu einer Nation in politischem Sinne, zu einer sich selbst regierenden Gemeinschaft werden zu lassen. Sie kann aber auch darauf gerichtet sein, im Interesse der eigenen Nation resp. der in ihr herrschenden Klassen fremde Nationen zu benachteiligen oder zu unterdrücken. Daraus ergibt sich, daß sich die Sozialdemokratie ihrem Programm ent⸗ sprechend den verschiedenen Arten des„Natio⸗ nalismus“ gegenüber verschteden zu verhalten hat. Sofern national sein heißt, das Recht jeder Nation anerkennen, frei nach innen und außen zu sein, so ist die internationale Politik der Sozialdemokratie die einzige wirklich nationale Politik, die sich über⸗ haupt denken läßt. Dagegen ist die Sozial⸗ demokratie die Todfeindin eines jeden Nationa⸗ lismus, der sich, wie der Patriotismus, im bloßen Klang eines Wortes berauscht, und herrschenden Klassen als Vorwand dient, in angeblich nationalem Interesse das eigene Volk und fremde Nationen zu unterdrücken. Politische Rundschau. Aus dem Kolonialsumpf. Der bisherige Leiter des Kolontalamts, Prinz von Hohenlohe⸗Langenburg hat seinen Posten aufgegeben und an seine Stelle soll der Direktor der Darmstädter Bank, Bernhardt Dernburg treten. Der Erbprinz flieht also aus dem Sumpfe, den trocken zu legen er sich unfähig fühlt. Sein Nachfolger Bankdirektor Dernburg müßte aber nicht nur ein aus⸗ gezeichneter Kaufmann und universelles Gente, sondern auch ein neuer Herkules sein, wollte er daran gehen, den kolontalen Augiassstall auszumisten. Immerhin zeigt seine Bereit⸗ willigkeit, das Amt anzunehmen, einen bedeu⸗ tenden Mut. Denn in dem Milieu und mit dem Menschenmaterial arbeiten zu wollen, das verlangt viel— Selbstverleugnung und Opfer⸗ willigkeit. Podbielskt dagegen bleibt vergnüglich weiter Minister. Es wird nur mitgeteilt, daß er seine Frau veranlaßt habe, ihre Anteile aus der feinen Firma Tippelskirch zurückzu⸗ ziehen. Es ist auch damit kein Geschäft mehr zu machen und deshalb hat eine solche Ver⸗ bindung keinen Wert mehr. Der Legationsrat Seitz ist als Nachfolger des famosen Jesko v. Puttkamer zum Gouverneur von Kamerun ernannt worden. Diese Ernennung wird in der Presse als ein schwerer Mißgriff bezeichnet; für Seitz hegen die Kameruner nicht die geringsten Sympathien. Notleidende Millionäre. Unter dieser Spitzmarke schrieb unser Zentral⸗ organ:„Die„Freisiunige Zeitung“ gräbt aus der Statistik der Einkommensteuerveranlagung für 1905 allerhand interessante Einzelheiten aus. Die Zahl der Personen mit einem Einkommen von mindestens 100000 Mk. jährlich beträgt danach 2859. Ein preußischer Staatsbürger hat ein Einkommen von 11 bis 12 Millionen Mark. Ihm folgen drei andere mit einem Einkommen von 5 Millionen, 6 und 7 Millionen. Zur Ergänzungssteuer waren im Jahre 1905 23 Personen mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen Mark veranlagt, 5 mehr als im Vorjahre. Ueber ein Vermögen von mehr als 100 Millionen verfügten 3 Personen, unter denen einer ein Vermögen von 213 Millionen Mark versteuerte. Sehr originell ist es, daß 117 Personen bei einem Vermögen von mehr als einer halben Million Mark zur Einkommensteuer nur mit einem Einkommen von nicht mehr als 3000 Mk. herangezogen sind. Darunter be⸗ finden sich 86 Personen mit einem Vermögen bon mehr als einer Million Mark. Eine dieser Personen besitzt sogar ein Vermögen von 25 Millionen Mark, dem als ein Ein⸗ kommen von einer Million Mark entsprechen würde, die aber trotzdem nicht mehr als 3000 Mk. Einkommen verstenern. Das Gleiche ist der Fall bei einem Zensiten mit einem Ver⸗ mögen von 20 Milltonen Mark. Ferner gibt es in Preußen noch 6 Leute mit einem Ver⸗ mögen von mehr als zwei Millionen, die ein Einkommen von nicht mehr als 3000 Mk. versteuern! Weiter ergibt sich aus der Er- gänzungssteuerstatistik, daß nicht weniger als 2972 Besttzer eines Vermögens von 100 000 bis 150000 Mk. nicht mehr als 3000 Mk. als Einkommen versteuerten. Und daß sogar 1266 Besitzer eines Vermögens von mehr als 150000 Mark mit einem Jahreseinkommen von nicht mehr als 3000 Mk. zur Einkommensteuer ver⸗ anlagt waren!“ Wir empfehlen unsern Lesern sich diese Zahlen genau einzuprägen und darüber nach⸗ zudenken. Sie werden dann mit uns zu dem Ergebnis kommen, daß diese reichen und jeden⸗ falls auch patriotisch gestnnten Leute es ausge⸗ zeichnet verstehen müssen, bei der Steuerveran⸗ lagung gut wegzukommen. Denn das glaubt doch kein Mensch, daß diese großen Kapstalien so ungünstig angelegt wären, daß ste nicht mehr Einkommen abwürfen. Es ist immer die alte Geschichte: Die Reichen drücken sich von der Steuer; und den Armen werden alle Lasten aufgehalst! Der Handabhacker in Breslau ist trotz aller Bemühungen noch nicht ausfindig gemacht worden und ebensowenig hat er sich selber gemeldet. Jetzt wird er nun aber doch im Gerichtssaal erscheinen müssen, wenn auch nur als— Kläger, nicht als Angeklagter! Weil nämlich Genosse Albert in einer Ver⸗ sammlung am 7. August gesagt hatte: „.... Das Wesen dieser preußischen Polizeiwirtschaft trägt auch die Schuld daran, daß der feige Halunke, der am 19. April dem Biewald die Hand abgehackt hat, immer noch straffret herumläuft.“ erhielt er eine Anklage wegen— Beleidigung der Breslauer Polizei! Der Breslauer Polizeiprästdent hat selbst Strafantrag gestellt. Wir glauben es unseren Lesern recht gern, bemerkt dazu unser Breslauer Parteiblatt, daß ste diese Nachricht für einen schlechten Scherz halten werden. Und doch liegt uns nichts ferner als zu scherzen! Die Sache verhält sich tat⸗ sächlich so. Und es ist vielleicht gut so. Da unser Genosse ausdrücklich von„dem“ feigen Halunken gesprochen hat, kann selbstverständlich nur der Handabhacker, nicht die gesamte Poltzei beleidigt sein. Sollte sich also wirklich ein Breslauer Gericht finden, das dieser Klage stattgibt, dann werden wir endlich erfahren, wer der Beleidigte ist, wie er heißt, und wes⸗ halb er sich bisher feige verkrochen hat. Gerechtigkeit. Wegen zehn Pfennigen drei Monate Gefängnis erhielt der 15 jährige Lehrling Kohlmann von der Erfurter Strafkammer aufdiktiert. Er war bereits wegen Diebstahls mit Gefängnis vorbestraft und hatte sich wieder wegen eines solchen Deliktes zu verantworten. Er hatte am 2. Juli in einem Restaurant, während die Wirtin sich entfernt hatte, aus einem Schränkchen ein Zehnpfennigstück gestohlen. Das war der Tatbestand, der der Anklage zugrunde lag. Das Urteil lautete auf drei Monate Gefängnis. In der Begründung hob der Vorsitzende hervor, daß der Knabe mit einer schlimmen Veranlagung behaftet sei, die ihn der Versuchung nicht widerstehen lasse. Wenn er auf diesem Wege weitermache, werde er noch im Zuchthaus enden.— Das wird aber nach unserer Meinung noch viel eher der Fall sein, wenn der Junge in die„Erziehung“ des Gefängnisses kommt, die jedenfalls höchst un⸗ günstig auf seine Moral einwirkt.— Die Fürstin Wrede, die mit der schlimmen Veranlagung behaftet ist, zu stehlen wie eine Elster, aber nicht Zehnpfennigstücke, sondern Silber⸗ geschirr, bringt man in einem Sanato⸗ rium unter und läßt ste dann nach Paris reisen. Den Proletarierjungen schickt man ins Gefängnis. Es geht nichts über die Ge⸗ rechtigkeit! Preußische Gnade. Vor Kurzem ist eine sogenannte Amnestte in Preußen anläßlich der Taufe des Kindes des Kronprinzen erlassen worden, derzufolge allen wegen Beleidigung des Kaisers oder dessen Familienangehörigen bestraften Personen die Strafe erlassen wird, wenn das Urteil am 24. August rechtskräftig war. Wie berichtet wurde, sind in ganz Preußen 16 Personen dieser „Gnade“ teilhaftig geworden.— Einer wurde aber ein Opfer der Amnestie— die ausge⸗ blieben war. In Hanno ver wurde nämlich der Invalide Gielewsky, der anläßlich des Nichterscheinens einer Amnestie zur silbernen Hochzeit Wilhelms II. beleidigende Aeußerungen über Kaiser Wilhelm geführt hatte, zu neun Monaten Gefängnis verurteilt!!!“ Christliche Verleumder. Die Haupttätigkeit vieler Agitatoren der christlichen Gewerkschaften besteht in Verdächti⸗ gung und Verleumdung der leitenden Personen in der sozialdemokratischen Partei und den freien Gewerkschaften. Mit Schauermärchen aller Art suchen sie die noch indifferente Arbeiter⸗ schaft vor der Partei graulich zu machen und vom Beitritt zu dieser und den 9 abzuhalten. Neulich wurde aber in Meißen (Sachsen) einer dieser verleumderischen Subjekte erwischt. Dort wurden nämlich seit einiger Zeit von den„Christlichen“ schamlose Verleum⸗ dungen über den Vertrauensmann des Fabrik⸗ arbeiterverbandes, Genossen Schneider, kol⸗ onatt hkling ammg bstahle Wiebe porte, jurant, e, auß gstüc er dil te alf indung be mt ei, die lasse. werde d aber r Fall 9. del st un, First lagung lstel, ilbel⸗ nat! Bari t Mal die G Imnestt 1 uf r desse ien d eil al geriche 1 diele N uud dub nämlih 10 b bertel arungtb 160 I l 5 1 e — —. ˙¹wꝛ˙ꝛi ¾ AiñG̃²˙ ůÄ.̃r˙̃.——— Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 3. portiert. Man warf ihm vor, er habe sich bestechen lassen von einem Unternehmer. Des⸗ halb sei der Streik so schnell beigelegt worden, und ähnliche Räubergeschichten. Lange wollte es nicht gelingen, einen der Burschen so zu fassen, daß man ihn zur Rechenschaft ziehen konnte. Endlich gelang es, und Genosse Schneider lud den Erwischten vor den Friedensrichter, wo der Erwischte völlig zerknirscht gestand, daß er nur andern nachgeredet hätte und himmelhoch bat, ihn nicht vor den Richter zu bringen. Er unter⸗ schrieb dann eine Erklärung, die im„Meißner Tageblatt“ und im„Volksfreund“ auf seine Kosten veröffentlicht wurde und die folgenden Wortlaut hat: Ehren⸗Erklärung. Ich Endesunterzeichneter erkläre hiermit, daß meine Behauptung, der Vertrauensmann des Verbandes der Fabrik⸗, Land⸗, Hilfsarbeiter und arbeiterinnen sei von den Unternehmern bestochen worden, jeder tatsächlichen Unterlage entbehrt. Ich erkläre weiter, daß ich die Behauptung verbreitet habe, um die freien Gewerk⸗ schaften zu diskreditieren und für die christlichen Gewerkschaften Propaganda zu machen. Ich bitte hiermit Herrn Schneider um Verzeihung und verspreche, in Zu⸗ kunft derartigen Gerüchten entgegentreten zu wollen. Ernst Richter, Meißen, Görnischestraße 34, Mitglied des Christl. Verbandes keram. Arbeiter. Nicht jeder Verleumder kann so zum Selbst⸗ ohrfeigen gezwungen werden, aber wenn einmal einer erwischt wird, so empfindet jeder ehrliche Mensch doch einige Genugtuung. Revolution in Nußland. Das Attentat auf Stolypin soll tat⸗ sächlich nicht von den Revolutionären ausgehen. Das Zentralkomitee der sozial⸗revolntionären Partei erklärte, laut Mitteilungen bürgerlicher Blätter, offiziell, daß die Partei an dem jüngsten Anschlag auf den Ministerpräsidenten Stolypin unbeteiligt ist. Schon in der letzten Nr. wurde die Vermutung ausgesprochen, daß die sogenannte„Schwarze Bande“ den Anschlag verübt habe, wofür bestimmte Anhaltspunkte vorliegen. Altentate. Beim Verlassen seines Hauses in Warschau wurde der General Tjumentkoff von Revolutionären überfallen und durch Re⸗ volverschüsse verwundet.— Der Präsident des Tulaer Bezirksgerichts, Remezoff, wurde am Samstag in seiner Villa durch acht Revolver⸗ schüsse ermordet. Die Täter entkamen.— Der spanische Generalkonsul Löwenberg in War⸗ schau wurde von bewaffneten Soldaten über⸗ fallen und leicht am Arm verwundet. Plechanow, einer der angesehensten und altesten Führer der russischen Sozialdemokratie, schreibt am Schlusse einer Besprechung über die Dumaauflösung:„Das Proletariat wird den Kampf beginnen, wenn es ihm, nicht wenn es Stolypin paßt. Ihm wird es dann passen, wenn das ganze Volk und die Mehrzahl der Truppen revolutionär gesinnt sind. Uns Revo⸗ lutionäre soll die ganze Gesellschaft unterstützen. Dann wird das Ziel in nicht ferner Zukunft erreicht sein. Wir brauchen keine Augenblicksaus⸗ brüche; diese können uns bloß schwächen; wir brauchen eine siegreiche Revolution; und zu einer solchen ist noch Vorbereitungs- arbeit nö tg.“ Parvus und Deutsch sollen sich bereits auf dem Transport nach den Eisfeldern Sibiriens befinden. Vor mehreren Tagen wären sie von Nischnig⸗Nowgorod mit einem Dampf. lastschiff nach Perm befördert wordeg. Die Freunde, die zum Abschied da waren, haben sich im Namen der Gefangenen an den Gou⸗ verneur Baron Freedericksz gewandt mit der Bitte, die Abreise aufzuschteben und bessere sanitäre Verhältnisse für die Gefangenen auf dem alten Schiff mit seinen dumpfigen Räumen zu schaffen, damit sie unterwegs nicht ersticken in ihrem engen Gefängnis. Der Gouverneur hat die Bitte nicht erfüllt. Einer verhängnisvollen Verwech⸗ selung ist am Samstag in Interlaken (Schweiz) ein 73 Jahre alter Mann, ein Rentier Müller aus Paris, zum Opfer gefallen. Er wurde von einer 22 jährigen Ruffin während der Tafel erschossen. Bei ihrer Verhaftung erklärte ste, daß sie beauftragt sei, den früheren russischen Minister Durnowo zu töten. Ueber ihre Personalien verweigerte sie jede Auskunft. Fraglich ist, ob man es mit einer Revolutionärin zu tun hat. Unter allen Um⸗ ständen muß diese Tat, der ein Unschuldiger zum Opfer fiel, entschieden verurteilt werden. Bericht des Parteivorstandes an den Mannheimer Parteitag. (Fortsetzung.) Ueber die im verflossenen Jahre stattge⸗ fundenen Wahlen sagt der Bericht bezüglich der Reichstagsnachwahlen: Eine noch nie dagewesene Höhe erreichte die Zahl der Nachwahlen in der Zeit vom 1. August 1905 bis 31. Juli 1906. In 17 Wahlkreisen fanden Nachwahlen statt. Dieselben wurden nötig, weil in zwei Kreisen der Reichstag das Mandat für ungültig erklärt hatte, in acht Wahlkreisen, well der bisherige Abgeordnete verstorben war und in steben Kreisen, weil die Abgeordneten ihr Mandat niederlegten. Hier⸗ unter befanden sich die Genossen Schtppel und Cramer, die, ohne vorher mit den Genossen Rücksprache zu nehmen, plötzlich die Genossen vor eine Neuwahl stellten. Die Wahlresultate bei den Nachwahlen, die in der Zeit vom Herbst 1903 bis im Sommer 1905 stattfanden, hatten fast sämtlich weniger Stimmen für unsere Partei gebracht als die Hauptwahlen am 16. Juni 1903. Diese Tat⸗ sache gab zu vielen Erörterungen Anlaß, und wie immer bei solchen Erscheinungen, wurde die Ursache in manchen oft sehr fernliegenden Dingen gesucht. Im vorjährigen Bericht be⸗ zeichnete der Parteivorstand die mang elhafte Organisation unserer Genossen und die bessere Organisation der Gegner als hauptsäch⸗ lichsten Grund für diese Erscheinung und führte zum Beweise hierfür das Resultat von Fürth⸗ Erlangen an, wo eine gute Organisation besteht und auch das Resultat günstiger war, als 1903. Diese Ansicht scheint durch die Wahlresultate der 17 Nachwahlen bestätigt zu werden. Acht Kreise ergaben höhere und neun Kreise niedrigere Stimmenzahlen für unsere Partei als 1903. In allen Kreisen setzten die Gegner mit großer Entschlossenheit ein. Sie waren auch nicht wählerisch in ihren Mitteln. Fast in allen Kreisen wurde mit den vom„Reichsverband gegen die Sozialdemokratie“ vergifteten Mitteln gekämpft, letzten Wahlen an dem Ausbau der Organisation gearbeitet haben, halfen die schmutzigsten Mittel der Gegner nicht. In Essen, Eisenach, Kaisers⸗ lautern, Hannover, Altena⸗Iserlohn, Hagen und Rinteln wurden trotz der gewaltigen Anstrengung der Gegner von unseren Genossen erhebliche Fortschritte erkämpft. Die Mandate, die wir in den Wahlkämpfen zu verteidigen hatten, haben wir sämtlich der Partei erhalten und 700 alten liberalen Besitzstand Altena⸗Iserlohn erobert. Ein typisches Vorbild für die nächsten Wahlen dürfte der Wahlkampf in Hagen sein. Trotz der scharfen Gegensätze unter den Gegnern im Kampfe vor der Hauptwahl und trotz der Vor⸗ gänge in dem Nachbarkreise, wo das Zentrum durch das Verhalten der Liberalen sehr gereizt war, fanden sich doch die Gegner alle zusammen, um geschlossen gegen unseren Genossen zu stimmen. Die Genossen müssen überall damit rechnen, daß die Wahlbeteiligungsziffer erheblich steigt und daß alle Nichtsozialdemokraten gegen unsere Kandidaten stimmen werden. Die Wahrscheinlichkeit, in Stichwahlen Mandate erringen zu können, sinkt immer mehr. Die Agitation muß darum so betrieben werden, daß wir damit rechnen können, im ersten Wahlgang eine so große Stimmenzahl zu erhalten, daß es die Mehrheit aller eingeschriebenen Wähler ist. Bei der Agitation können wir auf die un⸗ freiwillige Hülfe der Regierung und der Gegner rechnen. Die kurzsichtige, kleinliche Klass enpolitik, durch welche den Besttzenden alle Vorteile zuge⸗ wendet und den breiten Schichten der Bevölke⸗ rung alle Lasten aufgebürdet werden, das völlige aber wo unsere Genossen seit den Stocken der Sozialreform usw. öffuer selbst dem Indifferentesten die Augen. Es ist also nur nötig, die Massen über Ursache und Wirkung der Politik der Herrschenden aufzuklären, so daß an Stelle des Gefühls der Unzufriedenheit die Erkenntnis tritt und wir haben die Massen für uns gewonnen. Um aber ein einheitliches Zusammenwirken der Massen herbeizuf ühren, ist Organisation nötig. Von den Landtagswahlen erwähnt der Bericht die in Bayern, Schwarzburg⸗Rudolstadt, Baden, Hessen, die Nachwahlen in Württem⸗ berg, die Bürgerschaftswahlen in Bremen, die alle, mit Ausnahme der letzteren, für uns güustige Resultate lieferten. Unsere Partei war in folgenden Landtagen vertreten: In Bremen durch 18, in Hamburg durch 13, in Bayern und Baden durch je 12, in Rudolstadt, Württemberg, Hessen und Meiningen durch je 7, in Koburg⸗Gotha durch 6, in Reuß j. L. durch 5, in Oldenburg und Lübeck durch je 4, in Altenburg und Lippe durch je 3, in Weimar und Anhalt durch je 2, in Sachsen, Elsaß⸗Lothringen und Reuß ä. 8 durch je einen Genossen. In 19 Landesgesetz⸗ gebungen des Deutschen Reiches sitzen also ins⸗ gesamt 115 sozialdemokratische Abgeordnete, während in den Landtagen von Preußen, den beiden Mecklenburg, Braunschweig, Schwarzburg⸗ Sondershausen, Waldeck und Schaumburg⸗Lippe die Sozialdemokratie noch nicht vertreten ist. Der Kassenbericht weist eine Ein⸗ nahme von 810917 Mk. nach, die aber nicht reichte, die Ausgaben zu decken, die 880 496 Mark betrugen. Es mußten also noch zirka 60000 Mk. der Reserve entnommen werden. Gegen das Vorjahr sind trotzdem die Einnahmen um rund 72 000 Mk. gestiegen. Ganz gewaltig gegen das Vorjahr sind die Ausgaben gestiegen. Sie ergeben, nach Abzug des bereits erwähnten Postens von 15800 Mk., in runder Summe ein Mehr von 365000 Mk. Neben erhöhten Ausgaben für allgemeine Agitatton und Wahl⸗ agitation haben sich die Ausgaben für Unter⸗ stützungen verdoppelt. Sie sind infolge der den Opfern des russtschen Befreiungskampfes und den Mai⸗Ausgesperrten in Deutschland gewährten Beihülfen von 62 206,20 Mk. auf 132 020,05 Mk. gestiegen. Auch die Parteipresse hat wieder erhöhte Ausgaben verursacht. Eine un⸗ verhältnismäßige Höhe hat das Darlehns⸗Konto mit 327606 Mk. erreicht. Abgesehen von einem größeren Darlehen, das einer durch wiederholte Aussperrungen in Bedrängnis geratenen Gewerk- schaft gegeben wurde, sowie einigen Beihülfen zur Errichtung und Erhaltung von Gewerk⸗ schaftshäusern, die zugleich Versammlungslokale unserer Partei sind, wurden auch diese Ausgaben fast ausschließlich im Interesse unserer Partei- presse gemacht. Hoffentlich gelingt es im neuen Jahre— schließt der Bericht— das Minus wieder aus⸗ zugleichen, damit die Partei mit guten Finanzen in das Wahljahr 1908 eintreten kann. Pon Nah und Lern. Hessisches. — Religionszwang für Volksschul⸗ lehrer. In Hessen besteht, wie kürzlich in der„Frkftr. Ztg.“ bemerkt wurde, bei der Vereidigung der Lehrer ein Unterschied in der beim Dienstantritt zu schwörenden Eides⸗ formel. Von den provisorisch in den Dienst tretenden Schulverwaltern und Schulgehilfen, also vor den nur seminaristisch gebildeten zukünftigen Volksschullehrern und von Volks⸗ schullehrern, die aus einem Bundesstaat in den hessischen Dienst übertreten, verlangt man, daß ste u. a. eidlich geloben, einen gottes fürch⸗ tigen, christlichen Sinn und Wandel bis an ihr Lebensende zu betätigen, während die provisorisch angestellten akademisch ge⸗ bildeten Lehramts⸗Accessisten und Assessoren nur eidlich versprechen müssen, die ihnen obliegenden Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen genau zu erfüllen.— Hiernach darf also der akademisch gebildete Lehrer in Hessen, ohne den Diensteid zu verletzen, sich als Freidenker oder —— ——., Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung; Nr. 36. als kefner der bestehenden Reltglonsgenossen⸗ macht ihren Gegnern das Vergnügen nicht, auseinander schaften Angehöriger betätigen, der Volksschul⸗ lehrer aber muß unbedingt christlich religiös sein, damit„dem Volke die Religion erhalten bleibt“. — Gegen den Abg. Berthold hatte der Darmstädter„Tägl. Anz.“ vor einigen Monaten eine verleumderische Notiz gebracht, des Inhalts, daß Berthold spät nachts aus einer Wirtschaft wegen Trunkenheit hinaus⸗ gewiesen worden sei. Nunmehr hat die Staats⸗ anwaltschaft gegen den verantwortlichen Redak⸗ teur jenes Blattes und einen Darmstädter Zeitungskorrespondenten öffentliche Anklage er⸗ hoben. Termin zur Hauptverhandlung ist auf den 20. September festgesetzt. — Die Bürgermeisterei Kostheim bei Mainz hat den Unwillen der„Patrioten“ erregt. Warum? Weil sie eine sozialdemokra⸗ tische Petition um Abschaffung des Brückengeldes bei der Zweiten Kammer befürwortet. Dieser unterbreitete nämlich die genannte Bürgermeisterei folgende Vorstellung: „In der Anlage überreichen wir ein Gesuch der sozialdemokratischen Partei Kostheims zur geneigten weiteren Veran⸗ lassung. Den gemachten Ausführungen können wir uns in allen Teilen anschließen. Die Gesamtbevölkerung würde es freudig begrüßen, wenn die nicht mehr in den Rahmen unserer Zeit passende Brückengelderhebung bald zur Aufhebung käme. Kostheim, den 10. August 1906. Großh. Bürger meisteret Kost⸗ heim. Lessel“. Das geht dem Heyl⸗Organ in Worms stark wider den Strich. Es murrt, die Kostheimer Bürgermeisterei hätte selbst einen entsprechenden Antrag an die Zweite Kammer richten sollen, statt erst die Initiative der„Genossen“ abzu⸗ warten.„Es erweckt gerade kein erhebendes Empfinden, zu beobachten, wie sich eine groß⸗ herzogliche Behörde zur Weitergabe von An⸗ trägen hergibt, die im staats⸗ und gesell⸗ schaftsfeindlichen Lager der Sozialdemo⸗ kratie ihren Ursprung haben“.— Und wenn ein Vorschlag oder Autrag noch so gut ist: weg damit!— wenn er von Sozialdemokraten kommt! Hier zeigt sich der fanatisch⸗bornterte Patriot im grellsten Lichte. Gießener Angelegenheiten. — Ueber die hohen Marktpreise herrschte am Samstag unter den Hausfrauen gewaltige Erregung. Und dazu war wirklich aller Grund vorhanden. Für das Pfund Butter wurde 1.40 Mk. verlangt! Ein solcher Preis war zu dieser Jahreszeit noch nicht da. Dabei eine ausgezeichnete Futterernte! Diese geradezu gemeingefährliche Preistreiberei muß natürlich die schwersten Schäden für die ganze Bevölkerung im Gefolge haben. Denn welche Arbeiterfamilie kann sich bei derartigen Preisen noch Butter leisten? Auf Fleisch muß sie auch fast ganz verzichten und auf Eier erst recht. Es liegt klar auk der Hand, daß unter solchen Umständen bei einem großen Teile der Bevölke⸗ rung Unterernährung herrscht, die die schlimmsten Folgen für das ganze Volk nach stch ziehen muß. Eine umsichtige Stadtverwaltung sollte erwägen, ob es sich nicht empfiehlt, dieser Preistreiberei entgegen zu wirken vielleicht dadurch, daß sie von sich selbst landwirtschaftliche Anlagen errichtet. — Die alte Geschichte. Regelmäßig vor unserem Parteitag bringt die bürgerliche Presse Artikel, in denen„heftige Kämpfe“ auf dem Parteitag voraus⸗ gesagt werden. Mit wichtiger Miene wird da erzählt, daß unversöhnliche Gegensätze schon längst innerhalb der Sozialdemokratie vorhanden wären, daß die vor⸗ handene Spannung zur Explosion führen und die Meinungen auf dem Parteitage scharf aufeinander platzen würden. Im Gießener Amtsblatt verkündete diese Woche ein ganz Kluger, daß in Mannheim die Partei womöglich auseinander fallen werde.„Die Partei ist heute in sich selber uneins, sie marschiert heute ohne ersichtliches Ziel“. So orakelt der Biedere und er„vermutet“, daß in Mannheim viel geschimpft werden würde.— Nun, unsere Partei kann noch Auseinandersetzungen vertragen, an denen die„Liberalen“ und andere rettungslos zu Grunde gehen würden. Wie alljährlich, so werden sich auch dieses Mal wieder die Wüunsche unserer guten Freunde, der Feiube, nicht erfüllen. Die deutsche Sozialdemokratie zu laufen, sondern wird ihnen noch oft Beweise ihres Daseins nicht blos, sondern auch ihrer Schlagfertigkeit geben. — Der Bierkrieg in Frankfurt, Hanau, Offenbach und Umgebung hat eine äußerst scharfe Form angenommen. Ueberall wird der Boykott streng durchgeführt und man muß die Disziplin der Bierkonsumenten bewundern. Es find keines⸗ wegs bloß Arbeiter, die den Biergenuß voll⸗ ständig eingestellt haben, sondern Angehörige aller Bevölkerungsschichten. Und man hört sehr oft aus dem Munde von Bürgersleuten scharfe Verurteilungen der Steuerpolitik sowohl als auch der Brauereibesitzer. Selbst zum alten Preise wird kein Bier mehr getrunken. Am Freitag fanden 13 stark besuchte Versammlungen statt, in welchen beschlossen wurde, den Bier⸗ genuß überhaupt einzustellen. Nur in zwei von diesen Versammlungen wurde die Boykott⸗Reso⸗ lution nicht angenommen. Diese beiden waren von den Brauereiarbeitern stark besucht und diese stimmten gegen den Boykott, weil die Brauereibesitzer Maßregelung der organisterten Brauer angekündigt hatten.— Die Brauereien selbst haben ein Flugblatt verbreitet, in dem vorgerechnet wird, daß die Neubelastung der 6 Frankfurter Aktien⸗Brauereien 2608 146 Mk. betrage, während im Vorjahre nur 1775827 Mk. Dividende ausbezahlt worden sei. Ohne Bier⸗ preiserhöhung hätten sie also in Zukunft einen Fehlbetrag von 832 369 Mk. Natürlich nimmt diese Rechnung kein Mensch ernst. Soviel steht fest, daß die Brauereien auch ohne Bterver⸗ teuerung recht erkleckliche Gewinne einheimsen würden. Am Montag beschloß eine stark be⸗ suchte Versammlung der Wirte, gemäß dem Beschlusse der Volksversammlungen während des Boykotts kein Bier mehr zum Ausschank zu bringen und dies durch Plakate, die in den Wirtschaften sichtbar auszuhängen sind, anzu⸗ kündigen.— Wenn die Bierkonsumenten weiter fest bleiben, so müssen die Brauereien nach⸗ geben. In verschiedenen Lokalen wird das Bier bereits wieder zum alten Preise angeboten, trotz- dem wird aber keins getrunken. r. Maßregelung. Bei dem Bauunter⸗ nehmer Pfaff war ein junger Weißbinder⸗ handlanger aus Steinberg beschäftigt. Neulich wurde dieser auf das Bureau zitiert und ihm dort vorgehalten, daß er die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ austrage und außerdem habe er für den Weißbinderverband von Haus zu Haus agittert. Herr Pfaff meinte, er könne einen solchen Arbeiter nicht gebrauchen, doch versprach er ihm mehr Lohn, wenn er diese Tätigkeit einstellte, er sei ja sonst mit ihm sehr zufrieden. Doch der Arbeiter lehnte das An⸗ stunen des Herrn Pfaff ab und erhielt infolge dessen seine Entlassung.— Was hat sich denn Herr Pfaff darum zu kümmern, was der Ar⸗ beiter außerhalb des Geschäfts und in seiner freien Zeit tut? Und glaubt er etwa die „Sonntags⸗Zeitung“ schädigen zu können? Die wird doch verbreitet, wenn's auch Herr Pfaff nicht erlaubt! Es ist auch ein starkes Stück, wenn er dem Arbeiter verbieten will, sich dem Verbande anzuschließen, während Herr Pfaff ganz sicher seinem Arbeitgeberverbande angehört. Leider gibt es noch charakterlose Arbeiter, die thre Kollegen bei dem Arbeitgeber verkleinern und sie wegen ihrer Verbandstätigkeit denun⸗ zieren.— Bemerken wollen wir noch, daß der Weißbinder und frühere„Arbeitervertreter“ im Gemeinderat und Exgenosse, Johs. Schäfer XI. von Steinberg, Parlier bei Pfaff ist. — Referentenkur sus. Wie in voriger Nr. bekannt gegeben, wird Gen. Dr. David an beiden nächsten Sonntagen— 9. und 16. Sep⸗ tember— einen sogenannten Referentenkursus abhalten, d. h. Unterricht in Redekunst erteilen. Diejenigen Parteigenossen, welche daran teil⸗ nehmen wollen, müssen sich pünktlich um 9 Uhr vormittags im Orbig'schen Lokale einfinden. Aus dem Nreise gießen. r. Bezirkskouferenz in Trohe. Am Sonntag nahmen die Parteigenossen des Bezirks Buseckertal den Bericht von der Landeskonferenz entgegen. Geu. Muhl, der den Bericht erstattete, entledigte sich seiner Aufgabe in vorzäglicher Weise. An die nahezu dreiviertelstündigen Ausführungen desselben knüpfte sich eine ausgedehnte, rege Debatte, die sich im Wesentlichen um die Presse drehte. In einer Resolution erklärten sich die Partei⸗ genossen mit den Beschlüssen der Landeskonferenz ein⸗ verstanden, bedauern aber den Beschluß, daß die Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitung weiterbestehen soll, daß man hierin eine Konkurrenz für die Tageszeitung erblickt. (Hier hat wohl ein Irrtum obgewaltet. Die Landes⸗ konferenz hat nicht beschlossen, daß die Mitt eld. S.⸗Ztg. weiter bestehen soll, sondern nur diese Frage dem Landes⸗ komitee zur Prüfung anheimgestellt. Anm. d. Red.) Nach Erledigung dieses Punktes wurden noch interne Bezirksangelegenheiten erledigt; unter anderem wurde beschlossen, jährlich drei ordentliche Bezirksversammlungen abzuhalten, jedoch kann auf Antrag einer Mitgliedschaft bei besonderer Veranlassung eine außerordentliche Ver⸗ sammlung stattfinden. Nach einem Appel des Vor⸗ sitzenden, an allen Orten und zu jeder Zeit des Preß⸗ fonds zu gedenken und den ganzen Monat September ununterbrochen für die Verbreitung des neuen Organs Sorge zu tragen, wurde die Versammlung, die in Anbetracht der schwebenden Fragen besser hätte besucht sein müssen, geschlossen. — Altenbuseck. Die Mitglieder des Volks⸗ vereins Altenbuseck werden freundlichst ersucht, Sonntag nachmittags punkt 2 Uhr im Vereinslokal bei Wirt Becker sich zur Aufstellung zum Festzug und Teilnahme an dem Turnerfest einzufinden. Es wird um recht zahl⸗ reiches Erscheinen gebeten. — Opfer des Militarismus. Am vorigen Donnerstag kam der Kanonier Wagen bach aus Burkhardsfelden, der bei der 1. Batterie des Darmstädter Artillerie⸗Regiments dient, auf gräßliche Weise ums Leben. Die Batterie befand sich bei Groß⸗ Umstadt im Manöver. Der Feldwebel Wiener wollte ein Geschütz kontrollieren, ob es vorschriftsmäßig mit Manöverkartusche geladen sei. Dabei ging der Schuß los und traf den hinter der Rohrmündung stehenden Wagenbach mit voller Kraft, daß dieser sofort getötet wurde. Die Leiche wurde nach Burkhardsfelden gebracht, wo die Beerdigung unter großer Beteiligung stattfand. — Feldwebel Wiener wurde bereits kriegsgerichtlich ab⸗ geurteilt und mit 3 Monat Gefängnis bestraft. Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. sp. Ein strenggläubiger Hausbesitzer. Am Hause Mainzergasse Nr. 3 in Alsfeld war dieser Tage folgendes merkwürdige Plakat zu lesen: Nur 2 Nur einem sitten⸗, ehrenhaften und reellen Protestanten vermlete Laden mit Wohnung. Während sonst bei den Hausagrariern Bezahlen die Hauptsache ist, scheint dieser davon eine Ausnahme zu machen und das Hauptgewicht auf die Kirchenzugehörigkeit des Ladenmieters zu legen. In unserer„materialistischen“ Zeit ist das immerhin ein„idealer“ Standpunkt. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Wieder Fleischaufschlag! Die Wetzlarer Metzger⸗Innung hat die Preise für Ochsen⸗ und Rind⸗ fleisch wiederum heraufgesetzt und zwar gleich um 8 Pfg. das Pfund. Ochsenfleisch kostet jetzt 88, Rindfleisch⸗ 80 Pfg.— ungefähr das Doppelte dessen, was es vor wenig Jahren galt! Allerdings sind daran nicht die Metzger schuld, sondern die agrarische Zollpolitik und die dadurch bewirkte künstliche Verteuerung aller Lebens⸗ mittel. Wohin soll das noch führen! Es ist wahrhaftig noch schlimmer geworden, als damals bei den Zoll⸗ debatten es von unserer Seite befürchtet wurde. Das Volk wird tatsächlich systematisch ausgehungert; man stelle sich nur vor, wie ein Arbeiter, der etwa 4—5 Kinder hat und vielleicht die Woche 18—20 Mk. ver⸗ dient, seine Familie ernähren soll!— Nutzlos und zwecklos werden viele Hundert Millionen für die afrika⸗ nischen Sandwüsten hinausgepulvert; Industrielle und Großgrundbesitzer häufen ungeheuere Reichtümer auf— das arbeitende Volk aber hungert! Und angesichts dieser Zustände unternehmen es sogenannte„Patrioten“ bei jeder Gelegenheit Loblieder auf das„herrliche deutsche Reich“ anzustimmen und jeden als„vaterlandslos“ zu beschimpfen, der auf die Mängel hinweist und Besserung verlangt. h. Sedankoller. Obwohl schon 36 Jahre seit dem„glorreichen“ Tage von Sedan verstrichen sind, wird noch jedes Jahr am 2. September großer Tam⸗ tam von den„Patrioten“ geschlagen. Was bei solchen Gelegenheiten in Kriegervereinen oft verzapft wird, muß bei jedem verständigen Menschen teils Zorn, teis Gl lächter erregen. Man sollte es doch mit der Sieges⸗ trommelei endlich genug sein lassen. Wir werden uns in der nächsten Nr. mal die Rede des Lehrers Petri im Kriegerverein etwas näher ansehen. w. Recht ungünstige Werkstattsverhält⸗ nisse bestehen zum Teil noch in Wetzlar. Die Arbeits- räume lassen in Bezug auf Sauberkeit, Wascheinrich⸗ tungen zc. noch vielfach zu wünschen übrig. Bei der⸗ eptenbg neutg unlunz, er häth — 0 olk 95 Sonntag i UW inan! 0 cht Ahl N 1 „ n bach Balte!! gräßlh!“ i Grof r wollt zig ul t Schuß stchebn t getöle gebracht, taltfand. lich ab⸗ U sitzet 0 ar dieser len de zahme zl öriglel sstischen 0 . 15 —— — Wel w Rind n 8 Pf Tube 3 c int icht dee t md U belk⸗ abthafth en ol de. Dal 11 wl 1 400 M bel 105 un N it att ae 10 f 7 0 die 1 . Nec 14 fn, 15 aht fh en 0 1 h 1 N a Nr. 36. — D Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung. —— —„ 5 n—— Seite 5. Firma Momma z. B. fehlen den Leuten Schränke oder Räume zur Aufbewahrung ihrer Kleider und ihres Frühstücksbrodes, auch Wascheinrichtung ist keine vor⸗ handen, so daß die Arbeiter meist so wie sie die Arbeit verlassen, mit ungewaschenen Händen nach Hause gehen. In mancher anderen Werkstelle stehts ähnlich aus. Hier müßte wirklich Besserung geschaffen werden; und zwar müssen die Arbeiter selbst das Nötige dazu beitragen, denn die Unternehmer halten es vielfach nicht der Mühe wert, etwas zu tun, um die Arbeiter gesund und leistungs⸗ fähig zu erhalten. Das liegt aber auch an der Gleich⸗ gültigkeit der Arbeiter. Oefters kann man hören: ja, wenn ich in den Verband eintrete, fliege ich aus dem Kriegerverein heraus. Was ein Arbeiter für Vorteile vom Kriegerverein hat, ist für uns ein Rätsel und viel⸗ leicht auch für ihn selber. Schließt euch vielmehr eurer Gewerkschaft an, nur dadurch ist es möglich, Besserungen zu schaffen! i h. Zu den Stadtverordnetenwahlen stellte kürzlich das Amtsblatt unsern Genossen ein ungünstiges Prognostikon.„Nach unsern Erfahrungen dürften aus⸗ gesprochene sozialdemokratische Kandidatturen, wie sie Herr Dr. Quark will, auch in der dritten Klasse wenig Aus⸗ sicht auf Erfolg haben“ meinte es am Schlusse des Berichts über die Versammlung, in der Genosse Quarck über die Stadtverordnetenwahlen sprach. Aufgabe unserer Genossen wird es sein, so zu arbeiten, daß diese Prophe⸗ zeihungen des Amtsblattes sich nicht erfüllen. * Vor dem Schöffengericht hatte sich dieser Tage eine jugendliche Tabakarbeiterin zu verantworten, weil sie— an einer öffentlichen Versammlung teil⸗ genommen hatte! Sie wurde freigesprochen, weil sie nicht das Bewußtsein von der Strafbarkeit ihrer Hand⸗ lung besessen habe. Wie konnte die Arbeiterin überhaupt angeklagt werden? Seit wann und wo ist denn jugend⸗ lichen Personen der Besuch öffentlicher Versammlungen verboten?— Man lasse sich nicht irre machen; auch jugendliche Personen dürfen öff e ntliche Versamm⸗ lungen besuchen. Das preuß. Vereinsgesetz verbietet nur Frauen, Schülern und Lehrlingen die Mitgliedschaft politischer Vereine, wozu die Gewerkschaften aber nicht gehören. Es geht doch nicht an, den Arbeiterinnen das Koakitionsrecht etwa durch eine Polizeiverordnung wegzunehmen. f. Mittelalterliche Kirchenstrafen sind noch in Odenhausen a. d. Lahn üblich. Dort bestrafte der Pastor zwei junge Burschen, weil sie die Kinderlehre nicht besucht hatten mit Entzug des Abendmahls, sowie des Rechts Patenstelle zu übernehmen auf die Dauer eines Jahres. Weiter ist noch merkwürdig, daß für Odenhausen und Salzböden eine kirchliche Verordnung besteht, wonach ein eheliches Kind ein Recht auf 4 Tauf⸗ zeugen hat, während ein außereheliches deren nur 2 haben darf und diese müssen dazu noch ältere Leute sein. Was kann denn das arme Kind dafür, wenn es unehe⸗ lich zur Welt kommt? Ist das christliche Nächstenliebe einem unschuldigen Kinde in dieser Art einen Makel an⸗ zuheften? Jedenfalls passen diese mittelalterlichen Ge⸗ bräuche nicht mehr in unsere humaner denkende Zeit hinein.(Sollte nicht ein Unterschted bei den unehelichen Kindern gemacht werden, je nachdem die Eltern arm oder wohlhabend find? Wir glauben kaum, daß man bei„besseren Leuten“— es kommen solche Fälle auch in der feinsten Familie vor— jene Verordnung in Anwendung bringt. Doch wir stimmen mit dem Ein⸗ sender darin überein, daß man sich vor solchen Unan⸗ nehmlichkeiten am besten durch Austritt aus der Kirche schützt. Anm, d. Red.) Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. x. Verhaftet wurde in Ostende der früher in Marburg ansässig gewesene Buchdruckereibes. Sömmering, der wegen betrügerischen Bankrotts zu einer Gefängnis⸗ strafe verurteilt wurde, dann aber auskniff. Er wurde deshalb steckbrieflich verfolgt. In Belgien ist er eben⸗ falls wegen verschiedenen unlauteren Geschäftsmani⸗ pulationen mit den Behörden in Konflikt gekommen und wenn diese ihre Sachen mit ihm erledigt haben, dürfte er nach Deutschlond ausgeliefert werden, f. Ein Bureaukratenstückchen war dieser Tage Gegenstand einer Schöffengerichtsverhandlung. Ein Arbeiter eines Nachbardorfes hatte ein polizeiliches Straf⸗ mandat erhalten, weil er ein Bau w erk ohne poli⸗ zeiliche Geuehmigung aufgeführt hatte. Das„Bauwerk“ bestand nämlich aus einem— Abtritt, der aus einigen Brettern zusammengenagelt war, kein Fundament und kein Dach hatte. Da der„Bauherr“ nun der Meinung war, daß zu einem derartigen Bauwerk keine polizeiliche Genehmigung erforderlich sei, hatte er Wider ⸗ spruch erhoben. Das Gericht beschloß Einstellung des Verfahrens, weil die„Straftat“ verjährt sei. Straßentumulte in Frankfurt. In der Frankfurter Altstadt haben am Dienstag und am Mittwoch Abend Tumulte stattgefunden, die durch einen sehr geringfügigen eee eee eee September. Anlaß entstanden waren. Bei dem Eierhändler Waltuch war ein Bettler hinausgewiesen worden und machte Lärm. Dadurch sammelten sich immer mehr Menschen an, zum großen Teil Zuhälter zꝛc. Die Polizei griff mit blanker Waffe ein, wodurch der Tumult nur noch größer wurde. Mehrere unbeteiligte Personen sind schwer verletzt. 1 Partei-Uachrichten. Das Protokoll der Landeskonferenz in Mühlheim ist fertig gestellt. Es wird einzeln per Exemplar mit 5 Pfennige abgegeben. Die Kreisorgani⸗ sationen erhalten das Hundert mit Mark 2.50. Die Kreisvorstände werden hiermit aufgefordert, unver⸗ züglich ihre Bestellungen bei dem Unterzeichneten zu machen. Offenbach, den 31. August 1906. Das Landes⸗Komitee: C. Ulrich, Große Marktstraße 23. Von Preungesheim zurück. Uuser Genosse Oskar Quint, Redakteur der Frkftr. Volksstimme hat am Sonntag das Gefängnis in Preungesheim ver⸗ lassen, in dem er wegen der Konto St.- Affäre ein halbes Jahr hat schmachten müssen. Unser Frankfurter Parteiblatt bemerkt dazu u. a.„Selbst wenn man an⸗ nehmen wollte, daß die Kritik, die er an dem berühmten Konto P.& St. geübt, nach bürgerlichen Rechtsbegriffen in etwas zu scharf gewesen sei, so haben doch die späteren Enthüllungen gezeigt, daß sie sachlich nur zu berechtigt war. Ansichts dieser Enthüllungen, der Aufdeckung eines zum Himmel stinkenden Kolonialsumpfes, tritt die Ungeheuerlichkeit der Strafe, die Genosse Quint für seine Kritik erleiden mußte, erst recht voll in die Er⸗ scheinung. Es mag ihn mit Genugtuung und Freude erfüllen, daß in der Zeit der sechsmonatlichen Straf⸗ verbüßung der Stein ins Rollen gekommen ist, durch den die ganze Tippelskircherei aufgedeckt wurde. Heute würde wohl kaum Fürst Bülow für Herrn Kolonial⸗ direktor Stübel nochmals Strafantrag stellen, Diese Tatsache mag unseren Kollegen all die Unbill ver⸗ gessen lassen, die er in den sechs Monaten hat erdulden müssen. Sie wird für ihn ein Ansporn sein, auch ferner rücksichtslos das zu sagen und zu schreiben, was notwendig ist, um dem Volke die Augen zu öffnen über den Klassenstaat und ein Klassensystem schlimmster Art. In dieser Hoffnung heißen wir unseren Kollegen in der preußisch⸗deutschen Freiheit herzlich willkommen!“ Versammlungskalender. Samstag, den 8. September. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Wieseck. Wahlverein. Abends ¼9 Uhr Versamm⸗ lung bei Heinrich Völzel(Zinn). Vollzähliges Erscheinen erwünscht. Heuchelheim. Arbeiterbild ungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Germer. T.⸗O.: Bericht von der Landeskonferenz und Verschiedenes. Friedberg. Wahlverein. Abends 29 Uhr Versammlung in der„Konkordia“. T. O.: Bericht von der Landeskonferenz. Sonntag, den 9. September. Reißkirchen. Arbeiter verein. Nachmittags 3½ Uhr Mitgliederversammlung bei Wirt Fritzel. Sonntag, den 16. September. Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 4 Uhr Ver⸗ sammlung im„Stadtpark“. Tages⸗Ordnung: Die hessische Landeskonferenz. Freie Turnerschaft Gießen. Abmarsch nach Alten⸗Buseck Sonntag, den 9. September mittags punkt 12 Uhr„Stadt Marburg“. Mitglieder und deren Angehörige, welche die Bahn benutzen, versammeln sich 11 Uhr im Vereinslokal(Pfau). Briefkasten. H.⸗Mrbg. Wir werden Ihre Einsendung in nächster Nummer noch mit verwenden.— Wetzlr. Der Abonne⸗ mentspreis der Oberhessischen Volkszeitung wird 60 Pfg. pro Monat betragen. — k Die ausgeschriebenen Stellen für das Tageblatt sind besetzt. Den Parteigenossen, die Offerten eingesandt haben, danken wir hiermit und bemerken, daß eine weitere Beautwortung nicht stattfindet. Mehrere Zeitungsträger für Gießen wollen sich melden. Antritt Ende Die Pretzkommission Die hessische Landeskonferenz. (Schluß.) Ueber die Aenderung des Organi⸗ sattons⸗Statuts referiert Genosse Or b. Er begründet kurz seinen nach dieser Richtung hin gestellten Antrag, der die Beitragsregelung und die rechtlichen Verhältnisse der Mitglieder betrifft. Durch diese Aenderungen soll sich das Statut mehr dem in Jena beschlossenen allge⸗ meinen Partei⸗Statut anpassen. Gegen Orb's Ausführungen wenden sich mehrere Redner; besonders ist man nicht mit der Beitragsregelung einverstanden. Schließlich werden alle Anträge zu diesem Punkte einer Kommission überwiesen, die nach erfolgter Beratung folgende Fassung vorschlägt: Der Parteibeitrag beträgt monatlich 15 Pfg. Davon sind 3 Pfg.(20%) für den Vorstand der Gesamt⸗Partei bestimmt und 4 Pfg. für das Landeskomitee. Zur Bestreitung der Kreis- und lokalen Agitation ist ein Mindestzuschlag von 5 Pfg. zu erheben, so daß der monatliche Mindestbeitrag mit Lokalzuschlag 20 Pfg. beträgt. Dieser Zuschlag wird mit dem Parteibeitrag durch Marke mit besonderem Stempelaufdruck erhoben. Zu diesem Zwecke wird eine einheitliche Landesmarke herausgegeben. Diese Marken sind vom Landeskomitee pro Marke zu 3/ Pfg. zu beziehen und pränumerando zu bezahlen. Die Mitglieder der einzelnen Organisationen haben pro Monat mindestens zwei Marken zu lösen, weibliche Mitglieder nur eine. e Das Landeskomitee führt pro Mitglied und Monat aus seinen Einnahmen 3 Pfg. an die Gesamt⸗Partei ab, so daß es selbst pro Mitglied und Monat 4 Pfg. zur Bestreitung der Landesbedürfnisse hat. Diese Fassung wird angenommen und ebenso der Antrag Orb's betreffend die Rechtsverhält⸗ nisse der Mitglieder. Zum Parteitag in Mannheim refe⸗ rierte Dr. David, der die in letzter Nummer bereits mitgeteilte Resolution beantragte, deren einstimmige Annahme erfolgte. David ging in seinem Referat besonders auf den Massenstreik ein, über den sich in Mann⸗ heim wiederum eine lebhafte Debatte erheben würde und der in den letzten Tagen Gegenstand eingehender Erörterung in der Partei war. Dazu gab besouders die Konferenz der Gewerk⸗ schaftsvorstände Veranlassung, über die kürzlich das Protokoll erschienen ist. Es wurde gesagt, daß die dort gefaßten Beschlüsse im Wider⸗ spruch mit der Jenaer Resolution stünden. Ein solcher Widerspruch besteht nicht. Wenn aber ein solcher vielfach empfunden wurde, so liege das an dem Ton, der in Jena vorge— herrscht habe. Dafür zitiert Redner mehrere Ausführungen Rosa Luxemburgs, des Vorwärts, Leipz. Volksztg. u. a. Gewiß, der Masseu⸗ streit ist unser gutes Recht. Und die Jenaer Resolution sagt, daß er gegebenen⸗ falls zur Anwendung kommen soll. Wie stellt man sich aber seinen Verlauf vor? Viel⸗ fach geht die Auffassung dahin, daß der Massen⸗ streik der Aufang zum Straßenkampse sei. Das ist falsch. Wir werden und müssen dieses Kampfmittel durchaus gesetzlich anwenden. Wir müssen die Massen so erziehen, daß Kon⸗ flitte mit dem Militär ausgeschlossen sind. Dazu ist eine gute Organisation nötig. Eine Diskussion darüber halte er für überflüssig. Diese arte oft in eine Disputtererei aus. Manche 11 7 sich bedenklichen Illusionen hin. Mit egeisterung allein sei es nicht getan. Redner schildert die verhängnisvollen Folgen, die ein Massenstreik für das Volk mit sich bringen müsse, wenn er ohne die nötige Vorbereitung unternommen würde. Darum keine Stimmungs⸗ politik, sondern nüchterne Ueberlegung, ver⸗ nünftige Taktik! Von einzelnen sei Revolutions⸗ romantik getrieben worden. Redner polemistert gegen verschiedene Aeußerungen Kautskys, der meinte, daß sich die Gegensätze überall zuspitzten. — Wir wollen durch die Gewerkschaft die Menschen heben und ebenso wollen wir das durch vernünftige Resormen. Bebel hat auch 155 eine solche reelle Politik getrieben und erbesserungen herbeizuführen versucht.— Wir müssen in Mannheim zu einer Verständigung über die Massenstreikfrage kommen, die bestehen⸗ den Differenzen ausgleichen. Und damit solche in Zukunft vermieden werden, muß die Partei ⸗ r 2 1 4 5 * ö e 1 ee S 4 99 1171 140 ö 177 7 91 11 Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 36. leitung mit der Leitung der Gewerkschaften in stäundiger Verbindung stehen. Nach Davids beifällig aufgenommenem Referat erklärten sich die Genossen Vetters, Diener⸗ Mühlheim, Rink⸗Urberach und Friedrich⸗ Darmstadt mit der Resolution einverstanden, nicht aber mit allen Ausführungen Davids, der doch zu schwarz gemalt habe. Wir wollten keine Konflikte hervorrufen, dürften aber nicht davor zurückschrecken, die kärglichen Rechte mit aller Energie und allen Mitteln zu verteidigen. Ebenso dürften wir doch nicht ruhig zusehen, wenn um einer Bagatelle wegen ein Krieg vom Zaune gebrochen und die Volksgenossen zu Hunderttausenden zur Schlachtbank geführt würden, sondern da gelte es, alles einzusetzen, um den verbrecherischen Massenmord zu ver⸗ hüten. David erklärte in seinem Schlußwort, daß er niemand habe den Mut nehmen wollen, sondern will nur, daß wir uns deu Erfolg stchern. Den Krteg kritisteren wir stets, können ihn also nicht zum Vergleiche heranziehen.— Politische Macht erobern heißt die Masse gewinnen, nicht bloß die Arbeiter, sondern auch die Bauern, Handwerker und geistigen Arbeiter. Und weniger große Worte, sondern unverdrossene Taten! Ueber die Landtagswahlen und Tätigkeit des Landtags referiert Abg. Adelung⸗Mainz. Er meint, der Ausfall der Landtagswahlen habe zwar nicht voll be⸗ friedigt, doch war der Sieg Raab's in Pfung⸗ stadt und die vernichtende Niederlage Dr. Beckers im Isenburg⸗Sprendlinger Kreise sehr erfreulich. Im Landtag haben die Nationalliberalen nominell die Mehrheit, wirklich wird er beherrscht durch die Agrarier: den Bündlern sind Nationalliberale untertan. Die politische Situation hat sich ver⸗ schärft, die bürgerlichen Parteien nehmen schroffer gegen uns Stellung, wie bei der Prästdenten⸗ wahl sich zeigte: lieber gingen die Nationallibe⸗ ralen unters Bündlerjocß und nahmen das Odium eines Protestes gegen die Rechtsprechung auf sich, ehe ste unsern Ulrich wiederwählten. In der Wahlrechtsfrage hatte die alte Zweite Kammer sich rückgratfest gezeigt, die neue aber macht Miene, einen Kompromiß an⸗ bahnen zu helfen. Es ist noch nicht heraus, ob die Zweite Kammer nicht zur Verkürzung von Volksrechten bereit ist. Auch die Steuer⸗ vorlage scheiterte am Widerstand der Ersten Kammer; ste hat die Regierung eingeladen, die Vorlage umzuarbeiten, aber wie die neue Vor⸗ lage beschaffen sein soll, wird nicht gesagt.— Die neuen Verwaltungsgesetze werden die wichtigste Arbeit des Landtags sein. Sehr kennzeichnend ist das Vorgehen des Abg. Köhler, der für alle nichtwiedergewählten Bürgermeister Sitz und Stimme im Gemeinderat begehrt, wodurch es glücklich kommen könne, daß die Mehrheit des Gemeinderats aus Nichtgewählten besteht! Die Fraktion hat sich bemüht, ihre Schuldigkeit voll zu tun, und ste wird auch weiter bestrebt sein, im Sinne der Parteigenossen zu handeln.— Dem Referat folgte eine kurze Debatte, in der alle Redner die Tätigkeit der Fraktion billigen. Die vorliegenden Anträge werden der Fraktion als Material überwiesen. Unsere Taktik bei Kommunal- wahlen. Zu diesem 6. Punkte der Tages- ordnung legt der Referent Ulrich folgende Resolution vor: In Erwägung, daß die Entwicklung der wirtschaft⸗ lichen und politischen Verhältnisse des Landes im All⸗ gemeinen die soztalen Klassengegensätze steigert und diese Gegensätze sich ganz besonders im öffentlichen Leben der Gemeinden geltend machen, erklärt die Landeskonferenz, daß es strengste Pflicht der Genossen ist, bei allen Kommunalwahlen darauf zu sehen, daß die Interessen der arbeitenden Klasse gewahrt zd. Es soll dies dadurch geschehen, daß bei allen Wahlen jeder Kompromiß vermieden, und selbständig vorgegangen wird durch Aufstellung aus⸗ gesprochener und erprobter Parteigenossen als Kandi⸗ daten. Da aber die Aufstellung derartiger zuverlässiger und unentwegter Genossen zur Zeit nicht immer mög⸗ lich ist— vergleiche das Bestätigungsrecht der Re⸗ gierung bei Bürgermeisterei und Beigeordnetenwahlen, die Bestimmungen über die Zusammensetzung der Ge⸗ meindevertretungen(Höchstbesteuertenrecht) und die Ent. scheidung durch relative Mehrheiten— so kann in besonderen Fällen durch ausdrücklichen Beschluß der berufenen Instanzen, von der Regel der Aufstellung eigener erprobter Genossen als Kandidaten, abgesehen werden. In solchen besonderen Fällen ist aber streng darauf zu sehen, daß nur solche Kandidaten unsere Stimmen erhalten, welche Gewähr dafür bieten, daß sie sich nicht als Scharfmacher gegen die Arbeiter betätigen oder ihre Wahl die Wahl eines anderen gehässigen Gegners verhindert. In allen Fällen haben die Lokalorganisationeu nach ordnungsgemäß einberufener gemeinschaftlicher Beratung und Beschlußfassung zu handeln. Jedem Genossen steht das Recht zu, gegen einen Beschluß der Lokal⸗ organisation an das Landes⸗Komitee zu appellieren, welches zu prüfen hat, was zur Erledigung des Streits zu tun ist. Ferner erklärt die Landes⸗Konferenz im Hinblick auf die dem Landtag vorliegenden Gesetzent würfe über die Aenderung der Verwaltungsgesetze, daß es Pflicht der sozialdemokratischen Gemeindever⸗ treter ist, dahin zu wirken, daß bei dieser Aenderung sowohl die in der Landgemeinde⸗ wie in der Städte-, Kreis⸗ und Provinzial⸗Ordnung vorhandenen Be⸗ stimmungen beseitigt werden, die ein Uebergewicht oder Privilegium des Besitzes darstellen; ebenso haben alle sozialdemokratischen Gemeindeverireter die Pflicht, gegen die in den Gesetz⸗Entwürfen betreffend Aenderung der Landgemeinde⸗ und Städteordnung aufrechter⸗ haltenen Bestimmungen bezüglich des Bestätigungs⸗ rechtes der Regierung bei Bürgermeister⸗ und Bei⸗ geordnetenwahlen, Stellung zu nehmen. Hinsichtlich der Forderung der Gemeindebeamten und Volksschullehrer das Recht, zum Gemeinderat bezw. Stadtverordneten gewählt zu werden betreffend, ist die Landes⸗Konferenz der Ansicht, daß diese Forde⸗ rung vollauf berechtigt ist, und hält es für die Pflicht der sozialdemokratischen Vertreter im Land⸗ tag, in der Richtung dieser Forderung zu wirken. Ulrich weist zunächst auf die gesetzlichen Bestimmungen hin, wonach die Hälfte der Gemeinderäte dem höchstbesteuerten Drittel ent⸗ nommen werden müsse. Diese Ungerechtigkeit müsse bekämpft und beseitigt werden.— Kom⸗ promisse bei den Wahlen müssen vermieden werden. Dabet gerade geben unsere Leute die Liste in der Regel unverändert ab, die Gegner streichen unsere Kandidaten. Wo die Partei erstarkt ist und Kandidaten stellen kann, soll sie selbständig und kompromißfrei vorgehen, das steigert ihr Ansehen. Es darf nicht wieder passteren, daß ein Kandidat auf⸗ gestellt wird, der nicht fester Genosse ist: es ist bisweilen danach gefragt worden, ob der Mann viel Anhang hat— und dann stimmte er im Gemeinderat gegen uns. Dr. David begründet einen Antrag, den er im Verein mit andern Delegierten gestellt hat und der auf Streichung des Kompromiß⸗ verbots abzielt. Die Resolution habe zwar einen Löwerkopf, unten käme aber die Stroh⸗ puppe zum Vorschein. Das Kompromißverbot könne nicht gehalten werden und darum solle man einen solchen Beschluß nicht fassen. Eißnert⸗Offenbach und Ulrich treten Davids Ansichten entgegen.— Die Resolution wird gegen wenige Stimmen angenommen. Verschiedene Anträge. Ein von Vilbel gestellter Antrag, ein Protokoll über die Konferenz herauszugeben, wird ange⸗ nommen. Ebenso ein weiterer Antrag, zukünftig die Konferenzen am Vorabend um 6 Uhr be⸗ ginnen zu lassen.— Das Landeskomitee wird wiedergewählt. Die nächste Landeskonfe⸗ renz soll in Friedberg stattfinden. Genosse Ulrich schließt hierauf die Konfe⸗ renz mit einem Rückblick auf die Verhandlungen und einem Hoch auf die Sozialdemokratie, in das die Delegierten lebhaft einstimmen. Die Gewerkächaftsorganisatianen im Jahre 1905. III. Die lokalen Gewerkschaften haben heute gewerkschaftlich fast gar keine Bedeutung mehr. Für 1905 wurden in 21 Berufen 27736 Mitglieder angegeben, gegen 20 686 in 18 Be⸗ rufen im Jahre 1904. Die Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereine hatten am Schluß des Jahres 1905 in 2158 Ortsvereinen 117097 Mitglieder gegen 111889 im Jahre 1904, so daß sich eine Mit⸗ gliederzunahme von 5208 ergibt. Die Einnahmen der Hirsch⸗Dunckerschen Ge⸗ werkvereine betrugen 1336651 Mk., die Aus⸗ gaben 1170 219 Mk., der Vermögensstand 3497069 Mk. Von diesem befinden sich jedoch in den Kranken⸗ und Begräbniskassen 1279028 Mark, in den Begräbniskassen 823045 Mk. und in den Gewerkvereinskassen nur 1394996 Mk. Nur die letztere Summe würde für den gewerk⸗ schaftlichen Kampf in Betracht kommen. Die Christlichen Gewerkschaften, die dem Gesamtverband angehören, hatten 1905 in 2333 Ortsgruppen im Jahresdurchschnitt 188 106 Mitglieder gegen 107551 im Jahre 1904. Die Zunahme an Mitgliedern machte 80 550 aus. Zu den christlichen Gewerkschaften stellen folgende Berufe die meisten Mitglieder: Berg⸗ arbeiter 71 500, Textilarbeiter 24735, Bauhand⸗ werker 20679, Bayerische Elsenbahner 19000, Metallarbeiter 15 563, Holzarbeiter 8386, Hilfs⸗ und Transportarbeiter 8329, Tabakarbeiter 2851, Heimarbeiterinnen 3077, Keramarbeiter 2600 2c. Die Einnahmen dieser Gewerkschaften be⸗ trugen 2443 122 Mk., die Ausgaben 2150 511 Mark, an Kassenbestand verblieben 1249 408 Mk. Die„unabhängigen schristlichen Gewerkschaften“ hatten im Jahre 1905 in 812 Ortsgruppen im Jahresdurchschnitt 76 926 Mitglieder. Es werden dann noch die„unabhängigen Vereine“ angeführt, das sind solche, die keine gewerkschaftliche Landeszentrale haben; von 1155 gab es 1905 in 21 Berufen 67675 Mit⸗ glieder. Rechnen wir die sechs vorstehend im einzelnen geschilderten Organisationsgruppen zusammen, so ergibt sich, daß im Jahre 1904 1466 625 und 1905 1822343 gewerkschaftlich orga⸗ nisterte Arbeiter vorhanden waren. Die Zahl der Organisterten hat somit um 355 718 zugenommen. Soweit nachweisbar hatten die Organisationen eine Jahres einnahme von 31823098 Mk., eine Ausgabe von 28 618 007 Mark und einen Vermögensbestand von 24 656 133 Mk. Juteressant ist, den Entwicke⸗ lungsgang der dret gewerkschaftlich allein in Betracht kommenden Organisationsgruppen, der Zentralverbände, der Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereine und der christlichen Gewerkschaften, in den letzten sechs Jahren zu verfolgen. Den Christlichen Gewerkschaften sind hierbei auch die nicht dem Gesamtverband angeschlossenen Orga⸗ nisationen zugerechnet. Die Hirsch⸗Dunker⸗ schen Gewerkvereine haben ihre Werbekraft verloren, was natürlich und erfreulich ist und auch die„Christlichen“ bleiben weit hinter den Zentralverbänden zurück, obgleich ihnen der so vorzüglich funktionierende Agitationsapparat der Kirche zur Verfügung steht. Der diesjährige Bericht der„Christlichen“ ist voll des Lobes und der Freude über den gewaltigen Aufschwung. Die nackten Zahlen, wie ste vorstehend gegeben, zeigen, daß die Werbekraft dieser Organisaklonen weit hinter der der Zentralverbände zurückbleibt, trotzdem man sich auf die„christliche Weltan⸗ schauung“ und das„Nationale“ einschwört und sich damit bei allen Stellen, denen man Einfluß zutraut, fortgesetzt in empfehlende Erinnerung bringt. Taugt nun die als Aushängeschild dienende„christliche Weltanschauung“ nichts, oder sind diese Gewerkschaften nichts wert? Eines muß wohl sein, sonst könnten diese Organisationen in ihrer Werbekraft nicht so weit hinter den Zentralverbänden zurückstehen, obgleich leider nach wie vor die Arbeiterschaft es ist, die den Kirchen beider Richtungen den so mächtigen Einfluß gewährleistet. Zusammenschluß der Bergarbeiter⸗ verbände. Aus Bochum wird berichtet:„In der Bergarbeiter⸗Zeitung veröffentlicht eine An⸗ zahl Mitglieder des alten Verbandes, des christlichen Gewerkvereins, der polnischen Berufsvereinigung und des Hirsch⸗ Dunckerschen Gewerkvereins einen Aufruf an die Bergarbeiter Deutschlands, der zur Vern⸗ schmelzung der Bergarbeiterverbände auffordert. In dem Aufruf wird gesagt, daß eine am 15. Juli cr. in Scherlebeck bei Recklinghausen stattgehabte Versammlung, an welcher Mit⸗ glieder der genannten Verbände beteiligt ge⸗ — — — . . 2 2 22 2 N . zelnen mme, 106620 org; . Die 355 718 ten die ue bon 18 000 d bon twice ein il el, der gewelk ten, il „ Del uch die 1Olga⸗ unkel⸗ rbelraft sst uud hill en del mne h Vobth gung gegebel, fal one bleib, Wella ört un bi nell Nec 1 pelt 1 diet 15 J ebe 1c gell dan 2——— ä—— ů ͤ———— — Nr. 36. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. nach Ablauf von fünf Wochen noch nicht nach⸗ wesen seien, den Gewerkvereinssekretär Effertz⸗ Altenessen als Vorsitzenden der Siebenerkommis⸗ ston aufgefordert habe, in kürzester Frist eine Revierkonferenz der Ruhrbergleute einzuberufen, um über die Frage der Verschmelzung der Bergarbeiterverbände zu beraten. Da Effertz diesem durch Eiuschreibebrief gestellten Verlangen gekommen sei, so sehe man sich genötigt, sich öffentlich an die deutschen Bergarbeiter zu wenden, um diese für die Sache der Verschmel⸗ zung zu gewinnen. Durch eine derartige Verschmelzung würde ein Verband von 175000 Mitgliedern geschaffen werden; die Organisation würde natürlich auch größere Einheitlichkeit und Schlagkraft erhalten, was von unschätzbarem Vorteile für die gesamte Bergarbeiterschaft wäre. Alle Arbeiter sollten ebenso einheitlich organistert sein, als die Unter⸗ nehmer! ieee— Von Nah und Lern. Vom guten Magen der Kirche. Vor kurzem starb in Mainz eine allein⸗ stehende ältere Dame und vermachte ihr ganzes Vermögen in der Höhe von 60,000 Mk. der Stephanskirche. Nun besitzt aber die Verstorbene einen nahen Verwandten, einen armen Dach⸗ decker, welcher schon längere Zeit krank ist und von seiner Frau mit acht kleinen Kindern durch Zeitungstragen kümmerlich ernährt wird. Die Frau wandte sich in ihrer Not an die Kirchen⸗ behörde und bat um Ueberlassung eines kleinen Teils des Vermögens. Es wurde jedoch der Bescheid, daß das Vermächtnis eine Schenkung an die Kirche seitens der Verstorbenen sei, wäre das Geld testamentarisch vermacht, so könnte das Testament angefochten werden, so jedoch sei der Betrag unanfechtbar. Die arme Frau schleppt also ihre Zeitungen weiter, während die Kirche um 60,000 Mk. reicher ist. — Stolz aber prangt auf dem Dom die Reiter⸗ statue des heiligen Martin als Schutzheiliger der Mainzer Kirche, desselben Martin, der seinen Mantel mit dem Schwerte teilte, um 155 Armen die Hälfte zu geben, der am Wege ror. Ein erschütterndes Bild aus dem Gegenwartsstaate. i Ein Opfer der miserablen sozialen Verhält⸗ nisse, unter denen es aufgewachsen, ist das 13jährige Schulmädchen Gottwald in Hartha bei Waldheim geworden, das vom Landgericht Chem⸗ nitz wegen Diebstahls zu einer Gesamtstrafe von elf Monaten einen Tag Gefäng⸗ nis verurteilt wurde. Der Vater des bedauerns⸗ werten Opfers ist Scherenschleifer. Für ihn mußte die Verurteilte Arbeit in den Häusern zusammenholen; tagaus, tagein, treppauf, trepp⸗ ab, bei jeder Witterung galt es, Arbeit für den Vater zu schaffen, und doch war Schmalhans Küchenmeister daheim. Um die Beköstigung wenigstens für sich in etwas zu verbessern, be⸗ nutzte sie die Gelegenheiten, die sich ihr boten, zum Stehlen. Sie war deshalb schon vor kurzer Zeit mit fünf Monaten Gefängnis⸗ strafe belegt worden, doch hatte man ihr eine vierjährige Bewährungsfrist zugebilligt. Da ste aus den alten Verhältnissen aber nicht heraus ⸗ genommen wurde, benutzte sie auch ferner die sich bietenden Gelegenheiten zum Stehlen. Da kennt der Klassenstaat kein anderes Mittel, als das Gefängnis, in das nun das Kind beinahe ein ganzes Jahr gesteckt wird. Schuld an dem „Fall“ des Kindes sind aber die traurigen soztalen Verhältnisse, in die es gesetzt wurde. Auf dem Friedhof. Skizze von Th. W. in V. Ein heißer Julitag. Nach des Tages Last und Mühen sieht man ein altes Mütterchen mit einer Hand voll Feldblumen die staubige Chaussee entlang gehen. An dem Friedhofsgitter bleibt die Alte be⸗ Toten. Vorsichtig, als fürchte sie, diesen zu zerstören, legt sie die Blumen darauf. sitzt stie hier, ihr Haus aufzusuchen. Hat er doch schon manchen von ihren Lieben das Grab aufgeworfen. Dann betritt die Alte den Ruheplatz der An einem Hügel macht sie Halt. hockt sie nieder auf die Erde. Lange bis der Totengräber sie ermahnt, Er kennt die Alte. Daun „ Aber keines von den Gräbern besucht sie; nur dieses, auf welches die Alte heute die Blumen niedergelegt. „Merkwürdige Frau“, sagt der Totengräber zu einem des Weges kommenden Bekannten, „de ähr am wenigsten angeiht, de besocht se ümmer, de annern nich.“ „Wißt ihr denn, Hüter der Toten, was es mit dem da auf sich hat?“ „Und ob ich das weiß“, entgegnete der Totengräber.„Da liggt die Hanne ünner, was die Tochter von dem Mann sein Bruder war. Hebbt Sei— haben Sie die Geschichte noch nicht gehört?“ „Nein, wollt Ihr mir die Geschichte erzählen?“ Der Alte kraut sich den Kopf. „Sonnerbare Geschichte. Die Hanne, wo hier liegt, war bei ihre Tante groß geworden, weil sie selbst keine Kinner haren und Haune's Vater früh starb. Un Hanne schlug ganz gut ein. Sie lernte Schneidern un war auch fix in ihrem Fach. Un verdeubelt hübsch war die Hanne. Dann kam das so. Hanne lernte in Offizier kennen der sie wohl mächtig was vorgeschnackt haben muß. Alles Sagen von ihrer Tante halfen nick ts. Sie ging immer wieder nach ihm hin. Und eines Abends war sie mit noch annere Mächens bei ihm im Hause gewesen, und da haben sie denn Wein getrunken und die Hanne hatte zu viel davon gekriegt, so daß sie betrunken war. Als sie dann nachts nach Hause kam, hat ihre Tante sie rausge⸗ schmissen und so zu ihr gesagt, daß sie sich man lieber versaufen sollte, ehe ste zur 98 würde. Das muß die Hanne sich dann mächtig zu Herzen genommen haben. Als es am andern Morgen war, kam sie immer noch nicht wieder. Und gegen Mittag brachte man Zeug von Hanne zu ihre Tante. Und als noch'n paar Tage vorbei waren, da wurde die Hanne im Wasser gefunden; sie hatte sich wirklich ver⸗ soffen. Und seit der Zeit ist die Alte ganz anners geworden. Sie ist nach'n Kommandeur gelaufen und hat sich über den Offizier beschwert un dieser is auch zu ihr ins Haus gekommen und hat ihr Geld gegeben. Aber was half das allens, Hanne wurde durch dieses Geld nich wieder lebendig. Der Offtzier mußte dann bald weg. Aber's die Alte machte sich immer die Vorwürfe, daß sie daran Schuld war, daß alles so gekommen. Aber's sagen Sie, ist das nicht Gemeinheit von dem Leutnant, daß er die Mächens betrunken machte, um sein Vergnügen mit ihr zu haben? Wenn ich der Vater gewesen wär', ich hätte ihn das Genick umgedreht. Aber's so ist's nun einmal. Wenn ein annerer das gewesen wär, dann hätt' man ihn schließlich noch bestraft. Nun ist's aber so ein; da„versetzt“ man ihn einfach und damit ist's dann gut.“ Der Alke ist in eine ehrliche Wut geraten. Er hat in seiuer schlichten Art eine Geschichle erzählt, die alt und doch immer wieder neu ist. Unwillkürlich fallen mir die Worte Geibels ein„... Dann steht ihr wohl und klagt euch an. Doch keiner Träne heißer Reu', macht eine welke Rose blüh'n, erweckt kein totes Herz aufs neu!“— Der Sohn seines Vaters. Von E. Romann. Es ist nun einmal so, der Höherstehende schaut immer herab auf den, der arm ist. Schon in der Schule wird das von den Kindern ge⸗ übt. Ein Realschüler wird nur selten einen Volksschüler als ebenbürtig betrachten. Uns Volksschüler kränkte natürlich eine solch offen⸗ kundige Herabsetzung. Um nun in unserer eigenen Achtung wenigstens zu steigen, erhoben wir, wie eben Buben handeln, unsere Schule stehen; sie muß Luft holen, der weite Weg hat sie ermüdet. dem städtischen Holzplatz mit Holzsägen be⸗ schäftigt waren, zu unseren Mitschülern zählten, nannten wir nach diesen unsere Schule„Holz⸗ spältergymnastum“. Ich ging schon in die letzte Klasse dieses „Gymnasiums“, als wir einen neuen Klassen⸗ schüler bekamen. Dieser Schüler war eines Stadtbaurats Sohn, der schon eine höhere Schule vollständig erfolglos besucht hatte und nun, da er dort in keiner Weise mitkam, seine„Studien“ bei uns beschließen sollte. Da unsere Klasse sich größtenteils aus Söhnen armer Taglöhner zu⸗ sammensetzte, kann man sich leicht denken, mit welch scheuer Achtung wir den neuen Schüler betrachteten. Das gar nicht stolze Benehmen des Neuen, der uns vom ersten Augenblick an wie seinesgleichen behandelte, schien uns die äußerste Herablassung zu sein. Kein Wunder, wenn ein jeder bestrebt war, mit ihm Freund⸗ schaft zu schließen, denn einen Bauratssohn zum Freunde zu haben, war ein Gefühl, das nahe an„Größenwahn“! grenzte. Aber sonderbar. Mit jedem neuen Tage, den der Ratssohn bei uns war, flaute die Be⸗ geisterung für ihn ab. Denn immer klarer stellte es sich heraus, daß der Genannte einen eigentümlichen Fehler hatte, einen Fehler, den selbst ein Voltsschüler seinem Freunde nicht verzeiht und wenn der ein Prinz wäre— unser Freund war nämlich du m m, so dumm, daß Schülern und Lehrern vor einem solchen Phänomen bald der eigene Verstand stillgestanden wäre. Was immer in der Schule getrieben wurde, unsern Freund störte dies nicht im mindesten. Behaglich schaute er zum Fenster hinaus oder kaute mit größter Gelassenheit au seinen Fingernägeln und durch kein Mittel war er dazu zu bringen, eine Aufmerksamkeit, die er nun einmal nicht hatte, zu heucheln. Unternahm es der Lehrer, ihn besonders anzureden, dann schob der aus seinen Träumen Aufgestörte den Finger in den Mund, wie es kleine Kinder machen und lachte ohne jeden Grund so lange, als mit ihm gesprochen wurde. Des Lehrers Diagnose war: harmloser, unver⸗ besserlicher Idiot. 8 Nach unserer Schulentlassung kamen wir anderen Schüler meistens zu Handwerksmeistern in die Lehre. Wir hatten da Zeit und Ge⸗ legenheit, den oft gepriesenen goldenen Boden des Handwerks näher kennen zu lernen. Wie so manches war auch dieser nur Illusion. Da⸗ gegen waren des Meisters tatkräftige Ermah⸗ nungen und der Gesellen kurzgefaßte Anweisungen bedeutend realere Dinge, sodaß ich ihrer noch heute voll schmerzlicher Rührung gedenke. Unser baurätlicher Mitschüler, der ohne die schwere Bürde des Wissens ins Leben trat, wurde trotzdem gleich in eine bessere Sphäre versetzt. Es wäre auch gegen alles Herkommen gewesen, wenn der Sohn eines Baurats zu einem Schuster oder Schneider in die Lehre gekommen wäre, selbst wenn er das nötige Talent dazu gehabt hätte. Dank dem Einflusse seines Vaters kam der junge Mann gleich zum, Magistrate, allerdings vorerst nur in der untergeordneten Stellung eines Schreibers. Was ihm an Fähigkeiten abging, das ersetzte die Protektion seines Vaters und deshalb behielten jene auch recht, die ihm, weil er der Sohn seines Vaters war, eine glänzende Zukunft prophezeiten. Denn heute, wo seine Schulkameraden von da⸗ mals sich als einfache Handwerksgesellen ihr Brot mühselig genug verdienen müssen, ist er ein Mann in augesehener, sicherer Staats⸗ stellung. Wohl lacht er noch immer, wenn man mit ihm redet, doch hat er sichs abgewöhnt, dabei den Finger in den Mund zu stecken. 5 Humoristisches. Der Unterschied. 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