— ——T4————— 1062. 82.828.888 1 — N 2. Gießen, den 8. Juli 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 0 Nebaktionsschluß Mirchenplatz 11. Schloßgasse. M 10 Id tsch Donnerstag Nachmittag 4 Ne 5 itteldeutsche Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Lanbbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 500% Rabatt. Bei mindestens Von der vollen Kompottschüßsel der Arbeiter. Wenn die Soldschreiber des Ausbeutertums und des Kapitalismus den Arbeitern Zufrieden⸗ heit und Sparsamkeit predigen, dann gehen die Unselbständigen, die die höchste Tugend in dem Gehorsam und dem Glauben gegenüber den Worten des Geistlichen erblicken, kopf⸗ hängerisch nach Hause und versuchen, den Schmachtriemen noch enger anzuziehen. Die frei aufschauenden und freidenkenden Arbeiter aber rufen den Sparsamkeits⸗ und Zufrieden⸗ heitspredigern zu: Macht es uns erst vor! Macht es uns erst vor, wie man mit dem kärg⸗ lichen Lohne eines Arbeiters menschenwürdig leben, seinen Verpflichtungen nachkommen und am Ende noch sparen kann! Vormachen, ist die beste Lehrmethode. Aber davon wollen weder die superklugen Schreiber der Ordnungsblätter, noch die fromm⸗ gelahrten Brüder in Christo etwas wissen. Doch auch unter den frommen Arbeiterschäfchen macht sich nach und nach der Gedanke geltend, daß es, ach, so manchen Arbeiter gibt, der einen Lohn hat, bei dem die Mahnung zum Sparen und zur Zufriedenheit Hohn ist. Die christliche„Westdeutsche Arbeiterzeitung“ bringt von Zeit zu Zeit Aufstellungen über Einkommen und Lebenshaltung einzelner Arbeiterfamilten. Vor Kurzem veröffentlichte sie eine solche, die einen Textilarbeiter in Ful da betraf, dessen Höchstlohn Mk. 2,50 pro Tag beträgt. Der Mann hat fünf Kinder im Alter von 3— 11 Jahren, soll also mit diesem Lohn sieben Menschen ernähren. Die Beträge für die einzelnen Haushaltungs⸗ bedürfnisse werden in der erwähnten Zusammen⸗ stellung aufgezählt und es ergibt sich eine Gesamt⸗Jahresausgabe von 851,50 Mark. Aber selbst diesen zum Unterhalt für eine sieben⸗ köpfige Familie absolut unzureichenden Betrag kann der Mann nicht erschwingen; sein Jahres⸗ verdienst beträgt bei voller Beschäftigung nur 750 Mk. Der christliche Arbeiter, der diese Aufstellung gemacht hat, bemerkt dazu: „Diese(fehlenden) 100 Mark muß die Frau, trotz der fünf Kinder, durch Aushilfsarbeit auf⸗ bringen. Nun sehen wir aber, was sich die Familie mit den 851 Mark„leistet.“ Butter⸗ brot kennt sie nur dem Namen nach, Fleisch, jeden Sonntag ½ Pfund Rindfleisch. Als Früh⸗ stück kennt der Mann jahraus jahrein nur trocken Brot, wozu sich seine mit dünnem Kaffee gefüllte Blechbüchse gesellt. Bier trinkt er jeden Sonntag ein einziges Glas, macht pro Jahr, alle Felertage abgerechnet, 5,20 Mark. Die Kinder dieser Famflie kennen weder einen Weih⸗ nachts⸗ Oster-, Pfingst⸗ oder Kirchweihkuchen, es sei denn, daß irgend eine gute Seele an sie denkt. Ich habe diesen Mann wiederholt zum Eintritt in den Arbeiterverein zu bewegen ge⸗ sucht, aber— und ich kann es ihm absolut nicht verdenken— er weist stets hin auf die wirtschaftliche Unmöglichkeit. Woher die Bei⸗ träge dazu nehmen? Und so wie es hier aus⸗ sieht, sieht es in Dutzenden vielleicht in Hun⸗ derten von Arbeiterfamilien Fuldas noch aus.“ Sicher, und nicht nur in Fulda. In der Nähe Ful das in den hessischen und preußischen Landorten stehts in den Arbeiterfamilien nicht besser und anders aus. Und wenn in andern Städten die Löhne höher sind, so ist auch die Lebens⸗ haltung eine teuerere. Aber trotz seiner Er⸗ kenntnis ist der christliche Einsender doch ein recht unerfahrener Mensch. Er fordert von den Stadtverwaltungen, sie möchten doch vor allen Dingen einmal die Ursachen der Massenarmut schonungslos bloß⸗ legen. Der Mann scheint keine Ahnung davon zu haben, daß die Stadtverwaltungen bei uns durchweg Organe des kapitalistischen Staates sind, der im Gegenteil das höchste Interesse daran hat, seine Schattenselten mög⸗ lichst zu verbergen. Genau so machen es auch die bürgerlichen Parteien mit den herrschenden Mißständen. In seinen München Gladbacher Schmähschriften gegen die Sozialdemokratie führt z. B. das Zentrum immer und immer wieder an, Bebel habe einst gesagt, die Sozialdemokratie wolle die Wunden am Gesellschaftskörper offen halten!“ Das ist in den Augen des Zentrums ein Ver⸗ brechen! Und dabei hat Bebel im Grunde genommen nichts anderes verlangt, als was der christliche Arbeiter in der„Westd. Arbeiterztg.“ wünscht, er will die Massenarmut und was damit zusammenhängt, schonungslos bloß⸗ gelegt haben. Das Zentrum aber und die übrigen„Ordnungs“ parteien arbeiten fortgesetzt daran, die Wunden am Gesellschaftskörper zu verkleistern. Nicht nur, indem ste durch Zustimmung zu kleinlichen, fast wirkungslosen Reförmchen verhindern, daß auf lange Zeit hinaus etwas durchgreifendes geschehen kann(wir erinnern nur an die Bergarbeiter⸗ novelle), sondern auch dadurch, daß sie fortge⸗ setzt die„großen sozialpolitischen Fortschritte“ über alle Maßen loben, die in Deutschland zu verzeichnen seien. Wenn aber der gläubige Arbeiter zu denken beginnt, ein wenig um sich und den Tatsachen ins Auge sieht, dann stößt er überall auf die Heuchelei derjenigen Parteien, die vorgeben, auch für die Interessen der Arbeiter eintreten zu wollen und von denen die Zentrumspartei und die Stöckerianer die demagogtischsten sind. Politische Rundschau. Gießen, den 5. Juli 1906. Die amerikanischen Fleisch⸗Skandale. Das Verdienst, die haarsträubenden Zustände, die unglaublichen und verbrecherischen Schweine⸗ reien in den Chicagoer Schlachthäusern und Konservenfabriken enthüllt zu haben, gebührt einem Sozialdemokraten. Wie kürzlich bereits erwähnt, lenkte ein Buch die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Dinge und gab damit den Anlaß zum Vorgehen gegen den Fleischtrust. Das Buch, ein Roman, betitelt:„The Iungle“ (Die Dschungeln) hat unsern Parteigenossen Upton Sinclair zum Verfasser. Es schildert die Geschichte einer litauischen Familie in dem Fleischindustriebezirke Chicagos, ist mit rückstchtsloser Offenheit geschrieben und legt die grauenhaften Schäden des industriellen Lebens der Vereinigten Staaten schonungslos bloß. Der Roman führt uns, seinem Titel getreu, in die„Dschungeln“ der menschlichen Gesellschaft; er gibt eine machtvolle Schilderung des ver⸗ zweifelten Kampfes ums tägliche Brot, es ist ein furchtbarer Anklageschret gegen die Miß⸗ wirtschaft des Kapitalismus. Grauenerregende Einzelheiten drangen an die Oeffentlichkeit. Es wurde festgestellt, daß krankes, ja sogar krepiertes Vieh zu Konserven verarbeitet worden war, daß aus cholerakranken Schweinen Schmalz und„Olivenöl“ für die französische Sardinen⸗ industrie hergestellt wurde, daß abgehackte Finger der Arbeiter von den Wurstmaschinen mit zu Wurst gehackt wurden, daß in die mit kochendem Schmalz angefüllten Bottiche mehrfach Men⸗ schen gefallen und völlig in dem Schmalz aufgegangen seien, das dann ruhig ver⸗ kauft murde. Ratten in Wurst und Schmalz seien als keine Seltenheit zu betrachten. Die Lücken im konservierten Fleisch wurden mit widerlichen Abfällen vollgestopft und Chemikalien zur Konservierung und Erstickung des übeln Geruches verwandt. Die Fleischbarone boten alles auf, um diese Angaben zu entkräften, und drohten schließlich damit, daß die Vernichtung der blühenden Fleischindustrie, die durch diese Enthüllungen provoziert würde, unabsehbares Elend über das Land bringen würde. Anfänglich glaubte der Fleischtrust die An⸗ gaben des Sinclairschen Buches dadurch tot⸗ machen zu können, daß er ste als Lügen und tendenziöse Parteimache hinstellte. Die Regie⸗ rung ließ sich aber nicht abhalten, die von dem ganzen Lande gebieterisch geforderte Untersuchung vorzunehmen. Das Resultat der amtlichen 5 ging weit über alle Erwartungen naus. Endlich wurde das von dem Senat ange⸗ nommene Gesetz dem Repräsentantenhause vor⸗ gelegt, und die Regierung reichte diesem zugleich den Bericht der Kommissare Neill und Reynolds ein. Das gab eine gewaltige Sensation. Fast sämtliche der bisher gemeldeten Schweinereien wurden amtlich bestätigt. Der Fleisch⸗ trust raste. Er erklärte den Präsidenten Roose⸗ velt für einen„gefährlichen Demagogen“, drohte ihm öffeutlich mit seiner Rache und suchte sich der Unterstützung seitens der anderen Trusts zu verstchern. Mitt allen Mitteln suchten die Fleisch⸗ barone das Gesetz zu Fall zu bringen, allein vergeblich. Ob es aber die Mißstände beseitigen wird, bleibt fraglich, auf sozialistischer Seite gibt man sich in dieser Beziehung keinen großen Hoffnungen hin. Wir wissen hier wohl, schreibt man der Parteipresse von parteigenössischer Seite aus Amerika, daß die Fleischskandale Wasser auf die Mühle der preußischen Agrarier sind. Es unterliegt nun allerdings keinem Zweifel, daß der Fleischtrust auf die Herstellung der für den Export bestimmten Konserven größere Sorgfalt verwandte, Andererseits kann aber natürlich nicht geleugnet werden, daß die Ge⸗ wissenlosigkeit der Fleischbarone auch vor dem für den Export bestimmten Fleisch nicht Halt machte. Mögen Sinclairs Enthüllungen also auch in diesem Einzelfall reaktionäre Interessen unterstützen, sein großes Verdienst um die Sache des amerikanischen Volkes wie um diejenige des Sozialismus kann nicht bestritten werden. Es war ein entscheidender Schlag, den er gegen die Trustwirtschaft, gegen den Kapitalismus geführt hat. Seite 2. Mitteldenutsche Sonntags⸗Zeitung. Ar. 27. Uebrigens haben aber die Fleischbarone doch dafür gesorgt, daß das Gesetz ihnen nicht weh tut, ste setzten es durch, daß die Kosten der Inspektion auf den Staal gewälzt werden; ebenso wurde die Datierung der Etiketten auf Fleischkonserven verworfen. Schauderhafte Kolonialwirtschaft. Gegen die deutsche Kolonialverwaltung werden erneut schwere Anklagen erhoben, die zum Teil direkt von dem Zentrumsabgeordneten Erzberger stammen, andernteils im Stuttgarter Zentrumsblatt enthalten waren. Bei einer kürzlichen Wählerversammlung in Lüden⸗ scheid hat Erzberger erzählt, daß von den Liebesgaben für unsere Afrikakrieger Unterstützungen an Berliner Be⸗ amte und Offtziere zur Teilnahme an dem Kolonialfeste gezahlt worden seien, daß aber viele unserer Afrikakrieger von Liebes⸗ gaben nichts gesehen hätten. Die Geschichte von der Cousine des Herrn v. Puttkamer stehe hinter anderen Fällen weit zurück. Es sei fest⸗ gestellt, daß Offiziere und Beamte in Kamerun sich auf Kosten der deutschen Steuerzahler Häuser für Konkubinen hätten bauen lassen. Wenn die Regierung es abgelehnt habe, ein Disziplinarverfahren gegen Herrn v. Puttkamer einzuleiten, nur weil dieser es nicht wünsche und weil es ihm unangenehm sei(Sehr be⸗ greiflich! D. R.) so würde der Reichstag am besten handeln, wenn er stch selbst die Akten geben ließe und selbst den Mißständen nachforschte. Ueber die Zustände in Südwestafrika schrieb das Biberacher Blatt Erzbergers u. a.: „Daß die Truppe entartet, it selbst⸗ verständlich! Müßiggang ist aller Laster An⸗ fang, besonders wenn noch die hohe Besol⸗ dung hinzutritt! Was dort an Alkohol verbraucht wird, ist kaum faßbar! Die Schnapswirte machen die besten Geschäfte und das internationale Dirnentum ebenso. Die Gefängnisse sind überfüllt mit Weißen. Im Rausche begehen die Soldaten vielfach Dinge, die sie für ihr Leben unglücklich machen. So auch die Meuterer. Was vielfach an Offtzteren nach Südwestafrika sich meldete und abgeschoben wurde, ist nicht besser. Das Geld der deutschen Steuerzahler wird auch in böser Weise dort verschwendet. Das gesamte Rechnungs⸗ wesen ist total zusammengebrochen; eine geordnete Abnahme der Lieferungen findet vielfach nicht mehr statt.... Kapländer sind durch den Krieg Millionäre geworden.“ Erzberger meinte weiter, daß der Krieg noch 100 Millionen Mk. kosten würde, und verlangt den schleunigen Rückzug der Truppen.— Für seine Behauptungen wird der Zentrums⸗ mann seine Beweise haben, warum rückte er aber nicht damit heraus, als der Reichstag noch beisammen war? Die Regierung sucht die An⸗ gaben zu bestreiten. Aus der Ferienkolonie. Von Ende März bis Ende Juni 1906 wurde die gerichtliche Bestratrung von 52 Soldaten⸗ quälern bekannt. An Strafen wurden aus⸗ gesprochen: 8 Jahre 8 Monate 3 Tage Gefäng⸗ nis, 4 Monate 22 Tage mittlerer Arrest, 1 Monat 9 Tage gelinder Arrest, 1 Monat 29 Tage Stubenarrest, 7 Degradationen. Der Freiheitsentzug beträgt im ganzen 9 Jahre 4 Monate 3 Tage. Sogar zwei preußische Hauptleute mußten in diesem Vierteljahre gerichtlich bestraft werden und zwar einer vom Lauenburgischen Jägerbataillon mit 17 Tagen und ein anderer vom Grenadierregiment Nr. 12 mit 42 Tagen Stubenarrest. Leider wurden ihre Namen nicht genannt. Wenn sogar Hauptleute mißhandeln, so schweigen alle Flöten. Würden die Herren Kriegsminister die Soldaten⸗ schindereien mit Energie bekämpfen, so würden die Herren Hauptleute Mißhandlungen hübsch bleiben lassen, denn sie wüßten dann, daß ihnen Soldatenquälereien unnachsichtlich die Verab⸗ schiedung eintrügen. Besonders auffallend ist das Ueberhandnehmen des„Schäftens“ der jungen Mannschaften durch die alten. Gerade hiergegen hätten die Kriegsministerten ein durch⸗ greifendes Mittel, nämlich die Versetzung in eine Arbeiterabteilung, in der Hand. Sie brauchten nur die kommandierenden Generale anzuweisen, daß Mannschaften, die sich am Schäften beteiligt haben, in eine Arbeiterabtei⸗ lung zu versetzen sind. Zu hart wäre die Maß⸗ regel gewiß nicht, denn es ist nichts Roheres und Feigeres denkbar, als diese Ueberfälle auf einen Wehrlosen. Wie unsere Gegner arbeiten. Die Korrespondenz des Reichsverbandes der Sozialistenvernichter erzählt, wie die Reichs⸗ verbändler bei der Wahl in Hannover gegen uns gearbeitet und die bürgerlichen Parteien organtstert haben.„Auch in Hannover zeigte sich“, schreibt sie,„wie noch stets bisher, wenn der Reichsverband eingriff, daß Organisationen der bürgerlichen Parteien entweder nicht oder in unzureichendem Maße vorhanden sind oder wo sie da find, schlecht oder gar nicht funktio⸗ nieren, jedenfalls die Wahltechnik nur ganz mangelhaft beherrschen. In einer kurzen Spanne Zeit aber war es gelungen, einen bedeutenden Wahlfonds zu sammeln und eine mustergültige Vertrauensmännerorganisation ins Leben zu rufen. In Hannover und Linden waren nicht weniger als 104 fliegende Wahlbureaus eingerichtet; etwa 1000 nationalgesinnte und opferbereite Männer hatten sich zu⸗ sammengefunden, die fich in nicht hoch genug anzuerkennender Selbstlostgkeit den fliegenden Wahlbureaus als Obmann, Schlepper usw. zur Verfügung stellten. Im Hauptwahlbureau selbst waren etwa 100 Angestellte tätig, um alles bis aufs Kleinste für die Wahlschlacht vorzubereiten. Tag und Nacht wurde gearbeitet, die Beamten des Reichsverbandes waren bis zum Umsinken unermüdlich auf den Beinen, in den letzten Tagen kaum zwei Stunden Schlaf findend!“ Mag hierin auch ein gutes Stück Renommisterei liegen, soviel steht jedoch fest, daß die Bürger⸗ lichen unter Führung des Reichsverbandes un⸗ geheuere Anstrengungen gemacht haben, worauf auch die beträchtliche Steigerung der national⸗ liberalen Stimmenzahl zurückzuführen ist. Für die nächste Reichstagswahl stehen uns jedenfalls die heftigsten Kämpfe bevor und wir müssen daher mit allem Eifer an dem Ausbau unserer Organtsation arbeiten. Die Ersatzwahl in Altena⸗Iserlohn hat den Freisinnigen den Verlust ihres bisher von Lenzmann vertretenen Mandats gebracht, wie die amtlichen, nach verhältnismäßig langer Zeit ermittelten Wahlziffern ergeben. Danach erhielt unser Parteigenosse Haberland 10546, Klocke(Zentrum) 7774, Müller(freis.) 7 686, Haarmann(natl.) 6 552 und der Stöckerianer Rüffer 1637 Stimmen. Es kommt also der Zentrumsmann mit unserm Genossen in Stich⸗ wahl. Diese ist auf den 10. Juli festgesetzt und wird voraussichtlich zur Wahl des Zent⸗ rumsmannes führen, da die bürgerlichen Par⸗ teien uns hier als eine reaktionäre Masse gegen- überstehen; die Nationalliberalen haben ihre Leute bereits aufgefordert, für das Zentrum zu stimmen. Die Freisinnigen werden zum größten Teile jämmerlich genug sein, das Gleiche zu tun, womit die Wahl des Zentrums⸗ kandidaten entschieden ist.— Gegen die Wahl von 1903 stieg unsere Stimmenzahl um etwa 400; das ist zwar nicht viel, doch es kommt in Betracht, daß der Kreis vorwiegend kleinere Orte umfaßt und große Industriezentren nicht vorhanden sind.— Die Stöckerleute brachten trotz riestiger Agitation wieder nur eine ber⸗ schwindende Stimmenzahl auf. Die abgehauene Hand vor Gericht. In Breslau wurde am Freitag die Klage verhandelt, die der von einem Schutzmann ver⸗ stümmelte Arbeiter Biewald gegen die Stadt⸗ gemeinde Breslau angestrengt hat. Vertreter Btiewalds ist Justizrat Mamroth, welcher auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches von der Stadt eine einmalige an Biewald zu zahlende Entschädtigung von 5168 Mk. und eine lebens⸗ längliche Rente von vierteljährlich 219 Mk. bis Juni 1911 und von da ab 307 Mk. verlangt. Der Vertreter des Breslauer Magistrats, Justtiz⸗ rat Friedenthal erklärte, daß es dem Magistrat fern liege, dem Unglücklichen den ihm zustehenden gesetzlichen Entschädlgungsanspruch zu bestreiten. Es seien aber die Tatsachen noch nicht einwandfrei festgestellt() und noch nicht einmal der Schutzmann ermittelt, der Biewald die Hand abgehauen habe. Deshalb beantragte der Magistratsvertreter in erster Linie Aussetzung des Verfahrens bis Abschluß des Aufruhrprozesses und der von Mamroth beantragten Untersuchung, in zweiter Linie Ver⸗ tagung des Termins, da die erforderliche Klar⸗ heit nur das Strafverfahren bringen könne. Dem schloß sich das Gericht an und vertagte den Termin bis zum 26. September. Ob der arme Teufel etwas erhalten wird? Kleine politische Nachrichten. Ein sozialdemokratischer Bürgermeister⸗ wurde am Samstag in Hagsfeld bei Karlsruhe ge⸗ wählt. Während auf den bisherigen Bürgermelster 109 Stimmen fielen, erhielt der Genosse Wurm 177 Stim⸗ men. Bravo! Antisemitischer Bankrott. Die„Deutsche Wacht“ in Dresden, das antisemitische Hauptorgan in Sachsen, hat am 1. Juli sein Erscheinen eingestellt, weil sich kein Käufer dafür gefunden hat. D Revolution in Nufßfland. Die Sozialksten in der Duma gaben in einer Sitzung Ende voriger Woche eine Er⸗ klärung ab, in der sie der Duma ihre Unter⸗ stützung im Kampfe gegen das Willkürregiment zusagen, die Duma aber nur als erste Etappe auf dem Wege zur konstituierenden Ver⸗ sammlung bezeichnen. Abg. Ramischvili (Sozialdemokrat) verurteilte die von der Regie⸗ rung gegen Versam mlungen der extremen Parteien ergriffenen Maßnahmen und erklärte, sich an das Zentrum und die Rechte wendend:„Die Soztalisten sind zwar nicht zahlreich in der Duma, ste haben aber den Trost, daß sie das wahre russische Volk vertreten, das sie unterstützen wird. Alle Versicherungen, daß Rußland einen neuen Weg zum Fortschritt ohne eine Revolutton beschreiten könnte, sind falsch.“ — Am Montag kam es in der Duma zu einem heftigen Auftritt. Bei der Beratung über das Versammlungsrecht versuchte der Generalstaats⸗ anwalt der Armee, Pawlow, das Wort zu ergreifen. Doch die gesamte Linke erhob sich gegen ihn mit dem Rufe:„Wir wollen die Henker, Räuber und Mörder nicht hören. Sie sollen ihren Ministern sagen, daß ste abdanken sollen.“ Pawlow mußte ab⸗ treten und der Prästdent unterbrach die Sitzung. Die Rebellion im Heere. Daß in der russischen Marine wie auch in der Land⸗ armee eine tiefe und verbreitete Gärung herrscht. und ein großer Teil des Militärs keineswegs gewillt ist, für den Zarismus Henkers dienste zu leisten, beweisen zahlreiche Vorfälle, über die trotz aller Vertuschungsversuche Nachrichten zu uns herüber gelangen. Ende voriger Woche wurde ein Telegramm des Kommandanten von Kronstadt an den Marineminister bekannt, worin ersterer die Lage in Armee und Flotte als überaus bedrohlich bezeichnet. Matrosen. und Soldaten veranstalteten häufige Versamm⸗ lungen, in denen allerlet Forderungen, die mit der Disziplin unvereinbar seien, gestellt würden. Revolten seien zu befürchten; daher sei eine Verstärkung der Truppenteile in Kronstadt durch zuverlässige Elemente notwendig, bis Beruhigung eingetreten sei.— Aus Sebastopol wurde berichtet, daß dort sehr bedenkliche Zu⸗ stände herrschten. Etwa 1000 Soldaten der Garnison und Matrosen der Kriegsmarine wurden wegen Teilnahme an revolutionären Umtrieben verhaftet. Auch die Führer der Sozial⸗ demokraten in Sebastopol wurden ver⸗ haftet und in das Gefängnis eingeliefert. Die Behörden spornen die noch verläßlichen Truppen an, über die Juden und die christliche Intelligenz herzufallen. Die Offiziere versprechen den Sol⸗ daten Straflosigkeit für alle Gewalttaten gegen Juden und gegen die Intelligenz, wie schlimm ste immer sein werden. Sämtliche Geschütze sind von den Kriegsschiffen im Hafen von Se⸗ bastopol entfernt worden, damit sie nicht von den meuternden Matrosen gegen die Stadt be⸗ 5 al. gte der ter ge⸗ 09 im⸗ sche an lt, en r⸗ er t pe . le⸗ en in ie er 9 le Nr. 27. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. — P ˙ꝛAm ö— Seite 3. nutzt werden können.— Ueber die Stimmung im Heere bemerkte die konservative„Nowoje Wremja“, die stets eifrig die Interessen der Armee vertreten hat, in einem ihrer Leitartikel: „Ein höherer Militär sagt uns, daß wir in ein oder zwei Monaten die Revolution unserer Armee erleben werden. Das ist bei der immer weiter um sich greifenden Gärung in der Armee kein Wunder, denn nur ein Schwachsinniger kann in Abrede stellen, daß in unserer Armee etwas vor sich geht. Ganz Rußland ist revolutionär, warum sollte es nicht die Armee sein, die aus dem russischen Volk gebildet wird. Auch das Offizierkorps ist teilweise revolutionär.“ Nikolaus hat Angst. In Peterhof herrscht, wie Eingeweihte versichern, vollständige Panik. Die Revolte im Preobraschenski⸗Garde⸗ regiment hat den Zaren, als er davon erfuhr, in einen Zustand maßloser Erregung ver⸗ setzt, so daß er einen Ohnmachtsanfall erlitt, aus dem er erst nach langer Zeit wieder erwachte. Sodann durchschüttelte ihn ein Wein⸗ krampf. Die Furcht vor einem Anschlag gegen sein Leben beherrscht sein ganzes Tun und Denken. General Trepow mußte auf Befehl des Zaren die Wachen um das kaiserliche Schloß verdoppeln, doch werden nur ganz zuberlässige Leute zum Wachdienst herangezogen. Rosa Luxemburg ist gegen eine Kaution von 3000 Rubeln auf freien Fuß gesetzt worden. Sie befand stch fast 4 Monate in Untersuchungs⸗ haft. Das Gericht hat die Erhebung einer An⸗ klage abgelehnt, weil keinerlei belastendes Ma⸗ terial gegen die Genossin Luxemburg vorlag. Die Entlassung verzögerte sich um einige Tage, weil die Polizeibehörde den Nachweis ihrer preußischen Staatsangehörigkeit forderte. Ohne eine solche wäre jedenfalls das sogenannte ad⸗ ministrative Verfahren eingeleitet worden. Die L. hat im Gefängnis schwer leiden müssen. Marie Spiridonowa, die von den Zarenschergen fürchterlich mißhandelte und in bestialischer Weise zugerichtete revolutionäre Heldin befindet sich, wie berichtet wird, in einem bejammernswerten Zustande. Ihre Krankheit 99 sich verschlimmert und die Kranke fühlt starken Kräfteverfall und Appetitmangel. Kopf⸗ schmerzen quälen besonders des Nachts das unglückliche Mädchen in heftigster Weise.— Ein Opfer der blutigen Zarenwirtschaft! Wertzuwachssteuer. III. Wie hoch sind nun die Sätze der Wertzu⸗ wachssteuer zu bestimmen? Die englischen Better⸗ mentklauseln nehmen die Hälfte des Wertzuwachses für die Gemeinschaft in Anspruch. Das wäre das Minimum, das auch hier zu fordern wäre. Außerdem hätten bestimmte Zuschläge zur Er⸗ hebung zu kommen, falls der Wertzuwachs einen gegebenen Prozentsatz des früheren Er⸗ werbspreises überschreitet. Mit diesen Zuschlägen wäre also ein weiterer Teil des Werlzuwachses abzufangen. Bei der Feststellung dieser Zu⸗ schläge brauchte man nicht ängstlich zu sein. Denn in den Fällen, in denen der Wertzuwachs ein Vielfaches des ursprünglichen Erwerbspreises beträgt, ist das Anwachsen entweder eine Folge davon, daß das Grundstück viele Jahre lang in der gleichen starken Hand gelegen hat, die dann auch den Ertrag in gesteigerten Mieten ebenso lange genossen hat, oder es ist durch Revo⸗ lutionterungen der Anbauverhältnisse, Straßen⸗ durchbrüche, Bahnhofsanlagen usw. veranlaßt, durch die die Tätigkeit der Gemeinde bezw. des Staates besonders wertschaffend geworden ist. 5 Selbstverständlich hat ja keine Umsatzsteuer⸗ ordnung(Fraukfurt a. M., Köln) so hohe Steuersätze aufgenommen. Die Frankfurter Währschaftsgeldordnung erhebt als Maximum 20 Prozent des Zuwachses, wozu dann ferner die Maximalumsatzsteuerzuschläge von 2 Prozent bei bebauten und 6 Prozent bei unbebauten Grundstücken, die letzteren vom Verkaufspreise berechnet, hinzukommen. Nach der Frankfurter Steuer⸗ Ordnung bleiben die bebauten Grund⸗ stücke von der Wertzuwachssteuer befreit, wenn Bodenspekulation, U ein Etgentumswechsel weniger als fünf Jahre bei bebauten Grundstücken und weniger als zehn Jahre bei unbebauten Grundstücken zurück⸗ ltegt, sonst werden Zuschläge proportional der Wertsteigerung erhoben. Sie betragen 5 Prozent der Wertsteigerung, wenn sich dieselbe auf 30—49 Prozent des früheren Erwerbspreises, zehn Prozent, wenn sie sich auf 50—74 Prozent und zwanzig Prozent, wenn ste sich auf 75 Prozent und mehr beläuft. Hier ist also und zwar durchaus unberech⸗ tigterweise das Moment der Zeit hineingebracht worden. Noch stärker ist das zum Beispiel in dem Berliner Wertzuwachssteuerentwurf der Fall. Danach werden die vollen Steuersätze, die mit den Prozenten seit des Wertzuwachses ansteigen, nur dann erhoben, wenn der seit dem letzten Eigentumswechsel verflossene Zeitraum weniger als fünf Jahre beträgt. Beträgt er über fünf und höchstens zehn Jahre, so werden zwei Drittel, beträgt er mehr als zehn Jahre, so wird nur ein Drittel der alten Sätze erhoben. Diese Berücksichtigung der Zeit, die seit dem letzten Eigentumswechsel abgelaufen, ist aus dem Gedanken entstanden, die Mobilisterung des Bodens einzuschränken und dadurch die der man die Hauptschuld an dem Steigen der Bodenpreise bemißt, ein⸗ zudämmen. Aber wie solche Bestimmungen der Steuerordnung ein ganz untaugliches Mittel zu dem angestrebten Zwecke sind, ist die Mobi⸗ listerung des Bodens eige wirtschaftliche Not⸗ wendigkeit unserer Produktionsordnung, die zu behindern die Sozialdemokratie auch nicht das geringste Interesse hat. Können wir der Wert⸗ zuwachssteuer diese Aufgabe nicht zuschreiben, so läßt sich für die Einführung des Momentes der Zeit, nach deren Ablauf die Wertsteigerung wiederum offenbar geworden ist, kein Grund anführen. Sie würde übrigens noch eine Prämi⸗ terung der starken Hand bedeuten, die kapital⸗ kräftig genug ist, ihre Grundstücke zu halten und wirtschaftlich auszunützen. Auch vor der Ueberschätzung des sozial⸗ politischen Wertes der Wertzuwachssteuer muß man sich hüten. Die Städteverwaltungen verfolgen mit ihr ausschließlich fiskalische Zwecke, wenn man ihr auch gern das sozialpolttische Mäntelchen umhängt. Deshalb werden die Sätze auch so niedrig gegriffen, daß sie der großen Spekulation nicht hinderlich sind. Erst dann könnten die Sätze eine wirklich einschneidende Wirkung auf den Grundstücksmarkt ausüben, wenn sie prohibitiv hoch wären. Eine derartige Fixierung ließe sich aber nur rechtfertigen, wenn die Erträge der Steuer von den Gemeinden zu einer konstruktiven, von sozialpolitischen Grund⸗ sätzen geleiteten Grund⸗ und Boden und Bau⸗ politik verwendet würden. Denn nichts wäre unsinniger, als wirtschaftliche Faktoren auszu⸗ schalten, ohne Ersatz für ste zu besorgen. Pon Nah und Lern. Hessisches. Zu dem„Fall Korell“. Zu der Maßregelung des freisinnigen Pastors und Reichstagskandidaten Korell aus König⸗ stedten durch das hessische Oberkonsistorium, die noch immer lebhaft die Oeffentlichkeit beschäftigt, schreibt uns ein Genosse: Den ganzen Reichtum seiner geschichtlichen und philosophischen Bildung beweist das Gießener Amtsblatt wieder einmal im Fall Korell. Daß ein ernst sozial empfindender Mann sich nicht für den Mischmaschkandidaten aller reaktionären Parteien entscheiden kann, selbst dann nicht, wenn er dadurch in die Verlegenheit kommt, überhaupt nicht mehr mit wählen zu können, das sind seelische Feinheiten, die weit über den Horizont dieses biederen Spießbürgerblattes hinausliegen. Seine Weisheit ist die: Erst müssen sich alle Bürgerlichen, also Konservative, Ultramontane, Agrarier, Antisemiten, National⸗ liberale und die Hand voll Freisinnige zusam⸗ menschließen und die böse Sozialdemokratie an die Wand drücken. Dann hernach wird das also geeinte Bürgertum die„berechtigten“ Wünsche der Arbeiterschaft erfüllen. Liebes Amtsblatt! Das hast du dir ja sehr, wirklich sehr klug ausgedacht. Unser liebens⸗ würdiger Reichskanzler in höchst eigener Person könnte es nicht viel besser machen. Nur in ein paar Kleinigkeiten stimmt leider das Rezept nicht so ganz. Wir erlauben uns deshalb aus unserer Hausapotheke noch ein paar Tropfen hinzuzufügen, die freilich ein bischen bitter schmecken mögen, für eine etwas verweichlickte Philisterzunge wenigstens, die aber von durch⸗ schlagender Heilkraft sind. Der erste Tropfen ist der: Etwas mehr Respekt vor der menschlichen Persön⸗ lichkeit, die im Arbeiterkittel steckt und die am Ende soviel Menschenrechte wie der Bauer und der Handwerker, wie Bierpatrioten und Judenfresser, auch noch wird beanspruchen können. Weshalb soll diese ganze Sippschaft, unter der doch wahrlich auch das blödeste Auge recht zweifelhafte Gesellschafter erkennen muß, ihr Schicksal selbst bestimmen, und nur der Arbeiter soll die Erfüllung seiner„berechtigten“ Wünsche als Almosen von Bürgertums Gnaden erwarten? Der zweite Tropfen ist der: Aufklärung über das, was„berechtigte“ Wünsche der Arbeiterschaft sind. Das kluge Amtsblatt wird sich selbst nicht verhehlen, daß in dem köstlichen Parteiengebräu, dem es die Zukunft des deutschen Volkes anvertrauen will, die Meinungen über dies„berechtigt“ etwas gar weit auseinandergehen. Da das Amtsblatt nun doch wohl auf den Titel„liberal“ nicht gern verzichten wird, andererseits aber wohl auch zugeben muß, daß im lieblichen Gewebe der genannten Parteien der„antiliberale“ ur⸗ reaktionäre Einschlag(Zentrum! Agrarier! Nationalliberale à la Heyl!) numerisch bei weitem überwiegt, so wird es daraus als seine Hauptaufgabe folgern müssen, innerhalb dieser Kreise erst einmal das aller notwendigste Ver⸗ ständnis für„berechtigte“ Forderungen der Arbeiterschaft zu wecken. Der dritte Tropfen ist eine kurze Erinne⸗ rung. Das Amtsblatt selbst pflegt sich ja vor nichts mehr zu fürchten, als vor„zu weit⸗ gehendem“ Idealismus. Da wird es uns Dank wissen, wenn wir es selbst vor dieser Gefahr durch die Vorlegung einiger Gewissensfragen zu behüten suchen. 1. Wo war das Bürgertum, der„christliche“ Staat und die„christliche“ Kirche als die An⸗ fänge des Industrialismus die Arbeiterschaft schutz⸗ und wehrlos der grenzenlosen Ausbeutung preisgaben? 2. Was hätten wir an„sozialer“ Gesetz⸗ gebung, deren wir uns jetzt so„christlich“ be⸗ scheiden bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit rühmen, wenn nicht die Angst vor der„bösen“ Sozialdemokratie das„gute“ Ge⸗ i Spießbürgers ein wenig aufgerüttelt ätte 0 3. Wo war das Bürgertum, als beim Zoll⸗ tarif, bet dieser Lebensfrage unseres Volkes im wahrsten Sinne des Wortes, verlangt wurde, daß das Volk in einer Neuwahl Stellung dazu nehmen müsse, daß man eine so wichtige Sache nicht vor Toresschluß des alten Reichstags über's Knie brechen dürfe? 4. Wo war das Bürgertum, als die„christ⸗ liche“ Arbeiterschaft in Frankfurt a. M. die berechtigten Mindestforderungen eines deutschen Arbeiters formulierte und dann mit einem liebenswürdigen Lächeln und ein paar nichtssagenden Redensarten vom Reichskanzler heimgeschickt wurde? 5. Wo war das Bürgertum, als die Re⸗ gierung ihre Versprechungen beim Bergarbeiter⸗ streik— aber genug! Wir haben nicht Raum genug, um alles aufzuzählen, was wir gegen die engherzige und kurzsichtige Philisterei unserer Zeit alles auf dem Herzen haben. Die paar Proben werden für jeden nachdenkenden Menschen auch schon durchaus genügen, um ihm unser allergrößtes Mißtrauen gegenüber dem sozialen Mischmasch des anzeigerlichen Parteienkonglomerats begreiflich zu machen. Was aber muß wohl das Urteil des denkenden Arbeiters über den „Fall Korell“ sein? Da ist wohl nur dies eine möglich: Der Fall beweist einmal Seite 4. Mitteldentsche Lonntags⸗Zeitung! wieder gründlich, wie furchtbar nebensächlich dem„christlichen“„patriotischen“ Bürgertum die sozialen Angelegenheiten sind. Wer es wagt, mit diesen einmal wirklich ernst zu machen und eine querdurch antisoziale Verbrüderung bekämpft, der macht sich unmöglich, den deckt selbst seine ehrlich gehißte„nationale“ Fahne nicht, die Kirche weist ihm die Tür wie einem ungezogenen Schulbuben. Unsere Kirche ist eben Staats kirche und hat als solche die Geschäfte des Staates zu besorgen, mag dieser Staat noch so unsozial, noch so reaktionär sein, mag er vom Geiste eines Studt und eines Podbielskt beseelt sein. Hinter dem staatlichen Interesse tritt selbst Religion und Ethik zurück. Die Kirche ist auf jeden Fall ein staatserhal⸗ tendes polttisches Institut. Welcher Arbeiter ist jetzt noch so kurzsichtig, von ihr Verständnis und Schonung seiner„berechtigten“ Forderungen zu erwarten? Wer kann sich jetzt noch irgend welche Illusionen über die Bedeutung einer christlich⸗nationalsozial gestimmten Mittelpartei machen? Nur eine Partei gibt es, die wirk⸗ lich ehrlich und unabhängig die politischen Interessen der Arbeiterschaft vertreten kann und will, und das ist und bleibt Die Sozialdemokratie! Gießener Angelegenheiten. — Ein schmutziger Angriff auf die sozialdemokratischen Gemeindevertreter in Mülhausen im Elsaß ging vor einigen Tagen durch die sogenannte Ordnungspresse und na⸗ türlich ließ sich das Gießener Amtsblatt den Brocken auch nicht entgehen, wie es ja jede gegen die Sozialdemokratie gerichtete Verleum⸗ dung gierig aufschnappt. Nach jener Notiz hätten eine ganze Reihe der Mülhauser Gemeinde⸗ räte alle möglichen Sünden auf dem Kerbholz. Zwei hätten bereits im Gefängnis gesessen— weshalb verrät der„Anz.“ nicht— ein dritter sei mit der Gewerkschaftskasse durchgebrannt, ein vierter habe eine Skandal⸗Affaire in einem „übelberüchtigten Hause“ gehabt, der Führer Emmel habe seinen eigenen Schwager beim Verkauf eines Geschäftes übervorteilt und ge⸗ schädigt und so weiter! Es ist überflüssig, diese Lügen zu widerlegen; jeder Mensch weiß, daß die sozialdemokratische Partei jeden ausschließt, der sich solche Dinge zu schulden kommen läßt, wie sie den Mülhauser Gemeinderäten nachge⸗ sagt werden. Diese beabstchtigen übrigens, alle Blätter, die jene verlogene Notiz gebracht haben, vor Gericht zu ziehen und dann wird sich ja das weitere finden. Wir wollen heute nur daran erinnern, daß vor etwa einem Jahre die „Kölnische Zeitung“ die Tätigkeit des in seiner Mehrheit sozialdemokratischen Mühlhauser Ge⸗ meinderats lobend anerkannte und diesem selbst ein sehr gutes Zeugnis ausstellte. Und tat⸗ sächlich hat er mit der früher dort herrschenden bürgerlichen Interessen⸗Wirtschaft gründlich auf⸗ geräumt.— Ehe der Anzeiger sozialdemokratische Gemeindevertreter verdächtigt und beschimpft, sollte er sich in bürgerlichen Kreisen umsehen. Wir sind in der Lage, aus dem letzten Jahre Dutzende von Fällen vorführen zu können, in denen ordnungsparteiliche Gemeindevertreter oder Beamte ihr Amt und Stellung in schänd⸗ lichster Weise zur Erreichung ihrer persönlichen, finanziellen Vorteile mißbrauchten. Daß ord⸗ nungsparteiliche Stadtväter ihre Kenntnis der Baufluchtlinien benutzten, um in Grundstücks⸗ spekulattonen zu machen, dafür könnte das Amtsblatt Beispiele in allernächster Nähe finden. Und jetzt eben beschäftigte ein Gemeindeskandal das Hamburger Schwurgericht, das den Bureauassistenten Rundt wegen Berrugs, Ur⸗ kundenfälschung und Amtsverbrechens zu fünf Jahren Zuchthaus, den Baumaterialienhändler Burmester wegen Beihilfe zu drei, und den Geschäftsführer Küchenmeister zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilte. Als aber unsere Genossen im Hamburger Stadtparlamente den Schmutz aufdeckten, entrüstete sich das Spieger⸗ tum ganz gewaltig! Womöglich noch größer bar der Skandal, den unsere Genossen Ende vorigen Jahres in der Geestemündener Gemeindeverwaltung aufdeckten und in dem so⸗ gar ein Bürgervorsteher verwickelt war. So können wir, wie gesagt, mit noch Dutzenden von Fällen dem Amtsblatt das Verleumder⸗ maul stopfen. — Teueres Geschenk. In der letzten Stadtverordneten⸗Sitzung wurde davon Mit⸗ teilung gemacht(in der geheimen Sitzung), daß Herr Kommerzienrat Gail der Stadt das am Kanzleiberg hinter dem alten Schloß ge⸗ legene Gebäude, Wirtschaft zur„Bavaria“ ge⸗ schenkt hat. Das Gebäude soll abgerissen und dafür ein Nebengebäude zum alten Schloß er⸗ richtet werden. Die Sache kann also der Stadt noch einen netten Pfennig Geld kosten; es wäre für sie vielleicht ein besseres Geschäft gewesen, wenn ste die Annahme des Geschenkes abge⸗ lehnt hätte. Die Freigebigkeit des Herrn Gail ist gewiß hoch anzuerkennen; seine Arbeiter würden sich aber sehr freuen, wenn er ihnen gegenüber eine ebenso offene Hand hätte. Die müssen aber um ein paar lumpige Pfennige streiken! — Für das Lahntal⸗Sängerfest sind auf Oswaldsgarten umfangreiche Baulich⸗ keiten errichtet worden, die natürlich schweres Geld kosten. Diese bedeutenden Kosten müssen selbstverständlich die Festbesucher aufbringen, direkt durch die Eintrittsgelder und indirekt durch Konsum der Speisen und Getränke. Diese werden deshalb nicht billig sein, wie denn auch sehr hohe Eintrittsgelder gefordert werden. Weniger Bemittelten, besonders Familienvätern, dürfte daher der Besuch des Festes finanziell unmöglich sein. Welcher Arbeiter dies aber doch ermöglichen könnte, er wird, wenn er nur einigermaßen Verständnis für die Bestrebungen der Arbeiterklasse hat, diese m Feste feru⸗ bleiben, angesichts des Verhaltens des Fest⸗ ausschusses, der unsern Arbeitergesangverein „Eintracht“, wegen seiner roten Fahne vom Festzuge ausschloß, obwohl die Mitglieder der „Eintracht“/ Jahr lang mit in den Aus⸗ schüssen gearbeitet hatten! In voriger Nr. ist darüber das Nötige gesagt worden. Man will die Arbeiter dort nicht haben, deshalb bleibt weg und laßt die„Herren“ das Fest feiern! — Gegen das Urteil der Gießener Strafkammer, das Genossen Vetters 2 Monate aufdiktterte, ist natürlich Revision eingelegt worden.— Die humoristische Notiz, wegen der B. verurteilt ist, haben etwa 15—20 Zeitungen gebracht, darunter sogar preußische Amtsblätter! Daß das Reichsgericht sich der Auffassung des Gießener Gerichts anschließen sollte, und in der harmlosen Notiz ebenfalls Majestätsbeleidigung und Verbreitung unzüchtiger Schriften findet, ist kaum denkbar.— Der„Gieß. Anz.“ brachte die Mitteilung über die Verurteilung in einer Form, die den Angeklagten als Sittlichkeits⸗ verbrecher 5 ließ. Ob das Blatt dem Genossen Vetters damit eins versetzen wollte? t. Die Handels⸗Transport⸗ und Verkehrsarbeiter hielten am Dienstag im Wiener Hof eine gut besuchte Versamm⸗ lung ab, in welcher Gauleiter Habicht über die Lohnbewegungen der letzten Monate refe⸗ rierte. Redner schilderte zunächst, daß die Arbeiterbewegung eine fortgesetzte Reihe von Kämpfen darstelle, diese werden auch nicht auf⸗ hören, denn die Verteuerung der Lebenshaltung und Vermehrung der Ansprüche, die heute an den Arbeiter gestellt werden, zwingt ihn, auf Erhöhung seines kümmerlichen Einkommens be⸗ dacht zu sein und Forderungen zu stellen. Die heutige Zeit der Tarifabschlüsse sei erst der An⸗ fang einer Regelung der Lohn⸗ und Arbeits⸗ verhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeiter. Wir müssen nach Einheits⸗Anfangslöhnen mit örtlich feed Zuschlägen im ganzen Reich trachten. Ein solcher Tartf sei kürzlich zwischen unserm Verband und dem Verband deutscher Konsumvereine(in Stettin) abgeschlossen werden. Er führte weiter eine Reihe von Lohnbewegungen an, die alle mit einem mehr oder weniger großen Erfolg der Arbeiter geendigt hätten und geht zuletzt auf den Streik der Fuhrleute in Mainz ein, der mit einem glänzenden Erfolg der Arbeiter nach 5 Tagen beendigt wurde. Hierbei erwähnte Redner auch, wie die bürger⸗ liche Presse darüber in unverantwortlicher Weise gelogen habe; unter diesen Lügen⸗ blättern sei auch der hiesige Anzeiger zu finden gewesen, der bis heute noch keine Berichtigung, wie anständige Blätter es getan, gebracht habe. Redner konstatiert, daß die Polizei ihre Ver⸗ wundungen und der Wirt, dem das Trommelfell zerhauen sein sollte, erst am nächsten Morgen aus den Zeitungen erfahren haben. Auch sei kein Pferd von Streikenden verletzt worden, sondern der eine Gaul habe dem andern mit dem Hinterfuß etwas geschunden. Redner habe das Pferd selbst besichtigt. Mit der Aufforderung, unserem Verbande beizutreten, der auch einige Kollegen folgten, schloß er seine beifällig auf⸗ genommenen Ausführungen. — Eine öffentl. Schneiderver⸗ sammlung findet nächsten Donnerstag, den 12. Juli im Lokale Orbig statt. Als Referent wird Koll. Wicke r⸗Leipzig erscheinen und über „die Arbeiterklasse im Kampfe um ihr Recht“ sprechen. Alle Schneider wollen sich in der Ver⸗ sammlung einfinden. Aus dem Rreise gießen. — In Wleseck feiert der Gesangverein„Sänger⸗ kranz“ am nächsten Sonntag sein Stiftungsfest auf dem im Garten des„Gambrinus“ errichteten Festplatze. Der Verein hat sich recht gut entwickelt; er ist Mitglied des Arbeiter⸗Sängerbundes und darf wohl einen recht zahlreichen Besuch erwarten. Die befreundeten Vereine der Umgebung haben denn auch ihr Erscheinen zugesagt. Gutes Wetter vorausgesetzt, wird es ein echtes und rechtes Arbeiterfest werden.— Vom Festkomit ee werden wir noch um Veröffentlichung des Folgenden ersucht: Die eingeladenen hiesigen Vereine und Freunde werden gebeten, sich ihre Dauerkarten und Beikarten schon im Voraus zu besorgen. Damit Irrtümer nicht aufkommen, sei besonders darauf hingewiesen, daß, wer keine Dauer⸗ resp. Beikarte besitzt, sowohl Samstag, wie auch Sonntag 20 Pfg. Eintrittsgeld(pro Person) zu entrichten hat.(Siehe Inserat Seite 7.) — Erfolg der frommen Sänger. verregneten Lollarer Sängerfeste am Sonntag vor 8 Tagen errang der Gesangverein„Sängerlust“ aus Dieburg(Kreis Offenbach) den 1. Preis in der Abtei⸗ lung A. Diesem Ereignis widmet das in dem frommen katholischen Dieburg erscheinende Zentrumsblatt, die „Starkenburger Provinztalzeitung“ einen begeisterten Artikel, in dem den Leistungen des genannten Gesang⸗ vereins und seiner Frömmigkeit hohes Lob bespendet werden. Zum Schluß heißt etz: „Daß der rechte Geist im Gesangverein„Sänger⸗ lust“ herrscht, beweist die lobend zu erwähnende Tatsache, daß die Mitglieder des Vereins schon vor der Abreise nach Lollar morgens ½5 Uhr in einer besonders bestellten heiligen Messe in der Kapuzinerkirche ihrer kirchlichen Pflicht genügten. Das ist der Geist des Pflichtbewußtseins, der Gott gibt, was Gottes, dem Kaiser, was des Kaisers und dem Vereine, was des Vereines ist. Das ist der Geist, der auch in welt⸗ lichen Dingen den Erfolg sichert. Möge der Gesangverein„Sängerlust“ sich dieses guten Geistes stets bewußt bleiben, dann wird dem Vereine auch fernerhin der Erfolg treu bleiben.“ Also die Messe hat den Dieburgern zum ersten Preis verholfen, der hoffentlich eine Messe wert ist. Unter diesen Umständen konnten natürlich die andern Vereine nicht gegen die frommen Dieburger aufkommen und es dürfte sich für jene empfehlen, ebenfalls eine Messe lesen zu lassen, wenn sie wieder mal zum Sängerkriege ausziehen und mit den Dieburgern in Konkurrenz treten. p. In Heuchelheim beabsichtigt der Verband der Tabakarbeiter am 29. Juli sein erstes Stiftungs⸗ fest abzuhalten, an dem sich auch die Kollegen der Um⸗ gebung beteiligen sollen. Alles Nähere wird später durch Einladungen und Plakate bekannt gemacht. — Heinzerling vor Gericht. Am Sams⸗ tag sollte der Prozeß gegen den Sparkassenrechner Heinzer⸗ ling aus Butz bach vor der Gießener Strafkammer verhandelt werden. Man kam aber damit nicht zu Ende. Während seiner Vernehmung behauptete nämlich der Angeklagte, die Unterschlagungsfälle lägen sämtlich vor 1900. Früher hatte er zugegeben, von 1898 bis 1906 fortgesetzt Gelder aus der Kasse für sich verwendet zu haben. Wäre seine jetzige Behauptung zutreffend, so wären seine Straftaten verjährt. Das Gericht be⸗ schloß auf Antrag des Staatsanwalts Vertagung auf unbestimmte Zeit, weil noch weitere Zeugen geladen werden sollen.— Verteidiger des Angeklagten ist der 5 frühere Landgerichtsrat, Rechtsanwalt Müller. Aus dem Rreise Wetzlar. * Folgen der Zollpolitik. Wie das deutsche Volk durch den agrarischen Zollwucher ausgebeutet wird, beweist eine Zeitungs notiz, die auch der„Wetzl. Anzeiger“ abdruckte und in der mitgeteilt wird: Nr. 27. Auf dem f N schaft in üblicher Weise geehrt. Dißmann⸗Frankfurt einen mit großem Beifall auf⸗ 4 1 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. „Zu einer eigenartigen Selbsthilfe sind die Einwohner von Metz infolge der Fleischnot gelangt. Jeden Sonntag fahren Dutzende von Familien auf Sonntagskarten nach den französischen Stationen Novéant und Aman⸗ weiler, um dort ihre Fleischeinkäufe für die ganze Woche zu machen. Da die Fleischpreise jenseits der französischen Grenge durchschnittlich um ein Drittel billiger sind, als in Deutschland, und jede Person, selbst Kinder, vier Pfund Fleischwaren zollfrei einführen darf, so kommt die Sonntagskarte von 50 und 55 Pfg. ohne Mühe heraus. Die französischen Schlächter, die durch keine Sonntagsruhe behindert werden, haben an der Grenze eigene Verkaufsbuden zu diesem Sonntagsverkehr errichtet.“ Also um ein volles Drittel find die Fleisch⸗ preise jenseits der Grenze niedriger! Damit wird wieder bestätigt, was von der Sozialdemokratie und den Gegnern der Zölle, überhaupt von sedem einsichtigen Menschen als notwendige Wirkung der Zollpolitik vorausgesehen und ⸗gesagt worden ist. Dagegen hat die Amtsblatt⸗ presse mit der agrarischen stets dem Volke weiß zu machen versucht, daß die Zölle die Preisbildung der Lebensmittel wenig oder gar nicht beeinflußten. Der „Wetzlarer Anzeiger“ hat das ebenfalls wer weiß wie oft getan, hat also, wie er selber bestätigt, die Un⸗ wahrhelt gesagt. Ob bewußt, wollen wir dahin⸗ gestellt sein lassen; hier zeigt sich aber wieder die Richtig⸗ keit dessen, was ein Amtsblatt⸗Redakteur sagte:„Was in einem Amtsblatt steht, hat nichts zu bedeuten.“ Doch manchmal wird auch im Gedränge etwas Zu⸗ treffendes ausgeschnitten, was nicht in die Kreisblat!spresse paßt, wie Obiges von dem billigen französischen Fleisch. 5 Ueber den Verkauf der Bergwerke und Grubenfelder, die sich im Besitze der Fürsten Solms⸗Braunfels befinden, wurde diese Woche noch vor dem Frankfurter Oberlandesgericht als Vormundschafts⸗ gericht verhandelt und wie berichtet wird, erteilte der Vormund des minderjährigen Fürsten der Firma Krupp in Essen den Zuschlag, die 6 Millionen Mark dafür geboten hatte. Die Buderus'schen Eisenwerke hatten als Höchstgebot 5 750 000 Mk. abgegeben.— Sechs Millionen Mark heimst also das Fürstenhaus ein, wenn der Ver⸗ kauf zu Stande kommt, woran kaum zu zweifeln ist. Mit welchem vernünftigen Rechte nehmen einzelne Kapi⸗ talisten und Feudalherren die Schätze der Erde für sich in Anspruch? Sie gehören von rechtswegen allen Men⸗ schen! Den Wert, der durch die ungeheuere Summe von 6 Millionen Mark repräsentiert wird, haben die armen Bergarbeiter zum größten Teil geschaffen. Sie haben sich geplagt und dabei gehungert— das Fürstlein hat die Millionen! h. Wieder wird das Brot teurer! Vom 1. Juli ab hat die Wetzlarer Bäckerinnung die Brot⸗ preise abermals in die Höhe geschraubt und zwar bis zu 5 Pfg. den Laib. So steigen die notwendigsten Lebensmittel fortgesezt im Preise und für den Arbeiter wird die Existenz immer schwieriger. Fordert er aber ein paar Pfennige mehr Lohn, da gibts einen Höllen⸗ spektakel, die Ordnungspresse schreit über Begehrlichkeit und„unberechtigte Ansprüche“ und Polizei und Behörden helfen mit dazu, daß der Geldsack siegt und die Arbeiter nichts erreichen. k. Die Parteiversammlung in Gleiberg am Sonntag nahm zunächst ein Referat des Genossen Dittmann⸗ Frankfurt über die heutigen politischen Zustände entgegen und stimmte den Ausführungen bei⸗ fällig zu. Hierauf wurde eine Kommission gewählt mit der Aufgabe, einen Reichstagskandidaten für den Kreis in Vorschlag zu bringen. Als Delegierter zum Parteitag wurde Genosse Fauth, als Ersatzmann Fuhrmann bestimmt. Tabakarbeiterversammlungen wurden am Mittwoch in Atzbach und am Dienstag in Vetz⸗ berg abgehalten. Im ersteren Orte waren etwa 80 Personen erschienen, die den Ausführungen des Kollegen Franz Schnell, der über„Die Zigarrenindustrie und deren Arbeiter“ sprach, mit größter Aufmerksamkeit folgten und ihnen lebhaften Beifall zollten. Etwa 20 traten dem Verbande bei. Auch in Vetzberg war der Erfolg ein recht befriedigender. V. Verurteilter Ordnungsheld. Vom Limburger Schwurgericht wurde am Donnerstag der frühere Bürgermeister Deuster aus Rodenroth wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung im Amte unter Anrechnung einer schon früher wegen Amtsverbrechen zuerkannten Gefängnisstrafe zu insgesamt zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Schade, daß solche scharfe Kämpfer für die heilige„Ordnung“ sehr bald außer Gefecht gesetzt werden! Aus dem Rreise Marburg⸗Nicchhain. g. Wahlverein. In der am vergangenen Samstag stattgefundenen Wahlvereinsversammlung wurde zunächst das Andenken des verstorbenen Genossen Eugen Pitt⸗ Sodann hielt Genosse genommenen Vortrag über unsere gegenwärtige Situation und den Ausbau der politischen Organisation. Die Diskussson über den Vortrag war eine recht lebhafte und endete mit der Annahme folgenden Antrages:„Die heutige Versammlung beauftragt den Vorstand des Wahl⸗ vereins, sich mit den Gewerkschaftsvorständen in Ver⸗ bindung zu setzen, um den heute gemachten Vorschlägen in der Praxis Geltung zu verschaffen.“ In den Wahl⸗ verein aufgenommen wurden vier Mitglieder.— Aus⸗ geschlossen(wegen Streikbruch) wurde der Bauhülfsarbeiter L. Nickel.— Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten wurde mit der Aufforderung, für die Parteipresse und den Wahlverein recht eifrig zu agitieren die gutbesuchte Versammlung geschlossen, * Lohnbewegungen. Der Streik der Schreiner sowohl als der der Bauhilfsarbeiter dauert unverändert fort. Auf beiden Seiten ist in absehbarer Zeit an Frieden nicht zu denken. Neue Streikbrecher sind nicht hinzugekommen, im Gegenteil haben noch einige, die noch etwas Ehrgefühl im Leibe hatten, die Arbeit ein⸗ gestellt. Bei den Holzarbeitern sind allerdings einige Streikbrecher zu verzeichnen. Als solche tun sich beson⸗ ders einige Mitglieder des evangelischen Arbekter⸗ vereins und der christlichen Baugenossenschaft hervor, ferner auch Mitglieder der rühmlichst bekannten„Turn⸗ gemeinde“, eines Verein, dem eine Anzahl Genossen angehört. Diese wissen hoffentlich nun bald, was sie zu tun haben. Bei den Erdarbeitern sind weniger Streikbrecher vorhanden. Beide Lohnbewegungen stehen für die Arbeiter günstig. 5 * Ein Schwindel- Unternehmer. Bei der Vergebung der Auffüllungsarbeiten im Südviertel waren diese einem Unternehmer aus Spandau als dem Billigsten bei der Submission zugeschlagen worden. Nachdem er einen Teil der Arbeit ausgeführt hatte, steckte er die Sache einfach auf, da er selbst einsah, daß er den über⸗ nommenen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. Leider sind auch wieder die Arbeiter mit bei den Leid⸗ tragenden, sie warten bis heute vergeblich auf ihren sauer verdienten Lohn und find gezwungen, klagbar zu werden. Ob die Stadtverwaltung hieraus etwas ge⸗ lernt hat? g. Eine Sängerfahrt unternimmt der Ge⸗ sangverein„Eintracht“ am Sonntag, den 15. Juli nach Wieseck zu dem dort stattfindenden Fest des Arbeiter⸗ gesangvereins. Für alle, die sich daran beteilgen wollen, liegen Einzeichnungslisten in den Lokalen von Hilberger, Hildemann und Jesberg auf. Abfahrt morgens 9 Uhr vom Hauptbahnhof, 9e pom Südbahnhof. Mittag⸗ essen zum Preise 70 Pfg. bei Gastwirt Löb in Gießen. Ein Steuerdrückeberger. Ein Aufsehen erregender Steuerhinterzieh⸗ ungsprozeß beschäftigte am Donnerstag das Landgericht Dresden. Der Inhaber des bekannten Etablissements Merkel, am Altmarkt, hatte ein steuerpflichtiges Einkommen von 2080 Mk. nach Abzug von 1500 Mk. Jahresschulden angegeben. Nach den Ermittelungen der Steuerbehörde hatte Merkel jedoch nicht wie angegeben 3500 Mk., sondern 22,930 Mk. Jahreseinkommen. Er wurde zu einer Geldstrafe bon 2880 Mk. ver⸗ urteilt.— Ja, Hochschreien können die„Pa⸗ trioten,“ das Bezahlen für das Vaterland 4 ste aber gütigst den„vaterlandslosen esellen.“ Großfeuer in Hamburg. Am Dienstag nachmittag entstand in dem Turme der Michaeliskirche in Hamburg Feuer, wie es heißt, durch Erploston einer Lötlampe, die Handwerker bei einer Reparatur verwen⸗ deten. Der Turm stand nach kurzer Zeit voll⸗ ständig in Flammen und stürzte schon nach Verlauf einer Stunde ein. Durch die brennende Kirche wurden auch die Nachbargebäude in Brand gesteckt und etwa 50 eingeäschert, da⸗ runter ein großes Kaufhaus. Erst abends ge⸗ lang es der Feuerwehr, des riestgen Brandes Herr zu werden. Leider sind auch 3 Menschen in dem Kirchturme verbrannt. * Ein Heiliger. Wegen einer Reihe von Sittlichkeltsverbrechen, begangen an 7 bis 11 Jahre alten Mädchen, verurteilte das Landgericht Neuburg an d. Donau den katholischen Pfarrer Michael Straß er von Fahlenbach zu 1½ Jahren Gefängnis. Dem ge⸗ ständigen Angeklagten waren mildernde Umstände zu⸗ gebilligt worden. Arbeiterbewegung. Lohnkämpfe. Die Zigarrenarbeiter in Hanau haben in der Mehrzahl der dortigen doch wurde auch da die Einstellung der Arbeft vermieden und eine Verständigung angebahnt. — In Berlin wurden am Samstag alle organisierten Glaser ausgesperrt, weil sie nicht in die von den Arbeitgebern verlangte Aufhebung einiger partieller Streiks willigten.— Die Maurer Leipzigs schlossen mit den Unter⸗ nehmern einen neuen Tarif auf zwei Jahre. Sie erhalten nach diesem vom 1. Juli ab 63 Pfg. Stundenlohn, vom 1. März 1907 ab 65 Pfg. Die Lohnzahlung findet am Freitag statt.— Die Dachdecker in Frankfurt sind am Montag in den Streik eingetreten. Sie ver⸗ langten einen Minimalstundenlohn von 58 Pfg. und 5 Pfg. Zulage pro Stunde für diejenigen, welche diesen Lohn schon haben. Die Innung wollte nur 55 Pfg. bewilligen und 3 Pfg. Zu⸗ lage. In der entscheidenden Versammlung stimmten 176 für und 7 gegen den Streik.— Die Buchbinder sowie die Litographen und Steindrucker befinden sich seit Monaten in einem schweren Kampfe. In beiden Berufen sind die organisierten Arbeiter zum größten Teile schon seit längerer Zeit ausgesperrt. Es kommen bei den Buchbindern 3600, bei den Ettographen etw 3800 in Betracht. Die Generalkommisston der Gewerkschaften fordert zur Unterstützung auf.— In Berlin sind 600 Glasergehilfen ausgesperrt. Partei-Uachrichten Ein Parteistreit hat sich über die Frage des Massenstreiks erhoben. Das Organ der lokalen Ge⸗ werkschaften in Berlin, die„Einigkeit“ veröffentlichte— unseres Erachtens recht überflüsstgerweise— Auszüge aus dem Protokoll über eine Sitzung der Partei⸗ und gewerkschaftlichen Funktionäre, in der Bebel Aus⸗ führungen gemacht haben soll, die mit seinem Referate in Jena über den Massenstreik in Widerspruch ständen und darin gipfeln, daß der Massenstreik von der Partei nicht propagiert werden solle. Das erwähnte Proto⸗ koll, das nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt war, wird demnächst doch veröffentlicht werden. Wir werden noch eingehender auf die Frage zurückkommen. Nach unserer Meinung splelt bei dem Streite ein gut Stück Wort⸗ klauberei mit, mit der man Bebels Ausführungen anders zu deuten sucht. Justiz gegen Sozialdemokraten. In Hamburg wurde die Genossin Louise Zietz wegen„Aufreizung zu Gewalttätigkeiten“, die sie in einer Rede über die Hamburger Wahl⸗ rechtsräuberei begangen hoben soll, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Dabei führte das Urteil aus, daß Frau Zietz zwar „nicht zu straf baren Handlungen aufgefordert“ aber doch„zu Gewalttätigkeiten angereizt“ habe! Das versteht blos ein Jurist! Die Marburger Strafkammer verur⸗ teilte den Redakteur Genossen Müller vom „Volksblatt“ in Kassel zu 150 Mk. Geld- strafe, wegen angeblicher Beleidigung des Lehrers Schäfer in Bettenhausen, den er als„Prügel⸗ pädagog“ bezeichnet hatte. Trotzdem nachge⸗ wiesen wurde, daß der Lehrer seine Schulkinder sehr viel geprügelt hatte und trotzdem das Kasseler Landgericht früher auf Freisprechung erkannt hatte— das Reichsgericht hatte die Sache nach Marburg verwiesen— erfolgte Verurteilung! Versammlungskalender. Samstag, den 7. Juli. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Garbenteich. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Kur. Kling elhöfer. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Fr. Stein müller (Zur Wilhelmshöhe). T.⸗O.: 1. Kreiskonferenz. 2. Verschiedenes. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Schupp. Montag, den 9. Juli. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Or big. Dienstag, den 10. Juli. Marburg. Freie Turnerschaft. 9 Uhr Turnstunde bei Hildemann. Marburg. Arbeitergesangverein Eintracht. Abends 9 Uhr Abends Fabriken eine kleine Lohnerhöhung durchgesetzt. Zur Kündigung kam es nur in einer Fabrik, Sonntag, den 8. Jult: Beteiligung am Sänger⸗ feste in Marbach. Seite 6. Mitteldentsche Sonutags⸗ Zeitung. Nr. 27. Sofialdemokratie und Frridentertum, zugleich eine Betrachtung über das Wesen des Letzteren. Von einem Freidenker. (Schluß.) Wie wir vorhin erörtert haben, ist jede Pflanze, jedes Tier und auch der höchstorgani⸗ sierte Sproß des letzteren, der Mensch, nicht fertig, von seinem Ursprung(Befruchtung) bis zur Reife(Geburt) organistert, vielmehr ist jedes Lebewesen gezwungen, die Reihe der verschtedenen Entwickelungsstadien niederster Art zu immer reicher ausgestatteten Formen zu durchlaufen, bis der für das be⸗ treffende Individuum( Einzelwesen) charak⸗ teristische Bau nebst den entsprechenden Lebens⸗ äußerungen vollendet ist. Anders wären ja auch sonst zahlreiche Uebereinstimmungen körper⸗ licher und geistiger Art, die tagtäglich zwischen Mensch und Tier bestehen, nicht zu erklären. Indessen ist es auf dem mir angewiesenen Raum unmöglich, alle bekannten Schlußfolgerungen, die sich aus der Abstammungslehre(Descendenz⸗ lehre) ergeben, auch nur zu streifen. Nur Eines bedarf einer kurzen Darlegung, da es mit dem Freidenkertum in enger Verbindung steht; das ist die Frage nach der Sittlichkeit eines Freidenkers. Nun, zur Beruhigung aller Pfaffen und ängstlichen Gemüter ist die Tat⸗ sache zu berichten, daß das sittliche Verhalten des Freidenkers mindestens so hoch steht, wie dasjenige der Gläubigen; das ergibt sich ja schon aus dem bewußten Willen, frei zu denken, unbekümmert um etwaigen wirtschaft⸗ lichen oder sonstigen Schaden durch die„lieben Mitmenschen“. Dieser Mut ist sicherlich ein Zeichen ü en Vorwärtsstrebens, also schon an und für sich sittlich, denn er entspricht dem unaufhaltsamen Drange nach Wahrheit. Turmhoch steht selbstverständlich das Denken und Fühlen des Freidenkers über dem lügne⸗ rischen Lip pendienst der„frommen“ Heuchler. Und wenn man wirklich eine Formel haben will, nach der man die sittliche Forderung des Freidenkers bemessen könnte— eine solche Formel kann es wegen der ungeheuren Mannigfaltigkeit des Empfindens ja gar nicht geben!— wenn man allgemein einen Maßstab anlegen will, dann darf man so sagen:„Sittlich“ ist für den Freidenker jedes bewußte Streben nach immer höherer Vervollkommnung einzig und allein mit Hilfe seiner Persönlichkeit(in der Ehe, der Kindererziehung, in der Dichtkunst, Mustk, Malerei ꝛc.), niemals aber durch die Gnade irgend eines Gottes oder sonstigen gött⸗ lichen, d. h. außer der Welt existierenden Wesens. Daher ist Goethe der Inbegriff des höchst⸗ entwickelten Freidenkertums, ein hellstrahlendes Licht durch die Finsternis beengender Dogmen, 13 292 sprudelnder Quell wahren Menschen⸗ ums. Aber die Kräfte der Freidenker erlahmen und ihre Freiheitswünsche zerstieben wie Spreu vor dem Winde, wenn die gleichgesinnte Arbeiter⸗ schaft sich nicht den übrigen Freidenkern(Deut⸗ scher Freidenkerbund) angliedert, denn nur Organisation, fester Zusammenschluß, kann uns fördern und stärken in unserem ewigen, weil natürlichen Kampfe gegen reaktionäre Mächte jeder Art. Diese Vereinigung Gleich⸗ gesinnter kann schon um deswillen der sozial⸗ demokratischen Partei nicht schaden, weil ja viele ihrer Anhänger längst eifrige Mitglieder unserer Vereine sind(z. B. die Reichstagsabge⸗ ordneten Hoffmann und Vogtherr). Vor allem aber nützt diese Zugehörigkeit zum Frei⸗ denkertum dadurch der Partei, daß gerade die tiunere(Denk.) Freiheit, den einzelnen Arbeiter fortwährend aufrüttelnd, ihn nun umsomehr und besser befähigt, sein Interesse auch der sozialen Frage intensiver als vorher inner⸗ halb seiner Partei zuzuwenden. Mit anderen Worten: Da innerhalb der sozialistischen Partei kein breites Feld für die Erörterung und Vertiefung freidenkerischen Schaffens dem Arbeiter zur Verfügung steht, andererseits aber der deutsche Freidenker⸗ bund alle wahrhaften Freidenker ohne Unter⸗ schied der Partei aufnimmt, so ist es, angesichts der immer mehr zunehmenden Bedrohung der geistigen und sittlichen Freiheit, unbedingt not⸗ wendig, daß jeder gleichgefsinnte Arbeiter samt seiner Familie dem Bunde beitritt. Denn ohne die eifrige Aufklärung und Mitarbeit der breiten Volksschichten ist der nun 25 Jahre offiziell bestehende Freidenkerbund auf die Dauer nicht lebensfähig. Wer aber durch seinen Beitritt irgend einen Familienzwist oder geschäftlichen Schaden ꝛc. zu befürchten glaubt(in Wahrheit ist ein solcher Nachteil entweder gar nicht vorhanden oder doch nur sehr gering!), der rege in seinem Kreise wenigstens nach Kräften Andere zum Eintritt in unsere Vereinigung an. Er selbst aber abonniere auf die zweimal monatlich erscheinende Nummer der Zeitschrift:„Der Freidenker““) und gewinne auch zahlreiche Andere zum Abonnement, denn Beides stärkt sehr unsere Bewegung. Aber die wichtigste Aufgabe eines Frei⸗ denkers ist es zunächst, schleunigst der Kirche oder sonstigen Glaubensgemeinschaft, der er innerlich ja längst nicht mehr angehört, den Rücken für immer zu kehren, d. h. aus der Kirche auszutreten. Gerade ein Massen⸗ austritt(wie z. B. jüngst in Frankfurt a. M.) würde uns Freidenkern bedeutend den Rücken stärken und unsere Bewegung immer mehr in Fluß bringen. Wir meinen also: „Religion“ als ehrliches Glaubens be⸗ kenntnis soll fernerhin Privatsache jedes ein⸗ zelnen Arbeiters bleiben. Die„Religion“ des Freidenkers dagegen, d. h. das immer höhere Aufwärtsstreben der stttlichen, nach Wahrheit und Schönheit ringenden Persönlichkeit darf niemals nur seine Sache allein sein, so sehr sie auch den Einzelnen angeht. Denn hier bedeutet Zusammen⸗ schluß gerade soviel wie Leben. A. ) Für Mitglieder des Bundes(jährlich 3 Mk. Bundesbeitrag) unentgeltlich, für Nichtmitglieder viertel⸗ jährlich 1 Mk. 10 Pfg. Abonnement bei jedem Post⸗ amt. Probenummern bereitwilligst zu haben bei dem Schriftführer der Freidenker⸗Vereinigung in Gießen, Herrn Siegel. r Eine alte Geschichte. Von K. Neurath. (Schluß.) Wie es im Sommer und im Spätsommer gewesen war, so war es auch im Herbst, nur daß Lene jetzt abends nach dem Spaziergang noch einige Weile bei einer kleinen Küchenlampe saß und sich eifrig bemühte, mit ihren derben Händen die schlanke Nähnadel zu leiten, um sich ja recht fein für das Kirchweihfest zu machen. Und sie war fein! Die Füße stacken in blanken Schnallenschuhen, die ihr der Geliebte aus der Stadt besorgt hatte. Die zierlichen Fesseln und den sanften Schwung der Waden umhüllten weiße Strümpfe, die mit langen bunten Bändern unter dem Knie befestigt waren. Das dunkelblaue Tuchkleid mit dem Sammtlatz und dem buntschillernden Saum bauschte sich weit um den kräftigen Oberkörper. Eine weiße Krause schloß sich schimmernd über Hals und Nacken, auf dem die braune Flechtung des Haares wuchtete. So schön war ste noch nie gewesen. Die Burschen betrachteten sie mit gieriger Bewunderung, die Mädchen mit schalem Neid, die Alten mit behaglichem Wohlgefallen. Am Arme ihres Schatzes kam ste fröhlich daher und flog bald im bunten Wirbel der Tanzenden, bis spät in der Nacht die Spielleute ihre Instrumente in die schwarzen Hüllen steckten und der Wirt allgemach die schwellenden Erd⸗ öllampen löschte. Voll Freude, heiß und müde hing ste am Arm des Geliebten und keins von beiden be⸗ merkte, daß ste abseits ins Feld gingen, über dem die Sterne glitzerten.— 5 Als ste am anderen Morgen erwachte, war ste müde und abgespannt, und es dauerte lange, bis sie sich wieder auf alles besonnen hatte, was ihr seit gestern begegnet war. Wie ein suͤßer, seliger Traum war es über ihr und wohlig reckte ste sich der Sonne entgegen, die ste mit sanften Strahlen umschmeichelte. Dann ging ste rüstig an ihre Arbeit und sehnte sich nach dem Abend, mit dem auch er wieder zu ihr kam. Die Abende kamen und die Abende gingen, und die Wochen wechselten und Lene war fröh⸗ lich und stolz, denn sie fühlte, daß sie Weib geworden war. Auch Herbst und Winter gingen dahin und der Frühling kam mit all seiner Sonne und all seinem Segen. Leue war bis in die tiefe Nacht hinein ge⸗ schäftig gewesen und ob ste auch in dem winter⸗ kalten Dachstübchen gefroren hatte, sie war doch fleißig gewesen und hatte wacker geschnitten und genäht, damit sie nicht mit leeren Händen ihrem Manne ins Haus käme. Er hatte oft gesagt, daß ste nicht mehr so frisch aussähe wie sonst, aber sie hatte geschwiegen von der, Nächte Arbett und vor sich hingelächelt wie ein kleines, schüchternes Mädchen, das wegen seiner Artigkeit gelobt wurde. Da kam der Krieg Preußens mit Oesterreich und den Südstaaten und ihr Jakob mußte mit. Aengstlich hing sie an seinem Hals, als er Abschied nahm, und nur mühsam hielt ste sich aufrecht, als das Häuflein der Beorderten im Walde verschwand. Am Abend war sie Mutter eines Knaben und der Vater schrieb ihr herzliche Briefe. Sie harrte und hoffte in Geduld. Am 16. Juni erfuhr sie, daß ihr Jakob, der Vater ihres Kindes, bei Aschaffenburg ge⸗ fallen sel. Ein Schuß durch die Brust hätte ihn nach kurzem Todeskampf getötet. Kein Laut kam über ihre Lippen, als ste die Totenliste las, aber ste wurde blaß, totenblaß. Schwankend trat sie an den Korb, in dem ihr Kind lag, und strich mit bebender Hand über das lockige Blondköpfchen des schlummernden Knaben. Dann wurde sie ohnmächtig. Tage und Wochen lag sie krank, aber das Leben war stark in ihr und ste rang sich durch und begann den Kampf mit dem Leben von neuem. Allmählich tat sie wieder ihre Arbeit wie früher, aber das Singen und Fröhlichsein hatte ste verlernt. Mit der Zeit wurde sie ja wieder mutiger und lebensfreudiger, doch der Tod des Geliebten hing wie ein grauer Schleier zwischen ihr und der Welt. Freude hatte ste allein an ihrem Kinde, das 155 12 0 froh empor wuchs und sich der Sonne reute. Als er der Schule entwachsen war, gab ste ihn einem Schlosser in die Lehre, wo er fleißig 9255 anstellig war und selten ein rauhes Wort ekam. Sonntags durfte er seine Mutter besuchen und bekam dann jedesmal ein paar Zehrpfennige, wenn sie nicht mit ihm irgend wohin ging. Aber auch dann bekam er ste oft. Während der Woche sah sie ihn selten, und obschon sie ihn entbehrte und ängstlich den Sonntag erwartete, ste sagte ihm nie ein Wort darüber. Sie war stark geworden, und das Leben kam ihr vor wie ein Spiel; wie ein leichtes Spiel, bei dem man alles gewinnen und alles verlieren kann. Als ihr Sohn heerestüchtig wurde und sich zur See meldete, erschauerte sie, redete aber nichts und ließ ihn ziehen, wohin ihn sein Herz trieb. Sie hatte ja entsagen lernen müssen. der lte len rd lob, lach and Iden das Nr. 27. Mitteldeutsche Sountags⸗geitung. Zitternd ruhte ihre Hand auf seinem Haar, als er Abschied nahm. Sie dachte an seinen Vater. Doch sie drängte die Tränen zurück und segnete ihn. Es ging ihr tief ins Herz. Seine Briefe waren ihr heilig. Kein fremdes Auge durfte ihr die ungelenke, liebe Schrift mit seinem Blick berühren; es wäre ihr wie eine Entweihung gewesen. Sie verschloß sie ängstlich in ihrem Schranke und nahm sie nur Sonntags hervor und las einen nach dem andern. Als einmal ein Brief ausblieb, wurde sie unruhig und verstört, und als ihr mitgeteilt wurde, daß ihr Sohn in den braunen Fluten des chinesischen Meeres ertrunken sei, da wurde ste noch einmal schwach in ihrem Leben. Ein Schlaganfall lähmte die linke Seite. Sie sank allmählich in sich zusammen, wurde still und wunschlos. Eines Morgens fanden wir sie tot in ihrem Stuhle am Fenster, in dem sie monatelang fast Tag und Racht gesessen hatte. Das Legendenbuch, das sie von ihrer Muhme geerbt hatte, lag aufgeschlagen auf ihrem Schoß, darüber die Briefe von ihrem Sohne. Die alte Hornbrille lag zerschellt am Boden. Lene hatte ihren Zweck erfüllt. Auf ihr Grab pflanzten wir Rosen und Etlien, und wer da stehen bleibt und den kleinen Hügel betrachtet, der mag nicht wahrnehmen, welches Glück und welches Leid das Herz er⸗ tragen hat, das darunter langsam ver modert. Es unterscheidet sich ja auch nicht von den Gräbern derer, die„sittsamer“ gelebt hatten als sie, denn der Tod macht alles gleich und still und spricht auch von keiner Etebe, die mächtiger war als alle„Tugend“. —— Allerlei. Eine Konzession an die Dummheit. Es kommt heute noch vor, daß die Zahl von 13 Teilnehmer zu Tische bei manchen un⸗ angenehme Gefühle wachruft, und daß die Haus⸗ nummer— wie in Frankreich— durch 12a oder 12 bis ersetzt wird. Wenn das ein ein⸗ zelner tut, lächelt man darüber. In Hannover hat aber, wie der„Hann. Cour.“ mitteilt, die dortige Straßenbahngesellschaft sich ein Stücklein solchen Aberglaubens geletstet, das mehr als lächerlich ist. In ihrer Liste der Straßenbahnwagen fehlt die Zahl 13! Im 20. Jahrhundert wagt es eine große Ver⸗ kehrsanstalt nicht, die Zahl 13 an ihre Wagen anbringen zu lassen, weil diese Zahl seit Jahr⸗ tausenden als Unglückszahl gilt, und die Be⸗ fürchtung besteht, daß das Publikum sich scheuen werde, einen Wagen mit der Zahl 13 zu be⸗ nutzen. Monarchenreisen. Wer Geld hat, um im Mai zu reis en, Der Heimat und dem Alltag fern, Und an der table d'höte zu speisen, Nur der versteht die hohen Heren, Auch sie verspüren Maigefühle: Es treibt sie, einmal zu entflieh'n Des Hofes monotoner Kühle, Und wär's nur von Berlin nach Wien. Zwar sind der Etikette Normen Auch jetzt nicht abgeschafft— o nein! Doch sieht man and're Uniformen Und schlüpft mitunter selbst hinein. Zwar wird man mit denselben Worten Fast angehimmelt, dort wie hier; Doch sind jetzt an den Ehrenpforten Dle Rosen nicht mehr von Papier. Zwar bleibt Parade stehts Parade Und jede Front ein Lineal; Doch wie verschieden wirkt die Grade Durch andern Helmschmuck, größ're Zahl! Zwar kehrt man, wenn man's satt geworden, Wie stets, per Extrazug nach Haus. Doch teilt man diesmal andere Orden, Wofern noch welche da sind, aus. Zwar hat das Ganze, abgesehen Vom Reisen selber, keinen Zweck. Die Welt, als wäre nichts geschehen, Steht nachher auf demselben Fleck. Doch schmiert trotzdem in jeder Zeitung Ein Tintenkuli, tief gebückt, Etwas von tieferer Bedeutung, Und alle Leser sind entzückt. 0 Der„Zwickauer“ im„Simpl.“ 2 Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Humoristisches. Fatales Mißverständnis. Wirt:„Es ist schrecklich, wie mir die Katzen im Hof über die Tauben gehen!“ Gast:„So schlachten Sie sie doch lieber.“ Wirt:„Geht auch nicht. Dann nehmen wieder die Mäuse überhand.“ Schlau. Kaufmann(als der kleine Moritz durchaus aufs Karussel will):„Wozu brauchst Du Dich erst aufs Karussel zu setzen, Moritzl,... wo sich ja dreht die ganze Erde?!— Arbeitsteilung. Hausherr:„Wie— zwölf Mark für das bischen Arbeit, eine Türe abzuhobeln— und da steht noch, drei Mann eine Türe gehobelt!“ Lehrling:„Ja, wissen S', Herr Maier, dös is a so: der G'sell hat gohobelt, ich hab's Werkzeug tragen und der Meister hat— zug' schaut!“ S S Y..... ͤ—Fnn..——....— Marktstrasse 85 0 Um mit dem großen Vorrat in untenstehenden Artikeln schnellstens zu räumen, verkaufen wir von heute ab = FPlusen, Rostüm⸗Röcke, Juckelts, Sfaub⸗Aläntel,= sowie ein großen 0 a Po ste N Unte rröcke in Leinen, Lüster, Moire zu staunend billigen Preisen. Kleiderstoffe, Weisse Batiste, Mousseline in großer Auswahl. Kuder& Sonneborn, Giessen —.— Marktstrasse 25 ..... ͤ X.... ˙ 8 ̃˙. ĩ¼—A...—-„⏑ö—.— 10 jähriges Stiftungsfest des Arbeiter⸗Gesangvereins Fängerkranz Wieseg. Samstag, den 14. und Sonntag, den 15. Juli 1906: Fest⸗Programm: Samstag, den 14. Juli, abends 8/ Uhr Festkommers auf dem Festplatze. Sonntag, den 15. Juli, morgens 6 Uhr Weckruf; 10—12 Uhr Frühschoppen; 12—1 Uhr Eapfang auswärtiger und hiesi ger Vereine; 2 Uhr Aufstellung des Festzuges auf auf dem Festplatze, alsdann Festzug durch die Hauptstraßen des Ortes nach dem Festplatze: Daselbst: Begrüßung der Festgäste durch den Präsident. Festrede gehalten durch den Vorsitz. des Rhein⸗ u. Maingau⸗Arb.⸗Sängerbundes Georg ladung. augs vorträge, Gruppen⸗ und Masseuchöre der Bezirksvereine ö 1 des Bezirkes Gießen⸗Friedberg⸗Marburg. bpvolksfest Gambrinus⸗Garten(Festwirt B. Wacker). Konzert Turnerische Aufführungen der freien Turnerschaft Gießen. Abend 6 Uhr Aufstieg eines Riesen⸗ Luftballons. Bei eintretender Dunkelheit: Großes Brillaut⸗Feuerwerk. Eintrittspreis: Dauerkarten 30 Pfg., Einzelkarten 20 Pfg. pro Person. N. B. Der Festplatz befindet sich in dem schönen gelegenen Wiesengrund unterhalb des Spaten Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wringmaschinen Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Rasenmäher Waagen und Gewichte Stehleitern EDU e Edgar Borrmann: Giessen Telephon 228 Eisenhandtung, Staßkwaren, Werstzeuge Haus- und Küchengeräte-Handkung. Neustadt 11 Herde und Oefen Petroleum⸗ u. Gaskocher Fleischhack⸗ u. Reibemasch Dr. KleinsFleischsaftpresse Pferdeschoner Landwirtschaftl. Geräte Messerputzmaschinen Munition ete. Canz RNädgen Sountag, den 3. Juli, von nachmittags 4 Uhr ab in der Gastwirtschaft von Heinrich Balser: Näödgen! Grosse Tanzmusik zur Einweihung rweiser Tanzhallen. Für gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt un lan zu zahlreichem Besuche freundlichst ein Beinrieh Valser Gastwirt. 93 —— ä — 2 S *—— * — * S Seite 8. Mitteldeutsche Souutags⸗ Zeitung. Nr. 27. 2 Einen Posten Damen⸗Halb⸗ und Spangeaschuhe 2.50 „ Damen⸗Knopf⸗ und Schnürstiefel 5. „ braune u. rote Damen⸗Knopf⸗ und Schnürstiefel 5.— braune Kinden⸗Knopf⸗ u. 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Juli 1906 abends 3 Uhr „ im Saal des Herrn Wacker zu Wieseck: Offentliche Versammlung. Tagesordnung: Kinderelend im heutigen Klassenstaat. Ref.: Fischer⸗Mannheim. Zu dieser Versammlung sind sämtliche Genossen und Kollegen, sowie deren Angehörige eingeladen. Samstag, den 14. Juli 1906, nachmittags 5 uhr bei Herrn Löh, Wiener Hof, Johannesstraße ötfentliche Versammlung T.-O.: Können die Gießener Bauarbeiter thre Lage verbessern? Referent: Gauleiter Fischer⸗-Mannheim. Zutritt und Redefreiheit für Jedermann. Das Erscheinen sämtlicher Bau- und Erdarbeiter, sowie unserer Berufskollegen, der Maurer ist in Anbetracht der erbärmlichen Lebenslage, in der wir uns am Orte befinden, Pflicht und Ehren⸗ sache eines jeden Kollegen. Die— 9 Wo kaufen wir unsere 2 Arbeiterschuhe 2— in Wetzlar im Schuhwarenhaus Heinr. Bender, Lahnstr. 27 Anfertigung nach Maß. NMNeparaturen prompt und billig. 2 dLeihgestern est Kirehweihf Sonntag, den S. und Montag, den 9. Juli auf den vor dem Dorfe gelegenen Wiesen. 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