*—TPTPPTPPPPT— — Gießen, den 8. April 1906. Mitteldeutsche SonntagsZeitung. Abonmementspreis: Bestellungen Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 13. Jahrgang. Nebaktionsschluß: Deuueotag Nachmittag 4 Uhr. Nr. 14. Redaktion: Archenplatz 11, Schloßgasse. 1 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% ͤ bei 6 mal. Bestellung 33¼½% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. 8—— * 7 4 Vom Mittelstand. „Die Sozialdemokratie vernichtet den Mittel⸗ stand“. Dtese Phrase letert die bürgerliche Presse schon seit Jahrzehnten unablässig herunter und wiederholt sie tagtäglich von neuem. Dieser Tage erst begann die anttsemitisch⸗bündlerische Volkswacht— das Blatt des verunglückten Herrn Hirschel— einen Artikel mit dieser Albern⸗ heit. Mit dem abgedroschenen Schwindel werden Handwerker und Kleinbauern, der sogenannte „Mittelstand“ eingeseift, um sie für die allein⸗ seligmachende Ordnung der kapitalistischen Ge⸗ sellschaft einzufangen. Es wird den Mittel⸗ schichten weiszumachen versucht, an ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage seien nur die Sozialdemo⸗ kraten schuld. Wir Sozialdemokraten stützen uns jederzeit def unsere mit der Wissenschaft im Einklange befindlichen Grundsatze. Wir sind stets bemüht, wirtschaftliche und politische Erkenntnis im Volke 1 verbreiten. Wir zeigen, wohin die Entwick⸗ ung geht und sagen insbesondere auch dem so⸗ genannten Mittelstande, daß die wirt⸗ schaftlich⸗technische Entwicklung ihm den Boden unter den Füßen wegzieht und so an seiner Vernichtung arbeitet. Immer mehr selbständige Existenzen werden in irgend eiuer Form des Besstzes ihrer Produktionsmittel be⸗ raubt und zu besitzlosen Proletariern gemacht. Die Großbetriebe wachsen; das Werkzeug wird zur Maschine entwickelt und die Produktivität der Arbeit wird gesteigert. Aber die Vorteile dieser Entwicklung fallen der verhältnismäßig kleinen Zahl Kapitalisten zu; die Volks⸗ masse muß wachsende Ausbeutung ertragen. Selbst den günstigsten Fall angenommen, daß eine Erhöhung der Arbeitslöhne eintritt, bleibt diese Erhöhung doch zurück hinter gewachsenen Ergiebigkeit der Arbeit. Ehedem war das Privateigentum das Mittel, dem Produzenten das Eigentum an seinem Pro⸗ dukt zu sichern; jetzt ist es zum Mittel der Ausbeutung fremder Arbeit geworden. Die Ueberführung des Privateigentums an Produk⸗ tionsmitteln ingesellschaftliches Eigen⸗ tum kann allein bewirken, daß der Großbetrieb und die stets wachsende Ergiebigkeit der gesell⸗ schaftlichen Arbeit aus einer Quelle des Elends und der Unterdrückung zu einer Quelle der höchsten Wohlfahrt und allseitiger harmonischer Ber vollkommuung werde. Die Richtigkeit dieser sozialdemokratischen Lehre bestätigt die tägliche Erfahrung und auch in den Kreisen des sogenannten Mittelstandes gewinnt diese Einstcht Boden. Was Wunder, wenn der Interessenten des Kapitalismus bange Sorge sich bemächtigte. So müssen denn die Soldschreiber und Wanderredner ans Werk gehen und aus Schwarz Weiß zu machen suchen. Das beltebteste Mittel ist, der Sozialdemokratie die Schuld am Rückgang des Mittel⸗ standes belzumessen. Mit erfundenen, direkt gefälschten oder aus dem Zusammenhang ge⸗ rissenen und darum dem Sinne nach gefälschten Zitaten wird die Sozialdemokratie der Bauern⸗ und Handwerks⸗Feindlichkeit bezichtigt. 5 Das Handwerk zugrunde richten! Aber sind wir es denn, die die wirtschastlichen Gesetze bestimmen? Und haben etwa wir die politischen Gesetze gemacht? Nein; die Gesetze der wirt⸗ schaftlichen Entwicklung sind der kapitalistischen Gesellschaft eingeboren; wenn auch die politischen Gesetzgeber den besten Willen zur Rettung des Mittelstandes mitbrächten: Dieses geht über ihre Kräfte. Ebenso, wie es über unsere Kräfte ginge, wollten wir den Mittelstand vernichten. Ein paar Zahlen mögen dartun, wie weit in Deutschland die Entwicklung gediehen ist. Die Zahlen sind amtlich ermittelt gelegentlich der Berufsstatistik von 1882 und 1895. Man zählte in der Industrie des deutschen Reiches(einschlleßlich Bergbau- und Baugewerbe) Betriebe mit Arbeitern 1882 1895 1— 5 2175857 1989 572 Abnahme 8,6 pzt, 6—50 86 001 139 459 Zunahme 64,8„ mehr als 50 9481 7 89 Man sieht: die Betriebe, in denen der Meister allein oder mit ein paar Lehrlingen oder Ge⸗ sellen arbeitet, haben abgenommen, die Großbetriebe dagegen haben riesenhaft zuge⸗ nommen. Damit ist doch klipp und klar be⸗ wiesen, daß die Aussicht auf Selbständigkeit für die Handwerksgesellen immer mehr schwindet; eine stets größer werdende Zahl wird gezwungen, ihr Lebtag Lohnarbeiter zu bleiben. Aber auch die verbleibenden Kleinmeister empfinden durch die verschärfte Konkurrenz am eigenen Leibe die Wirkung dieser Entwicklung. Zahlreiche Klein⸗ meister vermögen nur künstlich ihre Existenz zu erhalten, vielfach in der Form, daß die Frau in die Fabrik wandert. Im Handel liegen die Dinge ähnlich. Und obwohl eine Menge Leute aus den verschiedensten Ursachen dem Kleinhandel zuströmen, weist die Reichsstatistik nach, daß die Zahl der Hand⸗ lungsbetriebe in allen Größenklassen wuchs. Es wurden Wee mit Personen 8 1895 Zunahme 1—5 676238 905453 34 pzt. 6—10 18657 33753 86 11 50 7874 15518 ö 77 mehr als 50 463 959 107,„ Also eine ganz ungesunde Eutwicklung mit kolossaler Verschärfung der Konkurrenz. Der Umsatz der Kleinhändler muß bedeutend zurück⸗ gegangen und deren Existenz sehr verschlechtert sein! Und trotzdem wuchsen auch hier die Groß⸗ betriebe siebenmal rascher, als die Bevölke⸗ rung. Dazu kommt, daß besonders im Handel eine sehr große Zahl Betriebsinhaber nur diesen Namen tragen; in Wirklichkeit sind sie die Kommis kapitalistischer Gesellschaften. Ferner zeigt die Statistik, daß die Zahl der in den Kleinbetrieben beschäftigen Arbeiter a b⸗ genommen, die in Großbetrieben dagegen gewaltig zugenommen hat. In den zwei Jahrzehnten von 1875 bis 1895 hat sich ferner die Zahl der Betriebsinhaber trotz der Bevöl⸗ kerungszunahme kaum vermehrt, während die Zahl der Angestellten und Lohnarbeiter sich mehr als verdoppelte! Daß seit 1895 diese Entwicklung weitere Fortschritte gemacht hat, kann keinem Zweifel unterliegen. So untergräbt und vernichtet der Kapitalis⸗ mus die Existenz der„Kleinen“ auf allen Ge⸗ bieten, und was er günstigenfalls ihnen bietet, ist die Lohnknechtschaft des Fabrikproletarters, die gedrückte Existenz des Kommis oder den schlecht bezahlten Posten als kleiner Staats⸗ beamter. Die Tatsachen der wirtschaftlichen Entwicklung geben uns Recht. Die Kleinbauern, Kleinhändler und Kleingewerbetreibenden nicht minder wie die kleinen Beamten haben alle Ursache der Sozialdemokratie beizutreten, die keine Illustonen über ihre Zukunft im Klassen⸗ staat erregt, die nicht mit schwindelhaften Ver⸗ sprechungen hausteren geht, die aber entschlossen ist, die Ursache aller Ausbeulung und Bedrückung zu beseitigen. Der besitzlos gemachten Masse muß ihr Eigentum an den Produktionsmitteln zurück⸗ gegeben werden; da das große Produktions⸗ mittel aber nicht zerschlagen werden kann in einzelne Teile; da der Großbetrieb segensreich wirkt, wenn nur die kapitalistische Aneignung des Produktes der Arbeit wegfällt: so muß das Eigentum aller Arbeitenden her⸗ gestellt werden durch Ueberführung der großen Produktionsmittel in den Besitz der Gesellschaft! Politische Nundschau. Gießen, den 5. April 1906. Die famose preußische Wahlrechts, reform wurde am Montag vom Dreiklassenhause nach den Kommisstonsbeschlüssen angenommen. Die Debatte war etwas lebhafter als bei der ersten Lesung. Der freisinnige Abgeordnete Träger, einer der wenigen wirklich Liberalen vom alten Schlage, hielt eine recht gute Rede für Einführung des Reichswahlrechts auch für den Preußischen Landtag und er war auch recht glücklich in der Polemik gegen die abgeschmackte Philosophie des neuen Ministers des Innern, v. Bethmann⸗Hollweg, der in einer neuen Rede die angeblich engen Beziehungen zwischen Geistes⸗ aristokratie und Dreiklassenwahlrecht von neuem mit allerhand faulen Phrasen zu erweisen suchte. Gegen die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen erklärten sich nicht nur die beiden konservatiben Parteien, sondern auch die Natio⸗ nalliberalen, die außerdem Anträge zur angeb⸗ lichen„Verbesserung“ des Dreiklassenelends ein⸗ gebracht hatten. Das Zentrum befolgte die nun schon seit Jahrzehnten geübte Taktik weiter, sich platonisch für die Einführung des allge⸗ meinen, gleichen Stimmrechts auch in Preußen zu erklären, aber nichts, rein gar nichts zur Verwirklichung dieses Gedankens zu tun. Prin⸗ zipiell gegen das Dreiklassenwahlrecht erklärte sich nur der Frankfurter Demokrat Oeser. Die Resolution der Freistnnigen auf Einführung des Reichstagswahlrechts wurde in namentlicher Abstimmung mit 188 gegen 81 freistnnige und Zentrumsstimmen abgelehnt. Somit wird die„Reform“ bald perfekt sein— ein Skandal, wie das Dreiklassenwahlrecht selber. Neue Menschen⸗ und Geldopfer für Südwestafrika. Nach Ostern soll dem Reichstage eine neue Forderung von zehn Millionen Mark zugehen zur weiteren Entschädigung der durch den Krieg geschädigten Farmer. Da der Schaden insge⸗ samt auf 15 Millionen geschätzt war und bereits 5 Millionen bewilligt wurden, soll also voller Schadenersatz erfolgen. Da es im Schutzgebiet bei Ausbruch des Krieges überhaupt nur zirka Seite 2. MNitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 14. 1000 Anstedler, Farmer und Kaufleute gab, entfiele auf jeden von ihnen eine Entschädigungs⸗ summe von 15000 Mk., trotzdem ste ihres Landbesttzes ja nicht verlustig gegangen sind. Die Entschädigung stellt also eine nette Prämie für jene Behandlung der Eingeborenen dar, durch die der Aufstand provoziert wurde, der 10 deutschen Steuerzahlern rund 400 Millionen ostet! Aus Südwestafrika wird berichtet, daß am 26. März eine aus 16 Mann und 1 Offizier bestehende Truppenabteilung, die einen Trans⸗ port begleitete, zwischen Ukamas und der Ost⸗ grenze, von Hottentotten überfallen wurde. Der Führer, Leutnant Keller und 10 Reiter fielen, 2 wurden schwer und 2 leicht verwundet. Die Wagen wurden von den Hottentotten ver⸗ brannt und die Ochsen in südwestlicher Richtung abgetrieben. Nur ein Mann der Bedeckung kehrte zu Fuß nach Ukamas zurück. Diäten für die„Kerls“! Wie das offiziöse Organ der Reichsregierung, die Nordd. Allg. Zeitung, verkündet, hat das preuß. Staatsministerium der Vorlage des Reichskanzlers wegen Gewährung einer Ent⸗ schädigung an die Mitglieder des Reichstages seine Zustimmung erteilt. Vor ein, zwei Jahren hätte man eine solche Meldung noch in das Reich der Fabel verwiesen; damals hieß es noch, daß„die Kerls“ niemals Diäten bekommen sollten. Jetzt hat man sich schon anders be⸗ sonnen. Man braucht darüber nicht weiter zu trlumphieren. Aber auch hier zeigt sich, daß manche Volksforderung, die heute noch einem starren„Niemals“ begegnet, über kurz oder lang wie eine Selbstverständlichkeit erfüllt werden wird. Zähe Beharrlichkeit in der Verfolgung seiner Ziele ist überall, ganz besonders aber im Deutschland des Zickzackkurses, die beste Politik. Aus der Ferienkolonie. Von Ende Dezember 1905 bis Ende März 1906 wurde die gerichtliche Aburteilung von 39 Soldatenquälern bekannt. An Strafen wurden ausgesprochen 9 Jahre 1 Monat 20 Tage Gefängnis, 9 Monate 21 Tage mittlerer Arrest, 2 Monate 15 Tage gelinder Arrest, 18 Tage Stubenarrest, 4 Degradationen. Im ganzen beträgt der Freiheitsentzug 10 Jahre 2 Monate 14 Tage. Wie selbstverständlich, waren die Bestrafungen auch in diesem Vierteljahr sehr milde. Mit welchem Rafstnement die Soldaten manchmal mißhandelt werden, bewies die Gerichtsverhand⸗ lung gegen den Sergeanten Friedrich Ahlers vom preußischen Infanterieregiment Nr. 138. Dieser Unteroffizier streute zum Beispiel die Sachen seiner Leute im Zimmer herum und dann mußten seine Opfer, die er auch sonst schmählich malträtierte, ihr Eigentum unter Abstngen des Liedes„Was man aus Liebe tut“ ꝛc. zusammensuchen. Hätte aber einer der Soldaten bei dieser Schinderei die Selbstbe⸗ herrschung verloren und den Sergeanten nieder⸗ geschlagen, so wäre er auf Jahre ins Gefängnis gekommen. Wir erinnern hier an den Musketier Gloy in Lübeck, der seinen Leutnant zu Boden schlug, nachdem er von einem Unter⸗ offizter derart drangsaliert worden war, daß er nicht mehr wußte, was er tat. Gloy erhielt 7 Jahre 9 Monate Gefängnis, während der Unteroffizier, der ihn gequält hatte, mit 38 Tagen mittleren Arrests davonkam.— Gloys Strafe wurde übrigens dieser Tage von dem Oberkriegsgericht auf vier Jahre 11 Monate ermäßigt, immer noch eine ganz ungeheuerliche Strafe für einen Menschen, der gewiß eine unbesonnene und strafbare Handlung beging, aber dazu auf's äußerste gereizt war! Mit einem anderen Schrecken surteil hatte sich das Oberkriegsgericht Posen zu be⸗ schäftigen. Der Grenadier Hermann Cyron vom Inf.⸗Regt. 6, gebürtig aus Meerane, Sohn eines Oberwerkmeisters, hatte sich unter seinen Kameraden offen als Sozialdemokrat bekannt, machte stich auch der Gehorsams⸗ verweigerung und Achtungsverletzung schuldig. Die Gesamtstrafe lautete auf 2 Jahre! Monat Gefängnis. Sowohl der Angeklagte als auch der Anklagevertreter hatten dieses Urteil angefochten. Das Oberkxiegsgericht hob das erstinstanzliche Urteil eines Formfehlers wegen auf und wies die Sache zur nochmaligen Ver⸗ handlung an die Vorinstanz zurück. Ferner verurteilte das Kriegsgericht in Posen den Füsilier Pernitzsch vom Krotoschiner Regiment Nr. 37 wegen„Meuterei“ zu 5 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus und den Füsilter Raupach zu 1 Jahr Gefängnis. Die Beiden hatten einen Unteroffizier mißhandelt. Ein weiteres Zuchthausurteil fällte vorige Woche das Kriegsgerlcht in Kiel. Wegen„militärischen Aufruhrs“ wurden die Heizer Reinhardt und Buch⸗ holz zu je fünfjähriger Zuchthaus⸗ strafe, die Heizer Lorenz und Weithner und der Oberheizer Deutschmann zu je sechs jähriger Gefängnisstrafe verur⸗ teilt. An diesem Urteil wirkte der preußische Prinz Adalbert, ein Sohn Wilhelms II., als Richter mit. Unter„militärischen Aufruhr“ fallen in Deutschland schon die kleinsten Reg⸗ ungen des eigenen Willens des Soldaten. Ein unbedachtes Wort, eine zornige, gefahrlose Hand⸗ bewegung und der militärische Aufruhr, der mit mindestens fünfjähriger Strafe belegt wird, ist fertig. Auch der Soldat beginnt zu denken. Unserm Leipziger Parteiorgan wurde der Brief eines Soldaten an seine Verwandten zur Verfügung gestellt, in welchem der Musketen⸗ träger folgendes schreibt: Liebe Mutter und Schwester! Das Geld habe ich erhalten und ich wollte bloß so lange warten, bis ich ein Bild hatte, wenn wir doch dieser Tage in den Krieg ziehen, so habt Ihr doch wenigstens ein Bild. Wir haben schon zweimal Kasernenarrest gehabt das ganze Regiment. Wegen den Sozialen wir waren kriegsmarschmäßig gerüstet mit 120 scharfen Patronen und lauerten nur noch auf einen Wink. Dann wollten sie uns auf unsere Kollegen, auf Schwester und Bruder hetzen, und wir sollten sie ohne Grund niederknallen, aber wenn sie alle die Gedanken hätten, die ich hatte, dann hätten sie uns 1000 Patronen geben können, da wäre keiner gefallen, so geht das doch heutzutage nicht, aber alles ist ruhig verlaufen zu unserer Freude, aber z u m Verdruß der ganzen Offiziere und Unter⸗ offiziere, denn die wollten mal richtig ihre Wut kühlen und ihrer Mordlust freien Lauf een Beim Lesen dieses Briefes fühlt man so recht, wie sich die Kindes⸗ und Geschwisterliebe aufbäumt gegen die Zumutung des Schießens auf Vater, Mutter und Geschwister. Seinen Entschluß, nicht zu töten, nennt die L. Volksztg. einen schönen Lichtblick in der Dunkelheit der Zustände, unter denen wir leben, und er eröffnet die Aussicht auf bessere Tage, in denen sich kein im bunten Rocke steckender Proletarter mehr dazu hergeben wird, friedliche Wahlrechts⸗ demonstranten wie tolle Hunde niederzuknallen, mag der Blutdurst der Vorgesetzten, wie ihn der Briefschreiber drastisch schildert, noch so wild toben. Gewiß, trotz aller Verkleisterung und Vermuckerung der Gehirne regen sich schließ⸗ lich auch in den Köpfen der Krieger moderne und freiheitliche Gedanken. Gegen die Volizeispitzelei geht der französische Minister des Innern, Clemenceau, vor. Er untersagte der französtschen Staatspolizei die Fortsetzung der bisher den Regierungen Rußlands und der Türkei geleisteten politisch⸗polizeilichen Dienste. Ob es dem Minister gelingt, der elenden russischen und türkischen Spitzelwirt⸗ schaft ein Ende zu machen, muß ja erst abge⸗ wartet werden, der Zartismus wird alles ver⸗ suchen es aufrecht zu erhalten. Jedenfalls ist aber das Unternehmen Clemenceaus, wenn es mit Nachdruck durchgeführt wird, die tapfere Tat eines Demokraten, der sein Land von der gemeinen Schmach befreien will, die ihm der blutige Zarismus seit langem aufzwingt. Das Bülow'sche Deutschland erhält als Antwort auf unwürdigste Dienste Absagen und klatschende Schläge ins Gesicht. Gleichwohl wird es die Spione des Zaren nach wie vor dulden und hätscheln, wird es die„Schnorrer und Ver⸗ schwörer“ lästern und dem Spitzeltum über⸗ liefern. Preußen ⸗Deutschland züchtet und unter⸗ hält ja selbst die Poltzei⸗Spitzelei 125 seine eigenen Landeskinder im umfangreichsten Maß⸗ stabe und es hält an dieser schändlichen Ein⸗ richtung fest, obwohl es sich damit die fürchter⸗ lichsten Blamagen geholt hat. Erst vor wenigen Wochen entlarvoten unsere Genossen in Brüs fel wieder einen Berliuer Spitzel, der die Sitzungen des internationalen Komités überwachen sollte. Und das trotzdem erst kurz vorher in Berlin selbst ein Spitzel so schmählich angeführt und hereingefallen war! Frankreich ist der Allierte Rußlands und ist für die in Algeclras empfange⸗ nen diplomatischen Dienste der Petersburger Regierung in weitem Maße verpflichtet. Gleich⸗ wohl geht es daran, sich wenigstens in seiner inneren Politik von den russischen Zumutungen zu befreien. Wie beschämend müßte dies Beisptel Frankreichs auf Deutschland wirken, wenn für Schamempfinden in deutsch⸗xussischen Beziehungen noch eine Möglichkeit wäre! Drei Wochen lebendig begraben! Aus den Gruben von Courrières wurden Freitag voriger Woche noch 13 e lebend heraufgebracht. Sie waren selbstver⸗ ständlich im Zustande völliger Erschöpfung und wurden sofort in ärztliche Behandlung genom⸗ men. Alle bis auf einen sind verhältnismäßig gesund. Sie hatten sich in einen Pferdestall geflüchtet und sich von Hafer, Rüben, Holzrinde und verfaultem Pferdefleisch ernährt. Glück⸗ licherweise fanden sie noch etwas Wasser, welchem Umstande sie ihr Leben zu verdanken haben. Der Führer der Truppe, Ne my, feuerte seine Kameraden an, wenn sie den Mut zu verlieren drohten.— Die Errettung der 13 Bergleute verursachte natürlich eine ungeheure Erregung. Man glaubt nicht mit Unrecht, daß noch viel mehr hätten gerettet werden können, wenn so⸗ fort energische Maßregeln in Angriff genommen worden wären.— Die Aufregung steigerte sich noch, als am letzten Mittwoch noch ein Mann lebend gefunden und heraufbefördert wurde. Dieser Mann, er heißt Berton, brachte 24 Tage unter der Erde zu! In der Depu⸗ tiertenkammer wurde die Angelegenheit infolge einer Interpellation des sozialistischen Abge⸗ ordneten Basly erörtert und das Verhalten der Grubengesellschaften scharf verurteilt. Gegen diese wird die Regierung eine strenge Unter⸗ suchung einleiten und ihnen vielleicht die Kon⸗ zesston entziehen. g Kleine politische Nachrichten. Die Dresdener Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung lehnte die Einführung einer Wertzu⸗ wachssteuer auf Grundstücke a b. sie sich schon wiederholt für eine Umsatzsteuer gegen die Arbeiter⸗Konsumvereine aus. Diese beiden Tatsachen zeigen schon jedem, der es bisher noch nicht wußte, da im Dresdener Stadthause die antisemitischen Mitt standsretter die Mehrheit haben. Vernünftiges Urteil. Den wegen Ma jestäts⸗ beleidigung angeklagten Bauer Franz Wagner sprach das Landgericht in Regensburg frei, weil es den Denunzianten für einen Schwindler hielt. Sozialdemokratischer Bürgermelster. In Ichtershausen im Gothaischen wurde ein Sozial⸗ demokrat zum Bürgermeister gewählt und die Staats⸗ regierung hat ihn auch kurzer Hand bestätigt. Ob. sich die hessische Regierung an der gothaischen ein Beispiel nimmt bei Entscheidung über den Mühlheimer Beigeordneten? Die Stichwahl in Kaiserslautern endete, wie vorauszusehen, mit der Wahl des Liberalen Schmidt, für den die Bündler und Zentrumleute eintraten. Aus dem Reichstage. Ueber die Wahl des Antisemiten Zimmer⸗ mann, der mit ein paar Stimmen Mehrheit im sächsischen Kreise Zschopau in der Ersatz⸗ wahl gewählt wurde, verhandelte der Reichstag am Mittwoch. Die Sache wurde in die Wahl: prüfungskommission zurückverwiesen, die Wahl dürfte also für ungültig erklärt werden, wie es auch in der Ordnung wäre, weil man eine ganze Anzahl Wähler unbegründeter Weise nicht abaimmen ließ. Die Schaffung eines eigenen Kolonialamtes, das von der Budgetkommisston abgelehnt war, beschäftigte Dagegen sprach 4 — iber: n Ein, er ligen ssel gen lllte. klin und erte ige iger lech; einer ngen dle ken d n den eule ther⸗ und nom⸗ säßig call nde lc chem aben. seine leren leute ung. biel i so⸗ men e sic ein dert achte ehu⸗ folge lbge⸗ alten egen inter; Kon⸗ Vet- etz. run den Reichstag am Donnerstag. Nr. 14. Nittoldenische Sounags⸗Zeitung. Seite 3. Fürst Bülow legte sich höchstselbst für diese Forderung ins ug. Er brachte die„Liberalen“ leicht zum Umfal,, doch bei der Abstimmung stellte sich die Beschlußunfähigkeit heraus. Am Freitag wurde die Forderung mit 127 gegen 110 Stimmen bewilligt und zwar infolge des Verhaltens des Zentrums. Bei der nun folgenden Weiter⸗ beratung des Militäretats wandte sich Bebel scharf gegen den Reichskanzler, der sich vor einiger Zelt mit seiner Erklärung über den Duellunfug in Widerspruch mit den Gesetzen stellte. Dann ging unser Genosse mit gewohnter Energie gegen die Soldatenmißhandlungen und den Militarismus überhaupt in längeren Aus⸗ führungen vor. Die Generaldebatte über dem Militäretat ging am Samstag zu Ende, nachdem vorher das Etatsnotgesetz(das nötig ist, weil der Etat nicht bis zum 1. April fertig gestellt wurde) angenommen worden war. An der sehr aus⸗ gedehnten Debatte beteiligten sich von unsern Abgeordneten Stolle, der scheußliche Miß⸗ haudlungsfälle zur Sprache brachte, Zubeil, der diese Ausführungen wertvoll ergänzte und scharfen Protest gegen die Verwendung von Soldaten zu Streikbrecherdiensten erhob, und Kunert, der die Hunnentaten in China und das dort unter deutscher Flagge etablierte Bordellwesen geißelte, das der Nationalliberale Held als Maßregel weiser Sozialhygiene zu pretsen den sonderbaren Heldenmut hatte.— Der alte Junker Kardorff leistete sich einige Flegeleien gegen unsere Parteigenossen, wofür ihm der Präsident einen Ordnungsruf erteilte. Montag und Dienstag wurde die Einzel⸗ beratung des Militäretats fortgesetzt, wobei 71 595 viele Mißstände in der Militärwerk⸗ ätte in Spandau zur Sprache brachte. Karl Marx. Ein Vortrag von Karl Kautsky. —(Fortsetzung). Man betrachtet sehr oft Heinrich Heine nur als Lyriker, als Meister der Darstellung der Stimmung, als witzigen Feuilletonisten, als Sa⸗ tiriker mit beißenden Einfällen. Daß aber Heinrich Heine ein großer Denker, Philosoph und Gelehrter war, das wissen nicht alle, nicht einmal alle Parteigenossen. Jeder, der mit Heinrich Heine in engere Beziehung kam, hat stets mit größtem Respekt von Heines Denken und seiner Gelehrsamkeit gesprochen, und nur seine leichte Form, in der er sprach, konnte glauben machen, daß dahinter nur ein leichtes Spiel mit Worten steckte. Karl Marx hatte einen großen Respekt vor Heinrich Heine und betonte, er habe von ihm sehr viel gelernt. Koch wichtiger wurde für ihn die Bekanntschaft mit Friedrich Engels. Schon in der Redaktion der„Rheinischen Zeitung“ hatte er Engels kennen gelernt, aber ohne ihm näher zu treten. Erst in Paris kam er mit ihm in engere Ver⸗ bindung, und da zeigte es sich, wie nahe sich die beiden Männer gekommen waren, wie sie von verschtedenen Ausgangspunkten zu gleichen Resultaten gelangten. Und von Engels erfuhr Marx eine Reihe der wichtigsten Anregungen damals. Engels war der Sohn eines Barmer Fabrikanten. Seine Eltern hatten dafür gesorgt, daß er eine technische, natur wissenschaftliche Bildung bekam, und was er philosophisch iu sich aufgenommen hatte, das hatte er nur durch eigenes Studium erlangt, Sein Vater besaß in Manchester eine Fabrik, in England also, wo der Kapftallsmus weiter entwickelt war als in Frankreich, wo man also seine Entwicklungs⸗ tendenz am besten lernen konnte, und nicht nur den Kapitaltsmus hatte er in England studiert, sondern auch die erste Form einer großen Klassen⸗ bewegung des Proletariats: der Chartisten⸗ bewegung, die anfangs der 40 er Jahre be⸗ sonders machtvoll eingriff. Diese Bewegung hatte einen biel höher stehenden Charakter als die sozialistischen Bewegungen in Frankreich. Diese hatten die Eierschalen des Kleinbürgertums noch nicht abgestreift, weil das Land nicht so öko⸗ nomisch entwickelt war. Es gab dort zwei Arten von Sozialismus, den Blanquistischen und den Prondhonistischen. Der Blanquismus knüpfte an die Traditionen der großen Revolution an, an den Jakobinerklub, und suchte diese Taktik 15 Taktik des Proletariats zu machen. Er uchte durch eine straffe zentralistische Organi⸗ sation, die damals geheim sein mußte, durch Putsche und Erhebungen die politische Macht zu erobern, um dann nachher, wenn einige tausend Mann diese politische Macht erobert hätten, den Sozialismus durchführen. Proudhon erkannte sehr wohl, wie wenig diese Taktik da⸗ mals Aussicht auf Erfolg hakte. Aber er geriet in das enigegengesetzte Extrem, indem er von einer selbständigen Anteilnahme des Proletariats nichts wissen wollte und allmählich den Kampf des Proletariats gegen den Staat verwarf und friedlich durch Organisation des Proletariats die Emanzipation durchzuführen suchte dadurch, daß er wünschte, das Proletariat möge durch genossenschaftliche Unternehmungen sich eine Exl⸗ stenz schaffen, die im Grunde genommen nichts weiter war als die des Kleinbürgers. Ganz anders war die Bewegung des Char⸗ tismus in England, die an das ganze Proletariat appellierte, die es unabhängig als politische Partei organisieren und die politische Macht er⸗ obern wollte, um sie den Interessen des Prole⸗ tariats dienstbar zu machen. Das alles geschah allerdings noch instinktiv, die Ziele waren noch nicht sozialistisch, man war sich aber klar über das allgemeine Wahlrecht und das Verlangen nach dem Zehnstundentage, und diese Bewegung enthielt doch bereits alle Elemente der modernen ae Wee und stand höher als die sozia⸗ listische Bewegung in Frankreich. Und die Kenntnis dieser Bewegung überbrachte Engels und beeinflußte dadurch Marx. Die beiden be⸗ fruchteten einander nun gegenseitig in ihrem Denken, und aus diesem gegenseitigen Ideen⸗ austausch wurde die mater talistische Ge⸗ schichtsauffassung geboren, die bereits 1845 in ihren Grundzügen fertig war. Aber als es dazu kam, waren ste nicht mehr in Paris, son⸗ dern das vollzog sich in Brüssel. Marx war nicht ein bloß Studierender, nicht ein Mann, der die Wissenschaft um der Wissenschaft willen trieb, er war ein Kämpfer und konnte es nicht aushalten, bloß zu studieren und nicht auch als Kämpfer tätig zu sein. Und so versuchte er auch in Paris, praktisch zu wirken und propagan⸗ distisch seine Ideen von sich zu geben. Er gründete deshalb mit Arnold Ruge eine Zei⸗ kung, die Deutsch⸗Französischen Jahrbücher, die aber nur eine Nummer begriff. Sie erlebte keine große Auflage und konnte nicht mehr weiter erscheinen. Neben dieser Zeitung arbeitete er im Arbeiterverein und schrieb für den„Vor⸗ wärts“, ein Blatt, welches damals in Paris erschien. Es war ursprünglich ein Lokalblatt, in demselben Sinne, wie die deutschen Lokal ⸗ blätter, aber die deutschen Regierungen beobach⸗ teten mit Mißtrauen alles, was aus Paris kam, und das harmlose Blatt wurde verboten, und nun wurde der Herausgeber, Börnstein, ein charakterloser Mensch, wütend und stellte das Blatt den Emigranten zur Verfügung, und diese nahmen die Gelegenheit gern wahr, und gelegent⸗ lich schrieb auch Marx dafür, nicht sehr viel— ganz sicher steht nur, daß er einen einzigen Ar⸗ tikel geschrieben hat, aber wahrscheinlich stammen noch andere von ihm. Je radikaler das Blatt wurde, desto mehr wütete die preußische Re⸗ gierung dagegen und suchte es zu unterdrücken; aber das Blatt ließ sich auf Grund der be⸗ stehenden Gesetze in Frankreich nicht unterdrücken. Da nahm die preußische Regierung zu einem anderen een ihre Zuflucht: Sie suchte die französische Regierung zu veranlassen, die ihr unangenehmen Leute auszuweisen, unter ihnen vor allem Karl Marx, und die französtsche liberale Regierung, das Ministerium Gutzot, tat ihr den Gefallen und wies u. a. Karl Marx 1844 aus. Er ging also nach Brüssel und dort fand er sich wieder mit Friedrich Engels, und ste versuchten, den neu gewonnenen wissentschaft⸗ lichen Standpunkt der materialistischen Geschichts⸗ auffassung kritisch zu entwickeln, im Gegensatz zu ihren bisherigen Freunden, von denen sie sich nun lossagten. Das geschah zuerst in einer Schrift„Die heilige Familie“, in der ste die Gebrüder Bauer auf das grausamste verhöhnten. Dann schrieben sie einen dicken Band über den wahren Sozialismus— das war ein ähnliches Gewächs wie heute der ethisch⸗ ästhetische Sozialimus, den kritisterten ste auf das schärfste. Aber es gelang nicht, das Buch in Druck zu legen, und später hatte es keinen Zweck mehr, denn er war inzwischen völlig zusammengbrochen und von der Bildflä he ver⸗ schwunden. Endlich aber— und das war am wichtigsten— veröffentlichte Marx 1847 eine Schrift gegen Proudhon„Das Elend der Philosophie“. In dieser Schrift kritisterte er den Führer und bedeutendsten Vertreter des französischen Sozialismus. Er zeigte, wie klein⸗ bürgerlich der französtsche Sozialismus war, wie er nur dazu angetan war, die Arbeiter mit der bestehenden Gesellschaft auszusöhnen, wie er nur die schlechten Seiten der bürgerlichen Gesellschaft beseitigen wollte. Er zeigte, daß die schlechten Seiten des Kapitalismus unzertrennlich sind von den guten, daß man die schlechten Seiten nur beseitigen könne, wenn man die ganze bürgerliche Gesellschaft aus dem Wege schaffe. Er zeigte aber auch gegenüber dem friedfertigen Sozialismus des Proudhon, daß nur die Kampfesorganisation des Proletariats es befreien könne, daß die friedfertige Organi⸗ sation in Genossenschaftsverbänden nicht allein genügend sei, sondern nur durch den Kampf mit der gewerkschaftlichen und politischen Organi⸗ sation zusammen die Befreiung des Proletariats bewirken könnte. Neben diesen theoretischen Arbeiten waren ste aber auch vorwiegend prak⸗ tisch tätig. Sie gründeten einen Arbeiterverein in Brüssel. Dort hielt Marx bedeutende Vor⸗ träge über Lohnarbeit und Kapital, die im Kerne dieselben Gedanken enthielten wie später das Wert:„Das Kapital“. Es ist das in einer kurzen Broschüre zusammengefaßt er⸗ schienen, und wer das„Kapital“ nicht lesen kann, sollte wenigstens diese Broschüre lesen, er wird dort die wichtigsten Punkte, die für das Proletariat in Betracht kommen, auseinander⸗ gesetzt finden. (Fortsetzung folgt.) —* Soziales. Die größte Konsumgenossenschaft in Deutschland ist zur Zeit diesenige in Leipzig⸗ Plagwitz. Sie erzielte von Anfang Juli 1905 bis Ende Februar dieses Jahres einen Umsatz von 9437352 Mk., fast 1 Million mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Diese Steigerung des Umsatzes ist erzielt worden, obwohl ein nicht unbedeutender Rückgang in der Mitgliederzahl zu verzeichnen ist. Gegen⸗ wärtig beträgt die Zahl der Mitglieder 38 425. Der von der ehemaligen Connewitzer Genossen⸗ schaft übernommene Fleischereibetrieb brachte einen Verkaufserlös von Mk. 547198. Die Einnahmen aus Wurstwaren ꝛc. betrugen allein Mk. 138528. Trotz dem hat dieser Zweig des Unternehmens noch keinen Ueberschuß abgeworfen. Das Besitztum der Genossenschaft an Grund⸗ stücken beträgt Mk. 398 000, das an Gebäuden Mk. 1969000. In eigener Bäckerei produziert die Genossenschaft täglich 17000 Brote, und der Verbrauch an Butter beträgt rund 400 Zentner. Aus den Gewerkschaften. Der Deut⸗ sche Metallarbetter⸗Verband hatte nach seiner jetzt veröffentlichten Jahresabrechnung 259 692 Mitglieder, 60728 mehr als im Vor⸗ jahre. Der Rechnungsabschluß weist eine Rein⸗ Einnahme von 5107 717 Mk. auf. Es wurden fast 1½ Millionen Mark an Beiträgen auf⸗ gebracht. Für Unterstützungen der Mitglieder wurden im ganzen über Millionen Mark ausgegeben, darunter für Reiseunterstützung 247372 Arbeitslosenunterstützung 480 137, Streikunterstützung 2084549, Rechtschutz 81361, Maßregelungen 103504, besondere Notfälle 70623, Umzugsunterstützung 51421 Mk. Das Vermögen betrug am Jahresschlusse 2117198 Mk. Die Entwicklung des Metall⸗ arbeiter⸗Verbandes zeigt deutlich, wie sehr die im Irrtum sind, die da glauben, die Gewerk⸗ schaftsbewegung habe keine Zukunft mehr, oder, daß ste versumpfe. Das Unternehmertum, be⸗ Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 14. onders das der Metallindustrie, sorgt allein chon dafür, daß dies nlcht eintreten kann. Der Holzarbelterverband zählt jetzt etwa 140000 Mitglieder und der Fabrik⸗ und Hilfsarbelter Verband hat ebenfalls die 100 000 überschritten.) Lohn kämpfe. Die Lohnbewegung der Schneider in Frankfurt nimmt für die Gehllfen einen günstigen Verlauf. 50 Firmen des Arbeltgeberverbandes und 43 Firmen der Innung haben den Tarif anerkannt. Nur wenige Firmen haben dle Anerkennung versagt, bei ihnen wird die Arbeit elngestellt.— Der Berg⸗ arbelterstretk im Thüringer Braunkohlen⸗ reviler dauert fort. Die 335 der Streikenden beläuft sich auf 4500. In der am Sonntag in Zeitz abgehaltenen S der Reichstagsabgeordnete Hus, dex Bergarbeiter verband set in der Lage, den Kampf fortzu- führen. Die Bewegung nimmt zu. ͤ————— 7 5 2* Don Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Zur Konsumvereinsfrage. Genosse E. Krumm sendet uns folgende Ausführungen, mit der Bitte um Aufnahme: „Da schon selt längerer Zeit auch im redak— tlonellen Teile der Parteipresse für Konsum⸗ vereine eingetreten wird, und da die Möglichkeit besteht, daß manche fenen die Konsumvereins⸗ zugehörigkeit gewissermaßen als Partelpflicht ansehen, gestatten Sie wohl auch mir einige Ausführungen zu der sicher aktuellen Frage. Gewiß kaun das Recht, Konsumvereine zu gründen, Niemand bestritten werden; die Pflicht . aber, bel jeder derartigen Gründung u erster Linie zu fragen: Liegt eine wirtschaft⸗ liche Notwendigkeit zur Gründung vor, bringt die Gründung den erhofften Nutzen und sind die geeigneten Personen zur Leltung vorhanden? Und da kann ich auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen bei einem großen Tell der Konsum— vereine sagen: sie sind dadurch entstanden, daß die günstige Entwicklung einer Anzahl Vereine nun dazu beiträgt, daß ziele und planlos, aus purer Nachäfferet, auch dort Vereine egründet werden, wo ede Vorbedingung des elingens fehlt. Ich wiederhole, wo die Not⸗ wendigkelt einen Konsumverein bringt(Mangel an letstungsfählgen Geschäften, weite Entfernungen beim Wareneinkauf, ee hohe Preise), da wird er gedeihen und ein Segen sein. Dtese Fälle sind heute nicht sehr häufig, dagegen ist die Gründung Modesache eworden; nur immer frisch drauf los, es wird ch schon machen. Diese Modetorheit wurde und wird von den Antisemiten seit 25 Jahren in Hessen gepflegt; an der Tat⸗ sache ändern alle Mittelstands-⸗Bauern⸗ fängerkunststücke der Liebermänner nichte, aber auch grade diese Herkunft läßt mir eln großes„Vorsicht beim Gebrauche“ beim Konsumgründen angebracht erscheinen. Gerade der„Mittelbeutschen“ muß ich nun den Vorwurf machen, 5 sie in ganz einseltiger Weise die zel“ und plan⸗ lose Gründung von Konsumvereinen sorbert Den Lesern wird nur erzählt von den glän⸗ enden Resultaten der groß städt! P00 en ereine, dagegen alles unterdrückt, was zur Vorsicht mahnen könnte. Wieviel Clend und Jammer über tausende Familien durch leicht⸗ stuniges Konsumvereinsgründen gebracht wird, dafür brauch' ich aus letzter Zeit nur die Namen: Leusel, Ohmes, Deckenbach, Bürgel, Stendal, Heilbronn, Rostock Schiffer stadt, Camberg, Löwenberg, Tondern, Detmold usw. zu nennen. Nur Licht- und keine Schattenselten werden bei uns registrlert, das halte ich für i Pflicht elner Arbelterzeltung ist es auch vor lelchtfertigen Gründungen zu warnen und die Genossen bor Schaden zu bewahren. Das wützt auch der Partei; jede mißlungene Gründung, an welcher befaunte Partetgenossen betelligt sind, schädigt die gesamte Parte, da man angesichts der Haltung eines Telles unserer Partelpresse wohl zu dem Glauben kommen muß, die Arbelter⸗ Konsum vereine selen Partelgrün⸗— dungen. Noch eins muß ich hier berühren. Bet der Agttatton für die Konsumvereine wird von manchen Rednern vorgetragen, daß mon in den Konsumverelnen das Fed Maß und Gewicht bekomme, während es in dieser Hinsicht bet den Geschäftsleuten hapere. Als Kaufmann muß ich mich gegen diesen Vorwurf, der eine leichtsinnige Verallgemetnerung einzelner Fälle bedeutet, ganz entschieden wenden. Ich werde jeden als Verleumber bezeichnen, der mit diesem Grunde agittert und sei es mein bester Parteifreund; solche Agitation ist unsachlich und kann nur Haß und Erbitterung e Wenn meine heutigen Zeilen dazu beitragen sollten, der neumodischen Galopp⸗ schusterelsmKonsumvereinsgründen zu steuern, mehr zu gewissenhafter Prüfung des Bedürfnisses und der Personen anzuregen, glaube ich der Wee einen Dienst zu erweisen. Was für Berlin und Dresden nützlich und gewinnbringend sein kann, paßt 1 9 7 5 nicht für Posemuckel und Tripps⸗ drill.“ Soweit 1125 Genosse Krumm. Was seinen gegen die„Mitteldeutsche“ erhobenen Vorwurf betrifft, daß sie„ziel- und planlose Gründung von Konsumvereinen fördere“, so haben wir daraufhin den laufenden und den letzten Jahr⸗ gang unseres Blattes durchgesehen. Wir fanden — mit Ausnahme der wenigen Berichte über den Gleßener Tone— ganze neun Nottzen über Konsumvereine. Drei davon be⸗ fassen sich mit der Connewitzer Affaire, die wohl selbst Freund Krumm nicht zu denen rechnen wird, die 13 und planlos Konsum⸗ bereinsgründungen ft rdern“. Also ausgerechnet neun kurze Notlzen in ¼ Jahren. In allen aber keine Silbe, die zur Gründung von Kousumvereinen überhaupt I geschweige zu„ziel. und planlosen“. Im Gegenkeil haben wir vielmehr verschledentlich in der Zeitung, noch mehr aber privatim bel Anfragen, die an uns in dieser Beziehung gerichtet wurden, ge⸗ warnt und zur Vorsicht gemahnt. Wir wüsfen deshalb den von Krumm erhobenen Vorwurf sreundschaftlichst, aber mit aller nur möglichen Entschiedenheit zurückweisen! Krumm wird hoffentlich die 1. seines Vor⸗ wurfes einsehen, denn wir dürfen doch wohl erwarten daß er die Objektivität, die die Gegner an ihm Jaber auch uns gegenüber nicht ver⸗ missen läßt! Was die Sache selbst betrifft, so handelt es sich hler nicht um eine„Frage“, sondern um elne Bewegung. Auf ihr Wesen und ihre eee können wir an dleser Stelle nicht eingehen. Bemerkt sei nur, daß die Partei 11 er ber, eee keineswegs ympathisch r ste vielfach sogar bekämpfte. Und Tatsache ist, daß die Partei als solche niemals einen Nutzen durch die Konsumvereine gehabt hat. Vielfach sogar Schaden; wir geben Krumm ganz recht, wenn er sagt, daß, wenn es irgeudwo mit einem Konsumverein schief geht, an dem Parteigenossen beteiligt sind, der Partei die Verantwortung für den N aufgebürdet wird. Sollen wir aber deshalb eine an sich berechtigte und e Sache bekämpfen? Und um eine olche hondelt es sich, nicht um eine„Mode⸗ torheit“, wie Krumm die Genossenschafts- bewegung bezeichnet. Gewiß stimmen wir ihm darin zu, daß mit in erster Linte darauf gesehen werden muß, daß tüchtige Personen zur Leitung eines solchen Vereins vorhanden sein müssen. Und selbstverständlich müssen auch sonst die Verhältussse der Errichtung eines Konsumvereins Li sein, andernfalls werden vernünftige ente keinen gründen. Aber wie man 8 B. in Frankfurt sieht, fällt es oft nicht ins Gewicht, daß leistungsfähige Geschäfte vorhanden sind; die gibt es dort und trotzdem hat der Konsum⸗ verein ausgezeichnet prosperlert.— Es ist doch merkwürdig: wenn sich eine Anzahl Kapita⸗ Uisten nenden und eine sigt ben gesellschaft oder eine Fabrik gründen, sagt kein Mensch etwas dagegen, kaufen aber eine Anzahl Arbeiter ihre Milte gemeinsam ein, so schreit der ganze„Mittelstand“ über unzu⸗ laͤssige Konkurrenz, und das Wehklagen der semitischen und bündlerischen Lebensmittel- antt verteuerer geht sogar unsern Freund Krumm zu Herzen! Jeder kann frei darüber entschelden, wo er seine Bedürfnisse einkaufen will, soll der Arbeiter dieses Recht nicht haben, soll er ver⸗ 6 ichtet sein, seine Groschen bestimmten Leuten nzutragen?— Es wird sich noch Gelegenheit finden, auf einige andere Bemerkungen unseres Genoffen einzugehen; wir wollen nur noch sagen, daß unseres 1 noch kein Agitator unserer Partei gesagt hat, daß alle Geschäftsleute minderes Gewicht gäben. Zweifellos hat Krumm mit seinen aalen das Beste der Partei und der Arbeiter im Auge, er haut mit den meisten aber gründlich daneben. — In der Wahlvereinsversamm⸗ lung werden diesen Samstag unsere beiden Vertreter im Stadtparlament über ihre Tätig- keit Bericht erstatten. Es darf wohl erwartet werden, daß die Mitglieder hierzu recht zahl⸗ reich erscheinen, umsomehr, als auch sonst noch wichtige Angelegenheiten zur Verhandlung stehen. Da es eine gewöhnliche Mitgliederversammlung ist, haben auch Gäste Zutritt. — Lohn bewegungen. In Gießen sind in mehreren Berufen die Arbeiter in eine Bewegung zur Verbesserung ihrer Arbeits- bedingungen eingetreten. Die Tapezierer . am Montag die Arbelt ein estel kt. Nachdem die Arbeiter vor etwa 14 Tagen den von ihnen aufgestellten Tarif den Arbeitgebern unterbreitet, und dabei zugleich bemerkt hatten, daß sie im Falle der Nichtanerkennung desselben kündigten, erhielt jeder Tapezierergehllfe am Samstag eine hektographierten Zettel von seinem Arbeitgeber zugestellt, auf welchem be⸗ merkt war, daß die Arbeltszeit 60 Stunden pro Woche betragen solle, also noch lohn als seither. Außerdem war der Stundenlohn an⸗ gegeben, der für die einzelnen Arbeiter etwas aufgebesserk war. Da es den Tapezlerern in erster Linie um die Erkämpfung der 9 stündigen Arbeitszeit zu tun war und diese die Haupt⸗ forderung bildete, bedeutete die neue, von den Arbeltgebern diktierte Arbeitsordnung eine Her⸗ ausforderung der Gehilfen, die u fahne or die Arbeit einstellten. Bezüglich der Löhne fordern dle Arbeiter einen Aufschlag von 10% und einen Minimallohn von 18 Mk., eine Forderung, die man gewiß nicht als übermäßig wird be⸗ zeichnen können. Die Maler und Weißbinder ver⸗ 95 0 0 am Mittwoch ebenfalls mit ihren rbeitgebern. Letztere wollten, wie wir kürz⸗ lich berichteten, den Arbeitern, ohne diese vorher lange zu fragen, einen Arbeitsvertrag auf⸗ diktleren, der verschiedene unannehmbare Be⸗ dingungen enthielt. Daraufhin reichten die Arbeiter einen Lohntarlf ein, der eine sehr mäßige Lohnaufbesserung enthielt. Man einigte sich am Mittwoch über alle Punkte, nur den geforderten Mindestlohn(32 Pfg. für Leute unter 21 Jahren, 40 Pfg. für ältere Gehülfen) lehnten die Meister ab. Im„Anzeiger“ be⸗ zeichnen ste diese Nor ing als„unerfülbar⸗, wie's immer geht, wenn Arbelter etwas ver- offentlich 100 die Weißbindermeister die geringfügige Forderung langen. einsichtsvoll genug, zu bewilligen. Dle Former haben ebenfalls den Unternehmern Forderungen elngerelcht. Sie verlangen in erster Linle Einführung der 9½ stündigen Arbeitszelt, die nächstes Jahr auf 9 Stunden verkürzt werden soll. Ferner word ein Tagelohn von 4 Mk. für gelernte Former nach be⸗ endeter Lehrzelt verlangt, zwei Jahre nach beendeter Lehrzeit sollen 5 Mk. bezahlt werden. — Das„unpartellsche“ Gießener Blatt, die„Neuesten Nachrichten“, machen bedeutende Anstren⸗ gungen, in Arbeiterkrelsen Abonnenten zu erobern. Wie uns von Arbeitern elner Tabakfabrik mitgetellt wurde, suchte der Werkführer die Arbelter zum Abonnement zu bewegen und zwar für— 10 Pfg. pro Woche! Jedenfalls hofft man, mit dem Einfluß des Werkführers ober Arbeitgebers bessere Geschäfte zu machen. Jeder vernünftige Werkführer oder Arbeltgeber wird elne der⸗ artige Vermittelung entschleden ablehnen, ebenso wle leder denkende Arbeiter sich das Recht der eigenen Ent scheldung Über seine Zeltungslektüre zu wahren wissen wird. Außerdem ist la den Gleßener Arbeltern der Charakter jenes„unpartellschen“ Blattes sattsam bekannt: seine fertig von Berlin bezogene polltische Meinung it durchaus rückständig und arbelterfeindlich. 5 e eee — Nr. 14. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. Aus dem Rreise sriedberg⸗Püdingen. § Politische Lorbeeren hat sich der Stadtrat von Bad Nauheim verdient. Der dortige Bildungs⸗ verein hat ein öffentliches Lesezimmer eingerichtet, welches neben Zeitungen sämtlicher andern politischen Richtungen selbstverständlich auch sozialdemokratische Blätter enthält, ebenso wie es in Frankfurt, Offenbach, Mainz, Darmstadt und Gießen der Fall ist. Als aber der Bad Nauheimer Bildungsverein den dortigen Stadtrat um Unterstützung seiner Bestrebungen bat, wurden die weisen Stadtväter von solcher Panik vor dem roten Gespenst ergriffen, daß sie nicht dafür zu haben waren. Der berühmte„Weltbadeort“ hat damit Anspruch auf das zweifelhafte Verdienst der größten wohl nicht nur politischen, sondern allgemein geistigen Rückständigkelt. — Die Unterschlagungen im Butz bacher Sparkassen verein find doch bedeutend höher, als zuletzt— zur Beruhigung des Publikums— angegeben wurde. Nach den neuesten Feststellungen betragen die Unterschleife Heinzerlings bei der Kasse selbst 92000 Mk., noch höher ist aber die Summe der unterschlagenen privaten Gelder. Im ganzen beläuft sich die veruntreute Summe auf rund 200 000 Mk., wie auch zuerst an⸗ gegeben wurde. Die Erregung gegen den Vorstand, der Heinzerling schalten und walten ließ, steigert sich täglich. Letzterer befindet sich jetzt im Gießener Untersuchungs⸗ gefängnis und soll, wie berichtet wird, sich über die von ihm angerichtete Geschichte nicht viel Gedanken machen. — Um den vollständigen Zusammenbruch der Kasse zu verhüten, wurden bei dem Mathildenstift, einem Privat⸗ institut, 10 000 Mk. aufgenommen, außerdem soll der Gemeinderat im Verein mit etlichen 40 gut situierten Bürgern sich zur Bürgschaftsleistung bereit erklärt haben. Ob die Kasse erhalten werden kann, bleibt allerdings immer noch fraglich. h. Nieder⸗Eschbach. Unser Genosse Heinrich Becker hat vorige Woche seinem Leben selbst ein Ziel gesetzt. Er litt an einer unheilbaren Krankheit und be⸗ zog als Mitglied der hiesigen Krankenunterstützungskasse und der Ortskrankenkasse Frankfurt a. M. Unterstützung. Es gab nun Lästerzungen, die behaupteten, Becker sei gar nicht krank, er fimuliere nur Krankheit, um die Unterstützungen zu ergattern und sich auf die faule Haut zu legen. Das hat den allezeit arbeitsamen Mann tief gekränkt. In einem Briefe, den man in seiner Rock- tasche fand, bezeichnet er diese Verleumdung, sowie das Bewußtsein, daß seine Krankheit unheilbar war, als Motiv seiner Tat. Er ist also eigentlich ein Opfer böser Zungen geworden.. Aus dem Rreise Alsfelo⸗Cauterbach. — Aus Als feld wird uns im Anschluß an die Notiz„Krankhafte Einbildung“ in voriger Nummer von anderer Seite mitgeteilt, daß schon seit undenklichen Zeiten ein Leichenwagen vorhanden sei. Die Träger werden nur gebeten zum Tragen der Leiche aus dem Sterbehause in den Wagen und am Friedhofe vom Wagen bis an das Grab. a. Ein alter Zopf. In Alsfeld findet die Konfirmation und Schulentlassung der Kinder erst zu Pfingsten statt. Gegen diesen in vieler Beziehung un⸗ praktischen Brauch wandte man sich im vorigen Jahre von verschledenen Seiten und verlangte, daß die Kinder zu Ostern entlassen werden sollten. Demgegenüber traten aber andere unter Anführung der merkwürdigsten Gründe für Beibehaltung des bisherigen Termins ein. Tat⸗ sächlich bringt der bisherige Brauch für manchen Familien⸗ vater Nachteile mit sich und es sollte die Bevölkerung auf Abstellung desselben dringen. Aus dem RNreise Weßzlar. h. Die Hirsch⸗Dunkerschen Gewerk⸗ vereine, merkwürdige Gebilde aus früherer Zeit, die sich auch Arbeiterorganisationen nennen— entwickeln in letzter Zeit im Wetzlarer Kreise größere Agitation. Am Sonntag hielten sie wieder eine Versammlung im Schützen⸗ garten ab, die aber zum größten Teile von Mitgliedern der freien Gewerkschaften besucht war. Es sprachen die Herren Trabert aus Berlin und Zeegler aus Köln, die sich hertige Ausfälle gegen die Metallarbeiter leisteten. Ihnen traten Leimpeters vom Bergarbeiterverband und Fuhrmann vom Metallarbeiterverband entgegen und es kam zu scharfen Zusammenstößen. Einen Erfolg haben die Gelben nicht zu verzeichnen. h. Die Ortskrankenkasse Wetzlar hat im vergangenen Jahre nicht günstig abgeschnitten. Nach dem Kaffenbericht, der in der am Sonntag stattgefundenen Generalversammlung gegeben wurde, mußten, um die laufenden Ausgaben zu decken, 1100 Mk. dem Reserve⸗ fonds entnommen werden, sodaß mit einer Erhöhung der Beiträge gerechnet werden muß. Der Kassenabschluß balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 15 628 98 Mark bei einem Kassenbestande von 40,33 Mk. Der Reservefonds belief sich am 1. Januar d. Js. auf 3436 Mark.— Zum 1. Juli wird der bisherige Kassierer, Herr Maas sein Amt niederlegen; die Stelle soll aus⸗ geschrieben werden. Mitgeteilt wurde ferner noch, daß Herr Zahnarzt Kuhne für die Kassenprapis zugelassen ihr. h. Kontrollversammlungen finden statt in: Wetzlar, Schützengarten, Dienstag, 10. April vorm. 10 Uhr für Hof Altenberg, Garbenheim, Nauborn, Ober⸗ biel, Steindorf. h. Für Launsbach und Wißmar wurde ein Zweigverein des sozialdem. Kreiswahlvereins ge⸗ gründet. Die Vereinsversammlungen finden jeden ersten Sonntag im Monat bei Gastwirt Komp in Launsbach nachmittags 4 Uhr statt. Westerwasd und Antersahn. h. Brauerstreik in Weilburg. Seit Kurzem befinden sich die Brauer in Weilburg im Ausstande. Sie hatlen vor etwa vier Wochen der Brauerei Helbig einen Tarif eingereicht, in welchem als Hauptforderung pro Woche 24 Mark und Kost außer dem Hause verlangt wurde. Bisher bekamen die Brauer ihre Kost im Ge⸗ schäft, die manches zu wünschen übrig ließ. Nach der ersten Unterhandlung wurde ein Verbandskollege, welchen Herr Helbig für den Anstifter hielt, gemaßregelt; eine zweite Unterhandlung scheiterte, und so traten die Organisterten in den Streik. Arbeitswillige haben sich bis jetzt gefunden in dem Gastwirt Georg Guthardt in Kirschhofen, welcher sonst immer ein gutorganisierter Sattler gewesen sein will, und dem Maurer Friedrich Holder von Odersbach, einem Mitglied des Kriegervereins. n. Die Ortskrankenkasse in Weilburg hielt am Sonntag„Generalversammlung“ ab. Bei Verlesung der Generalversamu lungs⸗Vertreter stellte sich heraus, daß keiner anwesend war. Von den Anwesenden war einec überhaupt nicht mehr in der Krankenkasse, ein anderer wußte nicht, daß er Vertreter war. Von einem der verlesenen Vertreter stellte es sich heraus, daß er schon vor zwei Jahren gestorben ist.() Die Mitglieder sollten sich wirklich mehr um die Kasse bekümmern, sonst können doch die Verhältnisse nicht gebessert, Mißstände nicht beseitigt werden. Aus der Rechnungsablage geht hervor, daß für ärztliche Behandlung 8000 Mk., für Krankenunterstützung 9000 Mk. aufgewendet worden ist. * Beleidigte Stadtväter. In Haiger wurde Gen. Trott wegen Beleidigung einiger Stadt⸗ verordneter zu 300 Mk. Geldstrafe verurteilt. Bei der letzten Gemeindewahl hatte er ein Flugblatt herausge⸗ geben, in welchem die dortige Rathauswirtschaft gegeißelt und einige Stadtväter sehr scharf angegriffen wurden. Dem Angeklagten wurde zugebilligt, daß er in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe. Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain. Mitgliederzahl der Marburger Gewerk⸗ schaften. Der kürzlich vom Gewerkschaftskartell erstattete Bericht machte nähere Angaben über die Stärke der ein⸗ zelnen Gewerkschaften, sowie die Zahl der in den be⸗ treffenden Berufen Beschäftigten. Es ergibt sich danach folgende Tabelle: Mitglieder: Beschäftigte: 5 40 Bäcker Buchdrucker 48 50 Erdarbeiter 50 350 Holzarbeiter 70 140 Kupferschmiede 1 4 Lackierer 36 121 Metallarbeiter 21 152 Maurer 100 145 Schneider 31 55 Schuhmacher 13 32 Steinhauer 27 37 Zusammen: 452 1126 Diese Zahlen zeigen, daß noch eine große Organi⸗ sationsarbeit in Marburg zu leisten ist. In der Wahlvereinsversammlung wurde die Reichstags⸗Kandidatenfrage erörtert. Genosse Bader⸗Magdeburg will die Kandidatur nicht wieder an⸗ nehmen, weshalb der Vorstand nach gründlicher Aus⸗ sprache beauftragt wird, nach einem geeigneten Kandi⸗ daten Umschau zu halten. Desgleichen beauftragte man den Vorstand, die„Maifeier“ zu regeln. Nach erfolgtem Ausschluß eines Mitgliedes und Neuaufnahme von neun Genossen in den Wahlverein besprach Gen. Dr, Michels die antimilitaristische Bewegung in Frankreich. Er lobte besonders den Opfermut der französischen Genossen in ihrer antimilitaristiscen Bewegung. Diesen Opfermut sollten sich die deutschen Genossen zum Vorbild nehmen. Aber das deutsche Proletariat ist dank seiner guten Füh⸗ rung bereits„geistig vernachlässigt“, nach Ansicht Michels. Ferner warf Redner die Frage auf, was uns wohl unsere Demonstration am 21. Januar genützt habe? Nach seiner Ansicht gar nichts! In der sich hieran anschließenden Diskussion kamen jedoch andere Ansichten zur Sprache, die sich mit diesen Ausführungen nicht deckten. Mit Ausnahme des Genossen Abel waren sämtliche Redner der Meinung, daß das deutsche Proletariat heute auf einer geistigen Höhe angelangt sei, wie nie zuvor. Ent⸗ schieden müsse der Vorwurf Michels zurückgewlesen werden, daß der rote Sonntag uns nichts genützt habe. Wer nur einigermaßen die Berichte vom Verlauf des roten Sonntags gelesen hat, der müßte zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß das deutsche Proletariat an diesem Tage seine Macht gezeigt habe. Und selbst in Marburg kam am roten Sonntag eine Versammlung zustande, die alle übrigen derartigen Versammlungen übertroffen hat. Genosse Michels trat wiederholt für seine Auffassung ein, fand aber wenig Zustimmung. Reichskanzler Fürst Bülow wurde am Donnerstag im Reichstage während einer Rede Bebels ohnmächtig. Später erholte er sich wieder. Nach Wiedereröffnung der Sitzung brach Bebel seine Rede ab. Opfer der Bergarbeit. Noch hat sich die Aufregung über das fürchler⸗ liche Unglück in Courriéres nicht gelegt, so wird schon wieder ein neuer Grubenbraud gemeldet, der zwar mit der Katastrophe in Frankreich nicht entfernt zu vergleichen ist, doch immerhin mehreren Bergarbeitern das Leben gekostet hat. In der Friedensgrube bei Gletwitz in Oberschlesten entstand am Freitag Feuer. Man dämmte die Brandstelle ab, doch wurden 40 Mann durch giftige Gase betäubt und von der Rettungsmannschaft herausbefördert. Zwei davon starben; 10 mugten im Krankenhause Aufnahme finden. Die übrigen konnten sich nach Hause begeben. Partei-Machrichten. Genosse Heinrich Meister, Reichstagsabge⸗ ordneter für Hannover ist Donnerstag früh im Alter von 64 Jahren gestorben, nachdem er am Dienstag einen Schlaganfall erlitten hatte, Zur Maifeier. Die Vereinsvorstände derjenigen Orte, die zur Maifeier einen Redner wünschen, wollen sich dieserhalb sofort an den Vorfttzenden des Kreiswahl⸗ vereins Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44 wenden. „Liebknechts Leben“. Aus Anlaß des 80. Geburtstages Wilhelm Liebknechts— 29. März— gibt die Buchhandlung„Vorwärts“ in einigen Tagen eine neue Auflage der in ihrem Verlage im Jahre 1900 erschienenen Biographle Liebknechts heraus. Der Um⸗ fang des Textes ist nahezu verdoppelt; so hat der Ver⸗ fasser die Kämpfe mit v. Schweitzer dieses mal aus⸗ führlicher behandelt. Ebenso sind neue Einzelheiten und Urkunden aus dem Leben unseres„Alten“ eingefügt worden. Verschiedene Bilder werden in dieser Auflage zum ersten Male veröffentlicht. Endlich ist eine besondert Sorgfalt auf eine würdige Ausstattung verwandt worden. ersammlungskalender. Samstag, den 7. April. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Lindenstruth. Arbeiter⸗Verein. Abends 8 ½ Uhr Versammlung bei Wirt Peter Zinkaun. Zahlreich erscheinen. Staufenberg. Volks verein. Abends 8/ Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Geiß ler. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Sonntag, den 8. April. Lollar. Wahlverein. Vormittags 10½ Uhr Versammlung bel Wirt Schupp. Montag, den 9. April. Gießen. Schneider verband. Versammlung bei Or big. Dienstag, den 10. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Die nächste Nummer unseres Blattes gelangt wegen des Charfre tags bereits am Donnerstag, den 12. April, zur Ausgabe. Zuschriften erbitten wir bis spätestens Mittwoch 1 Uhr nachmittags. Abends 9 Uhr Briefkasten. N. N.⸗Alsfeld. Wir haben doch schon so oft erklärt, daß wir nichts aufnehmen können, von dem wir nicht wissen, wer der Einsender ist. Also immer Namens⸗ unterschrift! Der Name kommt nie in die Zeitung (ausgenommen der Einsender wünscht es), wird auch nie andern Personen, auch nicht Behörden genannt— Wir müssen aber wissen, mit wem wir es zu tun haben. Dem Abdruck Ihrer Zuschrift steht nichts im Wege, wenn Sie uns Ihren Namen nennen. ——— ä— ä . 2—— — Seite 6. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Nr. 14. Im brennenden Kohlenschacht. Der Journalist Villette schilderte dieser Tage im Pariser„Gaulois“ eine Fahrt in die bren⸗ nenden Kohlengruben von Courrieéres, in die er mit einigen Ingenieuren eingefahren war. Von seiner Schilderung sei folgendes wieder⸗ gegeben: „Bald sind wir unten, 340 Meter tief unter dem Erdboden. Ein feiner eisiger Regen rieselt auf uns nieder; er kommt von dem großen Behälter über uns her, der die verschiedenen ur Erstickung des Feuers tätigen Spritzen speist. Vor uns tauchen ein paar flackernde Flämmchen auf und allmählich erkennen wir auch als große schwarze Schatten die Träger dieser Lichter; es sind Bergleute, die hier auf uns gewartet haben. Wir folgen zunächst dem Hauptwege, auf dem Eisenbahnschienen gelegt sind und der die Gruben mit dem Fahrstuhl verbindet. Nach einander schieben wir uns langsam vorwärts. Ein scharfer Geruch von feuchter Kohle schnürt uns die Kehle zu; bald wird die Galerie immer enger, Trümmer von zerbrochenem Holz, zer⸗ borstenen Eisenschienen, umgestürzten und zer⸗ brochenen Wagen häufen sich auf, große Steine und Kohlenmassen schieben sich in den Weg. Das Vordringen wird mühselig, und ein Bild völliger Vernichtung und Zerstörung bietet sich da. Ein pestilenzartiger Gestank betäubt uns fast; es ist der Kadaver eines Pferdes, der unter all den Trümmern noch begraben liegt und die Luft verpestet. Wir sind jetzt etwa 500 Meter weit von der Ausgangsstelle her vorgedrungen und nähern uns dem Feuer. Eine starke Hitze fängt an, sich bemerkbar zu machen. Der ganze Schacht ist zerstört und verwüstet; er hat jetzt kaum einen Meter Breite und 1.30 Meter Höhe. Er ist wie ein langer furchtbarer Schlauch, dieser schmale dumpfe Gang mit seinen großen Steinblöcken, die drohend uber unseren Köpfen hängen und deren riestge Gewalt die starken Holzverschläge wie Stroh⸗ halme zerbrochen hat. Gefährlich ist's an diesem Ort, und wenn irgend ein unterirdischer Stoß die Erde auch nur ein wenig erschütterte, dann wären wir lebend unter diesen Steinen begraben, ohne daß es möglich wäre, uns Hilfe zu bringen. Schweratmend wenden wir uns um und treten aus diesem schmalen Gang in eine etwas breitere Galerie, in der wir wenigstens aufrecht gehen können. Eine Flut schwarzen Wassers, das einen widerlichen Dampf aufsteigen läßt, um⸗ fließt uns hier und vorsichtig tasten wir uns durch diese schlammige Nässe vorwärts. Bis zu den Knöcheln steigt die schmutzige Welle und spritzt bis an die Knie, die Schuhe werden fest⸗ gehalten von dem zähen, klebrigen Schmutz, auf Schritt und Tritt stößt der Fuß auf Steine, Holz, Eisenstücke, welche die furchtbare Exploston verstreut hat. Dazu herrscht eine erstickende Hitze, die immer größer wird, je näher wir an das Feuer kommen. Wenige Meter von dem Feuer entfernt, machen wir fast erstickt Halt. Ein Posten ist hier aufgestellt; Männer bis zum Gürtel nackt, das Gesicht und den Oberkörper ge⸗ schwärzt von Schmutz und Kohlenstaub, in Schweiß gebadet, lehnen hier in stoischer, stolzer Ruhe; es sind Pariser Feuerwehr⸗ leute und Männer der deutschen Rettungs⸗ mannschaft, die darauf warten, ihre Kameraden, die im Feuer arbeiten, abzulösen. Kriechend und stöhnend suchen wir noch weiter vorwärts zu kommen; der Boden ist kochend heiß und glüht, denn gestern war das Feuer noch hier und diese zehn oder zwölf Meter, durch die wir uns nun hindurchwinden, sind eben erst dem furchtbaren Element abgerungen worden. Eine helle Lohe schlägt vor uns auf. Das ist das Feuer! Ein Pariser Feuerwehrmann, das Mundstück der Feuerspritze in der Hand, erstickt mit mächtigem Strahle die Glut, wäh⸗ rend die deutschen Retter, flach auf dem Bauche liegend, aufpassen, ob ste ihm zu Hilfe eilen müssen. Zischend und prasselnd verzehrt das Wasser die lodernden Flammen, Dampfwolken brausen empor und verflüchten sich durch den Luftzug des Ventilators. Die Wände der Galerie dampfen vor stedender Hitze, auch die Kohle, die auf dem Boden verstreut liegt, raucht und glüht. Selbst wenn man keine Flammen steht, so hat man doch den Eindruck, daß diese schwarze Kohlenrinde einen Herd glühender Flammen und grausigen Feuers verbirgt. Das Blut pocht in den Schläfen, ein Sausen und Schwirren klingt in den Ohren, der Körper ist in Schweiß aufgelöst, eine so furchtbare Hitze herrscht hier. Wir schlagen dann einen neuen Weg ein, der auf bisher noch unerforschtes und unbe⸗ tretenes Gebiet führen soll. Wieder kriechen wir in schmalem Gange, auf Schritt und Tritt von Trümmern und Steinen gehindert, die wir nur mühsam aus dem Wege schaffen, während wir uns in acht nehmen muͤssen, mit dem Kopfe nicht die aufgetürmten Steine zu berühren, die auf uns niederstürzen könnten. Auf einmal stehen wir dreißig Zentimeter tief im Wasser. Durch den heißen Schlamm waten wir weiter, der Ingenieur geht sorgsam voran. Plötzlich ruft er:„Löscht die Lampen aus!“ Tiefe Dunkelheit umgibt uns in der heißen stickenden Luft, in der von allen Seiten wie in einem Grab Steine auf uns drücken. Im Hintergrund durch ein klaffendes Loch sehen wir einige Flammen aufflackern; auch hier ist Feuer. Die Hitze wird immer unerträglicher, und ein furcht⸗ barer Geruch von brennendem Holz betäubt uns fast. Wir sind mitten in dem großen feurigen Ofen, den diese Gruben darstellen, bei 50 Grad Hitze. Jedes weitere Vordringen ist hier K n, und wir müssen notgedrungen zurück..“ . Ein Geschichtchen aus dem Weinland. Der alte Winzer Emmel in Niederhammerstein am Rhein ist ein gottesfürchtiger, christkatho⸗ lischer Mann, dem ganz gewiß niemand nach⸗ sagen dürfte, daß er je die Pflichten seiner Kirche vernachlässigt habe. Im Gegenteil, er hat ste alle treulich erfüllt sein Lebenlang, er sowohl wie sein Weib, die jetzt„in Gott ruht“ und dort oben den Lohn für ihr hienieden ach so mühseltges Leben erntet. Ist es doch einzig und allein. wie der Herr Pastor sagt, seine heilige Kirche, die katholische, die ganz gewiß selig macht, die ganz allein selig macht, wenn man sich nur ihrer Gnadenmittel bedient, recht⸗ zeitig und ausgiebig bedient, natürlich, sollte es auch einmal einen Taler kosten, den man eigent⸗ lich für Brod und Kleider mehr wie gut ge⸗ brauchen könnte.— Wie es nun zugehe, daß der stille, geduldige Alte einen Sohn hat, der so ganz aus der Art geschlagen scheint! Neun Kinder hat ihm sein Weib geboren, fünf davon leben, die vier, die gestorben sind, konnte die Mutter nie vergessen. Unter Tränen sagte ste oft:„Sie alle könnten noch da sein, hätte man etwas mehr dazu: Zeit und Geld, aber vor lauter Abrackerei und Sorge muß man sein eigen Fleisch und Blut dahin⸗ welken lassen“. Jedoch um so besser gediehen die Ueberlebenden, drei Buben und zwei Mädels. Die waren so urkernig und gesund und schlank und rund, wie man sich Rittersleute und Barone denkt, wie die aber nicht sind. Zwei Söhne waren Winzer wie der Vater, der eine schon verheiratet; von den Töchtern war eine im Dienst, eine zu Hause, der jüngste Sohn aber war Schlosser. Der hatte ein Stück Welt durchwandert und seit einem halben Jahr daft er in Deutz in einer großen Fabrik. un war er zur Kirmes nach Niederhammerstein zu den Seinen gekommen. Die Niederhammersteiner Kirmes ist die letzte Kirmes am Rhein, sie fällt auf Sankt Katha⸗ rienentag, das ist Ende November, die Zeit des Ausruhens für den Winzer. Jetzt sitzt der alte Emmel im Kreis der Familie in der gemütlich durchwärmten und erhellten Wohnstube beim Neuen, der in einer bauchigen Steinkanne auf dem Tisch stand. Auch ein dicker„Platz“, ein Rosinenkuchen, präsentierte sich, recht appetitlich in Scheiben geschnitten. Wer immer kommt, der ißt und trinkt, es ist eben nur einmal im Jahr Kirmes. So gut wie der vorjährige mundet der neue nicht. Schade! Ewig schade, daß man so ein prima Weinchen um die paar Pfennige los⸗ schlagen muß! Das wird ein Gedenkwein für Kinder und Kindeskinder! 19041! Ja, und der Weinhändler tut sich jetzt dick damit und hat den Profit. Der Winzer aber hat die Plage. Und die Vornehmen und die Reichen die trinken das gute Tröpfchen. Nicht einmal einen Liter konnte man davon zurückbehalten. Der neue aber ist noch ziemlich federweiß. Na ja, er schmeckt ja auch nicht übel. Der Alte schmaucht sein Pfeifchen und ist schon wieder zufrieden. Das Jungvolk ist nun tanzen gegangen. Das jungverheiratete Paar, die Töchter mit ihren Schätzen, der zweite Sohn mit seinen Kameraden. ur Heinrich, sein Jüngster, will ihm einstweilen noch etwas Ge⸗ sellschaft leisten. Da wären sie nun hübsch allein miteinander; gute Gelegenheit auszurichten, was ihm der Pastor so sehr ans Herz gelegt. Wa⸗ rum es nur der Pastor nicht selber tat!? Aller- dings, der Heinrich, der konnte einem in aller „Beliebtheit“,(meint Liebenswürdigkeit) doch recht scharf heimleuchten! „Trink aus, Heinrich“, sagte der Alte und er ging mit gutem Beispiel voran. Der Heinrich ergriff den schweren Steinkrug und schenkle wieder ein. „Sag Heinrich“, hob der Alte wieder an, „da draußen in der Welt verlieren die Leut' leicht den wahren Glauben“. „Hm“ machte der Heinrich,„wieso?“ „Ja“, sagte der Alte etwas unsicher,„da geht der Teufel um und suchet wen er verschlinge“. Heinrich lächelte, denn sein alter lieber Vater hatte den letzten Satz in prachtvollstem Hoch⸗ deutsch gesprochen, beinahe wie der Herr Pastor auf der Kanzel. Heinrich wappnete sich. „Na“, sagte Heinrich,„da wird der Teufel auch manchmal Bauchweh haben, aber was ich sagen wollte, der Neue macht sich eigentlich gar nickt schlecht“. Und er trank. Aber der Alte war nun im Zuge:„Bauch⸗ weh, von den Sozialdemokraten gelt? Du rebest daher, als wärst du schon einer. Sag' Heinrich, glaubst Du noch an'n Herrgott, wenn Du schon vor'm Teufel nit mehr bang bist!?“ „Ich?“ fragt Heinrich,„gewiß tu' ich das“. „Ja“, sagt der Alte freudig,„dann geht et ja noch. Der Herr Pastor hat mir gesagt, er hätt' Dich mit dem roten Kerl zusammengesehen, der in Leutersdorf vorigen Sonntag in der sozialdemokratischen Versammlung hat sein Maul laufen lassen, det“——— „In der Metallarbeiterversammlung, ja, mit dem Josef hab' ich gesprochen“. „Das sein doch Soztaldemokraten, diese, die Metallarbeiter?“ Der Alte sprach das letzte Wort wieder in bestem Hochdeutsch. „Wie mans nimmt“, sagt Heinrich lakonisch. „Und Du glaubst wirklich an'n Herrgott?“ „Ja Vater“, beharrt Heinrich,„ganz sicher⸗ lich. An einen Herrgott glaub' ich, aber ich weiß nicht genau welcher von den dreien es ist“. „Wie?“ fragt der Vater. „Siehst Du“, erklärt Helurich,„in Köln hab' ich manchmal gesehn, wie sie Einen beerdigten. War es ein Armer, dann trugen sie ihm das hölzerne Herrgöttchen voran; konnten sichs die Leute leisten, dann bestellten sie sich das kupferne Herrgöttchen und war ein ganz Reicher gestorben, dem leuchtet das silberne e l paß zu Grabe. Ein prachtvolles Krnzi⸗ x ist das, Vater, vergoldet und das blitzt in der Sonne und funkelt wie Edelstein und wie ganz neue Zwanzig Märker. Nun weiß ich ui recht, welches das rechte Herrgöttchen ist, und an welches ich glauben soll; ob ans arme hölzerne, ans kupferne für den Mittelstand oder ans silberne für die Reichen“. a Heinrich schwieg und sein Vater tat dasselbe. „Siehst Du“, begann Heinrich wieder,„wenn man so in der Welt herum kommt, dann steht — 4 1 ——— Nr. 14. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. man so allerlei, daß es Einem nicht danach ist, als ob wir nur einen, einen und denselben Herrgott hätten!“ Der Alte nickte nachdenklich. „Und die Sozialdemokraten...“ Da ermunterte sich der Alte wieder:„Von denen halt' mir's Maul!“ winkte er energisch ab. Nein, soweit will er doch seinem Pastor, der ihm den Himmel vermittelt, nicht wider⸗ streben. Freilich, den Heinrich kennt er nun, und wie die paar Worte doch in seinem eigenen alten Schädel rebellische Gedanken und in seinem Rheinländerblut rebellische Wellen erregt haben! Ach, fort damit! So lange war es demütig gewesen, die paar Jährchen bis zum Grabe hielt ers noch, die gingen auch noch hin unter dem Hie und da ein Stern, sonst Dunkelheit. Aber schwach hoben sich dennoch die Kontouren des Berges mit der Ruine vom schwach erhellten Himmel ab. Diese prachtvollen, entzückenden Linien. Diese stille Gewalt, die zwang das erregte Gemüt zu Ruhe und Andacht. Und leise sangen dazu die fließenden Wasser des Rheins ihre ewige Melodie voll Sanftmut und Klarheit. Singen sie von ihrem Ziele, dem hoheitsvollen Meere, raunten sie von Vergessenheit und Ruhe? Wer weiß es!! Jedoch, Heinrich war kein Gottesleugner. Aber wo sein Gott wohnte, da war helliger Boden. Und wer sich ihm nahen wollte mit frömmelndem und heuchlerischem Wort und Tun, den schreckte er aus dem Dornbusch. Nun, dem Humoristisches. Ein Pessimist. Salomon Blitzableiter, seines Zeichens Trödler, steht in seinem Geschäftslokal, zur Seite die liebende Gattin. Er rechnet seinen Profit aus. Da tritt ein Mann herein, legt eine Mark auf den Tisch und sagt:„Hier, das haben Sie mir heute Morgen zuviel herausgegeben!“ Vor Ueberraschung blelbt Salomon sprachlos. Als das seltsame Phänomen ver⸗ sch wunden ist, bricht er in die Worte aus:„Um Gottes⸗ willen, Sarah, was muß ich dem zuviel herausgegeben haben, wenn er mer e Mark wiederbringt!“ Die„höhere“ Tochter. Backfisch(im Guts⸗ hof eine Henne beobachtend, die gerade ihre Küchlein unter ihre Flügel kriechen läßt):„Sieh nur, Mama, wle herzig! Eben säugt die Henne ihre Jungen!“— findet jeder⸗ alten Joch. J Der Heinrich aber wax aufgestanden und hingusgegangen in die kühle Nobembernacht. —— Herrn Pastor wird sein guter Alter des Hein⸗ richs Meinung unverfälscht übermitteln. ——— Konfirmandenstiefel für Mädchen und Knaben in größter Auswahl zu billigsten Preisen FantfaterSchuflage N. Reiss- Giessen 12 Mäusburg 12 Umtause gestattet! Ronkirmandenstiefel in jeder Preislage und reichster Auswahl, sowie Arbeiter-Schuhe und Stiefel, Sonntagsstiefel und alle sonstigen Schuhwaren in den besten Qualitäten zu den billigsten Preisen empfiehlt Justus Benner Giessen Marktstrasse 34. Reparaturen in eigener Werkstätte rasch, gut und billig Anfertigung nuch Muss. Edgar Borrmann: Giessen Telephon 228 Neustadt 11 Eisen handlung, Stahlwaren, Werkzeuge Haus- und Küchengeräte- Handlung. Spaten Landwirtschaftl. 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