Nr. 31. Gießen, den 5. August 1906. 13. Jahrgang. Medaktion: 2 edaktionsschlue Alrchentlatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche 55 Nhe 4 Uhse. S 5 5 r f Sonnt Nö kitun Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfeunig. Erpedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch. Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Eypedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 331½% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Unsere Reichspolitik. Mit unserer gegenwärtigen Reichspolitik sind die allerwenigsten Deutschen zufrieden, ste findet noch nicht einmal die Zustimmung der „Staatserhaltenden“. Was wir vom sozial⸗ demokratischen Standpunkt daran auszusetzen haben, legte unser Genosse Dr. Da vid in der am Montag in Gießen stattgefundenen Volks⸗ versammlung dar und wir geben hier das Hauptsächlichste seiner Ausführungen wieder. David wies zunächst auf die vom Reichstage bewilligten neuen Steuern hin, die zirka 200 Millionen Mark betragen und zu/ in⸗ direkte sind, die die große, minderbemittelte Masse belasten, die reichen Leute aber verschonen. Das treffe besonders auf die Btersteuer zu, aber auch bei der Zigarettensteuer liege es ebenso. Die Fahrkartensteuer sei ge⸗ radezu ein Hohn auf eine vernünftige Verkehrs⸗ politik, ebenso die Erhöhung des Orts⸗Brief⸗ portos. Die Folge der Fahrkartensteuer wird sein, daß die vierte Klasse noch mehr benutzt wird und das Fahren darin noch menschen⸗ unwürdiger. Und gerade die zum sogenannten Mittelstand gehörigen Bebölkerungsschichten werden dadurch belastet. Aber gerade diejenigen Parteien, die immer den Schutz des Mittel⸗ standes im Munde führen, besonders die National⸗ liberalen, waren es, die dem Mittelstande be⸗ beutende Lasten auferlegten, während die Sozial⸗ demokraten den Mittelstand schützten. Das müssen endlich auch die kleinen Leute einsehen. Selbst das nattonalliberale„Leipz. Tagebl.“ sprach sich in diesem Sinne aus. Die Natsonal⸗ liberalen sind ja meist schwer reiche Leute, wie Heyl, Oriola ꝛc., auch der Vertreter des Gießener Kreises und ste suchen Steuern, die das arme Volk zahlen muß. 900 Millionen der Reichs⸗ einnahmea werden durch indirekte Steuer auf⸗ gebracht; auf den Kopf der Bevölkerung beträgt dies 15 Mk., auf die Familie 60-90 Mk. Das bedeutet für den Arbeiter zehn Prozent seines täglichen Einkommens! Das ist unge⸗ recht und unsinnig, führt noch mehr zur wirt⸗ schaftlichen Schwächung der Volksmehrheit. In Hessen haben mehr als zwei Drittel der Ein⸗ kommensteuerpflichtigen unter 1100 Mk. Ein⸗ kommen. Damit kann eine Familie bei den heutigen Preisen nicht erhalten werden, sie müssen entbehren. Auf der andern Seite haben wir in dem kleinen Hessen 500 Millionäre, darunter viele mehrfache, in Preußen deren 7600. Die Kapitalien ballen sich wie Schnee⸗ lawinen zusammen, für die Mehrheit bleibt aber nichts mehr übrig. Jetzt werden Steuern ge⸗ macht, die diese Konzentration noch befördern. Mit der von uns vorgeschlagenen Vermögens⸗ und progressiven Einkommensteuer ist noch keines⸗ wegs alles getan. Vielmehr müssen die großen Betriebe(Verkehrsmittel, Bergwerke) auf die Allgemeinheit übernommen werden. Diese Ansicht wird jetzt sogar von Konservativen geteilt.— Von den neuen Steuern bewegen sich nur die Tantiemen⸗ und Erbschaftssteuer in der von uns vertretenen Richtung. Man schrie dar⸗ über, aber doch wollten wir mit unsern Anträgen nur erreichen, was in andern Ländern schon seit Jahrzehnten besteht. Warum soll man nicht alle diese Rieseneinkommen besteuern und nur Aktiengesellschaften und Tantiemen heran⸗ ziehen? Doch hat man mit der Tantiémensteue wenigstens prinzipiell die direkte Steuer an⸗ erkannt. 5 Warum brauchte man 200 Millionen? Für Militär und Marine. Während man früher keine Angriffsflotte wollte, weil wir auch eine solche nicht brauchen, macht man jetzt in Welt⸗ machtspolitik. Wir machen diese nicht mit. Durch allerlei törichte Zölle schlägt man den Inlandskonsum und dann sucht man auswärtige Absatzgebiete! Der deutsche Handel wickelt sich zu neun Zehntel mit den Seemächten ab; wir brauchen also zum Schutz des Handels keine Flotte. Aber für die Kolonten! sagt man. Ach, unsere Kolonialpolitik, das ist ein büsteres Kapitel! Jetzt sind's aber nicht mehr bloß die Sozialdemokraten, welche„nörgeln“, jetzt duftet's auch andern Leuten schon in die Nase, denn der Morast stinkt zum Himmel!— Jeder in den Kolonien lebende Deutsche kostet dem Reiche jährlich 20000 Mk.! Für weniger Geld könnte man diese Leute gut in Deutschland verpflegen. Hätte man das Geld in Deutschland angewendet!— Die Flottentreiberei ist toll. Früher kamen 5 englische Kriegsschiffe auf ein deutsches. Dies Mißverhältnis wollten die deutschen Flottenpatrioten ausgleichen, aber natürlich baute auch England neue Schiffe und jetzt ist das Verhältnis genau dasselbe! An der Treiberei trägt Deutschland die Hauptschuld; auf Verminderung der Flottenrüstungen ab⸗ zielende Vermittelungsvorschläge hat es stets abgelehnt. Wer eine große Flotte will, soll dafür bezahlen! Doch die Flottenleute schimpfen gegen die Besteuerung der Fürsten. Warum sollen deren Rieseneinkommen und Vermögen steuerfrei bleiben? Die Flottenphantasten treiben eine für das Volk verderbliche und gefährliche Agi⸗ tation. Seitdem„Deutschlands Zukunft auf dem Wasser liegt“, haben wir die tollsten Dinge erlebt. Immerwährendes Phrasengeklingel! Stets sollen noch mehr Plätze gesucht werden, wo ein Nagel eingeschlagen werden kann, an dem wir„unser Rüstzeug aufhängen können.“ Das sind kostspielige Experimente, die das Aus⸗ land teils höhnisch, teils mißtrauisch beobachtet. Eine unstnnige Verschwendung treibt der Militarismus. Kostspielige bunte Uniformen, Paraden, glitzernden Firlefanz, Medaillen, Schnüre! Kein Mensch kennt sich mehr in den zahllosen Abzeichen und Gehängsel aus. Man verkürze dafür lieber die Dienstzeit, was sehr leicht zu machen ist, wie das Institut der Ein⸗ jährigen zeigt. Die allgemeine Volksbildung möge man heben, damit hebt man auch die Wehrkraft des Volkes. Jetzt geht kein Fürst mehr in die Volksschule wie früher manchmal; bei den vielen Fürstenreisen sieht der Fürst die Kinder nur als Spalierpuppen.— Der heute herrschende Maulpatriotis mus ist das Gegenteil des wahren Patriotismus. Uns wirft man Internationalität, Vaterlandslosig⸗ keit vor. Es gibt aber nichts internationaleres als die gekrönte Internationale! Alle Fürsten sind verschwägert und verschwistert; oft wird der Glaube wie das Hemd gewechselt, wenn's ein Thrönchen zu ergattern gibt. Gewiß sind wir international, das bedeutet aber nicht anti⸗ national, wir erkennen vielmehr die Nationalität eines jeden an. Am Krieg haben nur sehr wenig Leute, die Panzerplatten⸗ und Klaogenfabett anten, Lieferanten und Bankiers ein Interesse. Deren Interesse vertreten die liberalen, konservativen ꝛc. Zeitungen.— Bei dem Marokko⸗Rummel war ein blutiger Konflikt sehr nahe. Jaures und die französischen Sozialdemokraten haben ihn verhindert. Die Idee des Völkerfriedens erwies sich dort als stark genug. Unsere„Patrioten“ schelten Bebel vaterlandslos und stellen Jaures als gut„national“ gesinnten Mann hin. Die französtschen Mordspatrioten machens gerade umgekehrt! Es ist drüben wie hüben. Die Zeit ist vorüber, daß die Diplomaten Kriege machten und das Volk wie Schafe zur Schlacht⸗ bank schleppen konnten. Entscheidet das Volk über Krieg und Frieden, wie wir es wollen, so sind Kriege unmöglich, die nur ihm Schaden bringen. Damit richten wir ein Friedensboll⸗ werk auf. Leitender Gesichtspunkt der sozial⸗ demokratischen Partei ist: von unten her die Kultur zu heben, damit hebt man das ganze Volk. Es gilt dahin zu streben, daß die Leute, die an der Kultur arbeiten, Anteil an dieser haben. Jetzt ist die Masse von der Kultur ausgeschlossen. Dem ganzen Volke die höheren materiellen Güter! Redner streifte noch kurz die revolutionäre Bewegung in Rußland, wo stch das so lange geknebelte Volk endlich an⸗ schickte, das Joch abzuschütteln. Sollten deutsche Reaktionäre etwa versuchen, die russische Frei⸗ heitsbewegung mit deutschen Waffen niederzu⸗ knüppeln, so würden die deutschen Arbeiter bereit sein, dem mit ihrer Waffe, dem Massen⸗ streik, entgegenzutreten. Wir wollen friedliche Entwickelung. Wir wollen die Geister revolutionieren, den Unver⸗ stand der Massen bekämpfen. Für uns gilt noch immer das Dichterwort: Der Erde Glück, der Sonne Pracht, Des Geistes Licht, des Wissens Macht: Dem ganzen Volle sei's gegeben! Das ist das Ziel, das wir erstreben, Das ist der Arbeit heil'ger Krieg! Mit uns das Volk, mit uns der Sieg! Grundbegriffe der Politik). Fortsetzung.) III Klasseuunterscheidung: Kapitalisten⸗ klasse, Bürgertum, Bourgeoisie— Arbeiterklasse, Proletariat. So klar und einleuchtend es ist, daß sich die bestehende Gesellschaft in Klassen gliedert, so sehr schwankt im politischen Sprachgebrauch die Anwendung aller Ausdrücke, die sich auf diese Klassengliederung beziehen. Man spricht von„verschiedenen Klassen der Bevölkerung“ bald, als ob es ihrer nur zwet, bald wieder, als ob es ihrer unendlich viele gäbe. Diese Verschiedenheit des Sprachgebrauchs bringt es mit sich, daß in der Diskussion, sei es mit Gegnern, sei es Parteigenossen, leicht eine babylonische Verwirrung entsteht, da jeder der Streitteile mit den Worten ganz andre Vor⸗ stellungen verbindet als der andre. Bindende Regeln darüber, was ein Wort zu bedeuten habe, lassen sich aber nicht aufstellen: nur ein gewisser guter Wille, die Sprache als Instru⸗ ment nicht der Verwirrung, sondern der Ver- 2) Siehe N., 30, 29 und 28 der M. S. Ztg. — ¶»Q:ñ— Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 31. ständigung zu benutzen, kann hier Ordnung schaffen. Der Unterschied zwischen dem Kapttalisten und dem Arbeiter springt in die Augen. Freilich gibt es auch Unter nehmer und Arbeitgeber, die kein Kapital besitzen, ob⸗ gleich sie als Kapitalisten gelten wollen, während sie bloß Mittelsmänner der Kapitalisten sind. Und es gibt freilich auch Kapitalisten, die be⸗ haupten,„auch Arbeiter“ zu sein(und es wirk⸗ lich sind, soweit sie gesellschaftlich nützliche Ar⸗ beiten als Betriebsleiter, Mithelfer verrichten), deswegen aber doch Kapitalisten bleiben, weil in ihrer Einnahme mehr arbeitsloses Kapitals⸗ einkommen als Arbeitslohn steckt. Es gibt selbstverständlich auch Zwergkapitalisten, die niemand zur Kapitalistenklasse zählt, weil ste nur den geringsten Teil ihrer Bedürfnisse aus den Mitteln ihres arbeitslosen Kapitalsein⸗ kommens befriedigen. Aber niemand zweifelt daran, daß die Kapitalistenklasse von jenen Mitgliedern der Gesellschaft gebildet wird, die vermittels ihres Eigentums an Produktions⸗ mitteln(Geld, Boden, Häusern, Maschinen, Rohstoffen usw.) Produkte der menschlichen Ar⸗ beit, ohne dabei selbst Arbeit zu leisten, als ihr Eigentum anhäufen und verbrauchen können. Klär ist auch, daß diejenigen, denen der Kapitalist unmittelbar als Arbeitgeber gegen⸗ übersteht, die ihm ihre Arbeitskraft verkaufen und vom Arbeitslohn leben, Arbeiter sind und die Arbeiterklasse bilden. Neben ihnen stehen aber zahlreiche Personen, die Arbeit leisten und von ihrem Arbeitseinkommen leben, ohne doch Arbeiter im„gewöhnlichen“ Sinne des Wortes zu sein. Zu ihnen zählen die Bauern, die selbständigen Handwerker, die Beamten, die Aerzte, Lehrer, Künstler usw., ste alle leisten nützliche und notwendige Arbeit, gehören aber weder der Arbeiterklasse, im engeren Sinne des Wortes, noch auch der Kapitalistenklasse an. Wir sprechen dann auch vom Bürgertum als einer Klasse. Der bürgerlichen Klasse ge⸗ hören die Kapktalisten, aber nicht bloß diese an. Bürger sind im sozialdemokratischen Sprach⸗ gebrauch alle, die sich in einer gefestigten, be⸗ häbigen oder auch bloß selbständigen Lebens⸗ stellung befinden. Hier unterscheidet man wieder zwischen Kleinbürgertum und Großbürgertum— je nach Sicherheit und Höhe der wirtschaftlichen Stellung. Ziemlich gleichbedeutend mit Groß⸗ bürgertum wird der französische Ausdruck „Bourgeoiste“ gebraucht. Beispielsweise ist der gut bezahlte Direktor einer Fabrik ist kein Arbeiter, kein Kapitalist, aber ein Bourgeois, auf alle Fälle ein Angehöriger der bürgerlichen Klasse. Die der Sozial demokratte feindlichen Parteien pflegen den Ausdruck„Bürgertum“ in einem ganz andern Sinne zu gebrauchen. Sie be⸗ haupten meist,„keine Klassenpolitik“ zu treiben, sondern„die Interessen des gesamten Bürger⸗ tums“ zu vertreten. Damit wollen sie aber keineswegs das Geständnis ablegen, daß stie Vertreter des Bürgertums und„bürgerliche Parteien“ in unserm Sinne seten, sondern sie nehmen das Wort„Bürgertum“ gleichbedeutend mit„Staatsbürgertum“ oder Volk. In diesem Sinne gehört auch jene Masse, die wir als unterdrückte Klasse bezeichnen, zum„Bürgertum“ und bildet dessen überwiegende Mehrheit. Wollen wir also den Gegnern, namentlich den liberalen und freisinnigen, in ihrer Sprache antworten, so müssen wir ihnen sagen, daß auch wir die Interessen des„Bürgertum“ vertreten, aller⸗ dings nicht des„gesamten“, sondern bloß seiner überwiegenden Mehrheit, deren Interessen ganz andre seien als die einer kleinen bevorzugten Minderheit. Bleiben wir aber bei dem Begriff des Bürgertums als einer Klasse, so finden wir als festen Kern die Kapitalistenklasse, in engem Anschluß an sie jene Bourgeois, die keine Kapita⸗ listen sind, ferner, gleichsam eine lose Hülle um den besten Kern bildend, zahlreiche klein⸗ bürgerliche Elemente. Alle zulammen bilden die bürgerliche Klasse. „Eine besondere Stellung nehmen die selbst⸗ ständigen Unternehmer der Landwirtschaft ein. Das in Deutschland meist adlige Großgrund⸗ besitzertum fühlt sich noch als selbständiger Stand gegenüber dem bürgerlichen„Stande“; ebenso ziehen die Bauern zwischen sich und den Bürgern noch eine scharfe Scheidungslinie. Man muß den Begriff der bürgerlichen Klasse schon sehr weit fassen, um die Wohlhabenden unter ihnen mit in ihn einbeziehen zu können. (Fortsetzung folgt.) ——.. ̃—ßö——— Politische Rundschau. Gießen, den 2. August 1906. Kolonial ⸗Korruption. Gegen den Major Fischer, Offizier beim Oberkommando der Schutztruppen, Vorstand bei der Bekleidungsabteilung, ist wegen Verdachts der Bestechung das amtliche Verfahren ein⸗ geleitet und der Beschuldigte in Unter⸗ suchungshaft genommen worden. Major Fischer gehörte ehedem der alten Wißmann⸗ Truppe an, nachdem er zuvor in sächstschen Diensten gestanden hatte, dazwischen auch einige Zeit inaktiv gewesen war.— Der Verhaftete stand, wie weiter berichtet wird, mit der Firma Tippelskirch, die bedeutende Lieferungen für die Kolonial⸗Truppen hatte, in unsauberer Geschäftsverbindung.— Die Firma hat dem Major Hunderttausende„Darlehen“ geleistet, an deren Rückzahlung niemand dachte. Dafür sorgte Fischer, daß die Firma Millionen ver⸗ diente, das Monopol für Lieferungen bekam. — Von dem Cousinenmann Jesko v. Putt⸗ kamer verlautet, daß das gegen ihn einge⸗ leitete Disziplinverfahren sehr günstig für ihn stünde. Natürlich! Ein Bildchen vom vielgerühmten Arbeiterschutz in Deutschland bot der Prozeß, der vorige Woche gegen den Betriebsführer Rüther von der Kohlenzeche„Borussia“ vor dem Dort⸗ munder Gericht durchgeführt wurde. Die auf dieser Zeche im vorigen Jahre stattgefundene Brandkatastrophe kostete 39 Bergleuten das Leben und der genannte Betriebsführer war der fahrlässigen Tötung angeklagt, weil er die nötigen Schutzmaßregeln verabsäumt hatte. Der Prozeß legte Zustände auf der genannten Zeche blos, die beweisen, daß sich die Kohlenbarone den Teufel um den Arbeiterschutz und die ge⸗ setzlichen Bestimmungen kümmern. Aber Rüther wurde freigesprochen! Die Justiz findet keinen Schuldigen, wo verbrecherische Profitsucht und schäudliche Leichtfertigkeit den grausigen Feuertod von neununddreißig Arbeitern verschuldete! Und wie großmäulig prahlte die deutsche Kapitalistenpresse bei der Katastrophe von Courriéres, daß in Deutsch⸗ land etwas derartiges„nicht möglich“ sei! Weniger als in der„Borussia“ war in Cour⸗ rières auch nicht für die Sicherheit der Berg⸗ arbeiter gesorgt. Gaukler und Schaumschläger. „Keine einzige Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen gezählt, wie die unsrige, und keine Partei hat sich so von Phrasenhelden und elenden Speku⸗ lanten nasführen lassen, als die antisemi⸗ tische.“ So schrieb zornig der Antisemit Wilberg im Sommer 1901 über seine eigene Partei und die antisemitische Bewegung. Und er hatte damit durchaus recht, sein Urteil trifft zu bis auf den heutigen Tag. Das zeigte der bet der Ersatzwahl in Hofgeismar⸗Rinteln ent⸗ brannte Bruderkampf zwischen den beiden anti⸗ semitischen Richtungen, den„Reformparteilern“ und den„Deutsch⸗Sozialen“(Zimmermänner und Liebermänner) recht deutlich. Die Aus⸗ einandersetzungen steigerten sich bekanntlich bis zur Prügelei, und die Erklärungen, die dar⸗ auf herüber und hinüber flogen, sind für beide streitende Teile charakteristisch. So veröffent⸗ lichte der„Reformer“ Hellmerich eine Dar⸗ stellung, in der es u. a. heißt: „Adolf Wulfes, der berüchtigte Agi⸗ tator der deutsch sozial⸗konservativ⸗bündlerischen Sippschaft, läßt durch den Liebermannschen Generalsekretär Henningsen(Dicker Herr ackerte auch schon in Gießen herum, wo er sich in Konsumvereinstöterei versuchte. D. R.), die stark entstellte Erzählung von einem Attentat verbreiten, dem er zum Opfer gefallen sei. Wulfes und Henningsen sind in der be⸗ kannten Liebermannschen Hochschule für Ver⸗ leumdungskünste ausgebildet, und diese beiden edlen Seelen sind einander würdig. Während meiner Abwesenheit im Kreise Rinteln hat nun die Liebermannsche Meute mit diesem erlogenen, teils übertriebenen Märchen einen unlauteren Stimmenfang betrieben und zur Steuer der Wahrheit ist daher meinerseits eine Richtigstellung erforderlich.“ sehr eingehende Schilderung der Ohrfeigen⸗ geschichte, die wir uns indessen schenken wollen. Dann sagt Hellmerich weiter:„Einen Wahl⸗ kampf mit solchem Schmutz“ und solch maßloser persönlicher Gehässigkeit hervorgerufen zu haben, dieses Verdienst gebührt den politischen Brunnenvergiftern Lieber⸗ mannscher Richtung. Wahrheit und Recht haben infolgedessen kläglich Schiffbruch gelitten, und so sind diesmal mit all dem Lug und durch die widerwärttgen Verhetzungen und teils mit dem amtlichen Unterstützungsappa⸗ rat, die Wählerkreise beeinflußt und eingefangen worden. Ein unlauteres Manöver jagt das andere, Exlstenzen, die kein Mensch kennt, darunter ein Mann namens Evers in Hofgeis⸗ mar, aus der Schreibstube der Deutschsozialen, verfaßt Entrüstungsartikel nach Henningsenschem Diktat. Dann kommt im Auftrag der gar nicht vorhandenen Nationalliberalen in Frankenberg ein Zerrartikel und dergleichen widerlicher Unfug mehr.— So hat diesmal die Lüge und Ver⸗ leum dung den Sieg errungen.“ So urteilt der Antisemit und Reichstags⸗ kandidat Hellmerich über die Antisemiten von der anderen Fakultät und wir zweifeln nicht im mindesten daran, daß diese ganz die gleiche Hochachtung vor den Reformparteilern hegen. Weil sich aber Pack schlägt und verträgt, so fordert zum Schluß Herr Hellmerich seine Wähler auf, für den Kandidaten der„politischen Brunnen⸗ vergifter“ zu stimmen!! Die Stichwahl in Hagen endete mit der Wahl des Freistunigen, des Bürgermeisters Cuno. Dieser erhielt 21605 Stimmen, während unser Genosse, Arbeiter⸗ sekretär König, es auf 18673 Stimmen brachte. Am 19. Juli wurden für unsern Kandidaten 16 298, für die fehlen Gegner 22978 Stimmen abgegeben. Unsere Stimmen haben also um fast 2400 seit der Stichwahl zugenommen. Da anzunehmen ist, daß alle gegnerischen Stimmen sich auf Cuno vereinigten, da er nur 900 weniger erhielt als sämtliche bürgerlichen Kandidaten bei der Hauptwahl, stammt der weitaus größte Teil unseres Stimmen⸗ gewinnstes aus eigenen Reserven. Danach bedeutet auch die Stichwahl einen bedeutenden Fortschritt für uns. Die Entwickelung unserer Partei im Kreise zeigt folgende Zusammenstellung: Wahl Nationall. Freisinn Zentrum Soziald. 1881 4585 11358 1773 343 1884 6086 10 308 1696 1126 1887 8478 11911— 2702 1890 3794 12287— 5221 1893 6771 9659 2392 6914 1898 6892 10234 3712 9080 1903 5786 10 572 4526 13870 1906 4545 11172 5266 16 110 Die Sozialdemokratie hat mithin alle Ur⸗ sache, mit dem Ausgang der Wahl vollauf zu⸗ frieden zu sein. Während der Freistun mit dem Hute in der Hand heute den ersten Volks⸗ verrätern, den schwarzen wie den blauen Jesuiten, den Dank für ihre Hilfe abstatten muß, sehen wir getrosten Mutes in die Zukunft. Die Parteien der Schlotbarone, der Intoleranz und der Volksverdummung gestatten dem Freisinn noch einmal Zutritt. Und so wird uns auch dieser „Sieg“ des absterbenden Freisinus kräftig die Wege ebnen zum roten Wahljahre 1908! Schuldbeladene„Liberale“. Ein köstliches Eingeständnis macht in ihrer Betrachtung des Hagener Wahlresultats die„Freistnnige Zeitung“. Sie registriert den Es folgt nun eine Trug, — eine bedrohliche geworden. Nr. 31. — eee. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 3. erheblichen Stimmenzuwachs der Sozialdemo⸗ kratie und bemerkt dazu naiv: „Zweifellos haben auch die neuesten Leist⸗ ungen der Reichs steuerpolitik die Schar der sozialdemokratischen Mitläufer verstärkt.“ Damit gibt das führende Freistnunsblatt offen zu, daß es mit der Werbekraft des Freisinns Matthäi am letzten ist und daß die Opponenten gegen die wahnsinnigen Steuergesetze in der Sozialdemokratie ihre Vertretung erblickten und nicht im Freisinn, der sich immer weiter nach rechts gemausert hat, immer bewilligungs⸗ eifriger geworden und vom Nattonalliberalismus kaum noch zu unterscheiden ist. Kriegervereinliches. Kürzlich kam die lustige Meldung aus Wiesdorf bei Solingen, daß in dem dortigen Kriegervereine die evangelische Minderheit vergeblich gegen das Mitführen der Vereins⸗ fahne bei katholischen Prozesstonen Einspruch erhoben habe. Nunmehr sind, wie gemeldet wird, sämtliche Evangelische aus dem Krieger⸗ verein ausgetreten und haben einen neuen Verein gegründet, der lediglich aus evange⸗ lischen Mitgliedern besteht. Sie kämpfen jetzt nur noch für den evangelischen Patriotismus und schreiben auf ihre Fahnen:„Gegen Papst und Sozialdemokratie!“ Der vorige Woche in Wolfstein abgehaltene 36. Pfälzische Kriegertag hat kolgenden Be⸗ schluß gefaßt: „Das Zusammengehen der Mitglieder der Kriegervereine mit der Sozialdemokratie ist unzulässig. Wer Aufrufe zu Gunsten der Sozialdemokratie unterschreibt oder nachweis⸗ lich einen Sozialdemokraten wählt, hat aus unserem Verband auszuscheiden.“ Wieder ein Beweis für die„unpolitische“ Haltung der Kriegervereine. Doch in gewissem Sinne müssen wir dem Beschluß beistimmen: Sozialdemokraten und überhaupt aufgeklärte Arbeiter gehören nicht in die Kriegervereine! Revolution in Rußland. Einen Aufruf zum Kampfe er⸗ ließen die ehemaligen Dumaabgeordneten der verschiedenen revolutionären Fraktionen ge⸗ meinsam mit den außerhalb des Parlaments stehenden revolutionären Organisationen an die Bauern, in dem ste diese auffordern, stich Land zunehmen und eine gewaltsame Revolution zu beginnen. Der Aufruf zirkuliert bereits handschriftlich. Die Revolution im Heere. Zwei Kriegsschiffe der Schwarzemeerflotte mußten wegen einer unter der Mannschaft ausgebrochenen Meuterei desarmiert werden. Der Marine⸗ minister hat den Kommandanten der russischen Panzerschiffe, die sich in ausländischen Häfen befinden, Befehl gegeben, nicht nach Kronstadt zurückzukehren, wegen der dort unter den Ma⸗ trosen herrschenden Unzufriedenheit. Eine Festung von den Nevolutio⸗ nären gewonnen! Ein großer militärischer Aufruhr wird aus der Festung Sveaborg(Fin⸗ land) gemeldet. Am Dienstag meuterte ein Teil der Besatzungstruppen, die Artillerie ging zu den Aufrührern über und beschoß die In⸗ fanterie, welche der Regierung treu blieb, mit Kanonen. 500 Mann wurden getötet oder verwundet. Es verlautet, daß ein großer Teil der Festung in den Händen der Aufrührer ist. In Skatuden, einem Stadtteil von Sveaborg, in dem sich Kasernen befinden, brach früh morgens ebenfalls eine Meuterei aus. Die Offiziere wurden gefangen genommen, einer derselben ge⸗ tötet,ein anderer verwundet, worauf die Sol⸗ daten sich selbst Führer wählten.— Neueren Nachrichten zufolge wäre die Meuterei unter Beihilfe mehrerer Kreuzer unterdrückt worden. Die Meuterer wären entwaffnet. Dagegen ist die Haltung der Arbeiterschaft in Helfingfors Die Arbeiter er⸗ klärten, keine Truppentransporte nach Helfing⸗ fors mehr zu dulden und haben infolgedessen e die Elsenbahnstation Richinjaki besetz.— Was ist Aufreizung? Millionen wunde Herzen seh' ich bluten, So viele Tränenströme seh' ich fluten, Von frecher Willkür weit die Welt zerrüttet, Der Menschheit Freudenschlösser rings verschüttet, Ich seh' gepeitscht von hochgestellten Zwergen Gefangne Riesen, knirschend ihren Schergen. Lenau, die Albigenser. Soeben brachte der Junge die neueste Nummer des Parteiblattes. Wir sehen ste flüchtig durch, und natürlich fällt unser Blick sofort auf den Bericht über zwet neue Aufreizungspro⸗ zesse, die gegen Parteigenossen anhängig ge⸗ macht wurden. Indem wir die Zeitung zu Ende lesen, verfolgt uns hartnäckig die eine Frage: was ist wohl der etgentliche Sinn des Wortes„Aufreizung“? Schließlich nehmen wir Stock und Hut und begeben uns auf die Straße.— Wenige Minuten später befinden wir uns in dem Wirrwarr von engen, krummen Gassen, wie ste in der Großstadt dem Viertel eigen sind, das von den schlechtbezahltesten Arbeitern, sowie von dem Lumpenproletariat bewohnt ist. Da wir diesen Stadtteil noch nie besucht haben, setzt uns sein ganz eigentümlicher Charakter in Erstaunen. Aus den schmutzigen, schiefen Häusern, die zu beiden Seiten der Gasse stehen, schlägt dem Passanten eine feuchte, stinkende Luft ent⸗ gegen. Zahlreiche Kinder sitzen auf dem schmutzigen, mit allerhand Gegenständen be⸗ deckten Straßenpflaster, mit den mageren Händ⸗ chen in die fragwürdige Flüssigkeit der Gosse patschend. Wieder andere laufen umher, weinend, schimpfend und zankend. Aber in den Gesichts⸗ zügen aller liegt etwas entsetzlich Greisenhaftes, ihre Wangen sind welk und blaß, ihre Kleider zerlumpt... Aus dunklen Fensterlöchern schielen Dirnen, auf den geschminkten Lippen ein un⸗ zweideutiges Lächeln. Sonst bekommen wir nur wenige Frauen zu Gesicht— es arbeiten ja so viele in der Fabrik—; auch sie tragen den Stempel der Qual und der Ver⸗ zweiflung, wenn nicht des Stumpfsinnes, der jedem Bewohner dieser Gassen aufgedrückt ist.— Nach längerer Wanderung liegt endlich jener grauenhafte Ort hinter uns, das Gewoge unserer Empfindungen klärt sich, und nur noch ein starkes Gefühl beherrscht uns: das der Empörung. Ein Blick in den Abgrund D55 Menschen⸗ leides hat genügt, unser innerstes Wesen zu erregen, und indem wir unseren Weg fortsetzen, fühlen wir den Schmerz der Menschheit mit, den wir uns vergegenwärtigen. Wir führen uns die Opfer der heutigen Ordnung vor Augen: die ausgemergelten Lohnsklaven, das Elend in den Arbeiterquartieren,— Arbeitslosigkeit— Krankheit.— Die verkrüppelten Opfer der Arbeit, die verwahrlosten der Prostitution, die unter die Räder des Schicksals gekommenen Insassen der Gefängnisse und Zuchthäuser ziehen an unserem geistigen Auge vorüber. Und über all' dem Grauenhaften thront der Geldsack, der Götze der Bourgeoiste!— Wir sehen die dunklen Kutten des herrschenden Muckertums sich bemühen, die Sonne des Geistes und des Fortschrittes zu verhängen, wir sehen den blutigen Polizeisäbel über unserem Haupte und wir spüren den Gifthauch der Reaktion. Tief in uns aber glüht die Leidenschaft, lodert hell auf die Flamme der Empörung Wir sind von unserem Ausgange zurück⸗ ekehrt. Ermüdet sinken wir in einen Stuhl. n unserem Herzen leben gleichzeitig Trauer und frohe Kraft. Wir haben jetzt Antwort gefunden auf die Frage: was ist Auf⸗ zünde C. K, Von Nah und Lern. Hessisches. — Ueber die Steuer,reform“ und den nattonalliberalen Steuersucher Becker⸗ Sprendlingen fällte kürzlich, wie unser Mainzer Parteiblatt mitteilt, ein Lehrer an der techni⸗ schen Hochschule ein scharfes, aber treffendes Urteil. Er erklärte in einer Vorlesung über Natlonal⸗ Oekonomie:„Die ganze Steuerreform, die kürzlich der Reichstag beschlossen, trifft nur das breite Volk. Der einzige Anteil, der auf den Reichen fällt, macht diesem gar nichts aus. Ganz ungeheuerlich waren dabei die Vorschläge des Reichstagsabgeordneten Dr. Becker. Wer aber glaubt, daß er diese ausgedacht, der irrt sich, denn seine 14 jährige Landpraxis bot dazu keine Veranlassung, gerade das Gegenteil hätte er dort lernen können. Er hat ein Brüderlein im Ministerium, dieses sagt es ihm in die Ohren und er ist nur die Trompete.“ — Uebernahme sämtlicher Volks⸗ schullasten auf den Staat fordert ein Antrag an die Zweite Kammer, der vom Ab⸗ geordneten Schönberger eingebracht und von 16 Abgeordneten unterstützt wird. Es wird darin verlangt, daß die Regierung ersucht werden soll, dem Landtage alsbald ein dementsprechendes Gesetz vorzulegen, auf der Grundlage, daß sämtliche persönliche Volksschullasten durch pro⸗ pues abgestufte Zuschläge zur staatlichen Ein⸗ ommensteuer für das ganze Land gleichmäßig aufgebracht würden. Der Antrag bewegt sich in der Richtung der von der Sozialdemokratie schon seit Langem aufgestellten Forderungen, meint dazu das„Offenbacher Abendblatt“, nur will die Sozialdemokratie die Kosten nicht bloß auf die Einkommen-, sondern auch auf andere Formen der Staatssteuern abwälzen.— Die Herren„Vertreter der Landwirtschaft“ haben bei ihrem Antrage offenbar die Nebenabsicht, die Kosten der Schulunterhaltung mehr den Städten aufzuhalsen und das Land zu entlasten. 5 Gießener Angelegenheiten. — Die Fahrkartensteuer wird seit dem 1. August erhoben. Das ist eine recht duftige Blume im neuesten Steuerbudget. Ge⸗ rade der sogenannte„Mittelstand“ und die minderbemittelten Schichten der Bevölkerung werden durch diese Steuer belastet, wie im Reichstage unsere Genossen bei Beratung der Steuervorlagen darlegten und worauf auch Genosse David in der Versammlung am Mon⸗ tag wieder eindringlich hinwies. Denn die dritte Klasse bringt die stärksten Ein⸗ nahmen, ste wird von den kleinen Geschäfts⸗ leuten, Beamten ꝛc., den Mittelstandsleuten, am meisten benutzt.— Die Steuer wird von jeder Fahrkarte 1.—3. zum Preise von 60 Pfg. und mehr erhoben. Die Verteuerung beträgt demnach: von über 3. Klasse 2. Klasse 1. Klasse 0.60— 2 Mk. 5 Pfg. 10 Pfg. 20 Pfg. VVV F 40 80„ 1 e,, ee e VVT VVV 40 0%„, 0,, über 50 2.— 4.— 6.— Herr Heyligenstaedt,„unser“ Abgeordneter im Reichstage, der bei der Wahl auch in Mittelstandsrettung machte, hat für diese famose Steuer gestimmt, ebenso sein Fraktionskollege v. Oriola von Friedberg, Krämer von Wetzlar, Buchsieb vom Limburger Kreise. Die Wähler mögen sich das merken! — Direktor Schädel geht. Der Di⸗ rektor des Gießener Gymnasiums, Herr Schädel, ist beurlaubt worden, wie wir hören, gegen seinen Willen. Damit hat die Regierung der Affaire Schädel den Abschluß gegeben, den ste nach Lage der Sache finden mußte. Wie fiel man damals über den Abg. David von Seiten der Regierung, der bürgerlichen Abgeordneten und der Amtsblattpresse her, als er diese Dinge im Landtage zur Sprache brachte! Es hat sich erwiesen, daß er Recht hatte. Was sagen nun die Herren, was sagt die Amtspresse dazu? p. Die Organisation der Maurer hat in letzter Zeit wieder gute Fortschritte zu verzeichnen. Am Schlusse des 2. Quartals war ein Mitgliederbestand von 1079 vorhanden, und gegenwärtig ist die Zahl von 1100 über⸗ schritten. In Gießen, Wetzlar und Umgebung sind bis auf eine geringe Zahl alle organistert. Die Leitung des Verbands hat auch an die Herrn Arbeitgeber eine Eingabe wegen Teue⸗ ETTCFCCCCCC CC * — 3—K—K—K—K—K— —— 1 — —— Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung Nr. 31. rungszulage gemacht, welche auch von Seiten der Unternehmer teilweise schon anerkannt worden ist. Der Vertrag, welchen die Maurer im Jahre 1904 mit den Arbeitgebern abgeschlossen haben, dauert bis 30. März 1908. Deshalb kann gegenwärtig keine Forderung gestellt werden, doch ein Ersatz für die Mehrausgabe, welche durch die Erhöhung der Zölle für den Arbeiter erwächst, mußte geschaffen werden. Deshalb mußte es auf diesem Wege geschehen. —„Wichtige Fragen unserer Reichs⸗ politik“. Ueber diese Tagesordnung sprach am Montag Abend Genosse Dr. Dabid im Wiener Hof. Das Lokal und der Garten war dicht besetzt, es waren auch eine Anzahl Frauen sowie russische Studenten anwesend.— Davids Rede, die mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde, finden unsere Leser im Leitartikel. Nachdem noch Krumm zum Anschluß an die politische Organisation und zum Abonnement der Parteipresse aufgefordert hatte, wurde folgende von Vetters vorgeschlagene Resolution angenommen: „Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden und verspricht sich künftighin in diesem Sinne zu betätigen. Sie erkennt an, daß es zur Gesundung der heutigen Zustände notwendig ist. den Einfluß der Sozialdemokratie zu erhöhen, was durch Vermehrung ihrer Wahlstimmen und der Verbreitung ihrer Presse geschehen muß.— Des Weiteren spricht die Versammlung anläßlich der neuesten zarischen Ge⸗ walttat, der Auflösung des ersten russischen Parlamentes, den russischen Freiheitskämpfern die voll ste Sympathie aus und hofft mit ihnen auf die endliche Niederwerfung der Willkürherrschaft und den Sieg der Freiheit.“ — Die Stadtverordneten arbeiten bei aller Hitze außerordentlich fleißig, sie hielten am vorigen Freitag und am letzten Donnerstag Sitzungen ab, also in einer Woche zwei! Am ersteren Tage wurden zunächst eine Anzahl Baugesuche genehmigt, nur das der Witwe Rothenberger nicht, deren Anwesen schon mehr⸗ fach die Versammlung beschäftigte. Die Stadt würde das Grundstück erwerben, wenn der geforderte Preis von 80 000 Mk. nicht ein viel zu hoher wäre. Man will noch einmal ver⸗ handeln.— Die Laternen wärter ersuchen in einer übermäßig demütig abgefaßten Eingabe um Gewährung von einigen Urlaubstagen. Krumm und Schwall treten dafür ein; auf Antrag Gutfleischs geht die Angelegenheit an den sozialpolitischen Ausschuß.— Zur Ver⸗ größerung des Exerzierplatzes wurde der Militär⸗ verwaltung bereits früher ein Stück städtisches Gelände überlassen. Jetzt wird mitgeteilt, daß wenigstens an Sonn- und Feiertagen die durch die Schießstände führenden Wege zwischen dolle. und Grünbergerstraße freigegeben werden ollen. Am Donnerstag wurde eine Aufbesse⸗ rung der Löhne der Elektrizitätsarbeiter ab⸗ gelehnt. Der Oberbürgermeister, die Stadt⸗ verordneten Heyligenstädt und Wallen⸗ fels halten Stundenlöhne von 32—33 Pfg. für angemessen, ja, der Herr Oberbürgermeister sprach sogar von einem„Schrecken der Privat⸗ unternehmer“ bei der diesjährigen Lohnerhöhung der städtischen Taglöhner. Stadtv. Löber und unser Genosse Krumm traten für die berechtigten Arbeiterforderungen ein und wiesen namentlich auf die ausgedehnte Sonntagsarbeit hin(bis zu 18 Stunden). Dadurch kommt ein annehmbarer Jahreslohn bei niedrigen Stunden⸗ löhnen heraus. Die Arbeiter sollten ihre Forde⸗ rungen durch ihre Organisationen stellen, das macht auf die Versammlung eher Eindruck, als wenn einige Leute um„Wohlwollen“ appellieren. — Herr Heyligenstädt, Beigeordneter der Stadt Gießen und Reichstagsabgeordneter für diesen Wahlkreis, gehört auch dem Reichs⸗ verband für Sozialistenvernichtung als Mit⸗ glied an, wie aus den Veröffentlichungen des „Vorwärts“ hervorgeht. Demnach scheint er die ruppige und schmutzige Kampfesweise zu billigen, die vom Reichsverband gegen die Sozialdemokratie beobachtet wird. Wir hätten Herrn Heyligenstädt einen besseren Geschmack zugetraut. — Frauenversammlung. Auf nächsten Dienstag, den 7. August punkt 9 Uhr ist eine Frauenversammlung nach dem oberen Lokal des Wiener Hofs einberufen, in welcher Frau Dr. Michels⸗Marburg über:„Die Frauen und die Politik“ reden wird. Die Frauen werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen, besonders sollen die Abonnentinnen der„Gleichheit“ an⸗ wesend sein. — Erwischt. Voriges Jahr entfernte sich Badeanstaltsbesitzer A. Rübsamen von hier, eine große Anzahl wenig angenehmer Andenken zurücklassend. Jetzt ist R. in Zürich verhaftet worden und soll hierher eingeliefert werden. r. Der Streik auf der Gailschen Ziegelei und Tonwarenfabrik dauert unverändert fort. Eine kleine Anzahl, etwa 15, haben sich zu Streikbrecher⸗ diensten hergegeben. Jene Leute konnten es nicht mehr aushalten, sicherlich sehnten sie sich wieder nach den schönen Posten, welche sie vorher einnahmen, oder glaubten ste nun verhungern zu müssen. Wie uns berichtet wurde, haben diese treuen Schäflein ihr ganzes„Verbrechen“ (indem sie sich am Streik beteiligten), dem Betriebsleiter gegenüber zu entschuldigen versucht, daß sie„verführt“ worden seien. Wie man hieraus ersieht, gibt es immer noch Arbeiter, die, als der Streik begann, sich als be⸗ sonders eifrig und zuverlässig gebärdeten. Wenn es dann gilt, seinen Mann zu stellen und nachhaltig sein Juteresse zu vertreten, dann ergreifen die„tapferen“ das Hasenpanier. Von den noch Streikenden sind 120 bis jetzt anderweitig in Arbeit untergebracht. Die noch Verbleibenden sind noch zu den zum Streik notwendigen Funktionen notwendig und deshalb haben die Arbeiter noch lange nicht nötig, sich bedingungslos zu unterwerfen oder gar sich anzubetteln. Durch die Organisations⸗ leitung wurden Verhandlungen angebahnt, dieselben wurden aber von der Firma abgelehnt. Dieser Streik zeigt wieder mal deutlich jedem Arbeiter, daß es keine Harmonie zwischen Kapital und Arbeit gibt. Nicht die geringsten Zugeständnisse will man den Arbeitern machen, um nur ja sich nicht seine Herrschaft zu schwächen. Halten die noch im Kampfe Stehenden aus und finden sich keine Streikbrecher, dann wird auch dieser Kampf einen Erfolg für die Arbeiter zeitigen. Aus dem Rreise gießen. — Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen⸗Grünberg, die am Sonntag in Gießen stattfand, war von 43 Delegierten aus 16 Orten besucht. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Krels⸗ wahlvereins, Genossen Beckmann, gab dieser den Ge⸗ schäftsbericht. Er führte zunächst vor, was in agitato⸗ rischer Beziehung getan worden sei. Eine Anzahl Ver⸗ sammlungen wurden abgehalten; in 5 Orten wurden neue Organisationen gegründet. Doch ist noch viel Arbeit nötig, denn wir haben erst in sehr wenig Orten von den 138 zum Wahlkreise gehörigen eine feste Ver⸗ bindung. Hier und da machen sich auch die Krieger⸗ vereine bemerkbar, indem sie uns Versammlungslokale abzutreiben suchen. Kein verständiger Arbeiter dürfe daher diese arbeiterfeindlichen Gebilde in irgend einer Weise unterstützen. Demnächst solle ein Flugblatt für die zum Militär eintretenden zur Verteilung gelangen, — Der Kassenbericht des Genossen Bock weist 1420.95 Mk. in Einnahme, 1205.09 Mk. in Ausgabe nach, es bleibt somit ein Kassenbestand von 215.86 Mk. In der Sterbekasse ist im verflossenen Halbzahre eine kleine Mehrausgabe zu verzeichnen: 238.93 Mk. Ein⸗ nahme, 241.40 Mk. Ausgabe. Der Kassenbestand beträgt 440 Mk. In der Diskussion, an der sich Lindenstruth, Stecker, Diehl, Häuser u. a. beteiligen, wird auf die Notwendigkeit intenstverer Agitation und Einrichtung von Bezirksorganisationen hingewiesen.— Die Vor⸗ standswahl ergab die Wiederwahl der bisherigen Verwaltung.— Zu dem Punkt Presse berichtet Beck⸗ mann über die Verhandlungen, die bisher wegen Schaffung eines Tagebl attes gepflogen worden sind. Es liegt eine Resolution vor, die sich im ersten Teile für baldmögliche Herausgabe eines solchen ausspricht und weiter der Preßkommission aufgibt, die nötigen Schritte dazu zu tun. Gegen den Vorschlag spricht sich kein Redner aus und es erfolgt die Annahme der Resolution gegen 2 Stimmen; im zweiten Teile einstimmig.— Ueber den Parteitag und seine Aufgaben hält Genosse Vetters ein kurzes Referat. Als Delegierter wird Häuser⸗ Steinberg einstimmig gewählt.— Ein Antrag des Genossen Vetters, der die Herausgabe kurz gefaßter kritischer Berichte über die Reichstagstätigkeit wünscht, die als Flugblätter verbreitet werden sollen, wird merk⸗ würdigerweise abgelehnt.— Das nächstjährige Kreis fest wünschen Lollar und Rödgen. Mit 22 gegen 14 Stimmen wird Lollar dazu bestimmt. Hierauf wurde die Kon⸗ ferenz mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen. 1. Heuchelheim. Das 1. Stiftungsfest des Deutschen Tabakarbeiter⸗Verbandes aller in den Kreisen Gießen und Wetzlar liegenden Zahl⸗ stellen hatte sich eines sehr starken Besuches Eitrka 2000 Personen) zu erfreuen. Dasselbe war auch vom herrlichsten Wetter begünstigt. Nachmittags bewegte sich ein langer Festzu durch die Straßen Heuchelheims, von der En wohnerschaft überall freundlichst begrüßt. Sehr viele Einwohner hatten durch Schmückung ihrer Häuser wesentlich zur Festesstimmung beige⸗ tragen. Nach Rückkehr des Zuges auf den Festplatz begrüßte der 1. Bevollmächtigte die auswärtigen Gäste, allen ein fröhliches Fest wünschend, worauf der Gauleiter Schnell die Festrede hielt, die— trotz der großen Hitze— mit lautloser Stille angehört und am Schluß mit starkem Beifall belohnt wurde. Bei Konzert und Tanz vergnügten sich alle Teilnehmer bis zu vorgerückter Stunde. Allen Teilnehmern wird der sehr gute Verlauf des Festes in schöner Erinnerung bleiben; es war ein wahres Fest der Kollegialität und Solidarität. k. In Großen⸗Linden sprach Abg. Dr. David am Samstag in gut besuchter Versammlung über „Wichtige Fragen der Reichspolitik“.(Die Ausführungen des Redners wolle man im heutigen Leitartikel nach⸗ lesen. D. R.) Am Schlusse der Versammlung for⸗ derte der Vorsitzende zum Anschluß an die Organisation und zum Abonnement unserer Presse auf. Hoffen wir, daß diese Versammlung fördernd auf die Entwickelung unserer Partei in Großen⸗Linden einwirkt. Aus dem Rreise sriedherg⸗Büdingen. — Kreiskonferenz. In Assenheim halten am Sonntag die Parteigenossen des Wahlkreises Fried⸗ berg⸗Büdingen ihre Generalversammlung ab. Die Partei⸗ organisation hat in diesem Kreise recht gute Fortschritte aufzuweisen und es dürfte daher die Konferenz zahlreich besucht werden. Alle Parteiorte sollten es auch für ihre Pflicht halten, Delegierte zur Konferenz zu entsenden. Ihre Tagesordnung wurde schon wiederholt bekaunt gegeben. Hoffentlich wird unsere Sache im Kreise durch die Konferenz wieder um ein gutes Stück gefördert werden. Woran die Liebe hängt! In einem Ein⸗ gesandt des„Bad⸗Nauheimer Anzeiger“ ist Folgendes zu lesen: „Unser Kriegerverein 1870ũ1 wollte am morgigen Sonntag in der Turnhalle durch eine kleine Feier die Weihe seiner neuen Fahne begehen. Doch der Mensch denkt und die Polizei— lenkt. Es sollte am Abend nach der Einweihungsfeier Konzert und Tanzunterhaltung stattfinden, wozu also die behördliche Genehmigung er⸗ forderlich ist. Diese wurde von der hiesigen Polizei⸗ verwaltung versagt, weil für die Satson bis Ende August keine öffentlichen Tanzmusiken statt⸗ finden dürfen). Eine Vorstellung von Mitgliedern des Kriegervereins bei Großh, Kreisamt Friedberg hatte ebenfalls keinen Erfolg!... Es hat dieses Vor⸗ gehen viel böses Blut gesetzt und ist auch nicht geeignet, den Patriotismus zu fördern, welcher uns so häufig in Vereins⸗ und Be⸗ zirksversammlungen gepredigt wird.“ So tief also wurzelt in diesen edeln, vaterländischen Kriegerherzen der„Patriotismus“, daß er durch eine ihm unangenehme, durchaus gesetzliche und vielleicht auch notwendige Maßnahme wegen eines öffentlichen Tanz⸗ klimbims ins Wackeln gerät! Aber es ist ganz natür⸗ lich: verhätschelte Kinder schrelen schon, wenn sie einmal nicht vorgezogen werden. Andere wären schon froh, wenn sie nur mit Gerechtigkeit behandelt würden. Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterb ach. * Kreiskonferenz für Alsfeld⸗Lauterbach⸗ Die am vorigen Sonntag in Alsfeld stattgehabte Konfe⸗ renz für den dritten hessischen Wahlkreis war von 13 Delegierten aus 5 Orten besucht. Genosse Dr. Da vid gab zunächst einen Bericht über seine Agitationstour im Kreise. Das erfreuliche Ergebnis derselben war die Kräftigung der Organisation in Alsfeld und Lauterbach, wo im Anschluß an die dort abgehaltenen Versammlungen 25 resp. 21 neue Mitglieder aufgenommen wurden. Außerdem wurden die Vertrauensmänner in den kleineren Orten aufgesucht und einige neue gewonnen.— Die Abrechnung der Kreiskasse wurde hierauf gegeben und für richtig anerkannt.— In Zukunft sollen die Kreis⸗ kassen, sowie die Lokalkassen nach den neuen, für das ganze Land einheitlich hergestellten Büchern geführt werden. — Bei der Neuwahl des Kreisvorstandes wurde als Vorsitzender Genosse Joh. Reining in Lauterbach, als Kassierer Genosse Balthasar Wahl in Lauterbach, als Schriftführer Genosse Konrad Heberling in Obersorg einstimmig gewählt.— In längerer Diskusston wurde sodann über die Förderung der Agitation in der Arbeiter⸗ und Kleinbauernbevölkerung des Kreises verhandelt. Genosse David entwickelte die dabei zu berücksichtigenden Momente. Die Genossen Graulich⸗Lauterbach und Karl Rasch⸗Ilbeshausen ergänzten seine Ausführungen ) Aus notwendiger Rücksicht auf den Kurbetrieb! (Anm. d. Red. d. M. S.⸗Ztg.) N II d t f u. nzent 1 hi5 nem cöng Fe dabib über gn f nach⸗ 10 for⸗ ssation u wk, delung fl. ball Iried⸗ Partei schrite ihlteich ir ihre senden. kannt durch fördert n Ein⸗ gendes gigen ier die Mensch Abend galtung ing er⸗ Poltztt Ende statt⸗ liedern hatte Vor⸗ auch rden, d Be⸗ bischen b eine ht auch Tanz; natür⸗ einmil n ftoh/ rden. J rbach⸗ Konfe⸗ on 16 abb ut in ar be aba 1. lungen hurden. elueten en ul grelk⸗ IT e ee ee — 7 — 1 N 0 14 1 1 10 1 N 0 12 J — — ir ba elbe Nr. 31. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. durch Hinweise auf die Existenzverhältnisse der Lohnarbeiter und der kleinen Landwerte. Mit einem begeisterten Hoch auf die Sozialdemokratie fand die Konferenz ihren Ab⸗ schluß. Möge dieselbe ein Markstein sein, von dem ab ein neuer Aufschwung unserer Bewegung in diesem ab⸗ gelegensten Bezirk des Hessenlandes zu verzeichnen ist. Aus dem Rreise Wetzlar. * Das ganz gescheite Kreisblatt. Neulich war im„Wetzlarer Anzeiger“ folgende Notiz zu lesen: „In der russischen Reichs⸗Duma hatte einer der be⸗ kanntesten Abgeordneten, Petrunkewitsch, die falsche Be⸗ hauptung aufgestellt, Deutschland und Oesterreich seien bereit, zur Unterdrückung der Unruhen Truppen in Ruß⸗ land einrücken zu lassen. Zu dieser Aeußerung bemerkte die„Nordd. Allg. Ztg.“, daß daran auch nicht ein wahres Wort sei.— Daran hat in Deutschland wohl niemand gezweifelt, ausgenommen vielleicht der „Vorwärts“ und die—„Mitteldeutsche Sonntagszeitung“, welche auf jeden Humbug hin einfallen.“ Den letzten Satz fügt das Kreisblatt als eigenes Produkt hinzu. Wir glauben ja nun recht gerne, daß der Redakteur des Kreisblattes ein außergewöhnlich kluges Huhn ist, ein Politiker ersten Ranges. Dann sollte er aber auch wissen, daß nicht der Abg. Petrunkewitsch das Gerücht von einem eventuellen Eingreifen Deutschlands und Oesterreichs aufgebracht hat, sondern dieser nur wiederholte, was in dem russischen Regierungsblatte ge⸗ standen hatte!— Uebrigens ist bei unsern heutigen Zuständen möglich, daß die tollsten Pläne ausgeheckt werden, unbekümmert darum, ob ihre Verwirklichung möglich ist. Schließlich getrauen wir uns aber noch, die politischen Vorgänge und Verhältnisse richtiger zu beurteilen, als wie das Kreisblatt, daß die blödesten Pro⸗ dukte des Reichsverbands und der Schweinburger'schen Fabrik und was ihm sonst vor die Scheere kommt, nachdruckt, wenn's nur ein Anwurf gegen die Sozialdemokratie ist. h. Ein schwerer Unglücksfall hat sich wtederum auf der Karolinenhütte im Walzwerk ereignet. Am Samstag früh wurde ein schwerer Maschinenteil, ein Rad von etwa 40—50 Zentnern, transportiert. Es schlug um und traf den Arbeiter Heinrich Gotthardt aus Ehringshausen so unglück⸗ lich, daß er kurz nach der Einlieferung in die Gießener Klinik starb. Gotthardt war ver⸗ heiratet und 24 Jahre alt. Dieser Unfall hätte bei zweckmäßigen Vorsichtsmaßregeln ver⸗ mieden werden können. In Bezug auf Schutz⸗ vorkehrungen bleibt in diesem Betriebe sehr viel zu wünschen übrig. Hier in diesem Falle mußte das schwere Rad auf einem sehr engen Wege zwischen zwei Feuern hindurch trans⸗ portiert werden, der Boden ist mit Eisen beschlagen, wodurch jedenfalls das Stück in's Rutschen kam. Die Organisation der Arbeiter sollte ihr Augenmerk mal auf die Zustände in diesem Betriebe richten. Auch in der Sophienhütte ist wieder ein schwerer Unfall vorgekommen. Auf der Drehscheibe der Betriebsbahn wurde dem Ar⸗ beiter Hardt das Bein so schwer verletzt, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Zahlreich fallen die Opfer der Arbeit, obwohl bon dem Arbeiterschutz in Deutschland großes Rühmens gemacht wird. n. Arbeiter Wetzlar's! Diesen Sonntag hält die Wetzlarer Zahlstelle des Deutschen Metallarbeiter⸗Verbandes ihr 1. Stiftungs⸗ fest in den vergrößerten Räumen des Gasthauses „Zur Glocke“ ab. Es beginnt nachmittags 3 Uhr. Kollege Ehrler aus Frankfurt wird die Festrede halten. Der Gesangverein„Vor- wärts“ aus Lollar wird das Fest durch einige Vorträge verschöneru, überhaupt wird alles getan werden, den Besuchern unserer Veran⸗ staltung den Aufenthalt so angenehm als mög⸗ lich zu machen. Deshalb ergeht an alle Partei⸗ und Gewerkschaftsgenossen von Wetzlar, Gießen und Lollar das Ersuchen, für zahlreichen Besuch Sorge zu tragen. Das Komitee. Launsbach. Von Mitgliedern des Lahntal-Düns⸗ berg⸗Turnerbundes werden wir um Aufnahme des Fol⸗ genden ersucht: Dem Einsender der Zeilen in Nr. 29 betr. des Turnfestes zu Launsbach sei hiermit er⸗ widert, den Haß und die Quertreibereien in dieser Hin⸗ sicht zu unterlassen, da sie einem großen gemeinschaftlichen Vorgehen doch nur hindernd im Wege stehen. Daß wir politisch neutral sind, beweisen unsere Einladungen, die wir an sämtliche hiesige Vereine gehen ließen. Wenn der Wahlverein nun meint, daß seine Mitglieder nicht dem Turnverein angehören könnten, so wird er jedenfalls eine kleine Niederlage erhalten.(2 D. R.) Es ist ja recht schön, daß der Wahlverein für die Freie Turner⸗ schaft agitiert, aber viel schöner wäre es, wenn seine Mitglieder selbst beitreten würden. Uebrigens kann bei dem Mitglied der Fr. T., der einmal einige Mädchen uater 16 Jahren dem Gendarm wegen Besuch des Tanzbodens anzeigte und so deren Bestrafung herbei⸗ führte, von echter Parteigesinnung keine Rede sein.(Die Launsbacher Genossen sollten sich doch nicht mit solchen kleinlichen Dingen herumzerren, sondern vielmehr auf Förderung der gemeinsamen Sache bedacht sein. D. R.) — Gleiberg. Genosse Landwirt Heinrich Döring verstarb vorige Woche nach langem, schweren Leiden im Alter von 61 Jahren und wurde am Samstag zur letzten Ruhe bestattet. Der Verstorbene war ein treuer Anhänger unserer Sache, gehörte dem Wahlverein an, der einen Kranz mit roter Schleife nieder⸗ legte. Am Grabe sprach der Prediger der freireligiösen Gemeinde Herr Schneider aus Mannheim in zu Herzen gehender Weise. Döring hatte an den Feldzügen von 1866 und 1870 teilgenommen, doch gehörte er nie einem Kriegervereine an. Wir werden ihm ein gutes Andenken bewahren. Aus dem Rreise Marburg⸗Kirchhain. Einen langen Prozeß hat die Stadt⸗ gemeinde verloren. Die Polizeiverwaltung hatte dem Schnetdermeister Häuschen am Pil⸗ grimstein vor drei Jahren aufgegeben, die südliche Giebelwand seines Hauses verputzen zu lassen. Herr Hänschen, welcher der Metnung war, daß die mit besserem ausgefugtem Stein⸗ material hergestellte Wand als genügend ver⸗ putzt anzusehen sei, erhob hiergegen Einspruch beim Bezirksausschuß, der zur Folge hatte, daß, nachdem ein Regierungsrat von Kassel die Sache in Augenschein genommen, die Poltzeiverwaltung abgewiesen wurde. Diese legte hiergegen Be⸗ rufung ein beim Oberverwaltungsgericht. Doch wurde sie auch von diesem in den letzten Tagen abgewiesen. Die bedeutenden Kosten des Ver⸗ fahrens hat die Stadt zu tragen. Wegen Streikbrecher⸗Belei⸗ digung hatte sich am Mittwoch der Schreiner Rösler vor dem Schöffengericht zu verant⸗ worten. Er soll dem Arbeitswilligen Otto aus Holzhausen auf der Straße, wo R. Streik⸗ posten stand, zugerufen haben: Du bist ein ganz erbärmlicher Kerl; du solltest dich schämen, daß du wortbrüchig geworden bist! Trotzdem ein Zeuge, der dabei stand bekundete, diese Worte nicht gehört zu haben, glaubte das Gericht dem Arbeitswilligen und es erfolgte die Verurteilung Röslers zu 9 Mk. Geldstrafe. Gegen den Zeugen stellte der Vorsitzende ein Verfahren wegen Meineid in Aussicht. l. Eine allg. Gewerkschafts⸗Ver⸗ sammlung findet Dienstag abends 7 Uhr im Hildemannschen Saale stakt. Genosse Diß⸗ mann⸗ Frankfurt wird über Gewerbe⸗ gerichtswahlen sprechen. Die Gewerk⸗ schaftsmitglieder, überhaupt alle Arbeiter, die zum Gewerbegericht wahlberechtigt sind, werden ersucht, recht zahlreich am Platze zu sein. „Das Schöffengericht veruteilte den Schreinermeister Textor zu 5 Tagen Gefängnis, weil er bei einem Eisenhändler 1 Dutzend Schlösser gestohlen hat. T. bestritt entschieden seine Schuld. xy. Teure Zeiten sind nicht nur für das Brot und Fleisch konsumlerende Publikum gekommen, auch die Biertrinker müssen sich höhere Preise gefallen lassen, letztere allerdings vorderhand nur, soweit sie Konsum⸗ vereinsmitglieder sind. Die Einführung des Flaschen⸗ pfandes und Anschaffung neuer Flaschen hat der Vor⸗ stand des Konsumvereins zu einer Bierverteuerung be⸗ nutzt, welche die mancher Brauereibesitzer und Wirte noch in den Schatten stellt. Während früher die/ Ltter⸗ flasche 11 Pfg. kostete, ist der jetzige Preis für die / Literflasche 10 Pfg., was einer Verteuerung des Bieres um 3 Pfg. pro Liter gleichkommt oder 50„%% mehr als die meisten Brauereien aufgeschlagen sind. Nun würde sich über diese Verteuerung immer noch reden lassen, wenn das Bier wenigstens aus einer Brauerei stammte, in welcher in Bezug auf Organisation und Behandlung der Arbeiter geordnete Zustände vorhanden wären. Aber auch das ist nicht der Fall, wie dem Vorstande des Konsumvereins sehr gut bekannt sein wird. Zwar soll nach den Worten der Leiter des Konsum⸗ vereins dieser ein Mittel sein, um die gewerkschaftlichen Bestrebungen der Arbeiter zu fördern, hier versagt dieses Mittel durch die Schuld des Vorstandes jedoch vollständig. Und während in anderen Städten selbst der indifferente Bierphilister bockbeinig wird, zieht der politisch, gewerk⸗ schaftlich und genossenschaftlich organisierte Marburger Arbeiter die Zipfelmütze über die Ohren und trinkt das verteuerte Bier eines millionenreichen Unternehmers, in dessen Betrieb noch vor kurzem die Arbeiter wegen un⸗ würdiger Behandlung die Arbeit niederlegten und wo auch jetzt noch Zustände herrschen, die das Gegenteil von dem sind, was ein organisierter Arbeiter als geordnet bezeichnet. Arbeiterbewegung. Lohnkämpfe. Im Frankfurter Dach⸗ deckerstreik ist es zu einer Einigung zwischen Arbeitern und Unternehmern gekommen. Es wurde ein Minimal⸗Stundenlohn von 58 Pfg. vereinbart, außerdem soll jeder Dachdecker und Hilfsarbeiter eine Zulage von 5 Pfg. erhalten. Der Minimalstundenlohn war seither 55 Pfg. Die Arbeitszeit soll im Sommer 9½ Stunden, im Winter 8 Stunden betragen. In einer Versammlung der Streikenden wurden die Ab⸗ machungen nach langer Debatte gegen eine Stimme angenommen.— In Butzbach waren die Gerber in eine Lohnbewegung eingetreten, die damit endete, daß die Arbeitgeber die 10⸗ stündige Arbeitszeit an Stelle der bisher 11⸗ stündigen und für gelernte Gerber 19 Mark Wochenlohn zugestanden. Bisher wurden nur 17 Mark bezahlt.— Der Kampf im Buch⸗ bindergewerbe beendet. Die Verhand⸗ lungen in Leipzig zwischen dem Verbande deut⸗ scher Buchbindereibesitzer, dem Verbands vorstand des Buchbinderverbandes und den Streikleitungen von Berlin, Leipzig und Stuttgart haben am Freitag zu einem für die Gehilfen günstigen Resultat geführt. Der Tarif mit Ausbesserungen läuft bis 1911 weiter. Außerdem ziehen die Prinzipale ihre Schadenersatztlagen gegen die ohne Kündigung in den Streik getretenen Buch⸗ binder zurück. Der Minimalstundenlohn wird um 2 Pfennig erhöht und beträgt für Leipzig 48 Pfg., für Berlin 50 Pfg. und für Stuttgart 47 Pfg. Die Erhöhung tritt bereits am 1. Nobember 1906 in Kraft, eine weitere Er⸗ höhung um 2 Pfennig erfolgt am 1. Januar 1908. In Berlin und Stuttgart abgehaltene große Buchbinderversammlungen hat bereits den Vereinbarungen zugestimmt. In verschiedenen Orten wurden jedoch bei der Wiedereinstellung Schwierigkeiten gemacht und es kam erneut zu Differenzen. Jersammlungskalender. Samstag, den 4. August. Alten⸗Buseck. Volksverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Becker. Wichtige Tages⸗ ordnung! Gießen. Brauer. Abends 8¼ Uhr General⸗ Versammlung bei Löb(Wiener Hof).— Holz⸗ arbeiter. Abends 5/9 Uhr Versammlung bet Löb(Wiener Hof).— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Rödgen. Wahlverein. Abends ¼9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Balßer. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Lokale„Zur Wetterau“. Tages⸗ ordnung: 1. Bericht von der Kreiskonferegz. 2. Die Landeskonferenz. 3. Unsere Presse. 4. Verschiedenes. Sonntag, den 5. August. Krofdorf⸗Gleiberg. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gastwirt Feu ser⸗Gleiberg. Zahlreich erscheinen! Dienstag, den 7. August. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 11. August. Lauterb ich Wahlverein. Abends 8 ¼ Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Gast oirt Schwarz, „Zum Johannisberg“. Sonntag, den 12. August. Gießen. Allgemeine Gewerkschafts⸗ Versammlung. Nachmittags 3 Uhr bei Orbig. Tagesordunng: 1. Abänderung des Regulativs; Antrag der Metallarbeiter. 2. Saal⸗ frage. Ober Ohmen. Arbeiter⸗Wahl⸗Verein. Nachmittags 4 Uhr außerordentliche General⸗Ver⸗ sammlung. T.⸗O.: 1. Vortrag des Genossen Be ck⸗ mann⸗Gießen; 2. Zahlung der Beiträge; 3. Vor⸗ standswahl; 4. Vereins⸗ und Kreis⸗Angelegenheiten. Die Mitglieder wollen zahlreich und pünktlich er⸗ scheinen. Der Vorstand. — Briefkasten. 2 Mk. für Tabakarbeiter und 1.50 Mk. ck.⸗Btzbch. 8 Wird weiter befördert. für Buchbinder erhalten. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 31. Antrãge zur Hessischen Landes⸗Konferenz. Zum Bericht des Landeskomitees wird beantragt, zu beschließen: f Die Landeskonferenz billigt die Verhand⸗ lungen des Landeskomitees zur Regelung der Preßverhältnisse des Landes und erwartet eine glückliche Lösung derselben in der Richtung der Absichten des Landeskomitees. Genosse Orb⸗Offenbach beantragt: 1. Dem Absatz 1 des§ 5 des Landesor⸗ ganisationsstatuts diese Fassung zu geben: Der Parteibeitrag beträgt monatlich 15 Pfg. Davon sind 3 Pfg.(20 Prozent) für den Vor⸗ stand der Gesamtpartei bestimmt und 4 Pfg. für das Landeskomitee. Zur Bestreitung der lokalen Agitation ist ein Mindestzuschlag von 5 Pfg. zu erheben. Dieser Zuschlag wird mit dem Parteibeitrag durch Marke erhoben. Zu diesem Zweck wird eine einheitliche Landes⸗ marke von 10 Pfg. pro Stück herausgegeben. Diese 10 Pfg.⸗Marken sind vom Landeskomitee pro Marke zu 3½ Pfg. zu beziehen und pränumerando zu bezahlen. Die Mitglieder der einzelnen Organisattonen haben pro Monat zwei Marken zu je 10 Pfg. zu lösen. Das Landeskomitee führt pro Mitglied und Monat aus seinen Einnahmen 3 Pfg. an die Gesamt⸗ parteikasse ab, sodaß es selbst pro Mitglied und Monat 4 Pfg. zur Bestreitung der Landesbe⸗ dürfnisse hat. 2. Dem Landesorganisationsstatut eine Ab⸗ schnitt über die rechtliche Stellung der Mit⸗ glieder zur Organisation anzufügen und im§ 12 (neu) folgendes festzulegen: Das Landeskomttee, die Kreisvorstände und die Lokalveceinsvorstäude verfügen nach eigenem Ermessen über die vorhandenen Gelder. Sie können durch keinerlei Rechtsgeschäfte die einzelnen Mitglieder, die Partei oder die Organisationen verbindlich machen. Auch erwirbt kein Mitglied oder ein anderer durch Beiträge mit dem Landes⸗ komitee, den Kreisvorständen oder den Lokal⸗ vereinsvorständen ein klagbares Recht gegen diese oder ihre Mitglieder. Kein Mitglied hat ohne ausdrücklichen Beschluß der Landeskonferenz, der Kreiskonferenz oder der Generalversamm⸗ lung seines Lokalvereins ein klagbares Recht, die Geschäftsbücher oder Papiere des Landes⸗ komitees, des Kreisvorstandes oder des Lokal⸗ vereinsvorstandes einzusehen oder sich aus ihnen Abschriften oder Auszüge anzufertigen oder eine Auskunft oder Ueberstcht über den Stand des Parteivermögens zu erlangen. Hierdurch wird das Recht der Delegierten oder der Mitglieder während der Tagung der Landeskonferenz, der Kreiskonferenz oder der Generalversammlung eines Lokalvereins, Einsicht in die Bücher zu nehmen, nicht berührt. 3. Die Parteiorganisation Bensheim stellt den Antrag: Die Organisations⸗Vorsitzenden sind verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß von den organisirten Genossen mindestens 2 Marken pro Monat geklebt werden.(Zu§ 5 der Landes⸗ organisation als Schluß satz des ersten Ab⸗ satzes. L.⸗K.) 4. Zu 8 4 des Statuts beantragt Bensheim: Der Kretsvorstand wird von derjenigen Organi⸗ sation gewählt, in welcher derselbe seinen Sitz hat, welcher durch die Kreiskonferenz bestimmt wird.(Dieser Antrag kann nur als Zwischen⸗ satz im zweiten Absatz des§ 1 der Landesor⸗ ganisation eingeschlossen werden; im§ 4 hat er keinen Platz L.⸗K.) Allgemeine Anträge: 1. Die Mitgliedschaft Worms beantragt, die Landeskonferenz wolle beschlteßen: Auf die Tages⸗ ordnung der Landeskonferenz 1907„Jugend⸗ organtsation“ zu setzen. 2, Die Parteiorganisation Bensheim stellt den Antrag, dem Statut im Mitgliedsbuch die Geschäftsordnung beizufügen. Von Nah und Fern. Leidensgeschichte eines ländlichen Dienstboten. Die Dienstboten gehören zu den geplagtesten Geschöpfen des Gegenwartsstaates. Lassen schon Arbeitszeit und Entlohnung viel zu wünschen übrig, so noch mehr die Behandlung. Was einzelne Diensthoten alles über sich ergehen lassen müssen, ist geradezu haarsträubend. Zu der Mißachtung, den Scheltworten, gesellt sich häufig die Bestialität. Ein geradezu tragi⸗ scher Fall dieser Art, der an das Martyrium erinnert, das in einem Oberförsterhause in der Nähe von Nordhausen im Anfange der neunziger Jahre ein jugendlicher Dienstbote erduldete, beschäftigte vorige Woche erneut die Straf⸗ kammer zu Hildesheim. Am 20. Oktober vorigen Jahres starb in Gr.⸗Himstedt bei Hohen⸗ eggelsen die noch nicht 15 Jahre alte Friederike Schotte aus Wackersleben(Braunschweig). Das arme Geschöpf war am 2. Juni vorigen Jahres gesund und munter in den Dienst des Landwirts Hoppe daselbst getreten. Weil sich an der Leiche Narben und Wunden zeigten und weiter festgestellt wurde, daß das Kind an Entkräf⸗ tung gestorben war, wurde gegen das Ehe⸗ paar Hoppe sowie einen bei diesen bediensteten Knecht ein Strafverfahren eingeleitet, das haar⸗ sträubende Tatsachen zu tage förderte und das im Februar d. Is. mit der Verurteilung des Hoppe zu 6, des Knechtes zu 5 Monaten Ge⸗ fängnis und der Ehefrau Hoppe zu 60 Mk. Geldstrafe endete. Die ganze Bestialität der Hoppe'schen Eheleute kam aber erst jetzt ans Tageslicht, als einige weitere Fälle von Miß⸗ handlung des verstorbenen Kindes, die wegen Fehlens eines Zeugens damals ausgesetzt worden, Gegenstand erneuter Gerichtsverhandlung waren. Wiederholt wurde die Schotte, die von früh bis spät schwer arbeiten mußte, von den drei Angeklagten verprügelt. Das arme Kind ist noch wenige Tage vor seinem Tode in un⸗ menschlicher Weise mißhandelt worden. Am 12. Oktober trat der Zeuge Knackstedt bei dem Hoppe in Arbeit. Gleich am ersten Tage sah er, daß sein sauberer Patron mit einem Forkenstiele auf das Kind, das fortan fast täg⸗ lick mit einem blutigen Kopfe herumlief, ein⸗ schlug. Von diesem Tage an hat nach der Aussage des Zeugen das mißhandelte Geschöpf nur einmal eine Nacht auf Stroh zugebracht und zwar im Kuhstalle. An den übrigen Tagen ist es abends infolge Ermüdung bezw. Entkräftung bei der Arbeit in der Küche umgesunken und die ganze Nacht hindurch auf dem harten Steinboden der Küche liegen geblieben, wo es dann anderen Morgens in der rohesten Weise aufgescheucht wurde. Den Gipfel der Bestialität erklomm das saubere Ehepaar am 12. Oktober, als das bedauerns⸗ werte Kind infolge zunehmender Schwäche beim Erscheinen der„Gnädigen“ nicht mehr vom Boden sich erheben konnte. Anstatt nun endlich zu einem Arzt zu schicken, ergriff sie den Besen⸗ stiel und schlug unbekümmert darum, wohin ste traf, auf das am Fußboden bereits mit dem Tode kämpfende Kind ein. Der würdige Ehemann schleifte hierauf die Halb⸗ tote wie einen Viehkadaver aus der Küche auf die Diele und warf sie dort wie einen Klotz unter den Waschzuber. Bald erlöste der Tod das arme Mädchen von seinem Jammerdasein. Mit Recht bemerkte der Vorsitzende des Gerichts in der Verhandlung, Prügel wären das tägliche Brot der Aermsten gewesen. Hoppe wurde zu insgesamt 1 Jahr 9 Monaten, seine bessere Ehehälfte zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. — Wie diese Verhandlung die Roheit des sonst gewiß frommgläubigen Bauernehepaares grell beleuchtet, weist ste auf die unbedingt notwendige Beseitigung der Gemeindeordnung hin. Szenen aus der russischen Revolution schildert Gabriel Bertrand in der„Petite Repu⸗ blique“. Thypisch ist die Schilderung einer mili⸗ tärischen Meuterei:„Um sechs Uhr morgens versammeln sich die Artilleriegarden von Tiflis, die in großen Gebäuden kaserniert sind, im mittleren Hof vor dem Pavillon der Offtziere und beschließen, sofort zu streiken. Ein durch den Lärm aus dem Schlaf geweckter Leutnant legt rasch seine Uniform an und will wissen, was der Skandal zu bedeuten hat. An der Schwelle des Pavillons halten ihn die Soldaten zurück:„Sie dürfen nicht weiter, Leutnant!7/— „Seid Ihr verrückt?! Erkennt Ihr mich nicht?“— „Ja. Sie sind unser Leutnant!“—„Dann be⸗ nehmt Euch, wie es stch geziemt!“—„Leut⸗ nant, wir schuldeten Ihnen Respekt und Ge⸗ horsam, weil Sie unser Vorgesetzter waren, aber seit heute früh streiken wir, und wir haben keinen Vorgesetzten mehr.“—„Ihr proklamiert also die Empörung?“—„Ja, Leutnant, aber keine politischen Revolte. Mehr können wir darüber nicht sagen.“—„Laßt mich heraus.“— „Nein, Leutnant.“—„Schön, ich habe also keine Autorttät mehr bei Euch, aber ich bin ein Bürger, der von anderen Bürgern die Freiheit verlangt, sich zu seiner Mutter 9. zu dürfen.“— „Als Bürger können Sie gehen, wohin Sie wollen. Aber wir werden Sie zu bestrafen wissen, wenn Sie uns verraten.“—„Und die anderen Offiziere?“—„Die anderen Offiziere sind hier Gefangene.“—„Und wenn ste wie ich als Bürger das Recht verlangen, in Tiflis frei um⸗herzugehen?“—„Kameraden müßten dann für sie bürgen, wie wir für Sie bürgen.“ In diesem Augenblick erscheint ein Oberst, das Gesicht purpurrot vor Zorn, die Uniform aufgeknöpft. Die Soldaten umringen ihn: „Nicht weiter, Oberst!“—„Was! Eine Re⸗ bellton! Man schieße auf die Kerle! In Reihe und Glied oder ich kommandiere Feuer auf die Meuterer!“ Keiner rührt sich, aber die Soldaten nehmen eine drohende Haltung an.„Herr Oberst, ich bitte Sie,“ mischt sich der Leutnant ein,„beruhigen Sie sich. Bedenken Sie, daß Sie für alles verantwortlich sind. Es ist gegen⸗ wärtig hier kein Mann, der Ihren Befehlen ge⸗ horchen würde. Und wenn geschossen wird, werden wir das Ziel sein. Man muß mit den Soldaten ruhig sprechen, man muß unter⸗ handeln.“ Der Zorn des Obersten legt sich bald. Drei oder bier andere Offiziere kommen dazu. Man beschließt rasch, daß der Leutnant sich mit einer Abordnung des Regiments in Verbindung setzen soll. „Also, Bürger,“ sagt der Leutnant zu etwa hundert Soldaten, die sich um ihn scharen,„wo⸗ rüber habt Ihr zu klagen? Warum diese Re⸗ volte?“—„Die polttische Revolte ist noch nicht beschlossen, Leutnant. Wir wollen nur unseren Dienst nicht weiter tun. Wir streiken.“— „Gut, aber warum denn eigentlich?“ Ein Soldat tritt vor und spricht:„Leutnant, wir haben Recht auf Decken. Der Zar hat sie bezahlt. Sie sind geliefert worden, aber Oberst.. hat ste vor dret Wochen verkauft. Wir kennen den Käufer und wissen was er bezahlt hat. Wir haben Recht auf Kohle, und man gibt uns zum Heizen nur schlechten Kohlenstaub. Unsere Kohle ist von dem Major X.. verkauft worden. Wir haben Recht auf Zucker. Er ist von dem General X... unterschlagen worden. Wir können für alles Beweise bringen. Früher ließ man alles hingehen. Jetzt fordern wir die Gerechtigkeit ebenso wie die Bürger....“ —„Gut! Gut! Und wenn man Euch Eure Decken, Eure Kohle, Euren Zucker gibt, hört Ihr dann auf zu streiken?“—„Wir hören daun zu streiken auf, wenn man uns aber wieder bestiehlt, fangen wir den politischen Streik an.“—„Was ist denn das: politischer Streik?“—„Der Streik durch die Revo⸗ lution!“— altungs- Ceil. Charakterkonig. „Ihr Jungen“, sprach der heitre Alte, Er war ergraut im Kampf der Seit, „Hört mich bevor ich noch erkalte, Ich bin vom Grabe nicht mehr weit. Wie fie auch spöttelt, wie sie hechelt Die Welt in Seide und im Frack, Und wie sie überlegen lächelt Aufs Volk, das freiheitsdurstig Pack: —————ͤ—— eee eee 7 2 e ee n* Nr. 31. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite Ihr sollt an Liebe nicht erkalten Fürs Holk, fürs Freiheitsideal, Und bleiben ewig jung die Alten, Trotz Hohn und Spott, trotz Not und Qual. Das Ide al allein ist ewig Und leuchtend wie der Sonne Licht, Und der ist ein Charakterkönig, Der läßt vom Ideale nicht.“ Robert Seidel. Der Vesuch. Von A. R.“ Zwei junge Menschen trafen sich jeden Morgen auf dem Wege zur Arbeit. Sie wußten, wie ste hießen und wo sie wohnten, das hatten sie sich gesagt; und sie wußten, daß sie sich gern hatten, und das hatten ste sich nicht gesagt. Wozu sollten ste sich das sagen? Sie gingen langsam eine Strecke weit zusammen und sahen sich zuweilen an. Wenn ihre jungen Augen sich fanden, dann blickten ste schnell auf den Weg oder in einen Laden und sprachen etwas Gleichgültiges: etwa, daß dieses oder jenes billig sei, oder daß die Seraße lang sei. Dar⸗ über redeten sie dann eifrig. Bei dem Zigarren⸗ laden an der Ecke mußten ste sich trennen und sahen zusammen noch ein Weilchen nach den Bildern, die der Händler zwischen die hellbraunen Kisten gestellt hatte, oder nach dem Mohren, der eine dicke Zigarre in den schwarzen Händen hielt; ste schauten sich in dem blanken Glas und gingen rasch auseinander. So war es jeden Tag. Heute mußte der junge Mann den Weg allein gehen. Er trug einen Mädchenbrief in der Tasche. Sie schrieb, daß ste krank sei und in der Stube bleiben müsse. Solch ein Brief! Es war ein kurzer Brief mit Kinderbuchstaben, und die Tinte war blaß. Er konnte sich gut vorstellen, wie das Mädchen mit seinen klaren Augen der spitzen, schwarzen Feder gefolgt war, und wie es zuletzt mit seiner roten Zunge am Umschlag geleckt hatte. Gewiß hatte die Nach⸗ barin, die Nähertn, den Brief zur Post getragen. So dachte er und kam an den Eckladen und sah in das Fenster, als ob er etwas suche und griff mit den Händen in die Tasche und griff den Brief. Da ging er rasch in die Fabrik, ins Maschinenhaus. Was war das für ein merkwürdiger Weg heute. Die Vögel sangen nicht, und die Blumen hinter den starken Gittern hatten einen matten Schein, und alle Menschen machten traurige Gesichter. Der Maschinist hing seine Ueberkleider neben die Betriebsord⸗ nung an einen eisernen Haken, den hatte er einmal auf der Straße gefunden. Die Maschine lag besonders ernst und schwer da, wie ein mächtiges Raubtier. Der junge Mann lehnte nicht wie sonst an dem schmalen Fenster und sah, wie Arbeiter in schwarze, ernste Tore gingen, und wie auf dem Güterbahnhof die Wagen zu Zügen vereinigt wurden. Er stand nachdenklich vor dem Feuerloch, als ob er die Aufschrift der Feuertür auswendig lernen wollte. Die wußte er längst. Da schlug die Uhr; die Arbeitsstunde begann, und er griff an ein kleines, blankes Rad. Die Maschine fing an zu leben, und das Schwungrad drehte sich schneller und schneller und summte und sang das heilige Lied der Arbeit. Der rote, starke Riemen lief durch eine Oeffnung in der Wand in die Fabrikräume, zog mit starker Kraft das Gold aus der Welt und führte es in das stille Haus des Fabrikbesitzers, vor dem rote, leichte Bänke unter Rosen stehen und der Springbrunnen den lauschenden Blumen Märchen erzählt. Aber von dem Schwungrad erzählt der Brunnen nichts. Das gehört zu einer anderen Welt. Heute wollte die Arbeitszeit kein Ende nehmen. Der Maschinist ging wohl zehnmal mit der Oelkanne zu den Lagern; die Schmierbüchsen waren jedesmal noch fast voll; freilich, sonst brauchte man nur zweimal zu ölen. Oder er legte die braune Hand auf eine blanke Schutz⸗ stange und sah, wie der Kolben spielend auf und nieder ging. Er lauschte auf das regel- mäßige Pochen der Maschine und dachte: Nun ist sie krank, nun ist sie krank; was fehlt ihr denn 2 Und er nahm sich vor, ste zu besuchen. — Endlich war Schluß der Arbeitszeit; die große Möbelfabrik mit dem hohen Schornstein pfiff zuerst, der Ton war laut und hart; dann folgten die anderen Fabriken, und die schrillen Töne hingen um die riesigen Schornsteine und riefen von den Wänden und kamen bis tief in die Kohlenkeller und riefen müden Menschen zu: „Freiheit! Ruhe, Frei- heit!“ Der junge Maschinist eilte durch die Straßen nach des Mädchens Wohnung. Er mußte mehr⸗ mals nach der Straße fragen und wurde jedes⸗ mal rot dabei. Einmal fragte er eine Zeitungs⸗ frau und dann einen kleinen Jungen, der lief ein Stück mit ihm und zeigte ihm das Haus. Dann mußte er fünf Treppen in die Höhe steigen. Es waren dunkle und schmale Treppen. An der Tür der Dachstube links stand des Mädchens Name. Er las ihn, wie man die Schrift auf inem bedeutenden Denkmal liest. Das waren dieselben Buchstaben wie in dem Brief. Sie waren auf ein Blatt aus einem Notizbuch ge⸗ schrteben, das hatte sie mit einer Stecknadel festgemacht, und es hing ein wenig schief. Nun trat er ein. Die beiden Menschen sahen sich in die heißen, jungen Augen und vergaßen „Guten Tag“ zu sagen. Das Mädchen war gefallen, und der Fuß tat ihm weh, und es lag auf dem niedrigen Bett. Es stand auf und wurde verlegen, und Freude glänzte in seinen Augen. Das Mädchen hinkte nach dem Tisch. Dort standen zwei Stühle; einer war ein Gartenstuhl und war von Eisen. Die jungen Meuschen setzten sich und legten die harten Hände auf den Tisch und sprachen nichts. Die Nach⸗ barin rasselte mit der Nähmaschine, dann hustete ste sehr, und die Maschine stand ein Weilchen still. Das Mädchen erzählte, daß die Näherin oft bis Mitternacht arbeite, und daß sie wenig verdiene und neulich eine Mark zu Kaffee bei ihr geborgt habe. Nun redeten sie wie zwei alte, kluge Leute von ernsten Dingen und von der Arbeit und merkten nicht, daß die Zeit rasch verrann und ein letzter Abendsonnenstrahl durch die kleinen, sauberen Gardinen schimmerte. „Du sollst noch meinen Garten sehen.“ Sie ging zum Fenster und hatte dabei Schmerzen. Er hätte ste gern mit seinen starken Armen um den Leib gefaßt und getragen; aber darf man ein so feines, gutes Mädchen aufassen? Er stand verlegen in der Stube und sah eine Träne des Schmerzes in ihren Augen, doch sie lächelte. Die Träne lief über die Wange, und ste wischte sie mit der Hand weg und lächelte. Beide sahen den Garten. Das waren Nelken auf dem Fensterbrett, weiße und rote, und Geranien und noch eine andere Blume; die kannte er nicht und fragte nach dem Namen. Sie erzählte von ihren Lieblingen und lobte sie. Und er sah glücklich in diese kleine, stille Welt und versprach dem Mädchen einen Rosenstock zum Geburtstag. Sie sah nach seinen Augen und nickte und sagte:„Da soll er stehen“, und rückte die beiden Nelkenstöcke auseinander, als ob der Rosenstock schon da sei. Dann sahen beide noch ein wenig über die Dächer; die Straße konnte man nicht sehen. Es war eine enge Straße. Die Sonne sank. Nur die Schorn⸗ steine standen noch im Licht. „Jetzt mußt du fortgehen; jetzt wird es Nacht, gelt.“ Sie pflückte eine rote, halboffene Nelke und steckte sie ihm ins Knopfloch und nahm seine Hand in ihre Hände: 5 „Das ist lieb, daß du gekommen bist; aber nun darfst du nicht wieder kommen; ich will's nicht, und bald bin ich wieder gesund; dann gehen wir wieder zusammen zur Arbeit.“ Sie sahen sich noch ein wenig offen und lieb an und küßten sich mit den Augen und schieden. 5 Die Straßen waren voll Lärm. Aus einer Kneipe tönte ein Orchestrion. Und die vielen Wagen. Und die Menschen. Wie still war es in dem Mädchenzimmer, und wie schön waren die Blumen auf dem Fensterbrett! Wie blank alles, und wie lieb das Mädchen. So ein liebes Mädchen; daß es solch ein Mädchen eben konnte! Der Maschinist ging in die stillen nlagen und trug den Hut in der Hand. Der Kopf war ihm heiß, und er strich leise und liebevoll über die rote Nelke. r große Splitter. Ein edles Verlangen muß in uns erglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sitt⸗ lichkeit und Freiheit, das wir von der Vor⸗ welt überkamen und reich vermehrt an die Folge⸗ welt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschen⸗ geschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen. * ** Träges Anstaunen fremder Größe kann nie ein höheres Verdienst sein. Dem edleren Menschen fehlt es weder an Stoff zur Wirksamkeit, noch an Kräften, um sel bst in seiner Sphäre Schöpfer zu sein. Und dieser Beruf ist auch der deinige. Hast du ihn einmal erkannt, so wird es dir nie wieder einfallen, über die Schranken zu klagen, die deine Wißbegierde nicht überschreiten kann. * ** Ein erleuchteter Verstand veredelt auch die Gesinnungen. Die Firma D. 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Lundes-Konferenz der Sozialdemokraten Hessens Samstag 25. und Sonntag 26. August in Mühlheim im Saale„Zur schönen Aussicht“ Mainstraße. Beginn: Samstag Abend 8 Uhr. Vorläufige Tages⸗Ordnung: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komitees und des Landes⸗ Sekretärs. Referenten Genossen Ulrich und Dr. Dapkd. 2. Rechnungsablage. Reserent Genosse Orb. 3. Die Aenderung des Landes-Organisations⸗Statuts. Referent Genosse Orb. 4. Der Parteitag in Mannheim. Referent Genosse Dr. Da vid. 5. Die stattgehabten Landtagswahlen und die Tätigkeit des Landtags. Referent Genosse Adelung. 6. Unsere Taktik für die Kommunalwahlen. Referent Genosse Ulrich. . Einlaufende Anträge. 0 8. Wahl des Landes⸗Komitees. 9 Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz. Parteigenossen! Rüstet zur Landes⸗Konferenz. Dis⸗ kutiert die Tagesordnung und sendet etwaige Anträge an den unterzeichneten Genossen Ulrich ein, damit sie veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden können. Die Delegierten haben sich von ihren Organisationen ein Mandat ausstellen zu lassen; Formulare dafür find ebenfalls durch den Genossen Ulrich zu beziehen.— Ge⸗ nossen! Auf zur Konferenz! Sorgt dafur, daß dieselbe zahlreich besucht wird. 2 Offenbach, 16. Juli 1906. Das Landes⸗Komitee. C. Ulrich, J. Orb, Große Marktstraße 23. Friedrichstraße 24 — Seite 8. ä— Nr. 31. Freie Turnerschafts Launsbach. Sonntag, s. August von nachmittags 2 ubr— im Garten de, Gastwirt Komp: ee Abturnen bestehend in Nonzert„ Schauturnen„ Pyramidenban Eintritt 20 Pfg. Abends: TAN Z. Entritt 20 Pfg. Die Brudervereine des III. Bezirks, 12 5 die Gesamtarbeiter⸗ schaft der Umgegend sind herzlichst eingeladen. Der Vorstand, Fur gute Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. Gerh. 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