32———.————————— —„„ . r 3 Nr. 9. Gießen, den 4. März 1906. 13. Jahrgang. 0 Il, Schlszyaße Mitteld eutsche Aae e ae 5 He, 5 5 Abonnementspreis: untags⸗Jeitu If. Die Mitteldeutsche Durch die Post bezogen Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die viertelfährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen 2 Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreirung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 337/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindesteng Der Hungertarif ist nunmehr in Kraft getreten und wird mit seinen teilweise enormen Zollerhöhungen die Lebenslage der breiten Masse des Volkes in ungeheuerlicher Weise erschweren. Die Preise der wichtigsten Lebensmittel werden außer⸗ ordentlich in die Höhe schnellen; die schon monatelang währende Fleischteuerung bedeutet bereits einen bitteren Vorgeschmack von dem Kommenden. Wenn es wirklich der Arbeiterschaft hier und da möglich war, mit großer Anstrengung ein paar Pfennige mehr Lohn zu erkämpfen, so wird dies und noch weit mehr durch die Verteuerung aller Lebensmittel wieder aufge⸗ zehrt. Es steht eine Zeit eruster und schwerer Kämpfe zu erwarten. Mehr als je gilt es für die Arbeiterklasse, sich darauf zu rüsten und ihre Waffen zu schärfen. Um aber diese Kämpfe nachhaltig führen zu können, ist fester Zusammenschluß der Arbeiter unbedingt notwendig. Und zwar gewerkschaftlich und politisch! Jeder denkende Arbeiter, jeder Minderbemittelte muß sich der Soztaldemokratte anschließen, die sich jederzeit als Verfechterin der Inieressen und Rechte der arbeitenden und besitzlosen Klasse bewährt hat. Schließt Euch deshalb dem soztaldemokratischen Verein an! Vor allem aber lest und unterstützt die Arbeiter- presse, unsere Parteipresse! Wie viele Arbeiter lesen noch in törichter Verblendung die volks⸗ feindlichen Zeitungen, die jederzeit nur ihren eigenen Profit im Auge haben, die Bestrebungen der Arbeiterschaft verhöhnten und ihr in Zeiten des Kampfes in den Rücken fallen. Darum sorge jeder für weiteste Ausbreitung der Ar⸗ beiterpresse, werbe Abonnenten für die„Mittel⸗ deutsche Sountags⸗Zeitung.“ Patriotismus. Einer der beliebtesten Vorwürfe gegen die Sozialdemokratie ist derjenige der Inter⸗ nationalität. Das Wort bedeutet für viele so viel wie„Vaterlandslosigkeit“; es wird der Anschein zu erwecken gesucht, als diene unsere Partet antinationalen, gegen die Nation oder das Vaterland gerichteten Bestre⸗ bungen. Daher beschimpfen auch alle Mords⸗ und Prozentpatrioten die Sozialdemokraten als „vaterlandslose Gesellen“, was übrigens auch schon anderen Leuten gegenüber geschah. Unsere Feinde, ganz einerlei, ob sie auf die Religion der Bibel oder die des Kapitals schwören, würden in große Verlegenheit kommen, wenn sie in den vielen soztaldemokratischen Schriften auch nur eine Stelle nachweisen sollten, wo geschrieben steht, daß die Sozialdemokratie das Vaterland verleugne. Sie ist inter⸗ nattonal, gewiß, aber das heißt, sie will die Völker nicht innerhalb ihrer Landesgrenzen abschließen, sondern sie will in stetem Verkehr in Frieden und Freundschaft mit allen anderen Ländern leben. Sie will, daß die Bewohner eines Landes mit den Nachbarbölkern durch dieselben Rechtsgrundsätze verbunden sind, wie unter sich selbst. Und ste will das nicht allein, weil ihr das so hübsch gefällt, sondern sie ist fest davon überzeugt, daß der Fortschritt der Menschheit ganz von selbst darauf hintreibt. Sind denn die Sozialdemokraten allein international? Bewahre! Die Fabrikanten und Kaufleute, die Kapitalisten waren es schon, bevor es eine Sozialdemokratie gab. Der Unterschied ist nur der, daß die Kapitalisten nur für ihre Person oder ihre Firma keine Vaterlandsgrenze kennen und mit dem„Erb⸗ feind“ zusammen ganz gerne Profit machen, während die Sozialdemokratie stets und immer⸗ dar bei allem, was ste tut, im Interesse der Gesamtheit handelt. Und da die französische, die englische, die österreichische Sozialdemokratie ebenso denkt und handelt, gibt es für sie keine Erbfeinde; ihre gemeinsamen Feinde, das sind die Rückwärtser, welche aus lauter Profitsucht die Völker in ihrem Kultur⸗ fortschritt hemmen und ihnen die freie Bewegung rauben. Die Rothschilds sind überall zu Hause: in Frankfurt sind sie deutsche, in Paris französtsche, tn Wien österreichische und in London englische Patrioten. Aber auch die Kirche, vor allen Dingen die katholische Kirche, ist sie denn nicht streng internatsonal? Ja, selbst die Fürsten hängen ihr Nationalgefühl an den Nagel, wenn ihnen in einem anderen Lande Vorteil, ein Fürstenstuhl oder gar eine Krone winkt. Eine ganze Anzahl Beispiele ließe sich hierfür gerade aus deutschen Fürstenhäusern aufführen. Also die Sozialdemokratie ist international —. das geben wir mit Stolz und Freude zu. Aber international bedeutet doch nicht zugleich antinattonal, d. h. mit anderen Worten: wenn ich mit den Nachbarvölkern friedlich und ge⸗ meinschaftlich leben will, so sage ich doch damit nicht, daß ich das Volk des Landes, in dem ich geboren bin und lebe, bekämpfe oder gar verachte. Hier ein Beispiel: Jemand lebt mit den Familien, die mit ihm zusammen ein Haus be⸗ wohnen, in friedlichster Gemeinsamkeit. Wenn nun ein anderer käme und behauptete allen Ernstes: weil er das tue, mißachtet und schädigt er seine eigene Familie, was würde man diesem Menschen sagen? Doch sicher, geh, du bist reif fürs Irrenhaus. Es ist zweifellos, daß bei den meisten Men⸗ schen wohl eine unauslöschbare Anhänglichkeit an ihr Vaterland besteht. Es sind die vber⸗ schiedensten Eindrücke und Erinnerungen, welche sich da geltend machen, und dazu gehört in erster Linie wohl die Muttersprache. Unter Patriotismus verstehen wir die Liebe zum Volke, das das Vaterland bildet, nicht die Liebe zu Einrichtungen, die dem Volke nur schaden und ihm die Gut- und Blutsteuern bringen, wie z. B. das Militär. Wenn die Reichen und alle, die für die Herrsch⸗ Einrichtungen der Reichen eintreten, bestreiten, daß sie nur aus Habgier Patrioten sind, wenn ste sagen, sie seien es auch aus Liebe zum Volke, so kommt das daher, weil sie das wirkliche Volk, das werktätige, schaffende Volk in polttischer Hinsicht für eine Null halten und der Meinung sind, daß das Volk, welches man beachten müsse, erst mit dem Reserveleutnant beginne. Wir Sozialdemokraten müssen also den Vor⸗ wurf, wir seien Feinde oder gar Verräter des Vaterlandes, als eine arge Verleumdung zurück⸗ weisen. Wenn wir Staatseinrichtungen bekämpfen, die 900%ĩ der Bevölkerung zu m Scha den sind, so haben wir dazu nicht allein das Recht, sondern auch die Pflicht, als Staatsbürger, als Mensch. Und wenn wir Einrichtungen nebst den Personen die diese Einrichtungen schaffen, nicht lieben können, Einrichtungen, wonach diejenigen, welche für die Verbesserung der Lage der Arbeiter eintreten, auf Schritt und Tritt geschuhriegelt oder ins Gefängnis geworfen werden, so ist das doch zu begreifen. Eine solche Liebe wäre un⸗ natürlich, wäre Heuchelei und nichts ist uns Sozialdemokraten verhaßter als Heuchelei. Wer also Patriotismus, Vaterlandsliebe, nicht so versteht, daß der Mensch seine ehrliche Ueberzeugung mit Füßen treten soll, sobald es von oben herunter verlangt wird, wer auf Charakter und Menschen wür de auch bei den Arbeitern hält, der wird uns Soztal⸗ demokraten recht geben müssen, wenn wir sagen: den von der herrschenden Klasse treibhausmäßig gezüchteten und auf der Straße und bei Fest⸗ lichkeiten öffentlich zur Schau getragenen Pa⸗ triotismus machen wir nicht mit, denn er dient nicht zum Wohl, sondern zum Schaden des Volkes. Wer solchen Patriotismus, der nur im Interesse einer kleinen Minderheit liegt, vertritt, der ist nicht national gesinnt. Wir bestreiten also ganz entschieden, daß die Sozialdemokratie gegen das Wohl des Volkes handelt, weil ste die Völkerverbrüderung erstrebt. Die höchste Hingebung an das eigene Volk schließt doch nicht aus, daß man auch den anderen Völkern denselben Wohlstand wünscht, den man für das eigene Volk erstrebt. Die Internationalität, die Gemeinschaft der Völker, ist für die Sozialdemokratie nicht die Aufhebung, sondern die Ergänzung und Be⸗ kräftigung der Nationalltät, die Sorge für das Wohl des eigenen Volkes. Wenn eine Partei national ist, das heißt den Kampf für den Wohlstaud, für die geistige Hebung und für das Selbstbestimmungsrecht der Masse des Volkes führt, so ist es die Sozialdemo⸗ kratie. Aber sie hat erkannt, daß dieser Kampf aussichtslos ist, wenn er in einem Volk allein geführt wird, indeß seine Nachbarn in Barbarei und Knechtschaft verstnken. Deshalb freuen wir uns auch, daß das in der Kultur so zurück⸗ gebliebene Rußland endlich einmal um einen mächtigen Ruck nach vorwärts bewegt worden ist. Kein Volk kaun für sich allein frei werden, keins für sich allein die Ausbeutung vieder⸗ werfen. In dtesem Sinne international ist die Soztaldemokratie. Aus dem Reichstage. Der Wahlrechtsantrag unserer Pactei⸗ genossen kam am Mittwoch zur zweiten Lesung. r. Herzfeld wies nochmals die gegen das allgemeine Wahlrecht von den Gegnern vorge⸗ brachten Einwände zurück. Stöcker hielt seine gewohnte Schimpfrede. Natürlich wurde der Antrag abgelehnt. Nachdem am Freitag das Handelsprovi⸗ sorlum mit Amerika genehmigt war, für das auch die sozialdemokratische Fraktion stimmt e, wurde die zweite Lesung des Justizetats fortgesetzt. Unser Genosse Kunert, der erst kürzlich aus dem Gefängnisse zurückgekehrt ist 2 Seite 2. Mitteldentsche Sonntags- Getun8. ne. 9. rollte die ganze Geschichte seines Chinaprozesses auf, der ihm 3 Monate Gefängnis eingetragen hat. Er kennzeichnete das in mehr als einer Beziehung eigenartige Verfahren, der Verun⸗ glimpfung und Beschimpfung seiner Person, nicht allein während der Verhandlung, sondern auch sogar noch in der Urteilsbegründung, mit durchaus gerechter Entrüstung, wobei ihm zwei Ordnungsrufe zu teil wurden, die aber der Wahrheit und Richtigkeit der von ihm gebrauchten Ausdrücke nicht den geringsten Abbruch tun.— Der Freisinnige Ablaß begründete hierauf eine von seiner Fraktton gestellte Resolution, die dahingeht, die Kompetenz der Schwurgerichte im ganzen Deutschen Reiche auf Preßver⸗ gehen auszudehnen. Mit Bezugnahme auf die Angriffe Bassermanns gegen die Schwur⸗ gerichte suchte Ablaß den Nachweis zu führen, daß die Schwurgerichte trotz aller Mängel, die ihnen anhaften, immer noch viel geeigneter seien, über Preßdelikte zu urteilen, als die gelehrten Richter in den Strafkammern. Auch den skanda⸗ lösen Zeugniszwang nicht nur gegen Redak⸗ teure, sondern auch Setzer ꝛc. unterzog er einer scharfen Kritik und bezeichnete es als schmach⸗ voll, anständige Menschen wegen ihrer anstän⸗ digen und ehrenhaften Gesinnung mit Gefängnis bis zu 6 Monaten bestrafen zu können. Die heutige Klasser justiz beleuchtete am Samstag Genosse Stadt⸗ hagen in gebührender Weise. Die Justiz hat die Aufgabe, führte er aue, Ruhe und Ordnung innerhalb der bestehenden Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Sie kann diese Aufgabe unmöglich erfüllen, wenn die herrschenden Klassen in der bisherigen Weise fortfahren, sie gegen die Be⸗ strebung der anderen, der unterdrückten Klassen zu mißbrauchen. Bei allen Versuchen, die Justiz zur Waffe im Kampf gegen eine bestimmte Klasse zu verwenden, muß die persönliche Frei⸗ heit, die Ehre, das Eigentum des einzelnen mit untergraben werden, müssen sich die Folgen des Mißbrauchs gegen die Klasse selbst richten, die ihn treiben. Ueber der Jagd nach kleinen Leuten ist es der Justiz unmöglich geworden, Schwindler, Diebe und Betrüger zu fassen. Und die neue Strafprozeßreform soll die letzten Garantien einer einigermaßen unparteiischen Rechtspflege nehmen und ste ganz zum Instru⸗ ment der herrschenden Klassen umgestalten. Ueber die Klassenjustiz kann kein Zweifel mehr sein, seit der preußische Justizminister im Ab⸗ geordnetenhause die Zumutung, auf die Richter einzuwirken, gegen eine bestimmte Klasse vorzu⸗ gehen, nicht mit Entrüstung zurückgewiesen hat, sondern versprochen hat, daß gegen die Sozial⸗ demokraten als Sozialdemokraten besonders scharf vorgegangen werden sollte. Nie in der schlimmsten Reaktionsperiode sind die Richter so tief herabgesetzt worden. Schon der vorige Justizminister Schönstebdt hatte mit dem Grund⸗ satz:„Wenn zwet dasselbe tun, so ist das nicht dasselbe!“ die Ungerechtigkeit zum obersten Prinzip der heutigen Justiz erhoben. Seitdem hat es eine Reihe von Urteilen klipp und klar ausgesprochen, daß sich die Justiz nicht mehr als Richterin, sondern als Rächerin fühlt, und bamit ist sie schlimmer geworden, als der Henker, der Scharfrichter. Da darf es uns nicht wundern, daß gegen alle Bestrebungen zu Gunsten der Arbetterklasse und des Fortschrittes die Justiz mobil gemacht wird. Die Justtz hätte die Aufgabe, das Koa⸗ litionsrecht zu schützen. Sie hat es beinahe vernichtet. Das gesetzlich garantierte Streik⸗ postenstehen hat sie unmöglich gemacht. Das höchste preußische Gericht, das Kammergericht, hat sich dem Schutzmann als höchste Autorität untergeordnet. Nur er ist befugt, darüber zu entscheiden, ob die Ruhe und Ordnung gestört worden ist, die öffentliche Sicherheit gefährdet war. Verneint aber ein Schutzmann einmal diese Frage vor Gericht, wie jüngst, so fährt ihn der Vorsitzende in dem bekannten liebens⸗ würdigen Tone an:„Wieso beurteilen Sie das so ganz anders als Ihr Vorgesetzter?“ Vielfach haben vor Gericht Hauptleute, Leutnants und Schutzleute ausgesagt, daß stets jeder wegge⸗ wiesen werden sollte, der von dem gesetzlich garantierten Rechte des Streikpostenstehens Gebrauch macht. Aber anstatt die Staats- beamten und Richter wegen Rechtsbruches an⸗ zuklagen, hat man über die für Freiheit, Gleich ⸗ heit und Wahrheit kämpfenden Arbeiter die höchsten Strafen verhängt, einfach weil sie Arbeiter und nicht wohlhabend sind. Ein ideologischer bürgerlicher Redakteur ging ja ein⸗ mal während eines Streiks in der Kochstraße ruhig auf und ab. Er wurde fortgewiesen und bestraft. Es ist ja auch unerhört, wenn sich ein gebildeter Mann überzeugen will, daß un⸗ gesetzlich gegen Arbeiter vorgegangen wird. Wenn die Arbeiter, um das ihnen aus einem Tarif⸗ vertrage zustehende Recht zu erlangen, mit dem gesetzlichen Mittel des Streiks drohen, so werden ste wegen Erpressung bestraft. So ist der Ver⸗ tragsbruch, über den Sie zetern, die Grundlage Ihrer Gesellschaft geworden. Die tendenziöse Willkür erreicht ihren höchsten Triumph in dem Ausspruch des Reichsgerichts:„das Koalitions⸗ recht ist nur ein strafrechtliches Privilegium“. — Die bestehenden Geschworenengerichte sind aus stebenmal durchgestebten Angehörigen der herrschenden Klasse gebildet, um ausschließlich deren Interessen wahrzunehmen. Da darf sich der Abgeordnete Bassermann nicht wundern, wenn in Altona vom Schwurgericht vier Ange⸗ hörige der besitzenden Klasse nicht wegen Ver⸗ gewaltigung verurteilt worden sind, weil ste ja nur eine Arbeiterin vergewaltigt hatten. Wenn aber der Abg. Bassermann über diesen Altonaer Fall so denkt, wie beurteilt er es dann, daß die Redakteure bestraft worden sind, weil stie in etwas krasserer Weise, als es der Abg. Bassermann selbst getan hat, diesen Fall zur Sprache gebracht haben. Und diese Verurteilung geschah vor einer Strafkammer, also durch ge⸗ lehrte Richter! Kommen irgend wo Unruhen vor, so wird sofort meine politische Partei dafür verantwort⸗ lich gemacht. Es heißt einfach: Wo Tumulte sind, da ist die Sozialdemokratie! Viel rich⸗ tiger wire es, zu sagen: Wo Tumulte sind, da ist die Polizei! Oder noch besser: Wo die Polizei ist, da sind Tumulte! Auf dem ganzen Gebiet der Arbeiterrechtsprechung zeigt es sich eben, daß ein großer Teil der Richter denkt, der Kampf für die bestehende Ordnung erfordere es, die Arbeiter als Sklaven, als Tiere zu behan⸗ deln. Die Göttin der Gerechtigkeit scheint in Deutschland zwei Wagen zu handhaben, die eine, um die Rechte der Großen recht schwer zu be⸗ finden, und die andere, um die Rechte der Armen recht leicht zu erachten. In Breslau lautete das Urtell gegen meinen Freund Löbe auf 1 Jahr Gefängnis, weil er als verantwortlicher Redak⸗ teur einen Artikel verantwortlich gezeichnet hatte, in dem in der ruhigsten Weise zum Kampfe für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht aufgefordert wurde. In diesem Ur⸗ teil ist es direkt ausgesprochen, daß der Richter Rächer sein müsse, Rächer dafür, daß im Nach⸗ barlande Plünderungen vorgekommen sind. Im weiteren geißelte Stadthagen das gegen den Redakteur Heinig vom Leipziger Gericht gefällte Schreckensurteil und schloß diesen Teil seiner Rede mit den Worten: Aber glauben Sie nicht, mit solchen Brutalisterungen und Drangsalier⸗ ungen den Fortschritt der Sozialdemokratie auf halten zu können.“ Redner ging dann weiter auf die Verfolgungen wegen der Flugblätter ein. Aus der ganzen Art der Jagd auf die Flugblätter geht deutlich hervor, daß man nicht eigne strafbare Handlung verfolgen, sondern nach der Erklärung des preußischen Justizministers Sozialdemokraten verfolgen wolle, weil ste Sozial⸗ demokraten sind. Erst bemächtigte man sich der Flugblätter und nachher suchte man die strafbare Handlung zu konstruteren. Da wurde von dem einen Gericht Anklage erhoben wegen Aufretzung, von dem andern wegen Beleidigung, von dem dritten wegen Verächtlichmachung von Staats⸗ einrichtungen, von dem vierten wegen Aufforde⸗ rung zum Ungehorsam gegen die Gesetze, von dem fünften wegen Hochverrats, während dieses Flugblatt überall dasselbe war und sich streng im Rahmen der Gesetzlichkeit hielt. Die bürger⸗ lichen Polikiker aber glaubten wie kleine Kinder, an die Schreckgespenster, die ihnen in allerlei Ammenmärchen vorerzählt wurden. Bei dem Prozeß, bei dem es sich um Verbreitung eines dieser sozialdemokratischen Flugblätter handelte, wurde all der Unsinn, all das Tendenztöse, das je in den Veröffentlichungen des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie gestanden hat, all das, was von Spitzeln und Dum m⸗ köpfen je geschrieben wurde, vom Staatsan⸗ walt vorgebracht, trotzdem der Anwalt mit Recht erklärte, daß nicht die Sozialdemokratie, sondern ein einzelner Men sch wegen ganz bestimmter Handlungen auf der Anklagebank sitze. Das Gericht erklärte, ein Staatsanwalt dürfe das alles. Schließlich siegte aber doch der„juristische Verstand“ der Gerichte. Der Angeklagte wurde freigesprochen, weil kein Atom der zum§ 130 gehörenden Merkmale darin zu finden war. Dasselbe Flugblatt kommt vor ein anderes Ge⸗ richt in Stargard. Hier wird vom Gericht an⸗ erkannt, daß die betreffenden Austräger des Flugblattes dieses überhaupt gar nicht gelesen haben und daß die übrigen Gerichte diesen Um⸗ stand ganz übersehen haben. Trotzdem er⸗ folgte Verurteilung. Die Verurteilung geschah eben einfach, weil man gegen die Sozialdemo⸗ kraten gerichtlich kämpfen zu müssen glaubt. Jetzt handeln die Gerichte nach dem Grundsatz: Wenn die Presse Schandtaten aufdeckt, so macht sie sich dieser Schandtaten schuldig! Als ein Blatt das Verfahren eines Gemeindevor⸗ stehers als„skandalöse Weise“ bezeichnet hatte, wurde es zunächst zwar freigesprochen, weil dem Gemeindevorsteher nachgewiesen wurde, daß er sich nicht richtig benommen hatte. Das Reichs⸗ gericht aber hob dieses Urteil auf! Das heizt doch in der Tat, den Missetäter gegen die Presse in den Schutz nehmen, das heißt doch geradezu, daß die Gerichte ihre eigene bürgerliche Gesell⸗ schaft den Missetätern ausliefern. In kurzer Zeit hintereinander sind eine Reihe von Zeugnis⸗ zwangsverfahren gegen die Presse vorgekommen. So wird also ein Zwang ausgeübt, damit je⸗ mand eine ehrloseunanständige Handlung begeht. Dabei behaupten die Herren der Rechten immer, es gebe keine Klassenjustiz. Einem Justlz⸗ kollegium, das sich dazu hergibt, zu einer rupplgen, ehrlosen, gemeinen und unanständigen Handlung zu zwingen, soll kein Klassenkolleglum sein! Von meinem Fraktlonsgenossen Hoffmann ver⸗ langt mag sogar, daß er angeben soll, wer ihm die Mitteilung gemacht hat, die er im Parlament verwandt hat. Das ist ja alles erklärlich, wenn man daran denkt, daß wir vor einiger Zeit von dem preußischen Kriegsminister das Geständnis gehört haben, daß es notwendig ist, Verbrechen, Duellmorde, zu begehen. Hier werden also Strafen verhängt, weil man keine gemeine Haud⸗ lung begeht. Redner schilderte im Weiteren den gegen die Setzer der„Märk. Volksstimme“ verhaͤngten Zeugulszwang. Dabei lachte die Rechte, was Stadthagen veranlaßte zu erklären, das Gelächter zeige, daß die Begriffe über Ehre bei den Leuten auf der Rechten abgrundtief seien, wofür ihn natürlich ein Ordnungsruf traf. Auf die wuchtigen Angriffe Stadthagens wußte der Staatssekretär Nieberding so gut wie nichts zu antworten. Er versuchte nur zu bestreiten, daß der preußische Justtz⸗ minister einen ungesetzlichen Einfluß auf dle Richter habe ausüben wollen. 1 Der Freistinnige Müller⸗Meiningen übte ebenfalls scharfe Kritik an der heutigen Rechts⸗ pflege. Er wandte sich gegen das milde Urteil der Dresdener Richter in Sachen des russischen Fürsten Kotschubey, der bekanntlich einen Dres⸗ dener Hotelportier fast zu Tode trat und dafür nur 1000 Mk. Geldstrafe erhielt. Weiter kri⸗ tisterte er die pfäffischen und muckerischen An⸗ griffe gegen angebliche„unstttliche“ Kunstwerke. Abg. b. Gerlach bekämpfte besonders den Zeugniszwang. Politische Rundschau. Gießen, den 1. März 1906. In hündischer Schweiswedelei ergingen sich die„gutgesiunten“ Blätter in den letzten Tagen. Anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaisers und der Hochzeit eines Prinzen waren Artikel zu lesen, die in würdeloser und N. — ines lte, das dez lden um. dan⸗ lecht dern nter Daz das iche urde 130 war. Ge⸗ al dez lesen Um⸗ kr⸗ cab emo bt. saß: „ s0 Als cbor⸗ alte, dem ß er ichs, heißt lesse dezu, esell⸗ urzer guls⸗ imen. b se⸗ lung chen ustlz⸗ gen, ung feln! ber ihm ment wenn it bon Adnis chen, also Hand- teren ume“ t die läkel, Ehle dtief traf agen 0 th 10 übte 0 1 tech- el slschen Des dafl 1 ll 194 u Al perle. 11 N. 9. . w]⁰ ͤ. ³¹ mW A Witteldeutsche Sonnags⸗Zeitung. Soi 3. ekelhafter Weise lobhudelten. Ganze Setten sind angefüllt mit dem ödesten Klatsch, die Kleidung der Fürstlichkeiten wird fast bis aufs Hemd ge⸗ schildert; alles aufgezählt, was gegessen, getrunken, geredet wurde. Wenn dem Publikum derartiges geboten werden darf, so beweist das, welche Hirnverkleisterung die Klatschpresse bei ihm her⸗ vorgebracht hat. Wundern muß man sich auch, wie der Berliner Oberbürgermeister Kirschner, der sich„freistunig“ nennt, 0 im Staube kriegen kann, wie er in der Ansprache an die Braut etan hat.„Allergnädigst“— hochgnädigst,— hatten die Gnade— gehts da in einem fort! Die Gleichheit vor dem Gesetz. Vom Landgericht Oldenburg war am 7. Juni v. J. der Gastwirt Böschen wegen Duldung von Glücksspielen zu einer Geld⸗ strafe von 10 Mark verurteilt worden. Er hatte es geduldet, daß verschtedene Gäste bei ihm pokerten.— In der stillen Hoffnung, daß die vom Oldenburger Gericht s. Zt. über das Pokern ausgesprochene Ansicht beim Reichs⸗ gericht Schule machte, hatte er Revision ein⸗ gelegt.— In der Verhandlung vor dem Reichs⸗ 1 beantragte jedoch der Reichsanwalt die erwerfung der Reviston und fügte mit Beto⸗ nung hinzu: Wenn das Landgericht Oldenburg feststellt, daß das Pokern ein Glücksspiel ist, so ist dies ohne Rechtsirrtum geschehen. Das Reichsgericht erkannte auf Verwerfung der Reviston.— Als Herr Ruhstrat gepokert hatte, erklärte das Oldenburger Gericht belanntlich, Pokern sei kein Glücksspiel! Wann! hat das Gericht nun einen„Nechtsirrtum“ begangen: im Falle Ruhstrat oder im Falle Böschen? Jedenfalls sollte sich Herr Böschen seine 10 Mark Geldstrafe nebst allen Kosten von „seinem“ Justizminister Ruhstrat erstatten lassen; denn allein auf dessen juristische Autorität hin hat er doch gesündigt! Unschuldige Opfer der Nilitärjustiz scheinen die am 19. Dezember in Koblenz vom Oberkriegsgericht verurteilten Musketiere Sturm und Nettersheim zu sein. Diese wurden damals, wie auch in unserem Blatte berichtet wurde, ersterer zu 6Jahren Zucht⸗ haus, letzterer zu 6 Jahren Gefängnis ver⸗ urteilt und zwar wegen milttärischen Aufruhrs. Die ihnen zur Last gelegten Tat sollen ste während des Manövers im Dorfe Ellern auf dem Hunsrück begangen haben. Beide Verurteilte haben Reviston gegen das Urteil eingelegt. Nun brachte die Hunsrücker Zeitung die sensationelle Meldung, ein junger Mann aus Ellern habe nachträglich ausgesagt, er selbst habe den Steinkrug durch das Fenster des Wirtshauses in Ellern geworfen, in dem die betreffenden Unteroffiziere beim Bier saßen. Infolge widersprechender Aeußerungen der Zeugen haben die Verteidiger noch weitere Er⸗ hebungen angestellt. Ein Hüttenarbeiter wurde festgenommen, der mit anderen jungen Leuten zu ungunsten der Angeklagten ausgesagt hat. Es scheint also, daß die Sache noch nicht ab⸗ geschlossen ist. Die Angeklagten beteuern fort- gesetzt thre Unschuld, sie befinden sich seit dem 16. Septbr. v. J. in Haft. Im Herbst sollten sie entlassen werden. Auffallend ist noch, daß die beiden Muskettere trotz der schwerwiegenden Anschuldigungen das ganze Kalsermanöver mit⸗ gemacht haben. Wahlreform in Oesterreich. Im österreichischen Reichsrate begründete der Ministerpräsident Gautsch seinen Wahr⸗ gesetzentwurf, der auf dem Grundsatz des all ⸗ gemeinen Wahlrechts bastert. Die„Alldeutschen“ und andere Reaktionäre lärmten, der Minister erklärte jedoch, daß das Mintsterium mit der Wahlreform stehe und falle.— Unser Genosse Adler sagte in einer großen Versammlung: „Wir sind jetzt Regierungspartei“,„weil wir eine Regierung stützen, die zum erstenmal in Oesterreich den Voͤlkern ihr Recht verschaffen will. Solange die Regterung dieser Aufgabe dient, kann sie auf uns rechnen!“ Kleine politische Nachrichten. — Sozialdemokratische Wahlerfolge, Bei der Stadtverordnetenwahl in Kassel, die am Freitatß stattfand, erhielten unsere Kandidaten rund 1700 Stim⸗ men gegen 900 bei der letzten Wahl. Die Zunahme ist also eine ganz bedeutende. Sechs Mandate waren zu erneuern, wovon zwei unsern Genossen zuflelen. Unsere Partei hatte natürlich alle bürgerlichen„Rich⸗ tungen“ gegen sich. Ahlwardt taucht wieder auf und will eine neue politische Partel gründen, mit der Losung: Gegen Juden und Jesulten! Heil, Heil! Nevolution in Rußland. Henkerarbeit in den Ostseepro⸗ vinzen. In einem Privatbriefe, der unserm Leipziger Parteiblatte zur Verfügung gestellt wurde, heißt es: Es ist fast unmöglich geworden, in den Ostseeprovinzen zu leben. Täglich hört man weiter nichts, wie Nachrichten über Hin⸗ richtungen und abermals Hinrichtungen. Nach⸗ dem alle fortschrittlicheren lettischen Zeitungen sistiert worden sind, ist es unmöglich geworden, irgendwelche Meldungen über die himmel⸗ schreienden Schandtaten, welche die baltischen Barone an der lettischen Landbevölkerung verüben, an das Licht zu bringen. Jetzt genügt es ihnen schon nicht mehr, daß sie, unter dem Schutze von Kosaken und Dragonern, ihren Blutdurst durch Menschen⸗ jagden und Massenmorde stillen können. Dieser Sport scheint ihnen zu alltäglich geworden zu sein, da er bereits auch in anderen Gebieten des Zarenreiches allgemeinen Anklang und Nachahmung gefunden hat. Der Katzdangensche Baron ließ in seiner Gemeinde allein 9 Personen erschießen und viele ins Gefängnis werfen. Der Bauer Jubert ist nach dem Gouvernement Wologda verbannt, wo der Aermste nichts zu tun, aber auch nichts zu beißen hat. Dann haben es uusere Barone bereits soweit gebracht, daß sie sogar den Versuch machen, Menschen als Pferde zu benutzen. Ein Augenzeuge erzählt es mir, daß auf dem Gute Saleene (lettisch) im Grobinschen Kreise, ein Baron mit einem Viergespann angefahren kam, wel hes aus zwei Pferden und zwei Menschen — die letzteren an der Spitze vorgespannt— bestand. Als man die Pferde ausspannte, um sie im Stalle zu füttern, tat man mit den beiden unglücklichen Menschen das gleiche; auch fie wurden ausgespannt und zusammen mit den Pferden in den Stall geführt, um dort ge⸗ füttert zu werden. Doch genug davon, ich fürchte, es vergeht mir der Verstand.. 1400 Norde haben die Zarenhenker seit dem 7. Januar verübt, wie der Londoner „Times“ aus Petersburg berichtet wurde. Die Zahl der politischen Verhaftungen in St. Peters⸗ burg belief sich auf 1716. In 17 Städten wurden provisorische Gefängnisse eröffnet. 78 Zeitungen wurden unterdrückt, 58 Redakteure verhaftet.— In War sch au fällte das Kriegs⸗ gericht zahlreiche Todesurteile, die schleu⸗ nigst vollstreckt wurden. N 5 Das Ende des Arbeiters oder: Lohn für treue Dlenste. Es war jetzt ungefähr ein Jahr her, daß er sich die langwierige Kraikheit zugezogen. Beim Leeren der Aschebehälter hatte er sich heiß ge⸗ schwitzt und sich, als er darauf den Hof kehrte, schwer erkältet. Monatelang lag er zu Hause, die Glieder steif, daß er ste fast nicht rühren konnte und sie ihn schmerzten. Als er dann Bäder nehmen mußte, war er ins Spital ge⸗ kommen. Hier wurde er im Verlauf eines Jahres soweit hergestellt, daß er wieder daran denken konnte, zu arbeiten, zu verdienen. Er war ja nicht mehr der Alte, die Füße wollten nicht mehr so recht ihren Dienst tun, aber es gibt ja genug Arbeit, bet der man wenig zu Kone braucht. Er hatte ja noch zwei rüstige rme und eine große Sehnsucht danach, wieder zu arbeiten, zu verdienen. An einem Morgen machte er sich auf und meldete sich bei seiner Firma mit der Bitte, ihn zu einer leichten Beschäftigung wieder einzustellen, etwa zum Zeichnen der Felle oder sonst einer Arbeit, bei der man die Füße schonen kann. Die Herren wiesen ihn ab. Da er selbst ung eingeschüchtert wurde und anfing, trüb⸗ unig zu werden, machte seine Frau wiederholt den Versuch, bei den Buüroherren der Fabrik vorstellig zu werden— ohne Erfolg. Er machte noch einmal einen Bittgang, wenn auch dieser fehlschlug, dann— dann wußte er nicht, was er noch auf der Welt suchen solle. 54 Jahre war er alt geworden, über ein Vier teljahr⸗ hundert hatte er bei der von der Firma Heyl übernommenen Firma Schlosser gedient. In diesem Betrieb, wo tausende Unterkunft finden, wird es, so hoffte er, wohl auch noch einen Platz geben, für einen in der Arbeit für ste er⸗ grauten Familienvater. Es sind ja zur Ver⸗ richtung leichter Arbeiten genug junge unver⸗ hetratete Arbeiter da, die mit Leichtigkeit irgendwo anders Arbeit finden. Wenn ihm die Firma nicht Arbeit gibt, der er sein Leben lang gedient, wer wird ihn noch nehmen, ihn, den Halbin⸗ validen, der bald ins Greisenalter tritt. Die frühere Arbeitsstätte ist ihm zur Heimat ge⸗ worden, da ist er mit allem vertraut, da sind seine Arbeitskameraden; nun soll er mit seinen gebrochenen Kräften noch in die Fremde gehen Der letzte Versuch endete mit einer Vernichtung seiner letzten Hoffnung. Man bedeutete ihm daß er eine jährliche Invalidenrentevon etwas über 200 Mk. erlangen könne, billigte ihm einen wöchentlichen Zuschuß von 3 Mk. und riet ihm im übrigen, sich an die Armenber⸗ waltung zu wenden. Also soweit war es ge⸗ kommen; er sollte nicht mehr sein Brot selbst verdienen können, mit 54 Jahren auf Almosen angewiesen sein! Und wie mit diesem Bettel eine Frau, eine 84 Jahre alte Mutter, eine Pflegetochter und sich erhalten können? Das ging nicht mehr in seinen Kopf. Als seine Frau am Dienstag abend vom Waschen nach Hause kam, hing ertotan der Türklinke. Es fand sich ein Geistlicher, Dekan Bennemann, der ihm ein christliches Begräbnis nicht versagte. In der Heylschen Fabrik sammeln die Ar⸗ beiter für die Witwe des allseits beliebten Arbeitskollegen, dessen Leben so tragisch endete. Diese Schilderung brachte die„Wormser Volksztg.“ im Anschluß an eine Notiz des Polizeiberichts vom 14. Februar, in welcher mitgeteilt war, daß der Arbeiter, von dem die Rede ist, in seiner Wohnung erhängt vorgefunden wurde. Hehl gilt aber als großer Wohltäter. Non Nah und Lern. Hessisches. — Das Amtsblätterunwesen kam kürzlich im Finanzausschusse der Zweiten Kammer wieder zur Erörterung. Lebhaft wurde über die unqualifizierbaren Angriffe geklagt, welche von Kreisamtsblättern gegen einzelne Abgeordnete wegen ihrer zustimmenden Stellung zur Regierungs⸗Gemeindesteuervorlage während der letzten Wahlagitation beliebt wurden. Es sei unerhört, wie bei dieser Gelegenheit auch die Regierung durch ihre eigenen Amtsblätter hingestellt worden set. Dem müsse ein Ende gemacht werden durch Beseitigung des dermaligen Systems der Amtsblätter. Die Regierung er⸗ klärte, sie set der Sache näher getreten, doch habe sich gezeigt, daß die erforderlichen Kosten recht bedenklich seien. Demgegenüber wurde von unserem Genossen Ulrich erklärt, daß er bereit sei, ohne einen Pfennig von der Regierung zu verlangen, den Druck und die Herausgabe der für jeden Kreis erforderlichen Amtsblätter zu besorgen und noch soviel dabei zu verdienen, daß er sich verpflichte, der Staatskasse noch 5, ja 10 Prozent vom Reingewinn abzugeben. Andere Mitglieder des Ausschusses gaben ähn⸗ liche Erklärungen ab. Trotz alledem blieb der Regierungsverkreter bei seiner früheren Haltung, worauf der Ausschuß die Verhandlungen ab⸗ brach und vom Herrn Staatsminister selbst nähere Auskunft wünschte. Durch das uner⸗ wartete Ableben des Staats ministers konnte diese Auskunft nicht gegeben werden. Dadurch blieb die Frage in der Schwebe. Der Ausschuß ist aber entschieden der Ansicht, daß der der⸗ malige Zustand nicht fortbestehen dürfe und fordert dringend eine baldige Regelung der mißlichen Angelegenheit. Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. 4 Nr. 9.* Die Zweite Kammer nahm am Mitt⸗ woch ihre Beratungen mit einer Anfrage Brenn⸗ tanos(Zentr.) über Verseuchung des Main⸗ stromes auf. Ullrich verlangte im Interesse der Fischer und des Fischbestandes wirksame Ueberwachung und strenge Durchführung der für die Fabriken bestehenden Vorschriften. Die Anträge betr. Gewährung von Ve rgütungen an Geschworene und Schöffen sowie betr. Entschädigung für unschuldig erlittene Haft werden auf Antrag des Abg. Ullrich nach kurzer Debatte an die zuständigen Ausschüsse zurück⸗ verwiesen.— Donnerstag begann die Beratung des Haushaltsplanes, wobei Ullrich das Wort ergriff und die Nichtbestätigung gewählter Gemeindebeamten sowie die Haltung der ersten Kammer in der Wahlrechtsfrage verurteilte. — Erhebungen über die Heimarbeit in Hessen anzustellen, hat der Abg. Rein⸗ hart(natl.) in der Zweiten Kammer beantragt. Die Aufnahmen sollen durch die Gewerbeinspek⸗ tionen vorgenommen werden und sich erstrecken über: 1. Die Zahl und das Alter der in der Heimarbeit beschäftigten erwachsenen und jugend⸗ lichen Arbeiter und Arbeiterinnen; 2. über deren Arbeitszeit; 3. über deren Lohn und deren Arbeitsbedingungen; 4. über deren Wohnungs⸗ verhältnisse und Arbeitsräume. Eine derartige Untersuchung ist gewiß wün⸗ schenswert.— Die Frankfurter Stadtver⸗ ordneten beschlossen übrigens, der Magistrat solle dahin wirken, daß die Berliner Heimarbeit⸗ Ausstellung nach Frankfurt komme. Wenn dies unmöglich sei, solle Frankfurt sofort Schritte tun, um in Bälde eine eigne sozialpolitische Ausstellung mit besonderer Berücksichtigung der Heimindustrie zu veranstalten. — Zur Ersatzwahl in Darmstadt. Die Nationalliberalen haben den Rechtsanwalt Dr. Stein in Darmstadt als Kandidaten aufgestellt und von dem Bunde der Landwirte, den Deutsch⸗Sozialen und den Christlich⸗Sozialen wird diese Kandidatur unterstüͤtzt, was schon für sie bezeichnend genug ist. Eine feine Sorte Liberalismus“, die sich mit den schwärzesten Reaktionären, den rücksichtslosesten Volksfeinden verbündet! Der berüchtigte Becker⸗Sprendlingen hat denn auch schon seinen Segen dazu gegeben und am Sonntag in Darmstadt eine seiner bekannten Schimpfreden gegen die Sozialdemo⸗ kratie gehalten. Die„Linksliberalen“ halten an der Kandidatur des nationalsozialen Pfarrers Korell fest.— Unsere Parteigenossen werden in der Konferenz am 4. März ihren Kandidaten, als welcher bekauntlich Genosse Berthold vorgeschlagen ist, endgültig aufstellen. Gießener Angelegenheiten. — Zum Austritt aus der Kirche forderte ein Flugblatt auf, das hier vorige Woche an die Professoren und Studenten zur Verteilung gelangte. In dem Aufruf wird eingangs gesagt, daß die schwer erkämpfte Frei⸗ heit des deutschen Geistes in Gefahr sei und daß es besonders Aufgabe der Akademiker sei, gegen diese geistige Knechtschaft anzukämpfen. Es sei nötig, in den konfesstonellen Kämpfen der Gegenwart(Schulgesetzvorlage) Stellung zu nehmen. Und da die Zugehörigkeit zu einer der überkommenen ktrchlichen Konfesstonen beiden meisten Akademikern nur äußerer Schein set, werden diese aufgefordert, allgemein aus der Kirche auszutreten und die Aufhebung der theo⸗ logischen Fakultät zu fordern.— Den Aufruf, der von bier Leipziger und einem Berliner Studenten unterzeichnet ist, druckte auch der Gießener Anzeiger ab und bemerkte dazu, die Studenten hatten sich damit lächerlich gemacht und würden in einigen Jahren diesen Schritt als den törichtsten ihres Lebens bereuen. Offenbar hält der Anzeiger jeden Angehörigen der bürger⸗ lichen Klasse, der eine fretere, von der ordnungs⸗ parteilich abgestempelten, abweichende Meinung bekundet, für so gestnnungslumpig, daß er sie sofort abschwört, wenn ihm daraus irgendwelche gesellschaftliche oder sonstige materielle Nachteile erwachsen. gewiß nicht das größte Zutrauen, aber deswegen sprechen wir noch lange nicht jedem Gesinnung angekauft und beabsichtigte dort größere Neu- hat sich hier ein„Bürgerverein“ gebildet. Nicht der Verein selbst, sondern die besonderen Um⸗ stände seines Zustandekommens veranlassen uns zu einigen Bemerkungen. beschäftigte sich der leitende Gemeindebeamte mit dieser Sache und wenn man bisher der Mei⸗ nung war, daß bei ihm ein Bürger so viel gelte als der andere, wie er bei seiner Wahl erklaͤrte, so wird man diese Meinung etwas korrigieren müssen. unter den Bürgern. nötige Schwere nicht au ignoriert; auch fortschrittliche Kommunalpolitiker besseren Standes fanden Augen der zukünftigen tuierende Versammlung verteilte vor allen Dingen die Ehrenämter des Vereins unter sich. So denkt Wir haben ia in dieser Beziehung 1 5 vielleicht auch die Gemeindeämter zu ber⸗ es kann manchen die Zeit recht lan dem Taufpaten des Kindes vielleicht selber. Studierenden Protest gegen die allgemeine Ver muckerung erhebt.— Wenn der Aufruf den Kamp funden haben! Oberhessen tritt am ersten Saison zusammen. wärts hat man das darin so z. B. in Bayern. als Schöffen in Tatigkeit treten werden. Verhandelt wird am Montag tötung; Dienstag gegen Otto Schneider aus Nieder⸗Wöllstadt wegen Verbrechen im Amt; Mittwoch gegen Karl Krauskopf aus Gießen Luh, Dern, Weiß und Keßler aus Großenlinden wegen Sittlichkeitsverbrechen. — Wegen Bran dstiftung wurde am Dienstag der Dachdeckermeister und Bauunter⸗ nehmer Heinrich Carle verhaftet. Am Samstag war in den Altwaren⸗ und Lumpen⸗ geschäft der Witwe Rothenberger am Neuenweg eln Brand ausgebrochen, der aber bald gelöscht wurde. Es stellte sich heraus, daß Brandstiftung vorliegen müsse, die von außen her bewirkt worden war. Carlé hatte mehrere Häuser in der Umgebung des Rothenberger'schens Anwesens bauten aufzuführen. Dazu wollte er auch das Rothenbergersche Haus erwerben, doch Frau R. verlangte zuviel dafür. Die Verhaftung Carlés erregt in der Stadt nicht geringes Aufsehenu. — Die Freie Turnerschaft hielt am Samstag einen karnevalistischeu Abend im Lenz⸗ schen Felsenkeller ab, der sehr zahlreich besucht war und auf's beste verlief. Zahlreiche humo⸗ ristische Vorträge brachten die Teilnehmer in die fröhlichste Stimmung. Wenn bei den gewiß für die Arbeiter nicht heiteren Zeiten dafür gesorgt wird, daß diese den Humor nicht ver⸗ lteren, so ist das jedenfalls anzuerkennen.— Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß die Arbeiterturnvereine mächtig emporgeblüht sind; die Arbeiterturnerzeitung verzeichnet jetzt eine Auflage von 50000! — Hochwasser. Die Lahn und Wieseck haben in den letzten Tagen eine Höhe erreicht, wie seit langen Jahren nicht mehr. Die Ebene zwischen Gießen, Heuchelheim und Wieseck glich einem See. Mehrere Häuser am rechten Ufer standen im Wasser. Auch aus dem übrigen Deutschland werden Ueberschwemmungen ge⸗ meldet. — Ueber Heinrich Heine wird in der nächsten Versammlung des W ahlvereins ein Vortrag gehalten werden. Aus dem Nreise gießen. J. Altenbuseck. Unter dem Protektorat und dem besonderen Einfluß des Bürgermeisters Schon seit Wochen Man hielt eine gründliche Auslese Wessen Geldbeutel die fwies, der wurde einfach keine Gnade bor den Männer. Die konsti⸗ eilen, wozu der Andrang sehr stark ist. Aber g werden, und Charakter ab, halten es im Gegenteil für recht erfreulich, wenn sich aus den Kreisen der 4 Uhr eine öffentliche Ver samenlung bei thr. In Leidhecken findet dtesen Sonntag nachm. gegen die Sozialdemokratie predigte, würde er gewiß den vollen Beifall des Amtsblattes ge⸗ — Das Schwurgericht für die Provinz Montag, 5. März, zur Die Liste der Ge⸗ schworenen weist wieder keinen einzigen Arbeiter auf. Die zahlreichste Bevölkerungsklasse ist also von der Rechtsprechung ausgeschlossen. Ander⸗ liegende Unrecht eingesehen und hat auch Angehörige der Arbeiter⸗ klasse mit auf die Geschworenenliste genommen, Auch aus Kiel wird be⸗ richtet, daß zum ersten Male mehrere Arbeiter gegen Louise Schneider aus Lauterbach wegen Kindes- wegen Brandstiftung; Donnerstag gegen Menges, „ Joh. Heß statt, in der Redakteur Vetters⸗Gießen über f Wahren und falschen Patriotismus“ sprechen wird. Die Parteifreunde aus den Ortschaften der Umgebung wollen für recht zahlreichen Besuch sorgen. Aus dem Nreise Wetzlar. *Kreisblattliches. Vor einiger Zeit druckte der„Wetzlarer Anzeiger ein Stück von einem Artikel unseres Genossen Kampfmeyer über die Versicherungs⸗ gesetze ab unter der Ueberschrift„Ein Zeugnis für unsere Arbeiterversicherungsgesetze“. In diesem Artikel, der nach dem Anzeiger„neulich“ in den„Sozialistischen Monats⸗ heften“ erschienen sein soll, wird die Wirkung der Versiche⸗ rungsgesetze geschildert und— um es kurz zusammenzufassen — erklärt, daß die Arbeiterversicherungsgesetze die Arbeiter⸗ schaft körperlich und geistig gehoben und ihr eine tat⸗ sächliche wirtschaftliche Besserstellung von anderthalb Milltarden Mark gebracht habe. Und dazu sagt nun das Kreisblatt: „So urteilt ein Sozialdemokrat, wenn er der Wahr⸗ heit die Ehre gibt! Die andern Führer der Genossen, insbesondere die Hetzblätter à la„Mitteldeutsche“ usw. setzen sich über diese offenkundigen Tatsachen hinweg, weil sonst ihre ganzen, zur Aufwlegelung des Volkes bestimmten Lehren von der Ausbeutung der Arbeiter durch die Unternehmer und der wachsenden Verelendung der Massen zusammenbrechen würden.“ Daß uns der„Wetzl. Anzeiger“ ein„Hetzblatt“ nennt, kränkt uns weiter nicht. Wer für die Armen und Unterdrückten eintritt, Mißstände bloslegt, Unrecht bekämpft, den Perrücken, Philistern, Heuchlern die Wahr⸗ heit sagt, kann sicher sein, daß er von diesen Hetzer, Aufwiegler und ähnliches geschimpft wird. So ging's schon vor 2000 Jahren dem Nazarener Christus, der bekanntlich deswegen sogar ans Kreuz geschlagen wurde. Tausenden nach ihm gings ähnlich. Trotzdem wollen wir viel lieber Hetzer genannt werden, der die Menschen zum Kampfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung und für Recht, Freiheit und Menschenwürde aneifert, als ein Reptil sein, das vor den Machthabern im Staube kriecht, die Armen und Schwachen aber mit seinem Geifer überschüttet. Lakai⸗ oder Bütteldienste zu verrichten, ist eben nicht jedermanns Sache; Leute von Charakter eignen sich dazu nicht. Wir sprechen aus, was nach unserer Ueberzeugung wahr und richtig ist und fragen nicht danach, ob ein„hohes Tier“ daran Anstoß nimmt, oder sich darüber freut. Wir können auch unserer Ueberzeugung Ausdruck geben; ein Kreis⸗ blatt darf nur bringen, was man„oben“ gern sieht und wenn sein Redakteur hundertmal weiß, daß es un⸗ wahr und unrichtig ist. Dafür hat ja vor nicht langer Zeit ein Kreisblatt⸗Redakteur einen drastischen Beleg aus seiner eigenen Erfahrung in ber Frkftr. Kl, Presse ver⸗ öffentlicht. Also: Ein Kreisblatt hat keine eigene Meinung! Wie steht's nun mit dem Kampfmeyer'schen Artikel 2 Zunächst sel bemerkt, daß das, was der„Anz.“ davon brachte, aus der Reichsverbands⸗Korrespondenz oder irgend einem Ober⸗Reptll abgedruckt ist, wie fast alles, was er bringt. Nur Kriegervereinssestreden sind„Original“. Der Artikel erschien ader nicht„neulich“, sondern im September des Jahres 19021 Er umfaßt über acht Seiten in den„Sozlalistischen Monatsheften“; was der„Anz.“ abdruckte, ist etwa der zwölfte Teil des Artikels. Daß aus wenigen, aus dem Zusammenhang herausgerissenen Sätzen nicht ersichtlich sein kann, was der ganze Artikel sagen und beweisen will, ist ohne Weiteres klar. Davon abgesehen, gestehen wir gerne zu, daß wir verschledene, vom„Anz.“ wiedergegebene Sätze keineswegs unterschreiben. Ka mpffmeyer sagt selbst in einer Zuschrift an uns:„Der Artikel kenn⸗ zeichnet die Arbeiterversicherung als ein Klasseninstitut, das auf einen von einem Hungergurt umschlossenen proletarischen Magen zugeschnitten ist.“ Wir haben niemals die Arbeiter⸗Versicherung weg⸗ werfend behandelt, wollen vielmehr deren Ausbau. Bestreiten müssen wir aber, was die Gegner vi l⸗ fach behaupten, daß die Arbelterschaft damit von allen Uebeln erlöst sei. Tatsache ist: daß es ohne die Sozialdemokratie keine Arbeiterversicherung gäbe; daß das Unternehmertum in seiner Mehrheit dagegen ist; daß die Lasten am letzten Ende von der Arbelterschaft aufgebracht werden. * Die Stöckerei auf Agitation. In der letzten Zeit bearbeiten die Stöckerleute den Wetzlarer Wahlkreis mit besonderem Eifer. Ste wollen den Kreis bei der nächsten Wahl unbedingt erobern. Zu diesem Zwecke haben sie einen Kuhhandel mit den Antisemiten abgeschlossen, die demgemäß auf eine eigene Kandidatur verzichten. Selbstverständlich rechnet die Stöckerel mit der Unterstützung der Zentrumspartei, die mlt ihren 6000 Stimmen das den christlichen Bergleuten als Sekretär aufgepfropfte Gärtner⸗Fränzchen in den Reichs⸗ tag schicken soll. Soweit stimmt ja auch die Rechnung — falls nicht die Wählerschaft einen dicken Strich durchmacht. Und daß letzteres geschieht, ist eher als Gastwirt das Gegenteil wahrscheinlich. Wenigstens wird kein verständiger Mensch, am allerwenigsten ein Arbeiter, für e — e ß — E. r e P — 5 —— * e 0 1 17 1 1 1 auf den Fall Cramer zu sprechen. Ansicht ging dahin, daß Cramer nicht nötig gehabt habe, D Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 5. Nr. 3. die Bestrebungen der Stöckerei einzufangen sein, der sie nur einigermaßen kennt.— Jetzt ziehen wieder, wie alljährlich um diese Zeit, Dr. Burckhardt und Franz Behrens im Kreise herum; außerdem wurde noch ein in der Berliner„Inneren Misston“ dressterter Stöcker⸗ jünger auf ihn losgelessen. Dieses sauberste Exemplar der Stöckerklique hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, die Sozialdemokratie totzuschimpfen, soviel Schmutz auf sie zu werfen, daß sie darunter ersticken soll. Stöcker und seine sonstigen Trabanten leisten in dieser Beziehung gewiß etwas, dieser christliche Bruder läßt sie aber alle weit hinter sich; mit ihm verglichen sind die Pückler, Ahlwardt, Iskraut und was man sonst noch als Ver⸗ treter niedrigster Kampfesweise anzusehen gewohnt war, höfliche und anständige Leute. Am Freitag verzopfte dieser Mensch— Rüffer nennt er sich, von anderer Seite wird uns jedoch mitgeteilt, daß er Rüppel heiße— in Klein⸗Altenstädten fast zwei Stunden lang all' den Blödsinn und Schwindel, der nur je gegen die Sozialdemokratie zusammengetragen wurde, Eine ununterbrochene Schimpferei! Hat der Mann das in der Inneren Mission gelernt, oder ver⸗ kehrt er in Kreisen, wo dieser Ton üblich ist? Unwill⸗ kürlich dachte man an Heines„Disputation“: Wieder schimpft er, jedes Wort Ist ein Nachttopf und kein leerer! Genosse Vetters wies die verlogenen Angriffe auf unsere Partei zurück, soweit ihm das in den 15 Minuten Redezeit möglich war. Die Herren verfolgen eine schlaue Taktik. Sie reden erst 2 Stunden, der Gegner darf dann eine Viertelstunde reden und dann reden sie wieder abwechselnd— sie treten immer zu Zweien auf— halbstundenlang. Vetters kennzeichnete ihre verwerfliche Agitationsweise gebührend, und sie haben weder hier Erfolge zu verzeichnen noch in Kinzenbach, wo am Dienstag Virsammlung war. Hier wagte Rüffer nicht so pöbelhaft wie in Klein⸗Altenstädten aufzutreten. Was er sachlich vorbrachte— er besprach die Schul⸗, Wahl⸗ rechts⸗ und Steuerfragen— wurde von Vetters gründ⸗ lich widerlegt. Herr Behrens war auch nicht im Stande, Ausführungen unseres Genossen abzuschwächen. Sachlich können die Herren nichts gegen die Sozial⸗ demokratie ausrichten und ihrem Geschimpfe gegenüber müssen wir uns mit Göthe trösten: f Uebers Niederträchtige Niemand sich beklage; Denn es ist das Mächtige, Was man dir auch sage. In dem Schlechten waltet es Sich zum Hochgewinne, Und mit Rechten schaltet es Ganz nach seinem Sinne. Mandrer! Gegen solche Not Wolltest du dich sträuben? Wirbelwind und trocknen Kot, Laß sie drehn und stäuben! h. Eine Biersteuer wollte man in Wetzlar einführen. Die Stadtväter lehnten sie ab, nachdem Stadtv. Michaeli sich energisch dagegen wandte. Man erhöhte die Einkommen⸗ steuer dementsprechend. a. Launsbach. Unser Genosse Wilh. Börschel ist am Samstag nach langem Leiden im Alter von erst 30 Jahren in der Gießener Klinik gestorben. Unter großer Teilnahme wurde er am Dienstag zur letzten Ruhe bestattet. Von Seiten des Metallarbeiter⸗Verbandes und des Wahlvereins wurden Kränze niedergelegt, der letztere mit roler Schleife geschmückt. Der Gesangverein Liedertafel widmete ihm ebenfalls einen letzten Scheidegruß.— Der Vorstorbene hinterläßt eine Witwe mit drei kleinen Kindern. Wir verlieren in ihm einen aufrichtigen Partei⸗ genossen, der sich als rechtschaffener und tüchtiger Arbeiter allgemeiner Beliebtheit erfreute. Wir werden sein Andenken in Ehren halten. Aus dem RNreise Marburg⸗Nirchhain. Wahlverein. Die am Samstag stattge⸗ fundene Versammlung des Wahlvereins nahm zunächst den Kassenbericht für das 4. Quartal 1905 entgegen. Demselben war zu entnehmen, daß die Mitgliederzahl z. Zt. 138 beträgt. Der jetzige Kassenbestand sei zwar nicht hoch zu nennen, was einesteils der lebhaften Agt⸗ tation zuzuschreiben ist, welche stattfand, andererseits sind aber auch viele Genossen mit ihren Beiträgen im Rück⸗ stande. Hier müsse etwas mehr Pünktlichkeit herrschen. Nachdem mehrere Neuaufnahmen erledigt waren, kam man bei Erörterung der politischen jüngsten Ereignisse Die allgemeine seine Mandate so ohne Weiteres niederzulegen. Es müsse sich jeder eine Kritik gefallen lassen. Hoffentlich behaupteten unsere Genossen den Wahlkreis.— Schließ⸗ lich teilte der Vorsitzende noch mit, daß auf Samstag, den 10. März, eine öffentliche Volks versammlung einberufen werde, in der Dr. Bensheim⸗Charlottenburg über die Schulfrage sprechen wird. Die Genossen wollen für recht zahlreichen Besuch dieser Versammlung sorgen. O Oberbürgermeister Schüler feierte Anfang dieses Jahres seinen 70. Geburtstag. Einer öffentlichen Feier ging er bei dieser Ge⸗ legenheit aus Wege; unsere Stadtverwaltung bewilligte 30000 Mark zur Anlage einer sogen. Schüler⸗Promenade und in einer am Montag stattgefundenen gemeinschaftlichen Sitzung des Magistrats und der Stadtverordneten wurde der auf Pergamentpapier geschriebene in Leder ein⸗ gebundene Beschluß dem Jubilar überreicht. Die am Fastnachts dienstag veröffentliche Be⸗ gründung dieses Beschlusses gibt„in dankbarer Erinnerung“ einen Rückblick auf die Entwicklung unserer Stadt. Bei dieser Aufzählung der Ver⸗ dienste unseres Stadtoberhauptes macht es einen eigentümlichen Eindruck, daß auch die Vermehr⸗ ung der Schulden Marburgs von 783000 Mk. auf 5000 000 Mk. verzeichnet ist; daß aber die Vermehrung der Bevölkerung von 11500 auf 20 000 ein Verdienst des Oberbürgermeisters sein soll, dürfte dem alten Junggesellen als ein nicht übler Fastnachtsscherz vorkommen. Aus dieser Aufstellung ist auch zu erfahren, daß unsere Stadt für die Volksschulen pro Kopf der Schüler 48,90 Mk. aufwendet, für die Oberrealschule jedoch trotz des hohen Schulgeldes pro Kopf der Schüler mehr als 80 Mk. Vergeblich wird man aber unter der Aufzeichnung der Fortschritte Marburgs unter Schülers Regime nach solchen suchen können, die der Arbeiterbevölkerung zu Gute kommt. Wäre die Tätigkeit unseres Stadt⸗ oberhauptes in dieser Beziehung eine fruchtbare gewesen, dann wäre ihm ein besseres Denkmal geworden, als es die Schaffung von Anlagen ist. Diese Anlagen, welche den sprachlich unge⸗ heuerlichen Namen„Oberbürgermeister Schüler⸗ Anlagen“ erhalten sollen, sind zu beiden Seiten der Lahn in Aussicht genommen. Herr Guts⸗ besitzer Hofmann hat zudem noch der Stadt ge⸗ schenkt: Gelände zur Herstellung eines Fahr⸗ weges nach e und zur Anlage eines Weges am Waldrande von Spiegelslust und zur Anlage eines Platzes an der Schäferbuche sowie eine Fläche von 20000 Quadratmeter zur Anlage eines„Oberbürgermelster Schüler⸗ Parkes“. Der mehrfache Millianär kann sich das um so eher leisten, als das Wertzuwachs⸗ steuerprojekt durch Schülers Widerstand als ge⸗— scheitert betrachtet werden kann, und durch die Schaffung von Anlagen auf den geschenkten Grundstücken der Wert des übrigen Besttzes be⸗ deutend gesteigert wird. Die, christlichen“ Maurer iu Marburg gaben kürzlich ein bezeichnendes Beispiel dafür, wie sie die Arbeiterinteressen zu wahren und den Gemeinsinn zu pflegen gedenken. Die Arbeitgeber haben für dieses Jahr eine Lohnzulage von 2 Pfg. die Stunde und 10. stündige Arbeitszeit zugesagt. Am Samsklag hielt der Zeutralverband eine Versammlung ab, in der jedermann Zutritt hatte und in der man sich mit dem Zugeständnis der Bauunternehmer einverstanden erklärte. Demgemäß beträgt der Stundenlohn dieses Jahr 42 und nächstes 43 Pfg. Am Sonntag hielten nun die christlichen Maurer eine Versammlung ab, in der über diese Dinge verhandelt werden sollte. Nun hätte man meinen sollen, da ja diese Fragen alle Marburger Maurer angehen, daß es den C ristlichen er⸗ wünscht wäre, wenn auch Leute vom Zentral- verband an ihrer Versammlung teilnehmen. In dieser Meinung begaben sich auch zwei Mitglieder des Zentralverbandes in die„christliche“ Ver⸗ sammlung. Aber diese beiden hatten das Ge⸗ meininteresse der Christlichen zu hoch eingeschätzt. Es wurde ihnen die Türe gewiesen! Damit haben sich die Schwarzen mal wieder in eine schöne Beleuchtung gerückt. Sie hatten jeden⸗ falls manches zu verbergen, was das Licht zu scheuen hat. s Durch Maßnahmen der Stadtverwal⸗ tung sind einige Private nicht unbedeutend geschädigt worden. Ein städtisches Gelände an der Realschule wurde im Juli vorigen Jahres verpachtet. In dem auf drei Jahre lautenden Pachtvertrage war bestimmt, daß dies Land nur für landwirtschaftliche Zwecke benutzt werden dürfte. Die Pächter, ein Gärtner, ein Lehrer an der Realschule und ein Gemüsehändler, ließen fich die Bearbeitung des Stückes angelegen sein und schönes Geld kosten. Der Gärtner z. B. hat 150 Mk. Arbeits⸗ lohn ausgegeben; der Gemüsehändler hat seinen Teil umgepflügt und mit Klee eingesät, den er zum Sommer abzuernten gedachte. Dadurch machte aber das Stadt⸗ parlament einen dicken Strich, indem es beschloß, das Terrain vom 1. April ab in einen Spielplatz für die Schuljugend umzuwandeln und der Beschluß ist den Pächtern auch bereits zugestellt worden. Der erste Pachtvertrag läuft am 1. Juli ab. Hätte man den Leuten bis dahin Zeit gelassen, so hätten sie wenigstens einigermaßen Ersatz für ihre Aufwendungen gehabt, jetzt können sie sehen, wo sie bleiben.(Wenn die Betreffenden Schaden haben, wird die Stadt Ersatzleistung kaum verweigern können. D. R.) Kleine Mitteilungen. d. Ein Gewerbegericht haben die Arbeiter Friedbergs schon lange gefordert. Nun soll endlich ein solches am 1. April errichtet werden. Hoffen wir, daß es wahr wird! In Oberlahnstein brannte am Freitag die Druckerei des Lahnsteiner Tageblattes nieder. Ein Feuerwehrmann wurde bei den Löschungsarbeiten tötlich verletzt. Der Materialschaden ist bedeutend, u. a. sind 4 Maschinen vernichtet. * Gebrochene Ordnungsstützen. Wegen Unterschlagung von 14000 Mk. Gemeindegeldern wurde von dem Schwurgericht in Plauen der ehemalige Gemeindevorsteher Gunechtel aus Rautenkranz zu zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. So ziales. Wablsteg der Freien Gewerkschaft. Bei den Knappschaftsältesten⸗Wahlen in Bochum, Essen, Gladbeck und Aplerbeck siegte der al te Verband über den christlichen Gewerkverein. Nur in Beckhausen wurden die christlichen Kau⸗ didaten gewählt. Die Hirsch⸗Dunkerschen Gewerk⸗ vereine zählten am Schlusse des Jahres 1905 116 143 Mitglieder. Ihre Zunahme beträgt also im verflossenen Jahre nur 4254 Mitglieder oder 3,9 Prozent— ein fast verschwindender Aufstieg gegenüber dem rapiden Aufschwung der freien Gewerkschaften. Es ist ein gutes Zeichen für den gesunden Sinn der jüngeren deutschen Arbeiter, daß sie sich den freien Ge⸗ werkschaften auschließen. In absehbarer Zeit werden wir dadurch hoffentlich auch einmal eine einheitliche machtvolle deutsche Gewerkschafts⸗ bewegung bekommen. Unser Genosse August Bebel vollendete am Donnerstag(22 Febr.) sein 66. Lebensjahr. Mit uns wird jeder Parteigenosse wünschen, daß uns der bewährte Vor⸗ kämpfer noch lange in seiner jetzigen körperlichen und geistigen Frische erhalten bleiben möge! Zum 1. Mai beschloß das Stuttgarter Ge⸗ werkschaftskartell wieder einen Umzug durch die Stadt zu veranstalten, was im vorigen Jahre unterblieben war, weil ein Teil der Gewerkschaften den Wert der Demon⸗ stration niedriger als die damit verbundene Mühe und Arbeit veranschlagte. Wir sehen aber wirklich nicht ein, warum man auf die Demonstration verzichten soll und deshalb begrüßen wir den Beschluß. Die Sozialdemokratie Bayerns hält diesen Sonntag und Montag ihren Landesparteitag in Schweinfurt ab. Außer den Berichten des Landesvor⸗ standes und der Landtagsfraktion steht Aenderung der Landesorganisation auf der Tagesordnung. Versammlungskalender. Samstag, 3. März. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b.— Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 4. März. Hausen. Arbeiter⸗Verein. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Wallbott. Krofdorf⸗Gleiberg. Wahlverein. Nachmittags 3½ Uhr Versammlung bei Gastwirt Feu ser⸗Gleiberg. Lollar. Wahlverein. Nachmittags 3½ Uhr Versammlung bei Wirt Schupp. Dienstag, den 6. März. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 10. März. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Seite 6. Mittelbentsche Sonntag- Seuung. Nr. 9. von Kah und Lern. In„besseren“ Kreisen. In Herne(Westf.) wurde vorige Woche ein Skandalprozeß verhandelt, der mit Verur⸗ teilung der Frau Amtmann Dr. la Roche u 3 Monat Gefängnis endete. Die Verurteilte atte an verschiedene Personen anonyme Schmähbriefe geschrieben. Die Gelsenkirchener Zeitung— ein bürgerliches Blatt— schreibt zu dem Prozeß: Die Verhandlungen haben ein Bild davon gegeben, wie jämmerlich es doch eigentlich in diesen„höheren Schichten“ aussteht! Klatschsucht, Hatz und Mißgunst waren an der Tagesordnung; keine Spur von echter Menschlich⸗ keit oder wahrer Bürgertugend. Verächtlich pflegen Vertreter dieser Creme auf die übrigen Gesell⸗ schaftsklassen zu blicken und jede Berührung mit Kreisen, die in bezug auf Bildung und Besttz nicht konkurrieren können, ängstlich zu vermeiden. Wäre nicht in den mittleren und unteren Schichten ein viel edleres Gefühl anzutreffen, so könnte jetzt ein Echo herausschallen, das den oberen Schichten noch lange in unangenehmster Weise in den Ohren klingen müßte. Denn alle die Einzelheiten, die der Prozeß vor die Augen der Oeffentlichkeit gerückt hat, sind beschämente Zeugen der inneren Hohlheit und Fäulnis eines Teiles der höheren Gesellschaft. Verurteilt ist nur eine, aber mit dieser einen ist das ganze Milieu getroffen. Gesang der Satten. Beim Stiftungsfest des Landwirtschaftlichen Vereins zu Schönerstedt(Sachsen) wurden auch sehr übel gereimte Tafellieder gesungen, in deren einen sich Verfasser und Säuger fol⸗ gende ausnehmend dreiste Verhöhnung der Volks⸗ not leisteten: Wie sich doch die Beutel füllen, Kist' und Kasten werden voll, Und man weiß beim besten Willen Nicht mehr, wo man's hintun soll. Es ist ja auch ganz leicht erklärlich, Denn die Sauzucht bringt was ein. Würf' die Sau nur zehnmal jährlich, Würd's Geschäft noch besser sein. Auch der Preis der fetten Schweine Kommt noch immer höher'nan; Geht's sofort, so sterb'n, ich meine, Noch die Sau'n am Größenwahn. Dieser Uebermut beweist schlagend, was es mit der Nederei von der„notleidenden Landwirt⸗ schaft auf sich hat. Heinrich Heine. Im„Romanzero“ begegnen wir auch der prächtigen„Disputation“, unter„Verschiedenes“ in der poetischen Nachlese einer großen Anzahl im Proletariat beliebter Gedichte politischen In⸗ halts. Heines Prosaschriften werden leider weit weniger gelesen, als seine poetischen, obwohl dieselben die fruchtbarsten Anregungen geben und viele allgemeine Wahrheiten enthalten. Die „französischen Zustände“ behandeln u. a. die Periode des Julikönigtums und mögen manchem für veraltet gelten: in der Tat bilden diese Prosaarbeiten aber fortgesetzt eine reiche Quelle geschichtlicher Belehrung. Andre Prosaschriften Heines über Literatur und Theater, Kunst, Philosophie und Geschichte sind vielfach noch heute zeitgemäß und bilden für den fortge⸗ schrittenen Leser eine Genußquelle eigner Art. Wir erinnern nur an die„Reisebilder“. Die Schonungslosigkeit, mit der Heine über alles und alle, die ihm nicht paßten, herftel, hat ihm naturgemäß auch Feinde von allen Seiten eingetragen. Spottete er doch selbst in seinem„Testament“: Wem geb ich meine Religion, Den Glauben an Vater, Geist und Sohn? Dem Kaiser von China, dem Rabbi von Posen, Sie sollten beide darum losen. Den deutschen Freiheits⸗ und Gleichheitstraum, Die Seifenblasen vom besten Schaum, Vermach' ich dem Zensor der Stadt Krähwinkel; Nahrhafter freilich ist Pumpernickel. fort; namhafte Dichter und Prosaiker schmähen ihn jetzt noch, während Bismarck, nach eignem Geständnis wiederum mit Vorliebe Heine las. Auch Gerhart Hauptmann ist ein Bewunderer Heines. Wir könnten uns darauf berufen, daß er auch ein Freund Ferdinand Vassalles und Karl Marx, wie andererseits Alexander von Humboldts und Varnhagen v. Enses war. Doch wir nehmen ihn selbst mit seiner Genialität und starken Persönlichkeit, die noch heute neben uns zu stehen und mit uns gegen Unfreiheit und Intoleranz, gegen Wahn und Heuchelei zu kämpfen scheint. Nicht blos das 19. auch das 20. Jahrhundert bedarf dieses selben Heine, dessen Schriften einst, neben denen von Börne, von der seligen deutschen Bundes versammlung auf den Index gesetzt wurden und die noch heute viele Hunderttausende bornierter Schädel um⸗ pflügen, um bewußte, klarsehende Individuen zu machen. Sicherlich war Heine kein Sozialist und Programmann in unserm Sinne. Denn die gesamte Entwicklung und wir mit ihr sind vorwärts geeilt, Heine jedoch starb schon 1856. Die gewalkige soziale Bewegung unsrer Tage mit ihrem Sturm und Drang, die zugunsten jener Klasse— die noch Lassalle mit dem„vierten Stand“, dem„Arbeiterstand“, bezeichnet— ein⸗ esetzt hat, ist noch lange keine 50 Jahre alt. ber die Elemente zu dieser Bewegung waren damals bereits vorhanden, ökonomisch, politisch und philosophisch, und Heine hat diese Elemente schon bemerkt und gewürdigt, ohne auch nur die Ahnung von den Formen zu haben, die diese erste größte allgemeine Volksbewegung dereinst einnehmen würde; er selbst hat in seiner Weise Waffen geschmiedet, deren wir uns noch heute mit Erfolg bedienen. Das ist die Bedeutung von Heines Genius für die proletarische Sache. Die Reaktion ist dieses Dichters, dessen Werke ebenfalls in den Bücherschränken aller Reaktionäre stehen und stehen müssen, nie recht froh ge⸗ worden, denn aus vielen Kapiteln und Vers⸗ zeilen grinst der Revolutionäre Heine ste an und gemahnt sie an der bevorstehenden letzten Kampf auf Erden, den heiligen Krieg. Und die Pie⸗ tisten und Quietisten bekommen Nervenzufälle, wenn sie nur das Wort Heinrich Heine hören. Deshalb hat auch der größte Dichter des vorigen Jahrhunderts noch immer kein Denkmal er⸗ halten. Ihm gegenüber bleibt man unversöhn⸗ lich. Mit vollstem Recht sagt daher Bölsche: „Der Mann ist so stark, daß er noch heute sein Henkmal in Deutschland dauernd verhindert. Herrn Piepmeyer aus Schilda kann das un⸗ möglich passieren. Sein Denkmal ist gezeichnet und sicher.“ Ja, der Mann ist zu stark. Doch eben des⸗ halb gehört er unser, gehört er dem Proletariat, wenigstens in seiner zweiten Schaffensperiode. Wie manchen andern Giganten des Geistes, der aus den bürgerlichen Kreisen hevorging, reklamiert das Proletariat auch Heine als den seinigen. Für das„neue Geschlecht“, mit„freien Gedanken“, mit„freier Luft“, so schrieb Heine selbst in seinem Wintermärchen. Und dieses neue Geschlecht sind wir, die Armen und Enterbten der Gesellschaft, die aber ihre Pfade durch Nacht und Kampf zum stegenden Licht wandeln, unbeirrt um die Bajonette und Kanonen der Reaktion. Fünfzig Jahre ist der Sänger des Weberliedes kot. Wo werden wir sein, wenn wir uns zu seinem hundertsten Todes⸗ tage zur Feier versammeln? „ C — Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. Fortsetzung) „Meine Stellung ist Ihnen bekannt!“ fuhr Morsen nach einigen Augenblicken fort;„ich 10 diefer Hinsicht von Ihrer Seite wohl keine Schwierigkeit bestehen wird.“ „Durchaus nicht, durchaus nicht,“ sagte Malvinens Vater, nachdem er sich ein wenig vom Erstaunen erholt hatte. „Ich habe noch nicht mit ihr darüber ge⸗ sprochen, da ich es für besser hielt, zuvor den Vater zu Rate zu ziehen.“ „So? Ja, ja, gewiß,“ entgegnete Werner zerstreut, denn da sein Kopf immer mit seiner eigenen Angelegenheit erfüllt war, entstand die Ueberzeugung dei ihm, daß er nach Morsens Antrag unmöglich Geld von diesem leihen könne; es würde ihm den Schein gegeben haben, als ob er sein Kind verkaufe. „Wenn von Ihrer Seite keine erheblichen Bedenken bestehen,“ fuhr Morsen nach einer Pause wieder fort,„würde es mir angenehm sein, wenn Sie oder Ihre Frau Gemahlin bei Ihrer Tochter einmal anklopfen wollten.“ „Anklopfen?“ wiederholte Werner mechanisch zum Zeichen, daß er noch immer zuhörte. Und im Falle Ihre Tochter mir nicht ab⸗ 1 wäre, würde ich Ihre formelle Zu⸗ 1 erbitten, wie ich bereits jetzt vorläufig ue.“ 1 Seinem unmittelbaren Vorgesetzten eine Zustimmung verweigern, war für Werner un⸗ denkbar; aber geben kopnte und mochte er sie in den traurigen Verhältnissen, in welchen er sich befand, auch nicht. Er schwieg deshalb, bis Morsen seine Frage wiederholte. Nun wäre kaum eine günstigere Gelegenheit zu denken gewesen, Aufklärung über seine Verhältnisse zu geben, aber gerade in diesem wichtigen Augenblicke entsank ihm aller Mut und er ersuchte Herrn Morsen nur mit seiner Frau über diese Ange⸗ legenheit sprechen zu dürfen. Morsen fand dies ganz in der Ordnung und da sein Kollege nichts mehr sagte, so stand er auf und beide Herren begaben sich wieder in das vordere Zimmer, Morsen um hundert Pfund leichter, Werner gedrückter als jemals. Während Frau Werner mit den Kindern im Dunkeln zurückgeblieben war und jedes Einzeine über das Gespräch nachdachte, welches im Hinterzimmer geführt wurde, denn jedes glaubte den Gegenstand zu kennen— kam Malbine zu dem versprochenen Besuch. Auch ste legte jener Unterhaltung eine Deutung bei, welche sie plötzlich still und nachdenklich machte und sie kaum empfänglich bleiben ließ für die freudige Neuigkeit, welche Franz ihr erzählte und für die wichtige Mitteilung, die ihre Mutter ihr machte. Malvinens Herz sagte ihr, was in dem Hinterzimmer gesprochen wurde. Aber als die Mutter ihr zuflüsterte, daß der Vater gewiß nun das Geld von ihm leihen werde, sagte sie, daß ste das auch glaube, und als Franz ihr seine Ueberzeugung mitteilte, daß Herr Morsen gewiß noch ein Plänchen mit ihm vorhabe, meinte sie, das könne wohl so sein, und als die Kinder sie frugen, ob ste nicht denke, daß Herr Morsen dem Vater Zulage geben werde, versicherte ste, daß sie dies auch hoffe, aber was sie selbst dachte, behielt sie für sich. Wie klopfte ihr Herz, als die Türe des Hinterzimmers geöffnet wurde, und die beiden Herren mit feierlichem Schritt die Schwelle des Zimmers übertraten. Die jüngeren Kinder sahen sich fast die Augen aus, um die Papiere über die Gehaltserhöhung zu sehen. Franz heftete einen forschenden Blick auf seinen Vater, ob dieser ihm einen Wink geben werde, Frau Werner sah nur flüchtig zuerst ihren Gatten und dann Morsen an, um aus ihren Mienen auf den Verlauf des Gespräches zu schließen, und Mal⸗ vine sah vor sich hin und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit den Falten am Kragen ihres kleinsten Bruders. Morsen blieb bei der Be⸗ gegnung so ruhig als möglich und kurze Zeit darauf erhob er sich, um Abschied zu nehmen, nachdem ihm alle nochmals herzlichen Dank dafür gesagt hatten, daß er für Franz gesorgt habe. Als er fort gegangen war behauptete die jüngste Tochter Werners, daß Herr Morsen Malbvine nicht begrüßt habe, was durch Franz Die Feindschaft gegen Heine setzt sich in vielen und nicht etwa bloß theologischen Kreien habe meinen Gehalt und überdies habe ich etwas zurückgelegt und geerbt, so daß also in mit Heftigkeit widersprochen wurde. Seiner als gerade jetzt seinem Kollegen eine l. ll le tt „ un n le el, 0 9 E 5 I el, t . ed 1 denn es fiel auf sein Loos, Rr. 9. Witteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. Ansicht nach war es unmöglich, daß Herr Morsen etwas unpassendes tat. Malvine sollte entscheiden, aber sie hatte nicht darauf geachtet. „Kinder, ich glaube, daß es Zeit für euch ist,“ sagte Werner, als er zurückkam, nachdem er seinen Besuch bis zur Haustüre begleitet hatte, und die Kinder gingen mit Ausnahme von Jranz, der jedoch auf Ersuchen seines Vaters den Kleineren leuchten mußte. Er be⸗ griff sehr wohl, daß er nur fortgeschickt wurde, er, ein Mann mit 200 Talern jährlichem Gehalt; er war sehr verdrießlich! „Und hast du Herrn Morsen um Geld er⸗ sucht?“ frug Frau Werrer sofort. Werner schüttelte verneinend den Kopf. „Aber Gott im Himmel, Werner, was sollen wir denn anfangen?“ „Still, still, Mütterchen, warum soll der Vater einen Fremden um Geld ersuchen, wenn seine Kinder es ihm leihen können? Wie viel hast du nötig, Vater? Nenne ohne Scheu eine gute Summe!“ Und bei diesen Worten holte Malvine ihr Arbeitskästchen zum Vorschein, das ganz mit Bankscheinen gefüllt war. Werner glaubte sich in das Reich von Tausend und eine Nacht versetzt; er fiel aus einem Erstaunen in das andere. „Ist das Geld von Taubermann?“ frug Frau Werner. 5 n „Ja und nein; eigentlich käme es ihm zu, welches er mir am Geburtstage seiner Frau scherzend zum Geschenke gemacht hatte; aber so viel ich auch darauf drang, er hat den Gewinn weder an⸗ nehmen noch teilen wollen und zuletzt hat er nur die Bedingung gemacht, daß ich es gut anlegen soll.“ „Und— du bringst es hierher,“ sagte Werner. „Um es anzulegen, allerdings, ater! Du kaufft dafür einen unbefleckten Ruf, eine gute Erziehung für die Kinder, ein ruhiges Alter für dich und die Mutter, eine Exlstenz für die . und ich genieße jedes Jahr zehnfache ente.“ „Aber dein Kapital?“. „Erhalte ich zurück, sobald eure Lage so verbessert ist, daß ihr es zurückgeben könnt.“ „Aber vergiß dich nicht, Malvine!“ sagte Frau Werner. „Mich? O, ich werde schon zurecht kommen und vorerst denke ich nicht daran, von Tauber⸗ manns fortzugehen.“ „Nicht?“ frug Werner bedeutungsvoll. Malvine schwieg. Und Frau Werner sah ihren Gatten verwundert an.„Nun freilich, Werner,“ sagte ste,„das versteht sich doch von selbst.“ (Fortsetzung folgt.) Gesellensahrten. Eine Weih nachtsgeschichte von Philipp Schei demanu 10 Nachdr. verb. (Schluß.) Heftiger pochte der Alte an das Fensterkreuz; Hermann und ich begannen gerade das schöne Lied von einem gewissen Nagelschmied anzu⸗ stimmen, da wurde das Fenster heftig aufge⸗ rissen und wie eine Furie keifte ein altes Weib heraus: ihr verfluchten Nachteulen, da habt ihr was für euren Spektakel— und dabei goß sie meinem lieben Schwiegervater, den sie in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, einen Schöpfer voll Wasser ins Gesicht. Ratsch war die Klappe wieder zu und die Jalousie rasselte herunter, vielleicht zum ersten Male seit vielen Jahren. Eine Sekunde lang stand der Alte tatsäch⸗ lich wie ein begossener Pudel da. Dann aber schien er sehr ernüchtert zu sein und nun fluchte er sehr unchristlich und begann seinen Freund Jensen, den guten Jensen zu bedauern. Der brave Mensch, warum mußte der gerade so 'nen Drachen zur Frau kriegen. Wir hatten Mühe, den Alten zu beruhigen und heimzukriegen. Am andern Morgen verzieh der alte Dierksen uns alle Jugendstreiche. Er begriff jetzt, daß man Schilder aushängen, Regentonnen um⸗ werfen und Katzenmustken veranstalten könnte. Nur wollte er nicht begreifen, warum er uns und speziell mir das alles früher so übel ge⸗ nommen hätte.— * Und wiederum war es Weihnachten. Ein Jahr später. Diesmal stand Liesbeth im Myrthenkranz vor mir und ich hatte einen schwarzen Gehrock an. Ich kam mir vor, wie ein prämiiertes Ausstellungsschaf. In das Knopfloch hatten sie mir ein Sträußchen gesteckt und die Hände wurden mir siedeheiß in den dummen Glaces. Die ganze Aufmachung gefiel mir wenig. Und erst alle die Freunde und Freundinnen! Was hatten die denn noch an meiner Liesbeth herumzumustern! „Na“, so fuhr Gottlieb fort,„auch diese Stunden gingen vorüber—“ In diesem Augenblick traten unsere Frauen, die ganz bestimmt an der Türe gehorcht hatten, wieder in das Zimmer, vergnügt lachend und Nüsse knackend. „— auch diese Stunden gingen vorüber und schließlich konnte ich mein Weibchen in die Arme nehmen und rufen: Endlich allein!“ „Ja, nun halte aber hübsch den Mund“, fiel hier Frau Schulze ihrem Gatten in's Wort. „Aber warum denn, Alte?“ fragte Gottlieb, sich sehr verwundert stellend,„aber hast wohl recht, ich will lieber aufhören, denn jetzt müßte meine Erzählung doch eine sehr scharfe Wendung nehmen.“ „Wieso?“ meinte nun seine Frau. „Na, nach der Hochzeit warst Du doch garz anders, wie vorher!“ Schwapp, da hatte er auch schon einen Klaps auf die große Glatze gekriegt. Aber lustig faßte er sein Weibchen bei den Armen und sang: „Auch ich war ein Jüngling mit lockigem 0 J Fritz gib die Zigarrenkiste her! Und Du Freund Karl, schenkst ein! So! Und nun, Kinder laßt uns anstoßen: Es lebe die Liebe und es lebe das Fest der Liebe! Prosit! Allerlei. Statistik der Alters⸗ und Juvaliden⸗ versicherung. Im Reichsamt des Innern hat man ausgerechnet, daß am 1. Januar 1906 ein Bestand von etwa 909 500 Invaliden und Altersrenten vorhanden ist, von denen im Jahre 1906 87400 in Wegfall kommen dürften. Der Zugang von Renten ist auf etwa 141000 zu schätzen, von denen 15 100 im Laufe des Jahres 1906 wegfallen. Setzt mau als Reichszuschug für jede am 1. Januar 1906 laufende Rente einen Beitrag von 50 Mk. und für jede im Jahre in Zugang kommende einen solchen von 45. Mk. an und zieht man für jeden Wegfall einer Rente am 1. Januar 1906 25 Mk., so⸗ wie für jeden Wegfall einer im Jahre 1906 neu bewilligten Rente 12,50 Mk, ab, so ergibt sich ein Reichszuschuß für Invallden⸗ unb Alters⸗ rente im Betrag von 49 446 250 Mk. Für den Reichszuschuß und die Leistungen auf Grund der Krankenverstcherung wird voraussichtlich der Betrag von 1 Million Mark erforderlich sein, während die Belastung des Reiches aus Renten⸗ anteilen für militärische Dienstleistungen 200000 Mark betragen dürften. Die Ausgaben des Reiches für Beitragserstattungen werden wie früher mit 1000 Mk. genügend hoch bemessen sein. Demnach würde das Reich mit 50 647 250 Mark auf Grund der Versicherungsgesetzgebung belastet sein. —— Splitter. Einem Pessimisten. Wenn das Leben gar zu sauer, Nur der Tod das Geück allein— Ei, du Mann der ew'gen Trauer, Stirb und lass' das Flennen sein Peschkau. * Heine ⸗Worte. Alle Menschen, gleich geboren, Sind ein adliges Geschlecht. („Bergidylle.“) Humoristisches. Ein Fluch.„Mit Wachskerzen sollst De handeln müssen auf der Sonn'!“ Indirekte Wirkung.„. Ja, ja, lieber Freund, der Wein löst die Zunge!... Wenn ich abends so meine paar Flaschen getrunken hab' und dann nach Hause komm', dann solltest du meine Frau reden hören!“(Fl. Bl.) Hohe Politik in Algeciras.„Der luxem⸗ burgische Gesandte scheint neue Justruktionen erhalten zu haben, es liegt ihm plötzlich so viel an schneller Beendigung der Konferenz.!“—„Das wohl weniger, aber den Flirt seiner Gemahlin mit dem spanischen Marquis möchte er gern abkürzen,“ Erhebendes Bewußtsein. Staatsanwalt: „'s ist schon öfters vorgekon men, daß bei so'ner Hin⸗ richtung einem Geschworenen übel wurde. Also nur teene Angst: Stelle sich nur jeder vor, wie froh er sei kann, daß er nicht der Delinquent ist!“ n („Simpl.“) TTT Geschichtskalender. 4. März. 1900 Große Künstlerversammlung gegen die„Lex Heinze“ in Berlin. 1871 Erste Wahlen zum Deutschen Reichstag. 5. Bülow spricht im Reichstage für Brotzollerhöhung. 1827 Volta, berühmter Physiker, f. 6. 1880 Erste Sozialistengesetz⸗Verlängerung. 1877 Johann Jakoby,. 7. 1901 Großes Grubenunglück auf der Zeche „Konsolidation“(Ruhr), 10 Tode. 8. Staatsanwalt Tessendorf löst die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands auf. 9. 1897 Reichsratswahlen in Wien, 88000 sozial⸗ demokratische Stimmen. 10. 1793 Einsezung des Revolutionstribunals durch Danton, Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren G. Id⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. 4„4„„öi ¼—:2̃— Literarisches. Die„Kommunale Schulpolitik“ behandelt Paul Hirsch im vierten Heft der von ihm heraus⸗ gebenen, im Verlage der Buchhandlung Vorwärts er⸗ schleuenen„Kommunalpolitischen Abhandlungen“. Die 5 Bogen starke Broschüre zerfällt in fünf Kapitel. Nach⸗ dem der Verfasser zunächst die Wohnungsnot und ihre Ursachen dargestellt hat, untersucht er die Ursachen der Wohnungsnot und knüpft an diese Untersuchungen eine Schilderung der Wohnungsnot. Das nächste Kapitel behandelt die bisherigen Maßnahmen einer Reihe von Gemeinden zur Förderung des Wohnungsbaues. Im Schlußkapitel endlich werden die Forderungen der Sozialdemokratie begründet. Die Broschüre ist in erster Linte für Gemeindevertreter geschrteben, die darin eine Menge wertvollen und übersichtlich angeordneten Materials finden dürften. Aber auch jeder andere Parteigenosse, ja jeder Soztalpolititer, der sich auch für die wichtige Wohnungsfrage interesstert, wird beim Studium der Arbeit auf seine Rechnung kommen. Der Preis der Broschüre beträgt 1.— Mk.; eine Agttatlonsausgabe kostet 50 Pfennig. Jede Buchhandlung und jeder Kol porteur liefert die Broschüre. Ein römisch⸗katholischer Pfarrer als Sozialdemokrat. Vor einiger Zeit erregte es all⸗ gemeines Aufsehen in weiten Kreisen namentlich der ka⸗ tholischen Bevölkerung, daß ein römisch⸗katholischer Priester in Holland, Dr. J. van den Brink, sich offen für die Sozlaldemotratle und ihre Forderungen erklärte. Sein Wirken zog ihm denn auch bald den Haß und die Ver⸗ folgungen seiner frommen Kollegen und seiner christl chen Vorgesetzten zu, die es in threm chr istlichen Eifer an Verleumdungen und Verdrehungen aller Ant nicht fehlen ließen. In einer Schrift verwahrt sich v. d. Brinck gegen die wieder ihn erhobenen Vorwürse. Er zeigt in dieser aber auch, wie thn der Widerspruch zwischen den nach seiner Ansicht wahren Lehren des Christen⸗ tums und den heutigen Bekennern desselben zum Sozia⸗ lismus getrieben und die Erkenntnis vom Klassencharakter des Staates ihn zu einem Sozialdemokraten gemacht haben. Diese Darlegungen hat die Buchhandlung Vor⸗ wärts übersetzen und als Broschüre erscheinen lassen. Sind auch vom Standpunkt unserer Partei aus betrachtet nicht alle Ausführungen unbedingt zu unterschreiben, so sind doch seine Worte beherzigenswert. Ein Nachwort wahrt den Standpunkt unserer Partei.— Die Broschüre kostet 10 Pfg. und ist in allen Parteibuchhandlungen zu haben. Eine Agitationsausgabe, die nur an Vereine, Vertrauensleute usw. abgegeben wird, kann vom Verlag bezogen werden. Seite 8. 2 Mitteldentsche Sonntags- Jeitung · Ausnahme-Tage von Samstag, den 3. März an bis 20. März 6 Stück: 2 Stück: Weingläser nur 48„ 1 Wasserslasche und 1 Glas für nur 18„ 1 Bierkrug und 6 Gläßer für nur 93„ 1 Likörflasche, 1 e und 6 Gläser für nur 73„ Glas⸗Schalen nur— 77 . 9 Teile: Kaffeeserviee 2 Stück: 1 Kuchentell 1 Zucker scha 6 Stück: Eierbecher f 8 Stück: 6 Stück: Porzellan. 12 Stück: große Küchen⸗ Tonnen und 6 Gewürztonnen für nur 3.18 Mk. 6 Stück: große Tassen 6 Stück: Teller gerippt nur 36„ 1 und 1 für nur 1.93 Mk. er und le nur 46 Pfg. ür nur 13„ und 1 2 Stück: Blumenbecher groß bunt für nur 48„ 2 Stück: 1 Gewürzschrank und 1 Wichskasten nur 36„ 2 Stück: 1 Teig Emaille. 3 Stück: 1 Schöpflöffel, 1 Schaum⸗ Löffel u. 1 Pfannkuchenwender 37 Pfg. 3 Stück: 1 Kaffee⸗, 1 Zuckerbüchse 2 Stück: 1 Petroleumkaune 6 Stück: 1 Waschschüssel, 4 Stück Seise und 1 Waschlappen 75 Pfg. und 1 Reibeisen Bürsten- und Besenwaren. 8 Stück: 1 Schrnbber, 1 Abseif⸗ und 1 Handbürste 28 Pfg. 3 Stück: 1 Glauz⸗, 1 Dreck u. 1 Anschmierbürste 38„ 2 Stück: 1 Zimmerbesen mit Stiehl für nur 43 Pfg. 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