5 ll. la it owie vor⸗ at. 1 1 erl. ben 1 1 0 fle 11 Nr. 5. Gießen, den 4. Februar 1906. eee e eee 13. Jahrgang. Mitteldeuts che ugs⸗ kit Medaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr 10. Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse. Abonnementspreis: Bestellungen 1 Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesten s Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Eppedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33/5% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Was kommt und was nicht kommt. „Setzen Sie Ihre Worte nicht in Taten um; sonst werden Sie sehen, was kommt!“ So rief der Reichskanzler vor Kurzem der Sozial dem kratie zu, indem er nicht wenig mit dem Säbel rasselte. Die Worte sind in Taten umgesetzt worden. Die Sozialdemokratie hat am 21. Januar eine großartige Demonstratton für die russische Volks⸗ bewegung und gegen die reaktionären Wahl⸗ systeme in Deutschland zu stande gebracht. Die musterhafte Disziplin und feste Holtung der Arbeiter hat alle Provokationen und Hetzereien der Reaktionäre zu schanden gemacht. Die Wirkung ist eine ganz außerordentliche und der offtzielle Wind dreht sich. Denn nunmehr wird, wie zur Entschuldigung, mitgeteilt, die in Preußen, namentlich in Berlin, getroffenen militärischen Maßnahmen seien dadurch veran⸗ laßt worden, daß man für notwendig erachtet habe, die Gemüter zu beruhigen, die durch Alarmgerüchte erregt gewesen seien. Darin liegt eine gewisse Verurteilung der Hetzarbeit der Reakttonäre, die sich so sehr bemüht hatten, die Massen zu erregen, daß in der Tat die Spieß⸗ bürger an einen unmittelbar bevorstehenden Straßenkampf glaubten. Aber was kommt denn noch, nachdem die „Worte“ in„Talen“ umgesetzt sind? Nun, zu⸗ nächst wird kommen, was ganz unvermeidlich ist: Der Kampf gegen die Entrechtung der Massen durch reaktionäre Wahlsysteme wird in Deutschland fortgesetzt werden und wird dauern, so lange solche Wahlsysteme in Deutschland bestehen. Sodann gibt es aber auch Dinge, die in⸗ folge der großen Wahlrechtsdemonstration nicht kommen werden. Das mit so vielem Geschrei verlangte neue Sozlalistengesetz wird nicht kommen, wenigstens zur Zeit nicht. Als das Sozialistengesetz seinerzeit geschaffen wurde, benutzte man die Attentate auf den alten Kaiser Wilhelm als„Begründung“. Man schrieb der Sozialdemokratie die„moralische Urheberschaft dieser Attentate“ zu, nach berühm⸗ ten Mustern, wie es in der Weltgeschichte schon oft dagewesen war. Bismarck arbeitete ja be⸗ kanntlich immer nach alten Schablonen. Er wollte ja seinerzeit auch einen geeigneten General für die Straßenschlacht haben, zu der er die Sozialdemokratie durch seine Polizeischikanen zu treiben hoffte. Das schlug ihm genau so fehl, wie alle die Hoffnungen der Reaktiogäre, die sie sich an den„roten Sonntag“ knüpften, fehlgeschlagen sind. Aufangs gab es wohl bei den Reaktionären eine Menge von Kurzsichtigen die allen Ernstes glaubten, man könne eine aus dem natürlichen Drang der Verhältnisse entspringende und ge⸗ schichtlich notwendig gewordene Bewegung mit einem Polizeigesetz unterdrücken. Aber diese Leute wurden immer weniger. Zur Zeit ist das neue Sozialistengesetz eigentlich nur noch das Steckenpferd zweier Junker, des Grafen v. Arnim und des Herrn v. Kardorff. Graf Arnim ist dem deutschen Volke erst bekannt geworden durch eine Aeußerung während einer Rede Bebels. In dieser Rede war er⸗ wähnt worden, daß in Köln ein armes Kind sich nach dem Jenseits gesehnt habe, weil es dort nicht mehr zu hungern brauche. Der hoch⸗ eble Graf rief dazwischen:„Der Vater wird wohl alles versoffen haben!“ Damit ist der Mann gezeichnet. Der alte Kardorff reitet sein Steckenpferd noch mit alter Unverdrossenheit; nur hat er das Pech, daß seine Wutausbrüche gegen die Sozial⸗ demokratie nicht tragisch genommen werden, nicht einmal bei seinen eigenen Leuten. Man hat die ganze Geschichte schon gar zu oft gehört, um sie noch originell oder nur auch der Be⸗ achtung wert zu finden. So kommt es, daß die Ausfälle dieser belden Junker und ihr Not⸗ schrei nach einem Sozialistengesetz einen Zug ins Komische bekommen. Besonders, wenn Herr v. Kardorff die politische Kassandra spielen möchte und pathetisch ruft, man möge sich auf⸗ raffen, ehe es zu spät sei. Ach, die Leute, die gescheiter sind als Herr v. Kardorff, die wissen, daß es für solche Experimente schon längst zu spät ist. Nicht als ob es den herrschenden Klassen etwa an gutem Willen fehlte, die Sozialdemo⸗ kratie wieder einmal mit einem poltzeilichen Ausnahmegesetz zu bedenken und ihr die poli⸗ tischen Rechte zu rauben. Ganz gewiß sind es nicht die Prinzipien der Gerechtigkeit und Gleich⸗ berechtigung, die sie daran hindern. Diese sind für sie gar nicht vorhanden, wenn es sich darum handelt, den Emanzipationsbestrebungen des Proletariats zu begegnen, dieselben zu unter⸗ drücken. Ja, wenn man wüßte, was aus einem Sozialistengesetz würde und wie seine Wirkungen sich äußern. Man hat wohl gesehen, daß die sozialdemokratische Presse unterdrückt und die Organisation der Partei zertrümmert wurde. Aber man sah auch zugleich, wie die Partei unaufhörlich an innerer und äußerer Stärke zunahm und wie sie von den Hammerschlägen des Aus nahmegesetzes stets nur fester zusammen⸗ geschmiedet wurde. Es kann vorkommen, daß sich die herrschen⸗ den Klassen durch besondere Verkettungen der Umstände wieder einmal zu einem Sozlalisten⸗ gesetz drängen lassen; ohne besondere Not werden sie diesen Sprung ins Dunkle nicht wagen. Was man meist verkannt, was man aber in diesen Tagen wieder gesehen hat und was kluge Politiker gewiß nicht übersehen haben, ist die Tatsache, daß die Sozialdemokratie ein in⸗ tegrierender, ein vom ganzen unzer⸗ trennlicher Teil des deutschen Volkes geworden ist. Noch niemals hat es eine Partei gegeben, die sich so energisch zum Anwalt aller Beschwerden gegen die Vor⸗ rechte der herrschenden Klassen gemacht hat. Wenn, was undenkbar, die Sozialdemokratie plötzlich aus der politischen Welt verschwinden würde, so würde man sie nicht bei den Arbeitern allein vermissen. Sie ist so innig mit dem Volke verwachsen, daß die Unbill, die ihr zugefügt wird, von dem Volke selbst als eigene Unbill empfunden wird. Weil eben diese Tat⸗ sache von so vielen übersehen oder unterschätzt wird, erscheint die Sozialdemokratie den Poli⸗ tikern, den Gelehrten, den Sozialphilosophen und Staatsmännern der herrschenden Klassen so oft als ein vollkommenes Rätsel. Sie be⸗ greifen gar oft nicht, daß die Sozialdemokratie dies und jenes tun kann, ohne mit dem Volke in Widerspruch zu geraten, weil ste nicht be⸗ greifen, daß ste in der Sozialdemokratie mit dem aufgewecktesten Teil des Volkes selbst hab nicht mit einer isolierten Gruppe zu tun aben. In dieser Zeit, wo es neben so viel Er⸗ hebendem auch so viele traurige und trübselige Erscheinungen gibt, die trübe stimmen können, sind uns jene beiden„Ritter“ herzlich will⸗ kommen der steten Erheiterung wegen, die sie verbreiten. Wenn sie so kräftig ins Horn tuten und die Gespenster des Mittelalters heraufbe⸗ schwören, so mutet uns das] wie ein roman⸗ tisches Lustspiel an. Wir lachen über die krampfhaften Bemühungen, den Zeiger des Jahrhunderts rückwärts zu drehen, und wenn „wie Unkenruf aus Teichen“ immer wieder der Schrei ertönt, man möge zugreifen, ehe es zu spät, dann können wir uns den Schmerz denken, der wie in Hamlets, so in dieser beiden edlen Junker Seele wühlt: „Gebrochen ist die Zeit aus den Gelenken, Verfluchter Hohn, daß ich je ward geboren, Sie wieder einzurenken! E) Die„nur indirekt beteiligten Kreise“ hei der Tabaksteuer. 1. Die Staatsmänner von heute scheinen zu fürchten, daß der bekannte Satz von Oxen⸗ stierna,„du glaubst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird“ als Unwahrheit angesehen wird; ste geben sich da⸗ her die größte Mühe, bei jeder passenden Ge⸗ legenheit nachzuweisen, daß es heute noch so ist, wie vor dreihundert Jahren. Eine Pracht⸗ leistung auf diesem Gebiet lieferte Herr von Stengel am 6. Dezember, als er die Tabak⸗ und Blersteuer im Reichstag verteidigte. Er führte aus: „Meine Herren, der Widerstand gegen die geplante höhere Belastung von Tabak und Bier geht weniger von den Konsumenten aus, die doch im allgemeinen bei der Verbrauchsabgabe die eigentlichen Steuerträger sind, als von den nur indirekt beteiligten Kreisen der Industrie und des Handels, die von den beabsichtigten Maßnahmen nachteilige Rück⸗ wirkungen auf ihre Interessen besorgen. Die Opposttion von dieser Seite ist stellenweise eine so heftige, daß man versucht sein konnte, zu glauben, die Hauptbestimmung des Menschen auf Erden sei möglichst viel zu rauchen und Bier zu trinken.“ Der Herr weist dann nach, daß der Tabakkonsum zwar langsam aber kon⸗ stant in den letzten 50 Jahren gestiegen ist. Wie die indirekt beteiligten Kreisen direkt be⸗ troffen werden, wollen wir durch einige Ziffern nachweisen, Zahlen, die einem Staatssekretär auch bekannt sein dürften. Tabak ist, wie Herr v. Stengel sagte, ein entbehrliches Genußmittel, d. h. für den Kon⸗ sumenten. Für den Tabakarbeiter ist er das, was für den Staatssekretär die Staatskunst ist, nämlich ein Objekt, durch dessen Bearbei⸗ tung er sich seinen Lebensunterhalt gewinnt. Je entbehrlicher das Genußmittel für den Kon⸗ sumenten ist, um so gefährlicher sind die Steuer⸗ experimente für den Arbeiter. Jedes Zurück⸗ drängen des Verbrauchs schädigt zwar nicht .—— braucher. ——— Seite 2. NMitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. den Konsumenten an seiner Gesundheit, aber es raubt Arbeitern die Exlstenz. Gerade bei entbehrlichen Genußmitteln richtet sich der Verbrauch weniger nach den Neigungen als nach den Mitteln der Ver⸗ Bei der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung hängt die Befriedigung des Rauch⸗ bedürfnisses davon ab, wie viel Geld für Tabak und Zigarren ausgegeben werden kann. Erhält ein Raucher der in der Woche 30 Pfg. für Zigarren ausgeben kann, sechs Zigarren für sein Geld, dann raucht er sechs, erhält er aber nur fünf, dann muß er mit diesen sein Be⸗ dürfnis befriedigen. Diese Verschiebung ist für den Staatsmann kein Unglück, wenn er nur das Geld für die sechste Zigarre in die Staatskasse bekommt und dadurch reiche Leute vor größerer Belastung schützen kann. Aber anders wirkt es bei den Arbeitern. Geht der Konsum von sechs auf fünf Zigarren zurück, dann wird auch immer von sechs Arbeitern einer arbeits⸗ los oder bei rund 180 000 Tabakarbeitern in Deutschland 30 000 Arbeiter. Wie Preiserhöhungen wirken, wollen wir zunächst an einem auch nicht von Herrn von Stengel zu bestreitenden und ihm bekannten Bei piele nachweisen. 1869 wurden in den Ver⸗ kaufsstellen der französtschen Tabakregie 32 600 000 Kilo Tabakfabrikate verkauft, hier⸗ von entfielen auf Elsaß Lothringen 1800 000 Kilo, es blieben also für das übrige Frankreich 30800 000 Kilo. Welche Steigerungen 1870/71 brachten, läßt sich nicht feststellen, da die Kriegs⸗ jahre manche Verwüstung brachten. 1872 wollte man, gerade wie Herr v. Stengel jetzt, eine höhere Summe aus dem Tabak herausschlagen und erhöhte den Verkaufspreis für 1 Kilo Tabak⸗ fabrikate von 9 Frank auf 11.50 Frank. Nun kam aber statt der erwarteten Mehreinnahme von 77 Millionen, nur eine solche von 32 Millionen, denn der Verbrauch sank von 30,8 Millionen Kilo auf 27 Millionen Kilo. Auch das Jahr 1873 brachte uur einen Verkauf von 28,3 Mil⸗ lionen Kilo, so daß der Reinüberschuß eine Höhe erreichte, die er annähernd auch ohne Preiserhöhung erreicht haben würde. Die deusschen Staatsmänner berufen sich immer auf Deutschland, wo die Zollerhöhungen von 1879 nicht solche Rückgänge im Konsum gebracht haben. Jahre die 1879 gebrachte Störung überwunden. Wie diese sonderbare Erscheinung sich erklären läßt, kümmert den Staatsmann wenig. Aber die Arbeiter wissen es und die Staatsmänner können und sollten es wissen, daß die Zoller⸗ höhungen von 1879 keine Verteuerung der Zigar⸗ ren brachten, sondern was die Reichskasse mehr einnahm, einfach den Arbeitern vom Lohne ab⸗ gezogen ist. ö (Ein zweiter Artikel folgt). Politische Aundschau. Gießen, den 1. Februar 1906. Gegen das Reichstagswahlrecht und für Aus uahmegesetze hetzen die Scharfmacher und ihre Presse fort und fort. Nachdem neulich der Junker von Erffa im preußischen Herrenhaus in so zynischer Weise den Umsturz von Oben predigte, läßt sich der dicke Brotwucherer Oertel in seiner„Deutschen Tagesztg.“ im gleichen Sinn vernehmen. Er jammert darüber, daß dieses fatale Reichstags⸗Wahlrecht die Volksmeinung durchaus falsch zum Ausdruck bringe; die „Post“ nimmt die Diätenfrage zum An⸗ laß her, um wieder einmal gegen Wahlrecht Gift und Galle zu speien und der„Reichsbote,“ der am Berliner Hof sehr viel gilt, hält neuer⸗ dings jeden Tag für verloren, an dem er nicht nach neuen Ausnahwegesetzen rufen kann. So heißt es in seiner neuesten Nüm ner: Es ist unerträglich, wenn die Regierung diesem umstürzlerischen Treiben ruhig zusieht, es gewähren läßt und erst eingreifen will, wenn die revolutionären Worte sich in revolutionäre Taten umsetzen und die Flammen der blutigen Revolution wie in Rußland an allen Ecken und Enden zum Himmel emporlodern. Wo soll das noch hinführen, wenn die Volksmassen mit dem Geiste der Sozialdemokratie erfüllt werden! ———— —— 2 5 3 r Hier war Ende der achtziger — 3 Die Sozlalbemotraule wird sich um dieses Rabengekrächze wenig kümmern. Sie wird viel⸗ Der Hamburger Wahechsraub ist gelungen. mehr stets an Stärke und Einfluß zunehmen Vorlage zur Annahme. Man hatte geheime und zwar unter allen Umständen. Denn das Vernünftige und Gerechte kommt endlich doch zum Durchbruch. Es muß auf diese Hetze nachdrücklich hin⸗ gewiesen werden; man sucht in den Kreisen der Reaktionäre offenbar nach neuen Mitteln zur Knebelung der Arbeiterklasse! Es ist sehr möglich, daß von reaktionärer Seite bei Regelung der Diätenfrage eine Ver⸗ schlechterung des Wahlrechts versucht wird.— In bezug auf Reichstagsdiäten wurde übrigens mitgeteilt, daß für die Session eine Pauschale von 3000 Mk. bezahlt werden soll, von der für jeden Tag, den der Abgeordnete fehlt, ein entsprechender Abzug gemacht werden soll. Solche Reichstagsmitglieder, die zugleich andern politischen Körperschaften angehören, sollen für die Zeit der Reichstagstagung nur Reichsdiäten erhalten.— Nun, man wird auch in dieser Sache das Weitere abwarten müssen. Die preußischen Herrenhäusler paukten am Donnerstag auf den„inneren Feind“. Eine von den Junkern eingebrachte Interpel⸗ lation mußte die Veranlassung bieten. Diese Interpellation, die Graf Eulenburg„be⸗ gründete“, hat den Wortlaut: „Erscheint es der Staatsregierung möglich, die vaterlandsfeindlichen Unternehmungen der Sozialdemo⸗ kratie mit den Mitteln der bestehenden Gesetz gebung er⸗ folgreich zu bekämpfen?“ a Der Junker Eulenburg hielt eine Rede, wie sie schon oft von seinesgleichen gehalten wurde. Natürlich will er das Dreiklassenwahlrecht nicht angetastet wissen, sonst würde ja die junker⸗ liche Räuberpolttik nicht möglich sein. Im Gegenteil, er möchte das Reichstags wahl⸗ recht besettigen und die Sozialdemokratte durch Aus nahmegesetze knebeln. Die unstnnige Junker⸗ politik ist schon im Leitartikel näher beleuchtet. Erheiternd wirkt es aber für jeden Freiheits⸗ freund, wenn das Gräflein folgendes Jäger⸗ latein verzapfte: „Das Wil d, das die antisozialdemo⸗ kratischen Vereinigungen zur Strecke gebracht haben, ist sehr gering. Gewiß soll die Re⸗ gierung zunächst mit aller Rücksichtslosigkeit die bestehenden Gesetze anwenden; erachtet sie aber eine Aenderung der Gesetzgebung für geboten, so wisse sie, daß sie das Herren⸗ haus auf ihrer Seite hat, sowie alle, die Gott lieben und ihren König ehren.“ Diese Sätze voll Frechheit und Boniertheit sind der allgemeinen Lächerlichkeit über⸗ antwortet.— Fürst Bülow beanwortete die offenbar bestellte Anfrage. Er haute in die⸗ selbe Kerbe und spielte die Rolle des„starken Mannes“. Die Regierung habe bei weitem nicht soviel Angst, als man glaube. Vor der Tyrannei der Straße beugen wir uns nicht! Durch Demonstrationen und Drohungen lassen wir uns nichts abtrotzen. Exzesse, Pöbelexzesse und Re⸗ volution werden wir in Preußen, in Deutsch⸗ land nicht dulden! So prahlte Fürst Bülow und dabei war doch die ganze Herrenhaus⸗Aktion eine Folge der Demonstrationen! Der Kaiser hat am Morgen nach den Wahldemonstrationen eine Anzahl angehende Leutnants von der Lichterfelder Kadettenanstalt, empfangen. Denen er gesagt haben soll:„Ich rechne auf Ihre Treue auch im Straßenkampf.“ Hm, hm! Wahlrechtskampf im Elsaß. Am Sonntag wurden in Elsaß Lothringen an 38 Orten Versammlungen abgehalten, in denen das allgemeine gleiche Wahlrecht gefor⸗ dert wurde. Ueberall waren die Versamm⸗ lungen sehr stark besucht und nahmen den besten Verlauf. Auch die Soldaten waren wieder be⸗ reit gehalten und mußten in der Kaserne bleiben. Sie werden darüber gewiß ganz vergnügt ge⸗ wesen sein und jedenfalls Zeit gehabt haben über die heutige Ordnung der Dinge ein wenig nachzudenken. Und das schadet gewiß nichts. Abstimmung beschlossen; die Wahrechtsräuber waren zu feig, öffentlich abzustimmen. Verurteilte Wahlrechtsde monstranten. Am Donnerstag wurde in Plauen in Sachsen gegen 16 Arbeiter und Parteigenossen verhandelt, die angeklagt waren, am 3. Dezember einen„Demonstrationszug“ durch Plauen ver⸗ anstaltet zu haben und sich deshalb wegen Auf⸗ laufs, groben Uufugs ꝛc. zu verantworten hatten. Der Genosse Dietze wurde als„Anführer“ zu 6 Wochen, zwei weitere Angeklagte zu je 4 Wochen Gefängnis und 3 Wochen Haft und dreizehn Angeklagte zu je 3 Wochen Haft verurteilt. Hetzjagd auf die sozialdemokr. Presse. Gegen eine Reihe unserer Parteiblätter sind Anklagen wegen Majestätsbeleidigun gen und anderen Sünden erhoben worden. Die Leipziger Volksztg. ist wegen Beleidigung sämt⸗ licher 22 Bundesfürsten angeklagt, außerdem soll ste noch einige andere Majestätsbeleidigungen verübt haben. Der Redakteur Kluß der Bres⸗ lauer„Volkswacht“ hat ebenfalls mehrere Anklagen erhalten. Genosse Perner von der Märkischen Volksstimme in Forst wurde wegen Aufreizung verhaftet. Täglich hagelt es Verurteilungen! Als ob man damit die Sozialdemokratie einschüchtern könnte!— Die konfiszierten Wahlrechtsflugblätter mußten vom Gericht wieder freigegeben werden; diese Polizei⸗ aktion war also ein Schlag ins Wasser. Zur Fleischnot. In Krefeld wurde von der städtischen Ver⸗ waltung eine Uebersicht über den dortigen Vieh⸗ und Fleischmarkt herausgegeben. Uebersicht, die sich auf die Jahre 1904 und 1905 erstreckt, wurde festgestellt, daß auch in Krefeld die Fleischpreise ganz enorm ge⸗ stiegen sind. Selbstverständlich war die Folge der Preissteigerung ein Rückgang der Schlachtungen. Während im Jahre 1904 die Zahl der geschlachteten Schweine 30 457 er⸗ reichte, sank diese Ziffer auf 24683 im Jahre 1905. Zieht man in Betracht, daß, verursacht durch den Viehmangel, sehr viel unreifes Vie) geschlachtet wurde, daun ist dex Ausfall noch größer. Im Engroshandel stieg der Preis für gute Ware von 57 Mk. pio 50 Kilo auf 74 Mk. Der Preis im Detailhandel stieg im gleichen Verhältnis und zwar von 1.50 Mk. pro Kilo auf 1.83 Mk. Zu bemerken set noch, daz infolge der hohen Fleischpreise der Ver⸗ brauch von Pferdefleisch sehr zugenom⸗ men het. Das teuere Südwestafrika. Nachdem erst kürzlich 60 Mann Trup⸗ pen nach Südwestafrika abgegangen sind, sollen am 5. Februar weitere 600 Mann nebst 800 Pferden abgehen. Das wären binnen zwei Monaten über 1200 Mann, während nachdem im Etat gegebenen Zusicherungen alle zwet Monaten nur 250 Mann nachgesendet werden sollten. Ganz rätselhaft ist es, zu welchem Zwecke man diese 1200 Mann nach Südwest⸗ afrika geschickt hat. deutsche Herer os und Hottentotten nicht fertig werden könne n, die sich jetzt noch im Lande herumtreiben? f Oder ist sonst etwas im Werke?? Niederlage der Mittelstandsretter. Seit Jahren bemühen sich in Dres den die Antisemiten— die sich so gerne als Mittelstands⸗ retter aufspielen— eine Umsatzsteuer einzuführen, um den verhaßten Arbeiter⸗Konsumvereinen den Garaus zu machen. Jetzt haben die Herren aber eine empfindliche Schlappe erlitten. Der Kreisausschuß in Dresden hat die Einführung der von den städtischen Kollegien geplanten Umsatzsteuer abgelehnt. Unser Dresdener Parteiblatt bemerkt dazu:„Dresden bleibt also bis auf weiteres, und wie wir hoffen wollen, auf immer von dieser unerhört ungerechten, rückschrittlichen und einseitigen Steuer verschont. 5 Mit 120 gegen 35 gelangte die Durch diese Sollten wirklich 14,000 Soldaten mit den paar Hundert d. — b e die helme uber ien. U in lossen eber ber⸗ Auf⸗ aten. 1 f zu je Haft haft esste. lälter ingen Die sämt⸗ erdem ungen res⸗ chrere bon wurde hagelt it die Die u bon oltzei⸗ Vet- Vieh⸗ diese 19005 krefelD ge. K N 9 de 1 d 7 k jahre kusacht Ve) 100 5 fl. Uf 10 0 i M.. loch, Vel⸗ enosh⸗ ruß⸗ f f 1 0 ace d welded cel bo 100 e badi geile! tel. ent full 15 1 l 0 1 solla g e. Nr. 5. Mitteldenische Sonnags⸗Zeitung. Seite 3. Die Mittelstandsretter im Stadthause werden betrübt sein, die große Masse der Dresdener Bürger und Einwohnerschaft aber wird über das Votum der oberen Behörde große Freude und Befriedigung empfinden. Das ist doch einmal ein Lichtblick in der schwarzen Nacht der Reaktion in Dresden!“ Unter sozialdemokratischer Regierung. Aus der roten Stadt Waltershausen wurde dem Gothaer„Volksblatt“ geschrieben:„Diese Woche ruht die Staatsgewalt nun doch in sozialdemokratischen Händen und wird wohl der Sachsen⸗Gothaische Staat umgestürzt werden, wenigstens soweit der Waltershäuser Bezirk reicht. Herr Fabrikant William Heincke, der Staatskommissar für die erledigte Senatoren⸗ stelle und stellvertretender Bürgermeister, hat nämlich eine Woche Urlaub genommen und seine Funktionen sind auf den— Sozial⸗ demokraten Thilo übergegangen. Und Walters⸗ hausen wird sich während der Stellvertretung mindestens so gut befinden als sonst. Sozialdemokratische Wahlerfolge in Dänemark. Bei den Stadtratswahlen, die in den letzten Tagen in Dänemark stattfanden, haben unsere Genossen bedeutende Erfolge erzielt. Von den 417 Mandaten, die zur Wahl standen, erhielten die Sozialdemokraten 155, die Radikalen 80 und der reaktionäre Kuddelmuddel 182. sind im ganzen 50 Städte, in denen Sozial⸗ demokraten gewählt wurden. Die Stadtrats⸗ wahlen der allgemeinen Wählerklasse finden alle 6 Jahre statt, ebenso die ber höchstbesteuerten Klasse. Alle 3 Jahre wird gewählt, das eine Mal von der allgemeinen, das andere Mal von der höchbesteuerten Klasse. Die Klassen⸗ einteilung ist ungerecht dadurch, daß die Höchst⸗ besteuerten nicht nur in ihrer, sondern auch in der allgemeinen Klasse wählen. Immerhin ist die Arbeiterschaft bei diesem Klassenwahlrecht in der Lage, die Mehrheit in den Stadträten zu gewinnen, was bei diesen letzten Wahlen auch in einer Reihe von Städten gelungen ist. Selbst in den kleineren und kleinsten Städten ist die Sozialdemokratie in die Gemein ever⸗ tretung eingedrungen. Opfer der Arbeit. Ströme von Arbeiterblut sind es, die auf dem Schlachtfeld der Arbeit Liest man die Zahlen der in einem Jahr Ge⸗ töteten und Verletzten, so kann man leicht zu dem Glauben kommen, die Verlustliste eines ganzen Feldzuges vor sich zu haben. Für 1904 kweisen die„Rechnungsergebnisse der Berufsge⸗ nossenschaften“ 8752 Tote, 137 674 Schwer⸗ verletzte, 447544 Leichtverletzte nach. Gegen das Vorjahr beträgt die Zunahme der angemeldete Unfälle 53000, die Zunahme der vollendeten Industriemorde fast 400!— Wenn jemals— bas ja nie geschehen kann und wird— irgend ein fahrlässiges Verschulden der Sozialdemokratie auch nur den tausendsten Teil jenes Elende hervorrufen würde, das sich in diesen Zahlen ausdrückt, in welchen Taumel der Entrüstung würden wir die bürgerliche Welt versetzt finden! Wieviel Todesurteile würden vollstreckt, wie viel Einkerkerungen vorgenommen werden. Aber die tausende, hunderttausende von Proletariern, die im Jahre 1905, umringt von verzweifelten Angehörigen auf der Bahre oder auf dem Schmerzeusbette lagen, starben einen geheiligten Tod und litten geheiligte Schmerzen, denn sie litten und starben für den Kapitalisten⸗Profit! Für den Profit der andern— nicht zum Wohle ihrer Brüder, nicht für ihre eigne Freiheit! Und darum melden die bürgerlichen Zeitungen diese fürchterliche Zahlen, furchtbare Anklagen wider die Geldgier und Gewissenlosigkeit herr⸗ schender Klassen, trocken und nüchtern, ohne jede Spur sittlicher Eutrüstung, fast mit ruhigem und sattem Behagen. Ein paar tausend Mark Geldstrafe, hundertfach eingebracht durch den erzielten Gewinn, ein paar Wochen Gefängnis, meist verhängt über untergeordnete Organe das ist die ganze Gegenrechnung, die ganze Strafe, die die bürgerliche Gerechtigkeit für Vernichtung so vieler Menschenleben verhängt! ES fließen. ——**— Sozialistische Wahlerfolge in England. Die Wahlen in England sind am Montag nunmehr beendigt worden. Sie haben wie schon früher kurz mitgeteilt, den Liberalen einen ent⸗ scheidenden Sieg gebracht und damit ein ver⸗ nichtendes Urteil über die Zoll politik gefällt, die von den Konservativen und Unionisten, den Anhängern Chamberlains, propagiert wurde. Aber auch der Soztalismus hat ganz überraschende Erfolge erzielt. Es sind etwa 60 Kandidaten der Arbeiterpartet ge⸗ wählt worden, die Mehrzahl davon sind Sozia⸗ listen. Auch eine Reihe ausgesprochene Sozial⸗ demokraten sind gewählt. Proletarier und Kapitalisten unter den Aerzten. Die Statistik der Aerztekammer für Berlin und Brandenburg ergibt, daß von den 4103 Aerzten im ganzen Kammerbezirk 999— also der vierte Teil— ein Ein⸗ kommen von nur 900- 3000 Mk. pro Jahr haben. Diesen Proleten von der Kunst Aesku⸗ laps stehen andererseits Leute mit Riesenein⸗ kommen gegenüber. Die Statistik verzeichnet 15 Aerzte mit einem Einkommen von 50000— 60 000 Mk., 13 mit 60 000 70 000 Mk., 3 mit 70000 80 000 Mk., 3 mit 80000- 90 000 Mk., 6 mit 90000100 000 Mk., 4 mit 100 000— 120 000 Mk., 5 mit 160 000 180 000 Mk., 1 mit 255000- 260 000 Mk. und 1 mit 325 000— 330000 Mk. Jahreseinkommeg. Wie man aus diesen Zahlen sehen kann, hat der Aerztestand iu seiner großen Mehrheit das gleiche Interesse an der Umgestaltung unserer sozialen und wirt⸗ schaftlichen Zustände, wie das Proletariat im allgemeinen. Aus dem Reichstage. Das neue Gesetz über den Unter⸗ stützungswohnsitz stand am Montag als erster Punkt zur Beratung. Dieses Gesetz, das ebenso za ungunsten der großen Städte wie zu ungunsten der breiten Arbeitermasse die Armenlasten vom platten Lande abwälzt, wurde vom Genossen Herzfeld einer eindringlichen Kritik unterworfen. Er ging unmittelbar auf die Krrufragen und Hauptschäden des altbureau⸗ kratischen, norddeutschen Armenrechts ein. Er geißelte die Vielfältigkeit und Rückständigkeit der zahllosen Armenrechtsbestimmungen, die den Unterstützten politisch entrechten, seiner Freizügig⸗ keit berauben, ja ihm das Arbeitshaus an⸗ drohen— und all das für ein Almosen von 18 Pfg. pro Tag, wie es der regierende Fürst Georg von Schaumburg⸗Lippe der Frau eines Mannes, der 40 Jahre lang in seinem Dienst geschuftet, anzubieten wagte. Als bestes Mittel gegen das durch den Wuchertarif und die neuen Steuern drohende übermäßige Anschwellen der Armenlasten empfahl er: Freies Koalitionsrecht für die Landarbeiter und Einführung des Reichs⸗ tagswahlrechts für den preußischen Landtag. Einige kräftigen Seitenhiebe trafen hierbet die dreisten Reakttonäre, welche die friedliche Wahl⸗ demonstration des Proletariats am vergangenen Sonntag in einem Blutmeer zu ertränken ge⸗ dacht hatten. Vergeblich suchte der konservatibe Regierungsrat Schickert und Staatssekretär Graf Posadowsky den Eindruck dieser wuchtigen Ausführungen abzuschwächen. Das Gesetz ging schließlich nach dem Antrage des Genossen Singer au eine Kommisston von 21 Mitgliedern. Womöglich noch schlechter schnitt die Regierung bei der Beratung des Hilfskassenge⸗ setzes ab. Genosse Lesche kounte den Nach⸗ weis führen, daß dieser Entwurf, dessen Ten⸗ denz sich angeblich gegen die Schwindelkassen richtet, in Wahrheit dazu bestimmt ist, die Selbst verwaltung der Hilfskassen und damit ihre Existenz zu vernichten und so eine Art Generalprobe für das geplante Attentat auf die Freiheit der Krankenkassen zu bilden. Der Zentrumsabgeordnete Giesberts und selbst der„freistnnige“ Dr. Mugdan schlossen sich dieser Kritik an. Am Mittwoch 23. Januar kam der soge⸗ nannte Toleranz⸗Antrag des Zentrums zur Verhandlung, bei welcher Gelegenheit Genosse Dr. David die„Toleranz des Zentrums ge⸗ bührend beleuchtete. Freitag wurde eine Novelle zur Gewerbe⸗ ordnung erledigt, welche eine Art verschämte n Befähigungsnachweises für das Bauhandwerk einführt. Diese bedauerliche Kapitulation der Regierung vor den Zünftlern wurde von Ge⸗ nosse Frohme scharf gerügt. Revolution in Rußland. Ueber die Kämpfe in Moskau veröffentlichte der„Vorwärts“ verschtedene private Mitteilungen, die interessante Einzel⸗ heiten brachten. Wie der„Sieg“ der Regierung aussieht, mag folgende Tatsache illustrieren: Von den kämpfenden 40005000 sozialistischen Männern und Frauen find während des 13tägigen Kampfes nur ganz wenige um⸗ gekommen. Nach dem Kampfe tauchte die un⸗ geheuere Mehrheit von ihnen in der Menge Unter; den anderen gelang es fast sämtlich zu entkommen, da bis zum Abschluß des Kampfes einige Eisenbah nen in der Gewalt der Aufständischen waren. Die Regierungstruppen wagten trotz ihrer Kanonen und Mitrailleusen meist nicht, die Barrikaden direkt anzugreifen, sondern beschossen ganze Häuser⸗ blocks, hinter denen sie Barrikaden ver⸗ muteten! Daher die ungeheuere Zahl von Opfern, die zu einem so großen Teile aus Gretsen und Kindern bestand. Die Fertig⸗ keit im Barikadenbau, deren Gefährlichkeit für die Truppen haupt sächlich in den ganze Straßen⸗ züge überspannenden Eisendrähten bestand, war bei der Bevölkerung geradezu erstaunlich. Da es der Regierung nicht gelungen ist, die Revolutionäre in ihre Hände zu bekommen, so besteht für sie nach dem Kampfe dieselbe Ge⸗ fahr wie vor demselben. Man erinnere sich, daß die Revolution äußerlich eigentlich mit einer Niederlage des Volkes begann, mit der Niedermetzelung der Tausende, die am 22. Januar vorigen Jahres friedlich dem Priester Gapon auf seinem Zuge zum Zaren folgten. Die Aufregung ist jetzt schlimmer als damals. Speziell in Moskau hat die materielle Not der Arbeiter und der Studierenden eine Dimension angenommen, die jederzeit wieder einen offenen Ausbruch der Bewegung hervor⸗ rufen kann.— Jetzt ist es still, aber es ist die Stille vor dem Sturme! Die Wahlen zur„Reichs dum a“ sollen demnächst stattfinden. Aber die Be⸗ völkerung schenkt ihnen bis jetzt wenig Beach⸗ tung. Ist es aber nicht merkwürdig, daß das⸗ selbe Volk, das blutige Kämpfe um die Ver⸗ fassung geführt hat, nun zu Hause bleibt, statt die Verfassung zu gebrauchen? Was auf den ersten Blick verblüffend winkt, zeigt sich viel⸗ mehr als die selbstverständliche Wirkung der Witteschen Unter drückungspolitik und des Wit⸗ teschen Wahlrechts. In Petersburg sind alle Versammluugen verboten, rings im Reiche herrscht fast überall der Kriegszustand; da muß man sich nicht wundern, daß bisher keine Kan⸗ didaten werbend und redend hervorgetreten sind. Gegen Ende des Monats soll das Versamm⸗ lungsverbot aufgehoben werden. Zu einer wirklichen Wahlbewegung wird es auch dann nicht kommen— das macht die Wahlordnung unmöglich. Eine Menge unsinniger Bestimmurgen des Wahlgesetzes verhindern das Aufkommen einer Wahlbewegung. Unter solchen Umständen ist es wahrlich nicht zu verwundern, daß die Un⸗ lust, an den Wahlen teilzunehmen, über alle Schichten der Bevölkerung verbreitet ist. In Homel plunderten die Kosaken. Die Läden wurden ausgeraubt, ebenso die Vereins⸗ bank. Die Arbeiter der Eisenbahnwerkstätten haben sich auf die Seite der Juden gestellt. Ein Attentat. Gegen den Chef des Generalstabes in Tiflis, General Grtasnoff, ist ein Bombenanschlag verübt worden. Der General wurde getötet und der Mörder ver⸗ haftet. N — Seite 4. ns tteldentiche- ouu“ags⸗Zei' ung. Bon Nah und Lern. Hessisches. — Ministerwechsel in Hessen. Am Montag Nacht starb der Staatsminister Dr. Rothe im Alter von 66 Jahren. Er kränkelte schon seit längerer Zeit, doch kommt sein Tod immerhin unerwartet. Seit Juli 1898 befand er sich an der Spitze des Ministeriums. Unter seiner Führung hat die hessische Regierung sich in einigermaßen liberaler Richtung bewegt. Rothe selbst erklärte in einer Sitzung im Juni, daß er die aufrichtige Ueberzeugung des Gegners achte und man kann ihm das Gegenteil nicht nachsagen. Er bemühte sich, die Wahlreform durchzusetzen, trat leider in dieser Frage nicht energisch genug gegen die„Herren“ auf. Rothe hat sich durch seine noble Gesinnung auch in Arbeiterkreisen Sympathie erworben. — Landtag. Die Zweite Kammer trat am Dienstag zusammen. Doch wurde in die Tagesordnung nicht eingegangen, die Sitzung gestaltete sich vielmehr zu einer Trauerkund⸗ gebung für den verstorbenen Staatsminister Rothe. Präsident Haas hielt eine Ansprache, in der er die Verdieuste des Verstorbenen schilderte. Das Land habe einen herben Ver⸗ lust erlitten. — Die sogenannte„Reform⸗ parte!“— das sind die Antisemiten von der Richtung Zimmermann⸗Böckel— hat nun in Hessen, wo eigentlich ihre Wiege stand, vollständig abgewirtschaftet. Was da⸗ von noch übrig war, ist in das Lager Lieber⸗ manns von Sonnenberg abgeschwenkt. Eigent⸗ lich war von einer Reform⸗Partei in Hessen kaum noch die Rede, nachdem die Hirschel und Kon⸗ sorten bei dem Bunde der Landwirte, den ste früher selbst als Bauernfänger bund bezeichneten, untergekrochen waren. Als vorige Woche über eine Sitzung in Friedberg in der Presse berichtet wurde, wo der Anschluß be⸗ schlossen wurde, bestritt das Friedberger Bünd⸗ lerblatt die Richtigkeit der Meldung. Aber der Widerspruch war mehr Wortklauberei. Tat⸗ sächlich hat die Abschwenkung zu den Lieber⸗ männern doch stattgefunden und man hofft unter dieser Firma bei den nächsten Reichs⸗ tagswahlen bessere Geschäfte zu machen. Am Sonntag hat sich Herr Köhler⸗Langsdorf bereits wieder als Kandidat für den Gießener Wahl⸗ kreis aufstellen lassen und zwar von einer Ver⸗ trauensmänner⸗Versammlung der„deutsch⸗ so zialen“ Partei, die in Gießen stattfand. So haben die Köhler, Hirschel ꝛc. den letzten Fetzen des demokratischen Mäntelchens von sich geworfen, das sie sich früher umzuhängen liebten Und sind zu der Partei gestoßen, die man wohl als die rückständigste und volksfeindlichste auf allen Gebieten bezeichnen kann. Man will offenbar eine kräftige Agitation entfalten; der Sekretär der Liebermänner hielt in den letzten Wochen mehrere Versammlungen in Hessen ab, in denen er es besonders auf die Kreise des„Mittelstandes“ abgesehen hatte, zu dessen„Hebung“ er die bekannten Ladenhüter empfahl, wie wir in letzter Nr. schon bemerkten. Gießener Angelegenheiten. — Gewerkschaftsversammlung. Ueber eine Reihe von gewerkschaftlichen Dingen, welche die Gesamtheit der Gießener Arbeiter⸗ schaft angehen, wird alljährlich in einer allge⸗ meinen Gewerkschaftsversammlung verhandelt. In der Hauptsache dreht es sich um die Tätig ⸗ keit des Gewerkschaftskartells, das hier Bericht zu erstatten hat. Es häuft sich das Jahr über immerhin eine Menge Stoff auf und es war daher zweckmäßig, daß beschlossen wurde, künf⸗ tig die allgemeine Gewerkschaftsversammlung halbjährig abzuhalten.— Der Vorsitzende be⸗ zifferte in seinem Berichte die Zahl der in Gießen organisterten Arbeiter auf 1500. Im Weiteren zählt er die vom Kartell arrangierten Vorträge und Veranstaltungen auf.— Die Ab⸗ rechnung, deren Ziffern uns nicht zur Hand sind, die wir deshalb erst später geben können, wurde von den Revisoren in Ordnung befunden und auf ihren Antrag wurde der Kassierer entlastet.— Der Bibliothekar berichtete, daz die Bücherentnahule aus der gemeinsamen Bibliothek so stark wie im Vorjahre war. An die Berichte schloß sich eine sehr lebhafte Dis⸗ kussion. Ein Redner bemängelte den kürzlich über die Freiheitskampfe in Rußland gehaltenen Lichtbilder vortrag, während sich die Mehrheit davon vollkommen befriedigt erklärte. Ferner kritisterte ein Buchdrucker einen Beschluß des Kartells über die Lehrzeit im Buchdruckerge⸗ werbe, worüber ebenfalls lebhaft debattiert wurde.— Die Auskunftsstelle in Arbeiteran⸗ gelegenheiten verzeichnete starken Verkehr. — Auf die Gewerbegerichswahlen am Samstag sei nochmals hingewiesen. Alle Arbeiter sollten zur Urae gehen! Die Wahl findet in den Stunden von 12— 8 Uhr nach⸗ mittags statt.— Herr Ritzert, der Führer der„nationalen“ Arbeiter läßt im Gieß. Anz. ein„Eingesandt“ los, in welchem er die Rich⸗ tigkeit der von uns in vorletzter Nr. gebrachten Mitteilungen bestreitet. Wir können nur er⸗ klären, daß wir berichtet haben, was uns von zuverlässigen Leuten mitgeteilt wurde. Später als die Notiz erschienen war, wurde dem noch hinzugefügt, daß allerdings eine komplette Liste in Vorschlag gebracht worden sei; es sind aber einige der Anwesenden gefragt worden, ob ste sich als Kandidaten aufstellen lassen wollten. Wir haben sonst nichts zu berichtigen und schenken Herrn R. das, was er sonst noch vor⸗ bringt. Bemerken wollen wir nur noch: wir hegen zu den Gießener Arbeitern das Zutrauen, daß sie die„Nationalen“, ihre Taten und ihre Leute kennen und dementsprechend zu handeln wissen werden. — Die Volksvorlesungen erfreuen sich fort⸗ gesetzt des zahlreichen Besuches einer aufmerksamen Zu⸗ hörerschaft. Auch die Diskussionen verlaufen sehr an⸗ regend— Sonntag, den 11. Februar abends wird ein Unterhaltungsabend im Saale des Turnvereins Mord⸗ anlage) abgehalten. Herr Dr. Strecker⸗Bad⸗Nauheim wird einen Vortrag über Hans Sachs und Wtlhelm Busch halten. Vom Dürerbund Gießen werden zwei „Fastnachtsspiele“ von Haus Sachs aufgeführt, sowie einiges aus Busch's Werken in Lichtbiloern gezeigt. Für Arbeiter⸗Vereine werden hierzu Karten zu 10 Pfg. A Person im Vorverkauf abgegeben; an der Kasse kostet der Eintritt 30 Pfg. — Die Brauerei⸗ Arbeiter hielten am Sams⸗ tag vor acht Tagen im Wiener Hof eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher sie besonders über ihre Lage und Arbeitsvechältnisse verhandelten. In längeren Ausführungen wies der Vorsitzende darauf hin, wie sich die Arbeitsweise und damit auch die Verhältnisse in der Brauindustrie geändert haben. Heute werde die Arbeits⸗ kraft des Arbeiters viel mehr ausgenützt, als früher, wo fast nur Kleinbetriebe existierten. Den erhöhten An⸗ forderungen entsprächen die Löhne keineswegs. Nur dort, wo eine gute Organisation vorhanden sei, war es mög⸗ lich, die Verhältnisse einiger maßen erträglich zu gestalten und Schutz vor übermäßiger Ausbeutung zu schaffen. In der sehr ausgiebigen Diskusston erfuhren die Ver⸗ hältnisse in den Gießener Brauereien gebührende Beleuch⸗ tung. Einstimmig kam die Meinung zum Ausdruck, daß es unbedingt nötig sei, auch hier der Jetztzeit ent⸗ sprechende Verbesserungen anzustreben. Es wurde schließ⸗ lich zur Wahl einer Kommisston geschritten, welche die Vorarbeiten dazu in Angriff nehmen soll. Nachdem noch einige Mitglieder aufgenommen waren, schloß die Versammlung mit einem Hoch auf den Brauerverband. — Das Gewerkschaftsfest findet diesen Sams⸗ tag im Saale des Café Leib statt, worauf wir noch⸗ mals aufmerksam machen. Aus dem Rreise gießen. — Mordpatriotis mus der Volks⸗ schullehrer. In leger Zeit macht man mehr als früher die für den Kulturmenschen betrübende Wahrnehmung, daß es die Lehrer auf dem Lande für ihre Aufgabe erachten, im Nebenamt als Sozialistenvernichter aufzutreten und das Evangelium des Massen⸗Totschlags zu predigen. Vor Kurzem erwähnten wir erst die Pauke, die der Lehrer in Leihgestern im Kriegerverein hielt und womit er bei den Mitgliedern selbst Widerspruch hervorrief. Aus Heuchelheim wurde uns neulich mitgeteilt, daß die Kinder ganz aufgeregt nach Hause kamen, der Lehrer hätte ihnen erzählt, daß der Krieg unmittelbar bevorstehe.— In Launs⸗ bach hielt am Samstag zur Kaisersgeburts⸗ tagsfeier Lehrer Bender eine gewaltige Ver⸗ nichtungsrede gegen den„inneren Feind“, über ben er Pech und Schwefel vom Hemmel her⸗ unter wünschte, den man wie Unkraut ausrotten müsse. Der brave Patriot! Er sagte leider nicht, was er unter dem„inneren Feind“ ver⸗ steht. Er stellt sich jedenfalls vor, daß diesen „Feind“ es auf Plünderung der Kassenschränke abgesehen hätte!— Im Allgemeinen machen ja solche Hetzereien keinen Eindruck. Die n⸗ beiter sind vernünftiger geworden als die„Ge- bildeten“. Traurig aber für ein Kulturvollk, wenn die Erzieher des Volkes anstatt Duld⸗ samkeit und Achtung des Nebenmenschen zu lehren, sich in solchen Hetzereien ergehen. Kein Wunder allerdings, wenn der Kreisschul⸗In⸗ spektor selber krommelnde Heldengeschichte fabriziert! 9 b. Reiskirchen. Am 21. Januar hielt der Arbeiterverein bei Gastwirt Wild seine Generalversammlung ab, die recht gut besucht war. Genosse Schmidt hielt einen kurzen Vortrag über die poltlische und gewerk⸗ schaftliche Arbeiterbewegung, wobei er am Schluß die Bedeutung der Demonstrationsver⸗ samm lungen, die am gleichen Tage in ganz Deutschland stattfanden, auseinandersetzte. Seine Ausführungen wurden beifällig aufgenommen. — Unser Verein hat sich übrigens reckt erfreu⸗ lich entwickelt. Davon legte auch die an Weih⸗ nachten arrangierte Festlichkeit Zeugnis ab, die überaus stark besucht war und aufs beste ver⸗ lief. Drum„Vorwärts!“ sei auch unsere Parole! — Protestversammlungen gegen die Tabaksteuer⸗Vorlage fanden statt am Sams⸗ tag in Wiesec, am Sonntag in Großenlinden und Heuchelheim, Donnerstag in Gießen. Gen. Schnell⸗Hanau schilderte in allen Ver⸗ sammlungen, von denen die drei erst genannten sehr gut besucht waren, die Gefahren, weltghe durch die Vorlage der Arbeiterschaft in dern Tabakindustrie drohen. Eine Protestresoluton gelangte zur einstimmigen Annahme. Ferner soll ein in Berlin demnächst zusammentretendern Kongreß zu der Tabaksteuerfrage Stellung nehmen. Die Versammlungen befaßten sich auß mit der Delegiertenwahl dazu. — Versammlung in Großen⸗ Linden. Diesen Sonntag nachm. 3 Uhr findet im Saale des Heren Weigandt eine öffentliche Versammlung statt, die sich mit den Stenerfragen beschäftigen soll. Um zahlreiches Erscheinen namentlich von Seiten des Arbeiter⸗ bildungsvereins wird gebeten. Lollar. In der Versammlung am 21. Januar gingen durch Tellersammlung 8.20 Mk. zur Unter- stützung der Opfer des russischen Freiheitskampfes ein. aus dem Nreise Iriedberg⸗Büdingen. tz. Rommelhausen. Die am Sountag zins lierende Sammelliste für unsere russischen Freiheit kämpfer ergab die Summe von 7 Mk. 45 Pfg., welch an den Kassierer des Kreiswahlvereins in Vilbel sosort abgegangen ist. Mangels eines Referenten konnte für die hiesige Umgebung am 21. Januar keine Versamm s lung zu Gunsten sunserer russischen Brüder stattfinden, worauf der hiesige Wahlverein im Orte obige Sammel⸗ liste zirkulieren ließ. Diese Opferwilligkeit zeugt von Solidaritätsgefühl der hiesigen leinen Schar von Partel- frennden unseren russischen Kämpfern gegenüber. Möchten die Genossen in den übrigen umliegenden Orten, W dieses noch nicht geschehen ist, das Versäumte nachholen. — Sonntag, den 4. Februar, findet hier die regelmäßige Mitgliederversammlung des hiesigen Wahlvereins statt. In Anbetracht einer wichtigen Tagesordnung ist es ge⸗ boten, daß alle Mitglieder erscheinen. 5 z. In Nieder⸗Eschbach fand am 21. Januat 1 ebenfalls eine Demonstrationsversammlung statt, welche nach einem Referate des Genossen Arm brust⸗ Vilbel ihrer Sympathie mit dem Freiheitskampfe in Rußland Ausdruck gab. Eine Sammlung für die Opfer des Zarismus ergab 4,80 Mk,— Anschließend an die Ver⸗ sammlung wurde die Gründung eines Wahlvereins vor⸗ genommen, dem sofort 35 Mitglieder beitraten. Vor⸗ sigender ist Joh. Holz. Hoffentlich entwickelt sich der Verein zu einem tüchtigen und regsamen Gliede unseret n Parteiorganisation! 3 Aus dem RNreise Wetzlar. h. Keinen Orden! Von dem großen Orden ⸗ regen am 21. Januar ist nicht ein Tröpfchen nach Wetzlar gekommen, wie das Kreisblatt betrübt konstatsert. Wir wissen ja nicht, wie stark unter den oberen zehn oder zwanzig von Wetzlar die Sehnsucht nach dem Kinderspielzeug ist. Einen wissen wir aber, der un⸗ eee hel: aber 3 5. — ieee . ee ee ee bee, ke e. Nr. 5. Milteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Seite 5. tröstlich ist. Na, macht nichts; jetzt kommt die Karn⸗val⸗ zeit, da sind ja Orden ganz billig zu haben. h. Zum Bergarbeiterstreik auf Grube „Juno“ und„Uranus“ bei Nauborn sei noch Folgendes mitgeteilt. Am Freitag war Verhandlung vor dem Gewerbegericht in Wetzlar als Einigungsamt. Vor Beginn der Verhandlung stellte der Vertreter des Berg⸗ arbeiterverbandes, Waldhecker, den Antrag, daß er als Vertrauensmann der Arbeiter fungieren könne. Dies lehnte der Herr Direktor Foelling kurz ab. Man gestattete nicht einmal, daß W. als Zuhörer anwesend sein durfte!(Uns ist das nicht recht verständlich. Dem Direktor steht nach unserer Meinung darüber keine Entscheidung zu. Nach den gesetzlichen Bestimmungen (§ 68 des Gewerbegesetzes) kann der Vorsitzende Aus⸗ kunftspersonen zuziehen und als solche mußte der Vertreter der Bergarbeiter gehört werden. D. R.) Es war klar, daß die Bergleute ohne Beistand ihre Sache nicht mit dem nötigen Nachdruck würden vertreten können. Das zeigte sich auch. Obwohl vorher fest verabredet worden war, unbedingt auf 2.40 Mk. Normalschichtlohn zu beharren und zu fordern, daß keine Maßregelungen vor⸗ genommen werden dürfen, unterschrieben die Arbeiter nach dreistündiger Verhandlung ein Protokoll, worin nicht die geringsten Zugeständnisse gemacht wurden. Direktor Foelling erklärte, 2.40 Mk. könne die fürstlich: Bergverwaltung nicht zahlen. Sie hätte ohnedies 22000 Mk. Verluste gehabt. Das kann wohl so schlimm nicht sein, denn wären die Gruben unrentabel, so würden die Buderuswerke nicht ihren Ankauf planen. Von den Arbeitern wurde ferner darauf hingewiesen, daß Italiener 6 Mk. pro Tag verdienten. Wenn Direktor Foelling darauf erwiderte, daß die Leute auch mehr leisteten, so kann das unmöglich so viel ausmachen. Auf eine weitere Bemerkung eines Deputationsmitgliedes meinte Herr Bergrat Höchst, niemand könne die Arbeiter hindern, sich zu organisieren, das sei ihr gesetzliches Recht. Schließlich hat die Kommission zugestimmt, die Arbeit bedingungslos wieder aufzunehmen.— Am Sonntag fand nun in Nieder quembach eine stark besuchte Versammlung der streikenden Bergleute statt, in welcher nach beifällig aufgenommenem Referat des Kameraden Waldhecker einstimmig beschlossen wurde, die Arbeit unter diesen Verhältnissen nicht wie der aufzunehmen, sondern im Streik weiter zu be⸗ harren. Mon war allgemein der Ansicht, daß die Kommission bei der Verhandlung befangen war, was auch daraus hervorgeht, daß sie in der Versammlung gegen Arbeitsaufnahme stimmte.— So weit wir bis jetzt in Erfahrung bringen konnten, hat von den Strei⸗ kenden nicht ein einziger die Arbeit aufgenommen. Die Leute erhalten weiter Streikunterstützung vom Verbaud. — Der Fürst v. Braunfels ist Vorstand im Verein „Landeswohlfayrt“. Wie kann aber die Wohlfahrt gedeihen, wenn er selber seinen Bergleuten zwei Mark und weniger Tagelohn zahlt? n. In Krofdorf findet diesen Montag, den 5. Februar, abends 8½ Uhr im Lokale von Wtw. Abel eine öffentliche Ta bak arbeiter versammlung statt, in welcher Gauleiter F. Schnell-Hanau über die Verhandlungen und Beschlüsse des Tabakarbeiter⸗ Kongresses in Berlin sprechen wird. In dieser Versammlung hat jedermann— felbstverständlich auch Frauen— Zutritt. Es wird um recht zahlreiches Erscheinen ersucht. Westerwald und Anterlahn. Flottenkoller mit Suff. Von Langen⸗ aubach(Dill) wurde kürzlich berichtet, daß dort ein Flottenverein von Arbeitern gegründet worden set, auch der Vorsitzende sei Arbeiter. Diesee brave„Christlich⸗ Soziale“ und Schützling Burckhardt's ist ja allgemein bekannt; allgemein ist man aber auch der Meinung, daß er eigentlich Besseres zu tun hätte, als in der Oeffentlichkeit eine Rolle spielen zu wollen. Vor allem sollte er danach trachten, seine privaten Angelegenheiten zu ordnen. Zu dem Flottenverein hat man auch eine große Anzahl Minderjähriger herbeigezogen. Wie die jungen Menschen zum Beitritt„bewogen“ werden, kann man daraus ersehen, daß ein früheres junges Mitglied, das ausgetreten war, von einem Vorstandsmitgliede angeschrien wurde:„Mißgeburt, ich hab dich angemeldet, du kriegst dei Hieb!“ So läßt sich wohl mancher ein⸗ schüchtern. Ein anderes Lockmittel ist der Hinweis auf die verlängerte Poltzeistunde bei den Tagungen der Flottenarbelter. Man will offenbar durch vermehrten Alkoholgenuß die Flottenbegeisterung steigern. Es fanden sogar Schnapsgelage in einer Privatwohnung statt, bei welcher Gelegenheit es vorgekommen sein soll, daß einem Förstersohn die Taschen revidiert und das Erbeutete in Spiritus aufgelöst wurde. Dieser Fall hat auch die Behörde beschäftigt. Bedauerlich ist ja, daß die hiesigen Arbeiter noch nicht zu der Erkenntnis gekommen sind, daß sie die Lasten für die Flottentollheiten zu tragen haben. Sie sollten lieber über die Verbesserung ihrer eigenen Lage nachdenken! Im Uebrigen brauchen die Flottenleute auf ihre Langenaubacher Gründung nicht stolz zu sein. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. ö Vom Marburger Wohltätig⸗ keitsbazar. Alljährlich findet in Marburg im letzten Monat des Jahres ein Wohltätigkeits⸗ bazar statt, der von den diversen akademischen Kreisen arrangiert wird. Was bei solchen Ge⸗ legenheiten für Dinge vorkommen, geht aus folgenden Mitteilungen hervor, die uns aus zuverlässiger Quelle zugehen. Die Veranstalter des Bazar stiften Geschenke, die dann an die Besucher verkauft werden. Wer 50 Pfg. Ein⸗ tritt erlegt hat, kann kaufen. Natürlich sind die Sachen so teuer, daß nur sehr vermögende Leute„Einkäufe“ machen können. Meist werden auch nur Dinge gestiftet, für die nur reiche Leute Verwendung haben. Da nun jeder Ver⸗ anstalter etwas stiften soll, kommt es vor, daß einige sich über ihre Kräfte austragen, während Reichere sich zu drücken verstehen. Diesmal kam es vor, daß eine schwerreiche erst jüngst geadelte Dame(v. B.) in Marburg überhaupt nichts gegeben hat; im Gegenteil, sie ließ sich noch ihr Kostüm bezahlen, das sie sich für den Bazar anfertigen ließ. Echte Wohltätigkeit!— Ein anderer rührender„Wohltätigkeits“⸗Akt! Es waren 40 Flaschen Sekt, echt„Henkel trocken“ zu„verkaufen“. 39 mußten bezahlt werden, die 40. Flasche war frei. Diese wollte nun jeder erobern und es taten sich zu diesem Zwecke Gesellschaften zusammen. Mancher weniger Be⸗ mittelte, der dazu herangezogen wurde, hat sich da mehr angestrengt, als er seinem Geldbeutel zumuten durfte, denn es wurden Phantasiepreise gefordert.(Geschteht ihnen recht, mögen sie doch wegbleiben. D. R.) Natürlich übte bald der Sekt seine Wirkung aus und, wie ein stiller Beobachter mitteilt, wurden wahre Orgien ge⸗ feiert. Auch die erwähnte Dame tat ihr Mög⸗ lichstes ohne einen Pfennig dazu gegeben zu haben! Die große Mehrzahl der Sektteilnehmer mußte bewußtlos vom Platze getragen werden! Wie weiß die bessere Gesellschaft zu schmälen, wenn des Sonntags mal ein Arbeiter angetrunken über die Straße torkelt, der viel⸗ leicht nur einen Schnaps in den leeren Magen goß!— Die hiestgen Zeitungen berichteten aber: „Das Fest verlief in der schönsten Weise“. Und da sage noch einer, es werde für die Armen nichts getan. Vierzig Flaschen Sekt zum Wohle der Armen zu trinken ist doch gewiß eine Leistung! Wahlverein. Die letzte Versammlung des Wahlvereins war erfreulicherweise recht gut besucht. Gen. Fischer erstatte zunächst Bericht von der Gemeinde⸗ vertreter Konferenz in Frankfurt. Nach einer längeren Aussprache nahm man einen Antrag einstimmig an, den Monatsbeitrag ab 1. Januar 1906 von 20 auf 25 Pfg. zu erhöhen. Nach erfolgter Neuaufnahme von 8 neuen Genossen in den Verein, beriet man die Frage, ob die Gründung eines Diskussionsklub zweckmäßig sei. Die Mehrzahl der Genossen waren jetzt dagegen weil die Einzelnen schon genug angestrengt seien. Das Schwurgericht verhandelte am 22. Januar gegen den Landbriefträger Lohne aus Wetter, der sich wegen Unterschlagung im Amte zu verantworten hatte. Er hatte ver- schiedentlich kleinere Beträge, Briefmarken und Postanweisungen unterschlagen. Lohne hat den Chinakrieg mitgemacht und dort, wie auch der medizinische Sachverständige zugab, an seinem Verstande gelitten. Trotzdem schickte das Gericht diesen Mann statt in eine Heilanstalt auf steben Monate wegen Unterschlagung ins Gefängnis.— In der Schlußsitzung am Sams⸗ tag wurde der frühere Bürgermeister Kohmann in Gemünden a. Worra wegen Unterschla⸗ gung amtlicher Gelder und falscher Führung der Bücher zu einer Gesamtstrafe von sieben Monaten und zwei Wochen Gefängnis verurteilt. In seiner Eigenschaft als Standesbeamter hatte er die Staatskasse um 250 Mk. und in seiner Eigenschaft als Bürgermeister um 460 Mk. be⸗ trogen. Der Angeklagte, welcher in der Haupt⸗ sache geständig ist— nur die Unterschlagung hiusichtlich der Krankenkassenbeiträge bestritt er — macht einen äußerst heruntergekommenen Eindruck. Sein Gehalt als Bürgermeister war die fürstliche Summe von zwölfhundert Mark. Selbst der Vertreter der Staatsanwaltschaft hat Frau und zwei Kinder) und hat die Ge⸗ schworenen mildernde Umstände nicht zu ver⸗ sagen.— Nach Schluß der Verhandlung ver⸗ anstaltete der Verteidiger unter den Geschworenen eine Sammlung, um dem Verurteilten die Rück⸗ reise zu seinen Angehörigen zu ermöglichen. Die Verbrechen des armen Teufels haben nun ihre gerichtliche Sühne gefunden. Die Stadt Ge⸗ münden wird einen andern Bürgermeister für 1200 Mk. bekommen, der womöglich wieder, wie schon der Vorgänger des Verurteilten mit den Strafgesetzen in Konflikt kommt. Die Stadt Gemünden ist eine antisemitische Hochburg. Zwei hiesige Studenten attackierten nachts einen Schutzmann, der eine nannte ihn„Polyp“, der andere schlug ihm, als er ihre Namen notieren wollte, mit der Faust ins Gesicht. Der Amtsanwalt beantragte in der Schöffengerichtsverhandlung gegen den ersten eine Geldstrafe von 20 Mk., gegen den zweiten, der geschlagen hatte, eine Gefängnisstrase von drei Monaten, Urteil: Freisprechung.— Gleich darauf nahm ein Handwerksbursche auf der Anklagebank Platz, welcher sich beim„Fechten“ halte erwischen lassen. Natürlich wurde er regelrecht„verknackst“, dieser Verbrecher ohne Protektion und Zukunft. Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Sonntag, den 4. Februar, nachmittags punkt 2 Uhr im Pfau in Vilbel Gemeindevertreter⸗Konferenz Tagesordnung: 1. Die Gemeindesteuerreform und die kom⸗ munalen Aufgaben der sozialdemokrattschen Ge⸗ meindevertreter. Ref. Gen. Reichs⸗ und Land⸗ tagsabgeord. Dr. David⸗Offenbach. 2. Verschiedenes. Es ist unbedingte Pflicht der Arbeiter ver⸗ treter in dem Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen an der Konferenz teilzunehmen. Gleichzestig werden die Bezirksleiter ersucht ebenfalls zu erscheinen. Der Vorstand 3 Karl Armbrust, Vorsitzender. Wahlkreis Gießen⸗ Grünberg. Sonntag, den 18. Februar Mittags 1 Uhr Kreiskonferenz im Lokale Orbig in Gießen. Tagesordnung: Vorstands⸗ und Kassenbericht; Sonstiges. Die Mitgliedschaften werden ersucht, De le⸗ gierte nach Maßgabe des Statuts zu wäh len und etwaige Anträge bis zum 15. Februar ein⸗ zusenden. Der Vorstand des Wahl vereins. Versammlungskalender. Samstag, 3. Februar. Gießen. Küferverband. Abends 8 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö'b(Wiener Hof). Lollar. Wahlverein. Abends 8 Uhr General⸗ Versammlung bei Wirt Schupp. Tages⸗Ord⸗ nung: 1. Jahresabrechnung. 2. Vorstands wahl. 3. Verschiedenen. Staufenberg. Volks verein. Abeuds 8 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Geiß ler. Garbenteich. Arbeiter-Bildungs⸗Verein. Abends 8 ½ Uhr Versammlung bei Heinr. Freund T.⸗O.: Jahresabrechnung, Vorstandswahl. Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr bei Hildberger.— Freie Turnerschaft⸗ Ockershausen General-Versammlung bei Hilde⸗ mann. Sonntag, den 4. Februar. Krofdorf⸗Gleiberg. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Gastwirt Feuser⸗Gleiberg. Zahlreich erscheinen! Montag, den 5. Februar. Gießen. Holzarbeiter. Abends 7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb. Referat v. Gauleiter Bucken⸗ dahl⸗Frankfurt. Marburg. Schneider abends ½9 Uhr bei Hill⸗ berger. Samstag, den 10. Februar. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker. Rödgen. Wahl verein. Versammlung Abends ½9 Uhr bei Wirt Balser. Zahlreich erscheinen. erklärte ausdrücklich, daß es unmöglich] Lauterb ich. Sozialdemokrat. Wahl verein wäre, mit diesem Einkommen eine Familie zu ernähren,(der Angeklagte Abends 8/ Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Gast⸗ wirt Keutzer. f Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeuung. Nr. 5. Von Nah und Fern. Die Orduungsblatt⸗Redaktion im Belagerungszustand. Die Redaktion der„Post“, des Berliner Scharfmacherorgans, war am Demonstrations⸗ Sonntag(21. Januar) im Verteidigungs⸗Zu⸗ stand gesetzt. Uuser Zentralorgan teilt darüber folgende lustige Einzelheiten mit: Das Haus war verbarrikadiert und bewacht von einer Schutztruppe von 9 Mann, bewaffnet mit einem Karabiner und acht Revolvern. Der Ober⸗ faktor der Druckerei leitete, unterstützt von einem Obermaschinenmeister das„Ganze“, die„Mann⸗ schaft“ bestand aus einem Oberstereotypeur, drei Hülfsstereotypeuren und vier Expedittonsange⸗ stellten. Die Schriftsetzer hatten ihre Einreihung in die Schutztruppe dankend abgelehnt. Der Kommandierende hat sich schon einige Tage vor dem 21. im Schießen geübt und die Tagesparole am 21. lautete:„Wer sich in feindseliger Ab⸗ sicht unserem Tor nähert, wird über den Haufen geschossen.“ Da sich aber niemand in feind⸗ seliger Absicht nähern wollte, wußten sich die Lands knechte nach guter alter Art die Zeit mit Trunk und Spiel vertreiben. Der Chefredakteur hatte der Vorsicht besseren Teil erwählt und war am Sonnabend auf Reisen gegangen, un⸗ bekannt wohin. Am Montag schrieb er dann seiuen bekannten Artikel von dem„hohen Amt und der äußersten Entschlossenheit“ der Ord⸗ nungsmänner im Kampf gegen den Umsturz. Eln verbrecherischer Landrichter. In Beuthen(Ober ⸗Schlesien) wurde vorige Woche ein Strafprozeß gegen den Land⸗ gerichtsrat Alfred Blumenberg durchgeführt, der ein trübes Bild gab von den sittlichen und moralischen Zuständen, die sich vielfach in „besseren“ Kreisen vorfinden. Blumenberg war des Amtsverbrechens in fünf Fällen, des Be⸗ truges und der Unterschlagung in einund⸗ zwanzig Fällen, sowie des öfteren Arrestbruchs angeklagt. Aus der Verhandlung war zu ent⸗ nehmen, daß der Angeklagte in leichtsinnigster Weise lebte. Die Frauen spielten eine große Rolle in dem Leben des Landgerichtsrats. So stiegen seine Schulden auf 80000 Mk. Wenn Schulden fällig wurden, suchte Bl. Verlängerung der Zahlungstermine zu erzielen, gab neue Wechsel auf höhere Summen und machte den Frauen seiner„Geschäftsfreunde“, berüchtigten Wucherern, kostbare Geschenke. Im März 1905 brach das Schwindelgebäude zusammen und es wurde gegen den Gesetzwächter die Untersuchung eingeleitet, bei der sich herausstellte, daß Bl. um sich noch über Wasser zu halten, zu den verwerflichsten, mit schwerer Zuchthausstrafe bedrohten Mitteln gegriffen hatte. Dieser Herr spielte auch in Strafprozessen gegen Partei⸗ genossen als Beisitzer eine Rolle, obwohl ganz Beuthen wußte, wie es mit ihm stand. Um so auffälliger erschien es, daß dieser Mann un⸗ angefochten viele Jahre lang in dem angesehenen und verantwortungsvollen Amte eines Richters verbleiben konnte. Die Vernehmung des Angeklagten entrollte ein Bild des raffintertesten Schwindels. Der Mann, der selbst täglich zu Gericht sitzen und schwere Strafen über die armen Sünder, die sich gegen das heilige Eigentum vergangen hatten, auszusprechen hatte, griff zu den betrügerischsten Mautpulattonen. und Silbersachen, Juwelen, Kunstgegenstände auf Kredit und verpfändete dann diese Sachen nach kurzer Zeit wieder, ohne einen Pfenuig davon abzuzahlen. Durch solche Betrügereien kam eine alte, schwer kranke Frau um ihre ganzen Ersparnisse im Betrage von 600 Mk. — Außerdem gebrauchte der Ehrenmann sein richterliches Amt dazu, den Prozeßparteien gegen Entgelt seine Hilfe angedeihen zu lassen. Das stnd Vergehen, die das Strafgesetzbuch mit Zuchthausstrafe bis zu fünf Jahren bedroht. Der Staatsanwalt beantragte gegen Blumen⸗ berg vier Jahre Zuchthaus. Das am Montag gefällte Urteil lautete auf fünf Jahre Gefängnis und ebensoviel Ehrverlust. Er kaufte kostbare Gold⸗ weniger vom Geiste unserer Zeit abhängig. Oenjamin Franklin. Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburts⸗ tages, 17. Januar 1706. 3 Von Dr. R. Strecker. (Schluß.) Die Hauptaufgaben seines Lebens aber traten an Franklin heran, als die nordamerikanischen Staaten sich gegen die Tyrannei des Mutter ⸗ landes, insbesondere gegen die Georgs III. von Eugland erhoben. Längst hatte Franklin dies Ereignis vorausgesehen und zum Teil sogar vorbereitet. So hatte er z. B. in Philadelphia gegen den Widerstand der Quäker(eine religiöse Sekte, welche dort vorherrschte und das Kriegs⸗ handwerk als eine Sünde betrachtete) die Landes⸗ verteidigung organistert, Befestigungen und eine Miliz geschaffen. Wie dann in dem großen Unabhängigkeitskampfe Washington die kriege⸗ rischen Operationen leitete, so Franklin die poli⸗ tischen. Es war von ausschlagebender Be⸗ deutung, daß er vor allem Frankreich, wohin er persönlich reiste, zur Unterstützung Amerkkas gewann, denn erst die Truppen und das Geld der Franzosen ermöglichten die Abwehr der Engländer. Bei der Begründung der neuen amerikanischen Macht, die sich nun als„Ver⸗ einigte Staater“ selbständig hinstellte, war auch Franklins Geist in erster Linie mit⸗ beteiligt. Manche der hier verwirklichten Grund⸗ sätze trugen daun ihrerseits, viel zur Förderung der französischen Revolution bei, und so stellt der in Paris weilende Franklin gewisser⸗ maßen die Vermittlung zwischen den beiden großen Volksbewegungen westlich und östsich des Atlantischen Ozeans dar. Kein Wunder daher, daß er trotz all seiner Bedeutung auch seine strengen Verurteiler fand, während ihn die für den Freiheitsgedanken empfängliche Mensch⸗ heit mit dem Verse feierte:„Er entriß dem Himmel den Blitz, dem Tyrannen sein Szepter.“ Kurz und treffend ist in diesen Worten seine gemeinnützige, wissenschaftliche und poli⸗ tische Bedeutung gekennzeichnet. Nicht lange, nachdem die Verfassung der Vereinigten Staaten begründet war, ist Franklin am 17. April 1790 gestorben, bis zuletzt im Sinne edelster Mensch⸗ lichkeit wirkend, und daher mit Recht von Herder als Hauptvertreter des Humanitäts⸗ ideals gefeiert. So wirkte er noch in den letzten Juhren in zwei Gesellschaften, in der einen für die Erleichterung des Elends in den Gefäug⸗ nissen, in der andern für die Aufhebung der Sklaverei. Nicht nur das eigne Volk fühlte den unersetzlichen Verlust, selbst in Frankreich wurde eine dreitägige Nationaltrauer ihm zu Ehren beschlossen. Der sittlich religiöse Grund, aus dem seine Größe sich entwickelte, war der des„Deismus“, das ist eine in seinem Jahr⸗ hundert weitverbreitete liberale Weltanschauung, die frei von aller dogmatischen Rechthaberei das Wesen der Religion nur darin er⸗ kannte, den Mitmenschen Gutes zu erweisen.“) Das sind Franklins eigne Worte, das ist der Geist, der uns aus jedem Blatt seiner Selbstbiographie entgegeaweht. Mag er deshalb auch in manchen Zügen(3. B. in seiner völltgen Gleichsetzung von Tugend und äußerem Glück, die in unserer Welt der Trauer⸗ spiele doch leider gar oft nicht stimmt), die Schranken verraten, die diesem ganzen Zeitalter anhaften, so wird das seinem Charakterbilde in der Gesamtwirkung wenig Abbruch tun. Denn als Menschen sind wir ja alle mehr oder — Und bei Frank in trägt seine Bescheidenheit und sein liebenswürdiger Humor noch besonders viel dazu bei, seine kleinen Schwächen erträglich zu machen. Man lese nur die Grabschrift, die er sich noch selbst verfaßte:„Der Leib Ben⸗ jamin Franklins, eines Druckers, liegt hier als Speise für die Würmer, wie der Einband eines alten Buches, woraus der Inhalt gerissen, Auf⸗ schrift und Vergoldung abgegriffen. Aber das Werk wird nicht verloren gehen; denn es wird ) Als preußischer Volksschullehrer in unserem„fort⸗ geschrittenen“ Jahrhundert hätte Franklin mit solchen Anschauungen wohl keine glänzende Karriere gemacht. Man sieht daraus, wieviel höhere Anforderungen heut⸗ zutage an den Menschen gestellt werden! D. R. Liesbeth dazwischen. (wie er glaubte) wieder erscheinen, in einer neuen zierlicheren Auflage, durchgesehen und verbessert vom Verfasser.“ Rh. M. V. 2 5 Es geht ein Laut Es geht ein Caut durch alle Weltgeschichte In Pausen von Geschlechtern zu Geschlecht, Und ruft der Menschheit Dränger zu Gerichte, Verkündet das vergess'ne Menschenrect. Ein Rufen ist's von Armen, Unterdrückten, Aus Nacht, aus Fesseln, Geisteszwang und Not, Ein Mahnen an die Reichen und Beglückten, Ein Drängen nach Erkenntnis und nach Brot. Der Knecht, der es vernommen, denkt an's Sterben, Und fühlt die Seele heldenhaft empört, Kein Swingherr, der sein Mahnen ohn' Entfärben Selbst in dem Schutze seiner Schergen hört. A. Meißne. Gesellenfahrten. Eine Weih nachtsgeschichte von Philipp Scheidemanu 6 Nachdr. verb. (Fortsetzung.) Zu dem Konzert am Montag Abend kam die schwarze Hexe nicht. Sie kam nicht, trotz⸗ dem sie mein Freund Gustav durch die Sieb⸗ zehnjährige unseres nächsten Nachbars aus⸗ drücklich hatte einladen lassen. Und wie raffi⸗ niert hatte Gustav einladen lassen. Ein junger sehr netter Herr sei anwesend, den Fräulein von einer sehr lustigen Begegnung her kenne. Der betreffende Herr brenne darauf, das Fräu⸗ lein wiederzusehen. Und dann hatte er noch der Zwischenträgerin versichert, was ich— Gottlieb Schulze!— für ein liebenswürdiger Mensch sei usw. Neugierig hatte das lleine blonde Fräulein noch einmal bei uns in das Fenster gelugt, um zu sehen, ob ich, der schlanke Gottlieb, wirk⸗ lich ein so netter Mensch sei. Und sie muß zu⸗ frieden gewesen sein. Spornstreichs war sie hiuweg geeilt, der um ein Jahr älteren Freun⸗ din die Einladung zu überbringen. Ste traf Liesbeth, deren Mutter schon längst tot war, mit ihrem Vater zu Hause. „Du Liesbeth, ich soll dich einladen zum Konzert für heute Abend.“ „Einladen? Wer läßt mich einladen? „Gustav Bersky.“ f „Waaas? Wie kommt Gustav dazu, mich einzuladen?“ „Ja, weißt Du, er lädt Dich gewissermaßen nur im Namen eines anderen ein.“ „Eines andern? Was soll das bedeuten? Wer ist der andere?“ „Ja, das soll ich nicht sagen; Du sollst überrascht werden. Es handelt sich um einen Herr, dem Du schon begegnet sein sollst und zwar unter ganz absonderlichen Umständen.“ Nun merkte der Alte, Liesbeths Vater, der in seiner Poltzeierunisorm an einem Tisch saß und schrieb, auch auf: „Was ist das für eine merkwürdi ke Ein⸗ ladung?“ „O, Herr Dierksen, es handelt sich wirklich um einen sehr netten Herrn, ich habe ihn ge⸗ sehen,“ versicherte jetzt das kleine Bodenfräu⸗ lein.„Es handelt sich um einen Freund Berskys und Gustav kennen Sie doch.“ 5 „Ach was, ich will wissen, wer meine Tochter zum Konzert einlädt. Also wie heißt der nette junge Mann?“ „Gottlieb Schulze.“ „Wa— wa— was? Wie— wie wie heißt der Kerl? Gottlieb Schulze? Bei Jung⸗ müller?“ fuhr der Putz auf. „Ja, ganz Recht.“ „Aber den kenne ich doch gar nicht,“ warf 1 555 N 7 ——— Ne. 5. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. „O, es handen sich wirklich um einen„lehr netten“ jungen Mann, erklärte jetzt der Alte und setzte die ganz offizielle Polizeimiene auf. „Du wirst den netten, anständigen jungen Mann allerdings schwerlich kennen; aber ich kenne ihn den„jungen netten Mann“. Ich habe ihn diese Nacht zwischen ein und zwei Uhr auf dem Steindamm kennen gelernt, den„netten jungen Mann“. So ein frecher Kerl! Wie kann sich der unterstehen! Es ist selbstverständlich, daß Du nicht zu dem Konzert gehst! Dem werde ich die Meinung sagen, sobald ich ihm begegne, dem„uetten jungen Maun!“ Schulze nahm einen großen Schluck, ich füllte von neuem die Gläser, dann erzählte Gottlieb weiter: Wir spazierten im Konzertgarten umher und schauten uns die Augen nach der schwarzen Hexe aus. Sie war nirgends zu entdecken. Da klopfte ein Polzeimensch, der mir merkwürdig bekuͤnnt vortam, meinem Freund Gustav auf die Schulter und sagte: „Meine Tochter verbittet sich die Einladungen von gewissen„netten“— das„netten“ betonte er in ganz auffälliger Weise— von gewissen netten jungen Herren.“ Damit verschwand der grimmige Schnauz⸗ bart. Gustav war baff. „Was will denn der Putz?“ fragte ich. „Was der will, das war doch Liesbeths Vater!“ „Bist Du verrückt? Das war—?“ „Das war Liesbeths Vater.“ „Ach du lieber Gott, das ist ne feine Kiste. Dieser Putz har mich ja diese Nacht arretieren wollen—“ „Arretieren? Warum?“ Nun erzählte ich Gustav den Zusammenhang, so weit ich ihn selber noch kannte. Er schüttelte sich vor Lachen. „Das vergißt Dir der Alte nie, das ist ein Ordnungsphilister, wie er im Buche steht. Aber bei seiner Tochter schadet Dir das nichts, die macht selbst tolle Streiche, wo und wann sich Gelegenheit bietet.“ (Fortsetzung folgt.) Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. 12)(Fortsetzung.) Das Gesprsäch wendete sich hierauf auf die Verdienste Malvinens und Frau Taubermann versicherte mit einem Kusse, daß sie ihr herzlich dankbar für alles sei. Die Schriftproben der Kinder wurden darauf nebst den anderen Hand⸗ arbeiten und der Bibel mit goldenen Schlössern, das Geschenk des Vaters, auf den Tisch gelegt, um den Besuchern, die man erwartete, gezeigt zu werden. Es fanden sich denn auch mehrere Tanten und Basen ein, von denen die eine es auffallend fand, daß die Gouvernante kein Ge⸗ scheuk gemacht habe, während es eine andere ganz richtig erachtete, wenn eine Gouvernante nichts ab. Eine alte Tante frug, ob der Mörser an einen anderen Ort gebracht sei, da man das Geräusch desselben deutlicher als sonst höre, und ein entfernter Vetter befand es be⸗ dauerlich, daß die Familie Taubermann noch immer in diesen engen Räumlichkeiten wohnen bleibe. Gegen Abend, als die Besuche vorüber waren, wurde unter Malvinens Angabe der Tisch so zurecht gemacht, daß er ein gemütliches und doch festliches Ansehn hatte. a „Kommen Sie, Malvine! nun müssen wir einmal ein Glas auf Ihre Gesundheit trinken,“ sagte Tauberman beim Dessert, nachdem er seiner gastronomischen Neigung nach Herzenslust gefröhnt hatte,„aber dazu muß eine bessere Flasche herbei. Ich werde einmal darnach 18 Malvine rief ihm noch nach, daß er dies ihretwegen nicht tun solle, da sie doch nichts mehr trinken würde, aber er war schon in seinen Keller geeilt und kam nun mit einer Flasche Champagner zurück. Unglücklicherweise mußte er dabei durch den Laden und gerade in diesem Augenblicke wurde die Türe geöffnet und Herr Morsen trat herein, der nun nicht einmal zu fragen brauchte, ob Taubermann zu Hause sei. „Aber ich komme Ihnen vielleicht ungelegen,“ sagte der Beamte mit einem vielbedeutenden Blick auf die Flasche. „Keineswegs, gewiß nicht! Ein guter Freund kommt niemals ungelegen,“ entgegnete Tauber⸗ mann mit patriarchalischer Herzlichkeit;„meine Frau feiert ihren Geburtstag, müssen Sie wissen, und— aber kommen Ste nur herauf.“ „Nein, gewiß nicht, Sie haben Gesellschaft.“ „Kein Mensch, außer meiner Frau, meinen Kindern und der Gouvernante.“ Dies letztere war für Morsen zu verfüh— rerisch. „Nun dann will ich rasch meine Gratulation abstatten,“ entgegnete er, indem er mit hinauf⸗ ging.„Ich fürchte wirklich, daß ich Ihnen lästig falle,“ wendete sich im Zimmer sofort an Frau Taubermann,„aber da ich höre, daß Ihr Geburtstag ist, kann ich mir es nicht versagen, Ihnen Glück zu wünschen.“ Frau Taubermann und die Kinder und Mal⸗ vine hätten gewünscht, daß er es sich versagt hätte, aber er war nun einmal da und an ihrem Ge⸗ burtstage wollte die Hausfrau ihrem Mann keinen unfreundlichen Blick zuwerfen, der ihm sonst gewiß zu Teil geworden wäre. Es wurde ein Glas geholt; Morsen setzte sich, mußte noch ein Stückchen Torte essen und etwas Früchte und endlich saß er in dem Kreise, als gehöre er vollständig dazu. Der Tisch würde abgeraumt und es war bereits ziemlich spät, ohne daß Morsen an den Abschied dachte. Und doch hatte die Hausfrau keine rechte Lust, ihn zu fragen, ob er nicht den Abend bei ihnen zubringen wolle und der Herr des Hauses wagte es nicht und Malvine war es ganz gleichgiltig. „Mama, bl ibt Herr Morsen heut Abend bei uns?“ rief plötzlich das jüngste Töchterchen, dessen Fertigkeit in solchen Ungeschicklichkeiten selbst die beste Gouvernante nicht ausrotten konnte. „Sie müssen bleiben,“ rief die darauf fol⸗ gende, und Malvine begann zu lachen, indem sie sagte:„Man könne wohl sehen, daß die beiden jüngsten Prinzeßchen schläfrig würden,“ aber es blieb Frau Taubermann nichts anderes übrig, als den ungebetenen Gast zu einem ge⸗ betenen zu machen. „Sind Sie böse darüber, Fräulein?“ frug nun das jüngste Mädchen wieder und Malvine sagte, daß sie am Geburtstag der Mutter nicht höse sein könne, worauf Morsen frug, ob ste sonst zuweilen böse sei. Und darauf folgte ein Lobspruch Taubermanns, worüber Malvine in ein herzliches Lacheu ausbrach, aus welchem Morsen entnahm, daß Jemand, der so lachen könne, in: Grund der Seele sehr liebenswürdig sein müsse. Und darauf schwieg er und alle schwiegen und man hörte nur das Stampfen des Mörsers— weil Herzen niemals so laut klopfen, daß man sie hören kann; aber es war eins darunter, das wahrlich stark genug klopfte. Das Licht kam und das Lottospiel wurde herbeigebracht, woran alle Teil nahmen; eine Whistpartie sollte dann später folgen. Die Prinzeßchen saßen mit vor Aufregung glühen⸗ den Wangen zwischen den vier großen Menschen, deren Gesichtsfarbe nicht viel von derjenigen der Kleinen abstach. Bei Taubermann hatte dies seinen Grund vom Essen, bei seiner Frau von der Wärme, bei Morsen von— dem Dessert, wollen wir einmal sagen, und bei Mal⸗ vine, weil ste sich beim Ablesen der Nummern vornüber bücken mußte. Wie das Spiel ver⸗ lief, wollen wir nicht ausführlich berichten, Morsen war dabei sehr unglücklich, aber er tröstete sich, indem er der Gouvernannte er⸗ zählte, daß diejenigen, die im Spiel unglücklich sind, in der Liebe Glück haben, ein eben so alter als unwahrer Spruch. Taubermann ver⸗ gaß immer zu setzen, zum großen Verdruß seiner ältesten Tochter, die nicht begreifen konnte, warum der Vater, wenn er einmal splelte, nicht mehr auf das Spiel achtete. „Ach, liebes Kind, dein Vater spielt nie“, sagte Taubermann,„er kennt gar kein Spiel“. „Aber du spielst doch in der Lotterie?“ „Ja, da muß ich einen Fall erzählen, Herr Morsen“, bemerkte der Krämer und er schob zum großen Aerger seiner Aeltesten seine Karte zur Seite, um recht behaglich von einem Aben⸗ teuer mit einem Lotterlejuden zu erzählen, der ihm das Los in die Westentasche gesteckt hatte und fortgelaufen war. Es war bereits das sechste Mal, daß Taubermann diese Geschichte erzählte und es war daher auch natürlich, daß seine Aelteste wußte, daß er in der Lolterie spielte. „Solche Lose sind am glücklichsten“, ent⸗ gegnete Morsen. „So? Nun, ich will es Ihnen überlassen“, und Taubermann holte das Los hervor. „Danke, danke, ich habe heute Abend wieder bemerkt, daß ich immer unglücklich bin, nicht wahr, Fräulein Malvine?“ „Ich habe nicht darauf geachtet“, versetzte diese,„aber das würde gerade eine Ursache sein, um Ihr Glück einmal anderwärts zu versuchen.“ Zu spät erinnerte sich Malbine, was Morsen vorhin, in Bezug auf das Glück in der Liebe und das Unglück im Spiele gesagt habe, und dieser unterlteß denn auch nicht, zu fragen, ob dies wirklich ihre Meinung set. Die Gouvernante versichterte, daß sie durch⸗ aus nicht begreif, was Herr Morsen meine, und dieser hätte gern etwas recht viel deutiges und auf zweierlei Weise auszulegendes gesagt, wenn ihm nicht, wie dies in solchen Fällen häufig zu geschehen pflegt, die richtigen Worte gefehlt hätten. Glücklicherweise wurde er durch die Prinzeßschen gerettet, welche laut riefen, falt der Vater das Lotterielos Malvine geben ollte. „Hier, liebes Kind!“ sagte der Krämer, in⸗ dem er den jüdischen Dialekt nachahmte,„ver⸗ suchen Sie Ihr Glück“. Und als Malvine es verweigerte, steckten die Mädchen das Los in ihre Tasche und es gab ein Gelächter und eine Freude, wie sie Frau Taubermann noch nie an ihrem Geburtstage erlebt hatte. Morsen hatte lange Zeit keinen Abend so vergnügt zugebracht. „Ste müssen Ihren Besuch bald einmal wiederholen, lieber Freund!“ sagte der Krämer, als er Morsen hinausließ, und mit zufriedenem Gemüte befestigte er die Eisenstange an der Innenseite der verschlossenen Türe, so daß der Klang Morsen durch Mark und Bein ging. Am folgenden Tage hatte Frau Tauber⸗ mann keine Kopfschmerzen und ihr Gemahl beschränkte sich auf einen Bittern. (Fortsetzung folgt.) —— Jumoristisches. „Meine Kuh ist gestorben“.—„Was für ein Unglück! Wie wirst Du dies Deiner Frau bei⸗ bringen?“—„Ich werde sie langsam vorbereiten. Zuerst werde ich ihr sagen, ihre Mutter wäre gestorben.“ Die Gattin:„Nun, hast Du Glück gehabt?“ — Der Gatte(betrübt):„Nein!“— Die Gattin: „Waren denn in dem Vermietungsbureau keine Dienst⸗ mädchen anwesend?“— Der Gatte(geknickt):„Ja, eine ganze Menge, aber sie hatten alle bei uns gedient.“ Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. = Geschichtskalender. 4. Februar. 1897 Achtstundentagsdebatte im Reichs⸗ tage. 1890 Arbeiterschutzerlasse Wilh. II. 5. 1880 Dynamit⸗Attentat im Winterpalast in Peters⸗ burg. 1682 Wilhelm Böttcher, Erfinder des Por⸗ zellans.“ 6. 1904 Kriegserklärung Rußlands an Japan. 1900 Peter Lawrow, russ. soz. Revolutionär f. 1897 Ende des Hamburger Hafenarbeiterstreiks. 7. 1904 Reichstagsabg. E. Rosenow f. 1898 Zola⸗Prozeß in Paris. 3. 1894 Bülow, Komponist f.(B. komponierte das Herwegh'sche„Bet' und arbeit“.) 9. 1905 Ad. Menzel, Maler F. 1901 Gray, Tele- phon⸗Erfinder T. 1784 Michelet, französischer Hi⸗ storiker f. 10. 1901 Pettenkofer, Naturforscher in München 5. 1887 Kleiner Belagerungszustand über Offen bach verhängt. — ä—— 2———— ———— 3.——* 2—— — — ————ů 7 —.— Se ite 8. Mitteldeutsche Sonutags⸗ Zeitung. Zur Gewerbegerichtswahl! Am Samstag, den 3. Februar finden die Beisitzerwahlen zum Gewerbegericht Gießen 5 Die im n vereinigten Gewerkschaften bringen folgende Beisitzerlisten in Vorschlag: ber: Arbeitnehmer: Krumm, e een 1. Christ, Wilhelm, Schlosser, Müller, Ludwig, Bäckermeister, 2. Hensel, Adolf, Schriftsetzer, „Dahmer, Georg, Spengler meister, 3. Holiberg, Gustav, Brauer, Baum, Georg, Schuhmachermeister, 4. Häuser, Karl, Fabrikarbeiter, „Dörflein, Leonhard, Küsermeister, 5. Krüger, Gustav, Eisendreher, 6. Nitschkowski, Wilhelm, Buchdruckereibesitzer, 6. Mandler, Albert, Maurer, 7. Gerlicher, Johann, Küfermeister, 7. Männche, Heinrich, Schreiner, 8. Allendörfer, Heinrich, Schreinermeister, 8. Meininger, Philipp, Maschinist, 9. Noll, Emil, Dachdeckermeister, 9. Schäfer, Wilhelm, Schneider, 10. Bierau, Balthasar, Glasermeister, 10. Schneller, Wilhelm, Dachdecker, 11. Heck, Justus, Schreinermeister, 11. Stock, August, Lacklerer, 12. Minke, Peter, Küfermeister. 12. Sommerlad, Gustav, Küfer. ö Wähler! Arbeiter! Ihr alle wißt die Bedeutung der Gewerbegerichtswahlen zu würdigen! Als Beisitzer müssen Männer gewählt werden, von denen wir die Gewißheit haben, daß sie ihrem Amte in der Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit, die erforderlich ist, vorstehen und auch das nötige Verständnis in gewerblichen und sozialen Fragen befitzen. Als solche empfehlen wir die oben vorge⸗ lagenen Männer. . Geht alle zur Wahl und stimmt für die Listen des Gewerkschaftskartell. Die Wahl findet im Bürgermeistereigebäude von Mittags 12 bis Abends Uhr statt. Das Gewerkschaftskartell. Ser 9D D ACl¾Wd...e Ls Wa einma dass manche Leute glaubten, man kaufte von Nichtfach- leuten billig. Das rächte sich aber, sobald es Reparaturen gab.— Ich liefere unter Garantie, dauerhafte und elegante I— Mähmaschinen aller Systeme von Mk. 40.— an. Joh. F. Schaaf, Giessen, Wetzsteinstrasse 44. N 6 TbD YU. — Ferd. Nennstiel Giessen, NMochstr. 7. Täglich frische r las-, Porzellan- und in nur guter Qualität I. MöürLER Bahnhofstrasse 61. Flechten adss, und trockene Schuppenflecnte, skroph. Ekzema, Ilautausschläge, Offene Füsse Beinschäden, Beingeschwüre, Ader- beine, böse Finger, alte Wunden sind oft hartnäckig; wer bisher vergeblich hoffte geheilt zu werden, mache noch einen Versuch mit der bestens bewährten RINO- SALBE frei von Gift u. Säure, Dose Mk. 1.—. Dankschreiben gehen täglich eln. Fachs, Naphtalan je 15, Walrst 20, Benzoefett, venet. Terp., Kampferpflaster, Perubaleam je 6, Eigelb 30, Chryssrebin 0.8. Zu haben in den Apotheken. Steingutwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen. Lang& Wiederstein Marktstraße 4 Telephon 394 Giessen. 1 Ortskrankenkasse Giesßen. 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