. 2 14 1 5 1 0 4 n enen 1 Nr. 22. Gießen, den 3. Juni 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 2 Nedaktionsschluß: Rurchenplat, Schloßgaste Mitteld eutsche Went deg Nachmitteg + Ubhhe ———— 3 ltags⸗Jeitun Abounementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) Bestellungen Juserate finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Bei mindestens Pfingstruf. Durch die bunten Blütenflocken, Die der Lenz verstreut in Fülle, Klingen hell die Pfingstenglocken In die morgendliche Stille, Klingen fromme Orgelklänge, Wie ein heilig Geisterbrausen, Klingt der Hochgesang der Menge, Wie ein andachtsvolles Grausen. Flammend, wie mit Feuerzungen, Zieh'n ins Land hinaus die Jünger, Von dem heil'gen Geist durchdrungen, Sind sie frohe Opferbringer, Neu Bekenner zu erwecken, Zieh'n sie in den Kampf, den herben, Trotzend der Vernichtung Schrecken, Trotzend Untergang und Sterben! Wir auch künden neue Lehre, Wir auch woll'n die Welt erlösen Von der Ketten eh'rner Schwere, Von der Allgewalt des Bösen, Wir auch schüren neue Gluten, Daß die Herzen lodernd brennen, Daß die Ehrlichen und Guten Neu das Heil der Welt erkennen. Mächtig ist die Schar der Feinde, Eisern klirren ihre Waffen, Unbewehrt steht die Gemeinde, Die der neue Geist erschaffen, Aber ehern ist ihr Glaube, Und wie Felsen ist ihr Hoffen— Jenseits von des Schlachtfelds Staube Seh'n wir hell die Zukunft offen. Geist der Pfingsten, steig' hernieder, Mache unsere Zungen lodern, Daß wir wecken uns're Brüder, Frei ihr Menschenrecht zu fordern, Senke dich in alle Herzen, Wecke sie aus Qual und Wehe, Daß aus dieser Welt der Schmerzen Eine bess're Welt erstehe! Ernst Klaar. Geist der Pfingsten. Als drittes und schönstes der drei großen Feste im Kreislauf des Jahres feiern wir wieder Pfingsten. Zu dem herrlichen Sommer⸗ feste erglänzt die Natur im prächtigsten Feier⸗ kleide und aus dem grünenden Wald und blühendem Felde könt uns munterer und freu⸗ diger Jubelgesang der Vogelwelt entgegen. Diesem Jubellaut aus der Natur lauscht auch der Bedrückte gern und läßt den Geist auf sich wirken, in dem die erwachende Natur zu ihm spricht. Er nimmt, wenn auch ein paar Stunden nur und mit den durch die Verhält⸗ Feste, das die Völker schon vor Tausenden von Jahren dem Frühling weihten. In der Christenheit soll das Fest erinnern an die„Ausgießung des heiligen Geistes“ auf die Jünger des als Hochverräter hingerichteten und angeblich zum Himmel gefahrenen Naza⸗ reners, der den Armen und Elenden das Evan⸗ gelium der Gleichheit, der Freiheit und des Brudertums verkündet hatte. Unter gewaltigem Brausen und in Gestalt feuriger Zungen soll er herabgekommen sein, der„heilige Geist“, auf die zu gemeinsamer Feier versammelten Christus⸗ Bekenner, daß sie redeten in fremden Sprachen. Das ist nun allerdings nicht wörtlich zu nehmen. Nicht in verschiedenen Sprachen redeten die einfachen Leute, sondern in einem Geiste, der alle Menschen eint und zusammenführt, im Geiste der Völkersolidarität. Sie predigten zum ersten Male die Idee der Einheit des Menschengeschlechts, der Verbrüderung aller Nationen. Zum ersten Mal trat der Gedanke auf, daß die Menschen ohne Unterschied der Nation und der Rasse in Eintracht und Liebe miteinander leben sollen, lebendig und mit siegender Macht in die Erscheinung. Das offizielle Christentum, die Kirche, hat, obwohl ste zur Herrschaft im Staate ge⸗ langte, diese Idee nicht durchgeführt, sie hat ihr vielmehr entgegen gehandelt. Im Namen derselben Religion, welche die Menschen auf dem weiten Erdenrunde zu gegenseitiger Liebe verpflichtet, sind ungezählte„Ketzer“— Menschen, die, geleitet vom rechten Geist, sich gegen die theologische Knechtung der Vernunft erhoben— hingemordet, sind fürchterliche Kriege geführt, ganze Völker ausgerottet worden. Kirchliche Macht versuchte den lebendigen Geist zu ver⸗ nichten. Vergeblich. Der Geist und mit ihm der Fortschritt ist Sieger geblieben. Und allzeit fand er seine Bekenner, die für ihn, dem blinden Vorurteil, der Unwissenheit und rohen Gewalt gegenüber, in den opferschweren Kampf zogen, bis er sich durchsetzte. Ueber die vom„heiligen eist“ begeisterten Apostel spottete die herbeigeeilte geistig blinde Menge:„Sie sind des süßen Weines voll“. So haben die geistig Blinden, die Superklugen und die fanatischen Verteidiger der bestehenden Ordnung auch in der Folgezeit stets die Ver⸗ künder neuer Ideen verspottet. Wer seinen festen Glauben an den Fortschritt bekundete und die Erkenntnis offenbarte, daß die Mensch⸗ heit zu höheren und gerechteren Zuständen sich entwickeln müsse, den haben jene Elemente stets als„Utopist“ verlästert oder gar als„Ver⸗ brecher“ verfolgt. Aber noch niemals ist Einer als ein falscher Prophet befunden worden, der solche„Utopie“ verkündete und für sie stritt und litt. Was der Geist des Menschentums, der nimmer rasteude, verheißt, das muß nach dem Gebote der entwicklungsgesetzlichen Not⸗ wendigkeit seine Erfüllung finden. Das lehrt uns die Geschichte. Und in der Gewißheit des Sieges des Menschheitsideals stellen wir uns in den Kampf, zu dem wir alle Unterdrückten aufrufen. Heute tobt dieser Kampf mehr als je; zahllos ist unserer Feinde Schar, gewaltig ist ihre Macht. And sie setzen diese auch gegen uns in Bewegung, wie die Riesenkämpfe der letzten Tage zeigen. Hundert⸗ nisse gebotenen Einschränkungen, Teil an de mtausende Arbeiter werden ihrer Existenzmittel beraubt!— Aber keinem Volke wird Freiheit und Wohlfahrt von oben herunter geschenkt, es muß sie sich erkämpfen. Sagt doch auch der große Goethe: „Nur Der verdient die Freiheit, wie das Leben, Der täglich sie erobern muß.“ Das gilt auch für uns, für die deutsche Nation. Auch hier haben wir eine nach Millionen zählende feste Gemeinschaft Gleich⸗ gesinnter, die Sozialdemokratie, die unentwegt und opferfreudig den Kampf führt gegen Alles, was dem wahren Kulturfortschritt widerstrebt, und für Alles, was das Leben erst lebenswert macht. Wider ungerechte Ge. walt und„Autorität“, wider den die Volkskraft verwüstenden Kapitalismus und Militarismus, wider Nationaldünkel, Völkerunterdrückung und Völkerhaß, wider Klassenherrschaft und pfäffi⸗ sches Regiment, richtet sie ihr unbezwinglichen Waffen mit stetig wachsender Zuversicht auf den endgültigen Sieg des wahrhaft heiligen Geistes, der sie erfüllt. Möge dieser Geist in Allen, Männern und Fr uen des Volkes, neue Stärkung finden, wenn wir, dem Druck und Leid des Alltagslebens uns entwindend, hinauseilen in die lichte Frühlings⸗ herrlichkeit, die neuen Lebens⸗Odem spendet. Diesem Geiste wollen wir dienen bis zum Tode mit befreiendem Wort und erlösender Tat! r Aus dem Reichstage. Die dritte Lesung des Etats begaun am Mittwoch. Man eilte sich, bis Samstag fertig zu werden, an welchem Tage man die Bude bis auf weiteres schließen wollte. Das gelang nun allerdings nicht; aber doch beherrschte die Ferlenstimmung die Reichsboten und sie brachten daher der Beratung nur wenig Interesse ent⸗ gegen. Trotzdem erzwang sich unser Genosse Bebel mit einer großzügigen Rede, in der er die herrschende Politik im Iunern und Aeußern einer vernichtenden Kritik unterzog, die allgemeine Aufmerksamkeit. Vorher hatte der Nationalliberale Bassermann der Drätenvorlage ein Loblied gesangen; sie soll nach seiner Ansicht der staatserhaltenden Mehrheit schnelle und schlechte Akkordarbeit er⸗ möglichen. Wie bei den Zollkämpfen wird man der bösen Opposition das Wort abschneiden, wenn ste die Mehrheit im„positiven Arbeiten“, d. h. im Bewilligen von neuen Steuern, Panzer⸗ schiffen, Kanonen und ähnlichen nützlichen Dingen durch zu vieles Reden stört. Der Junker Limburg⸗Stirum gab seinem Schmerze über die Diätenvorkage ohne Wahlrechtsver⸗ schlechterung und über die Erbschafts⸗ und Fahrkartensteuer Ausdruck. Genosse Bebel wandte sich hierauf zunächst gegen den Grafen Limburg, der wieder einmal dem Widerwillen der Rechten gegen Diäten Ausdruck gegeben habe. Die Herren von der rechten Seite, meinte er weiter, können ja am ersten ohne Diäten auskommen. Ich erinnere daran, daß Herr v. Kardorff seine Ver⸗ mögensverluste infolge parlamentarischer Tätig⸗ keit durch Teilnahme an in dustriellen Unternehmungen deckte, wie er selbst erklärt hat. Ich schätze diese Entschädigung auf etwa 20 bis 30000 Mk. jährlich. Davon läßt steh ——— 0 0 N 9 0 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 12 1 . f Nr. 22. — schließlich leben. Die Reichsfinanzreform hat eine wahre Irrfahrt durchmachen müssen, bis sie zu Stande kam. Die Kommisston riß die Vorlagen der Regierung nieder, dann aber fraß sie ihre eigenen Kinder auf. Vielleicht freut sich nur einer im Hause über diese Finanz⸗ reform, der Abg. Müller⸗Fulda, der schon vor Jahrzehnten das Wort vom„Verkehrsdusel“ prägte. Nun, diesen Verkehrsdusel hat man ja nun gründlich besteuert, ebenso das Bier, obwohl seine Besteuerung im direkten Widerspruch mit dem 8 6 des Flottengesetzes steht. Daß die Steuer auf die Konsumenten abgewälzt und der Zuschlag noch höher als die Steuer sein wird, steht für mich außer Frage. Die Ziga⸗ reltensteuer wird zahlreiche Existenzen ver⸗ nichten. Bei der Fahrkartensteuer trägt die dritte Klasse die Hauptlasten, d. h. der kleine Mittelstand und die höheren Schichten der Arbeiter. Und dann die Erschwerung des Postver⸗ kehrs! Im März hat der Reichstag Ver⸗ billigung der Telephongebühren auf dem Lande und Poctofreiheit der Soldatenpakete beschlossen und im Mai beschließt er die Erhöhung der Ortstaxe! So widerspruchsvoll ist noch kein Parlament verfahren. Und diese„Reform“ preist der nationalliberale Herr Büsing als „nationale“ Tat! Die Rechte eröffnet uns die Aussicht auf neue Steuern. Die erste neue direkte Reichs⸗ steuer, die uns erwartet, wird die Wehrsteuer sein. Krüppel sollen helfen, den Reichssäckel zu füllen.— Südwestafrika, diese Un⸗ glückslolonie, verschluckt immer größere Summen. Jetzt, nach Morengas Gefangennahme, kommt die Regierung schon wieder mit neuen Forde⸗ rungen und in der„Zukunft“ spricht ein vor⸗ züglicher Kenner des Landes von der drohenden Möglichkeit eines Owambokrieges, gegen den der Hererokrieg ein reines Kinderspiel sein würde. Im Gegensatz zur deutschen Politik ist die eng lische Politik in den letzten Jahren geradezu mustergiltig vorgegangen. Das englische Parla⸗ ment hat eine Resolution auf Vermeidung weiterer Flottenrüstungen angenommen. Ich lege dieser Resolution keine allzugroße Bedeutung bei, aber immerhin hebt sie sich günstig ab von dem Verhalten unserer Flottenpresse. Winstone und Churchill sprachen beim Empfang der deut⸗ schen Bürgermeister von Hetzer n hüben und drüben. Er hat Recht. Diese sind es, welche die Beziehungen der Nationen vergiften. Im Weiteren begrüßte es Bebel, daß dem Frieden durch die Wahlen in England und Frankreich, wo die Sozialisten und Demokraten siegten, eine sichere Bürgschaft gegeber sei. Dieser Frieden kann durch gewisse Kundgebungen nur gestört werden. Wenn der Staatssekretär über das Goluchowsky⸗Telegra mm sehr leicht hinweg ging, so war das wohl das Klügste, was er tun konnte. In Oesterreich aber hat das Telegramm arg verschnupft. Auf die innere Politik übergehend, bezeichnete Bebel Preußen als den Hort der Reaktion. Diesen Ruf genieße es in der ganzen Welt. Wie weit wir in Preußen gekommen sind, beweist die abgehauene Hand des un⸗ schuldigen Biewald und der Umstand, daß man den Täter noch nicht ausfindig gemacht hat. Was der Bundschuh im Bauernkriege war, wird die abgehauene Hand des Biewald bei den deutschen Arbeitern sein. In Ha m⸗ burg sehen wir jetzt, wie der Senat zu Gunsten der Streikbrecher die gesetzlichen Be⸗ stimmungen über das Freihafengebiet verletzt. Die Metallindustriellen beabfichtigen, zu Pfingsten 300000 Arbeiter auszusperren. Es sind die⸗ selben Leute, die sich den obligatorischen Ar⸗ beiterausschüssen mit aller Gewalt widersetzen. Es sind dieselben Leute, in deren Auftrag Dr. Beumer versucht hat, den Minister v. Budde zu bewegen, den 9 stündigen Arbeitstag im Eisenbahnbetriebe wieder rückgängig zu machen. Bei unserer Interpellation über die Massen⸗ ausweisungen hat die Regierung eine gründliche Niederlage erlitten. Das ist ja nichts Neues. Ich erinnere an die eklatante Niederlage bei dem Königsberger Prozeß. 1904 erklärte Fürst Bülow, daß nur„lästige“ Aus⸗ länder ausgewiesen werden sollten. Jetzt aber weist man sogar 14 jährige Mädchen aus. Wenn man bon den vielen Juden spricht, die sich unter den Ausgewiesenen befinden, so er⸗ innere ich daran, daß eben erst die Posener Landwirtschaftskammer 160 jüdische Arbeiter in Rußland angeworben hat. Zur Ausbeutung wollen sie auch die russischen Juden haben. Eine höchst traurige Rolle haben bei der Ausweisungsaffäre wieder die Universitäten gespielt. Allerdings soll ja der Befehl von der höchsten Stelle ge⸗ kommen sein. Männerstolz vor Fürstenthronen ist eben in Preußen nicht zu finden, am weniasteu bei Ministern. Bebel geht im Weiteren noch⸗ mals auf den Polizeifkandal Schöne⸗ Brockhusen ein. Von dem falschen Paß, von dem fremden Namen weiß der Minister nichts, auch davon nicht, daß der Kaufmann als Christ, und nicht was er war, als Jude bezeichnet wurde. Redner legt ausführlich die Rolle dar, die der Herr von Brockhusen in den Verhandlungen des Polizeihauptmann Schöne mit dem Kaufmann gespielt. Den falschen Paß“) und die Bescheinigung hatte die Polizei vorher in schönste Ordnung gebracht, auch alles vorher bezahlt. Angesichts aller dieser Tatsachen wagt noch der Minister des Innern zu behaupten, Herr v. Brockhusen habe mit der Polizei in keiner Verbindung gestanden. Wenn ein armer Teufel Urkunden fälscht, donnert der Staats⸗ anwalt entrüstet auf Zuchthaus oder Gefängnis. Begeht aber ein Vertreter des Polizeiprästdenten ein solches Verbrechen, so wird darüber der Mantel christlicher Liebe gebreitet. Diese Herren, die sich als Erhalter von Ord⸗ nung, Sitte und Religion hinstellen, sind zum überwiegenden Teil i Sumpen und Schufte. Tausch ist noch heute im Dienst der politischen Polizei tätig und arbeitet auch für das Aus⸗ wärtige Amt. Was soll mit den Herren ge⸗ schehen, die Pässe gefälscht und falsche Zeugnisse ausgestellt haben? Die Ehre Preußens und die Ehre Deutschlands stehen hier auf dem Spiele und die Aufgabe gerade der Herren von der Rechten sollte es sein, dafür zu sorgen, daß diese Ehre repariert wird!— Dit von unserm Geuossen mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede Bebels suchte der Ordnungsmensch und Freund des Kolonialhelden Peters, Arendt, da⸗ durch zu unterbrechen, dag er Töne nachahmte, wie man sie in den Raubtierhäusern der zoologi⸗ schen Gärten vor der Fütterung hört. Bebel wies ihn wegen dieser Unanständigkeit scharf zurecht. Graf Posadowsky übernahm die Undank⸗ bare und für einen aufrichtigen Mann peinliche Aufgabe, die Regierung mit haltlosen Schein⸗ gründen herausreden zu müssen. Er versteifte sich darauf, daß diese Angelegenheit nicht Reichs⸗ sondern Landessache sei. Bebel trat dem mit Eutschiedenheit entgegen.— Mit dieser ganzen Affaire hat sich die Reichsregierung auf das Schmählichste vor der ganzen Welt blamiert und sie macht sich mit ihren Ausreden zum Mitschuldigen der Lockspitzelschande! Am Freitag wurde die Beratung des Etats fortgesetzt und Genosse Bernstein, der Ver⸗ treter Breslaus, brachte die Polizeiuntaten in Breslau zur Sprache. Er rechnete gehörig mit dem schlesischen Kosakentum ab und schilderte ein⸗ gehend das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Arbeiter, und kritisterte scharf die Breslauer und schlesischen Polizeimanieren. Nachdem er die Ursachen der Menschenansammlung in den Straßens Breslaus am 19. April dargelegt hatte, fuhr er fort: „Die Polizei hat mit einer Brutalität. mit einer Berserkerwut, die an Wahnsinn grenzt, auf die Arbeiter eingeschlagen, auf fliehende Massen, und ste bis in die Häuser hineingedrängt. Nicht in der Hauptstraße und vor der Fabrik, fanden die größten Brutalitäten statt, sondern in den Nebenstraßen. Selbst konser⸗ vative Blätter, wie die„Schlesische Morgen⸗Zeitung“, ) Im Vorwärts wurde das FJakfimili des gefälschten Passes veröffentlicht; der Regierung überreichte Bebel ebenfalls Photographien davon. Hoffentlich macht man hier den Täter eher ausfindig, wie den Breslauer Schutz⸗ mann, der dem Arbeiter Biewald die Hand abgehauen hat. erklärten das Verhalten der Polizei für unentschuldbal⸗ und ihr Vorgehen für außerordentlich rigoros.* Aufregung ist durch die Maßregeln der Pol iel künstlich in die Arbeiterschaft hineingetragen worden. Wie wahnsinnig schlug die Polizei in die Masser. nicht nur mit den Säbeln. Auch Schüsse find gefallen. In das Haus Schweitzerstraße 12 hat ein Polizeioffsic hineingeschossen. Hier ist eine Kugel, die ich niederlige, und die dort gefunden worden ist. Lachen Sie nicht! Die Sache ist ernst genug, die Kugel hätte einen Men⸗ schen töten können. Ich war wenige Tage darauf in Breslau, und habe an den Haustüren gesehen, mt welcher Wut die Polizisten drauflosgeschlagen haben, bis zolltief in das Holz hinein. Und daribe lachen Sie! Und nun die beiden Fälle der Arbeiter Biewald und Baum. Biewald, ein friedferliga junger Mann, der den Tag über gearbeitet halt, und den man über den Kopf bereits geschlagen, bat, ihn doch in Frieden zu lassen, aber man schlug ih n die Hand ab. Ein anderer Arbeiter, ein„Arbeiti⸗ williger“ und das ist charakteristisch, namens Baum, ist von den Polizisten so mißhandelt worden, daß er bold darauf sein en Wunden erlag.“ Bernstein bespicht hierauf die erfolgten Versammlungsverbote und dan Dank⸗Erlaß des Polizeipräsidenten an die Schutzleute, der letzteren dankt, obwohl ihm die Vorfälle bekannt sein mußten und erklärt dazu:„Kein Wort des Be⸗ dauerns hat der Pollzeipräsident, sondern nur ob! Wenn ein Beamter— ich will seinen Namen hier fes⸗ stellen: Dr. Bienko heißt er— in einem solchen Momente eine solche Erklärung abgeben kann, so handckt er nicht wie ein Mann mit seinem Pflichtbewuß teen, so handelt er wie ein Bandit!“(Stürmischer a- fall bei den Soz., große Unruhe rechts.) Hier rief der Präsident den Redner zur Ordnung. Und ich rufe den Dr. Bien o zur Ordnung! rief Bernstein. Wenn erz Beamter eine solche Handlung begeht, so nus ich ihn mit den entsprechenden Worten kenn ⸗ zeichnen. Für die Excedenten selbst könnte nan mildernde Umstände anführen. Für diejenigen aber, die an der verantwortlichen Stelle stehen, und in voller Ueberlegung solche Polizeiextesse gutheißen, nicht. Auf ihr Haupt die Venat⸗ wortung! Der Polizeiprästdent ist schuld an den Excessen. Die Schutzleute sind von ihren Vorgesetzten systematisch verhetzt worden (Stürmisches Sehr richtig! bei den Soz.⸗Din Bernstein kritisterte weiter mit ebenso schar als treffenden Worten die Polizel⸗Maßnahne gegen unser Breslauer Parteiblatt, dessen zu i Redakteure ganz unbegründeterweise verhütet wurden. N Graf Posadowsky antwortete, daß er über die Sache nicht Rede stehen könne, die Polizei sei Angelegenbeit der Einzel stagten. Bernstein ließ aber diese Ausreden nicht gelten, diese Dinge berührten die Sozialpolitik des Reiches und hier sei das Koalitionsrecht durch die Polizei verletzt worden. 5 Der Preußenjunker v. Oldenburg ge⸗ reitete dem Hause eine heitere Stunde. Er schlng den Kosakenton an und schimpfte auf die süddeutschen Bundesstaaten wegen der kon diesen zum Schmerze der Junker eingeführter Wahlreformen. Diese Junkerfrechheiten wies der bayrische Bevollmächtigte v. Lerchenfelt kurz und treffend zurück. Der Reichstag zeigt Rückgrat! Die Samstagssitzung brachte grote Ueber raschungen. Der geduldige und bewilligungs eifrige Reichstag wurde auf einmal bockhein, und schien sich in ein Parlament verwandel zu haben, das sich seiner Verantwortung gege: über dem Volke klar bewußt ist, das sess Willen nicht bloß auszusprechen, sondern aug durchzusetzen versteht. Urplötzlich sah sich di erstaunte Regierung einem„Block der Linlen gegenüber, der vom Zentrum über die Fre sinnigen zu den Sozialdemokraten reichte, un der in drei kurzen erbitterten Gefechten r bedeutende Siege errang: die verlaugte Zehr millionenentschädiguna für Süduef afrika ist uicht bewilligt, nicht bewilligt, i die Wüstenbahn von Kubub nach ee mannskoop, das selbständige Kolonialem mit dem Erbprinzen v. Hohenlohe an Spitze ist gefallen! In der Hauptsache diese wichtige Entscheidung auf die furchtha. Kolontal⸗Mißwirtschaft zurückzuführen, die selb die Abgeordneten des Zentrums und des gre sinns vor ihren Wählern nicht mehr in ihre ganzen Umfange verantworten wollen. Dar Nr. 22. —— ́̃7— Dv ² ²m———— Mitteldentsche Sounags⸗Zeitung. f Seite 3. war ste aber auch eine Antwort auf den selbst⸗ herrlichen Kommandoton, den der Oberst Deim⸗ ling dem Reichstage gegenüber anzuschlagen für gut fand. Deimlings rücksichtsloses Drauf⸗ ängertum, sein Bekenntnis zum absoluten Zarismus schuf eine rollkommen klare Sach⸗ lage und schnitt den schwankenden Gestalten der Mitte dadurch den Rückzug ins Negierungs⸗ lager vollständig ab. Am Montag wurde die Sache wieder ein bischen eingerenkt. Durch die Abstimmung am Samstag war nicht nur das Kolonialamt, sondern auch das Gehalt des Kolonial⸗ direktors abgelehnt. Gröber vom Zentrum suchte deshalb zu vermitteln und beantragte, den vorherigen Zustand wieder Verzustellen. Das gelang schließlich auch. Unsere Partei⸗ nossen stimmten natürlich gegen alle Kolonial⸗ orderungen. Hierauf wurde der Reichstag bis zum 13. November vertagt. Politische Aundschau. Gießen, den 31. Mai 1906. Ar. 22. mnentschuldh mz. 9 der Polit dagen worde in die Mast fd gesallg, . Jultzeio fee c niederlgg ha Sie 10 itt einen Mun. E darauf h gesehen, n slugen habe „ nd daribn le r Abeln an friedfertig tbeltet hat, gachlagen, bit, in schlug ihm en„Atbeitz, men Baum, ist u, daß er bold enfin bespicht bote und den 1 aa een nicht für den orfalle bekann! Hurt dez Be. In Saarabien gehen die Industrickapitalisten wan nur dub auch gegen die frommen christlichen Gewerk⸗ uu hler fe schaftler vor und die Burbacher Hütte hat „ deen bob einige hundert Arbeiter, von denen viele mehr . baldel als 20 Jahre für sie gearbeitet haben wegen g f ihrer Zugehörigkeit zur christlichen Gewerkschaft 0 wuschen dei schlankweg aufs Pflaster geworfen. Gegenwärtig a spielt der Handelskammersyndikus Alexander F. Blenke Tille die Rolle des Hauptscharsmachers. Dieser Venn Menschenfreundschrieb kürzlich in der„Südwest⸗ . 1, ü 110 eutschen Wirtschaftskorrespondenz“ folgendes: 1 n l 17„Es ist ja ein ganz netter philosophischer Sport, 11 12 aus zuklügeln, welche„Rechte“ jeder Mensch hat. 5 97 110 Aber wenn eins stcher ist, so ist es das, daß 15 1 55 keine menschliche Gesellschaft jemals bestehen 7 st könnte, wenn jeder diese Rechte auch nur zur e 50 1920 Hälfte ausüben wollte. Vielleicht lernen auch l die 10 u die Herren Wernerus und Zühlke(ersterer Ge⸗ it schu 115 werkschaftssekretär, letzterer Hauptredakteur der d bon 15„ Saarbr. Ztg.“) noch einmal, daß das ganze men u Heschwäz von Menscheurechten in die 0 Jumpelkammer hinein gehört und daß cheuso. praktische Leben von der Wechselwirkung, ia Mahn 1 n wirtschaftlichen und sozialen Kräften ge⸗ 1 deser in Eldet wird. Es ist nicht die Schuld des indu. wle verhifk“ sttiellen Unternehmertums, daß die Kräfte des ier Ee und des beherrschenden Willens volte, 5st noch immer die Tendenz haben, die Lebens⸗ hn ee 5 geschicke der Träger der Muskelkraft im wesent⸗ 5 bang u. Uchen zu bestimmen.“ den nagt 1 5 Das ist die Weltanschauung der beute⸗ opalholtti 1 gierigen Plusmacher⸗ und Aus beutersippe, die sonzrecht zuch ihr Wortführer hier zum Besten gibt.„Wir be⸗ Ind die Herren und ihr seid die Knechte.“ Der denburg 6 Arbeiter ist dazu geboren für die Herren zu . Sulde 5 arbeiten, deren Willkür er sich in jeder Beziehung 9 stinpst bon zu fügen gat. Sogar die Ehristlichen, die poch en der* nauf dem Standpunkte der„Harmonie“ stehen, 11 kagfihee die den Klassengegensatz leugnen, werden wegen feghetken, uel ubrer Verbandszugehörigkeit aufs Pflaster ge⸗ 6 gerchenfel worfen! Hoffentlich werden sie dadurch zur Erkenntnis gebracht und sehen ein, daß ste mit nich rat! ihrer christlichen Verbandsspielerei nicht weiter gohe leber kommen, sondern daß die gesamte Arbeiterklasse 0 Feulgunge ich zusammenschließen muß, um der Willküt⸗ 0 0 bocbelnund Gewaltpolitik des Ausbeutertums entgegen⸗ una rwaldelzutreten.— So muß auch das brutale Auf⸗ nent ung gegelkteten der Tille und Konsorten unserer Sache ne ch, itzen, die Arbeitssklaven Saarabiens werden t dern guhendlich aus ihrem ewigen Schlafe gerüttelt und 4 00 0 Wen berichtet wird, soll die Gährung unter ihnen 0 ber Aken eine gewaltige sein. lc pie Fre. Kennzeichnend für den„sozialen Geist“ des he, tt, unsaarabischen Unternehmertums ist auch die Tat⸗ le schten dasuche, daß die großindustriellen Verbände Süd⸗ 60 te gehlwestdeutschlands, unter Führung des famosen dale idwes Dr, Tille, ein Rundschresben an die Mitglieder 11 kewillg, der Verbände gerichtet haben, in dem diese auf⸗ 104 ch gel gefordert werden, ihre Druckaufträge in erster b a alen Line den tariffreten Druckereien zusu, ebe anden, um diese in ihrem schweren Kampre egen die„Tarifknechtschaft“ zu unterstützen. Also Kampf gegen die Buchdrucker⸗Tarifge⸗ meinschaft, die sogar Regierungen durch Bevor⸗ zugung unterstützen, weil das im Interesse der Allgemeinheit liegt! So sieht die„Arbeiter⸗ freundlichkeit“ eines Teiles des deutschen Unter⸗ nehmertums mit dem vielgerühmten„sozialen Geiste“ aus! Und so wird noch ein anderer großer Teil denken, sagts nur nicht öffentlich! Ein vernünftiger⸗Polizei⸗Erlaß. Der Polizeipräsident von Frankfurt a. M. hat einen Erlaß an die einzelnen Polizeivorstände gerichtet, in dem es u. a. heißt:„Ich werde fortan die Dienststellenvorsteher persönlich mit für jede vorkommende gesetzlich unge⸗ rechtfertigte Sistierung oder Festnahme verantwortlich machen und jeden Polizei⸗ beamten mit Arrest bestrafen, der sich durch eine ungerechtfertigte Festnahme oder Sistierung einen Uebergriff zu Schulden kommen läßt. Außerdem werde ich fortan auf das schärfste gegen jeden Uebergriff in der Behandlung der Festgenommenen, ins⸗ besondere auch auf den Polizeiwachen, un nach⸗ sichtlich einschretten.“ Man muß aner⸗ kennen, daß dieser Erlaß sich vorteilhaft von dem unterscheidet, was man sonst von der preußischen Polizei gewohnt ist. Vielleicht ließen die Breslauer Brutalitäten dem Frankfurter Polizeipräsidenten diesen Erlaß angebracht erscheinen. Er wäre allen, auch den hessischen Poltzeiobersten zur Nachahmung zu empfehlen. Dreschgraf Pückler wird Republikaner. Obwohl der Graf Pückler gegenwärtig seine Festungsstrafe in Weichselmünde abzubrummen hat, kann er es sich doch leisten, in Berlin wieder öffentliche Schaustellungen zu geben. Das Eintrittsgeld dazu ist um 50 Prozent erhöht und kostet jetzt 30 Pfg. Ueber eine solche Vorstellung wird berichtet, daß Pückler erklärte, er sei aus seiner Festungshaft in Weichselmünde nur beurlaubt und müsse wieder auf die„alte Saubude“ zurück. Sein Gnaden⸗ gesuch an den Kaiser auf Erlaß des Restes seiner Strafe sei abschlägig beschieden worden. Das sei(hier folgte eine Wendung, die wir mit Rücksicht auf den Majestätsbeleidigungs⸗ paragraphen unterdrücken), zumal seine, Pücklers, Famllie den Hohenzollern wertvolle Dienste geleistet habe. In seinem Vortrag über das Thema„Die in Fäulnis geratene Gesellschaft“ bezeichnete sich Pückler dann als„revolutio⸗ nären Sozialisten, der das deutsche Volk zum Kampfe führen wolle gegen die Fürsten“.„Wenn die Hohenzollern(auch der Schluß dieses Satzes kann nicht wieder⸗ gegeben werden),„dann werden wir in Zukunft ihnen fremd und feindselig gegenüberstehen.“ Vor allem müsse die Zivilliste des Kaisers um zehn Millionen gekürzt werden. Als Graf Pückler bei dieser Gelegenheit einen heftigen Ausfall gegen den Kaiser machte, griff der überwachende Polizeihauptmann zu seinem Helm, um die Versammlung aufzulösen. Der Vor⸗ sitzende verhinderte dies dadurch, daß er die Versammlung auf zehn Minuten vertagte. Dieser Vorsitzende, ein junger Mensch, mußte sich übrigens von Pückler eine recht sonderbare Behandlung gefallen lassen. Als er während des Vortrages um„Ruhe für den Grafen ersuchte, fuhr ihn der gräfliche Redner an: „Ach, halten Sie den Schnabel!“ Die Harmonte wurde aber dadurch nicht weiter gestört.. Die Wandlung Pücklers zum Gegner der Hohenzollern und der Mouarchie braucht uns nicht weiter zu interessieren, man wird möglicher⸗ weise in dieser Beziehung noch manches erleben. Aber wir fragen: würde ein sozialdemokratischer Redakteur, der eine Strafe abbüßt, beurlaubt werden, daß er Versammlungen abhalten könnte 21 Parlamentswahlen in Belgien und in Dänemark haben vergangene Woche stattgefunden. In Belgien, wo ein für die Arbeiter und weniger bemittelte Bevölkerung nachteiliges Plural (Mehrstimmen⸗) Wahlrecht besteht, wurde am Sonntag gewählt. Es war die Hälfte der Kammer zu erneuern; man glaubte, daß diese Wahlen die klerikale Mehrheit und Regierung beseitigen würden. Das ist leider nicht gelungen, obwohl die Opposition— Liberale und Sozia⸗ listen— einige Mandate gewannen. Die Kle⸗ rikalen behalten immer noch eine Mehrheit von 12 Stimmen und bleiben infolgedessen am Ruder. Unsere Parteigenossen verfügen über 31 Sitze. Die Wahlen zum Dänischen Folkething waren am Dienstag. Das Resultat liegt bis zur Stunde, wo wir dies schreiben, noch nicht vollständig vor, doch gewannen unsere Partei⸗ genossen bisher fünf Sitze. Gestürzte Ministerien. In Oesterreich hat das erst seit ein paar Wochen im Amte befindliche Ministerium Hohenlohe bereits wieder demisstoniert. Ein Freiherr v. Beck übernahm die Bildung eines„parlamentarischen“ Kabinetts.— In Italten stürzte das Ministerium Son nino, und Giolitti kam wiederum ans Ruder. Kleine politische Nachrichten. Ein bedeutender sozialistischer Wahlsieg wird aus Seraing, einem großen Industrieorte bei Lüttich in Belgien, gemeldet. Bei den Gemeindewahlen, die dort am 20. Mai stattfanden, siegten fämtliche sozialistischen Kandidaten im ersten Wahlgange und zwar mit großen Majoritäten. Es sind insgesamt 9 Sozialisten gewählt, so daß der Gemeinderat von Seraing in Zu⸗ kunft neben 11 Klerikalen und 6 Liberalen 10 Sozlialisten zählen wird. Neun Jahre Zuchthaus! Diese ungeheuerliche Strafe verhängte das Kriegsgericht in Dresden über den Arbeitssoldaten Kunath wegen dreimaliger Maje⸗ stätsbele digung, Fahnenflucht und Diebstahls im Rückfalle. Sächsisches. In Leipzig kam der Arbeitsbursche Thomas vor das Schöffengericht, weil er— einen roten Schlips getragen hatte! Angeklagt war der Sünder wegen Uebertretung einer Verordnung von 1849 betreffend das Tragen republikanischer Abzeichen. Das Gericht sprach ihn frei. So geschehen im Mai 1906 — nicht etwa in der Fastnachtszeit. Revolution in Rußland. Als Antwort der Regierung auf die Adresse der Duma verlas der Mi⸗ nisterpräsident am Montag eine längere Er⸗ klärung im Parlament. Zu Beginn dieser Erklärung heißt es, daß die Regierung bereit sei, zur Lösung der von der Duma angeregten Fragen mitzuwirken. Auf die einzelnen Fragen wird dann, jedoch in zweideutig hinterhältiger Weise und in allgemeinen Redensarten einge⸗ gangen.— Die Duma nahm sofort die Debatte der Erklärung auf, die alle Redner verurteilten. Es wurde eine Resolutton beschlossen, die die Entlassung des Ministeriums fordert. Gegen die Zarenschergen. In Se⸗ wastopol wurde am Sonntag nach einer Truppenschau ein Bombenangriff gegen den Festungskommandanten General Nepliu⸗ jew gerichtet. Leider wurden 6 Personen aus dem Publikum getötet, von den Militärs soll keiner verletzt sein.— Am Montag wurde der Polizeikommissar Kowalski in Warschau auf offener Straße erschossen. Pon Nah und Fern. Hessisches. — Die Zweite Kammer tritt am Donnerstag, den 7. Juni, wieder zusammen. Die Tagung wird sich voraussichtlich über eine Woche erstrecken. Auf der Tagesordnung steht u. a.: ein Antrag des Abg. Frenay betr. die obligatorische Kranken versicherung der Dienstboten; ferner die berufsstand⸗ liche Vertretung der Lohnarbeiter⸗ schaft(Arbeiterkammern), Anträge von Ulrich und Frenay; weiter Vergütung an Ge ⸗ schworenene und Schöffen; Antrag des Abg. Ulrich betr. Entschädigung für un ⸗ schuldig erlittene Straf- und Untersuchungshaft; ferner kommen die Vorstellungen einer ganzen Anzahl Beamten⸗Gruppen wegen Regelung ihrer Gehaltsverhältnisse zur Verhandlung. — Zur Landtagsersatzwahl für den verstorbenen Abgeordneten Möl linger, die am Freitag stattfand, waren 36 Wahl⸗ — 1 n Seite 4. Mittelbeuische Sountags⸗Zeitung. männer von 42 erschienen, 4 waren verstorben, 2 krank. Gewählt wurde der Bürgermeister Finger von Pfeddersheim mit 19 Stimmen, 15 erhielt Mahler⸗Hernsheim. Bürgermeister haben im hessischen Landtage auch wirklich noch ein paar gefehlt! Das Schönste ist dabei noch, daß der gewählte Finger Bauernbündler ist, es waren aber nationalliberale Wahl⸗ männer, die ihn gewählt haben! Das zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, wie weit es die Nationalltberalen in der Gesinnungslumperei schon gebracht haben. Eine ganze Anzahl nationalliberaler Abgeordneter des Landtags stehen schon längst unter der Botmäßigkeit der Bündler. — Ein ordnungsparteilicher Schmutzfinke. Unser Offenbacher Parteiblatt schrieb in seiner Montagsnummer folgendes: „Vor einigen Tagen brachten Darmstädter Blätter Notizen des Inhalts: Reichstagsabge⸗ ordneter Berthold sei am Montag voriger Woche morgens finnlos betrunken in eine Wirt⸗ schaft gekommen, dort bald unter den Tisch gesunken und dort liegen geblieben.„Einige der Gäste bauten um den am Boden Liegenden hohe Stuhlpyramiden auf, andere pumpten ihm, wohl um ihn wieder auf die Beine zu bringen — mittels einer Radfahrerluftpumpe die Hosen voll Luft und wieder andere bemühten sich in verschiedenster Form um ihn. Diese Bemühungen stießen bei dem letzteren jedoch auf nur geringe Sympathie, er widersetzte sich und alsbald— es war inzwischen 8 Uhr morgens geworden— entwickelte sich eine regelrechte Rauferei, an deren Schluß der„fremde Gast“ von kräftigen Fäusten zum Gaudium der Straßenpassanten unsanft auf die Straße befördert wurde, wo er sich alsbald mühsam erhob und schwankend den Schauplatz verließ.“ Bertholds Name wurde nicht genannt, aber das ist gerade das Zeichen der Feigheit und Perfidie, jedermann mußte auf ihn raten. Inzwischen hat diese Presse eine Berichtigung bringen müssen, wo⸗ nach die ganze Notiz erstunken und erlogen ist. So heißt es in der Berichtigung des Täg⸗ lichen Anzeigers:„Herr Berthold kam am letzten Sonntag früh von Berlin, wo er seinen Pflichten als Abgeordneter nachkam, hier an, verbrachte den Sonntag im Kreise seiner Familie, hat in der Nacht von Sonntag auf Montag seine Behausung nicht verlassen und ist am Montag früh bereits 7 Uhr 19 Minuten, also zu einer Zeit, zu welcher sich die Geschehnisse in der Wirtschaft„Zum Spohrertor“ zugetragen haben sollen, wieder nach Berlin zu den Reichstags⸗ verhandlungen abgereist“. Als Urheber der gemeinen und verleumderischen Notiz wurde dem Genossen Fulda der Journalist Hannemann, Vertreter der Wormser Zeitung in Darmstadt, also Soldknappe des Freiherrn v. Heyl, genannt. Es ist das dieselbe trübe Quelle, die den Sozial⸗ demokraten während des Wahlkampfes die Ver⸗ breitung gefälschter Stimmzettel, auf Theobald Stein lautend, imputierte, ohne bis jetzt den Beweis dafür erbracht zu haben. Die am Samstag in Darmstabdt abgehaltene Partei⸗ versammlung beschäftigte sick eingehend mit den niederträchtigen Machinationen und wurde die während des Wahlkampfes tätige Redaktions⸗ kommission beauftragt, geeignete Schritte zur Abwehr zu unternehmen. Das ist die„vornehme“ Kampfesweise der Gegner! Diese gemeine Verleumdung ist von demselben Kaliber, wie die s. Zt. von dem Offenbacher Amtsblatt und dem Gießener An⸗ zeiger gegen den Stadtverordneten Genossen Schmidt vorgebrachte, dem man einen Feld⸗ diebstahl andichten wollte. Der Gießener An⸗ zeiger hat die Schmutzerei bis heute noch nicht widerrufen. — Noch ein Bündler in den Land⸗ tag. Bei der Ersatzwahl im Kreise Wörrstadt, die infolge der Ungültigkeitserklärung des Frei⸗ sinnigen Christ am Mittwoch stattgefunden hat, brachten die Bündler die Mehrheit der Wahl⸗ männer durch. Christ hat jetzt im Ganzen nur 15 Wahlmänner, während der Bündler Wolf über 17 verfügt. Letzterer wird also gewählt werden. Zwischen Beiden wird übri⸗ gens nicht viel Unterschied sein. Gießener Angelegenheiten. — Fröhliche Pfingsten wünschen wir allen unsern Lesern! Wir wissen wohl, daß dteser Wunsch für die große Mehrzahl ein „frommer“ bleiben muß, zwingen doch die heutigen Lebensmittelpreise den Arbeiter zu den größten Einschränkungen und es bleibt ihm für Festtags⸗Aufwendungen nichts übrig. Aber wir können uns auch ein billiges und doch schönes Vergnügen verschaffen, wenn wir das Waldfest der Turner und Sänger am zweiten Feiertag besuchen, für das vom Komitee Aufwendungen aller Art gemacht worden sind, um alle Teilnehmer zufrieden zu stellen. Wir verweisen auf das Inserat. — Aus der letzten Stadtverord⸗ netensitzung, die am Freitag stattfand, sei einiges Interessante notiert. Eine längere Debatte verursachte eine Eingabe der Anwohner an den Eichgärten, die um Anschluß an die städtische Wasserleitung ersuchen. Die Wasser⸗ deputation beantragte Ablehnung, weil die betr. Grundstücke außerhalb des Bebauungsplanes liegen. Nachdem sich mehrere Stadtverordnete für möglichstes Entgegenkommen ausgesprochen hatten, wird die Angelegenheit nochmals an die Deputation zurückverwiesen.— Nicht weniger als 43000 Mark werden für ein Kabel ver⸗ langt, zum Anschluß des Theaters an das Elektrizitätswerk. Dagegen sträubten sich mit Recht nicht bloß die Haare, sondern auch ver⸗ schiedene Stadtväter. Vom Oberbürgermeister wurde dargelegt, daß für das Theater ein Extrakabel nötig sei, weil beim Anschluß an das allgemeine Kabelnetz die Lichtstärke bei plötzlichen Ein⸗ und Ausschaltungen erheblich schwanken würde. Mehreren Rednern will das nicht einleuchten— doch wird nach längerer Debatte die obige Summe bewilligt.— Das Jugendfest verursachte auch eine längere Auseinandersetzung, die mit einem unerwarteten Resultat endete. Der Schulvorstand hatte sich gegen die Abhaltung eines solchen Festes in diesem Jahre ausgesprochen, weil andere größere Feste abgehalten würden. Fünf Redner sprachen sich teilweise mit merkwürdigen Gründen dagegen aus. Herr Jann sagte z. B., die Kinder seien 4 Wochen vorher und ebensolange nachher in Aufregung. Dazu schüttelten denn doch einige die Köpfe. Krumm meinte hier⸗ auf, er sei stets für das Jugendfest gewesen, es sei aber längst kein allgemeines Fest mehr, die besseren Kreise wollten mit dem gewöhnlichen Volke kein Fest feiern. Die sozialen Gegensätze treten immer mehr zu tage. Sollte aber kein Jugendfest zu stande kommen, dann werde er mit seinen Freunden den Kindern ein solches bereiten. Diese Ausführungen veranlaßten den Oberbürgermeister, sich für das Fest ins Zeug zu legen. Mit großem Pathos erklärte er, daß das Fest bisher ein allgemeines gewesen sei. „Lassen wir es uns nicht aus der Hand nehmen, sonst wird's das Fest einer politischen Partei!“ Und jetzt wurde das Fest fast einstimmig be⸗ schlossen; es stimmten sogar alle diejenigen da⸗ für, welche vorher dagegen gesprocheu hatten, aus Furcht vor der Sozialdemokratie! Krumm hatte erreicht, was er eigentlich wollte und die Kinder bekommen ihr Fest.— Eine Anzahl Arbeiter, die an den Fundamenttrungsarbeiten des Theater⸗Neubaues gearbeitet haben, ersuchen um Gewährung einer Entschädigung, weil diese Arbeit besonders schwer war, die leichtere Ar- beit am Oberbau aber ein anderer Unternehmer ausführt. Das Gesuch wird abgelehnt. Krumm bemerkte dazu ganz richtig, daß die Arbeiter sich für ihre Arbeit ordentlich bezahlen lassen nicht aber Geschenke annehmen sollten. — Die kapitalistische Gewaltpolitik, wie sie von den Unternehmerverbänden gegenüber den Arbeitern getrieben wird, findet auch in Gießen Nachahmer, wo bisher diese Praktikeu verabscheut wurden. Herr Schaff⸗ staedt hat auf diesen Samstag 38 Metallarbeiter gekündigt. Damit folgt der Freisinnsmann und Stadtvater dem Kommando der Berliner Scharfmacher; er wirft ohne jeden Grund mehr als die Hälfte seiner Arbeiter— die keinerlei Forderungen gestellt hatten— einfach aufs Pflaster. Und diese Arbeiter machten schon seit 9 Wochen täglich zwei Ueber⸗ stunden, damit die Firma ihre Aufträge erledigen konnte! Ist eine unerhörtere Handlungsweise denkbar? Die Arbeiter mögen daraus die nötige Lehre ziehen, auch wenn es jetzt nicht zur Aussperrung kommen sollte. Herr Gall tut Aehnliches. Er maßregelte mehrere Tabakarbeiter, die dem Verbande angehörten. Deren Kollegen erklärten sich aber mit ihnen solldarisch und legten die Arbeit nieder. Mit diesen Dingen beschäftigte sich eine am Donnerstag stattgefundene Ver⸗ sammlung, die das Vorgehen der genannten Unternehmer entschieden verurteilte. Die Versammlung beschloß fol⸗ gende Resolution: Da es zweifellos feststeht, daß die Tabak⸗ und Zigarrenfabriken G. Ph. Gail in Gießen und Daniel Haas in Heuchelheim,(Sitz der Firma in Dillenburg) Arbeiter und Arbeiterinnen wegen ihrer Zugehörigkeit zu ihrer Organisation entlassen haben, beschließt die heute am 31. Mai in Gießen tagende Gewerkschafts⸗ Versammlung, die Arbeiterschaft Deutschl ands zu ersuchen, solange die Fabrikate der beiden Firmen nicht zu konsumieren, bis die gemaßregelten Arbeiter und Arbeiterinnen wieder eingestellt werden. Alle Arbeiterzeitungen werden um Abdruck der Reso⸗ lution ersucht. — Die Ortskrankenkasse hält Sonn⸗ tag, den 10. Juni, vormittags 10 Uhr, ihre Generalversammlung im„Postkeller“ ab. Auf der Tagesordnung steht als erster Punkt Rechnungsablage; als zweiter ein Vortrag des Vorsitzenden der Frankfurter Ortskrankenkasse Eduard Gräf über die„Errichtung eines städtischen Krankenhauses. An dritter Stelle soll über die Generalversammlung der freien Vereinigung hesstscher Krankenkassen, die am Sonntag vor acht Tagen in Nauheim statt⸗ gefunden hat, berichtet werden. Die interessante und reichhaltige Tagesordnung wird hoffentlich bewirken, daß sich die Generalversammlungs⸗ vertreter recht zahlreich einfinden. o- Einen Turngang, der allen Teil⸗ nehmern wohl in steter Erinnerung bleiben wird, veranstalteten am eee die Vereine des dritten Bezirks vom Kreis 9 des Arbeiter- Turnerbundes. Ein herrlicher Matenmorgen, der wohl jeden Naturfreund in's Freie lockte, begünstigte diesen Ausflug und so konnte es denn nicht Wunder nehmen, daß die Brudervereine von Gießen, Staufenberg, Alten⸗ Buseck, Launsbach und Heuchelheim in sehr stattlicher Zahl in Lollar zusammentrafen. Von hier aus wurde bei klingendem Spiel und frohem Sang der Marsch nach Marburg angetreten, und wohl mancher Turngenosse, der nur mit Mühe davon abzuhalten war, den Weg mit dem Dampfroß zurückzulegen, dürfte zu der Ein⸗ sicht gekommen sein, daß es sich im Kreise frohbevegter, zu allerhand launigen Streichen aufgelegter Menschenkinder ganz gut per pedes reisen läßt, selbst wenn die Terrainverhältnisse nicht geringe Anforderungen an den Einzelnen stellen. Unweit des Dorfes Sichertshausen stieß die in heiterster Stimmung befindliche Karawaue auf die Marburger Turngenossen, welche uns nach Niederweimar begleiteten, allwo die erschlaffenden Lebensgeister wieder aufge⸗ frischt wurden. Von hier gings teils durch herrlichen Buchen, teils durch Fichtenwald nach der Dreiersquelle. Eine dort uns erwartende Mustkkapelle setzte sich mit dem Troumlerkorps an die Teéte und brachte den inzwischen auf über 200 Personen angewachsenen Zug über Ockershausen nach Marburg zum Restaurant Hildemann. Am Nachmittag fand ein Festzug durch Marburg statt, dem sich Konzert, Schau⸗ turnen und Tanz im Hildemann'schen Garten anschloß. Kein Wermuthstropfen fiel in den Becher reiner, ungetrübter Festesfreude und man hatte das Bewußtsein, einen herrlichen Tag verlebt und der Marburger Einwohner⸗ schaft ein imposantes Bild von der auch bei uns im Vormarsch begriffenen Arbeiterturnbe⸗ wegung geliefert zu haben. f Aus dem RAreise gießen. — Aus Ober⸗Ohmen. Herr Lehrer Schwanz beabsichtigt unsern Ort zu verlassen. Wir bedauern das sehr, denn Herr Schwarz war sowohl wegen seiner persönlichen Eigenschaften geschätzt und geachtet. Er be⸗ handelte das Kind des Arbeiters ebensogut, als das des Bestgestellten in der Gemeinde— waz ja eigentlich selbste verständlich ist, nicht aber immer zutrifft und deshalb anerkannt werden muß. Im Uebrigen kümmerte er sich nicht um die Dorfpolitik und die Vereinsgeschichten, wo⸗ — chen, bl. ehren ne Nez um o b ke ub anitl abi ötigteg —— et M hai, suchm ht u er u 0 t Med aW An 1 Sonn. „ ihtt ah, Punkt 9 dez nlasse tue dritter 9 det , die fu. essante kutlich sungs⸗ Teil⸗ leiben 0 die dez licher d in i so b die Ilten: sehr „Von —— rohem etel, r ulld K dem Ktleise ele lltnise zeluen Haufe adlige nossen, 10 aufgk⸗ dulch ö nac tende ohh 1 al übel rant tz 4 garten del ü und 1 fel. 10 linbe⸗ 1010 n 2 1b 4% fcb a Ein 0 rein b ——————— Nu. 22. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. —— e- eee. Seite 5. durch oft genug sich Lehrer in Gegen satz zu der minder bemittelten und arbeitenden Bevölkerung bringen. Seine üngeren Kollegen dürfen sich an ihm ein Beispiel nehmen. Wir Mitglieder des Arbeitervereins wünschen ihm Glück in seiner neuen Stellung. Aus dem Nreise Als feld-Cauterbach. k. In Alsfeld fand am Sonntag eine öffentliche, recht gut besuchte Holzarbeiterversammlung statt, in welcher Kollege Engelmann ⸗Worms ein mit Bei⸗ fall aufgenommenes Referat über den Nutzen der gewerk⸗ schaftlichen Organisation hielt. Er wies darauf hin, was durch die deutschen Gewerkschaften erreicht und noch mehr verhütet worden sei— denn ohne die Orga⸗ nisation würden die Verhältnisse noch viel mehr unter⸗ drückt und ausgebeutet werden, als dies heute schon überreichlich der Fall ist. Redner ging dann auf die Leistungen und Erfolge des Holzarbeiterverbandes näher ein und forderte die Alsfelder Kollegen zum Anschluß auf, soweit dies noch nicht der Fall sei.— Wann wird aber die Masse der Alsfelder Holzarbeiter mal zur Ein⸗ sicht kommen? Hier trifft man so erbärmliche Arbeits⸗ verhältnisse, wie sonst wohl nirgends. Der übliche Wochenlohn beträgt 12 Mk. und davon soll der Arbeiter bei den hohen Lebensmittelpreisen und Wohnungsmieten eine Familie menschenwürdig ernähren? Alsfelder Holz⸗ arbeiter! Schließt Euch darum dem Verbande an! Der vorige Woche abgehaltene Verbandstag in Köln hat auch die Einführung einer Krankenunterstützung beschlossen, was für viele Kollegen einen Vorteil bedeutet.— Was wir aber hier noch teilweise für Arbeiter haben, das haben wir neulich bei einem Arbeiterjubiläum in der Horndrechslerei Raab gesehen. Der treue und biedere „Jubilar“ sagte bei dieser Gelegenheit zu Herrn Raab: „Alle Arbeiter, die in dem Stadtpark verkehren und der Stadtpark selbst, müßte ausgerottet werden.“ Soll man einen solchen Menschen noch für zurechnungsfähig halten? (Anmerkung der Redaktion. Wie sich der Jubilar das „Ausrotten“ vorstellt, ob mit Gift oder Feuer und Schwert, wissen wir nicht. Was aber in der Regel das Schicksal solcher Jubiläums⸗Arbeiter ist, das lehren zahlreiche Beispiele. Ein neues dieser Art finden die L ser in der heutigen Beilage.) * Der verseuchte Gemeindebrunnen. Aus Schotten berichteten dieser Tage die Blätter:„Einen üblen Streich hat in Stornfels ein Mann den Bewoh⸗ nern dadurch gespielt, daß er sich in dem einzigen Brunnen ertränkte, woraus sämtliche Dorfbewohner während der Sommermonate ihr Wasser holen müssen. Die Wasserverhältnisse sind in dem auf hohem Bergkegel gelegenen Dörfchen an und für sich schon recht traurige. Jeder Bewohner hat in seiner Hofreite eine Grube, worin jedes Tröpfchen Regenwasser aufgefangen wird, das zum Tränken des Viehes dieut. Wasser zum Kochen aber mußte stets in jenem Brunnen geholt werden, der am Abhange des Berges liegt. Natürlich will nach dem traurigen Vorfalle niemand mehr dieses Brunnen⸗ wasser benützen, lieber schleppen die Bewohner aus dem am Fuße des Kegels gelegenen„Lindenborn“ das un⸗ entbehrliche Naß hinauf in ihre Wohnungen. Da aber auch das Wasser dieser Quelle im Sommer nicht benutzt werden kann, so ist man genötigt, mit hohen Kosten einen neuen Brunnen zu bauen.“— Was den Mann zu dem„üblen Streiche“ veranlaßt hat, wird nicht gesagt. Wir wissen es auch nicht; meinen aber, aus purer Schadenfreude und bloß um die Leute zu ärgern wird er sein Leben wohl nicht aufgeopfert haben. Es ist müßlg, sich darüber in Vermutungen zu ergehen; was uns aber mehr interessiert, sind die erbärmlichen Wasserverhältnisse, die nach obiger Schilderung in der Gemeinde bestehen. Das ist ja fast ebenso schlimm als in den afrikanischen Sandwüsten! Läge es nicht im allgemeinen Interesse und wäre es nicht Aufgabe des Staates hier helfend und bessernd einzugreifen? Aber freilich, dazu ist kein Geld da, aber Millionen, Milliarden Mark werden in Afrika und den übrigen unserer gesegneten Kolonien nutzlos und zwecklos ver⸗ pulvert! Es ist das auch ein kleines Beispiel für die Verrücktheit der herrschenden Politik. Aus dem Rreise Wetzlar. Ueber das Gemeindefinanzwesen kam es in der letzten Stadtverordnetensitzung zu einer prinzipiellen und gewiß auch weitere Kreise inter⸗ essierenden Auseinandersetzung. Es war die Frage, ob Fondswirtschaft oder Anleihewirtschaft, aufgeworfen wor⸗ den. Der Frage lag die Tatsache zu Grunde, daß die Stadt ein Gelände zur späteren Betriebserweiterung einer Gasanstalt zum Preise von 50000 Mk. erwirbt. Der Kauf ist ein bedingter. Die Stadt muß innerhalb 20 Jahren von ihrem Kaufrecht freiwillig Gebrauch machen, da sie schwerlich von dem Verkäufer nach Ver⸗ lauf der Kaufrechtsfrist dazu gezwungen wird, weil dann das Gelände einen viel höheren Wert hat. Stadtver⸗ ordneter Michaeli stellte die Frage: wie kommt die Stadt am billigsten zu den 50 000 Mark, die sie in 20 Jahren nötig hat. Er beautragte:„Es sollen all— jährlich aus dem Rohgewinn der Gasaupralt 2000 Mk. auf Zins und Ziuseszinsen(mit 3½ Prozeut) einem besonderen Fonds zügeführt werden, bis nach 18 Jahren der Betrag von 50 000 Mark erreicht ist“. Als Be- gründung führt der Antragsteller die Tatsache an, daß eine eventuelle Anleihe von gleicher Höhe mit 3,8 Prozent Zinsen und 1,5 Prozent Tilgung 34 Jahre lang 2650 Mark jährlich kostet. Beim Fonds 18 Jahre je 2000 Mark. Der Vorteil der Fondsbildung liegt auf der Hand. Sie belastet die umlagefähige Steuer⸗ einheit, welche in Wetzlar 146000 Mark beträgt, mit etwa 1/ Prozent nur 18 Jahre, während durch die Anleihe die Belastung 34 Jahre lang etwa 1,8 Prozent beträgt. Der Bürgermeister v. Zengen und Stadtver⸗ ordneter Kaiser sprachen sich dahin aus, daß man„den kommenden Geschlechtern“ die Beschaffung der 50 000 Mk. überlassen solle. Die Abstimmung über den Antrag wird später stattfinden und man darf gespannt sein, wie die Stadtverordneten entscheiden werden, tun doch die meisten immer so, als sei ihnen die ewige Pump⸗ wirtschaft ein Greuel.— Den„kommenden Geschlechtern“ wird es an Gemeindeschulden und Steuern sowieso nicht fehlen, zumal es Leute gibt, die im Lokalpatriotismus recht unzuverlässig sind, da sie sich bisweilen die Sache fern von Madrid, d. h. von Wiesbaden her, ansehen. Im Krofdorfer Gemeinderat herrschen seit einiger Zeit merkwürdige Gepflogenheiten. Beschlüsse über wichtige Angelegenheiten werden einfach dadurch herbei⸗ geführt, daß den Gemeinderatsmitgliedern die Anträge ꝛc. durch den Ortsdiener zur Unterschrift ins Haus geschickt werden. Das ist ja gewiß sehr bequem, doch wir halten es für notwendig, daß wichtige Beschlüsse, wie z. B. die Bewilligung des Beitrags zur Herstellung der Feld⸗ wege erst nach vorhergängiger gründlicher Beratung ge⸗ faßt werden. Warum protestieren unsere Genossen nicht dagegen? (Weiteres Wetzlar siehe Beilage.) Aus dem Rreise Marburg⸗-Ricchhain. „ Wahlverein. Die am Samstag stattgefundene Wahlvereins⸗Versammlung war leider nicht so stark besucht, wie sie in Anbetracht der wichtigen Tagesordnung hätte sein sollen. Parteisekretär Gen. Rudolf ⸗Frankfurt hielt zunächst eine sehr lehrreichen und interessanten Vortrag über: Internationalie mus in der Sozial⸗ demokratie. Der Vortrag, der von der Ver⸗ sammlung mit der größten Aufmerksamkeit an⸗ gehört wurde, fand lebhaften Beifall. Ein weiterer wichtiger Punkt der Tagesordunng war die Aufstellung eines Reichstagskan⸗ didaten für unseren Wahlkreis. Nach einer gründlichen Aussprache beschloß man einstimmig, den Gen. Dißmann⸗Frankfurt, als Reichs⸗ tagskandidaten aufzustellen. Nach erfolgter Aus⸗ gabe der neuen Parteimitgliedsbücher wurde noch beschlossen, daß die Beiträge für den Wahlverein von jetzt ab im Hause einkassiert werden. Als Opfer der Arbeit ist am Samstag vormittag der Genosse Konrad Eckhardt gefallen. Er kam auf gräßliche Weise ums Leben, indem er auf der Marburger Kreisbahn, wo er als Bahnarbeiter beschäf⸗ tigt war, zwischen einen fahrenden Zug und die Güter⸗ schuppenrampe geriet, wobei er vollständig zusammenge⸗ quetscht wurde. Nach wenigen Minuten war er eine Leiche. Eckhardt stand erst im 28. Lebensjahre und war eine Stütze seiner Eltern. Wir werden ihm ein gutes Andenken bewahren. „ Vom Millionen⸗ Konkurs Schramm. Am Montag fand vor dem Amtsgericht die Versteigerung der Schrammschen Häuser statt. Der in der Marktgasse gelegene neuerbaute Palast, welcher einen Wert von 400 000 Mk. repräsentiert, wurde für 223 000 Mark von einem Rechtsanwalt erstanden, während die„Wolfsburg“ veräußert wurde. 0 Die Zahl der Studierenden an der Marburger Universität beträgt in diesem Sommersemester 1717 Immatrikulierte, 56 Hörer und 28 Damen zusammen 1801 Personen. Es ist die bisher höchst erreichte Zahl. Genosse Scheidemann hat am Samstag in der Reichstagssitzung einen Unfall erlitten. Er glitt beim Heraustreten aus den Bänken auf dem schrägen Boden aus, stürzte und verstauchte sich dabei das linke Handgelenk recht erheblich. Der freisinnige Abg. Mugdan ließ ihm die erste ärztliche Hilfe angedeihen. Versammlungskalender. Samstag, den 3. Juni. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Schupp. Rödgen und Trohe. Wahl- und Arbeiter⸗ verein. Versammlung abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Balßer. Zahlreich erscheinen! Zuschriften aus Butzbach, Langenbergheim, Gießen, Wetzlar mußten zurückgestellt werden.— Krofdorf. Herrn Lehrer Hofmann. Ihre Erklärung kann erst in nächster Nummer erscheinen. Altenbuseck! Am zweiten Pfingstfeiertage von nachm. ½4 Uhr ab: 0 Tanzbelustigung wozu ergebenst einladet Wilh. Becker. — — — C. F. Schwarz Söhne Inbaber: Carl Schwarz beehren sich ihren früheren Kunden- und Freundeskreisen mitzuteilen, dass sie ihr Mass- u. Herren⸗Konfektionsgeschäft Ecke Marktstrasse und Wettergasse von Sonntag, den 20. Mai ab wieder übernehmen mussten. Um mit dem Lager rasch zu räumen, werden die vorrätigen Stoffe, nur gute Qualitäten für Masssachen, wie auch die fertigen Herren-, Knabhen- und MKinderanzüge, losen und Faletots, IHlaveloeks, Capes, Arbeits- Mleider ete. zu Sehr billigen Preisen verkauft. Anfertigung nach Mass, unter Garantie für tadellosen Sitz. Spezialität: palare und Amtskleidungen für Geistliche und Beamte. *. Markt 4 — seele Empfehle mein reichhaltiges Sehuhwaren⸗Lager Große Auswahl in dommerarten— H. Posern, Marburg (Aulgasse) Markt 4 „% eee im Hause. Büglerin a 4 5 0 37 5 925 e empfiehlt sich im Bügeln in 9 r Sei mmblichee eueilen einge fen.. außer dem Hause, auch Wascher Wasserkrüge Packkörbe kaufen E. Muhl, Neustadt 15, Sths. Benner& Hrummz .——— — 1 —— —— .—— —— r r Seite 6. Mitteldeutsche Sountags- Rettung. 1 Pñingsten. Wieder geht der Geist der Pfingsten Jugendkräftig durch die Welt; Wieder sind es die Geringsten, Denen er sich zugesellt. Zu des Reichtums stolzen Nallen Lenkt er zögernd nur den Fuß; Rach den Hütten, halbzerfallen, Bringt er eilend seinen Gruß. Lehrt die Jugend Mut und Treue Für des Volkes ewig Recht, Kräft'gen Glauben an das Neue: Niemands Herr und niemands Knecht. Auf die Herzen, auf die Pforten! Streut ihm Sweige, frisch und grün! Daß aus seinen Götterworten Mut und Hoffnung euch erblühn! Mut, den schweren Kampf zu wagen In der Menschheit letztem Krieg, Mut, die Opfer zu ertragen, Frohe Hoffnung auf den Sieg! e — Ein nächtlicher Ruf. Von Stefan Großmann. Ein Geheimnis ist die festeste Klammer zwischen zwei Menschen. Natürlich meine ich mit dem Worte Geheimnis nicht etwa ein so schofles Großstadtgeheimnis, das alle Welt „unter uns gesagt“ kennen lernt. Auch nicht eine Sache, die man eine zeitlang aus Gefällig⸗ keit für irgend jemanden nicht weiter sagt, und dann vergißt. Geheimnisse, echte Geheim⸗ nisse, das sind Dinge, die man einmal durch einen verhängnisvollen Zufall auf dem Grunde der Seele eines anderen ein paar Sekunden lang sah und nie wieder! Daß man solche Momente nicht vergißt, ist selbstverständlich, und das man niemals von ihnen eine Silbe redet, ist noch viel selbstverständlicher. Ein solches Geheimnis will ich lüften. Einen ganz geheimen Punkt aus dem Leben des Schul⸗ direktors Hoferer und seiner Frau Auguste Ach, wird jetzt irgend ein vorschneller Unter⸗ brecher spötteln, deshalb die spannende Einlei⸗ tung, damit wir jetzt eine spannende Schul⸗ anekdote angehören?.... Ja, eben deshalb, doch ist es keine Schul⸗, sondern eine Lehrer⸗ anekdote. Du gähnst? Du sagst:„Na, das kann ein recht fades Geheimnis werden. Soll man's wirklich lüften?“ Nun, abgesehen davon, daß diese Lehrergeschichte in kein Lesebuch paßt, muß ich sie erzählen, denn sie enthält einen so großherzigen, rechtzeitigen, genialen Frauen⸗ 7 daß man sie schon deshalb erzählen muß. Schon deshalb, damit ihr eine Ahnung kriegt, was für ein wunderbarer Kerl die alte Schuldirektorsgattin Auguste Hoferer gewesen ist. Natürlich, wie sie jung war. Damals hieß sie noch Auguste Fürnkranz und wohnte bei ihrem Papa in der Volksschule am Tabor in Wien. Daß ihr Vater auch Volksschul⸗ direktor war, wißt ihr ja. Hoferer war damals noch provisorischer Unterlehrer. Er kam zu⸗ weilen Abends in die Schule am Tabor ler selbst unterrichtete in einem weit entfernten Be⸗ zirk) und blieb zum Abendessen beim Direktor Fürnkranz. Der hatte ihn gern, denn Hoferer war damals ein milchweißes, zartes dreiund⸗ zwanzigjähriges Bürscherl, mit einem ganz kleinen, hellen Schnurbärtchen und prachtvollen dunklen Augen in dem germanisch lichten Ge⸗ sicht. Hoferer kam, weil er sich gleich beim zweiten oder dritten Male in die„Guste“ ver⸗ liebt hatte. Natürlich hätte er sie am liebsten vom Fleck weggeheiratet, aber, ihr wißt ja, zein probtsorischer Unterlehrer“.... Sie, die Gusti, war gerade so verbrannt wie er, und was das Schönste war, der alte Fürnkranz war ganz selig über dieses Paar. So, nur so konnte er sich den Mann für die Gusti vor⸗ stellen! Einen frischen jungen Kerl, der von Kummer und Nervostität noch nicht voll Falten war, einen schwärmerischen lieben Kerl, kura⸗ giert, aber doch kein Frechling, einen schlanken ausgeturnten Burschen, dem Ange ein Wohl⸗ gefallen, und dabei eine tapsige, generöse, ge⸗ duldige Seele.... Die Besonnene in der ganzen Familie war die alte Fürnkranz, die, wie so viele gute alte Weiber, die vernünftigen Spleßerbedenken mit Geschicklichkeit verteidigte. „Bis Sie wenigstens definitiver Unterlehrer sind!“ sagte sie mit Entschiedenheit, und dabei sollte es bleiben. O Gott, das dauerte Fürchterlich viel Zeit ließ sich der hohe Gemeinde⸗ rat, ehe er einige Beförderungen von provi⸗ sorischen Unterlehrern vornahm. Und war Hoferer erst nicht darunter. Warten ist über⸗ haupt eine martervolle Beschäftigung, aber auf eine Frau lange warten, dabei kommt am Ende meist etwas recht ekliches heraus. Ich sag's euch offen, für einen Mann, der auf seine Frau etwa ein paar Jahre lang„wartet“, für den hab' ich eigentlich nur ein Gefühl, als müßte ich vor shm ausspucken, übrig. Eine wirkliche Liebe kann man nicht für ein paar Jahre lang in den Eiskeller legen. So ein vorsichtiger Beamter, der sechs, acht Jahre seiner schönsten Jugend, bis er die richtige Rang⸗ stufe erreicht,„wartet“, der fängt vielleicht mit einer reinen großen Leidenschaft an, aber er steckt bald in der ekelhaftesten Verlogenheit oder in den unreinlichsten Erniedrigungen drin. Ein langer Brautstand pumpt gerade das beste aus dem Innern der jungen Leute heraus, das Frische, das Naturgewaltige, den stürmisch un⸗ beirrten Trieb. Was übrig bleibt, ist ein dürf⸗ tiges bißchen geschickte Berechnung, verbrämt mit einem unreinen Spielen und Reizen. Jede Zärtlichkeit wird da so fürchterlich bewußt, jede Hingebung so infam vorbereitet und so niederträchtig abgebrochen. Ah, pfui, als Liebe beginnen diese vernünftigen Brautstände, als Lüst⸗ elei enden sie. Haltet ihr den Schuldirektor Hoferer für ein Genie? Ich auch nicht. Da⸗ mals hatte er die Frische, den hübschen Ha⸗ bitus der Jugend, er hatte auch die gutmütige Anhänglichkeit des Verliebten, aber ohne seine Frau wäre er vielleicht niemals zu den zwan⸗ zig Jahren seiner beispiellos glücklichen Ehe gekommen, deren Abglanz noch heute auf seinem guten, rosigen, weißhaarigen Schädel liegt. Nämlich er sah ein, daß Frau Fürnkranz mit ihrer Mahnung recht hatte:„Bis Sie nur erst wenigstens definitiv sind!“ Er hätte sich auf ein Haar ins Warten ergeben! Zwar jeden Abend wurde es ihm fürchterlich schwer. Stand er, so im Vorzimmer mit seiner Braut— von den anderen hatte er sich schon im Speisezimmer verabschiedet— und umarmte sie in der Dunkel⸗ heit, so gab es manchmal Momente, wo er vor Sehnsucht fast umsinken wollte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe, er preßte sich an ihren Körper, er küßte sie, daß er ihre harten Zähne an den seinen fühlte....„Gustt!“ rief dann endlich Mama Fürnkanz vom Speisezimmer hinaus. Sie rissen sich voneinander los, und er stieg wie ein Betrunkener hinunter. Daß er die Hände geballt hatte— auf dem ganzen langen Wege vom Tabor bis auf die Land⸗ straße— das wußte er nicht einmal Solche Wartezeit ist Gift. Eine junge Leiden⸗ schaft will hinauf oder hinunter, will verbrennen verlöschen; knurrend warten wie ein demütiger Mops, das kann fie nicht Das Schulhaus am Tabor lag am Ende der Häuserreihe. Punkt neun Uhr stand Hoferer allabendlich im Speisezimmer auf, fünf Minuten später rief Frau Fürnkranz„Gusti“ ins Vor⸗ zimmer, und gleich darauf ging er beim Haus⸗ tor hinaus. Da gingen gewöhnlich Mädeln mit ihrem Schatz spazieren. Seit einer Woche begegnete dem Unterlehrer mitten auf dem menschenleeren Heimweg ein Frauzimmer, das eine lange Strecke durch dieselben Gassen wie er ging, das sich zuweilen nach ihm umdrehte und ihm direkt ins Gesicht schaute. Die ersten Male hatte er sie kaum bemerkt, eines Tages war ste aber im Lichte einer Laterne so absicht⸗ lich stehen geblieben, daß er ihr ins Gesicht sehen mußte. Er erkannte ste... Es war eig ehemaliges böhmisches Dienstmädchen aus dem Schulhause, das aber jetzt ganz großstädtisch gekleidet daherging. Er ging weiter. Am nächsten Abend, punkt neun Uhr, sagte er wieder im Speisezimmer Adieu. Im Vor⸗ zimmer umarmte er die Gusti.„Ich erstick“, flüsterte sie atemlos. Plötzlich nahm er ganz behutsam ihre Hände, legte sie auf die Wangen und blieb einige Sekunden regungslos stehen. „Was hast Du?“ fragte ste fast bestürzt. Da drückte er ste wieder wie ein Rasender an sich. Frau Fürnkranz rief. Aber Gustt kam nicht. Sie wagte sich nicht aus seinen Armen zu rühren. „Gusti!“ rief Frau Fürnkranz heute ein zweites Mal. Jetzt erwachte er, ließ ste los und ging. Die Tür fiel zu.... Sie trat zurück ins er⸗ leuchtete immer. Vater und Mutter waren gut genug, sie jetzt nicht viel zu fragen.„Ich geh' heut zeitlicher schlafen“, sagte sie leise. „Geh', Kinderl, geh' gleich“, erwiderte der Di⸗ rektor. Sie gab dem Vater einen Kuß, der Mutter einen Handkuß und ging. Durch's Vorzimmer sollte sie in ihr Schlafzimmer. Aber wie sie da plötzlich wieder im Dunkel stand, wo sie vor einigen Sekunden in seinen Armen gelegen, da überkam ste plötzlich eine namenlose Angst, wie von Furien gepeinigt, stürmte ste zur Tür, klinkte ste auf und— im Nu war ste draußen...... Auf der ausgestorbenen Landstraße ging er schnell vorwärts. Sie sah ihn und wußte nicht, sollte sie laufen oder stehen bleiben? Ihn rufen oder ganz still bleiben?... Plötzlich, was sah sie da? Drei Schritte neben ihm ging eine Frau. Sie lief ein Stück nach vorne, daun aber fürchtete sie sich, gehört zu werden, und schritt ganz sachte vorwärts. Im Lichte einer Laterne blieb das Frauen⸗ zimmer stehen. Er sieht sie einen Augenblick an, senkt dann den Kopf und geht weiter. Nun beginnt das Frauenzimmer schneller zu gehen, mit frech gehobenen Röcken, sich jeden Augen⸗ blick umwendend, so recht wie eine.... Jetzt ist das Weibsbild vor ihm. Guste merkt, wie er nun langsam den Kopf hebt, sie sieht, wie er die Gestalt des Frauenzimmers von oben bis unten betrachtet.... prüft... zuerst das Gesiht, dann die Waden. Todesangst steige ihr in die Kehle. Jetzt geht das Frauen⸗ zimmer langsamer, aber so, daß er, wenn er absichtlich nicht ausweicht, knapp an ihr vorbei⸗ kommen muß. Sie sieht, die Dirne hat den Kopf zu ihm gewendet, ein einladendes Wort auf den Lippen. Langsam, ohne von der Linie abzuweichen, nähert sich ihr Hoferer. In der nächsten Sekunde „Anton!“ Der Ruf gellt über die Straße. Hoferer fährt, denn er kennt die Stimme, tief erschreckt zusammen, blickt und läuft zurück In dieser Nacht ist die Direktorstochter nicht nach Hause gekommen. Vierzehn Tage später haben sie geheiratet. Im nächsten Jahre wurde er definitiv.... Von dieser nächtlichen Szene ist zwischen den Gatten niemals die Rede ge⸗ wesen. Ich glaube, er hat nie geahnt, wie scharf ste in dieser Nacht gesehen hat. Und doch hat dieser kurze nächtliche Ruf sein besseres Ich erst ordentlich zum Bewußtsein gebracht. Viel⸗ leicht gar, ich habe die großen Vermutungen gern, sind durch diesen beherzten, genial recht⸗ zeiligen Ruf zwei Schicksale erst fest begründet worden. N f po findet jeder⸗ Konfirmationsgeschenke aan menen 7 und in großer Auswahl in dem Wee okd- und e von F. Kaminla, Markt⸗ platz 11, am Kriegerdenkmal. Man verl. Rabattmarken. Humoristisches. g Darum! Warum ist der Reichsadler schwarz? Weil er ein Pechvogel ist. Offenherzig.„Frau Meyer, Sie sagen immer: Mein Seliger“... Ihr Mann ist doch nicht gestorben, sondern nur von Ihnen geschieden!?“—„Deshalb ist er ja selig.“ Dekoriert. Ein biederer Landpfarrer erfährt während des Gottesdienstes, daß sein etwas beschränkter Neffe einen Orden bekommen habe.„Guter Jesus“, sagt er, indem er die Hände zum gekreuzigten Christus erhebt,„mein Neffe und Du sind die einzigen, die ihr Kreuz nicht verdient haben.“ 5 Nr. 22. Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. Seite 7. SSS Noch ist es Zeil Warten Sie nicht bis zum letzten Augenblick mit Ihrem Einkauf, sondern decken Sie Ihren Bedarf für die Feiertage schon jetzt, da in den letzten Tagen vor dem Fest der Andrang zu groß ist. Auf Kredit!! Herren- Garderobe Anzüge, Paletots, Kinder⸗Anzüge ete. in größter Auswahl und jeder Preislage Damen- Garderobe Jacketis, Blousen, Kostüme, Röcke ete. „ mobel, Betten, Polsterwaren eigener Fabrikation Sport- und Kinderwagen Döbel- und Waren-Kredit-Baus Ploekstrasse IA- lo Gießen„ Plockstrasse IA-Ie Denkbar kleinste Anzahlung— Abzahlung pro Woche von Mk. 1.— an Strengste Diskretion II NB. Hesichligung der Luger ahne Hauff girang gesleel iel. SSS 5 Soite 8. Mitt eldeussche Sountags⸗ Zeitung. Nr. 22 Mein jetziges Geschäftshaus soll behufs Erbauung eines neuen, großen, modernen Kaufhauses vollständig niedergelegt werden. Da mir während der Bauzeit nur kleine Verkaufs- und Lagerräume zur Verfügung stehen, so sehe ich mich genötigt, meine großen Waren⸗VBorräte einem 0 d Ausverkauf s zu unterziehen.— Nachstehend bezeichnete Preise geben Beweis, welch große Vorteile dieser Ausverkauf bietet. 4 2 Kucheuteller, schöne Blumendekor.. Stck. 29 Pf. Bierkrüge, groß, bunt Stck. 35 Pf. Schuhwar kn. Leuchser, weiß Prima..„ 55„l .— Alscheschale mit Dekor., Muschelform.„ 12„ Sturzflasche mit Glas, mit Malerei 535„ Damen⸗Cordpantoffel, Ledersohle u. Fleck 0,65 M. Kaffee⸗Service, g⸗teiltg:„üͤ„„„ n, Weingiss mg 10 „„ Leder⸗Spangeuschuhe.. 2,—„„„„„ fein. Stck. 395, 295„ Litörservice, kompl. m. Teller u. Golddekor. 120 15 75„„ Schnürschuhe. 2,45„ Eierbecher, weiß. 6 Stck. 20% Cylinder„„„;ͤGw ü D,, „ Knopf⸗u Schnürstiefel, Ia. Boxkalf 6,25„ Milchflaschen mit Zahlen.. 2 Stck. 10„ 75 5„ la. Chevreau 6,25„ Abt* St* 1 Wasfergläs er, 75 77 8„ gelb u. rot Ziegen 3992 1 8 kingu 85 e Decke! 5 2 7 „Zug stiefel%% 1 g g; ronenpresse·n 1 * Schu sliese. 4.25„ Teller, flach und tief, weiß gerippt 1 Talz⸗ und Pfeffermeuage„ 6, 5„ echt Boxkalf 7,25„ 1 ohne Fehler Stck. 9 Pf. Sturzflasche mil Glas, weiß. 13 „ Chevreau r.. 8,.—„ 2. 925„ le 5 1„„ 0 Kin der⸗ und Madchen ⸗Kuvpf⸗ und Schuürstiefel Tassen, Ober⸗ u. Untertasse, weiß;, 1 e Roßleder Größe 21/4 25/26 27030 31“35 Sab ecussel, g Su wen 1 1 0 0 Haushaltungsartike l. „ tück. bunt„ 120„ Alabaster⸗ komplett 8 2,—. 2,45 2,95 3,45 Mk. Terrinen mit Deckel, glatt 6 5 62 Maher e 10 0 8⁰⁰ Mädchen⸗Kuopf⸗ und Schnürstiefel, gelb und rot Waschgarnit uren, bunt, 4⸗teil.,„14, 275 M. 1,25 Mk. 95 Uf Ziegenleder 27/30 31035 Gewürztounen, sort. Schriften, 6 Stck. 65 275 Mk. 1, 95 Pf. 5 1 5 5 1 Ctm. breit, prima, Meter. 75 Pf. 3,— 3,45 Mk. Nachtlöpfe, weiß ö Stck. 33 Wachstuch, 85 ö 5 Turuschuhe, erstes Fabritat 27080 31⁰85 36042 Küchengarnituren, moderne Form, bestehend aus r en en 1,75 1,05 2,25 Mk. 6 Gemüsetonnen, 6 Gewürzkonnen, 1 Essig⸗, 1 e 1 8 5 65 Oelkrug und Etagére 5 komplett 5,95 155„ a 5 75 . 1 großer Posten Salatieren, Platten, Wasch⸗ Brotbüchfen, fein lackiert, groß, rund 120 f„groß, rund. 120, Abt.: Porzellan. schüsseln, Krüge bedeutend unter Preis. 5507 158 Gabel, pri 4b, 35, 28, 10 8 ogelkäsig g?]¾Z ð 1 Tasse mit Untertasse, weiß, prima. Stck. 16 Pf. Abt.: Glas. Amerikanische h 40 mit Blumen 1 95 8 1 5 1 . 5 blauer Rand u. Namen„ 35„ Glasteller, schöne Muster. Scck. 4 Pf. Reisekörbe, prima gewürfelt Kaffeekaunen mit Deckel, ohne Fehler Goldrandbecher, Liter 75 Breite 665 70 80 90 100 Ctm. Stck. 48, 38, 28, 20„ Bierservice, blauu. grün, Krug u. 6 Gläser„98 ,, Mk. 7,— 3,— 9,50 11,50 14,50 . h 7 Strohhüte für Kinder, Mädchen, Knaben und Herren in enormer Auswahl; sowie Hemdeu, Kragen, Krawatten, Tascheutücher, Galauterie⸗, Luxus⸗ waren und Geschenk⸗Artikel, Stöcke, Spiegel, Bilder, Emaille⸗, Korb⸗, Holz⸗ und Bürstenwaren, sowie säm liche Gebrauchs⸗Artikel werden ganz bedeutend unter Preis 7 verkauft. Spielwaren und Puppen werden zu jedem annehmbaren Preise verkauft. Me wiederkehrende Einkaufs-Gelegenheit zu diesen Preisen! Verkauf nur gegen bar. Kaufhaus S. Elsoffer Markestrasse 27. Engros-Verkauf für Wiederverkäufer. Marktstrasse 27. .. ˙ A gehen wir am 2. Pfingstfeiertag hin?? Selbstverständlich zu dem von der Fresen Turnerschaft und dem Gesangverein„Eintracht“- Giessen veranstalteten Grossen gemeinsamen Waldfest im Stadtwald. Licherstrasse(I. Senneise rechts) Daselbst großes Vokal⸗ und Instrumental⸗Konzert, turn rische Aufführungen(u. a. Reigen der 5 Damenriege), Bretzelpolonaise, Kinderspiele mit Preisverteilung, Preisschießen r anz und Volksbelustigung. Aufstellen des Festzuges nachmittags 1 Uhr am Oswaldsgarten. Abmarsch präzis ½2 Uhr. Alachmittags Omnibusverbindung vom Tubdwigsplatz nach dem Jestplatz und zurück. Abends Lampionzug nach der Stadt. Die Gesamtarbeiterschaft Gießens und der Umgegend wird hierzu freundlichst eingeladen. Die vereinigten Vorstände. Bei ungünstiger Witterung von nachmittags 4 Uhr ab Tamilienfest mit Tanz im Saale des Casé Leib. eee eee SDS ei Verlag ber Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E Krumm) Gießen. Verantwortl. Nedafteur F. A. Vetters Gießen. Druck von Heppeler T Meyer Gseßen, —— FFA ˙·— n.. w Q .——— 8 ——— — Beilage zur Mitteldeutschen Sonntags-Teitung. No. 22. Gießen, Sonntag, den 3. Juni 1906. 2 13. Jahrg. Sonntagsgedanken. Nicht so vieles Federlesen! Laß mich immer nur herein: Denn ich bin ein Mensch gewesen, Und das heißt ein Kämpfer sein. Goethe. Mit diesen Worten spricht der Dichter des west⸗östlichen Divan zur Hüterin des Paradieses, die ihn zweifelnd fragt, ob er denn auch als einer der rechtgläubigen Mosleminen komme. Sie sieht nichts von Wunden an ihm, die er sich in den vom Propheten eigentlich vorge⸗ schrtebenen Kämpfen für den Glauben geholt haben könnte, und daher ihr Zweifel:„Kommst mir so verdächtig vor!“ Die ganze Goethesche Lebensauffassung liegt in der Antwort: Das Leben und Streben mit den Trefflichsten zu⸗ sammen ist auch ein Kampf, und der Glaube an Liebe, Treue und Welt ist auch ein Glaube: „Nein, du wählst nicht den Geringern.“ Kämpfer sind wir Menschen alle und sollen es sein: Kämpfer um unsere eigene Existenz, die nur wenigen ein bequemes Geschenk ist, Kämpfer gegen alles Gemeine und Unrechte in der Welt, daß ein rechtes Herz wie eigene Be⸗ schwerde drückt, Kämpfer gegen die Naturge⸗ walten, die blindwütend tausende vou Menschen⸗ leben vernichten, Werke von Jahrhunderten zerstören können. Das Leben hat der Feinde und Gefahren viel, diese hier und jene da. Nicht immer können wir uns des Schreckens erwehren, wenige werden von Trauer verschont bleiben. Aber was hilft's? Wir stehen eben im Kampfe, die ganze Menschheit steht darin. Ohne Opfer geht's nicht. Die Ueberlebenden aber haben ihren Posten, den sie halten sollen, so lange und so gut sie können. Zur eigenen Aufopfer⸗ ung gegebenenfalls bereit, müssen wir„arbeiten und nicht verzweifeln“. Was wären wir Menschen schließlich ohne diesen Kampf? Was bliebe von der ganzen Geschichte der Menschheit ohne ihn? Er hat unsern Mut geweckt, hat unsere Kraft gestählt, hat uns zur Gemeinschaft erzogen, er gründet Staaten und bildet ihre Verfassungen aus, er treibt zu Erfindungen und Entdeckungen— er ist das Leben.„Der Kampf ist der Vater aller Dinge“ sagte schon Heraklit, der alte griechtsche Philosoph. Und in Herders Humanitätsbriefen heißt es: Der Mensch ist zwar das erste, aber nicht das einzige Geschöpf der Erde; er be⸗ herrscht die Welt, ist aber nich! das Universum! Also stehen ihm oft die Elemente der Natur entgegen, daher er mit ihnen kämpft. Das Feuer zerstört seine Werke, Ueberschwemmungen be⸗ decken sein Land; Stürme zertrümmern selne Schiffe und Krankheiten morden sein Geschlecht. Alles dies ist ihm in den Weg gelegt, damit er's über winde. Er hat dazu die Waffen in sich. Seine Klugheit hat Tiere bezwungen und gebraucht ste zu seiner Absicht; seine Vorsicht setzt dem Fener Grenzen und zwingt den Sturm, ihm zu dienen. Den Fluten setzt er Wälle entgegen und geht auf ihren Wogen daher; den Krank- heiten und dem verheerenden Tod selbst sucht und weiß er zu steuern. Zu seinen besten Gütern ist der Mensch durch Unfälle gelangt, und Entdeckungen wären ihm verborgen ge⸗ blieben, hätte sie die Not nicht erfunden. Sie ist das Gewicht an der Uhr, das alle Räder der⸗ selben treibt. Str. Wissenswertes über unsere Arbeiterversicherung. (Aus der„Sächs. Arbeiterztg.“) B. Unfallversicherung. Umfang der Verstcherung. Es läßt sich schwer in kurzen Worten sagen, wer versichert sst und unter welchen Voraus⸗ setzungen die Versicherung eintritt. Im allge⸗ meinen sind alle Personen, männliche wie weib⸗ liche, versichert, die in der Land wirtschaft, in Bergwerken und Steinbrüchen, auf Werften und Bauten, bei der Schiffahrt, der Müllerei, der gewerblichen Fuhrwerkerei und in Fabriken beschäftigt sind. Eine Fabrik im Sinne des Unfallversicher⸗ ungsgesetzes ist ein auf Bearbeitung oder Her⸗ stellung von Gegenständen gerichtetes Unter⸗ nehmen, in welchem durchweg mindestens zehn Personen beschäftigt werden. Wo Maschinen durch tierische oder elementare Kraft getrieben werden, tritt die Versicherung auch bei weniger als zehn beschäftigten Personen ein. Die in Handwerksbetrieben Beschäftigten sind im allgemeinen nicht verstchert. Wohl aber sind verstchert die Steinhauer, Schlosser, Schmiede, Brunnenbauer, Schornsteinfeger, Fleischer und Fensterputzer. Häusliche Dienstboten sind nicht verstchert. Betriebsbeamte, Werkmeister, und Techniker sind nur versichert, soweit ihr Gehalt 3000 M. pro Jahr nicht übersteigt. Kleine Unternehmer können sich bei den Berufsgenossenschaften frei⸗ willig verstchern. In allen versicherungspflichtigen Betrieben sind Unfallverhütungsvorschriften an⸗ zuschlagen, die genau zu befolgen den Ver⸗ stcherten dringend zu raten ist. Mitglieder der Berufsgenossenschaften sind nur die Arbeitgeber, sie tragen, oder besser gesagt, verlegen die Bei⸗ träge zur Unfallversicherung. Gegenstand der Versicherung ist der Ersatz des Schadens, welcher infolge eines Unfalls im Betriebe oder im Dienste durch Körperverletzung oder Tötung einsteht. Voraussetzungen des Anspruchs sind, daß ein Unfall vorliegt, daß dieser sich bei der Be⸗ triebsarbeit ereignet und daß die Körperver⸗ letzung oder der Tod auf den Unfall zurückzu⸗ führen sind. Nach Entscheidungen des Reichs⸗ verstcherungsamts ist ein„Unfall“ ein plötz⸗ liches, zeitlich bestimmbares Ereignis, durch das eine äußere Verletzung oder eine organische Krankheit des davon Be⸗ troffenen herbeigeführt wird. Gewerbekrankheiten, die durch sonstige Ge⸗ fahren des Betriebes„nach und nach“ entstehen, gelten nicht als„Unfallfolgen“. Unfälle auf dem Wege nach und von der Arbeit werden im allgemeinen nicht als Be⸗ triebsunfälle angesehen, doch gibt es auch hier Ausnahmen. Die Unfallanzeige hat der Betriebsunternehmer bei der Gemeinde⸗ behörde zu erstatten, wenn der Verletzte voraus- sichtlich mehr als drei Tage erwerbsunfähig sein wird. Dasselbe gilt auch bei Tötung eines Versicherten. Die Verletzten bezw. deren Hinterbliebenen haben ein großes Auer daß diese Anzeige erfolgt, man tut gut, sich dessen zu verge⸗ wissern. Von großem Werte ist, das man bei einem Betriebsunfall dafür Zeugen hat, daß derselbe sich im Betriebe ereignete. Das gilt auch bei kleinen Unfällen, die zunächst keine größeren Folgen haben, in späterer Zeit aber haben können. Als Zeugen gelten vor allem die Mitarbeiter, Werkmeister und Arbeitgeber. Verjährung. Der Antrag auf Rente ist von den Verletzten bei der Genossenschaft so rechtzeitig zu stellen, daß ihm nach der 13. Woche die Unterstützung gewährt werden kann. Wird der Antrag auf Rente nicht binnen zwei Jahren, vom Unfall⸗ tage gerechnet, gestellt, so tritt Verjährung ein. Wenn die Unfallfolgen erst nach zwei Jahren auftreten, kann noch binnen drei Mo⸗ naten der Antrag auf Rente gestellt werden. (Fortsetzung folgt.) Von Nah und Lern. Los des alten Arbeiters. Der„Bote für das Viertel unter dem Manu⸗ hartsberg“ erzählt eine für Arbeiter lehrreiche Geschichte, die weitere Verbreitung verdient. Am 12. d. M. wurde auf dem Oberhollabrunner Friedhof die Leiche des Kommis und Keller- meisters Heinrich Drab der Erde übergeben. Die Schleife eines Kranzes, der dem Verstorbenen gewidmet war, trug folgende Inschrift:„Lohn eines Arbeiters für jahrzehntelange Pflichttreue“. Was war geschehen? Drab kam als junger Bursche zu der Oberhollabrunner Firma Leopold Skutetzty— vor vierund⸗ dreißig Jahren. Nach und nach wurde Drab die Stütze des Geschäfts. Vor Kurzem übergab 0 sen. die Firma seinen beiden Söhnen. Am 9. Mat wurde Drab zu den jungen Chefs gerufen, kam ganz verstört von der„Audienz“ und entfernte sich. Am 10. Mai fand man seine Leiche entsetzlich verstümmelt auf dem Bahnkörper nächst Breitenwaida. Kein Zweifel, der Unglückliche hatte einen Selbstmord begangen und der Grund hierzu kann nur die Mitteilung gewesen sein, die ihm die jungen Chefs gemacht hatten. War doch die Verstört⸗ heit und bald darauf die unselige Tat der Unterredung unmittelbar gefolgt. Darum die Kranzinschrift. Drab, der 34 Jahre der Firma Skutetzky gedient und ihren Reichtum gemehrt hatte, war überflüssig geworden. Er hinterläßt eine Witwe und zehn unmündige Kinder. Aus dem Rreise Weglar. h. Die Stadtverordneten waren am letzten Freitag zur Beratung und Beschlußfassung über den Neubau eines städtischen Gaswerks versammelt. Das seitherige— in städtischem Besitz befindliche— hat sich für die kommenden Anforderungen als zu klein erwiesen. Die Gesamtgasabgabe betrug z. B. 351 000 Kubik⸗ meter im Jahre 1901 und ist im letzten Berichtsjahre 1905 auf 646 000 Kubikmeter gestiegen. Günstig auf die Zunahme der Konsumentenzahl hat besonders die Einführung eines billigeren Sommerpreises für Koch⸗Gas eingewirkt. Infolge dieser Verbilligung(12 Pfg. pro Kubikmeter) steigerte sich der Konsum und die Leistungs⸗ fähigkeit konnte auch im Sommer besser ausgenützt werden. Der Betriebsgewinn betrug im Jahre 1904 32500 Mk., und in 1905 38 500 Mk. Da die alte Gasanstalt etwa 2 Kilometer von dem Güterbahnhof entfernt liegt und somit hohe Fuhrkosten für Kohlen und ungünstige Abfuhrverhältnisse für Nebenprodukte bestanden, so hat man sich mit Recht dazu entschlossen, die Neuanlage einer weiteren Umbauvergrößerung vor⸗ zuziehen. Der Neubau wird auf einem Teil des Ge⸗ ländes der früheren chemischen Fabrik errichtet und dieses Grundstück ist mit einwandsfreiem Bahnanschluß versehen. Für spätere etwaige Betriebserweiterung ist ein Vorkaufsrechts⸗Vertrag für ein 5000[U Meter großes Restgelände zu 10 Mk. pro Meter innerhalb 20 Jahren abgeschlossen. Die Gesamtkosten betragen: für Gelände⸗ erwerb einschließlich Verwaltungsgebäude 58 000 Mk., Neubaukosten 157000 Mk., Geländeerwerb nach 20 Jahren 50 000 Mk. Hierzu kommen noch 43 435 Mk. Schulden der alten Gasanstalt, denen ein Geländewert von 88 000 Mark und ein Betriebsfond von 56000 Mk. gegenüber steht. Die Vorlage wurde einstimmig angenommen. 2.„Tippchenspielerei“. In der Ortskran⸗ kenkasse war ein neuer Kassterer anzustellen, zu welchem Posten über 100 Meldungen vorlagen. Es hatte fich auch der Sohn des bisherigen Kassterers, ein Militär⸗ anwärter, gemeldet, der früher im Staatsdienst war und aus Gesundheitsrücksichten in den Ruhestand versetzt, demnach also nicht mehr zu gebrauchen war. Dieser lief nun vor der Wahl bei den Vorstandsmitgliedern herum und bearbeitete ste im Interesse seiner Wahl und richtig, er wurde auch gewählt. Was ist denn das für eine Schieberei, zu der sich der Vorstand da hergibt? Hier muß die Generalversammlung entschieden Aufklärung verlangen. Wo soll das hinführen? Das kann ja schließlich noch dahin kommen, daß die Beamtenposten an den Meistbietenden versteigert werden! Ob sich die gewerkschaftlich organisierten Vorstandsmitglieder haben beeinflussen lassen, wäre noch festzustellen. Hätten sich die Arbeiter schon früher um ihre Ortskasse gekümmert, so wäre es stcherlich nicht vorgekommen, daß ein Militär- anwärter, welcher als dienstuntauglich entlassen worden ist, jetzt von der Ortskasse durchgeschleift wird. Für die Mitglieden wird es Zeit, daß sie sich mehr um ihre Kasse kümmern. Denn es ist traurig, wenn man hören muß, in der Wetzlarer Ortskasse sitzen Streikbrecher als Vorstandsmitglieder. Seite 10. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. Für Wiederverkäufer 0 günstige Kaufgelegenheit Für die 5 empfehle mein großes Lager aller Sorten Schuhwaren erren-Agraffenstiefel, sehr dauerhaft. 5,50 Mk. amen-Spangenschuhe mit Ledersohlen und Absatz e 5 0 0 5,00„ Jane zum Schnüren, gute N 3,75„ Herren-Zor-Calf⸗ Agraffeustiefel, elegant 8,50„ Damen-Knopf- und Schnürstiefel 5 5,75„ Arbeitsschuhe, stark genagelt 8, 50„ Damen-Sor-Calf Aan, 1805 Schnürstiefel 7,50„ Kinder-Kuopfstiefel 21 2⁴ 25026 27030. Mk. 2,25 2,75 3,25 5 85 Rindlederne Schnürstiefel, ohne Futter mit Nägel und Eisen 25/26 27,30 31/35 Mk. 3,50 4,00 4,75 Ferner große Auswahl in braunen und roten Damen-Knopf- und Schnürstiefeln zu enorm billigen Preisen. 9 Marktstrasse 9. 0 L. Sts, e Wettergasse. eK— und offeriere: Schuhwaren 2,50 Mk. Für Wiederverkäufer günstige Kaufgelegenheit Ferd. Nennstiel Giessen, Nochs tu. 7. Lager in sämtlichen Kasteumöbeln, poliert und lackiert Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Betten Polstermöbel Lee u mel Küchenmöbel Spezialität: und eigener Anfertigung Uebernahme voll- ständ. Ausstattung. 6 ee Wetzlar. Elegante Herren-, Damen- und 5 Wetzlar. 9 Kinder-Boxkalfstiefel Flechten ass, und trochene Schuppenflecnte, skroph. Ekzema, Hautausschläge, Offene Füsse Beinschäden, Beingeschwüre, Ader- beine, böse Finger, alte Wunden sind oft hartnäckig; wer bisher vergeblich hoffte geheilt zu werden, mache noch einen Versuch mit der bestens bewährten HI SALE frei von Gift u. Saure, Dose Mk. 1.—. Dankschreiben gehen täglich ein. Wachs, Naphtelan je 15, Walrat 28, Benzoefett, Venet. Terp., Tampferpaster, Perubalsem je 5, Eigelb 30, Chrysarebin, Zu haben in den Apotheken. Man achte genau auf die Original- Packung weiss- grün- rot und die Firma Rich. Schubert& Co. Wein- böbla, u. weise Fälschungen zürück Konslumverein Randgenähte und durchgenähte Schuh- Garantiert Welt Waren. Größle Auswahl in Kinderschuhwaren. Fr. Arends- hö Lahnstrasse 15 Die Preise sind billigst gestellt. Reparaturen sofort f ( a Giessen und Umgegend. fa. Schweizerküse Einige gebrauchte gut in Stand gesetzte 7 Fahrräder, Preis: 35, 40, 45 u. 50 Mk zu verkaufen. 66. Sailer, Marburg . r 13 Untergasse 13. Meine Konfektion Ersatz fiir Massarbeit hat mir in kurzer Zeit viele Freunde geschaffen. Dieser Artikel ist so gearbeitet, daß absolut sowohl an Stoff, Futter und Arbeit der eigenste Kundenichts zu beanstanden findet. H. Moller, Oberh. Kleider-Bazar. Empfehle viele hunderte 2 Anzüge, in den Größen bis 17 Jahren von 7/ Mk. und zwar alles risch von der Nadel! ein alter Pavel! Mein Lager in leichten Sommer⸗Leinen, Lüster⸗ Joppen und Anzügen ist wieder vollständig komplett. Sie finden sowohl die kleinsten Sachen als für den stärksten Herrn bis 120 em Brustweite am Lager. Dasselbe gilt von einzelnen Röcken, Hosen, bunten und weißen Westen. Strohhüte Stoffhüte f. Herren 90 Pf. Herren⸗Sonnenschirme ene ee Macco⸗Hemden, Hof Jacken, Cravatteu u. Shlipse in großer Auswahl. — *—— —... — — 2 2 2 22 ———— —*— Soꝛialdemokratischer Wahsperein für den Vahlkreis Giehen- Grünberg- Hiddo Sonntag, den 17. Juni 1006: Fahnenbeihe des Hrbeiferbereins Pdusen Konzert, Gesangsvorträge mehrerer Gesangvereine(Massenchöre von 150 Sängern), Ninderspiele, Bretzeluerteilung, » Großes Kreis berbunden mit Preis schießen, fest in BPdusen N Volksbelustigung und Tanz Festrede gehalten von Landtagsabgeordneten Joh. Orb, Offenbach. Festzug durch den Ort. Alufstieg zweier Luftballons. Extrazug von Gießen bis Schiffenberg. Eintritt 20 Pig. Alle Parteifreunde, Gewerkschaftsmitglieder und Arbeiter hiermit zu unserm Feste freundlichst eingeladen und erwartet eine recht zahlreiche Beteiligung Das Fest-Homitee. 5 ——— — ed Abfahrt in Gießen voraussichtlich 1 Uhr. des Kreises Giessen und der Nachbarbezirke werden —— 3 2 — Hinder frei. ———— — ——