—— ——— 1 PP* r————— Nr. 33. Gießen, den 2. September 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 9 7 6 Nedaktionsschliaß 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche— Nachn 12555 1 Mirchenplatz 2 guntags⸗ Zeitun Nbonnementspreis: Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch[ Druckerei, Ludw die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.] jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z. Bestellungen igstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. ö K. 5107) 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 500s/½ Rabattg Juserate die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesten s Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun. An unsere Parteifreunde und Leser! Ein seit langem gehegter und vielfach von Versammlungen und Parteikonferenzen ausgesprochener Wunsch naht sich seiner Erfüllung: Ein tägliches Varteiblatt in Gießen ist gesichert! Nachdem die Landes⸗ konferenz den diesbezüglichen Vorschlägen des Landeskomitees zugestimmt hat, erscheint es vom 1. Oktober ab unter dem Titel: Oberhessische Volkszeitung in Gießen. Die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung wird— voraus⸗ sichtlich— gleichzeitig ihr Erscheinen ein⸗ stellen. Alle unsere Parteifreunde, Gewerkschafts⸗ mitglieder und Arbeiter allerorts müssen nun nach ihren besten Kräften für die nach⸗ drücklichste Unterstützung des Unternehmens sorgen. Das geschieht in erster Linie durch Gewinnung von Abonnenten. Nach dieser Richtung hin müssen besonders die örtlichen Parteivereine eine umfangreiche Tätigkeit entfalten und auch die nötigen Vorbereitungen für gründliche Verteilung der Probenummern treffen, die in der letzten Septemberwoche herausgegeben werden. Parteigenossen! Ihr alle kennt die Bedeutung der Presse. Sie ist unser bestes Mittel zur politischen und wirtschaftlichen Aufklärung, die schärfste Waffe im Kampfe gegen Unterdrückung und Ausbeutung! Eure Interessen, die Interessen des arbeitenden Volkes sind es, für die das neue tägliche Blatt eintreten und die es verteidigen wird! Es wird seine Pflicht tun; tut Ihr die Eure! — —— Die deutsche Reichsschulden⸗ wirtschaft. Als das Deutsche Reich ins Leben trat, herrschte nicht nur Jubel über die erfolgte politische Gründung. Auch auf finanzpolitischem Gebiet hing der Himmel voller Geigen. Wir hatten„heidenmäßig viel Geld“. Mit Hilfe der französischen Milliarden konnten die wenigen Schulden des Norddeutschen Bundes leicht ab⸗ gestoßen und allerhand Gelder für kommende Ausgaben beiseite gelegt werden. Das Ver⸗ gnügen dauerte aber nicht lange. In noch nicht 30 Jahren hat es Deutschland auf dreiundeinehalbe Milliarde Schulden gebracht, d. h. es ist ein jährlicher Zuwachs der Schulden⸗ last von rund 120 Millionen Mark zu ver⸗ zeichnen— kann es für die Finanzwirtschaft eines Landes ein beschämenderes Bild geben? Um seine Wirkung abzuschwächen, verweist man 50 auf die noch höheren Schulden anderer roßstaaten, und Bülow ließ sie denn auch im Reichstage Revue passieren. Indes gibt es da einen bedeutsamen Unterschted. Die Riesen⸗ schulden anderer Großstaaten sind meist in großen Kriegen aufgenommen worden, d. h. in Ausnahmezeiten. So rührt die ungeheure Nattonalschuld Englands hauptsächlich aus den Jahren des Sezesstonskrieges mit den Ver⸗ einigten Staaten, der Epoche der Napoleonischen Kriege und dem Krimkriege her.— Die ge⸗ schilderte Anhäufung der Schuldenlast des Deutschen Reiches aber vollzog sich in einer Epoche, wo dieses keinerlei Krieg zu führen hatte. Es ist ein fast regelmäßiges Anwachsen, welches wir da vor uns sehen, wobei aber das Geschwindmaß von Jahrzehnt zu Jahr⸗ zehnt sich beschleunigt. Von 188788, in welchem Jahr Wilhelm II. an die Regierung kam, bis 1897/98 stieg die Reichsschuld von 721 Millionen auf 2182 Millionen, d. h. um jährlich rund 146 Millionen Mark! Und von da bis zum Jahre 1905 war sie auf 3543 ½ Millionen Mark, also um mehr als 160 Millionen Mark pro Jahr gestiegen. Das ist eine Steige⸗ rung in der Vermehrung der Schuldenlast, die auf die Dauer selbst das reichste Volk nicht ertragen könnte, und die sich kein Volk, das wirtschaftlich denkt, gefallen lassen darf. Denn was bedeutet sie? Einfach nur eine ebenso steigende Belastung der Volks wirtschaft mit Ausgaben für Zinsen, d. h. mit Tributzahlungen an das nichtstuende Kapital, die zuletzt doch immer von der schaffenden Arbeit getragen werden müssen. Zinsen heißen faktisch nur, daß der Preis für eine Anschaffung oder Leistung nicht einmal, sondern mehrere Male be⸗ zahlt werden muß; wo vernunftgemäß gewirt⸗ schaftet wird, dürfen sie nicht vorkommen. Müssen Zinseu gezahlt werden, so ist das eben ein Zeichen, daß etwas faul ist im Staate Dänemark. Das gilt für das Deutsche Reich, dessen Zinsenlast sich jetzt auf 127 Millionen im Jahre beläuft, umsomehr, als die durch die Reichsanleihen aufgebrachten Mittel nur zum allergeringsten Teil für sogenannte werbende Anlagen, d. h. für Anlagen, die selbst wieder jährliche Erträge abwerfen, ausgegeben wurden. Der weitaus größte Teil der Reichsschuld ist durch Ausgaben veranlaßt, die in keinem Ein⸗ nahmeposten durch Zinserträge und dergleichen wieder erscheinen. Für welche Zwecke die große Mehrheit dieser Ausgaben notwendig wurde, ist bekannt. Auch hier können wir wiederum den Reichs- kanzler selbst sprechen lassen.„1873,“ so er⸗ zählt er,„verlangten Reichs heer und Marine an fortdauernden Ausgaben 267 Millionen Mark, an einmaligen Ausgaben 66 Millionen Mark, im Etatsjahr 1891/2 an fortdauernden Ausgaben 456 Millionen Mark, an einmaligen Ausgaben 105 ¼ Millionen Mark. Hier hat der Bedarf für Reichsheer und Marine sich in 18 Jahren verdoppelt. Das Jahr 1902 erforderte bereits für Militär⸗ und Marine⸗ zwecke rund eine Milliarde Mark. Die Verdoppelung ist also annähernd schon nach 10 Jahren wieder erreicht.“ So weit Fürst Bülow. Man sieht, dieselbe Steigerung um 100 Prozent, die unter der Herrschaft Wil⸗ helms I., wo doch auch nicht an Heer und Marine gespart wurde, achtzehn Jahre brauchte, vollzieht sich unter dem jetzigen Regime in zehn Jahren. Eine so ungeheure, so reißend schuell steigende Vermehrung seiner unproduktiven Aus⸗ —— —— gaben verträgt kein Voll, sie übersteigt die gleichzeitige Steigerung des Nationalreichtums um ein Vielfaches. So belief sich das Ein⸗ kommen der Steuerzensiten Preußens, des größten deutschen Staates, 1892 auf 5961 Millionen, 1901 aber auf 8854 Millionea Mark. Eine Steigerung in 9 Jahren von noch nicht 49 Prozent. Würde die Erhöhung der Ausgaben für Heer und Marine sich jedesmal in eine entsprechende Erhöhung der direkten Steuern umgesetzt haben, so würde ein Schrei der Ent⸗ rüstung und des Entsetzens durch die kapita⸗ listische Welt gegangen sein, wie wir ihn noch nie zu hören bekommen haben. Aber man deckte ste, wie wir gesehen haben, aus den wachsenden Erträgen der indirekten Steuern, und so⸗ weit diese nicht hinreichten, durch Anlekhen. Die wachsende Verschuldung des Deutschen Reiches ist die unmittelbare Folge der unablässig wach⸗ senden Unterhaltungskosten des Molochs Mili⸗ tarismus und Marinismus, zu dem in neuerer Zeit auch der Posten Kolonialpolitik sich als Vielfraß hinzugestellt hat. Beansprucht doch er allein im Etat für 1906, alles in allem, die unerhörte Summe von über 120 Millionen Mark. Der Reichshaushalt für 1906 bilanziert in Einnahmen und Ausgaben mit über Zwei⸗ undeindrittel Millarden Mark und von dieser ungeheueren Summe siad zwei Drittel, näm⸗ lich rund 1400 Millionen Mark, Ausgaben, die auf Konto von Heer, Marine und Kolonialzwecke entfallen. Aber braucht nicht das Deutsche Reich Mittel der Verteidigung, der Sicherung des Friedens, des Schutzes für seinen auswärtigen Handel? Und ist die Sicherheit in Handel und Verkehr nicht auch ein ökonomischer Faktor von großer Bedeutung? Zweifelsohne. Es wäre lächerlich dies leugnen zu wollen. Aber niemand wird uns einreden können, daß bei dem heutigen Stande der Zivilisation die Güter des Friedens nur um diesen hohen Preis zu haben seien, daß der Frieden nur erhalten werden könne, wenn die Steuerschraube für Heer und Marine von Jahr zu Jahr stärker angezogen wird. An der Erhaltung des Friedens, am Schutz ihres auswärtigen Handels, sind al le Kultur⸗ nationen gleichmäßig interessiert. Und nie war dies Interesse so groß, wie heute. Trotz aller Schutzzollreaktion steigert sich der internationale Verkehr von Jahr zu Jahr. Ein immer dichteres, immer vielseitiger ver⸗ schlungenes Netz von Verbindungen aller Art — industriell, kommerziell, wissenschaftlich usw. — breitet sich über die zivilisterte Welt aus. Immer näher treten sich die Völker, immer solidarischer werden ihre großen Juteressen. Da ist es der reine Hohn, zu sagen, daß der Friede nur um das Opfer immer größerer, immer furchtbarerer Rüstungen erkauft werden könne. Es ist das Festhalten der herrschenden Klassen an einer innerlich schon längst überlebten Poli⸗ tik, welches diese unerhörte Vergeudung von Arbeitskraft in Form von Rüstungen unent⸗ behrlich macht. Diese Politik hat sich heute ein neues Gewand angezogen, sie nennt sich Weltpolitik und hat in Deutschland gerade unter der Regierung Wilhelms II. eine immer schärfere Zuspitzung erfahren. Das sprung⸗ mäßige Anwachsen des Heer⸗ und Marineetats, das rasche Anschwellen der Nationalschuld, das — 1 ——. — 5— 2 — 5 4 4 91 1* 6 11 1 14 5 ö 5 1. 1 1 1 111 a 1 Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 35. ist die Rechnung, die das Volk für diese Politik zu bezahlen hat. Grundbegriffe der Politik). E Sozialismus. Sozialtsierung. Expropriation. Staatssozialismus. Der Soztalis mus will die Unter⸗ werfung der Wirtschaft unter das menschliche Gesetz. Er lehrt, die wild⸗ wüchstgen(evolutionären) Kräfte der Gesellschaft bändigen und durch den bewußten Gesamtheits⸗ willen der Gesamtheit dienstbar machen. Eine Gesellschaft, die nicht für den Verkauf, sondern für den Verbrauch Güter erzeugt, die das durch kapitalistische Ausbeutung erzeugte arbeitslose Einkommen beseitigt, und die Arbeit derart regelt, daß durch den möglichst geringsten Kräfte⸗ aufwand eine möglichst ausreichende Befriedigung der Bedürfnisse aller erzielt wird, ist eine sozialistische Gesellschaft. Mit andern Worten: der Sozialismus überträgt das Prinzip der Technik, durch Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis mit möglichst geringen Mitteln mög⸗ lichst größte Wirkungen zu erzielen, auf das Gebiet der Wirtschaftspolitik. Die sozialistische Bewegung ist entstanden durch das Zusammen⸗ wirken der erkennenden Wissenschaft mit dem erwachenden Freiheitsdrang des Proletariats, sie muß mit dem Widerstand jener Klasse rechnen, die an dem Fortbestand der bestehenden kapita⸗ listischen Gesellschoft interesstert ist, kann also ihr Ziel nur erreichen durch den Klassenkampf. In Frankreich gebraucht man gleichbedeutend mit unserm Begriff des Sozialismus den Aus⸗ druck Kollektivismus, während sich die sozialdemokratische Bewegung in ihren Anfängen, um ihren Begriff des Sozialismus von andern unklaren zu unterscheiden, als eine kommu⸗ Uistische bezeichnete. Es liegt im Wesen der sozialistischen Gesell⸗ schaft, daß sie nicht entstehen kann durch Evolution, sondern geschaffen werden muß durch die Aktion. Die völlige Um⸗ wandluyg der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische ist also die Krönung und Vollendung der proletarischen Aktion. Der Umwandlungs⸗ prozetz selbst heißt Sozialisierung. Die Voraussetzung der sozialistischen Gesell⸗ schaft ist die EFpropriation, die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, und ihre Ueberführung in das Eigentum der Gesamtheit. Die Gesamtheit kann die Wirtschaft nur beherrschen, wenn sie allein Eigentümerin des Grund und Bodens, der Häuser und Ma⸗ schinen ist und sie allein berechtigt ist, Menschen mit der Erzeugung von Gütern gegen Entgelt zu heschäftigen. Die sozialistische Gesellschaft kann die Expropriierten entschädigen durch die Gewährung von Gebrauchs mitteln, nicht aber durch Gewährung von Produktions mitteln. Dadurch unterscheidet sich die sozialistische Ex⸗ propriation von der kapitalistischen. Auch der Staat der kapitalistischen Gesellschaft erkennt bekanntlich das Privateigentum nicht unbedingt an, sondern behält sich das Recht vor, Ent⸗ eignungen(Expropriattonen) gegen Entschädigung vorzunehmen. Der enteignete Kapitalist hört aber in diesem Falle nicht auf, Kapttalist zu sein, er kann von der Entschädigungssumme, die er für die Enteignung seiner Produkttons⸗ mittel erhalten hat, andere Produktionsmittel kaufen, er setzt also seine teilweise Herrschaft über die Wirtschaft, von dem einen Gebiet ver⸗ trieben, auf einem andern fort. Der Zweck der sozialistischen Expropriation ist es, die Herr⸗ schaft einzelner über die Wirtschaft überhaupt auf einmal oder schrittweise zu beseitigen, nicht also bestimmte Produktionsmittel zwangsweise gegen andere auszutauschen, sondern das Privat- eigentum an Produkttonsmitteln überhaupt zu beseitigen. Die sozialistische Expropriation will also nicht für ein gestörtes Ausbeutungsinteresse vollwertigen Ersatz leisten; der Zweck ihrer eventuell zu gewährenden Gegenleistung kann vielmehr nur sein, das Entstehen einer Notlage der Expropriierten zu verhindern. ) Siehe den betr. Artikel in Nr. 28, 29, 30, 31, 32, 33 und 34 der M. S.⸗Ztg. Das oberste Prinzip jeder soztalistischen Politik ist demnach, erworbene Ausbeuter⸗ rechte nicht zu respektieren und jedes Privat⸗ eigentum, dessen Bestand dem Gemeininteresse schädlich, dessen Ueberführung in gesellschaftliches Eigentum augenblicklich möglich ist, radikal aufzuheben. Daß der Ueberführung eines Teils der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigen⸗ tum etwa zu einer bestimmten Zeit noch Schwierig⸗ keiten organisatorischer Natur entgegenstehen, kann kein Grund sein, nicht schon auf andern Gebieten mit einer energischen Aktion der Sozialisterung vorzugehen. Der Staat kann beispielsweise die mineralischen Schätze des Landes und sein Verkehrswesen, die Gemeinde kann die Distribution von Nahrungsmitteln (Milchverkauf, Bäckerei, Fleischerei), örtliches Verkehrswesen, Licht-, Wasser⸗, Kraftversorgung, Heilmittelvertrieb usw. in ihre Gewalt nehmen, ohne daß auf der einen Seite bestehende Aus⸗ beuterinteressen geschont zu werden brauchen, ohne daß auf der andern Seite das private Unternehmertum auf andern Gebieten gleichzeitig aufgehoben werden müßte. Die Anerkennung des sozialistischen Prinzips bedeutet die Aner⸗ kennung der Oberherrschaft der Gesamtheit über die ganze Wirtschaft, diese Oberherrschaft braucht deshalb aber nicht auf allen Gebieten gleichzeitig in gleicher Weise zum Ausdruck zu kommen, sondern vorerst auf dem einen ruhen, während ste sich auf dem andern betätigt. Grundsatz der kapitalistischen Politik ist, das Privateigentum als die unerschütterliche Grund⸗ lage der Gesellschaft anzuerkennen; Grundsatz der sozialistischen Politik dagegen, kein durch die bestehende Rechtsordnung fundiertes Privat⸗ interesse gelten zu lassen, wenn es im Gegensatz zum Interesse der Gesamtheit steht, und, zum erkannten Wohle des Ganzen, auch die Schranken der bestehenden Etlgentumsordnung zu über⸗ schreiten. Die Sozialisterung ist der sozialisti⸗ schen Politik nichts als eine Frage der praktischen Reform, keine„Rechtsfrage“, denn sie erkennt grundsätzlich kein privates Eigentumsrecht an über dem Rechte der Gesamtheit. Bericht des Parteivorstandes an den Mannheimer Parteitag. Vergangene Woche erschten der diesjährige Bericht des Parteivorstandes, der auf 52 Seiten sich sehr eingehend mit allen Parteiangelegenheiten befaßt. Wir können aus räumlichen Gründen nur einige daraus wiedergeben. Zunächst gedenkt der Bericht der im Laufe des Jahres verstorbenen Mitkämpfer. Dann erwähnt er die Polizei⸗ spitzel⸗Affairen in Berlin, wo Kriminalpolizisten versuchten, Parteigenossen zu Polizeidiensten zu gewinnen, damit aber glänzend abfielen. Weiter wird mitgeteilt, daß mit den polnischen Genossen nunmehr eine vollständige Einigung erzielt set. Ferner werden die Saalabtreibereien in verscktiedenen Gegenden und Orten geschildert. — Für die Opfer der russischen Revolution stind bis zum Jahresschlusse 307 399 Mk. ein⸗ gegangen und ihrem Zwecke zugeführt worden. Ueber die Maifetier sagt der Bericht: Die vorjährigen Verhandlungen über die Mai⸗ feier auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß und dem Jenaer Parteitag haben den Erfolg gezeitigt, daß in den Partetkreisen über die Art und den Umfang der Beteiligung an der Arbeitsruhe allgemeine Befriedigung zum Ausdruck kam. Besondere Bedeutung hatte die diesjährige Mai⸗ feier noch für die Genossen Preußens, daß sie Anlaß bot, die Demonstration auf die Forderung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für den preußischen Landtag aus⸗ zudehnen. In den größeren Städten waren die Vor⸗ mittagsversammlungen meist überfüllt. In Berlin zeigten die Arbeiterviertel ein festtäg⸗ liches Bild. An der Arbeitsruhe beteiligten sich auch die Fabriken der Metallindustrie in großem Umfang. In vier großen Sälen waren die Versammlungen der Metallarbeiter arrangiert, die sämtlich überfüllt waren. Die Organisations⸗ leiter schätzten die feiernden Metallarbeiter auf; bekämpfen hatten. mindestens 25000. Wie immer, waren die Holzarbeiter, Bauhandwerker und andere Berufe fast vollzählig am Platze. ruhte diesmal die Arbeit im Hafen in umfang⸗ reicher Weise. Die Drohung der Reeder, die Feiernden bis zum 11. Mai auszusperren, ver⸗ fehlte ihre Wirkung. Die dann tatsächlich er⸗ folgte Aussperrung von 6000 Hafenarbeitern hat der Verband mit Unterstützung der Partei überwunden. Wir haben die feste Ueberzeugung, die Mai⸗ feier hat so festen Boden in der deutschen Ar⸗ beiterklasse gefaßt, daß sie unverbrüchlich an derselben festhalten werden. Agitation und Organisation. Den auf dem Jenaer Parteitag angenommenen An⸗ trägen, in denen der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages Direktiven gegeben wurden, ist, soweit dies in den geschäftsordnungsmäßigen Formen des Reichstags möglich war, entsprochen worden. Eingehenderen Bericht darüber gibt der an den Parteitag erstattete Bericht über die parlamentarische Tätigkeit unserer Reichstags⸗ fraktion. Im Weiteren werden die Gründe aufgeführt, weshalb eine Anzahl vom Jenger Parteitage beschlossener Anträge noch nicht durchgeführt werden konnten, ferner die neu herausgegebenen Broschüxen aufgezählt. In Vorbereitung ist die Anfertigung einer Zusammenstellung der seit Schaffung des Reichs⸗ tags von der sozialdemokratischen Fraktion ein⸗ gebrachten Anträge und Gesetzentwürfe. Die Zusammenstellung wird den Genossen ein Bild geben von der Tätigkeit ihrer Vertretung im Reichstag; sie wird aber auch eine Ueberstcht geben darüber, wie schwierig der Weg ist, die Gesetze im Interesse der Arbeiterklasse zu ver⸗ bessern. Der Trieb zum Selbststudium ist bei den Genossen hoch entwickelt. Doch fehlt denselben dabei bisher eine Unterlage für systematische Arbeit. Diesem Uebelstand abzuhelfen, wird der Parteivorstand einen Leitfaden herausgeben, der den Genossen die Einführung in die sozi⸗ alistische Literatur erleichtern, wie ste in den Stand setzen soll, eine Materialiensammlung anzulegen und in geordueter übersichtlicher Weise fortzuführen. Der Parteivorstand hat im Einverständnis mit der Kontrollkommtisston Vorbereitungen ge⸗ troffen, daß der erste Ausbildungskursus für Parteifunktionäre noch in diesem Herbst— im November— eröffnet werden kann. Jeder Kursus ist auf sechs Monate berechnet. Die Kosten des Unterrichts und der Unterhaltung der Teilnehmer werden aus der Parteikasse bestritten. Eingehendere Details über die Art der Meldung, der Vorprüfung der Gesuche um Aufnahme usw. ist den Bezirksleitungen durch Zirkular bekannt gegeben. Ein weiteres Bedürfnis machte sich dahin geltend, den die mündliche Agitation betreibenden Genossen gestchtetes Material zur Verfügung zu stellen, das ihnen als Leitfaden dienen soll, sowohl gegnerische Angriffe abzuwehren, als auch mit gut substanttierten Augriffen dem Gegner auf den Leib zu rücken. Der Parteivorstand hofft, dem vorhandenen Bedürfnis mit der seit dem 1. Juli herausgegebenen„Sozialdemokra⸗ tischen Correspondenz“ gedient zu haben. Der Aufbau der Parteiorganisation auf Grund des auf dem vorjährigen Parteitag be⸗ schlossenen Statuts ist im Laufe des Jahres fast überall vollzogen worden, außer da, wo gesetzliche Hindernisse in dem Weg standen. Der Kreiswahlverein— teils einheitlich, teils aus Ortsvereinen bestehend— ist an Stelle des Vertrauensmännersystems getreten, das nur noch die Ausnahme bildet. Ebenso sind die Bezirksverbände und Landesorganisationen ent⸗ sprechend dem Jenaer Statut gebildet oder ausgebaut worden. Die Wahlrechtsbewegung nimmt dann einen breiten Raum im Berichte ein und es werden die einzelnen Bundesstaaten aufge⸗ zählt, in denen unsere Genossen sich um Er⸗ langung eines besseren Wahlrechts bemühten, oder die Wahlrechtsraubgelüste der Gegner zu Es kam dabei in Sachsen zu Straßendemonstrationen. Zu einem Antrag der Breslauer Genossen betreffend Wahlrechts⸗ In Hamburg . — ö * 5 bel 0 10 bl. aten U „ en c N en Ah 0 bin el 0 bien rohen 1 ght ber die tags, ffühtt, deltage gefühtt gebenen einer Reichs. on ein „Du N Bild ng in bersich sst, die u ber; dei den selben natische „ wird Zgebel, e soz in den mluag Weise indnis en ge, 15 ful — f. Jeder . DM saltung cteikass die Au che Un durch dahil shendel fügung en fol, U 1 1 Gegntt rad det sel oro. * . — . Nr. 35. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. . A 2 Seite 3. demonstrationen wird bemerkt: Soweit bei diesen Demonstrationen an Straßendemonstra⸗ tionen gedacht war, stand dieser Beschluß im Widerspruch mit den Beschlüssen des preußi⸗ schen Parteitages. Dort war beantragt, der Wahlrechts resolution folgenden Zusatz zu geben: „Desgleichen fordert der Parteitag die Genossen auf, bei solchen Anlässen in allen Großstädten und Industriezentren Masseudemonstrationen größten Stils gegen die Klassenwahl und für das demokratische Wahlrecht zu veranstalten.“ Dieser Antrag war aber von der übergroßen Mehrheit des Parteitages abgelehnt worden. Der Parteivorstand wies in einer am 10. No⸗ vember veröffentlichten Erklärung auf diesen Umstand hin, er beschloß aber, nun eine Agi⸗ tation im Sinne der auf dem preußischen Partei⸗ tag beschlossenen Resolution einzuleiten. In Verbindung mit den Berliner Vertrauensleuten wurde beschlossen, ein Flugblatt in ganz Preußen zu verbreiten und gleichzeitig überall Versammlungen einzuberufen, in welchen gegen das bestehende Unrecht protestiert werden sollte. Am 14. Januar wurde das Flugblatt in zirka 6 Millionen Exemplaren verbreitet. Der nächste Sonntag wurde als Tag für die Ver⸗ sammlungen bestimmt. Der Umstand, daß dieser Tag in der Geschichte der Revoluttonen von besonderer Bedeutung ist, da am 21. Januar 1793 Ludwig XVI. in Paris hingerichtet wurde, wie es auch der Jahrestag der Metzeleien in St. Petersburg war, mochte dazu beitragen, die Herrschenden besonders nervös zu machen. Ganz planlos wurden unsere Flugblätter kon⸗ fisziert. In demselben Flugblatt fanden die Staatsanwälte je nach ihrem Temperament alle erdenklichen Vergehen und Verbrechen, ob⸗ wohl es doch nur sagte, was ist. Der 21. Januar wurde ein Triumphtag für die Sozialdemokratie. In tausenden Versamm⸗ lungen war das Volk zusammengeströmt, um seinen Forderungen Geltung zu verschaffen. Zwar hatten die Scharfmacher gehofft, daß nun ein Tag gekommen sei, an welchem ein Aderlaß am Volke vollzogen werden könne. Die Vor⸗ bereitungen dazu waren überall getroffen worden, aber diese Pläne wurden durch die Haltung der Massen durchkreuzt. Die Arbeiter zeigten dieselbe Ruhe und Entschiedenheit, mit denen sie auch das Sozialistengesetz zu Falle gebracht haben. Einmütig waren die Parteigenossen der Ausicht, daß die Vewegung fortgesetzt werden müsse. So wurden der 18. März und der 1. Mai Demonstrationstage für das allgemeine Wahlrecht. (Fortsetzung folgt.) Politische Rundschau. Gießen, den 30. August 1906. Wem nützen die Kolonien? Zu den Geschäftspraktiken Tippelskirch liefert die„Liberale Korrespondenz“ folgenden Beitrag: „Bei der Postverwaltung erhalten alle Bewerber, die für den Tropendienst als geeignet befunden sind, zugleich mit der Einberufung ein Zirkular, worin ste darauf aufmerksam gemacht werden, daß es sich für sie empfehle, die für den Tropen⸗ dienst nötigen Requisiten sich durch die Firma Tippelskirch zu beschaffen, die hierin besonders leistungsfähig sei. In einem uns mitgeteilten Falle hat ein Postbeamter, der zufällig die Bezugsquelle der Firma Tippelskirch in Er⸗ fahrung gebracht hatte, für dieselben Schuh⸗ waren, wofür die Firma Tippelskirch 35 Mk. forderte, bei der Lieferantin von Tippelskirch 18 Mk. bezahlt.“ Unter den Beamten und Offizieren herrschte vielfach Erbitterung über die unerhörten Preise, die sie bei Tippelskirch bezahlen mußten.— Die„Frkftr. Ztg.“ be⸗ rechnet, daß sich der Gewinn der Firma auf mindestens eine Million Mark jährlich beziffert. Die Reederftrema Wörmann in Ham⸗ burg verdiente wohl noch mehr mit der famosen Kolonialpolitik als Tippelskirch. Denn Wör⸗ mann hatte das Beförderungsmonopol und seine Gesellschaft hat im vorigen Jahre über siebzig Prozent Dividende verteilt! Die Sozial⸗ demokraten haben es ja stets gesagt: die Kolo⸗ nien nützen nur einzelnen Kapitalisten, die Millionen gewinnen, die das Volk aufbringen muß. Hier ist der Beweis dafür erbracht, wenn noch einer gefehlt hätte! Boykott ist gesetzlich zulässig. Vor Kurzem ist ein Reichsgerichts urteil ergangen, das einiges Aufsehen erregt hat. Es erklärt den Boykott in ausgedehntem Maße für zulässig. In der Sache handelte es sich um eine Schadensersatzklage boykottterter Bäckermeister in Kiel gegen die Urheber des Boykotts, die abgewiesen wurde. Die Begrün⸗ dung des Reichsgerichtsurteils stellt folgende Grundsätze auf: 1) Boykott oder Streik im Lohnkampf sind nicht rechtswidrig. Die Unternehmer können Ersatz der Verluste, welche sie infolge derselben erlitten haben, nicht verlangen. 2) Darin, daß ein Verein von Arbeitnehmern, der in einen Lohnkampf zur Erringung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen eingetreten ist, in Gemäßheit seiner Satzungen denjenigen seiner Mitglieder, die sich am Kampfe nicht beteiligen würden, lediglich den Verlust ihrer Mit⸗ gliedschaft in Aussicht stellt, ist eine Drohung im Sinne des§ 153 der Gewerbeordnung nicht zu finden. 3) Es ist keine durch§ 153 der Gewerbe⸗ ordnung verbotene Drohung, wenn die Partei, welche durch an sich erlaubte Kampfmittel günstigere Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen zu erlangen strebt, den Gegnern die bevorstehende Anwendung dieser Kampfmittel ankündigt und dadurch auf deren Entschließung über die Streitfragen einzuwirken sucht. 4) Es verstößt nicht gegen die guten Sitten, wenn Arbeitnehmer zur Erringung günstiger Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen und zur Beseitigung von Zuständen und Einrich⸗ tungen, durch welche ste sich beschwert fühlen, die Mitwirkung weiter Kreise des Publikums durch die Presse oder durch Flugblätter anrufen. Der hier mehrfach angezogene§ 153 der Gewerbeordnung droht dem eine Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten an, der andere durch An⸗ wendung körperlichen Zwangs, durch Drohungen, durch Ehrverletzung oder durch Verrufserklärung zu bestimmten, genauer angegebenen Handlungen oder Unterlassungen, in der Hauptsache zur Teilnahme an Lohnkämpfen oder zur Gewährung günstiger Arbeitsbedingungen zu bestimmen ver⸗ sucht. Die Frage, ob und unter welchen Vor⸗ aussetzungen der Boykott unter diesen Para⸗ graphen falle, war bisher von den Gerichten außerordentlich widerspruchsvoll entschieden worden. Es herrschte ein Zustand der Rechts⸗ losigkeit, dem die jetzige Reichsgerichtsentscheidung ein Ende macht.— Natürlich paßt diese ver⸗ nünftige Entscheidung den Scharfmachern durch⸗ aus nicht und ihre Blätter eifern und wüten dagegen. Polizeischlacht in Nürnberg. Schlimmer als im Frühjahr bei der Bres⸗ lauer Polizei⸗Attacke ist es in der alten, ehe⸗ maligen Reichsstadt Nürnberg zugegangen. Dort streiken in der Automobilfabrik„Union“ (Regensburgerstraße) die Arbeiter seit längerer Zeit. Vorige Woche schon provozierten die dort beschäftigten Arbeitswilligen einen Zusammen⸗ stoß, in dessen Verlauf der Genosse Fleisch⸗ mann von einem Streikbrecher erschossen wurde. Nicht weit von der genannten Fabrik wird das„Volksfest“ gefeiert, es gab infolge⸗ dessen in der Straße sehr lebhaften Verkehr von Leuten, die zum Teil angeheitert waren. Dabei mögen wohl einige höhnische Zurufe gegen die Polizei vorgekommen sein, was diese veran⸗ laßte, wie wahnstunig darauf los zu schlagen. Dabei wurde eine große Anzahl harmloser Straßenpassanten verletzt. Während von der„Ordnungspresse in unerhörter Weise gegen die Arbeiter, besonders die Streikenden, gehetzt und ihnen die Schuld an den Vorkommnissen aufgebürdet wird, steht fest, daß diese durchaus unbeteiligt sind. Die Zusammenstöße wurden vielmehr durch das riesige und überflüssige Polizeiaufgebot hervorgerufen, das halbwüchsigen Burschen zum ——— E—-2ů— Johlen und Schreien Veranlassung gab. Die Zeitungen Nürnbergs enthalten zahlreiche Zu⸗ schriften von Augenzeugen, die sich lebhaft über die Poltzet beklagen, die blindwütig auf ahnungs⸗ lose Straßenpassanten, Wirtshausgäste, Frauen und Kinder losschlug und ein fürchterliches Blutbad anrichtete. Kurz, es ging russisch⸗ kosakisch zu! 300 Verwundete werden gezählt, neun Zehntel davon sind harmlose Passanten, die vom Volksfest oder von der Ausstellung kamen! Dazu wird wieder eine Mordtat eines Streikbrechers aus Fürth berichtet. Ein arbeitswilliger Maurer stieß einem Streikposten nach vorausgegangenem Wortwechsel den Dolch in die Brust, glücklicherweise glitt er an einer Rippe ab und traf das Herz nicht, wie es der Schurke wollte. Solche Untaten sind nicht ver⸗ wunderlich; wenn, wie es dort tatsächlich geschah, die Streikbrecher von den Gendarmen zu Mord und Totschlag aufgefordert werden! Revolution in Rußland. Bombenangriff auf den Ministerpräsidenten Stolypin. Am Samotag fand in der auf der Apotheker⸗ insel in Petersburg gelegenen Villa Stolypins eine furchtbare Bombenexplosion statt. In einem Wagen fuhren 4 Personen, zwei davon in Offiziers⸗Uniform, vor. Sie traten in die Pförtnerstube ein, wo einer der Offiziere eine Bombe in den Vorderraum des Hauses warf, der einer der Zivilisten sofort eine zweite folgen ließ. Diese richtete furchtbare Verherungen au. Die Vorderwand beider Stockwerke, der Balkon, die Terrasse und die beiden ersten Zimmer sind geradezu in Atome zerschmettert. Stolypin selbst trug leichte Verletzungen davon. Der im Nachbarzimmer befindliche, beim Minister des Innern als Beamter in besonderem Auf⸗ trage fungierende Generalmajor Samjatin wurde getötet, dem Hofmeister Woronin der Kopf abgerissen. Getötet wurden auch der Pförtner und sämtliche in der Pförtner⸗ stube befindlichen Personen, darunter alle vier Attentäter. Die 25 jährige Tochter Stoly⸗ pins, die sich im oberen Stockwerke der Villa befand, erlitt schwere Verletzungen an beiden Beinen, die amputiert werden müssen, ein kleiner Sohn des Ministers erlitt einen Beinbruch. In das Peter⸗ und Paul⸗Hospital wurden 24 Leichname und 22 Verwundete geschafft; drei von den letzteren sind beim Ver⸗ bande gestorben; außerdem sind noch drei am Spätabend gestorben. Die Gesamtzahl der durch die Exploston Getöteten beträgt mithin dreißig. Die Toten und Verwundeten sind meist Militärs und Beamte. Einige Gouver⸗ neure sind tot, ebenso Fürst Nakaschidse und verschiedene Offiziere. Weitere zwei Fürsten sind noch verwundet.— Das Attentat beweist, wie die Gewalthaber trotz aller Vorsicht und aller nur denkbaren Bewachung nicht sicher und den Revolutionären gegenüber hilflos sind. Doch wird anderseits dazu noch berichtet, daß das Attentat von der„schwarzen Bande“ aus⸗ geführt worden sei. Weitere Opfer. Kaum war das Attentat gegen Stolypin bekannt, als schon wieder ein weiteres gemeldet wurde. Am Sonntag wurde General Min von einem jungen Mädchen erschossen. Dieser hat sich besonders bei der Unterdrückung des Moskauer Aufruhrs verhaßt gemacht durch die entsetzlichen Grausamkeiten, für die er verantwortlich ist.— Ferner wurde am Montag in Warschau der Korpskomman⸗ deur General Wonliarliarski, sowie der Gouverneur Labarski durch Revolverschüsse ermordet. Die Täter entkamen. n Die hessische Landeskonferenz wurde am Samstag Punkt 8 Uhr im hübsch dekorierten Saale der„Schönen Aussicht“ in Mühlheim eröffnet. Nachdem der dortige Arbeitersängerchor die Delegierten mit zwei gut vorgetragenen Liedern begrüßt hatte, hieß Ge⸗ nosse Klug die Konferenz willkommen. Er bemerkte dabei, daß man zwar hier keine Natur⸗ 9 5 1 W 1714 14 1 6 1* 68 5% J. 4 7 5 1 1 1 — N 1 ö 14 . 1 1 9 N 4 41 1 4 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung! Nr. 35. schönheiten bieten könne, daß aber Mühlheim gewissermaßen ein historischer Boden der Sozial⸗ demokratie sei. Schon in den 60er Jahren habe hier der Allgemeine Deutsche Arbeiter⸗ verein Wurzel gefaßt. Zwar gingen diese An⸗ fänge während des Sozialistengesetzes wieder zu Grunde, doch steht jetzt unsere Partei in Mühlheim stark und gefestigt da; mehr als 700 Genossen— über die Hälfte der Wahl⸗ berechtigten— gehören der sozialdemokratischen Organisation an, im Gemeinderate besitzt die Sozialdemokratie die Mehrheit. Redner schildert im Weiteren die Wahlkämpfe in der Gemeinde, wobei auf Seite der Gegner mit genau den⸗ selben schoflen Mitteln gearbeitet wurde, wie anderwärts. Und jetzt wird unser Beigeordneter Zahn nicht bestätigt, weil er, wie der Offen⸗ bacher Kreisrat sagte, bei einem Volksaufstande die Polizeigewalt zu Gunsten des Aufstandes anwenden würde! Wir werden aber der Re⸗ gierung unsern„Zahn“ immer wieder zeigen! schloß Redner unter Beifall. Nach erfolgter Bureauwahl, in der Ulrich und Kluge als Vorsitzende und Friedrich⸗ Darmstadt als Schriftführer bestimmt wird, erstattet Ulrich den Bericht des Landes⸗ komitees. Er verweist auf den(von uns ebenfalls veröffentlichten) gedruckten Bericht und bemerkt, daß im verflossenen Jahre sich unsere Organisation recht gut entwickelt habe, was zum guten Teil der Einrichtung des Partei⸗ sekretariats zuzuschreiben sei. Dr. David geht in seinem Bericht als Sekretär zunächst auf die Beschwerde ein, die vom Friedberger Kreise wegen des zu späten Erscheinens des Landtagswahl⸗Flugblattes er⸗ hoben wurde. Das Flugblatt konnte nicht eher erscheinen, als der Landtag geschlossen war, dann sei es aber sofort herausgekommen. Uebrigens dürfe man sich doch nicht allein auf die Flugblätter verlassen.— Die Wahlrechts⸗ vorlage solle zwar wieder eingebracht werden, trotzd m müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, daß wir auch noch zur nächsten Landtagswahl indtrekt wählen, ein Grund mehr zu immer⸗ währender energischer Arbeit! Besonders müsse für Verbreitung der Presse gesorgt werden. Redner bespricht weiter die statistischen Auf⸗ stellungen über die Stärke der einzelnen Wahl⸗ vereine. Er stellt ferner in Aussicht, daß er demnächst in Offenbach, Mainz und Gießen Ausbildungskurse für Redner abhalten wolle. Es sei kein Zweifel, daß der nächste Reichstags⸗ Wahlkampf an Schärfe alle seine Vorgänger übertreffen werde, die bürgerlichen Parteien werden verzweifelte Anstrengungen machen. Schließlich teilt er noch mit, daß er leider genötigt sei, das Amt als Sekretär niederzulegen, weil die Arbeitslast zusammen mit den Reichs⸗ und Landtagsmandaten zu groß für ihn sei. Kasstierer Orb weist auf die gedruckt vor⸗ liegende Abrechnung hin, der er noch hinzufügen wolle, daß 2500 Mk. an die Parteikasse in der Ausgabe enthalten seien. Die Opferwilligkeit unserer hessischen Parteigenossen sei wohl anzu⸗ erkennen, doch reiche sie noch lange nicht an die der Berliner und norddeutschen Genossen heran. Mehrfach sei der Wunsch geäußert worden, Kreisleiter anzustellen; das Landeskomitee sei bereit, dafür Mittel zu bewilligen. In der Debatte beschwert sich Busold⸗ Friedberg, daß kein Maifeier⸗Flugblatt erschienen sei. Man hätte auch vom Protokoll der Alzeyer Konferenz wenigstens einen Auszug herausgeben können. Bei der Landtagswahl habe der Vorstand versagt; das Wahlflugblatt sei viel zu spät herausgekommen. Fröhder⸗ Mainz wendet sich dagegen, daß der Bericht in Bezug auf die Frankfurter Parteigenossen von „Großmannssüchtigen“ rede. Außerdem bringen Götz⸗Darmstadt, Engelmann ⸗Worms, Grze⸗ stnski und Eißnert⸗ Offenbach noch mehrere Beschwerden und Wünsche vor, auf die Ulrich antwortet. Er erklärt, wie schon David, daß das Wahlflugblatt gar nicht eher herauskommen konnte. Im Weiteren wendet er sich gegen die erhobenen Vorwürfe. Das Gleiche tut Dr. David bezüglich seines Verhaltens bei der Darmstädter Nachwahl, über welch' letztere sich noch mehrere Redner äußern, worauf Schluß der Debatte erfolgt. Dem Landeskassterer wird Entlastung erteilt; ferner wird beschlossen, die noch vorhandenen Exemplare des Handbuches an die Parteigenossen unentgeltlich abzugeben und weiter ein Maifeier⸗Flugblatt zum 1. Mai herauszugeben. Hierauf Schluß der Sitzung. Am Sountag früh berichtet Ulrich über die Verhandlungen bezüglich der Presse und bemerkt, daß ein tägliches Organ für Oberhessen in Gießen erscheinen solle. Die Wünsche Darm⸗ stadts wegen eines Tageblattes seien ebenfalls berechtigt, doch mit Errichtung eiuer eigenen Druckerei müsse man vorsichtig sein. Die von den Friedbergern gewünschte Verschmelzung der hessischen Blätter sei unmöglich; heute gehe die Entwickelung der Presse auf eine gesunde Dezen⸗ tralisation. Er ersucht, den Antrag des Landes⸗ komitees anzunehmen. Busold meint, ein Gießener Blatt sei ein„totgeborenes Kind“, ohne indeß wettere Gründe für seine Befürch⸗ tungen vorzubringen. Eine Reihe Redner treten für ein tägliches Blatt in Darmstadt ein. Vetters und Eißnert treten für Annahme des Antrags des Landeskomitees ein, der gegen wenige Stimmen angenommen wird. Ueber den Parteitag in Mannheim referiert Dr. David. Er schlägt folgende b vor, die einstimmig angenommen wird: „In der Erwägung, daß zur Anwendung und er⸗ folgreichen Durchführung eines politischen Massenstreiks, die Mitwirkung der Gewerkschaften ganz unentbehrlich ist, spricht die hessische Landeskonferenz die Erwartung aus, daß die Verhandlungen des Mannheimer Partei⸗ tags zu Beschlüssen führen möchten, die eine Verständigung mit den gewerkschaftlichen Organisationen erleichtern. Um für die Zukunft in allen die Partei und die Gewerkschaften berührenden Fragen von vorn herein Gegensätze möglichst auszugleichen und ein einheitliches Handeln zu sichern, hält es die Landeskonferenz für notwendig, daß eine ständige Verbindung zwischen den obersten Leitungen von Partei und Gewerkschaften her⸗ gestellt wird.“ Ueber das Referat Davids und die weiteren Verhandlungen berichten wir in nächste Nummer. — . Pon Nah und bern Gießener Angelegenheiten. — Alles wird teurer! Die Preise für Seife sollen demnächst auch erhöht werden. Verschiedene Versammlungen der Seifenfabri⸗ kanten des Bezirks Frankfurt, Gießen ꝛc. haben sich bereits mit der Frage befaßt. Die Erhöhung der Preise wird mit den immerwährenden Preis⸗ steigerungen der Rohmaterialien(Fett, Oel ꝛc.) begründet, die die hohen Viehpreise nach sich ztehen. Für den Arbeiterhaushalt bedeutet die Verteuerung eines so wichtigen Bedarfsartikels, wie die Seife es ist, natürlich eine weitere Belastung, die noch zu dem Lebensmittelwucher hinzukommt. — Gegen die Art der Arbeits⸗ vergebung bei dem Neubau der höheren Mädchenschule beschwert sich lebhaft die Gießener Schretnerinnung. Sie wendet sich da⸗ gegen, daß die Arbeiten nach auswärts vergeben wurden. Wir sind allerdings auch dafür, daß die Arbeiten am Platze blieben, wenn nicht etwa übertriebene Forderungen gestellt werden. — Auch die Weißbinder⸗Innung liest ihrem Kollegen Nikolaus in einer großen Erklärung den Text und wirft ihm Unterbietung vor. In Bezug auf die Arbeiterbehandlung bei Herrn gehör. haben wir bisher Nachtekliges nicht ehört. n 9— Bündlerische Preß gründung. Das Blatt des Herrn Hirschel, die antisemitische„Volkswacht“, soll, wie berichtet wird, vom 1. Januar 1907 ab täglich erscheinen. Der Verlag wird in eine Aktiengesellschaft mit 120 000 Mark Kapital umgewandelt. Als Direktor soll Hirschel an die Spitze des Unternehmens gestellt werden. Bezeichnenderweise beteiligen sich die„National⸗ liberalen“ Graf Orkola und v Heyl zu Herrnsheim mit je 10 000 Mk. an dem Unternehmen. Außerdem habe Baumaterialienhändler Ullrich dazu 15 000 Mk. gegeben, der hat also noch mehr übrig, als der 30 fache Millionär Heyl.— Eine nette Geschichte übrigens! Die national⸗ liberalen Führer geben Geld für ein antisemitisch⸗ bündlerisches Blatt! Aber wir geben gerne zu, daß der Lederkönig und das Gräflein beide keinen Schimmer mehr von„liberal“ haben und mehr der antisemitisch⸗ konservativen Richtung zuneigen. Immerhin gehören sie doch noch zu den offiziell anerkannten Führern der Nationalliberalen! Wenn die Bauern jetzt noch nicht einsehen, daß sie vom„Bauernfängerbund“— wie ihn Hirschel einst nannte— an der Nase herum geführt werden, so ist ihnen nicht mehr zu helfen. Der Bauern⸗ leger Heyl kauft sich das Preßorgan des Bauernbundes! Das ist genau so, als wenn Schafe den Wolf zu ihrem Hirten wählen! r. Der Streik in der Gail'schen Dampfziegelei dauert noch fort. Die Streikenden haben diese Woche das Gewerbe⸗ gericht als Einigungsamt angerufen, worauf Herr Gail erklärt hat, daß er zu Verhandlungen bereit sei, doch müsse die Sache bis Mitte September anstehen, weil die betreffenden Be⸗ amten seines Werkes bis dahin von Gießen abwesend seien. Der Streik dauert jetzt schon 7 Wochen; daher erscheint seine baldige Bei⸗ legung im Interesse beider Teile wünschenswert. Von Seiten der Arbeiter wurde auch kein Mittel zur Einigung unversucht gelassen. Wir meinen, es wäre Herrn Gail jetzt schon möglich, ohne daß sein Betriebsleiter Wagenschein dabei wäre, die bescheidenen Forderungen seiner Arbeiter zu bewilligen, denn wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. An den Streikenden liegt es nun immer noch, daß sie ihre bisherige musterhafte Haltung bewahren und dafür sorgen, daß keine weiteren Streikbrecher zu verzeichnen sind. Dann wird auch dieser Lohnkampf einen Erfolg für die Arbeiter zeitigen. — Auf die Lassallefeier, welche die Gießener Genossen diesen Sonntag in Klein⸗Linden, im Lokale des Gastwirts B. Hinterlang veranstalten, sei nochmals aufmerksam gemacht. Die Parteigenossen wollen sich recht zahlreich beteiligen. — Die Mitglieder sowie Freunde der„Freien Turnerschaft“ werden darauf aufmerksam gemacht, daß diese in ihrem Vereins okale im„Pfau“(Neustadt) Samstag, den 1. September, einen gemütlichen Herrenabend veranstaltet. Für reiche Unterhaltung ist bestens gesorgt. Wer also einige vergnügte Stunden verleben will, der benutze diese Gelegenheit. Anfang 1/9 Uhr. Aus dem Rreise gießen. r. Alten⸗Buseck. Nach dem Beschluß der Be⸗ zirkskonferenz in Trohe sollte die Berichterstattung von der Landeskonferenz vierzehn Tage nach der Konferenz stat tfinden. Der Umstand aber, daß dieser Sonntag als auch der folgende uns für diesen Zweck sehr ungünstig erscheinen, veranlaßt uns, die Versammlung auf Sonntag, den 2. September, einzuberufen. Wir bitten die Partei⸗ genossen, die Tagesordnung unter Parteinachrichten nach⸗ zulesen und für einen recht zahlreichen Besuch Sorge zu tragen. — Niederlage Köhlers. Die Bürgermeister⸗ wahl in Langsdorf am Samstag hat zu einer ver⸗ nichtenden Niederlage Philipp Köhlers geführt. Er er⸗ hielt nur 55 Stimmen, während sein Gegenkandidat, der Beigeordnete Schiel, 128 Stimmen aufbrachte. So hat ihm also sein e Beschwörung der altgermanischen Götter für seine Wahl nichts genützt. Ob etwas Besseres nachgekommen ist, fragt sich allerdings noch sehr, von vernünftiger Kommunalpolitik ist wohl eher bei Köhler, als bei seinem Nachfolger die Rede. Denn Köhler soll sich, wie wir hören, immerhin Mühe gegeben haben, die Gemeinde in modernem Sinne zu leiten und vorwärts zu bringen. — Eine anttsemitische Dreckseele schüttete in dem Friedberger Bündlerblatte einige Schmutzkübel über die Streikenden der Gail'schen Fabrik aus. Der Bursche will, daß seine niedrige Gesinnung der Oeffent⸗ lichkeit nicht vorenthalten bleibe und spricht zum Schluß die Hoffnung aus, daß sich das„Sozzenblatt in Gießen“ damit beschäftige. Damit hat er eigentlich recht, seine verlogenen Gemeinheiten gehören in der Tat nledriger gehängt. Der Bursche lügt unter anderen Folgendes: „Der Hauptzweck des Streikes war nicht die Forderung nach höherem Taglohn, sondern, man wollte die Arbeiter in den Verband zwingen und dann mit dem Streik be⸗ weisen, was der Verband alles fertig brächte. Es standen bei diesem Streik kaum irgendwelche wirlschaft⸗ liche Fragen im Vordergrund, vielmehr war der Streik ein sozialdemokratisches Machwerk. Die Haupträdels⸗ führer auch dass cheele Großmaul und der kleine Gernegroß suchen zwar jetzt die Schuld an all dem Unglück, das sie über 150 Arbeiter gebracht haben, von sich abzuwälzen, aber die ganze Umgegend kennt die Brüder und Hetzer ganz genau. Jetzt steht der Winter vor der Türe und mancher möchte gern wieder an seinen schönen, sicheren und warmen Arbeitsplatz. Es ist ja schon eln sehr großer Tell der kleinen Bauern im Umkreis von Gleßen, nachdem sie das wahre Gesicht der Familien zerstörenden 3— — 3 2 — 95 1 1 1 0 5 . 2 5 1 0—.— = — D 5 „ren icht, daß Neustabh itlichen erhaltung Ssunden Anfang 1 der.. attung tonferen 0 Sonnig ubün Son e Pa“ ten nal Sorge 1 mei iner ban Er(l mando, ufbracl malschs. b en 15 hl 1 2 b. Db 1 3 ten 0 ü 1 a 6 b. Off 1 2 Sichel 1 ln nh * — 2 . — Nr. 35. Mitteldeutsche Sonntags⸗Jeitung. Seite 5. Sozzen kennen gelernt haben, von diesen wieder abge⸗ fallen, auch will ungefähr/ der besseren Arbeite von den volksbeglückten Roten nichts mehr wissen, aber es sollten doch endlich noch mehr Ar⸗ beiter das sozialdemokratische Joch von sich abschütteln und sich nicht mehr so tyrannisteren lassen und ihr sauer verdientes Geld alle Woche zur Ernährung von herum⸗ lungernden Verbandsleitern und Wühlern hergeben. Wie es der Herr Gail gemacht hat, sollten es alle Arbeitergeber machen, dann würden die Sozzen bald zahm. Herr Gail hat einfach erklärt, für ihn bestände gar kein Streik. Da gingen nun manchem schnell die Augen auf und die gefoppten Arbeiter sahen ein, zu welch dummen Streich sie sich hatten verleiten lassen. Und wie schlecht geht's jetzt manchem Streikenden? Sie müssen sich ander⸗ wärts bei harter, ungewohnter Arbeit mit dem halben Lohn begnügen und daheim in den Familien herrscht Streit und Zank und Not.“ Ob sich ein Mensch, der solches Zeug zusammen⸗ schmiert nicht schämt, wenn er sich selbst im Spiegel sieht? Oder bekommt er ein paar Silberlinge dafür? Der verächtliche Bursche wohnt in Watzenborn. Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach. — Bei der Bürgermeisterwahl am Montag wurde der Sohn des bisherigen Bürgermeisters, Karl Arnold, mit 389 Stimmen gewählt. Der Kreis⸗ straßenmeister Braun erhielt 138 Stimmen. Wegen Renovierung der Wal⸗ purgiskirche ist es zwischen der Stadtver⸗ waltung und dem Kirchenvorstande zu einem Konflikte gekommen. Die Renovierung soll 125 000 Mk. kosten; der Gemeinderat hat jedoch beschlossen, sie zu verschieben und erst das Rat⸗ haus wieder herzustellen, das vor dem Verfall geschützt werden muß. Dieser Beschluß geht dem Kirchenvorstand stark wider den Strich. Wegen der Kirchenreparatur wurde auch schon an den Landtag petitioniert. g. Unter Kameraden! Bei dem am 12, August in Büßfeld stattgefundenen Bezirkstag des Krieg er⸗ vereins⸗Bezirks Homberg a. d. Ohm ging es wegen der Wahl des Bezirksvorstandes recht lebhaft zu. Ein junges Herrchen mit schöngeschwungenem Husaren⸗ bärtchen tat sich besonders in groben Ausdrücken hervor, hatte sich doch auch ein alter Kamerad in silberweißem Haar erkühnt, einen Kandidaten vorzuschlagen, der den Hombergern nicht angenehm war. Das Gezänk dauerte annähernd 2 Stunden. Bei der dann vorgenommenen Wahl, die sehr unruhig verlief, fielen die Homberger herein. Hier konnte man einen schönen Begriff von dem kamerad⸗ schaftlichen Geist bekommen, der in diesen Kriegervereinen herrscht. Wir raten den Herren, besonders den jüngeren, recht fleißig Arbeiterversammlungen zu besuchen, wo wichtigere und schwierigere Dinge verhandelt werden als die Wahl eines Bezirksvorstandes, um dort zu lernen, wie debattiert wird, Aus dem Mreise Wetzlar. h. Gegen den„innern Feind“ wurde neulich bei dem Kriegerfeste in Bissenberg wieder mal gehörig gedonnert. Herr General Castendyck aus Braunfels war es, der zum gewöhnlichen Volke herab⸗ gestiegen war und eine Festrede hielt. Darin sagte er nach dem Amtsblatt u. a.:„... Wir fassen unsere Pflichten weiter auf: in friedlicher Arbeit, aber unaus⸗ gesetzt geht unser Streben anch dahin, die inneren Feinde nieberzuhalten und die abtrünnigen Brüder wieder zu gewinnen, die in völliger Verkennung wahrer Freiheit einem Zerrbilde nach agen und die Wohl⸗ fahrt unseres Vaterlandes gefährden.“ Die„Wieder⸗ gewinnung der Abtrünnigen“ dürfte dem Herrn General einige Schwierigkeiten machen, denn mit jedem Tage wird der„innere Feind“ stärker und bald die Mehr⸗ heit des Volks umfassen. Dann wird die Karre um⸗ gedreht: man wird diejenigen als die inneren Feinde erkennen, die es wirklich sind, die sich auf Kosten des Volkes bereichern, es sogar bestehlen und es dazu noch in jeder Beziehung schuhriegeln. Und man wird dann bald mit dem inneren Feinde fertig sein! — Herr Stadtverordneter Gerlach erläßt im„Wetzl. Anz.“ eine Erklärung, daß die über ihn umlaufenden Gerüchte un wahr seien. * Die Rechtsanwälte Heertz und Kaufmann verlangen von uns in einer Zuschrift, ihnen den Ein⸗ sender der Notiz in voriger Nr.„Nächtlicher Spuck“ zu nennen, denn die dort erzählte Geschichte beruhe auf „freier Erfindung“. Wir lehnen es grundsätzlich und unter allen Umständen ab, den Einsender einer Zuschrift ohne dessen Erlaubnis zu nennen. Niemand braucht jene Notiz auf sich zu beziehen, wenn ihr Inhalt auf freier Erfindung beruht. h. Ein Betriebsunfall ereignete sich in der Druckerei des Wetzl. Anzeigers, in⸗ dem am Freitag ein Lehrling mit dem Finger r— in die Maschine kam und ihm der Finger zer“ guetscht wurde. Die Unfälle sind dort doch auf. fällig zahlreich. Der vor längerer Zeit ver⸗ ban Lehrling liegt noch immer im Kranken⸗ ause. Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain. z, Folgen des Submisstonswesens. Ueber den Arbeiten der Straßenauffüllung des Südviertels scheint ein Unstern zu walten. Der vorige Unternehmer, der in Spandau ansässige Stelling, hat infolge seiner billigen Submisstonsofferte das Weite gesucht. 11 Ar⸗ beiter haben mit ihrer Forderung von 300 Mark und darüber das Nachsehen. Denn trotzdem der Bevoll⸗ mächtigte des Verbandes der baugewerblichen Hilfsarbeiter sich dieserhalb schriftlich an den Magistrat wandte mit einer spezifizierten Rechnung und den Unterschriften der Arbeiter mit der Bitte, den Arbeitern doch zu ihrem sauer verdienten Lohn zu verhelfen, da der Unternehmer doch eine ansehnliche Kaution hatte hinterlegen müssen, ist bis heute demselben noch kein Pfennig zugestellt worden und auch der Antragsteller hat bis heute noch keine Antwort von dort erhalten. Echt arbeiterfreundlich! meister Schuhmann von Kassel zuteil geworden, der die meistfordernde Firma Holzmann von Frankfurt um 27,000 Mark unterboten hatte. Aber kaum hatte er einen Tag voll arbeiten lassen, so wurde schon die Maschine defekt und die eben eingestellten Arbeiter feiern noch, bis die Reparatur beendet ist. Man steht, die Ar⸗ beiter und immer wieder die Arbeiter sind die Geschädig⸗ ten. Stagt und Gemeinde aber verlangen ohne weiteres die direkten und indirekten Stenern. Wo es der Ar⸗ beiter aber hernimmt, danach wird nicht gefragt. fr. Im Wahlverein wurde am Samstag recht lebhaft über das jetzt viel ventilterte Thema:„Partei und Gewerkschaften“ diskutiert und als eine Notwendigkeit erkannt, daß die Führer dieser beiden Gruppen in bessere Fühlung treten, damit der Arbeiterschaft bei späteren umfassenden Aktionen eine Niederlage erspart bleibe. Nur bei den Führern liegt es, wenn das gegenseitige Verhältnis kein ganz erfreuliches, da die Masse auf beiden Seiten dieselbe sei. Zu den bevorstehenden Ge⸗ werbegerichtswahlen wurde eine lebhafte Agitation ver⸗ langt und der Vorstand beauftragt, eine Kontrolle dahin auszuüben, daß die wahlberechtigten Genossen ihre Pflicht erfüllen, um den stark in Konkurrenz tretenden Christlichen einen Erfolg zu vereiteln. Ein Antrag, einen hiesigen Parteiwirt zu veranlassen, zwecks Propaganda unter der arbeitenden Jugend ein Lokal für einige Stunden des Sonntags nachmittags als Lesezimmer ohne Trinkzwang unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, wurde bis zur nächsten Versammlung zurückgestellt. Aufgenommen wurden 11 Genossen. h. Russisches vom Marburger Zollamte. Unser Genosse Härtling hatte die Absicht, ein an den Genossen Dr. R. Michels adressiertes Paket aus Zürich vom Zollamte abzuholen.(Genosse Michels ist mo⸗ mentan verreist.) Bekanntlich müssen ja die Pakete, die aus dem Auslande kommen, auf dem Zollamte wegen der Steuer geöffnet werden. Dies tat denn auch unser Genosse. Obenauf lag nun die Broschüre mit rotem Umschlag:„Der politische Massenstreik“. Der Beamte: „Aha, da haben wir's ja!“ Kurzum, es dauerte nicht lange, so waren noch zwei Beamte zur Stelle, die dann den Inhalt des Paketes(Drucksachen, alte Zeitungen und Bücher) einer genauen Prüfung unterzogen. Es splelte sich sodann folgende Szene ab, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Einer der Beamten zu unserem Genossen:„Sind Sie Herr Dr. Michels?“ —„Nein! Härtling ist mein Name.“„Was ist Dr. Michels?“ Antwort:„Schriftsteller!“„Welcher Partei gehört er an?“ Antwort:„Er ist Sozialdemo⸗ krat!“ Der Beamte zu unserem Genossen:„Sind Sie auch Sozialdemokrat?“ Antwort:„Jawohl!“ Der Beamte weiter:„Vom reinsten Wasser?“ Antwort: „Jawohl, habe keine Ursache, dies zu leugnen!“ Schließ⸗ lich behielt man die Broschüren doch, obwohl unser Ge⸗ nosse erklärte, daß diese Schriften in Deutschland über⸗ all käuflich sind. Auf die inquifitorischen Fragen hätte Härtling einfach erklären sollen, daß es den Beamten nichts anginge. fr. Rücksichtslosigkeit. Ein Spenglerlehrling stürzte am Samstag an einem Neubau der Landes⸗ heilanstalt aus einer Höhe von 6 Metern und zog sich verschledene Verletzungen zu. Die Verwaltung der Landes⸗ heilanstalt weigerte sich jedoch, den Schwerverletzten in einem Anstaltswagen nach der Klinik fahren zu lassen, und so mußte man abwarten, bis aus der entfernten Stadt ein Wagen herbeigerufen war. Wirklich eine Leistung von einer Heilanstalt. Was ist auch an so einem Proletarierkind gelegen! — Streikbrecher aus dem verunglückten Schreiner⸗ streik sind jetzt„christlich“ organisiert. woraus sich zur Evidenz beweisen läßt, daß das Wort„Streikbrecher⸗ organisation“ zu Recht besteht.— Den noch ausstehenden .—— e e Erbarbeitern, die Mitglieder bei den„Christlichen“ sind, Der zweite Zuschlag des Straßenneubaues ist dem Pflaster⸗ wurde die Streikunterstützung entzogen, da der Streik beendet(?) sei, was den freien Gewerkschaften bei ihrer Agitation besonders unter den Bauhandwerkern sehr zu statten kommen dürfte und tüchtig ausgenutzt werden muß. Partei-Machrichten. Referentenkursus! Genosse Dr. David wird an den Sonn⸗ tagen am 9. und 16. September, vor⸗ mittags 9 bis 12 Uhr, in Gießen, einen Referentenkursus abhalten. Die Partei⸗ genossen aus Oberhessen und den angrenzenden Gebieten, die sich zu beteiligen wünschen, werden ersucht, sich pünktlich zur angegebenen Zeit im Lokale des Genossen Orbig, Rittergasse, ein⸗ zufinden. An die Parteigenossen der Orte Wieseck, Trohe, Rödgen, Großen⸗ und Alten Buseck. Sonntag, den 2. September, nachmittags 2 Uhr, Bezirks⸗Versammlung in Trohe bei Wirt Seipp. Tagesordnung: Berichterstattung von der Landeskonferenz. Zahlreichen Besuch erwartet Die Bezirksleitung. Für Garbenteich wird ein Zeitungsträger gesucht. Zn melden bei H. Frey. Die Kinderarbeit und ihre Bekämpfung von Käte Dunker.(Herausgegeben von der Redaktion der„Gleichheit“, Zeitschrift für die Interessen der Ar⸗ beiterinnen.) Preis 40 Pfg. In einer kurzen historischen Einleitung bespricht die Verfasserin die Kinderarbeit als Begleiterscheinung der kapitalistischen Wirtschaftsweise und anschließend daran die Kiuderschutzgesetzgebung in Deutschland bis 1891, die Erhebungen von 1898 und endlich das Kinderschutz⸗ gesetz von 1903. In einem Schlußkapitel wird der bisherige Erfolg des Kinderschutzgesetzes beurteilt und ein vortrefflicher Ausblick auf Kinderarbeit, Kinderer⸗ ziehung, wie beides sein sollte, gegeben.— Im Anhang findet die Leserin das Gesetz selbst und ein Verzeichnis derjenigen Werkstätten, in deren Betrieb Kinder nicht beschäftigt werden dürfen. Schließlich ist auch die Be⸗ kanntmachung hinzugefügt betreffend Ausnahmen von dem Verbot der Beschäftigung eigener Kinder unter 10 Jahren. Das Büchlein sollte in keinem Arbeiterhaus⸗ halt fehlen; jede Mutter muß Kenntnis haben von dem derzeitigen Stand der Kinderschutzgesetzgebung in Deutsch⸗ land, damit sie der Ausbeutung ihrer eigenen Kinder zielbewußt entgegentreten, sie mildern und womöglich hindern kann. Wersammlungskalender. Samstag, den 1. September. Gießen. Holzarbeiter. Abends ½9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗ arbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Garbenteich. Arbeiter-Bildungs⸗Verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Kur. Klingelhöfer. Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Schupp. Lauterbach Wahlverein. Abends 8¼ Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Gastwirt Schwarz, „Zum Johannisberg“. Sonntag, den 2. September. Bersrod. Wahlverein. Nachmittags 1½ Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Witwe Hofmann. Montag, den 3. September. Gießen. Schneider verband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Dienstag, den 4. September. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends ½9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 8. September. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Heinrich Völzel(Zinn). Vollzähliges Erscheinen erwünscht. ——— 2x2 q——.— is zum 15. September wird für die Expeditian der am 1. Oktober erscheinenden„Oberhessischen Volkszeitung“ ein Expedient, sowie ein Hilfs arbeiter gesucht. Offerten sind bis spätestens 5. September schrift⸗ lich bei Hrch. Fourier, Ludwigstraße 12, einzureichen, wo auch nähere Bedingungen zu erfragen sind. —— 2 2 3 r 3 1821 9 4 1 133 4 1 3 ———— 2— — —— *—— *— Seite 6. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 35. Die e eee im Jahre 1905. II. Die Jahreseinnahme in den 63 Verbänden betrug 1905 insgesamt 27812257 Mark. Die höchsten Einnahmeziffern weisen folgende Verbände auf: Metallarbeiter 5 357728 Mark, Holzarbeiter 3245075 Mark, Maurer 3126826 Mark, Buchdrucker 2407770 Mark, Bergarbeiter 1265557 Mk., Zimmerer 1093 293 Mark, Bauhülfsarbeiter 1017124 Mark, Fabrik⸗ arbeiter 916 230 Mark, Textilarbeiter 785 670 Mark, Handels- und Transportarbeiter 773 530 Mark, Maler 633 195 Mark, Tabakarbeiter 600 129 Mark, Lithographen 543866 Mark, Schuhmacher 521540 Mark, Brauereiarbeiter 436 278 Mark, Schneider 369 672 Mark ꝛc. Wie enorm die Steigerung der Einnahmen, sowohl absolut, als auch pro Kopf der Mtt⸗ glieder berechnet, in den Gewerkschaften ist, ergibt sich deutlich bei dem Vergleich der Ein⸗ nahmen der einzelnen Verbände für mehrere Jahre. Durch einen solchen Vergleich wird auch unzweifelhaft nachgewiesen, daß die früher oft aufgestellte Behauptung, durch Erhöhung der Beiträge seien Mitglieder vberluste zu erwarten und die Unorganisierten würden vom Beitritt zu den Verbanden ferngehalten, eine böllig irrige ist. Die Jahresausgabe stellte sich im Jahre 1905 in den 64 Verbänden, die der General⸗ kommission angeschlossen sind, auf 25024 234 Mark. Im Jahre 1891 hatten die 47 Verbände, die Berichte erstatteten, eine Ausgabe von 1606534 Mk. und im Jahre 1900 hatten die 58 Verbände, von denen Bericht vorlag, eine Ausgabe von 8 088 021 Mk. In der Zeit von 1891 bis einschließlich 1905 vorausgabten die Verbände 111 197 616 Mk. Von dieser Summe entfielen auf Rechtsschutz-Unterstützungen und das Verbandsorgan 43 113 494 Mk., und zwar wurden in dem genannten Zeitraum ver⸗ ausgabt für: Rechts schutz 1 128 907 Mk., Ge⸗ maßregeltenunterstützung 2 317 911 Mk., Reise⸗ unterstützung 6 455 889 Mk., Arbeitslosenunter⸗ stützung 10 356 261 Mk., Krankenunterstützung 9717266 Mk., Invalidenunterstützung 1395015 Mark, Beihilfe in Not- und Sterbefaͤllen 2 853 797 Mark, zusammen 34 225 146 Mk. Damit ist die überaus segensreiche Tätigkeit der Gewerkschaften erwiesen. Jedoch haben sie sich nicht etwa damit begnügt, die Mitglieder in Notfällen exlstenz⸗ fähig zu erhalten, sondern sie haben mit aller Euergie dahin gewirkt, für die Arbeiterschaft eine bessere Lebenshaltung zu erringeu. Das be⸗ weisen die enormen Auf wendungen für die Streiks und Aussperrungen. Von 1891 bis einschließlich 1905 wurden hierfür 33 120 243 Mk. verausgabt. Daß die gewerk⸗ schaftlichen Centralverbände in den letzten Jahren, wie vielfach behauptet wird, den Kaͤmpfen aus dem Wege gehen, wird widerlegt durch die Steigerung der Ausgaben für Streiks und Aussperrungen. Diese betrugen von 1892 bis 1897 unter 1 Million Mark pro Jahr, stiegen allmählig und betrugen im Jahre 1903 4½, 1904 fast 6 und 1905 9/ Millionen Mark. Diese Zahlen beweisen, wie wenig die Gewerk⸗ schaften, trotz Ausbau der Unterstützungsein⸗ richtungen, ihre wichtigste Aufgabe, den Kampf um 1 5 Lohn- und Arbeits bedingungen hinten⸗ ansetzen. Die Ausgaben für die einzelnen Zweige gewerkschaftlicher Tätigkeit im letzten Jahre zeigt die folgende Aufstellung: Es verausgabten im Jahre 1905 für: Organisationen Verbandsorgan 64 1415397 Mk. e e, eee ee 64 1305132 Streiks im Beruͥf 55 9149708„ Streiks in anderen Berufen 62 524386„ Rechts schut z 57 311239„ Gemaßregeltenunterstützung. 47 486765„ Reiseunterstützun g 44 712820„ Arbeitslosenunterstützung 41 1091924„ Krankenunterstützung 38 1920 699„ Invalidenunterstützung 7 273 960„ Beihilfe in Sterbefälle 41 328 676„ Beihilfe in Notfällen 42 296128„ Umzugskosten 39 175451„ Organisationen Stellenvermittelung 14 129986 Mk. ee, 27 7258 Sonstige Zwecke 61 1037745„ Konferenzen und General⸗ versammlungen. 56 312 798„ Beitrag an die General⸗ kommission 62 182449„ Beitrag an Kartell Sekretariate 38 224984„ Prozeßkosten 19 8920„ Gehälter 63 466 856„ Verwaltungs material 53 542064„ An Kassenbestand verblieben den Verbänden am Schlusse des Berichtjahres 19 635850 Mark, gegen 16 109 903 Mark am Schlusse des Jahres 1904. Im Jahre 1891 hatten die gesamten Verbände nur 425 845 Mark Kassenbestand, der sich im Jahre 1900 bereits auf 7745902 Mark erhöht hatte. Von dem Bestand am Schlusse des Jahres 1905 ent⸗ fallen auf den Verband der: Buchdrucker 4940 149 Mk., Maurer 2732467 Mk., Metall⸗ arbeiter 2177198 Mk., Holzarbeiter 1840 987 Mark, Bergarbeiter 1226445 Mk., Zimmerer 919 169 Mk. — So ziales. Der 9. Schneider⸗Verbandstag hat im Gewerkschartshause in Berlin stattge⸗ funden. Er war von 79 Delegierten be⸗ schickt; als Vorstandsvertreter nehmen Stühmer und Käming teil und für die Fachzeitung ist Sabbath⸗Berlin anwesend. Stüh mer erstattet den Vorstandsbericht, in dem er stch besonders über die Einführung der Arbeits losen⸗ Unterstützung verbreitete, von der er sagen müsse, daß sie nach dem vorliegenden Matertal nicht durchführbar sei. Auch dürfte jetzt die richtige Zeit nicht für die Einführung sein, weil augenblicklich nicht Mittel genug für ein derartiges Experiment vorhanden seien. Der Aufstellung von einheitlichen Lohntarifen für ganz Deutschland stellen sich ungeheure Schwierigkeiten entgegen, wodurch selbst Be⸗ sprechungen dieser Art mit dem Unternehmer⸗ verband unmöglich seien. Der Haupterfolg des Verbandes in der letzten Geschäftsperiode sei hauptsächlich in der Zurückweisung des rigorosen Vorgehens der Unternehmerorganisatton zu sehen. Aus dem Geschäftsbericht ist folgendes bemer⸗ kenswert: Der Mitgliederbestand betrug am Schlusse des ersten Quartals 30 300 männliche, 3312 weibliche. Die Kassenverhältnisse stellen sich wie folgt. An Einnahmen vom 1. April 1904 bis 1. April 1906 803 868,96 Mk., Aus⸗ gaben 732 278,35 Mk. Verausgabt wurden für Streik- und Gemaßregelten⸗Unterstützung 290923 Mark 12 Pfg., für Reise⸗ und Kranken⸗Unter⸗ stützung 98 939,24 Mk., für Agitation 50504 Mark 22 Pfg. Lohn bewegungen ohne Streiks fanden im Jahre 1905 23 statt, die sämtlich erfolgreich waren, mit Streiks 13, da⸗ von mit Erfolg 12; im Jahre 1906 war das Verhältnis 38 und 17. Das Jahr 1905 war für den Verband ein Kampfjahr wie kein zweites. Der Arbeitgeberverband wollte die Organisation sprengen und sperrte deshalb die Kollegen in 18 Städten aus. Zur Abwehr traten diese in 46 Städten in den Generalstreik, mit dem Erfolg, daß der berüchtigte Revers, der die Arbeiter ehrlos machen sollte, von dem Arbeit⸗ geberverbande zurückgezogen wurde.— Auf die hauptsächlichsten Beschlüsse des Verbandstages werden wir gelegentlich noch zurückkommen. Die Steuerleistung der Konsumver⸗ eine. Das Märchen von der„Steuerfrei⸗ heit“ der Konsumvereine, das die Mittelständler als eine der hauptsächlichsten Waffen gegen die ihnen verhaßten Konsumentenorganisationen aus⸗ spielen, erhält eine recht drastische Widerlegung durch den letzten Halbjahrsbericht des Allge⸗ meinen Stuttgarter Konsumvereins, der im verflossenen Geschäftshalbjahr 7260 7,73 Mk. an Steuern und Abgaben zu entrichten hatte. Ob die Krämer und sonstigen Händler, die durch den Konsumverein angeblich ausge⸗ schaltet sind, wohl so viel Steuern gezahlt hättense E Die Mönche. Von A. Tschechow. (Schluß.) Einen ganzen Monat verbrachten sie in Langeweile, dann einen zweiten, der Alte kam immer nicht. Endlich, nach dem dritten Monat, hörten die Mönche das bekannte Klopfen seines Stabes. Die Mönche stürzten ihm entgegen und überhäuften ihn mit Fragen, aber anstatt sich des Wiedersehens zu freuen, weinte der Prior bitterlich und sprach kein Wort. Die Mönche bemerkten, daß er sehr gealtert war; sein Antlitz war müde und drückte tiefen Gram aus, und als er zu weinen anfing, sah er aus, wie ein Mensch, den man beleidigt hatte. Die Mönche fingen auch an, zu weinen und fragten ihn teilnahmsvoll, warum er weine, warum sein Gesicht so finster set; er aber sprach kein Wort und schloß sich in seiner Klause ein. Sieben Tage verbrachte er dort, nahm weder Speise noch Trank zu sich, spielte bloß Orgel und weinte. Das Klopfen an seine Tür und die Bitten der Mönche, herauszukommen und seinen Schmerz mit ihnen zu teilen, beantwortete er nur mit tiefem Schweigen. Endlich kam er heraus. Er versammelte die Mönche um sich, und mit verweintem An⸗ gesicht, mit einem Ausdruck tiefsten Grams und tiefster Empörung hub er an, zu erzählen, was er die letzten drei Monate erlebt hatte. Seine Stimme klang ruhig und seine Augen lächelten, während er seine Wanderung vom Kloster in die Stadt beschrieb. Unterwegs, erzählte er, sangen ihm Vögel, rieselten Bäche, und süße, junge Hoffnungen bewegten seine Seele, er ging und in seinem Herzen war ein Gefühl wie in einem Soldaten, der in den Kampf geht und des Sieges sicher ist; in Träume versunken, schritt er vorwärts und dichtete Verse und Hymnen und bemerkte nicht, wie er am Ziele angelangt war. Aber seine Stimme bebte, seine Augen sprühten Funken, der Zorn k erfüllte sein ganzes Wesen, als er von der Stadt und den Menschen zu reden anfing. Nie hat er Aehnliches gesehen, ja sich vorzustellen gewagt, als das, was ihm in der Stadt begegnete. Erst hier erkannte er zum ersten Male in seinem ganzen Leben, in seinen alten Tagen, wie stark der Teufel, wie verführerisch das Laster, wie schwach und wie nichtig die Menschen sind. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß das erste Haus, in welches er eintrat, ein Hurenhaus war. An fünfzig reiche Menschen, die Gold in Ueberfluß hatten, aßen und tranken unmäßig. Vom Weine be⸗ rauscht, sangen sie Lieder und sprachen dreist abscheuliche Worte, die ein gottesfürchtiger Mensch nie auszureden wagt, grenzenlos frei, mutig und glücklich, fürchteten sie weder Gott noch Teufel, noch den Tod, sondern sprachen und taten alles, was sie wollten, und gingen, wohin ihre Lüsternheit sie trieb. Und der Wein, rein wie Bernstein und goldfunkelnd, war gewiß ungemein süß und duftend, da jeder, der davon trank, selig lächelte und wiederum trank. Auf das Lächeln der Menschen antwortete der Wein auch mit einem Lächeln, und, als man ihn trank, funkelte er freudig, als wenn er wüßte, was für einen teuflischen Reiz seine Süßigkeit in sich birgt. g Immer mehr zornerfüllt und weinend vor Empörung fuhr der Greis fort, das Geschehene zu beschreiben. Auf dem Tisch vor den Zechern, sprach er, stand ein halbnacktes Weib. Man kann schwerlich sich etwas Schöneres und Ver⸗ führerisches denken oder finden. Dieses verab⸗ scheuungswürdige Wesen, schamlos und dreist, jung, langhaarig, mit schwarzen Augen und roten Lippen, fletschte ihre weißen, blitzenden Zähne und lächelte, als ob ste sagen wollte: „Schaut, wie schön, wie dreist ich bin!“ Ihr — 1 I. — 1 1 1 1 1 1 1 1 1 3 r Nr. 35. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung Seite 7. seidenes, golddurchwirktes Gewand fiel in Falten von ihren Schultern, aber ihre Schönheit wollte sich nicht unter dem Gewande verbergen, sondern quoll begierig hervor aus den Falten, wie das junge Grün im Frühling aus den Knospen hervorquillt. Das freche Weib trank Wein, sang Lieder und gab sich jedem hin, der es nur wollte. Weiter beschrieb der Greis mit wachsender Empörung die Pferderennen, die Stierkämpfe, die Theater, die Ateliers der Künstler, wo sie nackte Weiber malen und aus Stein meißeln. Er sprach begeistert, schön und mit tönender Stimme, als ob unsichtbare Saiten klängen, und die Mönche lauschten, wie versteinert, seinen Reden und atmeten kaum vor Entzücken Als er nun alle Reize des Teufels, alle Schön⸗ heit des Lasters, alle verführerische Anmut des abscheulichen Frauenleibs beschrieben, verfluchte der Greis den Teufel, kehrte sich um und ver⸗ schwand hinter der Türe. Als er am anderen Morgen aus seiner Klause heraustrat, war im ganzen Kloster kein einziger Mönch mehr da. Sie waren alle nach der Stadt geflohen. ———j—ñññͤñäñʒñʒñ——— Splitter. Nicht der schöne Aermel, sondern der starke Arm schlägt den Feind. * * * Die Kultur soll den Menschen in Freiheit setzen und ihm dazu behilflich sein, seinen ganzen Begriff zu erfüllen. Sie soll ihn also fähig machen, seinen Willen zu behaupten; denn der Mensch ist das Wesen, welches will. 91 Schiller. Jumor islisches Ein kleiner Irrtum. Ein eigenartiges Miß⸗ geschick hat kürzlich, so erzählt ein Leser der„Tägl. Rundschau“, einen übereifriger Regierungsbeamten ereilt. War da in einem rheinischen großen Industrieorte be⸗ hördlicherseits eine Kesselrevision angesetzt. Bei der Untersuchung stellte einer der besichtigenden Ingenieure fest, daß ein großer Kessel noch keinen festgewordenen Niederschlag, den sogenannten Kesselstein, aufwies. Er berichtete dementsprechend an seine Behörde:„Kessel⸗ stein war nicht vorhanden.“ Nicht wenig erstaunt und erheitert war jedoch die Direktion der betreffenden Fabrik, als ihre wenige Tage darauf ein amtliches Schriftstück zuging, das die Aufforderung enthielt:„Fehlender Kesselstein ist binnen acht Tagen zu beschaffen! lichste empfohlen. Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren⸗Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert. Die Sozialdemokratie und die katholische Kirche. Von Karl Kautsky. Dieser, vor einigen Jahren herausgegebene Sonderabdruck aus der„Neuen Zeit“ ist soeben in einer zweiten, vom Verfasser neu durchgesehenen Auflage, im Verlag der Buchhandlung Vorwärts in Berlin, erschienen. Veranlaßt wurde Kautsky zu dieser Schrift durch den„Kulturkampf“ in Frankreich, der für unsere französiche Bruderpartei von hervorkagender Bedeutung war. Die Frage gewinnt auch für Deutschland steigendes Interesse, seitdem das Zentrum seinen Einfluß bei der katholischen Kirche be⸗ nutzt gegen unsere Partei mobil zu machen, zugleich aber auch die Macht der Kirche ausspielt, um der Re⸗ gierung seinen Willen aufzudrücken. Kautsky untersucht in seiner Arbeit den Zusammenhang zwischen Relitgon und Klerus, sowie die Stellung der Bourgoisie und die des Proletariats zur Kirche. Er gibt eine Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und der prinzipiellen und taktischen Stellung der Sozialdemokratie zu dieser. Die Broschüre, die von allen Partei⸗Buchhandlungen bezogen werden kaan, kostet 30 Pfennig. Husberkquf i berhel. Aleder Saar in Malbung 8 Das Geschäft hält jährlich einen, höchstens zwei Ausverkäufe und bietet dann, wie bekannt, stets Aussergewäönliehes Die Einzelheiten und hervorragend billigen gachen werden an dieser Stelle noch bekannt gegeben, hierunter gebe ich nur a eine Aufstellung der zum Ausverkauf gestellten Artikel. Leber 2000 Anzüge Grösse 1 bis 58. — Saccos, Radfahren„F Lawu⸗tennis⸗Anzüge und einzelne Röcke.— Gummi⸗Mäutel.— Gehrock⸗Anzüge, Anzüge für Stadt und Land.— Buckskin zu Anzügen und Hosen.— Einzelne Hosen jeder Art über 2000 Stück. einzelne Gehröcke, Frack⸗Anzüge, einzelne Fracks.— Kelluer⸗Anzüge.— Hochzeits⸗ Tag⸗ und Nachthemden, bunt und farbig für Herren.— e Touristen Hemden, Sport⸗Hemden, Arbeiter⸗Hemden, Militär⸗Hemden.— Spor — Hand⸗Holzkoffer und Reisetkörbe in allen Größen von 30 em bis 125 em Länge. 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September 1906 Fünfjähriges Stiftungsfest im Garten des Gastwirts Wilh. wärtigen und hiestgen Vereine; 2 Uhr: Festzug durch den Ort; von 3 Uhr ab: Schau: und Riegenturnen, sowie Preisverteilung. Von 5 Uhr ab: Becker. 2 Uhr: Empfang der aus⸗ — d Canz. Der Vorstand. Launsbach. Sonntag, den 2. und Montag, den 3. September Airchweihfest wozu ergebenst einladet Gerhard Komp. ——— Julius Philipp- Giessen uyrmacher Bahnhofstraße 50 Goldarbester S miederlage der Union Horlogere Biel, Glashütte i. S., Genf ca. 1000 Vertreter im In⸗ u. Auslande. Gemeinsame S Garantieübernahme f. verkaufte Uhren durch alle Vertret. Reichhaltiges Lager in Uhren, Gold- und Silberwaren Optische Waren Brillen und Zwicker nach ärztlicher Vorschrift. 8 Reelle Bedienung. Billige Preise. 28 8—— 5 5 2 Glas, Perrelag⸗ und Sieingulwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen. * Eigene eee ems Mie ManZvdude A ou 1 394 eee eee Gasthof„Zum Pfau“ Christian Belz (vorm. Bramm) Gießen neustadt ss ff. 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