rr ˙ iA ᷑ i. Üb ‚mm.. ͤ Kmp-„»⅛m., e-r.. r m ²ůͥàuͥwr ß vN.N ͤ——Ü—, w FJonnt 5 * 1 5 die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(G. ⸗Z. K. 5107) 33% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 500 Rabatt f Steigerung der Lebenshaltungskosten. Nr. 26. PPTPTPPCCCVTTT—T—TTTTTTTVTT—TT——— Gießen, den 1. Juli 1906. 13. Jahrgang. Redaktion: 2 Redaktion ß Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche Donuorstag Nachniteg 4 Uhr 7————— 08-37 itung. Abonnementspreis: Bestellungen 1 Jnserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun Bei mindesten g Dem hessischen Landtage sind seit dem Herbste zahlreiche Eingaben und„Vorstellungen“ von Beamten aller Art zugegangen, in denen Gehalts⸗ erhöhung gefordert wird. Es gibt wohl kaum eine einzige Beamtenkategorie in Hessen, die bei dem allgemeinen Petitionssturme fehlte und nicht um Erhöhung ihrer Bezüge, oder„ander⸗ weite Regelung ihrer Gehaltsverhältnisse“— was genau dasselbe ist— vorstellig geworden wäre. Richter, Justizbeamte, Kanzleiinspektoren, Ministertalkanzlisten, Feldbereintgungsgeometer, Lehrer, Forstwarte, Poltzisten, sowie die Unter⸗ beamten(Eisenbahn, Post ꝛc.), kurz alles was Beamter heißt, oder sich dafür ansieht, verlangt mehr Gehalt, freie Wohnung, Wohnungsgeld⸗ zuschuß oder Teuerungszulage. Begründet werden die Forderungen mit den Teuerungs⸗ berhältnissen, der Preissteigerung der Lebens⸗ bedürfnisse. von der Hand zu weisen. Und diese Gründe sind keineswegs Wenn aber bei Beamten mit Gehältern von 3000-6000 Mk. sich die Teuerung so fühlbar macht und sie mit ihren bisherigen Bezügen nicht mehr auskommen, was sollen dann die Arbeiter sagen, die mit dem dritten, vierten oder fünften Teile dessen, was ein solcher notleidender Beamter bekommt, haushalten müssen? In der Tat, eine Erhöhung des Lohnein⸗ kommens der gewerblichen Arbeiterschaft ist un⸗ bedingt notwendig, soll ihre Lebenshaltung sich nicht erheblich verschlechtern. Das lehrt ein Blick auf die seit Jahresfrist eingetretene Steige⸗ rung der Haushaltskosten. Eine annähernd richtige Vorstellung von dem Grade dieser Steigerung erhält man, schreibt R. C. in der Parteipresse, wenn man die letzten Berechnungen der Berliner Halbmonatsschrift„Der Arbeits⸗ markt“ über den wöchentlichen Lebensmittel⸗ bedarf einer Arbeiterfamilie mit denen im Vor⸗ fahre vergleicht. Als wöchentlicher Bedarf an Lebensmitteln ist die Verpflegungsration des deutschen Marinesoldaten zugrunde gelegt, da es für den industriellen Arbeiter keine einheitliche Normalration gibt. Wenn aber die Ration des Marinesoldaten unterstellt wird, so geschieht dies in der Absicht, um vergleichbare Resultate zu gewinnen und die Bewegung der Kosten des wöchentlichen Nahrungsaufwandes veranschau⸗ lichen zu können. Denn daß auf grund der Veränderungen der Kosten, die für die Ver⸗ pflegungsration des deutschen Marinesoldaten aufgewendet werden müssen, im großen und ganzen ohne weiteres auf eine Verteuerung oder erbilligung der Volksernährung geschlossen werden kann, ergibt sich, wenn man erwägt, daß in der Verpflegungsration des Marine⸗ soldaten alle wichtigen Volksnahrungsmittel in einem recht glücklichen Verhältnis vertreten sind. Für eine vierköpfige Arbeiterfamilie ist der wöchentliche Nahrungsaufwand in der Weise angenommen, daß man zwei Kinder für eine dawachsene Person, also das dreifache der Jormalration des Marinesoldaten für die ganze Familie berechnet. Die einzelnen Lebensmittel⸗ engen, aus denen sich die Ration zusammen⸗ sitzt, sind zu den niedrigsten Markthallenpreisen Ahiter Zuschlag einer fünfzehnprozentigen Er⸗ pöhung berechnet, da die niedrigen Preise be⸗ Knntlich nicht die häufigsten sind. Stellen wir 1 7 1 nun sür die Städte Danzig, Berlin, Dresden, Chemnitz, Leipzig, Stuttgart und München den durchschnittlichen Kostenaufwand pro Woche für Mai 1905 und 1906 zusammen, so erhalten wir folgende Uebersicht. Der wöchentliche Kosten⸗ aufwand betrug im Mai 1905 1906 in Mark mehr() oder weniger(—) 1906 Danzig 1977 21.81 + 2,04 Berlin 2 21,64 + 0,49 Dresden 20,46 22,48—+ 2,02 Chemnitz 23,32 23,18— 0, 14 Leipzig 21,94 21,67— 0727 Stuttgart 20,46 22,81 + 2,45 München 23,05 23,64—+ 0,29 Mit Ausnahme der zwei sächsischen Plätze Chemnitz und Leipzig ist die Verteuerung all⸗ gemein und der Grad der Verteuerung oft auch ziemlich erheblich. Man nehme nur Danzig, Dresden und Stuttgart. Und natürlich gilt dies im allgemeinen auch für die dazwischen liegenden größeren und kleineren Orte. Die Ursache der starken Verteuerung ist vornehmlich in der Erhöhung der Fleischpreise zu suchen. Nirgends sind gegenüber dem Vorjahr die Fleischpreise zurückgegangen. Es ist auch aller Voraussicht nach vorläufig nicht mit einer Preisherabsetzung zu rechnen. Man muß viel⸗ mehr froh sein, wenn keine neue kräftige Steige⸗ rung der Preise eintritt. Die Konsumenten müssen sich also auf die gegenwärtigen Preise für längere Zeit einrichten. Uebrigens nicht nur die Steigerung der Fleischpreise trägt schuld an der Erhöhung der Haushaltskosten, es ist teilweise auch das Brot teurer geworden, und ebenso zeigen Mehl, Butter, Eier ꝛc. gegenüber dem Vorjahr steigende Ten⸗ denz, während bei Kartoffeln eine allgemeine Preisermäßigung eingetreten ist. Angefichts dieser Bewegung der Lebens mittelpreise ist eine entsprechende Erhöhung der Löhne um so nötiger, als die Kosten nicht nur für die Ernährung, sondern für die Befriedigung so ziemlich aller Bedürfnisse gestiegen oder noch im Steigen be⸗ griffen sind. Bekleidung, Wohnung verursachen auch Mehrausgaben, sodaß der Normallohn schon ziemlich kräftig steigen muß, wenn die Arbeiterfamilie ihre Lebenshaltung nicht ver⸗ schlechtern will. Bei der gegenwärtigen Gunst der Konjunktur wollen vielmehr die Arbeiter ihre Lage gegen 1905 verbessern. Dazu müssen aber die Löhne noch mehr steigen als die Waren⸗ preise und da das Unternehmertum niemals freiwillig eine Lohnaufbesserung zugesteht, so müssen eben die Arbeiter um jeden Pfennig schwere Kämpfe führen. Und tun sie das, stellen sie Forderungen, so schreit der Spießer und das Ordnungsblatt über„Begehrlichkeit und Genußsucht“ der Ar⸗ beiter. Bei den Beamten aber, wenigstens bei den höheren(um die Unterbeamten kümmert sich auch kein Teufel, wenns die Soztaldemo⸗ kratie nicht tut) lautet das Urteil anders, da wird eine Aufbesserung für unbedingt nötig gehalten. Daß sich ein Beamter mit 4200 Mk. Gehalt in einer„kaum weniger schwierigen Lage“ wie der Arbeiter befinde, suchte am Dienstag im Gießener Anzeiger eine„geschätzte Seite“ dem Landtagsabg. Joutz gegenüber nachzu⸗ weisen, der in der Kammer die Forderungen der Beamten als Uaverschämtheit bezeichnet hatte. Nebenbei bemerkt, hätte Herrn Joutz hierbei etwas mehr Reserbe besser angestanden. Jeder ist eben nicht in der Lage durch Eisenbahn⸗ Spekulationen Zehntausende im Handumdrehen zu„verdienen“. Also die geschätzte Seite im Anzeiger rechnet im Einzeln vor, daß mit 4 200 Mk. nicht auszukommen ist. Es bleiben ganze 10 Mk. monatlich übrig, wovon alle kleinen Bedürfnisse(Zeitungen, Ausbessern ꝛc.) und auch die Ausgaben für Erholung bestritten werden sollen. Kurz, mit 4 200 Mk. läßt sich eben heute nicht menschenwürdig, oder sagen wir nicht„standesgemäß“ leben. Wir behaupten nun durchaus nicht, daß ein mittlerer Beamter bei einem derartigen Gehalt Schätze aufhäufen könnte. Wir geben zu, daß ein solcher Auf⸗ wendungen machen muß die vielleicht ein Ar⸗ beiter oder Kleinbauer nicht zu machen braucht. Leben läßt sich aber mit 4— 5000 Mk. schon einigermaßen. Was wir jedoch besonders her⸗ vorheben möchten: Dieselben Leute, die mit einem derartigen Jahresgehalt nicht aus⸗ kommen können, räsonieren weidlich über die Arbeiter, wenn diese eine kleine Verbesserung ihrer kärglichen Löhne anstreben. Dieselben Leute sind es auch, die bei Wahlen als Wort⸗ führer der Ordnungsparteien gegen die Sozial⸗ demokratie zu Felde ziehen, zum Danke dafür, daß unsere Vertreter jederzeit für anständige Bezahlung aller Staatsangestellten eingetreten sind. Das taten sie natürlich auch nicht um von dieser oder jener Seite Dank zu ernten— danach fragt bekanntlich kein Sozialdemokrat— sondern ste beurteilen und entscheiden jede Frage vom sachlichen und prinzipiellen Stand⸗ punkte. Doch sollten unsere Landtagsabg.— das ist die Meinung in Parteikreisen— in erster Linie den untersten am schlechtesten ge⸗ stellten Beamten und Staatsarbeitern ihre Fuͤr⸗ sorge angedeihen lassen, die Sorge für die höheren Beamten können sie den bürgerlichen Parteien überlassen. Politische Rundschau. Gießen, den 28. Juni 1906. Die Folgen der deutschen Zollpolitik machen sich in einer für die deutsche Industrie höchst unangenehmen Weise bemerkbar und schon flüchten zahlreiche industrielle Betriebe in's Aus⸗ land, um den verheerenden Wirkungen der agraristerten Handelsverträge zu entgehen. Aus Sachsen z. B. wird nach Feststellung der Chemnitzer Handelskammer berichtet, daß eine ganze Reihe sächsischer Fabriken(Luxus⸗ papierfabriken, Stickereien, Wäsche⸗ fabriken und Bronzewarenfabriken) Betriebe in dem böhmischen Orte Weipert errichtet haben, damit sie den durch den neuen öster⸗ reichischen Zolltarif gefährdeten Absatz in Oester⸗ reich aufrechterhalten können.— Und Herr Bueck, der Sekretär des berüchtigten Ver⸗ bandes der Industriellen hielt vor einigen Tagen auf dem Delegiertentage in Nürnberg eine Rede, in der er u. a. sagte: „Die Wirkung des Zolltarifs und der neuen Handels verträge ist noch nicht zu übersehen; sicher zu erwarten sind schwere Schädi⸗ gungen in der Kammgarnindustrie, der Maschinen⸗Baumwollweberei, der Spinnerei von gröberen Garnen und Veredelung von Garnen r— 1 Seite 7. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Nr. 26. Die deutsche Industrie wird sich auf erregte Zeiten vorbereiten und auf einen Zollkrieg mit den Vereinigten Staaten von Amerika ge⸗ faßt sein müssen, falls diese fortfahren, die deutschen Produzenten und ihre Erzeugnisse schlecht zu behandeln.“ Herr Bueck unterzog dann die vom Reichs⸗ tag beschlossenen Verkehrssteuern einer scharfen Kritik und sagte, daß der Reichstag sich in allen großen Fragen unfähig erweise und wir von Parteitaktik und Popularitäts⸗ hascherei regiert würden.— So sagte Bueck und er hat vielfach recht. Wer ist aber schuld an den Dingen, die er kritisierte? Die natio⸗ nalliberale Partei, der er selbst angehört, spottet also seiner selbst! Die oben angeführten Tatsachen beweisen aber, daß die deutsche Industrie noch schwer an den neuen Handelsverträgen zu tragen haben wird, und wenn sich das nicht gleich in aller Schärfe zeigt, so ist das nur dem zufälligen Glücksumstande zu danken, daß die neuen Ver⸗ träge zu einer Zeit ausnahmsweiser geschäft⸗ licher Hochkonjunktur in Geltung traten. dem Abflauen dieser Konjunktur wird die Wir⸗ kung um so fühlbarer werden. Riesengewinne— Millionenreute! Von den fabelhaften Summen, die die Grubenbesitzer einheimsen, erzählt der Be⸗ richt über das erste Geschäftsjahr der Hohen⸗ lohewerke A.⸗G. in Oberschlesten in folgendem: „Die Hohenlohe⸗Werke Aktiengesellschaft sind am 3. April 1905 mit einem bar eingezahlten Aktienkapital von 40,000,000 Mk. und einem bar eingezahlten Reservefonds von 4,000,000 Mk. gegründet. Den weitaus größten Teil der Bergwerke, Bergwerksanteile, Kohlenfelder, Grundstücke, Hütten⸗ und sonstigen Anlagen, Geschäftsanteilen, Pacht⸗ und sonstigen Nutzungs⸗ rechte, die unser Gesellschaftsvermögen jetzt aus⸗ machen, haben wir von dem Fürsten zu Hohenlohe⸗Oehringen erworben. Als ein⸗ heitliche Gegenleistung für die Gesamtheit der Gegenstände haben wir den Betrag von 44,000,000 Mk. in barem Gelde und das Versprechen anf eine jährlich mit 3,000,000 Mk. bar in vierteljährlichen Teilbeträgen nachträg⸗ lich zahlbare, ewige, vererbliche Rente gewährt.“ Drei Millionen Mark müssen also die Arbeiter dieses Werkes jährlich aufbringen, um dem steinreichen Fürsten die Rente zu sichern. Erst dann dürfen sie— für sich? o nein! für die jetzigen Inhaber, Direktoren, Aufsichts⸗ räte und Dividenden⸗ und Tantiemenschlucker ihre Arbeitskraft hergeben und erst der„letzte schäbige Rest“, wie das Schlagwort heißt, bleibt für ihre Person, für ihre hungernden Frauen und Kinder. Wer wagt es zu leugnen, daß die Weltordnung herrlich, daß sie göttlich ist— für die Satten? 500 Prozent Dividende sind nach der Frankfurter Zeitung von der Internationdlen Bohrgesellschaft für das Geschäftsjahr 1905/6 in Aussicht genommen. Diese Gesellschaft hat eine Reihe außergewöhnlicher und außerordent⸗ lich hoher Gewinne durch den Verkauf von Kohlen⸗ und Kalifeldern erzielt. Der erste dieser Verkäufe betraf 250 Normalfelder, die für den Betrag von 35 Millionen Mark in den Besitz der Rheinisch⸗Westfälischen Kohlen⸗ bergwerks⸗Gesellschaften übergingen. Sodann veräußerte die Internationale Bohrgesellschaft 12 Kohlenfelder in Westfalen und 2 Feldergruppen im Aachener Bezirk sowie Kalifelder in der Nähe von Halle zum Gesamtpreise von 10 Millionen Mark. Schließlich verkaufte sie ihren Besttz 1. Kohlenfeldern für 7 Millionen ark. Das, was die Internationale Bohrgesell⸗ schaft„verdient“, ist eigentlich nichts andres wie Diebstahl am Nationalvermögen. Die Gesellschaft schürft nach abbaufähigen Erzen und Mineralien, erwirbt, wenn sie solche ge⸗ sunden hat, das Mutungsrecht und verkauft dieses für Millionen weiter. Die Schätze, die im Erdboden liegen und die der Gesamtheit gehören sollten, werden auf diese Weise zu einem Mittel müheloser Bereicherung. Die Meutereien in Südwestafrika, über die der Vorwärts berichtete, werden nun auch amtlich zugegeben. Die Nordd. Allg. Ztg. teilte mit, daß von dem für den Norden zuständigen Gericht in diesem Jahr zwei Fälle von Meuterei bezw. Aufruhr, begangen von Mannschaft en gegen Portepee⸗Unteroffiziere, abgeurteilt worden seien. Ein Bericht vom Süden stehe noch aus. Infolge dieser Meutereien sind verurteilt worden: 5 Mann zum Tode, 7 zu Gefängnis⸗ strafen. Der zweite Fall, in welchem drei Todes⸗ urteile gefällt und vier längere Gefängnis⸗ strafen verhängt worden sind, liegt noch völlig im Dunkel und der Süden hüllt sich ganz in Schweigen. Unter solchen Umständen ist es nicht überaus tröstlich, zu hören, daß„nur“ 57 Mann nach Deutschland zur Strafvollstreckung überführt worden seien. Die Nordd. Allgem. Ztg. findet diese Ziffer bei der Stärke der Schutztruppe von 15000 Mann nicht besorgnis⸗ erregend„hinsichtlich der Disziplin“. Uns scheint der Bericht des offiziösen Blattes höchst besorg⸗ niserregend hinsichtlich der Rechts sicherheit der Soldaten. Nur über einen der beiden Fälle vermag das offiziöse Blatt näher Aus⸗ kunft zu geben. Unter Soldaten von Kaps⸗ Farm bei Windhuk war es zu einer Schlägerei gekommen, in deren Verlauf ein Reiter tödliche Wunden erhielt. Der herbeigerufene Wacht⸗ meister forderte die Leute zum Auseinandergehen auf, und ließ, da ste dieser Aufforderung nicht nachkamen, die schuldigen fünf Mann verhaften. An dem Wachtmeister selbst und dem die Pa⸗ trouille befehligenden Unteroffizier hatte sich niemand vergriffen. Der Mann, der dem Reiter die tötliche Verwundung beigebracht hatte, wurde freigesprochen, weil er in der Notwehr so ge⸗ handelt hatte. Dennoch führte dieser Fall zu zwei Verurteilungen zum Todel Die Richter selbst haben die Umwandlung der Todes⸗ strafe in eine angemessene Freiheitsstrafe durch „allerhöchste Gnade“ beantragt. Zwei Mann erhielten zwei Jahre, einer wegen gefährlicher Körperverletzung ein Monat Gefängnis.— So dunkel dieser Bericht auch ist, so geht doch aus ihm hervor, daß wirklich verübte Körperver⸗ letzungen sehr leicht, dagegen Insubordina⸗ tionsvergehen mit furchtbarer Schärfe geahndet worden sind. Wablsieg in Haunover! Die Ersatzwahl in Hannover für unsern verstorbenen Genossen Heinrich Meister hat mit einem Siege für unsere Partei geendet. Unser Kandidat August Brey behauptete den Wahlkreis im ersten Wahlgang mit 31803 Stimmen. Der Nationalliberale Fink erhielt 16865, der Welfe v. Dannenberg 11033, der Zentrumskandidat 2415 und ein Bündler 182 Stimmen. Seit 1903 stieg unsere Stimmenzahl um 2500, doch auch die Gegner erhöhten ihre Stimmenzahl gar nicht unbedeutend, die Natto⸗ nalliberalen um 6000, die Welfen um 1000. Die Gegner haben diesmal ungeheure Anstren⸗ gungen gemacht, uns diesen Wahlkreis zu ent⸗ reißen, der seit 1884 in unserem Bestitze ist. Nationalliberale und Welfen wetteiferten, um ihren Kandidaten in die Stichwahl zu bringen und dann vereint die Sozialdemokratie zu schlagen. Und es wurde Ungeheuerliches in der Verunglimpeung unserer Partei geleistet. Der berüchtigte„Reichsverband“ stellte sich an die Spitze der Agitation gegen unsere Partei, er betrachtete es als seine Hauptaufgabe, die zahl⸗ reichen Wähler, die bei der vorigen Wahl der Abstimmung ferngeblieben waren, durch wilde Verdächtigungen der Sozialdemokratie heran⸗ zuziehen. Alle diese Bemühungen hatten aber nicht den erwarteten Erfolg. Doch diese Wahl zeigt, was wir bei dem nächsten Wahlkampfe zu erwarten haben. Es wird der Kampf gegen uns in einer Weise geführt werden, wie noch nie und die bisherigen Wahlen zeigen ja, daß die Gegner mehr Wähler als früher an die Urne bringen. Da heißt es für uns schon jetzt kräftig an die Arbeit gehen! Zu dem Ergebnis bemerkte der Vorwärts: „Die Genossen und Wähler des Wahlkreises Hannover haben das Andenken des unvergeß⸗ lichen Heinrich Meisters in glänzender Wei geehrt. Der Sieg ist um so höher anzuschlagen als sich die bürgerlichen Parteien in schmach⸗ voller Weise des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie bedienten. Doch haben alle Anstrengungen nichts genützt, Hannover sendet wieder einen Sozialdemokraten in den Reichstag.“ Ueber die gegnerische Agitatton bei dieser tum zurück. Automebile und Droschken waren in großer Anzahl im Betrieb. In einem Wahl⸗ lokal in der Stadt Hannover fuhr ein Kranker vor, beziehungsweise wurde vorgefahren; er konnte nicht herauskommen. Man brachte ihm ein Wahlkouvert ans Auto und der Wahlvor⸗ steher kam mit der Wahlurne heraus und ließ In einem anderen Lokal erschien ein Backfisch, erbat sich ein Kou⸗ vert, da sein Vater krank sei und nicht kommen das Kouvert einstecken. könne. Das Kouvert wurde verabfolgt. Nach einiger Zeit kam das Mädchen zurück und gab 0 dem Wahlvorsteher das Kouvert, der es in die Urne warf. Ein anderer Ordnungswähler hielt im Auto auf der Straße vor dem Wahllokal, schickte seinen Diener hinein und ließ den für sich wählen. Ein Dienstmädchen oder die Tochter eines anderen Wählers kam an den Wahltisch; ihr von Rheumatismus geplagter„Herr“ oder Vater stand vor dem Wahllokaleingang. Das Mädchen ging in die Dunkelkammer, steckte den Wahlzettel ins Kouvert und gab es unter Zu. stimmung ihres„Herrn“ Wahlvorsteher! diese Ungesetzlichkeiten protestierten, sagte der Wahlvorsteher: Nicht einmal Mitleid haben diese Menschen! Dagegen wurden unsere Ge. nossen in vielen Dörfern des Landkreises aus dem Lokale gewiesen.— Das hannoversche Parteiblatt bemerkt zu dem Wahlergebnis: „Unter den obwaltenden Umständen: Kandidaten⸗ —. wechsel, Ersatzwahl und dem beispiellosen Ver⸗ leumdungsfeldzug des Bürgeraus⸗ schusses ist das Ergebnis der Wahl ein recht erfreuliches, wenn es auch den vielfach in Genossenkreisen gehegten Hoffnungen nicht Die Wahlziffern lehren, daß es. entspricht. noch Tausende von Arbeitern gibt, die entweder der Wahl fern bleiben oder aber auf den bürgerlichen Leim gehen. Diese Ar⸗ 4. beiter gilt es für unsere Sache zu gema sie zu begeisterten Mitkämpfern zu mach Arbeitet auch die wir schaftliche und politsscge Entwicklung uns in die Hände— die Haupt⸗ arbeit haben wir doch sel bst zu verrichten durch unermüdliche Werbearbeit“ Wer reißt die Arbeitergroschen an sich! Die Sozialdemokraten, rufen die Staats⸗ erhaltenden, zu denen vor allem die Hausagrarier und Wohnungswucherer gehören, aus einem Munde. Man lese und bilde sich ein Urteil: Der größte Teil der Einwohner in dem Städtchen Wasserburg bei Günzburg(Schwaben) find Textilarbeiter, arme, elende Proletarier. Vor einiger Zeit gelang es endlich, diese Arbeiter für die Organisation zu gewinnen, mit deren Hülfe dann eine Lohnerhöhung durchgedrückt worden ist. Erleichtert atmeten die Textil- fklaven auf, konnten ste durch die Lohnerhöhung doch einigermaßen das durch die allgemeine Teurung im Haushalt entstandene Defizit decken. Aber schon nach 14 Tagen mußten die Armen den Hungerriemen wieder in das vorige Loch zurückschnallen, e klärten, daß, nachdem durch die Lohnerhöhung das Einkommen der Arbeiter erhöht worden, nun für diese auch die Möglichkeit vorhanden sei, mehr Miete zu bezahlen, und sie nahmen den Arbeitern die ganze Lohnerhöhung und teilweise noch mehr für höhere Miete ab. Den armen Teufeln bleibt zur Verbesserung der eigenen Lebenshaltung kein Pfennig übrig! f Edelste auf der Anklagebank. In Breslau begann am Montag vor acht Tagen ein Prozeß, der mit Recht bedeutendes Aufsehen erregt. Der Bezirkskommandeur 1 oder Vaters dem Als unsere Genossen gegen denn sämtliche Hausbesitzer er- mache“ lla Hal ich beit ——— N ——— Nr. 26. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. eee n J 2 eker ee b FEE ͤ ²˙ Seite 3. v. Zan der und dessen Frau sind des Betrugs in etwa 70 Fällen, Meineids, einfachen und betrügerischen Bankerotts, Major v. Zander außerdem der Unterschlagun und Untreue beschuldigt. Als dritter unf Rittergutsbesitzer Luettig wegen Beihilfe zum betrügerischen Bankerott auf der Anklagebank Platz nehmen. Hunderte von Zeugen sind zu dernehmen. Das Zandersche Ehepaar soll weit über seine Verhältnisse gelebt und, da die Mittel nicht ausreichten, Waren aller Art in großen Mengen in den verschiedensten Städten Deutsch⸗ lands unter falschen Vorspiegelungen auf Borg entnommen. Für Beschaffung des erblichen Adelstitels an einen Amtsrat erhielt v. Zander 300 000 Mk. und kaufte sich dafür das Rittergut Schmoegerle. Da die Gläubiger drängten und Pfändung beantragten, soll er das Rittergut zum Schein an den Ritterguts⸗ besitzer Luettig mit dem Recht des Vorzugs⸗ Rückkaufs verkauft haben. In diesem Verkauf erblickt die Staatsanwaltschaft den betrügerischen Bankerott. v. Zander hat beschworen, daß der Kaufvertrag kein Scheinvertrag war; dadurch und bei Leistung mehrerer Offenbarungseide soll er und seine Gattin sich des wissentlichen Meineids schuldig gemacht haben. Nach seinem Austritt aus dem Heere war v. Zander Aufsichtsratsmitglied in mehreren Industrie-Gesellschaften und soll sich in dieser Eigenschaft mehrfach der Untreue und Unter⸗ schlagung schuldig gemacht haben. Außerdem haben beide Eheleute mehrfach Falsches unter Eid bekundet. v. Zander ist Ritter hoher Orden. — In den Verhandlungen kam manches In⸗ teressante vor. Unter anderem wurde der Frau vorgehalten, daß sie riesige Einkäufe machte, obwohl sie wußte, daß sie kein Geld zum Be⸗ zahlen hatte. Zum Beispiel ließ ste bei ihrem ersten Kinde für 3200 Mk. Erstlingswäsche kommen, ein andermal für 258 Mk. Briefbogen c. Außerdem zeigte sich bei diesem Prozesse, welche ungeheuere Summen die Industrieritter und die Agrarter im Handumdrehen„verdienen“. Pfäffischer Sittlichkeitskoller. Der 26 Jahre alte katholische Priester Felix Mießkies aus Willna hatte gelegentlich seiner Durchreise nach Rom im Albertinum zu Dresden, der königlichen Skulpturensammlung, sich van dalisch vergangen. Im Sittlichkeitskoller hat er von den Statuen des Merkur, Alexanders und des sterbenden Fechters(letzteres eines der bedeutendsten Bildwerke des klassischen Altertums) die Geschlechtsteile abgeschlagen. Das Gericht verurteilte den perversen Menschen zu nur 200 Mark Geldstrafe. Wir meinen, das ist nichts als pfäffische Heuchelei. Würde der Mensch an sich selbst diese Operation vornehmen? Die Dreyfuß Affaire beschäftigt aufs neue die Oeffentlichkeit. Vor dem Kassationshofe in Paris wird über die Reviston des Dreyfußprozesses verhandelt und man ist allgemein zu der Ueberzeugung gekommen, daß Dreyfuß unschuldig ist. Der Generalstaats⸗ anwalt erklärte, die Verurteilung Dreyfuß sei damals nur mittels ausgesprochener Verbrechen durchgesetzt worden. Kleine politische Nachrichten. Die Ersatzwahl in Altena⸗Iserlohn(an Stelle des verstorbenen freis. Abg. Lenzmann) fand am Mittwoch statt. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor. Unser Kandidat Haberland, für den 9934 Stimmen gezählt wurden, kommt voraussichtlich mit dem Frei⸗ sinnigen in Stichwahl. 1903 erhielt unser Kandidat 10141 Stimmen. Revolution in Nustland. In der Duma hat sich nunmehr eine soztaldemokratische Fraktion ge⸗ bildet, der 35 Abgeordnete beigetreten sind. Bemerkenswert ist, daß sich die Abgeordneten aus dem Kaukasus an ihre Spitze gestellt haben. — Ein schon vor mehreren Wochen von den Arbeiterabgeordneten erlassener Aufruf fordert die Arbeiter zur Organisation auf, damit es möglich werde, eine wirkliche und machtvolle Volksvertretung zu schaffen.— Am Montag verhandelte die Duma über die Interpellation wegen der Hungersnot. Der Minister des Innern führte dazu aus, die Regierung werde einen Gesetzentwurf betr. Unterstützung der Be⸗ völkerung vorlegen, ste habe für diesen Zweck bereits über 80 Millionen Rubel verausgabt. Mehrere Reduer griffen die Regterung heftig an. Aladjin führte aus, die Minister seien jetzt in der Duma erschienen, weil die Hungers⸗ not einen Geldaufwand erfordere, das Geld werde aber in den Taschen der Beamten bleiben. Minister Stolypin bemerkte darauf, er wolle auf die Reden der Linken nicht ant⸗ worten. Diese Bemerkung entfesselt ungeheuren Lärm. Man ruft:„Gehen Sie hinaus, wagen Sie nicht, die Duma zu beleidigen!“ Der Minister verläßt hierauf die Tribüne und den Saal. Militär⸗Revolten find in den letzten Tagen eine ganze Anzahl ausgebrochen und ste liefern den Beweis, daß die Gärung im Heere wieder einen hohen Grad erreicht hat und die Soldaten sich gegen die Willkürherrschaft auf⸗ zubäumen gewillt sind. In Sebastopol sollte eine Kompagnie der Festungsartillerte eine Menschenansammlung zerstreuen. Die übrigen Kompagnien des 1. Bataillons ver⸗ hinderten jedoch gewaltsam die Entsendung ihrer Kameraden und veranstalteten ein Protest⸗ meeting. Nachts, als die Artilleristen in den Lagerzelten schliefen, wurden ste vom Brestschen Infanterie⸗ Regiment mit Maschinengewehren umzingelt und entwaffnet, worauf das ganze 1. Bataillon verhaftet und nach der Michallow⸗ Batterie abgeführt wurde. Hier schlossen sich den meuternden Truppen mehrere Kompagnien des 2. Bataillons an, erbrachen die Pul⸗ verkammern, bemächtigten sich der Geschütze, luden drei Kanonen und richteten sie auf die Stadt. Die Meuternden wurden schließlich abermals vom Brestschen Regiment umzingelt und zur Erge⸗ bung gezwungen.— Aus Warschau wurde über eine am Samstag im 10. Sappeurbataillon im Powonsky⸗Lager ausgebrochene Meuterei berichtet. Zwischen zwei Infanterie Offizieren und zwei Sappeur⸗Unteroffizieren war es zu einem Zwischenfall gekommen. Die Sappeure verweigerten die Ausfolgung der meu⸗ ternden Genossen dem Kommandeur gegenüber. Dem Obersten wurde ein Ziegelstein an den Kopf geworfen, wodurch er zu Fall kam. Der Brigadekommandeur forderte nun abermals die Ausfolgung der Schuldigen. Die Sappeure lehnten dies Verlangen erneut ab, und als die Militärbehͤrde nun zur Entwaffnung schreiten wollte, stellten sie Wachen aus und ließen nie⸗ mand in das Lager hinein. Neue Judenhetzen werden in Odessa erwartet. Die Polizei bewaffnet den niedrigsten Pöbel, damit er an den Judenausschreitungen teilnehmen könne. Tausende von Flugblättern fordern die Hooligans auf, Mittwoch um Mitter⸗ nacht über die Juden herzufallen und sie für ihren Ungehorsam gegen den Zaren an Leben und Eigentum zu strafen. In einzelnen dieser Flugblätter wird dem Pöbel versprochen, daß Polizei und Militär nichts gegen sein dem Zaren wohlgefälliges Tun unternehmen wird. Selbstverständlich hat sich der Judenschaft eine große Aufregung bemächtigt. Hingerichtete Polizisten. In Kertsch(Taurien) wurde der Gendarmerke⸗ offizier Scheremetow, der von der Be⸗ völkerung beschuldigt worden war, die Juden. hetze im Oktober 1905 geleitet zu haben, vor seiner Haustüre erschossen. In Petrikau wurden außer dem Polizeimeister noch ein höherer Polizeibeamter ünd ein bertttener Polizist auf der Straße durch Revolverschüsse getötet.— In einer Vorstadt War⸗ schaus wurden drei als Spitzel bekannte Männer erschossen. Als die Leichen nach dem jüdischen Hospital gebracht werden sollten, wurden auf den Transport aus den Fenstern Revolbverschüsse abgegeben. Infanterie beschoß die Häuser, wobei sechs Personen getötet wurden. —s———— Wertzuwachssteuer. I, Neben der Steuer nach dem gemeinen Wert ist in den Städten die Umsatzsteuer ausgebildet worden, mit der wir gleichfalls die Wertsteiger⸗ ungen des Grund und Bodens zu er fassen suchen. In der Tat kann der Wertzuwachs am einfachsten und sichersten dann einer Steuer unterworfen werden, wenn er aus dem Zu⸗ stande der Latenz(des Verstecktseins), in dem er sich bei bebauten Grundstücken nur in den gesteigerten Erträgnissen zeigt, bet unbebauten Grundstücken aber überhaupt nicht faßbar ist, an die Oeffentlichkeit tritt. Das ist bei Besitz⸗ wechsel der Fall. Die kommunale Umsatz⸗ steuer will also nicht den Besitzwechsel als solchen, wie die staatliche Stempelsteuer, zum Steuerobjekt machen, sondern der Besitzwechsel gibt nur den Anlaß, die Besteuerung des unverdienten Wertzuwachses nunmehr eintreten zu lassen, weil er am leichtesten und erfolg⸗ n in diesem Stadium gefaßt werden ann. Allgemein wird die kommunale Umsatzsteuer mit einem einheitlichen Prozentsatze von dem gesamten Verkaufswerte eines Grundstückes er⸗ hoben. Es wird nur zwischen bebautem und unbebautem Boden unterschieden und der letztere mit einer höheren Umsatzsteuer be⸗ legt. Die Sätze der Umsatzsteuer sind im allgemeinen nicht sehr hoch. Sie gingen an⸗ fangs selten über ein Prozent hinaus; erst in den letzten Jahren finden auch höhere Sätze die Zustimmung der staatlichen Aufsichtsbehörden. Die kommunale Umsatzsteuer ist ferner, wie der staatliche Stempel, auf oneröse“) Geschäfte be⸗ schränkt; bei Besitzanteil durch Erbgang tritt die Steuerfreiheit ein. In dieser rohen Form hat die Umsatzsteuer nur die allgemeine Verbindung mit dem Wert⸗ zuwachs, die wir oben angeführt haben. Die Einheitlichkeit des zur Erhebung kommenden Satzes, der nur bebauten und unbebauten Boden unterscheidet, hat weiter die Folge, die Steuer⸗ abwälzung auf die Mieten zu erleichtern. Die Steuer kann leichter abgewälzt werden, wenn der gesamte Grundbesitz bei Besitzwechsel mit der gleichen prozentuellen Belastung rechnen kann. Bei einer rationellen Gestaltung der Umsatzsteuer käme es also darauf an, die Ver⸗ bindung mit der Tatsache der unverdienten Wertsteigerung möglichst eng zu gestalten, und zweitens die Abwälzung der Steuer möglichst zu verhindern. Beide Ziele werden dadurch erreicht, daß man die Umsatzsteuer nicht in Prozenten des Verkaufswertes, sondern in Pro⸗ zenten des Wertzuwachses erhebt, der dem Grund⸗ stück seit dem letzten Besitzwechsel hinzugewachsen ist, und daß man den Prozentsatz mit der Größe des Verhältnisses vom Wertzuwachs zum früheren Verkaufswert wachsen läßt. Bei dieser Anordnung ist also die Höhe der zu zahlenden Umsatzsteuer nicht dem Verkaufs⸗ wert proportional, also auch nicht bei gleichen Verkaufswerten gleich. Sie ist für die einzelnen Grundstücke selbst bei gleichen Verkaufswerten verschieden groß, und in dieser Verschiedenheit liegt der beste Schutz gegen eine Abwälzung. Denn der Preis eines Grundstückes in bestimmter Lage ist zu bestimmter Zeit etwas Gegebenes, und läßt sich nicht nach Willkür um den Betrag der Umsatzsteuer hinaufsetzen, sofern diese ein⸗ heitlich nach dem Verkaufswerte, sondern in progressiv steigenden Sätzen nach der Höhe des Wertzuwachses erhoben wird. Zwecks Verhütung der Abwälzung muß also das einzelne zu be⸗ steuernde Grundstück isoliert, von der Masse der übrigen Grundstücke getrennt werden. Unter Berücksichtigung dieser Sätze wären also für eine Wertzuwachssteuer die folgenden Bestimmungen zu treffen: Die Steuer wird von allem Grund und Boden erhoben. Ein Unterschied zwischen bebauten und unbebauten Boden darf nicht gemacht werden, da ja nur der Wertzuwachs besteuert werden soll, Wert⸗ steigerungen aber bei beiden Arten von Boden unterschiedslos stattfinden. Eine geringere Be⸗ lastung des bebauten Bodens, wie ste sich in ) Mit Abgaben belastete. — 8 8 1———̃ ̃ ʒ ́ñà2ñ̃—UQmuæ ä———— f¶F Seite 4. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. manchen Umsatzsteuerverordnungen findet, ist wirtschaftlich deshalb unbegründet, weil der Sitz aller Bodenwertssteigerungen in den bebauten Quartieren zu suchen ist. Die Wertzuwachs⸗ steuer soll ferner nur den unverdienten Wert⸗ zuwachs treffen, der aus der Tätigkeit der Ge⸗ meinde und des Staates, der wirtschaftlichen Entwickelung der Lokalität ohne Zutun der Grundbesitzer entstanden ist. Es sind daher alle die Wertsteigerungen auszuschließen, die auf direkten Kapitalaufwand(Meliorationen usw.) zurückzuführen sind, soweit er nicht aus⸗ schließlich der Erhaltung des Grundstückes dient. Dagegen dürften die zugewachsenen Zinsen des Erwerbspreises bei unbebauten Grundstücken unter keinen Umständen abgezogen werden. Sie sind kein Meliorationsaufwand. (Schluß folgt.) Pon Nah und Lern. Gießener Angelegenheiten. — Sangesbrüderliche Unpartei⸗ lichkeit. Nächsten Sonntag gibts in Gießen wieder mal ein Sängerfest, das etwas Be⸗ deutenderes werden soll, als die übrigen der⸗ artigen Veranstaltungen, von denen man ja fast jeden Sonntag irgendwo in der Umgebung eine genießen kann. Dazu werden umfassende Vorbereitungen getroffen; das Fest des Lahn⸗ thalsängerbundes sollte ein allgemeines Volksfest sein, jeder sollte sich daran beteiligen. Auch unser Arbeitergesangverein„Eintracht“ war be⸗ reits zu Anfang des Jahres eingeladen worden und er hatte die Einladung auch angenommen. Seine Mitglieder wurden in die einzelnen Fest⸗ ausschüsse gewählt und arbeiteten darin fleißig mit. Nun wird uns über die weitere Entwick⸗ lung der Dinge von befreundeter Seite ge⸗ schrieben:„Anfangs voriger Woche stellte der Ausschuß den Festzug zusammen. Einer der Herren machte hierbei die schreckliche Entdeckung, daß die„Eintracht“ eine rote Sängerfahne habe. Himmel! Eine Fahne von der revolu⸗ tionären, bet allen frommen und patriotischen Deutschen verpönten roten Farbe im Festzuge! Unmöglicher Gedanke! Der Entdecker des Un⸗ glücks suchte den Ausschuß⸗Mitgliedern begreiflich zu machen, daß die rote Fahne im Zuge nicht mitgehen könne, denn da ginge das Fest in die Brüche, so etwas ließen sich die vielen patrio⸗ tischen Turn⸗ und Kriegervereine, sowie die Spitzen der Behörden nicht bieten. Nebenbei sei bemerkt, daß jener Herr im Vorstand der national⸗„liberalen“ Partei ist. Ob er sich durch seine hier an den Tag gelegte Rotscheu für das s. Zt. verweigerte Reserveoffizierspatent empfehlen wollte, mag dahingestellt bleiben. Nun wurde nach tapferer urdeutscher Weise geheim abgestimmt und das Ergebnis war: die„Eintracht“ darf sich am Festzuge nicht beteiligen! Unser Verein faßt naxürlich die Sache von der heiteren Seite auf. Es muß aber doch darauf hingewiesen werden, daß in den vier Gießener Vereinen: Harmonie, Bauer⸗ scher Gesangverein, Heiterkeit und Gemütlichkeit, die Mehrzahl der Mitglieder Arbeiter sind, zum Teil in Gewerkschaften und in der Partei orga⸗ nisterte. Und an diese darf wohl die Frage gerichtet werden: Wollen sie den Schlag ins Gesicht ruhig hinnehmen, der hier den Arbeitern verabfolgt wurde? Wir meinen, ihr Ehrgefühl und Klassenbewußtsein müßte ihnen gebieten, nicht nur jede Beteiligung an dem Feste abzu⸗ lehnen, sondern auch solchen Vereinen den Rücken zu kehren, wo man die Arbeiter derart behandelt.“ Dem können wir nur zustimmen. Ein solches Vorgehen der Festleitung ist einfach un⸗ erhört. Da reden die Herren immer davon, daß Politik in Turn- und Gesangvereinen nichts zu tun habe, hier tragen sie selbst Politik in die Fest⸗Angelegenheit hinein, eine höchst arbeiter⸗ feindliche Politik dazu! Die Arbeiter sollen hier bloß die Staffage bilden, die Herren wollen nur kommandieren. Jeder verständige Arbeiter und Parteigenosse bleibt von dem Feste weg! Laßt die Leute unter sich, die nichts mit euch zu tun haben wollen! f — Das dritte Bundesfest des Arbeiter⸗ sängerbundes wurde am Sonntag bei riesiger Be⸗ teiligung und ausgezeichnetem Wetter in Hauau abge⸗ halten. Auch aus unserem Bezirke waren zahlreiche Sänger nach Hanau gereist, die Gießener„Eintracht“ war vollzählig vertreten. Im Ganzen beteiligten sich 131 Vereine; und nach der Schätzung unseres Frank⸗ furter Parteiblattes war die Zahl der Festbesucher auf mindestens 20 000 zu schätzen. Bereits am Samstag hatte ein großer Kommers stattgefunden. Hierbei hielt der Bundesprästdent Fladung⸗Frankfurt eine Ansprache, in der er hervorhob, daß es in der jetzigen bewegten Zeit nicht allein Pflicht der Arbeiter sei, sich gewerk⸗ schaftlich und politisch zu betätigen, sondern daß sie auch die unabweisbare Pflicht hätten, die Arbeitergesangvereine in ihrem edlen Bestreben zu unterstützen, die Sanges⸗ kunst zu pflegen, in denen auch im Gegensatz der bürger⸗ lichen Vereine den Freiheitschören ein großes Interesse entgegengebracht werde. Sein Hoch galt dem freien Sang. Am Sonntag fanden in acht großen Sälen Gesangskonzerte statt. Der Festzug nahm um 2 Uhr seinen Anfang. Zu den 131 Gesangvereinen kamen da⸗ bei noch eine Anzahl Gewerkschaften und Radfahrervereine von Hanau und Umgebung, deren Gruppierung für das Festkomitee keine leichte Aufgabe war. Der Zug wurde von einem Festreiter eröffnet und ihm folgte ein pracht⸗ voll dekorierter Blumenwagen, der von vier kräftigen, gleichfarbigen Pferden der Brauerei Nikolay gezogen wurde. Auf dem Wagen thronte die Gesangsgöttin mit der Lyra in der Hand, verkörpert durch eine Hanauer Schönheit. Zwei weitere Gestalten versinnbildlichten die Zusammengehörigkeit von Wissenschaft und Arbeit, und junge, weißgekleidete Mädchen huldigten der Göttin der Harmonie. Dann folgten Radfahrer auf ihren mit Blumen und Bändern geschmückten Rädern. Ihnen reihten sich die 131 Vereine mit ihren etwa 70, meist prächtigen roten Fahnen an. Den Schluß machten die Hanauer Gewerkschaften und der festgebende Arbeiter⸗ gesangverein Vorwärts Hanau. Es war ein imposanter Zug, wie ihn Hanau so groß noch nicht gesehen haben dürfte; etwa 10 000 Personen dürften an ihm beteiligt gewesen sein. Der Zug wurde überall freundlich begrüßt, Blumen und Sträußchen wurden ihm aus allen Fenstern zugeworfen. Sehr viele Häuser waren geschmückt. Eine volle Stunde dauerte der Vorbeimarsch; nachdem er wieder auf dem Festplatze angelangt war, vergnügte man sich mit Volksbelustigungen aller Art. Im Ganzen war es ein gelungenes Fest, für dessen Arrangement dem Bundesvorstand alle Anerkennung gebührt. Ebenso werden die gebotenen gesanglichen Leistungen von allen Sachverständigen als recht gute bezeichnet. — Die Stadtverordneten hielten am Donnerstag eine Sitzung mit ziemlich reich⸗ haltiger Tagesordnung ab, die aber nicht viel des Interessanten bot. Erwähnenswert ist ein Gesuch des Brauereibesitzers Förtsch um Ueber⸗ lassung von Stadtbachgelände an der Kirchstraße, wo F. einen großen Saal errichten will. Nach Vorschlag der Baukommission soll er für das betr. Gelände 100 Mk. Pacht zahlen. Die Versammlung beschließt, nur 50 zu fordern.— Für das Hoch⸗ und Tiefbauamt werden zwei Fahrräder anzuschaffen beschossen.— Abge⸗ lehnt wird das Gesuch der Anzeiger⸗Druckerei um Ueberlassung elektrischer Energie zu billi⸗ gerem Preise. Zum Schluß gab es eine ziemlich lebhafte Debatte über die Ueberfüllung der Volksschulklassen, die Dr. Ebel mit dem Nachweis einlettete, daß verschiedene Klassen über 60 Schüler zählten! Orbig kritisterte die langweilige Arbeitsweise an der Höheren Mädchenschule, die längst fertig sein könnte. Krumm fügte dem hinzu, daß der Theaterbau viel schneller gefördert werde. Auch der Ober⸗ bürgermeister mußte die Berechtigung der Kritik bezüglich des Schulbaues anerkennen. — Deutsche Justiz. Zwei Mo⸗ nate Gefängnis diktierte die Gießener Strafkammer am Dienstag dem Gen. Vetters zu, weil er in Nr. 10 der„Mitteld. Sonntags⸗ zeitung“ eine humoristische Notiz abgedruckt hakte, in welcher ein drastischer Druckfehler aus dem Homburger Kreisblatt wiedergegeben war. Darin erblickte die Anklage eine Mafestätsbeleidigung und auch„Verbreitung unzüchtiger Schriften“. Das Gericht gab sogar dem Antrage des Staats⸗ anwalts auf Ausschluß der Oeffentlichkeit statt und trotzdem der Angeklagte dagegen protestierte, wurde die aus 2 Männern im Alter von etwa 40 Jahren bestehende Oeffentlichkeit ausge⸗ schlossen! Es handelt sich bekanntlich um eine durchaus bedeutungs⸗ und harmlose Sache; der Oberstaatsanwalt brachte es fertig fünf Mo⸗ nate zu beantragen! Das Gericht sprach obige Strafe aus, obwohl es anerkannte, daß Ange⸗ klagter nicht die Absicht einer Majestätsbeleidi⸗ gung gehabt habe. Das Urteil zeigt wleder, wie notwendig die Beseitigung des Majestäts. beleidigungsparagraphen ist. a — Das Frankfurter Gewerkschafts⸗ haus reichte für die erhöhten Anforderungen nicht mehr aus und mußte eine Erweiterung erfahren. Es wurde das daran angrenzende Gebäude, worin sich schon längere Zeit ver⸗ schtedene Bureaus befinden, für den Preis von 260000 Mk. dazu gekauft. Wann wird die Gießener Arbeiterschaft endlich einmal zu einem eigenen Lokale gelangen? Hier sind die Zustände bekanntlich derart, daß ein solches dringend notwendig wäre. — Das sprichwörtliche„Schweine⸗ glück“ der Sozialdemokratie hat sich am Sonn⸗ tag wieder glänzend bewährt. Während das große Fest des Arbeitersängerbundes vom herr⸗ lichsten Wetter begünstigt war, sind zahlreiche, patriotische Feste in Oberhessen gründlich ver⸗ regnet. So das des Kriegervereins in Burg⸗ gräfenrode im Friedberger Kreise. Dort regnete es dermaßen, daß der Tanzboden umherschwamm und benutzt wurde, um in die Zelte zu gelangen. Wenn man weit, daß dieser Kriegerverein 1903 den bekannten Wahlkrawall inszenierte und daß diese Patrioten seinerzeit den Wirt Kohl ins Gefängnis brachten, sein Haus demolierten, beim letzten Manöver durch den Bürgermeister den Militärboykott verhängten, so kann man sich nur freuen, daß Kohl am Sonntag durch die zahlreichen flüchtigen Krieger ein Geschäft machen konnte. Das Sängerfest in Lollar verregnete ebenfalls total, ebenso das in Fauer⸗ bach bei Friedberg. Ju Gießen hatte der Krieger⸗ verein Waldfest, mußte sich aber auch vor dem Gewitter nach der Turnhalle flüchten. — Bauunternehmer Carls hat, wie wir hören, das vom Schwurgericht über ihn verhängte Urteil anerkannt. — Eine öffentl. Holzarbeiter⸗ versammlung findet Montag, den 2. Juli, 7 Uhr abends im„Wiener Hof“ statt. Ahle⸗ meyer⸗ Frankfurt wird vom Verbandstage Bericht erstatten.— Vom 1. Juli werden die hiesigen Holzarbeiter nach ihrem neulichen Versammlungs⸗ Beschlusse 55 Pfg. wöchentlichen Beitrag zahlen. Aus dem RAreise gießen. — Die Kreiskonferenz hat der Kreiswahlvereinsvorstand auf den 29. Juli ein⸗ berufen. Ihre Tagesordnung ist unter Partei⸗ nachrichten angegeben. — Gegenden Sparkassenrechner Heinzerling aus Butzbach wird diesen Samstag vor der Gießener Strafkammer ver⸗ handelt. Heinzerling hat bekanntlich etwa 200 000 Mk. Sparkassengelder unterschlagen. Aus dem Rreise Wetzlar. h. Richtigstellen müssen wir unsere neuliche Bemerkung, wonach sich zu dem Kassiererposten der Ortskrankenkasse über 100 Bewerber gemeldet hätten. Das trifft nicht zu; die Zahl 100 ist auf einen Schreib⸗ fehler im Manuskript zurückzuführen. Uebrigens beträgt das Jahresgehalt des Kassierers ganze 700 Mk., außer⸗ dem werden 1000 Mk. Kaution verlangt. Es ist daher klar, daß unter solchen Bedingungen sich soviel Bewerber für einen solchen Posten nicht finden. v. Polizeiliche Lokalabtreiberei wird im Kreise Wetzlar immer noch mit allem Eifer betrieben und namentlich haben die Angehörigen des Bergarbeiterver⸗ bandes darunter zu leiden. Ein Wirt, der sein Lokal in Aussicht gestellt hatte, erklärte den Bergleuten am ersten Pfingstfeiertage, er würde es gerne tun, doch der Herr Wachtmeister sei bei ihm gewesen und habe es ihm verboten, andernfalls würde es für ihn Folgen haben. Was für Folgen, konnte der Wirt sehr leicht erraten, da er nacheinander zweimal in Strafe genommen wurde, weil der Sturm die Lampe vor der Türe aus⸗ geblasen hatte und die Polizei dafür sorgen muß, daß. es überall helle wird. Doch alle Liebesmühe verschiedener Herren wird umsonst sein, wenn man dem„ahristlichen“ Gewerkverein auch noch soviel Vorschub letsten und den freien Bergarbeiterverband vernichten möchte; die hier ansgestreute Saat geht auf und bringt gute Ernte. Daß übrigens Gensdarmen und Polizei sich um Dinge so eifrig bekümmern, die sie absolut nichts angehen, ist ein Beweis dafür, daß die Leute viel Zeit übrig haben. t. Das dankbare Vaterland. Im Kreisblatt war kürzlich zu lesen:! „Die Ortsbehörden find amtlich aufgefordert worden, diefenigen in ihren Gemeinden wohnenden hilfsbedürftigen Nr. 26. bel. fir. ich, bel ug. ett un gen. 905 daß 5 cel, tet Nan lurch aft lat e 1 den ha, iber er⸗ Jul, hle⸗ icht gen I len. del ein tel⸗ net lesen bel⸗ et gen lich u del 72 110 ————— r — 3 Nr. 26. Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung. Seite 5. Veteranen aus den Kriegsjahren 1843/49, welche nach⸗ weislich an Gefechten teilgenommen haben, unter Angabe des Lebensalters und ihrer Einkommen⸗ und Familien⸗ verhältnisse, sowie ihrer Würdigkeit namhaft zu machen.“ Na, da wird sich Vater Staat nicht so sehr in Un⸗ kosten zu rennen brauchen. Denn die würdigen Veteranen müßten doch mindestens 77 Jahre alt sein und die werden sicher nicht mehr regimenterweise herumlaufen. Vielleicht liest man demnächst eine Bekanntmachung, daß sich die alten Veteranen aus dem siebenjährigen Krieg melden sollen! k. In Waldernbach(Oderlahnkreis) gab es am Fronleichnamstage— bekanntlich der höchste katholische Feiertag— eine gehörige Keilerei und Stecherei zwischen katholischen Waldernbachern und nicht minder katholischen Italienern. Was würde wohl die„christliche“ Presse sagen, wenn Aehnliches etwa am 1. Mai zwischen Sozialdemokraten vorkäme? Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain. Im Wahlverein spricht diesen Samstag Genosse Dißmann⸗Frankfurt über: Unsere gegenwär⸗ tige Situation und der Ausbau der politischen Organi⸗ sation. Die Parteigenossen wollen dazu recht zahlreich erscheinen. Der Schreinerstreik in Marburg, der jetzt bereits 14 Tage währt, verdient doch etwas näher be⸗ sprochen zu werden, zumal die Herren Meister die un⸗ glaublichsten Dinge in die Welt setzen, um das Publikum irre zu führen. Im Frühjahre d. J. stellten die hiesigen bei Innungsmeistern beschäftigten Gesellen an die Innung den Antrag, den Stundenlohn um 5 Pfg. pro Stunde zu erhöhen und die Arbeitszeit von 10 auf 9 Stunden täglich zu verkürzen. Diese Anträge wurden abgelehnt. Dagegen versprachen die Meister, demjenigen Gesellen,„der es verdiente“, 1—2 Pfg. pro Stunde zuzulegen. Diese höhnische Zumutung wiesen die Gesellen einstimmig zurück und die weiteren Verhandlungen mit der Innung wurden abgebrochen, da doch nichts auf gütlichem Wege zu erwarten war. Die im deutschen Holzarbeiterverbande organisterten Kollegen beschlossen, ihrerselts Forderungen an die im Arbeitgeberschutzverbande organisierten Meister einzureichen. Die Forderungen lauteten: 4 Pfg. Lohnerhöhung pro Stunde und 7 stündige Arbeitszeit. Die Einreichung dieser Forderungen machte natürlich die Meister ganz rebellisch. In der ersten Verhandlung, an der auch der Gauvorsteher des Holzarbeiterverbandes teilnahm, konnte keine Einigung erzielt werden, da die organisierten Meister keinerlei Zugeständnisse machten. Daraufhin reichten die Gesellen die Kündigung ein. Das schlug natürlich dem Faß den Boden aus. Das hatten die Meister von ihren alten, seit Jahrzehnten bei ihnen beschäftigten Gesellen nicht erwartet, daß sie so einmütig die Arbeit nieder⸗ legen würden. Sie sahen eben ein, daß mit 2.80 bis 3 Mk. Tagelohn eine Familie nicht ernährt werden kann! Die Innungsleute beklagten sich nun in den Zeitungen, daß sie 14 Stunden arbeiten müßten, wo sagten sie aber nicht. Dann verpflichteten sie die Holz⸗ und Elsen⸗ händler, den Arbeitern keine Waren zu liefern! Viel⸗ leicht verbieten sie das auch noch den Bäckern und Metzgern! Als Streikbrecher haben sich bis jetzt nur ein paar Christliche gefunden.— Die Schreiner sind nicht aus Uebermut in die Lohnbewegung eingetreten; sie erwarten von der Arbeiterschaft Marburgs und Um⸗ gegend Unterstützung in ihrem Kampfe! * Die Bauhilfsarbeiter in Marburg sind nun ebenfalls in den Streik eingetreten, nachdem die Unternehmer die Lohnforderungen abgelehnt hatten. Zu —.— C. F. Schwarz Söhne Inhaber: Carl Schwarz beehren sich ihren früheren Kunden- und Freundeskreisen mitzuteilen, dass sie ihr Mass- u. Herren⸗Konfektionsgeschälft von Sonntag, den 20. Mai ab wieder übernehmen mussten. Um mit dem Lager rasch zu räumen, werden die vorrätigen Stoffe, nur gute Qualitäten für Masssachen, wie auch die fertigen Herren-, Knaben- und Kinderanzüge, Hosen und Paletots, Haveloeks, Capes, Arbeits- Kleider et. zu Sehr billigen Preisen verkauft. Anfertigung nach Mass, unter Garantie für tadellosen Sitz. Spezialität: einer am Freitag stattgefundenen Versammlung wurde nach gründlicher Aussprache mit allen gegen eine Stimme beschlossen, von Samstag(23. Juni) ab die Arbeit ruhen lassen. Unsere Forderungen lauten: 10stündige Arbeitszeit, 35 Pfg. Stundenlohn für Handlanger, 40 Pfg. für Stein⸗ und Mörtelträger. Wie man sieht, bewegen sich die Forderungen in durchaus bescheidenen Grenzen und trotzdem kein Entgegenkommen. Zuzug ist daher streng fern zu halten. Agitatorischer Erfolg. Seit einigen Jahren sind fast sämtliche Bauarbeiter in Marburg in den ein⸗ zelnen Organisationen vereinigt worden, außer den Dach⸗ deckern. Durch die rege Agitation eines Genossen ist es nun endlich dazu gekommen, die Dachdecker zu organisteren. Von den in Marburg beschäftigten Gehilfen gehören bereits/ dem Verbande an und es konnte eine Zahl⸗ stelle gegründet werden. Man steht, es geht allerwärts vorwärts. Das Sommerfest der vereinigten Gewerk⸗ schaften Marburgs findet am Sonntag, den 29. Juli, auf der Schanze statt. Das Programm wird in nächster Zeit im Inseratenteil der M. S.⸗Z. bekannt gegeben. * Bezirksturnstunde. Diesen Sonntag findet im Restaurant Hildemann, vormittags 9 Uhr, die Bezirksvorturnerstunde für den dritten Bezirk des Ar⸗ beiterturnerbundes statt. Turn freunde sind dazu freund⸗ lichst eingeladen. Arbeiterbewegung. Arbeiter allerorts! Auf der Gall'schen Dampfziegelei und Thonwarenfabrik ist seit Wochen eine Lohnbewegung im Gange. Da sich die Firma bisher den gestellten Lohnforderungen gegenüber ablehnend verhielt und trotz mehrmaliger Verhandlungen eine Einigung nicht erzielt wurde, sahen sich etwa 200 von den dort beschäftigten 240 Arbeitern gezwungen, am 28. Juni die Kündigung einzureichen. Aus Anlaß richten wir das dringende Ersuchen an alle Arbeiter, bei genannter Firma nicht eher Arbeit anzunehmen, bis die Differenzen erledigt sind. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck gebeten. Die Ortsverwaltung des Verbandes der Fabrik⸗Land⸗ Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands. Zahlstelle Gießen. Lohnkämpfe. In einer Tabakarbeiter⸗ Versammlung in Hanau, die dort am vorigen Mittwoch stattfaud, wurde mitgeteilt, daß eine große Firma Lohnerhöhung zugesagt, zwei aber eine solche abgelehnt haben. Da mehrere Fabrikanten mit der Verbandsleitung nicht unterhandeln wollen, so wurde für jede einzelne Fabrik je eine Kommission von Arbeitern zur Führung der weiteren Verhand⸗ lungen gewählt. An die Handschuhmacher erläßt das internationale Sekretariat der Handschuhmacher⸗ Organisationen einen Aufruf zur Unterstützung der österreichischen Kollegen, die gegenwärtig einen Kampf mit dem Unternehmertum zu führen haben. Der Kampf hat in Abertham begonnen. Dort lehnten die Unternehmer die geforderte Schnittpreis⸗Erhöhung von 24 Hellern rundweg ab, worauf den Gehilfen nur die Arbeitsver⸗ weigerung übrig blieb. Alle Unterstützungs⸗ gelder sind an Hermann Stolz in Prag, Karpfengasse 48, einzusenden. Partei-Nachrichten. Der Kreisvertrauensmann August Bock wohnt jetzt Gießen, Bleichstraße 29 III. Eine sozialdemokratische Frauenkonferenz hat die Vertrauensperson Ottilie Baader auf Samstag den 22. September nach Mannheim, wo der diesjährige Parteitag stattfinden wird, einberufen. Als Tagesord⸗ nung ist in Aussicht genommen: 1. Bericht der Zentral⸗ vertrauensperson, 2. Frauenstimmrecht, 3. Agitation unter den Landarbelterinnen, 4. Die Dienstbotenbewegung, 5. Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen. Als Reserenten sind Genossinnen in Aussicht genommen. die sich mit den betreffenden Fragen eingehend beschäftigt haben; so für Punkt 2, Frauenstimmrecht, Genossin Zetkin; für Punkt 3 Genossin Zietz; für Punkt 4 Genossin Grün⸗ berg; für Punkt 5 Genossin Duncker. Anträge sollen bis spätestens zum 20. Juli an die Genossin Baader, Berlin S. 53, Blücherstraße 49, eingesandt werden. Bei der Ersatzwahl in Altena⸗Iserlohn erhielt unser Kandidat Haberland 10547 Stimmen und kommt mit dem Zentrum in Stichwahl. Dersammlungskalender. Samstag, den 30. Juni. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Sonntag, den 1. Juli. Wetzlar⸗ Altenkirchen. Kreiswahlverein. Nachmittags 3¼ Uhr Parteiversammlung in Glei⸗ berg. Parteilegitimation mitbringen. Dienstag, den 3. Juli. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Briefkasten. K. Reiskirchen. Auf die Sache, worüber jetzt schon einige Wochen vergangen sind, wollen wir nicht mehr eingehen und den guten Leutchen ihre„harmonische“ Himmelfahrtsfeier schenken. Allerdings, wenn der Diri⸗ gent selber den Grundsatz vertritt:„Wenn man gegen einen was hat, so schlägt man sofort drauf“— dann ist's kein Wunder, daß unter den Vereinsbrüdern Holze⸗ reien sozusagen mit zum Festprogramm gehören. Traurig genug, daß Arbeiter, statt mit der Arbeiterbewegung vorwärts und aufwärts zu streben, über ihre Lage nach⸗ zudenken und an deren Verbesserung mitzuarbeiten, ihre spärliche freie Zeit mit einem Verein vertrödeln, in dem solche Gepflogenheiten herrschen. Sie haben ganz recht, wenn Sie sagen, daß es Aufgabe aller verständigen Arbeiter sein muß, ihre Kollegen möglichst daraus fern zu halten.— Bei dem Kreisfest sind einige Schirme und Stöcke in Verlust geraten. Wer einen der Flüchtigen entdeckt, wolle ihn in der Wirtschaft des Genossen Orbig in Gießen abgeben, damit sie wieder ihren rechtmäßigen Herrn finden. 7 Bemüht Parteifreunde! enn; nach besten Kräften für die immer wettere Verbreitung Eueres Blattes, der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung! Jeder sollte zum Quartalswechsel unserem, seinem Blatte wenigstens einen neuen Abonnenten zuführen! Ferd. Nenmstiel Lager Giessen, Machst. 7. in sämtlichen Kastenmöbeln, poliert und lackiert Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Lu rum he. Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertigung Uebernahme voll- ständ. Ausstattung. Ecke Marktstrasse und Wettergasse c Talare und Amtskleidungen Sonntag, für Geistliche und Beamte. * Simlliche leudeilen eingetroffen. statt, wozu Freireligiüse Gemeinde Krofdorf. den 1. Juli, nachmistags von 3 Uhr ab findet im Saale des Gastwirts Moos in Krofdorf s freiressgsose Erbauung alle Freidenker freundlichst eingeladen werden. Der Vorstand. 4 * —— Bp Seite 6. Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung. Nr. f 26. a 8 Sozialdemokratie und Frridenkerkum, zugleich eine Betrachtung über das Wesen des Letzteren. Von einem Freidenker. (Fortsetzung.) Was macht die Arbeiter notwendiger Weise zu Freidenkern? Die kirchlichen Dogmen, in unauflöslichem Widerspruch stehend mit den Ergebnissen der Wissenschaft(Entwickelungs⸗ geschichte des Menschen und der Tiere, Gesetze der Physik und Chemie ꝛc.), die immer mehr zunehmende Knebelung der freien Forschung, die gewaltsame Unterbindung der Lehrfreiheit an den Universitäten durch die Reaktionäre, speziell die kirchlichen Behörden, die immer mehr zunehmende, eine Gefahr für das gesamte Deutsch⸗ tum bedingende Unterdrückung aller derjenigen Bestrebungen, die die Volksschule völlig aus den Vampyrarmen der Kirche und ihrer An⸗ hänger befreien wollen(vergleiche die Anträge des vor einigen Tagen in München abge⸗ haltenen Deutschen Lehrertages), ferner der für jeden Freidenker(die Meisten sind es!) höchst unsittliche Zwang zum Aufsagen der gesetzlich vorgeschriebenen Eidesformel und vieles Andere mehr— alles das hat den denkenden Arbeiter auch nach der inneren Freiheit dürsten lassen, d. h. ihn zum Freidenker gemacht. Aber dadurch, daß„Religion“ von Partei wegen als „Privatsache“ gilt, ist jede intensive Be⸗ schäftigung auch mit religiösen Fragen anderer Art, sowie mit den für das Freidenkertum allgemein wichtigen Kulturerscheinungen un⸗ möglich. Man argumentiert so: Durch stärkere Beschäftigung mit solchen, mehr das Geistes⸗ und Gemütsleben berührenden Angelegenheiten wird die eigentliche Arbeit, die Durchführung sozialer Forderungen, in den Hintergrund gedrängt. Ein anderer Grund aber, wes⸗ halb das Freidenkertum innerhalb der Arbeiter⸗ schaft keine posktive Pflege finden kann, ist viel wichtiger und auch ausschlaggebend. In die Erörterung religiöser Fragen will man nämlich gerade um des konfessionellen Friedens willen nicht eintreten. Wo aber in aller Welt gibt es denn bei uns Freidenkern einen Glaubenssatz? So etwas ist unmöglich, denn der wahre Freidenker kennt ja, in scharfem Gegensatz zu dem Gläubigen, keinen Anfang und kein Ende der Welt. Ihm, dem Freidenker, ist Zeit und Raum unendlich laut dem tausendfach von der Natur selbst be⸗ wiesenen und von der Wissenschaft erkannten Gesetz:„Aus nichts wird nichts, und was wird, das wird aus etwas Früherem, Anderem“). Deshalb gibt es für den freien Denker keinen Gott und kein Gott ähnliche Wesen, deshalb aber auch kein Jenseits, d. h. keinen Raum hinter der Welt, eben wegen der unendlichen Ausdehnung des Weltenraumes. Der Freidenker bemüht sich, sein ganzes Leben aus eigener Kraft zu gestalten, ohne auch nur im Entferntesten an die Macht und Hilfe eines Gottes oder eines sonstigen außerweltlichen Wesens zu glauben. Das ist nicht so zu verstehen, als ob er innerlich bf auf sich selbst gestellt zu sein glaubte, völlig von der ihn umgebenden Welt losgelöst. Keineswegs! Denn auch er ist ein Glied des großen Ganzen, der Natur; seine Fähigkeiten und Kräfte, seine Vernunft und sein Gemüt stnd ihm zu einem großen Teile von den Vor⸗ fahren vererbt; ein anderer Teil seines Ichs hat hier auf Erden aus der ewigen Wechsel⸗ wirkung zwischen Mensch und Mensch(Handel und Verkehr, Wissenschaft und Kunst, Ehe und Erziehung ꝛc.) zwischen diesem und der Natur tausend Kräfte erworben, tausend Schöpf⸗ ungen zu den ihm geschenkten hinzugesellt. Aber gerade, indem er Beides, das Ererbte und Erworbene zweckmäßig, bewußt und vor allem selbständig vereinigt und benutzt, bildet er aus ihnen das Produkt, das ihm ) Vgl. auch den bedeutenden Aufsatz des Präsidenten des Deutschen Freidenkerbundes und Predigers der frei⸗ religibsen Gemeinde in Breslau, Gustav Tschirn: „Uranfang und Endzweck der Welt“ in der Zeitschrift: „Der Freidenker“, Doppelnummer vom 1. Juni 1906. allein eigentümlich ist, die Persönlichkeit. Sie dirigiert alle seine Taten, ihr Charakter gibt ihnen ihr Gepräge, niemals der Wink irgend eines Gottes oder eines sonstigen, außerhalb der Welt vorgestellten Wesens oder einer Heilsperson, z. B. Jesus Christus. Dem Freidenker sind diese Dinge fremd. So gelangt er zu dem Begriff und Gefühl der vollen Selbstverantwortung überall da, wo nicht ein übermächtiges Schicksal sich ihm entgegenstellt(Blitz, Erdbeben, gewisse Krank⸗ heiten usw.), während der Gläubige nur die schlechten Taten auf sich nimmt, und auch diese nicht einmal ganz, denn oft ist das Bhöse die „Fügung Gottes“, die guten Werke dagegen führt der Religiöse auf„die göttliche Vorsehung“ als auf ihre Urheberin zurück. Beim Freidenker also: sittliche Kraft, aus eigener Ueber⸗ legung erwachsen. Beim Gläubigen dagegen: Unterwerfung unter einen„höheren Willen“ auch in einfachen Lebenslagen. Dort: der innerhalb der Naturgrenzen Freie, hier: der Sklave. Nun kann aber der Gläubige mit Recht darauf hinweisen, daß es auch unter glaubensreligiösen Menschen viele Persönlich⸗ keiten gegeben hat, z. B. den grozen Phystker Newton, der sehr bibelgläubig war. Indessen ist es ja eine allbekannte Tatsache, daß auch die größten Geister trotz ihrer hervorragenden, bahnbrechenden Werke dennoch auf denjenigen Gebieten, die ihrem Denken abseits liegen, schweren Irrtümern anheimfallen. So war es auch mit Newton. Eine„Persönlichkeit“ im eigentlichen Sinne, d. h. ein Mensch, der in allen, auch den geringsten, Beziehungen seines Lebens, seine Entscheidungen für und wider nur nach freiem Ermessen trifft,— ein solcher Mensch war auch der große Newton nicht. Daran hinderte ihn eben sein Dualis⸗ mus(- Lehre von der Zweiheit, d. h.: einer⸗ seits Gott, der Welt Gebieter, andererseits die ihm unterworfene, angeblich von ihm geschaffene Welt). Dazu steht im scharfen Gegensatz die von den Freidenkern angenommene Lehre des Monismus[=- Lehre von der Einheit, d. h.: die Welt samt allem Leben und Vergehen beruht auf ewig giltigen, eng(soweit erforscht) inein⸗ ander greifenden Gesetzen, die in ihr selbst (nicht außer ihr!) seit unendlich langen Zeiträumen wirken und daher keinen„Schöpfer“ oder sonst einen Anfang haben, eben wegen ihrer Unendlichkeit]. Wie man aber auch sonst diese Einheit sich vorstellen mag(z. B.: ob im Sinne Häckel's als Zellseele ꝛc.), das darin enthaltende Denkprinzip ist unanfechtbar, denn es deckt sich mit den bisherigen Ergebnissen der Wissenschaft(3. B. bezüglich der Quan ⸗ tität der in der Welt vorhandenen Kräfte, das berühmte Meyer⸗Helmholtz'sche„Gesetz der Erhaltung der Energie“). Dem den Gläubigen geschenkten Glauben setzt der Freidenker seinen eigenen„Glauben“ gegenüber: er vertraut den Natur⸗Gesetzen, soweit ste ergründet sind. Aber niemals sieht er in dem unendlichen Gewirr von menschlichem Elend, Krankheit, Hungersnot, von Reichtum und Glanz, Heuchelet und Wahrheit irgend ein Natur- Gesetz, denn dieses hat zur Voraussetzung eine immer gültige Beschaffenheit oder einen ewig sich gleichbleibenden Verlauf der Dinge. Viel⸗ mehr erkennt der Freidenker nur die Entwicke⸗ lung, d. h. hier: die Aufwärtsbewegung von niederer Kulturstufe zu immer höherer Vollkommenheit bei dem Einzelnen wie bei den Völkern auf den Wellenlinien der ewig neu schaffenden Natur an— im Widerspruch zu der Lehre von der ewigen Güte des„liebenden Vaters“(Gottes) und vollends im Gegensatz zu der biblischen Schöpfungsgeschichte, die die Welt und alles Leben als etwas von Anfang an von Gott Gegebenes, also Vollkommenes() und von seinem Willen() Abhängiges ansteht. Demuach ist der Freidenker naturgemäß frei von jeder Konfession, d. h. von jedem Glaußbensbekenntuis, welches es auch sei. Und da die Konfesstonen gerade nur deshalb lebens⸗ fähig sind, weil sie den ihnen eigentümlichen, von dem anderen verschiedenen Glauben verkünden, dadurch aber heftige Feindschaft hen die Andersgläubigen erfahrungsgemäß chon im Kindesalter herbeiführen und so schon frühzeitig eine unheilvolle Wirkung auf das heranwachsende Geschlecht ausüben, deshalb fordert der Freidenker vollständige Ab⸗ schaffung des sogenannten le richts(also auch des simultanen Religions⸗ unterrichtes), d. h. der nur Haß und Zwietracht säenden Glaubensunterweisung, und Ersatz derselben durch eine, Gemüt und Geist in gleicher Weise veredelnde Sittenlehre, an der Hand der Geschichte aller Völker und Zeiten(3. B. ist das der wesentliche Inhalt der offiziellen Forderung der Bremer Lehrerschaft auf dem Deutschen Lehrertag, der vor wenigen Tagen in München stattfand). (Schluß folgt.) Eine alte Geschichte. Von K. Neurath. Das Weib muß Mutter werden, wenn es Rechte am Leben haben will und wenn sein Dasein einen Zweck haben soll! sage ich mit unserer alten Magd, die nun schon lange tot ist. Die alte Magd, die seit Jahr und Tag bei meinem Großvater und dann bei uns war, und sich, obschon halb erblindet, mit ihren mürben Knochen nützlich machte wie sie konnte, hatte das an sich selbst erfahren und uns oft die Geschichte erzählt, die ihr Leben war. Als meine Mutter zum erstenmal die Stunde erwartete, da sie Mutter werden sollte, war die Lene in unser Haus gekommen und hatte für sie gesorgt und geschafft wie für eine eigene Tochter. Bei uas war ste alt geworden. Einst war sie einmal jung und schön gewesen und die lustigste von allen, denn das sind nun einmal alle gesunden Mädchen; und wenn sie auch nie ihre Mutter gekannt hatte und von ihrem Vater nur wußte, daß er ein geschickter I ee gewesen war, lustig und fröhlich war e doch. Manchmal allerdings saß sie in ihrem kahlen Dachstübchen und weinte lange und schwer, aber das sah niemand und wußte niemand, und wenn sie unter den Leuten war, ließ ste sich nie etwas anmerken. Ihre Herrsckaft hielt viel auf sie, denn ste war ehrlich und anstellig zu jedem Werk, und je schwerer sie zu arbeiten hatte, um so lauter und lustiger sang sie. f Auch im Dorfe war sie wohl gelitten. Be⸗ sonders die Burschen hatten ein Auge auf sie, und je abfälliger einer über sie sprach, umso lieber war sie ihm. Das ist von jeher so gewesen; denn was ein rechter Bursch ist, läßt sich nichts von seiner Liebschaft merken, wenn er von gar keiner Be⸗ vorzugung, von gar keinem Entgegenkommen reden kann. g ö Aber trotz aller Herbigkeit des Mädchens ließ keiner nach, ihr auf jede Art zu zeigen, daß ste ihm besonders lieb sei und daß er viel von ihrer Züchtigkeit und ihrer Ehrbarkeit halte. Wenn sie irgend einer fragte, ob er ihr denn gar nicht ein bischen gefalle und ob sie ihn denn gar nicht ein bischen lieb haben könne, dann sagte sie jedesmal, daß er ihr gar wohl gefiele, daß sie ihn aber nicht lieb haben könne, weil die Liebe ganz von selbst kommen müsse, ohne daß man wisse warum und wie. Das habe schon ihre selige Muhme gesagt, und die mußte es wissen, denn sie hatte bet dem früheren Pfarrer in Dienst gestanden und an ihrem Hochzeitstage sogar ein wunderhübsches Legendenbuch mit vielen Heiltgenbildern von ihm erhalten, in dem sie bis zu ihrem Tode an jedem Abend gelesen hatte. a Ob die Muhme nun aus diesem Legenden: buche oder sonst woher ihre Weisheit gewonnen hatte, das ist mir nicht bekannt geworden, und es frug auch nie ein Bursch darnach, ohgleich mancher die kluge Muhme samt ihrem Letzenden⸗ * U rn F 4 10 1 2 te 50 e i 0 10 r 1 ——— 7 e 1 1 PPP 2 Nr. 26. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 7. buche und dem Pfarrer, der es ihr geschenkt hatte, in die Brennesseln wünschte. Aber das tat der, den ihr das Schicksal zum liebhaben bestimmt hatte, nicht einmal in Gedanken, denn die kluge Muhme samt ihrem Legendenbuche war ihm höchst gleichgültig, und die grauen Schelmenaugen des Bäschens waren ihm tausendmal lieber als der alten Muhme Legendenbuch und Heiligenbilder. Er hatte überhaupt so eine eigene Art. Als er von den Soldaten gekommen war und sah, daß die Lene immer noch mit keinem ging, da machte er sich einfach an sie heran, und ob sie ihn anfangs auch genau wie die andern behandelte, mit der Zeit erhielt er doch gewisse Vorrechte. Und wo eiamal Vorrechte sind, kommt bald noch mehr nach. Es kam. Mit der Liebe ist das bei jungen Menschen immer so. f Der Bursche ist stürmisch und das Mädchen ist zurückhaltend. Wenn er dann meint, er müsse sanfter sein, dann wird das Mädchen stürmisch, denn sie haben sich ja lieb, und die Liebe strömt vom Herzen in das Blut und macht die Adern sieden und das Hirn brennen und läßt nicht nach, bis sie alles gewonnen hat. Lene und Jakob waren bald gute Freunde und allmählich wurde ihr Widerspruch weniger heftig, wenn man sie Brautleute nannte. Abends plauderten sie zusammen oder gingen ein Stück ins Feld; Sonntags machten ste es ebenso und so bildete sich dann allmählich eine innige Verwandtschaft zwischen ihnen aus, wie ste eigentlich zwischen Brautleuten immer sein Wetzlar. Kinder-Boxkalfstiefel 6 Garantiert Welt Größte Auswahl in Kinderschuhwaren. Die Preise sind billigst gestellt. 6 f Randgenähte und durchgenähte Schuh- wären. 5 Fr. Arends- 15 Lahnstrasse 15 Reparaturen sofort b g Wetzlar. Elegante Herren-, Damen- und Lene sang tagsüber lauter als früher und war fleißiger als je, aber sie schlief auch nicht mehr traumlos. Sie wachte auch nicht mehr so gern lang vor Tag und Tau auf wie früher, denn es war ja solang bis Abend, wo er kam und mit ihr plauderte oder die Dorfstraße ent⸗ lang ein Stück Wegs ins Feld mit ihr schlenderte. So war es im Frühjahr gewesen und im Sommer auch, und als nun der Spätsommer kam und die Altweiberfäden sich um die Hecken spannen, da war es ebenso. An einem Abend, als ste an der Hecke standen, die den Pfarxr⸗ garten von dem Gefeld trennte, legte sie ihre gebräunten Arme weinend um seinen Hals und er zog ste an sich und sie küßten sich lang und tief. Der Vorhang im Arbeitszin mer des Pfarrers bewegte sich leise. Bei dem Abendessen sagte der greise Geist⸗ liche, ein tüchtiger, rechtschaffener Mann, zu seinem Bruder, der Lehrer in der Stadt war, daß es doch noch viel Liebe und viel Gutes in der Welt gäbe, wovon die Seelsorger nur durch ihre Bücher wüßten, und daß ein echtes, rechtes Liebespaar wie ein schönes Märchen sei. Aber der Lehrer hatte einen großen Marsch über die Berge gemacht und sein Hunger war größer, als die Teilnahme an des Bruders Rede, und so gab er nur mit leisem Kopfnicken seine Zustimmung. Seit jenem Abend ließen sich Lene und Jakob gern und lächelnd Brautleute nennen, denn ste hatten alles regelrecht durchgesprochen und über das Jahr, wenn die Frucht herein war, sollte die Hochzeit sein. Der Jakob hatte ein bischen Geld von Hause aus und ihre Arbeitsfreudig⸗ keit war eine bessere Aussteuer als ein Sack voll Gold. 2 f Filiale Ludwig Walltorstrasse 8 Das alles und noch viel mehr hatten ste reiflich überlegt und übersprochen und so war denn kein Hindernis mehr zu einem regelrechten Hochzeitsfest. In der Nacht hatte die Leue kaum schlafen können vor lauter Freude und Glück und am anderen Morgen war sie recht müde. Dennoch tat sie ihre Arbeit geradeso sorglich wie sonst und war froh und heiter. (Schluß folgt.) Die Firma D. 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Huß in Konstanz als Ketzer verbrannt. 7. 1866 Diesterweg, Pädagog, f. mann, Komponist,*. 1810 Schu⸗ Sommer Ciessen i. V. J. Käfer Walltorstrasse 8 0 0 5 Rannkaktur-, Kurz-, Moden- und Konfektionsgeschäft . 0 0 Anfertigung nach Maass in eigener Werkstätte Edgar Borrmann Giessen? Neustadt 11 0 Eisenhandkung, Stahlwaren, Werlizeuge Haus- und Küchengeräte-Handkung. 4 Herde und Oefen Sp 2 i troleum⸗ u. Gaskocher 4 Drahtgeflecht Wasch⸗ u. Wrin gmaschinen Petrole 1 1 mee G t Dr. KleinsFleischsaftpresse aagen und Gewichte. ch Telephon 228 aten Landwirtschaftl. Geräte Stachelzaundraht, Mangen, Vogelkäfige Fleischh l Messerputzmaschinen tehleitern esserputzmaschine a 2 Munition ete. Kragen, Manschetten, Täglich frisches 32 Laffeegebäct errem-Mützen gut und bing Rudolf Richter Marktsrasse 26 L. 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Gießen, Sonntag, den 1. Juli 1906. Wissenswertes über unsere Arbeiterversicherung. (Aus der„Sächs. Arbeiterztg.“) C. Invalidenversicherung. Umfang der Versicherung. Versichert sind im allgemeinen alle in einem Beschäftigungsverhältnisse stehenden Lohnar⸗ beiter, männliche und weibliche, verheiratete und ledige, in⸗ und ausländische, von erfülltem 16. Lebensjahre an. Der Bezug von freiem Unterhalt allein macht nicht versicherungs⸗ pflichtig. Tageweise Beschäftigung, die sich alle Wochen wiederholt, macht versicherungspflichtig, doch muß der dadurch erworbene Lohn vor⸗ wiegend den Unterhalt der betreffenden Person decken. Letzteres gilt im besonderen von Schneider⸗ innen, Waschfrauen, Aufwartefrauen, Aushilfs⸗ kellnern und ⸗Kellnerinnen, Kochfrauen usw. Vorübergehende Beschäftigung auf wenige Tage, die sich nicht wiederholt, macht nicht versicher⸗ ungspflichtig. Betriebsbeamte, Werkmeister, Techniker, Ingenieure, Architekten, Chemiker, Handlungsgehilfen sowie Privatlehrer und „Lehrerinnen sind nur zu verstchern, wenn ihr Lohn oder Gehalt 2000 Mk. nicht übersteigt. Durch Bundesratsverordunng sind auch die Heimarbeiter und Arbeiterinnen der Tabak⸗ industrie verstcherungspflichtig gemacht worden; ebenso ein Teil der Textilheimarbeiter. In letzteren Fällen liegt es den Arbeitern ob, die Beitäge an die Kassen abzuführen und sich den Anteil des Arbeitgebers einzufordern. Bel den sonst gegen Lohn oder Gehalt be⸗ schäftigten Personen hat in Hessen der Arbeit; geber die Anmeldung zum Zwecke der In⸗ balidenversicherung bei der zuständigen Kranken⸗ kasse zu besorgen. Selbstversicherung. Kleingewerbetreibende, Kaufleute, Gastwirte, Handwerker, Dienstmänner, Hebammen, Schnei⸗ derinnen, Krankenpflegerinnen und Hausge⸗ werbetreibende können sich— wenn sie noch nicht über 40 Jahre alt sind und nicht über 3000 Mk. Jahreseinkommen haben— frei⸗ willig verstchern und zu diesem Zwecke bei den Krankenkassen melden. Weiterversicherung. Verstcherte, welche aus der Beschäftigung ausscheiden, können ohne Rücksicht auf ihr Alter, ihren neuen Beruf und ihr Einkommen die Versicherung freiwillig fortsetzen. Das gilt auch von Ehefrauen bei ihrer Verheiratung. Die Weiterversicherung ist sehr ratsam, denn so unzureichend die Invalidenversicherung auch ist, infolge des Reichszuschusses ist sie günstiger als jede Privatversicherung. Obwohl man bel der Weiterversicherung die vollen Beiträge allein tragen muß, ist sie doch nicht drückend, denn mit mindestens zehn Beiträgen im Jahre, auch nach der niedrigsten Klasse(diese betragen 1 Mk. 40 Pf.), erhält man sich die Anwart⸗ schaft auf alle Leistungen außer der Altersrente. Erlöschen und Wiederaufleben der Anwartschaft. Wenn biunen zwei Jahren vom Ausstellungs⸗ tage der Quittungskarte in derselben nicht mindesteus 20 Wochenbeiträge durch Marken quitttert sind, erlischt die Anwartschaft. Bei Selbstversicherern sind innerhalb zweier Jahre mindestens 40 Beiträge zu entrichten. Wenn die Anwartschaft erloschen ist und infolge später eintretender Verstcherungspflicht oder freiwilliger Versicherung wieder 200 Beiträge geleistet sind, leben die verfallenen Beiträge wieder auf und kommen bei der Rentenberechuung in Ansatz. 1 Durch das Gesetz sind fünf Lohn- und Beitragsklassen eingerichtet. Freier Unter⸗ halt wird als ein Teil des Lohnes in An⸗ rechnung gebracht. Bis 350 Mk. Jahresver⸗ dienst geht die 1., bis 550 Mk. die 2., bis 850 Mk. die 3., bis 1150 Mk. die 4. und darüber hinaus die 5. Klasse. Bei einem Tages verdienst bis 1 Mk. 25 Pf. kommt man in die 1. Klasse, von 1 Mk. 26 Pf. bis 1 Mk. 75 Pf. in die 2. Klasse, von 1 Mk. 76 Pf. bis 2 Mk. 75 Pf. in die 3. Klasse, von 2 Mk. 76 Pf. bis 3 Mk. 75 Pf. in die 4. Klasse, von 3 Mk. 76 Pf. an in die 5. Klasse. Bei Mitgliedern freier Hilfskassen ist der ortsübliche Tagelohn gewöhnlicher Tagearbeiter der Invalidenversicherung zugrunde zu legen. Bei diesen ergeben sich daher von vorstehendem Abweichungen. Mit Zustimmung des Arbeit⸗ gebers kann man sich in einer höheren als der vorgeschriebenen Klasse versichern. Der Wochenbeitrag beträgt in der 1. Klasse 14 Pf., in der 2. Klasse 20 Pf., in der 3. Klasse 24 Pf., in der 4. Klasse 30 Pf., in der 5. Klasse 36 Pf. Davon ist der Arbeitgeber berechtigt, die Hälfte bei jeder Lohnzahlung in Abzug zu bringen. Man achte darauf, daß nicht zu niedrige Beiträge abgezogen werden, sonst kann man später sehr fühlbaren Schaden haben. Ueber die geleisteten Beiträge erhält der Verstcherte von der Krankenkasse von Zeit zu Zeit Auf⸗ rechnungsbescheinigungenz; diese sind gut aufzubewahren. Invalidenrente erhält, wer invalid geworden ist und die Wartezeit ef hat, und zwar ohne Rücksicht auf das Lebens⸗ alter derjenige Versicherte, welcher entweder dauernd erwerbs unfähig ist— dann erhält er die Dauerrente— oder während 26 Wochen ununterbrochen erwerbsunfähig war, für die weitere Dauer seiner Erwerbsunfähigkeit— dann erhält er die Krankenrente. Invalidität liegt vor, wenn der Versicherte nicht mehr imstande ist, unter Berücksichtigung seines Berufes und seiner Ausbildung, ein Drittel desjenigen zu erwerben, was gesunde Personen derselben Art in derselben Gegend durch Arbeit zu erwerben pflegen. Die Geschichte vom Mehrwert. In dem bei Albert Langen in München erscheinenden„Tagebuch“ von Otto Erich Hart⸗ leben findet sich folgende hübsche, den Mehr⸗ wertbegriff gut verauschaulichende Erzählung⸗ Es war einmal ein reicher Mann, der hatte von seinem Vater viele blanke Silberstücke, viele tausend Mark geerbt. Und es war ein kluger Mann: er dachte, wie mach' ich es, daß deren immer mehr werden? Und er ging hin und kaufte für 20 Mark 20 Pfund Baumwolle. Dann ging er auf den Markt, wo die Armen stehen, und sagte zu einem: a „Willst du um 3 Mk. für mich arbeiten 5 Der Arme freute sich; ihn hungerte. Und er dachte bei sich: „3 Mk. das ist das Geld, was man mit den Waren tauscht, die in sechs Stunden können gemacht werden!“ Und er ging mit dem Reichen. Der kaufte ihm Spindeln für zwei Mk.; da machte sich der Arme an die Arbeit. Am Abend kam der Reiche wieder, da waren 10 Pfund Baumwolle in 10 Pfund Garn ver— wandelt.. Er überlegte: 10 Pfund Baumwolle kosteten 10 Mk., die Spindeln 2, die Arbeit des Mannes 3, macht zusammen 15 Mk. Da fuhr er auf und schalt den Armen: „Du fauler Kuecht! 15 Mk.! Das ist ja der Prets des Garnes auf dem Markt! Das ist ja sein wahrer Wert! Was hab' ich nun?“ Der Arme schwieg, er war dumm. „Wie lange hast du gearbeitet?“ „Sechs Stunden.“ g „Aha! Warum nicht mehr? Hier liegt noch Baumwolle.“ „3 Mk. sind nur der Wert von sechs Stun⸗ den Arbeit.“ Da lachte der Reiche höhnisch auf. „Dann geh' hin und arbeite dort, wo ste 13. Jahrg. 10 fü nehmen. Scher' dich, du Dumm⸗ kopf!“ Der Arme erschrak. Er hatte Weib und Kinder zu Haus und merkte nun wohl, daß er noch dumm war. Und da er sehr bat, behielt ihn der Herr und gab ihm am andern Tag abermals 20 Pfund Baumwolle. Als er wiederum zu ihm trat, fand er am Abend zwanzig Pfund Garn. Da schmunzelte er beim Rechnen: 20 Mk, für die Baumwolle, 2 Mk. für die Spindeln. 3 für den Arbeiter, macht 25 Mk. 30 Mk. ist der Marktpreis des Garnes, dafür kann man es verkaufen. Und er klopfte dem Armen auf die Schulter und sprach: „Siehst da, so ist es recht. Du hast zwölf Stunden gearbeitet und ich habe 5 Mk. ver⸗ dient. So wollen wir fortfahren.“ Partei-Machrichten. Wahlkreis Gießen Grünberg Nidda. Sonntag, den 29. Jult, vormittags 10 Uhr, Kreis konferenz(Ceneralversammlung) im Lokale C. Orbig in Gießen, Rittergasse. Tagesordnung: 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht; 2. Neuwahl des Vorstandes; 3. Presse; 4. Parteitag in Mannheim; 5. Sonstiges. Die Vorstände der Mitgliedschaften werden ersucht, die Wahlen von Delegierten rechtzeitig zu veranlassen. Nach§ 3 des Kreisstatuts können Vereine bis zu 25 Mitgliedern zwel Delegierte, stärkere für jedes weitesge volle Viertelhundert Mitglieder einen mehr entsenden. ö Die Man date müssen von mindestens zwei Vorstands⸗ mitgliedern unterzeichnet und mit dem Vereinsstempel versehen sein. Formulare sind beim Kassterer August Bock, Gießen, Dammstraße 22, zu haben.— A n⸗ träge zur Generalbersammlung, sowie Wünsche in Bezug auf den Ort des nächstjährigen K reisfestes wolle man rechtzeitig an den Vorsitzenden Gg. Beckmann, Grün⸗ bergerstraße 44, gelangen lassen. Gießen, den 26. Juni 1906. . Mit Parteigruß! Der Vorstand des Kreis⸗Wahlvereins. Von Nah und Lern. Christliche Nächsten liebe. In Lechhausen bei Augsburg betrat ein Mann die Kirche, der nach Anstcht der übrigen Frommen nicht früh genug den Hut abnahm. Schnell hatten ihn zwei Oberfromme gepackt und ihn zum Portal hinausgeworfen. Der Kopf schlug auf dem Steinpflaster auf, der Mann blieb liegen, wurde auf einem Karren fortgefahren und am andern Tage war er eine Leiche.—„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst———l“ Die braven Arbeits willigen. In Immenstadt im Allgäu kam es in einem Wirtshaus wegen eiuer Mundharmonika zum Streit, wobei ein Bursche, der im Käserstreik den„Arbeitswilligen“ spielte, mit einem Messer drei brave Arbeiter zusammenstach. Die Ver⸗ letzten schweben in Lebensgefahr.— In Nürn⸗ berg ist dieser Tage ein„Arbeitswilliger“, der beim Schuhmacherstreik zum Verräter wurde, wegen Raubmords zu lebenslänglichem Zucht⸗ haus verurteilt worden. Wenn ehrliche Arbeiter solche Verbrecher nur einmal Lumpen nennen, daun komen sie Monate lang ins Gefängnls! „Von Rechts wegen!“ Bumoristisches. Mißverständnis. Ein Beamter hatte gehelratet und erscheint zum erstenmal als Ehemann im Bureau. Beim Heben eines sehr umfangreichen Aktes entgleltet dieser zu früh seinen Händen und fällt mit einem lauten Schlag auf den Tisch nieder. Amtsvorstand: „Das hllft jetzt auch nichts mehr, wenn Sie die Akten— ö so herumhauen— hätten She vorher mich gefragt!“ ** Mau gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigene Kraft. A. Oppel. eite 10. Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung. 5 Nr. 26. Man versäume nicht die günstige Kaufgelegenheit, welche sich in meinem aison-Räumungs-Ausverkaut bietet, wahrzunehmen. S 3 2 SAS SS Se = Ein grosser Teil verschied. Artikel aus sämtlichen teilungen ist im Preise ganz bedeut. ermässigt. 2 i 1 9 die Beachtung meiner Schaufenster ist zu empfehlen. 1 5 5 9 Jacob Heilbronner. Giessen 9 12 Marktstrasse 17, Part. I., II., III. 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