11 . 2 Nr. 18. Gießen, den 30. April 1905. Mitteldeutsche Sünntags⸗Zeitung Abonnementspreis: Bestellungen 1 FJuserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Aus träger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Diurch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½5% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 50% Rabatt. PFC 12. Jahrgang. Nebaktiensschluz: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr. 5 Redaktion: 0 1 ö Kirchenplatz 11. Schloßgasse. e 4 r e rbeiter⸗Illailied. N ndlich sind des Winters plagen Das in eisger Nächte Grauen Laßt zur Festesstimmung heute N 2 Wieder in den Bann getan, Manchen Kãmpfers Ilut bedrũckt fllle Räder stille stehn: Und auf seinem Sonnenwagen Es zerfließt ist Frũhlingstauen, Unsrer Seelen Festgelãute fol stürmt der junge Lenz heran. Das die Ilenschenbrust entzückt! Soll des Friedens hauch umwehn! us des Hhauses dumpfen Gängen Lichtentflammt in unser Denken, Unsren Geist kann nichts bezwingen, f J Cockt er uns zum grünen fag, Frei ist unsrer Herzen Schlag: Wie die Welt auch dräuen mag. tiefe Do wir unter Taubgehängen Cafft uns unsre Fahnen schwenken, Unter seinen mãchtgen Schwingen en zu de Und in jubelchorgesängen Und die Sinne aller lenken lillionen sich umschlingen Feiern unsern aientag Ruf der Hrbeit Ilaientag! n der flrbeit Maientag! zen 5 — 8 Hrbeitsbrüder aller Zonen, Es entflieht die schöne Stunde 8 d blu Arbeitsschwestern seid gegrüßt! Es verrauscht des Festes Schall. 3 N Wo der Freiheit Kämpfer wohnen, Fliege hin du stolze Kunde, 20990 4 Sei der Freiheit Hund geküßt! lebern ganzen Erdenball: 1 Bis die Einheit unsrer Scharen„Zählt auf uns im Sturmesgrollen, 4000 Endet aller Knechtschaft plag: Zählt auf uns im Wetterschlag, S dihmar Laßt im ewig Wandelbaren Denn wir wissen, was wir wollen 101 Uns der herzen Glut bewahren Einen großen, wonnevollen fel Für der Dölker Maientag! Welterlösungs⸗Ilaientag!“ 1 erung zu er⸗ Y . e 900 900 Angehörige des werkkätigen, bestzlosen Volkes! Seid flets eingedenk der Mahnung von Karl Marx: L Proletarier aller Länder vereinigt Euch! aal Weiterbestehen der btsheri ür⸗ 1 gen„gottgewollten reichen Kranze der Kalenderfeste und der bür r Zum Maifest der Arbeit. Ordnung“, das heißt, der Willkürherrschaft gerlich⸗potriotischen Feiertage? Gewiß nicht; 900 AUuaeber die Maifeier, welche die Arbeiterschaft[des Besttzes, schrankenlose Ausbeutungsfreiheit um ein gleichgiltiges Fest verlohnte sich nicht — unn schon zum sechszehnten Male begeht, gab wollen.. N b die Einbuße eines einzigen Tagelohnes. Oder md im vergangenen Jahre in der Partei⸗ wie Bei der erwähnten Maifeierdebatte in der beruht die Bedeutung der Maifeier darin, daß Ader Gewerkschaftspresfe einige Diskusstonen. Partet fiel es aber keinem Menschen ein, für die Arbeiter sich an einem schönen Frühlingstage N. Diese Debatten lösten im Lager unserer Gegner Besettigung des Weltfeiertags einzutreten. O, mit Weib und Kind in großen Scharen zu einer Seufzer der Erleichterung aus. Endlich kommen nein; von dessen Bedeutung ist im Gegenteil] Feier der Naturerneuerung zusammenfinden? st die sozialdemokratischen Arbeiter zur Ein. jeder denkende Arbeiter durchdrungen. Der Ach, dieser Gedanke hätte keine agitatorische Ge⸗ ze scht und geben den Unfug des Weltfeiertages Streit— wenn überhaupt von einem solchen] walt über die Massen gewinnen können; derlei ö auf!“ So scholl es aus dem bürgerlichen geredet werden kann— drehte sich nur um die Ausflüge lassen sich zu jeder beliebigen Zeit d- Jlätterwalde. Aber was die kapitalistischen Form der Feier, darum, ob allgemeine veranstalten. 57 5 0 Fdederhelden da als Unfug und Unsinn bezeich- Arbeitsruhe gefordert werden solle, oder Ein anderes ist es, das die Arbeiter⸗ gelen, flößte ihnen in Wirklichkeit nicht geringe] nicht. Wir gehen in diese Diskussion hier nicht massen beseelt, wenn sie am 1. Mai Hammer gugst ein. Denn sie fühlen zu deutlich: der] weiter ein. Für uns sind vielmehr die Be. und Kelle, Hobel und Feile aus der Hand en. Naffeiertag ist der Festtag der sozialen schlüsse der Parteitage maßgebend und diese legen: sie wollen die Hände frei vom Gerät — Revolution, die gewaltige Demonstration bezeichnen Arbeitsruhe als wirksamste Demon⸗ des Alltags, um ste sich gegensetig zum a unterdrückten und Besitzlosen aller Länder stration und fordern die Genossen auf, dafür Gelöbnis“reichen zu können! Die Ar⸗ 0 egen die Geldsacksherrschaft! Und aller Spott einzutreten. Nebenbei sind wir der Meinung, beiter geloben am Tage der Maifeier, daß sie 5 ünd Hohn hilft nicht über die Tatsache hin⸗ daß sie überall ohne besondere Schwierigkeit zueinandergehören als Klassenkämpfer, daß sie 7 weg, daß sich diese internationale Manifestation] durchgeführt werden köunte, wenn die Arbeiter eine Welt trennt von der Kapitalistenklasse, daß 40 mit jedem Jahre imposanter und eindringlicher nur wollten. 5„ es keinen Frieden für sie gibt, ehe nicht der gestaltet, daß sie sich als dröhnender Weckruf! Was giht aber dem Maitage der Arbeit, volle Sieg, der Steg des Sozial is mus über b it die Schläfer innerhalb der Arbeiterklasse] der das klassenbewußte Proletariat aller Länder den Kapitalismus, errungen ist. Wem am bel eweist. Das Erwachen des arbeitenden in denselben Gesinnungen eint, seine eigentliche] 1. Mai nicht diese Gedanken durch den Kopf 0 0 f Bedeutung? Ist er nur ein Fest mehr im! gehen, wer sich an diesem Tage nicht darüber Volkes fürchten aber diejenigen, welche das ———ꝛ—' eH—ͤ Seite 2. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. klar wird, daß der Sozialismus einen Kultur⸗ kampf bedeutet, der erst beendet ist, wenn die bürgerliche Gesellschaft überwunden am Boden liegt, der ist noch nicht von dem echten, stählernen Klassenbewußtsein durchdrungen und der bleibt dem Gedanken der Maifeier das wertvollste schuldig. Zwei Forderungen sind es besonders, denen die Maimanifestation des arbeitenden Volkes gilt. Im Inneren verlangen wir wirksamen Arbeiterschutz, den Acht⸗ stundentag, nach außen hin fordern wir den Völkerfrieden. Der Arbeiterschutz greift dem Kapitalismus an sein innerstes Herz. Nur durch maßlose Ausbeutung der Arbeiter, durch ruchloses Hin⸗ wegschreiten über die Menschlickkeit und Ge⸗ sittung konnte das Kapital seine glänzenden Triumphe feiern und wenigen Auserwählten ein Paradies auf Erden schaffen. Jede Förderung des Arbetterschutzes ruft den Kapi⸗ talismus mehr und mehr zur Scham zurück und zwingt ihn, auf einen Teil seines Profits und seiner Bequemlichkeit zugunsten der Arbeiter zu verzichten. Dauernd wird damit die Lage der Arbeiter allerdings noch nicht gebessert sein. Jeden kleinen Fortschritt auf diesem Gebiete müssen die Arbeiter den Unternehmern und der Staats⸗ gewalt mühsam abringen. Trotzdem müssen wir stets für Erweiterung des Arbeiterschutzes eintreten, um damit für die Arbeiterklasse die nötige innere und äußere Stärke zu gewinnen, für die Durchführung des Kampfes gegen den Kapitalismus und seiner Niederwerfung und der Errichtung einer gerechteren und schöneren Ordnung der Dinge der freien sozialistischen Gesellschaft. Der Völkerfrieden bleibt gleichfalls so⸗ lange ein frommer Wunsch, als die maßgebende Gewalt in den Händen der Bourgeoiste, der Vereinigung zwischen Absolutismus, Aristokratie und Bürgertum, ruht. Die Kriege sind die unausbleibliche Begleiterscheinung der bürgerlich⸗ kapitalistischen Jagd nach dem Prosit. Wo sich zwei Nationen um das Anrecht an eine Futter⸗ krippe nicht einigen können, da lassen sie zwischen sich die ultimo ratio, Kanonen, Gewehre, Tor⸗ pedos und Minen entscheiden. Die klassenbewußte Arbeiterschaft hat an den Raufhändeln der Bourgeoiste nur ein mittelbares Interesse. Einmal insofern, als leider die Arbeiter gezwungen werden, der bürgerlichen Gesellschaft als Kanonenfutter zu dienen. Anderer⸗ seits kann es für den internationalen Sozialismus nicht gleichgiltig sein, wer bei den Kriegen den Sieg davon trägt. So wünscht das klassenbewußte Proletariat aller Länder in dem gegenwärtigen Völkerringen in Ostasien zwischen Rußland und Japan dem kleinen Japan den Sieg, damit durch den kriegerischen Sturz Rußlands das Zarentum, der Inbegriff der Volksunfreiheit und Unter⸗ drückung, mit in den Abgrund gezogen wird. „„Die deutschen Arbeiter protestieren am dies⸗ jährigen 1. Mai noch mit besonderem Nachdruck gegen die Hinopferung blühender deutscher Jugend in den Sandwüsten Deutsch⸗Südwest⸗ afrikas. Nur im Interesse deutscher Kapitalisten, Spekulanten und verkrachter Junker treibt Deutschland eine ebenso kostspielige als un⸗ fruchtbare Kolonialpolitik. Die Sozial⸗ demokratie war stets gegen die spätgeborenen Kolonialgelüste in Deutschland. Sie erhebt gerade jetzt laut die Stimme des Protestes, wo Krankheiten aller Art die deutschen Jünglinge massenhaft in dem ungesunden Klima dahin⸗ raffen, soweit sie den Geschossen des schwarzen Feindes glücklich entgangen sind. In der sozialistischen Gesellschafts⸗ ordnung wird es keine Kriege zwischen zwei Kulturnationen mehr geben. Durch brüder⸗ liche Solidarität verbunden, werden sie sich miteinander zum gemeinsamen Wirken am Bau der Kultur vereinigen. Auch Vergeltungs⸗ und Rachezüge gegen rebellische Wilde wird es nicht mehr geben, da dann nicht mehr durch List, Betrug, Schnaps und Prügel die Kultur den unzivllisterten Mitbewohnern unseres Planeten übermittelt werden wird. Und endlich auch der Klassenkampf wird ein Ende haben, der Sieg des Sozialtsmus bedeutet den Untergang aller Klassenherrschaft. a Von dem Maß der Einsicht und der Kraft des Proletariats hängt es ab, wann dieser Sieg eintreten wird. Bringe die diesjährige Maifeier dem kämpfenden Proletariat neue Einsicht und neue Kraft!— An der baldigen a en dieses Zieles unablässig, unverdrossen mitzuarbeiten ist Pflicht eines jeden, der sich zur Armee des arbeitenden Volkes zählt. Darum in die Reihen getreten! Stärkt die gewerkschaftlichen und politischen Organisationen! Verbreitet nach besten Kräften die sozialdemokratischen Ideen, agitiert für die Parteipresse! Ohne Mühe kein Erfolg, kein Sieg ohne Opfer! Geben wir uns am heutigen Maitage das feierliche Gelöbnis mitzuarbeiten am Neubau der Menschenwürde, in dem Friede, Freiheit und Wohlfahrt für alle Menschen eine Stätte haben soll! Die zwei Welten. Folgende Betrachtung entnimmt unser Münchener Parteiorgan dem Philadelphiaer Tageblatt: Die Verlagsfirma der Newyorker Zeitschrift Succeß hatte vor einiger Zeit dem Schrift⸗ steller C. Moffet den Auftrag erteilt, einen Blick in das Leben der reichen Amerikaner zu nehmen und seinen Befund in Artikeln nieder⸗ zulegen. Dieser hat nun seinen Auftrag erfüllt. Er faßte zuerst den fashtonablen Wohnplatz dieser reichen Parasitenklasse, Newport, R. J., ins Auge, und was er in seinen Artikeln über die Verschwendungssucht dieser Klasse sagt, das soll hier wenigstens zu Nutz und Frommen der Armen wiedererzählt werden. Er berichtet: Das Leben einer selbst nicht großen Familie kommt diesen Reichen auf täglich 1000 Dollar“) zu stehen, dieses sind aber nur die ärmeren Reichen unter den Reichsten. Diese letzteren bedürfen 10000 Dollar zu ihrem täglichen Leben. Roben für die reichen Damen kosten nicht weniger als 500 Dollar, eine Dame, die sich mit ihrem Bekleidungsstück von geringerem Werte in eine Gesellschaft wagen würde, würde sich einfach unmöglich machen. Diese reichen Damen verausgaben für Klei⸗ dung jährlich von 7000 bis 12 000 Dollar. Manche tragen die Kleidungsstücke nur ein ein⸗ ziges Mal. Viele verbrennen diese darauf, damit keine gewöhnliche Sterbliche diese an ihrem Leibe trägt. Die Ausgaben für Blumensträußchen bei Tanzvergnügen kommen auf 2000 Dollar und mehr zu stehen. Eine Metzgerfirma liefert einer reichen Familie monatlich an Fleisch— das beste Fleisch, Geflügel, Wildbret, vielleicht aus anderen Ländern importiert— zum Werte von 800 Dollar. Im folgenden lassen wir eine Lohnliste der Angestellten folgen, die einen Ueberblick über die Verschwendungssucht dieser Parasttenklasse gewährt: Beschäftigung Jahresgehalt Oberküchenchef aus Paris. 5,000 Doll. Zweiter gef Privatsekretär d. Dame d. Hauses 3,000„ Pee 3000 r Zwei Kindermädchen 1,000 Hausheleßrß 1 Fünf Z ofen 120055 Oberkutscher e ee, Zweiter und dritter Kutscher. 1,200 Ehauffeun ß 000, BHC N 900„ Zweiter Butler 5 600„ ih Vier Gartenarbeiten.. 2,500„ Summa 23,800 Doll. *) Ein Dollar ist ungefähr 4 Mk. 20 Pfg. Laufende Ausgaben Laufende Ausgaben für Haus in Newport und New⸗NYork mit Löhnung und Gehalt, für sage 25 Leute, einschließlich Nah⸗ rungsmitteln, Weinen ꝛc. Kosten v. Unterhaltungen, Festen, Bällen, Diners, Blumen ꝛc. Damp ß; ß; Ausgaben für Stallungen und Zuchtfarm, samt Löhnung für Firka 0 Seuf,f, Anlagen, Treibhäuser, Gärten samt Löhnung für zirka 20 r Ausgaben für zwei andere Plätze (in Palm Beach vielleicht und in den Adriondacks) Kleidung für Familie Taschengeld für Familie. Automate Reiseausgaben f. Privatwaggons, besondere Suites a. Dampfern, in Hotels e. lo Summa 300,000 Doll. Hierzu kommen jetzt noch die Ausgaben für 40,000 17 20,000„ 20,000„ 20,000„ 50,000„ 10,000„ allerlei sonstige Liebhabereien für Segel⸗ oder Dampfboote, Automobile usw. Sie geben Tanz⸗ vergnügungen, die an die 100,000 Dollar kosten. So Moffet, dessen Ausführungen bis dato un⸗ bestritten sind. Nun die andere Seite: Der Durchschnitts⸗ verdienst eines Arbeiters beträgt in den Ver⸗ einigten Staaten in einem Jahre laut Bundes⸗ Zensus 436 Dollar. milie erhalten. Aber derjenige, der 436 Dollar wirklich bekommt, der ist noch der glückliche. Der Zensus bekümmert sich um die, die keine Arbeit haben, nicht. Er fragt nur nach der durchschnittlich im Jahr beschäftigten Anzahl Arbeiter. manchmal sehr viele. Die Gesamtzahl der Arbeiter, in die die Gesamtsumme der bezahlten Löhne zu teilen ist, ist viel größer, als die im Zensus angegebene. Dem entsprechend reduziert sich auch der Durchschnittsverdienst noch ganz erheblich. 1 Weiter: Der Wert der Sachen, die von den Arbeitern erzeugt werden, ist gerade doppelt so groß als ihre Löhne, ebenfalls erwiesen durch den Zensus. Das was ihnen da vor⸗ enthalten wird, das sammelt sich nun in den 30,0005 Doll. 50,000„ 50,000„ r CPC Damit muß er eine Fa- Es gibt aber nun Arbeitslose und Händen von Leuten, wie die vorbeschriebenen, an. Warum kann es den Arbeitern vorenthalten werden? Weil sie sich nicht selbst beschäftigen 0 können, sondern zum Kapitalisten gehen und sich anbieten müssen für den Marktpreis der Arbeit, der herabgedrückt wird durch die Ueber zähligen, die Frauen und Kinder, die sich billiger anbieten, durch die fortwährende Einführung von Maschinen. Wie abhelfen? Dadurch, daß die Produktionsmittel allen zugänglich gemacht werden. Wie? Dadurch, daß die Gesellschaft ste übernimmt. Alles sehr einfach, aber leider von den Arbeitern noch nicht allgemein begriffen. ——. ͤ öů.Fß Politische Rundschau. Gießen, den 27. April 1905. Hunnenbriefe aus Afrika. Soldatenbriefe aus Südwestafrika sind während des Herero ⸗Feldzuges verschiedentlich veröffentlich worden. Und die bürgerlichen — Blätter drucken ste meist ohne ein Wort der Kritik, ja zum Teil mit desto größerem Behagen ab, je roher ihr Inhalt ist und je mehr Blut⸗ rünstigkeit der Briefschreiber zeigt. Vor Kurzem veröffentlichte der Schwanheimer Anzeiger einen Brief des Andreas Hochheimer aus Schwan⸗ heim(bei Franksurt), der ebenfalls zu der Schutztruppe gehört. In dem Brief heißt es unter anderem: 1 „In der Neujahrsnacht haben wir zwanzig Hererd totgeschlagen. Das waren die ganzen Feiertage, die wir hatten. Am 27. Februar wird die Hauptschlacht gegen die Hottentotten geschlagen werden. 1 Sonst noch alles beim alten. Ich bin im noch gesund, aber nicht mehr so lustig ——é——— r —f——.———..—j—j—— ——————— — — ———— r. 16, * 0 Doll ben für el⸗ oder n Tanz T kosten. at un⸗ schnitts⸗ en Ver⸗ undes; ine Fa⸗ Dollar lückliche keine lach det Anzahl ose Und ahl der zahlten die in duziert ch galt hon del oppelt erwiesen da Do l⸗ i in den nen, al. halten 15 en und eis del N Uebel. billige führun lch, daf gemac fel er lebe egriffel — N Il. 1905 110 f cen erlich Volt 1 hal 5 Nr. 18. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. Seite 8. früher. Hier wird man ganz menschenscheu und grob. Wir schlagen die schwarzen Halunken tot und fällt uns darüber gar nichts ein— es macht uns sogar noch Spaß. Wenn wir einmal 14 Tage kein Gefecht gehabt haben, sind wir wie toll, alles lüstet nach Rache und Blut. Das bringt halt alles der Krieg mit.“ Noch weitere Stellen legen Zeugnis ab von der Blut⸗ und Rachgier und der unglaublichen Verwilderung des Briefschreibers. So wird in Afrika„Kultur“ verbreitet! Als während des Chinafeldzuges ähnliche Hunnenbriefe von sozialdemokratischen Blättern veröffentlicht wurden, faselte die Ordnungspresse von„sozial⸗ demokratischem Schwindel.“ Damals zeigte sich hier und da noch etwas Scham über solche Bestialitäten, davon bemerkt man jetzt aber feine Spur mehr. Um so lauter muß die Sozialdemokratie ihre Maiforderung erheben: Für den Völkerfrieden! Nieder mit Kolontalräuberei und Völkermord! „Väterliche“ Arbeiterbehandlung in Ostelbien. Auf einem adligen Gut im Kreise Wehlau in Ostpreußen war ein Mädchen im Dienst, das die ungeheure Sünde beging, das zu tun, wozu adlige Herren ihre Dienstmädchen, solange sie hübsch und jung sind, gern benutzen. Sie wurde schwanger, mußte aber nichtsdestoweniger bis zum Tage ihrer Entbindung, dem 23. März, ihre Arbeit verrichten. Dann wurde nachts die Hebamme geholt. Nun duldete der„väter⸗ liche“ Gutsherr aber nicht, daß das Mädchen die Entbindung in ihrer Dienststelle vollende. Auch fiel es ihm nicht ein, ihr ein anderes Unterkommen anzuweisen, sondern das Mädchen mußte, inmitten heftiger Wehen, durch das Gut von Wohnung zu Wohnung ziehen mit der Bitte um Unterkunft. Die meisten Instleute mußten sie natürlich abweisen, denn sie sind nicht so gestellt vom„gnädigen“ Herrn, daß sie Gastzimmer zur Verfügung haben; die Räume, die ste bewohnen, reichen noch nicht einmal für ste selbst und ihre Kinder. Nicht einmal die eigenen Eltern des Mädchens konnten ste aufnehmen, weil ste tagüber arbeiten und die Wöchnerin sich allein überlassen geblieben wäre. Endlich nahm eine Witwe sie auf. Diese hatte aber keine Betten und der„gnädige Herr“ — man denke, welche Herzensgüte!— gab endlich ein paar Stück Betten her. Zugleich aber kündigte er dem Vater des Mädchens an, daß er sich von ihm für die Benutzung der Betten werde bezahlen lassen. Und in der Tat! Dem Vater, der als Vieh⸗ fütterer auf demselben Gute dient, wurden vom gnädigen Herrn für die 8 tägige Benntzung der Betten 6 Mark— sage und schreibe sechs Mark vom Lohn abgezogen! Das Mädchen aber mußte nach der Entbindung wieder zurück in den Dienst, der gnädige Herr verzichtete nicht etwa auf den Kontrakt. Doch für das Neugeborene sorgt er wie ein— ostelbischer Patriarch. Er hat es bei einer Frau auf dem Gut untergebracht und gibt dieser täglich 30 Pfennig und eine halbe Metze Korn. Den Betrag zieht er ebenfalls dem Vater des Mädchens vom Lohne ab!— Ja, die Agrarier sorgen„väterlich“ für ihre Arbeiter. Der Arme kommt ums Wahlrecht. In der ersten Aprilhälfte lagen die Wähler⸗ listen für die Landtagswahlen in Bayern zum letzten Male vor den Wahlen öffentlich auf und von unserer Partei wurden die Arbeiter durch Flugblätter usw. aufgefordert, fleißig nachzusehen, ob sie in der Liste eingetragen 7775 Darauf schrieb nun ein Arbeiter an den oztaldemokralischen Verein in Nürnberg: „Leider muß ich Ihnen mitteilen, daß ich leinen Anspruch darauf habe, in der Wähler⸗ Uste eingetragen zu sein: denn ich habe meine Steuer zu spät bezahlt.... Anfangs Januar gab ich meiner Frau das Geld und den Auf⸗ trag, die rückständige Steuer zu entrichten. Da nich meine Frau in den 14 Jahren unseres Verheiratetseins noch niemals hintergangen hat, glaubte ich die Sache geregelt.... Als ich am 8. d. Mts. das Steuerbuch dem Bürger⸗ rechtsgesuch beilegen wollte, merkte ich mit Schrecken, daß die Steuer erst am 4. April bezahlt war. Nun kann ich meiner Frau nicht einmal einen Vorwurf machen, denn durch Krankheit meiner Frau— ebenso lag ich im vorigen Jahre 25 Wochen an einem Nerven⸗ leiden darnieder— war ich in eine sehr miß⸗ liche Lage geraten, und anstatt die Steuer zu bezahlen, hat ste hinter meinem Rücken den Kindern Brot gekauft. Sie dürfen es mir glauben, daß es mir nicht leicht fällt, Ihnen dies zu schreiben, aber ich kann ja nicht anders, will ich in Ihren Augen nicht als Indifferenter erscheinen. Hätte ich das gewußt, ich hätte lieber ein Stück meines Hausrates verkauft und mir damit mein Wahlrecht gesichert.“ Wer seine Steuern nicht zur rechten Zeit bezahlt, ist nach kapitalistischen Rechtsbegriffen ein Lump und hat keine Rechte. Ist nun dieser Arbeiter ein Lump, dem keine Rechte zukommen? Alle Achtung vor der Opferwilligkeit dieses Mannes! Begehrliche Pfarrer. Die sächsischen Herren Pastoren sind in eine Lohnbewegung eingetreten. In ihrer Organtisation, dem Pfarrverein, haben ste beschlossen, vom Landeskonsistorium folgende Gehalts⸗Regelung zu verlangen: Gewähr freier Wohnung oder angemessenen Wohnungsgeldes, ein Grundgehalt von 2500 Mk., dazu 7 Dienst⸗ alterszulagen: nach dem 5. und 10. Hienstjahre je 500 Mk., nach dem 13., 16., 19., 22. und 25. Dienstjahre je 300 Mk., so daß stch 5000 Mk. als Endgehalt ergeben. Hierzu treten noch Arbeitszulagen von 250 bis 1000 Mk. Dazu können noch kommen außerordentliche persönliche Zulagen und Dotation für Ephoralämter und städtische Pfarrämter von besonderer Bedeutung. Die Gehälter sind als Minimalgehälter gedacht. Wie Figura zeigt, sind die Herren Pastoren gar nicht schüchtern und verstehen es, Forde⸗ rungen zu formulieren. Natürlich hindert ste das nicht, gelegentlich gegen die Forderungen der Arbeiter aufzutreten und deren„Begehr⸗ lichkeit“ zu bekämpfen. Verbotene und erlaubte Maifestzüge. Während in Dresden, wo früher Hunderte bestraft wurden, weil sie am 1. Mai spazieren gegangen waren, diesmal ein öffentlicher Umzug die behördliche Erlaubnis erhielt und in Leipzig der gemeinsame Marsch nach dem Festplatze— wenn auch ohne Mustk— gestattet wurde, gefallen sich andere Gemeindebehörden darin, ähnliche Veranstaltungen zu verbieten. So tat das der Gemeindevorstand in Jena, der aus„dringenden Gründen des öffentlichen Wohles“ den Maiumzug der Arbeiterschaft verbot. Da nun aber in Jena die Stu⸗ denten regelmäßig in der Nacht zum 1. Mai so zwischen 11 und 12 Uhr einen Umzug mit riesigen Radau veranstalteten, meldeten unsere Genossen auf dieselbe Zeit einen Umzug an, aber siehe da, auch dieser wurde verboten! Nun wird sich's zeigen, ob auch die Studenten mit gleichem Maße gemessen werden.— In vielen andern Orten finden Maifestzüge statt. Die Sozialdemokratie Württembergs hielt an den Feiertagen im Stuttgarter Gewerkschaftshaus ihre Landes versamm⸗ lung ab. Aus dem Berichte des Landes⸗ vorstandes geht hervor, daß 11839 Partei⸗ genossen in 179 Mitgliedschaften organistert sind. In den württembergischen Gemeinden gibt es zusammen 108 sozialdemokratische Gemeinderäte und 176 Bürgerausschußmit⸗ lieder. Die Abonnentenzahl der„Schwäbischen agwacht“ beträgt 14629, des Wochenblattes 1146. Auf der Tagesordnung stand außer den Berichten ein Referat des Landtagsabge⸗ ordneten Keil über„Landespolitische Fragen“, sowie ein solcher des Genossen Singer über die„Politik im Reiche“. Zu dem ersten Referat wurde eine Resolution beschlossen, in welcher der Kampf gegen alle bürgerlichen Parteien bei den Landtagswahlen proklamiert wird.— Im Anschluß an die Landesversammlung fand eine Schillerfeier statt, die unter Mitwirkung hervorragender Kräfte einen wahrhaft künstle⸗ rischen Genuß bot. Genosse Frohme⸗Hamburg feierte in der Festrede Schiller als den Dichter der Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Feier hob sich sehr vorteilhaft von dem besonders in Stuttgart schwungvoll betriebenen bürger⸗ lichen Schillerrummel ab. Die sächsische Sozialdemokratie hielt nach den Feiertagen in Leipzig ihre Landesversammlung ab. Der Bericht, den der Landesvorsitzende Sinder mann erstattete, konstatiert eine erfreuliche Entwickelung der Partei im roten Königreich. Die Parteivereine zählen rund 60 000 Mitglieder. Auch die Partei⸗ presse hat sich sehr gut entwickelt und steht so günstig, wie man es vor Kurzem noch nicht zu hoffen wagte. Die Frage der Landtagswahl⸗ beteiligung wurde eingehend debattiert; die Abg. Fräßdorf, Geyer, Gradnauer und andere traten entschieden für die Beteiligung ein und die Versammlung beschloß in diesem Sinne. Außer den Abgeordneten waren 59 Delegierte anwesend. Einigung der frauzösischen Sozial · demokratie. In Paris hielten die verschiedenen sozia⸗ listischen Gruppen einen Kongreß ab, dessen Hauptberatungsgegenstand die Schaffung einer einheitlichen Partei bildete. Dies ist denn auch erfreulicherweise gelungen und eine sozialdemokratische Partei Frankreichs mit einer zentralen Leitung ist gegründet worden. „Getreue“ Beamte in Rußland. Im Finanzministerium ist eine Defraudation von gegen 400,000 Mark aufgedeckt worden, begangen durch einen höheren Beamten, dem diese Summe zum Ankauf von Korn für Ver⸗ pflegungszwecke überliefert worden war. Er wurde einstweilen von seinem Vertrauensposten entfernt und soll bereits das Weite gesucht haben.— Ferner sind eine Anzahl Moskauer Militärärzte beschuldigt, militärpflichtige Personen vom Militärdienst befreit und Sum⸗ men von 500 bis 3000 Rubel dafür ange⸗ nommen zu haben. Ein reicher Kaufmann mußte sogar 20,000 Rubel zahlen. Anderer⸗ seits sind Fälle vorgekommen, in denen Kranke als zum Militär tauglich befunden wurden. Der Geschäftsführer einer Wehrpflichtbehörde ist ebenfalls stark kompromittiert, da er Aerzten Militärpflichtige zuführte und sich von diesen nach ihrer Militärpflichtbefreiung große Summen zahlen ließ.— Für Rußland sind das immer noch Bagatellen. Vom russisch⸗japanischen Kriege sind in dieser Woche Neuigkeiten nicht zu be⸗ richten. Die feindlichen Flotten suchen sich noch in den chinesischen Gewässern, ohne daß es bis jetzt zu einem Zusammenstoß gekommen wäre. Aus der Mandschurei wird von kleineren Gefechten berichtet, bei denen beide Teile gestegt haben wollen. Die Japaner sind bemüht, bedeutende Verstärkungen nach dem Kriegsschauplatz zu dirigteren. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Sämtliche Gewerberichter Sozial⸗ demokraten. Bei der Wahl zum Gewerbe⸗ gericht in dem Berliner Vorort Rummels⸗ burg wurden sowohl in der Arbeiter-, als der Arbeitgeberseite Sozialdemokraten gewählt. Auf Seite der Arbeitgeber gab es einen harten Kampf, bei der den Kandidaten des Gewerk⸗ schaftskartells die übrigen Parteien geschlossen gegenüber standen. Trotzdem siegte in dem überwiegend von Fabrikarbeitern bewohnten Orte die Liste des Gewerkschaftskartells mit 45 gegen 35 Stimmen. Aus den Gewerkschaften. Der Bau⸗ hilfsarbeiterverband hat im letzten Jahre eben⸗ falls eine recht erfreuliche Entwickelung zu ver⸗ zeichnen. Die Mitgliederzahl stieg von 27105 auf 39029. Seine Ausgaben betrugen 462 255 Mark, davon für Streiks 226 584 Mk., für 3 e r er e Seite 4. Mitteldeutsche Sonuntags⸗Zeitung. Aussperrungen 78537 Uek., für in Mitleiden⸗ schaft gezogene Mitglieder 10 454 Mk., für Gemaßregelte 1783 Mk., für die Familien Inhaftierter 7083 Mk.— Der Brauerver. band hatte am Schlusse des Jahres 1904 19 217 Mitglieder gegen nur 16934 im Jahre 1903.— Auch der Müllerverband nahm um 1000 Mitglieder im vorigen Jahre zu und hat jetzt 3711. Diese Organisation zahlte im Vorjahre nicht weniger als 18056 Mk. für Unterstützungszwecke. Lohnkämpfe. Der Schneiderstreik in Köln a. Rh. hat am Donnerstag voriger Woche mit einem Erfolge der Arbeiter geendet. Es kam eine Etnigung zustande, nach welcher der Gehilfentarif mit kleinen Abänderungen von den Arbeitgebern akzeptiert wurde.— In Darmstadt dauert der Streik der Maler und Weißbinder noch fort. Die Unternehmer wollen die Arbeiter niederwerfen und ihnen dann einen„Vertrag“ aufdiktieren, zu dem die Arbeiter Ja und Amen sagen sollen.— Tischler⸗ Aussperrung. In Hamburg sperrten die Innungen und der Arbeitgeber⸗Schutzverband der Holzindustrie die Tischlergesellen aus. Am Mittwoch betrug die Zahl der Ausgesperrten 640.— Die Dresdener Bäcker haben ihre Forderungen in 85 Betrieben mit 230 Gesellen bewilligt bekommen. Im Streik stehen noch 230 Gesellen.— Zu dem Kampfe der Brauer im Rheinland wird aus Köln berichtet, daß Verhandlungen über die Beilegung des ver⸗ hängten Bierboykotts ergebnislos verliefen. Die Unternehmer wollen mit Ende der Woche die Hälfte der organisierten Brauer aussperren. Don Rah und Lern. Hessisches. — Die Beseitigung des Oktrois auf Schweine und Schweinefleisch hatte die Stadtvertretung in Offenbach be⸗ schlossen. Diesem Beschlusse hat das Ministerium merkwürdigerweise seine Genehmigung versagt. Der Oberbürgermeister Brink hatte gegen den Beschluß Einspruch erhoben und das Ministeritum hat ihm recht gegeben. Es erklärt zwar, daß es prinzipiell nicht gegen die Aufhebung des Oktrois sei, es sei aber im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu genehmigen, weil das neue, jetzt dem Landtage vorliegende Gemeindesteuer⸗ gesetz die Möglichkeit gebe, das Oktroi durch andere Einnahmen als Erhöhung der direkten Steuern zu ersetzen. Das ist aber ein wenig stichhaltiger Grund. Denn als Ersatz für den Oktroi⸗Ausfall kann nur die in dem Steuer⸗ entwurf vorgesehene Wertzuwachssteuer in Frage kommen. Diese kann wohl von den Gemeinden eingeführt werden, aber ste muß es nicht und außerdem ist es sehr fraglich, ob dieser Entwurf bald vom Landtage erledigt wird. Unsere Genossen im Offenbacher Stadtparlament handelten mit ihrem Beschlusse sehr vernünftig. Einmal bedeutete die Beseitigung des Oktrots bei den steigenden Fleischpreisen für die minder⸗ bemittelte Bevölkerung eine kleine Erleichterung der Lebenshaltung, dann aber auch muß bis zum Jahre 1910 das Oktroi auf Grund des Zollgesetzes abgeschafft werden und unsere Ge⸗ nossen wollten es nach und nach abschaffen, weil es immerhin schwierig sein dürfte, für den großen Steuerausfall, den die plötzliche Aufhebung mit sich bringt, Ersatz zu schaffen. — Schließlich zeigt die Regierungs⸗Ents cheidung, wie es in Wirklichkeit mit dem berühmten Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden aussteht. Der Beschluß der Offenbacher Stadt⸗ verordneten hält sich streng im Rahmen der Bestimmungen der Städteordnung und trotzdem genügte es dem Mtnisterium, daß der Ober⸗ bürgermeister Brink sich als Gegner desselben bekannte, um ihn zu annullieren! Das ist stark und fordert zu Protesten geradezu heraus! E Freie Lernmittel für alle Schul⸗ kinder beantragen unsere Genossen in der Mainzer Stadtvertretung. Schon bisher konnte in Mainz auf Grund der bezüglichen Beschlüsse der Stadtverordneten niemand die Abgabe der freien Lernmittel verweigert werden, der sie forderte. Im letzten Jahre sind dafür von der Stadt 12157 Mk. aufgewendet worden, gegen nur 5442 Mk. im Jahre 1899. Mit Recht sagt unser Mainzer Parteiblatt, daß die Gewährung freier Lernmittel die notwendige Konsequenz des Schulzwanges set und fordert die Arbeiter auf, ihren Kindern keine Lernmittel zu kaufen, sondern den Antrag auf freie Ge⸗ währung solcher zu stellen. Gießener Angelegenheiten. — Der städtische Voranschlag für 1905 kam in der letzten Sitzung der Stadtverordneten zur Beratung. In dem Haushaltungsetat ist eine Erhöhung und zum Teil Neueinführung des Oktrois auf notwendige Lebensmittel und Gebrauchsartikel vorgesehen; in die Diskussion dieser Oktroifrage wurde aber nicht eingetreten, sondern man kam dahin überein, sie in der nächsten Sitzung zu erörtern. Vorher erklärte der Herr Oberbürger⸗ meister, daß an dem Voranschlag Abstriche nicht mehr gemacht werden könnten; der sich ergebende Fehlbetrag von 45000 Mk. müsse entweder durch erhöhtes Oktrot oder durch höhere Einkommensteuerzuschläge gedeckt werden. Die einzelnen Titel des Voranschlags wurden darauf in ziemlich rascher Folge erledigt, nur bei wenigen gibt es Debatte. Bei der Posttion Elektrizitätswerk teilt der Oberbürger⸗ meister mit, daß der Ueberschuß des Werkes es ermöglicht habe, 10000 Mk. mehr als im Vor⸗ jahre zur Schuldentilgung zu verwenden, also 52000 Mk.— Krumm weist bei Position Schlachthaus auf die Mißstände hin, die bei Fütterung des Viehes obwalten. Ferner set bezüglich des von auswärts eingeführten Fleisches größte Vorsticht geboten und es müsse im Interesse der Gesundheit der Einwohner eine Kontrolle eingeführt werden. Der Ober⸗ bürgermeister erklärte bezüglich der Fütterung Untersuchungen anstellen zu wollen. Was die Fleischkontrolle betreffe, so sei eine Polizei⸗ Verordnung in Vorbereitung. Auf eine weitere Frage Krumm's über die Kühl anlagen im Schlachthaus antwortete Redner, daß ein Um⸗ bau oder Neubau des Schlachthauses erwogen werde. Bei dem Titel Märkte beklagt sich Stadtverordneter Euler über den immer⸗ währenden Lärm, der auf Oswaldsgarten durch die Schaustellungen verursacht werde. Stadtv. Jann beklagt sich bei Titel 16 über die Räume des Gymnastums und der Ober⸗ realschule, die durchaus unzulänglich seien. Der Oberbürgermeister, sowie Beigeordt. Georgi halten diese Klagen für unberechtigt. Bei Titel 22,„Gemeinnützige Zwecke“, sind eine Reihe Abstriche vorgeschlagen, die zum größten Teile genehmigt werden. Für den Beitrag von 20 Mk. für die Landwirtschafts⸗Gesellschaft tritt Genosse Krumm ein, weil diese Gesellschaft für die gesamte Landwirtschaft Gutes leiste und leinen Gewinn mache. Die Position wird nicht gestrichen. Bei Titel 23, Straßenunter⸗ haltung, tritt Krumm für bessere Behandlung der Straßenkehrer durch den aufsichtführenden Beamten ein. Darüber entspinnt sich eine längere Debatte, in der verschiedene Stadtväter den Beamten Bommersheim in Schutz nehmen. Weiter wünscht Stadtv. Leib bei Titel 26, daß in den Anlagen Bänke, die nur für Er⸗ wachsene bestimmt sind, aufgestellt werden möchten. Stadtv. Eichenauer wünscht bei Titel„Polizei“, daß das Wachthäuschen am Selterstor beseitigt und mehr nach dem Bahnhof zu verlegt werde und bet„öffentliche Sicherheit“ meint Krumm, daß es doch zu weit gehe, wenn anläßlich der Hundesperre verlangt werde, die Hunde an der Leine zu führen, ein Maul⸗ korb genüge doch. Hieran kann aber die Stadt⸗ verwaltung nichts ändern, weil sich diese Be⸗ stimmungen auf Staatsgesetze gründen.— Die nächste Sitzung wird auf Freitag, den 28. April festgesetzt, in der hauptsächlich die Oktroi⸗Frage beraten werden soll. — Erhöhung des Oktroi. Um das Deftzit im städtischen Haushalt auszugleichen, will man nicht etwa die direkten Steuern er⸗ höhen, wie das richtig und vernünftig wäre, sondern man will den Betrag durch Erhöhung und Neueinführung von Oktroi auf die not⸗ wendigsten Lebensmittel den armen Teufeln Um diefe Belasiun der Armen zu Gunsten der Besitzenden zu auf den Buckel packen. rechtfertigen, hat der Oberbürgermeister den Stadtvätern eine Denkschrift zugehen lassen, in der er nachzuweisen versucht, daß das Oktrot den Preis der damit belegten Artikel nicht beeinflusse. Herr Mecum versucht, unmögliche 0 Dinge zu beweisen! Denn es ist eine jednm einleuchtende Selbstverständlichkeit, daß 1 die beim Eintritt in die Stadt mit einer Steuer belegten Artikel eben um diesen Betrag ver⸗ ö Daran ändert keine noch so klüglich zusammengestellte Zahlengruppierung teuert werden. etwas. Möglich, daß hier und da die Steuer nicht sofort im Preise in Erscheinung tritt, da wirken eben andere Faktoren bei der Preis. bildung stärker und es scheint, als ob die Steuer keinen Einfluß auf den Preis hätte. Diesen Schein soll man aber doch nicht als Wirklichkeit hinzustellen versuchen. solche Zölle auf notwendige Lebensmittel im Großen wie im Kleinen, im Reich wie in der Stadt in Form höherer Preise auf die Schultern der Minderbemittelten abgewälzt werden, ist eine unbestrittene Tatsache.— Wieder ein⸗ geführt soll nach dem Vorschlage des Ober⸗ bürgermeisters das Oktroi auf Brot und Back⸗ waren werden, während das auf Fleisch(Vieh) und Bier erheblich erhöht wird. Es wäre ein Skandal, wenn die Stadtverordneten diesem Vorschlage zustimmten und so der konsumierenden Bevölkerung Gießens und besonders dem ärmeren Teile derselben neue schwere Lasten auferlegten, wo eben erst die Agrarier einen kleinen Raubzug durch Erhöhung des Milchpreises auf die Taschen jener unternommen haben. Eine Bürgerversammlung, Donnerstag Abend im Steins Garten stattfand und gut besucht war, beschäftigte fich mit der Oktroi⸗Frage. Einberufen war dieselbe vom Bürgerverein; Herr Horst gab als Vorsitzender eine kurze Einleitung, worauf Herr Rechtsanwalt Leun den Gegenstand eingehender be⸗ handelte. und ungerechtes Steuersystem und forderte zum Protest gegen die vorgeschlagene Erhöhung auf. Eine in diesem Sinne gehaltene Resolution gelangte zur Annahme. In der Debatte ergriffen mehrere Vertreter der Gewerbe⸗ treibenden das Wort, die sich alle gegen das Oktroi wendeten. Von unserer Seite legten die Gen. Krumm und Vetters ihren das Oktrot ablehnenden Standpunkt dar. Auf die Versammlung kommen wir noch in nächster Nummer zurück. Für heute sei nur bemerkt, daß ein⸗ zelne Redner von den Gewerbetreibenden das Oktro! nicht vom Standpunkte des Allgemein⸗Interesses be⸗ kämpften, sondern ihr eignes persönliches Interesse mehr zum Ausdruck brachten. Verlangten doch „Schutz gegen die auswärtige Konkurrenz“! J. Im Schneiderstreik ist eine Aende⸗ rung noch nicht eingetreten. t estreikt mit dem alten Mute und der bis⸗ N Energie. Am Donnerstag früh hielten 1 die Arbeiter Versammlung ab. Von Kampfes⸗ müdigkeit war nichts zu spüren. Mirus⸗Frank⸗ furt referierte. Er gab eine genaue Uebersicht über den Stand der Bewegung. Danach sind trotz größter Anstrengung der Arbeitgeber keinerlei Arbeitswillige zugezogen. noch hier sind, einmütig zusammen und sind nicht gewillt, sich zu unterwerfen, selbst wenn Daß 9 die Er bezeichnete das Oktrot als ein veraltetes verschiedene Die im Streik eingetretenen halten, soweit dieselben der Kampf noch Wochen oder Monate dauern sollte. Die Arbeitgeber befinden sich in einer nicht beneidenswerten Lage mit der Fertig⸗ stellung ihrer Arbeit. Im Gieß. Anz. haben die Herren inseriert, daß die Maßarbeit in besseren Geschäften gemacht würde. In Frank⸗ 1 furt wollten die Gießner Schneidermeister in Konfektionsgeschäften Arbeit unterbringen, ste wurden aber bei Bender& Gattmann und anderen abgewiesen. Ein sonderbares Ver⸗ hältnis! Sonst wollen diese ehrbaren Repräa-- sentanten der Maßschneiderei die Konfektion in Grund und Boden verdammen, fetzt gehen die⸗ selben Herren hin und wollen dort der Kund⸗ schaft an Stelle der Maßarbeit Konfektion her- stellen lassen. Die Maßschneider in allen Städten lehnen es entschteden ab, Arbeit für Gießner Firmen zu liefern. Auch die Konfektionsschneider lehnen diese Arbelt ab, sie wollen nicht zum Verräter an ihren Kollegen werden. So wird dann so ein Maß⸗ stück, nachdem es bei 5, 6 und noch mehr — Es wird weiter K» .—— 2 * e e 11 1 ——————r—r———— 1 a. 10. lau, 10 n ster g 9(Och bäre ein u diesen lerenden ärmeren erlegten, Naubzug Taschen g, dle d und gut Frage, herr Hor rauf Hen ender be⸗ beraltetez m Protest in diesen hme. J Gewerbe⸗ a5 Oktrof . Krumm tondpunl. i nächser daß eln⸗ 8 Oleo resseß be zesse aht erschleben Aende⸗ 9 westel er bie⸗ hielten zampfek⸗ rank bersicht ach find eltgebel Die i dieselbe b 15 st we bum iu ein Feri . gabel reit Nr. 18. Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 5. gulen Arbeitern zurückgewiesen ist, von ben schlechtesten Arbeitern mangelhaft zusammen⸗ gestellt. Das kaufende Publikum bekommt also für gutes Geld schlechte Ware. In Kassel sind es die Leichenbesorger, die Streikarbeit für Gießen anfertigen. Die Schneider werden in den nächsten Tagen wieder ein Flugblatt herausgeben, in dem eingehend die Handlungs⸗ weise der Arbeitgeber im Schneidergewerbe klargelegt werden wird. Auch sonstige Interna aus dem Schneidergewerbe sollen veröffentlicht werden. Das Publikum wird da interessante Sachen erfahren. Die Schneider werden dem kaufenden Publikum Gelegenheit geben, seinen Bedarf doch zu decken, ohne auswärts kaufen zu müssen. Von verschiedenen bürgerlichen Arbeiterfreunden angeregt, werden z. Zeit Ver⸗ handlungen wegen Errichtung einer Produktions⸗ genossenschaft gepflogen. In Jena haben vor Jahresfrist die Schneider ebenfalls eine solche errichtet, die ausgezeichnet prosperiert. Die Schneider haben tüchtige Fachleute und können somit für guten Sitz, prima Arbeit und prompte Lieferung Garantie leisten. Das Publikum weiß dann auch, wie und wo seine Arbeit fertiggestellt wird und ist nicht allen möglichen Gefahren ausgesetzt. Die Arbeitgeber haben die geringfügigen Lohnforderungen ihrer Arbeiter verwendet, um die Machtfrage zwischen Kapital und Arbeit gufzurollen und wenn das für sie unaugenehme Folgen zeitigt, sind sie selbst daran schuld. Bedauerlich ist ja, daß einige friedlich gesinnte Unternehmer, die gern bewilligen würden von den Scharfmachern überstimmt werden, doch kann die Arbeiter organtsation daran nichts ändern, sie muß den Kampf mit der Schärfe führen, wie er ihr aufgedrungen wird. Alle Streikenden sind bereit auszuharren, bis sie einen ehrlichen Frieden schließen können. Die gesamte Arbeiterschaft muß aber die kämpfenden Schneider dadurch unterstützen, daß sie ihren Kleiderbedarf nicht in Geschäften deckt, wo gestreikt wird. Wir erhalten ferner eine Zuschrift aus Alsfeld, die sich auf den Schneiderstreik bezieht und die wir ohne weitere Bemerkung wiedergeben: n. Streikarbeit wollte der hiesige Schneider⸗ meister A. Schophach machen. Er meldete sich bei Markus Bauer in der Krone und erhielt am Montag in der Feiertagswoche einen Rock zur Probe. Er schickte ihn schnell ab, andern Tags ersuchte ihn aber Herr Bauer telephonisch, Aermel nebst Futter sofort abzuschicken, er wolle ihm Hose und Weste schicken. Das kam aber nicht und wie Sch. angibt, habe er nichts für die Probe erhalten. Sch. ist eine sehr minderwertige Kraft und auch kein Freund der Arbeit, er überläßt es seiner 6köpftgen Familie, sich durch Bettel ihren Unterhalt zu erwerben. Seine frühere Kundschaft hat er verloren, weil es in seiner Haushaltung äußerst unsauber ist und er den Leuten öfters gewisse kleine Tierchen in die Kleider brachte. Wahrscheinlich hat er auch ein solches mit der Probe nach Gießen geschickt. Er wohnt im Spital und die Stadt muß ihm die Miete bezahlen. Der Bürger⸗ meister hat es ihm schriftlich zugestellt, daß er ins Arbeitshaus verbracht werden soll. Ein solcher Streikarbeiter schadet den Streikenden jedenfalls nicht.“ — Metallarbeiter⸗Versammlung. Am Donnerstag voriger Woche tagte im„Pfau“ eine außerordentlich stark besuchte Metallarbeiterversammlung, in der Beinkämpen⸗Frankfurt über die Tätigkeit der Arbeitgeber⸗Verbände sprach. Er schilderte, welche be⸗ deutende Machtfülle denselben innewohnt und in welcher Wetse sie von den Scharfmachern zur Unterdrückung der Arbeiter angewendet wird. Dagegen müsse sich der Arbeiter bei Zeiten durch eine gute Organisation schützen. Die Ausführungen fanden eine sehr beifällige Aufnahme und eine nicht geringe Anzahl der Anwesenden erklärten ihren Beitritt zum Verband. — Maifeiernde, die den ersten Mai durch Arbeitsruhe begehen, treffen sich Montag morgen ½10 Uhr bei Orbig. — Richtigstellung. In voriger Nr. brachten wir eine Notiz, in der mitgeteilt war, daß auch die Brauerei Friedel& Asprion demnächst in den Besitz des Herrn Bichler übergehen werde. In Zuschriften, die uns daraufym von be'den Firmen zugingen, wird entschieden bestritten, daß eine derartige Fusion beabsichtigt sei, es hätten auch keinerlel Ver⸗ handlungen darüber stattgefunden. Wenn die Herren das öffentlich erklären, wirds wohl richtig sein. Uns wurde diese Mitteilung schon vor längerer Zeit und von verschiedenen Seiten gemacht und wir hielten eine Verschmelzung des Friedel und Asprion'schen Betriebes mit dem Bichler'schen um so eher für möglich, als eben die Einverleibung der Aktienbrauerei in den Besitz des Herrn Bichler Tatsache wurde. Für uns ist die Sache übrigens nicht von so großer Wichtigkeit und unsere daran geknüpften allge⸗ meinen Bemerkungen werden dadurch nicht erschüttert. — Gegen Hudde soll bereits Ende Mai vor dem Gießener Schwurgericht verhandelt werden. — Den Schluß unserer Erzählung„Der Glückspilz“ mußten wir auf die nächste Nummer zurückstellen. Aus dem Rreise gießen. Arbeiter allerorts! Beteiligt Euch recht zahlreich an den Maifeiern. r. Volks verein in Alten⸗Buseck. Die letzte Abrechnung des Volksvereins ist insofern von besonderer Bedeutung, als sich in ihr ein besonders befriedigender Ausschwung des Vereins bemerkbar macht, sowohl in finanzieller Beziehung, als auch bezüglich der Mitgliederzahl. Im letzten Halbjahr sind eine Reihe Neuanmeldungen zu verzeichnen, an deren Zahl keine vorhergehende Periode heranreicht. Bemerkt muß werden, daß die meisten Anmeldungen freiwillig ohne jede per⸗ sönliche Agitation erfolgt sind, ein Beweis, daß es all⸗ mählich anfängt Licht zu werden. Hoffen wir, daß die neuen Mitglieder auch zahlreich die regelmäßigen Ver⸗ sammlungen besuchen, tüchtig mitarbeiten, und so zu tapferen Kämpfern für unsere gerechte Sache werden. Bei dieser Gelegenheit sei darauf aufmerksam gemacht, daß Montag den 1. Mai abends zur Maifeier im Vereinslokale eine Versammlung stattfindet, wozu alle hiermit nochmals eingeladen werden, auch diejenigen, die es sonst vorziehen durch Abwesenheit zu glänzen. Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbhach. Standes herrliches Blechgeld. Als neulich Dr. Eugen Katz⸗Berlin darauf hinwies, daß Graf Görtz im Schlitzer Ländchen seine Arbeitsleute mit Blechgeld ausbezahle, wird wohl mancher Leser ungläublich gelächelt haben. Niemand hält derartiges für möglich, jedermann erachtet es für selbstverständlich, daß überall im Deutschen Reiche jede Ware oder Arbeit in Reichsmünze oder sonstigen gangbaren Zahlungsmitteln beglichen wird. Im Macht⸗ bereich des gräflichen Agrariers kursierten aber heutigen Tages noch flott blecherne Münzen, die man sonst überall an den Kopf geworfen bekäme, wenn man damit bezahlen wollte. Es existieren Stücke zu 1 Mk., 50, 20, 10, 5 und 1 Pfennig. Wir habeag uns einige Exemplare verschafft und bringen hier eine Abbildung des 20 Pfg.⸗Stückes: D 0 SCHLITZ Diese Münzen aus Messingblech sind im ganzen Gebiet des Grafen Görtz verbreitet und werden von Wirten und Geschäftsleuten, die in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu der gräflichen Gutsverwaltung stehen, angenommen. Daß diese Einrichtung dem Grafen bedeutende Vorteile, seinen Arbeitern aber erhebliche Ver⸗ luste bringt, liegt auf der Hand. Der Graf kaun zunächst eine respektable Summe, die er sonst zur Lohnzahlung verwenden müßte, anderweit nutzbringend anlegen. Dann aber gewinnt er für jede verlorene, ver⸗ schleppte oder aus irgend einem andern Grund nicht mehr zur Einlösung präsentiterte Blechmarke den darauf verzeichneten Betrag. Dagegen können die Arbeiter nicht dort ein⸗ kaufen, wo sie es durch ihre Zahlung in Reichs⸗ münze vorteilhafter könnten, sondern ste sind auf die Geschäftsleute angewiesen, die ihnen die Lohnmarken abnehmen. Daß ste dabei in Nachteil kommen, ist ohne weiteres klar und so werden die armen Landarbeiter mittels des gräflichen Lohnzahlungssystems noch einmal extra ausgebeutet. Warum sich wohl die Behörde nicht um die Sache kümmert? Aus dem NRreise Wetzlar. h. Maifeier in Wetzlar. Es sei hiermit nochmals auf die am Montag, den 1. Mai abends 1½9 Uhr im Lokale des Heinr. Kyrmse stattfindende Versamm⸗ lung aufmerksam gemacht, in der Gen. Krumm⸗Gießen über die Bedeutung des 1. Mai sprechen wird. Unsere Parteifreunde wollen sich dazu recht zahlreich einfinden. h. Zur Schillerfeier hat die Wetzlarer Lese⸗ vereinigung eine größere Veranstaltung auf nächsten Donnerstag, abends 8 Uhr, vorgesehen. Dafür wurde ein Programm aufgestellt, zu dessen Durchführung sich die Gießener Ortsgruppe des Dürerbundes in entgegen⸗ kommender Weise zur Verfügung gestellt hat. Die Feier soll in einer kurzen Festrede bestehen, sowie Rezitationen Schiller'scher Dichtungen. Ferner wird der Mustkalische Verein drei Männerchöre zum Vortrag bringen. Der Eintrittspreis beträgt, wie stets bei den Vorträgen, nur 20 Pfg. im Vorverkauf und 30 Pfg. an der Kasse. Ein Erinnerungsblatt, das die Liedertexte und das Programm enthält, soll zum Preise von 10 Pfg. aus⸗ gegeben werden. Wir empfehlen unsern Lesern den Besuch der Veranstaltung angelegentlichst. h. Schlagfertiger Ordnungshüter. In der letzten Zeit machte wieder einmal der frühere Gendarm Glaus von sich reden. Es war ihm von seinem Haushbesitzer die Wohnung gekündigt worden und darüber kam es zu Differenzen und schließlich zu Tätlichkeiten. Dabei schlug G. den Hausbesitzer zu Boden, daß dieser schwere Verletzungen davon trug und den Arzt in Anspruch nehmen mußte. Die Sache wird wohl noch ein gerichtliches Nach⸗ spiel haben. G. hat, als er noch im Amt war, seine„Schlagfertigkeit“ häufig ungestraft geübt, daß ihm ein Denkzettel allgemein gegönnt würde, wenn auch der Geschlagene sich nicht besonderer Sympathien erfreut. Aber Glaus wird wieder einen Verteidiger finden, der ihn, wie damals, als gegen seinen Sohn wegen Diebstahls verhandelt wurde, als„verdienten Beamten“ hinstellt und da wird ihm wohl nicht viel passieren. Aus dem Rreise Marburg⸗Kirchhain. g. Zur Maifeier veranstalten die Marburger Parteigenossen, wie bereits in voriger Nummer mitge⸗ teilt, eine Versammlung am 1. Mai abends punkt 9 Uhr im Lokale von D. Jesberg. Als Redner ist Genosse Hopf- Frankfurt gewonnen.— Für diesen Sonntag, (30.) ist ein Familien⸗Ausflug nach Cölbe vorgesehen, der bei ungünstigem Wetter auf 8 Tage später verlegt wird. O Zur Errichtung von Arbeiterwohn⸗ ungen sollte, wie wir vor Kurzem berichteten, hier eine Baugenossenschaft gegründet werden. Dieselbe ist jetzt unter dem Titel„Wohnungsgenossenschaft des e van⸗ gelischen Arbeiter⸗Vereins“ als Genossen⸗ schaft mit unbeschränkter Haftpflicht eingetragen worden. Daß die Genossenschaft unter muckerischer Flagge segelt, sichert ihr von vornherein ein berechtigtes Mißtrauen der Arbeiterschaft, sowie die Gewißheit, daß dieselbe Fehler begehen wird, die sich bei einem Zusammenarbelten mit selbständig denkenden Arbeitern vermeiden ließen. Wie verlautet, hat die Genossenschaft am Wehrdaerweg. Gemarkung Wehrda, Grundstücke erworben, um eine Anzahl Häuser zu errichten. Für steuerzahlende Arbeiter haben die hohen Geme indeumlagen des Dorfes Wehrda ebensowenig Anziehungskraft wie die Schulverhältnisse unserer hessischen Dörfer, die in vieler Hinsicht den ost⸗ elbischen Schulverhältnissen gleichartig sind. Arbeiter, welche infolge ihres geringen Einkommens keine Steuer zahlen, find aber für die Gemeinde Wehrda kein begehrens⸗ werter Zuwachs. Bei etwas reger Tätigkeit wird die Wohnungsgenossenschaft immerhin das erreichen, daß die Wohnungsmieten nicht gar zu sehr in die Höhe gehen. Mit gutem Willen und unter geeigneter Leitung wären übrigens auch die Marburger Arbeiter sehr wohl in der Lage, auf genossenschaftlicher Grundlage den Bau von Arbeiterwohnungen selbständig in die Hand zu nehmen. Versammlungskalender. Samstag, den 29. April. Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Gambrinus“ bei Wacker. Sonntag, den 14. Mai. Kirchhain. Mühlenarbeiter⸗Versammlung, nachmittags 3 Uhr, im Saale„Zur Post“. Ref. A. Wedermann⸗ Marburg. Alle Kollegen von Gießen, Marburg, Kirchhain, Ziegenhain ꝛc. sind eingeladen. Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 18. Von Nah und Lern. Ein teurer Feldwebel besonders für die Einjährigen war der aus lingen bei Hungen stammende Wacht⸗ meister Fr. Paul, der seit etwa 6 Jahren die zweite Batterie des Artillerieregiments Nr. 25 in Darmstadt führte. Er benutzte seine Dienst⸗ gewalt seit Jahren dazu, um von seinen Unter⸗ gebenen Geld zu erpressen und dafür ein flottes Wohlleben zu führen. Er hat sich für Urlaubs- pässe, für Futtergeld ꝛc. besonders von den Einjährigen sehr namhafte Beträge erpreßt, die Gelder für Uebungen für sich behalten usw. usw. Damit hat er sich nach und nach einige tausend Mark„erspart“. Bezeichnend ist, daß die Verhandlung auf Beschluß des Gerichts nicht öffentlich geführt wurde, da angeblich die militärische Disziplin gefährdet würde; das Schicksal hat ihn aber doch ereilt, denn er wurde degradiert und zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Ein auständig er Arbeitgeber. Der Klavierfabrikant Bösendorfer in Berlin hat anstatt einer Arbeitsordnung folgende Fabrikordnung in seinem Betriebe hängen: „An meine Herren Mitarbeiter! Da die eingehendste und längste Hausordnung immer lückenhaft sein wird, beschränke ich mich auf folgendes: 1. Ich beanspruche von meinen Mitarbeitern möglichst gute Arbeit und An⸗ ständigkeit. 2. Dagegen haben meine Mit⸗ arbeiter selbstverständlich das Recht, von mir ebenfalls Anständigkeit und möglichst hohe Be⸗ zahlung zu beanspruchen. Ich setze voraus, daß meine Mitarbeiter unter sich in freund⸗ schaftlicher Weise die Ordnung beeinflussen werden, um ein erfolgreiches Arbeiten zu er⸗ möglichen. Uebrigens unterstehen wir alle den behördlichen und genossenschaftlichen Vorschriften. März 1902. L. Bösendorfer.“ Kurz und bündig und ehrlich! Das muß man sagen! Keine von schönen salbungs⸗ vollen Phrasen triefenden Heucheleien, sondern eine einfache Konstatierung des Verhältnisses zwischen Arbeiter und Unternehmer. Und wir sind überzeugt, daß Herr Bösendorfer mit dieser Arbeitsordnung mindestens ebensogut fährt, als anmaßende Fabrikpaschas mit ihren Straf⸗ paragraphen. Opfer unserer herrlichen Ordnung. Das Schwurgericht zu Metz verurteilte die Dienstmagd Mirguet, die ihr drei Wochen altes Kind in den Kanal warf und ertrinken ließ, zu 5 Jahren Gefängnis. Die Geschworenen verneinten die Frage nach der Ueberlegung und bewilligten außerdem mildernde Umstände, wegen der Notlage der Mutter. Diese war, nachdem sie das Wochenbettfieber überstanden hatte, gänzlich mittellos am 20. Februar aus der städtischen Entbindungsanstalt entlassen worden. Sie irrte zwei Stunden lang hilflos in der Stadt umher und entledigte sich dann des Kindes auf die angegebene Weise. Der Staats⸗ anwalt plädierte auf Todesstrafe und Empfehlung der kaiserlichen Gnade.— Bei derartigen Fällen erinnert man sich an den ähnlichen der Gräfin Seckendorf, die jedoch Freisprechung erzielte.— Drei Monate Gefängnis für ein paar Holzstückchen. Die Arbeiterin Ida Semmig aus Moholz hatte für 30 Pfg. Holz aus dem Forste des reichen Grafen Lippe gestohlen. Da sie wegen Dieb⸗ stahls zweimal vorbestraft ist, liegt Rückfalls⸗ diebstahl vor. Die Görlitzer Strafkammer mußte auf die Mindeststrafe, nach§ 244 des Str.⸗G.⸗B. drei Monate Gefängnis, er⸗ kennen. So will es die die deutsche Paragraphen⸗ gerechtigkeit. Gebrochene Staatsstütze. Ein großer Sozialistenfresser und dazu ein überaus konservattiber Mann, eine Staatsstütze ersten Ranges und— Polizei⸗ verwalter— war der vor kurzem verstorbene Bürgermeister von Friedland, Rat Voß. Nach seinem Tode stellte sich jedoch heraus, daß der brave Ordnungsmann seit Jahren Fälschungen und Unterschlagungen in großem Umfange verübt hat, und daß die bisherigen Ermittlungen einen Fehl⸗ betrag von etwa Mark 200000 ergeben haben. Besonders geschädigt sind durch Fälsch⸗ ungen die Stadt⸗Armenkasse, die Hospital⸗ Verwaltung und mehrere Bankinstitute. Die ahl der mit in die Affäre hineingezogenen an en soll eine sehr große sein. Dieser Bürgermeister und Rat Voß ließ vor zwei Jahren, als er wahrscheinlich schon langst für's Zuchthaus reif war, durch einen Polizeibeamten die gemaßregelten Former des Friedländer Eisenwerkes vor sich laden, und verlangte von ihnen, daß ste 1 755 Austritt aus dem Metall⸗ arbeiterverband erklären sollten. Als die Arbeiter aber fest blieben, sagte die brave Staatsstütze zu den Arbeitern, die er mit„Ihr“ und„Euch“ anredete:„Was habt Ihr denn vom Verband? Der führt Euch bloß an der Nase herum und zieht Euch das Geld aus der Tasche!“ — 7 UMnterhaltungs-Ceil. 9 2 Der alte Klaus. Eine Maigeschichte aus der Zukunft. Von Edmund Fischer. Vachdrack verb. Es war im Jahre neunzehnhundertund..., nun, es ist ja gleichgültig, im welchem Jahre es war, als sich unsere kleine Geschichte abspielte. Fest steht jedenfalls, daß damals die Arbeiter bereits nicht mehr die unterdrückten Arbeitstiere waren, die elf oder zwölf oder fünfzehn Stunden im Tage im Joche der Arbeit seufzten und dabet doch der Notdurft des Lebens entbehrten. Längst hatten ste sich allgemein den achtstündigen Arbeitstag erkämpft, aber auch alle politischen Rechte und Freiheiten. Deswegen konnte der im farbenprächtigen Gewande auftretende Wonnemonat auch ein glückliches, lebensfrohes Menscheugeschlecht be⸗ grüßen, als er bei seinem Wiedererscheinen heller und wärmer als sein unzuverlässiger und rauher Vorgänger die freundliche Sonne auf das fröhliche Völklein herablachen ließ, das schon in frühester Morgenstunde ein geschäftiges Treiben entfaltete. Rüstete es sich doch zur Matfeier! Zum frohen Frühlingsfeste, an dem es der Ueber⸗ windung schwerer Wintersnot, des früheren Elends und der drückenden Knechtschaft in ernster Rede und bei heiterem Spiele gedenken und zum weiteren Kampfe um Erringung der vollen Menschlichkeit anfeuern wollte. Festlich gekleidet, mit Blumen geschmückt, verließen jung und alt, Männlein und Weiblein, Knaben und Mädchen die schmucken, von kleinen Ziergärten umgebenen Häuslein des in idyllischer Schönheit daliegenden Industrie⸗ dorfes, das einer großen Villenkolonie glich, wie sie früher nur für besonders gottbegnadete Menschenkinder errichtet wurden, die nichts arbeiteten, aber dafür umso besser lebten. Nun wohnten Arbeiter mit ihren Familien in diesen stimmungsvollen Gartenheimen, die in mannigfaltigster Abwechselung sich weithin ausdehnten und von den in der Mitte bes Dorfes stehenden Fabrikgebäuden weit genug entfernt waren, um die glücklichen Bewohner die freie und frische Natur unbeeinträchtigt genießen zu lassen. Auf dem mit Guirlanden und Fahnen reich geschmückten Dorfplatze sammelten sich die von allen Seiten herbeiströmenden Festgenossen zu einem geschlossenen Zuge, und unter den lustigen Klängen der gutgeschulten Arbeiterkapelle zog die jauchzende Schar der sich in großen Windungen den Berg hinauf chlängelnden Straße entlang, zum alten Schloß. Denn in der alten Burgruine fand das Fest statt. Hier oben, wo einst der Fronherr gehaust hat, wo jedes Fleckchen der Erde mit dem Blute der um ihre Freiheit ringenden Vor⸗ fahren gedüngt ist; aber auch jeder abbröckelnde Stein von neuem deu errungenen Sieg ver⸗ kündet, den Sieg des Fortschrittes, einer neuen Welt über die olte; hier oben, wo der Moder⸗ geruch einer längst zerfallenen Zeit daran er⸗ innert, daß keine Herrschaft ewig währt— von hier aus sollte das Frühlingsfest der Arbeiter den im Tale verbliebenen Fabrikherren den Anbruch einer neuen Zeit dokumentieren, in der es 5 keine Herren und Knechte mehr geben werde. Zu den Festesteilnehmern gehörte auch der alte Klaus. Seine beiden goldlockigen Enkel, Karl, ein aufgeweckter, munterer Knabe, und Susel, ein immerfort gesprächiges und lachendes Mädchen, an den Händen führend, den weichen Hut mit grünem Laub geschmückt, war er mit den Kinden singend und hüpfend vor Freude dem Zuge gefolgt. Klaus war früher Weber. Nun aber bezog er eine Altersrente, die ihm einen ruhigen Lebensabend sicherte, den das Glück seiner Kinder und Enkel noch verschönten. Begrüßt von jungen Burschen und Mädchen, die den Festplatz geschmückt und die nötigen Erfrischungen herbeigeschaft hatten, kam der Zug in jubelnder Fröhlichkeit an seinem Ziele an. Bald aber drängte sich alles nach dem Rittersaale, wo die Feier durch Rede eröffnet werden sollte. Auch Klaus hatte mit seinen beiden Enkeln dort Platz genommen, dicht vor dem Redner⸗ pulte, damit er ja alles höre und auch seinen beiden Lieblingen kein Wort entgehe. Ein alter Arbeiter mit schneeweißen Haaren bestieg die Rednerbühne. Lantlose Stille trat ein. Der Redner schilderte in ergreifenden Worten die früheren Kämpfe und die grausamen Ver⸗ folgungen, denen die um ihr Recht ringenden Arbeiter ausgesetzt waren. „Liebe Freunde!“ sagte er,„es war eine schwere Zeit. Aber jenen Braven, Männern und Frauen, Jünglingen und Jungfrauen, ver⸗ danken wir es, daß es heute anders ist und ein glückliches Menschengeschlecht heranreift. Und für uns Alten ist es der höchste Lebens⸗ gabe siob sagen zu können: Du warst auch abei!“ Ein Beifallssturm, der nicht enden wollte, brach nun aus, sodaß der Redner eine kleine Pause machen mußte. Einmal auf das andere⸗ mal ließ man die Vorkämpfer hochleben. Der kleine Karl aber zupfte Klaus am Aermel und frug ihn:„Großvater, warst Du auch dabei?“ Klaus wurde kreidebleich. Aber er schwieg. Das Mädchen hatte die Frage ihres Bruders jedoch ebenfalls gehört und da Klaus keine Antwort gab, frug auch sie ihn:„Ja, Groß⸗ vaterle, sag' uns, warst Du auch dabei?“ Klaus gab wieder keine Antwort. Ganz verstört sah er vor sich hin, und als nun der Redner erzählte, der allerschlimmste Feind sei der Unverstand der Arbeiter gewesen, von denen nicht wenige ihren kämpfenden Brüdern feind⸗ lich gegenüberstanden und ihnen sogar in den Rücken fielen, da begann Klaus am ganzen Körper zu zittern. „Gelt, Großvaterle, Du warst auch dabei?“ hörte er noch einmal seine Enkelin fragen. 6 „Nun konnte er sich nicht mehr halten. Tränenden Auges erhob er sich und schob sich durch die Menge ins Freie. „Großvater! Großvater!“ riefen aber nun die beiden erschreckten Kinder laut durch den Saal und es gab eine allgemeine Aufregung, sodaß der Redner abbrechen mußte. Viele hatten auch den verstörten Blick und die Tränen des Alten gesehen, ohne sich die 1 Ursachen erklären zu können. „Was ist mit Klaus? Wo ist Klaus hin?“ frug nun ein jedes und alles eilte zur Tür 4 hinaus, nach Klaus zu sehen. Es war nirgends mehr zu sehen. Vestürzt, besorgt durchsuchte man das Gemäuer der Ruine, die Sträucher, den Wald, Klaus war 4 nicht zu finden. ———— 16. — Vor⸗ elnde ber⸗ neuen oder. in er⸗ bon beiter den in der geben 9 der Bull, und endes lichen F mit keude bezog ligen seiner ce, tigen der le an. dem öffnet keln duer⸗ feinen daren orten Ver⸗ enden eine nern ber⸗ und reift. bells⸗ auch volle, leine udere⸗ Nr. 18. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung. Seite 7. „Da oben! Da oben!“ rief nun plötzlich eine Stimme.„Klaus! Klaus! Was willst Du da oben auf den Turme?“ Alles schaute in die Höhe. 1 Klaus hatte den alten Turm von innen erklettert, dessen Plateau nur mit Lebens gefahr zu erreichen war. 5 Wirren Blicks stierte er auf die Untenstehen⸗ den, unter denen sich seine besorgten Kinder und die laut jammernden Enkel befanden. „Halt!“ schrie er plötzlich mit einer von ihm bisher nie gehörten Stimme von oben herab, als er sah, daß beherzte junge Männer Versuche machten, zu ihm herauf zu klettern. „Ihr werdet zu spät kommen. Hört: Ich war nicht dabei!“ Mit verzweifelnder, kreischender Stimme hatte er den letzten Satz hinausgebrüllt, daß alle Zuhörer entsetzt zusammenfuhren. „Klaus ist irrsinnig geworden!“ hieß es nun allgemein. Klaus redete weiter: „Mein ganzes Leben“ sagte er,„habe ich, der ich doch zu Euch gehörte, Euch verlacht und auch verraten. Denn ich stand auf der Seite Eurer Feinde! Und ich hatte meine Kinder verstoßen, weil sie sich euch angeschlossen hatten. Dies alles ist Euch bekannt. Nun aber sitze ich an dem Tische, den Ihr gedeckt und genieße die Früchte Eurer Arbeit, die recht tat, weil ich nicht dabei war. O, tut dies weh! Tut dies weh!“ Und er faßte sich an den Haaren und schrie von neuem wie ein Besessener: „Sagt es meinen Lieblingen: ihr Großvater war nicht dabei!“——— Ein Sprung, ein lauter Aufschrei der schreckensbleichen Festgenossen und Klaus stürzte in die Tiefe, mit zerschmetterten Gliedern liegen bleibend. Klaus war sofort tot. Ein herzergreifendes Bild war es, als sich nun die beiden Enkelkinder auf Klaus' Leiche warfen und in einem fort ihren Großvater riefen. „Großvaterle! Gutes Großvaterle, steh' doch auf, Du darfst nicht tot sein!“ Klaus' erwachsene Kinder und seine näheren Bekannten waren wie niedergeschmettert vom Schmerze und fanden keine Erklärung 8 den Vorgang. Niemand hatte jemals Klaus so reden hören, niemand hatte ihm auch jemals Vorwürfe gemacht. Das Fest wurde sofort abgebrochen. Klaus wurde auf eine rasch zusammen⸗ gezimmerte Bahre gebettet und mit den Blumen und Guirlanden bedeckt, die zur Ausschmückung des Festplatzes verwendet worden waren. Ein kühner Turner holte die rote Fahne vom Turme herunter und trug sie der Bahre voran, als sich der Zug in Bewegung setzte, dem Dorfe zu, von Trauermärscheu der Musik⸗ Die so fröhlich begonnene Maifeier hatte somit ein baldiges und recht trauriges Ende gefunden. N Die Geschichte des alten Klaus aber und sein tragisches Ende durcheilte bald alle Lande, und was Klaus im Leben nicht war, wurde er nun umso erfolgreicher im Tode: ein Agi⸗ tator für die Sache der Arbeiter. Schiller worte. Freiheit. Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, Und würd' er in Ketten geboren. * Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menschen erzittert nicht! Recht auf Revolution. Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last— greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst— Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht. Der Güter höchstes dürfen wir verteidigen Gegen Gewalt. Erfolge Eurer Kämpfe, Eurer Leiden! Jeder Blick von Euch sagt mir, daß ich schweres Un⸗ kapelle begleitet. 2 L L. 3 Wissmar. Wissmar. 5 Freunden und Genossen in Wißmar, Launs bach, 3 2 5 W Krofdorf⸗Gleiberg c. zur gefl. Nachricht, daß ich in Wißmar 4 eine 8 8 Brod- und Feinbäckerel; eröffnet habe. Ich werde eifrigst bemüht sein, durch Lieferung 85 ahrräder, e ve der Fabrik an Private ud Händler bester Ware das Vertrauen meiner werten Kundschaft zu er⸗ werben und bitte um geneigten Zuspruch. von Mk. 65.— an. 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Mitteldeutsche Snuntacs⸗geitung. Nr. 18. dss Malfeser in Wieseck! Sountag, den 30. April, nachmittags 3 uhr: Maifeier in Marburgl Sonntag, den 30. April, nachmittags 3 Ahr: im Lokale zum„Gambrinus“(B. Wacker) Familien-Ausflug nach Cölbe] Maifeier * (Wirtschaft H. Orthwein). Sammelplatz: Restauration Jesberg, Wehrdaerweg, nachmittags 2½ uhr, deseiste Slate e ee e Konzert und Tanz. 8 3¼ Uhr: Festzug durch den Ort. ½5 Uhr: strede gehalten von F. Vetters⸗Gießen. i e Montag, den 1. Mai, abends punkt 9 Uhr: Oeffentliche Versammlung 1 im Jesberg'schen Lokal, Wehrdaerweg 2. ersucht, sich recht zahlreich an un V talt Tagesorduung: Die Bedeutung des 1. Mai. Referent Gen. Hopf⸗Fraukfurt a. Mö beteiligen. e 7 F oe. Die Arbeiter Marburgs und Umgegend werden hiermit aufgefordert, an den Ver⸗ anstaltungen sich zahlreich zu beteiligen. 2 Fintritt 10 Pfennig pro Person. 7 Der Vertrauensmann. 60 NB. Be ungünstigem Wetter siudet der Familien⸗Ausflug 8 Tage später(7. Mai) statt. 2 Maifeier in Heuchelheim! Die Parteifreunde von Wieseck und Umgegend werden eee 8 Montag, den I. Mal, abends 8 uhr: Sohne 9 2 Oeffentl. Colksbersammlung C 4 7 5 Schw ar 2 ohne 5 5 im Saale des Herrn* ds zum„grünen Baum“. (Inh.: Heinrich Möller) Die Bedeutung des i. mai. 5 5 8* 5 Referent: C. Orbig⸗Gießen eee we 8 5 18 Die Parteifreunde und deren Frauen werden um vollzähliges 7— l Herren-, Knaben-, und Arbeitskleidern] 2. N 3 Stoffe im Ausschnitt— S 3 Lollar! Lollar! i— 3 Montag, den 1. Mai, abends 8 Uhr: Anfertigung nach mass. 2—— 5— 5— Feste Preise! N Streng reelle Bedienung!“ N— 2 2 1 El marktstrasse und Ecke Wettergasse.— N 0— im Gasthaus„zum Schwanen“ 1 0 N— Jedermann ist dazu freundlichst 1 0 55— Der V d des Sozialdemokrati SU Se er Borfand 5 berkgeg votroiigen — MaaalarbelereBerbende, SSsesessdse 125 des etallarbeiter⸗Verbandes. Ausverkauf, e dee eee A 127 Naher auf Kaffeegebäck Achtung:! Brauer! Uhren, Gold- und Sonntag, den 30. 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