Uhr. „ 1 — —— 8 45 ilalen halen gasten eimer varen ition .* N LSS * W —— Nr. 44. Gießen, den 29. Oktober 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: 0. ebaktion un; Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteld eutsche eee 1 4e U. —— Sonnta 9⸗31 itunt Abonnementspreis: Bestellungen Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbr⸗trung. Die 5 gespalt Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellun die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 33½½%% und bel Albesten 2 mal. Aufgabe 50%, Rabatt. Parteigenossen des Großherzogtums Hessen! Der 32. Landtag ist geschlossen. Ein hochwichtiger Kampf beginnt. Ju wenigen Wochen finden die Neuwahlen stalt. 25 Mandate stehen zur Erneuerung. Davon gehörten seither 2 der sozialdemokratischen Partei. Diese sind zu behaupten, und eine Reihe weiterer Mandate müssen, wenn tüchtig gearbeitet wird, neu erobert werden. Wieder wird nach dem indirekten Ver⸗ fahren, diesem umständlichen, elenden Bevor⸗ mundungssystem gewählt. Durch die reaktionären Machenschaften der Heyl und Genossen in der Ersten Kammer ist die Wahlreform zum zweiten Mal gescheitert. Die privilegierten Vertreter der Adels- und Geldkaste haben als Preis für ihre Zustimmung zur Wahlreform die Erweiterung ihres Budget⸗ und Gesetzgebungsrechts ge⸗ fordert. Die Zweite Kammer hat diese dreiste Anmaßung zurückgewiesen. Das allein aber genügt nicht! Soll die freiheitliche Ent⸗ wicklung unserer poltitischen Verhältnisse vor solchen reaktionären Eingriffen einer Handvoll Großgrundbesitzer, Kapitalmagnaten, Kircheu— vertreter und Bürokraten geschützt werden, dann muß die sozialdemokratische Forderung erfüllt werden, die lautet: Abschaffung der Ersten Kammer! Wenn diese Forderung noch einer weiteren Begründung bedurft hätte, so haben die Herren der Ersten Kammer sie erbracht durch ihr Ver— halten in Sachen der Gemeindesteuer⸗ reform. Auch dieses trotz mancher Mängel im einzelben doch im großen ganzen fortschritt⸗ liche Gesetz ist durch den Widerstand der Pri⸗ vilegierten vereitelt worden. Die bürgerlichen Parteien scheuen vor dem prinziptellen Kampf gegen die Erste Kammer zurück. Nationalliberale, Zentrums⸗ männer und Bauernbündler haben sich als Anhänger des Zweikammersystems bekaunt. Ja, von nationalliberaler und ultra⸗ montaner Seite ist sogar die Geneigtheit aus⸗ gesprochen worden, den Wünschen der Ersten Kammer auf Erweiterung ihres Budgetrechts teilweise entgegenzukommen. Das alte liberale Ideal der absoiuten gesetzgeberischen Souveränität des Volkes wird von den bürgerlichen Parteien preisgegeben. Nur die Sozialdemokratie hält es als einzige, ehrliche Volkspartei hoch! Ebenso ist es die Sozialdemokratie allein, die unentwegt an der Forderung eines gleichen, kautelenfreien Wahlrechts festhält. Wie die Bauernbündler durch Versagung der gehörigen Mandatzabl an die Bevölkerung der größeren Erädte, so haben die Nation all beralen und die Vertreter der Zentr umspartet die Ent ⸗ rechtung eines Teils der völkerung durch die Steuer- und Aufenthalts- klauseln gebilligt. Nunmehr erhält die Wählerschaft das Wort. Sie erhält Gelegenheit, mit dem Stimmzettel ihren Willen kundzutun. Die kommende Landtagswahl muß eine machtvolle Protestkuudgebung sein gegen die Anmaßung der Ersten Kammer, gegen die schwächliche Haltung der Regierung, gegen die Preisgabe des Ideals der Volks⸗ souveränität und der vollen poli⸗ tischen Gleichberechtigung seitens der bürgerlichen Parteien. Die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen muß eine gewaltige Zunahme erfahren; die sozialdemokratische Landtagsfraktion muß erheb⸗ lich verstärkt werden. Noch sind wir eine kleine Minderheit in der Zweiten Kammer. Die unermübliche, pflichttreue Arbeit unserer Abge⸗ ordneten wird bei den Abstimmungen immer wieder um den praktischen Erfolg gebracht, so— lange wir nicht mehr Stimmen in die Wag⸗ schale zu werfen haben. Sollen die hochbe⸗ deutsamen Forderungen des sozialdemokratischen Programms auf dem Gebiet der Arbeiter⸗ politik, des Steuerwesens, der Schule, der Zivilverwaltung, des Polizeiwesens und der Gerichtspraxis zur Anerkennung gebracht werden, so ist es notwendig, eine noch viel größere Volksmasse dafür in Bewegung zu bringen. Parteigenossen! darum der Ruf: Tretet unverzüglich ein in den Wahlkampf! Es ist die Pflicht jedes Einzelnen, tätigen Anteil zu nehmen an der Organisations⸗ und Aufklärungsarbeit. Es gilt, dte noch Rückständigen zu belehren, die Läs⸗ sigen anzufeuern, neue Anhänger, neue Mitkämpfer für unsere gute große Sache zu gewinnen. Nur Massenarbelt kaun Massenbewegung schaffen. Die Zozialdemokratie erstrebt die politische, wirtschaftliche und soziale Emanripation des arbeitenden Volkes in Stadt und Tand. Gleiches Recht, menschenwürdige Eristenz und soziale Ebenbürtigkeit für Alle! Das sind die deale, die auf unserer Tahne stehen. ragt sie hinein in den Kampf! Tue jeder seine Pflicht, damit die alten Posi⸗ tionen mit Ehren behauptet und neue Positionen im Sturm erobert werden. Hoch die Lozialdemokratie! Das Tandeskomitee. Offenbach a. M., 26. Oktober 1905. um das Wahlrecht. Die Zweite Kammer des Land⸗ tags beschäftigte sich Samstag und Montag wieder mit dem Wahlgesetz. Es stand die Rück⸗ äußerung der Ersten Kammer zur Beratung, An Euch alle geht Arbeiterbe⸗ die bekanntlich dem Wahlgesetz nur unter der Bedingung zustimmen will, daß ihre Rechte wesentlich erweitert werden. Demgegenüber beantragt der Ausschuß der Zweiten Kammer Verwerfung dieser Be⸗ dingungen und die sozial demokratische Fraktion beantragt, dem Ausschußantrage hinzuzufügen: „Die Großh. Regierung zu ersuchen, sofort im nächsten Landtag die Vorlage wieder einzubringen. Dabei aber unter keinen Umständen eine Aenderung der Art. 67 und 75 der Verfassungsurkunde vor⸗ zusehen.“ In der Verhandlung am Samstag erklärte zunächst der Nationalliberale Reinhart, daß seine Fraktlon die Anträge der Ersten Kammer ablehne und daß, da das Volk das allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht fordere, der Kampf für dasselbe weiter geführt werde. Redner protestiert gegen die Aeußerungen seines Parteifreundes Heyl in der Ersten Kammer, nach der die Gesetzgebung in Hessen auf sozial⸗ politischem und steuerpolitischem Gebiete der Initiative der Ersten Kammer entsprungen sei. Abg. Dr. David führt aus: Wir stehen zum zweiten Mal vor dem Scheitern der Wahlreform und wer trägt die Verantwortung an dem Ausgang der Reform? Der Parteifreund des Herrn Reinhart, Herr von Heyl sagte, die Schuld am Scheitern trage die Zweite Kammer; er erklärte, man brauche in der Zweiten Kammer nur den Initiativantrag anzunehmen und die Vorlage sei Gesetz. Diese Erklärung ist eine grobe Un wahrheit des Herrn v. Heyl. Man hat nicht nur den Initiatlvantrag einge⸗ bracht, sondern auch die Wahlkreiseinteilung nicht akzeptiert und gerade diese war kein leichtes Werk. Hätten wir also den Initiativ⸗ antrag angenommen, so wäre die Reform dennoch gescheitert. Herr v. Heyl hat auch bei der Wahlreformvorlage behauptet, ein großer Teil der Bevölkerung, besonders in Rheinhessen, wolle die Wahlreform gar nicht, die Wahlkreisein⸗ teilung sei das Werk einzelner Macher rück⸗ sichtsloser Parteien. Wenn Heyl die Stimmung der rheinhessischen Bevölkerung hätte kennen lernen wollen, dann hätte er nach Mainz kommen sollen. Wir haben dort einen Saal, in dem zur Not 10000 Menschen unterkommen da wäre ihm dann schon die vahre Sti m⸗ mung bekaunt geworden. Herr v. Heyl, der Parteifreund des Herrn Reinhart, hat bei der Wahlrechtsvorlage bewiesen, daß er nicht nur einer der größten Industriellen, sondern auch einer der größten Demagogen ist. Was den Initiativantrag anlangt, so ist von Vorteil, daß zwei Artikel der Verfassung einmal der Bevölkerung vor Augen geführt werden. Nach Artikel 75 der Verfassung kann die Regierung ein Gesetz, welches von der Kammer ange⸗ nommen, von der anderen abgelehnt wurde, im nächsten Landtag wieder vorlegen, dann werden die Stimmen der beiden Kammern zu⸗ summengelegt. Die Regierung könnte Heyl und seine Mitläufer, wie Bismarck einmal im Reichs⸗ tag sagte, an die Wand quetschen, daß sie quietschen. Wenn die Regierung Rückgrat genug besitzt, so wendet sie diesen Artikel einmal gegen die Erste Kammer au. Bei dem Initiativ- antrag handelt es sich in erster Liuie um das Steuerfiganzgesetz, um, wie der Parteifreund des Herrn Reinhart sagte, eine Schnur des ...——— Seite 2. Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung. Nr. 44. Gesdbeutels in der Hand zu behalten. In Artikel 67 wird nun de agt, nach Vorlage des Budgets findet zuerst eine vertrauliche Be⸗ sprechung der beiden Ausschüsse, desjenigen der Ersten und desjenigen der Zweiten Kammer, statt, das einzige Recht des Ausschusses der Ersten Kammer besteht darin, seine Wünsche dem Ausschuß der Zweiten Kammer mitzuteilen, dieser braucht aber auf diese Wünsche nicht einzugehen. Die Zweite Kammer hat dann ihre Beschlüsse zu fassen, wenn dies geschehen, hat die Erste Kammer nicht das Recht, im einzelnen zu beschließen; besprechen können die Herren im einzelnen so viel ste wollen, das ist ihr Privatvergnügen. Die Zweite Kammer het kein Recht eine zweite Beratung stattfinden zu lassen auf Grund der Dissense der 1. Kammer, das widerspricht der Verfassung. Das Recht der Ersten Kammer ist: ja zum ganzen Budget oder nein zu sagen. Es ist dies kein bedeutsames Recht. Ja zu sagen, ist sehr leicht für die Erste Kammer, nein zu sagen ist für ste schwer, denn dann ist der Konflikt da, die Erste Kammer ist aber auch kein geeignetes Organ zur Opposition. Wenn ste nein sagt, ist das Budget noch nicht abgelehnt. In diesem Falle treten beide Kammern zu gemeinsamer Be⸗ ratung zusammen unter dem Präsidium des Präsidenten der Ersten Kammer und wir hätten somit das Vergnügen, mit den„hohen Herrn“ gemeinsame Beratung zu pflegen. Bei einer solchen Beratung würde das Nein durch die 50 Stimmen der Zweiten Kammer gegen die 35 Stimmen in ein Ja umgewandelt werden. Es geht aus diesem Artikel hervor, daß die⸗ jenigen, die seinerzeit die Verfassung zu stande gebracht haben, nicht wollten, daß die Erste Kammer die Rechte haben sollte, die sie heute verlangt. Es ist ja recht so, daß die Herren der Ersten Kammer einmal ihre Wünsche ge⸗ äußert haben und es genügt, daß sie einmal gehörig in die Grenzen zurückge⸗ wiesen werden, es genügt hier festzustellen, daß sich die Herren durch ihr Verlangen ein⸗ mal gehörig in die Brennnesseln ge⸗ setzt haben. Entgegen dem Ausschußbericht sind wir der der Meinung, daß wir keine Nagelbreite vom Budgetrecht an die Erste Kammer abgeben dürfen. Wir stehen keineswegs mit ungeteilten Gefühlen der Wahlrechts vorlage gegenüber, ste enthält Kautelen, die großes Unrecht bedeuten und wir verlangen, wenn die Regierung die Vorlage wieder einbringt, daß diese beseitigt werden. In dieser Frage geht der Parteifreund des Herrn Reinhart bei einzeluen Kautelen mit uns, seine Motive hier⸗ zu will ich allerdings nicht untersuchen. Er meint, die Kautelen helfen nichts gegen die Sozialdemokratie, in den Städten hat die Sozial demokratie die Mehrheit und wo noch nicht, wird sie dieselbe noch erhalten. Aus diesem Grund fordert er mit uns die Pro⸗ portionalwahlen, er will sie aber nur für die Städte, auf dem Lande will er die Sozialdemokratie an die Wand drücken. Wenn die Zweite Kammer das Proportional⸗ wahlrecht, das ja auch vom Zentrum ge⸗ fordert wird, einführt, wird sie es für das ganze Land einführen. Beim Wahlkampf, der demnächst geführt wird, wird von uns klar und deutlich ausgesprochen, daß die Wahl⸗ reform durch die Erste Kammer gescheitert ist, die Herren wollen in Wirklichkeit keine Reform, denen war das bisherige Wahl⸗ recht schon zu weitgehend. Ich habe dieser Tage den Verhandlungen der Ersten Kammer zugehört und gefunden, daß dort ein bedenklicher Mangel an politischer Reife herrscht. Die Sozialdemokratie fordert, man mache der Ersten Kammer überhaupt ein Ende. Unserem Antrage stimmt auch das Zentrum zu; zweifellos auch die Nattonal⸗ Utberalen, denn unsere Forderung ist ein alt esr Antrag der nationalliberalen Partei, wir haben ihn nur wieder auf⸗ genommen. Ich habe gedacht, die National⸗ liberalen würden sich ärgern, daß wir ihnen den Antrag abgenommen. Wenn die national⸗ liberale Partei den Antrag niederstimmt, werden wir sorgen, daß es draußen im Lande bekannt wird, daß wir mit unserem An⸗ trag einen alten liberalen Antrag aufgenommen haben. Wenn alle Elemente mit uns vereint kämpfen, diese mittelalterliche Institution der Ersten Kammer zu beseitigen, schloß David unter lebhaftem Beifall, dann geht die Wahl⸗ rechtsborlage nicht aus wie das Hornberger Schießen. Hirschel erklärte, daz seine Partei gegen die Anträge der Ersten Kammer stimmen werde. Der Zentkrumsmann Brentano begreift nicht, daß man erklären könne, das Volk sei nicht reif. Wenn es reif für das allge⸗ meine geheime Wahlrecht seit Jahrzehnten gewesen sei, wäre es doch reif für das direkte Wahlrecht. Trotzdem will er auf dem Wege, des Abg. David, die Erste Kammer zu beseitigen, nicht mitgehen. Bei der Fortsetzung der Beratung am Montag meint der Nationalliberale Helden⸗ reich, daß weite Volkskreise das Scheitern der Wahlreform begrüßten.(Was mögen das wohl für Volkskreise sein, die der Herr meint!) Er würde es sehr bedauern, wenn die Regierung die Wahlrechtsvorlage wieder einbringen würde. Abg. Gutfleisch bedauert, daß die Einig⸗ keit der Zweiten Kammer in dieser Frage durch Leute, wie Heidenreich gestört werde. Ebenso bedauerlich sei die Haltung des Bauern⸗ bundes, der das gleiche Wahlrecht da⸗ durch zu schmälern suche, daß er den Städten nicht die entsprechende ziffernmäßige Vertretung gegenüber dem Lande zugestehen wollen. Red⸗ ner spricht weiter über die Kautelen und die Vertretung. Schließlich wendet er sich unter lebhaftem Beifalle gegen die Art, mit der Heyl in der Ersten Kammer, in der Presse und in Volksversammlungen die Zweite Kammer herab⸗ zusetzen versucht. Es ist keine gute Sache, die man mit solchen Mitteln vertritt. Es wird endlich nötig, gegen das Treiben jenes Herrn mit aller Entschiedenheit Front zu machen. Tun wir das, indem wir einstimmig das Be⸗ gehren der Ersten Kammer, ihre Macht auf Kosten unseres Hauses zu bereichern, weit zu⸗ rückweisen. Windecker(natl.) empfiehlt nicht allzu schroff() gegenüber der Ersten Kammer auf⸗ zutreten. Man werde damit nichts erreichen. Der Antrag der Sozialdemokraten, die Erste Kammer abzuschaffen, sei eine leere Demon⸗ stration, die keinen Wert und keine Aussicht auf praktischen Erfolg habe. Pitthan(natl.) nimmt Herrn von Heyl gegen die Angriffe Davids in Schutz. Hierauf ergreift Abg. Ulrich das Wort, der sich gegen Heidenreich wendet. Man kann viel⸗ leicht verstehen, daß Dr. Heidenreich ein Gegner der direkten Wahl ist. Aber es ist nicht zu begreifen, daß der Herr Mitglied derselben Fraktion ist, deren übrige Redner sich als ent⸗ schiedene Anhänger des direkten Wahlrechts bekannt haben. Solange die nationalltiberale Partei einen solchen Dualismus in ihren Reihen duldet, trägt sie ein großes Maß von Schuld an dem Scheitern der liberalen Reform. Wenn der Abg. Windecker meint, die gewohnheits⸗ rechtliche Gepflogenheit der Ersten Kammer, sich zu einzelnen Posttionen des Budgets zu äußern, habe sich vielleicht durch die Verfassung festlegen köunen lassen, so erklären wir, daß wir entschieden festbleiben in dem Widerstande gegen jede Erweiterung des Budgetrechts der Ersten Kammer. Wir fordern, daß die Regierung die bereits in zwei Thronreden angekündigte Wahlreform, die nun schon im zweiten Landtag scheitert, alsbald wieder einbringt. Vor etwa 25 Jahren haben 17 Abgeordnete der Zweiten Kammer!— und die gehörten sämtlich der national⸗ ltberalen Partei an— die Forderung auf Beseitigung der Ersten Kammer gestell t. Aber wie so manche liberale Forde⸗ rung, so hat sie auch diese heute fallen lassen. Aber das hessische Volk greift dieses Verlangen wieder auf und vertritt es umso entschiedener. Redner weist dann die politischen Klopffechtereien Heyls zurück. Staatsminister Rothe be⸗ dauert zunächst, daß auch dieser Landtag zu Endegeht ohne ein Zustandekommen des Wahlreformwerkes. Er sei streng konstitutionell und habe darüber zu wachen, daß die Verfassung in jeder Weise gewahrt bleibt. Es wolle als entschiedener Anhänger des Zwei⸗ kammersystems weder verfassungsmäßige Rechte der Ersten, noch der Zweiten Kammer ange⸗ tastet sehen, möchte auch nicht, daß Kron⸗ rechte geschälert würden, und darum handle es sich im wesentlichen bei dem Initiativantrag der Ersten Kammer. Der Artikel 75, den der Initiativantrag beseitigen möchte, gibt der Krone das Recht, Vorlagen, die nicht die Verfassung berühren, nach ihrem Scheitern erneut einzu⸗ bringen und durch eine Durchstimmung einer erneuten Abstimmung zu unterwerfen. Er werde selbstverstäudlich dieses Recht der Krone zu schützen trachten. Der Minister spricht sich weiter gegen den sozialdemokratischen Antrag aus und beklagt den Konflikt, der sich zwischen den beiden Häusern herausgebildet hat. Schmitt (Zentr.) bemerkt unter Heiterkeit des Hauses, gegen Heidenreich, wenn dieser seinen Wählern die politische Reife abspreche, so sei dies nur in seinem eigenen Interesse bedauerlich. Der Redner protestiert erregt gegen den Vorwurf, als sei die Wahlkreiseinteilung zu Gunsten des Zentrums gemacht worden. Die Wahlkreis⸗ einteilung ist von einer Dreiviertelmehrheit des Hauses beschlossen worden. Die Unterstellungen beruhen auf Lüge und Verleumdung. Das Vorgehen der Ersten Kammer gegen die Zweite kommt nur der Sozialdemokratie zu Gute. Staatsminister Rothe verwahrt sich gegen die Behauptung Schmitts, als habe er nicht auch die Zweite Kammer in der Ersten gegen deren Angriffe gebührend in Schutz genommen. David ist mit Schmitt der Ansicht, daß die Sozialdemokraten den Nutzen aus dem Vor⸗ gehen der Ersten Kammer haben. Der Staats⸗ minister stellte die Sache so dar, als handle es sich um einen Konflikt zwischen den beiden Kammern. Aber die Erste Kammer hat sich doch durch die Ablehnung der Regierungsvorlage auch gegen die Regierung gewandt. Er bedauert, daß der Staatsminister kein Wort der Kritik gegen die Erste Kammer fand. Die Regierung solle auch dieser gegenüber mehr Rückgrat zeigen. Auffallend ist das Schweigen des Staatsministers zu unserer Forderung, die Vorlage möge wieder eingebracht werden. War das Schweigen ein absichlliches, so ergebe sich daraus die Situation, daß die Regierung die Ablehnung der Reform durch die Erste Kammer akzeptiere. Die Kammer beschloß hierauf, dem Antrage des Wahlrechtsausschusses, den Inttiativantrag der Ersten Kammer abzulehnen und damit den Versuch einer Verständigung als gescheitert zu erachten, einstimmig beizutreten. Der soztaldemokra⸗ tische Zusatzantrag wurde in nament⸗ licher Abstimmung angenommen gegen drei Stimmen prinzipieller Gegner des direkten Wahlrechts, Braun, Heidenreich und Möllinger, sämtlich Nationalliberale. Die Gemeindesteuer⸗Reform. Die Gemeindesteuernovelle hat die Erste Kammer bekanntlich ebenfalls auf das Betreiben des Wormser Lederbarons verworfen. Mit ihrer Rückäußerung befaßte sich die Zweite Kammer am Dienstag. Abg. Gutflei sch er⸗ klärte als Berichterstatter des Ausschusses, das. dieser einstimmig beschlossen habe, an der Vor⸗ lage festzuhalten. Es sei ein ganz ungewöhn⸗ liches Verfahren, daß die Erste Kammer in ihrem Beschluß auf die Zweite Kammer gar keinen Bezug nimmt und so tut, als ob sie nicht existiere. Die Erste Kammer hat die Entwürfe an die Regierung nur zur„Neubearbeitung“ zurückge geben und ihr dadurch die Möglichkeit genommen von dem Artikel 75 der Verfassung Gebrauch zu machen, der ihr das Recht gibt, Vorlagen, die von dem einen oder anderen Hause „abgelehnt“ worden, in der folgenden Session wieder einzubringen und den Entwurf in ge⸗ meinsamer Abstimmung zur Entscheidung zu stellen. Abg. Molthan teilt mit, daß er. ulrag sschen mitt uses, lern nur Der vulf, n des krels⸗ t des ingen Das weile Gute. en die auch deren 15 die Vur⸗ ats⸗ dle eh selden t scch lage anbt. keln fand. meht , die an g de mr ruf. den chuen gegel reltrn . ö * e hal 1 f ren. welt h el⸗ e f gung 119 a len“ Nr. 44. Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung. —— p ̃.— Seite 3. sich über die Stellung des bayrischen Zentrums zur Grundsteuer erkundigt habe, nachdem Heyl in der Ersten Kammer den bayrischen Zentrums⸗ mann Dr. Heim als Kronzeuge für seine Gegnerschaft gegen die Grundsteuer nach dem emeinen Wert herangezogen hat. Redner stellt sest, daß das bayrische Zentrum im Gegenteil für die Grundsteuer nach gemeinem Wert sei. Er fordert die Regierung auf, im nächsten Landtag den Entwurf einer Gemeindebesteuerung auf gleicher Grundlage wieder vorzulegen.— Gegen Heyl und für den Antrag des Ausschusses sprachen noch der Antisemit Wolf und der Natlonalliberale Möllinger. Ausführlich kritistert hierauf Ulrich die Stellungnahme der Ersten Kammer und das Verhalten des Herrn v. Heyl. Diesem hält Redner vor, daß er in der Ersten Kammer Behauptungen wider besseres Wissen aufgestellt und Zitate direkt gefälscht habe.„Wenn uns Sozialdemokraten der Herr v. Heyl sagt, wir lebten vom Ablehnen der Gesetze, so rufe ich Sie, meine Herren Kollegen aus der Zweiten Kammer zu Zeugen auf, daß das einfach ge⸗ logen ist.“(Hier ersuchte der Präsident den Redner sich zu mäßigen, er könne allerdings Ulrichs Erregung verstehen.) Ulrich weist dann nach dem Stenogramm der Heyl'schen Rede nach, daß Heyl aus einem Artikel des„Vor⸗ wärts“ etwas anderes vorgelesen habe, als darin gestanden hat. Gegen solche polttische Brunnen vergiftung lege ich entschieden Verwahrung ein. Das System des Herrn v. Heyl würde der Großindustrie und dem Groß⸗ grundbesitz zugute kommen. Unter der Maske der Fürsorge für den armen Mann, hat jener Herr, der reichste Mann des Landes und der höchste Steuerzahler, seinen eigenen Besitz schützen wollen. Darum ist ihm die Wertzu⸗ wachssteuer in Verbindung mit der Grundsteuer nach gemeinem Wert eine„Expropriation, die der Verfassung widerspricht.“ Es ist die höchste Zeit, daß der Einfluß des Herrn, der die Erste Kammer beherrscht und so jede Reform vereitelt, auf das rechte Maß zurückgedrängt wird. Die Regierung möge sich nicht durch all' die Trei⸗ bereien beirren lassen und die Vorlage wieder einbringen. Gutfleisch protestiert energisch gegen den Vorwurf der Ersten Kammer, als sei die Zweite Kammer in ihrer Arbeit lässig gewesen.„So gründlich wie die Erste Kammer, die sich rühmt, das Gesetz in zwei Sitzungen eingehend beraten zu haben, sind wir denn doch auch noch gewesen. Wir haben sogar eine stattliche Anzahl Sitzungen mehr für nötig erachtet.“ In dem Ausschuß jenes Hauses hatte man von vornherein die Absicht, das Werk zu zerstören. Unerhört ist es, daß der Bericht die Gründe der Re⸗ gierung und der Zweiten Kammer einfach ignorieren und die Erste Kammer auch keinen Versuch gemacht hat, eigene Vorschläge zu machen. Wenn jenes Haus sich in gesetzgebenden Fragen einfach die Ohren verstopft und nicht hören will, so ist jedes konstitutionelles Wirken ausgeschlossen. Heyl habe in einer Wormser Volksversammlung die Abgeordneten beschimpft. Redner zeigt dann an vielen Beispielen die Haltlosigkeit der Heyl'schen Darlegungen. Staatsminister Rothe erklärt darauf, daß die Regierung die Reform des Gemeindesteuer⸗ wesens als eine Frage der Dringlichkeit betrachtet und hofft, daß sie im nächsten Land⸗ tage gelöst werden könne. Er stellt dem Aus⸗ schuß und der Kammer das Zeugnis aufopfernder Pflichterfüllung aus. Windecker nimmt Heyl in Sqgutz und behauptet, Ulrich habe den Beweis für den Vorwurf der Fälschung des Zitats nicht er⸗ bracht. Demgegenüber hält Ulrich seine Feststellungen aufrecht. Er bezeichnet Windecker als einen„Heyloten“, wofür er zur Ord⸗ nung gerufen wird.— Der Antrag des Ausschusses wird darauf einstimmig ange; nommen. Er geht dahin, die Anträge der Ersten Kammer abzulehnen, bei den frü⸗ heren Beschlüssen der Zweiten Kammer zu be⸗ harren und der Regierung das Vertrauen auszusprechen, daß sie den Beschlüssen der Ersten Kammer nicht Folge leisteu werde. Der Schluß des Landtags erfolgte am Mittwoch. Die Zweite Kam⸗ mer erledigte einige Restvorlagen, worauf Prästdent Haas einen Ueberblick gab über die tu 125 Sitzungen geleistete Arbeit. Er schloß die Sitzung mit einem Hoch auf das Hessen⸗ land und Hessenvolk. Im Schlosse verlas dann der Großherzog die Thronrede, in welcher die gesetzgeberischen Arbeiten des Landtags aufge⸗ zählt werden. Eine die Fleischnot betreffende Inter⸗ pellation unserer Genossen kam nicht mehr zur Verhandlung. Die Bündler hatten als Gegendemonstration ebenfalls eine Anfrage an die Regierung gerichtet, in der Köhler die Kühnheit hat zu sagen, daß die Landwirte seit⸗ her unter den Produktionskosten hätten wirt⸗ schaften müssen.— Ja, den kleinen Bauern werden doch gerade durch die von Köhler be⸗ e Zöllnerei die Produktlonskosten ver⸗ euert! . Politische Nundschau. Gießen, den 26. Oktober 1905. Der Reichstag soll, wie offiziös berichtet wird, am 24. No⸗ vember wieder zusammentreten. Er soll wieder neue Steuern und neue Schiffe be⸗ willigen. Die Sozialdemokratie wird soweit (8 in ihren Kräften die Durchführ neuer volks⸗ feindlicher Pläne verhindern. Zur Fleischnot. Der Pferdefleisch⸗Konsum hat in Essen infolge der Fleischteuerung einen kolos⸗ salen Aufschwung erfahren. Aber auch die Preise sind nach dem„Westf. Merkur“ in dieser Zeit infolge der riesigen Nachfrage rapid ge— stiegen. Während vor einigen Jahren noch das Pfund Pierdefleisch zu 25 Pfg. verkauft wurde, kostet es heute schon das Doppelte. Dabei ist der Verbrauch in gleicher Weise gestiegen. Im be achbuͤrten Gelsenkirchen z. B. sind zwei Roßgmetzgereien, die beide zusammen vor einigen Jahren etwa 10 bis 12 Schlachtpferde ver— brauchten, während heute jede wöchentlich 16 bis 18 Pferde ausschlachtet. Der Reichstagsabgeordnete Held— er ist ein Nationalliberaler und Vertreter des 6. hannoverschen Wahlkreises— hatte eine Liste über den Schweinebestand seines Wahl⸗ kreises veröffentlicht. Daraufhin ging der Schlächter meister Lührsen in Treistungen sofort los nach den angegebenen Ortschaften um Schweine zu kaufen. Aber, wie er in der Fleischer⸗Ztg. mitteilt, konnte er nirgends welche bekommen. Von den 126 Schweinen, die Held aufgezählt hatte, waren in Wahrheit nur drei vorhanden und die waren auch schon ver— kauft! Und dieser Held hatte seine Angaben mit der größten Bestimmtheit gemacht. Er hat auch sein falsches Zahlenmaterial dem Landwirtschaftsminister übergeben, der es als Beweis dafür verwendet, daß keine Fleisch⸗ not existiert. So wird amtliches Material zusammengetragen! Bei den Landtagswahlen in Baden, die am Donnerstag zum erstenmal nach dem direkten Wahlrecht stattfanden, wurde nur in 48 von den 73 Wchlkreisen ein definitives Resultat erzielt: in 25 Bezirken hat Stich⸗ wahl stattzufinden. Die Ergebnisse dieser Stich⸗ wahlen lassen sich jedoch nicht nach dem Muster der Reichstagsstichwahlen abschätzen, denn nach dem neuen badischen Wahlgesetz sind alle Be⸗ werber zur Stichwahl zugelassen, die im ersten Wahlgang mehr als 15 PCt. der abgegebenen Stimmen erhalten haben, und als gewählt gilt in der Stichwahl der, der die einfache Mehrheit erhalten hat. Bei den Wahlen sind Freisiunige, Nationalliberale und Demokraten zusammengegangen(der sogen. liberale Bloch), das Zentrum und die Konservatiden haben ebenfalls in mehreren Wahlkreisen Kompromisse geschlossen, während unsere Genossen allein in den Kampf eintraten. Im ersten Wahlgang wurden gewählt: Ze u⸗ trum 28, Block 16, Sozialdemo⸗ kraten 5,ein Konservativer und ein Landwirtsbündler. 23 Stichwahlen haben stattzufinden, elf davon sind für uns aussichtsreich. Stimmen wurden im ganzen Lande 382 188 abgegeben, wovon unserer Partei 50 342 zufielen. Unser Karlsruher Partetblatt schrieb zu der Wahl:„Die Sozialdemokratte hat, das dürfen wir gestehen, nicht so günstig abgeschnitten, als wir das gehofft und erwartet haben. Zwar wird sich die Zahl unserer Mandate um einige vermehren. Wie hoch die endgültige Jahl unserer Mandate sein wird, läßt sich im Augenblick noch nicht be⸗ stimmen, es dürften ihrer aber wohl 10 bis 12 werden.“ Unsere Partei hat mit dem liberalen„Block“ ein Abkommen auf gegenseitige Unterstützung bei den Stichwahlen getroffen, um zu verhüten, daß das Zentrum die absolute Mehrheit be⸗ kommt. In 6 Kreisen dagegen soll zwischen Sozialdemokratie und den Liberalen um den Steg gestritten werden. Militärische Gerechtigkeit Vor dem Kriegsgericht in Posen wurde am Montag gegen den Leutnant v. Leko w wegen Todtschlags verhandelt. Lekow hatte in Lissa nach einem Zechgelage ein Renkontre mit Zivilpersonen gehabt, hatte sich daraufhin mit einer doppelläufigen Flinte be⸗ waffnet und war damit in seinem betrunkenen Zustande auf die Straße gestürzt. Er wurde von mehreren Leuten umzingelt und dabei schoß er dem Hausdiener Rösch in den Unter⸗ leib, woran dieser anderen Tags verstar b. Der neue Brüsewitz erhielt ganze drei Wo chen Gefängnis! Menschenleben scheinen bei den Militärrichtern nicht viel zu gelten. Dem Infanteristen Josef Herz vom Regiment in Zweibrücken besorgte es vbagegen das Kriegsgericht in Landau anders. Er hatte während des Manövers in der Trunken⸗ heit nach einem Unteroffizier geschlagen. Er erhielt dafür drei Jahre fünf Monate Gefängnis! Revolution in Rußland. Die Lage in ganz Rußland ist äußerst kritisch, wie dem Londoner Blatte„ Morning Post“ von seinem Petersburger Berichterstatter vor einigen Tagen mitgeteilt wurde. Große Mengen Gewehre, Revolver und Munition sind von den Revolutionären in sämtlichen russischen großen Städten aufgestapelt. Waffen aller Art werden ununterbrochen über die russtsch⸗deutsche, sowie über die russisch⸗öster⸗ reichische Grenze geschmuggelt. Die Grenzbe⸗ hörden begünstigen in vielen Fällen den Waffen⸗ schmuggel. Eine hohe Persönlichkeit verstcherte dem Berichterstatter, daß die Armee mit der revolutionären Bewegung sympathistere. Die revolutionäre Partei verfüge über große Geld⸗ summen, deren Quellen noch nicht entdeckt seien. Zu den demnächst stattfindenden Wahlen zur„Reichsduma“, dem Scheinparlament erließ die revolutionäre Partet einen Aufruf in dem die Bevölkerung aufgefordert wird, an den Wahlen nicht teilzunehmen. In dem Auf⸗ ruf heißt es u. a.: Wir wollen an Stelle des absolutistischen Regierungssystems eine demo- kratisch⸗republikanisch Regierung, in der das Volk die Rolle des Alleinherrschers spielt. Zur Erreichung dieses Zweckes ist ein allgemeiner bewaffneter Aufstand gegen die jetzige Regierung und ihre Stützen notwendig. Zur Landtagswahl. Unsere Wahltaktik. Eine Konferenz der sozialdemokratischen Vertrauensmäuner, Landtagsabgeordneten und „Kandidaten, die am Sonntag in Offen bach tagte, beschloß: Die Konferenz empfiehlt den Genossen des Landes überall, wo es möglich ist, eigene Landtags kandidaten und Wahlmänner aufzustellen; da, wo dies nicht möglich ist, sollten ste nur sol che Seite 4. Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. r. 44. Wahlmänner bezw. Landtagskandidaten, die sich verpflichten, für das allgemeine und kau⸗ telenfreie direkte geheime Wahl⸗ recht einzutreten, unterstützen, im Uebrigen je⸗ doch Wahlenthaltung üben. In welchen Wahlbezirken wird gewählt. Neuwahlen zum hessischen Landtage finden alle drei Jahre statt und zwar scheiden jedes⸗ mal die Hälfte der Abgeordneten(25) aus. Dieses Jahr find in folgenden Kreisen Neu⸗ wahlen vorzunehmen: Oberhessen Bisheriger Abgeordneter 1. Wahlbezirk(Vilbel).. Ullmann(ntl.) 2. 7(Friedberg⸗Bad Nauheim) Windecker(ntl.) 4. 5(Hungen⸗Lich).. Köhler(Brnbd.) 5. 5(Gießen⸗Land). Leun(Brubd.) 15„(Homberg) Brauer(Brubd.) 8. 5(Alsfeld⸗Ullrichstein). Korell(Brnbd.) 12. 5(Nidda⸗Ortenberg). Erk(Brnbd.) 13.„ Alultenstadt⸗Büdingen) Bähr(Brubd.) Starkenburg 1. Wahlbezirk(Beerfelden⸗Wimpfen) Breimer(nutl.) 2. 5(Höchst).. Häusel(ntl.) 5 1(Fürth⸗Rheinheim). Ripper(Brubd.) (Lorsch⸗Zwingenberg) Schlinger(Ztr.) 10. 5(Pfungstadt)... Haas(ntl.) 145*(Zwingenberg) Euler(frktl.) 12. 75(Darmstadt⸗Land). Noack(freis.) 14. 5(Groß⸗Gerau). Berthold(Soz.) 1 1(Langen). Cramer(Soz.) 175 5(Seligenstadt).. Horn(Ztr.) Rheinhessen 2. Wahlbezir:(Alzey). Diehl(natl.) 3. 7(Wöllstein⸗Alzey). Pitthan(natl.) 4. 5(Osthofen). Schill(parteil.) 5. 5(Wörrstadt). Wolf(Brubdlr.) 7. 5 Nierstein).. Molthan(Ztr.) 8. 5(Kastell).. Dr. Schmitt(Ztr.) 10„ Gingen⸗Ober⸗Ingelheim) v. Brentano(Ztr.) Von den 25. ausscheidenden Abgeordneten sind also zwei Sozialdemokraten, Nationalliberale, 8 Bauernbündler 5 Ultra⸗ montane, 1 Freisinniger und 1 Fraktionsloser. Der Wahlkreis Gießen ⸗Land umfaßt folgende Orte, die diesmal zusammen 41 Wahlmänner zu wählen haben. Maßgebend ist die bei der Volkszählung von 1900 festge⸗ stellte Einwohnerzahl. Auf je 500 Einwohner ist ein Wahlmann zu wählen. Demnach sind zu wählen in: Einwohner⸗ Wahl⸗ zahl männer Allendorf 703 1 Altenbuseck 1216 2 Annerod 549 1 Daubringen 743 1 Garbenteich 755 1 Großenbuseck 1704 3 Großenlinden 1 3 Hausen 453 1 Heuchelheim 2144 4 Kleinlinden 1526 3 Langgöns 1561 3 Leihgestern 1252 2 Lollar 1578 3 Mainzlar 481 1 Oppenrod 311 1 Rödgen mit Trohe 829 1 Ruttershausen⸗Kirchberg 446 1 Staufenberg mit Friedelhausen 734 1 Watzenborn⸗Steinberg 1728 3 Wieseck 2633 5 23091 41 In diesen Orten zusammen hat unsere Partei bei der Reichstagswahl beinahe zwei Drittel⸗ mehrheit. Es mögen aller diags viele unserer Reichstagswähler zum Landtage nicht wahlbe⸗ rechtigt sein. Immerhin sind unsere Genossen mit Schuld, wenn der Kreis wieder einem Gegner zufällt. Von Nah und gern. Gießener Angelegenheiten. — In der Stadtverordneten⸗ Sitzung am Donnerstag kam zunächst nach Erledigung kleiner Sachen eine Eingabe aus⸗ überflüsstg sei. wärtiger Metzger zur Verhandlung, in der die Petenten fordern, daß die Geführ für Untersuchung des eingeführten Fleisches in Weg⸗ fall kommen solle. Beigeordneter Curschmann legt dar, daß die Gebühr mäßig sei und die Untersuchung der Stadt Kosten verursache. Daraufhin wird es abgelehnt, dem Gesuch zu entsprechen.— Der Antrag der Schlachthof kommission, die Fütterung des eingestellten Viehes in städtische Regie zu übernehmen, wird angeuommen.— Es kommt dann ein Statut⸗ Entwurf betr. Wahl eines Arbeiter⸗Aus⸗ schusses für die städtischen Arbeiter zur Beratung. Danach sollen auf je 30 Ar⸗ beiter einer, im ganzen sech s gewählt werden, die den Ausschuß bilden sollen. Zu einer Debatte kommt es nur bei der Bestimmung, wonach zum Ausschuß⸗Mitglied nur Arbeiter gewählt werden können, die seit drei Jahren bei der Stadt beschäftigt sind. Dagegen wendete sich mit Recht Stadtv. Orbig, der betont, daß diese Bestimmung eine Härte darstelle und Auch dem Stadtv. Haubach erscheinen 3 Jahre zuviel. Doch wird nach längerer Debatte nach dem Vorschlag der Kommission beschlossen. Im weiteren wird das Statut, auf das wir noch zurückkommen, an⸗ genommen.— Der Ueberlassuug einer Wald⸗ parzelle an den Militär⸗Fiskus zum Exer zier⸗ platz wird zugestimmt. Dagegen soll das Militär in der Nähe von Wohnungen nicht mit Platzpatronen schießen, was Stadtv. Löber im Gegenteil ganz interessant findet.— Zur Angelegenheit Jäger und Rumpf erklärt der Oberbürgermeister, daß freihändige Ver⸗ gebungen an die Firma nur in sehr geringem Umfange stattgefunden hätten. Ferner könne von Bestechungen keine Rede sein. Zwei Beamten hätten außerhalb ihrer Dienststunden Arbeiten für die Firma gemacht und dafür 220 Mk. erhalten; ein anderer für Zuweisung einer Arbeit an die Firma 100 Mk. Die Ar⸗ beiten der Firma seien ordnungsmäßig ausge⸗ führt. Stadto. Gabriel stellt fest, daß weder er, noch andere von Bestechungen gesprochen hätten. Eine Notiz in der„Kl. P.“, in der ihnen dies unterschoben werde, sei durchaus falsch. Die hier in Rede stehenden Beträge seien allerdings klein; später müsse aber noch über höhere Auskunft verlangt werden. Herr Schmall bemerkt, die Sache sei doch nicht so klein und harmlos.— In der nun fol- genden nichtöffentlichen Sitzung wird man weiter darüber geredet haben. f. Das Fest der Eintracht am Sams⸗ tag war recht gut von der Gießener Arbeiter⸗ schaft besucht. Von den gesauglichen Dar⸗ bietungen, sowie den Leistungen der„Freien Turnerschaft“ waren die Besucher des Lobes voll und es muß in der Tat anerkannt werden, daß sich die beiden Arbeitervereine eifrig be⸗ mühen, die Aufgaben zu erfüllen, die ste sich gestellt haben. Zu wünschen wäre nur, daß mehr organisterte Arbeiter als seither dem Ge⸗ sangvereine beitreten möchten, zumal der Verein in der Person des Herrn August Bauer einen Dirigenten besitzt, der in der Lage ist die Sänger mit Energie und Takt zu leiten.— Diesen Samstag hält nun bekanntlich noch der Schneiderverband ebenfalls im Café Leib sein Stiftungsfest ab, auf das wir nochmals auf⸗ merksam machen wollen. — Eine öffentliche Holzarbeiter⸗ Versammlung sindet Montag Abend 8 ¼ Uhr im Saale„Lonys Bierkeller“ statt. Herr Gg. Simon aus Augsburg wird über„die Kämpfe und Erfolge des Holzarbeiterverbandes“ sprechen. Es ist wünschenswert, daß alle in Gießen beschäftigten Holzarbeiter in dieser Ver⸗ sammlung erscheinen und es dürfte auch für Angehörige anderer Berufe die Versammlung viel des Interessanten bieten. — Kater Lampe, die Komödie Rosenow's wird Sonntag Abend im Gießener Stadttheater wiederholt. Aus dem Rreise gießen. — Eine Versammlung in Beuern, die am Sonntag in der„Germania“ dort stattfand und gut besucht war, nahm einen Vortrag des Gen. Joh. Diehl⸗Gießen über politische Pflichten und Rechte entgegen. Redner besprach einleitend die heutigen politischen und wirtschaftlichen Zustände und führte aus, daß diese die Lage und Verhältnisse des Einzelnen sehr stark beeinflussen. Deshalb könne heute kein Vernünftiger mehr gleichgültig an den. politischen Dingen vorüber gehen, jeder müsse vielmehr in seinem eigenen Interesse mitarbeiten, um soviel an ihm liegt, dafür zu sorgen, daß im Reiche, wie in unserem engeren Vaterlande eine auf das Wohl des arbeitenden Volkes ge⸗ richtete Politik getrieben wird. Das zu erreichen sei Zusammenschluß, Organisation nötig. Zum Schluß fordert er zum Beitritt in den Kreis⸗ wahlverein auf, dem auch von einer Anzahl Erschienenen entsprochen wurde. Sache der Beuerner Arbeiter wird es nun sein, dem neu⸗ gegründeten Verein immer mehr Mitglieder zuzuführen!. Auf zur Wahl! Wähler in Gießen Land! Parteifreunde! Wie ge⸗ meldet wird, hat die Regierung die Wahlmännerwahlen bereits auf Mittwoch, den 15. November festgesetzt. Die Abgeordnetenwahlen sollen am 28. November stattfinden. Es bleibt daher nur noch wenig Zeit zur Agitation übrig, die unsere Freunde tüchtig ausnützen müssen. Ueberall, wo die Vorbereitungen noch nicht beendet sind, muß so⸗ fort die letzte Hand angelegt werden! Wegen etwaiger Aus⸗ künfte wende man sich an den Vorsitzenden des Kreiswahlvereins Gg. Beckmann, Gießen, Grün⸗ bergerstraße 44. Die nächster Tage erscheinenden Flugblätter wollen unsere Genossen allerorts Nesondede und richtig verteilen. esondere Aufmerksamkeit wende man den Wählerlisten zu, die nächster Tage ausgelegt werden und in denen auch die⸗ jenigen Wähler besonders bezeichnet sind, die als Wahlmänner gewählt werden können. f Die Auslegung findet nur an drei Tagen att. Wahlberechtigt ist und muß demnach in die Wählerlisten eingetragen werden jeder Jahre alte Hesse, der selt dem 1. April 1905 irgend welche(Staats⸗ oder Kommunal-) Steuern zahlt. Zum Wahlmann kann jeder 25 Jahre alte Hesse gewählt werden, der mindestens 80 Mk. Normalsteuer⸗ kapital versteuert. Dieser Steuerleistung ge⸗ nügt, wer pro Ziel mindestens 2,10 Mk. direkte Staatssteuer bezahlt. Es kommt dabei nicht blos die Einkommensteuer, sondern auch andere direkte an den Staat geleistete Steuern, Ver⸗ mögens-, Grundsteuern ꝛc. in Betracht. Wähler! tätigen Bevölkerung haben im Wahlkreise Gießen⸗ Land die erdrückende Mehrheit. Sie haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß nicht wieder ein Feind des direkten Wahlrechts, Die Angehörigen der werk⸗ — —8—Cÿ—ÿnʒ;. ä—j—j—ꝓ— ute Ude ge hen um eiß⸗ ahl leu⸗ der 10 el en — ͤñ —K——— Nr. 44. Mitteldeutsche Sonntags Reitung. Seite 5. ein Mann, der die Lebensmittel verteuerungs⸗ Politik unterstützt und die rückständigsten An⸗ schauungen vertritt, als Vertreter unseres Kreises in den Landtag einzieht! Das Wahlkomitee. — Herr Leun und das direkte Wahl⸗ recht. Bekanntlich hat der Abgeordnete Leun im Landtage gegen das direkte Wahlrecht gestimmt. Bei der kürzlich stattgefundenen Konferenz, die ihn als Kandidat aller Bürger⸗ lichen proklamierte, hat er erklärt, für das direkte Wahlrecht eintreten zu wollen und, nach den Berichten des Amtsblattes, hinzugefügt, seine damalige Stimmabgabe dagegen sei wegen der Wahlkreiseinteilung erfolgt. Wenn sich Herr Leun tatsächlich so ausgesprochen hat— und er hat den betreffenden Berichten nicht wider⸗ sprochen— so hat er die Unwahrheit ge⸗ sagt. Die Wahlkreiseinteilung kam bei der Abstimmung am 17. Junt 1902 absolut nicht in Frage, es handelte sich lediglich um das Prinzip der direkten Wahl. Und bei Abstimmung über den entscheidenden Artikel 4, stimmte Leun mit Nein in Gemeinschaft mit Heidenreich, Koch, Jöckel und Möl⸗ linger. Das waren die prinzipiellen Gegner. Alle übrigen, auch die ländlichen Abgeordneten, die besondere Wahlkreis wünsche hatten, stimmten bei Artikel 4 mit ja, weil eben hier lediglich das Prinzip vorbehaltlich aller Gegensätze im einzelnen in Frage kam. Leun gehörte also damals zu den prin⸗ ztpiellen Gegnern, darüber bestand in der Kammer kein Zweifel und er hat dieser Auf⸗ fassung auch nicht widersprochen. Die Ausrede, er habe wegen der Wahlkreiseinteilung mit Nein gestimmt, ist ganz hinfällig. In dieser Beziehung blieb ja alles vorbehalten, darauf hatte die Abstimmung über Artikel 4 gar keinen Einfluß. Sadäter war Leun allerdings so schlau prinzipiell ja zu sagen, nun aber hinterher nach seinem besten Können das Ganze zum Scheitern bringen zu helfen. Leun ist also ein Gegner des direkten Wahlrechts. Die ganze Art und Weise, wie er in den Landtag kam, läßt es begreiflich erscheinen, daß er dem in⸗ dir ekten Wahlsystem den Vorzug gibt. Der„Gießener Anzeiger“ charakteristerte schon längere Zeit solche Leute wie Leun ganz richtig, Adem er ausführte, daß eine Anzahl Abgeordnete der Zweiten Kammer für die Wahlrechtsreform eingetreten seien, weil ste ganz genau wußten, daß die Reform in der 1. Kammer zu Wasser werde. Und später fügt er dem hinzu:„Es wird sich bewahrheiten, was behauptet worden ist, daß mancher, der unter volksfreundlichem Getue zunächst in der Kammer für Wahlreform gestimmt hat, das nur getan hat in der sicheren Vor ⸗ aus sicht, daß er Gelegenheit finden werde, vor allem Volke behaupten zu können, die Be gehrlichkeit der Ersten Kammer mache alle guten Absichten zu nichte. So streut man in ein populäres Mäntelchen gehüllt, dem guten Volke Sand in die A 85 1 21 timmt. aßt genau auf Herr f bessen i wel das Amtsblatt eintritt. Es kennzeichnet damit sich selbst und seine eigene Wahlrechtsfreundlichkeit. — Die Leunianer auf Sch leich⸗ wegen. Ju der bewußten Leun'schen Ver⸗ trauensmänner⸗Vusammlung, am 8. Oktober beschäftigte mar sich auch mit der Frage, auf welche Art man bie Sozialdemokratie am besten „besiegen“ und den Wahlkreis erobern könne. Man fühlte, daß das immerhin nicht gar 0 leicht sein dürfte, zumal man dem„Programm Leuns so viel werbende Kraft nicht zutraute. Man sann deshalb auf andere Mittel und fand, daß es besser set, dem offenen ehrlichen Kampfe auszuweichen und eine hinter hältige Taktik zu beobachten. Ein Herr Reul aus Heuchelheim meinte, Heuchelheim und Großenbuseck sei ausschlaggebeud, dort müsse ganz besonders gearbeitet werden, aber nicht mit öffentlicher Agitation sondernim Geheimen. Dadurch würden unsere Genossen gleichgültiger und wären dann leichter zu überrumpeln. Weißbinder Größer aus Großenbuseck stimmte dem bei. Der Vertreter von Hausen wollte diese Taktik auch für seinen Ort angewendet wissen, er sei dann gewiß, daß nichk alle Ar⸗ beiter wählen gingen. Obiger Reul fügte noch hinzu, wenn man in diesen Orten Spektakel mache, gingen alle Arbeiter zur Urne.— Das ist so die richtige, von Herrn Leun ja schon bei der letzten Wahl erprobte Kuddelmuddel⸗ Taktik. Und man wird ste nicht blos in den genanuten Orten, sondern überall anwenden. Unsere Freunde müssen dafür sorgen, daß sie diesmal erfolglos bleibt! — In Klein⸗Linden finde Samstag Abend eine Volksversammlung im Lokale des Herrn Hinterlang statt, in der die„Landtagswahl“ auf der Tages⸗ ordnung steht. Referent ist Redakteur Vetters. Aus dem Rreise ꝗriedberg⸗Büdingen. Aus Stockheim wird uns geschrieben: m In der hiesigen Zuckerfabrik besteht die zwölfstündkge Arbeitszeit. Mas das heißt, täglich 12 Stunden in diesem Werke als Arbeiter zu schuften, kennt nur der, der es selbst mitgemacht hat. Noch schlimmer wird diese zwölfstündige Schwitzkur dadurch, daß den Lenten fast keine Zeit zum Essen gelassen wird; über Hals und Kopf muß die Esserei nebenher, während der Arbeit ge— schehen, es darf auch in den„Pausen“ kein Arbeiter die Fabrikräume verlassen. Vielleicht genügt dieser Appell an die Oeffentlichkeit, die Direktion zu bewegen, die in allen Fabriken üblichen Pausen einzuhalten; noch nützlicher wäre es aber, wenn die Arbeiter sich organi⸗ sieren würden, um gemeinsam bessere Zustände zu er⸗ kämpfen, die wenigstens einigermaßen als menschenwürdige bezeichnet werden können.— Soweit die Zuschrift. Sie beweist wieder, daß Arbeiter, die keiner Organisation angehören, mehr unter ungünstigen Arbeitsbedingungen zu leiden haben, als solche, die ihrem Verband ange⸗ hören. Hoffentlich sehen bie betreffenden Arbeiter endlich auch die Notwendigkeit des Zusammenschlusses ein. Wir erklären uns gerne bereit, ihnen mit Rat und Tat dazu zu helfen. Bahnen in Oberhessen. Am 1. Dezember soll die Teilstrecke Grebenhein⸗Gedern der Eisenbahn Lauterbach⸗Gedern⸗Stockheim⸗Vilbel dem Betrieb übergeben werden. An der genann⸗ ten 11 Kilometer langen Teilstrecke liegen sieben Stationen. Täglich sollen auf der Strecke 8 Züge ver⸗ kehren. Damit ist ein weiteres Glied in die Bahnver⸗ bindung des Vogelsberges und der Wetterau mit Frank⸗ furt eingefügt. Aus dem Nreise Wetzlar. Wahlkreis Wetzlar⸗ Altenkirchen. Sonntag, den 12. November, nachmittags 3½ Uhr im Gasthaus„Zur Glocke“ in Wetzlar: General versammlung des Wahl⸗ vereins. h. Ueber Erziehung und Sozialismus sprach am vorigen Donnerstag Gen. Schulz⸗Beuern in einer bei Trinkhammer stattgefundenen öffentlichen Bersammlung. Seine Ausführungen fanden lebhaften Beifall. Gegner meldeten sich keine zum Wort; sie kläffen erst immer hinterher. Eine Resolution, in der ausgesprochen wird, daß die Ausführungen des Referenten die heutigen Zustände im Erziehungswesen treffend be⸗ leuchten und daß erst die sozlalistische Gesellschast für das gesamte Volk eine vernünftige Erziehung herbeiführen würde, gelangt zur einstimmigen Annahme. Leider war die Versammlung— vielleicht zum Teil infolge des schlechten Wetters— nicht so stark besucht.— Das Amtsblatt hatte einem Inserat mit der Ankündigung der Versammlung die Aufnahme verweigert. Solche elend kleinliche Mittel wendet man in Wetzlar heute noch zur Bekämpfung der Sozialdemokratie an! Das beweist, daß diese Ordnungsleute noch weit hinter dem Monde daheim sind. k. Sleg in Krofdorf⸗Gleiberg! Bei der am Doanerstag stattgefundenen Ge⸗ meinderatswahl wurden die vomsozial⸗ demokratischen Wahlverein aufgestellten Kandidaten Schaum und Winter bei außer⸗ gewöhnlich starker Wahlbeteiligung mit großer Mehrheit gewählt. So hat denn die elende Hetze der Schwarzen, die unter der Flagge des sogenannten Bürgervereins segelten nichts genützt. k. Bei der Gemeindewahl in Kinzenbach am Mittwoch stegten unsere Genossen in der dritten Klasse. Ihr Kandidat Mandler wurde mit 23 Stimmen gewählt. Der bisherige Gemeinderat erhielt nur s Stimmen. Aus dem Nreise Alsfesd-Cauterbach. * Alsfeld. Vorigen Sonntag Nachmittag hielt hier Gen. Robert Michels aus Marburg eine Ver⸗ sammlung ab, in welcher er über die heutige politische Lage und den Parteitag in Jena, mit besonderer Be⸗ rücksichtigung der Stellung von Partei und Gewerkschaft, der auswärtigen Politik und des Generalstreiks ceferierte. Die Versammlung, die von etwa 40 Personen besucht war, erklärte sich mit den Beschlüssen des Parteitages sowie den Ausführungen des Referenten bezüglich der politischen Lage einverstanden. In der Diskussion wurde von verschtedenen Seiten aber mit Recht darauf hinge⸗ wlesen, daß die Agitation im Kreise lange nicht energisch genug betriebeu werde. Auch wurde über die Lässigkeit des Vertrauensmannes bei der Bekanntmachung der Ver⸗ sammlungen berechtigte Klage geführt. So war z. B. diese Versammlung weder in der Mitteldeutschen noch durch Handzettel oder Plakate, sondern nur„mündlich“ bekannt gemacht worden, was für Alsfeld entschieden nicht genügt. Aus dem Rreise Marburg⸗-Nirchhain. h. Oeffentliche Holzarbeiter⸗ Versammlung. Am Dienstag, den 31. Okt. abends 9 Uhr findet im Hildemann'schen Saale, Barfüßertor eine öffentliche Holzarbeiter⸗Ver⸗ sammlung statt. Kollege G. Simo n-Augsburg wird über die„Geschichte des deutschen Holz⸗ arbeiterverbandes, dessen Kämpfe und Erfolge“ referieren. Der wichtigen Tagesordnung halber ist es Pflicht, eines jeden Kollegen für zahlreichen Besuch zu agitieren. Also Kollegen Marburgs und Umgegend erscheint Mann für Mann in dieser Versammlung. Partei-Uachrichten. Sozialdemokratisches Handbuch für das Großherzogtum Hessen. Das Handbuch ist jetzt fertig gestellt und es kann der Versandt sofort beginnen. Wir bitten die Genossen aller Orte, welche darauf reflektieren, umgehend ihre Bestellung so⸗ fort an den Genossen C. Ulrich, Offenbach a. M., Gr. Marktstr. 23 zu richten. Der Preis desselben ist broschtert 60 Pfg., gebunden 1 Mk. In Partien von mindestens 10 Stück bezogen 40 bezw. 80 Pfg. Bezüglich der Protokolle der Landes⸗ Konferenz von Alzey haben wir zur Kenntnis der Genossen zu bringen, daß die vorliegenden Bestellungen nicht genügen, um die Drucklegung zu veranlassen. Das Landeakomitee. Im„Vorwärts“ ist eine Differenz zwischen der Mehrheit der Redakteure und dem Parteivorstand ausgebrochen. Die Sache gibt natürlich der bürgerlichen Presse Anlaß zu verdächtigenden Angriffen. Versammlungskalender. Samstag, den 28. Oktober. Gießen. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Gießen. Fabrik⸗ und Hilfsarbeiter. Abends 6 Uhr Versammlung bet Löb(Wiener Hof). Tages⸗Ord.: Quartals abrechnung und Verbands⸗ angelegenheiten. Zahlreich erscheinen! 2 Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Lokale D. Jesberg. Sonntag, den 29. Oktober. Gießen. Maschinisten und Heizer. Nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung im„Wiener Hof“. Weißbinder Versammlungen am 29. ds. Mis. Vorm. 11 Uhr bei Seipp in Hattenrod und nachm. ½4 Uhr bei Wagner früher Größer in Großen⸗Buseck. In beiden Versammlungen Referent Zimmerman n-⸗Frankfurt. 8 Briefkasten. r.⸗Stbg. Wegen Raummangel nächste Nummer.— Rödgen b. Nauhm. Wir bringen einen Auszug aus der Urteils⸗Begründung demnächst, Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 44. Von Nah und Lern. Strafen wegen Schulversäumnis. Ein interessautes Urteil wegen Schulver⸗ säumnis wurde vor kurzem in Wiesbaden gefällt. Ein Arbeiter aus Biebrich hatte sein Kind wegen Krankheit aus der Schule zu⸗ rückbehalten und davon erst am dritten Tage dem Lehrer Kenntnis gegeben. Deswegen in Strafe genommen, beantragte er gerichtliche Entscheidung. Das Schöffengericht sprach ihn frei und desgleichen auch die Strafkammer. Die Urteilsbegründung besagte, ein Bestrafung setze voraus, daß das Kind nicht wegen Krank⸗ heit, sondern aus irgend einem anderen Grund die Schule unentschuldigt versäumte. Es sei selbstverständlich, daß man für das Zuhause⸗ bleiben eines kranken Kindes nicht erst die Er⸗ laubnis der Schulbehörde einzuholen brauche. — Es darf, wie wir hinzufügen wollen, nicht verwechselt werden die Pflicht zur Einholung der Erlaubnis zum Fehlen des Kindes mit der Bestimmung, daß der Vater das Fehlen des Kindes anzuzeigen hat. Will jemand sein Kind aus der Schule zu Hause lassen, so muß er dazu die Erlaubnis einholen. Ein Musterantisemit. Wegen unberechtigter Führung des Titels „Pfarrer a. D.“ würde der antisemitische Reichstagsabgeordnete Krösell zu 30 Mk. Geldstrafe oder sechs Tage Haft verurteilt. Der interessante Herr hatte bekannt⸗ lich wegen schwerer„sittlicher Verfehlungen“ sein Pfarramt niederlegen und auf alle Rechte des geistlichen Standes, also auch auf die Führung des Titels Pfarrer a. D., verzichten müssen. Im Termin erinnerte er den Amt s⸗ anwalt Bürgermeister Dr. Weiße„energisch an seine Vergangenheit in Loitz“. Daraufhin wurde er vom Gerichtshof wegen Ungebühr zu 100 Mk. Geldstrafe oder 3 Tage Haft ver⸗ urteilt und ermahnt, sich weiterer Beleidigungen zu enthalten, da er sonst ohne weiteres in Haft abgeführt werden würde. Krösell hat hiergegen Beschwerde erhoben; er will auch dem Minister des Innern Bericht erstatten. Außerdem, so erklärt er, dürfte die ganze Angelegenheit den Reichstag beschäftigen. Schließlich teilt der wackere Herr mit, daß er bereits alle Schritte getan habe, die zur Wiedereinsetzung in die Rechte des geistlichen Standes und zur Erlangung eines Pfarramtes führen sollen, und daß er bestimmt hoffe, wieder ein Amt zu erlangen.— Wozu der Kirche Gück zu wünschen ist. Die Muttergottes und die Aachener Arbeiter. Der Name Beissel ist in der katholischen Stadt Aachen der Inbegriff des Vornehmsten, Reichsten und Frömmsten. Die Träger dieses Namens stehen an der Spitze der dortigen In⸗ dustrie und der herrschenden Partei, des Zen⸗ trums, und wie manche ihresgleichen schreiten ste, den hungernden Arbeitern der Tuch⸗, Nadel⸗ und Bäderstadt zum Vorbild, bei den Prozes⸗ sionen mit brennender Kerze und frommem Blick vorauf. In ihren Betrieben sehen sie auf kirchliche Gesinnung und Gepflogenheiten, und ihre Werke sind eine Mischnng modernster Neu⸗ zeit— in bezug auf die technischen Einrichtungen — und des dunkelsten Mittelalters— hinsicht⸗ lich des frommen Gebahrens der Arbeiterinnen und Arbeiter. Ehe die Arbeiter beider Ge⸗ schlechter früh morgens die Fabrik betreten, besuchen sie die Kirche zur Andacht. Manche Arbeiter besuchen mit Fleiß die Kirche, von der sie wissen, daß der Arbeitgeber oder Vor⸗ gesetzte ste dort bemerkt. In jedem der Arbeissäle der Beisselschen Nadelfabrik an der Jakobstraße befindet sich eine Statue der Jungfrau Marta, die von den Lohnsklaven, teils aus wirklich religtösem Sinn, teils in heuchlerischer Streberei mit Kerzen, Blumen und anderem Schmuck be⸗ dacht wird. Vor Beginn der Vor⸗ wie der Nachmittagsschicht wird vor den Muttergottes bildern ein Gebet gesprochen. Leider entspricht diesem kirchlichen Eifer der Aachener Arbeiter- bevölkerung vielfach nicht ihre sittliche Auf⸗ führung: Kein Wunder bei den Hungerlöhnen, der Wohnungs⸗ und Lebens mittelteuerung und der ultramontanen Erziehung! In der Beissel⸗ schen Nadelfabrik entstanden dieser Tage zwischen der Betriebsleitung und acht„christlich“ organi⸗ sterten Schleifern Auseinandersetzungen wegen eines zum Schaden aller anderen begünstigten Arbeiters. Die Folge war Maßregelung und Entlassung. Als am Samstag die acht Schleifer den Betrieb verließen, gingen sie aber nicht allein, sondern sie nahmen ihre Muttergottes nebst Zubehör mit sich! Hatten sie bisher unter dem Schutze der Jungfrau Maria ge⸗ arbeitet, so wollten sie vermutlich nun auch unter deren Schutz und Schirm sich neue Ar⸗ beit suchen. Arbeit. Und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Ar beit gewesen. 90. Psalm. Zwar der Psalmist will mit diesen Worten nur die ganze Nichtigkeit des menschlichen Lebens zum Ausdruck bringen: Auch das köstlichste Leben ist nur Mühe und Arbeit, wenn man ge⸗ nauer hin sieht. Das Wort ließe sich aber auch in einem positiven Sinn deuten: Ein Leben ist köstlich gewesen, wenn es Arbeit gewesen ist. Freilich giebt es Arbeit, die drückt und lastet, Arbeit, die man nur mit Zwang und Stöhnen tut, stumpfsinnige Arbeit, die nur unter Auf⸗ opferung jeder persönlichen Eigenart und Neigung geleistet werden kann. Dem Bergmann, der 10 Stunden in nächtlicher Tiefe bei glühender Hitze im drückend engen Stollen die schwarze Kohle pickt, der Näherin, die um eines kärg⸗ lichen Lebensunterhaltes willen Tage und halbe Nächte zusammengekauert sttzt und sich die Finger lahm stichelt, denen kann man von dem Köstlichen ihrer Arbeit nicht allzuviel sagen. Der Fehler liegt in der Art dieser Arbeit, und noch mehr in ihrer übermäßigen Dauer, nicht an der Arbeit an und für sich. Oft genug haben abgehetzte, müde Menschen ihre Arbeit verwünscht, aber wenn es irgendwo das erdich⸗ tete Schlaraffenland gäbe, es würde mit seiner tödlichen Langweile noch viel mehr, noch viel allgemeiner verwünscht werden. Und nicht nur der Langweile wegen! Es liegt im Menschen auch das Bedürfnis, etwas wert sein zu wollen, keine Null, kein gleichgültiger Punkt in der Welt zu sein. Irgend ein Wert aber wird immer nur durch irgend eine Ar beit ge⸗ schaffen. Die Arbeit unterscheidet geradezu bie Menschheit von der Tierwelt, denn nur durch Arbeit, durch zweckvoll in Jahrtausenden fort⸗ gesetzte Arbeit hat das Menschengeschlecht der Natur gewissermaßen ein oberes Stockwerk auf⸗ gesetzt, alles das geschaffen, was wir in dem Namen Kultur begreifen. Durch Arbeit, kör⸗ perliche und geistige, hat der Mensch die Natur schließlich sogar in den Dienst seiner Kultur gezwungen: Staaten und Völker bedeuten in der Welt nur das, was sie für diese gearbeitet haben. Kunst und Wissenschaft danken wir den Griechen, Recht und Gesetz den Römern. Sie haben ganz andere Spuren in den Werdegang der Menschheit eingegraben, als die blutigen Kämpfe barbarischer Völker oder die toten Reichtümer schwelgender Prasser. Und auch was das einzelne Menschenleben köstlich, wertvoll macht, es ist die Arbeit. Wenn einer sich noch so stolz auf sich selbst zurückziehen wollte, er bliebe doch immer abhängig von ungezählten Leistungen seiner Mitmenschen, er könnte doch nur so viel Raum im Dasein füllen, als er Leistungen und Wirkungen von sich aus her⸗ vorbringt. Denn wirkliches Leben ist eben wirken! Wen es danach dürstet, der wird die Arme recken und den Geist strecken nach Arbeit. „Wie sie der Seele Sturm beschwört, Beschäftigung die nie ermattet, Die langsam schafft, doch nie zerstört, Die zu dem Bau der Ewigkeiten, Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, Doch vou der großen Schuld der Zeiten, Minuten, Tage, Jahre streicht.“ (Schiller, die Ideale.) 5 Jubelruf entran Freilich giebt es Leute, die nicht danach dürsten, arbeitsscheue Weltbummler, Reiche, denen das Dasein nichts ist, als eine fortgesetzte Kette von Amüsements, Pessimisten und Skep⸗ tiker, die der Gedanke von der Sinn⸗ und Zwecklostgkeit alles Daseins beherrscht. Aber ibt es unglücklichere Leute, als die letzteren? erden nicht auch die ersteren einmal fühlen, und sei es gleich erst am Ende ihrer Bahn, daß sie nur die flüchtigen Wellen der Lebens⸗ oberfläche genossen haben? Es gibt aber auch Leute, die gern arbeiten möchten und nicht können, denen die Kräfte dazu fehlen oder die keine Gelegenheit zur Arbeit finden, so sehr sie danach suchen. Jenes sind die Kranken und Leidenden, mit denen die Heilkunde, sei es helfend, sei es vorbeugend, zu tun hat. Dieses ist das Problem der Ar⸗ beitslosigkeit, Griechen und Römer haben vor diesem Problem gestanden, und wir stehen wieder vor ihm. Selbst in günstigen Jahren zählen die Arbeitslosen der verschiedensten Berufe nach Hunderttausenden. Wie leicht sind die Zahlen gesprochen, und wie schwer wiegt das Elend, das hinter ihnen steht. Sorge, Not und Zweifel, das ist der Anfang, bann kommt der Bettel, der Trunk, die Landstraße, die schlechte Gesellschaft, die moralische Gleichgültig⸗ keit oder Verzweiflung. Mit der Zahl der Arbeitslosen steigt die Zahl der Diebstähle, der Morde, der Verbrechen überhaupt. Arbeits⸗ losigkeit ist der Ruin des Einzelnen, aber auch der Ruin des Staates. Die Ueber⸗ zahl der enterbten, arbeitslosen kleinen Bauern führte zu den Fieberkrämpfen der römischen Revolutionen und alle Reformen der Gracchen oder eines Cäsar konnten den Untergang des Weltreiches nur noch aufhalten, nicht mehr abwenden. Krank ist ein Staat schon da, wo überhaupt in ihm die Arbeit schlecht ver⸗ teilt ist, wo einer mit Arbeit überlasteten Herde ein Haufe von Rentnern und Müßiggängern gegenübersteht. Die Arbeit in der Menschheit so zu verteilen, daß niemand ein wertloses Drohnenleben auf Kosten seiner Mitmenschen führen könnte, daß niemand unter der Last seiner Arbeit die Freude an ihrem Werte ganz verlieren könnte, daß niemand vergeblich nach redlichem Verdienst, nach nützlicher Betätigung, nach einem rechten Halt und Inhalt seines Lebens zu suchen brauchte— das ist eine große, eine heilige Aufgabe! Es ist die ethische(höchste sittliche) Aufgabe der Menschheit! Am Forischritt ihrer Lösung hängt das Leben Millionen Ein⸗ zelner, derer, die jetzt mit uns sind, und der ungezählten, die nach uns kommen und über unsre Teilnahme an dieser Lösung urteilen werden. Und der Wert unseres eigenen Lebens wird sich nach dieser Frage entscheiden: Es ist köstlich gewesen, wenn es Arbeit gewesen ist! Str. 15 * eee Teil. A Gerettet! Von Gustav Sommer. Der Boden des Vaterlandes!“ Wie ein sich dieser Ausruf der Brust des großen ernsten Mannes mit dem dichten schwarzen Vollbart und den schwermütigen Augen, welcher soeben dem Schiff entstiegen, der Stadt zuging. 5 Fünfzehn Jahre war er draußen in der Welt gewesen, in der großen, weiten Welt und hatte endlich nach langen Irrfahrten in der neuen Welt, jenseits des Ozeans, eine zweite Heimat gefunden. Doch das war der Boden, auf welchem er den ersten Schritt gewagt, sorg⸗ sam geleitet von der liebenden Mutter Hand, um nachher den langen Weg durchs Leben Welch“ schreiten zu können. „Heimatluft und deutsche Laute!“ sonderbares, wonniges Gefühl faßt den, der so le J er r n n ID 18 ol fe 0 er el * rn en en 1 r a, ⸗ de 1 al eh en att I 18 lle ste itt i er er en 1 . Nr. 44. —. ꝗ. Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung. Seite 7. lange der über alles geliebten Muttersprache entsagen mußte, fern, fremd, ein Fremder unter Fremden; auch einer von denen, welche sich aus allen Nationen dort zusammenfanden, um ihr Glück zu suchen und zu finden, oder im Unglück unterzugehen, um schließlich das müde Haupt, den morschen Leib in fremder Erde zu betten. Nun, er hatte das Glück erzwungen, er hatte dem Schicksal in hartem Ringen etwas abgetrotzt, soviel, daß er jetzt als einigermaßen wohlhabend gelten konnte. Doch nun hatte ihn eine mächtige Sehnsucht nach der Heimat getrieben! Noch einmal wollte er ste sehen, und dann zurück— in die neue 19 ein Abschied für immer vom Vater⸗ ande. Aber es war auch noch ein anderer Wunsch, ein anderes Sehnen dabei; er wollte auch das Mädchen, welches er über alles geliebt, als er von der Heimat fortzog, wiedersehen, um zu sehen, ob sie ihren Schwur gehalten hatte, ihm ewig treu zu bleiben, oder ob ste wenigstens glücklich sei. Gestern waren es fünfzehn Jahre gewesen, als ihm, dem damals 23jährigen, ihr Vater, ein Getreibespekulant, ein Mann, voll von Vor⸗ urteilen und protzig, wie die meisten Empor⸗ kömmlinge, jeden weiteren Verkehr mit seiner 18jährigen Tochter Martha untersagte, mit der Motivierung, daß er als armer Schlossergesell sich Eine suchen sollte, welche ihm ebenbürtig sei; jedem ersten besten Lump gebe er seine To chter nicht. Das hatte ihn tief getroffen. Wie Faustschläge ins Gesicht hatte er die rohen Worte gefühlt und halb wahnsinnig vor Schmerz und Zorn war er gegangen. Wohin und wielange er gelaufen war, wußte er nicht, denn es dunkelte bereits stark, als er sich plötzlich angerufen hörte. „Hermann!“ Wie vom Blitz getroffen fuhr er herum und erkannte Martha. Schnell wollte er weiter, doch schon hatte sie ihn umschlungen und einen heißen Kuß auf seinen zitternden Mund gedrückt. Und dann waren ste gegangen weit hinaus in den Wald, um dort in dem hohen heiligen Dom der Natur hatten sie sich geschworen, nie einen anderen zu gehören, sich ewig treu zu zu bleiben, bis übers Grab hinaus. 8 Dann waren sie wieder zur Stadt zurück⸗ gewandert, Arm in Arm und nach einem letzten innigen Kuß hatten sie sich getrennt. Gestern waren es genau 15 Jahre gewesen; wo war die Zeit geblieben? Es deuchte ihm, es sei erst gestern gewesen, mit so wunderbarer Genauigkeit vergegenwärtigte er sich diesen Tag mit seinen inhaltsschweren Ereignissen; denn dieser Tag hatte ihn zum Flüchtling, zum Heimatlosen gemacht! Haarschneiden, Frisieren und Rasieren in empfehlende Erinnerung, gute und saubere Bedienung 5 Bringe mein Salon zum 0 zusichernd. Gleichzeitig empfehle mich zur Anfertigung von Haar⸗ An all das dachte er, indem er langsam der Stadt zuschlenderte, und als er die ersten Straßen durchschritten hatte, wunderte er sich, daß ihm keiner einen fröhlichen Gruß zurief, denn es war ihm, als ob er gestera erst hier gegangen wäre. Und weiter ging er, immer weiter; keiner kannte ihn mehr, ja es wurde ihm immermehr klar, daß Hermann Köhler gestorben und er ein ganz anderer war, nur daß er zufällig den⸗ selben Namen führte. Er betrat ein Hotel. Lauter fremde Gesichter, und wenn es wirk⸗ lich die alten waren ste hatten sich geändert, ste waren fremd geworden. Nachdem er sich an einen Tisch gesetzt hatte, bestellte er sich einen Trunk und ergriff mechanisch eine Zeitung. Zerstreut blickte er hinein. Hier und da ein bekannter Name, er er⸗ innerte an die Jugendzeit, doch sonst vermochte nichts seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Schon wollte er die Zeitung beiseite legen, als sein Auge plötzlich an einem Namen haften blieb. Gespannt überflog er den Artikel; einmal, — dann sprang er plötzlich auf, zahlte, und stürmte hinaus. Schnell, immer schneller lief er, sodaß ihm, die Leute verwundert nachsahen. Doch was kümmert ihn das, nur weiter, zur Charttee. Im Getste durchging er immer wieder die Notiz: Die Lebensmüde, welche gestern versuchte, den Tod in der Elbe zu finden, ist als die Tochter des vor zweit Jahren auf so schmäh⸗ liche Weise zugrunde gegangen Getreidehänders Karl Holm rekognosziert worden. Dieselbe ist noch nicht vernehmungsfähig und scheint wenig Hoffnung auf die Erhaltung ihres Lebens vorhanden zu sein. Es scheint, daß die Not ste zu diesem traurigen Schritte veranlaßt hat.“ Kein Zweifel, es war seine Martha. Armes Mädchen, was mußt du gelitten haben! Der Vater schmählig zugrunde gegangen und du im tiefsten Elend! Wenn ste nur nicht stürbe, bevor er ihr noch einmal sagen könnte, daß er seinen Schwur gehalten habe, treu geblieben wie sie, bis übers Grab hinaus. Und wieder fing er an zu rennen. Endlich war er da. Auf seine erregte Bitte, die Kranke zu sehen wurde er an ihr Bett geführt. Bleich und abgezehrt lag sie da— wie eine Tote. Er ließ sich auf den Stuhl an ihrem Bette nieder und nahm ihre feuchtekalte Hand in die seine.— Sein Schluchzen veranlaßte die Schwester sich diskret zurückzuziehen. Immer heftiger, immer verzweifelter schluchzte er, wie ein Kind, und große Tränen tropften auf die kalte Hand, auf welche er immer wieder die bebenden Lippen preßte. „Martha, Martha!“ entrang es sich seiner Brust, doch stumm lag die Gerufene da. Da beugte er sich über sie und drückte einen heißen langen Kuß auf die schmalen, blutleeren Lippen. Jetzt hoben sich die Lider der Daliegenden und ein langer Blick traf das über ste geneigte gebräunte Männerantlitz. „Martha!“ rief er. Plötzlich flog es wie ein Erkennen über die sich langsam rötenden Züge und indem ste beide Arme um seinen Hals schlang, flüsterte ste mit schwacher Stimme:„Du hast mich zu lange warten lassen, ich konnte nicht mehr, doch nun bleibst Du bet mir, nicht war, Herman?“ „Für immer, mein armers Mädchen!“ ent⸗ rang es sich seiner mächtig arbeitenden Brust, und die Schwester, welche eben die Tür ein wenig geöffnet hatte, flüsterte leise: „Gere tet!“ Das Uhren- und Goldwarengeschäft von D. Kaminka „befindet sich jetzt Marktplatz II am Kriegerdenkmal. — 3— 3— Humoristisches Warum, darum. Wie kommt es nur, daß die russische Staatsmaschine noch immer funktioniert?— Weil die Beamten soviel„geschmiert“ werden! Auf dem Balle.—„Sehen Sie da beim Fenster die hübsche Blondine? Ich bin ganz wahnsinnig verliebt in sie. Glauben Sie, daß ich da irgend welche Aussichten habe?“—„Das kann ich wirklich nicht sagen; aber wenn Sie ihr Ziel erreichen sollten, lassen Sie es mich, bitte, wissen: ich bin nämlich ihr Mann.“ Konzentrierte Politiker⸗Ausstellung. Was doch im hellen Sachsen Für seltsame Pflanzen wachsen! Da preist sich, versteht es tief, Herr Dürr, ein Kandidate an Aks„Konservativ⸗ Frelkonservativer Mittelstandsmann Mit liberalen Ideen“. Also in Sachsen geschehen! Fehlte bloß noch ein antisemitischer, Sozialdemokratischer Ultramontaner Atheist, Namens Cohn. Oder ein Hakatist Mit nationalpolnischer Ueberzeugung Und freischutzhandelszöllnischer Neigung. Wenn's den sachsischen Wähler schmeckt— Guten App'tit und meinen Respekt! (Gottlieb im Tag.) Lollar Uhren, Gold-, Silber Optische Waren. 4 A M Y... Friedr. Schupy Jrische, Dauerbrand- Amerikaner, Regulierheiz⸗, 55 Koch-, Hopewerk- und arbeiten aller Art, Zöpfen, Toupets. Lager von Zigaretten und Parfümerien Um recht zahlreichen Besuch bittend, zeichne Hochachtungsvoll Mar Roscher, Friseur. 13 Löwengasse 13. C. F. Schwarz Sohne (Inh.: Heinrich Moͤller) ꝑehhaltiges Lager in: 5 5 erren., Knaben. und Arbeitstleidgern Anfertigung nach mass. im Ausschnitt.“ Stoffe Streng reelle Bedienung! r Eigene Reparaturwerkstätte. Auskunftsstelle für Arbeiterangelegenheiten. Kirchenplatz 11 III. Unentgelt⸗ lich. Sprechstunden: Werktags von 11—1 Uhr, Sonntags von 1½9 bis 10 Uhr. Bei Anfragen von außerhalb wolle man das Rückporto beifügen. Wasserkrüge Packkörbe kaufen Darmstädfer Oefen in diversen Fabrikaten Ofenschirme— Ofenvorjetzer— Verdampfschalen Leuergeräteständer Kohleufüller— Kohlenkasten Kohlenlöffel Stocheisen Ascheeimer Mülleimer Wasch-, Wring- und mangelmaschinen, Deximal-, Tafel- und Wirtschaftswagen, Fleischhack-, Reib⸗ und messerputzmaschinen, Vogelkäfige und Züchter⸗ Utensilien, Fischereigeräte, Bürsten, Besen und Türvorlagen, Kokosstricke, Flechtrohr, Rafflabast. Werkzeuge Beschläge Eisenwaren Kurzwaren Solinger Stahlwaren— Waffen und Munition Edgar Borrmann, Giessen Telephon 208 Eisenhandlung neustadt 1 2. ung Ecke Wettergasse. Benner& Krumm. F — *—— Mitteldeutsche—— Nr. 44. Anfertigung nach Maß. Alle Sorten Winter- Schuhe und-Stiefel, Pantoffel ete. sind eingetroffen. Grösste Auswahl! . Trauhfurter Schuhlagers N. RE ISS Billigste Preise! 12 Mäusburg 12 Telephon 537. Glas-, Porzellan- und Steingutwaren empfehlen in reicher Auswahl zu billigsten Preisen. Lang& Wiederstein Marktstraße 4 Glessen. Telephon 394 G0 1 e orł-: u. Haus- 5 III IZIENI Ferd. Nennstiel Giessen, Nauches t,.?. Lager in sãmtlichen Kastenmöbeln, poliert und lackiert Vertikows, Kleiderschränke Tische, Stühle, Spiegel Les ru möbel Küchenmöbel Spezialität: Betten und Polstermöbel eigener Anfertigung Uebernahme voll- ständ. Ausstattung nur gufe OUasstafen!, N illigste Preise „Rudolr Richter J 26 Marktstrasse 26 SIETS DAS NEUESTE Flechten ndss. und trockene Schuppenflecnte, skroph. Ekzema, Hahtausschläge, Offene Füsse Beinschäden, e e Ader- beine, böse Einger, alte Wunden sind oft har wäckig; wer bisher vergeblich hoffte geheilt zu werden, mache noch einen Versuch mit der bestens bewährten RIO-SALHF frei von Gift u. Säure, Dose Mk. 1.—. Wahre aeoh 2 cheint alle 14 Tage nebst einem Unterhaltungsblatt Redigirt von B. Heymann Eingetragen im Reichspostkatalog unter Ur. 2895 Preis pro Quartal 65 Pf., der einzelnen Nummer 10 Pf. Dankschreiben gehen täglich ein. Wachs, Naphtalan je 15, Walrat 20, Benzoefett, Venet. Terp., Kampferpflaster, Ferubslsam je 5, Klgelb 80, Chryssrobin 0,8. Zu haben in den Apotheken. to genau auf die Original- weiss- grün- rot„and die ich. Schubert& Cö., Wein- ad weise Fälschungen zurück. Täglich frischen Kaffeegebäck L. Müller Bahuhosstraße 61. Giessener Bazar! — Neu eingetroffen— Große Sendungen zu e billigen Preisen Wandlampen, komplett von Stehlampen, Alabaster 5 1 5 Hängelampen, groß 5 5. 1 Kohlenkasten, eisen 8 f 8 1 Kohleufüller, lackiert 5 8 5 15 Kohlenschaufeln mit Holzstiel. 5 Wärme flaschen, verzinnt, solid sowie sämtliche Haushaltungs artikel 22 Pfg. 108„ 276„ 123„ 146„ 015„ 128„ I „ 1 77 0 Bürsten⸗, Galanterie⸗ und Spielwaren in großer Auswahl. Bahnhofstr. 4 Max Marum Bahnhofstr 4. — Sozialdemokratisches „Liederbuch von Max Kegel. — Preis 40 Pfg.— Zu beziehen in der Expedition der„Mitteld. Sonntags⸗Ztg.“ L Ne Carl Müller 4 Giessen, Plockstrasse 12. empfiehlt sein reichhaltiges Lager in: 4 Kinderwagen Blumentische Sportwagen Reisekörbe Leiterwagen Waschkörbe S„„ Marktkörbe Sessel Markttaschen Alle Arten Bürsten u. Besen, Haus n. Küchengeräte — Au billigen Preisen. R Grosser Schuhwaren e 0 Ausverkauf wegen Abbruch meines Hauses zu bedeutend herabgesetzten Preisen anz Ueumeier Sonnenstrasße 20 Sonnenstraße 22. 8 Für Arbeiter und Landleute empfehle mein reichhaltiges Schuhwaren-Lager in gediegenen, soliden Oualitäten zu billigsten Preisen, Arbeiterschuhe und-Stiefel sowie sämtliche Winterschuhwaren in jeder Preislage und reicher Auswahl. ö Justus Benner, Gießen i Marktstrasse 34. Kindersegen und kein Ende? Ein Worf an denkende firbeiter von Fritz Brubpacher, flrat in Zürich. prels 30 Pfg. Durch die Expedition der sslitteld. Sonnf.- 21g. feel HS SSS Sela Schneider verband Giessen. Samstag, den 28. Oktober, abends 8 ¾ Ahr im Saale des Cafè Leib 17. Stiftungsfest Eintrittspreis im Vorverkauf bei den Mitgliedern und in den Wirt⸗ schaften Löb und Orbig 75 Pfg., an der Kasse 1 Mk. Für Unterhaltung ist besteus gesorgt. Bler im Glas. Das NHomitee. NN Fritz Reuters sämtliche Werke zum Vorzugspreis von nur Mark 3.50 zu haben in der Expedition der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung. Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm) Gießen. Verantwortl. Redakteur F. A. Vetters Gießen. Druck von Heppeler& Meyer, Gießen.