1 2 — — 2 Serre 7 —̊ — el ingverein⸗ u. Tanz. 7 Ur. 0 Po. erwartet ston. —ͤ— I lackiert 4 0 4 nobel nöbe“ tät: ua Löbe! fertigung le voll- tattung⸗ Joy. Scheld e Voritzende des Aussichtsrats 0 — 7 Der 2 — N er a9 f e haben. .. Gießen, den 29. Januar 1905. 12. Jahrgang. Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Mitteldeutsche Webafttonssclnz Dommerstag Nachmitta⸗ Sonntags⸗Zeitung. Abonnementspreis: Bestellung en Juserate Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Austräger frei ins Haus geltefert monatlich 25 Pfennig. Erpedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bet mindestens Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung die Erpedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107) 38½ö% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt. Revolution in Rusfland. Endlich scheint sich das von den zarischen Schergen seit Jahrhunderten mißhandelte und getretene russische Volk gegen die Knutenherr⸗ schaft aufzubäumen. Petersburg zu blutigen Kämpfen gekommen, oder richtiger ausgedrückt, die Henker des Zaren haben unter dem friedlichen Volke ein schauder⸗ haftes Blutbad angerichtet! Vertrauensvoll zogen mehrere Tausende Arbeiter unter Führung eines Priesters namens Gapon nach dem kaiserlichen Schlosse, um dem Zaren eine Peti⸗ tion, also eine Bitte zu überreichen. Die vertrauensseligen, uu bewaffneten, bittenden Proleten aber wurden von den Flinten der Soldateska empfangen, Salven krachen und vertierte Kosaken sprengen gegen die Menge und schlagen mit scharfer Klinge auf die Wehr⸗ losen ein. Etwa 2000 Tote und 3— 4000 Verwundete sind auf Seiten des Peters⸗ burger Volkes zu verzeichnen! Durch dieses beispiellos gemeine Verbrechen, diesen verruchten Massenmord, sind aber dem vertrauensseligen Volke die Augen über sein ütiges„Väterchen“ geöffnet worden und es cheint nach den zu uns gelangenden Nachrichten, als wolle es andere, wirksamere Mittel zu seiner Befreiung anwenden, als knieefälliges Bitten. Aus vielen Städten kommen Meldungen, die keinen Zweifel darüber lassen, daß es die ihm vom Zarentum erteilte Lehre beherzigt und seinen Bedrückern in gleicher Münze heim zuzahlen gewillt ist. Möglicherweise bedeutet der 22. Januar den Anfang der großen russischen Revolution. Zum ersten Male tritt in Rußland die Masse in Aktion und fordert ihr Recht. Die bisher stumm und still gelitten und sich demütig gebeugt, rufen nach Befretung, nach Anerkennung ihres Menschenrechts. Und— Ironie des Schicksals— sie wenden sich— an den Zaren, erflehen von ihm, daß er ihnen helfe und ste von ihren Peinigern, den ausbeuterischen Kapi⸗ talisten und den„Räubern und Dieben“ im Beamtenrock befreie. Wie ein Verzweiflungs⸗ schrei erklingt es aus der Petition, mit der sich die Arbeiter Petersburgs an den Zaren wenden und die sie ihm am Sonntag persönlich über⸗ reichen wollten, weil jedes Vertrauen auch zu den höchstgestellten Beamten in der Umgebung des* erloschen ist. Freilich nicht dem Ermessen des Selbstherrschers allein wollten die Arbeiter die Entscheidung über die zu treffenden Maßnahmen überlassen; ste stellten bestimmte Forderungen, deren Erfüllung sie für unerläßlich halten; ste stellen neben den Forderungen, die unmittelbar ihre Arbeitsver⸗ hältnisse bessern sollen, die Forderung, daß eine Volksvertretung geschaffen werde, um an die Stelle des absolutistischen Staates den kon⸗ stitutionellen Rechts staat zu setzen. Eine solche Massenbewegung mit unmittelbar politischen Zwecken ist in Rußland etwas Un⸗ erhörtes. Um so unerhörter, als aus dem ganzen Inhalt der Petition die Tatsache spricht, daß es sich hier nicht um Revolutionäre im gewöhnlichen Sinne des Wortes handelt, son⸗ dern um fromme, gut russisch denkende Arbeiter, die noch volles Vertrauen zum Zaren Für den Westeuropäer ist das schier Am Sountag ist es in N unbegreiflich; man muß sich erst in die ganzen russischen Verhältnisse hineindenken, um es zu verstehen. In wenigen Tagen haben diese Nan und loyalen Arbeiter, die zum guten eil mit Zustimmung der Polizei organistert wurden, um als Gegengewicht gegen die revolutionären Bestrebungen zu dienen, die gesamte Petersburger Industrie stillgelegt und als ihre Ausbeuter sich weigern, ihren Wünschen entgegenzukommen, suchen sie Hülfe beim— Zaren. So wurde aus der Streikbewegung mit unerbittlicher Konsequenz eine politische Be⸗ wegung. Aber diese loyalen Massen waren weit davon entfernt, eine gewaltsame Revolution machen zu wollen; sie hofften von der Güte und Einsicht„Väterchens“, von dem sie glauben, datz er nur durch seine reaktionäre, spitzbübische Umgebung verhindert wird, die Leiden und Nöten der Masse kennen zu lernen, daß er ihnen helfen werde, wenn ihre Notschreie nun bis zu seinen Ohren dringen. Sie bestehen deshalb darauf, ihm selbst unmittelbar ihre Bitten vorzutragen. Das Vertrauen ist noch so groß, daß sie ausdrücklich proklamieren, unbewaffnet vor den Zarenpalast zu ziehen. Ihr Führer ist ein Gefängnisgeistlicher Gapon, der bisher seine Aufgabe darin gesehen hat, diese Massen in der Treue zum Zaren zu er⸗ halten. Das Vertrauen dieser Tausende ist am Sonntag furchtbar enttäuscht worden, wie es nicht anders sein konnte. Der Autokrat begibt sich nicht freiwillig seiner„Rechte“. Anstatt den Arbeitern den Weg zu sich zu bahnen, sie wenigstens anzuhören, hat Nikolaus sich feige gedrückt, Petersburg verlassen und sich nach Zarskoje Sselo, einem seiner üppigen Paläste, begeben, während Polizei und Militär ein furchtbares Gemetzel unter den vertrauens⸗ voll unbewaffnet dem Schlosse sich nahen⸗ den Bittenden veranstaltete. Die Arbeiterschaft Petersburgs hat am Sonntag in dem beginn⸗ enden politischen Kampfe die Bluttaufe er⸗ halten. Sie wird lernen, auch daraus die richtigen Lehren zu ziehen. * Daß sie das tut, beweisen die zahlreichen Nachrichten aus den Arbeiterstädten, die das Erwachen der Arbeiterschaft erkennen lassen. In Moskau, Wilna, Lodzs, Odessa traten die Arbeiter massenhaft in den Ausstand und er⸗ klärten ihre Sympathie mit den Petersburgern; in verschiedenen Orten kam es zu Kämpfen. In Sewastopol meuterten die Marinesoldaten und Matrosen und steckten die Kasernen und Depots in Brand. Infanterie, die gegen die Seeleute geführt wurde, verweigerte den Gehor⸗ sam. Als der Oberst des Bialystocker Regi⸗ ments seine Leute an ihren Treueid erinnerte, erklärten diese, wenn man sie zum Schießen zwinge, würden sie zuerst auf die Offiziere schießen. In Petersburg wurde die Militär⸗ diktatur errichtet und General Tre po w zum Generalgouverneur ernannt. Als solcher besitzt er außerordentliche Vollmachten und Strafgewalt, alle sonstigen Behörden sind ihm unterordnet. Zahlreiche Führer der Intelligenz, darunter der Dichter Maxim Gorki warden verhaftet, der Arbeiterklub auf gel öst.— Ueber die Lage in Petersburg wird der„Zeit“ in Wien berichtet: Der furchtbare Verlauf des Sonntags hat den Arbeitern deutlich die Ab⸗ sichten der Regierung gezeigt. Jetzt heißt es allgemein:„Nieder mit der Monarchie!“ und man bereitet sich zur nächsten Demonstration mit Waffen vor, damit man sich nicht wehr⸗ los niederknallen lassen müsse. Diesmal aber wird das Volk Tag und Stunde seiner Demon⸗ strationen den Machthabern nicht vorher anzeigen.— Allgemein greift die Ueber⸗ zeugung um sich, daß das Gemetzel am Sonn⸗ tag absichtlich herbeigeführt worden sei, um das Volk niederzuknallen und in Schrecken versetzen zu können, um es so von einer wirk⸗ lichen Revolution abzuhalten. Alle anständigen Leute in der ganzen Welt wünschen dem Befreiungskampfe des russtschen Volkes den besten Erfolg. Die Gemeinderäte verschiedener französischer Städte nahmen Reso⸗ lutionen an, in denen den russtschen Revolu⸗ tionären Sympathie bekundet wird und dasselbe geschah in Deutschland in vielen Versammlungen. Höchstens die Blätter des Junkertums und des bornierten Antisemitismus halten es mit der Kosaken⸗Regierung. Möge es dem Volke ge⸗ lingen, die Willkürherrschaft zu beseitigen! Der Bergarbeiterkampf im Nuhrrevier. Der Ausstand der gewaltigen Arbeiterarmee im Ruhrkohlenrevier nimmt in geradezu be⸗ wundernswürdiger Ruhe seinen Fortgang. Die Zahl der Streikenden hat in den letzten Tagen noch um einige hundert zugenommen und dürfte etwa 230000 betragen. Die Führer der Bergarbeiter erklären, mit der bisherigen Entwicklung der Dinge durchaus zufrieden zu sein. Die Haltung der Streikenden entspräche den höchsten Anforderungen. Die von aus⸗ wärts entsandten Gendarmen wüßten kaum, warum sie hierher geschickt worden sind. Die Widerstandskraft der Arbeiter würde lange reichen, zumal ihnen ganz allgemein kredittert würde. Die öffentliche Meinung und fast alle Parteien des Reichstages hätten sich für ste erklärt. Im Bochumer Schützenhof fanden Ver⸗ sammlungen von zirka 4000 Bergleuten statt, die in größer Ordnung verliefen und in denen sich eine begeisterte Stimmung bemerkbar machte. Auch die Frauen hielten eine große Ver⸗ sammlung ab, in der beschlossen wurde, die Männer vor Streikbruch und vor Alkoholgenuß zu bewahren. Unerschüttert halten die einzelnen Organisationen zusammen. Unterstützung erhalten die Streikenden von allen Setten. Die Gemeiudevertretung von Stiepel bei Hattingen heschloß, alle streikenden eingesessenen Arbeiter durch Barvorschüsse zu unterstützen und solche Bergleute, die nach dem Streik nicht wieder angenommen werden. bei Wegebauten zu beschäftigen. Die englischen, schottischen und belgischen Bergarbeiter erklärten ihre Sympathie und stcherten jede nur mögliche Unterstützung zu. Bernstein und Schröder sind daraufmach England gereist, um die dortigen Organtsationen über die Lage aufzuklären. Selbstverständlich tun die deuts hen Gewerkschaften, was in ihren Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 5. Kräften steht. Die Metallarbeiter bewilligten 50000, die Holzarbeiter 15000 Mk., andere Verbände ähnliche Summen. Der Bischof von Köln stiftete 1000 Mk., Kardinal Kopp 3000. Arbeitswillige gibts verhältnismäßig wenig, jeder einzelne von ihnen wird mit Argusaugen von zahlreichen Gendarmen bewacht.— Kohlen⸗ mangel macht sich immer mehr fühlbar. Eisen⸗ werke, Brauereien ꝛc. mußten die Produktion einschränken. Die im Bergbaulichen Verein organisterten Zechenbesitzer wollen mit den Arbeitern nicht verhandeln, wie berichtet wird, aus Rache gegen die Regierung wegen der Hibernia⸗An⸗ gelegenheit! Hoffentlich wird den Arbeitern der Sieg, den ihnen jeder fühlende Mensch wünscht. * Die Forderungen der Bergarbeiter haben folgenden Wortlaut: 1. Achtstündige Schichtzeit, einschließlich Ein⸗ und Ausfahrt, und zwar fürs laufende Jahr wie bisher, jedoch nicht über 9 Stunden, von 1906 ab 8 und von 1907 ab 8 Stunden. Sechspündige Schicht(inklusive Ein⸗ und Ausfahrt) vor nassen Orten und heißen Orten mit über 28 Grad Celsius. 2. Sonntags- und Ueberschichten sind nur zur Rettung von Menschenleben und bei außerordentliche Betriebsstörungen zulässig. 3. Das Wagennullen wird sofort beseitigt und die Kohlen, die wirklich sich im Wagen befinden, werden auch bei Berge enthaltenden Wagen bezahlt(demnach darf nur der Prozentsatz der Steine den Arbeitern in Abzug gebracht werden, der sich in dem betreffenden Wagen befindet). Eventuell Bezahlung der Kohle nach Gewicht(wie in England). Alle Wagen müssen geeicht und der Rauminhalt oder Gewichtsinhalt des Wagens jederzeit leicht er⸗ sichtlich sein. 4. Die Belegschaft hat in alljährlich wiederkehrend er geheimer Wahl einen Wagenkontrolleur bezw. Wiegemeister zu wählen(§ 80 0, Absatz 2 des Berg⸗ gesetzes), welcher seinen Lohn mit von der Zechenver⸗ waltung erhält. Diese verteilt denselben auf alle bei der Förderung beteiligten Grubenleute und bringt ihn bei den letzteren beim Lohntag in Abzug. Der Wagenkontrolleur besitzt alle Rechte der sonstigen Belegschaftsmitglieder und ist auch bei allen Versicherungen und Kassen seiner Zeche ebenso beteiligt wie alle anderen. 5. Löhne(Schießmaterial und Geleuchte darf nicht verrechnet werden): a. Minimallohn für Hauer und Lehrhauer im Gedinge.. 5,— Mk. b. 1„ Hauer und Lehrhauer im Schick tlohnn. 4,50„ 85 65 e, d. 15 e, 5 55„ Schlepper e 15 5„ erwachsene Tagearbeiter 3,80„ g. 5 e,, R. 5„ jugendliche Tagarbeiter 1,50„ 15 1„Koksarbeiter, Brenner. 4,50„ 5 5 7 5 Verlader 5,.—„ 15 1 1 1 Füller. 4,50„ M. 1 1„* Schlepper 3,80„ n. Lohnzahlung zweimal. Abschlag und spätestens am 20. des folgenden Monats Lohntag. 6. Errichtung eines Arbeiterausschusses zur Vorbringung und Regelung a, aller Beschwerden und Mißstände, b. aller Lohndifferenzen einschließlich des Gedinge⸗ lohnes, C. zur Mitverwaltung der Unterstützungs kassen, deren Abrechnung alljährlich der Gesamtbelegschaft durch Aus⸗ hang bekannt zu machen ist. Wenn die Zechenbesitzer⸗ verwaltungen keine Beiträge leisten, haben sie auch in der Unterstützungskasse kein Verwaltungsrecht, mehr als die Hälfte Sitze dürfen die Verwaltungen bezw. Besitzer nicht haben, selbst wenn sie mehr Beiträge zahlen sollten. 7. Einführung von Grubenkontrolleuren, die alljährlich in geheimer Wahl von der Belegschaft aus ihrer Mitte gewählt und von den Zechenbesitzern oder dem Staate bezahlt werden. 8. Reform des Knappschaftswesens nach dem Programm der Arbeiterorganisationen. 9. Gute Deputatkohlen zum Selbstkostenpreise an alle verheirateten Arbeiter, ebenso an Invaliden und Witwen(mindestens monatlich einen Wagen). 10. Beseitigung der zu vielen und zu harten Strafen. 11. In den Mietskontrakten der Zechenkolonien ist vierteljährliche Kündigung aufzunehmen. 12. Humane Behandlung; Bestrafung und even⸗ tuelle Entlassung aller die Arbeiter mißhandelnden und beschimpfenden Beamten. 13. Keine Maß regelungen, keine Abzüge und Strafen wegen der Bewegung. 14. Anerkennung der sationen. Berggewerb 15. Anrufung des e ee 1 als Einigungsamt. Arbeiterorgani⸗ in Dortmund Der Bergarbeiterstreik vor dem Reichstage. Nachdem die von der sozialdemoeratischen Fraktion eingebrachte Interpellation eine Woche lang verschleppt worden war, weil Handelsminister Möller zu ihrer Beantwortung „keine Zeit“ hatte, kam sie endlich am Freitag (20. Januar) zur Verhandlung. Folgendes ist der Wortlaut der Anfrage: „Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß die Werkbesitzer im Ruhrkohlenbezirk 1. systematisch die zum Schutze der Arbeiter in der Reichs⸗Gewerbe⸗Ordnung festgelegten und auch für die Bergarbeiter gültigen Bestimmungen umgehen, und sogar eine förmliche Organisation behufs Verrufserklärung unbequemer Arbeiter ge⸗ schlossen haben; ö die reichsgesetzlichen Vorschriften über den Arbeits⸗ vertrag tatsächlich außer Wirkung setzten, die Ar⸗ beitsordnungen durchaus willkürlich anwenden und dadurch werkseitig fortgesetzt Kontrakt⸗ bruch geübt wird; 3. durch das Nullen der Kohlenwagen den Arbeiter um einen Teil seines verdienten Lohnes betrügen; durch ihre Verkaufsorganisation, das Kohlen⸗ syndikat, ohne Berücksichtigung der Industrie und der allgemeinen Volksbedürfnisse die Kohlen⸗ preise systematisch hinaufschrauben, und um dieses in höherem Grade zu erreichen, al les getan haben, was den Ausbruch der Bergarbeiterstreiks zur Folge haben mußte. Welche Maßregeln gedenkt der Herr Reichskanzler gegenüber diesen Vorgängen zum Schutze der Arbeiter sowie der Kohlenverbraucher zu ergreifen?“ Begründet wurde die Juterpellation durch den Genossen Hu, der in seiner Eigenschaft als Bergarbeiterführer und als Abgeordneter eines der vom Streik betroffenen Wahlkreise in jeder Beziehung der gegebene Wortführer der Ausständigen war. Hus verstand es vom Anfang bis zum Schluß seiner beinahe drei⸗ stündigen, vorzüglichen Rede, die Aufmerksam⸗ keit des gesamten gutbesetzten Hauses sowie der überfüllten Tribünen zu fesseln. Er legte dar, wie mit schier übermenschlicher Geduld die Belegschaften des Ruhrreviers 1 ¼ Jahrzehnte hindurch die schnöde Behandlung der Gruben⸗ barone und die noch schnödere der Zechenbeamten ertragen haben. Verlängerung der Ar⸗ beitszeit, Reduktion des Lohnes, Aus⸗ schluß aus der Kassenverwaltung, systematisches Nullen; alles hat die Arbeiterschaft über sich ergehen lassen müssen; vergebens waren Vor⸗ stellungen und Beschwerden, vergebens waren die Anrufungen der Behörden. Noch schlimmer wurde es, als das Kohlensyndikat seine verderb⸗ liche Tätigkeit begann, als das Publikum durch hohe Kohlenpreise ausgebeutet und ganze Ort⸗ schaften und Distrikte durch frevelhaftes Still⸗ legen der Zechen verödet wurden. So kam denn, was kommen mußte: Mit explosiver Ge⸗ walt brach der Streik aus, den die Arbeiter⸗ führer vergebens zu verhindern suchten. Leider sind wir bet unsern Raumverhältnissen nicht in der Lage, die Ausführungen Huss vollständig wiederzugeben, sondern müssen uns mit einem kurzen Auszuge begnügen. Zuerst wies der Redner die Lügennachrichten über angebliche Ausschreitungen zurück. Nirgends sei die Ruhe gestört. Allerdings könnten die Behörden durch ihre Nervosität Ruhestörungen veranlassen. Zahlreiche Gendarmen sind überflüssigerweise von auswärts herangezogen, die sich in den Verhältnissen nicht zurecht finden. Recht nervös habe sich namentlich der Dortmunder Ober⸗ bürgermeister Schmieding gezeigt, vielleicht weil er Aufsichtsratsmitglied des Harpener Bergwerks ist. Bedenklich ist namentlich auch, daß die Zechenbeamten vielfach mit posizeilicher Quali⸗ fikation ausgestattet worden sind, dieselben 2 8 8 Zechenbeamten, die durch ihr Auftreten die Bewegung zum großen Teil veranlaßt haben. —— Q 1 Durch nutzlose Revolverschießereien, durch offenen Hausfriedensbruch haben diese Jechenbeamten durchweg die wenigen Untaten, die überhaupt vorgekommen sind, veranlaßt. ue ging dann weiter auf die Ursache des Streiks ein und führte unter anderem aus: Der Streik wäre nicht ausgebrochen, wenn Herr Stinnes auf Zeche Bruchstraße, bevor er den Anschlas betr. die Schichtenverlängerung machte, sich mit den Arbeitern ins Einvernehmen gesetzt hätte. Statt dessen hat er die Deputation, die ihm Vorhaltungen über den durchaus ungesetzlichen Anschlag machte, brügk abgewiesen. Minister Möller bedauert, daß die Arbeiter so geringen Sinn für Gerechtigkeit haben; ich bedaure, daß die Arbeitgeber so wenig Sinn für Gesetzlichkeit haben. Das Oberbergamt selbst hat die Ungesetzlichkeit des Anschlags anerkannt. Trotzdem fuhr die Belegschaft vollzählig an. Da wurde ihnen am 7. Januar die Brandkohle verweigert. Die Brandkohle ist aber ein Teil des Arbeitslohnes, wie daraus hervorgeht, daß bisher im Falle ihrer Nichtlieferung Ersatz geleistet wurde. Warum sollen gerade die wohlerworbenen Rechte der Arbeiter nicht respektiert werden?— Aber trotz allem, was vorgegangen war, konnte noch am vorigen Donnerstag eine Einigung erzielt werden. Den Unter⸗ nehmern wurden noch einmal goldene Brücken zum Rück⸗ zug gebaut. Aber, statt diese Brücken zu benutzen, haben 1 1 15 ö 1 * die Unternehmer uns brüskiert, haben die Arbeiter be⸗ handelt, als wenn sie Luft wären! Das sind die Leute, die sich als Ordnungsstützen aufspielen! Wir wollen den Frieden, aber nicht den Kirchhofsfrieden! Im Namen meiner Kameraden kann ich erklären: die Worte des Reichskanzlers haben große Sympathien bei uns gefunden, haben die Hoffnung erweckt, daß es nicht zum äußersten kommen werde. Aber die Reden des Handelsministers Möller, namentlich die vom Montag, haben diesen Traum zerstört und die Hartnäckigkeit der Besitzer gestärkt. Hätte nicht der Handelsminister Möller, sondern nur der Reichskanzler gesprochen, dann wären wir zur Einigung gekommen. Der Regierungsvertreter v. Velsen tat, was er konnte, aber die Unternehmer erklärten einfach: wir wollen nicht. Wenn es der Regierung nicht gelingt, diesen Protzenhochmut unter das alls emeine Wohl zu beugen, so ist es mit der Autorität der Regierung beim Volke vorbei. Es wundert mich sehr, daß trotz der Hibernia⸗Affatre Minister Möller so warm für die Syndikatsherren eintritt. Nicht einmal die Stilllegung der Gruben hat der Staat verhindern können; Herr Stinnes erklärte einfach: es paßt mir so. Gegen Streikende schickt der Staat Gendarmen; hat er denn kein Mittel in der Hand, die Verödung ganzer Ortschaften durch die Zechenbarone zu verhindern? Das Kohlen syndikat pfeift auf die ganze Staatsautorität: sein Leibblatt, die „Rheinisch⸗Westfälische Zeitung“ beschuldigt den deutschen Richterstand der Korruption, sobald derselbe nicht nach der Syndikatspfeife tanzt. besitzer einsetzt, das zeigt erst, welcher Selbstverleugnung ein Mensch fähig sein kann. Jahre, Jayrzehnte hindurch hat die Regierung sich von den Bergwerksbesitzern das Material beschaffen lassen, mit dem sie die bescheidenen Forderungen der Arbeiter bekämpfte; wundert sie sich jetzt, daß den Herren der Kamm geschwollen ist? Jetzt treten die Folgen der sozialpolitischen Rückständigkeit der Regierung grell zutage; jetzt benutzen die Herren vom Bergbaulichen Verein die früheren Reden der Minister als Unterlage für die ablehnende Antwort, die sie den Friedensermahnungen eben dieser Minister geben— Der Streik kam nicht überraschend. Noch vor Weihnachten war es hinreichend Zeit, zu vermitteln. Die Belegschaften haben in den letzten ein, zwei, drei Jahren immer wieder Deputationen geschickt, aber sie haben keine oder nur eine abspeisende Antwort erhalten. Der Streik ist eine elementare Bewegung, die sich seit Jahren vorbereitet hat. Daher rührt auch die schnelle Einigung aller vier Organisationen der Bergarbeiter, jener Organtsationen, die so oft gegeneinander gekämpft haben. Die ganze öffentliche Meinung, die ganze Presse mit Ausnahme weniger Zeitungen, die auf seiten der Besitzer stehen, sympathisieren mit dem Streik. Der Streik berührt alle Voltskreise. Bürger und Bauern sagen uns: Leute, haltet fest, wenn ihr nur gewinnt; die Zechenbesitzer sind unsere Feinde.— Die Bergleute treten nicht für utopische— sagen wir einmal sozial⸗ demokratische— Forderungen ein, sondern für die Er⸗ haltung der bürgerlichen Rechtszustände. Wir wollen keine Vorrechte, sondern nur, daß man die bürger iche Gesetzgebung, die Gewerbeordnung, das Berggesetz auch wirklich anwendet. Dieser Streik ist in Wahrheit eine Demonstration gegen die Ungesetzlichkeit der Unternehmer, eine Demonstration für das bürgerliche Recht. Der Minister Möller behauptet, daß Kontrakt⸗ bruch vorliege. Ich behaupte, daß keiner vorliegt. Wo es keinen Vertrag gibt, ist auch ein Bruch desselben unmöglich. Im Ruhrrevier besteht aber ein kontraktloser Zustand dadurch, daß die Zechen die Not⸗ Daß gerade Herr Möller 0 sich nach der Hibernia⸗Schlappe so warm für die Zechen⸗ „ 5. — fenen imten hauft de des 8: n Herr cut lt den dessen ber den wiesen. eringen aß die. chkeit lichkeit egschast lar die ber ein t, daß gelelstet n Rechte er trotz vorlgen Unter⸗ m Rück⸗ , haben eitet be⸗ le Leute, len den Namen orte des efunden, ——— iußersten ninisterz Traum gestärkt. nur der nigung at, was ch: wit gelingt, Wohl zu kegierung aß tz für die — — — hat det einfach: A Staat hand, die harone zu auf die att, die deutschen icht nach 5 Möller le gechen⸗ rleugnung e hirducch dein daß scheldenen Muister ie sie den A ch bol vermitteln. el, drei 906 fie — — S = Nr. 5 Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Seite 9 lage der Arbeiter zu ständigen Kontraktbrüchen benutzen.! Die Seilfahrt ist ohne Aenderung der Ordnung allmäh⸗ lich auf 1½ Stunden ansgedehnt worden. All die Verpflichtungen, die der Bergbauliche Verein in Bezug auf Verkürzung der Arbeitszeit auf Ein⸗ und Ausfahrt usw. auf sich genommen hatte, sind in allen Teilen schon seit Jahren durchbrochen. Hier liegt also ein Wort⸗ bruch der Unternehmer vor. Der Achtstundentag besteht im Ruhrrevier schon lange nicht mehr. Er ist auf 9½— 10 Stunden verlängert worden Man sollte doch alle Verordnungen aufheben und an ihre Stelle den einzigen Paragraphen setzen:„Ueber das, was giltig ist, bestimmen nur die Herren, die vor dem großen Geldsack sitzen.“ Das Bergwerkskapital füllt die Berg⸗ werke mit völlig unqualifizierten Leuten an, die keine Ahnung vom Bergbau haben. Darauf sind auch die vielen Grubenunglücke zurückzuführen.— Seit 1900 find die Löhne der Arbeiterschaft außerordentlich re du⸗ ziert worden. Die Sätze, die der Abgeordnete Hirsch, der Syndikus der Essener Handelskammer, anführte, beruhen auf rechuerischen Taschenspielkunststückchen.— Das gesetzliche Kündigungsrecht wird illusorisch gemacht. Und nun zu der Frage des Wagennullens. Der Arbeiter fährt den Wagen vor bis zum nächsten Sammel⸗ platz; von da ab verliert er jede Kontrolle über sein Produkt. Die Höhe des Nullens läßt sich summarisch berechnen. Es gibt Zechen, auf denen gar nicht genullt wird; während auf anderen das Nullen von gewissen Beamten systemotisch, aus Rache, aus Schikane zu be⸗ trügerischen Zwecken gehandhabt wird. Ein Beamter, der noch im Dienst ist, hat ein festes Pensum: er nullt täglich 62 Wagen. Dabel werden die genullten Wagen nicht etwa nicht gebraucht, sie werden eben so gut gebraucht wie die andern. Außer den Abzügen durch das Wagennullen müssen die Arbeiter noch oben⸗ drein Geldstrasen bezahlen. Es handelt sich in der Tat um eine völlige Verwirrung aller Rechtsbegriffe. Es heißt zwar, die Strafgelder fließen in die Unterstützungs⸗ kasse. Aber wer hat die Kontrolle darüber? Es gibt Zechen, in denen die Arbeiter keinen Anteil an der Ver⸗ waltung der Kassen haben; ihr Verlangen nach öffent⸗ licher Abrechnung wird brüsk mit der Erklärung zurück⸗ gewiesen, die Zechenverwaltung wolle Herrin im eigenen Hause bleiben. Dabei handelt es sich um gewaltige Summen: die Zeche„Deutscher Kaiser“ hat tm vorigen Jahre 45000 Mek. für genullte Wagen eingenommen. Als Herr Stinnes die Zeche„Hasenwinkel“ kaufte, war das erste, was er tat, daß er den Arbeitern das Wahl⸗ recht zu den Unterstützungskassen nahm. Die Schichtlöhne sind derart gering, daß die Arbeiter zu 35 bis 45 Schichten pro Monat genötigt sind, Ich selbst keune einen Mann, der für 41 Schichten im Monat 128 Mk. verdient Bedenken Sie, was Doppelschichten von 12— 16 Stunden in feuchter, heißer Luft, bei Brot und kaltem Kaffee bedeuten! Die Berg⸗ arbeiter schaft muß dabei furchtbar degenerieren; ist doch auch das Durchschnittsalter der Invalidität in 30 Jahren von 50 auf 44 Jahre gesunken, auch die Unfalls- und die Krankheitsziffern in erschreckendem Maße gestiegen. Aber trotz aller dieser Mißstände wäre es nicht zum Kampfe gekommen, wenn nicht die empörende, bar— barische Behandlung oder besser gesagt Mi ß⸗ handlung hinzugekommen wäre! Sind doch selbst Prügel vorgekommen! Aber die Macht der Organi⸗ sation ist nicht wirkungslos geblieben. Leute, die nicht geprügelt worden sind, aber gesehen haben, wie ihre Kameraden geprügelt wurden, sind in den Streik ge⸗ treten und wenn sie 7—8 Mk täglich verdtenten! Gewiß gibt es hochanständige Beamten und Verwaltungen, aber die Brutalitäten sind nicht Ausnahme, sondern Kegel. Hat sich jemand gegen einen Peiniger beschwert, so wird er nachher von seinen Kameraden gefragt:„Hast du den Gummischlauch bekommen“?— Als ein Arbeiter, Mitte des Monats, um einen Vorschuß bat, bekam er einen Zettel mit den Worten:„Der Hauer kann eine Tracht Prügel von 10 Schlägen empfangen!“ Wir haben diesen Zettel der Regierung mit vorgelegt. Die Brutalitäten der Unternehmer haben freilich ihr Gutes gehabt. Sie haben das Solidaritätsgefühl mächtig gestärkt. Die Forderungen der Arbeiter sind doch wahrhaftig nicht als unbescheiden zu bezeichnen.— Glauben Sie nicht, daß dieser Streik, wenn er nicht durch einen Ver⸗ gleich beendet wird, aus Mangel an Mitteln zusamen⸗ bricht. Es haben Ar beiter zu mir gesagt: Wir haben bei der Arbeit gehungert, wir werden auch im Ausstand hungern können. Ich frage nun die Regierung; was will sie für die Sache der Gerechtigkeit tun? Unter stürmischem Beifall unserer Genossen schloß Hue seine wuchtige Anklagerede. Reichs⸗ kanzler Bülow antwortete auf die Anklagen gegen den Gegenwartsstaat mit— Betrachtungen über den Zukunftsstaat. Er mußte anerkennen, daß die Haltung der Arbeiter, wie Hus aus⸗ geführt hatte, musterhaft ist; trotzdem konnte er sich nicht enthalten, die Scharfmacher mit einer Aussicht auf den hauenden Säbel und „ 3 2 2 die schießende Flinte zu erfreuen!! Der Betfall der Junker, der der Kanzlerrede folgte, war ehrlich verdient. Wie wenig Graf Bülow die Gewerkschaftsbewegung kennt, zeigte seine Aeuße⸗ rung, daß die Arbeiterorganisationen nur Werk⸗ zeuge der politischen Parteien seien; die„sozi⸗ alistischen“ Gewerkschaften wären nichts anderes als Exerzierplätze und Manöverfelder für die Vorbereitung der Arbeiter auf den Kommunis⸗ mus! Nach dem Reichskanzler kam der Handels⸗ minister Möller. Er erklärte zunächst, daß die Vermittelungs⸗ bemühungen auf einen toten Punkt gekommen wären. Hus habe trotz seiner ruhigen Rede solche Angriffe gegen ihn(den Minister) gerichtet, daß es ihm schwer falle, die unpartetische Rolle weiter zu spielen. Die Arbeiterverbände hätten nicht Autorität genug besessen, den Streik zu verhüten, sie hätten ihre Leute nicht in der Hand gehabt. Der Minister kommt dann auch auf den„Ton“ der„Leipziger Volkszeitung“ zu sprechen, der ihn doch hier wahrlich nicht zu kümmern brauchte. Doch er mußte Hus darin Recht geben, daß die Krawall⸗Nachrichten sämtlich übertrieben waren. Nach Möller ergriff der Zentrumsmann Stötzel das Wort. Dieser war früher selber Bergmann und weiß daher die Beschwerden der Bergleute zu würdigen. Er nannte die Forderungen der Arbeiter durchaus bescheiden. „Die Unterstützungskassen sind allerdings aus den genullten Wagen gegründet worden, aber den Arbeitern wird jede Auskunft über die Verwendung der Gelder verweigert. Wir haben schon vor 13 Jahren das Unglück anmarschieren sehen.“ Natürlich war die Rede Stötzels ultra⸗ mantan gefärbt, trotzdem fand sie an einigen Stellen mehr Beifall bei den Sozialdemokraten als bei dem Zentrum. Eine possierliche Er⸗ klärung gab im Namen der Konservativen der Abg. v. Normann ab: Die Arbeiter sollten erst die Arbeit wieder aufnehmen, dann wollten seine Freunde in eine Prüfung der Beschwerden eintreten! Samstag wurde die Debatte fortgesetzt. Zuerst behandelte der nationalliberale Beumer, den Riesenkampf zwischen Kapital und Arbeit etwa vom Standpunkte eines gerissenen An⸗ walts für Bagatellsachen, nörgelte an Einzel⸗ heiten herum, suchte die Zechenverwaltungen von allen Anklagen reinzuwaschen— und lieferte dabei neues Matertal zu den furchtbaren An⸗ klagen, die die Arbeiterschaft des schwarzen Reviers einmütig erhebt. Herr Beumer gesteht zu, daß Prügelstrafen im Bergbau vor⸗ kommen; er rechnet es den Zechenbeamten gar als besondere Humanität an, wenn ste Prügel statt Geldstrafen über ihre„Untergebenen“ verhängen! Genosse Molkenbuhr hatte es leicht, mit den Sophistereien dieses Anwaltes des Kapitals fertig zu werden. Fast noch leichter war es ihm, den höchsten Beamten des Reiches abzutun, der jetzt im Palais an der Wilhelmstraße nach⸗ zuholen scheint, was er im hochragenden Palazzo Caffarelli auf dem kapitolinischen Hügel ver⸗ säumt hat; durch eine eifrige Lektüre des er⸗ greifenden Romans Eugen Richters von der Sparagnes und der Strampelannie sich für die sozialen Probleme unserer Zeit vorzubereiten. Die Ausführungen Molkenbuhrs, auf reich⸗ haltiges Material gestützt und mit sonorer Stimme vorgetragen, machten ersichtlich anf das gon ze Haus, sowie auf die dichtbesetzten Tribünen einen tiefen Eindruck.— Dem Reichskanzler sagte Molkenbuhr, daß er wohl jetzt erst Eugen Richters„Zukunfts⸗ bilder“ gelesen habe, weil er stets daraus Lese⸗ früchte zum Besten gäbe.„Der Reichskanzler stellte das Recht zu arbeiten dem Recht zu streiken gegenüber: warum wird denn nicht auch das Recht zum Streik gegen Terrorismus geschützt? Aber wenn ein Arbeitswilliger einen Streikenden einen„Lump“ nennt, so entscheidet der Richter:„Lump“ ist keine Beleidigung, sondern nur die Bezeichnung für einen, der kein Vermögen besitzt. Nennt dagegen ein Streikender einen Arbeitswilligen Lumpen, so wandert er 6 Monate ins Gefängnis! Der Kanzler zsagte, wenn alles wahr wäre, was Hué gesagt, so würde es gewiß allgemeine Verurteilung finden. Damit ist den Arbeitern nichts gedient, der Kanzler hätte vielmehr sagen sollen: wenn alles das wahr ist, dann wird die Gesetzgebung eingreifen müssen, um derartige Mißstände zu beseitigen. Freilich wird die Gesetzgebung, wenn ste überhaupt Er⸗ folg haben will, nicht bei einer Flickarbeit stehen bleiben können: es wird nichts übrig bleiben, als die Verstaatlichung, die Expropriation der Expropriateure. Der Reichskanzler sprach von den sozialpolitischen Lasten der Verstcherungs⸗ gesetzgebung. Diese Lasten sind den Kapitalisten des Bergbaues sehr gut bekommen: die Aktien sind seit Einführung der sozialpolitischen Gesetz⸗ gebung immens gestiegen.— An diesem Tage sprachen u. a. noch Stöcker und Gothein (Freis.) in einem für die Bergarbeiter günstigen Sinne. Zum Schluß mahnte Herr Möller die Zechenbesitzer zur Nachgtebigkeit. Am dritten Tage der Streikdebatte (Montag) sagte zunächst der Pole Brejski dem Minister Möller ein paar bittere Wahr⸗ heiten, auf die dieser höchst kleinlaut erwiderte. Gleich im Anfang seiner Rede spielte Brejski auf die Ereignisse in Petersburg an; doch sein Beispiel wurde von den meisten anderen Rednern nicht befolgt, wie sehr auch das blutige Drama die oft sehr lauten Privatgespräche der Abge⸗ ordneten beherrschte. Der Natitonalliberale Heyl aus Worms suchte ersichtlich den Eindruck der Beumerschen Scharfmacherrede zu verwischen und gab sich als Freund sozialer Politik. Wer die„soziale“ Tätigkeit des Wormser Lederbarons beobachtet hat, auf den dürfte die Rede schwerlich Eindruck gemacht haben. Reichsgerichtsrat Spahn(Ztr.) hüllte sich in ein noch schimmern⸗ deres Sozialgewand: er forderte dringend eine parlamentarische Untersuchungskommisston, die mit dem Rechte gesetzgeberischer Initiative aus⸗ gerüstet sein soll, und malte unter Betonung des staatlichen Oberrechts an Grund und Boden des Bergwerks das Schreckgespenst der Ver⸗ staatlichung in recht deutlichen Zügen an die Wand. Daneben zeichnete er ein Porträt des Multimillionärs Stinnes, das mehr treffend als geschmeichelt war.— Der Antisemit Zimmermann erging sich in allerlei er⸗ götzlichen und anzüglichen Betrachtungen über die goldene Internationale und ihre Beziehungen zu Ministerien und Fürstenhöfen, so daß ihn sogar der Vizepräsident ersuchte, die Person des Kaisers außer Spiel zu lassen. Aber man schätzte deshalb den Antisemit nicht etwa als „radikal“ oder gar antimonarchisch ein; er schreit fich ebenso wie seine Gesinnungsverwandten bet jeder Gelegenheit die Kehle an Kaiserhochs wund! Zum Schluß kam noch unser Genosse Bömel⸗ burg zum Wort. Er unterzog die Willkür der Zechenbeamten und die Beschaffenheit jener „nützlichen Elemente“ der Streikbrecher einer vernichtenden Kritik. Große Heiterkeit und Un⸗ willen erregte es, als er einen jener„Tot⸗ schläger“ genannten Mord⸗ und Prügelwerk⸗ zeuge auf den Tisch des Hauses niederlegte, mit denen die Zeche„Kaiserstuhl“ ihre„Arbeits⸗ willigen“ zu bewaffnen für gut befunden hat. Darauf wurde die Debatte anf unbestimmte Zeit vertagt. ———— politische Rundschau. Gießen, den 26. Januar 1905. Sträflicher Verkehr mit— Arbeitern! Eine sehr interessante Frage über den „Verkehr eines Arztes mit unter seinem Stande stehenden Personen“ hatte der ärztliche Ehren⸗ gerichtshof zu Dresden zu prüfen. Der zu Frankenstein i. S. praktizierende Arzt Dr. Frank war vom ärztlichen Bezirksverein Freiberg zu 1000 Mark Geldstrafe verurteilt word n, weil er schuldig befunden worden war, u. A.„allzu familiären Verkehr mit tief unter seinem Stande stehenden Personen unterhalten und dadurch das Ansehen des ärztlichen Standes geschädigt zu haben.“ Gegen dieses seltsam anmutende Ur⸗ teil legte der Arzt Berufung beim Dresdener Ehrengerichtshof ein. Dieser setzte die 1000 Mk. Geldstrafe auf die Hälfte herab. Die Gründe 1 N ee 2 3 6 5 hat, will der Ehrengerichtshof dahingestellt sein lassen.“ sonen des Arbeiterstandes verkehrte. ä 5 r 0 Seite 4. Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung. Nr. 5. dieses abgeänderten Urteilsspruches sind inter⸗ essant. Sie lauten:„Was den allzu familiären mgang Dr. Frank's mit tief unter seinem Stande stehenden Personen betrifft, so ist nach Ansicht des Ehrengerichtshofes kein Stand unseres Volkes so gering, daß ein vertranlicher Umgang mit ehrenhaften Mitgliedern desselben an sich dem ärztlichen Stande zur Unehre ge⸗ reichen könnte. Sind doch schließlich aus allen Ständen unseres Volkes auch tüchtige und ehren⸗ werte Aerzte hervorgegangen. Allerdings kommt es auf die Art und Wesse des Umganges an, und daß er in anständigen Grenzen bleibt. Ob Dr. Frank diese Grenzen immer eingehalten Zu bemerken ist noch, daß Dr. Frank ausschließlich mit redlichen und Te ner unserer Redakteure, bemerkt dazu die Frankfurter „Volksstimme“, der früher Jurist war, kann dem hinzufügen, daß auch ihm s. Z. als Refe⸗ rendar sein Verkehr mit„redlichen und ehrlichen Arbeitern“ weit schlimmer angerechnet worden ist, als Kollegen von ihm der größte Exzeß bet Zech⸗ und Saufgelagen. Jede Natton zerfällt eben heute in zwei Welten, die sich nicht mehr verstehen! Sieg in Calbe⸗Aschersleben! Die am Dienstag vorgenommene Stich⸗ wahl im Reichstagswahlkreise Calbe⸗Aschers⸗ leben brachte unserer Partei einen glänzenden Sieg. Unser Genosse Albrecht wurde mit 21730 Stimmen gewählt, der Nationalliberale Placke erhielt 19435. Gegen das Ergebnis der ersten Wahl haben die bürgerlichen Parteien zirka 1000 Stimmen eingebüßt, wir dagegen 2400 gewonnen und sogar die bei der Haupt⸗ wahl 1903 erreichte Stimmenzahl um 500 über⸗ troffen.— Nun kann die„Hess. Landesztg.“ wieder von„Symptomen der Wirkungen von Dresden“ reden. Neues Ministerium in Frankreich. Das Ministerium Combes ist nunmehr durch ein solches unter der Präsidentschaft des„Ge⸗ mäßigten“ Rouvier, der bisher Finanzminister war, abgelöst worden. Darin und in dem Umstand, daß die beiden Gemäßigten Depuy und Poincarré dem Ministerium angehörten, durfte man eine Abflauung des Kampfes gegen Reaktionäre und Klerikale erblicken. In der ersten Sitzung beschlossen jedoch die radikalen Mitglieder, an dem Programm der früheren Regierung festzuhalten, worauf die beiden Ge⸗ nannten austraten. Von dem bisherigen Mi⸗ nisterium sind der Kriegsminister Berte aux, Delcassé(Aeußeres) in dem Kabinet Rouvier verblieben. Ein Sozialdemokrat gehört dem Ministerium nicht on; gemäß der früher gefaßten Beschlüsse haben die sozialdemokratischen Gruppen es abge⸗ lehnt, einen der ihrigen den Eintritt in die Regierung zu gestatten. Und das ist gut so. Luise Michels Begräbnis fand in Paris am Mittwoch unter ungeheurer Beteiligung— man schätzte die Zahl der Teil⸗ nehmer auf zwanzigtausend— statt. An ihrem Grabe im Friedhof von Levallois Perret hielt Gaspard Girault, sowie der Maire des Bezirks Levallois im Namen des Gemeinderats eine Gedächtnisrede. Die Leiche war von Marseille nach Paris gebracht worden und schon dort hatte unter Anwesenheit vieler Arbeitersyndikate eine Leichenfeier stattgefunden, bei der von dem füheren Bürgermeister Flaissieres, augenblicklich Vorsitzenden des Generalrats eine Rede gehalten wurde. Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung. Eine Konferenz der Maurer des Gaues Frankfurt tagte am Sonntag in Darmstadt. Sie war von 100 Delegierten besucht. Aus dem Jahresberichte, der vom Gauleiter Hütt⸗ mann erstattet wurde, geht hervor, daß die Organisatlon überall gute Fortschritte gemacht hat. Die Mitgliederzahl betrug Ende 1904 9100 in dem Bezirke. Hüttmann meinte für die Weiterbildung der Mitglieder müsse mehr getan werden. Der Kassenbericht weist an Einnahmen 13 523.98 Mark, an Ausgaben 12 051.72 Mark auf. Kassenbestand: 1472.26 Mark. Im Namen der Revisoren erklärte Pfeiffer⸗Vilbel, daß Alles in Ordnung befunden wurde. Verbandsvor⸗ sitzender Bömelburg sprach seine Befriedigung über den diesjährigen Gaubericht aus und dankte dem Gauvorstande für diesen Erfolg. Er bat, die Zeit vor Ablauf des Vertrages richtig aus⸗ zunützen, dann könne die Mikgltederzahl auf verschiedene Tausend mehr gebracht werden. Er wies die entstandenen Mehrausgaben durch die eingeführten Unterstützungseinrichtungen nach und begründete die Notwendigkeit eines großen Vermögens bestandes eines jeden einzelnen Zweig⸗ vereins. Opferwilligkeit ist unbedingt notwendig, um für schwere Kämpfe gewachsen zu sein und die Lebensweise der Maurer menschenwürdig zu gestalten.— Für Streiks im Gau wurden 201 462.03 Mark vereinnahmt und ausgegeben, gegen 57 229.27 Mark im Jahre 1903. Die Zuschüsse des Hauptvorstandes betrugen 1904 185 464 Mark, von letzterer Summe entfallen auf Streikunterstützung 184 711.85 Mark.— Zum Schluß wurde die Wahl des Gauvorstandes vorgenommen. Arbeitet, Partrifteunde! Gedenkt der kämpfenden Bergarbeiter im Auhrrevier! Don mah und Fern. Hessisches. — Durch einen„Gnadenerlaß“, den der Großherzog anläßlich seiner am 2. Febr. stattfindenden Vermählung ergehen läßt, werden alle wegen Majestätsbeleidigung ꝛc., wegen wörtlicher Beleidigung einer Behörde usw., wegen Zuwiderhandlungen gegen die Bestimm⸗ ungen des Forst⸗ und Feldstrafrechtes, sowie wegen Uebertretung verhängten Strafen erlassen, wenn sie auf Gefängnis, Festungshaft, Haft oder Geldstrafe lauten und spätestens mit Ab⸗ lauf des 2. Feor. rechtskräftig geworden sind. — Einen Gemeindewahlsieg errangen unsere Genossen in Ober-Roden(Starken⸗ burg). Ihre Kandidaten wurden mit großer Mehrheit gewählt. — Der„technische Mißgriff“ bei dem Heyls⸗Organ. Der„Wormser Zeitung“ ist ein Malheur passiert. Es hatte seinen an staatserhaltende und militärfreundliche Kost gewöhnten Lesern folgenden Witz vorgesetzt: „Verrannt. Leutnant:„Wer von Euch Kerls ging denn gestern Abend an mir vorüber, ohne Front zu machen? Zum Donnerwetter, wenn ich mir hundert dämliche Gesichter merken muß, könnt Ihr Euch doch wohl eins merken!“— Schon am nächsten Tage tat die Redaktion Buße. Sie erklärte im„Briefkasten“ reuevoll:„Alter Soldat. Wir siad ganz Ihrer Meinung, der sogenannte Witz in der gestrigen Morgennummer ist kein Witz und gehört nicht in unser Blatt. Er ist infolge eines technischen Mißgriffs zum Abdruck gelang, nachdem der betreffende Ausschnitt bet der Korrektur übersehen worden war.“ Der „technische Mißgriff“ ist natürlich nur eine faule Ausrede. Gießener Angelegenheiten. — Die Gewerkschaftsversammlung am Sonntag war nicht so gut besucht, wie sie es hätte sein sollen. Zunächst nahm die Ver⸗ sammlung einen kurzen Vortrag des Genossen Vetters über den Kohlenarbeiterstreik entgegen, worauf der Vorsitzende des Kartells, Genosse Bock, über die Tätigkeit des Gewerkschaftskartells Bericht erstattete. Daraus ist zu ene nehmen, daß in einer Reihe von Berufen, von denen hier in Gießen bisher noch keine Organisationen bestanden, solche geschaffen wurden. Ferner veranstaltete das Kartell einen Rezitationsabend sowie das Mai⸗ und Gewerkschaftsfest. Diese Veranstaltungen hatten zahlreichen Besuch auf⸗ zuweisen. ledigt. Den Gießener Gewerkschaftsfilialen ge⸗ hören jetzt insgesamt 1190 Mitglieder an, von denen allerdings ein nicht geringer Prozentsatz außerhalb wohnt. Der Bericht des Kassterers weist an allgemeinen Einnahmen 872.18 Mk., Ausgaben 799.43 Mk. nach. Für den Streik⸗ fonds Einnahme 286.10 Mk., Ausgabe 448.29 Mk. Nachdem die Abrechnung von den Reoisoren bestätigt war, wurde in die Beratung des neuen Kartellstatuts eingetreten und der Entwurf mit einigen kleinen Abänderungen genehmigt. Unter anderem wurde dann festgesetzt, daß jede Ge⸗ werkschaft vierteljährlich für jedes ihrer Mit⸗ lieder 10 Pfg. für die Kartellkasse und 15 Pfg. ür den Streikfonds zu leisten hat. Hierbei bleiben solche Mitglieder außer Berechnung, die zwar hiestigen Gewerkschaften angehören, aber anderwärts wohnen und dort zu Beiträgen herangezogen werden. Im Weiteren wurde noch der Bericht der Bibliothekare sowie der Auskunftsstelle entgegengenommen. Letztere er⸗ teilte im letzten Vierteljahre in 34 Fällen Aus⸗ kunft. Mit der Bitte, das Möglichste für die Unterstützung der kämpfenden Bergleute zu tun, schloß der Vorsitzende hierauf die Versammlung. — Besichtigung der neuen Biblio⸗ thek. Diesen Sonntag vormittags 11 Uhr findet die bereits früher angekündigte Besichtigung des neuen Bibliothek⸗Gebäudes der Universitär durch die Gewerkschaften statt. Zu diesem Zwecke wollen sich die Mitglieder nebst Frauen recht pünktlich 11 Uhr— besser noch einige Minuten früher— in der Treppenhalle der Bibliothek(Stephanstraße) einfinden. Freunde, Bekannte können sich anschließen. Einer der Herren Bibliothekare wird erst im Lesesaale einen kleinen Vortrag über die Bibliothek und ihre Einrichtungen halten. — Wahlverein. Diesen Samstag findet die erste Vereinsversammlung in diesem Jahre statt. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag von Genosse Vetters:„Rückblick auf das Jahr 1904“, ferner Geschäfts⸗ und Kassen⸗ bericht des Vorstandes über das zweite Halb⸗ jahr 1904. Es wird um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht. — Der„Bürgerverein“ hat sich nun endgiltig konstttuiert. In einer Versamm⸗ Außerdem wurde eine große Anzahl örtlicher gewerkschaftlicher Angelegenheiten er⸗ lung in Steins Garten am Dienstag wurden 1 f die Statuten nach dem vorgelegten Entwurf genehmigt und ein Vorstand von achtzehn Per⸗ sonen gewählt. Zu wenig sind das nicht. Herr Lehrer V. Müller, der den Vorsttz führte, be⸗ zeichnete als Programm des neuen Vereins 1 seine Programmlosigkett. Wie weit man. damit kommen wird, mag die Zeit lehren. — Der Sanitätsberein hält nächsten Montag, 30. Januar, abends ½9 Uhr im „Gambrinus“ seine Generalversammlung ab. Wir verwetsen auf das Inserat in heutiger Nummer. — Raubmörder Hud de ist nach Mitteilung der Gießener Staatsanwaltschaft als überführt zu erachten. Es hat sich herausgestellt, daß eine von Hudde in Köln versetzte Uhr diejenige des ermordeten Pfarrers Thöbes ist. Aus dem Rreise gießen. „—„Wohltätigkeit“. Mancher mit Glücksgütern reich gesegnete Mitmensch fühlt um Weihnachten herum ein menschliches Rühren gegenüber denjenigen seiner Nächsten, die in der Wahl ihrer Eltern weniger vorsichtig gewesen sind. Mit vielem Drum und Dran werden Weihnachtsbescheerungen angerichtet und bedürf⸗ tigen Kindern irgend ein billiger Gegenstand in die Hand gedrückt. Die Hochherzigkeit des edlen Gebers wird dann in den„gutgesinnten“ Zeitungen hoch gepriesen, wenngleich er die Mittel zu seiner Wohltätigkeit erst durch die Arbeit der Eltern der beschenkten Kinder oder anderer Leute erwarb. Wie mancher übt oft „Wohltätigkeit“, der seine Arbeiter lieber streiken lassen würde, als ein paar Pfennige Lohner⸗ höhung bewilligen! Von dem Millionär Müller in Leihgestern wurden auch an vergangenen Weihnachten, wie alljährlich die dortigen Kinder mit Kleinigkeiten, Schürzen, Halstüchern und wollenen Jäckchen beschenkt. Diese Sache geht —..—— 3722 pe ⁊ ̃ — 2— 2. F.. r r r E e.. ̃ 8 7—— S — 2 kr ge⸗ on I. ts lk. . ken uit ter de . bei ug, ek, gen der ale ind fag em ein juf on lb ind sich im⸗ den rf er⸗ ert ins gan ten ab. ger ung 0 von len Mit i ren del eden dell aud des el die dle der len el ler fell 9 un it — C. 2 „„ e C — e — — Sr .———. — . Nr. 5. Mitter deutsche Sonntaas⸗Zeitung. Seile 5. die Sache noch ein böses Nachspiel. in der Kirche unter Assistenz des Herrn Dekans vor sich und zum Schluß defilteren die Be⸗ schenkten vor den 14— 16 jährigen Töchtern des Herrn Müller und bezeugen ihren Dank für die Gaben. Für einen der W 07 Dieser, ein Waisenknabe, bekam nämlich nicht ein Ge⸗ sangbuch, wie die übrigen Konfirmanden, sondern ein Halstuch oder Aehnliches. Das wollte aber der Pflegevater des Jungen nicht haben und schickte es wieder zum Dekan zurück. Ob das nun gerade richtig war, mag dahingestellt bleiben. Der Herr Dekan aber geriet darüber in Wut und schlug dem Jungen dermaßen ins Gesicht, daß dieser blutend zu Hause ankam. Besonders christlich war diese Handlungsweise gewiß nicht. b. Staufenberg. Unser Volksverein hält Samstag, den 4. Februar sein Winter⸗ fest, bestehend in Konzert und Vorträgen ab. Die Mitglieder wollen pünktlich ¼ 8 Uhr er⸗ scheinen.(In welchem Lokale hat der Ein⸗ sender anzugeben vergessen. D. R.) Aus dem Rreise Alsfesd-Cauter bach. g. Freie Turnerschaft in Alsfeld. Diesen Sonntag, den 29. Januar, nachmittags 3½ Uhr soll im„Stadtpark“ eine Zusammenkunft stattfinden, in der die Gründung eines Arbeiterturnvereins vorgenommen werden soll. Hier besteht zwar seit Jahren ein Turn⸗ verein, diesem können jedoch Arbeiter, die etwas auf sich halten, nicht beitreten, denn sie werden dort als minder⸗ wertig angesehen. In dem Statut desselben findet man Stellen, wonach Arbeiter nicht aufgenommen werden dürfen! Der Kastengeist herrscht und die Arbeiter werden von oben herunter angesehen. Deshalb wollen unsere Turnfreunde sich einen neuen Verein schaffen, in dem die Parole gilt: Gleiches Recht für alle! Recht zahlreiche Beteiligung ist erwünscht. Zum Gelingen des Werkes ein kräftiges Frei Heil! Aus dem Rreise Weßlar. h. Von einem schweren Unglück wurde am Sonntag der Weißbindermeister Mohr heimgesucht. Seine beiden Töchter im Alter von 13 und 15 Jahren brachen, als sie vom Schlitischuhlaufen auf der Ochsenwiese über die zugefrorene Lahn heimkehren wollten, plötzlich ein und ertranken. Es gelang zwar, das ältere der Mädchen bald wieder ans Land zu bekommen, doch blieben die sofort angestellten Wiederbelebungsversuche leider erfolglos. Die Leiche ihrer Schwester wurde erst am Montag geländet. Der Schmerz des Vaters, dem es manchmal nicht leicht geworden ist, seine Kinder so weit zu erziehen, die ihm jetzt hätten eine Stütze sein können, kann man sich vorstellen. Nicht mit Unrecht verlangt das Publikum, daß in der Nähe der Eisbahn Rettungsmittel vor⸗ handen sein sollten. * Die Vorträge des Wunderdoktors oder Predigers Semmel, über die kürzlich im „Wetzl. Anz.“ berichtet wurde, nimmt in der heutigen Nummer ein Arzt in einem längeren Artikel„Der fromme Helfer“ auf Seite 6 unter die Lupe. Wir machen darauf nicht bloß unsere Wetzlarer, sondern alle Leser unseres Blattes besonders aufmerksam. Westerwald und Anterlahn. t. Infolge des Bergarbeiterstreiks wurde der Hochofen„Agnesenhütte“ bei Haiger ge⸗ löscht. Aus denselben— vielleicht auch noch aus andern— Gründen arbeiten die Leim⸗ und Terrazzo⸗ fabriken mit beschränkter Arbeitszeit und Feierschichten. — Einzelne Werke halten sich mit Braunkohlen. Aus Nächstenliebe haben dann auch die Privat Besitzer der Westerwälder Braunkohlen⸗Gruben ihre Preise erhöht. Von einer Erhöhung der Arbeitslöhne in diesen Be⸗ trieben verlautet indessen nichts. t. Haiger. Am Montag brach in der schon seit Jahren stillstehenden Zementfabrik Westerwald Feuer aus, welches das Sackmagazin und die Terrazzo⸗Fabrik einäscherte. Der Schaden wird 50 60,000 Mark betragen. Allerdings wirkt derselbe um so empfindlicher, weil die Fabrik ¼ Selbstversicherung trägt. Das Unternehmen selbst leidet an chronischer Betriebsunfähig⸗ keit, Geld ist immer das Wenigste gewesen, worüber die Verwaltung verfügte. Auf den Betrieb wird der Brand weiter keinen Einfluß ausüben, denn das ganze Personal, bestehend aus drei Arbeitern, einem Nacht⸗ wächter und zwei Direktoren, dürfte weiter beschäftigt werden. 65 Aus dem Rreise Marburg⸗Airchhaimn. r. Konsumpverein. In der General⸗ versammlung am Sonntage, die einen sehr zahlreichen Besuch aufwies, berichtete Geschäfts⸗ führer Fischer über die Entwickelung der Geno ssenschaft im letzten Quartal des verflossenen Jahres. Der Verein kann auch auf diesen Zeitabschnitt mit Befriedigung zurückblicken. Die Mitgliederzahl ist wiederum gestiegen, sie beträgt jetzt 445. Infolgedessen ist auch eine erfreuliche Steigerung des Umsatzes zu verzeich⸗ nen, die gegen das letzte Quartal des Vorjahres etwa 50 Prozent beträgt. Eine Statistik über die Berufsangehörigkeit der Mitglieder ergab, daß sieben Achtel davon Arbeiter sind, woraus sich die erfreuliche Tatsache er⸗ kennen läßt, daß innerhalb der Arbeiterkreise immer mehr der Wert der Konsumgenossenschaft erkannt wird.— Bezüglich der Bäckeret kann gesagt werden, daß die„Kinderkrankheiten“ als überwunden gelten dürfen, sie hat in der Be⸗ richtszeit bereits mit Ueberschuß gearbeitet. Getadelt wurde jedoch, daß nicht sämtliche Mitglieder ihren Bedarf an Weißbackwaren aus der Konsumbäckerei beziehen. Alle sollten doch bedenken, daß sie nur ihren eigenen Vorteil wahrnehmen, wenn ste die Waren in ihrem eigenen Geschäft beziehen. Der Brotverkauf dagegen stieg derart, daß man die Abgabe an Nichtmitglieder einstellen mußte.— Ueber die Anstellung eines Geschäftsführers war man sich infolge der immer größeren Ausdeh⸗ nung des Vereins einig, und wurde Herr Franz Fischer vom 1. Februar d. J. an als be⸗ soldeter Geschäftsführer angestellt.— Die An⸗ schaffung eines eigenen Fuhrwerks und die Er— richtung eines Zentrallagers wurde allgemein gut geheißen und die Verwaltung beauftragt, das Weitere zu veranlassen. Ferner wurde beschlossen, mit dem 8 Uhr Ladenschluß an den Wochentogen(außer Samstags) am Montag den 23. Januar zu beginnen und wollen die Mitglieder sich danach richten.— In der weiteren Diskusston gab man der Meinung Ausdruck, daß die Mitglieder nicht auf mög⸗ lichst hohe Dividende sehen sollen, sondern es müsse vielmehr dahin gestrebt werden, billige und gute Waren zu liefern. Dazu müsse die Eigenproduktion nach Möglichkeit ausgebaut werden. Diese Ausführungen fanden allge— meine Zustimmung. O Zwei Ersatzwahlen zur Stadverord⸗ neten⸗Vesammlung fanden am Samstag unter Aus⸗ schluß des öffentlichen Interesses statt. Die Reihen unserer Stadtväter hatten sich durch Tod und Wegzug derart gelichtet, daß es schwer hielt, genügend pflicht⸗ eifrige Stadtverordnete zusammen zu bekommen, um be— schlußfähig zu sein. Es wurden deshalb zwei Ersatz⸗ wahlen für die erste Klasse ausgeschrieben, die übrigen Klassen können warten bis zu den ordentlichen Wahlen im Herbst. O Winterlöhne erhalten zur Zeit die Arbeiter der Maschinenfabrik von Ostheim hierselbst. Winterlöhne bedeutet kürzere Arbeitszeit und geringeren Stundenlohn. Von den ca. 200 Metallarbeitern Marburgs sind nur 23 organisiert. Das macht es erklärlich, daß Unter⸗ nehmer sich Winter löhne erlauben dürfen. O Kohlenwucher darf man es wohl nennen, wenn hiesige Händler den Bergarbeiterstreik dazu benutzen, die Kohlenpreise bedeutend zu erhöhen. Die jetzt vor⸗ rätigen Kohlen dürfen wohl kaum zu einem Preise ein⸗ gekauft sein, der eine Preissteigerung rechtfertigt, unter der gerade die Armen, denen es nicht möglich ist im Herbst sich mit Vorrat für den Winter zu versehen, zu leiden haben. r. Die Wahlvereinsversammlung, findet diesen Samstag, 28. Januar statt, nicht Sonntag, 29., wie irrtümlich in der letzten Nr. der Mitteld. S.⸗Ztg. angegeben war. In der Versammlung wird Gen. Dr. Quarck⸗Frankfurt über„Kommunal⸗ politik“ sprechen. r. Gewerkschaftsfest. Die vereinigten Ge⸗ werkschaften feiern diesen Sonntag im Café Quentin (Höck) ihr diesjähriges Winterfest. Von jeher waren die Gewerkschaftsfeste gut besucht, und so wird es auch diesmal der Fall sein. Für genügende Unter⸗ haltung ist auf das Beste gesorgt. Konzert, Gesangs⸗ vorträge, Theater, Fastnachtsüberraschungen usw sorgen dafür, daß jeder auf seine Kosten kommt. Die Festrede hält Genosse Dr. Quarck aus Frankfurt. Selbstverständ⸗ lich wird auch dem Tanze gehuldigt werden. Auf zahl⸗ Gewerkschaftsversammlung.(Forts. v. Ber aus vor. Nr.) Es solgte hierauf der Jahresbericht der Gewerk⸗ schaftskommission, den Genosse Rößler erstattete. Daraus sei mitgeteilt, daß Anfangs des Jahres 1904 der Kommission 9 Gewerkschaften mit 207 Mitgliedern angeschlossen waren. Lohnbewegungen haben zwei, die der Maler und der Maurer stattgefunden. Oeffentliche Versammlungen wurden in Marburg und Umgebung 92 von den einzelnen Berufen abgehalten. Die Bau⸗ hilfsarbeiter, Steinarbeiter, Mühlenarbeiter, Bäcker, Zimmerer und Tapezierer gründeten Zahlstellen. Sta⸗ tistische Erhebungen wurden in den Berufen der Leder⸗ arbeiter, Transportarbeiter, Maurer, Tapezierer, Kondi⸗ toren, Buchbinder, Metzger und Brauer aufgenommen. Bei den Wahlen zur Ortskrankenkasse(Vorstandswahl) und denen zur Landesversicherungsanstalt griff die Kommission ein; die von ihr aufgestellten Kandidaten wurden gewählt.— Am Schlusse des Jahres waren in 16 Berufen 439 Mitglieder organisiert, die doppelte Zahl als bei Beginn des Jahres. Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufe wie folgt: Beschäftigt Organisiert WManunr?ß g 9 5 Buchdrucker, 8 46 Bicerrr 8 9 Erd⸗ und Bauhilfsarbeiter 300 65 Formsteche, 7 7 Holdar beiter, 886 45 Kupferschmiede 8 4 Ref, 2 55 Maurer„ ee 55 Steinapbeite, 0 33 Schleiden, 88 26 Metallarbeiteeee r 200 23 Mühlen arbeiter 30 12 Schuh machen 35 12 hee 15 Zimmerer 40 27 Insgesamt betrug die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder anfangs 1903: 139; 1904 207 und dieses Jahr 43 9. An christlichen Organisationen bestehen in Mar⸗ burg 2, die der Maurer git 28 Mitgliedern, und die der Eisenbahner mit 240 Mitgliedern.— Wir haben in Marburg also eine ganz erfreuliche Entwickelung unserer Gewerkschaften zu verzeichnen. Allerdings dürfen wir uns damit noch nicht zufrieden geben, sondern müssen uns bemühen, die unserer Bewegung noch Fern⸗ stehenden zu gewinnen. Das wurde auch in der sich an dem Bericht anschließenden Diskussion zum Ausdruck gebracht. Und ferner wurde dabei die geringe Frequenz des„Volksbades“ getadelt und die Mitglieder ermahnt, das Bad fleißig zu benutzen. Der Preis wurde so gering angesetzt, daß jeder Arbeiter sich ein Bad leisten kann.— Zum Schluß wurde auch die Bibliothek zu größerer Benutzung empfohlen. * Here Gastwirt Aug. Hildemann er⸗ sucht uns um Aufnahme des Folgenden: Erklärung. Durch verschiedene Anfragen sehe ich mich veranlaßt, folgendes zu erklären: Von einem Kommissionsmitglied der hiesigen Gewerkschaften ist die Aeußerung getan worden, ich hätte meinen Saal zu Gewerkschafts⸗ sowie einer Partei⸗Versammlung verweigert. Unterzeichneter erklärt hiermit, daß dies nicht den Tatsachen entspricht, denn ich habe bis jetzt noch weder einer Gewerkschaft noch der Partei meinen Saal verweigert. August Hildemann. Versammliungskalender. Samstag, den 28. Januar, Gießen. Sozlaldem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, den 29. Januar. Heuchelheim. Arbetterbildungsverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Karl Rinn. Sonntag, den 4. Februar. Für die streikenden Bergarbeiter gingen folgende B träge ein: Bei der Redaktion der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung: E. Krumm, erste Rate 20 Mk.; Frau Elisabeth Krumm für die Frauen und Kinder der Streikenden 10 Mk.; Krofdorf, durch St. 76,30 Mk., Stck. 0,50. Bei der Expedition der Mitteld. Sonntags Zeitung: Sp. 2,— Mk., H. H. 2.—, B. R. 1,—, W. U. Nieder⸗ Mockstadt 4,—, von Herrn M. F. 10,—„W. S. 1,—. Bei dem Gewerkschaftskartell: Brauer Mk. 30,.— Buchdrucker 50,—, Küfer 20,—, Schneider 10,.—.— Liste 5 Mk. 11.30, L. 10 15,20, L. 20 Steinberg) 12,25, L. 21 0,55, L. 12 54,80, L. 24 18,70 T Gewerkschaftskartell 400,—. Summa Mk. 753.50. Bei A. Fauth, Wetzlar: Liste 0755 Mk. 15,06, L. 0764 3,85, L. 0771 1760. Summa Mk. 41,50. Die Lokalliste veröffentlichen wir in nächster Nummer. H.⸗Etzl.⸗Wblsbch. Das Forstgesetz haben wir nicht vorratig. T.⸗Haiger. Den Schwindel⸗ bericht des Herborner Stöckerblättchen wollen wir in reichen Besuch der Arbeiterschaft Marburgs wird daher der nächsten Nr. ein wenig beleuchten. Der Bursche gerechnet.(Siehe Inserat.) lügt und verleumdet ja haarsträubend. —— 5 2 ei — Seite 6. Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung. Der fromme Helfer. Eine medizinische Treibjagd, veranstaltet von einem Arzte. Motto (Schiller): Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüt aus den Ruinen — namlich aus eden Ruinen der medizinischen Wissenschaft, meinte eines schönen Tages ein frommer Mann, der, dem Knabenalter bereits entwachsen, auf den appetiterregenden Namen Semmel“ hörte; er will— denn er lebt noch, verehrtes Publikum!— er will in die Köpfe seiner lieben Mitmenschen etwas Neues, noch nie Dagewesenes auf erbauliche Art pflanzen. Und liebevoll nahm sich des guten Mannes der amtliche„Wetzlarec Anzeiger“ an, ein Blatt, welches täglich in derselbem Stadt erscheint, in der Goethe als Praktikant am Reichskammergericht vor nun⸗ mehr 133 Jahren wirkte. Daß das Geisteslicht unseres großen Dichters aber noch nicht bis in die Redaktions- luft des Wetzlarer Anzeiger; gedrungen ist, ersieht man aus dem Berichte, den das Blättchen den lieben Lesern und Leserinnen harmlos vorzusetzen beliebte. Allerdings: dlese Tatsache ist nicht so wunderbar, als wohl manch' Einer glauben möchte, denn die Dummheit hat mehr als ein Paar Siebenmeile istiefel mit denen sie ohne Auf⸗ enthalt schon seit Jahrtau senden siegreich durch die Welt— saust. Einen klassischen Beweis dafür liefern die„Ent⸗ deckun en“ des geehrten Herrn Semmel, die er in seinem Vortrage:„Wie werd: ich pesund?“ am 15. Januar 1905 mit Hilfe jenes Intelligenzorgaues dem geehrten Publikum darbietet.„Täglich“, so steht dort zu lesen, kämen„neue Mittel zur Heilung der Krankheiten auf den Markt, die sich meist nicht bewähren. So habe das Mittel Prof. Koch's gegen die Schwindsucht schwer enttäuscht.“ Der zufriedene Leser schmunzelt vielleicht dabei, da auch er sich der Erbitterung und des Miß⸗ muts erinnert, die weite Kreise er gesamten Welt da⸗ mals ergriffen hatten, da Koch's Tuberkulin die er⸗ wartete Heilung der Schwindsucht nicht brachte Zum Glück liegen die Dinge denn doch in Wahrheit etwas anders, Allerdings gelingt es auch heute weder mit dem alten Tuberkulin noch mit dem neuen(Tuberkin R) die Schwindsucht zu heilen(das neue Tuberkulin kennt Herr Semmel nicht; oder aber: mit solchen Nichtigkeiten gibt sich seine Entdeckerphantasie gar nicht erst ab J). Wohl aber machen sehr angesehene Aerzte, zugleich tüchtige Forscher, ror allem der Direktor der hygienischen Unter⸗ suchungsonstalt in Danzig, Dr. Petruschky, schon seit Jahren Impfungen an Menschen mit kleinen Dosen Tuberkalin und haben zweifellos in einer ziemlich großen Anzahl von Fällen langsame, aber sichere Besserung bei bestimmten Fällen von Lungenschwindsucht erzielt. Aber Her? Semmel kennt alle diese Dinge nicht; daher er⸗ dre.stet sich der kleine„Held“, gegen den großen Robert Koch den Mund aufzutun! De zweite, tiefgründige Satz lautet im„Wetzl. Anz.“; „Da hören wir zunächst, daß wir nur dann Speise zu uns nehmen sollen, weun wir wirklich Hunger haben und daß die Nahrungsmittel gehörig gekaut und nicht in zu heißem Zustand genossen werden dürfen“. Nun ist zwar, wie schon längst bekannt, Hunger der beste Koch, aber das gilt ja nur für Gesunde; der Kranke, — und um den handelt es sich ja gerade hier, denn der Vortrag, lautet doch:„Wie werde ich gesund?“— der Kranke würde sehr oft verhungern, wenn sein Arzt sich nur nach dem Hungergefühl des Patienten richten wollte und ihm also, z. B. beim Darniederliegen der Körperkräfte, weder Speise noch Trank erlaubte,— weil ja der Kranke nicht hungrig ist! Zum Glück kommt der Appetit häufig genug erst beim Essen, und besonders Kranke greifen erst dann zur Nahrung, wenn sie a ppe⸗ titlich zubereitet ist. Hier feiert die moderne Kranken⸗ köchin wahre Triumphe. Der Satz:„... und in nicht zu heißem Zustande“ ist besonders schön gesagt; als ob der Mensch die Speisen nur heiß zu sich nähme!„Naturwidrig“ soll„das gleichzeitige Essen und Trinken“ sein. So, wie es hier steht, ist es baarer Unsinn. Von den Aerzten wird natürlich schon seit vielen Jahren oft genug vor ü ber⸗ mäßiger Zufuhr von Flüssigkeiten in den Magen⸗ Darmkanal dringend gewarnt; dagegen ist Flüssigkeit, in geringer Menge mit fester Nahrung zusammen ge⸗ nossen, oft ein mächtiger Anreiz für die Magendrüsen, die Salzsäure, die zur Verdauung der Eiweißkörper un⸗ bedingt nötig ist, in vermehrter Menge abzusondern. Nur die Alkoholica(Bier, Wein, Cognac, Liqueure usw.) machen hierbei eine Ausnahme, da sie meist in sehr großen Mengen dem Magen einverleibt werden; aber auch in sogenannten„kleinen“ Dosen find z. B. Bier und Schnaps häufig Räuber einer gesunden Verdauung. Warum„am zuträglichsten Früchte und Pflanzenkost“ sein sollen, ist schwer verständlich; aber jene vom„Wetz⸗ larer Anzeiger“ gebrachte Behauptung des Herrn Semmel ist nicht neu, d. h. nicht von ihm entdeckt, denn aus Anmerkung:„Semmel“ ist der im Norddeutschen oft gebrauchte Ausdruck für„Brödchen“,„Weck“, der Rüstkammer der Vegetarier entnimmt er diese Weis⸗ heit, die bekanntlich den eigentlichen Glaubensartikel jener Fleischverächter darstellt. Aber weder die medizinische Wissenschaft, noch die praktische Erfahrung haben bisher den Nutzen einer solchen einseitigen Ernährung für Menschen dargetan, welche gesund werden wollen. Trefflichen Aufschluß darüber geben insbesondere die neuesten Forschungen des Privatdozenten Dr. Albu⸗ Berlin. Was sagt aber der gestrenge Herr Semmel z. B. zu dem enormen Nutzen, den bekanntlich die Milch gerade dem Säugling gewährt? Und Milch ist doch wahrlich rein tierischen Ursprungs und hat mit dem Pflanzenreich nicht das Geringste zu schaffen! Aber der edle Helfer schwingt sich zu einem weiteren „Gedanken“ auf; der Bericht lautet:„Von Fleisch ist Schweinefleisch das am wenigstens empfehlenswerte.“ Die ta sendfällige, tägliche Erfahrung lehrt aber das Gegenteil; gerade wegen seines hohen Fettgehalts ist dieses Fleisch eines unserer besten Nahrungsmittel, da es dem Körper schon in geringen Mengen viel Wärme zuführt. Die Behauptung des Herrn Semmel, betreffend den großen Nutzen einer ständigen, guten Lüftung der Wohn- und Schlafräume, dieser Ausspruch ist ebenfalls kein Eigentum unseres Gesundheitsbeglückers, denn er, d. h. der Ausspruch, ist schon seit Jahrzehnten Gemeingut aller Aerzte. Dagegen nehme ich, wie sich auch weiterhin ergeben wird, mit Fug und Recht an, daß die Lüftung des Semmelschen Gehirnes alles zu wünschen übrig läßt. Denn schau der nächste Satz lautet:„Auch darf der Körper nicht durch hohe Kopfunterlagen in der Blutzirkulation gehindert sein.“ Wie aber, Herr Semmel, wenn es sich um einen vollblütigen Menschen handelt oder um solche meist nervenschwache Personen, deren Blutgefäße sich schon nach geringen Anstrengungen schnell füllen? Sollen diese ihre Gesundheit etwa durch niedrige Kopfunter⸗ lagen wiedererlangen? Dann würde ja eine noch viel größere Blutmenge z. B. zum Gehirn dringen!!! Leute mit schwachem Herz tun natürlich oft gut, niedrig zu liegen; aber so, wie der oben angeführte Satz lautet, ist er geeignet, eine vollständige Verwirrung der gewöhnlichsten ärztlichen Erfahrung herbeizuführen: denn alles kommt doch auf die Art der Krankheit an— und kranke Menschen will ja Herr Semmel bekanntlich gesund machen!!! Noch ein paar„Entdeckungen“ verdanken wir der Weisheit des Herrn Semmel.„Ein dreistündiger Schlaf wird für einen vollständig gesunden Menschen für aus⸗ reichend erklärt, womit aber nicht gesagt sein soll, daß damit auch das Ruhebedürfnis befriedigt ist.“ Ja, aber———1 Wenn das Ruhebedürfnis, dem doch der Schlaf allein dient, durch 3 stündigen Schlaf nicht befriedigt ist, wie kann denn der kluge Helfer in dem- selben Atem behaupten, ein nur so kurze Zeit dauernder Schlaf wäre für einen vollständig gesunden Menschen ausreichend??? Warum ist man denn bei unserem Militair, das doch zumeist aus vollkommen gesunden Menschen besteht, so„rückschrittlich“, die Soldaten zirka 7 Stunden schlafen zu lassen? Herr Semmel müßte eigentlich von Rechts wegen Generalinspekteur des Mili⸗ tair⸗Sanitätswesens werden, vorläufig mit der Wirksam⸗ keit für„Dummsdorf“. Und wie steht es mit der größten Schlafzeit bei Kindern, wie bei derjenigen der Erwachsenen nach Anstrengungen? Herr Semmel schweigt, aber nicht aus Bescheidenheit. Denn die Sucht ein „berühmter“ Mann zu werden, läßt ihn nicht ruhen; er verkündet deshalb die wunderbare Heilung eines an Blutvergiftung erkrankten Menschen. „Die Vergiftung“, so heißt es,„war schon soweit vorgeschritten, daß der Arm unförmig angeschwollen war und die Geschwulst schon auf den Körper überging. Ein Arzt hatte die Amputation des Armes als vergebens bezeichnet. Redner ließ den Mann den kranken Arm und die Seite in ein schnell gegrabenes Loch im Boden stecken und schon nach ein paar Stunden war die Gefahr vorüber. Auch bei Rheumatismus ist das Auflegen von Lehm auf die kranke Seite sehr wirksam.“ Soweit der angeführte Bericht. Hierbei ist dem geehrten Herrn Berichterstatter des„Wetzlarer Anzeigers“ ein kleiner Denkfehler passiert, denn während vorher von einem „schnell gegrabenen Loch“ die Rede war, steht nachher zu lesen:„Auflegen von Lehm“, zwei Dinge, die nach gewöhnlichem Menschenverstand nichts miteinander zu tun haben. Durch die Worte:„Auch bei Rheumatismus“ wird aber das liebe Publikum darüber belehrt, daß auch die Blutvergiftung(J) durch Lehm geheilt werden kann, und zwar schon„nach ein paar Stunden“! Nun wissen wir zwar nur durch Herrn Semmel, daß eine Blut⸗ vergiftung vorlag; ein ärztlicher Beweis dafür wurde aber nicht angeführt, denn kluger Weise war weder der Name des angeblich vorher behandelnden Arztes, noch derjenige des Kranken genannt; das läßt tief blicken! Uebrigeus wird im Volke sehr häufig schon bei den gewöhnlichsten Hautverletzungen, die mit irgend welchen größeren Beschwerden einhergehen, der Name„Blut⸗ vergiftung“ gebraucht, während diese Krankheit in Wahrheit zum Glück— bei Weitem nicht so oft auftritt. Schluß in nächster Nummer. ——— Nr. 5. Uah und Fern. Mit Turm oder ohne Turm? Um diese Frage streitet man sich jetzt in Kassel. Die dortigen Stadtverordneten lehnten am 19. Januar abermals den Antrag ab, das neue Rathaus mit einem Turm zu erbauen, der einen Kostenaufwand von Mk. 600 000 er⸗ fordern würde. Der nochmalige Antrag war auf eine lebhafte Agitation hin erfolgt, die in der Bürgerschaft eingesetzt hatte, als der Kaiser bei der Vorlage des Projektes des Architekten Roth⸗Darmstadt die Bemerkung machte,„er könne sich das Rathaus ohne Turm nicht recht denken.“ bleiben? Pokern ist ein Glücksspiel. Wie aus Magdeburg gemeldet wird, hat die dortige Strafkammer in der Sache wider den Inhaber des Casé Dülow als Be⸗ rufungsinstanz die Berufung des Angeklagten gegen ein Urteil des Schöffengerichts, das ihn wegen Duldens von Glücksspielen,„Mauscheln“ und„Pokern“, zu Mk. 40 Geldstrafe verurteilt hatte, verworfen. Der Angeklagte, Schank⸗ wirt Albert Schmidt, der im Jahre 1903 schon einmal wegen besselben Vergehens bestraft worden war, hatte sich auf das bekannte Olden⸗ burger Urteil berufen, nach dem„Pokern“ kein Glücksspiel sein soll. Nach dem Gutachten der Kriminalpolizei sind„Pokern“ und„Mauscheln“ zweifellos als Glücksspiele zu betrachten, weil sich bei ihnen eine Wahrscheinlichkeitsberechnung nicht aufstellen läßt, und das Gericht schloß sich diesem Gutachten an. Ein Dienstbote für einen Hund! Ein Annoncenblatt in Dresden brachte dieser Tage folgendes Inserat: Gesucht eine wirkliche Tier freundin, ältere Witwe oder Fräulein, die etwas nähen und flicken kann, für die Pflege von Schoßhündchen für ein herrschaftliches Haus auf dem Lande in Thüringen. Gefl. Offerten ꝛc. Hunderte von Proletarierkindern verkommen und verderben, weil ihre Mütter ins Joch der Erwerbsarbeit gespannt, ihnen nicht die nötige Pflege und Aufsicht angedeihen lassen können. Der Herrschaftshund bekommt aber einen Menschen zur Bedienung! N Ade 2 80 W 8— Anterhaltungs-Ceil. 1 4 Slüeck auf! Schwer von steter Nacht umfangen, Brechen sie im Erdenschoß, Unter Qualen, unter Bangen, Heißer Urzeit Schätze los. Sind von schrecklichen Gewalten Jeden Augenblick bedroht, In den Klüften, aus den Spalten Lauert hundertfacher Tod! Keuchend mühen sie die Glieder, Wo der Hölle Atem weht, Tauchen auf und tauchen nieder, Wie im Bronn der Eimer geht. Und des Lichtes goldne Welle, Die kein Bettler missen mag, Labt sie mit gesunder Helle Nur an selt'nem Feiertag. Und sie leiden und sie fronen Jahr um Jahr in gleicher Müh'— Arme Sklaven reicher Drohnen!— Welken bald und sterben früh!— Kann's Euch wundern, wenn sie riefen Grollend jetzt nach Recht und Licht, Wenn's aus ihres Herzens Tiefen Jäh' wie schlagend Wetter bricht d Sollten die Herren weiter standhaft „ 3 2 —— —— ——.—————. 2 2 2— E B —— r „ 5 AF 2 r r · U ö 3 * 7 Nr. 5. Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung. W Seite 7. sinken, blieb er mißmutig zu Hause. Wenn die Schar mit einem Schlage Sich der großen Macht besann, Die Euch oben hier, am Tage, Bittre Sorge lehren kann p Merkt Euch: Wenn sie feiern werden Trotzig dort im Kohlenschacht, Wird es kalt auf Euern Herden, Dunkel sein in Eurer Nacht! Und der Sturm des Lebens flutet Nimmer bald landaus, landein,— Wie ein Leib, der sich verblutet, Stumm und öde wird es sein! Alle Essen sind erloschen, Alle Räder stehen still— Und das alles, weil um Groschen Krämerselbstsucht feilschen will! Weil die Habgier der Bedränger Baren Vorteil darin sieht, Daß ein Viertelstündchen länger Sklavenhand am Karren zieht! Mögt Ihr da noch lange grübeln, Was der Arme darf und soll p Könnt Ihr seinem Sorn verübeln, Daß er endlich über quoll P Wahrlich, nein! Und brausend weiter Walle dieses Sturmes Lauf! Und für Euch, gerechte Streiter Schalle schmetternd ein Glück auf! O. in der„Jugend,“ Der Gottlose. Sine Dingskircher Geschichte von K. H. Diefenbach. „Was ist die Bibel?“— „Gottes Wort.“ „Recht so. Und warum ist die Bibel Gottes Wort?“— „Weil sie Offenbarungen....“ „Nun, nnn, nur heraus damit, Peter. Weil sie Offenbarungen.. 2“ „Gottes enthält.“— „Ganz gut. Ich merke, du willst was sagen, du dahinten. Den Kaspar mein ich.“— „Ich wollte nur etwas fragen, Herr Pfarrer.“— „Sprich.“— „Es steht in der Bibel; ich glaub', in einem der Moses steht's, wer seinen Knecht schlage, daß er sterbe, der soll darum bestraft werden, bleibe er aber einen oder zwei Tage am Leben, so solle er nicht darum bestraft werden, denn es sei sein Geld. Und dicht davor steht doch: „Wer einen Menschen schlägt, daß er stirbt, der soll des Todes sterben.“ Da wollte ich fragen, ist ein Knecht kein Mensch und ist das auch eine Offenbarung Gottes?“— „Ich merke, du spintisterst, Junge. An Gottes Wort soll mau nicht drehen und deuteln; man soll es glauben, denn auch die scheinbaren Widersprüche darinnen würden sich in herrliche Weisheit auflösen, wenn es uns schwachen Menschen gegeben wäre, sie recht zu verstehen. Du scheinst übrigens recht fleißig in der Bibel zu lesen, Kaspan?“ „Ich lese gern in der Bibel.“— „Aber ein's sage ich dir, wenn du nichts weiter dabei profitieren willst, als— na, für heute setz' dich mal um einen herunter.“—— So im Katechumenen⸗Unterricht der Sech⸗ zehn⸗ bis Achtzehnjährigen. Sachte rückte Kaspar nach dem unteren Bankende zu, und als er am äußersten Ende angekommen und die Aussicht abgeschnitten war, noch tiefer zu Vater gab's Prügel und von der Mutter Tränen über den ungeratenen Sohn, der sich unterstand, eigene Gedanken zu haben und nicht nur die Bibel durch die Augen seines Lehrers zu be⸗ sehen. Von dem letzteren kam ein halbes Dutzend Strafzettel; bezahlt wurden sie auf dem Rücken Kaspars, anders nicht. Zuletzt blieben Strafzettel und Prügel aus, und Mutter Katharine wischte sich die Augen trocken. 2 Gottes Namen! Er ist eiamal so, und wenn Gott will, wird er noch vernünftig. Schlecht ist der Kaspar nicht, nur leichlsinnig.“ Der Kaspar leichtsinnig! Gedrückt ging der Bursche einher. Er war Bauerntaglöhner. Hin und wieder erübrigte er sich ein paar Groschen. Dafür kaufte er Vom sich einige Bücher— Bücher, die er zufällig in diesem oder jenem von der Straße aufge- lesenen Zeitungsblatt angezeigt fand, und von denen er dachte, daß er etwas aus ihnen werde lernen können. Abends, wenn er nicht zum Umsinken müde war, saß er dann auf dem Rande seines Bettes und las beim Lichte eines armseligen Küchenlämpchens und war bald be trübt, daß niemand da war, der ihm das Ge⸗ lesene so recht plausibel gemacht hätte, bald froh, daß er trotzdem vieles zu begreifen be⸗ gann, was er ohne seine Bücher wohl nie be⸗ griffen hätte. Aufmerksam las er immer und immer wieder in der Bibel. Das neue Testa⸗ ment war ihm ein Heiligtum. Er fühlte sich gehoben beim Lesen der herrlichen Worte, die der arme Nazarener von dem Verhältnis des Menschen zum Menschen gesprochen hatte. Wenn er sich auch manches nach seiner Art auslegte und das Wort Christi wohl beherzigte:„Wer Ohren hat zu hören, der höre,“ und demgemäß nicht nur an der Oberfläche haften blieb, son⸗ dern— der leichtsinnige Kaspar— tiefer in den Sinn der Worte eindrang, so fühlte er sich doch mit der Lehre des Menschensohnes eins. Aber eine große Betrübnis erfaßte ihn, wenn er dem Christentum, wie es Christus ge⸗ wollt, das Chriftentum von heute gegenüber⸗ stellte. Es kam vor, daß er laut zu reden anfing:„Wer mich lieb hat, der folge mir nach, so hat Christus eingeladen, aber wer von allen, an welche die Ladung erging, folgte ihm nach? Brüder und Schwestern sollen sie unter⸗ einander sein, seine Anhänger, keiner höher, keiner niedriger, keiner reicher, keiner ärmer; es sollte nicht sein, daß der eine Mangel leide, während der andere im Ueberfluß schwelge. Der höchste Titel ist Mensch, der höchste Rang wiederum Mensch— nach welchem Gesetz soll sich der Mensch dem Menschen unterordnen, wie läßt es sich begründen, daß der Mensch darben muß, während der Mensch schwelgt? Sind nicht alle Glieder einer Familie, warum der gewaltige Unterschied?“ Solche Fragen legte sich der Bauernbub in seinem Dachstübchen vor. Er kannte die Welt nicht weiter, als die Gemarkung seines Dörfchens reichte— aber in diesem engen Be⸗ zirk, so dachte er, spiegelt sich die große Welt wieder. Was hier im Kleinen passtert, geschieht draußen im Großen. Es ist überall der⸗ selbe Tanz. So wurde er zum Phantasten. Und niemand war da, der ihm geantwortet, der ihn geleitet hätte. Auch das Buch der Bücher konnte ihm keine Auskunft geben. Es konnte ihm nur den Beweis liefern, daß selbst im Worte Hottes der ungleichen Stellung, in der sich die Menschen zu einander befinden, Rechnung getragen wird. Das quälende „Warum?“ aber blieb ihm ungelöst. Christus allein suchte den Menschen dem Menschen gleichzustellen, dafür hat man ihn gekreuzigt. Einmal, nachdem Kaspar müde vom Lesen und Denken aufs Bett zurückgesunken war, träumte er. Der Traum war deutlich und lebendig; ihm träumte, was er hundertmal mit offenen Augen gesehen, was er hundertmal un⸗ bewußt in sich aufgenommen hatte. Als er erwachte, schwebte ihm das Geträumte noch so lebhaft vor Augen, daß er beschloß, dasselbe aufzuschreiben. Auf die letzten unbeschriebenen Blätter eines Schulheftes schrieb er Folgendes: „Mir träumte, ich stand an des Pfarrers Stelle auf der Kanzel. Die Kirche war ge⸗ füllt; ganz Dingskirchen hatte sich eingefunden. Nur zwei Plätze waren leer. Ich wußte, wer fehlte. Es waren der Flickschuster und der Baldusphilipp, zwei arme Männer, die am Sonntag das Brot für den Montag erarbeiten mußten. Mein Auge schweifte über die Ver⸗ sammlung und blieb haften auf einer Bank, der sogenannten Herrenbank. Dort saß der Bürgermeister; die Hände fromm über das runde Bäuchlein gefaltet und die wasserblauen Augen auf die runden Engelein gerichtet, so Mund mit dünnen Lippen auszeichnete, einen Mund, der zum Keifen und nur zum Keifen geschaffen. Sie hatte ihre grauen Augen auf mich gerichtet. Dann kam der Gutsbesitzer, den neulich der Schullehrer einen jovialen Herrn nannte. Der hatte die beringte Rechte auf dem Betpult liegen und den Daumen der Linken in der Westentasche stecken, während seine neben ihm sitzende Frau auf die in ihrem Schoße ruhenden Hände niederblickte. Schließlich kam noch Franz, des Gutsbesitzers Sohn. Dieser steckte in der Uniform eines Einjährigen und zeichnete sich durch weiter nichts aus, als durch eine Schmarre auf der Wange und einen weißglänzenden, bis in den Nacken hinziehenden Scheitel. Und als ich die Herrschaften ansah, wurde mir das Herz voll, und ich erzählte eine Ge⸗ schichte. Dieselbe lautet: An einem Sommerabend war es. Die Herrschaft saß in der Wohnstube, trank Wein und aß Schinkenbrot. Das Gesinde saß im Hofe unterm Apfelbaum und aß Buttermilch und Kartoffeln. Dabei war ein Weib. Ihre Wangen waren blaß und ihre Augen gerötet vom vielen Weinen, denn vor vier Wochen hatte man ihren Mann begraben, vor drei Wochen war sie zum ersten Male Mutter geworden. Der Säugling befand sich bei einer mitleidigen Nachbarin tagsüber, damit die Mutter nicht behindert war in ihrer Arbeit. Und sie mußte arbeiten, denn sie wollte leben. Aber auch Schulden hatte das Weib. Da war zunächst der Tischler, der den Sarg für ihren verstorbenen Gatten geliefert hatte. Vierzig Marl hatte er zu fordern. Dann der Arzt und der Apotheker und zuletzt der Hypothekengläubiger. Früh⸗ morgens um vier Uhr erhob sich Luise von ihrem Lager. Mit Arbeit begann ihr Tag und mit Arbeit ging er zu Ende. Der Tag ging zu Eude, aber nicht die Sorge. Sank die Nacht auf die Gefilde und der Verwalter sprach: „So, nun ist Feierabend, ihr Leute“, dann war Luise um einen Tag älter und um eine Mark reicher. Nun aber erschien die Pflegerin des Kindes. Sie bekam sechzig Pfennige; Bäcker und Krämer erhielten dreißig Pfennige. Blieb dem Weib noch ein Groschen. Den nahmen die Gläubiger— aber sie waren nicht zufrieden damit. An ihre Armut Hachte das Weib unter dem Apfelbaum.„Wie wär's“, ging's ihr durch den Sinn„wenn ich einmal den Herrn bitten würde. Vielleicht, daß er mir zwanzig Pfennige täglich zulegt. Ihm täte das nicht weh, mir aber wäre geholfen. Der Herr ist ja immer freundlich zu mir, vielleicht daß er's tut.“ (Fortsetzung folgt.) Wieder ein Frommer. Das Schwurgericht in München verurteilte am 21. Januar den Bauern und Kirchen⸗ pfleger Johann Simperl von Asbach wegen zweier Verbrechen des Totschlages und wegen fortgesetzter Blutschande zu 14 Jahren Zuchthaus, dessen Tochter Marie Simperl wegen Blutschande zu 1¼ Jahren Gefängnis. Simperl lebte nach dem Tode seiner Frau mit seiner Tochter, diese kam zweimal von ihm nieder. Er nahm ihr jedesmal nach der Geburt das Kind weg, erdrosselte es und warf es ins Wasser. Das zweite Mal tat er es, als er von der Kirche nach Hause kam. Pfarrer und Bürgermeister stellten ihm in der Schwur⸗ gerichtsverhardlung das beste Zeugnis aus. Der Bürgermeister sagte, Simperl sei fleißig, sparsam, ordentlich und sehr religiös gewesen. Die Tochter plauderte die Geschichte aus, als ste von ihrem ehrenwerten Vater geschlagen worden war. Humoristisches. Ein Stoßseufzer.„Ja, ja, teurer Amtsbruder von der andern Konfesston, du meinst, wir hätten es schöner, weil wir heiraten könnten? Sage das nicht! Früher dachte ich es auch, aber heute beneide ich dich. Du kannst deiner kündigen——— ich aber nicht!“ den in der Mitte des Schiffes stehenden Tauf⸗ Pariert.„Von Euch Weibern,“ sagt Tolstol, stein zierten. Neben ihm thronte die Bürger-„stammt alles Uebel.“„Sogar die Männer stammen meisterin, die sich besonders durch einen breiten“ von uns!“ ———— ³ ⸗ wl———ʒ½0 Seite 8. Mitteldeutsche Sunntacs⸗geitu ua. Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, N ittergasse 17, sind zu beziehen: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg. Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg. Die Volksschule, wie sie sein soll. Von Otto Rühle. Preis 30 Pfg. Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg. Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg. komplett in 50 Heften.. Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. Natgeber für Arbeiter, eine Zusammen stellung Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg. Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß. Die Vernichtung der Sozialdemokratie durch den Zentralverband deutscher Industrieller. Preis 20 Pfg. Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volks wohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann Preis 20 Pfg. Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfafser giebt in der kürzlich erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Preis 30 Pfg.(Agitationsausgabe). Handelspolitik und Sozialdemokratie Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg. Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk. Kommunale Praxis, Zeitschrift für Kommu⸗ nalpolitik und Gemeindesozialismus. Herausgegeben von Dr. Albert Südekum⸗Berlin. Erscheint am 1. und 15. jeden Monats mindestens 12 Seite, n stark. Das Abonnement ist allen denen zu empfehlen die sich für die wichtigen Fragen des Gemeindelebens interessieren. 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Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. führlichen Inhalts⸗Verzeichnis mit alphabetischen Sach... get 15 Die zebn Gebote und die besitzende Von Max Schippel. Ein Füh rer durch die Zeit- register versehen. Die Führer sind jedem Arbeiter ein 9 . Klasse. Von Adolf Hoffmann, Berlin. Preis und Streitfragen der Reichspolltit. In 37 Lieferungen treuer Ratgeber in allen, die Unfall⸗ und Invaliden⸗ 10 3 30 Pfg. Das Schriftchen ist besonders geeignet, die à 20 Pfg. Gebunden 2 Mt. Versicherung betreffenden Angelegenheiten.— Preis des 5 6 15 Arbeiter über die heutigen Zustände und die sittlich⸗ Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische einzelnen Werkchens 25 Pfg., nach auswärts 3 Pfg. Porto. 10 3 religiöse Heuchelei der herrschenden Klassen aufzuklären. Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg(Bei kleineren Bestellungen von außer halb wird ge⸗ 005 1 3 Die Schreibweise ist packend und den Verständnis der Das Kommunistische Manifest. Von Karl beten, den Betrag nebst Porto— event. in Briefmarken 1 1 115 Arbeiter angepaßt. Marx und Friedrich Engels. Preis 15 Pfg.— gleich beizufügen). 4 „— 227 2 1 N r 5 3 2 9 0 5% Sanitäts⸗Verein% Wasserkrüge. 11 3 Montag, den 30. Januar, abends präzis 9 Ahr Packkörbe e f 9 di 5 N be Seneral Oersammlung. re Verkiuigte Gewerkschaften f 0* General-Cersamm ung Siezen, Bahnhofstr 9 1 5 5 g im Saale des Herrn Restaurateur Albold(Zum Gambrinus) Kirchstr. Täglich frische ürbur 9 1 7 Ge 5 25 Tages⸗Ordnung: 0 2 I ben . 1. Geschäfts⸗ und Kassenbericht K v p U bee 5 1. Wel. a 4 re e Sonntag, 29. Januar 1908 q. * 3. Wahl einer Rechnungs⸗Prüfungskommission in nur nter Gg. 1 abe K 4 Versch. 85 hiesigen Aerztevereins 9 3— 22 5. ui 7 5. Verschiedenes. 1 1 Punkt 4 der Tagesordnung ist für die Mitglieder von großer 1 müller, Ui N 1 E T 0 e T 9 N U 9 E U f 4 . Wichtigkeit, und so wäre ein zahlreiches Erscheinen sehr erwünscht. 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